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5 Ableitungen aus Theorie und Praxis in:

Sarah Häseler-Bestmann

Begegnung, Beratung und Bildung für Familien, page 247 - 312

Eine exemplarisch-empirische Untersuchung von Familienzentren im Stadtteil

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3948-9, ISBN online: 978-3-8288-6694-2, https://doi.org/10.5771/9783828866942-247

Tectum, Baden-Baden
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247 5 Ableitungen aus Theorie und Praxis Den vier untersuchten Familienzentren liegen verschiedene Entstehungs- und Entwicklungsverläufe zugrunde, die wiederum die organisationsstrukturelle Gestaltung beeinflussen. Strukturell gesehen sind die Familienzentren an die Rahmenbedingungen und Vorgaben des Fachbereichs im Jugendamt gebunden. In diesem abschließenden Kapitel werden nun entsprechend der vierten zugrunde liegenden Forschungsfrage aus den in den vier Familienzentren erhobenen empirischen Daten einerseits verallgemeinerbare Arbeitsprinzipien abgeleitet und andererseits die deutlich werdenden Nutzendimensionen von Familienzentren dargestellt. „Arbeitsprinzipien enthalten grundlegende und umfassende Aussagen über das Selbstverständnis und die Ziele der Fachkräfte[…] [So, S. H.-B.] sind in Arbeitsprinzipien Aussagen und Ansätze zur Lösung sozialer Probleme auf einen prägnanten Begriff hin komprimiert. […] Sie sind in der Form einer (normativ begründeten) Aufforderung zum Handeln formuliert, die eine Richtung nahelegt, wie dieser Maxime durch praktisches Handeln nahezukommen sei“ (Heiner u. a. 1994:293). Anschließend werden diese verallgemeinerbaren Arbeitsprinzipien sowohl theoretisch als auch im empirischen Kontext verortet. Dafür bieten die in Kapitel 2.2 dargestellte Lebensweltorientierung, Lebensbewältigung und Sozialraumorientierung den Rahmen. Des Weiteren werden die Arbeitsprinzipien und Nutzendimensionen von Familienzentren als strukturelles Erfordernis und im Kontext der Sozialen Arbeit diskutiert, um darauf basierend in einem zusammenfassenden Fazit perspektivische Entwicklungen anzudeuten. 5.1 Arbeitsprinzipien und Nutzendimensionen in Familienzentren Basierend auf den in Kapitel 4 dargestellten empirischen Erkenntnissen mit dem Fokus auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede hinsichtlich der konzeptionellstrukturellen und methodischen Arbeitsprinzipien sowie der fachlich-konzeptionellen Ziele und Nutzendimensionen entsprechend der Forschungsfragen 1, 2 und 3 erfolgt nun die Beantwortung der Forschungsfrage 4: Wie können diese Gemeinsamkeiten und Unterschiede in ein grundlegendes, verallgemeinerbares Modell von Arbeitsprinzipien zusammengeführt werden? 248 Im Vergleich der erhobenen empirischen Daten lassen sich Prinzipien identifizieren, die zum einen dem organisationsstrukturellen und zum anderen dem methodischen Rahmen zuzuordnen sind. Diese werden nun näher erläutert. 5.1.1 Organisationsstrukturelle Arbeitsprinzipien Der organisationsstrukturelle Rahmen und die Zielstellung der Familienzentren orientiert sich grundlegend am § 16 SGB VIII zur Familienförderung sowie den Rahmenbedingungen des Fachdienstes „Frühe Bildung und Erziehung“ im Jugendamt (J01:55, Quelle GD JA, P15:47, P12:52). In der empirischen Erhebung wurden in den untersuchten Familienzenten insbesondere die folgenden drei inhaltlichen Zielstellungen näher fokussiert. (a) Die übergeordnete Zielstellung liegt darin, den Stadtteil familienfreundlich zu gestalten durch die Bereitstellung einer entsprechenden familienunterstützenden Infrastruktur (P15:25, P20:24f, P03:61, N09:29). Dies beinhaltet auch eine Bündelung der jeweiligen kiezbezogenen Ressourcen und die Informationsweitergabe dieser an die Familien (P01:51, P04:130). Entsprechend erfahren die Familien von bestehenden Kooperationspartner_innen und deren Angeboten (P03:29, P13:64). Somit bilden die Familienzentren eine Anlaufstelle für familienrelevante und dadurch zumeist auch stadtteilbezogene Themen. (b) Die zweite Zielstellung bezieht sich darauf, einen Anlaufort für Familien im Stadtteil vorzuhalten, indem für unterschiedliche Bedarfe Begegnung, Bildung und Beratung ermöglicht werden (P01:49, PN03:77, P03:58, J01:35, B34:10, J02:51). So werden Familien gefördert, begleitet und gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht (J01:48, P03:64). Durch diese verschiedenen Rahmungen wird den Familien im Stadtteil ein Ort geboten, den sie mit ihren Fragen aufsuchen können und wo sie eine_n Ansprechpartner_in finden (P21:104, N06:91, N11:71, P15:25, P18:87, J02:49, J03:24). (c) Zugleich rahmt dies die Zielstellung, Familien zu stärken (J03:23, P15:41, P09:100, P20:23, P16:77). Durch die verschiedenen bereitgestellten Möglichkeiten und insbesondere die Unterstützungsfunktion wird dies fokussiert (P01:50, P11:53). Eine Stärkung der Familien erfolgt durch das Vorhandensein eines Ortes zum Anbringen der Fragen und Themen und darüber hinaus durch pragmatische Unterstützung wie die Kleiderkammer oder beim Ausfüllen von Anträgen (P14:57). Auf die benannten Zielstellungen aufbauend werden die trotz der im vorangegangenen Kapitel zur Deskription der erhobenen Daten beschriebenen Differenzen extrahierbaren organisationsstrukturellen Arbeitsprinzipien zusammenfassend skizziert. Vernetzung und Kooperationen Vernetzung und Kooperation bilden ein zentrales Arbeitsprinzip, um den benannten Zielstellungen eines Familienzentrums gerecht zu werden. Trotz der unterschiedlichen Historien kann für alle Familienzentren beschrieben werden, dass zu 249 Beginn der Arbeit eines Familienzentrums das Identifizieren von Akteuren in der Region grundsätzlich ist. Daran schließt sich das Bekanntmachen bei den Akteuren im Sozialraum, die sich mit Kindern und Familien beschäftigen, an (P03:31, P12:23). Unterstützt wird diese Kenntnis voneinander durch die Teilnahme an verschiedenen regionalen Vernetzungsrunden. Alle Familienzentren nehmen regelmäßig an regionalen Arbeitsgruppen zu familienspezifischen und sozialraumbezogenen Themen teil (P01:76f, P02:62). Zudem haben sich in einigen Regionen Bildungsnetzwerke entwickelt, in denen teilweise auch Schulen und Kindertagesstätten vertreten sind (P01:22, P09:93). Diese Vernetzungsrunden werden genutzt, um sich über die jeweiligen Themen, Fragestellungen und Angebote auszutauschen (J03:32, J01:44). Die konkreten Kooperationen entwickeln sich dann entsprechend der jeweiligen Ausgangslage der Familienzentren, der erhobenen Bedarfe sowie weiterer Voraussetzungen. Eine Ausgangslage stellen dabei die jeweiligen Räumlichkeiten des Familienzentrums dar. Wenn Raumkapazitäten vorhanden oder verschiedene Träger in einem Gebäude untergebracht sind, können entsprechende Kooperationen und Synergien angeregt und entwickelt werden (P01:76f, B11:19, PN04:96, P22:17ff). Dies kann die Schwelle für Kooperationen ebenfalls senken (B33:12, P15:29, P22:118, B34:11, P16:79, P18:36, P13:54, N14:30, N10:45, N08:21, P02:34, N04:11, P01:61, P14:53, P02:63, P01:74, P12:31, P03:70, P02:61, P05:44ff, B20:9, N11:12, B21:6). Die Art und Intensität der Kooperationen kann sehr unterschiedlich sein. Eine Form der Kooperation ist bspw. die Nutzung von Räumen des Familienzentrums von externen Akteuren wie Volkshochschulen, Tagesmüttern, Hebammen und vielen mehr (B01:28, P03:15, P19:35, B03:7, P03:20, P03:19, P15:21). Durch diese jeweiligen spezifischen Angebote lernen die daran Teilnehmenden das Familienzentrum, die Räumlichkeiten und auch Mitarbeitenden kennen. Dies kann wiederum zur weiteren Nutzung anderer Angebote im Familienzentrum führen (N02:17, N10:12, P01:59ff, B07:19, B16:10, PN03:90). Entsprechend ergeben sich auf gemeinsamen thematischen Grundlagen auch weitere Kooperationen (J03:61, B20:12, P01:22). Eine weitere Ebene der Kooperation zeigt sich in der gemeinsamen Durchführung von Angeboten (P06:15, P12:42, P03:18). Dafür werden insbesondere die bestehenden Kontakte zum Kinder- und Jugendgesundheitsdienst, Schwangerenberatung und regionalen Sozialen Dienst genutzt, um Teilnehmer_innen für spezifische Projekte zu gewinnen (P02:63, B29:17, P07:55, P14:53). Dafür ist es grundlegend, dass die Akteure im Stadtteil das Familienzentrum und deren Angebotsstruktur grundsätzlich kennen (J02:56, P02:62, J03:53). Der in der empirischen Erhebung deutlich gewordene zentrale Nutzen eines vernetzt kooperierenden Arbeitens in den Familienzentren liegt maßgeblich darin, ein breit gefächertes Wissen über familienbezogene Angebote zu sammeln, um darauf basierend Familien bedarfsspezifisch unterstützen und weitervermitteln zu können. 250 Neben dieser Ansprache von potenziellen Nutzer_innen ist das kooperierende Arbeiten auf Ebene der professionellen Akteure hilfreich, um sich über die im Stadtteil deutlich werdenden Bedarfe auszutauschen. Dies entspricht der Zielstellung einer familienunterstützenden Infrastrukturgestaltung im Stadtteil. Darüber hinaus ermöglicht solch ein vernetzt kooperierendes Arbeiten zugleich, dass die potenziellen Nutzer_innen das Familienzentrum kennenlernen. Durch das Auslegen von Flyern oder die gezielte Ansprache von Kooperationspartner_innen erfahren diese vom Familienzentrum. Darüber hinaus kann diese Ansprache auch für die Akquise von speziellen Angeboten für besondere Zielgruppen genutzt werden. In der folgenden Abbildung werden die zentralen Aspekte des Arbeitsprinzips ‚Vernetzung und Kooperation‘ mit den daraus ableitbaren Nutzenaspekten dargestellt. Abb. 32: Arbeitsprinzip ‚Vernetzung und Kooperation‘ sowie der daraus ableitbare Nutzen Multidimensionale Öffentlichkeitsarbeit Die untersuchten Familienzentren blicken auf eine unterschiedlich lange Tradition an ihren räumlichen Standorten im Stadtteil zurück. Für alle Familienzentren wird von den Befragten beschrieben, dass einerseits die Bewohner_innen des Stadtteils dieses zumindest kennen, wenn auch die Angebote bisher nicht relevant waren. Andererseits wird auch angegeben, dass die Bewohner_innen das Familienzentrum bisher nicht kannten (N01:21f, P01:67, N06:15, N06:15, N05:64, P02:56, P18:38, P20:36, P13:56, B28:14, N08:89, P16:83). Somit stellt die Öffentlich- 251 keitsarbeit ein wichtiges organisationsstrukturelles Arbeitsprinzip dar, um potenzielle Nutzer_innen zu erreichen. Die konkrete Umsetzung der Öffentlichkeitsarbeit gestaltet sich auf verschiedenen Wegen. Im Folgenden werden die Dimensionen der komplexen Öffentlichkeitsarbeit in den untersuchten Familienzentren zusammenfassend dargestellt. Neben strukturellen Methoden der Öffentlichkeitsarbeit wird dabei auf die persönliche Ansprache eingegangen. Der alltägliche Mobilitätsradius von Familien mit Kindern beschränkt sich oftmals auf die nähere Umgebung ihres Zuhauses. Insbesondere belastete Familien sind zumeist auch weniger mobil (J01:42, N01:50). Somit stellt die Wohnortnähe der Familien ein entscheidendes Kriterium für einen Erstbesuch des jeweiligen Familienzentrums dar (N13:17, P09:97, B33:12, P21:18, N10:12, B17:32, B21:6, N11:14, P11:36, B24:14, P13:53, P04:42, N01:62, P22:118, N14:30). Diese Zugangswege begründen zugleich die Notwendigkeit einer regionalisierten, differenzierten Öffentlichkeitsarbeit. Eine eher strukturelle Form der Öffentlichkeitsarbeit bezieht sich auf die Gestaltung des Gebäudes und damit konkret auf die ‚Projekthaustür‘ der Familienzentren. Vor den Familienzentren sind ein Schaukasten und/ oder Aufsteller angebracht, die über die Angebote, Programme und Ansprechpartner_innen anschaulich gestaltet berichten (PN04:59, P11:37, N13:12, P02:58). Die Nutzer_innen werden dadurch eingeladen und willkommen geheißen. Begrü- ßungsworte an der Tür und im Eingangsbereich unterstützen dies ebenfalls. Dar- über hinaus bieten das Programmheft und Flyer für einzelne Veranstaltungen den Interessierten eine weitere Möglichkeit, sich zu informieren (P11:39, P18:144, B07:14, P07:17, J02:55, P15:29, P22:15, B21:6, B28:8, P14:85, N14:53). Insbesondere für die Recherche nach konkreten Angeboten kann das Programm hilfreich sein (N01:72, N09:11ff, P20:126, P22:128, PN01:46). Darüber hinaus eignen sich diese Materialien auch, um im Erstkontakt den potenziellen Nutzer_innen neben dem Berichten etwas mitzugeben. So können diese Materialien für das Ansprechen im Stadtteil, bei Stadtteilfesten oder durch die Kooperationspartner_innen eingesetzt werden (N13:12, P22:147, PN03:91f, PN01:37, P02:38, P22:159, N12:14, P01:63). Neben dem Informieren von potenziellen Nutzer_innen können so auch weitere Akteure im Stadtteil als potenzielle Kooperationspartner_innen angesprochen werden (J02:56, P02:62, J03:53). Neben der persönlichen Übergabe im Erstkontakt werden Programmhefte und Flyer an Orten im Stadtteil ausgelegt, die von Familien genutzt werden. Dies umfasst professionelle soziale Akteure wie die sozialen Dienste und die Bürgerberatung, aber auch Orte, die von Familien im Alltag aufgesucht werden wie Arztpraxen, der Naturkostladen oder Stadtteilbäcker (P01:62, P09:52, P20:32). Durch Plakate an Laternen, Bäumen oder Autos werden Bewohner_innen ebenfalls neugierig. Eine weitere Form der Öffentlichkeitsarbeit bezieht sich auf die Internetpräsenz. Von den Befragten wird beschrieben, dass verstärkt das Internet für die Suche nach Informationen über familienunterstützende Angebote genutzt wird. Eine entsprechend gepflegte und aktualisierte Internetpräsenz ist somit unabdingbar (B33:8, B36:11, PN04:101, P21:30, N14:20, P22:126, P20:28, N05:11, P13:51). Des 252 Weiteren dienen auch Internetportale, die solche Angebote gebündelt sammeln, der Informationsweitergabe. Die untersuchten Familienzentren nutzen darüber hinaus die zu einem Internetportal gehörige kostenfreie stadtweite Zeitschrift mit Angeboten zu Schwangerschaft, Geburt, Baby und Kleinkind (P22:118, PN04:101, P20:30, P21:30, B07:13, P13:53, PN04:107, N08:20). Kostenfreie regionalisierte Wochenblätter und Stadtteilzeitungen werden von vielen Bewohner_innen ebenfalls gelesen (P11:39, P18:37, P14:53, P02:59, P02:60). So geben viele der Befragten an, dass sie vor dem Erstbesuch des Familienzentrums nach einem konkreten Angebot gesucht haben (B37:25, N13:11, N05:12, N10:12, P01:64, B17:32, P11:35, P16:58f, N05:11, P03:21, P03:67, P03:68, P04:16f). Neben diesen verschiedenen medialen Wegen der Öffentlichkeitsarbeit liegt eine weitere Möglichkeit, von den Familienzentren zu erfahren, in der direkten, persönlichen Ansprache von potenziellen Nutzer_innen, wenn diese sich bspw. im Schaukasten über das Angebot informieren oder neugierig in die Fenster schauen (N13:12, P22:147, PN03:91f, PN01:37, P02:38, P22:159, N12:14, P01:63). Solch eine persönliche Ansprache kann auch über Kooperationspartner_innen oder weitere regionale Akteure erfolgen (B33:12, P15:29, P22:118, B34:11, P16:79, P18:36, P13:54, N14:30, N10:45, N08:21, P02:34, N04:11, P01:61, P14:53, P02:63, P01:74, P12:31, P03:70, (P02:61, P05:44ff, B20:9, N11:12, B21:6). Die persönlichen Empfehlungen von Freunden und Bekannten nehmen ebenfalls einen wichtigen Stellenwert ein. Dies wird darüber deutlich, dass ein Großteil der Befragten angibt, über Bekannte und persönliche Kontakte vom Familienzentrum erfahren zu haben (P01:65, N12:38, P01:60, P09:51, P20:29, PN02:28, N01:14, N02:14f, P20:21, P08:24, N0:40, P08:23, P20:124, P22:124, PN04:38, B36:11, N14:118, P15:29, N07:13, P18:45, P18:46, P03:81, P13:52, N04:29, P03:66, B07:6, N04:10, N05:58, P04:43, P07:17ff, P13:57, P14:85, PN01:16, P13:54). Diese verschiedenen Wege der Öffentlichkeitsarbeit tragen dazu bei, umfassend über die Familienzentren zu informieren. Darüber wiederum können sowohl potenzielle Nutzer_innen als auch potenzielle Kooperationspartner_innen gewonnen werden. In der folgenden Abbildung werden diese zentralen Elemente der multidimensionalen Öffentlichkeitsarbeit noch einmal gebündelt dargestellt. 253 Abb. 33: Arbeitsprinzip ‚Multidimensionale Öffentlichkeitsarbeit‘ sowie der daraus ableitbare Nutzen Angebotsvielfalt und offene Flexibilität Die Familienzentren sind entweder allein oder mit Kooperationspartner_innen in einem Gebäude untergebracht und verfügen alle über einen Außenbereich (N06:100, B29:7, P21:22, P22:108). In allen Familienzentren sind Büros, Beratungs- und Bewegungsräume sowie eine Küche in unterschiedlicher Größe und Ausstattung vorhanden, bzw. können dafür Räumlichkeiten von Kooperationspartner_innen genutzt werden (B25:10, B01:16, B02:8, B33:6, B01:14, B02:10, B29:9, B36:16, B11:30, P07:52f). In drei Familienzentren sind die sanitären Anlagen kindgerecht und großzügig gestaltet (B25:11, B01:18, B02:9, N07:29). Drei Familienzentren verfügen über einen größeren, offenen Familiencafébereich, das vierte Familienzentrum über einen offenen Raum mit anschließender Teeküche, der ähnlich genutzt wird (B04:10, B25:9, B02:8, B29:7, B01:20ff, N14:58). Getränke und teilweise auch kleine Snacks können in den Familienzentren erworben oder auch mitgebracht werden. Diese offenen Familiencafébereiche können zu den jeweiligen Öffnungszeiten flexibel ohne vorherige Anmeldung genutzt werden (N10:32, P09:53f, P21:22, N09:46, N14:70ff, P18:52ff). Teilweise wird dies durch zusätzliche offene Angebote ergänzt. Die Mitarbeitenden sind ebenfalls anwesend. Insbesondere die Kombination von Caféatmosphäre und Spielmöglichkeiten sowohl im Innen- als auch im Außenbereich werden dabei geschätzt (N13:37ff, N02:30f, P22:103, N09:15f, N10:23). Im Familienzentrum ohne Cafébereich wird der offen zugängliche Raum mit anschließender Teeküche entsprechend der jeweiligen Belegungen vor und nach den Angeboten individuell genutzt (P14:59). Der offene Familiencafébereich ermöglicht niedrigschwellig 254 Begegnungen, Information und Kontakteknüpfen. Durch eine räumliche Gestaltung mit großen Tischen wird es erleichtert, untereinander ins Gespräch zu kommen (P22:101, PN02:53, N07:43f, P03:90). Neben diesem offenen Bereich kennzeichnet eine vielfältige Angebotsstruktur die Familienzentren. Die Angebote werden entsprechend der vorliegenden Bedarfe entwickelt. So spiegeln diese eine Vielfalt wider, um auf verschiedenen Wegen Familien zu erreichen (J02:70). Die bereits näher beschriebenen Kategorien umfassen Eltern-Kind-Gruppen, Eltern-Kind-Bildungsangebote, Bildungsangebote für Kinder, Bildungsangebote für Erwachsene, selbst organisierte Gruppen, Selbsthilfegruppen sowie Beratungsangebote. Je nach Ausrichtung und Zielstellung sind diese jeweils inhaltlich gestaltet. So können inhaltliche thematische Angebote kombiniert mit strukturell-gestalterischen Aspekten wie einem gemeinsamen Essen für die Nutzer_innen sehr anziehend sein (P22:104). Sowohl dem offenen Familiencafébereich als auch den verschiedenen Angeboten sind entsprechende Vor- und Nachbereitungen zugrunde liegend, um so für die Nutzer_innen einen Ort des Wohlfühlens zu gestalten (P22:187). Dies reicht vom Öffnen des Hauses über das Vorbereiten der Räume bis hin zum Aufräumen (P22:84, B33:9, B34:5, B37:5). Zugleich beinhaltet dies auch das Klären eines Interaktionsrahmens mit klaren Regeln für die Nutzer_innen im offenen Bereich (P20:48, N13:41, B28:8, N07:28, B36:13, B29:19, P04:21, P07:80, B04:26, P20:148, P19:88f, P20:46, B20:9ff, P03:70, B13:15, B14:7, B37:26). Darüber hinaus orientiert sich auch die Angebotsentwicklung an den durch die Mitarbeitenden identifizierbaren Bedarfen. Durch das Erkennen und Aufgreifen von vorliegenden Themen können diese mit dem Team besprochen und unter Einbezug der Nutzer_innen entsprechende Angebote entwickelt werden. Als organisationsstrukturelles Arbeitsprinzip ist somit eine vielfältige Angebotsstruktur erforderlich, um auf verschiedenen Wege Familien zu erreichen. Unterstützt wird dies durch die Kombination mit einer flexiblen, unverbindlichen Nutzung des offenen Bereichs (B34:7, N02:27, B27:21ff, N11:17, B09:25, P07:22ff). Die Offenheit zeigt sich hierbei insbesondere durch den gegebenen strukturellen Zeitrahmen sowie die darin mögliche interessengerechte Nutzung ohne vorherige Anmeldung. Entsprechend der aktuellen Bedarfe könne so Nutzungen durch die Familien flexibel entschieden und variiert werden. 255 Abb. 34: Arbeitsprinzip ‚Angebotsvielfalt und offene Flexibilität‘ sowie der daraus ableitbare Nutzen Wissens- und Kompetenzmanagement Die Notwendigkeit von Kooperation, Vernetzung, Öffentlichkeitsarbeit sowie Angebotsvielfalt und offenen Flexibilität bedingen zugleich ein passgenaues Wissens- und Kompetenzmanagement in den Familienzentren. Die Planung des organisationsstrukturellen Rahmens und die Informationsweitergaben sind innerhalb des jeweiligen Teams zu organisieren. Dies ist insbesondere wichtig, da nicht alle Mitarbeitenden zur gleichen Zeiten vor Ort sind (P01:47, P08:57). Ein wichtiger teamarbeitsstruktureller Aspekt sind regelmäßig, zumeist wöchentlich, stattfindende moderierte Teamsitzungen (P01:43, B06:8, B08:28). Je nach Zielstellung der Teamsitzungen nehmen in den Familienzentren immer die pädagogischen Fachkräfte, aber teilweise auch Verwaltungsmitarbeitende, Hausmeister und MAE- Kräften, teil (B08:6). Die Teamsitzungen werden strukturiert vorbereitet, moderiert und protokolliert (B05:18, B08:8, P11:73, P01:45). Inhaltlich betrachtet können so Informationen und Planungen weitergegeben und neue Mitarbeitende vorgestellt werden. Darüber hinaus ist der Austausch über aktuelle Beobachtungen und identifizierbare Bedarfe ein wichtiger Bestandteil. Auf dieser Grundlage werden Angebote und Strukturen konzeptionell weiterentwickelt (J03:35f, B34:7, P22:174, PN04:80ff). Hinsichtlich langfristiger konzeptioneller Planungen wird in einem Familienzentrum in regelmäßigen Abständen eine Zukunftswerkstatt mit allen Mitarbeiter_innen durchgeführt (P16:55ff). Dies ist wichtig, um alle Mitarbeiter_innen in Umstrukturierungsprozesse mit einzubeziehen. Daneben werden in zwei Familienzentren Teamfortbildungen angeboten und 256 durchgeführt (P01:41, P16:12, P11:46). Die Mitarbeitenden haben ebenfalls die Möglichkeit, sich entsprechend ihrer individuellen Möglichkeiten und Interessen weiterzubilden (GD FZMK). Neben diesen organisationsstrukturell verankerten Strukturen gestaltet sich das Wissensmanagement im Team entlang geeigneter Kommunikations- und Interaktionsstrukturen, die sich jeweils entsprechend der jeweiligen Rahmenbedingungen herausbilden. Neben den Teamsitzungen ist darüber hinaus ein anlassbezogener Austausch zwischen den professionellen Akteuren in den Familienzentren beobachtbar (P21:94ff, B05:9, P16:121, P18:116, B08:24, PN04:113, P11:45, P16:44). Dieser bezieht sich auf alltägliche Interaktionen im offenen Bereich oder für die Angebotsvorbereitung (P22:8, B18:24, P22:76, PN02:11). Insbesondere in der Zusammenarbeit mit Honorarkräften ist dies ein wichtiger Aspekt (B34:23, P16:49). Der Funktion der Leitung kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Die Personalstruktur gestaltet sich in den Familienzentren sehr unterschiedlich. Neben festangestellten pädagogisch Mitarbeitenden sind auch Honorarkräfte, Praktikant_innen und MAE-Kräfte beschäftigt. Entsprechend unterschiedlich sind die zugrunde liegenden Qualifikationen und somit auch die jeweiligen passenden Tätigkeitsbereiche. Die Tätigkeitsbereiche werden entsprechend der Qualifikationen gestaltet, aber alle Akteure haben mehr oder weniger auch mit den Nutzer_innen Kontakt. Somit können diese unterschiedlichen Qualifikationen durchaus Herausforderungen für die Vorbereitung und Förderung der Mitarbeitenden darstellen. Durch das Leitungshandeln maßgeblich beeinflusst, gewährleistet das Ansetzen an den jeweiligen Stärken der Mitarbeiter_innen die Zusammenarbeit im Team. Entsprechend dieser zugrunde liegenden Ressourcen werden die Aufgaben und Zuständigkeitsbereiche unter diesen verteilt (P15:59, B26:13, P20:17, B08:22, P22:78). Dementsprechend ergänzen sich die Mitarbeiter_innen im Team gegenseitig (P15:61). Klare Aufgabenverteilungen, Absprachen und Rahmenbedingungen unterstützen dies (J03:41, P15:74, P22:184). Zudem ist der thematische Erfahrungseinbezug der Mitarbeiter_innen sowohl für die Aufgabenverteilung als auch für die Mitarbeitendenzufriedenheit hilfreich (B05:40f, PN01:23, P16:31). Dieses ressourcenorientierte Ansetzen wird grundlegend durch die jeweilige Leitung der Familienzentren bedingt (PN01:23, PN03:51, P20:111). Ressourcenorientierung im Team bezieht sich darüber hinaus auf das Begrüßen und Einarbeiten neuer Mitarbeiter_innen und Praktikant_innen, die ebenfalls zentral für die Zusammenarbeit im Team sind (PN04:22, P14:26, P15:17, P21:24, P18:157). Daher ist es erforderlich, diesen einen Rahmen zu geben, um sich in den neuen Strukturen zurechtzufinden (P20:52, B08:18f, P16:23) und einen individuellen Gestaltungsraum zu entwickeln (P22:178, P11:28). Eng damit verbunden sind ausführliche Absprachen hinsichtlich der Planung des Personaleinsatzes oder neuer Angebote für die Umsetzung (P22:82, P21:112ff, B08:20). Die Zusammenarbeit im Team bedingt zugleich eine ressourcenorientierte Rückmeldekultur im Team. Dies bezieht sich nicht nur auf die Mitarbeiter_innen, sondern auch auf weitere im Familien- 257 zentrum agierende Akteure wie MAE-Kräfte und Hausmeister (P01:12 B05:17, B08:11, B25:12). Dahinter steckt eine wertschätzende Haltung und Anerkennung der wichtigen Funktion dieser Personen im Tagesgeschäft (B25:13, P22:10, PN04:109). Solch ein wertschätzender Umgang wird an der gegenseitigen Unterstützung bei der Vorbereitung von Teamsitzungen und durch das Vorbereiten und Bereitstellen von Materialien deutlich (B05:16). Aber auch freundliche Worte sowohl bei der Begrüßung als auch im Tagesverlauf sowie Fragen nach dem Wohlergehen untereinander sind dabei zentral (B21:14, B05:31, P22:7, B20:7, B26:7, P11:23, P19:31, B23:5, P16:6, B21:13, P11:10). Teilweise werden auch teambezogene Unternehmungen durchgeführt, um solch eine wertschätzende Kultur konzeptionell zu unterstützen (B08:16, B09:5f). Durch solch ein Wissens- und Kompetenzmanagement wird einerseits der organisationsstrukturelle Ablauf in den Familienzentren gewährleistet. Andererseits werden so die jeweiligen Kompetenzen der Mitarbeitenden optimal genutzt, was wiederum die Zufriedenheit der Mitarbeiter_innen steigert. In der folgenden Abbildung sind diese zentralen Dimensionen zusammenfassend dargestellt. Abb. 35: Arbeitsprinzip ‚Wissens- und Kompetenzmanagement‘ sowie der daraus ableitbare Nutzen 258 An diese Beschreibung der organisationsstrukturellen Arbeitsprinzipien in den Familienzentren schließt sich nun die Darstellung der methodischen Arbeitsprinzipien an. 5.1.2 Methodische Arbeitsprinzipien Neben den beschriebenen organisationsstrukturellen Arbeitsprinzipien werden zudem wesentliche Aspekte identifizierbar, die sich als methodische Arbeitsprinzipien hinsichtlich der Zusammenarbeit mit ‚Familie‘ beschreiben lassen. Diese werden im Folgenden näher beleuchtet. Reflexive Kompetenzvielfalt der Mitarbeitenden Neben dieser organisationsstrukturellen Rahmung durch eine Angebotsvielfalt gekoppelt mit offenen flexiblen Nutzungsmöglichkeiten sind die Mitarbeitenden der Familienzentren die maßgeblichen Akteure, um bedarfsentsprechende Angebote zu entwickeln, Vernetzungen und Kooperationen zu initiieren sowie eine multidimensionale Öffentlichkeitsarbeit zu gestalten. Als grundlegende professionelle Haltung der Mitarbeitenden wird von allen Befragten Authentizität als wichtig benannt, um Kontakt zu den Nutzer_innen herzustellen und aufrechtzuerhalten (P15:63, N08:79, P18:32). Insbesondere in der Zusammenarbeit mit Menschen können sich unterschiedliche Wertvorstellungen, Wünsche und pädagogische Ansichten gegenüberstehen. Hierbei bedarf es einer kontinuierlichen Reflexion des professionellen Selbstverständnisses, um den Nutzer_innen wertschätzend und tolerant zu begegnen (P12:114f, P22:10f, P04:89). Dies bedingt zugleich ein authentisches Auftreten (B27:6, P14:129ff, N11:62). Ein authentisches Auftreten wird den Nutzer_innen durch den Spaß der Mitarbeitenden an ihrer Arbeit deutlich (P15:65, B06:13, PN_02:32, P16:29, N11:60, P19:32, P01:40, P18:147). Darüber hinaus tragen persönliche Erfahrungsberichte der Mitarbeitenden zu einem authentischen Auftreten bei und werden aufgrund der damit einhergehenden Perspektivwechsel wohlwollend von den Nutzer_innen angenommen (B33:10, B05:34, P20:98, PN02:12, P19:77, PN02:57, B17:34, N08:77). Durch eine konzeptionelle Rahmung wird den verschiedenen Mitarbeitenden eine gemeinsame pädagogische Orientierung gegeben (P01:38, B36:33, P11:50). Zugleich sind Offenheit und Kenntnisse verschiedener pädagogischer Konzepte insbesondere für Mitarbeitende ohne pädagogische Ausbildungen hilfreich, da diese desgleichen von Nutzer_innen angesprochen und wahrgenommen werden (P11:47, P16:108, B37:6, P18:150, P16:50f, P12:26, B_20:21, P11:42). Offenheit und Neugierde bedingen ebenfalls die Haltung der Mitarbeitenden. Dies impliziert ein vorurteilsfreies Herangehen an Familien, deren Lebensformen, soziale und kulturelle Differenzen (P02:50, P16:105, P15:53, P21:90, P11:79, P14:127). Offenheit meint somit respektvolle Toleranz gegenüber den Familien mit Kindern und ihren Themen, die sie mitbringen (PN02:84, P11:49, B34:22, B37:8, P14:129ff). 259 An die Aspekte der Authentizität sowie Offenheit und Neugierde anschließend, ist der Stärkenblick als zentrales Haltungselement zu beschreiben. Dies meint, den Blick auf die Stärken und Fähigkeiten zu konzentrieren, und diese im Gespräch hervorzuheben (B06:9, N05:27, N01.107, P08:37). Neben Authentizität, Offenheit und Neugierde als grundlegende Kompetenzen wird deutlich, dass zudem weitere spezifische Kenntnisse für die Arbeit in den Familienzentren wichtig sein können. Die Mitarbeitenden müssen nicht alle über jede einzelne dieser wesentlichen Kenntnisse verfügen. Vielmehr ist eine fachspezifische Pluralität in der Teamzusammensetzung sowie ein Wissen darüber, wo spezifisches Wissen hergeholt werden kann, ein grundlegendes Merkmal der Kompetenzvielfalt. Trotzdem werden im Folgenden die spezifischen Themenbereiche zusammenfassend umrissen. Von den Akteuren aller Familienzentren werden kindesentwicklungsspezifische Kenntnisse benannt. Vordergründig in festen Kursen, Bildungsangeboten und Beratungen, aber durchaus auch im offenen Bereich, werden kindesentwicklungsspezifische Fragen von den Nutzer_innen angebracht (J02:104, B36:23f, N13:42, P09:72). Somit sind gewisse grundlegende Kenntnisse wichtig, um Nutzer_innen adäquat begegnen zu können. Zudem unterstützen solche Kenntnisse für Beobachtungen und Ansprachen als Gesprächsanknüpfungspunkt (B15:18, P21:10). Dar- über hinaus ist ein Wissen über familienrelevante Themen hilfreich. Familienrelevante Themen reichen über den Aufbau und Struktur der Bildungssysteme, die Stadt Berlin, Aufbau und Funktion der verschiedenen Verwaltungen (insbesondere des Jugendamts), Religionen bis hin zu Fragen nach sozialrechtlichen Unterstützungen (P07:11ff, P13:60). Aus dieser Beschreibung folgernd kann eine einzelne Person gar nicht über dieses gesamte Wissen verfügen. Vielmehr ist es grundlegend, zu wissen, welche Anlaufstellen oder Akteure zu den jeweiligen Themen hinzugezogen oder an wen weitervermittelt werden kann. Demnach steht hierbei insbesondere eine Sammlung und Weitergabe von Informationen im Fokus (P22:86, P01:26, P21:110, P09:68). Aktiv umgesetzt wird dies auch in den verschiedenen Vernetzungsrunden. Weitere wichtige Aspekte umfassen Kultursensibilität und Sprachkenntnisse (P05:125). Kultursensibilität ist eng verbunden mit der bereits dargestellten zugrunde liegenden Haltung der Offenheit, des Respekts und des Wohlwollens. Zudem impliziert dies ein aufmerksames und neugieriges Nachfragen, insbesondere, wenn etwas nicht eindeutig erscheint (B36:23f). Für den Erstkontakt zu Familien mit nichtdeutscher Herkunftssprache können die jeweiligen Sprachkenntnisse hilfreich sein (P08:39, P21:42, N05:49, B07:5, B11:29, N05:50, P13:43f). Allerdings ist es dabei wichtig, zu beachten, dass nicht ausschließlich die Mitarbeitenden mit den jeweiligen Sprachkenntnissen für eine bestimmte Personengruppe ansprechbar sind, da über solch eine Funktion wiederum Zuschreibungen reproduziert werden können (P08:42). 260 Zudem werden Aspekte genannt, die sich künstlerischen Fähigkeiten zuordnen lassen und an dieser Stelle allgemein als Kreativität beschrieben werden. Dies umfasst den Bereich Musik, Basteln, Gestalten, Herstellen und Malen, aber auch Theater und Computergestaltung (N14:12, B10:6f, N01:93). Insbesondere kreative Angebote, die in der Form zu Hause nicht umsetzbar sind, werden dabei benannt (P22:82, B15:20, P09:70). Eine weitere methodische Gestaltungskompetenz, die für die Mitarbeitenden der Familienzentren unerlässlich ist, sind Moderationskompetenzen und ein Wissen über Gruppenanleitung und Gruppenprozesse (P09:71). Die unter dem Begriff der ‚Reflexiven Kompetenzvielfalt der Mitarbeitenden‘ zusammengefassten Haltungs- und Wissensaspekte tragen dazu bei, dass die Mitarbeitenden als kompetente Ansprechpartner_innen in den Familienzentren zur Verfügung stehen. Somit können die Nutzer_innen wiederum passgenau unterstützt und individuell gestärkt werden. Abb. 36: Arbeitsprinzip ‚Reflexive Kompetenzvielfalt der Mitarbeitenden‘ sowie der daraus ableitbare Nutzen Willkommenskultur ohne Problemfokus Das methodische Arbeitsprinzip der Willkommenskultur ohne Problemfokus durchzieht verschiedene Bereiche. Bereits die im Arbeitsprinzip ‚Öffentlichkeitsarbeit‘ beschriebene Gestaltung der Gebäude mit entsprechend dekorierten Aufstellern und Begrüßungen sind entscheidende Elemente für eine Willkommenskultur ohne Fokussierung auf ein Problem. Durch eine entsprechend betitelte Offenheit und den nicht defizitären Fokus auf Personen, die Unterstützung benötigen, wird eine einladende Ansprache des Willkommenseins gestaltet. Dies wiederum beein- 261 flusst die Entscheidung über einen Erstbesuch (P22:84, B25:5). Der Erstbesuch eines Familienzentrums erfolgt zumeist entweder gemeinsam mit Freunden oder Bekannten (P01:68, P20:21, B36:11, P09:52, N05:65, P15:33, N01:50, N02:14ff, PN01:16) oder durch die Anmeldung für ein konkretes Angebot (B37:25, N13:11, N05:12, N10:12, P01:64). Damit wird der Situation aus dem Wege gegangen, allein einen unbekannten Raum zu betreten (N04:12f). Daneben gibt es aber auch Nutzer_innen, die berichten, dass sie sich einfach mal auf den Weg ins Familienzentrum gemacht haben (N13:15, B33:12, B37:9, J02:58, P22:159). Neben dieser strukturellen Gestaltung werden auf der Ebene des methodischen Handelns alle Personen, die das Familienzentrum betreten, freundlich wertschätzend begrüßt (B25:6, B34:6, B36:6, P15:58, B10:16, B26:8, B26:10, B30:5, B27:5, B27:11, P11:23, B07:5, B07:23, P13:16, N14:10). Dies erfordert eine hohe Aufmerksamkeit der Mitarbeitenden, insbesondere zu stark frequentierten Zeiten (B06:16, B28:21). In der persönlichen Ansprache werden ebenfalls keine Probleme in den Fokus gestellt, sondern vielmehr Interessen und Bedarfe für ein langsames Kennenlernen erkundet (J03:26, J01:48, P03:82, P22:110, B25:8). Der Erstbesuch wird genutzt, um den Familien die Räumlichkeiten zu zeigen und Angebote vorzustellen (B29:11, P14:121f, P03:67, P12:92f). Dabei werden bereits Interessen identifiziert, um bei Bedarf an die jeweiligen Angebote weiterzuvermitteln (P01:77, P09:46, P20:43, N01:99, B16:19, B14:25, B29:8, P19:122). Durch solche aufmerksamen Begrüßungen wird den Nutzer_innen Gesprächsbereitschaft signalisiert (B30:5f, B15:16, P20:40, P21:10, PN02:96, P13:46, B07:27). Dabei ist eine hohe Sensibilität der professionellen Akteure erforderlich, um auch den jeweiligen Befindlichkeiten der Nutzer_innen gerecht zu werden (P09:74). Diese persönliche Begrüßung wird insbesondere von den Familien als wertschätzend-einladend erlebt und unterstützt das nochmalige Wiederkommen (N14:23, P06:77, PN03:54, P07:84, P03:34). In den jeweiligen Kursen und Angeboten erfolgt darüber hinaus eine gemeinsame Begrüßung aller Teilnehmenden, bspw. mit einem Lied oder Spiel (B09:20, N05:23ff). In den offenen, angeleiteten Spielgruppen und regelmä- ßig stattfindenden Angeboten gibt es zudem ein festes Ritual für die Begrüßung, wobei auch die Namen der Kinder genannt werden (B09:14, B13:8, B18:9, B20:10). Neue Mitarbeitende stellen sich bei den Begrüßungen ebenfalls den Nutzer_innen kurz vor (B33:8, B36:11, N13:12, P01:69, P08:46, B06:20, B15:14, P02:38, P16:106, B07:12, B14:17f). Solch eine Willkommenskultur ist aber nicht allein für den Erstbesuch entscheidend, sondern auch für die darauf folgenden Besuche, da somit eine Atmosphäre des Wohlfühlens und des Dazugehörens im Sinne einer sozialen Teilhabe gestaltet wird. Im Verlauf weiterer Besuche wird eine persönliche Begrüßung durch eine personalisierte namentliche Ansprache und individuelle thematische Anknüpfungen zentral (B25:6, B06:11, B17:11, B18:7, P22:67, N13:44, P20:45, B13:9, B14:7, B16:9). So können bei den Begrüßungen persönliche Themen vom letzten Besuch nachgefragt werden (B27:16). Aus Sicht der Nutzer_innen trägt dies maßgeblich zur atmosphärischen Gestaltung und dem Wiederkommen bei, insbesondere im 262 Vergleich zu kommerziellen Familiencafés (N14:23, N02:30, N12:18). Eine individuell persönlich ausgerichtete Ansprache ist somit ein weiteres zentrales methodisches Element. Neben der Vorbereitung der Räume und Angebote ist auch die Gestaltung eines gemeinsamen Abschlusses wichtig (B33:14, B09:27, B20:8, P18:122). Dies erfolgt neben methodischen Elementen in festen Angeboten durch eine Verabschiedung mit netten Worten und einer bekundeten Freude über ein nächstes Wiedersehen (B37:21, N14:117). Abb. 37: Arbeitsprinzip ‚Willkommenskultur ohne Problemfokus‘ sowie der daraus ableitbare Nutzen Wertschätzendes Interesse Ein weiteres methodisches und zugleich sich aus der professionellen Haltung der Mitarbeitenden ergebendes Arbeitsprinzip ist das wertschätzende Interesse gegen- über den Nutzer_innen. Dieses wird wiederum auf verschiedenen Ebenen ersichtlich. Die Nutzer_innen erleben die Vorbereitung der Räumlichkeiten und Angebote als Wertschätzung (N01:117, P01:39, P22:103). Die Angebote sind so konzipiert, dass die jeweilig möglichen Bedarfe der Teilnehmenden beachtet werden, wie bspw. das Bereitstellen von Kinderstühlen oder gewürzarmen Lebensmitteln für das gemeinsame Eltern-Kind-Frühstück (B12:19, N01:63, B18:6ff, PN03:51, N11:45, B25:16, P22:84, B33:9, B34:5, B37:5, N13:23, N07:45, N04:20, N05:19). Die atmosphärische Gestaltung, maßgeblich durch die Haltung der Mitarbeitenden bedingt, trägt so ferner zur Wahrnehmung eines wertschätzenden Interesses bei (N14:24, P15:63, B33:10, B33:18, B34:20, B37:5, B36:25, N07:79, N08:91, N06:101, P12:71, B13:11, B24:11, J02:109ff). Auch in Situationen, die anders als geplant verlaufen, ist Flexibilität erforderlich, um sich entsprechend der gegebenen Rahmenbedingungen anzupassen und zugleich den Nutzer_innen wertschätzend zu begegnen. 263 Auf der personell-individuellen Ebene meint ein wertschätzendes Interesse das Anerkennen der jeweiligen Personen mit ihren Stärken und Fähigkeiten bei gleichzeitiger Spiegelung von Herausforderungen und Alltagsangelegenheiten, die diese Personen meistern (B04:14, B05:27, B15:16, P09:69, B20:15, B14:16, P13:48, B13:11, N05:30). Um solche Stärken und Fähigkeiten identifizieren zu können, gestalten die Mitarbeitenden Gesprächssituationen, in denen sie neugierig nachfragen und zuhören. Über das ohne Zeitdruck vermittelte Interesse der Mitarbeitenden an den Familien kommen diese ins Gespräch und ermöglichen so einen Vertrauensaufbau (P09:90, B27:16, B13:12). Im offenen Familiencafébereich geben Beobachtungen der Kinder einen wertschätzenden, ressourcenorientierten Gesprächsanlass (B06:17, B23:7, P08:53f, N14:23). Durch offene Fragen gekoppelt mit ressourcenorientierten Rückmeldungen und interessiertem Zuhören gestalten die Mitarbeitenden die Gespräche (P13:47, P07:82). Allein durch das Zuhören können wichtige Informationen herausgefiltert und aktuell relevante Themen transparent gemacht werden (B25:9, P15:57, PN01:70, PN02:58, P22:86, P11:49). Die Mitarbeitenden nehmen dabei nicht ausschließlich die Haltung eines außenstehenden Experten ein, sondern gestalten eine dialogische Gesprächsatmosphäre und berichten in passenden Momenten auch von ihren Erfahrungen. Dies wiederum nehmen die Familien neugierig auf (B33:10, B27:12, P09:69). In festen Kursen und Bildungsangeboten sind Elemente des Austauschs strukturell eingeplant. Durch die regelmäßigen Treffen wird der Vertrauensaufbau unterstützt. Zugleich können hierbei das Element des Perspektivwechsels und der Nutzen der Expertise der anderen Teilnehmenden herausgestellt werden (N07:42). Zudem sind einige Kurse auf eine kontinuierliche Teilnahme hin angelegt, sodass die Mitarbeitenden beim Fehlen eines Teilnehmenden auch diesbezüglich nachfragen. Anfänglich kann dies durchaus befremdliche Nachfragen irritieren, aber durch einen dialogischen Austausch als Zeichen der Wertschätzung und des Interesses an der Person wahrgenommen werden (P03:43). Solch ein wertschätzendes Interesse unterstützt den Vertrauensaufbau zu den Nutzer_innen. Durch das Erkunden der individuellen Interessen und Bedarfe können diese individuell unterstützt und bestärkt werden. In der folgenden Abbildung sind diese Elemente zusammenfassend dargestellt. 264 Abb. 38: Arbeitsprinzip ‚Wertschätzendes Interesse‘ sowie der daraus ableitbare Nutzen Individualisierte Beratungsstrukturen ermöglichen Ein wichtiges und als konzeptionelles Ziel verankertes Element ist der Vorbehalt von Beratungsangeboten. In den Familienzentren finden sich verschiedene Formen von Beratungsstrukturen. Einerseits können diese nach der jeweiligen strukturellen Form unterschieden werden in feste, im Programm verankerte Beratungsangebote sowie der flexiblen Beratung nebenbei. Andererseits kann hinsichtlich der beratungsdurchführenden Akteure unterschieden werden in Beratungen durch die Mitarbeitenden in den Familienzentren sowie in Beratungen, die sich aus der Weiterleitung an Kooperationspartner_innen ergeben haben. Beratungsangebote zu verschiedenen thematischen Bezügen sind in allen Programmen der untersuchten Familienzentren verankert. Diese werden wöchentlich oder monatlich zu festen Zeiten entweder von Mitarbeitenden der Familienzentren, fachspezifischen Kooperationspartner_innen, fachspezifischen Honorarkräften oder auch ehrenamtlich Engagierten angeboten. Einige der Beratungsangebote finden in extra dafür vorgesehenen Räumen statt, andere sind in den Alltag das offenen Familiencafés integriert, wobei ein Rückzug in ungestörte Räumlichkeiten bei Bedarf erfolgen kann (B04:18, PN02:34). Neben diesen festen Beratungsangeboten agieren die Mitarbeitenden in den Familienzentren als Ansprechpartner_in für allerlei Themen und führen situativ entstehende Beratungen flexibel durch (P20:146, P21:44, P22:85). Durch das beschriebene Ansprechen der Familien, dem neugierigen Nachfragen und Zuhören, erfahren die Nutzer_innen Interesse und Wertschätzung an ihrer Person, bauen Vertrauen auf und nutzen somit auch die Gelegenheiten, Fragen und Probleme anzubringen (P22:97, P21:46, B27:19, B24:23f). Darüber hinaus bieten sich in 265 diesem Kontext Beobachtungen als Gesprächsanlass (B10:14f, B15:11, PN02:66ff, B15:18f). Neben dem offenen Familiencafébereich wird dies besonders in den verschiedenen Eltern-Kind-Gruppen deutlich, in denen auf unterschiedlichen Wegen Möglichkeiten des Anbringens von Fragen und Themen methodisch arrangiert werden (P09:29, P19:121, B11:24f, P19:100ff, P08:35). In solchen Gruppen werden durch die Ansichten und Ideen der Teilnehmenden individuelle Perspektivwechsel ermöglicht (P15:55, P01:29, P19:68, B17:37, B18:30, N06:40, N11:24, P11:50, B24:23, B29:18, P03:78, P20:57ff). Dieser wird oftmals in dialogischen Situationen durch das Darstellen anderer Standpunkte angeregt (PN02:50, B37:19, B34:19). Dies bedarf einer entsprechenden Vorbereitung und methodischen Gestaltung durch die Mitarbeitenden, um auch hierbei verschiedene Zugangswege anzubieten (B09:23, B11:14, P04:102). So entstehen bei gemeinsamen Tätigkeiten wie Kochen oder Basteln solche Gesprächssituationen (B28:23, P19:30, P18:140). Die Mitarbeitenden greifen die Themen und Fragen auf, beantworten diese und unterstützen thematisch, sofern dies möglich ist (P13:16, N05:25). Bei sensiblen und umfassenden Themen oder aktuell nicht ausreichenden Zeitkapazitäten verabreden sich die Mitarbeitenden mit den Anfragenden für einen späteren Zeitpunkt oder ziehen sich in einen ungestörten Raum zurück. Allerdings können die Mitarbeitenden nicht immer alles wissen. Daher ist einerseits eine Bedarfsklärung erforderlich, die die Grundlage für die Überleitung in passende Angebote des Familienzentrums ermöglicht. Durch das Identifizieren der Fragen und Interessen ergeben sich möglicherweise Gruppen, Kurse oder auch Beratungen, die diese Themen aufgreifen (B33:7, B15:17, P01:44, (B05:36, (P21:12, P03:83, P04:65, N06:23, N07:57f, B28:24, B27:13). In den jeweiligen Gruppen werden je nach Bedarf auch fachspezifische Kooperationspartner_innen eingeladen, die über ein konkretes Thema referieren und dann als Ansprechpartner_in zur Verfügung stehen (P04:93, P03:80, P04:138f, P21:104, P05:137, B17:22). Aber es kann auch erforderlich sein, dass die Mitarbeitenden an die für die jeweiligen Fragen grundlegenden Fachkräfte und Kooperationspartner_innen verweisen (P07:47, P09:47, P22:86, B05:38, P13:20, N06:92). Solch eine bedarfsentsprechende Vermittlung an Kooperationspartner_innen ist grundlegend, da durch das bereits bestehende Vertrauen zu den Mitarbeitenden der Familienzentren über diese persönliche Weitervermittlung zugleich ein Vertrauensvorschuss mitgegeben wird (PN02:55). Ähnlich lässt sich dies auch andersherum beschreiben: Wenn Nutzer_innen an Angebote von Kooperationspartner_innen in den Räumen des Familienzentrums teilnehmen und somit einerseits die Räumlichkeiten kennenlernen und andererseits persönliche Informationen über die Kursleiter_innen erhalten, führt dies oftmals dazu, dass diese dann aufgrund des bestehenden Vertrauens weitere Angebote nutzen (B09:24, P07:69f, B09:25, P05:98, PN01:19, PN02:93, P07:65, PN01:40f). 266 Durch diese Vielzahl an Beratungszugängen werden zugleich die Beratungsvorerfahrungen der Nutzer_innen aufgefangen und positiv besetzt. Die Nutzer_innen erhalten dadurch eine zielgerichtete, schnelle Unterstützung. Dies kann wiederum zur Folge haben, dass die Schwelle der Inanspruchnahme von zukünftigen Beratungen gesenkt wird. Abb. 39: Arbeitsprinzip ‚Individualisierte Beratungsstrukturen ermöglichen‘ sowie der daraus ableitbare Nutzen Bedarfsorientiertes Interagieren Ein zentrales methodisches Arbeitsprinzip der Mitarbeitenden in den Familienzentren ist das bedarfsorientierte Interagieren. Um dies umzusetzen, ist eine konsequent neugierige Offenheit gegenüber den Nutzer_innen, deren Anliegen und Themen grundlegend (J02:106). Durch solch eine Aufmerksamkeit wiederum werden alle Nutzer_innen mit einbezogen (B34:17, N01:109, B06:22, B15:7, N01:110, N02:50, P20:113). Das bereits beschriebene wertschätzende Interesse und aufmerksame Begrüßen ermöglichen wiederholt Anlässe für das Anbringen von Themen und Bedarfen durch die Nutzer_innen (B27:17, N11:19, P11:50, P02:41). Dies bezieht sich auf Gesprächssituationen sowohl im offenen Familiencafé als auch in festen Gruppen und einmaligen Veranstaltungen (P22:98, B06:9, N05:27, N01.107, P08:37, B36:11, N14:15, N05:29). Entsprechend erfordert dies 267 eine hohe Sensibilität und zugleich auch Flexibilität der Mitarbeitenden, um an den jeweiligen Bedarfen der Nutzer_innen ansetzen zu können (PN02:93, PN01:57, B07:9, P13:20). Der richtige und passende Zeitpunkt dafür sind ebenfalls wichtig (B33:7, P22:99, P09:73, B06.12, B15:7, P18:57, B15:8, B06:21, B34:9). Bedarfsorientiertes Interagieren meint auch, in bereits vorbereiteten offenen Angeboten die Situationen aufzugreifen, in denen die Teilnehmenden ein anderes Interesse haben als an dem vorbereiteten Thema. In solchen Situationen ist ein reflektierter Umgang damit durch die Mitarbeitenden wichtig (B09:21, B16:16, N05:20). Ein insbesondere zu Beginn, aber auch im weiteren Verlauf eines Angebots kontinuierlicher Abgleich der Vorkenntnisse, Interessen und ggf. Ziele unterstützt dies (B13:21, P03:96). So können die Nutzer_innen mit ihren Erfahrungen und Anregungen aktiv aufgefordert und einbezogen werden (B36:17, N08:79, P12:54, P11:80, B17:15, B16:14, P07:37, P03:74, P19:99, P16:100, P18:122). Die Formen des Einbringens können wiederum sehr unterschiedlich sein. Das Einbringen kann über Wissensweitergabe und aktive Unterstützung von Dingen oder Aktivitäten, in denen die jeweiligen Personen Experten sind, erfolgen (B37:21, P22:180ff, B15:12, P09:77f, P16:103). Nutzer_innen werden zudem angeregt, selbst Ideen für Projektumsetzungen und Themen zu entwickeln (B15:7f, N07:37, B18:19). Neben den verschiedenen kommunikativen Elementen sind Beobachtungen ein geeignetes methodisches Handwerkszeug, um zum einen Ressourcen zu identifizieren und zum anderen Bedarfe zu ermitteln. Entsprechend der jeweiligen konzeptionellen Grundlage werden Beobachtungen unterschiedlich differenziert und strukturiert eingesetzt (P08:38, P01:27, B18:14, N11:61). Diese Beobachtungen können wiederum als kommunikativer Gesprächsanlass genutzt und geschätzt werden (N01:116, B05:28, P09:107, B17:14, P19:72, P20:49). Diese beschriebenen Aspekte sind unabdingbar für eine aktive Prozessgestaltung. Prozessgestaltung meint dabei die Übernahme einer moderierenden Funktion innerhalb von Angeboten sowie im offenen Familiencafébereich den inhaltlichen Einbezug aller Nutzer_innen bei gleichzeitiger Ermöglichung von struktureller Offenheit durch die Mitarbeitenden (P15:57, B30:5f, B36:30, B37:10, B17:21, P05:32). Darüber hinaus können so Impulse oder Anregungen für gemeinsame Aktivitäten gesetzt werden (B15:7f, N07:37, B18:19). Das Berichten aus eigener Erfahrung kann dabei durchaus unterstützend sein (B33:10, B05:34, P20:98, PN02:12, P19:77). Ein weiteres der Prozessgestaltung zuschreibbares Element ist das Ermöglichen von Begegnungen, damit Nutzer_innen sich untereinander kennenlernen können (P07:11, P13:42, P22:86). Dafür ist ein vernetztes Arbeiten im Stadtteil unabdingbar (J02:107, P15:34). Eng mit der Prozessgestaltung verbunden ist das methodische Element der aufmerksamen Flexibilität. Dies umfasst das strukturelle Aufgreifen von familienunterstützenden Elementen bei gleichzeitigem flexiblen 268 Aufgreifen von akuten Unterstützungsbedarfen (N14:24, P15:63, P22:104, B12:19, N01:63, B18:6ff, PN03:51). Dies zeigt sich oftmals in kleinen Details und trägt zu einer Atmosphäre des Willkommenseins bei. Bedarfsorientiertes Interagieren umfasst auch, individuell sich ergebende Themen in einen übergeordneten Zusammenhang zu setzen und daraus individualübergreifende Angebote zu entwickeln (J03:40, P15:57, B36:31, P21:68, P05:64, B34:13, B37:10, B05:39ff, P22:164, B17:14, B13:28ff, P05:54, B36:8, PN04:72, B05:32ff, PN02:64, PN01:41ff, PN01:41ff). Dies erfordert eine hohe Professionalität der Mitarbeitenden zum Identifizieren solcher Themen und zugleich auch geeigneter teamstruktureller Austauschrunden, um diese nach dem Identifizieren zu sammeln und gemeinsame weitere Strategien zu entwickeln (B34:7, P02:26, P02:27). Wissen über Angebote von Kooperationspartner_innen, Angebote im Stadtteil und Sozialdaten werden dazu ebenfalls einbezogen (J02:107, P15:34). Dies umfasst zugleich auch, Eltern aktiv einzubinden, ihnen Räumlichkeiten, Wissen und Rahmenbedingungen bereitzustellen (P02:21, P20:98ff). Darüber hinaus bedarf es neben der individuellen Erhebung solcher Bedarfe auch konzeptionell verankerter Methoden wie schriftliche und mündliche Befragungen der Nutzer_innen für kontinuierliche Bedarfserhebungen (P06:72, P18:94ff, P09:75, J03:36, P07:56ff, P14:30, N14:69). Durch solch ein dargestelltes bedarfsorientiertes Interagieren werden die aktuellen Themen der Nutzer_innen aufgefangen und Beteiligungsmöglichkeiten offeriert. Angebote und Strukturen werden organisationsstrukturell passgenau gestaltet, orientiert an den identifizierbaren Bedarfen. Abb. 40: Arbeitsprinzip ‚Bedarfsorientiertes Interagieren‘ sowie der daraus ableitbare Nutzen An diese organisationsstrukturellen und methodischen Arbeitsprinzipien anschlie- ßend werden nun die zentralen Nutzendimensionen abstrahiert dargestellt. 269 5.1.3 Nutzendimensionen der Familienzentren Neben den identifizierbaren Arbeitsprinzipien nehmen die Nutzendimensionen hinsichtlich der Einschätzung von hilfreichen Rahmenbedingungen und Strukturen einen wichtigen Stellenwert ein. Daher ist eine gezielte Beschreibung der Nutzendimensionen hilfreich, um darauf basierend entsprechend der dargestellten organisationsstrukturellen und methodischen Arbeitsprinzipien eine weitere Konzeptionsund Prozessgestaltung aktiv zu initiieren. Um dem gerecht zu werden, werden nun die zentralen Nutzendimensionen abstrahiert dargestellt. Kooperierende familienfreundliche Stadtteilgestaltung Entsprechend der beschriebenen Zielstellung einer familienfreundlichen Infrastrukturgestaltung durch das Anbieten eines Anlaufortes und der Stärkung von Familien wird deutlich, dass aus Sicht der Befragten die Familienzentren zur Gestaltung eines familienfreundlichen Stadtteils beitragen (P09:29). Durch die Familienzentren erleben die Nutzer_innen die Wichtigkeit des Themas Familie, was wiederum dazu beiträgt, im Stadtteil wohnen zu bleiben (P09:94, PN01:73). Zusätzlich unterstützt wird dies durch das Kennenlernen der Familien und Nachbarn. Das Wiedererkennen beim zufälligen Begegnen auf der Straße steigert wiederum die Lebensqualität und Verbundenheit mit dem Stadtteil (P09:98, PN03:77, P14:175). Durch die bestehenden Kooperationen und dem damit einhergehenden Wissen über Akteure und Angebote in der Region können Nutzer_innen zeitnah und zielgerichtet weitergeleitet werden (P21:28). Dies trägt maßgeblich zu einem familienunterstützenden Erleben der Nutzer_innen bei (P18:92). Darüber hinaus entsteht ein synergetischer Nutzen für die professionellen sozialen Akteure im Stadtteil. Angebote können somit passgenauer bedarfsorientiert gestaltet werden. Familienzentren werden dabei als ein niedrigschwelliges und zugleich präventives Angebot verstanden (JA02:25). Folglich können die Familienzentren gezielt Nutzer_innen weiter vermitteln oder auch identifizierte Themen ankündigen. Durch bestehende Vernetzungen werden in den Räumlichkeiten der Familienzentren gezielt Kooperationsprojekte installiert, um Familien zu erreichen, die durch andere Projekte möglicherweise nicht erreicht werden (P12:74). Teilweise erfahren Familien über Kooperationspartner_innen von den Familienzentren. Andererseits werden auch die Kooperationspartner_innen von den Familienzentren gebeten, Nutzer_innen für konkrete Angebote gezielt anzusprechen. Beide Vorgehensweisen gestalten sich äußerst synergetisch (N14:39ff, PN03:41, P12:78). Darüber hinaus entwickeln sich zwischen verschiedenen Trägern der Kinder- und Jugendhilfe Kooperationen bspw. hinsichtlich einer weiterführenden Begleitung (B05:42f, B26:16, P20:97). Solche Kooperations- und Übergangsgestaltungen unterstützen auch die jeweiligen Kontaktaufnahmen. Durch das Wahrnehmen und Erleben der zuständigen Mitarbeitenden des Jugendamts im Familienzentrum und die Kenntnis über deren Aufgaben und Arbeitsweisen verringert dies möglicherweise die Schwelle für eine zukünftige im Bedarfsfall gegebene Nutzung (J02:77, PN01:62, B03:21, P22:145). 270 Vielfalt erleben Ein weiterer Effekt, der auf die kooperierende familienfreundliche Stadtteilgestaltung zurückzuführen ist, ist das Erleben der Vielfalt an Nutzer_innen in den Familienzentren. Wie bereits dargestellt, ist entsprechend der zugrunde liegenden Zielstellung der Familienzentren nicht eine Zielgruppe mit einem konkreten Problemfokus im Blick, sondern Familien allgemein bzw. Personen, die in die Erziehung von Kindern involviert sind (J03:22, N13:34, P22:174, PN04:53, N10:24, P08:18, N06:90, P11:16, P14:57). Somit liegt bereits in der Zielstellung der Anspruch verankert, gesellschaftlicher Vielfalt gerecht zu werden. Zudem inkludiert dies die Auffassung, dass Familienformen und gesellschaftliche Lebenslagen kein statistisches Konstrukt, sondern vielmehr wandelbar sind und Veränderungsprozessen unterliegen (J03:26f, P21:60, P20:129). Über diese allgemeine Beschreibung hinaus lassen sich für die Familienzentren die jeweiligen Nutzer_innen näher beschreiben. Überwiegend werden die Familienzentren von Familien mit Kindern bis zu drei Jahren genutzt (B36:11, N14:14, P22:153, P21:34, PN03:104f, B29:17, P14:145, P03:57), an den Nachmittagen auch von Familien mit Kindern über drei Jahren und teilweise bis ins Grundschulalter (P18:44ff, P02:44). Oftmals sind dies Familien mit älteren und jüngeren Geschwisterkindern (B01:25, N_01:11f). In einigen Familienzentren werden gezielte Angebote für ältere Kinder eingeplant, um darüber Kontakt zu Eltern aufzubauen (PN03:85ff). Besonders hervorgehoben werden von allen vier Familienzentren Einelternfamilien als Nutzer_innen (P22:143, P02:27, P20:93, B07:13, P03:94, P20:23). Väter werden ebenfalls in allen Familienzentren als Nutzer beschrieben, allerdings nicht in der gleichen Intensität wie Mütter. Als eine weitere Nutzer_innengruppe beschreiben die befragten Akteure junge Familien, die keine Verwandte und Freunde in der unmittelbaren räumlichen Umgebung haben (B36:10, B36:22, N14:90ff, P20:102, P11:53, P02:73ff, P14:40). Hinsichtlich der Bildungsstrukturen beschreiben alle befragten Akteure eine durchmischte und unterschiedliche Nutzer_innenstruktur (J02:64, N01:102, P19:111, N02:30, P09:45, P19:107, P21:22, P13:71, P14:140, P16:85, PN04:55, P22:140). So werden die Familienzentren sowohl von sogenannten bildungsorientierten Mittelschichtfamilien (J02:64, P20:24f, J03:43, P22:143, P15:39, P08:27, P13:73, P14:145, J02:66, P02:74, P18:63) als auch von Familien, die über wenig ökonomische Mittel verfügen, genutzt (P02:74, B21:7, P16:85, N14:98, P22:152, P01:73f, P08:27, N05:49). Darüber hinaus zählen zu den Nutzer_innen auch Familien mit sogenanntem Migrationshintergrund. Allerdings muss an dieser Stelle darauf verwiesen werden, dass der Migrationshintergrund ein Unterscheidungskriterium darstellen kann, aber zugleich die vorher benannten Kriterien von bildungsorientiert und geringe ökonomische Mittel wiederum gleichermaßen für Personen mit Migrationshintergrund zutreffen. In den zwei Kreuzberger Familienzentren wird deutlich, dass insbesondere viele Nutzer_innen mit außereuropäischen 271 Migrationshintergründen erreicht werden (N09:30, PN02:99, P21:51ff, P19:112, P08:29). Dies wird auch an den verschiedenen gesprochenen Sprachen und selbst organisierten Erstsprachgruppen deutlich (P20:142, P21:58). Darüber hinaus werden verschiedene Sprachförderangebote vorbehalten (P04:50ff, P13:73, PN03:84, N05:49, P07:33, N05:42ff, P14:145). Bildungsangebote mit einem festen Programm erreichen wiederum eher Nutzer_innen europäischer Herkunft (B29:17). In den Friedrichshainer Familienzentren sind ebenfalls eher Nutzer_innen europäischer Herkunft anzutreffen (P02:53, B37:8). Trotz dieser unterschiedlichen Beschreibungen hinsichtlich der Nutzer_innenstruktur wird von einigen Befragten der Familienzentren benannt, dass nicht alle Familien erreicht werden (P02:44, P07:31, P22:143, P01:72). Gleichzeitig wird aber deutlich, dass durch die vielfältigen Angebote hinsichtlich der Familienformen, Bildungshintergründe und Erstsprachen durchaus verschiedene Nutzer_innen erreicht werden, allerdings in unterschiedlicher Intensität und Ausprägung. Anhand der qualitativen Beschreibungen wird somit eine Vielfalt deutlich. Flexible Entlastungsstruktur für alle Beteiligten Ein zentraler individualisierter Nutzen ist die von den Nutzer_innen beschriebene Unterstützung und Entlastung durch die Familienzentren. Dabei ist zum einen die alltagsstrukturelle und räumliche Entlastung zu nennen. Durch den Besuch des jeweiligen Familienzentrums bieten sich verschiedene Möglichkeiten der Beschäftigung im Vergleich zum Aufenthalt in der eigenen Wohnung oder auf dem Spielplatz (B34:7ff, B30:10, P20:131, B28:20, N02:36, N10:17, N12:25, N09:17). Darüber hinaus verfügen die Nutzer_innen oftmals über beengten Wohnraum, sodass sie das Familienzentrum gezielt als Treffpunkt nutzen (B34:11, N01:53, N11:21, P18:50, N01:55, P08:18, P16:96). Die Kinder spielen entsprechend ihrer kindlichen Bedürfnisse in den mit verschiedenen Anregungsmaterialien ausgestatteten Räumen (P15:67). Durch die örtliche Neutralität entstehen keine Streitigkeiten unter den Kindern hinsichtlich der Besitzansprüche für bestimmte Spielzeuge. Einige Nutzer_innen haben sich in den Familienzentren, bei Kursen oder in der angrenzenden Kita kennengelernt. In solchen Ausgangslagen ist das Familienzentrum als Treffpunkt deutlich niedrigschwelliger als eine Einladung in die Privatsphäre der eigenen Wohnung (B36:11, B37:12, P15:67, P11:56, B04:8, N12:34, P09:47, P21:54, B11:12, B07:23, N14:48, N01:54). So können die Kinder spielen und die Eltern sich währenddessen unterhalten (B34:19). Zudem trägt der kostengünstige Rahmen zur materiellen Entlastung bei. In den Familienzentren können Getränke und Speisen mitgebracht, teilweise aber auch kostengünstig erworben werden (P15:67, J02:67, B34:11, P09:49, P19:114, N01:103). Neben dem materiell entlastenden Effekt kann dies zugleich eine alltagsstrukturelle Entlastung darstellen, um nicht selbst an alles denken zu müssen (N10:29, N02:30). Eine andere Form der Entlastung zeigt sich durch die kostengünstigen bzw. kostenfreien Bildungs- 272 angebote in den Familienzentren (B28:13, N07:17, N08:22, P12:21, P11:57, N08:23). Zumal dies oftmals Angebote sind, welche die Familien in diesem Umfang sonst nicht umsetzen könnten (N12:27, P09:83). Diese Entlastungsstruktur kennzeichnet sich zudem durch eine flexible Nutzungsmöglichkeit ohne vorherige Anmeldung. Die Kinder erhalten vielfältige Spielanregungen, in welche die Eltern nicht unbedingt einbezogen werden (B33:11f, P15:41, B34:11, N13:32, P22:167, N02:53, N10:20). Zugleich erfahren die Eltern durch diese zumeist ihrem Bildungsverständnis entsprechende Beschäftigung der Kinder eine Entlastung, indem sich für sie Gesprächs- oder Rückzugsmöglichkeiten im anschließendem Cafébereich eröffnen (P15:67, P16:117, P02:35, N14:24, B04:20, N01:121, N12:34, P20:23). In solchen Gesprächen thematisierte Ängste, Fragen und Themen können wiederum zu einer Entlastung führen (N11:48). Begegnung – Kontakte – Gespräche Entsprechend der konzeptionell beschriebenen Zielstellung liegt für die Befragten ein zentraler Nutzen in der Ermöglichungsstruktur von Begegnungen, Kontakteknüpfen und Gesprächen (N14:50, PN04:36). Maßgeblich nach der Geburt des ersten Kindes besteht bei Eltern oftmals ein Interesse, mit anderen Familien in Kontakt zu treten, wenn sich aufgrund des Alters des Kindes der Tagesrhythmus wesentlich von Bekannten und Freunden unterscheidet (N02:56, P09:84, N06:107, N07:19, N08:16ff, N11:54, P12:72, P18:89, N01:18). Darüber hinaus sind insbesondere Familien ohne unmittelbare regionale familiale Unterstützung sowie Alleinerziehende auf der Suche nach Kontakten zu anderen Familien mit Kindern (P02:67, P16:94, B36:22, P22:87, P11:18, N14:90, P02:65, B17:32, N06:109). Durch den Besuch eines Familienzentrums wird ein gleiches Interesse sowie ein gleicher Alltagsfokus, nämlich auf die Kinder, vermutet (N01:125, N10:41, N12:39, P09:49). Aufgrund der Vielfalt der Nutzer_innen werden verschiedene Begegnungsmöglichkeiten vorbehalten. Feste Angebote ermöglichen das Begegnen und Gespräche in einem strukturierten Rahmen einer Nutzer_innenkontinuität (P09:25). Daneben werden auch Veranstaltungen geplant, bei denen ein festes Thema oder ein Event im Vordergrund stehen. Daher werden insbesondere Angebote wie ein gemeinsames Frühstück oder Themenrunden genutzt, um mit anderen unkompliziert ins Gespräch zu kommen (N13:23). Aufgrund des jeweiligen Vorortseins in den Familienzentren eröffnet das Interesse an dem Thema Familie zugleich einen unkomplizierten Gesprächseinstieg (N12:37, N12:54, B33:8, B03:15, P05:113, B14:24ff, B24:15, N04:38). Veranstaltungen an den Wochenenden tragen ebenfalls dazu bei, dass sich Nachbarschaft kennenlernt (P01:56, N10:26, N08:15, B07:13, P04:100, PN03:77, P14:107, N04:32). Somit wird der Isolation als Kleinfamilie entgegengewirkt (P21:28, P01:49). Eine weitere Begegnungsmöglichkeit wird über den offenen Bereich begründet, der spontane Gesprächssituationen ermöglicht, ohne sich verabreden zu müssen (N02:54, P09:87, N10:31, N11:48). Dies entspricht einer flexiblen Unverbindlichkeit. Allerdings ist insbesondere für Begegnungen im offenen Bereich eine gewisse Of- 273 fenheit anderen gegenüber erforderlich (N01:66, P21:84). Die strukturelle Raumgestaltung, bspw. durch das Stellen der Tische, unterstützt zwar die Aufnahme eines Gesprächs, aber die tatsächliche Kontaktaufnahme verbleibt dabei in der Verantwortung der Nutzer_innen. Diese flexible Unverbindlichkeit stellt wiederum ein Entspannungsmoment für Nutzer_innen dar. In den entstehenden Gesprächen werden grundlegend sehr vielfältige Themen angebracht, die die Nutzer_innen beschäftigen (B34:11, B36:26, N14:11, N14:75, N13:23). Themen für anfänglichen Gesprächsstoff sind zumeist die Entwicklung der Kinder, der Verlauf der Schwangerschaft, die Geburt, das Stillen, Kitaplätze und Schulen (B15:13, B30:8f, B30:13, N12:50, PN02:80). Daraus entwickeln sich Sequenzen, die zu gegenseitigen Ratschlägen, Austausch von Erfahrungen und angeeignetem Wissen im Sinne einer individuellen Lebensweltexpertise führen, was zumeist gern und bereitwillig weitergegeben wird (B34:16, N14:66, B12:31, B37:22, N14:110ff, B04:20, P09:81, N01:131, PN04:38). Dabei werden gemeinsam Ziele, Ideen und Umsetzungsschritte entwickelt (B36:20, B37:21, N14:63, B30:7, P08:48, P19:81, B14:10ff, P03:88). Für solche Gespräche förderlich scheint die Tatsache zu sein, dass alle mit ihren Kindern da sind und somit auch Verständnis für Situationen haben, wenn bspw. das Gespräch durch ein weinendes Kind unterbrochen wird (B04:16, B30:11, N12:47). Neben dieser flexiblen Unverbindlichkeit können sich aufgrund gemeinsamer Interessen langfristigere Beziehungsstrukturen und Freundschaften entwickeln, die auch aus den räumlichen Grenzen des Familienzentrums hinaustreten (N01:41, N02:43, PN02:77, N14:51, B34:9f, N01:82, PN02:34, B12:21, B10:10, P05:111, P13:67). Insbesondere für Frauen türkischer Herkunft wird diese Möglichkeit der Begegnung und langfristiger freundschaftlicher Verantwortungsübernahme als wichtig beschrieben (PN02:77ff, B36:12). Zugleich hat dies einen nachbarschaftsstiftenden Effekt, da die Nutzer_innen sich möglicherweise beim Begegnen auf der Straße wiedererkennen und die Chance besteht, sich im jeweiligen Familienzentrum wiederzubegegnen (P02:68, N14:59f, N14:94, P15:27, B30:15). Durch das Kennenlernen im Familienzentrum und ein verbindendes Thema kann auch der Bedarf nach einem regelmäßigen Austausch entstehen, der in der Gründung einer selbst organisierten Gruppe mündet (B05:35, P20:104). Hierbei entwickeln die Nutzer_innen entsprechend ihrer Bedarfe und dem Wunsch nach kontinuierlicher Verbindlichkeit eine Form der Begegnung, um künftige informelle Beratungsbedarfe abzudecken (P20:105, B05:41, PN02:75). Somit wird durch die den Familienzentren zugrunde liegende organisationsstrukturelle und methodische Struktur auf verschiedenen Wegen thematische Kommunikation, soziale Teilhabe und Teilgabe ermöglicht. 274 Vielfältige Unterstützung in Alltagsgestaltungen Neben der Suche nach Orientierung und Gesprächsmöglichkeiten liegt eine weitere Herausforderung, nach der Geburt des ersten Kindes in der Alltagsgestaltung mit einem Kleinkind und den daraus entstehenden unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht zu werden. Dieser Alltag wird individuell sehr unterschiedlich gestaltet. Entsprechend ist ein individuell passender Zeitpunkt für die Nutzung eines Familienzentrums erforderlich (N14:55, N02:18f). Dieser ergibt sich aus dem individuellen Wohlbefinden und den jeweiligen Vorstellungen für das Wohlbefinden des Kindes (N10:46). Ein Unterstützungselement kann dabei die Strukturierung des Alltags durch den Besuch eines wöchentlichen Angebots darstellen (B33:12, P22:153, B36:17, N06:46, N14:97). Die Nutzer_innen erleben solch eine selbst gewählte Tagesstruktur als unterstützend, da sie somit eine Aufgabe und zugleich Abwechslung erleben (N08:75, B28:16, B37:25, P05:105, P13:67). Gleichzeitig gestalten sich Nutzer_innen dadurch selbstbestimmt einen Freiraum, was wiederum hinsichtlich der Selbstwahrnehmung als hilfreich erlebt wird (N04:32, N05:54, P04:83, N14:94). Neben dieser festen Form der Alltagsstrukturierung wählen Nutzer_innen gezielt den flexiblen Rahmen des offenen Familiencafébereichs, um dort Zeit zu verbringen (P05:107, P11:17, J02:111, J03:37, B28:10). Durch die gegebene Nutzungsflexibilität entscheiden die Nutzer_innen je nach Tagesstimmung, weiteren Plänen und Aufgaben, ob der Besuch des Familienzentrums gut in ihre Alltagsgestaltung passt (B36:17, N13:15, N14:46, B27:15, PN01:56, P14:149). Diese Flexibilität nimmt einerseits den möglichen Druck einer weiteren Verpflichtung, und andererseits eröffnet sie weitere Gestaltungsmöglichkeiten. Bei der Entwicklung und Installation von Angeboten in den Familienzentren werden daher die zeitlichen Vorstellungen und Tagesstrukturen der Nutzer_innen in die Planung einbezogen. So soll auch auf diesen Wegen eine Entlastung durch passgenaue Alltagsstrukturierung erfolgen und zusätzlich unterstützen (P04:26, P14:163). Ein weiterer Bereich, der sich ebenfalls der Alltagsgestaltung zuordnen lässt, ist, dass den Nutzer_innen verschiedene Möglichkeiten des Engagements eröffnet werden. Die Nutzer_innen werden eingeladen, ihre Ideen und Wünsche aktiv einzubringen (J02:129). Gleichzeitig können sie sich ehrenamtlich bei Angeboten oder zusätzlichen Veranstaltungen engagieren, mitwirken und unterstützen (B37:8, P22:180ff, B36:24, B24:15, PN01:79f, N14:118, B14:5, P03.74, N11:68, PN01:39). Solch ein Engagement wird auch bei der Vor- und Nachbereitung von Angeboten wie dem gemeinsamen Frühstück deutlich (B14:23, B16:14, P07:37). Darüber hinaus können die Nutzer_innen Räume des Familienzentrums für private Veranstaltungen mieten oder auch eine selbst organisierte Gruppe gründen (P22:58, N01:30, P15:69, P09:105). 275 Förderung der Kinder Im Vergleich zu kommerziellen Familiencafés liegt ein weiterer Nutzen darin, dass die Kinder in den Familienzentren eine vielschichtige Förderung erfahren. Nutzer_innen mit Kindern, die wenige Monate alt sind, beschreiben, dass ihre Kinder ab einem gewissen Alter den Kontakt zu anderen Kindern brauchen (B33:12, N14:57, N01:124, N09:17, N04:21). Daneben zielen einige Nutzer_innen darauf, dass ihre Kinder Kontakt zu weiteren Erwachsenen aufbauen, um sie in ihrer Offenheit zu fördern (N13:26, N01:84, N02:53). Um dies zu ermöglichen, wird oftmals das Angebot fester Eltern-Kind-Gruppen gewählt. Der dadurch bedingte regelmäßige zeitliche Rhythmus und die personelle Beständigkeit werden als unterstützend für das Aufbauen von Vertrauen angesehen (B12:8, B07:19). Auch die darin verankerten Zielstellungen der Kurse erachten die Nutzer_innen als wichtig (P15:67, B37:25, N13:25, N08:46, B09:19ff, B06:19, B10:12). Entsprechend der jeweiligen individuellen konkreten Bedarfe werden Bildungsangebote zur Förderung der Kinder gewählt (N04:34, P03:97, B29:17). Die Wahl des Besuchs eines Familienzentrums unter dem Fokus der Förderung der Kinder wird auch durch den Besuch des offenen Familiencafés bestärkt. In den Familienzentren werden vielfältige Anregungsmaterialien und Beschäftigungsmöglichkeiten vorgehalten (N02:31, P20:147, N09:17, PN02:89). Entsprechend ihrer jeweiligen Interessen können die Kinder selbstbestimmt Spiele entwickeln und sich beschäftigen (B25:9, B34:18, PN04:29ff, B06:8, N10:19, N12:17, PN03:64, N05:15, P13:54, N14:25, B36:26, N01:123). Darüber hinaus wird der Nutzen darin gesehen, dass die Kinder solche Anregungen und Beschäftigungen in einem Kontext mit anderen Kindern entwickeln. So werden gleichzeitig Formen des Umgangs selbstinitiiert entwickelt (P09:32). Dies ist einerseits aus Sicht der Familien vor der Eingewöhnung der Kinder in der ersten Bildungsinstitution wichtig (B36:19), andererseits aber auch für die Kinder, die bereits eine Bildungsinstitution besuchen hinsichtlich des Ermöglichens von Kontakten außerhalb ihres institutionsbezogenen Bezugskreises (N04:24, B28:12, N08:27). Wenn Kinder in den Familienzentren Kurse besuchen, bilden sich teilweise Freundschaften (N06:18, N08:33, P09:82). Das Entwickeln der Selbstständigkeit und die kursspezifischen Inhalte wie Motorik oder Sprache werden als weitere zentrale Nutzendimensionen beschrieben (B07:18, B16:11, N04:20, B04:25, N12:26, B27:14, B28:9, B12:26, P09:49, N12:26, N02:28, P09:86, N12:36, B20:12ff, P18:136, B21:11). Neben der Freude und den Begegnungen für das Kind wird von den befragten Familien benannt, dass sie in das Familienzentrum gehen, um gezielt aktive gemeinsame Zeit mit ihren Kindern zu verbringen (P09:85, N11:50). Im Vergleich zur gemeinsamen Zeit zu Hause wird dabei benannt, dass die Nutzer_innen sich im Familienzentrum nicht mit anderen Dingen wie dem Haushalt nebenbei beschäftigen (PN03:71, PN01:68, N07:70, N08:75). Einerseits wird der offene Familiencafébereich genutzt, um die Kinder individuell beim Spielen zu begleiten (PN03:78), andererseits die verschiedenen Angebote und Kurse (P21:28, B07:13, N06:25, 276 P13:67). Darüber hinaus erhalten die Eltern Anregungen und Impulse, die sie gleich mit ihren Kindern umsetzen und darüber hinaus in den häuslichen Alltag übertragen können (PN01:67, N06:47, N07:71, N08:50, N11:65, PN01:67, P18:90, B13:25, P04:96). Gleichzeitig beschreiben die Nutzer_innen als Ziel und Nutzen, dass sie Anregungen für familiäre Interaktionsstrukturen erhalten (N11:31, P21:36). Austausch und Perspektivwechsel innerhalb verschiedener Akteursgruppen tragen ebenfalls dazu bei (N06:25, N08:36, B33:8). Unterstützung für familienalltagspraktische Themen und persönliche Herausforderungen Als ein weiterer Nutzen wird beschrieben, dass die Nutzer_innen in den Familienzentren bei Bedarf Ansprechpartner_innen vorfinden (PN02:58, N11:49, P02:36, J02:110). Durch das kontinuierliche Signalisieren von Gesprächsbereitschaft, dem Ansprechen und interessierten Nachfragen werden die Mitarbeitenden als Ansprechpartner_innen wahrgenommen (N06:25, P18:62, B10:13). Die jeweils angesprochenen Themenbereiche können sehr vielfältig sein (B34:21, B36:21, P04:107). Auch das Anbringen der jeweiligen Themen erfolgt sehr unterschiedlich: unerwartet im offenen Familiencafé, nach dem Kurs bei der Kursleiterin oder auch gezielt zu einem ausgeschriebenen Beratungsangebot (P03:83, P04:65f, P07:39, P13:45, P16:97, P18:89, N05:25, P09:81, P03:87). Wie bereits dargestellt, beraten die Mitarbeitenden in diesen Situationen, geben Hinweise und Tipps oder sie vermitteln weiter in passende Unterstützungsangebote (P04:108, P14:121, PN01:70). Solche Anregungen und Reflexionsmomente werden als deutlich entlastender Nutzen beschrieben (P20:57, PN01:67). Die jeweiligen Kurse und Angebote werden entsprechend konzipiert und methodisch gestaltet, sodass Zeiträume für Austausch und Gespräche vorhanden sind (N06:33, PN04:140, N11:49). Teilweise werden auch gezielt Themenimpulse gesetzt (N07:68, N08:28). Auch hierbei sind die Mitarbeitenden ansprechbar (B18:30f, P12:55, P16:98). Neben diesen dialogischen Entlastungssequenzen erfahren die Nutzer_innen konkrete Unterstützung bspw. beim Ausfüllen von Anträgen und Formularen (PN01:66, PN03:55, P07:67, N05:49). Dies sind alles Sequenzen, in denen eine entlastende Unterstützung im Alltag für die Nutzer_innen nebenbei erfahrbar wird (B34:20, B37:11, N14:64, B06:21, N12:25, N01:70, B12:28, P06:76, P11:59). Die Nutzer_innen beschreiben sehr klar, durch die ansprechbaren Unterstützer_innen in ihrer Individualität gefördert und unterstützt zu werden. Dies umfasst zum einen das Entwickeln einer individuellen Selbstständigkeit. Durch die vielfältigen Austauschmöglichkeiten, Anregungen und Perspektivwechsel entwickeln Nutzer_innen Strategien für alternative Handlungen, probieren diese aus und werden somit selbstständiger (P22:164, B34:21). Durch das Erleben und ansprechende Reflektieren im Familienzentrum werden vereinzelte Elemente durch die Familien aufgenommen und in ihren Alltag eingebaut (B33:13). Neben der Selbstständigkeit wird zum anderen deutlich, dass auch das Selbstvertrauen gefördert wird (B13:23, P04:73, B13:16, B14:25, P04:103). Dies bezieht sich einerseits auf 277 erlernte Kursinhalte und andererseits auf Effekte der Interaktionen allgemein (P05:127, P04:113, P14:135). Insbesondere im Rahmen der Sprachförderangebote für Frauen wird dieser Effekt deutlich. Die Frauen entwickeln durch das Trainieren ein Vertrauen in ihre Sprachkenntnisse, setzen diese ein und emanzipieren sich (B24:23, P05:54, P07:11, P14:135, N05:50). Zudem wird deutlich, dass die Frauen auch anfangen, etwas für sich zu tun und auf sich zu achten (P04:69, P05:82f, P07:35, B11:30). Als ein weiterer Nutzen wird deutlich, dass einige Nutzer_innen neue Berufsperspektiven entwickeln. Dies erfolgt entweder konkret durch Honorar- oder Beschäftigungstätigkeiten (B04:22f, P09:102, PN03:13, PN01:32) oder durch die verschiedenen gesetzten Anregungen und Impulse (P09:104, B06:6). Die neue berufliche Orientierung und Möglichkeit des Ausprobierens eröffnet zugleich eine Form der Anerkennung und somit in einem weiteren Effekt wiederum eine individuelle Unterstützung (PN04:25). So werden neue Fähigkeiten erlernt (PN04:88, P18:26, PN01:21ff). Die beschriebenen organisationsstrukturellen Rahmenbedingungen eröffnen einen Gestaltungsspielraum für grundlegende methodische Arbeitsprinzipien, die letztlich zusammen die Nutzendimensionen für die Familien und darüber hinaus im Stadtteil bedingen. Diese empirischen Erkenntnisse werden nun in die wissenschaftliche Diskussion um bestehende Erkenntnisse und Anforderungen eingebettet. 5.2 Theoretische Verortung der empirischen Erkenntnisse Unter Betrachtung der dargestellten empirischen Erkenntnisse wird deutlich, dass der Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg dem Anspruch einer familienfördernden Infrastrukturgestaltung nachkommt. „Jugendämter sollten sich als Orte der Initiierung, Steuerung und Moderation begreifen und den gesetzlichen Auftrag nach § 16 i.V.m. §§ 78, 79, 85 SGB VIII offensiv definieren. Die zentrale Verpflichtung zur Sicherstellung der Eltern- und Familienbildung liegt bei den öffentlichen Trägern der Kinder- und Jugendhilfe. Danach haben sie die Gesamt- und Planungsverantwortung inne und müssen gewährleisten, dass die zur Erfüllung der Aufgaben nach dem SGB VIII erforderlichen und geeigneten Einrichtungen, Dienste und Veranstaltungen rechtzeitig und ausreichend zur Verfügung stehen. Dazu gehören auch die Soll-Leistungen nach § 16 SGB VIII“ (Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge 2007:8). Dies wird durch die vorliegende empirische Untersuchung ersichtlich. So lassen sich trotz der unterschiedlichen Historien der untersuchten Familienzentren verallgemeinerbare Arbeitsprinzipien sowohl für den organisationsstrukturellen Kontext als auch das methodische Handeln der Praktiker_innen vor Ort ableiten. Folglich werden hier die sich ergänzende individualbezogene und sozialräumliche Perspektive der Arbeitsprinzipien offensichtlich, die das passgenaue Aufgreifen der jeweiligen Anforderungen im regionalen Kontext ermöglichen (Meinhold 1998:231). In der folgenden Abbildung sind diese zusammenfassend dargestellt. 278 Abb. 41: Arbeitsprinzipien und Nutzendimensionen von institutionalisierten Familienzentren Als organisationsstrukturelle Arbeitsprinzipien sind ‚Vernetzung und Kooperation‘, die ‚multidimensionale Öffentlichkeitsarbeit‘, eine ‚Angebotsvielfalt und offene Flexibilität‘ und das ‚Wissens- und Kompetenzmanagement‘ zu nennen. Die organisationsstrukturellen Arbeitsprinzipien kennzeichnen und bedingen zugleich die Familienzentren im Stadtteil. Daneben werden diese maßgeblich durch die methodischen Arbeitsprinzipien der praktisch tätigen Akteure geprägt, welche eine ‚reflexive Kompetenzvielfalt der Mitarbeitenden‘, eine ‚Willkommenskultur ohne Problemfokus‘, ein ‚wertschätzendes Interesse‘, die ‚Ermöglichung von individualisierten Beratungsstrukturen‘ und das ‚bedarfsorientierte Interagieren‘ umfassen. Die organisationsstrukturellen und methodischen Arbeitsprinzipien gestalten den Alltag in den Familienzentren und wirken so rahmengebend auf die identifizierbaren Nutzendimensionen. Die zentralen Nutzendimensionen umfassen dabei eine ‚kooperierende familienfreundliche Stadtteilgestaltung‘, die ‚Ermöglichung von Vielfalt‘, ‚flexible Entlastungsstrukturen für alle Beteiligten‘, den positiven Nutzen einer ‚Alltagsgestaltung‘, das Ermöglichen von ‚Begegnung-Kontakte-Gespräche‘, das Vorhandensein von ‚ansprechbaren Unterstützer_innen‘ und die ‚Förderung der Kinder‘. Darüber hinaus bietet dieses Modell von Arbeitsprinzipien einen Rahmen für die konzeptionell-strukturelle Entwicklung und zugleich für das methodische Handeln von professionellen Akteuren. Im folgenden Kapitel werden diese Arbeitsprinzipien und Nutzendimensionen nun mit bestehenden wissenschaftlichen Erkenntnissen diskutiert. Einleitend erfolgt die Einbettung der Forschungserkenntnisse in die theoretischen Rahmen von Lebens- 279 weltorientierung, Lebensbewältigung und Sozialraumorientierung. Daraus aufbauend wird Bezug genommen auf die in Kapitel 2.1 dargestellten Ausführungen zur ‚Familie im Wandel‘ und dabei insbesondere auf die Anforderungen an den Umgang mit Zeit im Kontext der Familienalltagsorganisation, auf die Chancen einer stadtteilorientierten Verankerung sowie auf die Ansprüche der Gestaltung von Orten für Beteiligung, Engagement und einer damit verbundenen individuellen Selbstverwirklichung. Anschließend werden Familienzentren in der Sozialen Arbeit verortet. Unter Bezugnahme der im Kapitel 2.2 dargestellten Anforderungen an ‚Begegnung, Beratung und Bildung‘ in der Sozialen Arbeit sowie der im Kapitel 2.3 dargestellten ‚Familienbildung‘ werden einleitend Familienzentren als Orte für Familien bzw. Personen, die mit der Erziehung von Kindern befasst sind, diskutiert. Darauf basieren die zentralen in der Sozialen Arbeit geforderten Prinzipien der ‚Bedarfsorientierung und Niedrigschwelligkeit‘, die anhand der untersuchten Familienzentren dargestellt werden, um so die Potenziale der Familienzentren für eine gelingendere Alltagsgestaltung nachzuzeichnen. Darüber hinaus erfolgt eine Beschreibung der in der empirischen Untersuchung identifizierbaren Leistungen für Familienzentren als Orte einer flexiblen Familienförderung, um das Kapitel abschließend ‚Familienzentren‘ als ein Handlungsfeld der Sozialen Arbeit zu verorten. 5.2.1 Familienzentren im Kontext von Lebensweltorientierung, Lebensbewältigung und Sozialraumorientierung An die Darstellung der verallgemeinerbaren Arbeitsprinzipien von Familienzentren, die nicht aus einer Kindertagesstätte entstanden sind, anschließend werden diese nun in den theoretischen Kontext von Lebensweltorientierung, Lebensbewältigung und Sozialraumorientierung verortet. Thiersch formuliert die im 8. Kinder- und Jugendbericht festgehaltenen Anforderungen an eine lebensweltorientierte Jugendhilfe folgendermaßen: „- daß die von der Jugendhilfe zu gewährenden Unterstützungen und Anregungen in bezug auf Bildungs-, Erziehungs- und Orientierungsaufgaben, in bezug aber ebenso auf die Gestaltung von Situationen, Gelegenheiten und Räumen als Hilfe zur Selbsthilfe so strukturiert sein müssen, - daß sie ihren Ausgang nehmen in den gegebenen Struktur-, Verständnis- und Handlungsmustern und - daß sie die individuellen, sozialen und politischen Ressourcen so stabilisieren, stärken und wecken, daß Menschen sich in ihnen arrangieren, ja vielleicht Möglichkeiten finden, Geborgenheit, Kreativität, Sinn und Selbstbestimmung zu erfahren“ (Thiersch 2012:23). So werden die Anforderungen an ein Zusammenwirken von Individuum und gesellschaftlichen Strukturen bereits deutlich. Mit dem Fokus auf Familienzentren in der Kinder- und Jugendhilfe wird zugleich die regionale Verortung der Familienzentren im Stadtteil als Ausgangslage offensichtlich. Durch diese regionale Verortung ist das Ansetzen in der Lebenswelt der Nutzer_innen gegeben (Thiersch 280 2012:23ff). Insbesondere sogenannte benachteiligte Familien sind in Stadtteilen verortet, die sie zugleich eher selten verlassen13. „Daher ist eine Sozialraumorientierung, die eine koordinierte Vernetzung der Angebote für diese Familien anstrebt, unerlässlich“ (Bird/ Hübner 2013:141). Die untersuchten Familienzentren nehmen aus der Perspektive der Nutzer_innen aufgrund der räumlichen Verortung einen Anlaufpunkt in ihrer Lebenswelt ein (vgl. Kapitel 4.2.1). Dies wird auch in weiteren empirischen Erkenntnissen zur Familienbildung deutlich: „Hinsichtlich der Gelegenheitsstrukturen der Eltern und der Orte, an denen sie sich die Platzierung familienbildender Angebote wünschen, kristallisiert sich heraus, dass weite Wege für die meisten Befragten zumindest bei regelmäßigen Kursen nicht akzeptabel sind und von der Nutzung abhalten“ (Mühling/ Smolka 2007:67). Unterstützt wird diese räumliche Verortung durch den Aufbau und die Entwicklung von regionalen Kooperationen mit weiteren für die Gestaltung einer familienfreundlichen Infrastruktur relevanten Angeboten. Aber auch die Teilnahme an verschiedenen Vernetzungsrunden und den sich daraus ergebenden Wissensvorräten ermöglicht den professionellen Akteuren eine bedarfsentsprechende Begleitung der Nutzer_innen und trägt somit zugleich dazu bei, dass die Themen der Nutzer_innen in ihrer Lebenswelt eingebettet betrachtet werden können (Thiersch 2012:38). Unterstützt wird dies durch konzeptionell-strukturelle Verankerungen einer multidimensionalen Öffentlichkeitsarbeit gekennzeichnet durch die Gestaltung der Gebäude, die Präsentation der Angebote in Schaufenstern, Programmen, Internetseiten oder regionalen Zeitungen, die ebenfalls zur öffentlichen Wahrnehmung und somit zur Verankerung im Stadtteil beitragen (vgl. Kapitel 4.1 und 5.1.1). Neben dieser strukturellen Ausrichtung an der Lebenswelt14 wird die Lebensweltorientierung durch das Aufgreifen von individuellen Themen der Familien bzw. 13 Kessl u. a. weisen auf die Gefahr hin, dass durch eine rein territoriale Fassung des Sozialraums dieser als Container verstanden werden kann und damit sozialräumliche Abgrenzungen bis hin zu stadtsoziologisch erfassten Segregationsprozessen und Exklusionen eher befördert. Für eine weitere Vertiefung dazu siehe Kessl u. a. 2005, Kessl/Reutlinger 2013. 14 Lebenswelt meint wie im Kapitel 2.2.2.2 dargestellt Folgendes: „Die Lebenswelt des Alltags ist folglich die vornehmliche und ausgezeichnete Wirklichkeit des Menschen“ (Schütz/ Luckmann 2003:29). Diese ist zugleich in gesellschaftliche Ausgangslagen eingebettet. „So ist meine Lebenswelt von Anfang an nicht meine Privatwelt, sondern intersubjektiv; die Grundstruktur ihrer Wirklichkeit ist uns gemeinsam“ (Schütz/Luckmann 2003:30). Entsprechend ist die Lebenswelt als eine Überlappung von Individuum und Gesellschaft zu betrachten. Unter Rezeption der phänomenologischen Betrachtung der Lebenswelt verweist Kraus (2006) auf die Notwendigkeit eines sensiblen Sprachgebrauchs, um sowohl die subjektiv wahrgenommene Perspektive von Lebenswelt als auch die tatsächlich beschreibbaren Lebensbedingungen im Sinne einer Lebenslage einzubeziehen, so, „dass der Mensch seine Lebenswelt unter den jeweiligen Bedingungen seiner Lebenslage konstruiert“ (Kraus 2006: 124). Die organisationsstrukturelle Ausrichtung einer familienunterstützenden Infrastruktur durch die dargestellten Familienzentren berücksichtigt somit die beiden beschriebenen Perspektiven: „Die Lebenswelt eines Menschen korreliert also mit dessen Lebenslage in derselben 281 Personen, die mit der Erziehung von Kindern zu tun haben, deutlich. Aufgrund der Angebotsvielfalt entlang an Bildungsangeboten für Kinder und Eltern, über Kreativität, Bewegung, Sprachförderung, thematischen Beratungsangeboten sowie der Ermöglichung von Begegnung können bedarfsentsprechend den jeweiligen relevanten Themen genutzt werden (vgl. Kapitel 5.1.1). „Alltäglichkeit heißt, dass ich betroffen bin: Hier verstehe und handle ich, hier werde ich von den anderen als zuständig für mich gesehen und zur Rechenschaft gezogen. – Alltäglichkeit ist Handeln im zugänglichen Raum, in der zugänglichen Zeit. Alltäglichkeit bezieht sich auf den Raum, den ich kenne, in dem ich mich bewege, in dem ich lebe und handle, also den Raum der Wohnung, der Nachbarschaft, der Straße und des Stadtteils“ (Thiersch 2006:23). Somit werden die lebensweltlichen Themen und somit zugleich die Subjektivität und Expertise der Nutzer_innen aufgegriffen. Die benannten Angebote und Unterstützungsstrukturen werden dadurch ebenfalls Bestandteil der Alltäglichkeit, indem einerseits individuelles Handeln und Subjektivität erlebbar und andererseits durch die Fokussierung der individuellen Expertise zugleich Selbstwirksamkeitserfahrungen ermöglicht werden. Darüber hinaus ist aufgrund des regionalen Bezugs der Familienzentren und den dadurch bedingten Nutzer_innen aus der unmittelbaren Umgebung zugleich das Kennenlernen potenzieller Nachbar_innen möglich. Dies unterstützt ebenfalls eine lebensweltliche Verortung15. Zugleich wird damit dem aufgrund der fehlenden dörflichen Strukturen, die erforderlich sind, um ein Kind zu erziehen, beschriebenen Mangel (Heitkötter u. a. 2008:9) begegnet. In Angeboten für Eltern und Kleinkinder liegt insbesondere die Stärke, dass Eltern Kontakte zu anderen Eltern knüpfen können und darüber Möglichkeiten des Austauschs erhalten. „Im Kreis von anderen Müttern erfahren sie soziale Unterstützung sowie Wertschätzung ihrer Tätigkeit, unter Umständen auch gegenseitige Betreuungsmöglichkeiten“ (BMFSFJ 2005:123). Wie im Kapitel 2.1 dargestellt, ergeben sich aus dem gesellschaftlichen Wandel zahlreiche Herausforderungen, insbesondere für Familien hinsichtlich der Gestaltung von Familienalltag und -organisation, Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie Erziehungswerten einher. Diese bringen zugleich Anforderungen an Bewältigung mit sich. „Ziel von Familienbildung ist es, Familien bei der Erziehung von Kindern zu unterstützen, ihr Selbstbewusstsein zu stärken und ihnen Möglichkeiten zu eröffnen, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von Erziehung mitzugestalten. Weise, wie die Wirklichkeit mit der Realität – das eine ist das unhintergehbar subjektive Konstrukt, das unter den Bedingungen des anderen gebildet wird“ (ebd.:126). 15 Neben der Selbstwirksamkeitserfahrung aufgrund der wahrgenommenen Expertise der Nutzer_innen kann in diesem Kontext zugleich der Bezugsrahmen von Sozialen Kapital (Bourdieu 1983) herangezogen werden, der besagt: „[D]as Beziehungsnetz ist das Produkt individueller oder kollektiver Investitionsstrategien, die bewußt oder unbewußt auf die Schaffung und Erhaltung von Sozialbeziehungen gerichtet sind, die früher oder später einen unmittelbaren Nutzen versprechen“ (Bourdieur 1983:193). Damit gehen zugleich Anforderungen an Formen der Anerkennung, Aushandlung und Mitwirklung einher. Für eine weitere Vertiefung siehe hierzu Früchtel u. a. 2007. 282 Diesem Ziel dienen Wissens- und Wertevermittlung und die Förderung von Austausch und Vernetzung“ (Senatsverwaltung Bildung, Wissenschaft und Forschung 2006:36). So werden die dargestellten Familienzentren durchaus dem Anspruch an eine alltagsbezogene Bildung im Verständnis von Bewältigung gerecht. „Familienbildung hat präventive Wirkung: Sie erhöht die Kompetenzen von Familien, Anforderungen und Belastungen – insbesondere in Krisensituationen – zu bewältigen“ (Senatsverwaltung Bildung, Wissenschaft und Forschung 2006:36). Dies entspricht auch dem Präventionsanspruch einer lebensweltorientierten Sozialen Arbeit16 (Thiersch 2012:30f). Familienbildung in solch einem Verständnis fokussiert also den Alltag von Familien, den einerseits alle Individuen haben und der andererseits mit diversen Anforderungen einhergeht. Zugleich wird durch diese Fokussierung des Alltags die Herausgehobenheit desselben entmachtet, und auch gering erscheinende Schwierigkeiten gewinnen an Relevanz (Thiersch 2006:17). Desgleichen sind die Anforderungen, die mit einer Alltagsgestaltung einhergehen, nicht zu gering zu schätzen. Alltag inkludiert vertraute Handlungsmustern und -abläufen, die aufgrund der Routinen Vertrauen und Verlässlichkeit ermöglichen (Thiersch 2006:24). Entsprechend nachvollziehbar ist es, dass ungewohnte Abläufe, Unterbrechungen oder Veränderungen zugleich mit großen Herausforderungen einhergehen (Thiersch 2006:24). Für die Nutzer_innen der untersuchten Familienzentren kennzeichnet sich Alltag insbesondere durch die Familienorganisation (vgl. Kapi- 16 Vor dem Hintergrund der beschriebenen Überlappung von Individuum und Gesellschaft kommt auch dem benannten Präventionsanspruch eine zentrale Bedeutung zu. „In dem hier vorgeschlagenen systemisch-konstruktivistischen Verständnis können die Begriffe Lebenswelt und Lebenslage also folgendermaßen bestimmt werden: Als Lebenslage gelten die materiellen und immateriellen Lebensbedingungen eines Menschen. Als Lebenswelt gilt das unhintergehbar subjektive Wirklichkeitskonstrukt eines Menschen (welches dieser unter den Bedingungen seiner Lebenslage bildet). Durchdenkt man diese Voraussetzungen, muss die Forderung nach der Orientierung an der Lebenswelt des Klientel zunächst recht paradox anmuten, wird damit doch gefordert, man solle sich an der unhintergehbar subjektiven und deshalb nicht direkt zugänglichen Wirklichkeitskonstruktion eines Menschen orientieren. Doch gerade diese Forderung scheint mir für eine systemischkonstruktivistische Sozialarbeit gewinnbringend. Sehr wohl macht es Sinn, die Lebenslage des Klientels in den Blick zu nehmen. Schließlich konstruieren Menschen ihre Lebenswelt nicht im luftleeren Raum, sondern immer unter den Bedingungen ihrer Lebenslagen. Und gerade auf diese Lebenslage kann ich als Sozialarbeiter gestaltenden Einfluss nehmen (etwa im Sinne der klassischen Netzwerkarbeit mit Blick auf soziale Beziehungen oder schlicht durch das Bereitstellen materieller Ressourcen)“ (Kraus 2006: 126). Zugleich bedarf es im sogenannten Präventionsdiskurs Sozialer Arbeit gewisser Aufmerksamkeiten und Schärfungen. Prävention bedeutet nach Kappeler: „Heute etwas tun, damit heute definierte Schäden beim Einzelnen und der Gesellschaft von morgen nicht auftreten. Das wäre gut – und nicht einfach zu machen – wenn es um die Verhältnisse ginge, um das unbelastete Offenhalten von Zukunftshorizonten“ (Kappeler 2005:31). Dieses ‚Offenhalten’ und die Erschaffung von Ermöglichungen für die Wohnbevölkerung gerade in sogenannten Armutsquartieren wird somit zu einer zentralen Kategorie sozialarbeiterischen Handelns im Spannungsbogen von Individuum und Gesellschaft, von Verhalten und Verhältnissen. 283 tel 4.1.3, 4.3.3). „Im Alltag sind die Menschen zuständig für die Bewältigung der sich ihnen stellenden Aufgaben; die Rede vom Alltag meint auch die Kompetenzen jedes Menschen in seinem Alltag“ (Thiersch 2006:17). Um solche Bewältigungsanforderungen optimal fördern zu können, werden insbesondere die folgenden Aspekte als besonders relevant hervorgehoben: ilien im Sozialraum, um Kontakt, Erfahrungsaustausch und wechselseitige Unterstützung zu fördern, ehung), ischer Gesundheit (Ernährung, Partnerschaft), ebensweisen und Familientraditionen, interkultureller Kompetenz und nterstützung von Familien in neuen Lebens- und Erziehungssituationen (Geburt, Pubertät usw.)“ (Senatsverwaltung Bildung, Wissenschaft und Forschung 2006:36). Die dargestellte konzeptionell-strukturelle Verortung der untersuchten Familienzentren im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg wird diesen Anforderungen und Zielstellungen durchaus gerecht. Die Angebotsvielfalt kann flexibel genutzt werden, teilweise ohne vorherige Anmeldung (vgl. Kapitel 4.1.1.4, 4.1.1.5). Durch solch ein flexibles Setting können die aktuell relevantenThemen in unterschiedlichen Formaten eingebaut und angeboten werden. Unterstützt wird dies durch ein adäquates Wissensmanagement (vgl. Kapitel 4.1.4, 5.1.2). Bezogen auf die individuelle Ebene der Nutzer_innen wird mit Blick auf die Lebensbewältigung deutlich, dass sich aus den Nutzendimensionen schließend ebenfalls verschiedene Ansatzpunkte dafür zeigen. Die von den Nutzer_innen benannten räumlichen, materiellen und individuellen Entlastungsdimensionen zeigen sehr deutlich den Nutzen hinsichtlich einer gelingenderen Alltagsgestaltung. Darüber hinaus wird dies durch konkrete Elemente wie der Tagesstruktur, familiärer Interaktionsgestaltung, Dialoge, um einerseits Informationen zu erhalten und andererseits die lebensweltliche Perspektive weiterzugeben, nachvollziehbar (vgl. Kapitel 4.3.3.2, 4.3.3.3). Nicht nur für Eltern und betreuende Personen werden solche Nutzendimensionen deutlich, sondern zugleich durch den Kontakt mit anderen Kindern und den damit einhergehenden Erfahrungen von Kommunikation und Interaktion (vgl. Kapitel 4.3.3.4). So wird der Nutzen für Kleinkinder im Ausprobieren und den damit einhergehenden Lernerfahrungen, die zugleich in der erforderlichen Nähe zur Mutter bzw. Betreuungsperson eingebettet sind, an anderen Stellen ebenfalls hervorgehoben (BMFSFJ 2005:123). „Müttergruppen und Eltern-Kind-Gruppen bieten in dieser Altersphase jenen Kindern, die zu Hause keine Geschwister haben, 284 große Anregungsvielfalt und daher die Möglichkeit zu zahlreichen kognitiven, sozialen und emotionalen Bildungsprozessen, die sie in ihrem familiären und häuslichen Umfeld nicht oder nicht in dieser Weise vorfinden würden. Durch den neuen Erfahrungsraum und die Begegnung mit Gleichaltrigen erhält das Kind zusätzliche Impulse, die Perspektive anderer einzunehmen und deren Emotionen zu verstehen“ (BMFSFJ 2005:124). Dies entspricht ebenfalls dem Aufgreifen von lebensweltlichen Themen und Herausforderungen im Kontext von passenden infrastrukturellen Rahmenbedingungen, die maßgeblich durch das methodische Handeln der professionellen Akteure gestaltet werden (vgl. Kapitel 5.1.2). Ausgangspunkt für die dargestellten Interaktionen und die sich daraus ergebenden Nutzendimensionen ist der Wille der Nutzer_innen (vgl. Kapitel 5.1.2). Durch das Zeitnehmen, Zuhören, Vertrauen aufbauen und Signalisieren von Gesprächsbereitschaft wird durch die professionellen Akteure eine Atmosphäre gestaltet, in der Nutzer_innen ihre Themen, Interessen und Bedürfnisse anbringen können (vgl. Kapitel 4.2). Dies entspricht zugleich dem zentralen Prinzip des Fachkonzepts Sozialraumorientierung, dem Ansetzen am Willen (Fehren/ Hinte 2013:14, Hinte 2006:10). Durch das Ansetzen am Willen der Nutzer_innen werden entsprechend des zweiten Prinzips des Fachkonzepts deren Selbsthilfepotenziale17 anhand ihrer individuellen Lebensweltexpertise herausgearbeitet, sodass die Nutzer_innen unterstützt werden, aus sich heraus Potenziale für Veränderungen zu identifizieren und passgenau umzusetzen (Jong/ Berg 2003, Shazer 2005, Bestmann 2013, Fehren/ Hinte 2013:17f). Dieses Ansetzen erfolgt sowohl in der individuellen Interaktion zwischen Nutzer_in und professionellem Akteur als auch in entsprechender Weise im Gruppenkontext bspw. in den verschiedenen Gruppen und Angeboten (vgl. Kapitel 4.2). Des Weiteren lässt sich dies auch durch die aus der Bedarfserhebung entstandenen weiteren Angebote verdeutlichen (vgl. Kapitel 4.1.1.5). Über solch ein individuelles Vorgehen werden entsprechend des dritten Prinzips sowohl individuelle als auch sozialräumliche Ressourcen identifiziert und nutzbar gemacht (Budde/ Früchtel 2006:31, Fehren/ Hinte 2013:17f). Dieses Prinzip stellt parallel die zentrale Ausgangsdimension für die zugrunde liegende Haltung und das methodische Handeln der professionellen Akteure dar. Darüber hinaus ist dieses Prinzip zugleich bedingend für das grundsätzliche methodische Handeln in der individuellen Interaktion, im Gruppenkontext und mit kooperierenden Akteuren (vgl. Kapitel 5.1.2). Entsprechend wird dieser Ansatz dem vierten Prinzip der zielgrup- 17 Zu weiteren theoretischen Einbettung der empirischen Erkenntnisse und den herausfordernden Notwendigkeiten im Nutzen von Selbstkonstruktionen bieten sich ebenfalls der radikale Konstruktivismus (vgl. Watzlawick 1976, Watzlawick 2003) sowie die in einigen systemtheoretischen Schulen gefasste Autopoiesisverständnis (vgl. Kleve 2003, Hosemann/ Geiling 2005) an. Ebenso anschlussfähig zeigt sich als theoretischer Bezugsrahmen zur Vertiefung das Aneignungskonzept nach Leontjew (1973) konstruktiv und hilfreich aufgegriffen durch Deinet (2005). 285 pen- und bereichsübergreifenden Arbeit gerecht. Konkret deutlich wird dies an der dargestellten Vielfältigkeit der Angebotsstruktur gekoppelt mit der Gestaltung offener flexibel nutzbarer Angebote, die aufgrund der offenen Struktur verschiedene Anforderungen mit sich bringen und dadurch vielfältige Nutzendimensionen ermöglichen (vgl. Kapitel 5.1). Zugleich wird solch eine bereichsübergreifende Arbeit durch die Verortung in verschiedenen Vernetzungsrunden unterstützt. Neben der Weitergabe von Informationen und dem Erheben von regionalen Bedarfen wird durch die Teilnahme von Akteuren aus verschiedenen Fachbereichen zugleich die vernetzte Kooperation verschiedener sozialer Dienste entsprechend des fünften Prinzips ermöglicht (Fehren/ Hinte 2013:17f). Die in der vorliegenden Forschung untersuchten Familienzentren werden so entlang ihrer konzeptionell-strukturellen und methodischen Arbeitsprinzipien sowie den dadurch bedingten Nutzendimensionen passgenau in dem theoretischen Kontext von Lebensweltorientierung, Lebensbewältigung und Sozialraumorientierung verankert. „Solche Alltagswelten müssen – in der Konkretisierung der Alltäglichkeit, die sich in ihnen darstellt – beschrieben werden in ihren inhaltlichen spezifischen Möglichkeiten und Leistungen, also in konkreten Verständigungs- und Handlungsmustern, in der räumlichen und zeitlichen Überschaubarkeit, in den Routinen, Typisierungen und Ausgrenzungen“ (Thiersch 2006:26). Zugleich ist es erforderlich, diese Beschreibungen in gesellschaftliche Rahmenbedingungen einzubetten, da Menschen sich in unterschiedlichen Alltagswelten aufhalten, die wiederum spezialisiert und voneinander differenziert sind, und um einer alleinigen Individualisierung von Problemlagen und Herausforderungen vorzubeugen (Thiersch 2006:28ff). In einem weiteren Schritt erfolgt nun eine weitere Verortung entlang der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sowie im Kontext der Familienbildung. 5.2.2 Familienzentren als ein strukturelles Erfordernis Familienzentren als strukturelles Erfordernis in einem Stadtteil lässt sich insbesondere auf die vielfältigen dargestellten Nutzendimensionen zurückführen. Für eine weitere Begründung dieses Erfordernisses werden nun diese Erkenntnisse in den Dimensionen Zeitressourcen, regionale Verortung im Stadtteil, Partizipation und Engagement diskutiert. 5.2.2.1 Familienzentren als Zeitressource für Familie In den Diskussionen um das Zusammenleben in der Familie sowie der Vereinbarkeit von Beruf und Familie rückt immer wieder die dafür erforderliche und zugleich massiv bedingende Zeitdimensionen in den Fokus. „Die Qualität des Zusammenlebens von Familien ist untrennbar verbunden mit den zeitlichen Ressourcen, zeitlichen Verpflichtungen und Zeiterfahrungen ihrer Mitglieder. Familien benötigen Zeit, damit emotionale Bindungen, Vertrauen und wechselseitige Fürsorge entstehen und aufrechterhalten werden können“ (BMFSFJ 2012:5). Unter Betrachtung dieser Anforderungen an gemeinsame Zeit ergeben sich insbesondere zeitliche Herausforderungen aufgrund der räumlichen Trennung 286 von Wohnen, Arbeiten und Kinderbetreuung, wodurch zusätzliche Wege entstehen (Bertram/ Bertram 2011b:705f)18. Inwiefern können nun Familienzentren als Zeitressource aktiv und nutzbar werden? In Untersuchungen zur Zeitnutzung in Familien wird deutlich, dass insbesondere Mütter aufgrund von Zeitmangel Abstriche in ihren persönlichen Bereichen und Bedürfnissen zugunsten von Partnern und Kindern vornehmen. „Wenn sie nicht genug Zeit für alles haben, machen Mütter zuerst bei sich selbst Abstriche (78 Prozent), dann bei der Hausarbeit (48 Prozent) und bei ihren Freundinnen und Freunden (42 Prozent)“ (IfDA 2012:25). Ebenso werden Anforderungen wie bspw. ausreichend Schlaf, Gespräche und Kontakte hinten angestellt (IfDA 2012:25). Durch den Besuch eines Familienzentrums kann man diesen sonst hinten angestellten Aspekten gerecht werden (BMFSFJ 2012:5). So wird insbesondere die als Nutzen benannte Entlastung nachvollziehbar, die durch das Trinken eines Kaffees, zufrieden spielende Kinder oder auch ein nettes Gespräch mit anderen Nutzer_innen oder auch Freunden entsteht. Neben den organisatorischen Verantwortungen werden zugleich Freiräume gestaltet, die verschiedenen Ansprüchen gerecht werden. „Eltern bevorzugen zunächst Rat im näheren Umfeld (Freunde, Eltern etc.), sie möchten ‚einfach darüber reden können‘ und nicht gleich als ‚Problemfamilie‘ erscheinen. Hilfreich ist es daher, Kontakte und soziale Netze aufzubauen und Gelegenheitsstrukturen zu schaffen, mittels derer sich Eltern austauschen und informieren können“ (Rupp 2005:20). Zugleich können diese Strukturen auch genutzt werden, um im Gespräche mit Expert_innen zu ermöglichen, um Anliegen und Fragen anbringen zu können. Über solche Möglichkeitsräume können dann auch Fragen zur Erziehung, die mit einer Stärkung der Erziehungskompetenz einhergehen, angebracht werden (BMFSFJ 2012:5). Als weiterer Nutzen werden „Eltern-Kind-Gruppen als Entlastung von Eltern“ (Cloos u. a. 2013:259) beschrieben. Entlastung bezieht sich auf häusliche Anforderungen, die nun mehr konzentrierte Zeit für das Kind ermöglichen, Beschäftigungsanregungen, die vorgehalten werden, und Gespräche für eine psychische Entlastung. Durch den Besuch eines Familienzentrums wird mit Blick auf Zeitressourcen zugleich deutlich, dass diese sich in einem Zwischenraum von Privatheit und geschützter Öffentlichkeit, sozusagen als „intermediärer Ort“ (Cloos u. a. 2013:258) 18 Unter dem Fokus des Konzepts zur alltäglichen Lebensführung, das Individuen Sicherheit gibt und zugleich aus gesellschaftlicher Perspektive aufgrund von Kontinuität und Routinen berechenbar ist, kommt insbesondere der Zeitdimension eine zentrale Funktion zu: „Die individuell eingespielte Ordnung der Alltagszeit repräsentiert eine grundlegende Garantie für eine geordnete Lebensführung. Wer nicht mit seiner Zeit umgehen kann, gerät in Stress und Zeitnot, dessen Lebensführung wird zur Hetze und nimmt chaotische Züge an. Gerade im Scheitern einer funktionierenden Lebensführung wird deutlich, welch elementare und kaum zu überschätzende individuelle Leistung ein geordnetes Alltagsleben darstellt“ (Kudera 2000:88). Aus dieser Betrachtungsperspektive ergeben sich ebenfalls organisationsstrukturelle und pädagogische Anforderungen. 287 befinden. Aufgrund der neuen Aufgaben und Rollen bei der Geburt des ersten Kindes sowie der zumeist vorhandenen Berufstätigkeit von Freunden, erleben Familien diese Zeit als Isolation. Durch den Besuch einer Eltern-Kind-Gruppe wird der private Raum verlassen und zugleich ein geschützter öffentlicher Raum betreten, der Gespräche und Kontakte ermöglicht, gerahmt von einem durch die Kursleitung strukturierten Rahmen mit Verbindlichkeiten (Cloos u. a. 2013:259). So erfahren Nutzer_innen eine Tagesstruktur, treten aus ihrer Isolation heraus und haben ‚Auffangbecken für ihre freie Zeit‘ (vgl. Kapitel 4.3.3.3). So wird deutlich, dass die Ebene ‚Zeitressource‘ verschiedene Bereiche umfasst. Einerseits kann durch die Vielseitigkeit an Strukturen und Angeboten in einem Familienzentrum dem Zeitmangel aufgrund der Alltagsorganisation begegnet werden und andererseits im Kontrast dazu auch den fehlenden Tagesstrukturen. Die regionale Verortung von Familienzentren in der Nachbarschaft mit zumeist kurzen Wegen trägt ebenfalls deutlich dazu bei. „Neben der örtlichen Nähe zu Familien ist die zeitliche Orientierung der Angebote am Tages- oder Wochenablauf der Zielfamilien von nicht zu unterschätzender Bedeutung“ (Oberndorfer/ Mengel 2003:20). Da dies möglicherweise auch individuell sehr unterschiedlich eingeschätzt wird, ist auch hierbei eine Vielfalt erforderlich und unterstützend. Um Familienzentren als Zeitressource wahrnehmen zu können, muss eine strukturelle Flexibilität für die Nutzung gegeben sein. „Die selbstbestimmten Möglichkeiten der Unterstützung und Entlastung der Familien in ihrem Alltag schaffen ein Höchstmaß an Freiwilligkeit, mit der Angebote flexibel wahrgenommen werden können, und bieten Raum und Zeit, eigene Aktivitäten und Kompetenzen zu entwickeln, einzubringen und auszuleben. Der von Müttern häufig beklagte Verlust an Sicherheit im Umgang mit der Öffentlichkeit als Resultat der isolierten ‚Privatheit der Familie‘ kann in den Zentren, die eine positive Atmosphäre des ‚Dazugehörens‘ schaffen, überwunden werden“ (BMFSFJ 2012:5). Dies wird in den untersuchten Familienzentren insbesondere durch die Angebotsvielfalt gekoppelt mit dem offenen Bereich und einer dadurch bedingten flexiblen Nutzung deutlich. Durch solch eine selbstbestimmte Nutzung werden die Bedarfe von Familien hinsichtlich bestehender Zeitressourcen aufgegriffen. 5.2.2.2 Familienzentren als Nachbarschaftsorte im Stadtteil Eng mit dem Anspruch, als Zeitressource zu fungieren, geht die Anforderung an eine regionale Verortung von Familienzentren einher, da durch kurze Wege zugleich die unterstützenden Rahmenbedingungen für eine Nutzung erhöht werden. Die untersuchten Familienzentren haben durchaus das Potenzial, dem Anspruch, ein Ort der Nachbarschaft zu sein, gerecht zu werden. Wie bereits dargestellt, werden dort einerseits auf der individuellen Ebene Begegnungen, persönliche Kontakte und Gespräche ermöglicht. Andererseits kommt dem Stadtteil hinsichtlich seiner die Individuen beeinflussenden Rahmenbedingungen eine zentrale Bedeu- 288 tung zu. „Vielmehr wird deutlich, dass die Eltern einen ganz wichtigen Faktor in diesem Kontext darstellen, aber ihr Handeln und ihre Beziehungen zu ihren Kindern wiederum eingebettet sind in einen Rahmen von anderen Faktoren, die nicht allein von der elterlichen Handlungskompetenz abhängen, sondern von den Kontextbedingungen, unter denen die Eltern und Kinder leben“ (Bertram/ Bertram 2011b:684). So kommt sowohl den Erziehenden als auch weiteren Personen im sozialen Umfeld eine zentrale Bedeutung zu. Dafür wiederum bedarf es einer passenden Infrastrukturgestaltung, um solche Kontakte und Beziehungen zu unterstützen und zu fördern. So können auch Familienzentren wirken, „die Lebensumwelt von Kindern mit den dort interagierenden Personen möglichst ganzheitlich zu gestalten“ (Bertram/ Bertram 2011b:704). Die räumliche Separierung in Wohnen, Arbeit, Bildungsinstitution und Betreuung geht zudem damit einher, dass vielmehr wohnortnahe Strukturen erforderlich sind, um diesen logistischen Anforderungen zu begegnen (Bertram/ Bertram 2011b:705f). „Dabei ist davon auszugehen, dass gerade in diesem Bereich das Wohlbefinden von Kindern und Eltern, um die Chance des Zusammenseins und die Möglichkeit, die gemeinsame Zeit zu organisieren, in hohem Maße davon abhängt, ob die Kontexte, in denen sich alle bewegen, so aufeinander bezogen sind, dass sich die Wege und damit die Zeit minimieren lassen“ (Bertram/ Bertram 2011b:705f). Unter der Betrachtung dieser Rahmenbedingungen ist es erforderlich, das jeweilige Lebensumfeld und die infrastrukturellen Rahmenbedingungen einzubeziehen und zugleich aktiv zu gestalten, da diese einen großen Einfluss auf die familiären Interaktionen ausüben (Biedenkopf u. a. 2009:13). Zugleich werden aber genau diese sehr unterschiedlich gehandhabt, da es keine einheitliche grundlegende Finanzierungsstruktur gibt. „Unter einer sozialökologischen Perspektive sind sie aber erforderlich, um die verschiedenen Gegebenheiten vor Ort mit den häufig nicht koordinierten Angeboten für die Eltern und die Kinder so aufeinander zu beziehen, dass die Lebensumwelt für die Eltern und für die Kinder als ganzheitlich erscheint“ (Bertram/ Bertram 2011b:707). Dieser Wunsch nach einer regionalen Verortung wird bspw. auch in Elternbefragungen durch die Aussage von Eltern deutlich, dass diese nicht bereit sind, für familienunterstützende Angebote längere Wege auf sich zu nehmen (Mühling/ Smolka 2007:64). „Die Orte, an denen sich Eltern und Kinder regelmäßig aufhalten, definieren einen ‚Alltagsraum‘, in welchem sinnvoller Weise auch Angebote der Familienbildung zu platzieren sind“ (Mühling/ Smolka 2007:65). Zusätzlich unterstützend ist es für die Gestaltung des Erstkontakts, wenn den potenziellen Nutzer_innen diese Orte bereits bekannt sind (Oberndorfer/ Mengel 2003:20). Familienzentren als Orte in der Nachbarschaft kommt auch unter dem Blickwinkel von bestehenden und anzustrebenden Kooperationen eine zentrale Bedeutung zu. Durch Kooperationen und gemeinsame Präsenz werden professionelle Akteure aus Kita, Schule, Freizeit, Verein, Beratung etc. von den Familien als zusammenarbeitend wahrgenommen. Darüber entstehen für die Familien wahrnehmbare gemeinschaftliche Strukturen. „Eine mittelbare Form der Gehstruktur ist die Präsenz der Familienbildung in Einrichtungen, die im Alltagsleben der Familien von Bedeu- 289 tung sind, wie z. B. Kindertagesstätten und Schule. Hier besteht die Möglichkeit, Familien im Rahmen von Elternabenden mit familienbildenden Angeboten zu erreichen und/ oder in Kooperation mit ihnen familienbildende Angebote zu entwickeln“ (Oberndorfer 2003:55). Eine darauf abgestimmte und mehrere Dimensionen umfassende Öffentlichkeitsarbeit (vgl. Kapitel 5.1.1) sowie die aktive Gestaltung von Zugangswegen (vgl. Kapitel 4.2.1) unterstützt diese Wahrnehmung ebenfalls. Zugleich hat solch eine räumliche Verortung und Kooperation von verschiedenen Akteuren auch Auswirkungen auf die Entwicklung des Stadtteils (Lange 2007:182) hinsichtlich der Gestaltung einer familienfreundlichen Infrastruktur (vgl. Kapitel 5.1.3). So wird hiermit der Leitparagraf 1 des SGB VIII aufgegriffen, der eine Aufgabe der Jugendhilfe darin sieht, „dazu bei[zu, S. H.-B.]tragen, positive Lebensbedingungen für junge Menschen und ihre Familien sowie eine kinder- und familienfreundliche Umwelt zu erhalten oder zu schaffen“ (§1 Abs. 3, Satz 4 SGB VIII). 5.2.2.3 Familienzentren als Orte von Partizipation und Engagement In der Diskussion um Familien und die Zielstellung von Familienzentren werden Partizipation und Engagement als zentrale Anforderungen benannt. Im Konzept des ‚elterlichen Wohlbefindens‘, das sich aus den Komponenten materielles Wohlbefinden, Wohlbefinden im Bereich Erwerbstätigkeit, Wohlbefinden im Bereich Gesundheit und Persönlichkeit, Wohlbefinden im Bereich Netzwerke (familial und außerfamilial), familienpolitisches Wohlbefinden, Wohlbefinden im Bereich Bildung und subjektives Wohlbefinden bestehend aus Lebenszufriedenheit und bereichsspezifischer Zufriedenheiten zusammensetzt, wird ebenfalls die Notwendigkeit von Partizipations- und Engagementmöglichkeiten deutlich (Bertram/ Spieß 2011:20). „Sich selbst mit seinen eigenen Stärken und Fähigkeiten einzubringen, nimmt nicht nur Einfluss auf die Dimensionen Sinn, Engagement und Zielerreichung und somit auch auf die Bedeutsamkeit im Sinne von Antonovskya Salutogenesemodells, sondern fördert auch die Verzahnung zwischen Familie und Institution“ (Hoffmann 2014:57). Zugleich beeinflussen Partizipation und Engagement den Stadtteil und die Lebensgestaltung der Bewohner_innen. Darüber hinaus besteht aber auch ein Zusammenhang zwischen der sozial-ökonomischen Ausgangslage der Bewohner_innen und deren Engagement (Strohmeier 2009:161). „Der größere Teil der nachwachsenden Generation wächst in großen Städten unter Lebensbedingungen auf, die die alltägliche Erfahrung der Normalität von Armut, Arbeitslosigkeit, sozialer Ausgrenzung und Apathie, gesundheitlichen Beeinträchtigungen, gescheiterten Familien, möglicherweise auch Gewalt und Vernachlässigung umfassen“ (Strohmeier 2009:160). Entsprechend lassen sich daraus Präventionsansprüche für Regionen ableiten (Strohmeier 2009:162). Damit gehen zugleich Anforderungen an eine infrastrukturelle Gestaltung für das Ermöglichen von Partizipation und Engagement einher. „Eine Förderung der sozialen Partizipation und damit in Verbindung stehend eine Verbesserung der sozialen Beziehungen der Bewohner armer Viertel, die Steigerung der Identifikation mit dem 290 Stadtteil und seinen Menschen, die Schöpfung sozialer Netzwerke, aus denen neue Solidarpotenziale erwachsen können, erreicht man vielmehr durch Maßnahmen und Veranstaltungen, die den Menschen einen kurzfristig eintretenden Nutzen bringen. Projekte mit dem Ziel der Verbesserung der individuellen wirtschaftlichen Lage, der Verbesserung der Wohnverhältnisse oder der Wohnumfeldbedingungen setzen am wenigsten soziale Integration voraus. Sie sind gleichzeitig geeignet, sowohl individuelle Erfolgserlebnisse zu vermitteln als auch nebenbei soziale Vernetzungen der Bewohner zu schaffen, die Voraussetzung jedweder weiteren öffentlichen und politischen Partizipation sind“ (Strohmeier 2009:169). Entsprechend folgert er daraus, dass partizipationsfördernde Elemente wie Stadtteilkonferenzen und Planungswerkstätten für die an Beteiligung interessierten Bürger_innen passen und entsprechend auch genutzt werden (Strohmeier 2009:170, Walter u. a. 2013). So sind insbesondere verschiedene Strukturen und Zugänge erforderlich, um auf verschiedenen Wegen solche Engagementpotenziale zu gestalten19. Aber wie genau kann und wird Engagement und Partizipation in Familienzentren gefördert? Zum einen erfolgt dies über Bedarfserhebungen auf vielfältigen Wegen, sei es durch fest installierte Formen wie einem Fragebogen, der Wunschbox oder durch die alltäglich entstehenden Gespräche, in denen jeweils die zugrunde liegenden Interessen und Bedarfe erkundet werden (vgl. Kapitel 4.2). So ergeben sich vielfältige individualisierte Formen von Engagement und Partizipation, angefangen bei der Vorbereitung von Festen bis hin zur Übernahme von selbst organisierten thematischen Gruppen. Diese Formen von Engagement sind zugleich eng verbunden mit Formen der Selbsthilfe in der Familienbildung. So „hat die Familienselbsthilfe sich quantitativ stark ausgeweitet, thematisch weiter ausdifferenziert und neue Formen der öffentlichen Partizipation und gesellschaftlichen Verantwortung hervorgebracht“ (Pettinger/ Rollik 2005:31). Darüber hinaus werden gerade durch Formen der Familienselbsthilfe zeitnah und konkret die aktuellen Bedarfe aufgegriffen. Mit solchen Möglichkeitsstrukturen gehen zugleich neue Anforderungen einher. „Es liegt eine der ganzen großen Herausforderungen darin, dieses neue Wechselspiel zwischen sozialem und freiwilligem Engagement auf der einen Seite und professionellen Unterstützungsleistungen auf der anderen Seite institutionell und finanziell in den modernen Wohlfahrtsstaat zu integrieren“ (Bertram/ Bertram 2011b:707). Damit geht auch die Bereitstellung von Rahmenstrukturen einher, in denen sich Akteure entsprechend ihrer Interessen engagiert einbringen können (Biedenkopf u. a. 2009:13). So „zeichnen sich demokratische Gesellschaften gerade dadurch aus, dass die Bürger allein oder mit Unterstützung durch ihre Familienmitglieder, Nachbarn und Gemeindemitglieder ihre eigenen Angelegenheiten der Nachbarschaft und Gemeinde in eigener Verantwortung regeln. So verstanden setzt 19 In theoretischen Ausführungen zur Peerkultur von Kindern und Jugendlichen wird bereits deutlich, dass zum einen das Erfahren von Zugehörigkeit zur Leistungssteigerung führt, und zum anderen Begegnungsräume sprachliche und thematische Aneignungen, Erfahrungsaustausch und Problemlösungsverhalten ermöglichen und somit einen wichtigen Bestandteil in der Kompetenzentwicklung einnehmen (Opp 2006:54ff). 291 Subsidiarität voraus, dass die Bürger einer Gesellschaft auch bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und sich für ihre Familie und ihre Kinder, ihre Eltern wie auch die Nachbarn und die Gemeinde zu engagieren“ (Biedenkopf u. a. 2009:14). Entsprechend werden auch die in den Familienzentren bestehenden Formen von Partizipation und Engagement durchaus genutzt. „Die Familienselbsthilfe bietet gerade Müttern, die sich für eine längerfristige Unterbrechung ihrer Erwerbstätigkeit entscheiden, vielfältige Möglichkeiten des ehrenamtlichen Engagements: in der Organisation und Verantwortung von Aktivitäten, in Angeboten, die ihren beruflichen Fähigkeiten entsprechen. Diese Einsatzmöglichkeiten dienen Müttern auch dazu, sich ihre Fähigkeiten und ihr Selbstbewusstsein zu erhalten. Gerade unter diesen Müttern, die nicht gezielt in den Beruf zurückkehren wollen, ist das Interesse an und die Bereitschaft zu einer ehrenamtlichen Tätigkeit beträchtlich“ (Pettinger/ Rollik 2005:56). Trotzdem stellt sich darüber hinaus die Frage, inwieweit verlässliche und konkrete Strukturen hilfreich sind, um diese Formen von Partizipation und Engagement gezielt zu fördern. Munsch (2005) beschreibt in ihrer Untersuchung zum Engagement von Bewohner_innen in einem Stadtteilhaus die Möglichkeiten und Grenzen anhand ihrer zentralen Kategorie der Effektivitätsfalle. So kann Engagement dann unterstützend und hilfreich sein, wenn es effektiv und zielstrebig angestrebt wird, was zugleich zu Ausgrenzung von Personen führen kann, die sich nicht in solch einem effektiven Modus einbringen können (Munsch 2005: 144). Darüber hinaus ist es erforderlich, auch Räume zu lassen, die nicht zielgerichtet effektiv an etwas arbeiten, sondern vielmehr Begegnung, Austausch und langsames Kennenlernen ermöglichen im Verständnis einer Alltagsorientierung, um Handlungskompetenzen zu entwickeln. So bedarf es also auch unterschiedlicher Formen und Strukturen, um potenziellem Engagement begegnen und es ermöglichen zu können. In den untersuchten Familienzentren bestehen zahlreiche Möglichkeiten, sich einzubringen, bspw. in Form von konkreten Aktionen im Garten, den Frühjahrsputz, Festen etc. Dabei ist zumeist konkretes praktisches Engagement gefragt. Die Nutzer_innen können sich entsprechend ihrer Interessen und Fähigkeiten einbringen und erleben somit die als Nutzendimensionen beschriebenen Aspekte von Teilhabe und Teilgabe. Durch solch einen Kontext werden Strukturen eröffnet, die durch das bedarfsentsprechende Einbringen individuelle Entwicklungsprozesse im Sinne der Nutzendimensionen von Selbstwirksamkeitserfahrung ermöglichen. Zugleich bedarf es auch hierbei einer passenden Begleitung durch die professionellen Akteure entlang des individuellen Bedarfs im Sinne von Verantwortungs- und Aufgabenübertragung (Hoeft u. a. 2014:236). In diesem Kontext wird oftmals auch die Frage bzw. der Umgang mit Unkostenbeiträgen sowohl in den dargestellten Familienzentren als auch in anderen Untersuchungen diskutiert. „An der Kostenfrage scheiden sich die Geister. Einige Leiterinnen schwören auf Kostenbeteiligung – und sei es nur ein Anerkennungsbeitrag, der die Wertschätzung erhöht –, andere Einrichtungen können die Familien nur erreichen, wenn die Angebote kostenfrei sind. Nur wenige Familienzentren in gut situ- 292 ierten Sozialräumen können die Kosten an die Eltern weitergeben“ (Meyer-Ullrich 2008b:5). Entsprechend unterschiedlich wird dies auch in den Familienzentren des Berliner Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg gehandhabt. Zugleich bedingt diese unterschiedliche Handhabung von Kostenfreiheit und geringen Unkostenbeiträgen die von den Nutzer_innen benannte materielle Entlastung, die wiederum eine weitere Nutzung der Familienzentren beeinflusst. 5.2.3 Familienzentren in der Sozialen Arbeit Basierend auf den erhobenen empirischen Daten sollen nun die Familienzentren im Kontext der Sozialen Arbeit betrachtet werden. Dafür erfolgt einleitend eine zusammenfassende Fokussierung und Diskussion der durch die Familienzentren erreichten Nutzer_innengruppe. Dem anschließend richtet sich das Augenmerk auf die Anforderungen an professionelle Fachkräfte hinsichtlich des methodischen Handelns sowie eine Einbettung in den Bereich der Jugendhilfe. Resümierend wird abschließend die Zuordnung von Familienzentren als Handlungsfeld der Sozialen Arbeit begründet. 5.2.3.1 Familienzentren als Orte für alle Familien Die zentrale Anforderung beim Übergang von Partnerschaft in Familie durch die Geburt eines Kindes ist die Koordination einer individuellen Lebensführung hin zu einer gemeinsamen Lebensführung sowie die Erschließung familialer Umwelten (Lange 2007:248). So gehen insbesondere mit dem ersten Kind Wünsche, Erwartungen und Emotionen einher. „Junge Paare geben an, dass ein Kind ihrem Dasein Sinn geben soll. Sie wollen dem eigenen Leben Wurzeln verleihen durch die Verantwortung für ein Kind. Es ist oft der Wunsch, Bindung und eine verlässliche, dauerhafte Beziehung zu erleben in einer Welt, in der es Beziehung nur noch ‚auf Zeit‘ zu geben scheint“ (Pettinger/ Rollik 2005:34). Daraus ergeben sich Abstimmungsprozesse hinsichtlich möglicherweise unterschiedlicher Bedürfnisse, Ressourcen und Erwartungen (Lange 2007:248). Aufgrund der individuellen Einbindung in unterschiedliche soziale Bezugssysteme, externe Anforderungen an Arbeit, Ausbildung und Bildungsinstitution gehen mit diesem Prozess große Herausforderungen einher, um „die so ungemein wichtigen kommunikativen Prozesse, die identitätsstiftenden personalen Austausche und die Anlässe zur gemeinsamen Interpretation außerfamilialer Geschehnisse“ (Lange 2007:249) anzugehen. Neben diesen täglichen Anforderungen an die Organisation des Alltags sind zugleich Kompetenzen erforderlich, um Informationen hinsichtlich unterstützender Freizeitgestaltungen wie bspw. Sport, Musik oder Kreativität zu eruieren (Lange 2007:250). Zugleich besteht bei dem Übergang von einer Partnerschaft zur Familie mit der Geburt des ersten Kindes eine erhöhte Bereitschaft für die Wahrnehmung von solchen Angeboten (Pettinger/ Rollik 2005:38, Lange 2007:178). Entsprechend sind die Erkenntnisse aus verschiedenen Untersuchungen naheliegend und nachvollziehbar, dass Familienbildungsangebote insbesondere in der frühen Familienphase von Eltern mit jüngeren Kindern genutzt werden. „Nach der institutionali- 293 sierten Geburtsvorbereitung gehört die Teilnahme an Rückbildungs-, PEKiP-, Babymassage-Kursen und Eltern-Kind-Gruppen heute zum Standardprogramm von Müttern in den ersten Lebensmonaten und -jahren ihres Kindes. Frauen, die sich in Elternzeit befinden, bilden folglich die Gruppe, die am häufigsten Angebote der institutionellen Familienbildung nutzt“ (Mühling/ Smolka 2007:57). Familienzentren, die sich aus Kindertagesstätten entwickelt haben, erreichen darüber Familien, deren Kinder die Kindertagesstätte besuchen aufgrund des bestehenden Vertrauensvorschusses gegenüber der Einrichtung. So bieten insbesondere institutionalisierte Familienzentren die Chance, Familien bereits in dieser frühen Phase vor dem Eintritt in eine Kindertagesstätte zu erreichen. Darüber hinaus wird in den in dieser Arbeit untersuchten Familienzentren deutlich, dass aufgrund der vielfältigen Angebotsstruktur verbunden mit einer flexiblen Nutzung des offenen Bereichs entsprechende Angebote auch mit dem Übergang der Kinder in eine Bildungsinstitution weiterhin genutzt werden. So wird dem von Mühling und Smolka beschriebenen Mangel an der Bereitstellung entsprechender Angebote erfolgreich begegnet (Mühling/ Smolka 2007:57). In den Untersuchungen zu Familienbildungsangeboten „wird nicht selten kritisiert, dass Familienbildung eine ‚Mittelschichtorientierung‘ aufweise d. h. Angebote vor allem für die etwas besser situierten und gebildeten Eltern vorhanden seien. Diese Zielgruppe ist am besten bekannt und am ehesten zu erreichen. Andere werden kaum angesprochen oder fühlen sich ausgeschlossen. Ihre Bedürfnisse werden offenbar auch weniger erkannt, berücksichtigt und bearbeitet“ (Rupp 2003a:11). Diese Erkenntnisse werden sehr unterschiedlich diskutiert. So wird einerseits benannt, dass die Zielstellung von Familienzentren darin liegt, alle Familien zu erreichen, da „seitens der Einrichtungen auch ein Bedarf bei ‚durchschnittlichen‘ Mittelschichtfamilien gesehen wird. Erziehungsprobleme und Erziehungsunsicherheiten und das Fehlen von Austausch- und Kontaktmöglichkeiten sind keineswegs nur auf eine kleine Minderheit von Familien in schwierigen sozialen Verhältnissen beschränkt, sondern kennzeichnen die Lebenssituation der Mehrheit der Familien heutzutage“ (Diller 2006:42f). Andererseits werden die Nutzer_innen mit Blick auf die verschiedenen Angebote differenziert. So wurde in der empirischen Erhebung dieser Arbeit ebenfalls deutlich, dass insbesondere feste Eltern-Kind-Bildungsangebote mit einem bildungsorientierten Schwerpunkt wie PEKiP oder Pikler von sogenannten Mittelschichtfamilien oder bildungsgewohnten Familien genutzt werden (Tschöpe-Scheffler u. a. 2006:261). Eher offene Angebote ohne offensichtlichen bildungsorientierten Fokus werden dagegen auch von zahlreichen anderen Familien genutzt, die sich nicht den bildungsgewohnten Mittelschichtfamilien zuschreiben lassen. So werden insbesondere sogenannte offene Angebote oder Treffs im „Kinderwagenradius“ (Tschöpe-Scheffler u. a. 2006:261) von unterschiedlichen Familien genutzt. Daraus ergeben sich für die professionellen Akteure durchaus Herausforderungen für die Gestaltung eines aktiven Miteinanders. „Aus der Sicht der Mitarbeiterinnen ist es ein Erfolg, wenn die verschiedenen Elterngruppen an den gleichen Angeboten teilnehmen und nicht eine Gruppe die andere 294 verdränge. Am ehesten gelingt es bei Festen und Aktivitäten, bei denen die Kinder im Mittelpunkt stehen und ‚ihre Produkte‘ und Kenntnisse präsentieren. Kinder sind das zentrale, verbindende Element, um ‚Klassenunterschiede‘ zu überwinden“ (Diller 2006:32). Dies lässt sich auch für die untersuchten Familienzentren in Friedrichshain-Kreuzberg bestätigen. Je nach Angebotsform oder offener flexibler Nutzung unterscheiden sich die Nutzer_innen. Durch gezielte Aktivitäten wie gemeinsame Feste oder Events werden Durchmischungen erzielt. Darüber hinaus bestehen individualbezogene Kontakte über die Interaktion mit den Kindern, die sich bedarfsentsprechend ausgestalten (vgl. Kapitel 5.1.3). Somit entspricht diese Umsetzung durchaus den vom Berliner Familienbeirat formulierten Anforderungen an eine „Umorientierung des Angebotsspektrums“ (Beirat für Familienfragen 2011:72), um die vielfältigen Bedarfslagen aufgreifen zu können. „Infolgedessen muss ich Familienbildung in Berlin auf zwei Säulen stützen: Es bedarf einerseits allgemeiner Programme, die einen breiten Adressatenkreis ansprechen, und andererseits spezifischer Unterstützungsangebote mit gezielter Ansprache und niedrigschwelligem Zugang“ (Beirat für Familienfragen 2011:73). 5.2.3.2 Bedarfsorientierung und Niedrigschwelligkeit in Familienzentren Im Kapitel 2.2 werden als zentrale Elemente des methodischen Handelns in der Sozialen Arbeit das ‚Erheben von Bedarfen und Interessen als Fundament‘, ‚Kommunikation und dialogische Verständigung‘ sowie die ‚Beteiligung‘ hervorgehoben. Diese drei benannten Elemente sind zugleich grundlegend für die professionelle Haltung sowie die in diesem Kontext einsetzbaren Techniken. Darüber hinaus werden in der empirischen Untersuchung ebenfalls zahlreiche Beispiele angeführt, die Techniken hinsichtlich einer Empfangs-, Aufenthalts- und Richtungsgestaltung erfordern. Im Folgenden werden diese methodischen Anforderungen unter dem Blickwinkel des methodischen Handelns20 in der Sozialen Arbeit betrachtet. Als Bezugsrahmen dafür werden die von verschiedenen Seiten geforderte Bedarfsorientierung und Niedrigschwelligkeit herangezogen. In der Darstellung des aktuellen Forschungsstands der Familienzentren (vgl. Kapitel 2.3.4) wird die Orientierung an den Bedarfen als grundlegend benannt (Rupp 2003a:11, Oberndorfer/ Mengel 2003:13). Damit soll man den mit dem gesellschaftlichen Wandel einhergehenden Anforderungen hinsichtlich der Unterstützung von Familien durch Dienstleistungen und Freizeitgestaltungen gerecht werden (Oberndorfer/ Mengel 2003:13). Um bedarfsgerecht Angebote entwickeln zu können, sind adäquate methodische Kompetenzen der praktisch tätigen Akteure erforderlich. Darüber hinaus bedarf es für das Erheben bereits vorhandener Kompetenzen und Ressourcen geeignete Methoden (Oberndorfer/ Mengel 2003:14). „Ressourcenorientiertes Arbeiten lässt mehr Spielraum für individuelle Zugänge, 20 Im Hinblick auf das methodische Handeln werden insbesondere immer wieder Fragen nach der Gestaltung einer Zusammenarbeit mit Eltern aufgeworfen, die zugleich einen stetigen Bedarf an diesbezüglichem Wissen deutlich macht (vgl. dazu Tschöpe-Scheffler 2014). 295 Betreuung und Förderung, ein Faktor, der besonders in Multiproblemfamilien die Motivation und Compliance der Mütter ansteigen lässt. Belastende Lebenssituationen hemmen das Bewältigungshandeln, sodass betroffene Familien davon ausgehen, über keine Ressourcen mehr zu verfügen und keine Energie für Veränderungen zu haben“ (Haug-Schnabel 2003:24). Die individuelle Wahrnehmung von Handlungskompetenzen unter dem Verständnis einer Lebensbewältigung variiert je nach den aktuellen Anforderungen im biografischen Alltagskontext (Munsch 2005:135). So kann insbesondere eine Kumulation von Herausforderungen zu einer Lähmung führen und zugleich den Blick auf Ressourcen und Fähigkeiten verdecken. Durch das Ansetzen an den Ressourcen und Kompetenzen werden Nutzer_innen zugleich als Expert_innen angesprochen (Senatsverwaltung Bildung, Wissenschaft und Forschung 2006:34ff). „Fragt man Eltern, was ihnen in der Beratung am meisten genutzt hat, so antworten sie meistens, daß sie sich unterstützt und einfühlsam behandelt fühlten. Das klingt banal, ist es aber nicht“ (Dornes 2004:254), da deutlich wird, dass verschiedene Faktoren miteinander verbunden auf einem Kontinuum liegen, die zu solch einer Selbstwahrnehmung der Nutzer_innen als Expert_innen führen. „Familien werden im Sinne einer ressourcenorientierten Sichtweise zunächst mit ihren Stärken und Kompetenzen wahrgenommen und angesprochen und nicht mit ihren Defiziten“ (Landesstiftung Baden- Württemberg gGmbH o. J.:10). Aber nicht nur im beraterischen Kontext, sondern zugleich auch in Gruppen kann dies umgesetzt werden. „Da bei den meisten Themen alle Anwesenden ihre Erfahrungen, Meinungen und Kenntnisse vortragen können, erleben sie sich gleichzeitig als ‚Experten‘ und als Lernende“ (Textor 1996:55). In der dieser Arbeit zugrunde liegenden empirischen Untersuchung wird deutlich, dass die persönliche Ansprache von Nutzer_innen, der aktive Einbezug in Gespräche, Beobachtungen als Gesprächsanlass zu beschreiben und neugierig nachzufragen dafür zentrale erforderliche Techniken darstellen (vgl. Kapitel 4.2). Neben diesen dialogischen Elementen bedingt dies zugleich die Gestaltung eines Settings sowohl in festen Angeboten als auch im offenen Bereich, das solche Zugangswege ermöglicht. Auch in anderen Untersuchungen werden dabei die Vorteile einer gemeinsamen Tätigkeit wie das Frühstücken hervorgehoben. „Die Mütter und Kinder werden mit einem vielfältigen, auch kulturelle Speiseregeln berücksichtigenden, gesunden, schön angerichteten und leckeren Frühstück empfangen. Das Angebot des gemeinsamen Essens bietet den Eintretenden sofort eine einfache und bekannte Aktivität an. Sie müssen nicht unsicher herumstehen, sondern können unmittelbar Vertrautes und Angenehmes tun. Zudem wird durch das Platznehmen am Tisch schnell und einfach eine Integration in die Gruppe der gemeinsam Frühstückenden hergestellt, ohne dass durch die Besucherinnen dafür eine besondere ‚Leistung‘ zu erbringen wäre“ (Sturzenhecker 2009b:68). Durch solch einen gastfreundlichen Empfang wird kein Problem zentriert und keine Hierarchie gestaltet, sondern vielmehr ein gleichberechtigtes Miteinander. Den praktisch tätigen Akteuren wird in diesem Kontext eine große Bedeutung beigemessen. „Zwar praktizieren sie Vertrautheit und Kontakt zu den Nutzerinnen als Frauen und Mütter, sie wah- 296 ren aber auch Differenz und berufliche Rolle, indem sie ihre (erzieherischen) Werte und Normen einbringen, den Nutzerinnen ihre Problemsicht und ihre Lösungsperspektiven anbieten und diese zur Not auch konfrontieren mit Kritik und der Aufforderung, Probleme anders anzugehen“ (Sturzenhecker 2009b:71). Durch das gemeinsame Frühstück können so familienrelevante Themen angesprochen werden, die den Mitarbeitenden ein Ansetzen an den jeweiligen individuellen Fragestellungen ermöglicht, um spezifisches Wissen weiterzugeben. In der Diskussion um solche gelingenden Zugangsgestaltungen wird immer wieder von einer erforderlichen Niedrigschwelligkeit gesprochen. Was meint nun Niedrigschwelligkeit genau und woran wird diese deutlich? Unter Niedrigschwelligkeit werden verschiedene Dimensionen einer Zugangsgestaltung verstanden. „Neben einem ortsnahen, unaufwändigen Zugang steht auch ein leicht verkraftbarer Zugang, der nicht kränkt, nicht als störende Einmischung und den letzten Rest der sowieso eingeschränkten Autonomie verstanden wird“ (Haug-Schnabel 2003:10). Neben einer gut erreichbaren Örtlichkeit bedarf es somit wie bereits dargestellt einer ansprechenden Gestaltung der jeweiligen Angebote und Strukturen (Meyer- Ullrich u. a. 2008:74). „Niedrigschwelligkeit in einer weiten Perspektive zeichnet sich demnach aus durch systematische Öffnungen entlang der Differenzachsen von Schicht, Geschlecht und Ethnizität, die methodisch begründete Umsetzungen nach sich ziehen, die das ‚vor Ort‘-Sein in mehrfacher Hinsicht berücksichtigen. Die räumliche Dimension bezieht sich auf Erreichbarkeit in örtlicher, finanzieller und institutioneller Hinsicht“ (Heitkötter/ Thiessen 2009:431). So kann die subjektive Wahrnehmung von Niedrigschwelligkeit durchaus variieren. Dies wird auch in der Darstellung der verschiedenen Zugangswege in die untersuchten Familienzentren durch persönliche Kontakte, Ansprache durch Kooperationspartner_innen, über ein konkretes Angebote oder dem Ausprobieren deutlich (vgl. Kap. 3.2.1). Entlang der Zielstellung von Familienzentren durch eine Vielzahl an Angeboten und Möglichkeitsstrukturen allen Menschen, die mit Kindern zu tun haben, gerecht zu werden, bedarf es somit auch einer ansprechenden Form der Öffentlichkeitsarbeit. „Die Absicht der Anbieter, sozial benachteiligte Menschen nicht dadurch (noch mehr) zu stigmatisieren, dass man die Angebote nur auf ihre spezielle Gruppe abzielt, wird in der Realität zu wenig akzeptiert […]. Sobald es sich um ein Angebot für alle handelt, fühlt sich die Problem-Zielgruppe nicht passend, nicht willkommen oder einfach nicht verstanden“ (Haug-Schnabel 2003:11). Somit bedarf es einer entsprechend sensiblen Gestaltung und Ausrichtung der Öffentlichkeitsarbeit. „Diskriminiert werden Familien auch durch eine schwer verständliche Darbietung von familienbildenden Inhalten. Verständnisschwierigkeiten können sowohl durch eine Sprache entstehen, die ein hohes Bildungsniveau voraussetzt als auch durch eine Form der Darbietung, die für manche Eltern ungewohnt ist“ (Oberndorfer/ Mengel 2003:21). In der Diskussion um Niedrigschwelligkeit werden solche Angebote insbesondere gefordert, um sogenannte benachteiligte Familien zu erreichen. „Familienbildung unterscheidet sich für benachteiligte oder privilegierte Familien im Hinblick auf die Unterstützung des familialen Miteinanders und der Erziehung 297 sowie der sozialen Integration nicht grundsätzlich. […] Die wesentliche Aufgabe im Hinblick auf benachteiligte Adressaten besteht vielmehr darin, den Stellenwert von Angeboten explizit zur Verbesserung der allgemeinen Lebenssituation zu erhöhen und diese zu einem selbstverständlichen, sichtbaren, kontinuierlichen und erheblichen Bestandteil des Programms zu machen“ (Mengel 2007:62). Im Kapitel 4.2.1.1 wurden die verschiedenen Formen der Öffentlichkeitsarbeit dargestellt, die zugleich das Erreichen von potenziellen Nutzer_innen auf unterschiedlichen Wegen anstrebt. Auch dabei wird deutlich, dass Informationen und Empfehlungen über persönliche Kontakte durchaus als hilfreich angenommen werden (Meyer-Ullrich u. a. 2008:161). Im Kontext der Öffentlichkeitsarbeit werden somit auch die hohen Anforderungen an eine ansprechende kommunikative Gestaltung deutlich. Darüber hinaus bedingt diese geforderte Niedrigschwelligkeit zugleich eine flexible strukturelle Gestaltung des Angebots, was sich wiederum auf die erforderlichen methodischen Kompetenzen der professionellen Akteure auswirkt. So werden einerseits offene Angebote wie Treffs in der Diskussion um Niedrigschwelligkeit herangezogen (Mengel u. a. 2006:20; Sturzenhecker 2009a:73f). „Systematisch vergleichende Untersuchungen fehlen. Weiter ist auch zu fragen, ob die unter der Kategorie ‚offene Angebote‘ subsumierten Programme wirklich eine einheitliche Gruppe beschreiben; auch hierzu fehlen genaue Informationen. Es finden sich Hinweise, die – wie auch für die Eltern- und Familienbildung insgesamt (vgl. Iller 2010, 2–3) – auf ein eher heterogenes Angebot schließen lassen (vgl. Schiersmann/ Thiel 1999, 102)“ (Treptow u. a. 2011:3). Darin wird auch deutlich, dass möglicherweise das methodische Handeln der professionellen Akteure maßgeblich Einfluss auf die empfundene Niedrigschwelligkeit nimmt. So ist die aufgrund der empirischen Erkenntnisse dargestellte authentische Haltung, die auf einem einheitlichen pädagogischen Verständnis basiert Offenheit und den Blick auf Ressourcen richtet, grundlegend für das methodische Handeln (vgl. Kapitel 4.1.4.1). Die wesentliche Ausgangsbasis bilden der Alltag und somit die Lebenswelt der Nutzer_innen (Meyer-Ullrich u. a. 2008:76). „[…] eine akzeptierende und wertschätzende Grundhaltung [ist, S. H.-B.] das entscheidende Schlüsselkriterium. In fachlichen Kontexten wird ‚Wertschätzung‘ gleichermaßen gefordert wie vorausgesetzt. Diese ist leicht zu fordern, aber schwierig umzusetzen, wenn Eltern nicht den verinnerlichten Normen und Werten der Erzieherinnen entsprechen und sich im Habitus, Kleidung und Auftreten deutlich von ihnen unterscheiden. Um diese Diskrepanzen ausbalancieren zu können, ist eine reflektierte, professionelle Selbststeuerung erforderlich“ (Diller 2006:31). Zugleich werden diese Anforderungen sowohl in festen Angeboten als auch im offenen Bereich deutlich. Auch hierbei ist Kommunikation unerlässlich für die Gestaltung der Zusammenarbeit mit den Familien. „Grundlegende Voraussetzung für jedes fruchtbare Gespräch ist zunächst die Schaffung einer emotionalen warmen, zugewandten Atmosphäre in Verbindung mit einer positiven Wertschätzung des Partners, die diesen als eigenständige und selbstverantwortliche Person akzeptiert“ (Petzold 2013:63). Aber wie kann das konkret umgesetzt werden? Dafür ist es erforderlich, dass die professionellen Akteure sich „nicht nur 298 äußerlich gekünstelt um eine freundliche, verständnisvolle Haltung bemühen. Vielmehr sollten sie sich in allem, was sie sagen und tun, so natürlich verhalten, dass sie sich im Einklang mit ihrer Wahrnehmung der Gesprächspartner befinden […]. Diesem Merkmal der Echtheit oder Kongruenz des Verhaltens kommt nach entsprechenden Untersuchungen für den erfolgreichen Verlauf eines jeden hilfreichen Gesprächs eine zentrale Bedeutung zu“ (Petzold 2013:63). Eine dafür unterstützende gemeinsame Sprache trägt ebenfalls zu solch einem Verständigungsprozess bei (Oberndorfer/ Mengel 2003:21). Offenheit und neugieriges Nachfragen fördern Dialoge und das Hineinversetzen in den anderen sowie das Zurücknehmen einer wertenden Perspektive (Petzold 2013:63). „Die Eltern brauchen das Gefühl, wertgeschätzt zu werden, nur so können sie Vertrauen in die Mitarbeiterinnen – und die fachliche Arbeit – der Einrichtung entwickeln. Dazu zählt auch, dass sie jederzeit, ohne Anmeldung in die Einrichtung kommen können und an den Aktivitäten der Kinder teilnehmen oder sich mit anderen Eltern in der ‚Kontaktecke‘ vor dem Gruppenraum treffen können. Nur über eine wertschätzende Beziehung könne erlebbar gemacht werden, dass die professionellen Erzieherinnen keine ‚Besserwisser‘ oder ‚Gegner‘ sind. Diese Grundhaltung sei die Voraussetzung dafür, die Eltern in die Entwicklungs- und Bildungsprozesse der Kinder einzubeziehen und sie für zusätzliche Elternveranstaltungen zu motivieren“ (Diller 2006:32). Hierbei werden ebenfalls der bedeutende Stellenwert von Kommunikation und die zwar wichtige, aber eher nachrangig einzuordnende Dimension von Programm und Fachexpert_innen deutlich. Somit werden auch die in der zugrunde liegenden empirischen Untersuchung erhobenen Elemente bestätigt (vgl. Kapitel 4.1.4.1). Durch solche Dialoge können Informationen und Anregungen für die Gestaltung des familiären Alltags sowie einer ganzheitlichen Entwicklung der Kinder weitergegeben werden (Oberndorfer/ Mengel 2003:13, Tschöpe-Scheffler u. a. 2006:260). Dies beeinflusst zugleich die Konzipierung von Angeboten und entsprechenden Strukturen. „Sinnvoll ist eine Mischung aus einfacher sprachlicher und visueller Vermittlung. Diese Inhalte sollten immer an die Lebenswelten aller Teilnehmer(innen) rückgebunden und durch gemeinsame Handlung verdeutlicht werden“ (Oberndorfer/ Mengel 2003:21). Zugleich ist das Mitdenken der gesellschaftlich verankerten Dimensionen von Benachteiligung erforderlich, um Lehrinhalte und Zielstellungen in dieses Spannungsfeld einbetten zu können (Mengel 2007:62). Somit sollte in festen Angeboten neben der Orientierung an einer dialogischen Haltung das Einüben individueller Handlungsoptionen einen zentralen Fokus einnehmen. Unter solch einer strukturell-methodischen Gestaltung kann der Austausch der Nutzer_innen untereinander zur Entlastung dieser beitragen. „Aus der jeweiligen konkreten Situation kann sich mit einer Haltung der ‚schwingenden Existenz‘, der Achtung, des ‚Nichtwissen‘ und des Dialogs alles Mögliche und noch nicht Mögliche, Überraschende und Irritierende entwickeln“ (Tschöpe-Scheffler 2013:113). Tschöpe-Scheffler leitet daraus eine Haltung des Nichtwissens ab, die auf Neugierde gegenüber Unbekannten, Präsenz, Subjektorientierung, Akzeptanz von Vielfalt und Prozessorientierung basiert (vgl. dazu auch Jong/ Berg 2003). So 299 sollten pädagogische Konzepte, ein hierarchisches Rollenverständnis, Eindeutigkeit, Belehrung, Fürsorge und Perfektionismus eher hinten angestellt werden (Tschöpe- Scheffler 2013:115). Beim Übergang von einer Partnerschaft zur Familie mit der Geburt des ersten Kindes besteht eine erhöhte Bereitschaft für die Wahrnehmung von unterstützenden Angeboten (Pettinger/ Rollik 2005:38). „Ein frühzeitiger Beginn des Angebots stellt dabei die beste Präventionsmaßnahme gegen spätere Entwicklungsdefizite und Fehlentwicklungen dar. Zudem besteht in dieser Lebens- und Übergangsphase die größte Aufgeschlossenheit von Eltern; Erfahrungen zeigen, dass sich hier auch die Männer/ Väter am besten einbeziehen lassen“ (Lange 2007:178). Durch eine Vielzahl an durch verschiedene Zugänge nutzbaren Angeboten und Strukturen können so basierend auf den jeweiligen konkreten Bedarfen für die Lebenssituation erforderliches Wissen und Handlungskompetenzen in dialogischer Gestaltung auf den Erfahrungen beruhend weitergegeben werden (Meyer-Ullrich u. a. 2008:21). „Dabei spielten Entlastung, Unterstützung durch Gleichgesinnte und die Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch eine entscheidende Rolle“ (Landesstiftung Baden- Württemberg gGmbH o. J.:10). 5.2.3.3 Familienzentren als Orte einer gelingenderen Alltagsgestaltung Im folgenden Abschnitt soll nun der Frage nachgegangen werden, inwieweit Familienzentren als Orte einer gelingenderen Alltagsgestaltung fungieren. Dafür werden die in den verschiedenen wissenschaftlichen Untersuchungen deutlich werdenden Chancen und Effekte mit den in der empirischen Untersuchung deutlich werdenden Nutzendimensionen diskutiert. Die Diskussion dieser Fragestellung dient zugleich der Hinleitung, ob Familienzentren ein Handlungsfeld der Sozialen Arbeit darstellen. Eine zentrale Zielstellung der Familienzentren liegt in der Stärkung der Erziehungsfähigkeit der Eltern. „Die Erziehungskompetenz der Eltern erweist sich als zentraler Schutzfaktor der kindlichen Entwicklung (vgl. Schneewind 1999; Rollett u. Werneck 2002). Elternbildung und Elternarbeit müssen deshalb unter allen Fördermaßnahmen für die frühe Kindheit absolute Priorität haben“ (Armbruster 2006:145). Säuglinge binden sich an die Personen, die sie pflegen und versorgen, was sowohl Mütter als auch Väter sein können, zu denen bereits sehr früh verschiedene Interaktionen stattfinden (Hopf 2005:29). „Es gibt vielmehr sehr gute theoretische und empirische Argumente dafür anzunehmen, dass die Art und Weise, in der sich die Bindungsbeziehungen des heranwachsenden Kindes entwickeln, in hohem Maß durch die sozialen Erfahrungen des heranwachsenden Säuglings und Kleinkindes beeinflusst werden – durch die Art der Interaktion zwischen dem Kind, seiner Mutter, seinem Vater oder anderen Bezugspersonen, durch den Charakter der emotionalen Zuwendung oder durch den mehr oder minder sensiblen und unterstützenden Umgang der Eltern mit Not-Signalen des Kindes“ (Hopf 2005:31). Diese Notwendigkeit wird einerseits unter dem Blickwinkel diskutiert, 300 dass allgemein Erfahrungswerte – und somit auch besonders in Familien in belastenden Situationen – über die Generationen weitergegeben werden und präventive Angebote und Strukturen erforderlich sind, um diesen zu begegnen (Armbruster 2006:157, Bronfenbrenner 1993). Andererseits wird auf den Zusammenhang von individuellen Ausgangslagen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und der dadurch bedingten Anforderung auf eine verschränkt-gemeinsame Bearbeitung dessen verwiesen (Armbruster 2006:157). Dieser Zusammenhang wird auch in der Diskussion um Bildung und Bildungserfolge immer wieder angeführt. „Die individuelle Bildung hat enormen Einfluss auf Einkommen, Beruf, Prestige, Karriere, Arbeitsplatzsicherheit, Beschäftigungsbedingungen, Übereinstimmung von Ausbildung und Arbeitsplatz, Vermögen, Rentenhöhe, Partnerwahl, Gesundheit und Lebensdauer“ (Szydlik 2007:82). Somit kommt der Bildung in seinem ganzheitlichen Verständnis eine große Relevanz zu, insbesondere, um Bildungschancen zu ermöglichen. „Dass die schulischen Leistungen stark mit dem sozialen Herkunftsstatus der Kinder variieren: je niedriger ihr Sozialstatus, desto geringer die Chance für gute Schulleistungen und einen weiterführenden Schulabschluss. In nahezu keinem der anderen verglichenen Länder ist die soziale Selektion ähnlich deutlich ausgeprägt wie in Deutschland“ (Tschöpe-Scheffler 2009: 13). Trotz der in der Allgemeinheit eher als Bildungsverlierer wahrgenommenen Kinder und Jugendlichen aus türkischen Migrantenfamilien gibt es mittlerweile einige Untersuchungen, die die Bildungserfolge dieser darstellen (Karakasoglu 2013:218). „Den Studien ist das zentrale Ergebnis gemein, dass mit der elterlichen Weitergabe des in durch die Migration in der Eltern- oder Großelterngeneration ausgedrückten Aufstiegswunsches die Aufforderung an die nachfolgende Generation ergeht, diesen über Bildungserfolge einzulösen (BMFSFJ 2010) […]. Insofern erweisen sich die empirisch wiederholt bestätigten hohen Bildungsaspirationen der Eltern mit türkischem Migrationshintergrund für ihre Kinder als deren Bildungskarrieren förderlich“ (Karakasoglu 2013:219). So bestehen durchaus auch bei den als benachteiligt beschriebenen Kindern und Jugendlichen aus Migrationsfamilien Chancen für eine erfolgreiche Gestaltung des Bildungsweges. Eltern setzen dabei auf „verantwortliche Kontrolle, Anweisung und Training“ (Karakasoglu 2013:219), die den Kindern zugleich Halt und Unterstützung geben. „Die Mütter erweisen sich selbst dann, wenn sie selbst eher geringe Bildungsressourcen vorweisen können, als für die Bildungskarrieren ihrer Töchter besonders förderlich“ (Karakasoglu 2013:219). Dies erfolgt durch das große Engagement der Mütter wie „in der schulischen Elternarbeit, (wo möglich) bei Schulaufgaben sowie bei der Organisation und Finanzierung von Nachhilfe“ (Karakasoglu 2013:220). Als eine weitere Dimension, in der das Thema Bildung besonders deutlich wird, sind die zunehmenden hohen und zunehmend früher einsetzenden Anforderungen an die Kinder durch die Eltern. Bereits früh eingesetzte hohe Anforderungen haben eher langfristige negative Konsequenzen wie Stresssymptome u. Ä. (Stamm 2010:249). Daher ergibt sich für eine frühkindliche Bildung die „Herausforderung zur Exploration“ (Stamm 2010:250, H. i. O.), wenn Kinder entsprechend ihrer 301 Neugierde und ohne elterlichen und pädagogischen Druck entdecken und forschen dürfen. Entsprechend ist die „Schaffung herausfordernder, anregungsreicher, liebevoller und unterstützender Entwicklungsumgebungen inner- und außerhalb der Familie“ (Stamm 2010:250) erforderlich anstatt trockenen, theoretischen Lernstoff zu vermitteln. Somit wird das Ermöglichen eines learning by doing fokussiert (Stamm 2010:251). Die Heterogenität der Kinder wird als Ausgangslage betrachtet bei gleichzeitiger Gestaltung von Rahmenbedingungen, um allen Kindern trotz dieser Heterogenität einen guten Start zu ermöglichen (Stamm 2010:251). Dieser Ansatz stellt zugleich eine „wesentliche Voraussetzung für individuelles Wohlbefinden sowie für die öffentliche und soziale Partizipation dar[...]. Die Ausgrenzung trifft besonders sozial benachteiligte und wirtschaftlich schwache Familien, in denen Gesundheitsbewusstsein und präventive Vorsorge wenig entwickelt sind bzw. die Ressourcen am schwächsten gegeben sind“ (Lange 2007:180). Dadurch wird umso mehr die Anforderung an präventive Strukturen deutlich, gerade auch, um einer frühzeitigen Vermeidung von Entwicklungsdefiziten vorzubeugen (Lange 2007:178). Die Angebote und Strukturen von Familienzentren sollen sich entlang der jeweiligen Bedarfe entwickeln. Somit nimmt die jeweilige regionale Ausgangslage eine zentrale Bezugsgröße ein (Deutsche Kinder- und Jugendstiftung 2012:6). Verallgemeinernd kann allerdings festgehalten werden: „Die besten Erfolge im Hinblick auf die Entwicklung von Kindern erzielen Einrichtungen, die die Familien in den Alltag der Einrichtung einbeziehen“ (Deutsche Kinder- und Jugendstiftung 2012:7). Dementsprechend wird nun den feststellbaren Effekten für Kinder und Nutzer_innen nachgegangen. Da der Nutzen für die praktisch tätigen Akteure nicht im Vordergrund stand, wird dieser nur kurz angedeutet. Bezüglich der praktisch tätigen Akteure werden insbesondere feststellbare Effekte in den Untersuchungen von Familienzentren, die sich aus Kindertagesstätten entwickelt haben, beschrieben. Als grundlegender Bezugsrahmen werden dafür die Qualifizierung und Anforderungen an die Mitarbeitenden bezüglich Management- und Vernetzungsaufgaben sowie der Präsenz im Stadtteil aufgezählt (Deutsche Kinderund Jugendstiftung 2012:7f, Rißmann/ Remsperger 2011: 62). Dies wird insbesondere durch die in Familienzentren in Kindertagesstätten hinzukommenden Aufgaben, Angebote im Stadtteil zu kennen und an diese im Verständnis einer Vernetzung weitervermitteln zu können (Meyer-Ullrich u. a. 2008:51, Rißmann/ Remsperger 2011: 61, Schreiber/ Tietze 2008:12). In der Untersuchung der britischen Early-Excellence-Center wird deutlich, dass die Haltung der Fachkräfte „ein zentraler Faktor für eine gelingende Zusammenarbeit mit Eltern [sei, S. H.-B.] (ebd., 76). Kennzeichen einer solchen Haltung sei eine ressourcenorientierte Sichtweise, die die Wertschätzung und Anerkennung unterschiedlicher Familien und Formen der Lebensbewältigung umfasst, das Anbieten von Orientierung und konkreter Unterstützung, eine permanente Selbstreflexion, ein proaktives Handeln sowie die Fähigkeit zur Realisierung und Evaluation gezielter Programme“ (Rißmann/ Remsperger 2011:57). Darüber hinaus kommt dem regelmäßigen Austausch über die Kinder eine wichtige Bedeutung zu, um darauf 302 basierend eine ressourcenorientierte Haltung zu entwickeln und zu fördern (Rißmann/ Remsperger 2011:57). Auf diese beschriebenen Effekte wird nicht weiter eingegangen, da der Fokus dieser Arbeit auf den Familien liegt. Bezüglich der feststellbaren Effekte für die Kinder kann wiederum die in Großbritannien durchgeführte Untersuchung der Early-Excellence-Center herangezogen werden. Darin wurde deutlich, dass durch den Besuch eines Early-Excellence- Center insbesondere die intellektuelle Entwicklung der Kinder gefördert wird (Rißmann/ Remsperger 2011: 49). „Auch bestärkt durch die partnerschaftliche Zusammenarbeit mit Eltern werden Kinder zur Eigenständigkeit ermuntert und gewinnen dadurch an Selbstvertrauen und Sicherheit. Regelmäßige Dokumentationen ermöglichen es zudem, dass Lernerfahrungen der Kinder nicht nur durch Fachkräfte und Eltern besser nachvollzogen werden können, sondern dass auch die Kinder selbst zur Selbstreflexion und Kommunikation angeregt werden“ (Rißmann/ Remsperger 2011: 50). Dies äußert sich bei Kindern durch eine Zunahme an Selbstständigkeit, positiven Sozialverhalten und Kontaktfreude (Deutsche Kinder- und Jugendstiftung 2012:7f). Forschungserkenntnisse belegen, dass bereits im ersten Lebensjahr andere Kinder für Kinder interessant werden als Interaktionspartner. Zugleich dienen solche Kontexte dem Erwerb sozialer Fähigkeiten (Viernickel 2013:66). Entsprechend ableitbar ist die positive, unterstützende Konnotation eines Besuches von Familienzentren. Zugleich wird dies durch das benannte Interesse von teilnehmenden Nutzer_innen an Eltern-Kind-Gruppen unterstützt, das sich insbesondere auf die Förderung der Kinder fokussiert und die Stärkung der individuellen Erziehungskompetenz eher als nachrangig ansieht (Cloos u. a. 2013:260). Zugleich liegt aber nun genau darin ein zentrales Ziel für die Nutzer_innen von Familienbildungsangeboten. „Neben der Qualität der verbalen Interaktion zwischen Erwachsenen und Kindern, Kenntnissen des kindlichen Lernverhaltens und Curriculums sowie Kompetenzen Erwachsener beim Lösen von Konflikten unter Kindern ist es von hoher Bedeutung, Eltern in Fragen der häuslichen Förderung ihrer Kinder zu unterstützen“ (Rißmann/ Remsperger 2011: 49). Dabei wird deutlich, dass insbesondere die Handlungen der Eltern einen zentralen Moment einnehmen und diesen daher eine große Bedeutung zukommt. Für die Nutzer_innen stehen Begegnung und Austausch zumeist im Fokus. Nichtsdestotrotz werden von den praktisch tätigen Akteuren neben dem Ermöglichen von Kontakten Impulse zur Stärkung der Erziehungskompetenz gesetzt (Rißmann/ Remsperger 2011: 52). Ein weiterer als Nutzen angegebener Aspekt ist das Erhalten von zahlreichen Informationen über erzieherisches Handeln und einer damit verbundenen Bestärkung. Dadurch geben Nutzer_innen an, die Entwicklung ihres Kindes sowie erforderliche Unterstützungspotenziale besser zu kennen und unterstützen zu können (Rißmann/ Remsperger 2011:55). Insbesondere bei Familienzentren, die sich aus Kindertagesstätten entwickelt haben, wird deutlich, dass dem bereits bestehenden Kontakt zu den Fachkräften eine große Bedeutung zukommt und zentral durch die persönliche Ansprache die Nutzung weiterer Angebote bedingt (Rißmann/ Remsperger 2011:54). Es wird auch durch Angaben von Nut- 303 zer_innen bestätigt, Kontakte geknüpft zu haben und sich über Erfahrungen auszutauschen. „Betrachtet man die Bewältigungskompetenz, wissen knapp 62 % der befragten Eltern nun, welche Institutionen sie bei auftretenden Problemen kontaktieren können. Zudem gibt die gleiche Anzahl an Eltern an, durch die Teilnahme an den Angeboten erfahren zu haben, dass bestimmte Schwierigkeiten mit Kindern entwicklungsbedingt und deshalb ‚völlig normal‘ seien. Rund 44 % der Eltern fühlen sich wohl auch aus diesem Grund in ihrer Rolle als Eltern unterstützt (Bewertungs- und Veränderungskompetenz). Nicht zuletzt fühlte sich über die Hälfte der Eltern in den Angeboten als Person wertgeschätzt und in ihrem Selbstbewusstsein gestärkt (ebd.). Die Resultate der Elternbefragung bestätigen somit die Bildungseffekte der Angebote im sächsischen Modellprojekt, das damit ‚dem Anspruch einer präventiven Bildungsarbeit durchaus gerecht‘ wird. Bestätigen knapp 90 % der Eltern, dass sie die Angebote für sich persönlich als nützlich und bereichernd wahrgenommen haben, zeigt dies, dass Familienbildung zur Förderung und Stärkung von Eltern beitragen kann, bevor eventuell problematische Entwicklungen auftreten (ebd.)“ (Rißmann/ Remsperger 2011: 55). Es wird deutlich, dass Angebote der Familienbildung auf unterschiedlichen Wegen einen Beitrag leisten können, dass sich Eltern in ihrer Erziehungsrolle vergewissern und zugleich stärken. „Selbstvergewisserung und Normalitätskonstruktionen in Eltern-Kind-Gruppen“ (Cloos u. a. 2013:260) zu überprüfen, wird insbesondere an dem intensiven Austausch der Eltern untereinander sowie in der Themenvielfalt deutlich. Darüber werden Normalitätsansprüche an Elternschaft diskutiert und reflektiert (Cloos u. a. 2013:261). Darüber hinaus tragen solche Effekte dazu bei, dass die Nutzer_innen eine wahrnehmbare Entlastung erfahren und somit wiederum Vertrauen zu den Mitarbeitenden entwickeln, Angebote von Beratung und Dialogen, in denen Anregungen zur Entwicklung der Erziehungskompetenz vermittelt werden, verstärkt in Anspruch nehmen. Zugleich werden dadurch Reflexion, Perspektivwechsel und Handlungsoptionen entwickelt und ausprobiert. Dies führt wiederum zu einer Steigerung des Selbstbewusstseins und verstärktem Engagement (Rißmann/ Remsperger 2011: 50). „Ziel dieser Angebote ist es, Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern durch die Einbindung in sozialräumliche Netzwerke aus der Isolation zu holen und Selbsthilfepotenziale durch Bewusstmachung der eigenen Kompetenzen zu aktivieren“ (Tschöpe-Scheffler u. a. 2006:261). Dieser zentrale Effekt wird auch in der durchgeführten empirischen Untersuchung deutlich. Durch die strukturelle Möglichkeit für Begegnung und Kontakte treten Nutzer_innen aus der Isolation, die zumeist durch den Übergang von Partnerschaft in eine Kleinfamilie bedingt ist, heraus. „Ein erster Indikator, der die positive Wirkung der EKiZ belegt, ist, dass die Nutzerinnen ihre eventuelle Isolation überwinden, sich in das EKiZ wagen und sich dem (auch fachlichen) Blick von anderen aussetzen“ (Sturzenhecker 2009a:77f). Dieses Austreten aus der Isolation führt zugleich zu verschiedenen Dimensionen von Entlastung. „Die meisten Nutzerinnen kommen regelmäßig in das EKiZ und erleben dort Entlastung von ihrem Alltag ‚am Rande der Katastrophe‘ und der Alleinverantwortung. Zunehmend lernen es die Nutzerinnen, eigene 304 Probleme anzusprechen und sich hinsichtlich deren Bearbeitung von den EKiZ- Mitarbeiterinnen beraten zu lassen“ (Sturzenhecker 2009a:77f). Durch das Thematisieren und Reflektieren von Erziehungsunsicherheiten werden zugleich alternative Handlungsweisen entwickelt. Neben der Entlastung durch nun vorhandene Handlungsstrategien, wird insbesondere das Selbstbewusstsein der Nutzer_innen gestärkt (Sturzenhecker 2009a:77f). „Mit zunehmendem Selbstbewusstsein steigt die Identifikation der Frauen mit ‚ihrem‘ EKiZ; sie beginnen, selbst Verantwortung für die Einrichtung zu übernehmen. Die Nutzerinnen bringen andere Mütter aus der Nachbarschaft oder dem Bekanntenkreis mit. Zudem bauen sie auch außerhalb des EKiZ Netzwerke mit anderen Nutzerinnen auf, die sie in der Bewältigung des Alltags unterstützen“ (Sturzenhecker 2009a:77f). Werden diese Erkenntnisse nun mit den empirischen Daten der zugrunde liegenden Untersuchung in Bezug gesetzt, dann wird deutlich, dass diese die erhobenen Erkenntnisse durchaus bestätigen. In der empirischen Erhebung nimmt Entlastung in verschiedenen Dimensionen eine zentrale Nutzendimension ein. Die insbesondere auch im Zusammenhang mit der angeforderten Niedrigschwelligkeit diskutierte notwendige räumliche und materielle Entlastung wird ausführlich dargestellt (Vgl. Kapitel 4 3.3.2). Die im Verständnis von Böhnisch beschriebene Lebensbewältigung als theoretischer Rahmen einer sozialen Arbeit wird in der empirischen Untersuchung anhand der Nutzenaspekte „Soziale Teilhabe und Teilgabe“, „Dialoge und Expertisen“, „Tagesstruktur“ und „familiäre Interaktionsgestaltung“ (Vgl. Kapitel 4.3.3.3) deutlich. Darin werden sowohl die Anregungen und Hinweise hinsichtlich der Stärkung der individuellen Erziehungskompetenz als auch der durch die Begegnung und Kontakte ermöglichte Nutzen deutlich. Darüber hinaus wurden auch Elemente hinsichtlich eines Nutzens für den Stadtteil und im Jugendhilfekontext sichtbar. Darauf wird im folgenden Abschnitt näher eingegangen. 5.2.3.4 Familienzentren als Orte flexibler Familienförderung Um Familienzentren als Handlungsfelder der Sozialen Arbeit zu beschreiben, ist eine genauere Betrachtung des Stellenwerts von Familienzentren in der Familienförderung erforderlich. In der gesetzlichen Verankerung der Familienförderung im § 16 SGB VIII sind wie bereits dargestellt verschiedene Elemente enthalten, die einer Umsetzung durch entsprechende Angebote bedürfen. Die empirisch untersuchten Familienzentren orientieren sich dabei weitestgehend an dem in der Literatur beschriebenen Modell „Alles unter einem Dach“ (Oberndorfer 2003:57). Familienbildende Angebote sind im Zentrum verankert, ermöglichen aber individuelle, unkomplizierte Übergänge zur ‚individuellen Familienberatung‘, ‚Familienhilfe‘ und Interventionen. Des Weiteren werden ‚Informationen zu Familienbildung und Familienunterstützung‘ und ‚Freizeit- und Dienstleistungsangebote‘ unter einem Dach vorbehalten (Oberndorfer 2003:57). „Die Angebote mit dem größten Maß an Offenheit und Unverbindlichkeit erleichtern den Familien den ‚Einstieg‘, sind also niederschwellig. Sie knüpfen aneinander an und sind inhaltlich ‚kompatibel‘ gestaltet. Die ‚Kompatibilität‘ hat also zwei Komponenten: 305 nfach zu überschreiten hergestellt. Dies bietet den Familien die Möglichkeit, selbstbestimmt von einem niederschwelligen Angebot (z. B. einem Angebot zur Informationsvermittlung) in ein höherschwelliges (z. B. individuelle Beratung) überzuwechseln. Umgekehrt sollte es auch möglich sein, nach der Teilnahme an einem höherschwelligen, ein niederschwelliges Angebot wahrzunehmen“ (Oberndorfer 2003:57). In den Familienzentren der zugrunde liegenden empirischen Untersuchung ist solch eine Bandbreite an Angeboten und Strukturen unter einem Dach in dem Verständnis vorhanden, das aufgrund der bestehenden Netzwerke und Kooperationen im Bedarf individuell begleitet Übergänge flexibel zwischen einzelnen Bereichen ermöglicht werden. Durch die bereits dargestellten vielfältigen Formen an Zugangswegen werden zugleich je nach Bedarf unterschiedliche Anknüpfungspunkte vorbehalten, um den verschiedenen Ansprüchen an eine umfassende Familienförderung gerecht zu werden. Aufgrund der strukturellen Unverbindlichkeit von sogenannten ‚Offenen Treffs‘ werden insbesondere an diese Erwartungen hinsichtlich der Erstzugangsgestaltung und der Überleitung in weitere Angebote gestellt. Allerdings fehlen diesbezüglich weitere Informationen bspw. über die konkrete Arbeitsweise (Treptow u. a. 2011:3). In der vorliegenden Untersuchung wird diese Forschungslücke durch die Darstellung des dafür erforderlichen methodischen Handelns aufgegriffen (vgl. Kapitel 4.2) und somit ein Beitrag zur Sozialarbeitswissenschaft geleistet. Darüber hinaus wird verallgemeinert deutlich, dass eine Orientierung an Strukturen, die Begegnung und Kontakt ermöglichen, zugleich hilfreich sind und eine Inanspruchnahme deutlich verstärken (Schiersmann u. a. 1998: 59f). Selbst organisiertes Lernen und eine professionelle Begleitung stehen dabei im Mittelpunkt. „Die recherchierten Einrichtungen greifen den Wunsch vieler Eltern nach Kontaktmöglichkeiten und Austausch mit anderen Eltern auf vielfältige Weise auf und bieten deutlich mehr an, als z. B. im Rahmen der klassischen Elternarbeit einer Kindertagesstätte organisiert wird. Mit Gesprächsgruppen, regelmäßigen Elterncafés, Mütterfrühstück oder Elterntreffs werden gezielt Kontakte zwischen den Familien gefördert” (Diller 2005:11f). So ist sicherlich darauf zu verweisen, dass dies mehr als eine Elternarbeit in einer Kindertagesstätte ausmacht. Zugleich werden aber auch mehr Bereiche als in klassischen Elternkursen abgedeckt. Ein weiterer Schwerpunkt in den Familienzentren ist das Beratungsangebot. „Der Beratungsbedarf junger Familien reicht von alltagspraktischer Beratung bis hin zu intensivem Beratungsbedarf bei Erziehungsfragen, Ehe- und Familienproblemen, Schwangerschaftskonflikten oder Fragen der Gesundheitsprävention. Je nach Organisationsmodell wird dieser Bedarf unterschiedlich aufgegriffen” (Diller 2005:13). Dabei erfolgen bedarfsentsprechende Weitervermittlungen sowie ggf. Infoveranstaltungen von kooperierenden Akteuren dazu. In den untersuchten Familienzentren dieser Arbeit bestehen zum einen zahlreiche Beratungsangebote, die fest im Programm verankert und teilweise durch externe Fachkräfte durchge- 306 führt werden. Zum anderen gibt es die Möglichkeit, im Rahmen des offenen Bereichs Themen gemeinsam mit anderen Eltern oder den Mitarbeitenden zu besprechen. Darüber hinaus bestehen Strukturen, in denen qualifizierte Eltern Beratungen anbieten können (Peucker/ Riedel 2004:23). Außerdem werden bei einem konkreten Bedarf darauf spezialisierte Fachkräfte eingeladen. Somit werden verschiedene Formen hinsichtlich einer Beratung ermöglicht, die ebenfalls der empirischen Untersuchung zugrunde liegen (vgl. Kapitel 4.2 und 4.3). Dies kommt zugleich dem Verständnis einer alltagsnahen Beratung nahe. Auch andere Untersuchungen zeigen, dass solche offenen Treffs als Anlaufort dienen, um ins Gespräch zu kommen, aber auch, um Informationen zu erhalten. Zudem können ggf. Mitarbeitende aus kooperierenden Einrichtungen vor Ort als Ansprechpartner_in sein (Peucker/ Riedel 2004:21). „Die von uns recherchierten und ausgewählten Einrichtungen zeichnen sich hinsichtlich der Bewertung dadurch aus, dass den Eltern der Zugang zu Beratungsangeboten erleichtert wird. Was zum Beispiel dadurch erreicht wird, dass die Beratungen von externen Diensten direkt in der Tageseinrichtung, im Mütterzentrum oder im Gemeindezentrum stattfinden, d. h. dass die Erziehungsberatungsstelle, die Ehe- und Familienberatung oder andere Beratungseinrichtungen regelmäßig Sprechstunden in der Kita abhalten, die dann in den meisten Fällen nicht nur den Eltern der betreuten Kinder, sondern der gesamten Nachbarschaft offen stehen. Im Ergebnis entfallen nicht nur die langen Wege, sondern auch die Hemmschwelle, d. h. eine Beratung in Anspruch zu nehmen, wird deutlich reduziert“ (Peucker/ Riedel 2004:23). Einen weiteren Bereich umfassen Angebote der Elternbildung wie PEKiP, Babymassage, Kurse etc., die entweder von den Mitarbeitenden oder von externen kooperierenden Akteuren durchgeführt werden (Diller 2005:13). Darüber hinaus werden Sprachkurse sowie integrations- und arbeitsmarktorientierte Angebote vorgehalten entsprechend dem jeweiligen regionalen Bedarf. Darüber werden zugleich die Anforderungen der Familienförderung hinsichtlich der Stärkung der Erziehungskompetenz aufgegriffen. In den untersuchten Familienzentren werden ebenfalls zahlreiche solcher Angebote vorbehalten, die sich dem Bedarf entsprechend entwickelt haben und so auch von unterschiedlichen Akteuren genutzt werden. „Mit den Zielgruppen Kinder und Eltern wird auf verschiedenen Ebenen gearbeitet. Dabei wird im optimalen Fall das Familiensystem ganzheitlich betrachtet. Dieser konzeptionelle Ansatz unterscheidet ein Familienzentrum von Einrichtungen und Angeboten, welche sich primär mit nur einer der Zielgruppen beschäftigen. Familienzentren sind dabei nicht als Ersatz anzusehen, sondern als eine Ergänzung und Zugangserleichterung für andere Formen der Familienberatung zu verstehen durch den Abbau von Informationsdefiziten und Hemmschwellen sowie Zugang zu einer Fachberatung in der Tageseinrichtung“ (Dummann 2008:2). Somit wird die Chance von Vernetzung und Kooperation besonders deutlich hinsichtlich der Gestaltung einer für die Familien flexibel an den Bedarfen ausgerichteten Familienförderung. Zugleich kann durch Kooperationen für alle daran beteiligten Akteure ein Mehrwert entstehen, indem so auf unterschiedlichen Wegen 307 potenzielle Nutzer_innen angesprochen und erreicht werden können (Meyer- Ullrich u. a. 2008:54). Hinsichtlich der Anforderungen an Vernetzung und Kooperation muss allerdings bedacht werden, dass dafür zum einen ausreichend Zeit erforderlich ist und zum anderen auch entsprechende Methoden, um weitere sich ständig verändernde Bedarfe zu erheben. Neben statistischen Angaben umfasst dies insbesondere Beobachtungen und Befragungen von (potenziellen) Nutzer_innen. Auch über solch ein Vorgehen werden die Stärken, Ressourcen und Engagementpotenziale der Menschen einbezogen (vgl. dazu auch Sturzenhecker 2009a, 80, Rißmann/ Remsperger 2011:74). Darüber hinaus werden so auch die Netzwerke der Familien auf unterschiedlichen Ebenen gefördert und gestützt. „Familienzentren sind Bildungs- und Erfahrungsorte, die an nachbarschaftliche Lebenszusammenhänge anknüpfen und die Selbsthilfepotenziale der Eltern nutzen. Sie sollen neben den fachlichen Netzwerken auch die sozialen Netzwerke unterstützen und fördern. Die Strukturen orientieren sich an den lokalen Bedürfnissen. Insofern sind Varianten in der Angebotsstruktur und weitere Themenbereiche möglich“ (Dummann 2008:2). Entsprechend unterschiedlich sind die agierenden Kooperationspartner_innen in den einzelnen Familienzentren. Durch bestehende Netzwerkstrukturen können diese allerdings flexibel entsprechend dem Bedarf angesprochen und konkrete Kooperationen können eingegangen werden. „Die vielfältigen Bedürfnisse von Familien, vor allem solcher mit Klein- und Schulkindern, nach zeitlicher Entlastung und Abstimmung lassen sich vor Ort durch neue Formen der kommunalen Planung, Vernetzung und Kooperation befriedigen. Dies kann in Familien- bzw. Eltern-Kind-Zentren, Mehrgenerationenhäusern oder auch in Ganztagsschulen realisiert werden, wenn hier Familien als Ganzes, als Lebenszusammenhang im Zentrum stehen. Familienzentren und Mehrgenerationenhäuser haben das Potenzial, zu kommunalen Knotenpunkten für Familiendienstleistungen zu werden, in dem neben öffentlich geförderten Bildungs-, Betreuungs- und Erziehungsangeboten auch zivilgesellschaftliches Engagement z. B. im Sinne von Nachbarschaftshilfe, aber auch privat-gewerblicher Angebote familienunterstützender Dienstleistungen passgenau auf die Bedürfnisse der Familien in diesem Sozialraum zugeschnitten werden. – Die Sachverständigenkommission empfiehlt, Familienzentren zu stärken, die wie ein Katalysator wirken könnten, der den Aufbau einer familienfreundlichen kommunalen Infrastruktur in Gang bringt oder beschleunigt, die auch die zeitlichen Bedürfnisse im Blick hat“ (BMFSFJ 2012:143). Diese Forderung geht mit dem Verständnis einer flexiblen Familienförderung einher. 5.2.3.5 Familienzentren als Handlungsfeld der Sozialen Arbeit Wie bereits ausführlich dargestellt wurde, sind Familienzentren als institutioneller Ort der Familienbildung sowohl in der Erwachsenenbildung als auch in der Sozialen Arbeit verortet (Mengel 2007:15). Neben den verschiedenen Finanzierungsstrukturen werden thematische Ausrichtungen für eine Differenzierung herangezogen. „Steht die Person im Mittelpunkt, so ist es einmal der Erwachsene, der sich für seine Rolle in der Familie weiterbilden will, damit tritt die Erwachsenenbildung in 308 den Vordergrund. Ist das Kindeswohl der zentrale Aspekt, so ist die Familienbildung im präventiven Bereich der Jugendhilfe (Sozialpädagogik) angesiedelt“ (Schymroch 1989:82). So geht mit dieser Betrachtung eine unabdingbare Zusammenarbeit von Erwachsenenbildung und der hier benannten Sozialpädagogik einher, die zugleich als grundlegendes Ziel der Familienbildung anzusehen ist (Schymroch 1989:82). Darüber hinaus geht mit der Frage nach der professionellen Grundverortung auch die Betrachtung der dafür erforderlichen Qualifikationsanforderungen einher. „Die Situierung der Familienbildung zwischen Jugendhilfe und Erwachsenenbildung lässt die Frage aufkommen, welche Grundprofession eher geeignet scheint: Soziale Arbeit oder Pädagogik/ Weiterbildung. Damit zeigt sich, dass sich die Mitarbeiter/innen, die meist aus dem Bereich der Sozialen Arbeit kommen, häufig ungenügend auf den Bereich der Vermittlung und didaktischen Grundlegung von Kompetenzen vorbereitet fühlen. Ebenso ist ungeklärt, welche Schwerpunktsetzung in den Kursangeboten vorgenommen werden soll: Austausch und Reflexion eigener Erfahrungen, Beziehungsknüpfung oder Wissensvermittlung“ (Thiessen 2010:76). In der vorliegenden empirischen Untersuchung wurden sehr ausführlich die Anforderungen und Rahmenbedingungen für die Arbeit in Familienzentren beschrieben. Unbestritten ist, dass die Mitarbeitenden dafür entsprechend ausgebildet sein müssen (Haug-Schnabel 2005:24). In den Kapiteln 2.3.2 und 2.3.3 wurden die verschiedenen Organisations- und Angebotsformen von Familienzentren dargestellt, die zugleich auf die dafür erforderlichen Fähigkeiten und Kompetenzen verweisen. Dazu zählen sowohl auf das Individuum bezogene Fähigkeiten als auch Fähigkeiten hinsichtlich des Aufbaus und der Gestaltung eines Netzwerks. „Für die aktuelle Familienbildung [besteht, S. H.-B.] eine wesentliche professionelle Anforderung in der Fähigkeit der interdisziplinären Kooperation (s. o.). In Stadtteilzentren und in der Vernetzung muss mit pädagogischen, administrativen, medizinischen und therapeutischen Fachkräften zusammengearbeitet werden, ohne die eigene spezifische Fachlichkeit aus den Augen zu verlieren. Dies ist bei der eher gering wertgeschätzten Sozialen Arbeit nicht immer einfach (Rabe-Kleberg 1997). Die Nähe zum häuslichen Alltag, die es gilt, in der pädagogischen Arbeit herzustellen, bietet Projektionsflächen für das eigene Familiäre und verleitet zu ‚Semi-Professionalität‘“ (Heitkötter/ Thiessen 2009:432). In der durchgeführten empirischen Untersuchung wurden die verschiedenen Netzwerkstrukturen, der Aufbau derselben und die erforderlichen Rahmen für Kooperationen deutlich nachgezeichnet (vgl. Kapitel 4.1.5). Darüber hinaus beschreiben die befragten Akteure sehr klar ihre zugrunde liegende professionelle Haltung und die dafür erforderlichen methodischen Kompetenzen (vgl. Kapitel 4.1.4 und 4.5). Dabei werden keine Anzeichen für die Interpretation hinsichtlich einer ‚Semi-Professionalität‘ sowohl in der Interaktion mit Nutzer_innen als auch in der Gestaltung einer stadtteilorientierten professionellen Tätigkeit. Vielmehr wird eine Notwendigkeit in solch einer professionellen Arbeit gesehen, die zugleich auch den Nutzen von stadtteilorientierten, dezentralisierten Familienbildungsstrukturen nach sich zieht. „Aus Sicht der Fachkräfte 309 besteht jedoch ein erheblicher Nachteil stadtteilorientierter, dezentralisierter Familienbildungsstrukturen, in den sich erschwerenden Arbeitsbedingungen: Atomisierung, der Frage der institutionellen Zugehörigkeit, mangelnder Austausch mit Kolleg/innen der Familienbildung u. ä. Darin ist möglicherweise auch ein Grund für die mangelnde Umsetzung von Dezentralisierung zu sehen“ (Heitkötter/ Thiessen 2009:431). Vielmehr spiegeln die beschriebenen erforderlichen methodischen Handlungskompetenzen die in den Familienzentren benötigte Vielfalt wieder. „Dazu werden qualifizierte Fachkräfte benötigt, die bei Erziehungsfragen genauso helfen können wie bei Sprachdefiziten, Schulden oder Arbeitslosigkeit“ (Possinger 2009:2). Durch die „kontinuierlich steigende Inanspruchnahme von Erziehungsund Familienberatung“ (Peuckert 2008:161), der von Eltern benannten Unsicherheit in Erziehungsfragen und der Überforderungen aufgrund nicht wirksamer Umgangsstrategien von Eltern mit ihren Kindern fühlen diese sich verstärkt verunsichert, was sich wiederum auch bei den Kindern bemerkbar macht (Tschöpe- Scheffler 2009:16). „Es wird deutlich, dass eine wesentliche Aufgabe der Sozialen Arbeit mit Familien heute sein muss, Lebenskompetenzen zu unterstützen und psychosoziale Bewältigungsmuster aufbauen zu helfen, damit Erwachsene und Kinder den komplexen Anforderungen gewachsen sind“ (Tschöpe-Scheffler 2009:16). Dies wird durch die dargestellte Strukturflexibilität und Angebotsvielfalt ermöglicht. In der Diskussion um Familienbildung als Handlungsfeld der Sozialen Arbeit wird auch der Einbezug von sogenannt benachteiligten Familien herangezogen. „Eine Einbindung benachteiligter Familien in reguläre Angebote gelingt seltener, auch in diesen Fällen wird die Strategie der zugehenden Arbeit über Kooperationspartner genutzt. In der Regel findet eine Spezialisierung auf die Zielgruppen Familien mit Migrationshintergrund und Alleinerziehende statt. Andere benachteiligte Adressatengruppen, wie beispielsweise arme und bildungsferne deutsche Familien, werden eher weniger und oft nur in Zusammenarbeit mit fürsorgerischen Einrichtungen erreicht, d. h. wenn Eltern oder Kinder ‚auffällig‘ geworden und institutionell eingebunden sind. Ein ebenfalls großer Teil der Familienbildungsstätten sieht sich aufgrund unzureichender personeller und finanzieller Ausstattung nicht in der Lage, den konzeptionellen Mehraufwand zur Integration benachteiligter Familien zu leisten“ (Mengel 2007:46). Hierbei wird die Relevanz der Sozialen Arbeit hinsichtlich der erforderlichen Gestaltung niedrigschwelliger Zugangswege deutlich. So bedarf es neben dafür erforderlichen flexiblen Strukturen und Angeboten zugleich einer entsprechend gestalteten Öffentlichkeitsarbeit und Ansprache über vielfältige Wege, um möglichst viele verschiedene Familien zu erreichen (vgl. Kapitel 4.2). „Familienbildung hat somit den Balanceakt zu bewältigen, gleichzeitig integrativ und differenziert zu sein“ (Mengel 2007:47, H. i. O.). Darüber hinaus bedarf es einer entsprechenden atmosphärischen und methodischen Gestaltung der Strukturen und Angebote. Der zugrunde liegenden Haltung und den methodischen Anforderungen an die professionellen Akteure kommt damit eine große Relevanz zu. So werden Eltern mit ihrer Erfahrungsexpertise als Expert_innen für ihr Kind betrachtet, während professionelle Akteure allgemeines Expertenwissen über die 310 Kindesentwicklung etc. mitbringen. Erst die Wahrnehmung und Akzeptanz der jeweiligen Expertisen ermöglicht eine dialogische Zusammenarbeit (Roth 2014:145). „Der erwachsenenbildnerische Anteil an der sozialen Arbeit wächst, je mehr der Forderung nachgekommen wird, auch die Beteiligung von bildungsfernen Gruppen zu ermöglichen. Pädagogischer Umgang mit Erwachsenen, die didaktische Planung, Durchführung und Evaluation von Seminaren, die Moderation von Gruppen, Aufklärungs- und Informationsarbeit sind in der Praxis von Sozialpädagoginnen und -pädagogen oft längst unverzichtbarer Bestandteil professioneller sozialer Arbeit. So existieren bereits Schnittstellen von Sozialarbeit und allgemeiner Erwachsenenbildung“ (Loibl 2005:50). In den dargestellten Familienzentren in Friedrichshain-Kreuzberg bilden diese Aufgaben einen zentralen Aspekt der Arbeit. Darüber hinaus nehmen insbesondere Kommunikationskompetenzen hinsichtlich der Ansprache, des Erkundens von Bedarfen und Interessen sowie in der weiteren Begleitung von Familien einen zentralen Stellenwert ein. Nur so ist eine adäquate Begleitung hinsichtlich der benannten Zielstellung von Familienzentren möglich (Loibl 2005:49). Insbesondere mit dem Fokus auf den Bildungsbegriff und -anspruch werden nicht mehr alle Menschen erreicht. Entsprechend wird auch in der Erwachsenenbildung die Gestaltung von passenden Zugangswegen durch den Zielgruppenansatz diskutiert (Mengel 2007:73). Ursprünglich war dieser Ansatz als Element der Demokratisierung von benachteiligten Menschen und deren Befähigung zur Teilhabe gestaltet. Allerdings zeigt deren Umsetzung die Gefahr der Stigmatisierung durch defizitorientierte Zielgruppenbeschreibungen (Mengel 2007: 72ff). So kommt Mengel in ihrer Untersuchung zu Familienbildungsangeboten für benachteiligte Familien zu dem Schluss, „Familienbildung ist (zunächst) keine Option zur Bewältigung alltäglicher familialer Anforderungen. Erforderlich ist deshalb ein einfacher und alltäglicher Zugang“ (Mengel 2007:89, H. i. O.). Dies kann durch eine nicht defizitorientierte Transparenz hinsichtlich der Angebote, Träger, aber auch der Zugänglichkeit zu Informationen gestaltet sein. Zugleich impliziert dies eine räumliche Zugänglichkeit über Orte und Einrichtungen, zu denen Vertrauen oder Bekanntheit besteht, und zugleich kostengünstige Angebote, da Nachlässe kaum angenommen werden. „Aufgrund der relativ breiten Akzeptanz von Angeboten zur Geburtsvorbereitung erscheint auch der Übergang zur Elternschaft als eine Umbruchsituation, in der Information und Begleitung nachgefragt werden“ (Mengel 2007:90). Dies wurde ebenfalls durch andere Untersuchungen belegt. Der Vorbehalt von verschiedenen Zugangswegen über eine Vielzahl von Themen und Angeboten trägt darüber hinaus zu solch einer Wahrnehmung bei. Über lebensweltliche im Alltag verortete Themen und Gespräche werden zugleich Erziehung und für den Alltag relevante Fragestellungen thematisiert. Dies entspricht dem Ansatz einer lebensweltorientierten Sozialen Arbeit (Thiersch 2012). „So gilt es, Anlässe zu schaffen, die nicht-intentionales Lernen in intentionales überleiten“ (Mengel 2007:91). Für die Mitarbeitenden ist es dabei relevant, dass ihnen ein offenes Bild von Familien zugrunde liegt, was sich zugleich auf die Räumlichkeiten, Kommunikation etc. auswirkt (Mengel 2007:92). Dies wird auch durch die vorliegende 311 Untersuchung bestätigt. So kann einer nach wie vor geforderten sozialraumorientierten familienfördernden Arbeit gerecht werden (Paritätisches Bildungswerk e. V. (2007:10). „Durch Kooperationen und Vernetzungen ganzheitliche Förder- und Hilfsangebote für Familien zu ermöglichen, ist als der verbindende, gemeinsame und konzeptionelle Kern von Familienzentren zu verstehen“ (Dummann 2008:2). Mit Blick auf die Unterscheidung von institutionalisierten Familienzentren und Familienzentren, die sich aus Kindertagesstätten entwickelt haben, wird deutlich, dass mit jedem Einrichtungstyp zugleich Vor- und Nachteile einhergehen. Im Vergleich zu Familienzentren, die sich aus Kindertagesstätten entwickelt haben, liegt zumeist ein deutlicher Vorteil im Vorhandensein von verschiedenen Räumen, die flexibel genutzt werden können und einer entsprechenden kinderadäquaten Ausstattung dafür (Meyer-Ullrich u. a. 2008:62, Rißmann/ Remsperger 2011:76, Diller 2006:62). In Familienzentren, die sich aus Kindertagesstätten entwickeln, sind dafür teilweise Umbauten und vor allem entsprechende finanzielle Mittel erforderlich. So können räumliche Grenzen zugleich zusätzliche bedarfsorientierte Angebote verhindern. „Familienzentren, die sich in einer Kindertagesstätte befinden, geben an, bei der Angebotsplanung Sicherheitsvorschriften beachten zu müssen, wodurch die Durchführung von Angeboten für Nicht-Kitaeltern am Vormittag erschwert wird“ (Servicestelle Berliner Familienzentren 2013:17). Allerdings können Familienzentren, die sich aus Kindertagesstätten entwickelt haben, die bestehenden Kontakte zu Eltern in der Kindertagesstätte nutzen, um deren Bedarfe zu erheben und diese zu Angeboten einzuladen. Durch das bestehende Vertrauensverhältnis und dem Kennen der Räume wird zugleich eine Niedrigschwelligkeit ermöglicht (Diller 2005:18). Durch die Einbettung der Kita in den Alltag werden dafür insbesondere in den Bring- und Abholsituationen Anknüpfungspunkte vorbehalten. Entsprechend wird als weitere Handlungsleitlinie der Anschluss an die niedrigschwelligen Programme Ostapje und Hippy benannt, die den Fokus auf Besuche bei den Familien zu Hause und die Bildungs- und Sprechförderung setzen (Diller 2005:19). In institutionalisierten Familienzentren können dafür Strukturen und die Ansprache über Kooperationspartner_innen genutzt werden. Auch solch eine Öffentlichkeitsarbeit bleibt für Familienzentren, die sich aus Kindertagesstätten entwickelt haben, nicht aus (Meyer-Ullrich 2008:6). In den Untersuchungen zu Familienzentren, die sich aus Kindertagesstätten entwickelt haben, wird dabei insbesondere angeführt, dass die Elternarbeit von Kindertagesstätten allein nicht ausreichend ist, um eine familienunterstützende Infrastruktur im Sinne von Prävention zu gestalten (Stange u. a. 2014). Nichtsdestotrotz bilden Familienzentren in Kindertagesstätten dafür einen wichtigen Bestandteil. So kommt insbesondere auch der Leitung eine zentrale Funktion hinsichtlich des Einbezugs des Teams zu (Rißmann/ Remsperger 2011: 68ff). „Wo die Arbeit für das Familienzentrum mehr als gemeinsame Aufgabe des gesamten Teams denn als ‚Chefsache‘ der Leitung begriffen wird, berichten die pädagogischen Fachkräfte nämlich signifikant öfter, selbstständig Kontakte mit den Kooperationspartnern der Einrichtung zu unterhalten sowie die Eltern bei Erziehungsfragen persönlich zu beraten“ (Schreiber/ Tietze 312 2008:34). So wird auch die Relevanz von dafür erforderlichen Qualifizierungen, Fortbildungen und Begleitungen deutlich. Darüber hinaus bestehen unterschiedliche Erwartungen an Kindertagesstätten, die ebenfalls zu Spannungen führen können. „Eine größere Klarheit des gesellschaftlichen Auftrags an Kindertageseinrichtungen und ein Diskurs über die konzeptionellen, organisatorischen und ressourcenbezogenen Rahmenbedingungen dieser Institution müssen deshalb realisiert werden“ (Rißmann/ Remsperger 2011:15, H. i. O.). So besteht in Familienzentren, die sich aus Kindertagesstätten entwickelt haben, durchaus eine Chance hinsichtlich der Intensivierung der Elternarbeit durch das Aufgreifen von deren Bedarfen. Allerdings liegt der Hauptaugenmerk der Kindertagesstätten auf der Betreuung der Kinder. Entsprechend können diese Zentren einen Beitrag hinsichtlich einer familienförderlichen Infrastrukturgestaltung leisten. Nichtsdestotrotz ist es erforderlich, stadtteilorientierte Anlauforte für alle Personen, die mit der Erziehung von Kindern zu tun haben, zu schaffen, um dort die vielfältigen bestehenden Bedarfe aufgreifen zu können und sowohl den Kindern als auch den Eltern über die Kindertagesstätte hinaus einen Ort für Begegnung, Beratung und Bildung vorzuhalten. „Familienbildung zielt darauf ab, dass Familien ihre Kompetenzen realisieren und nutzen, die sie zu einer selbstbestimmten Lebensplanung und Alltagsgestaltung innerhalb ihrer sozialen Netze sowie für die Erfüllung ihrer Erziehungs- und Bildungsaufgaben benötigen“ (Heitkötter/ Thiessen 2009:427). Das Ansetzen an den Fähigkeiten und Ressourcen sowie das gleichzeitige Erkunden des Willens und der intrinsischen Motivation sind somit unabdingbar für die Gestaltung eines selbstbestimmten, gelingenderen Alltags. Zugleich ist gerade darin die zentrale Ziel- und Aufgabenstellung der Sozialen Arbeit verankert (vgl. Kapitel 2.2). Eine weitere Bestätigung für die Relevanz von Familienzentren als Handlungsfeld der Sozialen Arbeit liegt darin, dass immer wieder entsprechende Absolvent_innen als Fachkräfte gefordert werden einhergehend mit einer diesbezüglichen erforderlichen Qualifizierung der Mitarbeitenden (Rißmann/ Remsperger 2011: 71, vgl. auch Sturzenhecker 2009a:79).

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Zusammenfassung

Einem afrikanischen Sprichwort zufolge benötigt man zur Erziehung eines Kindes ein ganzes Dorf. In den westlichen Gesellschaften sind die Tage solcher „Dorfstrukturen“ jedoch weitgehend gezählt, wodurch sich die erzieherische Verantwortung alleine auf die Eltern konzentriert. Um diesen eine geeignete Stütze anzubieten, bedarf es dringender denn je einer familienfreundlichen Infrastruktur, die neben der Schulung der Erziehungskompetenz auch den Druck nimmt, immer alles „richtig“ machen zu müssen. Familienzentren können solche Anlauforte für Begegnung, Beratung und Bildung im Stadtteil sein und zu einer familienfreundlichen Infrastruktur beitragen. Basierend auf der empirischen Analyse von vier Familienzentren werden deren strukturelle Anforderungen, das methodische Handeln der Mitarbeitenden sowie der konkrete Nutzen für Familien dargestellt. Sozialarbeiter*innen erhalten so einen Einblick in die Arbeitsweise von Familienzentren und finden darüber hinaus theoretische Begründungen für deren Notwendigkeit.