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4 Familienzentren im Stadtteil – Eine empirische Analyse in:

Sarah Häseler-Bestmann

Begegnung, Beratung und Bildung für Familien, page 157 - 246

Eine exemplarisch-empirische Untersuchung von Familienzentren im Stadtteil

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3948-9, ISBN online: 978-3-8288-6694-2, https://doi.org/10.5771/9783828866942-157

Tectum, Baden-Baden
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157 4 Familienzentren im Stadtteil – Eine empirische Analyse Im folgenden Kapitel werden die empirischen Erkenntnisse beruhend auf den der Untersuchung zugrunde liegenden Fragestellungen deskriptiv dargestellt. Die Deskription setzt sich aus den Perspektiven der Mitarbeitenden im Fachbereich des Jugendamts, den Praktiker_innen vor Ort sowie den Nutzer_innen zusammen. Einleitend werden dafür die Erkenntnisse hinsichtlich der Fragestellung nachgezeichnet: ‚Was macht eine Einrichtung zu einem Familienzentrum?‘ Daran anschließend wird das methodische Handeln der Praktiker_innen vor Ort beschrieben. Der dritte Abschnitt fokussiert den Nutzen von Familienzentren. Somit fokussiert dieses Kapitel die Beantwortung der folgenden Forschungsfragen: 1. Welche konzeptionell-strukturellen Arbeitsprinzipien liegen den Familienzentren zugrunde? Wie werden diese Arbeitsprinzipien methodisch realisiert? Was sind die fachlich-konzeptionellen Ziele der Arbeit in Familienzentren? 2. Welchen Nutzen haben die Adressat_innen durch das Familienzentrum? 3. Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede lassen sich bei den untersuchten Familienzentren bezüglich der zugrunde liegenden Arbeitsprinzipien und der Nutzenperspektive herausarbeiten? Die Darstellung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden der untersuchten Familienzentren erfolgt entlang der Deskription der empirischen Erkenntnisse. 4.1 Was macht eine Einrichtung zu einem Familienzentrum? Um die Fragestellung zu beantworten ‚Was macht eine Einrichtung zu einem Familienzentrum?‘, werden einleitend strukturelle Gemeinsamkeiten und Unterschiede der vier Familienzentren abstrahiert. Darauf aufbauend rücken die zugrunde liegende Zielstellung und die Nutzer_innen in den Fokus. Des Weiteren werden Anforderungen an die handelnden Akteure hinsichtlich der erforderlichen Haltung, Kenntnisse und Fähigkeiten sowie die Arbeit im Team näher betrachtet. Das Kapitel abschließend werden bestehende Formen von Kooperation betrachtet. 158 4.1.1 Abstraktion der Familienzentren im Berliner Bezirk Friedrichshain- Kreuzberg Wie im Kapitel 3.3.2 zum Forschungsgegenstand bereits dargestellt, sind die Familienzentren in Friedrichshain-Kreuzberg an den 2006 gegründeten Fachdienst angebunden (J01:17). Als Aufgabe des Fachdienstes wurde formuliert, den § 16 SGB VIII zur Familienförderung zu entwickeln und diesen gleichzeitig mit der Arbeit der Kindertagesbetreuung zu verknüpfen, „weil eben da die Eltern eigentlich so die erste Institution für ihr Kind [ist, S. H.-B.], was sie abgeben und dort regelmäßig sind und dann eben viele Themen auftreten, die auch wieder in Bezug auf Erziehung und alles drum herum und Kind sein und Belastung usw. entstehen, und da eine Koppelung also zwischen der Arbeit der Kindertagesstätten und Familienarbeit sinnvoll wäre“ (J03:12). Eine weitere Zielstellung liegt darin, Übergänge zwischen Kindertagesstätte und Schule oder von der Tagespflege in die Kindertagesstätte zu gestalten, zu begleiten und „Netzwerke [zu, S. H.-B.] erschaffen“ (J02:26). Mit dieser Zielstellung werden darüber hinaus bedarfsentsprechende Angebote und Projekte wie bspw. zweisprachige Sprachförderprojekte in Kitas und Schulen oder die Entwicklung und Gestaltung von Bildungsnetzwerken mit Kitas, Schulen, Familiencafé, Familienzentrum gefördert (J01:46ff). Auf dieser Grundlage wurden bereits bestehende Einrichtungen im Bezirk übernommen und unter dem Fokus einer bedarfsentsprechenden Familienförderung weiterentwickelt (J03:15). Durch den Fachbereich ist zudem eine regionale personale Zuständigkeit gegeben (J01:20). An diese, einen ersten bildlichen Einblick verschaffende, Beschreibung anschlie- ßend werden nun darauf basierend identifizierbare Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Familienzentren beschrieben. Dabei werden Aussagen zur Konzeption, den Räumlichkeiten und der Angebotsstruktur als Bezugspunkte herangezogen. 4.1.1.1 Konzeptionsbezug Wie bereits eingangs beschrieben, liegt der konzeptionelle Bezug der Familienzentren im § 16 SGB VIII zur Familienförderung begründet. Die jeweilige konkrete Ausrichtung der Familienzentren ist allerdings sehr unterschiedlich, da diese sich an den Bedarfen im jeweiligen Stadtteil orientiert (W05). Somit nimmt die bedarfsentsprechende Angebotsentwicklung gleichzeitig ein Konzeptionskriterium ein, das allen Familienzentren gemein ist. Die weitere konzeptionelle Ausrichtung obliegt der jeweiligen fachlichen Orientierung der Träger der Familienzentren. So orientiert sich ein Familienzentrum am Early-Excellence-Ansatz, zwei Familienzentren am Situationsansatz und in einem Familienzentrum liegt die Bündelung von bestehenden Angeboten im Fokus. Zur hier vorliegenden Untersuchung wurden zeitlich parallel durch den Fachbereich des Jugendamts initiiert mit allen Familienzentren des Bezirks ein gemeinsames Qualitätshandbuch entwickelt (J01:55). Darin werden auf verschiedenen Qualitäts- 159 dimensionen verallgemeinerbare Kriterien von und für die Familienzentren entwickelt. Über diese Dimension werden wiederum Gemeinsamkeiten und Unterschiede deutlich. Des Weiteren bildet die Zusammenarbeit mit Kindertagesstätten aufgrund der Aufgabenbeschreibung des Fachbereichs eine weitere Gemeinsamkeit der Familienzentren (J01:41). Aber auch hierbei unterscheidet sich die konkrete Ausgestaltung. 4.1.1.2 Finanzierung Die finanzielle Förderung über den Fachdienst des Jugendamts sieht eine Grundversorgung der Familienzentren vor, welche die Bereitstellung eines Gebäudes, einen Leistungsvertrag sowie Personalstellen im unterschiedlichen Umfang beinhaltet (P03:13, J03:58). Somit muss jedes Familienzentrum dauerhaft Drittmittel akquirieren und teilweise Unkostenbeiträge erheben (B20:12, P03:17, N05:37). Des Weiteren werden Räume für Angebote der Kinder- und Jugendhilfe, Selbsthilfegruppen, VHS-Kurse etc. zur Verfügung gestellt (J01:28). Entsprechend der Verwaltungsvorschriften können die Räume nur entgeldfrei für Kinder- und Jugendhilfeleistungen abgegeben werden. Es dürfen keine parteipolitischen oder kommerziellen Veranstaltungen durchgeführt werden. Diese Regelung unterscheidet sich von der Finanzierung anderer Einrichtungen wie bspw. Stadtteilzentren (J01:29). Im Rahmen des Leistungsvertrages werden zwischen den Familienzentren und dem Fachdienst im Jugendamt Zielvorgaben verabredet, festgehalten und überprüft (P15:47). Durch die zumindest teilweise gegebene Personalfinanzierung durch das Jugendamt wird gewährleistet, dass nicht alle Kurse kostenpflichtig sind (P16:118). Die Akquise von weiteren finanziellen Mitteln erfolgt sehr unterschiedlich. „Das ist hier sehr toll, hier gibt es eine Spardose für Kaffee und dann schmeißt jeder 30 Cent oder so rein“ (N05:38). Somit können zumeist die laufenden Projekte finanziell sicher gestellt werden. „Unser Problem ist eigentlich die Finanzierung der Sachen, die gut laufen“ (P03:22). Für einzelne, neue Projekte gibt es oft Anschubfinanzierungen über Stiftungen und Kampagnen, welche aber nur für den Projektstart gedacht ist. Hinsichtlich der Finanzierung wird somit deutlich, dass eine Schwierigkeit in der nicht vorhandenen Sicherheit für die Familienzentren bezüglich einer langfristigen Planung besteht. „Das ist auch zum Thema Planungssicherheit“ (J02:97) eine relevante Dimension. 4.1.1.3 Räumlichkeiten Die untersuchten Familienzentren unterscheiden sich nicht nur aufgrund ihrer Entstehungsgeschichten, sondern auch hinsichtlich der vorhandenen Räumlichkeiten. Allen untersuchten Familienzentren ist gemein, „dass man sowohl einen Au- ßen- als auch einen Innenbereich irgendwie hat. Das finde ich auch wichtig. Gerade, das man im Sommer dann auch mit Familien draußen irgendwas machen kann, nicht nur drin in den Räumen“ (J02:102). Dieser Gartenbereich ist in allen Famili- 160 enzentren begrenzt, sodass die Kinder nicht allein raus können (N06:100, B29:7, P21:22, P22:108) –ein wichtiges Kriterium für die Mutter eines 4-jährigen Sohnes und 2-jähriger Zwillinge für den Besuch eines Familienzentrums (B34:18, N11:16). Zwei Familienzentren sind mit anderen Institutionen in einem Gebäude untergebracht. In einem Familienzentrum nutzen Kooperationspartner_innen ebenfalls feste Räume. Dem vierten Familienzentrum steht ein Gebäude allein zur Verfügung. In allen vier Familienzentren informiert der Eingangsbereich über die Angebote und teilweise auch über die Mitarbeitenden durch Fotos, Namen und Aushänge (B01:12f). In drei Familienzentren sind große Aufenthaltsräume mit Familiencafébereich vorhanden (B04:10, B25:9, B02:8, B29:7, B01:20ff). „Meist gibt es hier auch irgendwelche Getränke, und die Räume hier, dass man hier so viel Platz hat. Das ist wirklich ein Traum“ (N14:58). In dem vierten Familienzentrum wird dies nach dem Umzug ebenfalls vorhanden sein (B29:7). Derzeit werden die Teeküche und nicht belegte Räume individuell von den Familien zum Aufhalten genutzt. In allen vier Familienzentren können Getränke sowohl erworben als auch mitgebracht werden. Daneben verfügen alle Familienzentren über Büros und mindestens einen Raum, der für Beratungen genutzt werden kann (B25:10, B01:16, B02:8). Des Weiteren gibt es einen größeren, für Bewegungsangebote geeigneten Raum (B33:6, B01:14, B02:10, B29:9). Zwei Familienzentren nutzen zudem weitere Räume in nahegelegenen Gebäuden des Trägers (B36:16, B11:30, P07:52f). Alle Familienzentren verfügen über eine Küche, aber in unterschiedlicher Größe und Ausstattung (B01:15, B02:9). Auch sanitäre Anlagen sind im Kontext von Familie wichtig. In drei Familienzentren sind diese großzügig gestaltet, dass dort ebenfalls ein Wickeltisch und teilweise eine Kindertoilette untergebracht sind (B25:11, B01:18, B02:9, N07:29). Des Weiteren sind alle Familienzentren farblich gestaltet, mit Bildern und Fotos an den Wänden dekoriert (B34:14, B36:26, PN02:88, B28:5). 4.1.1.4 Offener Bereich Drei Familienzentren verfügen über einen offenen Bereich, der Eltern- oder Familiencafé genannt wird. Die konkrete Ausgestaltung dieses offenen Bereichs unterscheidet sich zwischen den Familienzentren. Im Familienzentrum Mehringdamm umfasst das Familiencafé mehrere ineinander übergehende Räume, ausgestattet für verschiedene Altersgruppen und jeweils durch eine Mitarbeiterin begleitet (P21:22, N09:46). Entsprechend der jeweiligen Interessen können die Nutzer_innen so ihren Aufenthalt gestalten (N10:32). In der Mitte des Familiencafés ist eine Theke für den Erwerb kostengünstiger Speisen und Getränke zentriert. Das Familiencafé ist montags bis freitags von 9:30 bis 18:00 Uhr geöffnet. „Es gibt einmal das Familiencafé als offenen Treffpunkt. Da kann man hinkommen, die Kinder spielen, sich treffen, Kontakte knüpfen“ (P09:60). Im 161 Rahmen des Familiencafés gibt es einmal die Woche ein offenes Musikangebot, welches flexibel ohne Anmeldung genutzt werden kann (P09:53f). Der offene Kreativtisch kann ebenfalls flexibel ohne Voranmeldung genutzt werden (P09:56). Im HAUS ist das im Erdgeschoss befindliche Elterncafé an drei Nachmittagen geöffnet. Hier können Getränke und Kuchen in der angrenzenden Küche erworben werden. „Das war dann Ritual, jeden Dienstag und Donnerstag zu backen […] das ist sehr gut angekommen“ (P18:52ff). Das Elterncafé wird insbesondere an den Nachmittagen, in denen auch verschiedene Kurse für Kinder stattfinden, angeboten. Im Familienzentrum Menschenskinder werden vormittags offene Krabbelgruppen bzw. ein Familienfrühstück und nachmittags das Familiencafé mit unterschiedlichen Schwerpunkten wie Basteln, Musizieren oder Suppe essen angeboten. Auch hier können Getränke für einen Unkostenbeitrag erworben werden. Einige Nutzer_innen wünschen sich, dass auch Speisen bspw. belegte Brötchen angeboten werden (N14:70ff). Für das Familienfrühstück gab es den Versuch einer vorherigen Anmeldung, was dazu geführt hat, dass weniger Familien gekommen sind. Nun ist auch dieses Angebot wieder ohne Anmeldung nutzbar, was wiederum zu einer vermehrten Nutzung geführt hat (B34:7, N13:31). Von den Nutzer_innen aller Familienzentren wird vergleichend beschrieben, dass die kommerziellen Familien- oder Kindercafés oftmals sehr laut sind (N13:37ff). „Ich finde das total angenehm, auch angenehmer als kommerzielle Familiencafés […] Kinder mögen es halt mit Wasser und mit Sand auch rumzumanschen und da werden die Sachen dann halt auch dreckig“ (N02:30f). In kommerziellen Familiencafés ist dies nicht so gern gesehen, in den Familienzentren aber möglich (P22:103). Insbesondere die Kombination von Cafébereich und Spielplatz sind dabei sehr unterstützend (N09:15f, N10:23). Im Familienzentrum Waldemarstraße gibt es kein in dieser Form beschreibbares Eltern- oder Familiencafé. Allerdings wird deutlich, dass die Familien hier insbesondere die zwei Teeküchen, in denen Tee und Kaffee bereit stehen sowie den Orientraum und den weiträumigen Flur zum Aufhalten und für Gespräche nutzen (P14:59). Hierfür gibt es keine Öffnungszeiten, sondern die Nutzer_innen beziehen diese entsprechend der Bedarfe ein. 4.1.1.5 Angebotsstruktur Neben dem offenen Bereich werden vielfältige Kurse in den Familienzentren angeboten. Für die Angebotsstruktur ist es wichtig, „dass man möglichst eben auch so ein breiteres Spektrum anbietet“ (J02:92), um auf vielfältigen Wegen die Familien zu erreichen. Im folgenden Abschnitt werden die Angebote in den Familienzentren in systematisierten Kategorien beschrieben. Diese Angebotskategorien werden in allen vier untersuchten Familienzentren deutlich, allerdings in unterschiedlicher Quantität aufgrund der zur Verfügung stehenden Ressourcen sowie entsprechend der vorliegenden Bedarfe in unterschiedlicher inhaltlicher Gestaltung. 162 Die erste Kategorie umfasst sowohl die offenen als auch die geschlossenen Eltern- Kind-Gruppen, die teilweise auch als Krabbelgruppen bezeichnet werden (P16:74, N05:52, P13:65, P11:17, P06:68, PN03:75). Diese Angebote richten sich an Eltern und deren Kinder mit einer Altersbegrenzung von bis zu drei Jahren. Die offenen Eltern-Kind-Gruppen können zumeist ohne vorherige Anmeldung besucht werden. Für die geschlossenen Eltern-Kind-Gruppen ist dagegen eine Anmeldung erforderlich. Teilweise werden Unkostenbeiträge für Getränke, ein gemeinsames Frühstück oder Materialien erhoben. Den Eltern-Kind-Gruppen liegt kein programmatischer Ablauf zugrunde. Die konkrete inhaltliche und methodische Gestaltung obliegt den Kursleiter_innen. Fokussiert werden Begegnung und Austausch rund um die Themen Familie und Erziehung (P15:41, P12:103, P21:102). Die zweite Kategorie bilden die Eltern-Kind-Bildungsangebote. In Abgrenzung zu den Eltern-Kind-Gruppen werden hierunter Angebote mit einem spezifischen thematischen Fokus, zumeist einem Programm entsprechend, verstanden. Im Konkreten umfasst diese Kategorie Angebote wie PEKiP, FuN, griffbereit, Babymassage etc. Diese Angebote richten sich ebenfalls an Eltern mit ihren Kindern, überwiegend im ersten Lebensjahr, aber auch darüber hinaus. Für diese Bildungsangebote ist eine vorherige Anmeldung erforderlich. Der zugrunde liegende thematische Fokus ergibt sich aus dem jeweiligen Programm, der zumeist einen inhaltlichen und methodischen Ablaufplan vorgibt. Teilweise werden hierfür Beiträge erhoben. Die dritte Kategorie umfasst Bildungsangebote für Kinder. Diese Bildungsangebote haben einen klaren inhaltlichen Fokus wie Musik, Bewegung, Theater, Keramik o. ä. (P05:100, P15:25, P16:62). Zumeist ist eine vorherige Anmeldung erforderlich und teilweise werden hierfür Teilnahmebeiträge erhoben. Die methodische Gestaltung obliegt den Kursleiter_innen. Die vierte Kategorie umfasst Bildungsangebote für Erwachsene. Dies können thematische Themenabende mit Vorträgen sein, aber auch Sprachkurse der Volkshochschule im Familienzentrum oder Programme wie ‚Starke Kinder – starke Eltern‘ (PN03:81). Je nach Angebot sind eine vorherige Anmeldung sowie Teilnahmebeiträge erforderlich. Für feste Programme und Kurse gibt es zumeist einen inhaltlich und methodisch vorgegebenen Gestaltungsrahmen. Eine weitere Kategorie, die durch die Programme der Familienzentren deutlich wird, liegt in der Zurverfügungstellung von Räumen für Kooperationspartner_innen, Akteure aus dem Netzwerk, selbst organisierte Gruppen und Selbsthilfegruppen. Der thematische Fokus, die Gestaltung und Durchführung liegen in der Verantwortung der jeweiligen Gruppe. Ein weiterer inhaltlicher Bestandteil der Familienzentren sind Beratungsangebote. Die Beratungsangebote sind zumeist mit einem thematischen Schwerpunkt beschrieben, sodass diese gezielt von Interessierten aufgesucht und angefragt werden können. Teilweise werden diese Beratungen von den Mitarbeiter_innen der Famili- 163 enzentren angeboten (J02:50, P16:75, N05:49, P07:73, PN02:26). Dies kann niedrigschwellliger als eine Beratung im Jugendamt sein (J02:71). „Es ist ja auch vor allem eine neue Lebensphase [wenn das erste Kind geboren wird, S. H.-B.]. Viele Fragen, die hier auftauchen, die man einfach auch sich selber gar nicht beantworten kann, manchmal. Da braucht man jemand anderes, mit dem man sich austauschen kann, bin ich da auf dem richtigen Weg, mache ich das jetzt grade richtig. Oder ich habe jetzt hier ein Problem, ich kann das jetzt fünfmal im Internet nachlesen, es hilft mir auch nicht weiter, weil ich jetzt grade mal eine ganz praktische Sache irgendwie brauche. Und ich glaube, das ist gerade so eine Phase, wo man viele Antworten braucht“ (J02:75). Bei Bedarf werden auch externe Professionelle oder Kooperationspartner_innen herangezogen. Inhaltlich reichen diese von Ehe- und Familienberatung bis hin zur Rechtsberatung. In der folgenden Abbildung ist die Angebotsstruktur der Familienzentren zusammenfassend dargestellt. Abb. 16: Angebotsstruktur in den Familienzentren Es wird deutlich, dass eine flexible Gestaltung des offenen Bereichs verbunden mit einer vielfältigen Angebotsstruktur erforderlich ist, um auf verschiedenen Wegen die Familien zu erreichen. In Kombination mit einer möglichen flexiblen Nutzung des offenen Bereichs stellt dies eine gelungene Kombination dar (B34:7, N02:27, B27:21ff, N11:17, B09:25, P07:22ff). 4.1.2 Zielstellungen der Familienzentren „Es ist erst mal wirklich ein Ort. Ein Ort, wo Familien hingehen“ (P03:55). Neben dieser Beschreibung eines Familienzentrums als Ort werden hinsichtlich der Zielstellung von Familienzentren verschiedene Bereiche thematisiert, die sich aber in einem kontinuierlichen Entwicklungsprozess befinden. „Wir sind nicht hier so ein eingefahrener Haufen, der immer und ewig das Gleiche macht. Mal gucken, was geht, und mal gucken, was nicht geht. Schon so auf der Suche“ (J03:50), beschreibt ein befragter Akteur. Neben diesen Überlegungen zu möglichen Zielstellungen aufgrund der jungen Arbeit als Familienzentrum ist eine Anbindung an die Richtlinien des Fachbereichs sowie die gesetzliche Verankerung des § 16 SGB VIII gegeben (P15:47, P12:52). „Vorrangiges Ziel ist es, Familien und Kindern frühzei- 164 tig bessere Bildungschancen zu eröffnen und vielfältigere Zugänge zu Bildungsprozessen sowie besseren Schutz vor Ausgrenzung zu bieten, um den Kreislauf von Armut und sozialer Benachteiligung zu unterbrechen und alle Familien bei der aktiven Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu unterstützen. Gleichzeitig sollen Väter und Mütter Unterstützung bei der Entwicklung ihrer Beziehungs- und Erziehungskompetenzen finden, um ihren Kindern die notwendige Bindung als Basis jeder Bildung bieten zu können“ (Bezirk Friedrichshain- Kreuzberg 2009:3. H. i. O.). Diese konzeptionelle Zielstellung wird durch drei weitere aus den empirischen Daten identifizierbare Dimensionen näher beschrieben. 4.1.2.1 Stadtteil familienfreundlich gestalten Eine Zielrichtung bezieht sich darauf, den Stadtteil familienfreundlich zu gestalten (P15:25, P20:24f, P03:61). „Ich würde es schön finden, wenn wir hier mit dem Kinder- und Familienzentrum einen Beitrag leisten können, damit diese Stadt familienfreundlicher wird“ (P02:70). Auch aus der Perspektive von Nutzer_innen wird solch eine Notwendigkeit beschrieben. „Das ist sehr, sehr wichtig für Berlin und den Kiez hier, dass es solche Angebote gibt“ (N09:29). Um diese Zielstellung umzusetzen, ergeben sich weitere, dies konkretisierende Aktivitäten. Zum einen wird die Bündelung der Ressourcen im Stadtteil benannt. „Eine Informationsbörse, was gibt es im Bezirk, was ich für mich nutzen kann“ (P01:51). Ein Familienzentrum verfügt über vielfältige Informationen hinsichtlich der Angebote im Stadtteil (P01:55) und übernimmt somit auch die Funktion einer „Vernetzungszentrale“ (P04:130). Damit nehmen die Familien nicht nur die Angebote des Familienzentrums, sondern auch Angebote von Kooperationspartner_innen wahr (P03:29). „Man kann Kontakte knüpfen, auch informiert werden durch unsere Infos, Bücher, Broschüren, Heftchen. Wie stelle ich einen Antrag? Wo kann ich einen Antrag stellen? Wo ist was in Kreuzberg, Friedrichshain? Also, wir haben schon sehr viel Material, wo man sich was holen kann“ (P13:64). Also bilden die Familienzentren eine Anlaufstelle für familienrelevante und zumeist auch stadtteilbezogene Themen. 4.1.2.2 Anlaufort für Familien im Stadtteil Mit dem infrastrukturellen Ziel einer familienfreundlichen Stadtteilgestaltung ist auf der individuellen Ebene die weitere Zielstellung verbunden, Familien im Stadtteil einen Anlaufort zu bieten. Diese Idee eines Anlaufortes umfasst wiederum verschiedene Ebene. „Es ist ein Anlaufort für Familien, dass Eltern für ihre Aufgabe als Eltern eine Unterstützung haben. Das kann eine Unterstützung sein insofern, dass man aus der Isolation einer Kleinfamilie herauskommt, dass man Orte hat, wo man andere Familien trifft, dass man Ansprechpartner hat für Erziehungsfragen, dass man auch Bildungsangebote wahrnehmen kann für sich und seine Kinder“ (P01:49). Zum einen umfasst dies, Begegnungen zu ermöglichen. „Begegnen ist auch wichtig, dass man die Nachbarschaft auch besser kennenlernt, seinen Nachbarn kennenlernt, sich begegnet und auch austauschen kann“ (PN03:77). Um 165 die Familien im Stadtteil anzusprechen, entwickeln sich unterschiedliche Angebote entsprechend der jeweiligen Bedarfe (P03:58). „Weil jeder ist ja nicht nur Teil der Familie, sondern auch eigen […], und teilweise geht es auch darum, einen zu unterstützen, damit das System Familie funktioniert“ (P03:59). Daraus entwickeln sich dann entsprechend weitere Angebote für die Familien, um diese in den verschiedenen Familienphasen zu begleiten (J01:35, B34:10, J02:51). Neben den Begegnungsmöglichkeiten umfasst ein Anlaufort Bildungsangebote für die Familien. „Wir haben schon so einen Schwerpunkt auf Bildung gesetzt […] Wir haben uns so aufgestellt, dass wir über die allgemeine Förderung und Entwicklung an Familien herantreten wollen. Bei uns muss eine Familie keine Risikofamilie sein, damit sie ein Angebot nutzen kann“ (J01:48), beschreibt ein_e Mitarbeiter_in des Jugendamts die Zielstellung. Entsprechend werden Angebote zur Förderung und Entwicklung von Familien bereitgestellt. Dahinter steht die Idee: „Bildung macht Spaß, Bildung ist nötig, Bildung ist Teilhabe am Leben und der Gesellschaft. Und ich will leben und teilhaben, und ich will was erreichen. Sie [die Familien, S. H.-B.] da zu kriegen und sie dabei zu unterstützen“ (P03:64), ist die Zielstellung eines Familienzentrums. Des Weiteren sollen die Familienzentren neben Begegnung- und Bildungsangeboten auch einen Anlaufort für Fragen zum Thema Familien bieten, also Beratungsangebote vorhalten. Daher sind in den Familienzentren unkompliziert ansprechbare Mitarbeiter_innen tätig (P21:104, N06:91, N11:71). „Dass sie die Möglichkeit haben, Fragen loszuwerden in puncto Erziehung, Umgang mit Kindern, Bewältigung von Alltag, oder wie bekomme ich einen Kitaplatz? Oder welche Altersgeschichten die Eltern einfach intensiv beschäftigen. Wie lernt mein Kind schlafen? Was mache ich mit der Ernährung?“ (P15:25). Neben ausgewiesenen Beratungsangeboten (P18:87) umfasst dies auch die Ermöglichung von Austausch- und Beratungssituationen der Familien untereinander. „Wo ich vielleicht auch ein bisschen was von anderen lerne, vielleicht zum Thema Erziehung, oder wie die mit Kindern umgehen […]. Kleine Sachen, die man mal austauscht. Wie macht ihr das mit dem Schlafen, ins Bett bringen?“ (J02:49). Familien einen gesunden Umgang mit ihren Kindern zu ermöglichen hinsichtlich der Tendenz, dass Eltern „zu anspruchsvoll sind, was die Entwicklung ihrer Kinder anbelangt“ (J03:24), ist dabei ebenfalls ein wichtiger Fokus. 4.1.2.3 Familien stärken Aus dieser angestrebten Funktion als Anlaufstelle mit Bildungs- und Beratungsangeboten im Stadtteil ergibt sich zudem die Zielstellung, Familien zu stärken (J03:23, P15:41, P09:100, P20:23, P16:77). Zum einen wird diesbezüglich eine Unterstützungsfunktion beschrieben. „Es ist vielleicht auch so ein bisschen, was früher Nachbarschaft oder Großfamilie auch erfüllt hat, dass das auch ein Familienzentrum heutzutage ein Stück weit erfüllen kann“ (P01:50). Unterstützung kann dabei sehr verschieden aussehen. „Familienstärkung, helfen, dass die 166 nicht so allein stehen, dass sie sich nicht so allein fühlen, dass sie Unterstützung haben“ (P11:53). Zum einen umfasst dies pragmatische Unterstützung, wie das Erhalten kostenfreier Kleidung in einer Kleiderkammer (P14:57). Zum anderen beinhaltet dies Unterstützung bei dem Ausfüllen von Anträgen, der Gründung einer selbst organisierten Gruppe oder der Besuch eines Deutschkurses, um selbstständiger agieren zu können. „Die Zielstellung ist einfach, Familien ein Mehr an Qualität zu bringen, einen Ort des Wohlfühlens zu schaffen, Familien zu stützen, auch selber stark zu werden. Auch, sich selbst wieder zu helfen, indem sie z. B. auch ermutigt werden, selbst organisierte Gruppen anzubieten, sich selbst zu organisierten, auch selbst für sich etwas zu tun […] Also, Deutschkurs ist ja auch nicht nur, dass man denen irgendwelche Verben beibringt. Das ist ja ein Stück zur Integration, auch zur Selbstbestimmung, auch ein Stück weit zur Emanzipation, nicht mehr von anderen abhängig zu sein” (P14:135). Diese drei Dimensionen spiegeln die verschiedenen Umsetzungsstrukturen wider, um Familien frühzeitig bessere Bildungschancen zu ermöglichen. In der folgenden Abbildung werden diese Zielstellungen zusammenfassend dargestellt. Abb. 17: Zielstellung der Familienzentren Zusammengefasst kann festgehalten werden: Die Zielstellung eines Familienzentrums ist es, „Angebote bereit [zu, S. H.-B.] halten, um möglichst viele, alle, viele Familien der Region anzusprechen, also eine Angebotsvielfalt“ (P02:46). Über solch eine Angebotsvielfalt kann den unterschiedlichen Bedürfnissen eher gerecht werden (P22:161). Anfänglich steht dabei die Begegnung im Fokus „und aus der Begegnung sollen und können sich unterschiedliche weitere Sachen ergeben“ (P06:65). Entsprechend schließen sich dann Bildung, Lernsituationen, Kontakte und Unterstützung an (P14:57, PN01:21, P03:56, P08:20, P21:28, N07:75). An die Beschreibung der Zielstellungen anschließend, wird nun die Nutzer_innenstruktur der Familienzentren näher erläutert. 167 4.1.3 Nutzer_innen der Familienzentren Wie bereits in dem Abschnitt zur Zielstellung der Familienzentren beschrieben, sollen nicht dezidiert Familien mit einem bestimmten Problemfokus angesprochen werden, sondern Familien allgemein. „Dieses Thema ist nicht für Leute mit Defiziterleben oder so gedacht, sondern eben [für, S. H.-B.] die, die einfach so noch eine Bereicherung haben wollen. Also, für alle“ (J03:26f) – zumal aus Sicht eines_r Praktikers_in familienbezogene Frage- oder Problemstellungen in jeder Familie im Verlauf der Zeit auftauchen können (P21:60). „Das ist auch bei Leuten, die eigentlich einen ganz guten Umgang haben mit ihren Kindern, aber trotzdem sind sie überfordert und allein“ (P20:129). Entsprechend wurden in den qualitativen Interviews alle Akteure befragt, wie sie die Nutzer_innen der Familienzentren beschreiben würden. Die Befragten zogen für die Beantwortung Aussagen, die auf die Familienstruktur hinweisen, Aussagen hinsichtlich einer bei den Eltern vorhandenen Bildungsstruktur oder aber einen möglichen Migrationshintergrund heran. Dementsprechend werden im Folgenden die Aussagen der Befragten zu den Nutzer_innen der Familienzentren systematisiert entlang der drei hauptsächlich genannten Kategorien Familienstruktur, Bildungsstruktur und Herkunftsstruktur. 4.1.3.1 Differenzierung nach Familienstrukturen Hinsichtlich der Fragestellung, wer die Familienzentren nutzt, werden eindeutig Familien benannt. Die Familienzentren Menschenskinder, Mehringdamm und Waldemarstraße werden insbesondere von Müttern mit kleineren Kindern genutzt (B36:11, N14:14, P22:153, P21:34, PN03:104f, B29:17, P14:145). „Die Hauptzielgruppe sind sicher Kinder und Eltern, wobei das Alter der Kinder noch auf bis drei Jahre eingeschränkt werden kann, da anschließend die Kinder zumeist in die Kita gehen“ (P03:57) und dann die Vormittagsangebote für diese nicht mehr zentral sind. Im Familienzentrum HAUS sind zudem, auch entstehungsgeschichtlich bedingt, Familien mit Kindern über drei Jahren anzutreffen, die Kurse besuchen (P18:44ff, P02:44). Das Familienzentrum Mehringdamm nutzen viele Familien mit älteren Kindern bis zum Schuleintritt [B01:25, N_01:11f). In den Familienzentren HAUS und Waldemarstraße werden auch Hausaufgabenhilfe und Computerkurse angeboten, um darüber Eltern zu erreichen (PN03:85ff). Des Weiteren wird nicht nur der enge Familienkreis als Nutzer_innen beschrieben, sondern auch die Personen, „die sich für die Erziehung von Kindern verantwortlich fühlen“ (J03:22). Dies bezieht bspw. auch Großeltern und pädagogische Fachkräfte mit ein (ebd., N13:34, P22:174, PN04:53, N10:24, P08:18, N06:90, P11:16, P14:57). Als eine weitere Zielgruppe werden in den vier Familienzentren Einelternfamilien beschrieben (P22:143, P02:27, P20:93, B07:13, P03:94), „besonders auch alleinerziehende Mütter“ (P22:154). Insbesondere in den Gesprächen und der Angebotsnutzung wird deutlich: „Jede alleinerziehende Mutter braucht Entlastung“ (P20:23). Solch Entlastungen scheinen durch Familienzentren gegeben zu sein. 168 Darüber hinaus ergeben sich vielfältige Familienstrukturen. „Da ist das klassische ‚Vater-Mutter-Kind‘ fast eine Minderheit […]. Familien mit biologischen und sozialen Vätern“ (P02:52) werden bspw. relevant und so auch Väter als eine Zielgruppe beschrieben. Eine Zeit lang wurden diese durch gezielte Angebote angesprochen. Mittlerweile werden aber Väter so wie auch die Mütter als Familie inkludiert angesprochen. Dies geht auch mit den jeweiligen individuellen Zuständigkeiten in der Familienaufteilung einher (P22:174ff). „Teilweise sind es ausschließlich Väter, die mit den Kindern kommen […], die dann die Erziehungszeit genommen haben, oder wo beide arbeiten und sie sich das austauschen“ (P19:109). Als eine weitere Nutzer_innengruppe werden junge Familien, die keine Verwandte und Freunde in der unmittelbaren räumlichen Umgebung haben, beschrieben. Viele junge Familien sind aufgrund der Arbeit oder des Studiums in die Stadt gezogen, kennen nur wenige Personen, und die Verwandten wohnen weiter entfernt. Insbesondere für diese ist es wichtig, einen Ort zu haben, wo sie andere Familien kennenlernen können (B36:10, B36:22, N14:90ff, P20:102). „Es gibt ja auch manche, die ganz allein sind und sich auch nicht trauen, so aus sich herauszukommen“ (P11:53). Dieser Zuzug ist teilweise auch bedingt durch den Wegzug älterer Bewohner_innen aufgrund von Sanierungen, wie im Stadtteil des Familienzentrums HAUS (P02:73ff). Darüber hinaus sind insbesondere die Innenstadtbezirke für Zuzüge beliebt. „Gerade die Berliner, die nach Kreuzberg gekommen sind, die sind von überall her aus Deutschland gekommen. Die haben halt keine Großeltern, keine Familie in der Nähe und sind dann doch schon isolierter, wenn dann die ersten Kinder kommen. Wenn sie vielleicht auch die ersten im Freundeskreis sind, da sind ganz andere Strukturen da“ (P14:40). 4.1.3.2 Differenzierung nach Bildungsstrukturen Neben der allgemeinen Aussage, dass Familien die Familienzentren nutzen, beziehen sich die Befragten bei der Beschreibung der Nutzer_innen auf deren Bildungsstruktur. „Von der Bildungsstruktur würde ich sagen, ist es auch total unterschiedlich“ (J02:64). Eine Nutzerin des Familienzentrums Mehringdamm beschreibt ihre Wahrnehmung folgendermaßen: „Und das Schöne ist, das es so gemischt ist. Ich glaube, hier sind alle Schichten vertreten“ (N01:102). Aufgrund dieser wahrnehmbaren Durchmischung von „Akademikern“ (P19:111) und „Harzt IV“-Empfängern (N02:30) ergibt sich eine nicht künstlich gewachsene, sondern dem Stadtteil entsprechende Nutzer_innenstruktur (N02:30, P09:45, P19:107, P21:22). Auch die Befragten des Familienzentrums Waldemarstraße beschreiben eine bildungsstrukturelle Mischung hinsichtlich der Nutzer_innen (P13:71, P14:140). Die Befragten des Familienzentrum HAUS erläutern ihre Angaben zur „durchmischt[en, S. H.-B.]“ (P16:85) Nutzer_innenstruktur mit den verschiedenen Angeboten. „Der Bewegungskurs ist sehr durchmischt. Beim Tanzen und Kinderballett würde ich sagen, ist es eher Mittelschicht“ (P16:89). Für das Familienzentrum Menschenskinder wird ebenfalls eine Mischung beschrieben (PN04:55, P22:140). Wobei dies in einer weiteren Überlegung hinterfragt wird, 169 weil „wenn es zu viel wird, dann kippt es dann vielleicht auch wieder um, das ist dann auch nicht gut. [...] Also, weil man will ja nicht selber sozusagen ein Niveau runterrutschen und sich dann mit Schadensbegrenzung befassen, sondern wir wollen ja schon für die Mehrheit da sein. Also, wir sind ja kein Zentrum für Leute, die mit ihren Kindern nicht klarkommen, sondern für alle. Aber ich finde es halt schön, wenn wir die Möglichkeit haben, ein paar Leute aufzufangen, die dann eben sehen ‚Och Mensch, die anderen gehen ja anders mit ihren Kindern um oder so. Also kann ich mir was abgucken‘ “ (P22:145). Neben diesen Aussagen zur bildungsstrukturellen Mischung der Nutzer_innen wird zudem beschrieben, dass alle Familienzentren von sogenannten bildungsorientierten Mittelschichtfamilien genutzt werden (J02:64). Teilweise wird dies im Zusammenhang mit Veränderungen des Stadtteils dargestellt, wie der Entstehung von Wohneigentum (P20:24f), was insbesondere „Leute mit Geld, Leute mit hohem Bildungsbewusstsein“ (J03:43) in den Stadtteil zieht. Zugleich nehmen diese Familien durchaus längere Wege auf sich und kommen aus benachbarten Stadtteilen in das Familienzentrum (P20:28, P22:143). „Größtenteils Familien, die, ich sag es jetzt mal mit einem Fachausdruck, die durchaus Ressourcen und auch Wahlmöglichkeiten haben. Die, die so herkommen, das sind Leute, die sind informiert, das sind die Leute, die Bescheid wissen, was hier läuft. Das sind Leute, die auch meistens andere Einrichtungen aus dem Umfeld schon kennen. Also, die hier auch schon rumgelaufen sind, um zu gucken, was es hier noch so gibt“ (P15:39). In allen untersuchten Familienzentren nutzen diese „bildungsorientierten“ (P08:27) Familien insbesondere gezielt Bildungsangebote zumeist mit einem programmatischen Schwerpunkt (P13:73, P14:145). Damit verbunden wird eine Tendenz angedeutet, dass die benannten Familien „zu anspruchsvoll sind, was die Entwicklung ihrer Kinder anbelangt. […] Die überbilden die Kinder zu sehr. Die wollen die Kinder nicht Kind sein lassen und damit sich selber auch unter Druck setzen“ (J03:24). Dies wird insbesondere in den Friedrichshainer Familienzentren beschrieben (J02:66, P02:74, P18:63). Im Kontrast zu dieser Bildungsorientierung werden mit dem Fokus auf die Bildungsstruktur Familien, die über wenige finanzielle Mittel verfügen, beschrieben, allerdings in unterschiedlicher Intensität. 2008 wurde im Stadtteil des Familienzentrums HAUS eine Recherche über dort lebende Familien durchgeführt und weitere zur Verfügung stehende Daten ausgewertet. „Es gibt nach wie vor sozial schwache Familien, oft mit vielen Kindern, oftmals mit Migrationshintergrund, die hier im Kiez leben, hier hergezogen sind, sich hier aufhalten. Von Hartz IV betroffen, oft auch schon in der zweiten Generation“ (P02:74). Dies wird ebenso ersichtlich aus der Anzahl der Kinder, die in den Schulen Zuschüsse für Lehrmittel erhalten (B21:7). Zudem wird durch Aussagen der Befragten deutlich, dass teilweise auch in der Öffentlichkeit das Bild vorherrscht, das HAUS sei „nur etwas für sozial Schwache“ (P02:64). Trotz dieses öffentlichen Bildes werden wie bereits dargestellt verschiedene Akteure erreicht (P16:85). 170 Eine Mutter im Familienzentrum Menschenskinder beschreibt, dass sie bei ihrem ersten Besuch im Familienzentrum annahm, dass dieses eher von „sozial Benachteiligten“ (N14:98) genutzt wird. Dies wird auch von den Mitarbeiterinnen des Familienzentrums als Zielstellung, aber mit Entwicklungspotenzial beschrieben (P22:152). „Und hier sind ja auch viele Leute, wie sagt man das, [die, S. H.-B.] ärmer und bildungsferner sind, und die kommen schon auch hier an, aber nicht so, wie wir uns das wünschen würden“ (P22:143). Die Familienzentren Mehringdamm und Waldemarstraße beschreiben dies ebenfalls als Zielstellung (P01:73f, P08:27). Für das Familienzentrum Waldemarstraße wird von einer Mutter beschrieben, „es gibt in der Umgebung Leute, die richtig asozial sind“ (N05:49). Demnach werden in allen Familienzentren sowohl bildungsorientierte als bildungsferne Familien erreicht. Trotzdem wird von allen genannt, dass nicht alle Familien erreicht werden, die sie als Familienzentrum erreichen möchten (P02:44, P07:31, P22:143). Dies ist darauf zurückzuführen, dass „ein Familienzentrum nicht das Konzept [ist, S. H.-B.], was alle erreicht“ (P01:72). 4.1.3.3 Differenzierung nach ethnischen Herkunftsstrukturen Bezüglich der Frage nach den Nutzer_innen werden neben den bereits benannten Aspekten auch Aussagen zur ethnischen Herkunftsstruktur der Familien vorgenommen. Insbesondere Familien mit einem sogenannten Migrationshintergrund werden als Zielgruppe der Familienzentren beschrieben, da möglicherweise andere Zugänge erforderlich sind, um diese zu erreichen (J01:52). Für die Familienzentren Mehringdamm und Waldemarstraße wird mehrfach benannt, „dass es viel von Ausländern angenommen wird oder von Menschen mit Migrationshintergrund“ (N09:30). Dies sei wichtig, da die Kinder von dieser Nutzer_innengruppe oftmals zu Hause betreut werden, keine Kita besuchen und daher solcher Unterstützungsangebote bedürfen. Die Differenzierung der Nutzer_innen nach ethnischen Herkunftsstrukturen wird insbesondere durch die verschiedenen gesprochenen Sprachen verdeutlicht (PN02:99). Neben den zahlreichen lockeren Gesprächen im Familiencafé treffen sich auch selbst organisierte Gruppen (P20:142, P21:58) und insbesondere viele Familien mit türkischen Herkunftsstrukturen in diesen zwei Familienzentren (P21:51ff, P19:112, P08:29). Ein zentrales Angebot nehmen hierbei die Mütterkurse der Volkshochschule zum Erlernen der deutschen Sprache ein. Des Weiteren nutzen Familien mit Migrationshintergrund insbesondere die verschiedenen muttersprachlichen Beratungsangebote, um sich eine bedarfsentsprechende Unterstützung zu holen (PN03:84, N05:49, P07:33). Daneben werden auch offene Eltern-Kind-Angebote sowie sprachlich ausgerichtete Bildungsangebote für Kinder wie ‚griffbereit‘ genutzt (N05:42ff, P14:145). Europäische Frauen dagegen nutzen eher Bildungsangebote wie PEKiP (B29:17). Die Aussagen über die ethnische Zugehörigkeit der Familien lassen keinen Rückschluss auf die Bildungsstruktur zu. Vielmehr werden hinsichtlich der ethnischen Zugehörigkeit ebenso bildungsorientierte und weniger bildungsorientierte Nutzer_innen benannt (P04:50ff, P13:73). 171 Für das Familienzentrum HAUS werden ebenfalls Familien mit Migrationshintergrund als Nutzer_innen beschrieben, „aber gar nicht vergleichbar mit Kreuzberg“ (P02:53). Dies scheint auch für das Familienzentrum Menschenskinder zuzutreffen (B37:8). In der folgenden Abbildung werden die zentralen Aussagen hinsichtlich der Nutzer_innen zusammenfassend dargestellt. Abb. 18: Nutzer_innen der Familienzentren An die Beschreibung der Nutzer_innen anschließend, werden nun die handelnden Akteure betrachtet. 4.1.4 Handelnde Akteure in den Familienzentren Die handelnden Akteure nehmen in den Familienzentren einen zentralen Stellenwert ein, da diese grundsätzlich sowohl die Räumlichkeiten und Rahmenbedingungen als auch die Interaktion mit den Familien gestalten. Die handelnden Akteure umfassen in der zugrunde liegenden Untersuchung nicht nur die festangestellten Mitarbeiter_innen der Familienzentren, sondern auch Honorarkräfte, Praktikant_innen und MAE-Kräfte, da diese maßgeblich den Familienzentrumsalltag mitgestalten. An dieser Stelle wird auf die zugrunde liegende Qualifikation der benannten Akteure nicht näher eingegangen, da vielmehr die konkrete Gestaltung der Räumlichkeiten, Rahmenbedingungen und Interaktionen fokussiert werden. Gegenständlich wird dabei auf die Haltung der handelnden Akteure, die zugrunde liegenden fachspezifischen Kenntnisse und Fähigkeiten sowie den rahmengebenden Kontext der Teamarbeit eingegangen. 172 4.1.4.1 Haltung Ein wesentlich zugrunde liegender und auch das methodische Handeln bedingender Aspekt ist die Haltung der professionellen Akteure in den Familienzentren. Diese Haltung wird im Folgenden mit dem Fokus auf Authetizität, das pädagogische Verständnis, Offenheit und Stärkenblick dargestellt. Authentizität Aus Sicht der befragten Akteure stellt Authentizität eine wichtige Grundlage für das Arbeiten in den Familienzentren dar. Authentizität der handelnden Akteure ist einerseits gegenüber den Nutzer_innen wichtig. „Also, dass sie wirklich von Anfang an eine ganz natürliche offene Art hat“ (P15:63). Grundlegend ist, dass dieses Auftreten aus der Person herauskommt und nicht aufgesetzt ist (N08:79, P18:32). „Und das hat auch nicht jeder gleich. Also, auch wenn alle freundlich sind, hat nicht jeder diese Fähigkeit, das einfach so auszustrahlen und zu vermitteln“ (P15:65). Aus Sicht der befragten Akteure wird solch ein authentisches Auftreten auch durch den Spaß an der Arbeit unterstützt (B06:13, PN_02:32, P16:29, N11:60). „Die machen einfach eine tolle Arbeit, das sieht man. Und sie sind mit vollem Herzen, mit vollem Engagement dabei, legen sich voll ins Zeug“ (P19:32). Beachtenswert ist dabei, dass Spaß an der Arbeit und Motivation nicht grundsätzlich gegeben sind, sondern kontinuierlich gepflegt werden müssen und somit die Gestaltung dies unterstützender Rahmenbedingungen erfordert (P01:40). „Liebe für die Tätigkeit, den Menschenumgang, Umgang mit Kindern und Eigenverantwortlichkeit, Spaß, mit Leuten in Kontakt zu treten“ (P18:147) sind dabei hilfreich. Eine damit verbundene kontinuierliche Reflexion der jeweiligen Haltung und tagesspezifischen Stimmung sowie die Entwicklung eines passenden Umgangs damit sind ebenfalls für die Authentizität bezeichnend. Dies meint nicht, dass die Akteure in den Familienzentren alle Menschen mögen müssen. Vielmehr bedarf es eines professionellen Umgangs damit. So überlegt sich eine Mitarbeiterin in einer ihr unangenehmen Situation drei Eigenschaften, die ihr ehrlich an der anderen Person gefallen. Dadurch betrachtet sie diese Person aus einem anderen Blickwinkel und ermöglicht sich eine ehrliche, authentische Haltung (B27:6). „Die Menschen merken das auch, wenn das aufgesetzt ist. Wenn ich mir vielleicht auch Mühe gebe, offen rüber zu kommen, aber eigentlich innerlich das gar nicht will. […] Die spüren das, ob man das ernst meint“ (P14:129ff). Somit ist auch Nervosität der professionellen Akteure im Rahmen von ersten Projektumsetzungen zulässig (N_11:62). Des Weiteren umfasst Authentizität, die Balance zu halten zwischen der eigenen professionellen Meinung und einer Offenheit gegenüber der Perspektive der Nutzer_innen. „Da darf man seine eigenen Wünsche, Vorstellungen gar nicht so viel preisgeben, weil sonst denken sie ‚Oh, da kommt sie wieder und sagt ich soll das so machen, ich mach alles falsch‘ […] Das ist auch wichtig, dass sie merken, trotzdem gehen wir mit“ (P12:114f). 173 Auch der Umgang der professionellen Akteure untereinander ist von Authentizität gekennzeichnet. Dies umfasst einerseits, sich gegenseitig zu bestärken und wertschätzend zu begegnen (P22:10f). Andererseits aber auch ehrliche Rückmeldungen zu geben. „Wir haben ein gutes freundschaftliches Verhältnis und sehr offen. Ich sage ihnen schon manchmal die Meinung“ (P04:89). Pädagogisches Verständnis In zwei Familienzentren wird beschrieben, dass es für die Mitarbeiter_innen wichtig ist, eine einheitliche pädagogische Linie im Team zu vertreten. Durch die Entwicklung des bezirklichen Qualitätshandbuches und den daraus entstehenden fachlichen Gespräche wird dies angeregt (J03:41, P15:74). Gleichzeitig bedarf es in diesem Kontext auch konkreter Aufgabenbeschreibungen und der Klärung von Kompetenz- und Entscheidungsbefugnissen innerhalb eines Trägers, um solch ein einheitliches pädagogisches Verständnis zu gestalten, benennt eine Mitarbeiterin des Familienzentrums Menschenskinder (P22:184). Im Familienzentrum HAUS wurde der Bedarf eines einheitlichen pädagogischen Verständnisses auf der operativen Ebene deutlich. Einer Mitarbeiterin war „aufgefallen, dass ein paar unserer Kollegen, egal ob pädagogische Ausbildung oder nicht, einen für mich nicht professionellen Ton am Leib hatten“ (P16:50f). Daher wurde eine gemeinsame Schulung durchgeführt, um „einfach miteinander auf einer Wellenlänge“ (P12:26) zu handeln. Dies ist auch dann wichtig, wenn den beteiligten Akteuren unterschiedliche Qualifikationsvoraussetzungen zugrunde liegen (B_20:21). „Es gibt unterschiedliche Auffassungen von Pädagogik hier im Team […], dass man sich vorher darüber abspricht, wie man mit den Kindern umgehen möchte, dass es eine einheitliche pädagogische Linie gibt“ (P11:42). Diese pädagogischen Auffassungen können von den jeweiligen individuellen Erfahrungshintergründen bedingt sein. Eine Praktikantin berichtet dazu: „Ich geh anders auf die Kinder zu. Ich berühre sie halt auch und nehme sie auf den Schoß und das soll ich halt nicht machen, weil die Eltern das anders verstehen können, wenn du deren Kinder in den Arm nimmst […]Für mich ist das selbstverständlich, weil in meiner Familie, ich habe auch kleinere Geschwister und bei denen mache ich das auch“ (P11:45). Auf dieses Verhalten hin wurde sie angesprochen und ein entsprechender Verhaltensrahmen festgelegt. Hinsichtlich einer einheitlichen pädagogischen Linie im Team eines Familienzentrums ist zudem eine prinzipielle Identifikation mit der jeweiligen konzeptionellen Grundlage verbunden. „Es ist schon so, dass die Mitarbeiterinnen das Konzept sehr befürworten, dahinter stehen, Spaß daran haben. Und das ist schon ein Teil des Geheimnisses der Arbeit, warum man so viel schafft, weil die Motivation sehr hoch ist“ (P01:38). Zugleich kann an dieser Stelle keine grundsätzlich ‚richtige‘ pädagogische Linie beschrieben werden, sondern vielmehr die in diesem Kapitel beschriebene grundsätzliche Haltung als jeweiliger Part verschiedener pädagogischer Kon- 174 zepte sowie die Anerkennung dieser (P11:47ff, P16:108, B36:33). Zugleich ist ein Wissen um die Vielfalt pädagogischer Konzepte hilfreich (B37:6). „Vielseitig muss man sein. Dass man sich nicht festfährt auf einen Bereich“ (P18:150). Offenheit Ein weiterer, der Haltung zuzurechnender Aspekt ist die Notwendigkeit, ein offenes Bild von Familien zu haben, „was auch den Gegebenheiten und heutigen Bedingungen entspricht“ (P02:50). Dies bezieht sich einerseits auf eine Offenheit gegenüber den vielfältigen Erscheinungsformen von Familie (P16:105). „Ich denke dass man sehr, sehr offen sein sollte für die Familien, die da kommen. […], dass man auch seine eigenen Vorstellungen, wie eine Familie gut funktioniert, also von guter Erziehung, von ‚Was wäre wichtig für die?‘, ‚Wenn sie nur dies und jenes tun würden, dann wäre ja alles gut‘. Dass man sich davon löst“ (P15:53). Andererseits geht diese Haltung mit der Wahrnehmung der eigenen professionellen Rolle einher. „Dass man sich selber als Experte rausnimmt, dass man wertfrei ist. Dass man eine eigene Vorstellung, Wertvorstellung zum Thema Erziehung und von mir da ein bisschen zurücknimmt, dass man sehr offen ist für die verschiedenen Formen und Arten von Familie“ (P15:56) ist. Dieses vorurteilsfreie Herangehen bezieht sich ebenfalls auf die Wahrnehmung kultureller Differenzen, was insbesondere in den Familienzentren Mehringdamm und Waldemarstraße einen wichtigen Aspekt darstellt (P11:79). „Also, diese positive Einstellung von den Mitarbeitern über die Familien halt. Das ist sehr wichtig. Keine Vorurteile und die Familien, die herkommen so annehmen, wie sie sind“ (P21:90). Gleichzeitig bedingt dies eine „relativ hohe Toleranzschwelle zu haben, weil, wie gesagt, hier kommen die unterschiedlichsten Leute her […], einige sind nett, einige sind weniger nett. Einige sind sehr fordernd, einige wollen sich nicht an Regeln halten“ (P14:127). So ist neben dem offenen Bild von Familie eine Haltung hinsichtlich einer wohlwollenden Anerkennung erforderlich (PN02:84). „Ich finde, der Respekt vor dem Kind ist ganz wichtig, dass man es überhaupt mit seinen Problemen ernst nimmt“ (P11:49). Eine offene Zugangsweise gegenüber den Familien und deren Themen ist daher ebenfalls grundlegend (B34:22, B37:8, P14:129ff). Zugleich erfordert dies eine hohe Professionalität der Mitarbeiter_innen in den Familienzentren. So berichtet eine Mitarbeiterin über eine Mutter, „die eigentlich immer unzufrieden [ist, S. H.- B.], schon vom Ton her immer so Gemecker […] Und da immer so ruhig zu bleiben und da nett drauf zugehen, immer wohlwollend. Das ist nicht so einfach“ (P20:48). Insbesondere solche Situationen erfordern einen auf Wohlwollen den Familien gegenüber begründeten Perspektivwechsel. „Zu verstehen z. B., dass eine Mutter mit dem Kind nicht so richtig umgehen kann oder sie sich überfordert fühlt. Also, das zu sehen und so eine kleine Hilfe zu geben und Möglichkeiten zu schaffen für sie“ (P21:94). 175 Stärkenblick Neben Authentizität und einem zugrunde liegenden pädagogischen Verständnis und Offenheit ist der sogenannte Blick auf die Stärken ein weiterer zentraler der Haltung zuschreibbarer Aspekt. Dies bezieht sich sowohl auf die Interaktion der Kolleg_innen untereinander im Team als auch bezüglich der Nutzer_innen. Insbesondere im offenen Bereich ergeben sich häufig Gesprächsanlässe (B06:9, N05:27). „Auf einmal haben wir miteinander geredet. Sie hat dann auch mit deiner Tochter ein bisschen gespielt“ (N01.107), beschreibt eine Mutter die Situation mit einer Mitarbeitenden im offenen Bereich. „Einen Blick halt auf das Kind zu haben und auf die Mutter und sagen: ‚Guck mal, was Dein Kind gerade gemacht hat, wie schön das ist‘ […] die Eltern ein bisschen dahin zu lenken, auch mal aufzustehen, zu gucken, zu schauen, das vielleicht anders zu sehen. Manche Eltern wissen ja nicht, dass ein dreijähriges Kind nicht perfekt malen kann und haben halt die Gewohnheit, ‚Ja, mach doch noch eins und versuch das mal so zu machen.‘ Und ihnen da näher zu bringen, so wie es ist, ist es wunderschön in den Augen des Kindes“ (P08:37). Solche Gesprächsanlässe werden genutzt, um im Gespräch die jeweiligen Stärken und Fähigkeiten hervorzuheben. Der Stärkenblick beinhaltet, zudem die Potenziale von Eigenengagement in den Nutzer_innen zu sehen und diese zu bestärken. Dies bezieht sich auch auf das Einbringen von kleinen finanziellen Beträgen (N05:37, P04:76). „Das ist hier sehr toll, hier gibt es eine Spardose für Kaffee und dann schmeißt jeder 30 Cent oder so rein. Ich meine, auch wenn ich nicht Kaffee trinke, und ich trinke nicht immer Kaffee, aber ich schmeiße trotzdem immer was rein. Weil das ist ganz toll und das soll nicht aufhören. Es geht jetzt nicht um das Kaffeegeld, sondern es soll nicht aufhören und das ist toll“ (N05:38). Aus Sicht vieler Befragten ist es wichtig, die Familien mit einzubeziehen, „mal den Besen in die Hand bekommen“ oder „mal ein Fest machen, wo alle was mitbringen“ (P03.74). Somit wird auch an die jeweiligen Stärken appelliert. 4.1.4.2 Kenntnisse und Fähigkeiten Im Abschnitt ‚Kenntnisse und Fähigkeiten‘ werden die in der empirischen Untersuchung deutlich werdenden Aspekte beschrieben, die sich entweder Kenntnissen im Sinne eines vorhandenen Wissens oder Fähigkeiten im Sinne einer Handlungskompetenz zuordnen lassen. Neben der Haltung der Akteure im Familienzentrum stellen diese Kenntnisse und Fähigkeiten eine wichtige Bezug nehmende Grundlage für das professionelle Handeln der Mitarbeiter_innen dar. Zudem sei darauf hingewiesen, dass die nun folgenden Aspekte nicht allen Mitarbeiter_innen gleichermaßen zugrunde liegen, sondern in der teambezogenen Vielfalt und dem kooperierenden Arbeiten deutlich werden. 176 Kindesentwicklungskenntnisse Über Kenntnisse zur Entwicklung von Kindern zu verfügen, ist grundlegend für die pädagogische Arbeit in Familienzentren. Idealerweise vereinen sich vielfältige pädagogische Hintergründe und Ausbildungen, um in verschiedenen Bereichen Ansprechpartner_innen vorzuhalten. „Diese Beratungssachen, da ist es vielleicht auch wichtig, einen psychologischen Hintergrund zu haben oder auch Elternberatung, dass man da Ahnung hat von bestimmten Bereichen, sei es Scheidungssachen […]. Fände es aber genauso wichtig, vielleicht auch eine ehemalige Erzieherin, die auch ein Stück weit aus den Kitas irgendwie da Fragen beantworten kann, vermitteln kann“ (J02:104). Insbesondere im offenen Bereich werden situativ vielfältige Fragen zu verschiedenen Themen gegenüber den Mitarbeiter_innen angebracht. Diese reichen über Fragen, die Ehe und Erziehung betreffen, bis hin zu Fragen zum Umgang mit Nahrungsmitteln in der Stillzeit (B36:23f). „Das würde ich aber voraussetzen, dass die Leute, die in einem Familienzentrum tätig sind, auch Ahnung von solchen Themen haben“ (N13:42). Neben dem offenen Bereich bieten insbesondere die Eltern-Kind-Gruppen einen Rahmen, in dem die Familien ihre Fragen anbringen können. Daher ist es hilfreich, wenn die Gruppenleiter_innen über entsprechende Kenntnisse verfügen. „Dies ist besonders wichtig in den Gruppen, weil die Eltern da immer fragen“ (P09:72). Neben den gezielten Fragen der Familien zur Kindesentwicklung bieten sich beobachtbare Interaktionen der Kinder für die Mitarbeiter_innen als Gesprächsanknüpfungspunkt mit den Eltern an. Im Familienzentrum Mehringdamm erfolgte diese Situation: Ein Junge, ca. 18 Monate alt, möchte im offenen Familiencafébereich am Kreativtisch malen. Er setzt sich an den Tisch, nimmt einen Stift und beginnt, auf dem Papier vereinzelte Striche zu malen. Der Vater nimmt ebenfalls einen Stift, malt Kreise und fordert den Jungen auf, dies nachzuahmen. Die Mitarbeiterin am Kreativtisch lobt den Jungen für sein Bild und erklärt dem Vater, dass Kinder in diesem Alter immer beginnen, Striche zu malen, da sie die verschiedenen Materialien und Funktionen erst kennenlernen müssen. Später entwickeln sich dann aus den Strichen weitere Formen (B15:18). Somit nutzt die Mitarbeiterin diese Interaktionssequenz, um dem Vater entwicklungsspezifische Hinweise zu geben (P21:10). Familienrelevante Kenntnisse Neben den Kenntnissen zur Kindesentwicklung ist es zudem hilfreich, ein Wissen über familienrelevante Themen zu haben. Da die an dieser Stelle als familienrelevant bezeichneten Themen sehr vielfältig entsprechend der jeweiligen Familienbedarfe sein können, wird im Folgenden eine Auswahl der in dieser empirischen Untersuchung angesprochenen Bereiche dargestellt. Ein wiederholt thematisierter Bereich ist die Funktionsweise des Schulsystems (P07:11). Dies beinhaltet Fragen sowohl zum strukturellen Aufbau als auch zu den rechtlichen Grundlagen und Ansprechpartner_innen. Eltern sind neugierig, zu erfahren, welche Schule ihr Kind 177 besuchen wird, wie sie sich dafür anmelden und welche verschiedenen Schulkonzepte es darüber hinaus gibt. Oftmals in länger bestehenden festen Gruppen werden Fragen hinsichtlich der Arbeitsweise verschiedener Institutionen wie bspw. dem Jugendamt oder stationären Jugendeinrichtungen angebracht. Um darüber mehr zu erfahren, werden auch gemeinsame Ausflüge unternommen. „Oder wir sind mit denen zusammen ins Kinderheim gegangen. Dass die dann wissen wollte, wie Jugendamt funktioniert und warum werden Kinder weggenommen“ (P07:13). Zudem bietet es sich bei einigen Fragestellungen auch an, fachspezifische Expert_innen dazu einzuladen (P07:15). So können bspw. Kinderärzt_innen des Kinder- und Jugendgesundheitsdienstes einen weiterführenden Einblick zur Kindergesundheit geben. Neben dem jeweiligen Wissen um familienrelevante Themen ist zudem das Wissen um und den konkreten Einbezug weiterer Expert_innen unterstützend. Ein weiterer familienrelevanter Bereich ist die Unterstützungsfunktion der Mitarbeiter_innen beim Ausfüllen von Anträgen oder auch rechtlichen Fragestellungen, welche Leistungen die Familien noch beziehen könnten. „Ich sehe manchmal Frauen, die zur Kleiderkammer kommen, schwanger sind. Dann sage ich: ‚Wissen Sie, Sie haben auch Anspruch, einen Antrag zu stellen zur Unterstützung auf Erstausstattung, Schwangerschaftskleider.‘ ‚Ja, gibt es?‘ Ja, gibt es: Möbel, Kinderbett, Kinderwagen. Da gibt es einen bestimmten Betrag, den das Jobcenter zahlt. Es gibt Stiftungen“ (P13:60). In den Angeboten zur Sprachförderung oder den Kursen zum Erlernen der deutschen Sprache werden darüber hinaus auch Fragen zur Geschichte der Stadt Berlin, den Sehenswürdigkeiten, den vielfältigen Angeboten oder auch zu den verschiedenen Religionen angebracht und je nach Kontext entsprechend aufgegriffen (P07:11). Für alle Fragebereiche, die möglicherweise angebracht werden können, ist entweder ein entsprechendes Wissen darüber oder zumindest die Kenntnis erforderlich, wer in solch einer Situation weiterhelfen kann. „Wir müssen nicht auf alles eine Antwort haben […] man muss kein Ratgeber sein, aber man kann Vorschläge machen, man kann Flyer verteilen, wenn wir irgendwas haben, wo sie hingehen können, andere Kurse“ (P22:86). Daher ist ein Wissen über Anlaufstellen und die Aufgaben anderer Akteure im Stadtteil notwendig sowie diese Wissensweitergabe an die Familien (P01:26, P21:110P09:68). Kultursensibilität und Sprache Unter dem Fokus der Kenntnisse und Fähigkeiten ist es aus Sicht eines befragten Akteurs wichtig, Kultursensibilität zu besitzen. „Ich denke, so eine bestimmte kulturelle Sensibilität braucht man […] Wenn man ein Frühstück macht am Ende vom Kurs und man bringt was zu essen mit und Fleisch, dass man nachvollziehbar macht, woher kommt das Fleisch, wo habe ich das gekauft“ (P05:125). Diese beschriebene Kultursensibilität ist eng verbunden mit der bereits dargestellten 178 zugrunde liegenden Haltung der Offenheit und des anerkennenden Wohlwollens. Zudem impliziert dies ein aufmerksames und neugieriges Nachfragen, insbesondere wenn Situationen oder Aussagen nicht eindeutig erscheinen (B36:23f). „Aber dass man trotzdem einen Blick behält, dass es für die [Frauen, S. H.-B.] schwieriger ist, als es für mich wäre, wenn meine Schwiegermutter zu Besuch wäre. Für die ist es ja ganz normal, dass ich nicht den ganzen Tag zu Hause bin“ (P05:127). Somit ist auch die Berücksichtigung des kulturellen Kontextes erforderlich. Eng damit verbunden wird von den Kreuzberger Familienzentren Mehringdamm und Waldemarstraße zudem beschrieben, dass es unterstützend ist, im Team über weitere Sprachkenntnisse zu verfügen. „Die Sprache auf jeden Fall. Gerade, da hier türkisch sprachige Mütter dominanter sind, ist es schon wichtig, dass man die türkische Sprache kann“ (P08:39). Diese Sprachkenntnisse sind unterstützend, um die Familien anzusprechen. „Ich spreche sie auf Türkisch an. Die sprechen auch hier, fragen mich so ganz offen, sprechen ihre Sprache“ (P21:42). Dies unterstützt die Zugangsgestaltung und die Kontaktaufnahme (P21:49f). „Also, die Mentalität, z. B. also diese Offenheit von den Frauen, die, die halt zu Hause oder woanders nicht sprechen können, wenn die untereinander sind, machen sie das halt hier. […] Die Mentalität, dass sie zusammensitzen, z. B. einfach nur reden, einfach diese Bedürfnisse zu haben […]. Wenn ich die anderen Elternteile sehe, dieser Umgang ist anders als mit den türkischen“ (P21:54). Somit meint Kultursensibilität auch ein Wissen oder eben neugieriges Nachfragen, um den jeweiligen individuellen Kontext einzubeziehen. Eine Reduzierung allein auf die Sprache der Nutzer_innen kann möglicherweise auch zur Folge haben, dass die Mitarbeiter_innen, welche die jeweilige in dem Familienzentrum bevorzugte Sprache der Nutzer_innen nicht sprechen, auch keinen weiteren Kontakt mit diesen haben. Dies wird bspw. daran deutlich, wenn ein_e Mitarbeiter_in nicht weiß, dass diese Nutzer_innen auch deutsch sprechen. „Ich sehe das auch bei meinen Kolleginnen leider. Bei Müttern, die schon durchgängig zwei Jahre hier sind, wo dann gesagt wird ‚Ach, ich wusste gar nicht, dass sie so gut deutsch kann.‘ Obwohl sie schon seit zwei Jahren die Einrichtung nutzen, wöchentlich, sich treffen“ (P08:42). Somit ist insbesondere unter diesem Fokus eine große Sensibilität erforderlich. Auch im Familienzentrum Waldemarstraße sind verschiedene Sprachkenntnisse wichtig und unterstützend. „Weil es gibt viele türkische Frauen, die hier in Kreuzberg leben, aber nicht so gut Deutsch können. Dann sind sie entweder auf die Kinder oder auf die Ehemänner angewiesen, und das ist schon schön, dass hier auch türkische Mitarbeiter sind, dass man denen auch in der eigenen Sprache erzählen kann“ (N05:49). Dabei wird insbesondere die Situation des Erstkontakts hervorgehoben, die teilweise auch telefonisch erfolgt (B07:5, B11:29, N05:50): „Manche rufen hier an: ‚türkische Frau sprechen ich‘ […] Dann versuche ich, mit denen in Türkisch zu sprechen. Das ist dann optimal […] Sie können dann ihre Sorgen oder auch keine Sorgen gut und besser wiedergeben und wissen, dass ihre Infos richtig verstanden werden. Das ist auch wichtig. Denn wenn man sagt: ‚Kommen Sie 179 nächste Woche um drei Uhr!‘ Dann verstehen viele vielleicht diese Woche um drei. Da gibt es einige, wo man doppelt und dreifach wiederholen muss“ (P13:43f). Daher sind dabei Sprachkenntnisse unterstützend. Kreativität Unter dem Fokus von Wissen und Kenntnissen werden zudem Aspekte genannt, die sich künstlerischen Fähigkeiten zuordnen lassen und an dieser Stelle unter dem Begriff Kreativität gebündelt werden. Dies umfasst die Bereiche Musik mit Singen und Instrumenten sowie Basteln, Gestalten, Herstellen, Malen, aber auch Theater und Computergestaltung (B10:6f, N01:93, N14:12). Wie in der Angebotsstruktur bereits beschrieben, werden diese entweder als expliziter Kurs oder im offenen Bereich angeboten. Entsprechend sind diesbezügliche Fähigkeiten notwendig. So werden auch größere kreative Aktionen, die von Eltern zu Hause nicht unbedingt umsetzbar sind (wie Filzen, Kerzen gießen oder Keramik) angeboten (P22:82). „Dass man auch Angebote schafft, was die Familien zu Hause vielleicht nicht hinkriegen. Da muss die ganze Farbe rausgeholt werden und so. Das kann man natürlich schön vorbereiten, hier hat man Platz, hier können Kinder zusammen malen und wir setzen uns mit dazu“ (P22:84). Gerade solche kreativen Angebote eignen sich, um zum einen mit den Kindern ins Gespräch zu kommen und zum anderen quasi nebenbei oder beim Zeigen der Kunstwerk auch mit den Eltern (B15:7ff). Neben diesen atmosphärischen Gesprächsanknüpfungspunkt lernen die Kinder durch solche Angebote verschiedene Materialien und Techniken kennen (B15:20). An dieser Stelle sei noch einmal darauf hingewiesen, dass nicht jede_r Mitarbeiter_in solche künstlerischen Fähigkeiten in sich vereinen muss. „Ansonsten ergänzen wir uns“ (P09:70) unter den Kolleg_innen entsprechend den Stärken. 4.1.4.3 Arbeit im Team An die Beschreibung der Haltung sowie der Fähigkeiten und Kenntnisse anschlie- ßend, wird im Folgenden die Teamarbeit als ein zentraler die Tätigkeit der handelnden Akteure beschreibender Aspekt thematisiert. Dabei werden eingangs der teamstrukturelle Rahmen, die Kommunikations- und Interaktionsstrukturen im Team sowie die Teamleitung näher beleuchtet. Darauf aufbauend werden dieses Kapitel abschließend die Angebotsrahmung und Angebotsentwicklung dargestellt. Teamstruktureller Rahmen Ein wichtiger teamarbeitsstruktureller Aspekt der Familienzentren sind regelmäßig, zumeist wöchentlich, stattfindende, moderierte Teamsitzungen der pädagogischen Fachkräfte (P01:43, B06:8, B08:28). Je nach Zielstellung der Teamsitzungen nehmen in den Familienzentren die pädagogischen Fachkräfte bis hin zum Hausmeister und MAE-Kräften teil (B08:6). Die Teamsitzungen werden moderiert und strukturiert (B05:18). Dies beinhaltet das Aufstellen einer Tagesordnung und den aktiven Einbezug aller Anwesenden (B05:29, B08:8). Zudem achtet die Modera- 180 tion auf das Einhalten der Struktur und des Zeitplans (B05:30, B08:17). Die Teamsitzungen werden auch dazu genutzt, neue Mitarbeiter_innen und Praktikant_innen vorzustellen (B08:8, P11:73). Die Teamsitzungen unterstützen durch den kontinuierlichen Austausch das Interesse an einer einheitlichen pädagogischen Linie in den Familienzentren. „Damit wir uns auf gemeinsame Standards wieder einigen“ (P01:45). Zudem wird dadurch ein „kontinuierlicher Reflexionsprozess“ (P01:46) der Arbeit ermöglicht. Da die Mitarbeiter_innen oftmals zu unterschiedlichen Zeiten arbeiten, um die gesamte Öffnungszeit abdecken zu können, sind diese nicht täglich vor Ort. Daher ist eine gute Abstimmung im Team notwendig (P01:47, P08:57). Ein weiterer, zentraler Bestandteil der Teamsitzungen ist die sich aus dem regelmäßigen Austausch ergebende konzeptionelle Weiterentwicklung von Angeboten und Strukturen im Familienzentrum (J03:35f, B34:7, P22:174, PN04:80ff). Daneben werden in zwei Familienzentren Teamfortbildungen angeboten und durchgeführt. „Die Qualität der Arbeit kann man auch immer wieder gut dadurch aufrecht erhalten, wenn man immer wieder diese fachliche Reflexion hat“ (P01:41). Somit wird in den Teamfortbildungen zum einen die pädagogische Arbeit fokussiert. „Für mich gehört es auch zu den Rahmenbedingungen, dass man regelmäßig sich und sein Team auch bildet und fortbildet […] gemeinsam eben auch alle an einem Strang“ (P16:12). Zum anderen werden bspw. im Familienzentrum HAUS pädagogische Fortbildungen insbesondere für MAE-Kräfte, die teilweise keine einschlägige pädagogische Ausbildung haben, durchgeführt (P16:50, P11:46). Hinsichtlich langfristiger konzeptioneller Planungen wird im Familienzentrum HAUS in regelmäßigen Abständen eine Zukunftswerkstatt mit allen Mitarbeiter_innen durchgeführt (P16:55ff). Dies ist wichtig, um alle Mitarbeiter_innen in Umstrukturierungsprozesse mit einzubeziehen. Daneben gibt es auch für die Mitarbeiter_innen individuelle Möglichkeiten, sich fortzubilden (GD FZMK). Kommunikations- und Interaktionsstrukturen Neben den verstetigten Kommunikationsformen wie Teamsitzungen und Teamfortbildungen ist ein anlassbezogener Austausch zwischen den professionellen Akteuren in den Familienzentren beobachtbar. Dieser bezieht sich auf alltägliche Interaktionen bspw. im offenen Bereich oder für die Angebotsvorbereitung (P22:8, B18:24, P22:76). Teilweise wird dieser intendiert aufgrund einzelner Nutzer_innen und der Planung weiterer Vorgehensschritte (PN02:11). Oftmals ist ein anlassbezogener Austausch erforderlich, um ein flexibles Agieren der Mitarbeitenden entsprechend den jeweiligen Ressourcen zu ermöglichen. Dabei ist die Informationsweitergabe insbesondere bei nicht planmäßig verlaufenden oder besonderen Situationen erforderlich (B33:5ff, B35:5f, P11:72, B36:13ff). Aber dies beinhaltet auch alltagsstrukturelle Absprachen wie das Klären, wer wann den Einrichtungsschlüssel hat (P22:6f, P18:148, P20:52f, B07:25, B17:8). „Da gehört es einfach dazu, dass man guckt, wie entlastet man sich. Sachen auch offen anzusprechen, wenn man irgendetwas sieht“ (P20:112). Flexibilität bezieht sich ebenfalls auf den Umgang 181 mit Personalengpässen (B20:7, B21:16, P11:67, P13:36, PN01:53). Die jeweiligen Angebotsumsetzungen können ebenfalls eine hohe Flexibilität erfordern, wenn bspw. unangemeldet Familien erscheinen. In solchen Situationen ist einerseits ein klarer Handlungsrahmen der Mitarbeiter_innen wichtig und andererseits situationsangemessenes Agieren (B17:9, P21:45f). „Flexibel, schnell umdenken“ (P18:149), ist das arbeitsleitende Prinzip im Team. Um dies zu gewährleisten, ist eine transparente Kommunikationsstruktur im Team bedingend (P11:65ff). Solche Situationen ermöglichen zugleich einen Perspektivwechsel oder auch eine Rückmeldung zur Arbeit der Mitarbeiter_innen untereinander im Gespräch (P21:94ff, B05:9). Transparente Kommunikationsstrukturen und ein ressourcenorientiertes Agieren gestaltet zugleich eine Atmosphäre des Miteinanders. „Das Miteinander gehört für mich auch zu den Rahmenbedingungen“ (P16:121). Somit bedingt dieses Miteinander im Team gleichzeitig auch die Stimmung und dadurch die Zusammenarbeit (P18:116, B08:24, PN04:113). So können sich auch Kommunikationsformen, wie bspw. ein regelmäßig wöchentlicher Austausch zwischen Kursleiterin und Mitarbeiterin eines Familienzentrums, um gegenseitig auf dem Laufenden zu bleiben, entwickeln (B34:23). Der teambezogene wertschätzende Umgang wird auch an dem Interesse am Wohlergehen der Kolleg_innen deutlich (B21:14, B05:31). Somit sind freundliche, interessierte Worte sowohl bei der Begrüßung als auch im Tagesverlauf untereinander zentral (P22:7, B20:7, B26:7, P11:23). „Und ich fühle mich hier sehr gut aufgehoben“ (P19:31). Teilweise werden auch die Mittagspausen gemeinsam verbracht (B23:5, P16:6, B21:13) oder die Geburtstage als Anlass für eine gemeinsame Mittagspause genutzt (P11:10). Zudem gibt es in einigen Familienzentren auch gemeinsame Unternehmungen. Im Familienzentrum HAUS werden dafür halbjährlich Teamausflüge unternommen (B08:16). Im Familienzentrum Waldemarstraße bietet die Leiterin als ausgebildete Lehrerin einmal wöchentlich Yoga für ihre Kolleg_innen an (B09:5f). Teamleitung Im Kontext der Arbeit im Team kommt neben dem strukturellen Rahmen und den Interaktions- und Kommunikationsstrukturen der Teamleitung eine wichtige Funktion zu. Hinsichtlich der Interaktionsstrukturen ist es für eine unterstützende Teamarbeit förderlich und zugleich eine zentrale Leitungsaufgabe, an den Ressourcen der Mitarbeiter_innen anzusetzen. Entsprechend dieser zugrunde liegenden Ressourcen werden die Aufgaben und Zuständigkeitsbereiche unter diesen verteilt (P15:59, B26:13, P20:17, B08:22). „Du bist eher so die Basteltante, ich bin eher so die Musiktante“ (P22:78). So ergänzen sich die Mitarbeiter_innen im Team hinsichtlich der Aufgabenverteilung gegenseitig (P15:61). Zugleich wird die Mitarbeitendenzufriedenheit bestärkt (B05:40f). „Sie weiß, sie kann das und sie kann das. Sie würde mir niemals eine Aufgabe geben, was ich nicht schaffen würde“ (PN01:23). 182 Dieses ressourcenorientierte Ansetzen wird grundlegend durch die jeweilige Leitung der Familienzentren bedingt (PN01:23, PN03:51). „Ich schätze hier ja sehr den kollegialen Umgang, die kollegiale Unterstützung. Die Leitung hier finde ich flach […] Ich finde sie sehr transparent“ (P20:111). Auch mit dem Blick auf die strukturell eingebetteten Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten werden die Ressourcen der Mitarbeiter_innen fokussiert. Die Leiterin „führt regelmäßige Mitarbeitergespräche, und sie ist da wirklich eine sehr engagierte Chefin, die sich die Persönlichkeiten, die hier arbeiten anschaut und dann auch immer guckt, ob sie noch das Perfekte für denjenigen findet. Das hat sie bei mir echt geschafft“ (P16:31). Zum Team in einem Familienzentrum gehören zumeist auch Praktikant_innen, Honorarkräfte und Beschäftigte aus anderen Förderprogrammen. Auch diese müssen entsprechend angeleitet und ins Team einbezogen werden. So berichtet eine MAE-Mitarbeiterin: „Was ich total toll fand, dass ich im Team aufgenommen worden bin. Also, die sind alle total offen und das war total schön. Ich habe mich total wohlgefühlt von Anfang an“ (PN04:25). Sie führt dies insbesondere darauf zurück, dass sie von den Mitarbeiterinnen im Team entsprechende Rückmeldungen erhalten hat und dadurch aus ihrer Einschätzung heraus auch teamfähig geworden sei (PN04:88). Zudem hat sie durch die Tätigkeit, das Ausprobieren und Üben mehr Erfahrungen sammeln können, weswegen ihr neue Aufgaben übertragen wurden (PN04:117). Dies ist für sie und auch für ihre Arbeit wichtig. „Es ist immer so diese nette Art und Weise“ (PN01:21ff) des Umgangs sowie der stärkeorientierten Verteilung von Aufgaben im Team. Um solch eine Arbeitsgrundlage zu gestalten, ist es wichtig, sich kontinuierlich auszutauschen und über ein einheitliches, pädagogisches Vorgehen zu verständigen (P11:45). „Dann guck ich natürlich auf pädagogische Sachen, also gerade auch bei unseren berufsfremden Mitarbeitern, dass ich dann auch mal hingehe und denen einen Rückmeldung gebe“ (P16:44). Somit entstehen zahlreiche Gespräche auf den Fluren. „Ich führe sehr viele Tür-und-Angel-Gespräche mit Eltern oder auch Mitarbeitern“ (P16:49). Auch hierbei wird eine wertschätzende Rückmeldekultur im Team deutlich. Dies bezieht sich nicht nur auf die Mitarbeiter_innen, sondern auch auf weitere Akteure, im Familienzentrum agierende Akteure wie MAE-Kräfte und Hausmeister (P01:17, B05:17, B08:11). So bedankt sich bspw. die Leiterin des Familienzentrums Menschenskinder für die Gestaltung der Beete vor dem Gebäude (B25:12). Dahinter steckt eine wertschätzende Haltung und Anerkennung der Wichtigkeit dieser Personen im Tagesgeschäft (B25:13, P22:10, PN04:109). Dies wird zudem an der gegenseitigen Unterstützung bei der Vorbereitung von Teamsitzungen und Materialien deutlich (B05:16). Entsprechend werden auch die neuen Mitarbeiter_innen und Praktikant_innen im Team begrüßt und eingearbeitet (PN04:22, P14:26). Hierbei ist es erforderlich, die zur Verfügung stehenden Zeitressourcen zu beachten (P15:17). „Diese Möglichkeit zu haben, erst mal ganz langsam einsteigen in den Dienst“ (P21:24) und dabei entsprechend begleitet zu werden, ist dabei hilfreich. Dabei ist einerseits der Erfahrungshintergrund dieser 183 Mitarbeiter_innen einzubeziehen (P18:157) und andererseits diesen auch genügend Rahmen zu geben, um sich in den neuen Strukturen zurechtzufinden (P20:52, B08:18f, P16:23) sowie einen individuellen Gestaltungsraum zu entwickeln (P22:178, P11:28). Eng damit verbunden sind gute Absprachen hinsichtlich der Planung des Personaleinsatzes oder neuer Angebote für die Umsetzung (P22:82, P21:112ff, B08:20). Angebotsrahmung Ein weiteres Element, das sich ebenfalls der Arbeit im Team zuordnen lässt, ist die Rahmung der Angebote im Familienzentrum. Dies umfasst unter anderen das Vorbereiten der Räume sowohl für den offenen Bereich als auch für die jeweiligen Angebote. Dafür sind Überlegungen hinsichtlich der räumlichen Gestaltung erforderlich, die zugleich abhängig von der jeweiligen Zielstellung des Familienzentrums sind. Eine Mitarbeiterin von Menschenskinder berichtet, dass die Tische im großen Raum erst einzeln aufgestellt waren. Dann haben sie die Erfahrung gemacht: Wenn jemand allein kommt, setzt diese Person sich nicht zu den anderen, sondern an einen einzelnen Tisch. Um mehr Miteinander zu ermöglichen, haben sie die Tische nun zu einer Tafel zusammengestellt (P22:101). „Man kann ja trotzdem auch, wenn zwei quatschen wollen, das Sofa ist ja noch da oder man setzt sich so über Eck“ (P22:102). Dadurch wird das ins Gespräch Kommen unterstützt. Die Angebotsvorbereitung ist grundlegend, um eine Willkommensatmosphäre und einen passenden Rahmen für die Familien zu gestalten, und beginnt bereits bei der Werbung und den Plakaten (B25:16). „Die haben das total nett hier hergerichtet mit dem Frühstück“ (N13:23). Des Weiteren umfasst dies die konkrete Vorbereitung von Angebote oder bspw. dem Frühstück (P22:84, B33:9, B34:5, B37:5). „Hausaufmachzeit, Fenster, Rollläden hoch, Kaffee kochen, Tee kochen. Alles, was so dazu gehört. Dann kommen die Leute, dann hast du die Gruppe, dann wird halt entweder gebastelt, gesungen, gespielt, rumgerannt. […] auf den Boden gekippt“ (P22:95). So ist auch innerhalb der konkreten Umsetzung ein Blick auf die Anforderungen und die oftmals damit verbundenen Kleinigkeiten erforderlich (B33:15). Darüber hinaus inkludiert dies Teambesprechungen und gemeinsame Absprachen für die Aufgabenverteilung (B17:5ff, B20:6ff). „Ich war dann wirklich überrascht gewesen, wie viel Mühe sich die Leute geben. Also, vorher, nachher, auch mit den Matten […] Das ist ja auch durchdacht. Auch dass es zwei Leute sind, sonst ist meist einer da. Das finde ich schon schön“ (N07:45), beschreibt eine Nutzerin. Somit sind diese Vorbereitungen insbesondere aus Sicht der Familien ein wichtiger Bestandteil (N05:19, N04:20, P14:30). Gleichzeitig trägt dies zur Gestaltung eines „Wohlfühlortes“ (P22:187) bei. „Es hat sich ja so entwickelt, dass die Leute hier herkommen, weil sie es von den Räumlichkeiten sehr schön finden“ (PN02:88). Neben der Vor- und Nachbereitung der Angebote beinhaltet dieses Element an das einheitliche pädagogische Verständnis anschließend, den Umgang mit Regeln im Familienzentrum offensiv zu gestalten. Dies ist einerseits im offenen Bereich wich- 184 tig, da dort die Eltern die Aufsichtspflicht für ihre Kinder haben. Die Mitarbeiter_innen übernehmen kein Betreuungsangebot wie in einer Kindertagesstätte. Darauf muss durchaus wiederholt hingewiesen werden (B04:26). Ebenso wie das Erinnern der Nutzer_innen, eine Spende für die Getränke in eine Dose zu werfen (B37:26). Im Familienzentrum Mehringdamm ist das gemeinsame Aufräumen des Familiencafés ein zentraler Bestandteil. Um 17:45 Uhr wird eine Glocke geläutet, die auf das gemeinsame Aufräumen und baldige Schließen des Familienzentrums hinweist. Viele anwesende Familien helfen dabei, andere fangen an, ihre Kinder anzuziehen (B04:29). Dabei wird auch die Wertschätzung der Nutzer_innen gegenüber den Familienzentren deutlich. „Dass sie so etwas haben und mit den Sachen auch gut umgehen […], dass das nicht alles so selbstverständlich ist“ (P20:148). In den Gruppen und Kursangeboten gibt es zumeist ebenfalls Regeln, um einen unfallfreien Ablauf zu gewährleisten (P19:88f, P20:46, B20:9ff). Gleichzeitig erfordert auch solch ein fester Rahmen eine gewisse Flexibilität, um auch die erforderliche Offenheit zu gestalten. So erscheint bspw. eine Frau spontan zur Familienküche und möchte daran teilnehmen. Da diese Frau das Familienzentrum bereits länger besucht, weiß sie, dass sie sich für diese geschlossen Gruppe anmelden muss. Solch eine Situation erfordert eine Balance zwischen bestehenden Regeln und einer offenen Empfangsgestaltung (B17:9f). „Es ist schon immer eine Gratwanderung: Wie viel lässt man den Leuten auch Privatsphäre, aber es ist auch unser Raum und wir müssen gucken“ (P03:70), dass dieser auch im Ansinnen des Familienzentrums genutzt wird, beschreibt eine Mitarbeiterin des Familienzentrums Waldemarstraße. Dies bezieht sich nicht nur auf die Raumnutzung, sondern auch auf die Müttersprachkurse, die aufgrund der Angebundenheit an die Volkshochschule einem engeren Rahmen hinsichtlich der Anwesenheit und weiterer Kriterien unterliegen (B13:15, B14:7). Einen weiteren Rahmen bildet die gesetzliche Grundlage des Kinderschutzes. Bei einem entsprechenden Verdacht ist das Jugendamt zu informieren (P16:70). Wie auch die Vorbereitung der Räume und Angebote wichtig ist, ist auch die Gestaltung eines gemeinsamen Abschlusses wichtig. Je nach Angebotsstruktur wird dies unterschiedlich gehandhabt. So werden bspw. Fotografien angeboten (B33:14, B09:27). In den Schulprojekten werden teilweise Filme erstellt, die zugleich als Erinnerung fungieren (B20:8). Teilweise werden auch die Eltern zu einem gemeinsamen Abschluss eingeladen (P18:122), oder es wird ein gemeinsames Kochbuch erstellt (P18:123). Angebotsentwicklung Neben der Angebotsrahmung nimmt die Entwicklung von Angeboten in den Familienzentren einen zentralen Stellenwert ein, denn „damit werden mehr und mehr auch die Menschen angesprochen, die sonst nicht in ein Familienzentrum kommen und in diesem Austausch entwickeln sich, glaube ich, die Angebote. Also, 185 sie geben relativ wenig vor“ (J03:40). Somit ermöglicht der zugrunde liegende konzeptionelle Rahmen durchaus Spielraum für die konkrete Angebotsentwicklung in der Interaktion mit den Nutzer_innen vor Ort (J03:41). Dafür sind die methodischen Elemente des Zuhörens und neugierigen Nachfragens zentral. „Ich denke, dass man zuhören können sollte und dass man Themen erkennt und Themen aufgreifen kann, wo man das Gefühl hat, dass es wichtig ist“ (P15:57). Diese Themen spiegeln eine große inhaltliche Bandbreite wider. Themen, die angesprochen werden, betreffen im weitesten Sinne die Familien. Um einen Überblick über diese zu geben, folgt nun eine unvollständige stichpunktartige Zusammenfassung: gesunde Ernährung (B36:31, P21:68), Kindesentwicklung, Ärzte, Pubertät (P05:64), Babyernährung und Stillen (B34:13), Geschwisterbeziehungen (B37:10), Zwillinge (B05:39ff), Umgang mit den Wünschen für die Kinder (P22:164), Schulthemen (B17:14, B13:16, B13:28ff, P05:54), Umgang mit Aggressionen (B36:8), Alleinerziehende (PN04:72, B05:32ff), Trennung und Scheidung (PN02:64, PN01:41ff), Alltag und Lebensgestaltung (B13:13), Kochrezepte (P05:121), Wohnungssuche (PN01:41ff), Arbeit und Beschäftigung finden (B17:13), Beratungsmöglichkeiten (B14:10ff). Innerhalb solch einer thematischen Vielfalt und sich daraus ergebender sehr unterschiedlicher Bedarfe der Nutzer_innen fordert eine hohe Professionalität der Mitarbeitenden (B34:7). „Dann kamen aber auch Eltern und haben Wünsche geäußert. Und da haben wir gut zugehört und überlegt: ‚Können wir das leisten?’ “ (P02:26). Solch eine bedarfsorientierte Angebotsentwicklung beeinflusst auch die Weiterentwicklung und die konzeptionelle Ausrichtung der Familienzentren. Im Familienzentrum HAUS wurden wiederholt Angebote für Familien mit kleinen Kindern nachgefragt. Dies war ausschlaggebend für die konzeptionelle Weiterentwicklung des HAUSes (P02:27). Themen der Eltern aufzugreifen, kann heißen, Eltern einen Raum zu geben, sich für selbst organisierte Initiativen in den Räumen des Familienzentrums zu treffen (P02:21). Für die Angebotsentwicklung sind wiederum Gespräche mit den Familien oder der Familien untereinander zentral für die Identifikation von Themen. So wurde im Familienzentrum Mehringdamm der Bedarf von Alleinerziehenden, sich in einer Gruppe auszutauschen, deutlich (P20:98ff). „Ich finde, ein Familienzentrum sollte auch bemüht sein von den Mitarbeitern her das Ohr immer an der Familie zu haben. Das finde ich zum Beispiel wichtig. Manchmal ist es ja schick, sich tolle Programme zu überlegen, und dann will die aber keiner“ (P02:48). Dies bezieht sich auch auf die aktuellen Angebote, wobei die Eltern nach ihrer Zufriedenheit befragt werden und weiteren Wünschen (P06:72). „Dass man nicht als Fachkraft von einem anderen Standpunkt aus denkt, sondern die Eltern bei der Planung und Entwicklung mit einbezieht. Bspw. gab es Krabbelgruppen, welche den Eltern gut gefallen haben. Diese haben zurückgemeldet, dass die Kinder teilweise noch keinen Kitaplatz haben, die Mütter alleinerziehend sind und sie gern einen Treffpunkt o. Ä. hätten. Dann haben wir uns überlegt, wir bieten einfach noch einmal so eine Spielgruppe an und haben die dann angeschrieben und diese haben sich darüber gefreut“ (P06:71f). Entsprechend 186 entwickeln sich auch die Angebote weiter (P18:94ff, B05:34, P01:71f, P20:93). So ist im Familienzentrum HAUS die Familienküche entstanden (P09:75). Im Familienzentrum Menschenskinder wurde deutlich, dass viele Familien bereits nach dem ersten Jahr Elternzeit wieder arbeiten gehen. Um diese Zielgruppe zu erreichen, entwickelte sich die Idee, in den frühen Abendstunden ein kostengünstiges Abendbrot mit anzubieten (J03:36). Im Familienzentrum Waldemarstraße ist ein Deutschkurs entstanden aufgrund der Rückmeldung mehrerer Frauen (P07:56ff). „Immer in der Lage sein, auch zu reflektieren, Zeit zu lassen und zu überlegen, das müssen wir anders machen, sich die Zeit zu nehmen, dass etwas entstehen kann, aber auch zu sagen: „Das passt nicht, das müssen wir ändern.’ “ (P09:76). Ein entsprechender zeitlicher Rahmen im Team ist dafür erforderlich (P09:77f, PN02:64f). Um die Themen der Familien identifizieren zu können, ist es einerseits wichtig, mit diesen ständig im Gespräch zu bleiben. Andererseits ist es wichtig, weitere Instrumente zur Bedarfserhebung zu entwickeln wie einen Fragebogen (P14:30). Eine andere methodische Form der Bedarfserhebung ist das Aufstellen einer Box, in die Wünsche und Anregungen eingeworfen werden können. „Es ist ja schon eine Weile, dass hier die Wunschbox steht. Wenn man verbessern möchte oder was man machen könnte“ (N14:69). Diese dargestellten zentralen Dimensionen der handelnden Akteure in den Familienzentren werden im Folgenden noch einmal gebündelt skizziert. 187 Abb. 19: Handelnde Akteure in den Familienzentren An diese zentralen die handelnden Akteure beschreibenden Aspekte werden nun im Folgenden die Kooperationsstrukturen näher fokussiert. 4.1.5 Kooperation Im Kontext eines sozialräumlichen Arbeitens nehmen Kooperationen einen zentralen Stellenwert ein. Im Folgenden werden die für die Familienzentren kooperationsrelevanten Aspekte dargestellt. Dabei fokussiert die Darstellung das Kooperationshandeln in den Familienzentren vor Ort, indem einleitend der Kooperationsbeginn und daran anschließend Kooperationsformen ausgeführt werden. Daneben sind auch die Steuerungsakteure des Jugendamts in verschiedene Kooperationsbezüge eingebunden. Teilweise nehmen die in diesen Vernetzungsrunden deutlich werdenden fachlichen Themen auch Einfluss auf die konzeptionelle Steuerung der Familienzentren (P12:33ff). Da diese Betrachtung nicht primär relevant für die Beantwortung der Fragestellung ist, werden die Aussagen an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt. 188 4.1.5.1 Kooperationsbeginn Für die professionelle Arbeit in Familienzentren ist das Identifizieren von Akteuren in der Region grundsätzlich. Daran schließt sich das Bekanntmachen bei den Akteuren im Sozialraum, die sich mit Kindern und Familien beschäftigen, an. Dies ermöglicht thematische Gespräche sowie das Identifizieren von Bedarfen. So verlief der Start des Familienzentrums Waldemarstraße, welches sich im Vergleich zu den anderen Familienzentren nicht aus einer bereits seit vielen Jahren bestehenden Einrichtung entwickelt hat. „Dann habe ich eigentlich erst mal Kontakte gemacht und wirklich konkrete Angebote entwickelt aus den Bedarfen heraus“ (P03:31). Für solch ein erstes Vorstellen bei bereits längerem Bestehen der Einrichtung ist es zudem hilfreich, die aktuellen Flyer und das Programmheft dabeizuhaben (P22:15, P15:51). Auf der Grundlage identifizierter Bedarfe lassen sich Angebote und möglicherweise damit verbunden Kooperationen entwickeln. Daneben sind die Bereiche der Öffentlichkeitsarbeit und Akquise von Kursleiter_innen zentral (P03:33). Dieses Vorgehen hat zudem den Effekt: „Wenn man eine Weile hier im Bezirk ist, dann kennt man sich eigentlich überall“ (P12:23). Unterstützt wird diese Kenntnis voneinander durch die Teilnahme an verschiedenen regionalen Vernetzungsrunden. Alle Familienzentren nehmen regelmäßig an regionalen Vernetzungsrunden (wie der AG Familie, AG Sozialraum oder regionalspezifischen Vernetzungsrunden wie der AG Rund um die Geburt) teil (P01:76f, P02:62). Dies sind themenspezifische Arbeitsgruppen, an denen alle an dem Thema interessierten Akteure des Sozialraums teilnehmen. Zudem haben sich in einigen Regionen Bildungsnetzwerke entwickelt, in denen teilweise auch Schulen und Kindertagesstätten vertreten sind (P01:22, P09:93). Diese Vernetzungsrunden werden genutzt, um sich über die jeweiligen Themen, Fragestellungen und Angebote auszutauschen. „Wie kriegen wir welche Leute auch zu uns rein? Wie sind unsere Angebote ausgerichtet? Und aber eben auch irgendwie, sich so auszutauschen. Also, ich mache gerade einen Kurs zu dem und dem Thema, da habe ich noch Plätze frei. Habt ihr noch Leute, die da mit rein könnten?“ (J03:32). Durch den Austausch der professionellen Akteure, erhalten diese einen regionalen Angebotseinblick und können Familien mit der Empfehlung von passgenauen Angeboten unterstützen (J03:56). „Wie sehen eigentlich unsere Angebote entlang der Bildungsbiografie von Kindern aus? Wie gestalten wir Angebote für Übergänge von der Familien in die Kita, von der Kita in die Schule, von der Schule in die Oberschule?“ (J01:44). 4.1.5.2 Kooperationsformen Die Kooperationen entwickeln sich dann entsprechend der jeweiligen Ausgangslage der Familienzentren und der erhobenen Bedarfe hinsichtlich einer konkreten Zielstellung. Eine in der empirischen Untersuchung häufig vorzufindende Kooperationsform liegt in den Räumlichkeiten des Familienzentrums begründet. Das Familienzentrum Mehringdamm ist im gleichen Gebäude wie die bezirkliche Erziehungs- und Familienberatungsstelle untergebracht (P01:76f). So ist der Weg für 189 die Nutzer_innen der Erziehungs- und Familienberatungsstelle zum Familienzentrum überschaubar. Das Familienzentrum Waldemarstraße sitzt mit einer Kindertagesstätte in einem und dem Jugendamt im Nachbargebäude (B11:19). Das Familienzentrum Menschenskinder war zuerst in dem Gebäude einer Kindertagesstätte untergebracht. „Im Kindergarten die Kinder abholen, und so haben sie das auch gleich wahrgenommen mit den verschiedenen Angeboten“ (PN04:96). Zudem grenzt an das Familienzentrum Menschenskinder die Kindertagesstätte eines weiteren Trägers. Mit dieser soll ebenfalls Kontakt aufgenommen werden (P22:17ff). Das Familienzentrum HAUS grenzt ebenfalls an eine Kindertagesstätte. Allein diese räumlichen Gegebenheiten begünstigen Kooperationen. Aufgrund der regionalen Bedarfe ergeben sich dann weitere Kooperationen. Die Art und Intensität der Kooperationen kann dabei sehr unterschiedlich sein. Durch eine Kooperation basierend auf der Nutzung von Räumlichkeiten kann einerseits Raumproblemen begegnet werden, und andererseits lernen die Nutzer_innen so neben dem jeweiligen Angebot auch das Familienzentrum kennen, wodurch sich wiederum die Schwelle für eine spätere Nutzung verringern kann. Eine Form der Kooperation ist bspw. die Nutzung von Räumen des Familienzentrums von externen Akteuren. In den Kreuzberger Familienzentren gibt es solche Kooperationen mit der Volkshochschule und deren Müttersprachkursen, wobei teilweise deren Kinder im Familienzentrum betreut werden. Zudem können auch die Küche und andere Räume genutzt werden (B01:28, P03:15). Des Weiteren kooperieren die Familienzentren Mehringdamm und Waldemarstraße mit Tagesmüttern der Region, indem diese sowohl selbst die Räumlichkeiten als auch mit ihren Gruppen Kurse besuchen (P03:15). „Ich kenne viele Tagesmütter […], die immer noch hierherkommen und gern kommen“ (P19:35). Im Familienzentrum Waldemarstraße wird deutlich, dass viele Kooperationspartner_innen die Räume nutzen, weil sie wissen, dass sie darüber ebenfalls weitere Familien erreichen können. So nutzen die Stadtteilmütter das Familienzentrum, um sich vorzustellen und als Ansprechpartner_innen für Interessierte da zu sein (B03:7). In allen Familienzentren werden spezifische thematische Kurse von externen Akteuren angeboten (P03:20). Für das musikalische Früherziehungsangebot werden „die Räume einer Musikerin unter bestimmten Auflagen zur Verfügung gestellt. Also, sie sagt uns das Konzept, bspw. sie würde gern mit acht Kindern arbeiten in dem und dem Alter. Dann sagen wir ‚Okay, uns ist es wichtig, dass auch Sprachförderung mitgemacht wird’ “ (P03:19). Dadurch gestaltet sich für die Kooperation ein Handlungsspielraum, wobei das Familienzentrum seine Interessen entsprechend vertreten kann. Durch einen Träger, der verschiedene Bereiche der Kinder- und Jugendhilfe umfasst, werden solche Kooperationen zudem unterstützt. Somit kann individuell auf die verschiedenen Bedarfe eingegangen und die Nutzung der Räumlichkeiten variiert werden (P15:21). Gleichzeitig wird dadurch eine hohe Flexibilität bezüglich zeitnaher Unterstützungen möglich (W07). 190 Eine weitere Form der Kooperation besteht in einer gemeinsamen thematischen Grundlage, um so eine für die Familien passende Infrastruktur zu gestalten. Im Familienzentrum HAUS sind sowohl die Kindertagesstätten als auch Schulen ein Thema. Einerseits, weil die Kindertagesstätten verschiedene Kreativangebote im HAUS nutzen, und andererseits, weil dort neben den regulären Angeboten auch verschieden Projekte mit Schulklassen durchgeführt werden (J03:61). Um dieser thematischen Ausgangslage gerecht zu werden, bedarf es entsprechender Kooperationspartner_innen, um ein passendes Konzept zu gestalten. Durch die strukturelle Umwandlung in Ganztagsschulen werden die Nachmittagsangebote nicht mehr entsprechend genutzt bei gleichzeitiger Entwicklung eines Bedarfs der Schulen an außerschulischen Lernorten (B20:12). Aufgrund der konzeptionellen Anbindung des Familienzentrums Mehringdamm an das Pestalozzi-Fröbel-Haus liegt ein Schwerpunkt auf dem Early-Excellence-Ansatz. Dieser wird ebenfalls Kindertagesstätten vorgestellt, und bei Bedarf und Interesse werden Fortbildungen angeboten (P01:22). Einzelfallhelfer_innen kooperierender Kinder- und Jugendhilfeträger nutzen durchaus mit den zu begleitenden Kindern und Familien ebenfalls das Familienzentrum (P01:74). So können auf dieser gemeinsamen thematischen Ausgangslage basierend zusätzliche Unterstützungen für die Familie gewährleistet werden. Eine weitere Ebene der Kooperation zeigt sich in der gemeinsamen Durchführung von Angeboten. Das Eltern-Kind-Bildungsangebot FuN ist so angelegt, dass es von Mitarbeiter_innen zweier unterschiedlicher Institutionen „dicht aus dem Sozialraum“ (P12:14) durchgeführt wird (P06:15, P12:42). Ohne diese Kooperation wäre eine Projektumsetzung nicht möglich. Somit lernen die teilnehmenden Nutzer_innen zugleich verschiedene Institutionen und Herangehensweisen kennen. Für Kooperationen ist es wichtig, „miteinander auf einer Wellenlänge [zu sein, S. H.- B.], dass man die Eltern ähnlich anspricht und nicht eine komplett andere Herangehensweise hat“ (P12:26). Im Familienzentrum Waldemarstraße war die Babymassage ein Kooperationsprojekt mit dem Kinder- und Jugendgesundheitsdienst, „wo auch mal Beratung stattgefunden hat oder mal eine Ärztin kam, um über Kinderkrankheiten einen kleinen Vortrag zu machen“ (P03:18). Zudem werden insbesondere diese bestehenden Kontakte zum KJGD, Schwangerenberatung, RSD genutzt, um Teilnehmer_innen für spezifische Projekte zu gewinnen (P02:63, B29:17, P07:55). „Aber wir haben z. B. jetzt auch schon mit der EFB, der Erziehungs- und Familienberatungsstelle hier in Kreuzberg, Kontakt und wollen mit denen kooperieren. Die werden dann auch an uns verweisen und die Leute zu uns schicken, wo sie denken, die hätten das gerne, die können das gebrauchen“ (P14:53). In der folgenden Abbildung werden der Kooperationsbeginn sowie die daraus resultierenden Kooperationsformen zusammenfassend visualisiert. 191 Abb. 20: Kooperationsbeginn und Kooperationsformenin den Familienzentren In diesem ersten Abschnitt der Ergebnisdarstellung wurden die zentralen Erkenntnisse hinsichtlich der Fragestellung: ‚Was macht eine Einrichtung zu einem Familienzentrum?‘ dargestellt. Dabei wurden insbesondere die strukturellen Aussagen hinsichtlich der Zielstellung, den Nutzer_innen, den handelnden Akteuren und den Kooperationsbezügen ausgeführt. Abb. 21: Was macht eine Einrichtung zu einem Familienzentrum? 192 Aus Sicht der befragten Akteure sind dies alles Dimensionen, die einen deutlichen Einfluss auf die Gestaltung eines Familienzentrums nehmen und somit zugleich eine Einrichtung zu einem Familienzentrum machen. Darauf aufbauend wird im folgenden Kapitel die Fragestellung fokussiert: Wie gestaltet sich das methodische Handeln in den Familienzentren? 4.2 Wie gestaltet sich das methodische Handeln in den Familienzentren? Das methodische Handeln in den Familienzentren stellt einerseits auf den strukturellen Rahmen sowie andererseits auf der dargestellten Haltung und den erforderlichen Kenntnissen und Fähigkeiten aufbauend die handelnden Akteuren in den zentralen Betrachtungsfokus. Dabei werden die zentralen Erkenntnisse hinsichtlich des methodischen Handelns entlang des Prozessverlaufes in einem Familienzentrum beginnend mit der Empfangsgestaltung über die Aufenthaltsgestaltung, den Prinzipien des Richtungsanzeigers und der Bedarfsorientierung nachgezeichnet. 4.2.1 Empfangsgestaltung Der Erstzugang der Nutzer_innen ist sehr zentral, da dieser oftmals über weitere zukünftige Besuche in den Familienzentren und die Nutzung dieser entscheidet. Daher ist eine sorgsame Gestaltung des Erstzugangs notwendig. Unter dem Abschnitt ‚Empfangsgestaltung’ wird daher die Öffentlichkeitsarbeit der Familienzentren als Grundlage für deren Kenntnisse aufseiten der Nutzer_innen dargestellt. Daran anschließend werden der Erstkontakt und die Begrüßung in den Familienzentren unter dem Fokus des methodischen Handelns der Mitarbeiter_innen beschrieben. 4.2.1.1 Öffentlichkeitsarbeit Im Hinblick auf eine erfolgreiche Gestaltung des Erstzugangs für die Nutzer_innen in den Familienzentren ist es hilfreich, in Erfahrung zu bringen, wie die Nutzer_innen von den Familienzentren erfahren. Allgemein werden sowohl eine grundlegend bestehende als auch keine vorherige Kenntnis über die Familienzentren beschrieben. Viele Familien kennen das Familienzentrum Mehringdamm (N01:21f, P01:67, N06:15, N06:15, N05:64) und nutzen dies seit mehreren Jahren mit den jeweilig neugeborenen Kindern (P21:30). „Also, ich bin schon seit sieben Jahren im Familienzentrum“ (N12:13). Andererseits wird angegeben: „Wir kriegen auch häufig die Rückmeldung: ‚Ach wir wussten ja gar nicht, dass es das hier gibt’ “ (P01:70). Für das Familienzentrum Waldemarstraße wird die bestehende Kenntnis auf die Dazugehörigkeit des Familienzentrums im Stadtteil beschrieben. „Viele kennen uns, aber viele laufen dann auch irgendwie vorbei. Und wenn die dann mal ein Kind haben, dann kommen sie“ (P13:56). Das Familienzentrum HAUS hat ebenfalls „einen hohen Bekanntheitsgrad“ (P02:56), da es bereits seit 1992 an diesem Standort ist (P18:38, P20:36). Gleichzeitig wird aber auch für dieses beschrieben (B28:14, N08:89): „Es gibt auch immer noch Eltern, die sagen: ‚Ich wohne seit zehn Jahren im Weidenweg und habe die Einrichtung noch nie 193 gesehen.’ “ (P16:83). Für das Familienzentrum Menschenskinder wird von den vor Ort befragten Akteuren solch ein allgemeiner Bekanntheitsgrad nicht beschrieben. Dies ist möglicherweise mit dem zeitnahen Umzug, Personalwechsel und der Nutzer_innenstruktur von vielen Zugezogenen zu begründen. Im Folgenden wird näher erläutert wie die Familien vom Familienzentrum erfahren. Kenntnis durch Wohnortnähe Die bereits einleitend angedeutete Selbstverständlichkeit der Kenntnis über die Familienzentren wird insbesondere auf die Lage dieser zurückgeführt. „Je stärker die Familien belastet sind […], umso weniger mobil sind diese […]. ‚Das ist nicht mein Kiez und da geh ich nicht hin’ “ (J01:42). Daher sind erst einmal die Einrichtungen interessant, die in den unmittelbaren Wohnumgebungen liegen. Somit geben Nutzer_innen an, dass sie das jeweilige Familienzentrum kennen, da sie an diesem vorbeigelaufen und neugierig geworden sind. „Erst mal ich bin hier in der Gegend groß geworden und kenn das noch von früher“ (N01:50). Dies wird von den Befragten für alle vier untersuchten Familienzentren beschrieben (N13:17, P09:97, B33:12, P21:18, N10:12, B17:32, B21:6, N11:14, P11:36, B24:14, P13:53, P04:42). „Das ist schon naheliegend, wenn man hier in der Nähe wohnt“ (N01:62). Durch das Vorbeilaufen wird das Familienzentrum entdeckt (P22:118) oder auch gezielt danach gesucht „Da bin ich einfach mal systematisch durchgegangen: ‚Was ist hier in der Nähe? Also, ich wohne ja in der Karl-Marx-Straße. Was ist gut zu erreichen?’ “ (N14:30). Somit nehmen unter dem Fokus der Öffentlichkeitsarbeit die Außengestaltung der Gebäude, dekorierte Aufsteller und Hinweisschilder einen zentralen Stellenwert ein. Persönliche Empfehlungen Neben der Wohnortnähe ist die direkte Ansprache ein zentrales Moment, um von den Familienzentren zu erfahren. Diese direkte Ansprache kann über verschiedene Akteure erfolgen, bspw. durch persönliche Kontakte. Dies kann von losen Bekannten hin zu Freunden reichen. „Es spricht sich rum“ (P01:65). Für das Familienzentrum Mehringdamm werden Freunde und Familie als Informationsquellen beschrieben (N12:38, P01:60, P09:51, P20:29, PN02:28, N01:14, N02:14f, P20:21, P08:24). „Und von der Gruppe habe ich aber auch schon einmal vorher gehört, auch von einer anderen Mama […], die hat mir sehr davon vorgeschwärmt“ (N0:40). Des Weiteren erfahren die Familien von Bekannten mit Kindern im gleichen Alter von dem Familienzentrum (P08:23). „Wenn man Einzelne erreicht, dann haben die ja auch multiplikatorische Potenziale […]. Das ist immer so. Man kann streuen, man kann sehen, und wer offen ist, der nimmt das irgendwie auf, oder in einer Krise ist, dann besinnt man sich“ (P20:124), beschreibt eine Praktikerin die Informationsverbreitung. 194 Für das Familienzentrum Menschenskinder wird ebenfalls beschrieben, die Familien „bringen sich gegenseitig mit“ (P22:125). Persönliche Kontakte sind hier vordergründig Freunde und Nachbarn (P22:124, PN04:38, B36:11, N14:118). „Also, wirklich über die Freundin von xy, hat erzählt, […] man kann hierher gehen“ (P15:29). Auch für das Familienzentrum HAUS wird angegeben, dass Bekannte von diesem berichtet haben (N07:13, P18:45, P18:46). „Sie hat halt gesagt, dass es ein Familienzentrum gibt, weil ich kannte das ja gar nicht, weil ich von ganz woanders herkomme“ (N07:15). Dieser Informationsweitergabe von Bekannten wird eine hohe Bedeutung zugemessen, weil „man weiß, man hat ähnliche Interessen. Und ein Familienzentrum ist auch ein Ort […], wenn der Ruf gut ist, wo es einen Vertrauensvorschuss gibt. Wenn sie da hingeht, dann muss es gut sein“ (P03:81), beschreibt ein professioneller Akteur des Familienzentrums Waldemarstraße. Dies ist ein gewichtiger Faktor hinsichtlich der Nutzung von Unterstützungsmöglichkeiten. „Die türkischen Frauen und Herren in der Familie würde ich sagen, eher Mund-zu-Mund-Werbung: ‚Ich war da und da und die haben mir auch geholfen, geh du auch mal da und da hin’ “ (P13:52). Somit werden auch für das Familienzentrum Waldemarstraße Freunde und Familien als Akteure beschrieben, die vom Familienzentrum berichten (N04:29, P03:66, B07:6, N04:10, N05:58, P04:43, P07:17ff, P13:57, P14:85, PN01:16). Zudem werden Bekannte aus den Kindertagesstätten und den Schulen genannt (P13:54). Es wird deutlich, dass diese persönlichen Empfehlungen insbesondere durch bestehende Kontakte zu Freunden und Bekannten ein hoher Stellenwert beigemessen wird. Entsprechend ist es erforderlich, dieses Potenzial auch aktiv durch die handelnden Akteure nutzbar zu machen. Direkte Ansprache durch professionelle Akteure Die Kenntnis über das Familienzentrum kann zudem durch die persönliche Ansprache professioneller Akteure aus den Familienzentren erfolgen. „Wir sind ja jeden Tag hier unterwegs, und da habe ich einfach noch mal geguckt, was so dran steht, und dann kam sie gleich raus […], sie hat uns noch mal angesprochen und ein Programmheft mitgegeben und gesagt, was es hier alles gibt“ (N13:12), beschreibt eine Mutter für das Familienzentrum Menschenskinder. Ein guter Ort für die Ansprache durch die professionellen Akteure scheint vor dem Familienzentrum selbst zu sein. „Wenn man Familien sieht, dass man einfach rausgeht und sie einfach anspricht“ (P22:147). Die Gestaltung des Familienzentrums HAUS mit den großen Fensterscheiben eignet sich ebenfalls dafür (PN03:91f, PN01:37). „Wenn sie sich bis zu der Scheibe trauen, dann geht auch immer einer raus und fragt, ob sie ein Programm haben möchten, oder wofür sie sich interessieren“ (P02:38). Eine weitere Möglichkeit der persönlichen Ansprache durch die Akteure der Familienzentren sind größere Veranstaltungen wie Straßen- oder Kiezfeste (P22:159). Teilweise werden auch potenzielle Nutzer_innen im weiteren Stadtteil angesprochen. „Ich war auf dem Viktoriaplatz, und da wurde ich angesprochen und da wurde mir ein Zettel in die Hand gedrückt“ (N12:14), berichtet eine Mutter, die das Familienzentrum Mehringdamm besucht. Diese Ansprache wird auch gezielt von den 195 professionellen Akteuren eingesetzt. „Wenn wir Wege im Bezirk zu erledigen haben […], dann nehmen wir unser Programm mit und fragen Eltern: ‚Haben sie schon unser Programm?’ […] Und ich stelle ganz oft fest, dass die Eltern sagen: ‚Ja, habe ich schon’ oder sagen, dass sie noch jemanden kennen, dem sie das Programm geben wollen“ (P01:63). Somit ist dies gleichzeitig ein guter Anknüpfungspunkt, um ins Gespräch zu kommen. Zudem gibt es eine weitere direkte Form, und zwar die Ansprache von potenziellen Nutzer_innen durch Kooperationspartner_innen. Dafür ist es grundlegend, dass die Akteure im Stadtteil das Familienzentrum und deren grobe Angebotsstruktur kennen. Um dies zu ermöglichen, werden die unterschiedlichen Vernetzungsrunden genutzt (J02:56, P02:62). „Über die Kitas in der Umgebung oder über Wissen von bestimmten Leuten oder auch über Kontakte zum Regionalen Sozialen Dienst“ (J03:53) werden Familien angesprochen. Für das Familienzentrum Menschenskinder scheint die Kindertagesstätte ein unterstützender Multiplikator zu sein. Dies liegt einerseits in der ursprünglichen Verortung des Familienzentrums in dem Gebäude der Kindertagesstätte des gleichen Trägers begründet. Die Kindertagesstätte informiert durch das Programm und die persönliche Ansprache der Eltern (B33:12, P15:29, P22:118). Insbesondere für Familien mit mehreren Kindern scheint dies interessant zu sein (B34:11). Auch für die Familienzentren Mehringdamm (GD FZM), HAUS (P16:79, P18:36) und Waldemarstraße wird dies berichtet (P13:54). Ein weiterer Kommunikationsweg für die Familienzentren ist das bezirkliche Begrüßungsschreiben zur Geburt eines Kindes. Darin werden neben weiteren Adressen auch die Familienzentren aufgeführt (N14:30). Damit verbunden berichtet ebenfalls die zur Geburt besuchende Sozialarbeiterin des Kinder- und Jugendgesundheitsdienstes davon (N10:45, N08:21, P02:34, N04:11, P01:61). „Die Sozialarbeiterin, die bei uns in der Wohnung war meinte auch: ‚Das Familienzentrum Menschenskinder ist ja nicht weit weg von Ihnen, da können Sie ja auch hingehen‘. […] Also, sie hat da auch noch mal Werbung gemacht“ (N14:38). Ein weiterer Kooperationspartner ist die Erziehungs- und Familienberatungsstelle, welche ebenfalls über die verschiedenen Angebote informiert (P14:53). „Und dann die individuellen Kontakte zum Kinder- und Jugendgesundheitsdienst, zur Schwangerenberatung, zum RSD, die sind da und auch ganz wichtig, gerade wenn man an die Familien aus den sozial schwächeren möchte […], weil die würden sonst nicht so hier reinkommen“ (P02:63). Neben diesen Beratungsstellen und verschiedenen Akteuren des Bezirksamts wird auch von Trägern der Kinder- und Jugendhilfe berichtet, die sich bspw. im Rahmen einer sozialpädagogischen Einzelfall- oder Familienhilfe mit Familien im Familienzentrum treffen oder diese an das Familienzentrum anbinden (P01:74, P12:31, P03:70). Auch Mitarbeitende des Jugendamts haben „uns Eltern vermittelt, bei denen Hilfen ausgelaufen sind, die aber Anknüpfungs-, Andockungsmöglichkeiten suchen oder gebrauchen können“ (P02:29). Diese bestehenden Kooperationen sollen zukünftig intensiviert werden (GD JA). 196 Ein weiterer Zugangsweg besteht über die Kooperationspartner_innen, die Räumlichkeiten in den Familienzentren nutzen, wie bspw. der Rückbildungskurs einer Hebamme, die Müttersprachkurse der Volkshochschule oder die Tagesmütter. Durch den Besuch dieser Kurse lernen die Familien die Räumlichkeiten kennen (N02:17, N10:12, P01:59ff, B07:19, B16:10). Auch die Stadtteilmütter, die sich regelmäßig im Familienzentrum Waldemarstraße treffen, berichten: „Wir haben die Möglichkeit, die Eltern, bei denen wir reingehen, diese zu informieren: ‚Guck mal, hier gibt es ein Familienzentrum, geh doch mal mit deinem Kind dahin, da gibt es ‚griffbereit‘, da kannst Du mit Deinem Kind was machen’ “ (PN03:90). Auch die Grundschulen können genutzt werden, um dort das Programm zu verteilen und insbesondere Familien mit jüngeren Geschwisterkindern zu erreichen (P02:61, P05:44ff). Auch die im Familienzentrum HAUS durchgeführten Projekte mit Schulklassen unterstützen, weil „dann erzählen die Kinder natürlich zu Hause“ (P02:57) davon. Daraus folgend besuchen die Kinder entweder Kurse oder Familien werden allgemein neugierig (B20:9, N11:12). Daher werden die Eltern auch zu Abschlussveranstaltungen von Kinderkursen wie Theater oder Kinderküche eingeladen (B20:12). Die Lehrer der Schulklassen berichten ebenfalls anderen davon (B21:6). In der folgenden Abbildung werden diese verschiedenen Zugangswege noch einmal dargestellt. Abb. 22: Wege zum Familienzentrum über die persönliche Ansprache 197 Mediale Ansprache Neben der Kenntnis aufgrund der Wohnortnähe sowie der direkten Ansprache durch Bekannte, Familie und Kooperationspartner_innen erfahren Familien durch eine mediale Ansprache von den Familienzentren. Für gezielte Werbung wird zum einen die Projekthaustür der Familienzentren genutzt. Vor allen Familienzentren ist ein Schaukasten oder ein Aufsteller mit einem Willkommensschild angebracht (PN04:59, P11:37). Darin sind sowohl Programmhinweise als auch aktuelle Informationen ansprechend gestaltet untergebracht (N13:12). Für das Familienzentrum HAUS scheint dieser Aufsteller besonders wichtig, weil sich das Gebäude in der zweiten Reihe zwischen zwei Häusern befindet. „Wir haben draußen diesen kleinen Aufsteller, der ist wichtig, weil wir uns in einem Hinterhof befinden und mit dieser Hausnummerierung da ist man manchmal verwirrt“ (P02:58). Auch an den jeweiligen Eingangstüren sind Begrüßungsworte zu lesen. Eine weitere Form der indirekten Ansprache sind Flyer (P11:39, P18:144, B07:14, P07:17). „Diese Flyer, die sind wirklich gut, die bieten Überblick über die Programme und das Angebot“ (J02:55). Durch diese Form der Werbung wird auch das Interesse der Familien geweckt, insbesondere, wenn dies dem Bedarf entspricht (P15:29, P22:15, B21:6, B28:8). Auch Flyer an besonderen Orten wie Bäumen, Laternen oder am Auto im Stadtteil können unterstützend sein, um aufzufallen (B28:14, P14:85, N14:53). Zudem werden Orte gewählt, an denen sich Familien aufhalten, wie Arztpraxen, soziale Dienste, Bürgerberatung, der Naturkostladen oder türkische Bäcker (P01:62, P09:52, P20:32). Neben den Flyern ist das Programmheft eine weitere Form der indirekten Ansprache von Familien. Das Programmheft wird insbesondere bei der Suche nach konkreten Angeboten von den Familien genutzt (N01:72, N09:11ff). Allerdings berichten professionelle Akteure hierzu, dass eine Kombination von der Weitergabe des Programmheftes mit zusätzlichen persönlichen Informationen unterstützend ist (P20:126, P22:128). „Ich hab immer […] in meiner Tasche mindestens zwei Programme, die aktuell sind. Wenn sie was wollen, dann gebe ich das einfach“ (PN01:46) mit. Das Internet ist ebenso ein häufig genutzter Informationsweg für Familien. Ähnlich wie für das Programmheft beschrieben, suchen Familien im Internet nach gezielten Angeboten (B33:8, B36:11, PN04:101, P21:30). „Ich habe im Internet gesucht, was es gibt für Kinder, und dann habe ich mir hier die Homepage angeguckt und gesehen: ‚Oh, da gibt es ja ganz viele offene Angebote für Kinder’ “ (N14:20). Dafür ist es wichtig, dass die Homepage auch entsprechend aktuell ist (P22:126). Durch das Internet wird zudem der Einzugsbereich erweitert, und es kommen auch Familien aus benachbarten Stadtteilen (P20:28). „Die man über Internet erreicht, das sind die, die dann auch irgendwo hingehen“ (P20:125). Trotzdem suchen die Familien zumeist gezielt nach Angeboten in ihrer Umgebung (N05:11, P13:51). Eine weitere Ansprachemöglichkeit liegt in der lokalen Werbung in Stadtteilzeitungen (P11:39) oder dem regionalisierten Wochenblatt (P18:37, P14:53). In lokalen Blättern, „was viele Familien lesen, weil es wird ja in die Briefkästen ge- 198 steckt“ (P02:59), wird auf besondere Angebote hingewiesen. Lokale Werbung umfasst daneben die Präsenz auf Stadtteilfesten. „Wir gehen natürlich auch auf Kiezfeste oder Stadtteilfeste und machen dort einen Kreativstand oder ein Bastelangebot oder einen Schminkstand und machen dann auf unsere Angebote aufmerksam“ (P02:60). Dies scheint ein passender Weg zu sein, um potenzielle Nutzer_innen anzusprechen. „Wenn hier im Kiez irgendwas anderes ist, wo wir halt einfach mit einem kleinen Stand hingehen. [...] Also, in der XY-Straße jetzt im Sommer war auch ein Straßenfest, das hat auch gut geklappt. Da haben viele gefragt, was wir machen, wer wir sind und so, und dann haben wir da mit den Kindern gespielt und die Eltern konnten sich informieren bei uns. Das, glaube ich, war total gut. Und eben auch mal ein Fest zu machen oder Weihnachtsfest, wo die Hemmschwelle ganz niedrig ist hierher zu kommen. Osterfest und so was, wo sie nicht zu einem Familienzentrum gehen mal am Nachmittag, sondern zum Weihnachtsfest. Oder ‚Oh, guck mal, hier kommt der Weihnachtsmann’ oder so. Also, weil bei diesen Festen ja unheimlich viele Leute kommen, die wir auch gar nicht kennen“ (P22:159). Die stadtweite kostenfreie Zeitschrift ‚kidsgo’, in welcher Angebote zu Schwangerschaft, Geburt, Baby und Kleinkind veröffentlicht werden, erfreut sich ebenfalls großer Beliebtheit bei den Familien (P22:118, PN04:101, P20:30, P21:30, B07:13, P13:53). „Es gibt auch Mütter, die kommen her und wollen extra diese Zeitung haben“ (PN04:107). Eine Mutter berichtet ebenfalls: „Ich habe so eine Zeitung zu Hause, wo halt alles vermerkt ist, so Babyschwimmen, Krabbelgruppen, Gymnastik und Hebammen und so was alles“ (N08:20). Darüber ist sie auf das Familienzentrum aufmerksam geworden. In der folgenden Abbildung werden die Aspekte der medialen Zugangswege zusammenfassend dargestellt. Abb. 23: Wege zum Familienzentrum über die mediale Ansprache 199 4.2.1.2 Erstzugang Durch diese im vorangegangenen Kapitel beschriebenen verschiedenen Möglichkeiten von einem Familienzentrum zu erfahren, stellt sich nun die Frage, was dazu führt, dass die Interessierten das Familienzentrum tatsächlich besuchen. Die Beantwortung dieser Fragestellung ist insbesondere interessant, um Familien zu erreichen, die „öffentliche Angebote eher nicht wahrnehmen […] Das hat, glaube ich, weniger mit Bekanntheit zu tun, als auch mit der Scheu, in eine öffentliche Einrichtung zu gehen […], sich so trauen, die Tür aufzumachen, reinzugehen und niemanden zu kennen“ (P01:68). Diesem wird im Folgenden nachgegangen. Einfach ausprobiert Einige Nutzer_innen beschreiben, dass sie auf den dargestellten Wegen von dem Familienzentrum erfahren und sich dann eines Tages spontan entschieden haben, einfach mal vorbeizugehen. Eine Mutter aus dem Familienzentrum Menschenskinder berichtet: „Irgendetwas ist ja immer, und gestern war gar nichts, und da habe ich gedacht: ‚Oh, was machst du denn jetzt den ganzen Tag zu Hause?’ Geht irgendwie nicht, und da habe ich gedacht, ich geh hier einfach mal vorbei. Dann habe ich im Internet noch mal geguckt, was hier so los ist […]. Eigentlich ist das gar nicht so mein Ding, auch noch so allein. Also, ich wäre gern mit irgendjemanden gegangen. Hab dann noch eine Freundin gefragt vom PEKiP und die hatte aber auch schon was anderes vor. Und da dachte ich: ‚Bleibst du jetzt zu Hause? Nein, du überwindest dich jetzt mal und gehst da jetzt allein hin. Das kann ja nicht so schlimm sein’ “ (N13:13). Sie berichtet weiter, dass eine Freundin sie ebenfalls telefonisch bestärkte, einfach mal vorbeizugehen mit dem Hinweis, dass sie auch wieder gehen kann, wenn es ihr nicht gefallen sollte (N13:15). Eine andere Mutter berichtet, dass sie sich ebenfalls aus dem Grund nicht allein gehen zu wollen, im Familienzentrum Menschenskinder die offene Krabbelgruppe mit Gesprächsthema für den ersten Besuch gewählt hat. Ihre Vermutung war, dabei unkompliziert mit anderen ins Gespräch zu kommen (B33:12). Andere Mütter, denen es ähnlich ging, berichten, dass sie sich an einem Tag nur kurz im Familienzentrum informiert haben, um dann an einem folgenden Tag gezielt vorbei zu gehen (B37:9). Ein weiterer niedrigschwelliger Erstzugangsweg liegt in dem Besuch von Festen. Dabei können die Familien ohne konkretes Anliegen ein Familienzentrum das erste Mal besuchen (J02:58). „Und eben auch mal ein Fest zu machen oder Weihnachtsfest, wo die Hemmschwelle ganz niedrig ist, hierherzukommen. […] Ein bisschen anonymer, weil man kann sich so in die Masse mischen“ (P22:159). Folglich ist es unter der Betrachtung des methodischen Handels der Mitarbeiter_innen erforderlich, sehr aufmerksam die Nutzer_innen zu begrüßen, um eine Atmosphäre des Willkommenseins zu gestalten. Des Weiteren sind sowohl strukturelle als auch methodische Aspekte hinsichtlich einer Ermöglichung von Kontakten der Nutzer_innen untereinander wichtig. 200 Komm doch mal mit Eine weitere Zugangsmöglichkeit liegt in der direkten Aufforderung durch Bekannte zu einem gemeinsamen Besuch im Familienzentrum (P01:68, P20:21, B36:11). „Die gehen teilweise auch zusammen in die Kita und gehen danach in das Familienzentrum und sagen: ‚Komm doch mal mit’ “ (P09:52). Damit wird der Situation aus dem Wege gegangen, allein einen unbekannten Raum zu betreten (N04:12f). „Die brauchen eine Bezugsperson, um das erste Mal hier herzukommen“ (N05:65). Demnach verabreden sich die meisten Nutzer_innen, um gemeinsam ein Familienzentrum zu besuchen (P15:33, N01:50, N02:14ff, PN01:16). Dies bedingt auch, dass viele Nutzer_innen sich bereits im Vorhinein über das jeweilige Familienzentrum, deren Angebot und Öffnungszeiten informiert haben (P15:37). „Dann bin ich mal mit einer Freundin hierher gegangen. Sie wollte immer mal wieder hierhin, aber allein ist sie nicht gegangen, und dann haben wir uns animiert und sind zu zweit hierher“ (N10:14). Auch, wenn in diesen Situationen durch einen gemeinsamen Erstzugang die Hemmschwelle gesunken ist, ist trotzdem die Gestaltung einer Willkommensatmosphäre unerlässlich, um Anknüpfungen für weitere Besuche und bedarfsentsprechende Gespräche zu signalisieren. Kursanmeldung oder Beratungstermine Ein weiterer Erstzugangsweg besteht in der Anmeldung für einen Kurs im Familienzentrum. Auch dies bedingt wiederum eine vorherige Kenntnis und zumeist gezieltes Suchen nach Angeboten. Oftmals sind dies Angebote wie PEKiP (B37:25, N13:11), Eltern-Kind-Gruppen (N05:12) oder Rückbildungskurse (N10:12, P01:64). Darüber lernen die Nutzer_innen das Familienzentrum und darüber hinaus weitere Angebote kennen (N10:40). Im Familienzentrum Waldemarstraße wird berichtet, dass teilweise die Nutzer_innen von festen Kursen nach Ablauf dieser ein Interesse daran haben, sich weiterhin in der Gruppe zu treffen. Diese können dafür Räumlichkeiten im Familienzentrum nutzen, was wiederum neue Nutzer_innen angesprochen hat (P03:36f). Im Familienzentrum HAUS erfolgt der Erstkontakt über die Anmeldung der Kinder für ein Nachmittagsangebot wie Keramik oder Bewegung (B17:32, P11:35, P16:58f, N05:11, P03:21, P03:67). Eine weitere Zugangsmöglichkeit besteht über die Kinder mit der Hausaufgabenhilfe im Familienzentrum Waldemarstraße (P03:68). In den Familienzentren Waldemarstraße und Mehringdamm liegt zudem ein Erstzugang in den Sprachkursen der Volkshochschule (P04:16f). Teilweise erfolgt der Erstzugang auch über ein Beratungsangebot. „In der Regel nutzen sie die ganz niedrigschwelligen Angebote oder das, wo sie ohnehin müssen, bspw. Beratung, die sie brauchen, weil sie zum Beispiel die Miete nicht mehr zahlen oder wieder einen Brief vom Jobcenter kriegen, den sie nicht lesen können, nicht verstehen“ (P03:67). Ein Teil der Eltern kommt auch über die mobile Elternberatung, die sagen „Komm doch mal zum Familienzentrum oder ich geh mit dir mit“ (P03:69). Ein weiterer Zugang ist auch die Kleiderkammer. „Da kann man gegen 201 Spende, oder wenn man nichts spenden möchte, gegen nichts einfach Klamotten holen, ohne dass man einen Schein zeigen muss oder nachweisen muss, dass man kein Geld hat“ (P03:70). Die Kleiderkammer läuft auf Vertrauensbasis. In der folgenden Abbildung werden die vier Erstzugangsmöglichkeiten zusammengefasst. Abb. 24: Erstzugang in ein Familienzentrum Neben diesen vielfältigen Formen der Erstbesuche lassen sich zudem für alle vier untersuchten Familienzentren aus Perspektive der professionellen Akteure und Nutzer_innen verschiedene weitere Kriterien verallgemeinern, die den Aufenthalt in den Familienzentren gestalten. 4.2.1.3 Ansprache In der Beschreibung des Erstzugangs wird bereits deutlich, dass eine Atmosphäre des Willkommenseins einen wichtigen Stellenwert einnimmt. Ein dies bedingendes und zugleich methodisches Element der handelnden Akteure ist die Ansprache und insbesondere das aufmerksame Begrüßen der Nutzer_innen. Aufgrund der unterschiedlichen räumlichen Gegebenheiten und strukturellen Rahmenbedingungen wird dies in der konkreten methodischen Umsetzung unterschiedlich gehandhabt. Im Folgenden wird dies näher unter dem Fokus des ‚Aufmerksames Begrüßen und Verabschieden‘ sowie der ‚Personifizierten Begrüßung‘ ausgeführt. Aufmerksames Begrüßen und Verabschieden Die aufmerksame Begrüßung durch die Akteure in den Familienzentren ist ein zentraler Aspekt der direkten Ansprache. Diese aufmerksame Begrüßung erfolgt auf verschiedenen Ebenen. Die erste Form der Begrüßung entsteht im Familienzentrum Menschenskinder über den Aufsteller vor dem Gebäude sowie den niedergeschriebenen Begrüßungsworten in der Eingangstür (B25:5). Um in das Familienzentrum zu gelangen, muss an der Eingangstür geklingelt werden. Eine_e Mitarbeiter_in öffnet die Tür und begrüßt die Nutzer_innen (B25:6, B34:6, B36:6): „Schön, dass ihr da seid!“ 202 (N14:10). Die professionellen Akteure des Familienzentrums Menschenskinder sehen darin eine ihrer Hauptaufgaben (P15:58). „Einfach alle Familien freundlich zu empfangen, die Räume bereitzustellen, die Räume freundlich herzurichten, dass sich alle Familien hier wohlfühlen können“ (P22:84). Wenn neue Mitarbeiter_innen anwesend sind oder Familien kommen, die man noch nicht kennt, stellen sich die Mitarbeiter_innen vor (B33:8). Dieses Vorstellen insbesondere bei Familien, die das erste Mal das Familienzentrum besuchen, kann dazu führen, dass diese sich ermuntert fühlen, ihre Fragen und Anliegen zu äußern. Somit eignet sich auch dieses Gespräch, um von weiteren Angeboten zu berichten (B36:11, N13:12). „Dass man einfach nett aufgenommen wird, lächeln, ‚Hallo ich bin soundso. Wer bist du? Bist du das erste Mal hier?’ […] Also, ich fühlte mich hier nicht fehl am Platz, sondern willkommen. Einfach die Atmosphäre und die Aura hier“ (N14:23). Wenn Familien das erste Mal das Familienzentrum besuchen, werden diesen bei Interesse die Räume gezeigt (B36:27). Dieses aufmerksame Begrüßen ist aus Sicht einer Nutzerin das Spezifikum des Familienzentrums in Abgrenzung zu einem kommerziellen Café. „Ich kenn das nicht so, wenn man irgendwo hinkommt in ein Café oder so, dann gucken einen die Leute ja eher komisch an, und dass man irgendwo neu ist und so aufgenommen wird, so herzlich, fand ich total schön“ (N14:22). Insbesondere dieses erste Begrüßen entscheidet über folgende Besuche und weitere Kontakte. „Da stand ich mit dem Auto hier, hab nur den Kleinen aus dem Autositz genommen, hab nur ganz kurz reingeguckt und hab gefragt: ‚Kann man hier einfach mal vorbei kommen? Und wie ist das?’ […] Dieser extrem herzliche Kontakt gleich: ‚Ja, klar, und wir würden uns freuen, schön dass ihr da wart!’ Einfach so ein paar Standardsätze, die total positiv hier ankamen. Oder das, was [die Mitarbeiterin, S. H.-B.] immer macht, wenn man rausgeht: ‚Ach, schön, dass ihr da wart.’ Man fühlt sich willkommen und so nach dem Motto: ‚Komm bald wieder.’ Das Herzliche so“ (N14:47). Das Familienzentrum Mehringdamm erreicht man entweder durch das Treppenhaus des Gebäudes oder über den Spielplatz. Im Vergleich zum Familienzentrum Menschenskinder muss hier nicht geklingelt werden, sondern man gelangt ganz frei in die Räumlichkeiten. Somit findet hier die erste Begrüßung nicht direkt an der Tür statt, sondern in den Räumlichkeiten. Daher ist ein sehr aufmerksames Vorgehen und Beobachten der professionellen Akteure wichtig, um bei den vielen Besucher_innen den Überblick zu behalten, wer schon begrüßt wurde und wer nicht (B06:16). Alle, die das Familienzentrum betreten, werden von den Mitarbeiterinnen begrüßt und angelächelt, zumeist verbunden mit einer Frage nach dem Wohlergehen (B10:16, B26:8, B26:10, B30:5). „Ein Prinzip im Early-Excellence- Ansatz11 ist ja auch, dass man jeden, der zur Eingangstür hereinkommt, freundlich begrüßt, und wir achten schon darauf […]. Kennen wir die? Haben wir dieses Gesicht schon gesehen? Und wenn wir merken, die gucken ein bisschen hilfesu- 11 Wie bereits dargestellt, arbeitet das Familienzentrum Mehringdamm nach dem Early- Excellence-Ansatz. 203 chend, unsicher, dann sprechen wir sie auch an. ‚Können wir Ihnen helfen?’ Wir erklären ihnen auch gern, was es hier alles gibt, und wir nehmen uns Zeit für die Leute, die das erste Mal hier reinkommen“ (P01:69). Durch das gleichzeitige offene Begrüßen mit einer Positionierung im Raum werden dadurch auch Gesprächssituationen mit mehreren, sich unbekannten Personen initiiert (B30:5f). „Ob sie denn das erste Mal hier sind. Ob sie denn schon die Einrichtung kennen, vielleicht auch woher. Wie alt ihr Kind ist. Ob sie in der Nähe wohnen“ (P08:46). Auch hier wird den Familien angeboten, ihnen die Räumlichkeiten zu zeigen und von den verschiedenen Angeboten zu berichten (B06:20). Zudem nutzen die professionellen Akteure Situationen, um mit Familien ins Gespräch zu kommen (B15:16, P20:40, P21:10, PN02:96). Dies wird zumeist über das Thema Kinder ermöglicht. „Mit der [Mitarbeiterin, S. H.-B.] habe ich mich das letzte Mal auch ganz gut unterhalten […]. Auf einmal haben wir miteinander geredet. Sie hat dann auch mit deiner Tochter ein bisschen gespielt […]. Auch sehr offen gewesen“ (N01:106ff). Dabei ist eine hohe Sensibilität der professionellen Akteure erforderlich, um auch den jeweiligen Befindlichkeiten der Familien gerecht zu werden. „Das man auch guckt und merkt, da ist jemand der neu ist, der sich vielleicht nicht so wohlfühlt, und dann sprech ich sie mal an“ (P09:74). Dabei hat sie schon öfter die Erfahrung gemacht, dass es hilfreich war, Einzelne anzusprechen (B05:6). Auch für das Team ist es wichtig, wenn neue Kolleg_innen anwesend sind, dass sie den Familien, Kooperationspartner_innen und bspw. Kursleiter_innen vorgestellt werden, damit diese ebenfalls einen Überblick haben, wer ist wer und wofür zuständig (B15:14). Das Familienzentrum HAUS ist ebenfalls offen zugänglich für alle Interessierten. Betritt man das HAUS durch den Haupteingang, gelangt man in das Treppenhaus und hat sofort eine Tafel mit den Wegweisern zu den verschiedenen Angeboten sowie links den Eingang zum Familiencafé. Somit erfolgt die erste Begrüßung entweder zufällig im Treppenhaus oder im Familiencafé (B27:5, B27:11, P11:23). „Das Entscheidende an einem Familienzentrum ist, dass Familien hier merken, dass sie auch willkommen sind und dass sie das Gefühl haben, hier hingehen zu können […]. Man kommt halt gern her, weil man von allen nett begrüßt und angelächelt wird und einfach so eine herzliche Atmosphäre herrscht“ (P11:17). Auch die später hinzukommenden Mitarbeiter_innen begrüßen die Familien im Café, fragen nach, wie es ihnen geht (B28:21). „Eltern, die ich nicht kenne, spreche ich natürlich auch an und sage: ‚Ach so, ich habe Sie ja hier noch gar nicht gesehen?’ Und dann erzählen sie meist auch gleich oder fragen: ‚Sagen Sie mal, haben Sie auch nicht hier so und so was?’ “ (P02:38). Diese Gesprächsanlässe werden ebenfalls genutzt, um von weiteren Angeboten des Familienzentrums zu berichten (P16:106). Bei Projekten mit Schulklassen findet im Cafébereich eine offizielle Begrüßung durch die Mitarbeitenden statt (B20:9). Das Familienzentrum Waldemarstraße ist ebenfalls frei zugänglich. Im großen Eingangsbereich des Treppenhauses hängt ein Hinweisschild, wo sich die Räume des Familienzentrums befinden. In der dritten Etage ist ebenfalls eine große Übersicht mit allen Angeboten und Fotos der Mitarbeiter_innen mit den jeweiligen 204 Angeboten angebracht. Zudem befindet sich dort das Büro der Verwaltungsfachkraft, sodass diese zumeist die Erstbegrüßung übernimmt (B07:5, B07:23). „Wenn ich sehe, dass die nach links nach rechts schauen, dann: ‚Hallo, suchen Sie jemanden? Oder haben Sie eine Frage?’ Und dann bin ich da, und dann guck ich dann, für wen, was sie suchen. Und dann versuche ich, die Person dann in die Richtung zu weisen, wenn es um Beratung geht. Aber da muss man natürlich einfach mal fragen“ (P13:16). Neben der Begrüßung übernimmt sie die Funktion des Zeigens von Wegen und Informieren über weitere Angebote (B07:12, B14:17f). „Man muss da so ein bisschen gucken, was wollen sie denn“ (P13:46). Wenn sie das Gefühl hat, ein Gesicht schon mal gesehen zu haben, fragt sie danach (B07:27). Auf den langen Fluren und in der Teeküche werden ebenfalls Begrüßungsworte gewechselt (B03:13). „Also, was uns betrifft als Stadtteilmütter, wir wurden ganz nett empfangen mit dem Tisch und ‚Ja, kommt mal, macht mal’ und haben uns auch ein paar Tipps gegeben […], ich hatte das Gefühl, wir waren richtig willkommen und es war einfach nett“ (PN03:54). In den offenen, angeleiteten Spielgruppen werden die Familien gemeinsam begrüßt. Insbesondere, wenn Familien das erste Mal diese nutzen, stellt die Gruppenleiterin sich vor und erzählt, was sie an dem Tag vorhaben (B09:20). „Bei [der Mitarbeiterin, S. H.-B.] war ich das erste Mal hier und habe gleich einen guten Eindruck gehabt […]. Als ich hier reinkam, hat sie mich auch erst mal gefragt, wie ich auf die Krabbelgruppe hier kam und wo ich wohne und wie viele Kinder ich habe“ (N05:23ff). Diese erste Begrüßung, der erste Kontakt ist oftmals entscheidend für folgende Besuche (P07:84, P03:34). Zudem ist es auf der methodischen Ebene zentral, dass die Verabschiedungen jeweils mit netten Worten und einer Freude über ein nächstes Wiedersehen erfolgt (B37:21, N14:117). Es wird deutlich, dass die Begrüßung der Nutzer_innen eine hohe Aufmerksamkeit der professionell handelnden Akteure erfordert. Durch die verschiedenen Zugangswege muss der Überblick behalten und zudem eine Sensibilität für mögliche Bedarfe der Nutzer_innen entwickelt werden. Das Begrüßtwerden und die Kommunikationsangebote tragen für die Nutzer_innen zu einer Atmosphäre des Willkommenseins bei. Personalisierte Begrüßung Nach dieser Gestaltung des Erstkontakts mit der zentralen problemfreien Begrü- ßung sind die Begrüßungen bei den weiteren Besuchen ebenfalls wichtig, um für die Familien eine Atmosphäre des Wohlfühlens zu gestalten. Im Verlauf weiterer Besuche stellt sich daher eine individuelle, persönliche Begrüßung ein. Dies trifft auf alle vier untersuchten Familienzentren zu (B25:6, B06:11, B17:11, B18:7). Wenn die Familien öfter das Familienzentrum besuchen, werden diese auch von den professionellen Akteuren erkannt (P22:67). „Das finde ich hier ganz nett. Weil ich habe auch mitbekommen, die kennen dann hier auch die ganzen Mütter schon und auch die Kinder. Und das ist schon toll. Das ist ja auch für die Kinder toll, wenn sie wissen, da ist jemand […] und die freut sich, mich zu sehen. Das ist schön“ (N13:44). Bei einer hohen Besucherfrequenz kann es natürlich länger dau- 205 ern, bis alle Namen der Nutzer_innen präsent sind (P20:45). Im Verlauf der Kontakte und Gespräche ergeben sich dann auch Zusammenhänge bezüglich Verwandtschafts- und Bekanntschaftsgraden (P20:52). Zudem sind diese Begrüßungen damit verbunden, ein paar freundliche Worte an die Personen zu richten und zu sagen, dass man sich über ihr Kommen und das Wiedersehen freut (B13:9, B14:7, B16:9). Die Begrüßungen werden von den professionellen Akteuren auch genutzt, um an letzte Gespräche anzuknüpfen und nachzufragen, was sich seitdem getan hat oder wie etwas verlaufen ist (B30:5f, B27:16). In den offenen, angeleiteten Spielgruppen und regelmäßig stattfindenden Angeboten gibt es zudem ein festes Ritual für die Begrüßung, wobei auch die Namen der Kinder genannt werden (B09:14, B13:8, B18:9). Bei Projekten mit Schulklassen werden Spiele genutzt, um sich Namen zu merken (B20:10). Diese können zudem hilfreich sein, um eine erste Stimmung zu schaffen (B20:11). „Also, ich fühlte mich hier […] willkommen. Einfach die Atmosphäre und die Aura hier“ (N14:23). Dazu trägt im Vergleich zu kommerziellen Familiencafés auch die personelle Kontinuität der Mitarbeitenden aber auch der Nutzer_innen bei (N02:30, N12:18). „Das ist auch das Schöne, dass man regelmäßig die gleichen Leute trifft und dann auch mal sag: ‚Ach man, wie geht es dir denn? Bist du wieder gesund? Wie war’s im Urlaub?’ Also, dass man nicht nur so über oberflächliches Geplänkel, also ich meine, man muss ja nun nicht so ganz in die Tiefe eingehen, aber es ist schon schön“ (N14:59). Auch beim zufälligen Begegnen auf der Straße werden diese begrüßt (B20:14). „Dass sie bekannt sind, dass sie begrüßt werden, dass sie gefragt werden, was sie so beschäftigt, dass wissen viele zu schätzen“ (P06:77). Abb. 25: Formen der Ansprache in Familienzentren 206 Somit ist das aufmerksame Begrüßen nicht nur für den Erstkontakt, sondern auch für eine zukünftige Nutzung wichtig. Das personalisierte Anknüpfen an gemeinsamen Themen oder Aktivitäten signalisiert den Nutzer_innen ein Interesse an ihrer Person und trägt somit perspektivisch gesehen zum Aufbau einer Vertrauensbasis bei. Dies wird im Folgenden unter dem Aspekt der Aufenthaltsgestaltung näher ausgeführt. 4.2.2 Aufenthaltsgestaltung Nach der erfolgreichen Erstzugangsgestaltung sind weitere methodische Prinzipien unterstützend, um die Interaktion mit den Familien bedarfsgerecht zu gestalten. Im weiteren Verlauf werden die in der empirischen Erhebung identifizierbaren Aspekte des methodischen Handelns dargestellt. 4.2.2.1 Ansprache ohne Problemfokus Ein zentraler methodischer Aspekt sowohl für den Erstzugang als auch für die Aufenthaltsgestaltung liegt in einer Ansprache ohne Problemfokus (J03:26). „Wir haben uns so aufgestellt, dass wir über die allgemeine Förderung und Entwicklung an Familien herantreten wollen. Bei uns muss eine Familie keine Risikofamilie sein, damit sie ein Angebot nutzen kann“ (J01:48). Daher ist eine Begrüßung erforderlich, die den Familien verdeutlicht, dass sie das Familienzentrum ohne konkretes Anliegen besuchen können. „Die Leute wollen erst mal ganz niedrigschwellig angesprochen werden, wo der Fokus nicht auf einem Problem ist“ (P03:82). Daher bedarf es verschiedener Angebote, um Familien auf unterschiedlichen Wegen anzusprechen. „Man kommt zum Frühstück. Und die haben was zu tun, die Mütter. Auch die, die nicht so selbstbewusst sind, die vielleicht etwas schüchterner sind […] die kommen hier hin, weil sie auch eine kleine Aufgabe haben und nicht hier sitzen und warten, was passiert hier. Und darüber kommen wir mal ins Gespräch, auch mit uns“ (P22:110). Dies beinhaltet ein langsames Kennenlernen, um Vertrauen aufzubauen (P22:85). Daher ist eine entspannte, ausgeglichene Interaktion der Mitarbeiter_innen mit den Familien unterstützend. Kennzeichnend hierfür sind verschiedene Gesprächsangebote gekoppelt mit Freundlichkeit (B25:8). „Das ist ganz viel Beziehungsarbeit. Also, die zu kriegen, zu uns, zu dem Haus. Weil es ist ja nicht so, dass Leute, wenn sie das erste Mal kommen, gleich sagen ‚Oh, ich habe hier voll das Problem.‘ Sondern sie natürlich erst mal so andocken und erst mal gucken […]. Und dann irgendwann entwickelt sich dann so ein Verhältnis, wo das dann plötzlich kommt. […]. Plötzlich hast du eine Situation, wo dann die Mutter anfängt zu weinen und sagt: ‚Ja, und übrigens, mein Mann hat mich ja verlassen und ich weiß gar nicht, was ich jetzt machen soll‘ “ (P22:85). Um solchen Situationen einen Raum zu geben, ist es wichtig, dass die Nutzer_innen vorher viele Male ohne offensichtliches Problem erscheinen können und Vertrauen zu den Mitarbeiter_innen aufgebaut haben. 207 Gleichzeitig beinhaltet dieses Zeitlassen, andere Familien kennenzulernen und sich mit diesen auszutauschen (PN02:53). Dafür ist die Gestaltung der Räumlichkeiten zentral. Im Familienzentrum Menschenskinder wurden die Tische im Bereich des Elterncafés zu einer langen Tafel gestellt, um somit die Kontaktaufnahme der Familien untereinander zu unterstützen. „Deswegen haben wir jetzt z. B. die Tische auch wieder zusammengestellt. Die waren vorher einzeln […]. Es ist doch schöner, wenn dann alle an einem Tisch sitzen. Auch, wenn jemand allein kommt, kann er sich dazu setzen. Weil es ist halt einfacher, als wenn drei kleine Tische da sind, dann setzt man sich vielleicht erst mal alleine an einen Tisch, bevor man an den freien Platz kommt, wo sich schon eine Gruppe getroffen hat. Und hier, denke ich mal, ist es jetzt besser“ (P22:101). Trotzdem gibt es mehrere Rückzugsmöglichkeiten für ungestörte Gespräche (P22:102). So können die Familien erste Erfahrungen sammeln, indem sie ihre Anliegen einbringen, um zu sehen, ob ihnen dabei auch weitergeholfen werden kann, wie bspw. beim Ausfüllen von Anträgen (PN02:54). Darüber hinaus ist es aus professioneller Perspektive erforderlich, die Nutzer_innen auf das selbstverpflichtende Schweigen hinzuweisen. „Weil die Angst ist immer da, dass die eine was mitbekommt. Wenn sie mit mir sprechen, dann ist auch immer wichtig, dass da eine Schweigepflicht ist und ich mich daran halte“ (PN02:56). Dies beinhaltet auch die Klärung der Rolle der Mitarbeiter_innen, da teilweise die Angst besteht, dass eine direkte Rückkopplung an das Jugendamt erfolgen könnte (PN02:59). Somit ist das Kennenlernen immer eine zweiseitige Ausrichtung (N07:43f). „Und da kommen bei zehnten Mal dann auch die anderen Probleme neben den Papieren, die man ja zugeben darf“ (P03:90). 4.2.2.2 Interessiertes Zuhören und Nachfragen Ein methodisches Element unter Berücksichtigung der Prämisse des Zeit Lassens und der problemfreien Ansprache ist das interessierte Zuhören und Nachfragen durch die Mitarbeiter_innen. Durch das Signalisieren von Interesse kann Kontakt zu den Nutzer_innen aufgebaut werden. Im offenen Bereich aller Familienzentren werden wiederholt Sequenzen deutlich, in denen die professionellen Akteure beiläufig mit Nutzer_innen ins Gespräch kommen. Anlass sind hierbei meist die Kinder (B06:17, B23:7). „Sich mal dazusetzen und fragen: ‚Geht es gut?‘ […] Interesse zeigen“ (P08:53f). Diese Ansprache wird ebenfalls aus der Perspektive einer Mutter beschrieben: „Das man einfach nett aufgenommen wird, lächeln, ‚Hallo ich bin soundso. Wer bist du? Bist du das erste Mal hier?‘ Dann hat [die Mitarbeiterin, S. H.-B.] mir am Anfang noch zwei Sachen gesagt“ (N14:23). Durch wiederholte Gespräche und Interaktionen lernen sich die Familien und Mitarbeitenden kennen, was wiederum neue Gesprächsanknüpfungspunkte herausbildet (P09:90). „Man kennt ja auch die Leute, die oft kommen, sodass man auch ein bisschen was weiß und Fragen stellen kann. Dass die auch das Gefühl haben: ‚Die interessieren sich für mich, was ich mache. Die haben auch Interesse daran und fragen nach.‘ Das ist etwas ganz Wichtiges, damit man sich hier auch willkommen fühlt“ (P09:89). Dieses Wissen kann genutzt werden, um beim 208 nächsten Besuch mit persönlichen Fragen anzuknüpfen, bspw. wie die Einschulung war, wie die Ferien verlaufen sind oder ob der Mietvertrag der neuen Wohnung unterschrieben ist (B27:16, B13:12). In den Kursen und dabei insbesondere in den geschlossenen Eltern-Kind-Gruppen sind aufgrund der personellen Kontinuität häufiger Gesprächsanlässe gegeben. Dieser Rahmen bedingt teilweise auch, dass beim Fehlen eines Nutzers bei diesen nachgefragt wird. „Was ich beim ersten Mal nicht so schön fand, als ich einmal nicht kommen konnte, weil ich krank war, da wurde gleich angerufen und beim nächsten Mal noch mal angerufen und ‚Kommen Sie beim nächsten Mal wirklich?‘ Ich fand das erst total doof und hab mich dann gleich so kontrolliert gefühlt. Dann habe ich das meinem Mann abends erzählt und der meinte ‚Aber na ja, die stecken da ja auch Arbeit rein und wollen dann ja nur, dass jemand kommt, wenn sie was organisieren“ (N07:42). Daher bewertet sie dies im Nachhinein als Interesse an ihrer Person. Eine Mitarbeiterin berichtet, „dass man für einige Angebote die Leute permanent motivieren muss, sie noch mal einladen muss, noch mal anrufen muss“ (P03:43). Oftmals gestalten sich solche Gespräche interaktiv zwischen den Familien und Mitarbeiter_innen, sodass auch die Mitarbeiter_innen einen Einblick in deren persönliche Erfahrungswelt ermöglichen (B33:10). Zudem können solche Einblicke auch neue thematische Perspektiven für die Familien eröffnen (B27:12). „Auch der Umgang mit Eltern, dass man sich so ein bisschen reinversetzen kann in sie. Wie geht es denen, wie fühlen die sich. So Empathie“ (P09:69) ist wichtig, beschreibt eine Mitarbeiterin. In der folgenden Gesprächssequenz wird dies ebenfalls deutlich: Eine Mitarbeiterin spricht mit einer Mutter von Zwillingen und meldet ihr zurück, dass diese sicherlich viel zu tun habe mit diesen. Die Mutter bestätigt dies und ergänzt, dass sie auch viel Unterstützung erhält (B15:16, P09:69). Eng mit dem interessierten Nachfragen ist als Grundvoraussetzung das Zuhören verbunden. Zuhören ist wichtig, um adäquat auf die Anliegen der Familien reagieren und diesen auch die für sie passenden Informationen zukommen lassen zu können (B25:9). „Ich denke, dass man zuhören können sollte und dass man Themen erkennt und Themen aufgreifen kann, wo man das Gefühl hat, dass es wichtig ist“ (P15:57). Somit ist interessiertes Zuhören erforderlich, um zum einen die Themen der Nutzer_innen aufgreifen zu können. Zum anderen ist in manchen Situationen auch das alleinige Zuhören ausreichend (PN01:70, PN02:58). „Also, dann haben sie auch Vertrauen gewonnen hier zu uns und stellen Fragen und wir müssen nicht auf alles eine Antwort haben. Manchmal hört man einfach zu. […] Manche wollen einfach auch erzählen, was sie so gemacht haben“ (P22:86). Zuhören beinhaltet, neugierig auf das Erzählte der Familien zu sein, auch wenn das Thema an sich nicht neu ist. „Ich finde, der Respekt vor dem Kind ist ganz wichtig, dass man es überhaupt mit seinen Problemen ernst nimmt. Also, wenn die halt kommen und dir irgendetwas erzählen, und du dir, weil du hier schon drei Monate arbeitest, denkst: ‚Ach komm, wieder irgendeine Geschichte‘, die du abtust, son- 209 dern, dass du dir wirklich Zeit dafür nimmst und auch nachhakst, was war denn los. Also, die Probleme ernst nehmen“ (P11:49). Dafür ist es manchmal erforderlich, viele Fragen zu stellen, um „rauszukitzeln“ (P13:47), um was es geht. Somit sind Offenheit, Neugierde und die Themen ernstzunehmen grundlegend für ein interessiertes Nachfragen und Zuhören (P07:82). Die Nutzer_innen erfahren dadurch Anerkennung und Wertschätzung ihrer Person. 4.2.2.3 Situationsbezug Um ein bedarfsorientiertes Vorgehen zu ermöglichen, sind Offenheit und ein jeweils der Situation entsprechendes Agieren zu beschreiben. „Man sollte möglichst offen sein, was so das eigene Denken angeht, weil man so mehr mitgehen kann mit dem, was die Nutzer wollen“ (J02:106) in der jeweiligen Situation. Ein offenes und situationsbezogenes Vorgehen ist wichtig, um allen Nutzer_innen gerecht zu werden. Dies meint auch das Annehmen der Nutzer_innen in ihrer jeweiligen alltagsbedingten Stimmung (B34:17). „Ich glaube, die sind hier alle sehr offen, sehr nett, sehr zugänglich, und man hat hier nicht das Gefühl, dass ein Pädagoge auf einen schaut, und ist das hier richtig oder falsch […]. Das Gefühl habe ich hier überhaupt nicht“ (N01:109). Demnach sind hierfür Offenheit, Neugierde und Aufmerksamkeit bedeutend (B06:22, B15:7, N01:110, N02:50, P20:113). Situationsbezogenes Agieren umfasst auch, sich für die eintreffenden Familien Zeit zu nehmen, diese zu begrüßen und Themen aus vergangenen Gesprächen nachzufragen. Dabei ergeben sich möglicherweise neue Themen und Anlässe (B27:17, N11:19, P11:50). „Es ist sehr offen hier, und wir gehen auch sehr situationsbezogen vor. Das ist auch ein großer Vorteil“ (P02:41). Es wird deutlich, dass ein flexibles Reagieren und Aufgreifen der Situationen grundlegend ist, um eine Atmosphäre des Wohlfühlens für alle Nutzer_innen zu gestalten (P22:98). „Der Situationsansatz, dass wir gucken: ‚Was wollen die Familien?‘ Und wenn eine Familie hierherkommt, und wir haben Bastelnachmittag, und die wollen nicht basteln, sondern reden, oder die wollen einfach mal, dass man das zweite Kind, weil die mit drei Kindern hierherkommt, mal mit schunkelt, dann machen wir das, statt zu malen. Und das passt, glaube ich, ganz gut zu den Bedürfnissen“ (P22:163). Wenn dann aber Familien explizit aufgrund des besagten Bastelangebots in das Familienzentrum kommen, ist ein Abwägen des Handelns erforderlich, um diese unterschiedlichen Bedarfe aufzugreifen (B34:7). Zudem kann es sein, dass ein Angebot geplant ist und eine Familie einen akuten Beratungsbedarf äußert, aber keine weiteren Mitarbeiter_innen anwesend sind. Somit ist eine Balance zwischen den Rahmenbedingungen und Interessen der Familien herzustellen (B36:11, N14:15). „Dann war sie sogar einmal im Bällebad mit drin“ (N05:29) beschreibt eine Mutter die Gestaltung einer offenen Gruppe durch die Mitarbeiterin. Dies umfasst, auch hier flexibel zu sein hinsichtlich der Gestaltung von Angeboten und eines offenen Umgangs damit (PN02:93, PN01:57, B07:9, P13:20). 210 Zudem wird das bedarfsorientierte Agieren durch die Interaktionen in den Familienzentren deutlich. Bedarfsorientierung meint in diesem Kontext, die Interessen der Familien interaktiv aufzugreifen. Die zugrunde liegenden Interessen können wiederum sehr unterschiedlich sein. So werden die im Familienzentrum Menschenskinder verabredeten Familien durch die Mitarbeitenden begrüßt und können in den Räumen ihre Zeit verbringen (B34:9). In bedarfsorientierten Interaktionen ist es zudem wichtig, aufmerksam zu sein, um die Bedarfe und Themen der Familien identifizieren zu können. Dies bezieht sich auf das Wahrnehmen eines passenden Zeitpunkts für das Ansprechen von Themen oder das Verweisen auf andere Angebote (B33:7, P22:99). „Man muss auch flexibel sein […], auch im offenen Bereich, da muss man improvisieren, weil plötzlich doch alles anders ist“ (P09:73). Dies ist ebenfalls in den Bildungsangeboten des Familienzentrums Mehringdamm wichtig. Am Kreativtisch erhalten die Kinder die jeweils passende Unterstützung (B06.12, B15:7). Gleichzeitig bezieht dies die Aufenthaltsgestaltung für die Eltern mit ein. Durch die Identifikation, einen Raum für Begegnung haben zu wollen, entwickeln sich dann weitere Voraussetzungen, wie ein Kuchenangebot und Rezeptaustausch im Familienzentrum HAUS (P18:57). Je nach Fähigkeiten werden entsprechende Hilfestellungen gegeben (B15:8, B06:21). Auch an den Pausen, die für die Abstimmung der nächsten Vorgehensschritte genutzt werden, wird die bedarfsorientierte Interaktion deutlich (B20:21). Insbesondere bei den Schulprojekten im Familienzentrum HAUS möchten teilweise die Kinder, dass die Gruppenzusammensetzungen geändert werden. Hierbei muss im Team darüber entschieden werden, inwieweit solchen Bedarfen im Gesamtkonzept entsprochen werden kann (B20:24f). „Und dass wir uns zu Beginn immer in einen Kreis setzen und die Selbstbestimmung versuchen mit einzubauen und fragen: ‚Was wollt ihr denn jetzt spielen und was habt ihr denn jetzt für ein Ziel für den Tag?‘ “ (P11.80). In den Gruppen ist es wichtig, auch darauf zu achten, was die Kinder gern machen wollen: Wenn sie zum Beispiel spielen möchten, ihnen dann auch entsprechend Zeit dafür zu lassen (B09:21, B16:16). „Gleichzeitig konnte man auch mit den kleineren Kindern andere Sachen machen“ (N05:20). Zudem werden die Erfahrungen und Anregungen der Eltern mit einbezogen (B36:17). „Also, sie achten schon auf die Zeit, aber wenn die Kinder toll mit etwas spielen, dann lassen sie auch die Zeit“ (N08:79). Dies kann Auswirklungen auf das Zeitmanagement haben (P12:54). „Wir gucken, wie die Stimmung ist, und da entwickelt sich gemeinsam das Spiel. Wir gucken, wie die Empfindungen der Kinder sind und gehen darauf ein“ (P11:80). 4.2.2.4 Beobachtung Ein weiteres methodisches Element umfasst das Beobachten der Kinder. Beobachtungen werden von den Mitarbeiter_innen als Instrument sowohl im offenen Bereich als auch in Angeboten eingesetzt, um Ressourcen zu identifizieren und 211 Bedarfe zu ermitteln. Im Familienzentrum Mehringdamm wurde auf der Grundlage des Early-Excellence-Ansatzes ein systematisiertes Beobachtungsverfahren für das Familienzentrum entwickelt. Familien, die regelmäßig das Familienzentrum besuchen und deren Kind zu mindestens einem Mitarbeitenden eine tragfähige Beziehung aufgebaut hat, wird die Möglichkeit einer Beobachtung und eines daraus entwickelten individuellen Angebots offeriert (P08:38). „Wir können nur die Kinder beobachten, die wir schon eine Weile kennen, zu denen wir schon ein bisschen Beziehung aufgebaut haben. Das ist schon eine Voraussetzung“ (P01:27). Wenn die Eltern zustimmen, wird das Kind im offenen Bereich beobachtet. Über diese Beobachtungen tauschen sich die Mitarbeiter_innen im Team aus. Daraus wird dann ein individuelles Angebot für das Kind entwickelt, umgesetzt und dokumentiert. Anschließend erfolgt ein Gespräch mit den Eltern „darüber, was wir gesehen haben, und [wir, S. H.-B.] erstellen auch Situationsbücher“ (P01:38) in denen das individuelle Angebot dokumentiert wird. Die Eltern und Kinder fühlen sich wertgeschätzt und sind stolz auf ihre Bücher (N01:116, B05:28). „Die werden dann hier ausgestellt […] also, es wird positiv formuliert und nach den Stärken des Kindes und eben dem Situationsansatz, wo sich dein Kind gerade befindet. Und eben ohne Bewertungen, schon sehr positiv“ (N01:113ff). Zudem wird ihnen der dahinterliegende Ansatz erläutert. „Das kommt bei den Eltern auch sehr gut an. Die Eltern fühlen sich dadurch sehr wertgeschätzt“ (P01:32). Während des Gesprächs berichten die Eltern von ihren Erfahrungen und Beobachtungen des Kindes im Alltag (P01:30). Zugleich verändern sich die Interaktion der Eltern und Mitarbeiter_innen hinsichtlich eines intensiveren Austausches über das Kind (P09:107). Neben dieser konzeptionell verankerten Beobachtung im offenen Bereich werden diese auch in Angeboten eingesetzt. Um unter anderem dieses Element zu fokussieren, wird im Familienzentrum Mehringdamm das feste Eltern-Kind- Bildungsangebot ‚Gemeinsam Aufwachsen‘ angeboten. Neben dezidierten Beobachtungen und dem Austausch der Teilnehmenden darüber lernen diese den Early-Excellence-Ansatz und dessen Prinzipien kennen. In dem Angebot ‚FuN Baby‘ im Familienzentrum HAUS ist die Beobachtung ebenfalls sehr zentral. Die Kinder werden von den Eltern und Mitarbeitenden in ihren jeweiligen Reaktionen und Umgang mit verschiedenen Anregungsmaterialien beobachtet (B18:13). Dabei tauschen sie sich über die jeweiligen Beobachtungen aus und lernen somit die Stärken und Fähigkeiten ihres Kindes kennen (B18:14, N11:61). Die Beobachtung als fest integriertes methodisches Element fokussiert somit die Elternbildung. Daneben dienen unstrukturierte Beobachtungen dazu, mit Nutzer_innen ins Gespräch zu kommen. Durch einen auf Beobachtung beruhenden stärkenorientierten Gesprächsanknüpfungspunkt können Perspektivwechsel angeboten und der Beziehungsaufbau unterstützt werden. So lässt sich im Familienzentrum HAUS eine Situation beim gemeinsamen Abendessen in der Familienküche beobachten: Ein ca. 4-jähriger Junge möchte beim Essen unbedingt auf dem Schoß des Vaters sitzen. Wiederholt verlangt er, darauf zu sitzen, und beginnt zu quengeln. Daraufhin 212 gewährt der Vater dies seinem Sohn. Nach dem Essen fragt die Mitarbeiterin den Vater, ob er unter anderen Umständen strenger gewesen wäre. Er bestätigt dies und beschreibt, dass ihm das Quengeln in der Situation zu viel war (B17:14). Somit ist aufgrund dieser Beobachtung trotzdem ein guter Anknüpfungspunkt für ein Gespräch gegeben (P20:49). 4.2.2.5 Aktives Einbeziehen Das aktive Einbeziehen der Nutzer_innen bildet ein weiteres methodisches Element. Umgesetzt wird dies auf verschiedenen Wegen. Zum einen wird der Einbezug daran deutlich, dass die Familien immer wieder aufgefordert werden, sich entsprechend ihrer Interessen einzubringen, wobei dies sehr unterschiedlich umgesetzt werden kann (J02:113). Das Einbringen kann über eine Wissensweitergabe und aktive Unterstützung erfolgen. Im Familienzentrum Menschenskinder erklärt eine Nutzerin auf wiederholtes Nachfragen anderer Interessierten die verschiedenen Trage- und Funktionsweisen von Babysäcken (B37:21). „Das ein engagierter Vater oder jemand aus dem Kiez, der dann einfach sagt: ‚Ich möchte jetzt hier mal nachmittags Trommelgruppe anbieten […] oder meine Kultur gerne weiter transportieren‘ “ (J02:129). Diese Wissensweitergabe kann sich bis hin zur Anleitung von Angeboten entwickeln aufgrund der jeweiligen Kompetenzen. So übernimmt eine Mutter von Zwillingen im Familienzentrum Mehringdamm die Anleitung einer Zwillingsgruppe (P09:77f). Darüber hinaus werden gezielt punktuelle Unterstützungen für den Garten oder auch die Vorbereitung von Festen gesucht (B15:12). Die Familien bringen sich entsprechend ihrer Fähigkeiten ein, sei es durch das Mitbringen von Speisen, durch Besorgungen oder der Reparatur eines Stofftiers (B37:8, P22:180ff, B36:24, B24:15, PN01:79f, P22:180ff, B14:23, B16:14, P07:37). Diese Möglichkeit der Beteiligung von Nutzer_innen muss auch von den Mitarbeiter_innen gelernt werden: „dieser partizipative Gedanke dahinter“ (P16:103). Des Weiteren wird das Einbringen der Nutzer_innen moderatorisch durch gruppenbezogene Beteiligung ersucht. In der Familienküche werden alle in die Speisenvorbereitung durch verschiedene Aufgaben einbezogen (B17:15). Dies wird deutlich, als in der Familienküche gemeinsam nach einem Gericht zum Kochen gesucht wird. Die Frage danach wird wiederholt gestellt, und langsam setzt ein Austausch darüber ein (B17:31). In allen Angeboten gibt es verschiedene Elemente, bei denen die Eltern unterstützend aktiv werden können. Dies reicht von der gemeinsamen Frühstücksvorbereitung (B16:14, P07:37) bis hin „mal den Besen in die Hand zu bekommen“ (P03:74). Auch durch solche Beteiligungsformen erleben die Nutzer_innen, dass sie und ihre Unterstützung wichtig sind (P03:74). Eine weitere Form des Einbezugs liegt im Einladen der Eltern zu Abschlusspräsentationen, wie zu einem gemeinsamen Essen in der Kinderküche oder zu Theateraufführungen (P19:99, P16:100). Dies wird von den Eltern gern angenommen (P18:122). 213 In den Kursen ist es ebenfalls zentral, an den jeweiligen Interessen und Ausgangslagen der Nutzer_innen anzusetzen. Somit ist die Abklärung des jeweiligen Kenntnisstandes in den Müttersprachkursen sowie den allgemeinen Zielen und Wünschen in anderen Angeboten maßgeblich (B13:21, P03:96). Ansetzen an den Interessen der Nutzer_innen bezieht sich auch auf die Kursgestaltung (P03:75f). „Und ich finde es schon gut, wenn Leute sich einfach interessieren. Wenn sie neugierig sind und sagen: ‚Ich will was wissen‘ und ‚Ich will was werden‘ […], die Interessen zu fördern“ (P03:97). 4.2.2.6 Prozessgestaltung Im Rahmen der verschiedenen Angebote und Kurse sind für deren Durchführung Kenntnisse über Gruppen, Gruppenprozesse sowie deren Leitung notwendig (P09:71). Dies umfasst sowohl die thematische Vorbereitung als auch Kenntnisse über die methodische Gestaltung. Dieses Wissen ist gleichzeitig grundlegend für ein aktives Gestalten der Angebote. Eine Mitarbeiterin des Familienzentrums Menschenskinder berichtet, dass in angeleiteten Gesprächsgruppen oftmals andere Themen als die eigentlich geplanten angesprochen werden. Dies müssen die Mitarbeitenden aufgreifen und moderieren, wiederum unter dem Fokus der bereits beschriebenen Elemente des Zuhörens und Situationsbezugs (P15:57). So ist neben der thematischen Gruppenplanung eine Offenheit für die aktuellen Themen der Nutzer_innen wichtig (B30:5f, B36:30, B37:10). Aktives Gestalten meint dabei die Übernahme einer moderierenden Funktion entsprechend des Gruppenkontextes (B17:21, P05:32). „Und die letzte dreiviertel Stunde ist dann am Tisch sitzen, Kaffee und Kuchen […], irgendwelche Themen gibt es immer, wo man irgendetwas hat, womit man nicht so richtig klarkommt, so wie ich heute, wie das ist mit Schräglage oder wie die Kinder nachts immer schlafen oder wirklich mit der Familie, mit Besuchen, wie man das am besten regelt. Da kommt eigentlich immer etwas zustande“ (N06:38). Die Themen werden „aufgegriffen und dann im Prinzip, dass jeder was sagen soll, so ein bisschen moderiert und gucken, dass alle was sagen […] und keiner nur dauernd plappert“ (P12:61ff). Ein moderatives Element ist das wiederholte Nachfragen und den dadurch bedingten Einbezug aller Nutzer_innen (B17:26). „Also, auch Sonderwünsche, da wird eben Rücksicht genommen, das finde ich toll. Das ist ja oft so, dass das nicht so ist“ (PN04:40). Das Einbeziehen der Familien wird ferner daran deutlich, dass auch in Gesprächskreisen versucht wird, alle Anwesenden einzubeziehen, indem direkte Fragen an diese gerichtet werden (PN02:13). Die Anwendung von gezielten Techniken wie Irritationen durch ungewöhnliche Fragestellungen, um gewohnte Denkmuster zu provozieren, kann dabei hilfreich sein (B36:32ff). Gleichzeitig ist es wichtig, auf den Rahmen des jeweiligen Angebots zu achten, und die Zeit im Blick zu haben (B37:17f, B17:12). Ein weiteres Prozessgestaltungselement ist das Anregen von gemeinsamen Aktivitäten und Setzen von Impulsen, um die Nutzer_innen selbst Ideen entwickeln zu lassen (B34:13). Solch eine Anregung erfolgt oftmals im offenen Familiencafébe- 214 reich. Am Kreativtisch im Familienzentrum Mehringdamm werden die Eltern aufgefordert, ihre Kinder beim Basteln zu begleiten oder das gemalte Bild mitzunehmen (B15:7f). „Was mir gefällt ist halt, dass wir schon auch was machen müssen mit den Kindern, aber jetzt nicht so, das ist nicht so, was kann mein Baby schon. Das ist jetzt nicht so der krasse Vergleich ‚mein Baby kann schon das und dein Baby kann das noch nicht‘ “ (N07:37), beschreibt eine Mutter des FuN-Baby- Kurses im Familienzentrum HAUS. Die Nutzer_innen nehmen solche Anregungen gern auf (B18:19). Die Nutzer_innen berichten ebenfalls von ihren Erfahrungen und Strategien. So war in einer Eltern-Kind-Gruppe im Familienzentrum Menschenskinder ‚Aggressionen‘ ein Thema. Zentral war dabei die Frage, wie man Kinder in den Aushandlungen von Streitereien beteiligen kann. Eine Frau berichtet, wenn sie ihre Kinder in einem Streit trennt und jedem ein Spielzeug gibt, dass die Kinder sich dann ja nicht beteiligt haben, sondern sie wieder etwas vorgegeben hat. Sie fragt, wie sie in solchen Situationen eine Beteiligung von Kindern aussehen kann. Die Mitarbeiterin greift die Frage auf und gibt diese an die anderen Nutzer_innen weiter. Daraus entwickelt sich ein Gespräch über individuelle Entscheidungsprozesse (B36:32). „Am Anfang ist man auch selber, man mischt sich mehr ein oder ich habe bestimmt, wir machen das und machen das. Und dann muss ich mir eingestehen, man muss sich zurücknehmen“ (P18:114), beschreibt eine Mitarbeiterin solche Prozessgestaltungen in Angeboten. In anderen Situationen wird deutlich, dass die Mitarbeiter_innen gezielt nachfragen und abwarten, bis Impulse von den Nutzer_innen kommen. „Dass man freundlich auf die Mütter eingeht und auch ein offenes Ohr hat und nicht immer gleich Ratschläge gibt, sondern gucken, was sie selber so für Ideen haben. Also, sie ein bisschen selber aus der Reserve locken“ (P12:54). Ein weiterer Bestandteil der Prozessgestaltung liegt darin, Begegnungen zu ermöglichen (P07:11, P13:42). „Und natürlich zu gucken und die Möglichkeit zu schaffen, dass Familien sich untereinander kennenlernen und auch möglichst vielleicht irgendwann Nummern mal austauschen und ebenso auch Kontakte zu knüpfen, dass wir nicht nur die einzige Anlaufstelle sind“ (P22:86). Im Kontext solch einer Prozessgestaltung nutzen die Mitarbeiter_innen darüber hinaus die Möglichkeit, aus eigenen Erfahrungen zu berichten. Somit wird einerseits Akzeptanz durch die Nutzer_innen deutlich und andererseits eine zusätzliche Perspektive durch die Erfahrungswerte weitergegeben (B33:10, B05:34, P20:98, PN02:12). „Wobei das nicht ausschlaggebend ist“ (P19:77), schätzt eine Mitarbeitende ein, aber sie kann auch von ihrem Sohn erzählen, „was für Fehler ich selber gemacht habe oder was ich für Beobachtungen gemacht habe“ (P19:77). Teilweise werden die Mitarbeitenden aufgrund dieser Erfahrungswerte auch gezielt angefragt (PN02:57). Von den Nutzer_innen wird dies als sehr unterstützend beschrieben (B17:34). „Dass sie auch eigene Erfahrungen mit einbringen. Dass sie nicht nur außenstehend sind und den Kurs leiten, sondern die eine ist schwanger und hat auch ein Kind und die andere hat auch zwei Kinder. Weil manchmal ist es ja so, da 215 hat man ja eine Kursleiterin, die hat noch nie mit Kindern gearbeitet“ (N08:77). Dieser Erfahrungsbezug scheint die Akzeptanz der Mitarbeiter_innen zu bestärken. Ein weiteres prozessgestaltendes Element ist das vernetzte Arbeiten im Stadtteil. „Dann irgendwie auch die Fähigkeit, einfach zu vernetzen, dass man eben auf der einen Seite Interesse hat, überhaupt mit anderen dort verschiedenste Themen zu diskutieren, zwischen den Gremien […], das finde ich super wichtig, also dass man da eben auch die Bereitschaft [hat, S. H.-B.]. Ich glaube, man muss auch eine Fähigkeit haben, so mit verschiedenen Menschen dort klarzukommen, mit verschiedenen Menschen zusammenzuarbeiten. Das finde ich ist auch eine wichtige Fähigkeit, wenn man mit Familien arbeitet“ (J02:107). Wie bereits dargestellt, ist hierfür ein Bekanntmachen bei den weiteren Akteuren zentral. Zudem ist es erforderlich, verschiedene Sozialdaten über das Gebiet zu recherchieren (P15:34). „Ganz genau. Und eben wirklich das Umfeld anzusprechen und zu zeigen, dass wir Möglichkeiten haben“ (P15:45). 4.2.2.7 Aufmerksame Flexibilität Neben dem Zuhören, Nachfragen und der behutsamen Kontaktaufnahme trägt ein zuvorkommendes Agieren der professionellen Akteure für die Gestaltung einer Atmosphäre des Willkommens bei. Dies äußert sich zumeist in kleinen Details, die zusammen die allgemeine Atmosphäre gestalten. „Ich fühl mich hier einfach nicht fehl am Platz und irgendwie beobachtet oder so, sondern wie bei einer guten Freundin“ (N14:24). Dies wird ermöglicht durch das Willkommen heißende und zuvorkommende Agieren der professionellen Akteure (P15:63). Dies wird anhand durchdachter Angebotsgestaltungen deutlich. So ist die Kombination von Angeboten mit gemeinsamen Essen oder Getränken für die Familien zumeist sehr anziehend (P22:104). Eine kindgerechte Vorbereitung durch das Bereitstellen von Kinderstühlen und entsprechenden Nahrungsmitteln ist dabei ebenfalls unterstützend (B12:19, N01:63, B18:6ff, PN03:51). „Durch das Essen ist ja auch noch mal eine Auflockerung und man ist ja dann so ein bisschen in den Themen drin. Man ist dann gar nicht mehr bei dem Alltag oder dem was man mitgebracht hat“ (N11:45). Dies wiederum trägt zur Entspannung der Nutzer_innen bei. Unterstützt wird dies durch eine alltagsnahe, räumliche Gestaltung. „Ich finde sowieso, dass es hier alles sehr liebevoll gemacht ist“ (N01:117) mit den Fotos und Bildern an den Wänden. „Das spiegelt sich natürlich auch in der Atmosphäre wieder. Die Eltern spiegeln uns immer wieder zurück, diese familiäre, freundliche Atmosphäre, wo sie sich willkommen und wohlfühlen“ (P01:39). Das zuvorkommende Agieren zeigt sich bspw. auch durch das zur Seite rücken eines Stuhles, wenn eine Mutter mit Baby auf dem Arm in einer engen Situation aufstehen möchte (B33:10), dem Schaukeln des Kindes in der Babyschale, damit das Kind sich beruhigt und die Mutter sich in Ruhe anziehen kann (B33:18, B34:20, B37:5), dem Erwärmen des Babybreis (B36:25) oder das Aufhalten der Tür (N07:79, N08:91). Solche Details gestalten eine Atmosphäre des Willkom- 216 menseins (B37:15). „Ich finde die Atmosphäre sehr schön, und alle sind sehr zuvorkommend und behilflich. Sobald sie jemanden sehen mit Kinderwagen, wird die Tür aufgehalten“ (N06:101). Eine große Herausforderung können Situationen sein, wenn Familien unangemeldet zu festen, geschlossenen Angeboten erscheinen. Hierbei ist vonseiten der Mitarbeiter_innen ein „sehr aufgeschlossen[er, S. H.-B.], klar[er, S. H.-B.] und freundlicher“ (N13:41) Empfang gekoppelt mit einer klaren Abwägung, ob an dieser Stelle Flexibilität angebracht ist oder nicht (B28:8, N07:28). Flexibilität ist auch erforderlich, wenn unvorhergesehene Rahmenbedingungen eine Änderung der Räume oder des Angebots erfordern (B36:13). Diese Flexibilität wird von den Familien geschätzt (B29:19, P04:21, P07:80). Durch solch ein zuvorkommendes Agieren erfahren die Nutzer_innen Wertschätzung (P22:103). Im Familienzentrum Mehringdamm wird dies durch das Loben von Kindern am Kreativtisch oder auch im Rahmen der Teamsitzung bei der Auswertung einer Beobachtung eines Kindes, wobei ausschließlich die Stärken hervorgehoben werden, deutlich (B04:14, B05:27). Die Beobachtung nach dem Early- Excellence-Ansatz im offenen Bereich durch die Mitarbeiterinnen wird ebenfalls als Wertschätzung von diesen erlebt (B05:30). Der Aufenthalt in den Familienzentren ist insbesondere durch die methodischen Elemente der ‚Ansprache ohne Problemfokus‘, des ‚Interessierten Zuhörens und Nachfragens‘, des ‚Situationsbezugs‘, der ‚Beobachtungen‘, des ‚Aktiven Einbeziehens‘, der ‚Prozessgestaltung‘ und der ‚Aufmerksamen Flexibilität‘ gekennzeichnet. Diese methodischen Elemente ermöglichen ein Willkommen heißen der Nutzer_innen. Durch neugieriges Nachfragen lernen die Mitarbeiter_innen die Nutzer_innen kennen, erfahren etwas über deren Alltag, bauen Vertrauen auf und identifizieren mögliche Unterstützungsbedarfe. Darüber hinaus gestalten die Mitarbeiter_innen im Familienzentrum so einen Ort, an dem die Nutzer_innen eine wertschätzende alltagsorientierte Unterstützung erhalten, die den aktuellen Bedürfnissen entspricht. Die beschriebenen Elemente der Prozessgestaltung bieten dafür ressourcenorientierte Anknüpfungspunkte. 217 Abb. 26: Methodisches Handeln im Kontext der Aufenthaltsgestaltung im Familienzentrum An diese zentralen methodischen Elemente der Aufenthaltsgestaltung anschließend wird nun das methodische Prinzip der ‚Richtungsgestaltung‘ näher erläutert. 4.2.3 Richtungsgestaltung Ein weiteres identifizierbares Arbeitsprinzip auf der Ebene des methodischen Agierens kann unter dem Begriff ‚Richtungsgestaltung‘ zusammengefasst werden. Im Verständnis des Aufzeigens verschiedener Richtungen werden im Folgenden die Formen und Elemente der Beratung sowie das Überleiten näher beschrieben. 4.2.3.1 Beratung Die Mitarbeiter_innen in den Familienzentren fungieren für die Familien als Ansprechpartner_innen für Fragen und Probleme (P20:146, P21:44). Wie bereits dargestellt, werden in den Familienzentren unter der strukturellen Perspektive verschiedene Beratungen angeboten, in denen Nutzer_innen ihre Fragen anbringen können. Oftmals wenden sich die Nutzer_innen aber nicht zu festgesetzten Zeiten im Rahmen eines Beratungsangebots an die zuständigen Akteure, sondern vielmehr im Tagesverlauf nebenbei. Solche unplanbaren Situationen erfordern eine hohe 218 Sensibilität und ein professionelles Reagieren der Mitarbeiterinnen (P22:85). Ein von den Familienzentren beschriebenes Ziel umfasst die Stärkung der Familien. Somit liegt in den Arbeitsaufgaben der Mitarbeiter_innen begründet, den Familien Gesprächsbereitschaft für den Bedarfsfall zu signalisieren, in dem Wissen, dass es auch Familien gibt, die sich einfach nur ohne „pädagogischen Kommentar“ (P22:97) treffen wollen. Die räumliche Aufteilung der Mitarbeiter_innen im Familienzentrum gewährleistet eine gegenseitige Unterstützung in solch einer spontanen Beratungssituation (P21:46). Durch das Erinnern der Mitarbeiter_innen an besprochene Themen und das diesbezügliche Nachfragen können sich Gesprächsbedarfe heraus kristallisieren (B27:19). Während eines Ausfluges des Müttersprachkurses erzählt ein 17-jähriges Mädchen, wie sie vier Jahre zuvor von Istanbul nach Berlin kam. Mittlerweile habe sie sich eingelebt, spricht die deutsche Sprache und fragt nach den Voraussetzungen, um Deutschlehrerin zu werden. Daran anknüpfend informiert die Kursleiterin über notwendige Abschlüsse für diesen Beruf. Es entwickelt sich eine Beratung zur beruflichen Orientierung (B24:23f). Insbesondere aus der Perspektive der Familien sind solche spontanen Beratungssituationen unterstützend. „Sie hat mich auch richtig beraten, wenn mal etwas war, dann ist sie immer ganz vorsichtig an die Sache ran gegangen und ohne, dass sie die Mutter oder die Eltern dabei verletzt“ (N05:25). Grundlegend ist sicherlich auch die Gestaltung des jeweiligen Beratungsangebots. Im Familienzentrum Mehringdamm wird eine soziale Beratung insbesondere für die Unterstützung beim Ausfüllen von Anträgen zu einem festen, im Programm angegebenen Zeitpunkt angeboten. Durchgeführt wird dieses Beratungsangebot von einer Frau türkischer Herkunft im offenen Familiencafébereich (B04:18). Mittlerweile sitzt eine Gruppe von Frauen, zumeist mit einem türkischen Migrationshintergrund, an diesem Tag zusammen (PN02:34). „Die haben auch mitgekriegt, es hilft wirklich mit jemandem darüber zu reden […], aber mit wem man darüber reden kann, da war am Anfang immer die Vorsicht […]. ‚Könnte das was mit dem Jugendamt zu tun haben oder erzählt sie das weiter?‘ “ (PN02:59). Entsprechend klärt sie die Frauen über die Funktion des Jugendamts auf. Wenn eine Frau einen Beratungsbedarf signalisiert, klärt sie eingangs, ob dies dort im Familiencafé, in einem abgeschlossenen Raum oder draußen auf der Straße geführt werden soll (B04:19, PN02:47). Teilweise ist auch ein akutes Reagieren notwendig, bspw. wenn eine Frau ein blaues Auge hat (PN02:61). Im Familienzentrum Waldemarstraße nutzen insbesondere Frauen mit Migrationshintergrund die fest im Programm verankerten Beratungsangebote. „Ca. 60 % unserer Besucherinnen haben türkischen Hintergrund“ (P03:89). Hierbei stehen erst formale Themen und konkrete Anliegen im Vordergrund. „Und da kommen beim zehnten Mal dann auch die anderen Probleme neben den Papieren, die man ja zugeben darf“ (P03:90). Im Familienzentrum HAUS wurden wiederholt Informationsabende für Eltern bezüglich des Computerumgangs von Kindern angeboten. Diese wurden nicht genutzt. Allerdings stellte sich heraus, dass Eltern verstärkt während ihres Aufenthalts im Familienzentrum grundsätzlich an dem 219 Thema interessiert waren und ihre Fragen nebenbei angebracht haben (B20:19). Somit wird hier der Bedarf an einer flexiblen, kurzzeitigen Beratung in Abgrenzung zu einem festen Angebot deutlich. Ein weiterer Ort, an dem viele Fragen angebracht werden, sind die verschiedenen Eltern-Kind-Gruppen und Bildungsangebote. Dies können Fragen zur Entwicklung des Kindes, zum Schlafen, zur Ernährung, zu individuellen Überforderungssituationen mit Kindern oder zu alltagspraktischen Unterstützungen beschrieben werden (P09:29, P19:121, B11:24f, P09:67). Es ist wichtig, in der konkreten Situation den Familien offen zu begegnen, zuzuhören und Rückmeldungen zu geben (P19:100ff). „Meine Aufgabe ist es, Kinder und Eltern zu begleiten in dem Geschehen, ein offenes Ohr zu haben, zu versuchen, Lösungsvorschläge für das alltägliche Leben oder Probleme, die gerade da sind, versuchen auszuhelfen“ (P08:35). Teilweise werden solche Fragen auch im Team besprochen (B05:39f). Des Weiteren ergeben sich viele Gesprächsanlässe beim gemeinsamen Vorbereiten, Zubereiten und Kochen in der Küche im Rahmen fester Angebote (B28:23, P19:30, P18:140). Insbesondere in den Gruppen scheint aufgrund der festen Gruppenstruktur und dem dadurch bedingten Kennen untereinander ein offener Raum geschaffen zu werden, der Beratungsfragen einbringen lässt (B09:23, B11:14). Auch in den Müttersprachkursen werden in der methodischen Gestaltung von Arbeitsaufgaben Situationen inszeniert, die für den lebensweltlichen Alltag der Familien relevant sind. „Wir thematisieren auch Alltagsleben. ‚Das Jobcenter hat geschrieben, was soll ich tun?‘ Oder: ‚Kannst du mir mal einen Brief schreiben?‘ “ (P04:102). Wie die verschiedenen Beispiele verdeutlichen, bedarf es hinsichtlich der Beratungsangebote einerseits einer Vielzahl an unterschiedlichen Zugängen, um auf vielen Wegen Zugangswege anzubieten. Darüber hinaus bedarf es aber auch im weiteren Beratungsverlauf einer großen Flexibilität. „Das Konzept entwickelt sich auch mit den Menschen […], und das Vertrauen an die Beraterinnen ist da, dass die das schon richtig machen“ (P03:87). Ein im Kontext dieser verschiedenen Beratungssituationen eingesetztes Element ist der Perspektivwechsel. Dieser wird oftmals in dialogischen Situationen durch das Darstellen anderer Standpunkte angeregt (PN02:50, B24:23, B29:18). Im Familienzentrum Menschenskinder berichtet eine Mutter über einige Gespräche, die sie im Vorfeld der Geburt ihres zweiten Kindes im Familienzentrum geführt hat. Darin wurden Geschwisterbeziehungen und die Reaktionen der älteren Kinder auf ihr neues Geschwisterkind hinsichtlich einer möglichen Abgrenzung thematisiert. Sie sagt, dass sie oft an diese Gespräche denken muss und diese positiv bewertet, da sie diese Reaktion aktuell beobachtet (B37:19). Perspektivwechsel anzuregen wird einerseits durch die Gesprächsrichtungen der Mitarbeitenden möglich (B34:19). Andererseits nehmen die Mitarbeitenden eine Moderationsfunktion ein, wodurch andere Familien ihre Ansichten einbringen und somit auch einen Perspektivwechsel offerieren. Demnach ist es nicht immer hilfreich, wenn die Mitarbeitende „aus 220 seinem eigenen Nähkästchen plaudert und sagt: ‚Probier’s so, probier’s so‘, sondern […] dass man diese Frage an andere Eltern, die anwesend sind, auch weitergibt“ (P15:55). Im Familienzentrum Mehringdamm ergeben sich im offenen Familiencafé oftmals Situationen, in denen die Mitarbeitenden mit den Familien über ihre Beobachtungen des Kindes ins Gespräch kommen (B10:14f, B15:11, PN02:66ff). Ein Beispiel: Am Kreativtisch im Familiencafé setzt sich ein kleiner Junge an den Tisch und beginnt, die Stifte auszuräumen, teilweise auf den Boden zu werfen und wieder einzuräumen. Die Mutter sagt, dass er damit aufhören soll, und fängt an, die Stifte wieder einzuräumen. Daraufhin meint die Mitarbeitende des Familienzentrums, den Jungen ruhig weiter ausräumen zu lassen, möglicherweise fängt er an zu malen, wenn alle Stifte ausgepackt sind und auf dem Tisch liegen. Es sei wichtig, den Kindern verschiedene Anregungen zu geben, sodass diese dann nach ihren Interessen entscheiden können (B15:18f). Neben diesem Perspektivwechsel werden der Mutter zugleich Informationen über die verschiedenen Entwicklungsstufen von Kindern angeboten. In den Interaktionen in den festen Gruppen sind Perspektivwechsel ebenfalls zentral. In der Gruppe ‚Zusammen aufwachsen‘ im Familienzentrum Mehringdamm ist dies zugleich ein grundlegendes methodisches Element. „Die Kinder können sich selbst aussuchen, mit was sie spielen, und wir haben dann immer pro Gruppe, pro Treffen eine Beobachtungseinheit von zehn Minuten, und dann tauschen wir mit den Eltern aus, was wir beobachtet haben“ (P01:29). Gleichzeitig werden in dieser Gruppe die teilnehmenden Eltern auch an pädagogische Hintergrundinformationen herangeführt (P01:30). Aber auch in anderen Eltern-Kind-Gruppen ergeben sich immer wieder Situationen, in denen Perspektivwechsel angebracht werden (P19:68). Wie in dem Bewegungskurs für Kinder, an dem teilweise auch die Eltern teilnehmen und befürchten, dass ihr Kind von einem hohen Kasten herunterfällt. „Das ist wichtig, weil ihr habt die Kinder nicht ständig im Blick, und wenn ihr auf dem Spielplatz seid, die Kinder müssen es ja lernen und Selbstvertrauen und Mut, und den Kindern was zutrauen“ (P19:57). Insbesondere hinsichtlich der Entlastung der Familien kann es hilfreich sein, verschiedene Bedürfnisse transparent zu machen. So steht eine Mitarbeitende beim Eltern-Kind-Frühstück mit den ersten Kindern auf, da diese nicht lange ruhig auf ihrem Stuhl sitzen möchten. Aufgrund dieser verschiedenen Bedürfnisse, die die Mitarbeiter_innen im Blick haben, können durch solche Interventionen situationsbezogene Entlastungen initiiert werden, um auf der Erlebensseite Perspektivwechsel vorzuleben (P20:57ff). Im Familienzentrum HAUS wird das gemeinsame Kochen in der Familienküche auch dazu genutzt, über das Einkaufsverhalten von regionalen Lebensmitteln zu berichten (B17:37). Daraus entwickelt sich ein Gespräch über gesunde Ernährung (B17:36). Auch hier wird das methodische Element der Mitarbeitenden in der Übernahme der Moderation und dem dadurch bedingten Einbezug aller Teilnehmenden deutlich (B18:30, N06:40, N11:24, P11:50). 221 Es wird klar, dass insbesondere in solch flexibel entstehenden Beratungskontexten die zentralen bereits beschriebenen Elemente des interessierten Zuhörens und Nachfragens einen wichtigen Stellenwert einnehmen, um das jeweilige Thema zu identifizieren. Zu Beginn des Beratungsgespräches kann es zudem erforderlich sein, die Rolle der Mitarbeiter_innen und den Vertrauenskontext zu klären. Unterstützt durch emphatische, wertschätzende Rückmeldungen, Bestärken und erforderliche Informationen fühlen die Nutzer_innen sich angenommen und unterstützt. Dabei können auch Perspektivwechsel einen wichtigen Stellenwert einnehmen. Abb. 27: Formen und Elemente von Beratung im Familienzentrum Entsprechend dieses beschriebenen methodischen Beratungsvorgehens kann es erforderlich sein, die Nutzer_innen an weitere Akteure überzuleiten. Dies wird im Folgenden näher ausgeführt. 4.2.3.2 Überleiten Das Überleiten in bedarfsentsprechende Angebote ist ein zentraler Aspekt des Arbeitsprinzips ‚Richtungsweiser‘, der in den vier untersuchten Familienzentren deutlich wird. Überleiten kann dabei differenziert werden in Angebote innerhalb des Familienzentrums sowie in Angebote von Kooperationspartner_innen. Dies wird nun näher erläutert. Grundlegend für das Überleiten in weitere Angebote des Familienzentrums ist eine aufmerksame, interessierte Kommunikation mit den Nutzer_innen im Familienzentrum. Dabei wird auf aktuelle Angebote hingewiesen (B33:7, B15:17). Im offenen Bereich sind „wir Mitarbeiterinnen bspw. oft im Gespräch, wo wir überleiten in andere Angebote“ (P01:44). Dieses Nachfragen und Überleiten ist insbesondere wichtig, weil durch die jeweiligen Angebote unterschiedliche Nutzer_innen 222 angesprochen werden und nicht von vornherein klar ist, welches Angebot oder welcher Rahmen zu welcher Familie passt (P01:77, P09:46, P20:43, N01:99, B16:19, B14:25). Darüber hinaus kann in solchen Gesprächen der jeweilige individuelle Bedarf eruiert werden. Ein inoffizieller Austausch oder die Gründung einer neuen Gruppe können ebenfalls angemessene erforderliche Kontexte sein. Ein Wissen über die verschiedenen Angebote ermöglicht eine bedarfsgerechtere Entscheidung (B05:36, (P21:12, P03:83, P04:65). „Das war eine Mitarbeiterin, die mich darauf aufmerksam machte, dass es so etwas gibt“ (N06:23). Die Nutzer_innen bewerten es positiv, von solchen Projekten zu erfahren (N07:57f, B28:24). Teilweise nehmen sie sich extra Zeit, um von neuen Projekten zu erfahren (B27:13). Ausstellungen und Präsentationen einzelner Projekte dienen ebenfalls dem Nachfragen von Angeboten. Die Situationsbücher der durchgeführten Beobachtungen und der individualisierten Angebote werden im offenen Bereich ausgelegt, wodurch auch andere Eltern nachfragen, wann und ob es denn für ihr Kind auch so ein Buch geben kann. Dann wird den Eltern der Ansatz dahinter erklärt und manche lassen sich darauf ein. Dies bedeutet auch, dass die Eltern dann öfter kommen müssen, „das muss auch in ihren Tagesablauf passen und das passt nicht bei allen“ (P01:32). Zusammenfassend kann gesagt werden, dass im Rahmen eines ersten Zugangs zum Familienzentrum sich Situationen ergeben, in denen von weiteren Angeboten berichtet und bedarfsentsprechend übergeleitet werden kann (B20:22, B28:9, P18:99f, B29:11, P14:121f, B09:24, P07:69f). „Also das, was sie wirklich brauchen, ist so ein Zugang, so ein erster“ (P03:67). Somit steht auch hier wiederum das zugrunde liegende Interesse im Vordergrund. „Hier ist es schon wichtig, dass man ein Programmheft macht oder kleine Zettel“ (P12:92f), um mit den Familien auch einen Gesprächsaufhänger zu haben. Zudem werden gezielt Familien angesprochen, ob sie an einem konkreten Angebot teilnehmen möchten (B09:25). Wenn der Erstkontakt gelungen ist und die Familien ein Angebot besuchen, entsteht daraus auch zumeist die Nutzung eines weiteren Angebots (P05:98, PN01:19, PN02:93). „Ja, zu Aerobic. Oder die, die Kleinkinder haben, kamen dann zur Spielgruppe mittwochs. Und eine Frau hatte hier auch über Wellcomeprojekt12 oder so, Kleiderkammer, oder sie bringen ihre Sachen und nähen dann selber. Und wie gesagt, wenn die Mädchen haben, Töchter haben, dass die dann auch hier herkommen“ (P07:65). Solche Personen sind dann wichtig, weil sie viele andere Personen kennen und dann von den verschiedenen Angeboten berichten können (PN01:40f). Da die Honorar- und ABM-Kräfte ebenfalls als Ansprechpartner_innen fungieren, müssen auch diese einen Überblick über die Angebote haben (B29:8, P19:122). Neben dem Überleiten an weitere Angebote im jeweiligen Familienzentrum ist das bedarfsentsprechende Vermitteln an Kooperationspartner_innen zentral. Grundlegend hierfür ist die in dem vorangegangenen Kapitel zur Beratung beschriebene 12 Wellcome ist ein Projekt, in dem Ehrenamtliche junge Familien in herausfordernden Lebenslagen kurz nach der Geburt eines Kindes unterstützen. 223 Tatsache, dass die Mitarbeiter_innen nicht alles wissen müssen, sondern bei Bedarf an entsprechende Kooperationspartner_innen weitervermitteln (P07:47). „Man muss nicht alles wissen, aber ich muss wissen, wo kann sie Hilfe bekommen, und wohin kann ich sie weitervermitteln“ (P09:47). Dies beinhaltet die Notwendigkeit eines Wissens um die verschiedenen Angebote und Möglichkeiten in einem Stadtteil (P22:86, B05:38). Insbesondere bei spezifischen Fragestellungen wird gemeinsam recherchiert, was es im „Umkreis an Einrichtungen oder Vereine, Institute gibt, wo man sagen kann, die sind jetzt speziell auf diese Sachen“ (P13:20) spezialisiert. Somit wird eine passgenaue Unterstützung ermöglicht, die von den Familien sehr geschätzt wird (P13:22, N06:92). Dieses Weitervermitteln ist auch wichtig bei Familien, die eher als schüchtern, zurückhaltend und möglicherweise als schwer erreichbar beschrieben werden. Hierbei ist wiederum diese persönliche Empfehlung entscheidend (PN02:55). Teilweise werden in den Kursen weitere Akteure eingeladen, um aus ihrem Handlungsfeld und von ihren Angeboten zu berichten (P04:93, P03:80, P04:138f). „Wenn eine Mutter fragt: ‚Mein Kind interessiert sich für Fußball‘, sie weiß nicht genau, wo sie sich wirklich, wo sie das Kind, das Mädchen anmelden kann, und dann geben wir halt Wege, zeigen, sagen einfach: ‚Ja, du könntest das Kind dort melden‘ “ (P21:104). Je nach Anliegen und Bedarf werden die Familien entsprechend weitervermittelt (P05:137). Im Familienzentrum HAUS wird ebenfalls zu unterschiedlichen Momenten deutlich, dass von den vielfältigen Angeboten im Familienzentrum sowie den Veranstaltungen im Stadtteil berichtet wird (B17:22). Dadurch werden die Familien angeregt, ihren Stadtteil durch solche Veranstaltungen kennenzulernen (B17:23). Des Weiteren ist es unterstützend, das Berichten über die Angebote mit einem Flyer zu veranschaulichen. „Da liegen ganz viele, aber trotzdem bist du nicht überall am Gucken. Und gestern haben den zwei Mütter mitgenommen, weil wir davon erzählt haben, dass die Person, die das durchführt, bei uns war und das Projekt hier vorgestellt hat, und dass wir das ganz toll fanden“ (P22:133), berichtet eine Mitarbeiterin aus dem Familienzentrum Menschenskinder. „Manchmal, wenn ich mit einer Mutter rede und dann frage, wie es ihr so geht, dann fängt sie an: ‚Ach ja, mein Freund, mein Kind macht gerade Stress und ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll.‘ Dann versuche ich halt, mein Wissen ein Stück weit weiterzugeben. Wenn ich merke, das braucht mehr Zeit, dann sage ich, dass wir im Haus auch eine Erziehungs- und Familienberatung haben. Dass man sie darauf aufmerksam macht“ (P08:49). Die Kooperationspartner_innen sind in den Familienzentren sehr unterschiedlich. Zentral können für diese vier Familienzentren Kooperationspartner_innen mit Beratungsangeboten beschrieben werden. Für das Familienzentrum Mehringdamm liegt eine wichtige Überleitung von Familien in die gelbe Villa, in der insbesondere Angebote für ältere Kinder, die die Schule besuchen, umgesetzt werden. Da die gelbe Villa fußläufig erreichbar ist, kann dies insbesondere für Familien mit mehreren Kindern interessant sein (B01:26, PN02:69). 224 In diesem Kapitel wurde deutlich, dass das methodische Handeln und die darin verankerten Techniken und Verfahren der professionellen Akteure einen zentralen Stellenwert einnehmen, um der Arbeit in einem Familienzentrum gerecht zu werden. Diese reichen von der Empfangs- über zur Aufenthaltsgestaltung bis hin zur weiteren Richtungsgestaltung. Dabei sind die einzeln beschriebenen methodischen Prinzipien nicht unbedingt in dieser chronologischen Reihenfolge voneinander abgrenzbar, sondern erfordern vielmehr eine kontinuierliche Flexibilität und Transparenz der professionellen Akteure. Im dritten Abschnitt der Ergebnisdarstellung der empirischen Untersuchung wird nun der Nutzen der Familienzentren beleuchtet. 4.3 Was ist der Nutzen der Familienzentren? Neben der konzeptionell-strukturellen und methodischen Beschreibung der Familienzentren liegt dieser empirischen Erhebung die Frage nach dem Nutzen derselben zugrunde. Grundsätzlich kann an dieser Stelle festgehalten werden, dass die in dieser empirischen Untersuchung befragten Nutzer_innen aller vier untersuchten Familienzentren beabsichtigen, diese auch zukünftig zu nutzen. Diese Kontinuität wird auch durch die teilnehmenden Beobachtungen und Aussagen der professionellen Akteure ersichtlich (B33:12, N13:31, B21:12, B28:11, N06:99, P18:134, B09:31, P07:80, N06:16, P18:18). „Erst mal finde ich es toll, dass es hier überhaupt so etwas gibt“ (N09:42). Daneben zeigen verschiedene Sequenzen, dass sich die Nutzer_innen bei Mitarbeiter_innen der Familienzentren bedanken, bspw. am Ende eines Bildungsangebots mit einem Blumenstrauß (P20:56) oder durch Nachfragen: „Viele Frauen, wenn sie mich sehen: ‚Ah, wo bist du denn? Wir warten auf dich “ (PN02:33). Somit wird allein auf Grundlage dieser Aussage deutlich, dass der Besuch des jeweiligen Familienzentrums den Nutzer_innen etwas ‚bringen‘ muss. Entsprechend wird nun im folgenden Abschnitt der Fragestellung nachgegangen: Was ist der Nutzen der Familienzentren? Dabei lassen sich Nutzenaspekte im Hinblick auf die Stadtteilgestaltung, den Jugendhilfekontext und die Familienunterstützung identifizieren. 4.3.1 Stadtteilgestaltung Durch die Befragten wird neben einem Nutzen für die verschiedenen Akteure in den Familienzentren zudem ein Nutzen für den Stadtteil deutlich. Dieser bezieht sich in allen vier Familienzentren auf die Gestaltung eines familienfreundlichen Stadtteils (P09:29). Die Nutzer_innen erleben, dass im Stadtteil das Thema ‚Familie‘ wichtig ist. Dies wird zum einen mit der Existenz der Familienzentren begründet. Zum anderen erfahren die Nutzer_innen in den Familienzentren von vielen weiteren Angeboten für Familien im Stadtteil und von Kooperationspartner_innen. Diese vielfältigen Angebote spiegeln ein Interesse an Familien wider. Dies bestärkt Nutzer_innen, dort weiterhin wohnen zu bleiben (P09:94). „Für diesen Bezirk, diesen Stadtteil, ist es eine richtige Anlaufstelle“ (PN01:73). Des Weiteren ermöglichen die Familienzentren, dass Familien sich im Stadtteil begegnen, also dass die 225 Nachbarn sich kennenlernen (P09:98, PN03:77, P14:175). Durch die konzeptionelle Gestaltung der Familienzentren werden Begegnungen ermöglicht. Das Sehen und erste Gespräche verschiedener Nutzer_innen im Familienzentrum tragen dazu bei, dass sie sich auf der Straße wiedererkennen, grüßen und ansprechen. Andere Nutzer_innen, die sich aufgrund der wohnortlichen Nähe vom Sehen her kennen, kommen im Familienzentrum ins Gespräch. Dies unterstützt ebenfalls eine Verbundenheit der Familien mit dem Stadtteil. Für eine Frau ist dies ein wichtiges Kriterium, im Stadtteil zu bleiben. „Wenn wir dann wegziehen, dann weiß ich auch nicht, was das bedeutet“ (PN01:75). Demnach besteht ein Nutzen für den Stadtteil in dem Erhalt und der Förderung nachbarschaftlicher Strukturen und dem dadurch bedingten Wohlbefinden der Familien. Der Nutzen der Stadtteilgestaltung wird zudem durch die Vernetzung von Angeboten und der Installation von Netzwerkrunden professioneller Akteure rund um die Themen der Familien bestärkt (P21:28). Dies umfasst Akteure wie Kitas, KJGD, Schule, Jugendamt und viele weitere. Durch den regelmäßigen strukturierten Austausch dieser Akteure können einerseits bedarfsentsprechende Angebote für Familien entwickelt werden. Andererseits trägt diese grundlegende Infrastruktur dazu bei, dass Familien im Bedarfsfall aufgrund des bestehenden Wissens übereinander schnell unterstützt werden können. Dies wiederum ist ein weiteres, wichtiges Kriterium für einen familienfreundlichen Stadtteil (P18:92). Die Familienzentren zeichnen sich dadurch aus, dass Möglichkeiten der Begegnung, Bildung und Beratung vorbehalten werden, die sich im Konkreten an den Bedarfen des Stadtteils orientieren und je nach Bedarf von den Familien entsprechend genutzt werden können (J_03:23, P22:69, B04:7, P21:36). 4.3.2 Jugendhilfekontext Neben der Stadtteilgestaltung wird zudem ein Nutzen im Jugendhilfekontext auf verschiedenen Ebenen identifizierbar. Als sehr zentral beschreiben die professionellen Akteure, dass die Nutzer_innen im Familienzentrum Kenntnis über die Aufgaben des Jugendamts erhalten. Nach wie vor scheinen einige Nutzer_innen zu befürchten, dass aufgrund der Suche nach Unterstützung beim Jugendamt von diesen die Kinder aus der Familie herausgenommen werden (J02:77). „Man hatte nur im Prinzip im Kopf, das Jugendamt ist dafür da, um die Kinder wegzunehmen. Aber wie viele Hilfsmöglichkeiten es vom Jugendamt, also die positive Seite, die haben wir nicht erkannt“ (PN03:41). Daher ist es wichtig, den Familien die Aufgaben eines Jugendamts zu vermitteln und gleichzeitig die bestehenden Ängste zu nehmen (J02:79). Gesprächsanlässe für solche Informationen bieten sich bei Fragen nach der Finanzierung des Familienzentrums oder im Austausch über die Kenntnis über das Familienzentrum an (N14). Viele Nutzer_innen erfahren beim Erstbesuch des Kinder- und Jugendgesundheitsdienstes vom Familienzentrum, wodurch auch ein Anknüpfungspunkt über die Aufgaben des Jugendamts gegeben ist (N14:39ff, PN03:42ff). 226 Des Weiteren wird das Familienzentrum als ein niedrigschwelliges, präventives Angebot betrachtet. Insbesondere durch Kooperationen mit dem regionalen Sozialen Dienst des Jugendamts können bedarfsentsprechende Themen einer Region aufgegriffen werden (JA02:25). Daneben installieren Familienzentren gezielt Angebote, um Familien zu erreichen, „die nicht mal in solche Häuser kommen würden“ (P12:74). Aufgrund des meist vorhandenen Kontakts vom Kinder- und Jugendgesundheitsdienst oder Hebammen zu diesen Familien übernehmen diese den Erstzugang. Durch die Teilnahme an Eltern-Kind-Bildungsangeboten wie PEKiP oder FuN-Baby kann möglicherweise einer Familienhilfe vorgebeugt werden (P12:78). Zudem sind auch konkrete Kooperationen bzw. Übergangsgestaltungen mit weiteren Angeboten der Kinder- und Jugendhilfe möglich. Im Gebäude des Familienzentrums Mehringdamm ist im ersten Stock die Erziehungs- und Familienberatungsstelle des Bezirks ansässig. Durch diese kurzen Wege können Modelle entwickelt werden, wie bspw. die Fortführung von Treffen zweier Elternteile mit dem Kind nach einem begleiteten Umgang in den öffentlichen und doch geschützten Räumen des Familienzentrums (B05:42f, B26:16, P20:97). Gleichzeitig kann es für die Kontaktaufnahme mit dem Jugendamt unterstützend sein, wenn die Familien die zuständige Mitarbeiterin im Familienzentrum bereits gesehen haben (PN01:62). Des Weiteren fragen Eltern Kooperationen oder weitere Angebote im Familienzentrum gezielt nach. Eine Mutter hätte im Familienzentrum HAUS gern ein hortähnliches Betreuungsangebot nach der Schule, da sie mit dem in der Schule nicht zufrieden sei. Zudem geht ihr Sohn gerne in das HAUS (B27:18). In drei Familienzentren gibt es Kooperationen mit Tagesmüttern, die entweder eine offene Eltern-Kind-Gruppe oder die Räume des offenen Bereichs im Familienzentrum nutzen (B03:21). Das Familienzentrum Menschenskinder wurde bspw. von jungen Müttern einer Wohngruppe genutzt. Hierfür gab es eine gezielte Vereinbarung zwischen den Trägern (P22:145). Es wird deutlich, dass die Kooperationen bzw. Übergänge mit anderen Bereichen der Kinder- und Jugendhilfe sich sehr synergetisch bedarfsentsprechend gestalten. Durch solche flexiblen Strukturen können Nutzer_innen passgenauer mit Angeboten unterstützt werden. Darüber hinaus werden für die Nutzer_innen niedrigschwellige Ermöglichungs- und Ausprobierkontexte entwickelt und gestaltet. 4.3.3 Familienunterstützung In diesem Abschnitt werden die verschiedenen Nutzendimensionen beschrieben, die für die Nutzer_innen deutlich werden. Im Konkreten wird einleitend die Nutzungsintensität beschrieben. Daran anschließend folgt die Darstellung der zentralen Nutzenaspekte Entlastung, Alltagsgestaltung und Individualentwicklung. 4.3.3.1 Nutzungsintensitäten Ein Indikator für den Nutzen kann in der Nutzungsintensität gesehen werden. In den empirischen Daten werden verschiedene Aussagen zur Intensität der Nutzung der Familienzentren durch die Familien beschrieben. Zumeist besuchen die befrag- 227 ten Nutzer_innen ein Familienzentrum. Einige wenige nutzen mehrere Familienzentren. Darunter sind auch MAE-Kräfte zu nennen, die insbesondere in der Freizeit andere Familienzentren besuchen. Aus Sicht des Jugendamts ist dies durchaus positiv zu bewerten aufgrund der Tatsache, dass die Nutzer_innen dadurch ihren unmittelbaren Stadtteil verlassen und andere Gegenden kennenlernen (J03:52). Für die Familienzentren Menschenskinder und Mehringdamm wird beschrieben, dass viele Nutzer_innen sowohl verschiedene Angebote als auch den offenen Bereich des Familienzentrums nutzen (B33:9, B35:7f, N12:36, PN02:37). So gibt es Nutzer_innen, die „fast jeden Tag“ (B34:11, N01:61) kommen, andere „zweimal, manchmal dreimal die Woche“ (N14:28). Eine Mutter beschreibt: „Ich würde jeden Tag kommen, aber ich schaff das nicht mit dem Haushalt, und wenn die dann noch Hausaufgaben haben, dann ist das schon ein bisschen stressig“ (N12:29). Daraus ergibt sich, dass „die Umgebung schon sehr gewohnt“ (N01:91) für die Familien ist. Andere Nutzer_innen, schauen kurz rein und gehen dann wieder (B34:15, N13:48). Insbesondere durch das Knüpfen erster Kontakte und daraus resultierender Verabredungen kann sich die Nutzungsintensität erhöhen (B33:12, N12:36, PN02:37). Im Familienzentrum Mehringdamm nutzen viele Eltern und Großeltern mit Kindern insbesondere im Kitaalter das offene Familiencafé am Nachmittag (B04:6, B06:14, B04:27, B10:9, B15:10). Teilweise besuchen die Familien seit mehreren Jahren das Familienzentrum (N12:13). „Es gibt Familien, die kennen sich, also die kommen jahrelang her. Schon bei dem ersten Kind und bei dem zweiten Kind usw. Das sind solche Stamm-Eltern“ (P21.30). Für die Besuche mit jüngeren Kindern werden vermehrt die Vormittage genutzt (N12:15, N02:26). Des Weiteren gibt es Nutzer_innen, die regelmäßig Beratungsangebote in Anspruch nehmen (B26:11). Die Nutzung des offenen Familiencafés scheint nach Aussage der Befragten wetterabhängig zu sein. Bei schönem Wetter werden vermehrt Spielplätze und Parks aufgesucht (N10:17), bei Regen eher das Familienzentrum (P19:119). Dies kann dazu führen, dass die Einrichtungen teilweise sehr voll sind (P08:25). Bezüglich der Nutzungsintensität wird von den Befragten der Familienzentren Mehringdamm und Menschenskinder beschrieben, dass der passende Zeitpunkt für die Nutzung wichtig ist. Eine Mutter berichtet, dass ihr Sohn in den ersten Monaten viel schlief und sie daher kein Angebot besuchte (N14:55). Eine andere beschreibt, dass sie sich bei ihrem ersten Besuch mit ihrem drei Monate alten Kind und einer Freundin nicht wohlgefühlt hat, da solch ein öffentlicher Raum für sie noch nicht passend war (N02:18f). Mit ihrem fast einjährigen Sohn besuchte sie das Familienzentrum ein weiteres Mal (N02:20). „Und jetzt sind wir mindestens zwei Mal die Woche hier“ (N02:24). Demnach ist der individuelle passende Zeitpunkt wichtig und entscheidend für die Nutzung der Familienzentren, insbesondere in den ersten Monaten, wenn der Schlaf- und Essensrhythmus der Kleinen noch vordergründig ist (N10:46). Hierbei wird einmal mehr die Notwendigkeit einer offenen Struktur zur individuellen Nutzung durch die Familien deutlich (N10:28). 228 Im Familienzentrum HAUS gestaltet sich die Nutzung aufgrund des Rahmenangebots etwas anders. Vormittags finden im HAUS insbesondere Projekte für Schulklassen statt, wobei teilweise die Kinder das Familienzentrum bereits kennen (B20:12). Daneben werden auch Eltern-Kind-Gruppen angeboten. In der Nachmittagszeit wird das Familienzentrum aufgesucht, wenn die Kinder Kurse und Angebote besuchen (B27:13, N06:20). Die Eltern treffen sich während der Kurszeit im Elterncafé. Daraus ergibt sich ebenfalls eine häufigere Nutzung des Familienzentrums (PN04:44, P11:22). Die Angebotsstruktur des Familienzentrums Waldemarstraße ist primär geprägt durch verschiedene Angebote, da aufgrund der räumlichen Gegebenheiten kein frei zugänglicher offener Cafébereich vorhanden ist. Dafür werden Angebote bereitgehalten, die durch eine offene Struktur ohne erforderliche Anmeldung gekennzeichnet ist. Somit sind auch hier einige Stammbesucher sowie Nutzer_innen, die mehrere Angebote nutzen, identifizierbar (B11:13, N05:31, B11:17, N04:15ff, N05:40). „Alle Kurse sind sehr gut besucht“ (P13:69). In der folgenden Abbildung sind diese Nutzungsintensitäten noch einmal zusammen gefasst. Abb. 28: Nutzungsintensitäten in den Familienzentren 4.3.3.2 Entlastung Entlastung durch den Besuch eines Familienzentrums zu erfahren, ist der am häufigsten in der empirischen Untersuchung benannte Nutzen. Die Aussagen lassen sich in eine räumliche, materielle und individuelle Entlastung unterscheiden. Diese werden im Folgenden näher beschrieben. Räumliche Entlastung Die Raumnutzung in den Familienzentren wird als zentraler entlastender Nutzen wahrgenommen und in allen vier untersuchten Familienzentren deutlich. Raumnutzung meint in diesem Kontext das Aufhalten in den Räumlichkeiten des Familienzentrums. Entsprechend der individuellen Bedarfe werden unterschiedliche Nutzungssituationen sichtbar. Einige Nutzer_innen schauen sich mit dem 229 Kind ein Bilderbuch an (B34:7ff), Kinder sitzen an den Tischen und machen ihre Hausaufgaben, Erwachsene lesen in der Zeitung, andere Kinder spielen (B30:10, P20:131, B28:20). Zusätzlich intensiviert wird die Raumnutzung an den kühlen und verregneten Tagen (N02:36, N10:17, N12:25). „Gerade in den Wintermonaten ist es ja auch so, dass man nach solchen Gelegenheiten sucht, wo man ein bisschen entspannen kann, die Kinder haben was zum Spielen und sie treffen auf andere Kinder“ (N09:17). Diese entlastende Funktion durch die Raumnutzung wird auch in der Aussage: „Ist ja fast mein zweites Zuhause“ (B04:9) deutlich. Die Raumnutzung kann ferner mit der Intention, Wartezeiten zu überbrücken, erfolgen. Dies ergibt sich durch das Warten auf einen Kursanfang oder einen anderen Termin, wofür sich das nach Hause Gehen nicht lohnt (B34:22). „Und wir haben auch immer, dass Eltern kommen mit Kindern, um Wartesituationen zu überbrücken“ (P15:67). Durch eine räumliche Nähe zu einer Bildungsinstitution wird dies unterstützt. Eine weitere Dimension ist das Mieten der Räume für private Feiern (P22:58). „Also, man kann es dann so öffnen, wie man es möchte für seine Gäste. Das fand ich sehr toll“ (N01:30), beschreibt eine Mutter den Kindergeburtstag im Familienzentrum. Andere Familien fragen nach Räumen, da sie selbst eine Gruppe gründen möchten. Oftmals sind das interkulturelle Gruppen, die ihre Erstsprache und Kultur pflegen möchten (P15:69). Aber auch Selbsthilfegruppen nutzen die Räume. „Ganz viele, die auch die Möglichkeit haben, sich hier zu treffen“ (P09:105). Aufgrund des fehlenden offenen Bereichs im Familienzentrum Waldemarstraße lassen sich für dieses Familienzentrum zum einen Raumnutzungen für selbst organisierte Gruppen beschreiben. Zum anderen wird gleichzeitig deutlich, dass die Familien im Anschluss an einen Kurs weiter in den Räumen bleiben, sofern diese zur Verfügung stehen (B16:29). Neben dieser alleinigen Raumnutzung im Sinne eines Ortes, an dem die Familien sich aufhalten können, werden alle Familienzentren als Treffpunkt genutzt. Oftmals verabreden sich die Familien gezielt für ein Treffen im Familienzentrum (B34:11, N01:53, N11:21, P18:50). Einige Familien haben sich über Kurse im Familienzentrum kennengelernt (B36:11, B37:12, P15:67, P11:56, B04:8, N12:34, P09:47, P21:54, B11:12, B07:23). „Ich finde das Ungezwungene hier gut […]. Meistens haben grade wir drei hier so den Montag, dass wir wissen, wir sehen uns hier, können uns zwanglos unterhalten und einen Kaffee trinken, ohne dass man sich zufällig nur über den Weg läuft“ (N14:48). Oft spielen die Kinder, und die Eltern unterhalten sich. Einige bringen sich ein Stück Kuchen oder Kekse mit (B34:19). Die Familienzentren bieten aus Elternperspektive einige Vorteile gegen- über anderen Treffpunkten, und zwar, „dass man da eben noch mal sehr intime Räumlichkeiten hat, die auf Familien- und Kinderbedürfnisse zugeschnitten sind, ohne dass man viel Geld zahlen muss oder es dreckig oder laut ist“ (P15:67). Gleichzeitig sind solche Verabredungen insbesondere, wenn man sich im Familienzentrum kennengelernt hat, dort passender als in der eigenen Wohnung. „Das ist 230 eben ein neutraler Treffpunkt. Das ist nicht zu Hause, nicht mit Kindern im Wohnzimmer“ (N01:54). Dieser neutrale Ort als Treffpunkt übernimmt somit eine entlastende Funktion, insbesondere, wenn der eigene Wohnraum nicht entsprechende Platzkapazitäten vorzuweisen hat (N01:55, P08:18, P16:96). „Sie kommen hier her, weil sie sich zu Hause nicht besuchen dürfen, können, wollen. Das beschränkt sich halt auf die Freundschaft hier im Familienzentrum. Es ist halt unkomplizierter, sich hier zu treffen, als alle zu sich nach Hause einzuladen mit den ganzen Kindern, und was sagt der Ehemann dazu, wenn so viele Frauen in die Wohnung kommen, und was sagen die anderen Ehemänner […], und hier wissen die Ehemänner, dass die Frauen im Familienzentrum sind. Das ist eine Einrichtung, wo überwiegend Frauen sind mit ihren Kindern, das tut meinen Kindern gut und deswegen sagt er nichts dagegen“ (P08:59). Auch hierbei wird die entlastende Funktion durch die Raumnutzung deutlich. Aus Sicht der Mitarbeiter_innen ist dieses räumliche Entlastungsangebot grundlegend für Begegnungen und damit verbundenen weiteren Nutzenaspekten. „Wenn sie einen Raum haben, wo sie sich treffen, wo sie sich hintrauen, dann gibt es Begegnung auch, und wenn man ein bisschen den Draht schafft für die erste Begegnung, […] zweimal, dreimal und beim fünften Mal spricht man miteinander auch kulturübergreifend“ (P03:81). Die konkrete Gestaltungshoheit liegt bei den Familien (PN01:20). Materielle Entlastung Ein weiterer in den vier untersuchten Familienzentren identifizierbarer Nutzen besteht in der materiellen Entlastung. Zum einen zeigt sich die materielle Entlastung darin, dass die Familien eigene Getränke und Speisen mitbringen können und somit nichts im Familienzentrum erwerben müssen (P15:67, J02:67, B34:11, P09:49, P19:114). „Die Preise sind nicht so hoch, und man kann sich auch etwas mitbringen. Man ist ja nicht gezwungen, die Dinge hier zu kaufen […], dann wird auch nicht komisch geguckt. Es gibt auch Familien, die hier ein Picknick auftischen“ (N01:103). Zudem ist es aber von Vorteil, dass man auch etwas erwerben kann, wenn man mal etwas vergessen hat (N10:29). Dies ist insbesondere im Vergleich mit kommerziellen Familiencafés ein deutlicher Vorteil (N02:30). Zum anderen besteht eine materielle Entlastung in den kostengünstigen bzw. kostenfreien Angeboten (B28:13, N07:17, N08:22, P12:21, P11:57). Insbesondere in den ersten Wochen nach der Geburt eines Kindes kann dies wichtig sein, wenn der finanzielle Rahmen noch nicht geregelt ist (N08:23). Somit werden den Familien, die nicht über ausreichende finanzielle Mittel verfügen, kostengünstige Freizeitmöglichkeiten angeboten (P22:142). Ein Bedarf für materielle Entlastungen im Stadtteil wird ebenfalls über die Lehrmittelbefreiung und Lehrmittelzuschüsse in den Schulen deutlich (B21:7). In den Familienzentren Mehringdamm und Menschenskinder werden zusätzlich im Rahmen des offenen Elterncafés Bildungsangebote wie der Kreativtisch und das offene Musikangebot unterbreitet (N12:51, P09:53, B04:23, B06:19, N01:80). Auch die Nutzung von in der Materialbeschaffung kostenintensiveren Angeboten im Familienzentrum stellt durch den geringen 231 Beitrag eine materielle Entlastung dar (N07:61, P11:58). Beratungsangebote können ebenfalls oftmals kostenfrei genutzt werden (P09:63). In festen Gruppen wird nach einer finanziellen Unterstützung für Ausflüge geschaut (P07:97). Allerdings wird sowohl von den Mitarbeiterinnen als auch Nutzer_innen benannt, dass ein Unkostenbeitrag für Projekte angebracht ist (P14:63, P09:48). Des Weiteren können die Räume auch kostengünstig angemietet werden (N01:18). Eine weitere materielle Entlastung bietet der Trödeltausch im Familienzentrum Mehringdamm, „wo man umsonst Babysachen aus unserem Trödelregal bekommen kann“ (P01:52) oder die Kleiderkammer im Familienzentrum Waldemarstraße (B07:29f, N05:51, PN01:51). Insbesondere die Kombination von Café und Spielmöglichkeiten für die Kinder wird als entlastend beschrieben. „Wo man nicht irgendwo teuer in einem Café sitzt, weil das oft einfach gar nicht leistbar ist, und wo die Kinder dann hier evtl. auch noch sinnvoll betreut werden. Das nutzen die Eltern total gerne“ (P02:35). Veranstaltungen am Wochenende „finden großen Andrang“ (P06:73). Zumal die Familienzentren zumeist fußläufig erreichbar sind und damit keine Kosten für den öffentlichen Personennahverkehr entstehen (PN03:79). Individuelle Entlastung Ein ganz wesentlicher zusammenfassender Nutzen besteht darin, dass die Nutzer_innen durch den Besuch des Familienzentrums eine persönliche Entlastung erfahren. Entlastung wird individuell sehr unterschiedlich wahrgenommen. Zum einen entsteht diese Entlastung durch die Entspannung der Kinder, die im Familienzentrum genügend Spielanregungen erhalten und somit keine zusätzlichen Anforderungen an die Eltern hinsichtlich eines Beschäftigungsprogramms entstehen (B33:11f, P15:41, B34:11, N13:32, P22:167, N02:53, N10:20). Insbesondere die Kombination von Anregungen für die Kinder in einem Bildungsverständnis gepaart mit Gesprächs- oder Rückzugsmöglichkeiten für Eltern im Caférahmen scheint für die Eltern eine Entlastung darzustellen (P15:67, P16:117, P02:35). „Ich fühl mich hier einfach nicht fehl am Platz und irgendwie beobachtet oder so, sondern wie bei einer guten Freundin. Das gefällt mir gut. Und man kann hier auch mal abschalten, man kann sich auch mal zurücklehnen und nichts sagen“ (N14:24). Somit zeigt sich Entlastung auch durch das lockere und entspannte Agieren der Eltern (B04:20). Als Entlastung wird der Austausch über Ängste und Sorgen bezüglich der Kinder mit Gleichgesinnten im Rahmen einer Gruppe angesehen (N11:48). Anregungen und Reflexionsmöglichkeiten zu erhalten, tragen ebenfalls dazu bei (P20:57, PN01:67). Im Rahmen des offenen Bereichs liegt die Entlastung darin, dass die Kinder Spielmöglichkeiten haben und nebenbei Gespräche zwischen den Eltern möglich sind (N01:121, N12:34, P20:23). In einem Café wäre dies nicht möglich, weil die Kinder sich langweilen würden (N01:122). Ein weiterer Aspekt 232 der individuellen Entlastung besteht darin, dass die Kinder in den Familienzentren Angebote erhalten, die Eltern so zu Hause nicht umsetzen könnten (N12:27, P09:83). Des Weiteren trägt zur Entlastung das Erhalten einer konkreten Unterstützung bei. Dies äußert sich bereits in kleinen Details wie dem Helfen beim Aufwischen des Babybreis oder das Kind kurz halten (B34:20, B37:11, N14:64, B06:21, N12:25). „Dadurch bin ich hier nie allein. Was auch praktisch ist mit zwei Kindern, da kann man auch mal allein zur Toilette gehen“ (N01:70). Die Entlastung für die Eltern besteht dabei darin, dass sie sich in diesem Moment nicht um das Kind kümmern müssen und zumindest punktuell sie selbst im Fokus stehen (B12:28, P06:76, P11:59). Eine konkrete Unterstützung kann aber auch das Helfen beim Ausfüllen von Anträgen und Formularen sein (PN01:66, PN03:55, P07:67). „Ich kenne ganz viele Leute, die sich hier Hilfe holen. Weil es Briefe gibt, die sie nicht verstehen […]. Weil es gibt viele türkische Frauen, die hier in Kreuzberg leben, aber nicht so gut Deutsch können. Dann sind sie entweder auf die Kinder oder auf die Ehemänner angewiesen, und das ist schon schön, dass hier auch türkische Mitarbeiter sind, dass man denen auch in der eigenen Sprache erzählen kann“ (N05:49). Allein die Möglichkeit, bei Fragen und Bedarf eine_n Ansprechpartner_in vor Ort zu haben, ist entlastend (PN02:58, N11:49). „Dann entstehen auch Gespräche am Rande. Ich gehe dann manchmal mit rein […]. Es ist jetzt kein Beratungstermin, zu dem man sich vorher anmelden muss, sondern es entstehen wirklich viele Gespräche aus der Situation heraus […]. Die Eltern unterhalten sich dann auch über die Tische hinweg. ‚Was haben Sie gerade gesagt? Was ist in der Kita da?‘ Solche Fragen tauchen dann hier auf“ (P02:36). Hinsichtlich der individuellen Entlastung ist auch die zeitliche Planung von Angeboten wichtig. Die Müttersprachkurse wurden bspw. genau mit der Zielstellung entwickelt, insbesondere den Müttern in ihrer Verantwortung für Familie und Haushalt durch die zeitliche Gestaltung des Sprachkurses eine Entlastung zukommen zu lassen (P04:26). Des Weiteren werden spezielle Projekte initiiert oder bestehende übernommen, um zusätzliche Entlastung zu schaffen, wie bspw. das Projekt wellcome. Über das bundesweite Projekt wellcome werden junge Familien in Belastungssituationen durch Ehrenamtliche in den ersten Wochen nach der Geburt eines Kindes unterstützt und begleitet (P14:163). So erhalten die Teilnehmenden eine unbürokratische alltagspraktische Unterstützung und je nach individuellem Bedarf eine entsprechende Entlastung. In der folgenden Abbildung sind diese drei Entlastungsdimensionen zusammenfassend dargestellt. 233 Abb. 29: Entlastungsdimensionen für die Nutzer_innen 4.3.3.3 Alltagsbewältigung und Alltagsgestaltung Neben den dargestellten Entlastungsdimensionen werden Nutzenaspekte beschrieben, die sich unter dem Aspekt ‚Alltagsbewältigung und Alltagsgestaltung‘ subsumieren lassen. Elemente, die eine Alltagsbewältigung mit beeinflussen, sind zum einen aus der sozialen Isolation einer Kleinfamilie herauszutreten und durch den Besuch eines Familienzentrums eine Tagesstruktur zu erhalten. Dadurch werden Begegnungen für das Kind ermöglicht und gleichzeitig familiäre Interaktionsgestaltungen fokussiert. Des Weiteren agieren die professionellen Akteure in den Familienzentren als Ansprechpartner_innen und initiieren Dialoge. Soziale Teilhabe und Teilgabe Ein sehr wichtiger Nutzen des Familienzentrums wird darin gesehen, dass Nutzer_innen Kontakte zu anderen Personen, insbesondere Familien, knüpfen und so aus ihrer sozialen Isolation heraustreten. Dies ist neben der beschriebenen räumlichen Treffpunktfunktion und den Entlastungsdimensionen ein in allen vier untersuchten Familienzentren deutlich gewordener Nutzen. Für alle Familienzentren wird beschrieben, dass viele Nutzer_innen Angebote besuchen, um andere Familien kennenzulernen (N14:50, PN04:36). Entsprechend werden ein gemeinsames Frühstück oder Themenrunden angeboten, um einen ersten Kontakt unkompliziert zu ermöglichen (N13:23). Für die Familienzentren Menschenskinder und HAUS wird von vielen Zugezogenen aus anderen Bundesländern berichtet, die niemanden kennen und keine familiäre Unterstützung im nahen regionalen Umfeld haben (P02:67, P16:94, B36:22, P22:87). „Es ist auch 234 gut, dass es so etwas gibt, weil die meisten Familien, die hier herkommen, die haben so niemanden […] und dass sie hier in Kontakt kommen können“ (P11:18). Eine Mutter berichtet: „Ich hätte peinlich Mütter gesucht […]. Das wäre mir wirklich peinlich, wenn man so auf Krampf irgendwelche Kontakte knüpfen muss“ (N14:90). Dieses Kontakteknüpfen scheint insbesondere wichtig zu sein, „weil mir zu Hause die Decke auf den Kopf gefallen ist. Ich hab einen Freundeskreis, der entweder überhaupt keine Kinder hat, oder Familien, deren Kinder größer sind, weil die ja alle früh angefangen haben und nun alle arbeiten gehen. Da stand ich entsprechend auch allein da mit einem Kind in dem Alter, und ich fand das seit der Geburt so anstrengend und nur mit diesem Kind beschäftigt zu sein, dass ich das brauch. Ich muss mal wieder mit anderen Leuten reden. Und dann einfach ins Familienzentrum zu gehen, um dann auch wieder neue Kontakte zu knüpfen, irgendwie“ (N14:46). Nach der Geburt des Kindes besteht ein Interesse der Eltern darin, mit anderen Familien in Kontakt zu treten. Dies ist insbesondere unterstützend, wenn der Tagesrhythmus sich aufgrund des Alters des Kindes wesentlich von dem von Bekannten und Freunden unterscheidet (N02:56, P09:84, N06:107, N07:19, N08:16ff, N11:54, P12:72, P18:89). „Gefallen hat mir, dass hier Gleichgesinnte sind, also Eltern mit Babys und Kindern. Da kann man halt Kontakte knüpfen“ (N01:18). Demnach scheint durch den Besuch eines Familienzentrums ein gleiches Interesse und ein gleicher Fokus, nämlich Kinder, suggeriert zu werden (N01:125, N10:41, N12:39, P09:49). Im Rahmen der Gruppen und Kurse lernen sich die Familien aufgrund der verschiedenen Gesprächsthemen und den regelmä- ßigen gemeinsamen Treffen ebenfalls kennen (P09:25). „Es ist auch ganz schön für die Eltern, diese Kontakte zu haben. Die gehen meist nach der Gruppe, sitzen zusammen am Tisch gemeinsam und essen etwas oder sitzen zusammen, um auch die Möglichkeit zu haben, anzudocken und sich ein bisschen zu vernetzen“ (P09:33). Im Familienzentrum Mehringdamm wird ebenfalls deutlich, dass das Kontakteknüpfen einen zentralen Fokus einnimmt (P21:28). Das Kontakteknüpfen bezieht sich einerseits darauf, „dass man aus der Isolation einer Kleinfamilie herauskommt, dass man Orte hat, wo man andere Familien trifft“ (P01:49). Daher werden gezielt an den Wochenenden Veranstaltungen angeboten, um dabei auch der gesamten Familien die Möglichkeit zu geben, in ihrer Nachbarschaft Einrichtungen zu nutzen und dabei Kontakte zu knüpfen (P01:56, N10:26). „Gerade um aus der engen, häuslichen Situation am Wochenende auch mal rauszukommen, andere treffen und das Kind kriegt Angebote“ (P01:57). Auch hierbei steht insbesondere der Kontakt von Eltern zu anderen Eltern im Fokus (N08:15). Für das Familienzentrum Waldemarstraße wird ebenfalls dieses Kontakteknüpfen beschrieben und darüber hinaus insbesondere das Kennenlernen der Nachbarn hervorgehoben (B07:13, P04:100). „Begegnen ist auch wichtig, dass man die Nachbarschaft auch besser kennenlernt, seinen Nachbarn kennenlernt, sich begegnet und auch austauschen kann“ (PN03:77). Diese Erfordernis nimmt zu, wenn man nicht aus der Stadt kommt (P14:107). Begegnungen werden einerseits auf den Fluren ermöglicht (B07:10). Andererseits, wie auch in den anderen Familienzentren, im Rahmen 235 der Angebote. „Sehr schön, weil ich auch andere Eltern sehe und mal rauskomme“ (N04:32). Zudem berichten die Familien, dass man sich auch nicht einfach beim Spazierengehen auf der Straße anspricht und kennenlernt. „Also, wenn man in so eine neue Situation kommt mit einem Kind, dann ist man anscheinend auch erst mal eher isoliert“ (P02:66). Dies verstärkt sich noch einmal mehr für Alleinerziehende (P02:65). Durch die Angebote des Familienzentrums wird ein Kontakteknüpfen ermöglicht bis hin zu weiteren Verabredungen (B17:32, N06:109). Gleichzeitig hat dies auch den Effekt, dass man sich durch den gemeinsamen Besuch einer Krabbelgruppe oder eines anderen Angebots auch auf der Straße beim Spazierengehen im Stadtteil erkennt (P02:68). Durch das regelmäßige Treffen im Familienzentrum entstehen private Gespräche, die immer wieder Gesprächsanknüpfungen ermöglichen. Dies ist insbesondere im Vergleich zu kommerziellen Familiencafés bezeichnend (N14:59f, N14:94, P15:27). Dies sei wichtig, um keine Depressionen zu bekommen und Kontakte zu anderen Müttern für einen Austausch zu haben (B36:12). Dies kann auch für alleinerziehende Mütter unterstützend sein, sich kennenzulernen und dann am Wochenende gemeinsame Dinge zu unternehmen (P22:88). Wenn Sympathie in den Gesprächen vorherrscht, werden Verabredungen für ein späteres gemeinsames Treffen getroffen (N01:41, N02:43, PN02:77, N14:51, B34:9f). Aus Sicht einer Mutter ist dafür eine entsprechende Offenheit anderen Personen und auch anderen Kulturen gegenüber notwendig (N01:66, P21:84). Eine Mitarbeiterin berichtet, dass dies insbesondere für Frauen türkischer Herkunft sehr wichtig sei, außerhalb der Familien Freundschaften zu schließend und dafür Verantwortung zu übernehmen (PN02:77ff). Daraus entstehen teilweise Freundschaften mit regelmäßigen, langfristigen Verabredungen sowohl für die Kinder als auch für die Eltern teilweise außerhalb des Familienzentrums (N01:82, PN02:34, B12:21, B10:10, P05:111, P13:67). Des Weiteren wird deutlich, dass ebenso, ohne sich zu kennen, Gespräche entstehen und eine Frau die andere anspricht. Insbesondere wenn hierbei offensichtliche Gemeinsamkeiten, wie bspw. eine Schwangerschaft, identifizierbar sind (B30:15). Zudem gibt es die Möglichkeit, mit anderen Mütter ins Gespräch zu kommen, ohne sich näher verabreden zu müssen (N02:54, P09:87). Dies ist ebenfalls entspannend zu wissen, wenn bspw. keiner Zeit hat für eine gemeinsame Verabredung (N10:31). Hierbei ist der lockere Austausch vordergründig. „Dass man schon noch mal andere Mütter kennenlernen kann. Also irgendwie neu starten kann, weil für mich ist das schon irgendwie wie ein Neustart mit dem Kleinen und man merkt, dass man eigentlich die gleichen Sorgen und Ängste hat […] und man sieht das dann positiver, weil man weiß, man ist damit nicht allein“ (N11:48). 236 Abb. 30: Soziale Teilhabe und Teilgabe Dialoge und Expertisen Durch neue Kontakte aus der sozialen Isolation herauszutreten ist einer der zentralen Nutzendimensionen für die Familien. Dies ist grundlegend, um einen weiteren Nutzen, nämlich den Austausch untereinander, zu ermöglichen (J02:109), „sich gegenseitig zu unterstützen, zu beraten oder Fragen zu erörtern“ (P20:103). Dieser allgemeine Austausch entwickelt sich oftmals hin zu Beratungssequenzen der Nutzer_innen untereinander. Im Abschnitt ‚Aus der sozialen Isolation heraus‘ wurden bereits erste Elemente, miteinander in Dialog zu treten, beschrieben. Wie an dieser Stelle bereits benannt, ist eine entsprechende Gestaltung verschiedenster Angebote in den Familienzentren grundlegend, um dies allen Nutzer_innen zu ermöglichen. „Oder die eine Frau sagt: ‚Da brauchst du keine Angst haben dahinzugehen, da war ich gestern‘ “ (P03:88). Aufgrund des jeweiligen Vorortseins in den Familienzentren wird ein Interesse an dem Thema Familie suggeriert. Im Rahmen des offenen Familiencafés lassen sich vielfältige Situationen beobachten, dass mehrere Erwachsene gemeinsam am Tisch sitzen, an der Theke stehen, die Kinder beim Spielen beobachten und dabei quasi nebenbei ins Gespräch kommen (N12:37, N12:54, B33:8, B03:15, P05:113, B14:24ff, B24:15, N04:38). Die Mitarbeiter_innen nutzen solche Sequenzen ebenfalls, um Nutzer_innen mit dem Fokus auf ihr Kind anzusprechen oder um diese gezielt persönlich zu begrüßen (N06:25, P18:62, B10:13). Zumeist spricht eine Mutter eine andere an und stellt eine Frage über das Kind (B34:11, B36:26, N14:11, N14:75). „Dass man da ist und sich unterhält. Dass andere da sind, und 237 dann kommt man ja doch irgendwie ins Gespräch, über die Kinder, na klar. Das ist ja doch das, worüber man sich primär unterhält und was halt den Gesprächsstoff bietet, am Anfang zumindest“ (N13:23). Themen für anfänglichen Gesprächsstoff sind zumeist die Entwicklung der Kinder, Verlauf der Schwangerschaft, Geburt, das Stillen, Kitaplätze und Schulen (B15:13, B30:8f, B30:13, N12:50, PN02:80). Daraus entwickeln sich oft Sequenzen, die zu gegenseitigen Ratschlägen, Austausch von Erfahrungen und angeeignetem Wissen führen, das zumeist gern und bereitwillig weitergegeben wird (B34:16, N14:66). Zudem fragen die Nutzer_innen bei bestehender grundsätzlicher Sympathie gezielt nach diesem Wissen (B12:31, B37:22, N14:110ff, B04:20). „Ich habe auch die Möglichkeit, mich mit anderen auszutauschen, aber ich kann auch, wenn ich Fragen habe, diese loswerden. Wenn was ist, werde ich auch unterstützt“ (P09:81). Es ist hilfreich, sich über „alltägliche Probleme“ (N01:131) austauschen zu können, beschreibt eine Mutter diese Interaktionen. An verschiedenen Stellen lassen sich hierbei Beratungssequenzen der Nutzer_innen untereinander beobachten hinsichtlich einer Zielklärung und Entwicklung möglicher Vorgehensschritte (B36:20, B37:21, N14:63, B30:7, P08:48, P19:81, B14:10ff, P03:88). Einige Nutzer_innen sind nach diesem anfänglichen Gesprächseinstieg über die Kinder interessiert an einem Austausch über andere Themen fernab der Kinder und Kleinfamilie (P22:167, PN04:70, B16:17, N05:54). Unterstützend ist dabei das jeweilige Verständnis der Nutzer_innen für die Gesprächspartner_in, wie das Aufspringen im Gespräch, um das Kind zu trösten (B04:16, B30:11, N12:47, B17:24, B28:13, P05:35, B11:13, P05:35, B11:13). Somit liegt ein zentraler Nutzen neben dem Austausch im Entwickeln individueller Ideen für den eigenen Alltag. „Ich fand das total interessant so. Auch andere Familien kennenzulernen und auch getrennt lebende Eltern oder überhaupt getrennt so oder Alleinerziehende, die dort hinkommen und dann immer so die Geschichte im Hintergrund so mitzukriegen. Also, das ist schon interessant. Dieses Leben mit diesen Sorgerechtssachen“ (PN04:38). Durch das Kennenlernen im Familienzentrum und ein verbindendes Thema wie Alleinerziehung kann auch der Bedarf nach einem regelmäßigen Austausch entstehen, der in der Gründung einer informellen Gruppe mündet (B05:35, P20:104). Dies kommt wieder dem Wunsch nach „einer Kontinuität, einer Verbindlichkeit und auch Vertrauen“ (P20:105) entgegen, um den gegenseitigen Beratungsbedarf zukünftig abdecken zu können (B05:41). Der Nutzen für die Familien liegt somit darin, „die tauschen sich untereinander aus und lernen dadurch viel mehr oder sie helfen sich auch gegenseitig untereinander, wenn die eine mal mitgegangen ist und die ihr gezeigt hat, wie das so alles funktioniert“ (PN02:75). Im Rahmen der verschiedenen Eltern-Kind-Gruppen werden oftmals Zeiträume für solch einen Austausch eingeplant (N06:33, PN04:140). „Das ist total schön, dass man nicht allein ist, und das Gefühl hat, da ist noch jemand und den kann man auch einfach mal fragen“ (N11:49). Teilweise werden auch Themenimpulse gesetzt (N07:68, N08:28). Allerdings ist es auch hierbei personenabhängig, wie viel und was jeder erzählen möchten. Dies ist individuell verschieden (B37:8). Daher ist es 238 im Rahmen der Gruppe wichtig, vonseiten der Mitarbeitenden Nutzer_innen, die möglicherweise nicht so selbstbewusst von sich berichten, ebenfalls mit einzubeziehen und Gesprächsimpulse zu vermitteln oder bei Bedarf Informationen weiterzugeben (P15:67, B09:23, B11:14). Eine moderierende Haltung der Kursleiter_innen kann dabei ebenfalls unterstützend sein (B18:30f). „Das ist auch stark bei der Elternrunde so, dass wir nicht die klugen Tipps geben, sondern sie untereinander beraten und es wird nur moderiert“ (P12:55). Insbesondere durch den festen Rahmen einer Gruppe „lernt man sich in der Gruppe dann einfach kennen. Man sieht sich jede Woche, frühstückt auch zusammen und tauscht sich aus. Da bekommt man einiges mit“ (P09:25). Dies trifft insbesondere auf den festen Gruppenrahmen zu, indem sich nach einiger Zeit ein Vertrauen zueinander herausbildet (B12:23f). Wenn man über einen längeren Zeitraum zusammen ist, „entwickelt sich ja auch innerhalb der Elternschaft etwas, viel Austausch“ (P19:76). Neben den beschriebenen Austauschmöglichkeiten liegt ein weiterer zentraler Nutzen darin, in den Familienzentren bei Bedarf eine_n Ansprechpartner_in zu haben (P18:89, N05:25, P09:81). „Ich habe die Möglichkeit, für bestimmte Probleme Ansprechpartner zu haben, die nicht Jugendamt sind“ (J02:110). Die jeweiligen Themen können dabei wiederum sehr unterschiedlich sein (B34:21, B36:21, P04:107). Oftmals kann es sein, dass Probleme sehr plötzlich durch Familien angesprochen werden, ohne dass dieses Thema so direkt erwartbar war (P03:83). „Es sind viele Probleme, viele Alltagsprobleme auch […]. Und wenn sie dann kommen und sagen, sie haben ein Problem, weil sie vorher schon ein viertel Jahr so kommen durften ohne Problem“ (P03:84). Das Ansprechen kann im offenen Familiencafé oder auch in Kursen erfolgen. Insbesondere als Kursleiter_in entwickeln sich diese auch als Ansprechpartner_innen für die Familien, weil zu diesen nach einer gewissen Zeit bereits Vertrauen aufgebaut ist (P04:65f, P07:39). Entsprechend der Fragestellung oder des Problems geben sie dann Hinweise oder Tipps (P04:108). Auch für die telefonische Erstkontaktgestaltung ist es wichtig, das jeweilige Thema zu identifizieren. Oftmals kann eine andere Sprache, also die Muttersprache des Anrufenden dabei unterstützend sein (P13:45). „Eine Anlaufstelle denke ich. Die vielleicht auch nicht wissen, oder allgemeine Informationen von einem bekommen, dass es dann doch hilfreich ist für den einen oder anderen“ (P13:67). Für besondere Themen werden auch entsprechende Fachexperten eingeladen (P07:13). Als Ansprechpartner_in vermittelt man zudem dann auch entsprechend in die passenden angefragten Angebote weiter (P14:121). „Sie können dann einfach mal kommen, wenn sie Probleme haben. Ich höre ihnen dann auch zu. Ich kann ihnen nicht helfen, klar, aber geb dann einfach mal weiter […] die wollen manchmal auch nur, dass man einem zuhört“ (PN01:70). Bezüglich der Ansprechpartner_innen sind einerseits natürlich die ausgeschriebenen Beratungsangebote in jedem Familienzentrum zu nennen, die entsprechend des jeweiligen thematischen Bedarfs aufgesucht werden können (P16:97). Des Weiteren auch die thematisch ausgerichteten Informationsveranstaltungen (P16:98). Des Weiteren entwickeln sich durch solche alltäglichen Sequenzen auch neue Bera- 239 tungsformate. „Das Konzept entwickelt sich auch mit den Menschen […] und das Vertrauen an die Beraterinnen ist da, dass die das schon richtig machen“ (P03:87). Durch das Erleben des Austausches der familiären Akteure untereinander und den Mehrwert der Teilnahme der Nutzer_innen wird dies weiterhin fortgeführt (P03:85f). Tagesstruktur Ein weiterer wichtiger Nutzen in allen vier untersuchten Familienzentren liegt darin begründet, dass die Nutzer_innen durch den Besuch des Familienzentrums eine Tagesstruktur erhalten. Dies wird einerseits durch den Besuch eines festen Angebots gewährleistet (B33:12, P22:153, B36:17). „Dass ich einen Punkt habe in der Woche, das finde ich auch gut. Einen weiteren Punkt, wo wir morgens raus müssen und irgendetwas haben“ (N06:46). Die Teilnahme an einem festen Angebot hilft somit, den Alltag zu strukturieren (N14:97). Neben der Struktur erleben die Nutzer_innen eine Abwechslung in ihrem Alltag (N08:75, B28:16). Dies bezieht sich auch darauf, anderen Familien zu begegnen (N04:32). „Es gibt hier ganz viele Frauen, die nicht arbeiten gehen, wo der Mann arbeiten geht und die Frau zu Hause mit den Kindern ist. Das ist ja ein Roboterleben. Es ist schön, die können sich dann hier hinsetzen, mal zusammen setzen, ausreden auch mal austanzen oder Rezepte verteilen. Das ist gut für sie“ (N05:54). Somit bieten diese festen Kurse „eine Art Freiraum“ (P04:83). Gleichzeitig hat dies den Effekt, dass „man einfach auch was zu erzählen hat“ (N14:94). Durch solch eine Tagesstruktur haben die Nutzer_innen eine Aufgabe und erleben sich selbst als wichtig, was wiederum einen gesundheitsförderlichen Einfluss ausübt (P05:105, B37:25). „Für viele ist es auch eine seelische Therapie, […] dass sie sich dann einfach fertigmachen und raus gehen mit dem Kind“ (P13:67). Andererseits wird diese Tagesstrukturierung ebenfalls durch den Besuch des offenen Bereichs gewährleistet. „Die haben ja ein sehr reges soziales Leben. Aber ich denke, das ist ja auf Dauer immer dasitzen mit Freundinnen und Tee trinken und mit Nachbarinnen, […] das kann ja auch depressiv machen. Ich glaube, das ist dieses Rausgehen, Gefordertsein. Damit sie was lernen. Mal mit neuen Themen was zu tun haben. Also, habe ich von vielen einfach gehört, die meinten, das hat ihnen geholfen. Und eine Struktur, die der eigene Tag kriegt. Oder ich meine, viele sind ja so putz-neurotisch. Also, die putzen den ganzen Tag und das muss ja nicht sein. Und dann einfach wirklich mal dieses raus, irgendwas anderes machen, mit irgendwas anderem beschäftigen. Woanders auch einen Wert entwickeln, glaube ich, ist auch ganz entscheidend“ (P05:107). Somit wird den Familien ermöglicht, „eine Art Auffangbecken zu haben für die freie Zeit“ (P11:17). Durch die Möglichkeit, in das Familienzentrum zu gehen, können die Familien ihren Alltag strukturieren (J02:111). „Weil ich halt soziale Kontakte brauche, sonst geht man ein“ (N14:55). Entsprechend werden vereinzelt auch an den Wochenenden Angebote für die Freizeitgestaltung unterbreitet (J03:37, B28:10). Insbesondere die Nutzungsflexibilität des offenen Bereichs ist für solch eine Tagesstrukturierung hilfreich. So können 240 die Familien entsprechend ihrer Tagesstimmung und weiteren Pläne entscheiden, ob sie das Familienzentrum in den Alltag einbauen oder nicht (B36:17, N13:15). Auch hierbei wird wiederholt die Wetterabhängigkeit benannt. Wenn die Kinder etwas älter sind, kann man die Freizeit auch gut auf einem Spielplatz gestalten. In den kälteren Monaten und vor allem bei Regen ist dies nicht so verlockend (B27:15, PN01:56, P14:149). Familiäre Interaktionsgestaltung Neben der Freude und den Begegnungen für das Kind wird von den befragten Nutzer_innen insbesondere genannt, dass sie in das Familienzentrum gehen, um gezielt Zeit mit ihren Kindern zu verbringen, und „etwas gemeinsam mit meinem Kind machen“ (P09:85, N11:50). Einige Eltern nutzen auch den offenen Bereich, um ihre Kinder individuell beim Spielen zu begleiten (PN03:78). Dies wird einerseits durch den Besuch eines gemeinsamen Eltern-Kind-Angebots ermöglicht (P21:28, B07:13, N06:25). „Viele haben auch ein schlechtes Gewissen, wenn das Kind den ganzen Tag im Kindergarten ist, und sie wollen dann zusammen was machen“ (P13:67). Des Weiteren wird dies als unterstützend eingeschätzt, da die Eltern sich in diesem Rahmen gezielt Zeit für ihr Kind nehmen und sich nicht nebenbei mit anderen Dingen beschäftigen (PN03:71, PN01:68, N07:70, N08:75). Dies ist gleichzeitig damit verbunden, Anregungen zu erhalten, was sie als Eltern mit ihren Kindern gemeinsam umsetzen können (PN01:67). Andere Eltern suchen gezielt gemäß der Interessen der Kinder nach zusätzlichen Bildungsangebote (wie die Musikstunden oder der Kreativtisch im Familienzentrum Mehringdamm) (B06:19, B10:12). Durch den Besuch von Eltern-Kind-Gruppen erhoffen sich die Mütter aller Familienzentren neben Kontakten und Begegnung, ihre Kinder durch die verschiedenen Angebote zu fördern (P15:67, B37:25, N13:25, N08:46, B09:19ff). Dies wird bei den Kursen zur Sprachförderung wie ‚griffbereit‘ deutlich (N04:34). Aus Sicht einer Mitarbeiterin ist es unterstützend, wenn die Nutzer_innen diesbezüglich neugierig nachfragen (P03:97). „ ‚Ich will das Beste für mein Kind‘, und es gibt niemanden, der das nicht sagt. Das ist ein unglaublich guter Ansatzpunkt“ (P03:98), beschreibt sie die Nachfrage an Bildungsangeboten weiter. Allerdings steht dahinter auch die Frage nach der Gestaltung und inhaltlichen Fokussierung der jeweiligen Bildungsangebote. Um verschiedenen Bedarfen zu entsprechen, gibt es eine Spannbreite an Angeboten von der niedrigschwellig zugänglichen Babymassage, über den etwas höherschwelligen PEKiP-Kurs (B29:17) bis hin zu Kursen wie ‚Starke Kinder, starke Eltern‘ (P03:93). Mit dem Verbringen gemeinsamer Zeit sowie der Ermöglichung von Bildungsangeboten ist zumeist ein Interesse an Anregungen zur familiären Interaktionsstruktur verbunden. „Ganz nah halt durch diese Unterstützung, also dass sie mehr für ihre Kinder, also Kennenlernen auch die Bedürfnisse, alles Mögliche von dem sich so einen Rückblick zu haben und damit besser umgehen. Oder wie kann ich das halt anders machen“ (P21:36). Solche Anregungen können hilfreich sein, denn insbesondere beim ersten Kind sind viele Eltern bezüglich des Umgangs unsicher. Dies wird in Eltern-Kind- 241 Gruppen ermöglicht, in denen neben den Anregungen Austausch und Perspektivwechsel arrangiert werden (N08:36, B33:8). Dies wird von den Familien als unterstützend erlebt (N11:31). Eine andere Mutter beschreibt ihr Interesse daran folgendermaßen: „Ich muss gestehen, diese Verbindung, dass man einmal mit dem Kind was macht so unter Aufsicht. Dass auch noch mal jemand von außen guckt. Ich mein, ich spiel sonst viel selbst mit dem Kind […], aber dass es noch mal ein bisschen Anleitung gibt. Weil es ja jetzt die Kleinsten sind, da weiß man nicht so furchtbar viel anzufangen, und so ist das noch mal so ein Impuls für die Allerkleinsten“ (N06:25). So werden Impulse für Interaktionen wie Spiele, die auch für zu Hause übertragbar sind, gegeben (N06:47, N07:71, N08:50, N11:65, PN01:67). „Es gibt auch Eltern, die nicht so sicher sind im Umgang mit Kindern, dass sie sich dann Anregungen holen“ (P18:90). Auch in den Sprachkursen werden bspw. Hausaufgaben so aufgegeben, dass die Familien mit ihren Kindern etwas gemeinsam ausprobieren sollen. Darüber werden ebenfalls indirekte Impulse sowie Anregungen gesetzt (B13:25, P04:96). Diese vier beschriebenen Elemente der Alltagsgestaltung und Alltagsbewältigung vereinen in sich die in den jeweils anderen Bereichen ebenfalls unterstützenden Aspekte. Je nach individueller Ausgangslage werden dabei Schwerpunkte gesetzt. Abb. 31: Elemente der Alltagsgestaltung und Alltagsbewältigung 242 4.3.3.4 Persönlichkeitsentwicklung Neben den Nutzendimensionen im Sinne von Entlastung sowie Alltagsgestaltung und Alltagsbewältigung werden Nutzenaspekte im Kontext der Persönlichkeitsentwicklung sowohl für die Kinder als auch für die Erwachsenen deutlich. Diese werden nun näher ausgeführt. Persönlichkeitsentwicklung der Kinder Ein weiterer Nutzen für die Familien liegt in dem Ermöglichen von Begegnungen für die Kinder und einer dadurch bedingten Entlastung der Eltern. Die Nutzer_innen aller Familienzentren beschreiben viele positive Aspekte für ihre Kinder durch den Kontakt mit anderen Kindern. Zum einen wird beschrieben, dass ihre Kinder ab einem gewissen Alter, zumeist wenigen Monaten, wenn sie nicht mehr nur schlafen, auch Kontakt zu anderen Kindern brauchen (B33:12, N14:57, N01:124, N09:17, N04:21). Einige Eltern zielen auch darauf ab, ihren Kindern Kontaktaufbau zu anderen Bezugspersonen zu ermöglichen (N13:26). „Das ist auch noch so ein Grund. Damit ich nicht den ganzen Tag mit ihm allein bin. Nicht nur wegen mir, sondern auch für ihn. Dass er auch soziale Kontakte hat mit anderen“ (N13:27). Dahinter steht die Zielstellung, den eigenen Kinder Offenheit anderen gegenüber mitzugeben (N01:84). „Also, sicherlich vereinfacht es mir den Alltag, dadurch dass R. andere Spielgefährten hat, wenn er will, anderes Spielzeug hat“ (N02:53). Im offenen Bereich des Familiencafés können die Kinder entsprechend ihrer Interessen Spielsachen nutzen (B25:9, B34:18, PN04:29ff, B06:8, N10:19, N12:17, PN03:64, N05:15, P13:54). „Jetzt ist sie ja wirklich in dem Alter, wo ihr zu Hause langweilig ist“ (N14:25), berichtet eine Mutter aus dem Familienzentrum Menschenskinder. Daher ist ein Besuch im Familienzentrum und die sich daraus ergebenden Begegnungen unterstützend für die Gestaltung des Alltags (B36:26). Die Kinder haben große Freude daran. „Er ist jetzt schon in dem Alter, wo er sich auch begeistern kann wie da für die Wand und hat da auch ziemlich lang rumgespielt. Einfach angenehm“ (N01:123). Zudem werden in den Familienzentren unterschiedliche Anregungen in vielfältiger Anzahl bereitgestellt (N02:31, P20:147). „Gerade in den Wintermonaten ist es ja auch so, dass man danach sucht, nach solchen Gelegenheiten, wo man so ein bisschen entspannen kann, die Kinder haben was zum Spielen und sie treffen auf andere Kinder. Das ist ja auch für Kinder selbst, wenn sie noch nicht mit anderen interagieren, ist es immer schon etwas, wo sie trotzdem Freude dran haben“ (N09:17). Eine andere Mutter berichtet, dass ihr fast einjähriges Kind den Weg in das Familienzentrum genau kennt und lautstark auf der Straße den Weg und sein Interesse, dorthin zu gehen, äußert (PN02:89). Durch den Besuch einer festen Eltern-Kind-Gruppe begegnen die Kinder ebenfalls in einem festen Rhythmus den gleichen Personen. Durch diese Regelmäßigkeit können sie Vertrauen zueinander aufbauen. Einige Mütter berichten, dass ihre Söhne bereits morgens beim Frühstück fragen, ob sie wieder in das Familienzent- 243 rum gehen (B12:8, B07:19). Bei älteren Kindern, die feste Angebote besuchen, entwickeln sich teilweise auch Freundschaften zwischen den Kindern. Die Eltern können diese Kurszeit der Kinder durch Gespräche oder Zeit für sich nutzen (B20:22). Zudem wird von allen Eltern beschrieben, dass ihre Kinder an den jeweiligen Kursen Spaß haben (N06:18, N08:33). „Auch wenn die Kinder dann gern hier herkommen, dass sich das auch auf die Eltern widerspiegelt. Die sehen: ‚Mein Kind ist hier gern. Mir geht es gut, wenn es meinem Kind gut geht.‘ Das bedingt sich oft“ (P09:82). In allen Familienzentren lassen sich grundlegend viele Kinder beobachten, die interessiert spielen, begeistert mitsingen, tanzen, klatschen (B07:18, B16:11). „Und die Kinder lieben das hier. Für die Kinder ist das sehr schön. Ich gehe hierher, weil die Kinder Spaß daran haben. Jeden Mittwoch sagen sie: ‚Spielgruppe?‘ Freuen sich und fragen: ‚Gehen wir wieder dahin?‘ “ (N04:20). Zudem erlernen die Kinder im Rahmen der Familienzentren den Umgang mit anderen Kindern. „Wie verhalte ich mich gegenüber einem anderen Kind? Das ist auch wichtig, dass sie das lernen“ (P09:32). Dies ist einerseits aus Sicht der Familien vor der Eingewöhnung der Kinder in der ersten Bildungsinstitution unterstützend (B36:19), andererseits aber auch für die Kinder, die bereits eine Bildungsinstitution besuchen, da diese so auch Kontakt zu anderen Kinder außerhalb ihres Bezugskreises haben (N04:24, B28:12, N08:27). Im Familienzentrum HAUS sind bei den Schulprojekten Kinder für das Einkaufen und Kochen zuständig. Die Kinder erhalten entsprechende Aufgaben und werden nach Erledigung dafür gelobt (B20:15). Dieses Verhalten übernehmen die Kinder, indem auch sie andere für ihre jeweiligen Aufgaben loben (B20:28). Des Weiteren ist für die Familienzentren Mehringdamm und HAUS ein für die Kinder beschreibbarer Effekt, dass diese durch die regelmäßige Nutzung des Familienzentrums selbstständig werden (B04:25, N12:26). Dies zeigt sich dadurch, dass die Kinder die Räumlichkeiten und Materialien kennen und sich entsprechend sicher bewegen, Dinge holen sowie Interesse an weiteren Angeboten entwickeln (B27:14, B28:9, B12:26, P09:49, N12:26). „Also, R. kennt das hier einfach. Der kennt auch schon den Weg. Der weiß dann schon, wo wir hingehen, und dann rennt er auch schon manchmal so unausgezogen, also Schuhe noch an, von mir weg“ (N02:28). Eine andere Mutter berichtet, dass ihr Sohn anfänglich sehr schüchtern und zurückhaltend gewesen sei. Mittlerweile komme sie fast täglich in das Familienzentrum, da ihr Sohn sich nun sehr frei bewegt, auf andere Kinder zugeht und von sich heraus Angebote nutzt, in denen er gefördert wird (P09:86, N12:36). Im Familienzentrum HAUS wird das Thema Selbstständigkeit noch einmal speziell aufgegriffen durch die für Schulklassen angebotenen Projekttage zum Abschluss der Grundschulzeit. Dabei werden Zeitungen erstellt oder auch Theaterstücke entwickelt mit dem Fokus auf das Thema Selbstständigkeit (B20:12ff). Entsprechend werden diese Schulkinder auch in Aktivitäten wie einkaufen und kochen mit einbezogen (P18:136, B21:11). „Das haben die Eltern auch gesagt, sie finden das ganz toll, dass die Kinder an das Kochen herangezogen werden und Spaß daran haben“ (P18:135). 244 In diesem Abschnitt werden verschiedene Nutzendimensionen für die Kinder deutlich. Zum einen die klar benannten Begegnungen und Kontaktmöglichkeiten sowohl mit anderen Kindern als auch Erwachsenen. Zum anderen werden darüber soziale Kompetenzen wie Vertrauensentwicklung, Verhaltenskompetenzen und Selbstständigkeit entwickelt. Persönlichkeitsentwicklung der Erwachsenen Das Entwickeln einer individuellen Selbstständigkeit wird von einigen Nutzer_innen als ein Nutzen durch den Besuch des Familienzentrums beschrieben. Durch Fragen in gemeinsamen Gesprächsrunden, den Austausch darüber mit anderen Eltern erhalten Nutzer_innen vielfältige Anregungen und Perspektivwechsel. Ein dadurch bedingtes Ausprobieren neuer Strategien kann zur Entwicklung der Selbstständigkeit beitragen (P22:164, B34:21). Durch das Erleben und ansprechende Reflektieren im Familienzentrum werden vereinzelte Elemente durch die Familien aufgenommen und in ihren Alltag eingebaut (B33:13). Besonders deutlich werden diese Entwicklungen des Selbstvertrauens und der Selbstständigkeit in den Müttersprachkursen des Familienzentrums Waldemarstraße aufgrund der erweiterten Sprachkenntnisse. So berichtet eine aus Marokko stammende Frau, dass sie nun selbst mit Ärzten und Behörden sprechen könne. Darauf ist sie sehr stolz (B13:23, P04:73). Unterstützt wird dies durch die bereits beschriebene angewandte Themenvielfalt von alltagsnahen Situationen (B13:16, B14:25). „Wir thematisieren auch Alltagsleben: ‚Das Jobcenter hat geschrieben. Was soll ich tun?‘ “ (P04:103). Die Frauen entwickeln durch das Trainieren Vertrauen in ihre Sprachkenntnisse, trauen sich, diese einzusetzen und emanzipieren sich (B24:23, P05:54, P07:11, P14:135). „Die Frau, von der ich erzählt habe, die konnte auch kein Deutsch, aber hat dann ihren Kram hier erledigt, selber, ohne Mann und ohne ihre Kinder“ (N05:50). Zudem wird deutlich, dass die Frauen anfangen, etwas für sich zu tun und auf sich zu achten (P04:69, P05:82f, P07:35, B11:30). Anfangs konnten viele Frauen aufgrund von Besuchen nicht zum Sprachkurs kommen. Nun formulieren diese bereits deutlicher, dass sie zum Sprachkurs gehen müssen, und tun dies auch (P05:127). Aber auch die Nutzung von weiteren unterstützenden Angeboten wie dem Computerkurs trägt zu diesem Entwicklungsprozess bei (P04:113). „Die Zielstellung ist einfach, Familien ein Mehr an Qualität zu bringen, einen Ort des Wohlfühlens zu schaffen, Familien zu stützen, auch selber stark zu werden. Auch sich selbst wieder zu helfen, indem sie z. B. auch ermutigt werden, selbst organisierte Gruppen anzubieten, sich selbst zu organisierten, auch selbst für sich etwas zu tun, selbstständig Dinge in die Hand zu nehmen“ (P14:135). Des Weiteren erfahren die Familien über das Familienzentrum eine Bestätigung in ihrer Person. Die Frauen werden in ihren Berufen und Aufgaben anerkannt. Auch als Mutter und Hausfrau erhalten sie Anerkennung für ihre Arbeit. „Dass sie eine Bestätigung kriegen für die Arbeit, die sich machen, die sie sonst nicht so kriegen“ (P12:71). Unterstützt wird dies durch eine wertschätzende, ressourcenorientierte und freundlichen Ansprache der Familien (B13:11, B24:11). „Ich habe einen Ort, 245 wo ich als Familie einfach sein kann. Wo eben die Kinder sind, toben können, wo ich eben auch mit anderen Müttern da einfach, ja, das leben kann, was gerade ein Stück weit in meinem Leben wichtig ist. Und auf der anderen Seite einfach einen Anlaufpunkt, was gerade in meinem Leben wichtig ist“ (J02:109ff). Durch einen wertschätzenden Umgang miteinander, der Raum zum Ausprobieren bietet, wird dies zusätzlich unterstützt (B03:9ff, B14:16, P13:48). Auch persönliche Bemerkungen zum hübschen Aussehen werden gern angenommen (B13:11). Wertschätzung ist somit eng verbunden mit dem Gefühl, erwünscht und gemocht zu sein (N05:30). Diese Bestätigung und Anerkennung tragen wiederum zur gefühlten Anerkennung bei. Eine weitere Form, Anerkennung zu erhalten, liegt in der Unterstützung von Angeboten bspw. bei Festen oder ehrenamtlichen Aktionen (N11:68). „Ich weiß auch nicht, das ist so eine soziale Ader von mir“ (PN01:39). Für einige Nutzer_innen wird darüber hinaus ein Nutzen unter dem Fokus der Arbeit hinsichtlich neuer Berufsperspektiven durch Honorartätigkeiten oder MAE- Beschäftigungen ersichtlich. Eine Honorarmitarbeiterin im Familienzentrum Mehringdamm berichtet, dass sie Biologie studiert. Sie zog mit ihrem wenige Monate alten Sohn in den Stadtteil und kannte niemanden. Dann lernte sie das Familienzentrum kennen und nutzte verschiedene kostenfreie Angebote. In einem der vielen Gespräche mit den Mitarbeiter_innen schlug sie als erweitertes Angebot ein Experimentiernachmittag für Kinder vor. Zur selben Zeit berichtete sie von der plötzlichen Arbeitslosigkeit ihres Mannes und den damit verbundenen Geldsorgen. Der Leiterin des Familienzentrums gefiel die Idee des Experimentiernachmittags, und da sie niemand entsprechend Ausgebildeten dafür finden konnte, übernahm die Mutter diese Honorartätigkeit (B04:22f, P09:102). Ein beruflicher Nutzen liegt demnach darin „dass wir auch Eltern eine neue Perspektive geben können“ (P09:104). Durch die Honorartätigkeit wurde ihr kurzfristig eine neue berufliche und damit auch finanzielle Unterstützung eröffnet. Dadurch können Nutzer_innen ebenfalls gestärkt werden (P09:106). Wiederum eine andere Mutter, ausgebildete Psychologin, besuchte mit ihren Zwillingen eine Eltern-Kind-Gruppe. Zur selben Zeit sprachen immer mehr Eltern mit Zwillingen die Mitarbeiterinnen an und signalisierten einen Austauschbedarf. Diese wiederum fragten die Mutter aus der Eltern-Kind-Gruppe ob sie mit ihrer beruflichen Kompetenz Interesse hätte, solch eine Gruppe anzuleiten. Auch im Familienzentrum Waldemarstraße wird die berufliche Perspektive für Nutzer_innen durch eine MAE-Tätigkeit deutlich (PN03:13, PN01:32, B06:6). Eine weitere Dimension bildet die durch die Tätigkeit erfahrbare Anerkennung durch andere Nutzer_innen des jeweiligen Familienzentrums. „Man kriegt auch ganz viel Anerkennung“ (P18:26), bspw. wenn die Kinder vorbeikommen und von ihren Sorgen erzählen (P18:29f). An diese ausführliche deskriptive Darstellung der empirischen Erkenntnisse werden nun im folgenden Kapitel die daraus ableitbaren Arbeitsprinzipien für Familien dargestellt. Darüber hinaus werden diese und die Nutzendimensionen mit den erhobenen theoretischen Perspektiven zu Anforderungen an Familien, dem Kontext der Sozialen Arbeit und Familienförderung diskutiert.

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Zusammenfassung

Einem afrikanischen Sprichwort zufolge benötigt man zur Erziehung eines Kindes ein ganzes Dorf. In den westlichen Gesellschaften sind die Tage solcher „Dorfstrukturen“ jedoch weitgehend gezählt, wodurch sich die erzieherische Verantwortung alleine auf die Eltern konzentriert. Um diesen eine geeignete Stütze anzubieten, bedarf es dringender denn je einer familienfreundlichen Infrastruktur, die neben der Schulung der Erziehungskompetenz auch den Druck nimmt, immer alles „richtig“ machen zu müssen. Familienzentren können solche Anlauforte für Begegnung, Beratung und Bildung im Stadtteil sein und zu einer familienfreundlichen Infrastruktur beitragen. Basierend auf der empirischen Analyse von vier Familienzentren werden deren strukturelle Anforderungen, das methodische Handeln der Mitarbeitenden sowie der konkrete Nutzen für Familien dargestellt. Sozialarbeiter*innen erhalten so einen Einblick in die Arbeitsweise von Familienzentren und finden darüber hinaus theoretische Begründungen für deren Notwendigkeit.