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3 Forschungsgegenstand und -ansatz in:

Sarah Häseler-Bestmann

Begegnung, Beratung und Bildung für Familien, page 123 - 156

Eine exemplarisch-empirische Untersuchung von Familienzentren im Stadtteil

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3948-9, ISBN online: 978-3-8288-6694-2, https://doi.org/10.5771/9783828866942-123

Tectum, Baden-Baden
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123 3 Forschungsgegenstand und -ansatz Im vorliegenden Kapitel „Forschungsgegenstand und -ansatz“ wird das zugrunde liegende methodische Vorgehen der empirischen Erhebung dargelegt. Einleitend wird dafür die thematisch-inhaltliche Ausgangslage des Untersuchungsgegenstands fokussiert, beginnend mit der Darstellung der Familienbildung in Berlin und insbesondere im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Des Weiteren werden die vier untersuchten Familienzentren des Bezirks vorgestellt. Darauf basierend benennt das zweite Kapitel die zentralen untersuchungsleitenden Fragestellungen für die vorliegende Forschung. Das dritte Kapitel beschreibt das zugrunde liegende Verständnis einer praxisorientierten Sozialarbeitsforschung. Daran anschließend werden die im Rahmen der Untersuchung realisierten Forschungsmethoden des Expert_inneninterviews, der teilnehmenden Beobachtung und der Werkstattgespräche beschrieben. Nach der Darstellung der Datenauswertung erfolgt eine Skizzierung des methodischen Vorgehens im Feld bezüglich der konkreten Erstzugangsgestaltung mit einem Fokus auf die Haltung der Forscherin. Des Weiteren werden die empirische Datengrundlage und die Vorgehensweise hinsichtlich der Ergebnisdarstellung vorgestellt. Der Forschungsgegenstand dieser exemplarisch-empirischen Untersuchung sind vier sogenannt institutionalisierte Familienzentren im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Diese werden seit 2006 über den § 16 SGB VIII gefördert. Diese institutionalisierten Familienzentren haben im Land Berlin als erste dieser Art exemplarischen Innovationscharakter als Antwort auf die im 12. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung formulierten Aussage, dass über die Familienbildung lediglich 6% aller Familien erreicht werden und dabei fast lediglich sogenannte Mittelschichtfamilien (BMFSFJ 2005). Das Kapitel 2.3.4 beschreibt den Forschungsstand zu Familienbildung und Familienzentren. Dabei wird deutlich, dass sowohl Recherchen zur Familienbildung als auch insbesondere Evaluationen von Landesprogrammen, die Familienzentren bei der Entwicklung zu Kindertagesstätten fördern, vorliegen (Diller 2006, Peucker/ Riedel 2004:15f, Mühling/ Smolka 2007:10ff). Trotz dieser Erkenntnisse sind nach wie vor der Begriff, die Strukturen sowie die Funktionsweisen von ‚Familienzentren‘ nicht eindeutig definiert (Diller 2006:7, 2011:297, Dummann 2008:2, Uh- 124 lendorff u. a. 2013:150). So werden weitere wissenschaftliche Untersuchungen gefordert (Heitkötter/ Thiessen 2009:429), „[…], weil es hierzu keine systematisch gewonnenen Informationen gibt. Der Blick sollte dabei […] insbesondere auf die prozessualen Abläufe in den Treffs gerichtet werden[…]“ (Treptow u. a. 2011:12). Als weitere Forderung wird eine stärkere Berücksichtigung der Elternperspektive benannt. „Um zukünftig bei den stark begrenzten Ressourcen, die der Familienbildung zur Verfügung stehen, Unterstützung für Eltern in möglichst vielen Lebenslagen anbieten zu können, muss die Elternperspektive stärker berücksichtigt werden“ (Bird/ Hübner 2013:42). Aus diesem Forschungsstand lässt sich das folgende Forschungsziel ableiten. Zum einen zielt die Untersuchung auf eine empirische Analyse der konzeptionellen, strukturellen und methodischen Gestaltung der vier Familienzentren in Form von Arbeitsprinzipien als „handlungsleitender Orientierungsrahmen“ (Meinhold 1998:223). Zum anderen zielt die Untersuchung auf Erkenntnisse hinsichtlich des Nutzens der Familienzentren für die Adressat_innen (Steinert 1998:35). Die Fokussierung des Nutzens lässt sich auf das Dienstleistungsparameter und die Nutzerforschung zurückführen, worin der_die Nutzer_in als Co-Produzent_in angesehen wird und somit die eigene Konstruktion maßgeblich für Veränderungen ist (Oelerich/ Schaarschuch 2013: 86f). Der Nutzen ist eine subjektive Bewertung durch die Adressat_innen und somit wesentlich für die Bearbeitung der individuellen Problemlagen (Maar 2005:117). Demnach kann die inhaltliche Füllung lediglich aus empirischer Sichtweise erfolgen (Oelerich/ Schaarschuch 2013:87ff). Zugleich ist die Beschreibung des Nutzens wichtig, um darüber die Lebensrealität von Familien analysieren zu können (BMFSFJ 2011a:9). Durch die empirische Untersuchung soll somit die „Gebrauchswerthaltigkeit professioneller Tätigkeit im Hinblick auf die produktive Auseinandersetzung mit den Anforderungen, die sich für die Nutzer aus den sich ihnen stellenden Aufgaben der Lebensführung ergeben“ (Oelerich/ Schaarschuch 2013:90) im Handlungsfeld der Familienzentren erhoben werden. Die Fokussierung des Nutzens grenzt sich dabei klar von der Beschreibung von Wirkungen ab, denn Wirkungen „sind alle jene Ergebnisse, die ursächlich auf die Intervention zurückgeführt werden können“ (Micheel 2013:181). Um Wirkungen zu erforschen bedarf es demnach eines klaren Ziels und entsprechender Indikatoren, die aus dem bisherigen Forschungsstand nicht gefolgert werden können. Aus diesem Forschungsziel lassen sich die folgenden Forschungsfragestellungen ableiten: 1. Welche konzeptionell-strukturellen Arbeitsprinzipien liegen den Familienzentren zugrunde? Wie werden diese Arbeitsprinzipien methodisch realisiert? Was sind die fachlich-konzeptionellen Ziele der Arbeit in Familienzentren? 2. Welchen Nutzen haben die Adressat_innen durch das Familienzentrum? 125 3. Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede lassen sich bei den untersuchten Familienzentren bezüglich der zugrunde liegenden Arbeitsprinzipien und der Nutzenperspektive herausarbeiten? 4. Wie können diese Gemeinsamkeiten und Unterschiede in ein grundlegendes, verallgemeinerbares Modell von Arbeitsprinzipien zusammengeführt werden? Die Fragestellung und der Forschungskontext bedingen das methodische Vorgehen (Flick 2014:53ff). Die grundlegende Fragestellung „muss nicht zwangsläufig aus einer Hypothese bestehen, sondern kann auch einfach ein exploratives, erkundendes Interesse bedeuten“ (Schneider 2009:67). Dies ist insbesondere in Feldern der Sozialen Arbeit angemessen, in denen bisher kaum empirische Erkenntnisse vorliegen. „Der qualitative Forschungsansatz ist hingegen als Zugang besonders geeignet, um Fragen und Felder zu explorieren, auch wenn noch nicht viel oder gar nichts über sie bekannt ist. In der Sozialen Arbeit spielt der einzelfall- und gruppenorientierte, alltags- und lebensnahe qualitative Ansatz eine besondere Rolle“ (Stegmann/ Schwab 2012:21). Daher liegt ein explorativ-qualitatives Vorgehen nahe. So wird durch die Forschung ein exemplarischer Fokus gesetzt und kein Anspruch auf Repräsentativität hergestellt (Stegmann/ Schwab 2012:16). Das Forschungsvorgehen zielt auf eine Triangulation der Perspektiven der Steuerungsinstanz im Jugendamt, der handelnden Akteure vor Ort und der Nutzer_innen (Flick 2004:12, Moser 1995:118ff), die mittels eines Methodenpluralismus aus Expert_inneninterviews (Meuser/ Nagel 2005), teilnehmenden Beobachtungen (Girtler 2001:147ff) und Werkstattrunden (Mayring 2002:67, Girtler 2001:128) erhoben werden. Werkstattgespräche dienen der kritischen Diskussion mit befragten Akteursgruppen zu ersten Erkenntnissen im Sinne einer kommunikativen Validierung und somit zugleich der Verdichtung der erhobenen Daten (Bortz/ Döring 2006:219ff.; Mayring 2002:67, Girtler 2001:128). Als untersuchungsleitende Fragestellungen für die Expert_inneninterviews und die teilnehmenden Beobachtungen dienen die Folgenden: Gegenstand (Wie würden Sie ein Familienzentrum beschreiben? Was macht ein Familienzentrum genau? Welche Angebote haben Sie im Familienzentrum bisher genutzt? Was gefällt Ihnen im Familienzentrum?) Struktur (Wie ist das Familienzentrum konzeptionell-strukturell verankert? Wie müssen die Rahmenbedingungen in einem Familienzentrum gestaltet sein? Was ist Ihr Aufgabenbereich?) Zielstellung (Wozu dient ein Familienzentrum? Wie sind Sie auf das Familienzentrum aufmerksam geworden? Wie kommt es, dass Sie das Familienzentrum besucht haben?) Adressat_innen (Von wem wird das Familienzentrum genutzt?) Handelnde Akteure (Wer sind die handelnden Akteure im Familienzentrum? Mit wem arbeiten diese zusammen?) 126 Methodisches Handeln (Wie gestaltet sich das methodische Handeln im Familienzentrum? Wie erleben die Nutzer_innen die Mitarbeiter_innen im Familienzentrum? Was tun diese genau? Was ist dabei hilfreich?) Nutzen (Worin liegt der Nutzen eines Familienzentrums? Was ist der Nutzen des Familienzentrums für Sie? Was ist der Nutzen des Familienzentrums für den Stadtteil? Woran wird dieser Nutzen deutlich?) Das Forschungsvorgehen orientiert sich am theoretischen Sampling, wonach die Auswahl der zu Befragenden und Settings für teilnehmende Beobachtungen anhand der noch erforderlichen Daten bezüglich der Fragestellung im Forschungsprozess getroffen wird. „Vielmehr werden Personen, Gruppen etc. nach ihren (zu erwartenden) Gehalt an Neuem für die zu entwickelnde Theorie aufgrund des bisherigen Standes der Theorienentwicklung in die Untersuchung einbezogen“ (Flick 2014:159). Der Zugang in das Forschungsfeld erfolgte zum einen über die Leiterin des Fachbereiches, der somit die Funktion des „gatekeeper“ (Breuer 2009:33) zukam und zum anderen über die Leitungen der Familienzentren. Neben dem theoretischen Sampling nimmt aufgrund der individuellen Ausgangslagen der Nutzer_innen und den damit verbundenen aktuellen Anforderungen das convenience sampling einen wichtigen Stellenwert ein (Flick 2014:166). Der Forschung liegen 47 Interviews mit 74 Personen, 35 teilnehmende Beobachtungen und 8 Werkstattrunden zugrunde. Die Auswertung der empirischen Daten orientiert sich an der Auswertung von Experteninterviews nach Meuser und Nagel (2005:83ff). Nach der Transkription der Interviews und der Protokollierung der Beobachtungen werden in den einzelnen Dokumenten Überschriften gebildet und in einem nächsten Schritt über das einzelne Dokument hinaus in einen thematischen Vergleich gesetzt. Die Dimensionen der untersuchungsleitenden Fragestellung (Gegenstand, Struktur, etc.) wurden für eine erste Strukturierung an das Material herangetragen, aber die inhaltliche Ausgestaltung erfolgt nicht hypothesengeleitet, sondern vielmehr wurden die Kategorien gegenstandsbezogen entwickelt. Aufgrund der Verortung von Familienzentren im Kontext der Sozialen Arbeit erfolgt anschließend nicht nur eine soziologische sondern auch eine sozialarbeitswissenschaftliche Konzeptualisierung. „Anders ausgedrückt werden an dieser Stelle Theorie und Empirie miteinander konfrontiert“ (Lutz 2010:108). Die Zielstellung der Untersuchung liegt nicht in der Entwicklung einer Theorie, sondern in der Deskription von Arbeitsprinzipien. 3.1 Forschungsgegenstand In der Herleitung und Darstellung der forschungsleitenden Fragestellung wurde bereits deutlich, dass den Untersuchungsgegenstand vier Familienzentren des Berliner Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg bilden. Für die fachliche Einbettung wird einleitend der Bereich Familienbildung in Berlin beschrieben. Darauf aufbauend rückt der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg diesbezüglich in den Fokus. 127 3.1.1 Familienbildung in Berlin Um die heterogene Ausgangslage der Familienbildung in Berlin nachvollziehen zu können, wird einleitend in den Untersuchungsgegenstand die Berliner Familienbildung kurz umrissen. Der Berliner Familienbericht 2006 widmete sich erstmals explizit dem Thema der Eltern- und Familienbildung in Berlin. Bezugnehmend auf die historischen Ursprünge der Mütterzentren wird ein Wandel in den thematischen Anforderungen aufbauend auf dem Unterstützungs- und Vorbereitungsanspruch für Familie und Erziehung hin zu einer praktischen Orientierung auf alle Personen nachgezeichnet. Die Angebote dienten der Anleitung von Müttern unter Einbezug ihrer individuellen Entwicklung sowie gesamtgesellschaftlicher Themen und Lebensphasen (Senatsverwaltung Bildung, Wissenschaft und Forschung 2006:11). „Heute stehen die Förderung der pädagogischen und organisatorischen Fähigkeiten der Eltern sowie deren Begleitung, Unterstützung und Entlastung im Mittelpunkt der Familienbildung. Die Angebote richten sich nicht mehr nur auf die Lebenssituation und die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen, sondern insbesondere auch auf die Verbesserung der Lebenssituation der Eltern und Familien, die Gestaltung und Förderung der Partnerbeziehungen, die Förderung von Lebensqualität und zufriedenheit“ (Senatsverwaltung Bildung, Wissenschaft und Forschung 2006:11). So orientiert sich Familienbildung an den individuellen Bedarfen neben der reinen Wissensvermittlung und greift verschiedene familienrelevante Themen dafür auf. Im Vergleich zu anderen Bundesländern verfügt Berlin „nicht über große Familienbildungsstätten, in denen sich viele Angebote konzentrieren. […] Berlins Kennzeichen ist die Vielfalt kleiner Träger mit recht verschiedenen Angeboten“ (Senatsverwaltung Bildung, Wissenschaft und Forschung 2006:15). Im Jahr 1993 wurde auf der Landesebene ein Haushaltstitel für Familienarbeit eingerichtet und darüber verschiedene stadtteilbezogene und berlinweite familienbezogene Projekte in Kooperationsbezügen gefördert (Senatsverwaltung Bildung, Wissenschaft und Forschung 2006:16ff). Darüber hinaus werden unter Familienbildung auch die Elternund Familienbildungsangebote der Sozialpädagogischen Fortbildungsstätte Jagdschloss Glienicke sowie die Berliner Volkshochschulen und Stadtteilzentren gefasst (Senatsverwaltung Bildung, Wissenschaft und Forschung 2006:22ff). Entsprechend ist Berlin durch eine große Heterogenität der Angebote im Bereich der Familienbildung gekennzeichnet. Dies wird auch durch § 21 des Berliner Ausführungsgesetzes zum Kinder- und Jugendhilfegesetz (AG KJHG) deutlich, in dem das Aufgabenspektrum der Familienbildung beschrieben wird. „(1) Familienbildungsangebote, die den verschiedenen Lebenssituationen unterschiedlicher Familienformen Rechnung tragen, sind in Abstimmung mit den Angeboten der freien Jugendhilfe und unter Berücksichtigung der Angebote der Volkshochschule zu entwickeln. Die Zusammenarbeit mit Einrichtungen der Kindertagesbetreuung und Schulen ist sicherzustellen. 128 (2) Die Angebote sollen sich an alle Erziehungsberechtigten richten und sie frühzeitig erreichen. Sie sollen so ausgestaltet sein, dass auch besondere Zielgruppen und Familien in Belastungssituationen angesprochen werden. (3) Diese Angebote sollen insbesondere die in der Familienberatungsarbeit offenbar werdenden besonderen Problemlagen aufgreifen. Die Angebote sollen so ausgestaltet sein, dass auch bildungsungewohnten Personen der Zugang ermöglicht wird“ (Senatsverwaltung Bildung, Wissenschaft und Forschung 2006:14). Dafür sind die verfügbaren Haushaltsmittel grundlegend. Allerdings ist Berlin „eines der wenigen Bundesländer, das Familienbildung überwiegend auf der Grundlage des SGB VIII fördert und nicht nach Erwachsenenbildungsgesetzen. Das bedeutet, dass die Familienbildung in Berlin weniger eingeengt den Formen kursgebundenen Lernens Erwachsener folgen muss als vielmehr kommunikative und gemeinwesenorientierte Lern- und Aktivitätsformen und familienbezogene Angebote mit dem gleichwertigen Einschluss von Kindern und Jugendlichen aufnehmen kann“ (Senatsverwaltung Bildung, Wissenschaft und Forschung 2006:15). Entsprechend kommt der Familienbericht zu dem Schluss, dass die Bedeutung Familienbildung in den Bezirken durchaus im Laufe der Jahre zugenommen hat (Senatsverwaltung Bildung, Wissenschaft und Forschung 2006:27). Trotz der stadtweiten Heterogenität können Schwerpunkte in der Familienbildung beschrieben werden, die an dieser Stelle lediglich zusammenfassend benannt werden. Demnach umfassen die Schwerpunkte „Bildungsangebote zu allgemeinen Fragen der Erziehung wie z. B. Wertevermittlung […] und Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Freizeit, - und Beratungsangebote zu speziellen Themen, wie z. B. zur Förderung der Beziehungskompetenz für Paare und für Eltern […], zur gesundheitsbewussten Erziehung und Lebensgestaltung und Umgang mit besonderen Belastungen (z. B. Krankheit, Tod)“ (Senatsverwaltung Bildung, Wissenschaft und Forschung 2006:35). Darüber hinaus wird betont, die „Bildungsanteile im engeren Sinne sind eingebettet in Selbsthilfe, Gemeinschaft, Kontakt, Geselligkeit und Aktion“ (Senatsverwaltung Bildung, Wissenschaft und Forschung 2006:35). Entsprechend wird eine Vielfalt an Angebotsstrukturen als erforderlich benannt, um „alle am Erziehungsprozess Beteiligten“ (Senatsverwaltung Bildung, Wissenschaft und Forschung 2006:35) zu erreichen. Kooperation mit anderen Einrichtungen, die Zusammenarbeit mit ehrenamtlichen und professionellen Akteuren, Qualifizierung von anderen Akteuren werden als weitere Aufgaben benannt (Senatsverwaltung Bildung, Wissenschaft und Forschung 2006:35). Somit entspricht auch das Berliner Verständnis von Familienbildung der bereits dargestellten Vielfalt. 129 Darüber hinaus wurde im Jahr 2012 das Landesprogramm ‚Aufbau der Berliner Familienzentren‘ aufgelegt, worüber seit Oktober 2012 je zwei Familienzentren pro Bezirk angegliedert an eine Kindertageseinrichtung gefördert werden. „Die Anbindung an Einrichtungen der Kindertagesbetreuung wird als sinnvoll erachtet, da diese bereits mit anderen kinder- und familienbezogenen Institutionen (insbesondere der Familienbildung und -beratung) zusammenarbeiten und dadurch Synergieeffekte entstehen“ (Servicestelle Berliner Familienzentren 2013:6). Darüber sollen das ressortübergreifende Handeln sowie die weitere Gestaltung einer familienfreundlichen Infrastruktur unterstützt werden. Dementsprechend liegt der Förderschwerpunkt auf zusätzlichen bezirklichen Angeboten (Servicestelle Berliner Familienzentren 2013:6). Im Zwischenbericht 2013 der Berliner Familienzentren wird deutlich, dass 37 % der zusätzlichen Angebote dem Bereich der Familienbildung (bspw. FuN, Starke Eltern – Starke Kinder), 29 % dem Bereich der Begegnung und Selbsthilfe wie Elterncafés und Familienfrühstück, 14,4 % dem Bereich Beratung und Unterstützung, 12,3 % dem Bereich Netzwerkarbeit und 7,3 % dem Bereich Frühe Hilfen zuzuordnen sind (Servicestelle Berliner Familienzentren 2013:11). In den Angeboten ist eine Zunahme der Nutzer_innenanzahl zu verzeichnen. Die Hauptnutzerinnen sind Mütter mit Kindern unter drei Jahren (ebd.). 3.1.2 Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg Um die Situation der Familienbildung in Berlin zu konkretisieren, wird nun der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, in welcher die vorliegende Forschung umgesetzt wurde, hinsichtlich seiner sozialdemografischen Daten vorgestellt. Daran anschlie- ßend wird die dortige Familienbildung in den Fokus gesetzt. 3.1.2.1 Sozialdemografische Daten Bei der Betrachtung von Familien im gesamten Berlin wird deutlich, dass lediglich 17 % der Berliner Privathaushalte Familien mit Kindern unter 18 Jahren ausmachen. Von diesen leben 52 % der Kinder mit verheirateten Eltern, „16 % in nichtehelichen Lebensgemeinschaften und 32 % in alleinerziehenden Haushalten“ (Beirat für Familienfragen 2011:138). Auch der Berliner Bezirk Friedrichshain- Kreuzberg ist in seiner sozialen Struktur sehr heterogen. So gehört Friedrichshain- Kreuzberg mit 14,6 % zu einem der vier Berliner Bezirke mit einem hohen Anteil von Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren (Beirat für Familienfragen 2011:136). Zugleich sind im Bezirk mit 59,2 % die meisten Einpersonenhaushalte von unter 65-Jährigen zu verzeichnen (Beirat für Familienfragen 2011:138). Berlin ist insbesondere durch einen Zuzug gekennzeichnet, sodass auch für die zukünftige bezirkliche Bevölkerung ein Zuwachs prognostiziert wird (Beirat für Familienfragen 2011:133f). Zugleich ist aber auch ein Wegzug von „Familien mit unter 6-jährigen Kindern insbesondere aus den Innenstadtbezirken“ (Beirat für Familienfragen 2011:116) zu verzeichnen, zu denen wiederum auch Friedrichshain-Kreuzberg gehört. 130 Grundsätzlich kann gesagt werden, dass dieser im Berliner Vergleich „den höchsten Anteil an Haushalten mit weniger als 1.300 € und den geringsten Anteil an Privathaushalten mit mehr als 2000 € monatlichem Haushaltsnettoeinkommen“ (Bezirk Friedrichshain- Kreuzberg 2009:8) hat. Des Weiteren erhalten 53 % der Einwohner_innen unter 15 Jahren Existenzsicherungsleistungen, im Ortsteil Kreuzberg sogar 60 %. Der Berliner Durchschnitt liegt bei 39 % (ebd.). „Das höchste Armutsrisiko findet sich in den Innenstadtbezirken Berlins“ (Beirat für Familienfragen 2011:93), wozu an dritter Stelle Friedrichshain-Kreuzberg mit 21 % zählt. Insbesondere gefährdet sind Familien mit drei oder mehr Kindern sowie Alleinerziehende (Beirat für Familienfragen 2011:95), da diese in den Möglichkeiten ihrer Erwerbsarbeit in Verbindung mit der Kinderbetreuung eingeschränkt sind. Bezogen auf die Privathaushalte mit Kindern unter 18 Jahren leben in 36 % von diesen zwei und mehr Kinder (Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg 2009:8). Zwar sind in den Berliner Familien meist beide Eltern erwerbstätig (78 %), trotzdem hängt die Erwerbstätigkeit vom Alter der Kinder ab (Beirat für Familienfragen 2011:17). So sind insbesondere Mütter von kleinen Kindern nicht erwerbstätig, und zugleich steigt die Erwerbstätigkeit mit zunehmendem Alter der Kinder. „Der Anteil der erwerbstätigen Alleinerziehenden liegt in Berlin mit 60,6 % etwa gleichauf mit dem von Müttern in Lebensgemeinschaften“ (Beirat für Familienfragen 2011:18). In Friedrichshain-Kreuzberg sind 74 % der erwerbstätigen Bezugspersonen vollzeitbeschäftigt (Beirat für Familienfragen 2011:18). Allerdings sind es „im Ortsteil Kreuzberg […] 28 % und im Ortsteil Friedrichshain 57 % der Kinder und Jugendlichen, die mit nur einem Elternteil zusammenleben und auf existenzsichernde Transferleistungen angewiesen sind“ (Bezirk Friedrichshain- Kreuzberg 2009:8). Eine weitere Dimension, die oft einhergehend mit Familien und Erwerbstätigkeit diskutiert wird, ist der Anteil von Personen mit Migrationshintergrund. „Im Ortsteil Kreuzberg haben 75 % der Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahre einen Migrationshintergrund, im Ortsteil Friedrichshain 33 %“ (Bezirk Friedrichshain- Kreuzberg 2009:9). Hierbei wird deutlich, dass sich die Angaben jeweils entsprechend der einzelnen Regionen unterscheiden (ebd.). Dies wird ebenfalls bei den Kindertagesstätten und Schulen offensichtlich. 16 % der Eltern von Kindern in Friedrichshainer Kindertagesstätten und 55 % der Eltern von Kindern in Kreuzberger Kindertagesstätten geben an, zu Hause überwiegend nicht Deutsch zu sprechen. In 16 der 20 Kreuzberger Grundschulen liegt der Anteil von Kindern nichtdeutscher Herkunftssprache bei über 50 %. Im Ortsteil Friedrichshain trifft dies nur auf eine der 11 Grundschulen zu (Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg 2009:9). Bezogen auf den gesamten Bezirk zählt Friedrichshain-Kreuzberg mit einem Anteil von 37 % an Personen mit Migrationshintergrund zu einem der höchsten Anteile im bezirklichen Berliner Vergleich (Beirat für Familienfragen 2011:138). Im Rahmen eines Familienforums mit Eltern aus dem Bezirk Friedrichshain beschreiben diese den Bezirk an die dargestellten sozialdemografischen Daten anschließend, folgendermaßen: „Hier wird über – z. T. in Eigeninitiative entstandene – Familien- und Elterncafés berichtet. Generell hat bürgerschaftliches Engagement 131 eine sehr hohe Bedeutung. Es werden aber auch noch weitere Verbesserungen der Rahmenbedingungen gewünscht, damit sich soziale Netzwerke entwickeln und stärken können. […] Die Anforderungen an Bildungseinrichtungen sind hoch, was sich etwa in der Forderung nach besserer Qualifizierung des pädagogischen Personals niederschlägt. Familien wollen weitreichende Mitsprache, etwa in der Schule (verstärkte Elternmitsprache), aber auch politisch und bei der Gestaltung des Bezirks (indem die Durchführung regelmäßiger Familienforen als wichtig erachtet wird)“ (Borchers/ Kukat/ Olejniczak, 2009:60). Der Bezirk ist somit durch Heterogenität und zugleich herausfordernden Rahmenbedingungen gekennzeichnet. 3.1.2.2 Bezirkliche Familienbildung Aufgrund dieser heterogenen sozialdemografischen Ausgangslage ist es notwendig, „Angebote und Netzwerke der Familienförderung und Familienbildung zu entwickeln, die diese unterschiedlichen Voraussetzungen berücksichtigen und die Entwicklungschancen von Kindern und Jugendlichen verbessern oder zu stabilisieren helfen“ (Bezirk Friedrichshain- Kreuzberg 2009:10). Im Jahr 2004 wurde die Arbeitsgemeinschaft nach § 78 SGB VIII ‚Familien-Bildung/-Beratung/-Begegnung‘ initiiert, die „Mitwirkung an der Fachplanung der Jugendhilfe des Bezirks, Beteiligung bei der Bedarfserhebung und Entwicklung der Angebotsstruktur, Vernetzung von Angeboten sowie Erarbeitung und Sicherung von gemeinsamen Qualitätsstandards als Zielstellungen nennt“ (Senatsverwaltung Bildung, Wissenschaft und Forschung 2006:37). Um gezielt auf die unterschiedlichen Lebensverhältnisse im Bezirk eingehen zu können, Familien zu unterstützen bezogen auf die aktive gesellschaftliche Teilhabe und Zugänge zu Bildungsprozessen zu ermöglichen, wurde Ende 2006 politisch ein Schwerpunkt auf die Familienbildung im Bezirk gesetzt (Beber 2007). Entgegen der im Rahmen der Umstrukturierung entlang des Fachkonzepts Sozialraumorientierung vorgenommenen Entsäulung wurde ein Fachdienst ‚Frühe Bildung und Erziehung‘ aufgebaut, welcher die Bereiche fachliche Steuerung der Kindertagesbetreuung, Kindertagespflege und Familienbildung beinhaltet. Dies ging einher mit der Gründung einer entsprechenden Fach-AG. Ein strukturelles Ziel ist es, dass jede der acht Regionen Friedrichshain-Kreuzbergs ein Familienzentrum erhält (Beber 2007). Zu Beginn der empirischen Erhebung im Jahre 2010 wurden fünf Familienzentren in Friedrichshain-Kreuzberg bezirklich über § 16 SGB VIII zur Familienbildung gefördert. Die Familienzentren haben verschiedene Entstehungsgeschichten und konzeptionelle Verankerungen, bspw. als Nachbarschaftszentrum, Early-Excellence-Center oder Mehrgenerationenhaus (Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg 2009:17). Damit wird bereits die Heterogenität hinsichtlich der Umsetzungsbreite aufgegriffen und zugleich die jeweiligen sich in den Einrichtungen ergebenden Bedarfe hinsichtlich der Nachfrage von Familien nach solchen Angeboten (Senatsverwaltung Bildung, Wissenschaft und Forschung 2006:49f, Beirat für Familienfragen 2011:72). Damit gehen zudem die Anforderungen an eine „Umorientierung des Angebotsspektrums“ (Beirat für Familienfra- 132 gen 2011:72) einher, um die vielfältigen Bedarfslagen aufgreifen zu können. „Infolgedessen muss sich Familienbildung in Berlin auf zwei Säulen stützen: Es bedarf einerseits allgemeiner Programme, die einen breiten Adressatenkreis ansprechen, und andererseits spezifischer Unterstützungsangebote mit gezielter Ansprache und niedrigschwelligem Zugang“ (Beirat für Familienfragen 2011:73). Daraus ergibt sich die Notwendigkeit einer regionalen strukturellen Verankerung von Familienbildung (Beirat für Familienfragen 2011:73). 3.1.2.3 Familienzentren im Bezirk An die Beschreibung des Bezirks und der dort verankerten Familienbildung werden nun die vier Familienzentren als der konkrete Untersuchungsgegenstand der empirischen Erhebung näher beschrieben. Dafür werden bereits erste Aussagen aus der empirischen Erhebung hinzugezogen. Familienzentrum Menschenskinder Das Familienzentrum Menschenskinder befindet sich in einer schmalen Querstraße hinter der mehrstöckigen Häuserfront einer sechsspurigen Allee, gegenüber von Mehrfamilienhäusern aus den 50er Jahren im Bezirk Friedrichshain. Nebeneinander stehen dort ein zweistöckiges und zwei einstöckige Gebäude. In dem zweistöckigen Gebäude betreibt der Träger menschenskinder-berlin gGmbH eine Kindertagesstätte. Auf einer davor stehenden Tafel sind Hinweise zur Kindertagesstätte und zu Veranstaltungen des Familienzentrums angebracht (B19:68). Der Ursprung des Familienzentrums führt zurück auf die Gründung des Trägers im Jahr 1996 und der bereits damaligen konzeptionellen Verankerung mit dem Anspruch, vernetzte präventive, niedrigschwellige Unterstützungsangebote zu gestalten. Dies wurde damals ohne bezirkliche Förderung umgesetzt. „Die haben das selber entwickelt, komplett aufgebaut, ohne dass das von irgendjemand irgendwie unterstützt wurde, sondern aus einer Kita heraus haben die da Familienangebote gemacht“ (J03:62). Aufgrund des steigenden Bedarfs erfolgte ein Umzug in die Räume der Kindertagesstätte. 2010 wurde dem Träger für das Familienzentrum ein Gebäude vom Bezirk zur Verfügung gestellt. An die Kindertagesstätte grenzt ein Sozialpädiatrisches Zentrum und daneben das neue Gebäude des Familienzentrums, ehemals als Kindertreff genutzt, an. „Da liegt die große Chance eigentlich. Also, wir können jetzt hier noch mal total neu anfangen“ (P22:17), bewertet eine Mitarbeiterin den Umzug in das neue Gebäude mit angrenzendem Garten. Vor dem Familienzentrum ist ein Begrüßungsaufsteller platziert und nach zwei Stufen steht man vor der Tür mit der Aufschrift: ‚Herzlich Willkommen‘. In das Familienzentrum gelangt man durch das Klingeln an der Tür oder mit dem 8 Anonymisierungsverschlüsselung der einzelnen Interviews und teilnehmenden Beobachtungen mit der jeweiligen Zeilenangabe, wobei W die Perspektive einer Werkstattrunde, P die Perspektive eines professionellen Akteurs, N die Perspektive einer Nutzer_in, J die Perspektive eines steuernden Akteures im Jugendamt und B die Perspektive einer teilnehmenden Beobachtung hinterlegt. 133 Kinderwagen durch den offenen Garten (B25:5). Im Vorraum ist eine Pinnwand mit vielfältigen Informationen angebracht. Von dort gehen mehrere Räume ab. Linker Hand soll ein kleiner Raum zukünftig als Büro genutzt werden. In dem dahinter liegenden, blau gestrichenen Raum laden Matten, Kissen und eine Holzeisenbahn zum Spielen ein. Daneben befindet sich der Sanitärbereich mit einer großen Familientoilette, Wickeltisch sowie einer Tafel mit Tausch- und Verkaufsangeboten (B25:11). Rechts des Eingangsbereichs liegt eine kleine Küche mit einer Durchreiche in den großen Aufenthaltsraum. In der Mitte des Raumes steht die lange, jahreszeitlich passend dekorierte Tafel mit Stühlen. „Wie ein großes Wohnzimmer“ (N14:81), beschreibt eine Mutter diesen Bereich. Dahinter stehen zwei Sofas, und an der Seite befinden sich Spielmaterialien für Kinder verschiedener Altersstufen (B25:9). Auf einer angrenzenden Anrichte liegen Flyer von Kooperationspartnern aus (B25:10). Ein weiterer Raum des Familienzentrums soll zukünftig als Bewegungsraum genutzt werden. Momentan werden solche Angebote im Kursraum der Kindertagesstätte durchgeführt (B36:16). Eine weitere Tür führt aus dem Eingangsbereich in den Garten. „Eine kleine Oase. Da gibt es Eichhörnchen, Vögel“ (P22:188) und viele andere Tiere zu beobachten. Im Sommer 2011 soll dieser gemeinsam mit den Familien gestaltet werden. Dem Familienzentrum Menschenskinder liegt konzeptionell der Situationsansatz9 zugrunde. Das Agieren im Familienzentrum richtet sich nach den Bedarfen der Familien (B14:31). Dementsprechend bildet ein offenes Konzept für die Vor- und Nachmittage die Grundlage (B37:7). „Ein Raum für Bedürfnisse, ich finde das total schön, weil das alles umfasst. Das ist auch so unsere Arbeit, wie wir arbeiten, also situationsorientiert“ (P22:162). Die offenen Vor- und Nachmittagsangebote finden jeweils zwischen 10:00 und 12:30 Uhr bzw. 13:00 und 14:30 Uhr und 18:00 Uhr im Familienzentrum statt. Zum Forschungszeitpunkt sind dort drei Sozialarbeiterinnen angestellt. Eine hat die Leitung des Familienzentrums inne, zwei Mitarbeiterinnen sind mit jeweils 25 Stunden beschäftigt und werden durch eine Verwaltungskraft, die über eine MAE-Maßnahme läuft, unterstützt (P15:21, P22:73ff). Darüber hinaus sind dort Honorarkräfte für spezielle Kursangebote wie PEKiP und Kinderturnen tätig. Familienzentrum Mehringdamm Das Familienzentrum Mehringdamm liegt neben einer vierspurigen, stark befahrenen Straße im Ortsteil Kreuzberg. Der Gebäudekomplex ist das ehemalige ‚Haus der Familie‘, in dem „vom Konzept her alles in einem Haus vom Standesamt über den Kinder- und Jugendgesundheitsdienst […] Krippe, Kita, Hort, Erziehungsbe- 9 Der Situationsansatz ist ein Sozialpädagogisches Konzept, nach dem Alltagssituationen aufgegriffen werden und als Anlass für ein begleitetes Lernen hinsichtlich der Entwicklung der Kinder genutzt wird (Heller 2010). 134 ratung, alles in einem Haus“ (P01:15) untergebracht war. 1976 wurde darin das ‚Elternzentrum‘ in Trägerschaft des damaligen Bezirks Kreuzberg gegründet. Das Elternzentrum galt als eine „Vorzeigeeinrichtung“ (P01:12) und Vorläufer des Familienzentrums. 2007 wurde das Elternzentrum in die freie Trägerschaft des Pestalozzi-Fröbel-Hauses (Stiftung des öffentlichen Rechts) übergeben. Derzeit sind in diesem Gebäude die Erziehungs- und Familienberatungsstelle des Jugendamts, der Kinderschutzbund und Räume der Volkshochschule untergebracht (B01:6). Das große gelbe Gebäude aus den 60er Jahren wirkt wie auf Stelzen gebaut mit unüberschaubaren Gebäudeteilen. Vom Gehweg führen einige Stufen hinunter zwischen die Betonstelzen, an denen Schilder zu den verschiedenen Institutionen weisen (B01:8). Das Familienzentrum befindet sich im Erdgeschoss des Gebäudekomplexes, dessen Außengelände an die Grünflächen einer Kindertagesstätte grenzt (B01:9f). Früher wurden die Räume des jetzigen Familienzentrums ebenfalls als Kindertagesstätte genutzt. Mittlerweile gehören drei Gruppenräume und eine Turnhalle im Vorderhaus ebenfalls zum Familienzentrum (P01:14). Den Gebäudekomplex betritt man durch eine Glastür, die zur Erziehungs- und Familienberatungsstelle führt, weitere Treppen führen hinunter zum Familienzentrum. Im Eingangsbereich des Familienzentrums sind an einer großen Pinnwand das Programm, Informationen von Kooperationspartnern und weitere Angebote angebracht. Auch in dem breiten Flur dahinter befinden sich verschiedene Veranstaltungshinweise und Fotodokumentationen (B01:12f). Von dem Eingangsbereich geht links ein langer Gang ab, der in einem großen Raum für Musik- und Bewegungsangebote mündet. Rechts folgt ebenfalls ein langer Gang endend in einer großen, voll ausgestatteten Küche mit Tischen und Stühlen (B01:14f). Gegenüber dem Büro der Mitarbeiter_innen befinden sich das Leitungsbüro sowie der Empfang mit der Verwaltungskraft (B01:16f). Zwischen den Büros führt eine Glastür, an der Fotos und Namen der Mitarbeitenden angebracht sind, in den Bereich des Familiencafés. Rechts liegen ein Bälle-Bad für Kinder, gefolgt von den Sanitäranlagen für Erwachsene und Kinder (B01:18). Links lädt ein Trödeltausch zum Abgeben und Nehmen nicht mehr benötigter Kleidung ein (B01:19). Dahinter folgt der Spielbereich für die Kinder. An den Wänden sind Schilder mit den Regeln für den Spielbereich sowie das Foto der an diesem Tag zuständigen Mitarbeiterin angebracht. Je nach Interesse können die Kinder mit den Matten, Klettergeräten, der Kinderküche, Kostümen und verschiedenen Anregungsmaterialien spielen (N10:36). Der Spielbereich wird durch eine breite, zum Niederlassen anregende Truhe abgegrenzt. Gegenüber stehen zwei Sofas (B01:20). Hinter dem Spielbereich bilden Tische und Stühle vor einer Theke den Cafébereich. Vor der Theke stehen zumeist zwei Stühle, auf welche die Kinder klettern können, um darüber zu blicken (B01:21). Links befindet sich der Kreativbereich mit Tischen und Stühlen für die Kinder. Am daneben stehenden Tisch können die Erwachsenen sitzen. Von der Decke und an den Wänden hängen verschiedene Fotos und Kunstwerke (B01:22). Rechts vom Café geht eine weitere 135 Sitzecke mit Sofas und Tischen ab. Dahinter befindet sich der Babybereich mit einem Teppich und einigen Spielsachen. Aus einem Schrank können Kinderbücher und Fotodokumentationen genommen werden. Eine Tür führt in den Garten mit Klettergerüst und Rutsche für die älteren Kinder (B01:23). Auch vom Kreativbereich führt eine Tür auf das Außengelände. Dort sind neben einer gepflasterte Laufstrecke ein Barfußparcour, Balancierelemente und eine Sandkiste mit Wasserpumpe vorhanden (B01:22). Im Sommer wird dieser Bereich mit einem Sonnensegel geschützt. Seit Juli 2007 befindet sich das Familienzentrum in Trägerschaft des Pestalozzi- Fröbel-Hauses (P01:18). Trägerbedingt bildet der Early-Excellence-Ansatz die konzeptionelle Grundlage des Familienzentrums. „Die Öffnung in den Sozialraum, der ‚positive Blick‘ auf Eltern und Kinder und dass man Bildungsangebote für Kinder so strukturiert, dass die Bildung für alle zugänglich ist und dass die Eltern immer mit einbezogen werden. Das sind die Hauptleitlinien“ (P01:20) dieses Ansatzes. Fokussiert werden der ‚positive Blick‘ und die Stärken des Kindes (P19:101). „Eigentlich ist der Schwerpunkt dieser Einrichtung, dass ich einen positiven Blick finde für mein Kind und auch die Möglichkeit und den Raum nutze, das Kind intensiv zu beobachten, zu begleiten“ (P08:27). Das Familienzentrum Mehringdamm ist montags bis freitags von 9:30 bis 18:00 Uhr geöffnet. Neben der Leitung des Familienzentrums sind dort eine Sozialpädagogin, zwei Erzieherinnen, eine Verwaltungsangestellte und zahlreiche Honorarkräfte tätig (P01:35). Familienzentrum DAS HAUS DAS HAUS e. V. als Träger im Kinder- und Jugendhilfebereich entstand in der Wendezeit, „als Pädagogen, Künstler, Psychologen sich zusammen gesetzt und überlegt haben, wir wollen etwas anders machen“ (P02:13). Diese Zeit war von Hausbesetzungen im Samariterkiez des damals eigenständigen Bezirks Friedrichshain geprägt (P02:13). Es begann die Suche nach einem geeigneten Haus für das Projekt. 1992 fand man ein leer stehendes, ungenutztes Haus in einer langen Seitenstraße, das „aber hatte eben den Vorteil, dass es fast nichts kostete an Miete“ (P02:15). Somit zog der Verein schnell ein und begann mit der Arbeit. Es sollten Freizeitangebote für Kinder mit dem Schwerpunkt auf Kreativität geschaffen werden (P02:16f). Über die Jahre etablierte sich das HAUS als Kinderzentrum mit vielfältigen kreativen Angeboten im Freizeitbereich und zahlreichen Projekten für Schulklassen. Aufgrund des in der Satzung festgehalten Anspruchs, generations- übergreifend zu arbeiten, war das HAUS „schon immer wieder Anlaufstelle für Nachbarn, für Eltern“ (P02:19). In den letzten Jahren sind immer mehr Eltern und Großeltern in das HAUS gekommen und haben gefragt: ‚Können wir nachmittags hier auch mal Kuchen essen?‘ Klar haben wir gesagt, machen wir. Und dann wurde das immer mehr“ (P02:20). In den regelmäßigen Gesprächen mit dem Jugendamt wurden diese Entwicklungen thematisiert, „weil es Familienförderung nach dem 136 § 16 überhaupt nicht gab in dem Bezirk“ (P06:14). So entwickelte sich das Konzept für ein Kinder- und Familienzentrum, welches sowohl die kreative Arbeit mit Kindern als auch den Einbezug der Eltern vereint (P02:22). Das HAUS befindet sich in einem von der Straße aus nach hinten versetzten 4-stöckigen Gebäude. Am Gehweg verweist ein Aufsteller auf das HAUS, das aktuelle Programm und die Angebote. Die Fassade des HAUSes ist von Künstlern gestaltet. „Es ist schon alles sehr hell und bunt“ (N07:80). Zwischen der Fahrradwerkstatt und den großen Fenstern des Familiencafés befindet sich der Eingang des Familienzentrums. Nun steht man im Treppenhaus und wird über die Angebote im Familienzentrum, Veranstaltungen und bebilderte Hinweisschilder zu den Räumen informiert. Durch die Tür links gelangt man in das mit verschiedenen Sitzgelegenheiten und Kinderspielen gestaltete Elterncafé mit angrenzender Küche (B28:5). Eine weitere Tür führt in den Garten. Dort gibt es einen gepflasterten Bereich, ein Klettergerüst und daneben kreisförmig angelegte Steine zum Sitzen um eine Feuerstelle. Im Erdgeschoss befinden sich die Keramikwerkstatt und die sanitären Anlagen. „Man hat gleich einen Kinderwagenstellplatz gehabt mit Toilette dran, wo man auch abschließen und das Kind mit reinnehmen kann“ (N07:29). Im ersten Stock liegen die Büros der Mitarbeiterinnen sowie ein kleiner Beratungsraum mit Sofa. Auf der rechten Seite sind ein Spielzimmer und der Bewegungsraum untergebracht. In der dritten Etage befinden sich ein Computer- und Theaterraum sowie weitere Räume, die von Kooperationspartnern genutzt werden. Im vierten Stock sind weitere Beratungsräume und Kooperationspartner ansässig, bspw. eine Hebamme. Durch die bereits dargestellte historische Entwicklung bildet nach wie vor sowohl die kreative Arbeit mit Kindern als auch der Einbezug der Eltern auf verschiedenen Wegen den konzeptionellen Rahmen für das Familienzentrum HAUS. Fokussiert werden die Kinder und deren Familien im Stadtteil und zudem entsprechend Kooperationen mit Kindertagesstätten, Schulen und anderen Akteuren im Stadtteil (J03:61). An den Vormittagen finden Projekte für Schulklassen und/ oder Eltern-Kind- Angebote statt. An drei Nachmittagen in der Woche ist parallel zu Angeboten für Kinder das Familiencafé geöffnet. Neben der Leiterin des Familienzentrums sind zwei Verwaltungsmitarbeiterinnen im Büro sowie zwei pädagogische Koordinatorinnen angestellt. Daneben sind zahlreiche MAE-Mitarbeiter_innen für verschiedene Bereiche wie die Kinderküche, Bibliothek, Fahrradwerkstatt und PC-Bereich zuständig sowie ein Hausmeister (B08:10). „Die Mitarbeiterinnen sind sozusagen die Säulen in den verschiedenen Bereichen, und darum herum sind dann angedockt die jeweiligen Beschäftigungsmaßnahmen, also ABM, Ein-Euro-Jobber, Praktikanten“ (P02:79). Darüber hinaus sind viel ehrenamtliche Akteure und wenige Honorarkräfte dort tätig (P02:79ff). 137 Familienzentrum Waldemarstraße Vor einigen Jahren setzten sich im damaligen Berliner Bezirk Kreuzberg verschiedene Kinder- und Jugendhilfeträger des Stadtteils zusammen, denn „es gab schon den Bedarf, für Familien etwas zu tun“ (P03:28ff). Sie entwickelten die Ausschreibung für ein Familienzentrum mit dem Grobkonzept „Bildungsangebote bereithalten für die Familien im Kiez, für nachbarliche Träger, um auch starkzumachen, dass es schon Träger gibt im Kiez und dass die auch Angebote unter dem Dach machen können“ (P03:28ff). Dafür wurden 60qm Räumlichkeiten und die Nutzungsmöglichkeit einer Küche und eines Saales angeboten (P03:28ff). „Dann habe ich eigentlich erst mal Kontakte gemacht und wirklich konkrete Angebote entwickelt aus den Bedarfen heraus“ (P03:30). Dies umfasst Kontakte zu verschiedenen Akteuren im Stadtteil hinsichtlich des Bedarfs von Räumen und Kontakte für die Durchführung weiterer Angebote. Im zweiten Jahr erhielt das Familienzentrum zusätzliche Räume und somit insgesamt 540qm sowie zwei weitere Mitarbeiterinnen (P03:30ff). Das Familienzentrum Waldemarstraße ist in einem großen, alten Backsteingebäude an einer Kreuzberger Straße neben einer großen Grünfläche mit Spielplatz und einem weiteren Gebäude mit Angeboten eines anderen Kinder- und Jugendhilfeträgers beheimatet. Im Erdgeschoss des Gebäudes sind ein Kindercafé und das Projekt HIPPY10 (Home Instruction for Parents of Preschool Youngsters) der Arbeiterwohlfahrt Spree-Wuhle e. V. untergebracht. In der dritten Etage befindet sich eine Kindertagesstätte. Schilder im Eingangsbereich weisen auf Träger und Angebote im Haus hin (B02:5f). Das Familienzentrum befindet sich in der 1. und 2. Etage. Es gibt einen Aufzug, welcher aber einmal die Woche ausfällt (B02:7). Die erste Etage betritt man durch eine Glastür. Dort sind das Büro der Leiterin, ein Beratungsraum mit Sofa und Spielecke sowie ein Raum mit Tischen, Stühlen und Tafel für die Sprachkurse untergebracht. Ein im Flur stehender Computer kann von den Besucher_innen genutzt werden (B02:8). Von der Eingangstür aus links folgt ein langer Flur, von dem ein großer Bewegungsraum mit Spiegelwand, weitere Unterrichtsräume, eine Teeküche und sanitäre Anlagen abgehen (B02:9). Der Eingangsbereich der zweiten Etage ist mit einer Übersicht der Angebote und Fotos von den Mitarbeitenden gestaltet. Daneben liegen die Büros der Verwaltungskraft, die dadurch den Empfangsbereich darstellt, und den Mitarbeitenden. Dahinter folgen wiederum Unterrichtsräume und sanitäre Anlagen. Links des Eingangsbereichs befindet sich ein Spielraum mit diversen Materialien und einem Bälle-Bad. Von diesem Raum gelangt man auf den Balkon. Dort sind Roller und Pedalos gestapelt, die im Sommer ausgeliehen werden können. Des Weiteren stehen dort Tische und Stühle. Vor dem Balkon steht direkt eine große Kastanie, die im Sommer Schatten spendet (B02:10). Dann folgt der farblich gestaltete Orientraum mit vielen Sofas. Gegenüber liegt eine weitere Teeküche (B02:11). Am Ende 10 HIPPY ist ein Eltern-Kind-Programm zu Sprachförderung. 138 des Flures ist eine Kleiderkammer mit zahlreichen Kindersachen untergebracht (B02:12). In den Fluren befinden sich ebenfalls Sitzmöglichkeiten und viele geschenkte Regale mit unterschiedlichen Informationsbroschüren (B02:15). Der konzeptionelle Ansatz des Familienzentrums Waldemarstraße liegt neben der dem Stadtteil bedarfsentsprechenden Angebotsentwicklung in der Bündelung der bereits bestehenden Angebote des Stadtteils unter einem Dach. Neben den drei Mitarbeiterinnen sind aufgrund der Angebotsbündelung der verschiedenen Träger unter einem Dach weitere zahlreiche Akteure im Familienzentrum tätig. 3.2 Untersuchungsleitende Fragestellungen Gegenstand dieser empirischen Untersuchung sind vier Familienzentren des Berliner Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg. Die zentrale Forschungsfrage zielt auf die empirische Analyse der konzeptionellen, strukturellen und methodischen Gestaltung dieser Familienzentren und der Herausarbeitung von Arbeitsprinzipien. „Arbeitsprinzipien oder handlungsleitende Orientierungsrahmen sind allgemeine Grundsätze, an denen sich das Handeln orientiert (Boulet/ Krauss/ Oelschlägel 1980). Sie stellen gewissermaßen die Brücke zwischen Denken und Handeln dar“ (Meinhold 1998:223) und geben Auskunft über das Selbstverständnis der handelnden Akteure (Heiner u. a. 1994:293). Entsprechend können Arbeitsprinzipien normativ handlungsauffordernd formuliert sein und zugleich verschiedene methodische Umsetzungen zum Erreichen dieser zulassen (ebd.). Neben der Formulierung von Arbeitsprinzipien zielt die Forschung auf Erkenntnisse hinsichtlich des Nutzens der Familienzentren für die Adressat_innen (Steinert 1998:35). Dabei schließt sich die vorliegende Untersuchung dem folgenden Verständnis von Nutzen an: „Eine zentrale Bedingung für die Kooperation und produktive Mitarbeit des Nutzers ist dabei zunächst die positive Bewertung der sozialen Dienstleistung hinsichtlich der Unterstützung bei der Bewältigung der je individuellen Problemlage durch den Nutzer. Der Nutzer muss also, bezeichnet man diese positive Bewertung der sozialen Dienstleistung als Nutzen, einen Nutzen antizipieren können, um aktiv an der Dienstleistungsproduktion mitzuarbeiten. Analog dazu wirkt sich die Antizipation eines Nichtnutzens der betreffenden Dienstleistung kontraproduktiv auf den Hilfeprozess aus. Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen wird das analytische Begriffspaar Nutzen und Nichtnutzen definiert als hilfreich oder nicht hilfreich hinsichtlich der Bearbeitung der eigenen, individuellen Problemlagen aus der Perspektive des Nutzers“ (Maar 2005:117). Somit liegt ein weiterer Fokus auf der individuellen Betrachtung der Familienzentren durch die Nutzer_innen und der damit einhergehenden Einschätzung „was sie von den Angeboten der sozialen Arbeit ‚haben‘, was ihnen das Angebot ‚bringt‘ “ (Oelerich/ Schaarschuch 2005:80). Mit der Betrachtung des Nutzens geht zugleich die individuelle Einschätzung des subjektiven Wohlbefindens einher. Einschätzungen zum subjektiven Wohlbefinden nehmen nach Bertram und Freitag 2011 einen 139 wichtigen Stellenwert ein, um neben allein statistischen Angaben subjektive Einordnungen ableiten zu können mit der Zielstellung, „für unterschiedliche Gruppen spezifische Angebote und Perspektiven politischer Maßnahmen zu entwickeln“ (Bertram/ Freitag 2011:237). Somit ist die Frage nach dem subjektiven Nutzen im Kontext der Sozialen Arbeit durchaus relevant, um „die Lebensrealität von Familien zu analysieren und herauszufinden, welche Bedingungen sich innerhalb der familialen Welt positiv oder negativ auf die Lebensqualität von Familien auswirken“ (BMFSFJ 2011a:9). In der vorliegenden Untersuchung werden diese Dimensionen hinsichtlich des Untersuchungsgegenstands der Familienzentren fokussiert (BMFSFJ 2011a:9). Daraus ergeben sich die folgenden forschungsleitenden Fragestellungen, welche sich unterteilen in die empirische Erhebung der vier zu untersuchenden Familienzentren und deren zusammenführende Deskription (Forschungsfragen 1, 2 und 3 im Kapitel 4) sowie der Entwicklung eines Konzepts von Arbeitsprinzipien (Forschungsfrage 4 im Kapitel 5.1): 1. Welche konzeptionell-strukturellen Arbeitsprinzipien liegen den Familienzentren zugrunde? Wie werden diese Arbeitsprinzipien methodisch realisiert? Was sind die fachlich-konzeptionellen Ziele der Arbeit in Familienzentren? 2. Welchen Nutzen haben die Adressat_innen durch das Familienzentrum? 3. Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede lassen sich bei den untersuchten Familienzentren bezüglich der zugrunde liegenden Arbeitsprinzipien und der Nutzenperspektive herausarbeiten? 4. Wie können diese Gemeinsamkeiten und Unterschiede in ein grundlegendes, verallgemeinerbares Modell von Arbeitsprinzipien zusammengeführt werden? 3.3 Praxisorientierte Sozialarbeitsforschung Ausgehend von einem Verständnis der Sozialen Arbeit, deren Gegenstand „die Bearbeitung gesellschaftlich und professionell als relevant angesehener Problemlagen“ (Steinert 2008:23) darstellt, beansprucht dies zugleich einen adäquaten Forschungsansatz. „Humanwissenschaftliche Gegenstände müssen immer möglichst in ihrem natürlichen, alltäglichen Umfeld untersucht werden“ (Mayring 200:22), um so in der jeweiligen Lebenswelt anzuknüpfen und einen aktuellen Situationsbezug herzustellen (Mayring 2002:22). Sozialer Arbeit als Handlungswissenschaft mit einem darauf bezogenen Forschungsverständnis „geht es um die Frage nach ihrem je besonderen Beitrag zur Entstehung, Erhaltung und Veränderung sozialer Probleme“ (Staub-Bernasconi 2007:169). Demnach zielt eine anwendungsorientierte Sozialarbeitsforschung darauf, „Aussagen zu machen über a) die Arbeitsabläufe und Organisationsformen von Sozialarbeit b) die Interaktionsprozesse zwischen SozialarbeiterInnen und KlientInnen c) die Wirkungen der Interaktionsprozesse sowie d) die Alltagswelt und Lebenslagen der KlientInnen" (Steinert 1998:35). Diese vier Zielstellungen der Sozialarbeitsforschung entsprechen den für eine Handlungswissenschaft erforderlichen Erkenntnisebenen im Kontext einer angewandten Wissen- 140 schaft. Zentral ist dabei die Erforschung „wissenschaftliche[r, S. H.-B.] Probleme von möglicher praktischer Relevanz“ (Staub-Bernasconi 2007:240) im Sinne einer Exploration mit der Zielstellung der „Entdeckungen von innovativen Wegen für die Lösung wie Prävention (psycho-)sozialer Probleme" (Staub-Bernasconi 2007:240). Folglich eröffnet sich ein praxisorientierter Forschungsansatz im Sinne der Entwicklung einer sogenannten ‚Praxistheorie‘. „Der Begriff der ‚Praxistheorie‘ enthält in sich den Kompromiss einer Lösung des Theorie-Praxis-Dilemmas. Aus der konkreten Praxis heraus können Theorien entwickelt und als erkenntnisklärende und erkenntnisleitende Vorstellungen genutzt werden, so wie auch umgekehrt die Theorie die Richtung der Praxis vorstrukturieren kann. Praxistheorien sind Theorien über einzelne Teile bzw. Felder der Praxis (z. B. über das Feld der ‚Migration‘). Sie enthalten praxisspezifische Wissenszusammenhänge, die auf wissenschaftlichen Grundlagen beruhen. Das über Forschung bzw. über wissenschaftlich anerkannte Methoden gewonnene Wissen über einen Gegenstand ist in den Praxistheorien dadurch gekennzeichnet, dass es feld- ‚und‘ anwendungsbezogen ist. Ein solches Wissen hat einen konkreten Verwendungszusammenhang. Es kann also spezifisch genutzt und benutzt werden" (Callo 2005:34). Für das Erforschen von Voraussetzungen und Wirkungen sozialarbeiterischen Handelns wird eine im Handlungsfeld stattfindende Praxisforschung unerlässlich (Prengel 2003: 601). Der Begriff der Praxisforschung fokussiert dabei zum einen die bereits benannten möglichen Untersuchungsgegenstände im konkreten Feld der Sozialen Arbeit und zum anderen auch die Zielstellung „eine[r, S. H.-B.] unmittelbare[n, S. H.-B.] Anwendbarkeit der Forschungsergebnisse für die Praxis“ (Pothmann 2003:302). Dieses praxisorientierte Anliegen wird ebenfalls in der Nutzer_innenforschung hervorgehoben. Dieser Forschungsansatz lässt sich aus dem dienstleistungstheoretischen Paradigma der Sozialen Arbeit herleiten, welches die Nutzer_innen als „systematisch am Dienstleistungsprozess beteiligt“ (Schaarschuch/ Oelerich 2005:10) hervorhebt. Somit sind es die Nutzer_innen, „die ihr Leben, ihr Verhalten, ihre Gesundheit, ihre Bildung unhintergehbar aktiv produzieren, d. h. aneignen (müssen) und diese somit realiter die Produzenten sind – während die Professionellen, die diesen Aneignungsprozess in keiner Weise vollziehen können, im Hinblick auf diese Aneignungsprozesse ‚lediglich‘ ko-produktive Hilfestellungen und Anregungen zu geben, Lernarrangements bereitzustellen, Alternativen aufzuzeigen, kritische Begleitung zu geben in der Lage sind etc.“ (ebd.:10f, H. i. O.). Diese Betrachtungsweise bedingt selbsterklärend, für eine sozialarbeiterische Forschung die Perspektive der Nutzer_innen in den Fokus zu setzen (Schaarschuch/ Oelerich 2005:9). Damit nimmt auch die Frage nach dem Nutzen für die Nutzer_innen eine zentrale Betrachtungsdimension ein, da der Nutzen nicht als unmittelbare Reaktion vorhersagbar ist. „Vielmehr handelt es sich um einen komplexen Prozess der konkreten, subjektiven Aneignung. Aus diesem Grund sind die konkreten Ausprägungen des Nutzens wie auch die Nutzungsprozesse sozialer Dienstleistungen im Zusammenhang mit den subjektiven wie objektiven Kontexten der Nutzerinnen und Nutzer wie auch des Angebots zu sehen, vor deren Hintergrund die subjektiven 141 Bedeutungen des Nutzens erst plausibel werden" (Oelerich/ Schaarschuch 2005:83). Entsprechend ist es unerlässlich, im Kontext einer Fragestellung zur Untersuchung eines Handlungsfeldes Sozialer Arbeit die Nutzer_innen hinsichtlich ihrer Perspektive zu befragen. Darüber können ebenso Perspektiven einer individuellen lebensweltlichen Verortung erhoben werden. Die Forscherin „nimmt [ihren, S. H.-B.] Ausgangspunkt von den unmittelbaren Nutzerinnen und Nutzern sozialpädagogischer Angebote und fragt danach, auf welche Weise sie die gesellschaftlich konkret verfassten (Dienst-)Leistungen Sozialer Arbeit nutzen, worin für sie der ‚Gebrauchswert‘ der Angebote im Hinblick auf die sich ihnen stellenden Aufgaben der Lebensführung besteht und welche Restriktionen und Barrieren die Nutzung und den Nutzen beeinträchtigen und konterkarieren. Damit aber fokussiert dieser Forschungsansatz zugleich die Praxen der Beteiligten im Dienstleistungsprozess, also ihre Handlungsvollzüge und die diesen zugrunde liegenden systematisch verschiedenen Perspektiven und Deutungen" (Schaarschuch/ Oelerich 2005:9f). Somit nimmt die Perspektive der Nutzer_innen auch hinsichtlich der Rahmenbedingungen sowie dem Handeln der professionellen Akteure im Ermöglichen des Aneignungsprozesses einen zentralen Stellenwert ein (Winkler 2004, 84ff., Schaarschuch/ Oelerich 2005:12). Die Zielstellung einer so verstandenen Nutzer_innenforschung liegt somit darin, die in der Forschung identifizierbaren Nutzendimensionen in den diese umgebenden Rahmen von organisations-institutionellen sowie gesellschaftlichen Strukturbedingungen einzubetten und dialogisch zu diskutieren (Schaarschuch/ Oelerich 2005:12). „Dieses richtet sich sowohl auf die Analyse dessen, was für die Nutzer und Nutzerinnen den Gebrauchswert sozialpädagogischen Handelns ausmacht als auch auf die Identifizierung derjenigen Strukturmerkmale sozialpädagogischen Handelns und sozialpädagogischer Arrangements, die produktive Aneignungsprozesse im Sinne einer Autonomie der Lebenspraxis auf Seiten der Nutzerinnen und Nutzer befördern oder die sie verhindern, einschränken und in ihrer widerspruchsvollen Amalgamierung konterkarieren“ (ebd.:13). Entsprechend ist es erforderlich, im Rahmen eines solchen skizzierten Forschungsansatzes Anknüpfungen zwischen Forschungserkenntnissen und den Handlungsfeldern in der Praxis zu ermöglichen mit dem Fokus auf eine „unmittelbare Anwendbarkeit der Forschungsergebnisse für die Praxis“ (Pothmann 2003:302). 3.4 Forschungsmethoden Der dargestellte zugrunde liegende Forschungsansatz, die zentralen untersuchungsleitenden Fragestellungen und der Untersuchungsgegenstand erfordern ein entsprechendes methodisches Forschungsvorgehen. Im Fokus stehen Handlungsprozesse sowie diese gestaltende Rahmenbedingungen und Nutzendimensionen. Aufgrund des ausgeführten Forschungsstandes zu den in Kapitel 2 benannten Fragestellungen eignet sich ein qualitatives Forschungsvorgehen, bei der „die Annäherung an die soziale Realität mit Hilfe offener Verfahren erfolgt“ (Hopf 1984:14), wobei auf ein weitgehend standardisiertes Vorgehen mit Messungen und Fragebögen verzichtet wird (ebd.), denn „menschliches Handeln ist also in einem dauernden Fluss und 142 nicht so ohne weiteres prognostizierbar“ (Girtler 2001:45). Daher lassen sich keine Gesetzmäßigkeiten feststellen, sondern vielmehr Wirklichkeiten des Handelns nachzeichnen. „Im qualitativen Forschungskontext verweist das Wort ‚angemessen‘ auf den wissenschaftlichen Anspruch, dass empirische Forschung die soziale Wirklichkeit ‚originalgetreu‘ beschreiben und analysieren sollte bzw. dass diese Beschreibungen und Analysen sich von der Lebenswirklichkeit in den behandelten Bereichen leiten lassen sollten“ (Kelle 2003:194). Somit zielt ein qualitatives Forschungsdesign auf die Nachzeichnung der konkreten Handlungspraxis (Kelle 2003:198f), denn „qualitative Forschung will an konkreten sozialen Problemen ansetzen, will Forschung für die Betroffenen machen und dabei ein offenes, gleichberechtigtes Verhältnis herstellen“ (Mayring 2002:146). Die zentralen Akteure dieser Forschung (Mitarbeitende der Steuerungsebene im Jugendamt, handelnde Akteure vor Ort und Nutzer_innen) werden als die Expert_innen für ihre jeweilige Lebens- bzw. Handlungsfeldexpertise angesehen, um „herauszufinden, wie die betreffenden Menschen ihre Welt selbst sehen“ (Girtler 2001:46). Um dieser Zielstellung gerecht zu werden, bedarf es der Anwendung eines Methodenpluralismus, wodurch „Prozesse beobachtet, Entwicklungen dokumentiert und im Detail rekonstruiert, subjektive Sichtweisen der Beteiligten sichtbar und Interessen somit transparenter und nachvollziehbar gemacht werden“ (von Kardoff 2006:83). Entsprechend wird das methodische Untersuchungsdesign der Semantik der Praxis angepasst (Moser 1995:94). So ist es das zentrale Erfordernis des Forschenden, „sich auf dieselbe Bühne wie die (zu erforschenden) Akteure zu begeben. Denn nur auf diesem Weg könne ein vertieftes Verständnis von denen, über die man etwas lernen wolle, gewonnen werden. Wer ein ‚Fremder‘ oder ein bloßer Beobachter bleibt, erfaßt oft nur ein Bild der Kostüme und der äußerlichen Gesten, aber nicht die Bedeutungen, die hinter den Aktionen stehen“ (Moser 1995:61). Darüber hinaus werden in diesem Forschungsansatz im Sinne einer Triangulation die drei Perspektiven der Mitarbeitenden der Steuerungsinstanz im Jugendamt, der handelnden Akteure vor Ort und der Nutzer_innen in den Familienzentren erhoben mit der Zielstellung eines erweiterten Erkenntnisgewinns bezogen auf die dargestellten Fragestellungen (Flick 2004:12, Moser 1995:118ff). Zur Erhebung dieser verschiedenen Perspektiven eignet sich ein Methodenpluralismus aus Expert_inneninterviews, teilnehmenden Beobachtungen und Werkstattrunden. 143 Abb. 12: Forschungsvorgehen An diese einleitenden Bemerkungen hinsichtlich eines qualitativen Forschungsvorgehens anschließend werden nun die konkreten Forschungsmethoden des Expert_inneninterviews, der teilnehmenden Beobachtung und der Werkstattrunde angeführt. 3.4.1 Expert_inneninterview Zur Beantwortung und Annäherung an die eingangs dargestellten, der Untersuchung zugrunde liegenden Fragestellungen hinsichtlich der konzeptionellmethodischen Gestaltung von Familienzentren und den damit einhergehenden Nutzendimensionen, eignet sich als eine Forschungsmethode das Expert_inneninterview. Eine objektive Messung der konzeptionellen, strukturellen und methodischen Gestaltung von Familienzentren erscheint nur schwer möglich und so „liegt es nahe, mit Hilfe qualitativer, interpretativer Interviewmethoden die ‚Akteure‘ selber zu Wort kommen zu lassen […]. In der Tat sind die interviewten Personen Expert/innen ‚in eigener Sache‘ “ (Siebert 1998:82, H. i. O.). Der Begriff oder Status des_der Expert_in wird in der Literatur unterschiedlich diskutiert 144 (Flick 2006:218). Die vorliegende Arbeit schließt sich dem Standpunkt an, „ob jemand als Expertin angesprochen wird, ist in erster Linie abhängig vom jeweiligen Forschungsinteresse“ (Meuser/ Nagel 2005:73). Demnach zielt die Bezeichnung eines_r Experten_in in diesem Verständnis nicht auf die Unterscheidung hinsichtlich des Berufes oder der Wissensbestände. Eher ist ein Wissen gefragt, das sich nicht unbedingt in einem beruflichen Kontext herausbildet. Vielmehr „erwerben [diese anvisierten Akteure, S. H.-B.] durch ihre Tätigkeit – und nicht unbedingt durch ihre Ausbildung – ein Sonderwissen, weil sie über einen privilegierten Zugang zu Informationen verfügen. Auch ihre Expertise ist sozial institutionalisiert, wenn auch in anderer Weise als die beruflich gebundene“ (Meuser, Nagel 2005b:263). Daher wird an dieser Stelle keine enge Fassung des Expert_innenbegriffes erfolgen. „Eine Person wird zum Experten gemacht, weil wir wie auch immer begründet annehmen, daß sie über ein Wissen verfügt, das sie zwar nicht alleine besitzt, das aber doch nicht jedermann bzw. jederfrau in dem interessierenden Handlungsfeld zugänglich ist“ (Meuser/ Nagel 2003:484, vgl. auch Walter 1994:271). Demnach wird der Expert_innenbegriff nicht willkürlich zugeschrieben, sondern aufgrund eines Wissens bezüglich der zu untersuchenden Handlungskomplexe. In diesem Verständnis werden die in der Forschung zu interviewenden Akteure aus den Bereichen der Steuerungsinstanz im Jugendamt, den handelnden Akteuren vor Ort sowie die Nutzer_innen als Expert_innen angesprochen, die über ein Wissen verfügen, was nicht jedem zugänglich ist. „Experteninterviews sind in dreifacher Hinsicht gekennzeichnet: durch die Zielgruppe der Befragten, die Experten für einen bestimmten Gegenstandsbereich sein müssen, durch die relativ starke Fokussierung der Inhalte des Interviews […] und durch ein hohes Maß an Pragmatik der Interviewführung, die nicht zuletzt aus der Tatsache resultiert, dass Experten in der Regeln wenig Zeit haben, die sie für ein Interview zur Verfügung stellen können“ (Flick 2006:218, H. i. O.). Um der Fokussierung der Inhalte gerecht zu werden, wird ein Interviewleitfaden bezüglich der zugrunde liegenden Fragestellungen entwickelt (Bortz/ Döring 2006:219ff.; Mayring 2002:67). Durch einen Interviewleitfaden werden einerseits Anhaltspunkte zur Orientierung gegeben und andererseits ein offener Rahmen ermöglicht, wodurch die Interviewten „ihre ganz subjektiven Perspektiven und Deutungen offen legen“ (Mayring 2002:68) können. So werden Fragestellungen überprüft und weitere Zusammenhänge während des Interviews entwickelt. Dabei ist zu bedenken, dass dieser Leitfaden als Orientierung und nicht als feste Struktur dienen soll. Nur durch solch ein Verständnis wird der Forscherin das erforderliche offene, neugierige Herangehen ermöglicht (Helfferich 2005:22ff). „Gegenstand des ExpertInneninterviews sind Wissensbestände im Sinne von Erfahrungsregeln, die das Funktionieren von sozialen Systemen (von bürokratischen Organisationen bis zu Projektinitiativen) bestimmen. Insofern, als das mit diesem Verfahren erhobene Wissen explizit an sozialstrukturell bestimmte Handlungssysteme gebunden ist, an Insider- Erfahrungen spezifischer Status- und Interessensgruppen, kann es solchen Wissensbeständen auf die Spur kommen, die für die Erklärungen sozialen Wandels von 145 Bedeutung sind“ (Meuser/ Nagel 2003:489). In diesem Verständnis eignen sich Expert_inneninterviews für die Untersuchung der benannten Fragestellung im Sinne eines explorativen Verständnisses (Bogner/ Menz 2005:37f). Demnach geht es darum, „Strukturen und Strukturzusammenhänge des ExpertInnenwissens/ handelns zu analysieren“ (Meuser/ Nagel 2005:76). Der dieser Forschung zugrunde liegende Interviewleitfaden (siehe Anhang) orientiert sich dabei abgeleitet von den allgemeinen Fragestellungen an den folgenden Ebenen: Gegenstand (Wie würden Sie ein Familienzentrum beschreiben?) Struktur (Wie ist das Familienzentrum konzeptionell-strukturell verankert?) Zielstellung (Wozu dient ein Familienzentrum?) Adressat_innen (Von wem wird das Familienzentrum genutzt?) Handelnde Akteure (Wer sind die handelnden Akteure im Familienzentrum? Mit wem arbeiten diese zusammen?) Methodisches Handeln (Wie wird im Familienzentrum methodisch gehandelt?) Nutzen (Worin liegt der Nutzen eines Familienzentrums?) Hinsichtlich der zugrunde liegenden Fragestellungen und des daraus abgeleiteten Interviewleitfadens werden die Befragten sowohl hinsichtlich ihres Betriebs- als auch Kontextwissens befragt. Dies meint „ob der/ die ExpertIn zum eigenen Handeln und dessen institutionellen Maximen und Regeln befragt wird oder ob er/ sie Auskunft geben soll über die Kontextbedingungen des Handelns, über Zielgruppen, Adressaten, Betroffene. Den ersten Typus von Wissen nennen wir Betriebswissen, den zweiten Kontextwissen“ (Meuser/ Nagel 2005b:264, H. i. O.). Darüber hinaus ermöglichen leitfadengestützte Interviews zugleich Nachfragen zu einzelnen Aussagen (Schaarschuch/ Oelerich 2005:20). Der dritte Aspekt der Pragmatik der Interviewführung von Expert_inneninterviews (Flick 2006:218) wird im Abschnitt zur konkreten Forschungsdurchführung näher erläutert (vgl. Kapitel 6). 3.4.2 Teilnehmende Beobachtung Wie im vorangegangenen Abschnitt dargestellt, bietet der methodische Zugang über Expert_inneninterviews den Rahmen, reflektierte Handlungsstrukturen hinsichtlich der benannten Fragestellungen zu beschreiben. Diese kommunikative Zugangsweise eignet sich, denn „in der Alltagspraxis kommt es nicht einfach zu einer Anwendung oder Verwendung eines aus Theorien und disziplinspezifischen Wissenskorpus ‚abgeleiteten‘ wissenschaftlichen Wissens; vielmehr wird dieses Wissen ‚verwandelt‘ (Keupp u. a. 1987), in die Strukturen alltäglicher Versorgungsroutinen eingebaut und mit anderen Wissensbeständen (systematisierter Alltagserfahrung, Daumenregeln usw.) im Sinne einer meist nicht explizierten und wissen- 146 schaftlich noch kaum rekonstruierten ‚Kunstlehre‘ sozialarbeiterischer Hilfe- und Interventionsformen verknüpft“ (Kardoff 1988:76f). So bieten sich teilnehmende Beobachtungen an, um weitere qualitative Erkenntnisse hinsichtlich der Forschungsfrage zu erheben (Friebertshäuser 2003a:509), denn „menschliches Handeln ist zu komplex, als daß man es in ‚Gesetzmäßigkeiten‘ einzuordnen vermag“ (Girtler 2001:44). Durch die ethnologisch fundierte Methode der teilnehmenden Beobachtung nach Girtler wird ein unmittelbarer Einblick in die Familienzentren ermöglicht, um „komplexe Situationen und Handlungsprozesse beinahe unbeschränkt zu erfassen“ (Girtler 2001:62). Dem entsprechend wird alles, ohne ein Beobachtungsmuster zugrunde zu legen, aufgezeichnet. Im Verständnis eines ethnografischen Feldzugangs ist hierfür eine offene, neugierige Haltung gegenüber dem Forschungsfeld unabdingbar (Breuer 2009:23). Ein weiteres Element der teilnehmenden Beobachtungen im ethnologischen Forschungsverständnis von Girtler ist die Durchführung von sogenannten ero-epischen Gesprächen (Friebertshäuser 2003b:388ff). Dieser Neologismus setzt sich aus den altgriechischen Wörtern Erotema (‚Frage‘) und Epos (‚Erzählung‘) zusammen und meint ein durch Fragen und Erzählungen verstandenes Gespräch auf Augenhöhe (Girtler 2001:165). Insbesondere durch teilnehmende Beobachtungen, also dem Vorortsein im Forschungsfeld, ergeben sich Kontakte und Gespräche zu handelnden Akteuren und Nutzer_innen, die einerseits hinsichtlich einer atmosphärischen Gestaltung im Sinne eines Kennenlernens und den Knüpfen von Kontakten hilfreich sind und andererseits bereits vielfältige für die Forschungsfrage relevante Informationen eröffnen und zugänglich machen. So kann ein erster Gesprächseinstieg ermöglicht werden (ebd.:148). Die Anlässe und Fragen dazu ergeben sich aus dem Gespräch heraus, und zwar gleichberechtigt, wodurch auch Gegenfragen an die Forschende zugelassen werden und der Forschende als Lernender agiert (ebd.:149ff). „Um wirklich gute Gespräche zu bekommen, muß man also in die Lebenswelt dieser betreffenden Menschen gehen und darf sie nicht in Situationen interviewen, die ihnen unangenehm oder fremd sind“ (ebd.:154). So soll einer möglicherweise unsymmetrischen Interviewsituation durch das Agieren auf Augenhöhe begegnet werden (Girtler 2001:147ff). „Ein solches ‚ero-episches Gespräch‘ beginnt also nicht bloß mit einer Frage, sondern meist mit einer Erzählung des Forschers über seine Arbeitsweise und seine Interessen, wobei er darauf achtet, daß in demjenigen, von dem er etwas wissen will, Interessen geweckt werden und dieser schließlich selbst zu erzählen beginnt. Der Forscher erscheint so auch als ein Lernender, den man über die ihn interessierende fremde Lebenswelt bereitwillig aufklären will“ (Girtler 2001:152). Das ero-epische Gespräch besteht also darin, „den Gesprächspartner erzählen ‚zu lassen’ “ (ebd.: 158). 3.4.3 Werkstattgespräche Neben den Expert_inneninterviews, teilnehmenden Beobachtungen und darin enthaltenen ero-epischen Gesprächen stellen Werkstattgespräche eine weitere Forschungsmethode dar. In den Werkstattgesprächen werden mit professionell han- 147 delnden Akteuren und den Akteuren der Steuerungsinstanz im Jugendamt erste Erkenntnisse des Forschungsprozesses rückgekoppelt und somit verdichtet (Girtler 2001). „Das gefundene Material ist kritisch zu sichten und andauernd zu prüfen. Eine wichtige Strategie ist dabei, das Erarbeitete mit einigen Leuten aus der untersuchten Gruppe zu diskutieren“ (Girtler 2001:128). Durch solch einen Austausch werden einerseits Reflexionsprozesse der daran teilnehmenden Akteure angestoßen, denn im Forschungsprozess „wird Erfahrungswissen – […] – mit vielfältigen, heterogenen Wissensbeständen zu einer eigenen, zu praktischen Zwecken der Arbeitsorganisation sowie zur Legitimation gleichermaßen geeigneten synkretistischen Wissensform verschmolzen“ (Kardoff 1988:77). Somit eröffnen Werkstattgespräche die Diskussion zu ersten Erkenntnissen und ermöglichen dadurch eine Verdichtung des erhobenen empirischen Materials. Eine zentrale Perspektive ist, dabei nicht von dem einen ‚richtigen‘ erhobenen Wissensbestand der Forschenden auszugehen, sondern vielmehr „die unterschiedlichen Werthaltungen, Deutungsmuster und Konnotationen, die Akteure ihrem Handeln oder dem Handeln Dritter beimessen, aufzunehmen und in den Mittelpunkt zu stellen. Wissenschaft übernimmt dabei die Rolle, das Verstehen und die Interpretation der Deutungsmuster, Haltungen und Konnotationen zu unterstützen. Wissenschaftliches Wissen selbst ist im Handlungsalltag nicht ‚besser‘ oder ‚wahrer‘, sondern ist aus der Handlungsperspektive eine Wissensdomäne unter anderen“ (Langhanky u. a. 2004:73). Demnach ist es zugleich erforderlich, die Einschätzungen der verschiedenen Akteure hinsichtlich erster Erkenntnisse und Vermutungen mit einzubeziehen, um auf dieser Grundlage eine Gesamtkonstruktion zu erstellen (Langhanky u. a. 2004:73). Durch solch ein methodisches Vorgehen werden die an der Untersuchung beteiligten Akteure zugleich in ihrer Stellung als Expert_innen ihrer jeweiligen Lebenswelt angesehen und ernst genommen (Siebert 1998:82, Flick 2006:218, Meuser/ Nagel 2005:73). Darüber hinaus hat dies den Effekt, dass diese ersten Erkenntnisse einerseits Reflexionen der zugrunde liegenden Lebensweltexpertise anregen und andererseits solche erhobenen Erkenntnisse zugleich Anregungen für mögliche Veränderungen der professionellen Arbeit widerspiegeln im Sinne eines Empowerments der Akteure (Breuer 2009:36). Gleichzeitig sind diese Werkstattgespräche im Sinne eines zusätzlichen Erkenntnisgewinns auch als Wertschätzung insbesondere gegenüber den professionellen Praktiker_innen der untersuchten Familienzentren anzusehen, die ihre Arbeitszeit und ihr Arbeitsfeld für die Untersuchung zur Verfügung gestellt haben. So kann dies gleichsam als Element des Rückzugs vom Forschungsfeld eingesetzt werden (Girtler 2001:128). 3.5 Datenauswertung An die Darstellung der zugrunde liegenden Forschungsmethoden anschließend, wird nun das Verfahren zum Auswerten der erhobenen Daten aus den Expert_inneninterviews, teilnehmenden Beobachtungen und Werkstattrunden in Anlehnung an das Auswertungskonzept von Expert_inneninterviews nach Meuser und Nagel 148 beschrieben (Meuser/ Nagel 2005:83ff). Entsprechend der offenen explorativen Fragestellung bedarf es auch hinsichtlich des Auswertungsverfahrens einer Offenheit, um „wesentliche Relevanzsysteme der Betroffenen zur Geltung kommen zu lassen“ (Bartjes u. a. 2000:199). In einem ersten Schritt werden die Expert_inneninterviews und Werkstattrunden digital aufgezeichnet. Durch die digitale Aufzeichnung können im Nachhinein die zentralen Aussagen verschriftlicht und Originalaussagen übernommen werden (Mayring 2002:70, Strauss/ Corbin 1996:14). Für die Verschriftlichung wird im Sinne der Pragmatik der Expert_inneninterviews davon ausgegangen, „nur so viel und so genau zu transkribieren, wie von der Fragestellung tatsächlich notwendig erscheint“ (Flick 1991:162). Entsprechend wird auf die Transkription von Füllwörtern und Zwischenlauten verzichtet, da die Zielstellung der Forschungsarbeit nicht in der Analyse von Personen liegt, sondern vielmehr die Einordnung des Wissens in den Gesamtkontext angestrebt wird (Meuser/ Nagel 2005:83). Darüber hinaus werden die für die Interviewsituation relevanten Informationen zum Setting, der Durchführung sowie weitere für den Forschungsprozess wichtige Gedanken vermerkt (Breuer 2009:68). Angelehnt an die grounded theory von Strauss und Corbin (1996) werden die Interviews schnellstmöglich nach der Durchführung transkribiert, um einzelne Aspekte aus den geführten Interviews bereits in die nächsten wieder einzubringen (Strauss/ Corbin 1996:14f). Des Weiteren dient ein Feldtagebuch als Grundlage, um den Forschungsprozess zu dokumentieren (Girtler 2001:133). Darin sind neben den verabredeten Interviewterminen zugleich weitere Informationen, Einschätzungen und Gedanken über den Prozess enthalten. Darüber hinaus dient das Feldtagebuch der Aufzeichnung der zentralen Aspekte nach einer teilnehmenden Beobachtung, so „daß jeweils die gesamte soziale Situation, in der sich die wichtigen Prozesse abspielen, in ihren wesentlichen Inhalten festgehalten wird“ (Girtler 2001:134). Die im Rahmen der teilnehmenden Beobachtung durchgeführten ero-epischen Gespräche werden gleichsam unmittelbar im Anschluss nach Verlassen des Forschungsfeldes im Feldtagebuch dokumentiert. Dies wiederum dient der zeitnahen Abfassung eines Beobachtungsprotokolls (Girtler 2011:142f). Die vorliegenden Transkriptionen der Expert_inneninterviews und Werkstattrunden sowie die Protokolle der teilnehmenden Beobachtungen werden anschließend in die Auswertungssoftware MaxQDA eingespeist. Nach dem Auswertungsprozess von Meuser und Nagel schließt sich in einem zweiten Schritt die Paraphrasierung der empirischen Daten an. Eine grundsätzliche Orientierung an den gängigen Datenauswertungsverfahren ist erforderlich bei gleichzeitiger Offenheit hinsichtlich der Anpassung an den Untersuchungsgegenstand (Mayring 2002:146). Aufgrund der Datenfülle und einer dadurch verbundenen notwendig erscheinenden pragmatischen Sichtung des Forschungsmaterials werden im konkreten Forschungsvorgehen in einem zweiten Auswertungsschritt Überschriften gebildet entlang der Datenvorlagen. In der Sprache der grounded theorie meint dies das offene Codieren im Sinne des „Aufbrechen[s, S. H.-B.] der Daten durch ein analytisches Herauspräparieren einzelner Phänomene“ (Strübing 2008:20). Um möglichst nah am em- 149 pirischen Material zu arbeiten, werden neben abstrakten Formulierungen in diesem ersten Schritt sogenannte „in vivo Kodes“ (Strauss/ Corbin 1996:17, 50) gewählt, also im Original verwendete Phrasen und Wörter der Interviewten. Diese Überschriften werden entlang eines selektiven forschungszielleitenden Verständnisses zu Hauptüberschriften gebündelt (Meuser/ Nagel 2005: 83ff). Dies meint, dass „empirisches Material in Sinneinheiten zerlegt wird und für diese Sinneinheiten Kodes vergeben werden, deren konzeptueller Gehalt über eine beschreibende Zusammenfassung des empirisch Vorfindbaren hinausgehen muss“ (Mey/ Mruck 2011:24). In einem nächsten Auswertungsschritt erfolgt der thematische Vergleich. Die Überschriften aller Transkriptionen und Beobachtungsprotokolle werden zu passenden Kategorien gebündelt, und Begriffe werden unter kontinuierlicher Überprüfung am empirischen Material vereinheitlicht im Sinne von analytischen Kategorien (Meuser/ Nagel 2005:84f, Flick 2006:220). Durch das Sortieren und Zusammenfassen von Überschriften bzw. Codes ergeben sich durch den thematischen Vergleich Kategorien, Subkategorien sowie Ausprägungsbeschreibungen (Breuer 2009:74). „Anders als bei der Einzelfallanalyse geht es hier nicht darum, den Text als individuell-besonderen Ausdruck seiner allgemeinen Struktur zu behandeln. Das Ziel ist vielmehr, im Vergleich mit den anderen ExpertInnentexten das überindividuell Gemeinsame herauszuarbeiten, Aussagen über Repräsentatives, über gemeinsam geteilte Wissensbestände, Relevanzstrukturen, Wirklichkeitskonstruktionen, Interpretationen und Deutungsmuster zu treffen" (Meuser/ Nagel 2005:80). Mit dem Fokus auf dieses Ziel erfolgt im Verlauf des thematischen Vergleiches zudem die Paraphrasierung im Kontext der jeweiligen Kategorien unter den herausgearbeiteten Überschriften bzw. Codes. Somit wird zu diesem Auswertungsschritt die inhaltliche Verdichtung im Verständnis des thematischen Vergleiches unterstützt. Daran anschließend erfolgt die soziologische Konzeptualisierung für die „empirische Generalisierung" (Meuser/ Nagel 2005:89). In der vorliegenden Forschungsarbeit wird aufgrund des sozialarbeiterischen Forschungsthemas von einer sozialarbeitswissenschaftlichen Konzeptualisierung gesprochen. Die erhobenen empirischen Daten werden mit der entsprechenden Fachliteratur und den theoretischen Bezügen rückgekoppelt und in Bezug gesetzt. Die Zielstellung liegt darin, „die entsprechenden Wissens- und Handlungsstrukturen, Einstellungen und Prinzipien theoretisch zu generalisieren, Aussagen über Eigenschaften, Konzepte und Kategorien zu treffen, die den Anspruch auf Geltung auch für homologe Handlungssysteme behaupten können bzw. einen solchen theoretisch behaupteten Anspruch bestätigen oder falsifizieren“ (Meuser/ Nagel 2005:77). In der Forschungsarbeit sollen zum einen das grundlegende methodische Handeln im Kontext ‚Familienzentrum‘ analysiert und zum anderen vertiefende Praxisbeschreibungen rekonstruiert werden, um diese den Praktiker_innen zur Verfügung zu stellen. Somit kann ein Dialog zwischen Praxis und Wissenschaft im Verständnis Sozialer Arbeit als Handlungswissenschaft (Engelke 2002) unterstützt werden, da „für Praktiker […] die Verwertbarkeit von Forschungsergebnissen im Vordergrund“ (Filsinger/ Hinte 1988:47) steht. Der bei Meuser und Nagel abschließend beschriebene Schritt der 150 theoretischen Generalisierung (Meuser/ Nagel 2005:83ff) wird in der vorliegenden Forschungsarbeit durch die eben benannte Deskription von Arbeitsprinzipien angestrebt. Die folgende Abbildung verdeutlicht noch einmal die dargestellten Schritte der Auswertung. Abb. 13: Abfolge der Datenauswertung (angelehnt an Meuser/ Nagel 2005) An die Beschreibung der Forschungsmethoden und den Datenauswertungsprozess werden nun im Folgenden das konkrete methodische Vorgehen im Forschungsfeld sowie die erhobene empirische Datenlage aufgezeigt. 3.6 Methodisches Vorgehen im Feld Im folgenden Abschnitt zum methodischen Vorgehen im Feld wird dieses nun konkret im Verlauf beschrieben. Die Darstellung erfolgt sehr ausführlich und detailliert, um den Ansprüchen der Gütekriterien an eine qualitative Forschung gerecht zu werden. 3.6.1 Zugangsgestaltung im Forschungsfeld Die erste Kontaktaufnahme erfolgte mit der verantwortlichen Fachbereichsleiterin des Jugendamts im Bezirk. In einem ersten Gespräch wurden die Forschungsfrage und das angestrebte Forschungsvorgehen vorgestellt sowie erste zentrale Informationen über den Untersuchungsgegenstand eruiert. Nach der Bewilligung des Forschungsvorhabens leitete die Fachbereichsleiterin ein von der Forscherin verfasstes Anschreiben mit der Darstellung des Forschungsvorhabens an die Leiter_innen der Familienzentren weiter. Der Fachbereichsleiterin kam somit die Funktion des „gatekeeper“ (Breuer 2009:33) hinsichtlich der Einführung in das Forschungsfeld sowie der damit verbundenen Vermittlung und Erklärung zu. Die Leiter_innen der anfänglich fünf angefragten Familienzentren willigten ebenfalls in den Forschungsprozess ein und erklärten sich zu einem Gesprächstermin bereit. In diesem wurden wiederum die Forschungsfrage, der Forschungsansatz sowie das geplante methodische Vorgehen vorgestellt. Die Leiter_innen gaben ihrerseits einen Einblick in die Historie des jeweiligen Familienzentrums, die Arbeitsweise, aktuelle Entwicklungen, Angebote und vieles mehr. Abschließend wurden sie nach für die Fragestellung weiteren Ansprechpartner_innen sowie passenden Rahmen für teilnehmende Beobachtungen befragt. 151 In gemeinsamer Abstimmung erfolgte eine Konkretisierung des Forschungsvorgehens, das insbesondere auf einer Transparenz bezüglich der Anwesenheit der Forscherin, der Anonymisierung der Daten sowie der Rückkopplung von Ergebnissen beruht. So wurde der Zugang zu weiteren Gesprächspartner_innen in den Familienzentren eröffnet. Das Sampling der Gesprächspartner_innen innerhalb der jeweiligen Familienzentren erfolgte demnach zu Beginn sehr offen, um möglichst zum Untersuchungsbeginn eine große Vielfalt an Daten zu erheben (Strauss/ Corbin 1996:153). Die ersten zentralen Interviewpartner_innen sind die handelnden Akteure in den Familienzentren und Mitarbeiter_innen im Fachbereich des Jugendamts. Die handelnden Akteure vor Ort umfassen sowohl hauptamtliche Mitarbeiter_innen als auch studentische Hilfskräfte, Praktikant_innen, Honorarkräfte, MAE-Kräfte etc. Die Leiter_innen der Familienzentren geben bereits einen Hinweis hinsichtlich der notwendig zu interviewenden Personen. Darüber hinaus werden zum Ende des Interviews die jeweiligen Befragten stets nach weiteren Gesprächspartner_innen befragt. Auch die Möglichkeit einer teilnehmenden Beobachtung im offenen Bereich oder im Rahmen eines Angebots wird eruiert. Der anfänglich offene diesbezügliche Zugang kann als „nosing around“ (Breuer 2009:62) im Forschungsfeld angesehen werden. Dies meint das allgemeine Dabeisein, um so weitere Zugänge zu erschließen. „Will man jedoch menschliches Handeln in seinen vielen Aspekten erforschen, so bedarf es einer ziemlichen Ausdauer, menschlichen Einfühlungsvermögens, eines gehörigen Maßes an Bescheidenheit, Demut und der Achtung vor anderen Menschen und deren Problemen" (Girtler 2001:72). Über dieses Vorortsein im Forschungsfeld ergibt sich der Zugang zu den Nutzer_innen. Im Vorfeld einer teilnehmenden Beobachtung in einem Angebot werden die Nutzer_innen im Vorhinein darüber informiert und nach ihrem Einverständnis gefragt (Girtler 2001:152). Im Anschluss an eine teilnehmende Beobachtung in einem Angebot oder auch während der teilnehmenden Beobachtung im offenen Bereich wurden je nach Situation die vor Ort befindlichen Nutzer_innen angesprochen und nach einer Interviewbereitschaft gefragt. Dafür waren die Situation prägende Rahmenbedingungen wie die Uhrzeit, Stimmung des Kindes und dadurch gegebene Eingebundenheit zentrale Kriterien. In der folgenden Abbildung sind diese Zugangswege zusammenfassend abgebildet. 152 Abb. 14: Zugangswege zu den Expert_innen Nach diesem freien Zugang in das Forschungsfeld erfolgte eine erste Systematisierung der strukturellen Angebotsgestaltung. Durch diese Systematisierung und den Vergleich der bis dato erhobenen empirischen Daten sowie unter Beachtung der jeweiligen besonderen Angebote erfolgte die weitere Auswahl von Interviewpartner_innen und Settings für teilnehmende Beobachtungen (Strauss/ Corbin 1996:150). „Meist bedarf es einiger Zeit des Herumtastens, bis man eine entsprechende Kontaktperson trifft“ (Girtler 2001:84), die den Zugang zu diesen Settings ermöglicht. Im Fall der vorliegenden Forschungsarbeit war insbesondere bei Beratungs- und mehrsprachigen Angeboten eine Kontaktaufnahme über einen längeren Zeitraum erforderlich, deren Zugang letztlich durch Kontaktpersonen erfolgte. „Unbedingte Voraussetzung eines wirkungsvollen Zugangs ist also, daß die Personen, die beobachtet werden sollen, davon überzeugt sind, daß der Forscher ihnen nicht schaden will und es auch nicht tut“ (Girtler 2001:93). Die Transparenz des Forschungsprozesses ist somit unabdingbar. 3.6.2 Über die Haltung der Forscherin Insbesondere in Verbindung mit der Erstzugangsgestaltung, aber auch im weiteren Forschungsverlauf, ist die Haltung der Forscherin eine zentrale Bedingungsebene. Eine offene und neugierige Ansprache und Haltung sind sowohl für diese Kontaktaufnahme als auch für den weiteren Forschungsprozess unterstützend (Breuer 2009:25f). Girtler plädiert für das in der Forschung sehr unterschiedlich diskutierte „going native“ (Girtler 2001:78). Dies meint das völlige Hineinbegeben in das Forschungsfeld, in die Interaktion und Beziehungsgestaltung mit den Akteuren, „ohne gleich zum Sozialarbeiter zu werden“ (Girtler 2001:81), da diesem eine andere Zielrichtung zugrunde liegt. „In den meisten Fällen wird eine ehrliche Identifikation mit der betreffenden Lebenswelt wohl eher nützen als schaden, denn schließlich enthält sie so etwas wie Achtung vor den Menschen, deren Denken und 153 Handeln man verstehen und nicht distanziert studieren will“ (Girtler 2001:79). Das Prinzip des ‚going native‘ umfasst somit viele kleine Details, die unter dem Titel des vollkommenden Teilnehmens an den sozialen Situationen verstanden werden kann. Da in der vorliegenden Forschung sich die Kontakte auf den Forschungsgegenstand, also die jeweiligen Familienzentren, beschränken, ist das ‚going native‘ nicht im klassischen ethnologischen Verständnis anzuwenden. Allerdings ist unter diesem Prinzip durchaus die ungeplante Tatsache zu fassen, dass die Forscherin im Verlauf des Forschungsprozesses schwanger wurde und somit im Handlungsfeld Familienzentrum sicherlich ein ‚going native‘ implizierte. Durch die Schwangerschaft war sofort ein inhaltlicher Anknüpfungspunkt mit Nutzer_innen gegeben. Wenige teilnehmende Beobachtungen wurden zudem mit dem Säugling durchgeführt. In diesem Kontext wurde die Forscherin eher auf Augenhöhe wahrgenommen, was zugleich eine noch deutlichere Transparenz hinsichtlich der eigentlichen Rolle erfordert. Zugleich ergibt sich durch teilnehmende Beobachtungen in einem Handlungsfeld der Sozialen Arbeit durch eine Sozialarbeiterin möglicherweise eine größere Herausforderung als in einem anderen Handlungsfeld fernab der Sozialen Arbeit. „Ethnografische Forschung von sozialpädagogischen WissenschaftlerInnen in sozialpädagogischen Praxisfeldern hat für die Rolle der ForscherInnen im Feld eine weitere wichtige Konsequenz: Als SozialpädagogInnen werden sie in erster Linie eine sozialpädagogische Rolle im Feld einnehmen […] Die Rekonstruktion der Erfahrungen der AdressatInnen erfordert in diesem Zusammenhang ein besonderes Einfühlungsvermögen und kann durch eine offene Auseinandersetzung mit ihnen im Sinne eines Austausches über ihr Erleben und ihren Einbezug in den Forschungsprozess möglich werden“ (Munsch 2005:22f). Für solch einen Prozess ist ebenfalls eine grundlegende Transparenz unabdingbar. Neben diesem Prinzip des ‚going native‘ kommt unter dem Fokus der Haltung der Forscherin der Ansprache der Akteure eine wichtige Funktion zu. Wie bereits unter dem Abschnitt ‚Forschungsmethoden‘ dargestellt, werden die für das Interview angefragten Personen als Expert_in angesprochen (Bogner/ Menz 2005:39, Meuser/ Nagel 2005:73, Walter 1994:271). Eine solche grundlegend neugierige Haltung mit dem Fokus auf deren Lebensweltexpertise kann zugleich den Zugang zu den angefragten Interviewpersonen unterstützen (Girtler 2001:55ff, Bogner/ Menz 2005:40ff). Zugleich erfordert dies eine kontinuierlich reflexive Haltung hinsichtlich der Wahrnehmung des und durch das Forschungsfeld sowie der diesbezüglichen ständigen Reflexion der möglichst objektiven Forschung (Moser 1995:61ff). Diese Ansprache als Expert_in wird zudem über das gezielte Nachfragen von Situationen, Begriffen und Bedeutungszusammenhängen ersichtlich. „Wenn wir uns auf diese Wörter konzentrieren […] werden wir wahrscheinlich unsere Informanten fragen – wenn sie es uns nicht von sich aus sagen – welche genauen Bedeutungen die Wörter für sie besitzen“ (Strauss/ Corbin 1996:63). 154 3.6.3 Empirische Datenlage Die empirische Erhebung der Forschungsarbeit begann im März 2010 und wurde im März 2011 abgeschlossen. Im Frühjahr 2012 folgten die zu dem damaligen Zeitpunkt noch ausstehenden Werkstattgespräche. Im Forschungskonzept angedacht war die Untersuchung der Anfang des Jahres 2010 insgesamt fünf durch das Jugendamt Friedrichshain-Kreuzberg geförderten Familienzentren. Die Kontaktaufnahme zu diesen Familienzentren hinsichtlich der Vereinbarung konkreter Termine erfolgte zeitversetzt, um jeweils ausreichend Zeitkapazitäten für die Forschung zur Verfügung zu haben. Aufgrund der Schwangerschaft der Forscherin wurde der Forschungsprozess im September 2010 unterbrochen. Zu diesem Zeitpunkt standen lediglich in einem Familienzentrum noch wenige teilnehmende Beobachtungen und Expert_inneninterviews aus. In dem fünften Familienzentrum konnten bis zu diesem Zeitpunkt aufgrund interner Umstrukturierungen erst wenige Expert_inneninterviews durchgeführt werden. Im Frühjahr 2011 nahm die Forscherin erneut Kontakt auf und musste feststellen, dass ein kompletter Personalwechsel erfolgt war. Aus forschungspragmatischer Sicht wurde entschieden, die Forschung im geplanten fünften Familienzentrum nicht weiter fortzuführen. Entscheidungsunterstützend war dabei, dass aufgrund der parallel durchgeführten Auswertung der bereits erhobenen Daten zu den vorliegenden Fragestellungen vielfältige Daten gesammelt worden waren und so eine theoretische Sättigung erreicht war (Strübing 2008:33f, Strauss/ Corbin 1996:159). Somit bilden je zwei Familienzentren in den ehemaligen Bezirken Friedrichshain und Kreuzberg die empirische Grundlage. Die folgende Abbildung fasst die empirische Datenlage zusammen. 155 Abb. 15: Empirische Datengrundlage Der Zugang zu den interviewten Akteuren wurde bereits dargestellt. Entsprechend der Durchführungspragmatik von Expert_inneninterviews hinsichtlich geringer Zeitkapazitäten wurden diese auch mit mehreren Akteuren gleichzeitig durchgeführt, sofern dies angefragt wurde. Durch die Interviewsituationen mit Nutzer_innen im offenen Bereich ergaben sich ebenfalls Interviews mit mehreren Personen. Darüber hinaus boten Kursleiter_innen ihre Seminare und Angebote für solche Befragungen an. Neben den 27 Expert_inneninterviews mit insgesamt 33 Expert_innen wurden 20 Expert_innennterviews mit insgesamt 39 Nutzer_innen geführt. 3.6.4 Darstellung der empirischen Daten Das Kapitel „Forschungsgegenstand und -ansatz“ abschließend und in das anschlie- ßende Kapitel überleitend wird die nun folgende Darstellung der empirischen Daten kurz umrissen. Das dieser Forschung zugrunde liegende Vorgehen wurde anhand der genutzten Forschungsmethoden, dem konkreten methodischen Vorgehen im Feld sowie die Auswertung der Daten vorgestellt, um somit die Nachvollziehbarkeit des Forschungsprozesses zu gewährleisten (Mayring 2002:144f). Im folgenden Kapitel werden die empirischen Erkenntnisse rein deskriptiv und teilweise sehr ausführlich dargestellt, um so auch diesen Prozess hinsichtlich der daraus folgenden Entwicklung von Arbeitsprinzipien transparent zu gestalten. „Interpreta- 156 tionen spielen eine entscheidende Rolle in qualitativ orientierten Ansätzen. Interpretationen lassen sich aber nicht beweisen, nicht wie Rechenoperationen nachrechnen“ (Mayring 2002:145). Um diese Nachvollziehbarkeit zu ermöglichen, wurden einerseits auf der methodischen Ebene Werkstattgespräche zur Diskussion der Erkenntnisse durchgeführt. Andererseits dient das folgende Ergebniskapitel dieser transparenten Nachvollziehbarkeit. Des Weiteren werden in der Darstellung die über die verschiedenen Methoden erhobenen Perspektiven zusammenfassend beschrieben, um so den Anspruch einer Triangulation im Sinne eines Versuches, „für die Fragestellung unterschiedliche Lösungswege zu finden und die Ergebnisse zu vergleichen“ (Mayring 2002:147). Durch einen sowohl methodischen als auch hinsichtlich der befragten Akteursebenen triangulativen Ansatz, wird ein „kaleidoskopartigen Bild zusammengesetzt“ (Mayring 2002:147). Neben diesem Anliegen einer transparenten Gestaltung des Forschungsprozesses und der Erkenntnisentwicklung, dient die ausführliche Deskription der empirischen Daten zugleich dem Anspruch: „Qualitative Forschung will an konkreten sozialen Problemen ansetzen, will Forschung für die Betroffenen machen und dabei ein offenes, gleichberechtigtes Verhältnis herstellen“ (Mayring 2002:146). Entsprechend werden durch die ausführliche Darstellung der Daten konkrete Handlungsprozesse nachgezeichnet, die möglicherweise einen praxisbezogenen Transfer ermöglichen und zugleich so dem Interesse der befragten Akteure gerecht wird (Mayring 2002, S. 32f).

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References

Zusammenfassung

Einem afrikanischen Sprichwort zufolge benötigt man zur Erziehung eines Kindes ein ganzes Dorf. In den westlichen Gesellschaften sind die Tage solcher „Dorfstrukturen“ jedoch weitgehend gezählt, wodurch sich die erzieherische Verantwortung alleine auf die Eltern konzentriert. Um diesen eine geeignete Stütze anzubieten, bedarf es dringender denn je einer familienfreundlichen Infrastruktur, die neben der Schulung der Erziehungskompetenz auch den Druck nimmt, immer alles „richtig“ machen zu müssen. Familienzentren können solche Anlauforte für Begegnung, Beratung und Bildung im Stadtteil sein und zu einer familienfreundlichen Infrastruktur beitragen. Basierend auf der empirischen Analyse von vier Familienzentren werden deren strukturelle Anforderungen, das methodische Handeln der Mitarbeitenden sowie der konkrete Nutzen für Familien dargestellt. Sozialarbeiter*innen erhalten so einen Einblick in die Arbeitsweise von Familienzentren und finden darüber hinaus theoretische Begründungen für deren Notwendigkeit.