6. Von Amerika nach Leipzig –Ernst Bloch in:

Andreas Heyer

Der gereimte Genosse, page 101 - 124

Goethe in der SBZ/DDR

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3992-2, ISBN online: 978-3-8288-6695-9, https://doi.org/10.5771/9783828866959-101

Tectum, Baden-Baden
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6. Von Amerika nach Leipzig – Ernst Bloch Der Ausspruch von Bloch ist bekannt, wenn man so will, berüchtigt. Hans Mayer hat ihn 1977 auf einer Gedenkveranstaltung der Stadt Ludwigshafen für ihren Ehrenbürger Bloch wiedergegeben: »Ich kenne nur Karl May und Hegel; alles was es sonst gibt, ist aus beiden eine unreinliche Mischung; wozu soll ich das lesen?«191 Natürlich hat er gelesen, seine Philosophie wurde erst dadurch möglich, dass er sich das Kulturerbe Europas aneignete, es gruppierte und ordnete, immer auf der Suche nach den Momenten, die ihn interessierten. Damit ist eine der Differenzen zwischen Bloch und Lukács bereits angesprochen: Bloch kam nicht von Goe the her, sondern er musste zu diesem hin, musste ihn finden. Nicht Besitz und Tradition aus dem Elternhaus waren ihm mitgegeben. Doch 191 Mayer: Ernst Bloch und die H eimat, S. 24. Wir kommen darauf zurück. Siehe auch: Bloch: Geladener Hohlraum, S. 372f. Ernst Bloch, Deutsche Begegnung der Geistesschaffenden in Berlin, 1954 102 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe dieser (der Bildungsbürger würde sagen:) Nachteil hatte auch seine Vorzüge. Denn Goe the (und viele andere Künstler ebenso) war für ihn keine Chiffre, kein Symbol für Untergegangenes oder Erstrebenswertes. Er war purer Text und diesen konnte man durcharbeiten, verstehen, kritisieren, verwerfen, aktualisieren. So überrascht es nicht, dass beispielsweise in der zweiten Fassung des Geistes der Utopie Goe the noch Dekorum ist, einige Male zitiert wird, immer dort, wo einer seiner Aussprüche etwas zu illustrieren vermag. Teil der Argumentation, Grundlage der Argumentation ist er mit seinem Schaffen noch längst nicht. Auch der dortige Hegel ist vom Subjekt-Objekt unterschieden, befindet sich in der Diskussion mit Kant.192 Das tiefe Wissen, welches Bloch erst seine Entscheidungen ermöglichte, war noch nicht vorhanden. Und doch wies der Vorschein bereits den richtigen Weg  – das Bekenntnis zum Marxismus verlangte Stellungnahme. Damit war der Weg frei zu jenem Standpunkt, von dem aus Bloch sich in den dreißiger Jahren, während der faschistischen Katastrophe, intellektuell positionierte. Das literarische und philosophische Erbe gewann nun für ihn eine Kraft und einen Eigenwert. Allerdings, das ist ein weiterer Unterschied zu Lukács, weitaus kritischer beäugt als durch den Ungarn, stärker seziert als über ein Jahrzehnt später in der SBZ/DDR. In dem Artikel Jubiläum der Renegaten von 1937 lässt sich seine damalige Position anhand der Betrachtungen zum Jahrestag der Russischen Revolution gut rekonstruieren. François Furet unternahm vor einigen Jahren einen breit angelegten und großartigen Versuch zur Vergleichbarkeit von Französischer und Russischer Revolution – überschrieben Das Ende der Illusion. (Gern erinnern wir an den bisher letzten großen Historiker der Französischen Revolution.) Bloch ging ihm damals (auf der Suche nach Hoffnung, der Stieftochter der Illusion) in einem Punkt voraus: Er thematisierte die anfängliche Revolutionsbegeisterung sowie den späteren Abfall vom kühnen Experiment auf Grund der beiden Ereignisse.193 »Oft wirkt 192 Bloch: Geist der Utopie. Zweite Fassung, Goe the wird knapp zehn Mal zitiert, zu Hegel etwa S. 224ff. 193 »Manche Guten sehen heute etwas betreten drein. Sie liebten vielleicht den russischen Anfang, doch in den letzten zwei Jahren wurden sie kühl. Sie kommen darüber nicht hinweg, dass der zwanzigjährige bolschewistische Staat sich so vie- 103 6. Von Amerika nach Leipzig – Ernst Bloch die heutige Treulosigkeit wie der Abklatsch einer älteren, wie die Wiederholung eines Unglücks, das viel größeren Geistern zugestoßen war. Wir meinen die Schwankungen deutscher Dichter und Denker im Verlauf der Französischen Revolution, wir meinen die Zweifel zehn, zwanzig Jahre nach 1789. Wir meinen den Schock, als der Westwind mit der Tugend auch Blutgeruch mit sich führte. Gewiss, es bestehen Unterschiede (und zwar nicht zu Gunsten der heutigen Schwenkung). Die Französische Revolution ist nicht die russische, die damalige Schreckenszeit nicht die der Prozesse.«194 Die Probe aufs Exempel sei es, wie der Einzelne zur Revolution in jenem Moment sich verhalte, da das Bekenntnis mehr als nur Sonntagspredigt ist und dergestalt Entscheidung verlange. (Diese Ansicht erklärt sicherlich auch ein ganzes Stück weit Blochs Bejahung der Schauprozesse und Stalinistischen Verbrechen in den dreißiger und vierziger Jahren – sie war ein »Ja« zu Revolution und Zukunft trotz »Blutgeruch«. Wir kommen darauf gleich zurück.) Wenn die deutsche Kultur und Philosophie der Revolutionszeit nicht per se (wie bei Lukács, noch stärker bei Becher) als großes humanistisches Erbe gelten und daher vor Einwürfen, vor allzu kritisch-tatsachenbezogener Lektüre, vor bürgerlichen Verfälschungen (und auch vor sich selbst) geschützt werden müssen, ist der Blick auf Schiller, Goe the und manch andere leichter (und auch schärfer): »Bis heute wirkt es nach, dass kaum ein deutscher Dichter damals treu blieb und begriffen hat. Sie verrieten mit der Form des bürgerlichen Aufruhrs auch diesen selbst. Ja, die Allergrößten wurden vor dem französischen Aristokratenschrecken am schwächsten; Schiller, erst recht Goe the sind hier nicht auf ihrer Höhe. Auch Schiller reizten die ‚Gesetzlosigkeit‘, des ‚Pöbels Geschrei‘, ‚der Missbrauch rasender Toren‘ zum Abfall. Ein besonderes Attachement an kleinbürgerliche Sitte und Ordnung (Lied von der Glocke) kam hinzu (…).«195 Diese »kleinbürgerliche Welt« von »Sitte und Ordnung« sei bei ler Feinde zu entledigen hat und sich ihrer oft gehetzt und schreckend blutig entledigt. Sie sind verwirrt, begreifen die traurigen Vorgänge nicht. So wird die lange gemeinsame Sache nicht mitgefeiert, sie wird fast verwünscht.« Bloch: Jubiläum der Renegaten, S. 225f. 194 Bloch: Jubiläum der Renegaten, S. 226. 195 Ebd., S. 229f. 104 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Schiller gar zur ganzen Natur geworden und trage damit Züge der Restauration, bereite diese vor. Evolution statt Revolution – dies ist nach Bloch die Einstellung von Goe the und Schiller zu ihrer Zeit.196 Bloch ging noch weiter: Die Versuche Goe thes, die Revolution zu verarbeiten, beispielsweise mit Der Bürgergeneral, »sind erschütternd wenig auf dieser Höhe der Zeit, noch nicht einmal auf der Höhe der raffinierten Reaktion«.197 Plump, naiv, völlig außerhalb des Zeitstroms stehend, die Erkenntnisse und Erfordernisse ihrer Gegenwart verkennend  – so und nicht anders charakterisierte Bloch die Olympier Goe the und Schiller. Die Welt, die 1789 unterging, konnte noch eine Sogkraft entwickeln, sie hatte auch anziehende Inhalte und Formen. Dies sei seit der Russischen Revolution jedoch anders, eine deutsche Misere gebe es nicht mehr, der Weg zur Bejahung der Revolution sei frei. Auch die Philosophie habe ein solches Bekenntnis zur neuen Welt abzulegen, nicht zuletzt, da schon in der Französischen Revolution die deutschen Denker das emanzipative Potenzial des Aufbruchs begriffen hätten. »Sinnlos übertriebene Kritik am Mutterland der Revolution befördert durchaus nicht, wie noch Klopstock und Schiller glauben konnten, das Ideal der Revolution; dem dient einzig die Volksfront. Und diese verlangt noch keineswegs ein heftiges, gar absolutes Bekenntnis für Russland, sondern nur das schlichte und, wie man meinen sollte, leicht unterschreibbare: Kein antifaschistischer Kampf und Sieg ohne Russland. Wie wichtig aber auch der Wille zum Verstehen ist, das zeigte sich zu guter Letzt darin, dass die Philosophen aus Klopstocks und Schillers Zeit sich dem poetischen Abfall nicht angeschlossen haben. 196 »Und die ‚Natur‘, dies von Schiller neu verwandte Schibboleth der Verwerfung, ist nicht mehr die Natur Rousseaus, die ‚unverfälschte‘, die den Contrat social kündigt, wenn er schlecht geworden ist, sondern Natur ist hier bereits die patriarchalische der Restauration, die angestammte Überlieferung, ‚das alte Gesetz‘. Es ist die gleiche ‚langsam bildende‘ und durchaus nicht ‚vulkanische‘ Natur, welche Goe the, den Former Schillers, sein Leben lang trug, welche ihn aber nach ihrer konservativen gewordenen Bergung, nach Seite der feudalen grande tenure, nur im klassizistischen Maß, eher eine Ungerechtigkeit ertragen ließ als eine Unordnung. Hier hat Goe the Schiller entscheidend abgelenkt (…); so fügte er dem Abfall die – interessierte Bagatellisierung hinzu.« Bloch: Jubiläum der Renegaten, S. 230. 197 Ebd., S. 231. 105 6. Von Amerika nach Leipzig – Ernst Bloch Es ist recht beglückend, dass dasjenige, was heute Renegaten macht, damals wenigstens mehr unter Dichtern als unter Denkern vorkam. Wenn es auch große Dichter waren, die damals begrifflos wurden, so haben doch die großen Denker der gleichen Zeit nie in ähnlicher Art Treue und Erkenntnis gebrochen.«198 Als Beispiel bietet Bloch natürlich seinen Hegel auf (im Anschluss an ein Zitat aus Kants Streit der Fakultäten): »Und weniger verklausuliert erblickt der Hegel der Phänomenologie des Geistes sogar im französischen ‚Schrecken‘ (als der Robespierreschen ‚Tugend‘) ein notwendiges Durchgangsmoment des Geistes zur moralischen Welt. Der junge Hegel hatte mit seinen Freunden Hölderlin und Schelling in Tübingen einen Maibaum gepflanzt, der nachmalige preußische Staatsphilosoph ging freilich andere Wege. Aber er hat weder diesen Enthusiasmus noch das andere ‚Durchgangsmoment des Geistes’ vergessen, er erfüllt den Auftrag, den Schiller an Don Carlos ergehen lässt, er möge den Träumen seiner Jugend Achtung tragen.«199 Interessanterweise kam, wie bei Lukács schon in den dreißiger und vierziger Jahren zu erkennen, Blochs Aufwertung Goe thes später dann genau über diesen Punkt – durch die Analogisierung von Phänomenologie und Faust. Goe the wurde aus der gerade geübten Kritik ausgenommen, indem Blochs neue (und Lukács’ alte) These nun war, dass Phänomenologie und Faust zusammengehören. Das Dichterwerk ist nicht mehr charakteristisch für den Dichter und dessen Verortung, da es in den philosophischen Bereich der Denker gehört. Um dies durchführen zu können, musste Bloch den revolutions- 198 Bloch: Jubiläum der Renegaten, S. 233. 199 Ebd., S. 234. Georg Friedrich Wilhelm Hegel, Gemälde von Jakob Schlesinger, 1831 106 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe begeisterten jungen Hegel (der Hegel Lukács’) einfach zurückdrängen zu Gunsten des reifen Hegels (der Hegel der »List der Vernunft«). Wir kommen darauf gleich zurück. Das ist die Grundbedingung einer nachholenden Analogisierung. Lukács ging ja genau den umgekehrten Weg, indem er Hegels Jugendideale in Goe thes Werke projizierte. Über Blochs Jahre im Exil wurde viel geschrieben, manches Interessante, anderes Vergessenswerte. Im Fokus stand dabei oft seine Verteidigung der Schauprozesse Stalins,200 die zu Recht kritisiert wurde, nicht allein durch die damalige historische Situation zu legitimieren ist, wie Blochs Verteidiger meinten, aber bei Ausblendung des historischen Hintergrundes gleichfalls halbgar bleiben muss. (Der Streit wurde seinerzeit um das Falsche geführt.) Oskar Negt formulierte: »Die geschichtlich gestellte Alternative, die weder im Denken noch im Handeln neutrale Frontstellungen erlaubt – die Alternative nämlich: Faschismus oder Sowjetunion, gültig selbst noch auf der Ebene der Personalisierung: Hitler oder Stalin.«201 Typisch Bloch, um nur ein Beispiel zu nennen, beginnt der Aufsatz Kritik einer Prozesskritik mit Sätzen, die das Thema aus der Ferne kommend vorbereiten: »Ja, es geht heutzutage bunt her. Wer A gesagt hat, zögert B zu sagen, der ehemals Liebende umwölkt sich.«202 Oder anders formuliert: Als es noch einfach war, sich zur Sowjetunion zu bekennen, taten es viele, jetzt, wo Schatten auf die Zukunft fallen, ist die Zahl derer, die die Ideale ihrer Jugend vergessen, zu groß. Und an anderer Stelle warnte Bloch davor, dass sich »gesunde Skepsis« allzu schnell in »kranke Skepsis« verwandeln könne. Die Sowjetunion sei auch nach den Moskauer Prozessen »der Halt der gesamten antifaschistischen Front«.203 In diesem Sinne werden die Moskauer Prozesse bei Bloch »als eine Art Bewährungspro- 200 Alle wichtigen Artikel enthält der Band: Bloch: Vom Hasard zur Katastrophe. Genannt seien exemplarisch: Bloch: Feuchtwangers Moskau 1937, S. 230-235. Bloch: Halbheit, Ganzheit und die Folgen, S. 321-325. Bloch: Kritik der Propaganda, S. 195- 206. Bloch: Kritik einer Prozesskritik, S. 175-184. Bloch: Bucharins Schlusswort, S. 351-359. Siehe: Zudeick: Der Hintern des Teufels, S. 133ff., S. 146ff., S. 153ff. 201 Negt: Ernst Bloch, der deutsche Philosoph der Oktoberrevolution, S. 431. 202 Bloch: Kritik einer Prozesskritik, S. 175. 203 Alle Zitate: Ebd., S. 176. 107 6. Von Amerika nach Leipzig – Ernst Bloch be auf die Zuverlässigkeit des sozialistischen Intellektuellen und auf die Verbindlichkeit des Bekenntnisses zur Oktoberrevolution« angesehen,204 sie werden gleichsam zum Prüfstein der kollektiven marxistischen bzw. zumindest humanistischen Identität. Alle diese interessanten Entwicklungen sind leider aus unserem Buch zu verbannen, haben hier thematisch nichts zu suchen. Über verschiedene Stationen in Europa gelang Bloch schließlich mit seiner Frau die Übersiedlung nach Amerika  – dort arbeitete er an seinem philosophischen Werk, am Prinzip Hoffnung sowie dem Hegel-Buch. In diesen Jahren trat auch ein anderer Goe the in sein Leben als der eben geschilderte. Lukács arbeitete seinerseits, ebenfalls im Exil, am anderen Ende der Welt, in Moskau, auch über Hegel, intensiver noch als Bloch zu Goe the und Schiller (seine entsprechenden Arbeiten wurden teilweise bereits angesprochen). Es lässt sich nicht gesichert sagen, ob die Blochs nach dem Kriegsende nach Deutschland zurückkehren wollten, 1948 trat allerdings ein Ereignis ein, das eine Entscheidung erzwang: »Im Februar 1948 erreichte Ernst Bloch, wohnhaft Cambridge, Mass., USA, eine sicher unerwartete Nachricht aus Leipzig. In einem Brief von Werner Krauss, damals ordentlicher Professor für romanische Philologie an der Universität Leipzig, wurde dem im Exil lebenden Bloch eine Professur für Philosophie angeboten.«205 Bekannt ist, dass es an der Universität zahlreichen Widerstand gegen eine Berufung Blochs gab, erst die politischen Eliten ermöglichten schließlich seine Installierung. Am 9. Juli 1948 schrieb Bloch an den Minister für Volksbildung der Landesregierung Sachsen: »Sehr geehrter Herr Minister! Heute erhielt ich Ihr Ernennungsschreiben vom 25. Mai 1948. (…) Der schönen und großen Aufgabe, die mich erwartet, bin ich bewusst. Philosophie lehren heißt heute mehr als je: Die Schuppen von den Augen fallen lassen, den wahren Weg und das einzig Notwendige sehen lassen.«206 Im September schickte Bloch dann bereits eine Ankündigung seiner geplanten Vorlesung zur Geschichte der Philosophie, d. h. genauer zur »Darstellung der Entwicklung der dialektischen Subjekt-Objekt-Bezie- 204 Negt: Ernst Bloch, der deutsche Philosoph der Oktoberrevolution, S. 433. 205 Caysa u. a.: Einleitung, S. 22. 206 Abdruck in: Caysa u.a.: Hoffnung kann enttäuscht werden, S. 82. 108 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe hung in der deutschen klassischen Philosophie«. Der Plan sah vor, wie kann es anders sein: 6 Stunden Einleitung, 6 Stunden Fichte, 9 Stunden Schelling, 30 Stunden Hegel (unter Berücksichtigung von Engels, Marx, Feuerbach). 207 »Ich freue mich, zurückgekehrt zu sein.«208 Mit diesen Worten eröffnete Bloch im Mai 1949 seine Antrittsvorlesung in Leipzig. Die Widerstände gegen ihn waren immer noch spürbar, viele seiner Kollegen blieben der Veranstaltung fern. Bloch umriss sein Verständnis von Wissenschaft und Marxismus wie folgt – als Weg zu Kenntnis: »Die vorzüglichsten Mittel dazu sind Ökonomie und Philosophie, dialektisch-materialistische Philosophie. Letztere zu lehren und zu befördern, auf hiesiger Universität eines neuen Mittelpunkts, ist meines Amts. Es ist das Amt dieser Philosophie, immer weitere und tiefere Gebiete des Daseins mit ihr zu durchdringen. Es ist ihre Aufgabe, das gesamte Kulturerbe wachsend anzutreten und, im Unterschied zum Historismus, aktiv lebendig zu halten. Es ist ihr Anspruch und Postulat, den Satz bewähren zu können: Wer der Wahrheit nach will, muss in das mit Marx eröffnete Reich; es gibt sonst keine Wahrheit mehr, es gibt keine andere.«209 Von Bedeutung für uns ist natürlich das von Bloch abgelegte Bekenntnis zum kulturellen Erbe. Was für ihn hieß: Es war natürlich (neben Marx und Engels)210 ein Bekenntnis zu Hegel: »Marx und Engels haben Hegel, seine Phänomenologie des Geistes 207 Bloch: Ankündigung der Vorlesung, September 1948, S. 84-86. 208 Bloch: Universität, Marxismus, Philosophie, S. 270. 209 Ebd., S. 276. 210 Es gilt durchaus zu differenzieren, wir haben es zu wenig getan, auch Bloch selber ist dieser Vorwurf freilich nicht zu ersparen. Denn »den Marxismus« gibt es natürlich nicht. In einem Gespräch mit Jean-Michel Palmier antwortete Bloch 1976 auf die Frage, ob er sein Werk als »ganz und gar in der Marxschen Linie stehend« betrachte: »Ja, aber in der Tradition welches Marxismus? Sicherlich nicht des sowjetischen! Nein. Der Marxismus ist heute kein einheitliches System mehr, ebensowenig wie man von einer einzigen Form des Sozialismus sprechen kann. Selbstverständlich teile ich nicht die Anschauungen des Sowjet-Marxismus. Es gibt aber auch noch Frankreich und Italien. (…) Der von der französischen KP eingeschlagene Kurs ist sicherlich vernünftig. Es ist jedoch klar, dass man, wenn man sein ganzes Leben lang mit dem Begriff der ‚Diktatur des Proletariats’ operiert hat, nicht von heute auf morgen auf ihn verzichten kann.« Bloch: Ein Marxist hat nicht das Recht, Pessimist zu sein, S. 114f. 109 6. Von Amerika nach Leipzig – Ernst Bloch und seine Logik, seine Geschichtsphilosophie und Ästhetik, sogar seine Naturphilosophie zu einer Zeit hochgehalten, unvergessen erhalten, wo die bürgerlichen Neukantianer und andere Epigonen über Hegel Witze rissen oder über ihn sprachen als über einen toten Hund.«211 Dieses Vermächtnis, so Bloch weiter, müsse in der Gegenwart hochgehalten werden. (Wusste er zu diesem Zeitpunkt schon, konnte er ahnen, dass sich um seine Überlegungen ein Streit entfachen würde? Die Dogmatiker und Sektierer der kommunistischen Parteien hatten beschlossen, den toten Hund Hegel weiter zu prügeln.) Für Bloch war der Idealismus kein Gegenstand von gestern, nicht pure Reaktion, sondern auch Bergwerk, in dem man für die Zukunft wirken könne/müsse: »Die Dialektik selber stammt aus idealistischen Gedankengängen und lebte zuerst in ihnen. Der Marxismus entnimmt einen großen Teil seiner Überlegenheit über den alten und historischen naturwissenschaftlichen Materialismus aus der Hegelschen Philosophie, und Hegel ist unter anderem eine Art Summa der gesamten idealistischen Philosophie. Daher muss der Idealismus studiert, noch auf vielen Strecken weiter auf einen kryptomaterialistischen Sinn fruktifiziert werden; er darf nicht abstrakt-ungewusst bleiben. Bloße Gesinnungstüchtigkeit plus rasch erworbenem Schematismus macht noch keinen materialistischen Sommer. Eierschalen des Idealismus, gewiss, sie müssen weg, durchaus weg. Aber der Idealismus enthält auch Eidotter, und was für einen; kurz, das Erkenntnissubstrat von Platon bis Plotin, von Augustin bis Occam, von Descartes bis Hegel verlangt, nach ideologie-kundiger Prüfung, durchaus seine Ehre und Aufmerksamkeit.«212 * * * * * Wie bereits erwähnt war Blochs Aufsatz in den Neuen Ufern eine von dessen ersten schriftlichen Wortmeldungen in der SBZ/DDR.213 Doch bereits das Thema, Das Faustmotiv in der Phänomenologie des Geistes, ver- 211 Bloch: Universität, Marxismus, Philosophie, S. 272. 212 Ebd.e, S. 285. 213 Siehe: Rauh: Zwischen Entnazifizierung und Stalinisierung, S. 100. 110 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe weist deutlich auf die Quelle, auf den Ursprung seiner Ausführungen: Das im amerikanischen Exil entstandene Hegel-Buch: Subjekt-Objekt. Um die Analogien von Hegels Phänomenologie und Goe thes Faust, ihr gemeinsames emanzipatorisches Ringen um die Zukunft aufzeigen zu können, ist zunächst eine ganz kurze Bestimmung der Interpretation der Phänomenologie durch Bloch von Nöten. Aber erst Hegels Jugendperiode, seine Begeisterung für die Französische Revolution, ermöglicht das Verständnis, die richtige Einordnung jenes Alterswerkes, das zu Verzerrungen mehr als nur einlädt. Darin wussten sich Lukács und Harich (Mayer nur teilweise) immer einig. Bloch hat die Jugendschriften Hegels zumeist eher randständig behandelt, brachte ihnen kein gesteigertes Interesse entgegen. (Wir kommen darauf an anderer Stelle zurück.) In der SBZ und der frühen DDR war das Jugendwerk Hegels umstritten und umkämpft, da die dort enthaltene und von Lukács und Harich exakt herausgearbeitete Revolutionsbegeisterung des jungen Hegel quer stand zu der von Stalin, Shdanow und ihren ostdeutschen Apologeten (Ernst Hoffmann, Rugard Otto Gropp, Klaus Schrickel, Alfred Kosing, Joachim Höppner und andere trieben ihr Unwesen) vertretenen These des ausschließlich »reaktionären Hegel« – der von Marx und Engels nur überwundene, jedoch keinesfalls beerbte Hegel. Der junge Hegel verwies auf den jungen Marx: Und beides zielte letztlich auf die Freiheit der Diskussion, war ein Waffenarsenal gegen Dogmatismus und Sektierertum. In Subjekt-Objekt, seinem nach einigen Startschwierigkeiten und Zensurproblemen mit Verspätung in der DDR gedruckten Hegel-Buch, charakterisierte Bloch die für ihn so wichtige Phänomenologie wie folgt: »Drei Motive sozialer und ideologischer Herkunft haben sich in der Phänomenologie (erschienen 1807) vereinigt. Das Motiv des revolutionären Ich aus der Französischen Revolution, das sich zum Maß aller Dinge macht. Sodann das Motiv der souveränen mathematischen Erzeugung des Erkenntnisinhalts; dieses hat von Galilei, Hobbes, Descartes bis Kant den Stolz strenger, methodisch reiner Wissenschaftlichkeit ausgemacht. Schließlich wirkte – beidem entgegengesetzt – das Motiv der beginnenden historischen Schule. Diese, der Romantik entsprungene und durchaus nicht der 111 6. Von Amerika nach Leipzig – Ernst Bloch mathematisch-konstruktiven Aufklärung, sagte dem Räsonnement ab.«214 Und an anderer Stelle, kurz zuvor: »Die Phänomenologie des Geistes will ‚die Darstellung des erscheinenden Wissens’ sein, so eben war sie zunächst pädagogisch geplant. Das Individuum soll von seinem natürlichen Standpunkt zum wissenschaftlichen hinaufgeführt werden, zu dem sich wissenden Geist. (…) Dies soll dem Leser zugleich seine eigene philosophische Erziehung sein (…). Hier schon fällt die Ähnlichkeit des Plans zu dem in Goe thes Faust auf; bei Goe the trägt ein Zaubermantel durch die Reiche, und Faust durchfährt sie lernend, erfahrend, der Welt und seiner selbst immer genauer teilhaftig; bei Hegel ist es der ‚Siebenmeilenstiefel des Begriffs’, der das Subjekt durch die Welt bringt und Objekt wie Subjekt aneinander belehrt, miteinander durchdringt.«215 Gleichzeitig finden sich in Subjekt-Objekt auch schon erste Anmerkungen, gleichsam eine kleine Einführung, zum Verhältnis von Hegel und Goe the.216 Ein Zitat kann abschließend verdeutlichen, wie das Hegel-Buch die Arbeiten Blochs in den ersten Jahren der DDR prägte, indem es Richtung und Methode vorgab: »Dennoch, so entlegen die Phänomenologie ihre Straße zieht, gibt es ein verhältnismäßig zugänglicheres Schwesterwerk, an dem ihre Bewegung und das Ziel ihrer Fahrt immer wieder erläutert werden kann. Dies Werk ist, wie nun verständlich, Goe thes Faust, eine Dichtung, vielfach der gleichen geistigen Situation entsprungen wie die Phänomenologie. Beide sind Ausdruck des bürgerlichen Bewusstseins am Beginn der weltgeschichtlichen Sendung des Bürgertums: Der Entfesselung der Produktivkräfte. Beide zeigen den Menschen als Macher seiner Welt wie als ein sie werdend Durchschreitender.«217 Blochs Goe the-Bild 214 Bloch: Subjekt-Objekt, S. 60. 215 Ebd., S. 59. 216 Ebd., S. 75-79. 217 Ebd., S. 75f. Dort weiter zum Faust: »Faust ist das unruhige, unerfüllte Subjekt, das erfahren will, was der ganzen Menschheit zuerteilt ist. Seine Darstellung schreitet im engen Bretterhaus den ganzen Kreis der Schöpfung aus; um das Unendliche zu erreichen, geht Faust, konkret erfahrend, im Endlichen nach allen Seiten. Sein Ziel ist die Sättigung seiner gewaltigen, an sich selbst so unbestimmten Unruhe; dazu beginnt die Weltfahrt auf Mephistos Zaubermantel. Genauer bestimmt wird das Ziel in der Wette mit Mephisto; es ist negativ dieses, sich auf kein Faulbett legen zu wollen, positiv wird es dieses, zu keinem Augenblick als 112 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe fand also in der SBZ/DDR eine Heimat, in seinen Grundzügen war es aber schon vorher in den Jahres des Exils entstanden, war wie bei Mann, Lukács und Becher Teil eines intellektuellen Abwehrmechanismus gegen die faschistische Barbarei. Für uns ist dies der Punkt, an dem wir das Hegel-Buch zur Seite legen und uns dem Aufsatz in den Neuen Ufern zuwenden können. Dieser startet mit einem klaren Bekenntnis (das uns bereits vertraut ist): »Nur ein einziges philosophisches Werk gibt – aus persistenter Durchführung des weltfahrenden Motivs  – zu Goe thes Faust das Gegenstück: Hegels Phänomenologie des Geistes.«218 Diese deutliche Gleichsetzung von Goethe und Hegel war keine Selbstverständlichkeit, kein ewiges Erbteil des Marxismus (Lukács, ausgerechnet!, hatte für Bloch den Weg freigeräumt), sondern musste an diesen und in diesen hineingetragen werden. Es ging – in der konkreten historischen Situation – um die Aufwertung Hegels eben in jener Zeit, als die Debatte um Hegel ihre ersten Schatten voraus warf. (Wir erwähnten bereits A. Demals219 radikale Hegel-Kritik, die die Verbreitung des Stalin-Shdanowschen Hegel-Verdikts angekündigt hatte.) Diese aktuelle Dimension, ihre Verarbeitung im Kontext, bezeichnet den Schritt, den Bloch über Lukács hinausging. Letztlich zählt die Qualität, nicht die Quantität, nicht das pure »Mehr« an Beschäftigung. In Blochs frühen Schriften in der DDR sind derartige »oppositionelle« (der Begriff ist hier etwas ungeeignet, aber ein besserer ist auch nicht bei der Hand) Aussagen, halb versteckt, doch offen ausgesprochen eine Seltenheit. (Auch wenn seine Apologeten von Volker Caysa bis Manfred Riedel sie überall zu finden glauben. Die beste (Peter Zudeicks Der Hintern des Teufels) und die schlechteste (Arno Münsters Ernst Bloch. Eine politische B iographie) Bloch-Biographie sind sich darin – gegen die selbst-biographisch motidem der substanziellen Erfüllung sagen zu können: Verweile doch, du bist so schön. Die Intention auf diesen Augenblick ist der Hegelschen Intention des Fürsichseins durchaus verwandt, obwohl der Inhalt der Faustwette sich bedeutend weniger im reinen Geist aufhält, bedeutend mehr auf Welt um den Menschen geht.« (Ebd., S. 76) 218 Bloch: Das Faustmotiv in der Phänomenologie des Geistes, S. 161. 219 Demal: Wurzeln der nazistischen Ideologie in der Philosophie Hegels, S. 171-176. 113 6. Von Amerika nach Leipzig – Ernst Bloch vierte Geschichtsverdrehung– einig.)220 Um so interessanter ist es, dass sie sich ausgerechnet bei der Wahrnehmung von Goe the und Hegel finden, eruieren lassen. Zur Hegel-Debatte ist an anderer Stelle Position zu beziehen. Hier kann der Hinweis genügen, dass die Analogisierung von Hegel und Goe the intellektueller Protest war, die den Zweck hatte, Hegel vor dem Vorwurf in Schutz zu nehmen, dass dessen Philosophie »aristokratische Reaktion auf die Französische Revolution« darstelle – wie ja Shdanow behauptet hatte mit Verweis auf Stalin.221 Was übrigens eine völlig paradoxe Situation nach sich zog. Kurt Hager, der Blochs Hegel-Buch persönlich überprüfte, ließ diesem über Walter Janka mitteilen: »Es muss allerdings gesagt werden, dass unseres Erachtens in diesem Werk nicht klar zum Ausdruck kommen: 1) Die Einschätzung Stalins, Hegel sei der Ideologe der aristokratischen Reaktion gegen die Französische Revolution, 2) die grundlegende Umwälzung in der Philosophie durch den dialektischen Materialismus.«222 Die Pointe war nun, dass es eine entsprechende Stalin-Äußerung gar nicht gab, die Dogmatiker der DDR beriefen sich auf ein nicht-existentes Dogma. Vor allem Harich und Bloch kämpften gegen diesen Unfug an und verwiesen auf Stalins Anarchismus oder Sozialismus?, in dem dieser Hegel gerade genau andersherum charakterisiert hatte.223 Harich musste wegen seiner Meinungsäußerungen (die auf der Basis von Lukács’ Der junge Hegel erfolgten und Blochs Positionierung dabei durchaus im – auch kritischen – Blick hatten) sogar ein Parteiverfahren über sich ergehen lassen, bei dem ihm letztendlich seine russischen Freunde halfen.224 Der versammelten Parteielite der Berliner Humboldt-Universi- 220 Weiterführende Hinweise liefert der Aufsatz: Amberger/Heyer: Theorie und Praxis, S. 107-126. 221 Shdanow: Kritische Bemerkungen zu G. F. Alexandrows Buch: Geschichte der westeuropäischen Philosophie, S. 80-114. Diese verheerende Schrift ist an anderer Stelle ausführlicher darzustellen. 222 Janka: Brief an Ernst Bloch vom 6. Juni 1951, S. 38. 223 Siehe exemplarisch: Bloch: Brief an Erich Wendt vom 12. Juni 1951, S. 39-40. Die entsprechenden Wortmeldungen Harichs finden sich in dem Band: An der ideologischen Front. 224 Harich geriet ja in die Parteikritik mit seinen Vorlesungen an der Berliner HU, die Vorwürfe gingen bis hin zur angeblichen feindlichen Einstellung zur Sowjet- 114 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe tät rief er zu: »Ich lasse auf Hegel nicht scheißen.«225 (Wir haben dies im Vorwort bereits erwähnt.) Gegen solche Windmühlen mussten die Intellektuellen der DDR kämpfen, Don Quichotte war es gelungen, sich als Minister zu verkleiden. Es war gleichsam ein programmatischer Entwurf und Einwurf, wenn Bloch jenen Zeitgeist, der Goe the zum Fauststoff führte, in Hegels Biographie hineindeutete. »Die gesellschaftlich-geschichtlichen Antriebe, aus denen Goe the den Urfaust geschrieben hatte, 1774/1775, ein wenig nach Hegels Geburt, die Antriebe des revolutionären Bürgertums wirkten noch lange in Hegels Jugendzeit hinein. Es waren die gleichen, die den jungen Hegel einen Maibaum pflanzen ließen, die ihn mit dem Citoyen des Hölderlinschen Griechenland verbanden, mit dieser freien Polis und der glücklich scheinenden Alleins-Natur. Die Phänomenologie selber, gewiss, sie hat mit dem jakobinischen Maibaum nichts mehr gemein, auch ihr war der Thermidor gekommen, der die Französische Revolution beendet hat. Aber desto näher stand sie eben deshalb wieder dem späteren Goe theschen Ausgleich mit der Welt, das ist, dem wechselwirkenden Ich-Objekt-Bezug, als demjenigen, worin zwar nicht das Subjekt des Urfaust (…), wohl aber das des Faustfragments sich Welt erfahrend hindurch bewegt.«226 Den Weg von dem Faustmotiv-Aufsatz bis zum Prinzip Hoffnung deutete auch Henrik Fronzek aus und benannte dabei vor allem die Bedeutung Fausts, von Figur und Werk, für Blochs Denken: »Im Faust erblickt Bloch eine quasi-historische Leitfigur, für die an der Schwelle des Epochenumbruchs vom Feudalismus zum Kapitalismus innerweltliche Grenzüberschreitung und metaphysische Entgrenzung in der Utopie des absoluten Augenblicks konvergieren. Fausts finale Hinwendung zur schöpferischen Tat offenbare, so Bloch sinngemäß, seinen über das rein Titanische hinausgehenden promethischen Charakter. (…) Eine starke, wissenschaft, und wendete sich an seine russischen Freunde, die sein Hegel-Bild mit den folgenden Worten kennzeichneten: »Genosse Harich, Sie nix Feind der Sowjetunion, im Gegenteil, Sie guter Freund.« Wiedergabe nach: Eckholdt: Begegnung mit Harich, S. 49. Dort weitere Hinweise. 225 Warnke: Bemerkungen zu Wolfgang Harichs Philosophievorlesungen etc., S. 159-166. 226 Bloch: Das Faustmotiv in der Phänomenologie des Geistes, S. 162f. 115 6. Von Amerika nach Leipzig – Ernst Bloch keineswegs zufällige Affinität attestierte Bloch Goe thes Faust und Hegels Phänomenologie.«227 Welche Momente sind es, die – in/aus der Perspektive Blochs – Phänomenologie und Faust verbinden? Folgen wir seinen Spuren: 1) Beide Werke reagieren auf ihre Zeit, sind Ausdruck des sich nun endlich auch, überaus verspätet, in Deutschland regenden bürgerlichen Geistes. Sie stehen beide »im Sonnenaufgang der deutschen bürgerlichen Gesellschaft«228 und haben daher zuvorderst optimistische Tendenzen, sind uneingelöste Versprechen auf die Zukunft. Gleichzeitig spiegeln sie auch die Schwächen der bürgerlichen Welt wider, sie »enthalten das Ringen der bürgerlichen Individualität um volle Selbstentfaltung und zugleich um volle Einbeziehung der Welt in diese Individualität«.229 2) In diesem Sinne eignet ihnen eine Dynamik, die sie nach vorn treibt, dazu bringt, immer wieder aufs Neue zu beginnen, die Zukunft ins Visier zu nehmen. Gerade in Hegels Phänomenologie kann man ja studieren, das ist der Ansatz von Lukács, Bloch und Harich, wie derselbe Entwicklungsgang immer wieder und auf nächster Stufe in Angriff genommen und durchlaufen wird. (Harich hat die entsprechenden Ausführungen von Lukács in seiner Hegel-Vorlesung präzisiert.)230 Phänomenologie und Faust rasten nicht, sondern sind und verbürgen permanente Entwicklung, das »immer weiter« zu den Grenzen der bürgerlichen Gesellschaft, im Falle Hegels letztlich, als Abbiegung, in die Mitte des preußischen Staates. In Subjekt-Objekt hat Bloch diese Prozesse geschildert. Dort ist auch zu lesen: »Die Konsonanz enthält die Dissonanz und führt zu neuen Konsonanzen, die sich gleichfalls immer wieder entzweien, so lange, bis das ‚Unzulängliche Ereignis’ geworden, bis, wie Hegel formuliert, ‚der Geist die Zeit tilgt und seinen reinen Begriff erfasst‘. Die Einleitung zur Phänomenologie erläutert derart den Faustplan fast ebenso wie den der Phänomenologie; beide sind geeint im Fahrtmotiv, in der dialektisch sich hocharbeitenden 227 Fronzek: Klassik-Rezeption und Literaturunterricht in der SBZ/DDR, S. 109. 228 Bloch: Das Faustmotiv in der Phänomenologie des Geistes, S. 163. 229 Ebd., S. 165. 230 Siehe vor allem die Sitzungen Enzyklopädie und Phänomenologie (7. März 1956), Zur Phänomenologie (9. März 1956), Phänomenologie des Geistes. 2. Teil (14. März 1956) der Hegel-Vorlesung, in: Harich: An der ideologischen Front, S. 699-711. 116 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe Subjekt-Objekt-, Objekt-Subjekt-Durchdringung.«231 Es ist eindeutig, wo dieses Hegel-Bild Blochs seinen originären, kaum verborgenen Ursprung hat: Im Zentrum des intentionalen Utopiebegriffs, der so unterschiedliche Denker wie Bloch, Gustav Landauer (Aufruf zum Sozialismus und Die Revolution), Karl Mannheim (Ideologie und Utopie) oder Martin Buber (Der utopische Sozialismus) vereint.232 Es ist fast so, also habe Landauer die Feder in den entsprechenden Bloch-Passagen geführt, erinnert sei nur an seine Bestimmung von Topie und Utopie. Ebenfalls ein sich permanent erneuernder, nie zur Ruhe kommender Prozess – mit dem Bloch-Landauerschen Ziel der ständigen Erneuerung »des Utopischen«.233 3) Goe the und Hegel hätten die bürgerliche Welt nicht nur bejaht, sie haben nicht nur ihre Widersprüche gesehen, sondern, gleichsam um Chance und Fehltritt zu vermitteln, Ansätze und Ausführungen des dialektischen Denkens hervorgebracht. Damit ist bei Bloch nicht nur die Dialektik von Herr und Knecht gemeint234, sondern er interpretiert 231 Bloch: Subjekt-Objekt, S. 76f. 232 Aufgearbeitet bei: Heyer: Freiheit im Nirgendwo, S. 91-130. 233 Der Begriff der Revolution ist eine der zentralen Denkkategorien Landauers: Denn er verweist auf die Definition und Stellung der Utopie, die bei ihm als Gegenpart der Topie erscheint. Letztere liegt vor, wenn ein geschichtlich stabiler Zustand erreicht ist. »Dies allgemeine und umfassende Gemenge des Mitlebens im Zustand relativer Stabilität nennen wir: die Topie. Die Topie schafft allen Wohlstand, alle Sättigung und allen Hunger, alle Behausung und alle Obdachlosigkeit; die Topie ordnet alle Angelegenheiten des Miteinanderlebens der Menschen, führt Kriege nach Außen, exportiert und importiert, verschließt oder öffnet die Grenzen; die Topie bildet den Geist und die Dummheit aus, gewöhnt an Anstand und Lasterhaftigkeit, schafft Glück und Unglück, Zufriedenheit und Unzufriedenheit.« Der Zustand einer Topie ist ein allumfassender und über das nötige Maß hinaus regelnder. In seinem Rahmen sind Entwicklungen möglich, ohne dass die gesetzten Grenzen ihr Profil verlieren. Die Topie ist das, was ist. Sie erzeugt dadurch aber über kurz oder lang den Widerspruch des Individuums, im Sinne dieser Interpretation Träger der Utopie, des fundamental-radikalen Widerstandes gegen die Topie. Dies ist die Aufgabe der Utopie. Sie organisiert die Kritik an der Topie, an der jeweiligen Gegenwart. In dem Moment jedoch, wo ihr Wirken in der Wirklichkeit Erfolg hat, wird sie selbst zur Topie. Diese Konstruktion sichert vor allem ein theoretisches Konzept Landauers ab: Die Offenheit der Geschichte. Zitat: Landauer: Die Revolution, S. 12. 234 Hierzu neuerdings mit einigen Fehlern, aber auch interessanten Hinweisen: Birk ner: Herr und Knecht in der literarischen Diskussion seit der Aufklärung. Siehe 117 6. Von Amerika nach Leipzig – Ernst Bloch Goe thes Ausspruch »Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage.« als »völlig klassische Formel des dialektischen Umschlags«. Ebenso jene Sätze, mit denen Mephisto sich vorstellt – als die Kraft, »die stets das Böse will und stets das Gute schafft«.235 Zu Hegel und der Dialektik muss hier nichts mehr gesagt werden, eine gewisse Beschlagenheit in der Geschichte der Philosophie ist vorausgesetzt. Wichtig ist, darauf hinzuweisen, dass »der Widerspruch von ‚Leben‘ und ‚toter Objektivität‘ (…) schon das Denken des jungen Hegel bewegt« hatte.236 Hegels Dialektik wurzle also in demselben Grund, aus dem seine ganze Philosophie erwachse. Eine deutliche Stellungnahme gegen jedwede Verdammung Hegels als »aristokratische Reaktion«. Und eben hier ist auch der Grund dafür, dass sich Lukács in seinem Hegel-Buch eine Beschränkung auferlegte, heißt es doch Der junge Hegel und diente dem exakten Nachweis dieser Überlegungen/Thesen (die Bloch nur antippte, gleichsam im Vorbeigehen in Richtung Phänomenologie). Bei Bloch ist zu lesen: »Der Widerspruch ist, wie Hegels Logik sagt, aber die Phänomenologie bereits belegen will, ‚die Wurzel aller Bewegung und Lebendigkeit, nur insofern etwas in sich einen Widerspruch hat, bewegt es sich, hat Triebe und Tätigkeit‘. Wobei die Einheit des Ausgleichs keineswegs in Harmonie zwischen den Gegensätzen ausläuft, gar die konstante Statik vor der Entzweiung wiederherstellt.«237 Hinzu trete schließlich noch, dies war Bloch wichtig, dass die Dialektik sich nicht nur auf theoretischer Ebene Bahn breche, sondern auch »Realprobleme der Dialektik« dem Faust und der Phänomenologie immanent sind, »mindest als Horizont«.238 Diesen Gedankengang hat Bloch später, im Prinzip Hoffnung, erneut aufgegriffen. Dort ist zu lesen: »Die Handlungsform im Faust legitimiert sich hegelianisch, das ist durch die dauernde dialektische Beziehung des Bewusstseins auf seinen Gegenstand, wodurch diese beiden sich fortwährend genauer bestimmen, bis eine Identität von Subjekt und Objekt entauch Bloch am Ende seines Lebens in: Bloch: »Humanisierung des Arbeitsplatzes«, S. 391-398. 235 Bloch: Das Faustmotiv in der Phänomenologie des Geistes, S. 170f. 236 Ebd., S. 171. 237 Ebd., S. 172. 238 Ebd., S. 173. 118 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe wickelt ist. Aber die Kerndialektik der Phänomenologie legitimiert sich erst durch Fausts sich erfüllende Intensität und Moralität des intendierten Augenblicks; hieran erst erweist sich, einschlagend, was Hegel als besseres Wissen des Fürsichseins setzt.«239 4) Ein weiteres Ergebnis der Bezogenheit von Goe the und Hegel auf die erwachenden Wünsche und Hoffnungen der deutschen bürgerlichen Gesellschaft bestehe in der Zielfixierung ihrer Werke. Es ist klar, was einmal sein soll, der Weg und die Umwege sind Herausforderungen an den Einzelnen und die Gesellschaft. Bei Lukács heißt es gleichlautend, dass der Weg zur allgemeinen Aufwärtsentwicklung der Menschheit durch individuelle Tragödien führe, wie sowohl Goe the als auch Hegel begriffen hätten. Erneut verwies Bloch hier implizit auf sein Hegel-Buch, in dem zu erfahren ist: »Die Phänomenologie enthält aber erst recht Kritik am Bestehenden oder noch Bestehenden; so in der erwähnten Darstellung des ‚unglücklichen Bewusstseins’, als einer Kritik an der römischen Kirche; so in der Darstellung des ‚geistigen Tierreichs oder Betrugs’, als einer Kritik an dem individuellen Interesse, das sich hinter geistigen Phrasen verbirgt. Solche Kritik macht den Frieden mit der Welt, zu dem die Phänomenologie im Einklang mit der historischen Schule neigt, weit weniger penetrant, als es den Anschein hat. (…) So kontemplativ sich auch die Phänomenologie verhält, so sehr ihr Subjekt nur der Geist ist, so lebhaft ist hinter diesem Subjekt doch der reelle Mensch mit seinem Willen, mit seiner reell umgestaltenden Arbeit erkennbar. Und so stark ist damit die reelle Dialektik angekündigt, die bisher immer wieder aus verjährter Vernunft Unsinn werden ließ und frische Vernunft ansetzte.«240 5) Blochs Vermessung gipfelt in der Aussage: »Der Mensch als Frage, die Welt als Antwort: Diese Goe thesch-Hegelsche Zuwendung nach au- ßen ist ebenso ein immer wieder erneuter Start vom Menschen her. Vom strebenden Sichbemühen Fausts, von Hegels Lebendigkeit des Selbst her. (…) Die so verstandene Prävalenz des Subjekts über den jeweiligen Umkreis von Gesellschaft und Natur begründet die wahrhaft genetische Me- 239 Bloch: Das Prinzip Hoffnung, S. 1199. 240 Bloch: Subjekt-Objekt, S. 77. Noch einmal sei an den intentionalen Utopiebegriff und an Landauer erinnert, dessen Denken auch in diesen Passagen durchschimmert. 119 6. Von Amerika nach Leipzig – Ernst Bloch thode. (…) Der Mensch als Frage und die Welt als Antwort, das bedeutet darum bei den konkret bewegten Subjekt-Objekt-Bezügen Goe thes und Hegels ebenso: Die Welt als Frage, der Mensch als Antwort – nämlich der zu sich gekommene Mensch in einer mit ihm vermittelten, begriffenen, humanisierten Notwendigkeit und Natur.«241 Es ist die Arbeit, die in letzter Konsequenz die Erzeugungsgeschichte des Menschen und seiner Welt begreiflich macht und zur Darstellung zwingt – im Faust und in der Phänomenologie. Das Bekenntnis zu Goe the war in der DDR Konsens zwischen den Parteieneliten und den führenden Intellektuellen – Motivation und Illustration des gemeinsam unternommenen Aufbruchs zugleich, das können wir schon an dieser Stelle konstatieren. Über diesen Umweg Hegel aufzuwerten, seine Philosophie in die nicht durch Vorurteile belastete Diskussion zu bringen, den Begriff des Erbantritts samt seiner Inhalte ständig neu zu überprüfen: Dies war das charakteristische Moment des Denkens von Bloch, Lukács, Harich und so manch anderem Intellektuellen, Theoretiker und Schriftsteller – unabhängig davon, ob der Einzelne nun später in der Partei Karriere machte oder in Konflikte mit dieser geriet. Die Analogisierung von Faust und Phänomenologie blieb eine der Konstanten im Blochschen Denken – vom Subjekt-Objekt über verschiedene Aufsätze und Vorträge in der DDR und das Prinzip Hoffnung242 bis hin zum Tübinger Alterswerk. Wir müssen an dieser Stelle aber noch einmal einen Schritt zurückgehen, zum ersten Punkt der gerade wiedergegebenen Aufzählung. Denn auch das Wurzeln Goe thes in den emanzipatorischen Potenzialen der entstehenden bürgerlichen Bewegung und Denkart im 241 Bloch: Das Faustmotiv in der Phänomenologie des Geistes, S. 177. Im Prinzip Hoffnung heißt es: »Hegel macht in der Phänomenologie die große philosophische Kavalierstour an die Höfe der Welt, und fehlt ihm Fausts Zaubermantel, so besitzt er die ‚Siebenmeilenstiefel des Begriffs’. Im Faust wie im Phänomenologiegeist ist immer neu die Lust entzündet, sich als Frage, die Welt als Antwort, aber auch die Welt als Frage und sich als Antwort zu vernehmen. Immer wieder fährt das Subjekt durchs Objekt als einem antwortenden Gegenstand zu jeweiligen Subjektart hindurch, immer wieder wird mittels des Objekts selber, in seiner Durcherfahrung, eine neue Subjektstufe betreten.« Bloch: Das Prinzip Hoffnung, S. 1196. 242 In diesem ist ein Unterkapitel betitelt: Faust, Hegels Phänomenologie und das Ereignis. Ebd, S. 1194-1201. 120 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe letzten Drittel des 18. Jahrhunderts ist zwar einerseits durchaus ein Faktum, andererseits aber bereits Interpretation. So überrascht es nicht, dass im dritten und letzten Band des Prinzip Hoffnung Bloch sich intensiv mit der bürgerlichen Aufbruchzeit in Deutschland beschäftigte. Man muss sicherlich nicht so weit gehen, darin autobiographische Momente zu erkennen,243 aber es ist schon so, dass Bloch mehr beschrieb als nur historische Ereignisse, dass der große Hoffnungshorizont jener Generation, die kurz vor der Französischen Revolution mit der eigenen deutschen Misere klar zu kommen versuchte, in verschiedenen Zügen an jene nicht abgegoltenen, kaum eingelösten Versprechen erinnert und erinnern sollte, mit denen die sozialistische Umgestaltung eines kleinen Stückchens Deutschland nach 1945 begonnen hatte, pointierter Weise jener Teil, der (mehr als nur) geographisch Jena und Weimar umfasste. Die Jugend sei um 1770 nicht mehr bereit gewesen, die gegebene Zustände zu akzeptieren. Aus der Passivität ihrer leidenden Eltern trat sie heraus, Aufbruchstimmung und Kraft gleichermaßen in sich vereinend. Es sei eine Zeit der bürgerlich-revolutionären Unruhe gewesen, die Revolution schien sich auch in Deutschland vorzubereiten und scheiterte dann doch, ja, kam noch nicht einmal in den ersten Anfängen zu Stande. Die Revolution war vorbei, bevor sie begonnen hatte. So wurde sie nicht Sache der Menschheit, nicht der Gesellschaft, sondern des Individuums. »Das war die deutsche, höchst deutsche Zeitenwende, Mischwende, die Goe thes Jugend umgab – eine bürgerliche Revolution, trotz fehlendem Bürgertum dahinter, trotz der glühenden Unklarheit. Aus dem schmalen, auf Avantgarde und Jugend beschränkten Wesen kam diese übersteigerte, 243 Manfred Riedel hat ja Seite um Seite seines Buches über Bloch dem »Nachweis« gewidmet, dass Bloch, wo immer er über irgend eine historische Person sprach, die mit den Obrigkeiten in Konflikt stand – die Bandbreite reicht von Thomasius bis Nietzsche – eigentlich von sich selbst erzählte. Eine absurde These aus der Parallelwelt der Bloch-Apologie, die hier nicht kommentiert zu werden braucht. Nachzulesen in: Riedel: Tradition und Utopie. 121 6. Von Amerika nach Leipzig – Ernst Bloch aber auch fassliche Kategorie: Sturm und Drang, als die von Jugend, utopischer Überfülltheit zusammen.«244 Goe the habe genau diesen Zeitgeist verkörpert (der in diesem Zusammenhang nicht erwähnte Hegel ebenso, von Schiller ist an anderer Stelle – analog – zu sprechen). Und wie der bürgerliche Geist im Allgemeinen scheiterte, so zerbrachen auch die Hoffnungen von Goe the und Hegel, endeten in der – marxistisch gesprochen – zeitgemäßen, »an der Zeit seienden« Versöhnung mit der Wirklichkeit – die ihren höchsten theoretischen Ausdruck fand bei: Goe the und Hegel. »Opposition gegen die Obergewalt, und das kann auch lediglich Palastrevolution sein – und der spätere Goe the hat sich auf den Begriff der Palastrevolution beschränkt –, doch um 1770, in der aufsteigenden Epoche des Bürgertums, enthielt die Opposition ein Leben, das sich in bloßem Austausch der Fassaden nicht erschöpfen wollte.«245 Harich sah diese Zeit in seiner Hegel-Vorlesung 1956 etwas anders als Bloch und notierte in seinem Manuskript die Stichpunkte: »Philiströs, spießerhaft, altklug und alltäglich und vor allem: eine jedes Schwungs und jedes Feuers entbehrende durch und durch prosaische Natur. (…) Frei von der Sentimentalität des Sturm und Drang. Nichts von jenem Kultus der Individualität, von jener hypochondrischen Selbstbeobachtung, jenem Schöntun mit sich selbst, wie es sich in der bürgerlichen Intelligenz in Folge der allgemeinen Verödung des öffentlichen Lebens, durch den Mangel großer und allgemeiner Interessen in Deutschland ausgebildet hatte. Ungeheure Objektivität. Riesiger Tatsachen- und Stoffhunger, der alles Wissenswerte in die Scheuern umfangrei- 244 Bloch: Das Prinzip Hoffnung, S. 1148. An anderer Stelle heißt es: »So kam der Glut einer Jugend eben die neue und besondere einer Zeitwende hinzu, die bürgerlich-revolutionäre Unruhe, wie sie gegen Leibeigenschaft, Regelzwang, Despotie und ‚Unnatur‘ sich empörte. Die Stürmer und Dränger insgesamt hatten das Glück, nicht nur subjektiv, auch objektiv so alt zu sein wie ihr Zeitalter und mit den Tendenzen des endlich erwachenden deutschen Bürgertums sich im Einklang zu fühlen. (…) Bürgerliche Revolution schien sich in Deutschland vorzubereiten, die dann doch nicht kam; und sie verwandte, bei der geringen kapitalistischen Entwicklung des Landes, nicht den kalkulierenden, regulierenden Verstand. Sie sprach wild-vages Freiheits- und Vaterlandsgefühl an, irrationale Schwärmerei, wie sie einem noch halbbarocken, nämlich pietistischen Kleinbürgertum, aber auch der Jugend lag.« (Ebd., S. 1146f.) 245 Ebd, S. 1150. 122 Andreas Heyer: Der gereimte Genosse | Teil 1: Das Erbe cher, immerfort wachsender Exzerpte einheimst. Nüchternes Interesse für die Sachen. Spezielles Interesse für die Geschichte, die er bereits in seinen ersten Anfängen philosophisch zu verstehen sucht.«246 Über Hegel war zu sprechen. Nur von Hegel? Lukács seinerseits hatte, um das Bild hier zu komplettieren, formuliert, »dass schon der junge Hegel gegen den plebejischen Jakobinismus feindlich eingestellt gewesen ist. Die Sonderstellung Hegels unter seinen deutschen Zeitgenossen liegt auch nicht in seinem politischen Radikalismus. Nicht nur Forster ging in dieser Frage viel weiter – er tat es auch praktisch –, sondern auch Fichte; und ältere Aufklärer wie Herder oder Wieland bewahrten viel länger eine lebendige Sympathie auch mit den Extremen der Französischen Revolution. Hegels spezielle Position liegt darin, dass er zwar von Anfang an den äußersten linken Flügel der Französischen Revolution ablehnt, jedoch sein ganzes Leben lang unerschütterlich an dem Gedanken der historischen Notwendigkeit dieser Revolution festhält, dass er bis an sein Lebensende in ihr die Grundlage der modernen bürgerlichen Gesellschaft erblickt. Freilich ändern sich in Bezug auf die bürgerliche Gesellschaft seine Anschauungen sehr energisch. In der Berner Jugendperiode (…) sieht Hegel, trotz seiner Ablehnung der Robespierreschen Politik, hier die Grundlage der kommenden Erneuerung der Gesellschaft. Später, nach der Frankfurter Krise, als er zu einer tieferen Einsicht in das ökonomische Wesen der bürgerlichen Gesellschaft gekommen ist, betrachtet er die Französische Revolution nicht mehr als den Anstoß, als das Vehikel zu einer zukünftigen Erneuerung der Gesellschaft, sondern im Gegenteil als die historisch vergangene, aber historisch notwendige Grundlage der Wirklichkeit, wie sie eben in der Gesellschaft seiner Gegenwart besteht. Dabei kommt er zu einer, freilich historisch temperierten Begeisterung auch für die radikalen Seiten der Französischen Revolution.«247 (Harich seinerseits, das sei ergänzt, hatte diese Passage aus Lukács’ Der junge Hegel in seiner Vorlesung zitiert.) Die beiden Kapitel, in denen sich Bloch im Prinzip Hoffnung mit Goethe und Hegel auseinandersetzte, sind überschrieben – einerseits ziem- 246 Harich: Hegel-Vorlesung, S. 468f. 247 Lukács: Der junge Hegel und die Probleme der kapitalistischen Gesellschaft, S. 40f. 123 6. Von Amerika nach Leipzig – Ernst Bloch lich banal – Der junge Goe the, Nicht-Entsagung, Ariel und – andererseits überaus programmatisch – Leitfiguren der Grenzüberschreitung; Faust und die Wette um den erfüllten Augenblick. Auch wenn Goe the und Hegel im Alter den Ausgleich mit der Wirklichkeit suchten, Hegel sicherlich noch deutlicher als der Weimarer Politiker, zu dem Goe the ebenfalls geworden war, die Motive ihrer Jugend seien Leitfiguren der Grenzüberschreitung. Zu fragen wäre allerdings, ob sich Goe the und Hegel nach der Französischen Revolution noch von diesen Leitfiguren »leiten«, gar »verleiten« ließen. Wie Bloch vielleicht sagen würde: Zweifel verschwinden nicht in der Abenddämmerung. Aber erst dann fängt Hegels Eule an zu fliegen. Tägliche Rundschau«, 1948 Wolfgang Harich im Alter von 18 Jahren

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References

Zusammenfassung

Um Faschismus und Krieg für immer von deutschem Boden fernzuhalten, unternahmen die führenden Persönlichkeiten in der SBZ/DDR von Anfang an vieles, um an die verschütteten Traditionen des humanistischen kulturellen Erbes der Vergangenheit anzuknüpfen. Ein Konsens, der die russischen Kulturoffiziere ebenso umfasste wie Parteipolitiker der SED und die philosophische Elite.

1949 stand im Zeichen Johann Wolfgang Goethes. Neben dem im Westen als Skandal empfundenen Auftritt Thomas Manns in Weimar kam es zu zahlreichen Veranstaltungen und Wortmeldungen zu Goethe: Johannes R. Becher, Paul Rilla, Georg Lukács, Wolfgang Harich, Ernst Bloch, Hans Mayer – das sind die Protagonisten des vorliegenden Buches, deren Goethe-Verständnis nachgezeichnet wird.

Dabei werden zuerst die Jahre zwischen 1949 und 1956 fokussiert. Nach den Umbrüchen in der DDR arbeiten aber gerade die marxistischen Philosophen Lukács, Bloch und Harich weiter zum kulturellen Erbe. Ein Prozess, der zum Abschluss untersucht und dargestellt wird. Zudem bietet der Band verschiedene Seitenblicke: Auf Schiller und Heine oder die Geschichte der Krisenzeit von 1956.

Eine Reise durch die DDR – anhand von Goethe, mit Goethe, auf der Suche nach der Identität des kleineren deutschen Staates.