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Andreas Heyer

Der gereimte Genosse, page 1 - 12

Goethe in der SBZ/DDR

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3992-2, ISBN online: 978-3-8288-6695-9, https://doi.org/10.5771/9783828866959-1

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Andreas Heyer Der gereimte Genosse Andreas Heyer Der gereimte Genosse Goe the in der SBZ/DDR Tectum Andreas Heyer Der gereimte Genosse. Goe the in der SBZ/DDR. © Tectum – ein Verlag der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2017 ISBN 978-3-8288-6695-9 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Buch unter der ISBN 978-3-8288-3992-2 im Tectum Verlag erschienen.) Umschlagabbildung: Goethe-Schiller-Denkmal auf dem Theaterplatz in Weimar, 2015; Fotografie von Wikimedia-User »Ad Meskens«; https://upload.wikimedia. org/ wikipedia/commons/1/11/Weimar_Goethe-Schiller-Denkmal_02.JPG (CC-BY-SA 4.0) Ergänzende Bildnachweise: 28 | Bundesarchiv Bild 183-68776-0001, Weimar; 50 | Bundesarchiv; 51 | Bundesarchiv Bild 183-30557-0008, Foto von Horst Sturm, 14. Mai 1955; 52 | Bundesarchiv Bild 183-30557-0004; 55 | Bundesarchiv Bild 183-H25661; 68 | Bundesarchiv, Bild 183-81659-0008; 69 | Bundesarchiv, Bild 183-M0213-0307; 74 | Sächsische Landesbibliothek; 76 | Bundesarchiv Bild 183-30536-0001, Fotografie von Helmut Schaar, 13. Mai 1955; 83 | Bundesarchiv, Bild 183-59131-007, Foto von Hans-Günter Quaschinsky, 14. Oktober 1958; 101 | Bundesarchiv Bild 183-27348-0008, Foto von Hans-Günter Quaschinsky, 8. November 1954; 143 | Bundesarchiv, Bild 183-15304-0097; 151 | Bundesarchiv Bild 183-C0826-0014-001, Foto von Joachim Spremberg, 26. August 1964; 158 | Bundesarchiv, Bild: 183-27389-0001, Foto von Krueger, 10. Novem-ber 1954; 260 li. | Antiquariat Dr. Haack Leipzig; 310 | Bundesarchiv, Bild 183-19204-2132; 320 | Bundesarchiv , Bild 183-33285-0009, Foto Heilig, 6. Oktober 1955; 321 | Bun-desarchiv Bild 183-35545-0009, Foto von Krueger, 13. Januar 1956; 344 | Bundesarchiv Bild 183-15304-0097, Foto von Horst Sturm, 3. Juli 1952; 409 | Bundesarchiv Alle Rechte vorbehalten Besuchen Sie uns im Internet www.tectum-verlag.de Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. 5 Vorwort Vor einigen Jahren hatte ich einen großartigen Plan. Es ging darum, die Philosophie, die Wissenschaften der DDR dadurch verständlich zu machen, dass ihre Ursprünge wahrgenommen werden und in den Mittelpunkt der Interpretation rücken. Klar war, dass die Debatten um das anzutretende Erbe der Schlüssel sein müssten. Die SBZ und spätere DDR schwebten nicht im luftleeren Raum, entstanden dort schon gar nicht. Sie wollten das auch nicht, sondern suchten bewusst Anschluss an »ihre« Tradition, die zuvor freilich erst einmal genau bestimmt und exakt vermessen werden musste. Entwickelt hatte sich diese Idee im Zuge der Herausgabe der Nachgelassenen Schriften von Wolfgang Harich. Denn eben darum drehten sich wichtige Teile seines Schaffens – um die so banal klingende Frage, welche Theoretiker, Politiker, Schriftsteller, Künstler usw. durch ihr Wirken und mit ihrem Wirken im Sozialismus einen Platz finden sollten. Ich verfasste verschiedene kleinere Arbeiten, beispielsweise zur Rezeption Jean-Jacques Rousseaus in der DDR, zur Wahrnehmung Friedrich Jodls, zur Logikdebatte der jungen DDR-Philosophie, zum Streit um Hegel, über Kant. Doch so bedeutsam all dies ist, man muss, das stand und steht mir deutlich vor Augen, über eine wichtige Rampe hinüber, um zum Erbe-Verständnis der DDR vorzudringen. Und diese Rampe, auf die euphorisch mit viel Schwung zuzurollen ist, um sie in ihrer Gänze zu bewältigen, von ihr abspringen zu können, hat einen Namen: Johann Wolfgang Goe the. Die DDR, die sich immer als Zukunft, als schon verwirklichte Zukunft verstand, bestimmte ihr Fundament teilweise über die Vergangen- 6 heit. Jubiläen waren in diesem Sinne Veranstaltungen, in denen um die eigene Identität gerungen wurde. Der Begriff des Erbes wird oft fallen – denn genau darum ging es: In welcher Tradition will man stehen? Wer hat Sozialismus und Humanismus vorbereitet? An welche Knotenpunkte der Geschichte knüpft die Entwicklung des Sozialismus an? Dem Goethejahr 1949 kam dabei besondere Bedeutung zu. Es ist der Anlass des vorliegenden Buches. Um Goe the also dreht es sich? Ja, auch, aber nicht ausschließlich. Denn es geht ja nicht um diesen selbst, sondern darum, was über ihn gesagt wurde, wie er verstanden und missverstanden Einzug in die DDR fand. Wenn man sich die in diesem Buch reflektierten Positionen der Intellektuellen anschaut, die die ersten Jahre der DDR prägten, dann fällt zudem sofort auf, dass in den entsprechenden Interpretationen nicht Goe the und Schiller nebeneinanderstehen, sondern Goe the und Hegel. Manchmal verschlägt es einem fast den Atem – bei der Lektüre der Schriften, die nicht mit der DDR untergegangen sind (da sie anderes markieren). Um Goe the soll der Aufsatz, die Rede, das Buch gehen, und ab der dritten Zeile wird über Hegel geredet. Geschuldet war dies nicht nur den gängigen marxistischen Interpretationen der Zeitenwende vom Ende des 18. bis hinein in die Mitte des 19. Jahrhunderts, es war vor allem motiviert durch die in den ersten Jahren der DDR auf Hochtouren laufende Hegel-Debatte. Wo es ging, versuchten die Intellektuellen der DDR zu ihrem Hegel Stellung zu nehmen, ihn aus der Verteufelung zu befreien, in ihm mehr zu sehen als den verschrobenen reaktionären »Erfinder« der Dialektik. »Ich lasse auf Hegel nicht scheißen!« Das rief wütend Wolfgang Harich, als er sich vor den Dogmatikern der Partei dafür rechtfertigen musste, dass er Hegel in seinen Vorlesungen nicht ausschließlich verdammte. Denn der, von dem man meinte, dass er da geschissen habe – nun, jene Person war bis 1956 der größte Philosoph aller Zeiten, bekannt unter dem Namen Stalin. Wenn also auf den folgenden Seiten von Goe the die Rede ist, dann wird dabei immer wieder der Name Hegel fallen. Lukács, Bloch, Harich, Mayer und viele andere verbanden beider Theorien. Der gereimte und der ungereimte Knecht, so ja die bösartige – aber eben deshalb auch zutreffende – Sentenz aus dem 19. Jahrhundert, gehörten für die Intellektu- 7 ellen der DDR zusammen. Aber nicht als Knechte des preußischen bzw. absolutistischen Staates, sondern, jeder auf seine Weise, als Sprecher des erwachenden Bürgertums. In diesem Sinne ist dem vorliegenden Band ein zweiter zur Seite zu stellen, der sich mit der Hegel-Debatte in der DDR-Philosophie beschäftigen wird. Von Goe the als Rampe haben wir gesprochen und wenn man diese bewältigt hat, dann steht man vor Hegels Philosophie. So war mein Plan, kurz die Goe the-Rezeption der DDR darzustellen, mich dann mit Hegel zu beschäftigen. Die Manuskripte und Notizen zur Hegel-Debatte waren angefertigt, es fehlte nur noch die prägnante und knappe Goe the- Einleitung. Nichts leichter als das. So zwanzig oder dreißig Seiten kann man ja schon schreiben, sagte ich mir beruhigend. Doch es wurde immer mehr. Schließlich entstand das vorliegende Buch – Idee und Text hatten sich, ohne nachzufragen, verselbständigt, die Konzeption war vollständig verändert. Was geblieben war vom Ursprünglichen, das war die mich primär interessierende Fokussierung auf die drei großen marxistischen Denker deutscher Sprache des 20. Jahrhunderts: Georg Lukács, Ernst Bloch, Wolfgang Harich. Ihr Werk steht heute vor uns, muss uns endlich wieder lebendig werden. Doch die drei haben so einiges getan, um sich der einfachen Lektüre zu entziehen. Zu allererst haben sie tatsächlich philosophiert – und dies macht die Sache zumeist etwas schwieriger. Diese drei prägten das moderne marxistische Goe the-Verständnis und, zeitlich parallel, die Diskussion um Hegel, ja, sie waren die zentralen Personen der Debatte. Mayer muss bei der Vermessung der Goethe-Rezeption der DDR Berücksichtigung finden, quantitativ steuerte er sicherlich die meisten Texten bei, an der Ausgestaltung des Jubiläums von 1949 war er maßgeblich beteiligt, nach seinem Weggang aus der DDR blieb er als Germanist dem Thema treu. Alle vier wirkten in der SBZ/ DDR bis zum großen Umbruch von 1956, danach verliefen ihre Schicksale in unterschiedlichen Richtungen: Harich wurde ins Zuchthaus gesteckt, Lukács nach Budapest verdammt (mit dem Umweg über Rumänien), Bloch und Mayer verließen in den frühen sechziger Jahren die DDR. Es wird kaum möglich sein, diese Eingrenzung aufrecht zu erhalten. Aber gewonnen ist auf diese Weise ein Fundament, ein fester Standpunkt, 8 von dem aus es möglich ist, zurück und nach vorn zu schauen, weitere Theoretiker in die Diskussion einzubeziehen, die Rezeption Goe thes in der allgemeinen Entwicklung zu verankern. Erwähnt sei an dieser Stelle nur, dass beispielsweise die Positionen von Johannes R. Becher und Paul Rilla betrachtet werden müssen, um ein tatsächlich rundes Goe the-Bild zu erhalten. Auch die Wirkung Thomas Manns ist gebührend zu berücksichtigen – sein Besuch in Weimar war ein Politikum ohne Vergleichbares in den damaligen Tagen. Geschildert wird ein Prozess, der sich permanent weiterentwickelte und immer neue Facetten generierte und integrierte. Abgeschlossen wird der vorliegende Band daher mit einer Darstellung des Wirkens Harichs in den achtziger Jahren, in der Zeit des Zusammenbruchs der DDR. (Lukács und Bloch waren ja 1971 bzw. 1977 verstorben.) Das Buch zerfällt in drei Teile. Zuerst geht es um die Rekonstruktion des Goe the-Jubiläums von 1949. Im Schatten dieses Ereignisses präsentierten unsere Protagonisten ihre (teilweise bereits Jahre vorher gebildeten) Konzeptionen. Unter der Überschrift Zwischenstücke wird dann nicht nur der epochale historische Umbruch von 1956 beleuchtet, sondern auch die Erbe-Aneignung der DDR für Schiller und Heine anhand exemplarischer Beispiele dargestellt. In den Biographien von Lukács und Harich hinterließ 1956 nicht nur mentale, sondern auch körperliche Spuren. Nach den fünfziger Jahren (Harich erst nach seiner Haftentlassung) kehrten unsere Protagonisten dann aus unterschiedlichen Perspektiven und über Europa verstreut zu Goe the zurück. Die marxistische Arbeit am Humanismus, an der deutschen Klassik, an der klassischen deutschen Philosophie des Idealismus war noch längst nicht abgeschlossen oder gar zur ausschließlich historisch betrachtenden Herausforderung geworden. Damit beschäftigt sich der dritte Teil. Eine letzte Anmerkung: Die derzeitige Literatur zur DDR ist teilweise entsetzlich. Entweder wird ein Staat geschildert, der einem faschistischen Zuchthaus gleicht. (Wobei da natürlich sofort zu fragen wäre, was diejenigen, die heute diese These vertreten, vor 1989 getan haben, um den Opfern der roten Diktatur zu helfen.) Oder aber die Täter von gestern, solche gab es reichlich, die Zurückgebliebenen der Wendezeit, verteidigen ihre DDR, das sozialistische Paradies. (Wobei da natürlich sofort zu fragen wäre, warum das Volk den Staat beseitigte.) Die vorhandene Literatur 9 über die DDR lässt sich einem der beiden Pole zumeist zuordnen, eine dazwischen liegende Ausgewogenheit gibt es kaum. Auch darum geht es, diese Lücke endlich weiter zu füllen. Erich Kästner, das ist nun wirklich die allerletzte Anmerkung des Vorwortes, schrieb 1949 den kleinen Text Goe the-Derby vor dem Startschuss. Dort war zu lesen: »Das Rennen des Jahres hat begonnen: Das Goe the- Derby über die klassische 200-Jahr-Strecke! Ein Riesenfeld! Was da nicht alles mitläuft! (…) Es dürfte ziemlich schrecklich werden. Von der falschen Feierlichkeit bis zur echten Geschmacklosigkeit wird alles am Lager sein. (…) Die Schuld trifft das Vorhaben. Goe the, wie er es verdiente, zu feiern, mögen ein einziger Tag oder auch ein ganzes Leben zu kurz sein. Ein Jahr aber ist zu viel.« Andreas Heyer Braunschweig im März 2017 11 Inhalt Vorwort 5 Teil 1: Das Erbe 1. Das große Erbe 15 2. Die Faust-Studien von Georg Lukács 29 3. Eine Dienstreise, zwei Visa – Thomas Mann 49 4. Im Jubelrausch – Johannes R. Becher 69 5. Goe the an neuen Ufern 85 6. Von Amerika nach Leipzig – Ernst Bloch 101 7. Goe the als Naturwissenschaftler – Wolfgang Harich 125 8. Goe the und der Marxismus – Georg Lukács 143 9. Ein Vortrag in Berlin 167 10. Der Jubiläumsredner – Hans Mayer 179 Teil 2: Umbrüche 11. Zwischenstück I: Schiller, 1955 199 12. Zwischenstück II: Heinrich Heine 237 13. Zwischenstück III: Die brutale Geschichte, 1956 261 14. Zwischenstück IV: Hans Mayer und Wolfgang Harich 295 12 Teil 3: Nachklänge 15. Goe the in Tübingen – Ernst Bloch 319 16. Schwerwiegende Budapester Notizen – Georg Lukács 337 17. Goe the an der Leine – Hans Mayer 363 18. Das einsame Arbeitszimmer – Wolfgang Harich und das Erbe 395 19. Wertungen des Ursprungs 417 20. Nahe Vergangenheit 429 Literatur 443 Personenregister 475

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References

Zusammenfassung

Um Faschismus und Krieg für immer von deutschem Boden fernzuhalten, unternahmen die führenden Persönlichkeiten in der SBZ/DDR von Anfang an vieles, um an die verschütteten Traditionen des humanistischen kulturellen Erbes der Vergangenheit anzuknüpfen. Ein Konsens, der die russischen Kulturoffiziere ebenso umfasste wie Parteipolitiker der SED und die philosophische Elite.

1949 stand im Zeichen Johann Wolfgang Goethes. Neben dem im Westen als Skandal empfundenen Auftritt Thomas Manns in Weimar kam es zu zahlreichen Veranstaltungen und Wortmeldungen zu Goethe: Johannes R. Becher, Paul Rilla, Georg Lukács, Wolfgang Harich, Ernst Bloch, Hans Mayer – das sind die Protagonisten des vorliegenden Buches, deren Goethe-Verständnis nachgezeichnet wird.

Dabei werden zuerst die Jahre zwischen 1949 und 1956 fokussiert. Nach den Umbrüchen in der DDR arbeiten aber gerade die marxistischen Philosophen Lukács, Bloch und Harich weiter zum kulturellen Erbe. Ein Prozess, der zum Abschluss untersucht und dargestellt wird. Zudem bietet der Band verschiedene Seitenblicke: Auf Schiller und Heine oder die Geschichte der Krisenzeit von 1956.

Eine Reise durch die DDR – anhand von Goethe, mit Goethe, auf der Suche nach der Identität des kleineren deutschen Staates.