7. GoethealsNaturwissenschaftler –Wolfgang Harich in:

Andreas Heyer

Der gereimte Genosse, page 125 - 142

Goethe in der SBZ/DDR

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3992-2, ISBN online: 978-3-8288-6695-9, https://doi.org/10.5771/9783828866959-125

Tectum, Baden-Baden
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125 7. Goe the als Naturwissenschaftler – Wolfgang Harich Frau von Stein an Karl Ludwig von Knebel: »Goe the grübelt jetzt gar denkreich in diesen Dingen, und jedes, was erst durch seine Vorstellung gegangen ist, wird äußerst interessant.« Harich beschäftigte sich in seinem Aufsatz Bemerkungen zu Goe thes Naturanschauung (im gleichen Band gedruckt wie Blochs Faustmotiv, zuvor ebenfalls Vorabdruck in der Neuen Welt) mit den entsprechenden Arbeiten Goe thes, die er vor allem im Rahmen seiner Studien zur Geschichte des Entwicklungsgedankens in der deutschen Aufklärung vermessen hatte. Inhaltlich gehört der Goe the-Text also in den Kontext von Harichs Studien zur deutschen Aufklärung (vor allem zur zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts) sowie der Analyse der bürgerlichen Ideologien und Wissenschaften des 19. Jahrhunderts. Dabei bediente er sich unterschiedlichster Präsentationsmedien. In der Täglichen Rundschau schrieb er verschiedene Artikel, die, im feuilletonistischen Bereich angesiedelt, sein Verständnis von Aufklärung, Idealismus und Materialismus, im Rahmen des Erb-Antritts, präzisierten. (Der eine oder andere findet auf den folgenden Seiten Erwähnung.) Neben verschiedenen Editionen (im Aufbau-Verlag), Aufsätzen und Projekten sind sicherlich seine mittlerweile publiziert vorlie- 126 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe genden Vorlesungsmanuskripte (wie schon im Fall von Blochs Leipziger Vorlesungen) eine echte Fundgrube. Zuvorderst zu erwähnen sind die nicht nur von Harich, sondern auch von Lukács, Mayer und Bloch248 herausgearbeiteten möglichen Traditionszusammenhänge, die, so die marxistische These, Goe thes und Hegels Ideenwelten verbinden und die in den Marxismus hineinreichen. So finden sich, im Falle Blochs haben wir dies gerade betrachtet, bei allein vier Anmerkungen zu Hegels Philosophie und deren Verhältnis zu Marx und Engels. Die eigentliche Hegel-Debatte der DDR249 hatte zwar zu diesem Zeitpunkt noch nicht eingesetzt, aber wichtige Texte und Stellungnahmen waren bereits bekannt: Der Angriff Shdanows auf Hegel und die deutsche idealistische Philosophie ebenso wie Lukács’ noch während des Zweiten Weltkriegs zuerst publizierte Verteidigung Hegels.250 (Die Debatte schwelte, kündigte sich an, das sah man später, nachdem Rugard Otto Gropps zentraler Angriff erfolgt war.) Dessen Philosophie, so Lukács programmatisch, habe mit dem Faschismus nichts zu tun. In diesem Sinne sind die positiven Äußerungen zu Hegel (vermittelt über Goe the) schon als Stellungnahmen zur Hegel-Verdammung (vermeintlich, angeblich) Stalins zu interpretieren. Sowohl Bloch als auch Harich ergriffen früh Partei für die klassische deutsche Philosophie des Idealismus und waren zu den damit einhergehenden Konfrontationen mit der offiziellen SED-Philosophie bereit: Harich jedoch mit weitaus offenerem Visier kämpfend als Bloch. Die Beschäftigung mit Goe the ist in diesem Sinne, das ist immer mitzudenken, kein solitäres Phänomen. Vielmehr ging es um die kulturelle Tradition, um die Deutung der Geschichte und nicht zuletzt um die deutsche Philosophie und Literatur auf dem Weg von der Aufklärung über den Marxismus hin zum realen Aufbau des Sozialismus. Daher interpretierte er Goe the, Schiller, wie wir noch sehen werden auch Heine, immer zuvorderst als 248 Diese These Blochs hat Burghart Schmidt im Kontext analysiert: Schmidt: Ernst Bloch, S. 59. 249 Warnke: Das Problem Hegel ist längst gelöst, S. 194-221. 250 Siehe vor allem: Shdanow: Kritische Bemerkungen zu G. F. Alexandrows Buch: Geschichte der westeuropäischen Philosophie, S. 80-114. Lukács: Die Nazis und Hegel, S. 278-289. 127 7. Goe the als Naturwissenschaftler – Wolfgang Harich politische Philosophen – tätig im kulturellen Bereich und wirksam über diesen hinaus. Nicht nur Literatur und Philosophie gehören Harich zu Folge in den Klassikerkanon des Marxismus. Auch die Naturwissenschaften müssten wahrgenommen, von ihren reaktionären Verzerrungen befreit und in die eigene Tradition integriert werden. Hinzuweisen ist darauf, dass Harich nach dem Zweiten Weltkrieg so manches Vorurteil des Marxismus gegenüber den Naturwissenschaften teilte. Da die Debatte um die moderne Physik sowie Naturphilosophie hier nicht analysiert werden kann, muss der Hinweis genügen, dass er zum Beispiel Einsteins Relativitätstheorie als »Schwindel« ablehnte.251 Dieses Missverstehen der modernen naturwissenschaftlichen Theorien hinderte Harich (er sprach beispielsweise von den »Physiker-Idealisten«252) allerdings nicht, sich den historischen Spielarten naturwissenschaftlichen Denkens zu widmen. Dabei kam er dann zu der These, dass die naturwissenschaftlichen Arbeiten Goe thes für den Marxismus von eminent wichtiger Bedeutung seien. »Bei Goe the indessen geben die progressiven, humanistischen Tendenzen seiner Dichtung seiner naturwissenschaftlichen Arbeit deutlich das Gepräge, während umgekehrt Wirkung und Einfluss des wissenschaftlich Erkannten wiederum unmittelbar in das Gesamtkunstwerk eindringen.«253 251 Das berichtet Harichs erste Frau. Siehe: Luis: Erinnerungen an Harich, S. 166. Siehe exemplarisch zur Debatte um die moderne Physik: Maffeis: Zwischen Wissenschaft und Politik, S. 100-103. Mocek: Marxistische Naturphilosophie in der Diskussion, S. 180-193. 252 »Aus der erwiesenen Unzulänglichkeit des Mechanismus zogen die subjektiven Idealisten falsche und verwirrende fideistische Schlussfolgerungen. Dass sie mit diesem Versuch die materialistischen Prinzipien auch der Naturwissenschaft zu erschüttern, dem Mystizismus (und damit der Liquidierung der Wissenschaft durch die imperialistische Reaktion) Tür und Tor öffneten, zeigen die Theorien der heutigen Physiker-Idealisten, der Pasqual Jordan und Konsorten, die es fertig bringen, aus der Heisenbergschen Unschärferelation eine ‚Willensfreiheit im Atom‘ und einen ‚unerforschlichen Ratschluss Gottes’ herzuleiten. Alle diese wissenschaftsfeindlichen Theorien, wie ‚modern‘ sie sich geben mögen, sind von Lenin in Materialismus und Empiriokritizismus bereits vor vier Jahrzehnten schlagend widerlegt worden. Damit hat Lenin den Fortschritt aller Wissenschaften gegen die Attentate einer vernunftwidrigen, barbarischen Reaktion gesichert.« Harich: Triumph der Wahrheit, S. 1189. 253 Harich: Bemerkungen zu Goe thes Naturanschauungen, S. 189. 128 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Bei Goe the würden alle Bereiche seines Schaffens eine Einheit bilden, während zum Beispiel Voltaire die Physik nur als Zeitvertreib studiert und nicht in sein literarisches Schaffen integriert habe.254 Dieses Urteil kann man so aber nicht stehen lassen. Illustriert doch beispielsweise Voltaires Candide als »philosophischer Roman« (eine zentrale mediale Präsentationsform aufklärerischen Wissens, wenn man es so nennen will – von Diderot und Montesquieu bis de Sade) par excellence die Verbindung und das Ineinandergreifen von Kritik am Absolutismus sowie dessen Stützmächten, von Philosophie, Literatur und Naturwissenschaften. Ja, die französische Aufklärung, für die der Candide hier stellvertretend erwähnt wurde, lebte geradezu von der Verschränkung der unterschiedlichsten Themenbereiche, der Verschränkung aller Wissensformen und Erkenntnisarten (alle benutzt und ausgebaut mit dem Ziel der permanenten Unterminierung des Absolutismus). Nicht nur die Encyclopédie ist dabei zu nennen: Es ist ein ganzer Traditionsstrang, beginnend bei Maupertuis, Voltaire, den Materialisten und La Mettrie und Diderot bis hin zu Bougainville und anderen (etwa den »Ideologues« in der Revolution).255 Der französische Materialismus, für den der Marxismus in seinen verschiedenen Schattierungen nie ein echtes, tiefgreifendes Verständnis entwickeln konnte, ist philosophisch angewandte Naturwissenschaft. Harich ließ in seinem Essay die Arbeiten Goe thes in den Naturwissenschaften Revue passieren: Neben der Mineralogie und der Botanik thematisierte er auch die Entdeckung des Zwischenkieferknochens256 und Goe thes Beiträge (bzw. besser: Vorarbeiten) zur Evolutionstheorie. (Quasi eine Brücke zu Kant und Herder, über die Harich gegangen ist.) Außerdem machte er die Praxis als entscheidenden Faktor in Goe thes Denken aus. Erst sie ergebe die Theorie und überprüfe diese gleichzeitig. Es seien »Forderungen des Tages«257 gewesen, Probleme aus dem täglichen Leben, 254 Harich: Bemerkungen zu Goe thes Naturanschauungen, S. 189. 255 Aufgearbeitet ist die Thematik bei: Heyer: Das Erdbeben von Lissabon im Jahre 1755, S. 255-272. 256 In der Täglichen Rundschau hatte Harich sogar einen Zeitungsartikel Zum 165.  Jahrestag der Entdeckung des Zwischenkieferknochens (so der Untertitel) geschrieben. Siehe: Harich: Goe thes Beitrag zum Materialismus, S. 4. 257 Harich: Bemerkungen zu Goe thes Naturanschauungen, S. 194. 129 7. Goe the als Naturwissenschaftler – Wolfgang Harich den Wirtschaftsprozessen oder aktuellen wissenschaftlichen Debatten, die Goe thes Forschungen stimulierten. Gleichzeitig habe dieser Theorien vom Ende der Geschichte abgelehnt. Theoretische und praktische Erfahrungen hätten einen Prozesscharakter und könnten nicht in endgültige Formen und Modelle überführt werden: »Goe the fasste die Erkenntnis als fortschreitenden Prozess auf. In der Unangemessenheit zwischen Theorie und Phänomen, in ihrem ‚Konflikt‘, ihrem ‚Widerstreit‘ und ‚Zwiespalt‘ sah er den ewigen Stachel zur Fortbewegung des Denkens und zur Bereicherung der Bewusstseinsinhalte, und er meinte, dass die Überwindung des ‚Konflikts‘ durch eine relativ angemessene Theorie, eine neu errungene Wahrheit und Einsicht nicht das Werk des mit sich selbst in der Reflektion beschäftigten Verstandes sein, sondern nur durch die Praxis erzielt werden könne.«258 Das Zitat zeigt, dass Harich Aristoteles gegen Platon ausspielte. Beider Theorien lernte er damals in Vorbereitung seiner Vorlesungen an der HU intensiv kennen (nach ersten Lektüren bei Nicolai Hartmann).259 Die aristotelische Erkenntnistheorie wird dem systemisch vorgehenden Gedankengebäude Platons vorgezogen – für einen Marxisten ein durchaus undogmatischer Schritt der Aneignung der europäischen Geistesgeschichte. Allerdings ging Harich nicht so weit, diese Überlegungen auch auf andere Gebiete der Kulturgeschichte anzuwenden. Das zeigt unter anderem seine Kritik des französischen Materialismus, dessen eigentlichen Sinn sowie die ihn umgebenden und hervorbringenden historischen, sozialen und kulturgeschichtlichen Bedingungen er – der offiziellen marxistischen Theorie ebenso wie Engels und Mehring folgend – falsch einschätzte. Etwa dann, wenn er behauptete, dass die französische materialistische Philosophie »den dialektischen Gehalt der Wirklichkeit (…) nie zu fassen vermochte«.260 Die Ausnahme markiere dabei Denis Diderots Rameaus Neffe. Nun wurde freilich eben jener Dialog sowohl von Diderot als auch dem Übersetzer ins Deutsche, von Goe the, als Zusammenfassung der Prinzi- 258 Harich: Bemerkungen zu Goe thes Naturanschauungen, S. 200. 259 Siehe: Eckholdt: Begegnungen mit Harich, S. 44-47. Dort allerdings verschiedene Fehlurteile. Die Vorlesungen Harichs liegen mittlerweile gedruckt vor: Harich: Philosophiegeschichte und Geschichtsphilosophie. 260 Harich: Bemerkungen zu Goe thes Naturanschauungen, S. 228. 130 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe pien der Aufklärung sowie als spielerischer Umgang mit ihnen verstanden (darauf verwies Harich nicht). Rameaus Neffe ist also keine Ausnahme innerhalb des französischen Materialismus und des dialektischen Denkens, sondern ganz im Gegenteil der Versuch Diderots, eine Zusammenfassung des gesamten Diskurses in einen tragfähigen Konsens zu überführen. Naturwissenschaften und Literatur, so Harichs These in dem Goe the- Aufsatz, ergänzten sich bei Goe the gegenseitig. Beide speisten sich aus den gleichen Quellen und hätten identische Zielrichtungen. Vor allem der junge Goe the sei ein Mitstreiter der Aufklärung gewesen. Das würden die Leiden des jungen Werther ebenso aufzeigen wie Goe thes Reformeifer im Herzogtum Sachsen-Weimar oder seine naturwissenschaftlichen Forschungen.261 »Es sind dieselben humanistisch-progressiven Motive, dieselben methodologischen Gesichtspunkte und Maximen, nach denen sein dichterisches wie sein naturwissenschaftliches Vermächtnis gestaltet ist, und in diesen Maximen ist letztlich die gesellschaftliche Praxis widergespiegelt, um es konkret zu sagen: der Emanzipationskampf des Bürgertums gegen den Feudalismus, die Aufklärungsbewegung, die Französische Revolution, der Versuch also einer Bewältigung und Bemeisterung der gesellschaftlichen Wirklichkeit durch die Menschen und für die Menschen, wie sie die besten Köpfe des Bürgertums in dessen revolutionärer Epoche anstrebten und ersehnten, ohne dieses große Ziel in der Wirklichkeit freilich jemals erreichen zu können. Hier hat der ästhetische Realismus Goe thes so gut seine Wurzel wie sein naturwissenschaftlicher Forscherdrang – beides nur Modifikationen derselben, praktisch gerichteten, lebenbejahend aktiven Tätigkeit, deren großer Inhalt die Bewältigung der Welt ist.«262 In dem Zeitungsartikel Goe thes Beitrag zum Materialismus hieß es mit analoger Stoßrichtung: »Goe thes Entdeckung fällt zeitlich in die erste Periode seines Aufenthalts in Weimar (1775-1786). Wenn Goe thes dichterischer Schaffensprozess in dieser Periode seines Lebens komplizierter, schwieriger, langwieriger war, als er es in der Frankfurter Geniezeit gewesen, so lag das nicht zuletzt daran, dass Goe the jetzt das praktische 261 Harich: Bemerkungen zu Goe thes Naturanschauungen, S. 206. 262 Ebd, S. 205. 131 7. Goe the als Naturwissenschaftler – Wolfgang Harich gesellschaftliche Handeln und die Vervollkommnung seiner wissenschaftlichen Kenntnisse über die dichterische Schöpfung stellte. Dabei bestand zwischen seiner gesellschaftlichen und seiner wissenschaftlichen Praxis ein enger Zusammenhang. Beide Tätigkeitsgebiete waren erleuchtet von den großen Ideen der bürgerlichen Aufklärung. Und als kühner Aufklärer, der gewillt war, der Vernunft zum Siege über die Vorteile der Religion zu verhelfen, packte er auch die Probleme der Naturwissenschaft an.«263 Diese Ausführungen Harichs sind zu den entsprechenden Stellen bei Lukács und Bloch vollständig kompatibel. Damit ist angezeigt, dass seine Position in den Kontext der sich neu formierenden marxistischen Philosophie gehört. Wie der Politiker Goe the (als praktischer Politiker, als Höfling etc.) in dieses Aufklärer-Bild passt, darauf ging Harich nicht ein. (Darin argumentierte er ebenfalls analog zu Lukács, dem Bloch der Nachkriegszeit, Mayer.) Auch die Tatsache, dass die Aufklärung in Weimar kaum mehr als eine Chimäre war, eine Angelegenheit der Salons und Briefwechsel, nicht aber des realen Lebens, wurde von Harich nicht thematisiert. Vielmehr tat er dieses Konglomerat beinahe beiläufig ab. »Der Aufklärer, der in dem Naturforscher Goe the lebenslänglich fortwirkt, wird in dem Staatsmann Goe the 1788, nach der Rückkehr aus Italien, für immer pensioniert und auf den Altenteil des Hoftheaters verwiesen, während er sich in dem Dichter Goe the zum klassischen Humanisten Goe the sublimiert, der die großen Ideen der bürgerliche Revolution zum pädagogischen Ideal erhebt.«264 Es ist Harich zu Folge also möglich, als Politiker seine aufklärerischen Ideale zu pensionieren, so lange man als Naturwissenschaftler den Prinzipien der Aufklärung die Treue hält. Man stelle sich nur vor, Robespierre wäre Anwalt geblieben, Sieyès Priester, Rousseau Hauslehrer und Napoleon hätte nicht die bürgerliche Welt erzwungen, sondern sich weiter in die Integralrechnung vertieft. Der Zwischenkieferknochen wird so wichtiger als die gesellschaftlichen und politischen Umwälzungen, die sich in den deutschen Staaten gerade nicht vollzogen. 263 Harich: Goe thes Beitrag zum Materialismus, S. 4. 264 Harich: Bemerkungen zu Goe thes Naturanschauungen, S. 207. 132 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Immerhin schränkte Harich seine Sichtweise partiell ein, indem er Goe the attestierte: »Aber welch mächtigen Alliierten er in der revolutionären Bewegung der Massen hatte, ahnte er nicht, der Künstler des fortschreitenden Lebens.«265 Am deutlichsten zeige sich Goe thes Bekenntnis zur Aufklärung in dessen Ablehnung von Systemen.266 Allerdings ergänzte Harich, dass er diese Maxime nur auf seine naturwissenschaftlichen Arbeiten bezog, während die französische Aufklärung die Überwindung des Systemsgeist ja gerade auf geisteswissenschaftlich-kulturellen Feldern unternahm. In dem Zeitungsartikel Goe thes Beitrag zum Materialismus hat er zeitlich parallel Goe thes gleichsam doppelte (wenn nicht gar dreifache: Politiker, Dichter, Naturforscher) Existenz prägnant zu vereinen versucht: »Aber während Goe the politisch in der deutschen Misere, der Stickluft feudalabsolutistischer Kleinstaaterei mit seiner Aufklärermission tragisch scheitern musste (die italienische Reise war 1786 eine Flucht aus dieser hoffnungslosen deutschen Kleinstaatenge), wuchs er als Naturwissenschaftler bereits weit über die Grenzen der Aufklärung hinaus. Denn was besagte die Entdeckung des ‚os intermaxillare‘? Dass der Mensch kein ‚autonomes‘, ewig unveränderliches Geistwesen, sondern dass er aus der Natur entstanden ist, aus niederen, tierischen Formen der Materie sich empor entwickelt hat und – wie hoch er sich geistig auch erheben mag – seiner elementaren Grundlage, der Natur, der Materie, verhaftet bleibt. Goe the war der Dialektik in der Natur auf die Spur gekommen: Der Einheit der Gegensätze, dem allseitigen Zusammenhang der Erscheinungen, der ständigen Bewegung und Veränderung, der Entwicklung vom Niederen zum Höheren – und diese bewegte und verschlungene Wirklichkeit in ihrer Kompliziertheit, Lebendigkeit und Fülle zu fassen, waren die Kategorien des mechanistischen Materialismus des 18. Jahrhunderts zu eng und starr.«267 Eingangs wurde auf Harichs These verwiesen, dass auch die Beschäftigung mit den naturwissenschaftlichen Studien Goe thes einen aktuellen 265 Harich: Bemerkungen zu Goe thes Naturanschauungen, S. 209. 266 Ebd., S. 216f. 267 Harich: Goe thes Beitrag zum Materialismus, S. 4. 133 7. Goe the als Naturwissenschaftler – Wolfgang Harich Bezug habe. Aus marxistischer Sicht müsse Goe the von den reaktionären Analysen und Interpretationen seines Denkens befreit werden. Allerdings dürfe der Marxismus nicht so weit gehen, ihn seinerseits kritiklos zu vereinnahmen. Ließen sich in Goe thes Weltsicht doch viele der Probleme und historisch bedingten Grenzen des deutschen Bürgertums aufzeigen. Größe und Grenze gehörten für Harich immer zusammen, bedingten sich gegenseitig. Daher sei Goe the als »der größte der Bürger in des Bürgertums großer, heroischer Zeit«268 zu betrachten. Außerdem gebe es durchaus Überschneidungen der marxistischen Theorie mit den Ansichten Goe thes.269 Erste Ansätze dialektischen und materialistischen Denkens seien in Goe thes Anschauungen eingeflossen bzw. hätten sich dort entwickelt. Gleichzeitig würden sie aber auch die Grenzen der Fortschrittlichkeit seines Schaffens markieren, die identisch mit den Grenzen der bürgerlichen Epoche wären: »Wo er wissenschaftlich vorging, gelangen ihm dialektische und auch materialistische Detailerkenntnisse, die einer heutigen Erfassung des Ganzen, vom Standpunkt des kämpfenden Proletariats, eminent fruchtbare Wege weisen. Wo er selbst es aber auf Weltschau anlegte, zerstob die Wissenschaft, und es blieb ‚Naturphilosophie‘ mit all ihren fatalen Übeln, ein grandioser, ungeheurer, doch zu früher Versuch, der Goe thes radikalen Denkmotiven, seinem Aufklärersinn zum Trotz in den Idealismus zurückmündete.«270 Im Prinzip wies Harich, das sehen wir jetzt, am naturwissenschaftlichen Goe the das nach, was Lukács und Bloch für den philosophischen und künstlerischen Goe the reklamierten. Das gerade eruierte Goe the-Bild Harichs kann um einen wichtigen Aspekt ergänzt werden, der bereits anklang. Zentrale Bedeutung maß er Goe thes Arbeiten im Hinblick auf Die Herausarbeitung des Entwicklungsgedankens in der deutschen A ufklärung zu. Mit diesem Titel ist der erste Paragraph der Vorlesung Die deutsche P hilosophie im Z eitalter der Französischen Revolution überschrieben, die Harich im Wintersemester 1950 und im Sommersemester 1951 an der Berliner Humboldt-Universität 268 Harich: Bemerkungen zu Goe thes Naturanschauungen, S. 226. 269 »Goe thesch und marxistisch: oft geht das zusammen. Oft können wir ganze Passagen von ihm wörtlich übernehmen und in den Kämpfen der Gegenwart für die Sache des Fortschritts verwenden.« (Ebd.) 270 Ebd., S. 227. 134 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe hielt. In einer kurzen Aufzählung stellte er zu Beginn der Vorlesung die wichtigsten Stationen des Entwicklungsgedankens vor, ein Weg, der von Kants Allgemeiner Naturgeschichte und Theorie des Himmels bis zu Goe thes naturwissenschaftlichen Studien reicht und dann in der deutschen Naturphilosophie weiter wirkte. »I: Kants Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels von 1755 II: Kaspar Friedrich Wolffs Theoria generationis von 1759 III: Die Wiederentdeckung von Leibniz’ Nouveaux Essais sur l‘entendement humain von 1765 IV: Die Sprachphilosophie von Johann Georg Hamann, 1760 bis 1770 V: Die Entwicklung der Geschichtsphilosophie Johann Gottfried Herders ab 1764 VI: Lessings Erziehung des Menschengeschlechts VII: Goe thes Naturanschauung«271 Dieses Programm arbeitete Harich in seiner Vorlesung ab. Dabei ging es ihm außerdem darum, weitere Momente der Entstehungsgeschichte des Marxismus, des dialektischen und historischen Materialismus herauszuarbeiten. Insofern waren, eine wichtige Analogie zu Blochs Ausführung, auch seine Thesen und Anmerkungen Bausteine einer Positionierung zu den zeitlich parallel sich ankündigenden Debatten um Hegel und die Logik.272 »Die fruchtbaren Elemente vorwärtsweisender Erkenntnisse, die einen Fortschritt des menschlichen Wissens bedeuteten, sollen herausgearbeitet werden. Alle diese Elemente echter Erkenntnis sind – freilich auf einer ganz neuen, qualitativ höheren Grundlage – Elemente des dialektischen und historischen Materialismus. Die Herausarbeitung der fruchtbaren Elemente in der klassischen bürgerlichen Philosophie ist also gleichbedeutend mit der Klärung der Vorgeschichte des dialektischen und historischen Materialismus. Das wichtigste Resultat der westeuropäischen bürgerlichen Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts: Der Materialis- 271 Harich: Die deutsche Philosophie und die Französische Revolution, S. 847. 272 Siehe hierzu mit weiteren Hinweisen: Heyer: Die Logik-Debatte in der Frühphase der DDR-Philosophie, S. 577-592. 135 7. Goe the als Naturwissenschaftler – Wolfgang Harich mus. Aber es war nur ein mechanischer, ein metaphysischer Materialismus (von einzelnen Ansätzen zur Dialektik abgesehen). Deshalb war er nicht konsequent materialistisch. Bestimmte Probleme, deren materialistische, wissenschaftliche Lösung die Anwendung der dialektischen Methode voraussetzt, werden entweder überhaupt offen gelassen oder idealistisch gelöst. Der dialektische Materialismus ist daher der einzig konsequente Materialismus. Um zu diesem einzig konsequente Materialismus zu kommen, bedarf es der dialektischen Methode.«273 Harich sah einen Weg von den Errungenschaften der Aufklärung über die klassische deutsche Philosophie des Idealismus zur dialektischen Methode. Dies sei der Ausgangspunkt von Marx und Engels gewesen, den Schülern Hegels. Wichtig im vorliegenden Zusammenhang ist nun, dass Harich davon ausging, dass die Entwicklung und umfassende Anwendung der dialektischen Methode nicht nur die Entfaltung der bürgerlichen Gesellschaft, sondern auch einen bestimmten Stand der naturwissenschaftlichen Forschung voraussetze.274 Erst auf dieser Basis konnten dann auch die Ansätze zur Dialektik, die es in der deutschen Aufklärung gegeben habe, fruchtbar gemacht werden, sich gleichsam von der Spekulation zur wissenschaftlichen Sättigung mit Fakten entwickeln. Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts habe eine statische Naturauffassung vorgeherrscht, die These der Erschaffung der Welt durch Gott sei kaum hinterfragt worden. In Deutschland komme vor allem zwei Schriften, erschienen in der Mitte des Jahrhunderts, Bedeutung bei der Überwindung dieser falschen These zu: Zum einen Kants Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels (1755), zum zweiten Kaspar Friedrich Wolffs Theoria generationis (1759). Die Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels hatte Harich immer wieder positiv hervorgehoben und in seiner Bedeutung gewürdigt. Das Werk erarbeitete Kant 1755 und veröffentlichte es anonym (nur wenige Exemplare kamen in Umlauf ). In dem Manuskript Über Hegels Konzeption der Philosophiegeschichte schrieb Harich (kurze Zeit nach seiner Haftentlassung, also in der Mitte der sechziger Jahre): »Es sei nur daran 273 Harich: Die deutsche Philosophie und die Französische Revolution, S. 847. 274 Ebd., S. 847f. 136 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe erinnert, dass im neuzeitlichen Philosophieren von Anfängen evolutionistischer Naturbetrachtung ja erst seit der Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels des frühen Kant (1755) die Rede sein konnte, dass die universal verallgemeinerte Dialektik noch in der Naturphilosophie der Romantiker rein spekulativen Charakter besaß und dass, was den Geschichtsprozess anbelangt, z. B. das Umschlagen quantitativer in qualitative Veränderung überhaupt erst durch die Französische Revolution als Phänomen der gesellschaftlichen Entwicklung fassbar geworden ist und erst von Hegel, 1806, übrigens unter Berufung auf vage Analogien aus der organischen Natur, auf den Begriff gebracht wurde. Es genügt, sich diese Daten der Wissenschaftsgeschichte und dazu die Entferntheit und anscheinende Unverbundenheit der verschiedenen Punkte, an denen das dialektische Weltbegreifen da ansetzte, zu vergegenwärtigen, um einzusehen, wie schwer es den Philosophen fallen musste, der allgemeinen Zusammenhangs- und Entwicklungsgesetzlichkeit auf die Spur zu kommen, die den neu gesehenen bzw. neu geschehenden und nur dialektisch zu erfassenden Sachverhalten zu Grunde lag.«275 Und in Widerspruch und Widerstreit hatte er zeitlich parallel formuliert: »Das besagt – einmal mehr, so müssen wir in Anbetracht der noch früheren Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels hinzufügen –, dass er durchaus schon dialektischen Gesetzmäßigkeiten im Sinn der marxistischen Ontologie und Naturauffassungen, namentlich im Sinn ihrer Lehre vom ‚Kampf der Gegensätze‘, auf der Spur gewesen ist. Gerade das wurde für ihn aber zum Anlass, das logisch Verbotene, den Widerspruch, trennscharf davon abzuheben und so darauf zu dringen, dass man ‚Naturdialektik‘ (im späteren Sinn des Marxismus) und logische Gesetzlichkeit nebeneinander möge gelten lassen. Und nebeneinander hätte man sie, hätte man im Besonderen die Realrepugnanz und den Widerspruchssatz bei aller Universalisierung des dialektischen Weltbegreifens, wie wir sie Herder, Goe the, Schelling, Hegel und Marx zu danken haben, in der Folgezeit getrost auch gelten lassen können, wären die Errungenschaften des ‚vorkritischen‘ Kant, zu denen auch diese wichtige Distinktion gehört, nicht zu Unrecht ignoriert und missachtet – oder allenfalls 275 Harich: Über Hegels Konzeption der Philosophiegeschichte, S. 285. 137 7. Goe the als Naturwissenschaftler – Wolfgang Harich sehr spät in philosophiehistorischen Spezialforschungen immer nur nach Gedankenkeimen des Kritizismus abgesucht  – worden. Das indes geschah, und dem derart einseitig orientierten Interesse an Kant verstellten die Antinomien der Kritik der reinen Vernunft, mitsamt der ihnen eigenen Inanspruchnahme des Begriffs ‚Widerstreit‘ für die bekannte vierfache Antithetik der transzendentalen Ideen, die Sicht. Schon Reinhold, Maimon, Beck und Fichte galten die ‚vorkritischen‘ Schriften Kants, falls sie sie überhaupt gelesen haben, als unerheblich, schon ihrer Generation kam daher der Begriff ‚Realrepugnanz‘ abhanden, und an seine Stelle trat eben doch der ‚Widerspruch‘ – ein kapitales Missverständnis, das die dialektische Ontologie und Methodologie, bis in den Marxismus-Leninismus der Gegenwart hinein, mit einer logikfeindlichen objektiv-idealistischen Konzeption belastet hat.«276 Diese Hochschätzung der Allgemeinen Naturgeschichte war innerhalb der Diskussionen der marxistischen Intellektuellen der DDR Allgemeingut (der dogmatischen SED-Kritik am Idealismus zum Trotz). Bei Bloch war in diesem Sinn zu lesen: »Denn wäre nichts von Kant übrig geblieben als die Allgemeine Naturgeschichte (…), dann würde er als der erste, der eine mechanische Kosmogonie gab, allein schon unsterblich sein. Er würde triumphierend mit Demokrit, Epikur, Lukrez, mit den französischen Materialisten gefeiert werden als philosophischer Vollender der Bahn Kopernikus, Galilei, Kepler und Newton.«277 In der kleinen Philosophischen Bücherei des Aufbau-Verlags, die Harich thematisch verantwortete und herausgab, hatte Georg Klaus den Text ediert und neu herausgegeben, seine Einleitung war zudem als Aufsatz in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie erschienen.278 Goe thes naturwissenschaftliche Arbeiten markieren dann, kehren wir zum Thema zurück, Harich zu Folge, die dritte Stufe (nach Kant und der Theoria generationis). Für seine Vorlesung hatte sich Harich folgende stichpunktartige Notizen angefertigt: 276 Harich: Widerspruch und Widerstreit, S. 128f. 277 Bloch: Zweierlei Kant-Gedenkjahre, S. 455. 278 Klaus: Kants Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels und das moderne Weltbild, S. 18-42. 138 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe (1) »Goe the, die dritte Station auf dem Weg der Einführung des Entwicklungsgedankens in die Naturwissenschaften. • Theologie: Urgeschiedenheit des Menschen vom Tier. Der Mensch wurde von Gott nach seinem Ebenbild geschaffen. • Anatomisches Stigma dieser Urgeschiedenheit: Der Zwischenkieferknochen, der beim Menschen fehlen soll. • Goe thes Arbeit an dieser Frage. Anatomische Untersuchungen seit 1783. Im März 1784 entdeckt er das Knöchlein bei einem Embryo. (2) Konsequenzen, die Goe the selbst aus dieser Entdeckung gezogen hat. Universelle Anwendung des Entwicklungsgedankens in der Biologie. Konsequenter Bruch mit der Lehre von der Konstanz der Arten. (Freilich nur spekulativ, im Gegensatz zum Darwinismus, der die Entwicklungslehre in der Biologie wissenschaftlich begründet.) • Wirbeltheorie des Schädels. Der Schädel hat sich aus der Erweiterung des obersten Rückenwirbels entwickelt. • Metamorphose der Pflanzen und Tieren. - Die Varietäten müssen aus den Arten genetisch entstanden sein. Typus, der vererbt wird, und der sich entsprechend den Umweltbedingungen verändert. - Die Arten selbst sind miteinander verwandt, höhere stammen von niederen ab. Urpflanze, Urtier, monophyletische Descendenzhypothese. • Goe thes Stellungnahme im Streit zwischen Cuvier und Geoffroy de Saint-Hilaire, der Schüler von Lamarck.«279 In den Jahren der produktiven Zusammenarbeit mit Herder (vor dem Bruch der Freundschaft wegen der unterschiedlichen Bewertung der Französischen Revolution) habe Goe the wiederholt seine Überzeugung formuliert, dass der Mensch von den Tieren abstamme.280 Wegen der Rückständigkeit der deutschen bürgerlichen Gesellschaft, wegen des feh- 279 Harich: Die deutsche Philosophie und die Französische Revolution, S. 888f. 280 Siehe hierzu auch die verschiedenen Hinweise Harichs in: Harich: Ein Kant-Motiv im philosophischen Denken Herders, S. 319-358. 139 7. Goe the als Naturwissenschaftler – Wolfgang Harich lenden Rückhalts der Intellektuellen in einem starken Bürgertum habe für Goe the aber die Notwendigkeit bestanden, seine Einsichten und Entdeckungen geheim zu halten. Ein Abwehrmechanismus, der beispielsweise auch in Herders Ausführungen zur Abstimmungsfrage in den Ideen zu erkennen sei.281 Es ist noch darauf hinzuweisen, dass Harich wie Lukács und Bloch die Analogien zwischen Hegel und Goe the mehrfach betonte sowie Friedrich Schiller in diesen Vergleich einbezog  – und zwar auch die Kritik, die Hegel an Schiller übte. Die Analyse und Wahrnehmung Schillers als Philosophen war ihm außerordentlich wichtig. So integrierte er dessen entsprechende Äußerungen in seine Vorlesung Die Geschichte der klassischen deutschen Philosophie, die er 1955/1956 zum letzten Mal hielt. Der entsprechende Paragraph 13 Schiller als Philosoph findet sich in der Darstellung zwischen Fichte und Schelling, wobei er Schillers Positionen gerade im Vergleich zu Fichte herauskristallisierte.282 Hatte Bloch noch das gemeinsame Wurzeln von Goe the und Hegel im erwachenden deutschen Bürgertum thematisiert, so sah Harich Schiller und Fichte vereint im Ringen um die Aufarbeitung der Französischen Revolution – freilich mit völlig unterschiedlichen Ergebnissen.283 Nicht zu unterschlagen ist zudem, dass sich Harich bei seiner Schiller-Analyse auf Georg Lukács stützte und diesen als einzigen namentlich erwähnte – und zwar dessen Aufsätze Schillers Theorie der modernen Literatur (Goe the und seine Z eit) und Zur 281 Harich: Die deutsche Philosophie und die Französische Revolution, S. 889. 282 Harich: Die Geschichte der klassischen deutschen P hilosophie, der Paragraph zu Schiller S. 1069-1086. 283 Harich schrieb: »Gemeinsamkeiten: a) Die philosophischen Leistungen beider Denker  – Fichtes und Schillers  – sind, soweit sie hier in Betracht kommen, Geistesprodukte, die historisch-gesellschaftlich der Periode unmittelbar nach der Französischen Revolution angehören und gleichermaßen von einem einzigen Ringen mit dem weltgeschichtlichen Ereignis der Französischen Revolution und ihren Resultaten erfüllt sind. b) Fichte und Schiller gehen beide gleichermaßen von Kant aus, sehen in Kants Theorien die führende progressive Philosophie der Epoche und versuchen, Kants Philosophie kritisch weiterzuentwickeln.« Weitaus evidenter aber: »Stellt man diese Gemeinsamkeiten fest, so ist es nun aber umso interessanter und aufschlussreicher, den Unterschieden und Gegensätzen auf den Grund zu gehen, die auf der Grundlage dieser Gemeinsamkeiten zwischen Fichte und Schiller bestehen.« (Ebd., S. 1070.) 140 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Ästhetik Schillers (Beiträge zur Geschichte der Ästhetik).284 Wir kommen auf dieses Thema zurück. Harichs Analyse und Beurteilung der Phänomenologie, die sich freilich viel stärker an Lukács’ Der junge Hegel als an Blochs entsprechenden Äußerungen orientierte, ist nachzulesen in seiner Hegel-Vorlesung, in dem Manuskript Hegels Phänomenologie des Geistes, das in den fünfziger Jahren als Teil der Vorlesung entstand, sowie in den Aufsätzen, die er kurz nach seiner Entlassung aus der Haft in der Mitte der sechziger Jahre schrieb, darunter die beiden Beiträge Über Hegels Konzeption der P hilosophiegeschichte und Hegels Konzeption der Philosophiegeschichte und der Marxismus.285 Trotz der beginnenden Annäherung an Lukács (ab ca. 1950, nach der gleich noch zu schildernden frühen Kontroverse, Kritik) klingt es fast nach Bloch, wenn Harich formuliert: »In dem Abschnitt Die Lust und die Notwendigkeit denkt Hegel vor allem an Goe thes Faust. Faust ist das Individuum der anbrechenden neuen, bürgerlichen Zeit, das in seinem erhabenen Selbstgefühl die Welt an sich reißen und sie genießen will, nicht mehr auf dem Weg der Wissenschaft und Erkenntnis, der Beobachtungen und Erkenntnisse, der Sitten und der Gesetze. All diese Bestrebungen, die Hegel im Kapitel römisch V, Abschnitt A: Beobachtende Vernunft, durchgegangen ist, hat das faustische Individuum als ‚Theorie, als einen grauen, eben verschwindenden Schatten‘, wie Hegel sagt, hinter sich gelassen. Grau, Freund, ist alle Theorie. Nein, das faustische Individuum will die Welt an sich reißen durch die Gewalt seines unmittelbaren Wollens, seines Naturtriebs und seiner Begierde. Sein Selbstbewusstsein ist weltbegehrend und weltstürmend. Es verachtet, sagt Hegel, unter Verwendung Goe thescher Zitate, Verstand und Wissenschaft, des Menschen allerhöchste Gaben, es hat dem Teufel sich ergeben und muss deshalb zu Grunde gehen. Die Erfüllung dieser faustischen Begierde ist die Lust, ist der Genuss der Lust. Aber es kann diese Lust nicht finden; denn was 284 Harich: Die Geschichte der klassischen deutschen Philosophie, S. 1070. 285 Alle abgedruckt in dem Band: Harich: An der ideologischen Front. Hegel-Vorlesung, S. 437-714. Hegels Phänomenologie des Geistes, S. 221-246. Über Hegels Konzeption der Philosophiegeschichte, S. 247-298. Hegels Konzeption der Philosophiegeschichte und der Marxismus, S. 299-312. 141 7. Goe the als Naturwissenschaftler – Wolfgang Harich diesem weltbegehrenden Selbstbewusstsein entgegensteht, was seiner Einzelheit Trotz bietet, was sich durch keine Gewalt ergreifen und an sich reißen lässt, das ist die Welt als der feste Zusammenhang der objektiven Dinge, diese harte Wirklichkeit, an der das Individuum zerstäubt und scheitert.«286 Damit ist eine ganz interessante Situation gegeben. 1949 war Harich von seiner späteren Hochschätzung Lukács’ noch entfernt, übte sogar (wir kommen darauf zurück) an dessen Goe the-Verständnis Kritik. Ob er den Jungen Hegel von Lukács zu diesem Zeitpunkt schon kannte, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, es ist aber eher unwahrscheinlich. Was er aber kannte war Blochs Hegel-Buch. Bloch seinerseits wusste noch nicht, wie er Harich einzuordnen habe. Bei ihm wirkte in den ersten gemeinsamen Jahren mit Harich im Aufbau-Verlag dessen Lukács-Kritik im Kontext der Goe the-Feiern nach. Ein Weiteres kam hinzu: Harich hatte sich offensichtlich ohne Rücksprache mit Bloch oder dem Verlagsleiter im Aufbau-Verlag die Korrekturfahnen des Hegel-Buches von Bloch geholt. Bloch war skeptisch, da der Druck des Buches seit einigen Monaten verzögert wurde. Vielleicht vermutete er in Harich einen offiziellen Zensor. Erich Wendt schrieb am 3. November 1949 an Bloch: »Die Geschichte mit Harich geschah ohne mein Wissen. Er holte sich die Abzüge von unserer Presse-Abteilung persönlich ab. Wenn Sie sich die Situation und Verhältnisse richtig vorstellen, werden Sie verstehen, dass solch eine Pres- 286 Harich: Hegels Phänomenologie des Geistes, S. 240f. Und an anderer Stelle, nach den Jahren seiner Haft: »Diese neue, dialektisch-historische Fassung des Fortschrittsprinzips, für die Goe the im Faust die schlagende Formel ‚Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage‘ geprägt hat, finden wir zuerst bei Lessing, in dessen Erziehung des Menschengeschlechts, wir finden sie vor allem aber, von einem universell gebildeten Geist anhand eines überreichen geschichtlichen Materials konkretisiert, in den meisten Schriften Herders, insbesondere in seinen geschichtsphilosophischen Werken. Allerdings haben damals aber weder Lessing noch Herder oder Goe the ihre Entdeckung für die Erforschung und Darstellung der Philosophiegeschichte fruchtbar gemacht, für ein Gebiet, auf dem sich schöpferisch zu betätigen ihnen nie in den Sinn kam. Vorerst also blieb die Philosophiegeschichte von der neuen, dialektischen Konzeption des Fortschritts, die die bedeutendsten deutschen Aufklärer geschaffen hatten, unberührt.« Harich: Über Hegels Konzeption der Philosophiegeschichte, S. 257. 142 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe se-Abteilung keine Bedenken haben konnte, die Fahnen einem solchen Mann, wie Harich, zu geben.«287 Harich war zu jener Zeit allerdings bereits mit seinen Studien zur klassischen deutschen Philosophie des Idealismus beschäftigt, die ab 1952 – vermittelt über seine Vorlesungen an der Berliner HU  – in die Kritik der Partei gerieten. Spätestens zu diesem Zeitpunkt sah Bloch, dass er in Harich einen Verbündeten hatte. Zumindest aber wäre auf diese Weise zu verstehen, warum so manche Passage im frühen Schreiben Harichs eher nach Bloch denn nach Lukács klingt. Vor allem aber ist diese Überlegung ein Indikator dafür, dass die von Bloch formulierten Thesen zum Verhältnis von Phänomenologie und Faust innerhalb der intellektuellen Eliten der DDR konsensfähig waren. Wie Harich seinen Durchbruch zu Lukács schilderte (in Mein Weg zu Lukács), darauf kommen wir im letzten Kapitel zurück. 287 Wendt: Brief an Bloch vom 3. November 1949,S. 23. Dort weiter: »Selbstverständlich kann Harich über das fertige Buch schreiben, wird es wahrscheinlich tun und sollte es auch tun. Schließlich muss ja irgend jemand die Buchkritik besorgen. Doch die Fahnen werden von ihm zurückgefordert. Abgesehen davon, dass das Buch nicht die endgültige Fassung ist, sollte nicht gerade Harich der ausgewählte Kritiker sein.« (S. 23f.) Wolfgang Harich, 1951

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References

Zusammenfassung

Um Faschismus und Krieg für immer von deutschem Boden fernzuhalten, unternahmen die führenden Persönlichkeiten in der SBZ/DDR von Anfang an vieles, um an die verschütteten Traditionen des humanistischen kulturellen Erbes der Vergangenheit anzuknüpfen. Ein Konsens, der die russischen Kulturoffiziere ebenso umfasste wie Parteipolitiker der SED und die philosophische Elite.

1949 stand im Zeichen Johann Wolfgang Goethes. Neben dem im Westen als Skandal empfundenen Auftritt Thomas Manns in Weimar kam es zu zahlreichen Veranstaltungen und Wortmeldungen zu Goethe: Johannes R. Becher, Paul Rilla, Georg Lukács, Wolfgang Harich, Ernst Bloch, Hans Mayer – das sind die Protagonisten des vorliegenden Buches, deren Goethe-Verständnis nachgezeichnet wird.

Dabei werden zuerst die Jahre zwischen 1949 und 1956 fokussiert. Nach den Umbrüchen in der DDR arbeiten aber gerade die marxistischen Philosophen Lukács, Bloch und Harich weiter zum kulturellen Erbe. Ein Prozess, der zum Abschluss untersucht und dargestellt wird. Zudem bietet der Band verschiedene Seitenblicke: Auf Schiller und Heine oder die Geschichte der Krisenzeit von 1956.

Eine Reise durch die DDR – anhand von Goethe, mit Goethe, auf der Suche nach der Identität des kleineren deutschen Staates.