Content

4 Lange Abende im Büro in:

Silke Järvenpää, Andra Riemhofer

Mumbai, page 99 - 112

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3924-3, ISBN online: 978-3-8288-6685-0, https://doi.org/10.5771/9783828866850-99

Series: Erfolgreich als Expat in ..., vol. 2

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
107 4 Lange Abende im Büro 109 Ralf Breidenstein muss Ergebnisse liefern „Ihr seid echt Helden!“ Joseph und Priya schauten ihren Chef mit Hundeblick an, während Matthew sich mit einer goldenen Feile den Dreck unter den Nägeln rauspulte. Das war Breidensteins neueste Strategie. Wenn ihm die Worte fehlten, oder er nicht sagen durfte, was er eigentlich sagen wollte, dann redete er einfach Deutsch. Wertschätzende Kommunikation ging zwar anders, aber recht wertschätzend wäre eine Standpauke in Englisch auch nicht ausgefallen. Und überhaupt: Konnte vielleicht jemand die Klimaanlage runterdrehen – kein Wunder, dass er ständig erkältet war. Draußen eine Bullenhitze, und hier drin maximal 16 Grad Celsius. Angefangen hatte es damit, dass Marc Andrä, der vor Ideen sprühende Serien-Gründer, Breidenstein dazu verpflichtet hatte, zum Stichwort „Nano 4.0“ einen zweitägigen Kongress zu organisieren. Google lieferte keine Anhaltspunkte. Unter dem Begriff war auf den ersten Ergebnisseiten lediglich ein Turnschuh gelistet. Wollte Andrä einen Sport- Kongress organisiert haben? Was konkret stellte sich der Unternehmer fernab in Berlin da so vor? Ja gar nichts Besonderes. „4.0“ klang immer gut, und zu „Nano“ würde ihm schon was einfallen. Er solle mal ein bisschen kreativ werden, ausgetretene Pfade verlassen, und vor allem – endlich Umsatz bringen! Klare Ansage, der spielte mit ihm. Und um den Druck noch zu erhöhen, wollte Andrä höchstpersönlich die Begrüßungsrede halten. When giving negative feedback to Mumbaikars, it is better not to scream or shout at them; else you'll end up making an enemy. Rather make him/her understand their mistake and ask not to repeat it. South Indians can take screaming easily, it doesn't make much difference to them. And as for staff from Delhi, you need to be completely blunt when pointing out their mistake. They don't understand the subtle ways of giving examples, using analogies or the like – Mumbaikars do. Jaydeep Bhattacharya, Partner at Contech Services, Kolkata 110 Matthew sah das Ganze pragmatisch und stellte das hohe Maß an Gestaltungsspielraum als positiv heraus. Nano klang irgendwie nach Labor oder Physik – sowas Kleinteiligem auf jeden Fall. Und das wiederum klang nach Zukunftstechnologien. Warum also nicht unter dem Stichwort „Labor-Physik“ einen Kongress organisieren, den man als interdisziplinär und visionär verkaufte? Und wer sollte da kommen? Zwei Tage lang? Und vor allem, wer sollte fachlichen Input liefern und das Ganze moderieren? Breidenstein verspürte schon wieder dieses unangenehme Ziehen in der linken Brust. Auch hierzu skizzierte Matthew unaufgeregt seine Strategie: Man könnte ja mal ein paar Kontakte abtelefonieren und sich vortasten. Zum Programm meinte er, am Vormittag würden sowieso die Ehrengäste begrüßt und Gruppenfotos geschossen. Den hatte man schnell rum, vor allem, wenn man ein bisschen später anfing, als im Programm stand. Vielleicht hatte sein alter Physiklehrer Zeit. Der hatte zwar Parkinson, aber freute sich sicher, mal wieder aus dem Haus zu kommen und als Guest of Honour ein bisschen Ansprache zu haben. Joseph und Priya würden es schon hinbekommen, für den Nachmittag vier halbstündige Vortrags- Slots zu verkaufen, und anschließend konnte man diskutieren. Moderieren sollte natürlich Andrä höchstpersönlich – der hatte ihnen den Quatsch schließlich eingebrockt. Am zweiten Tag konnte man den Vormittag mit interdisziplinären Workshops füllen, und wegen des Nachmittags… würde man sehen. Man könne ja mal ein Call for Papers machen, vielleicht kam was dabei rum. „Don’t worry, we’ll manage!“ Die Teilnehmer-Akquise gestaltete sich zäh, und Breidenstein musste selbst mit zum Hörer greifen. Der Sponsor des Biotech-Kongresses Anfang des Jahres schuldete ihm noch was, auf ihn bzw. zwei Mitarbeiter seiner Forschungsabteilung konnte er zählen. Weiter reiste er für eine ganze Woche nach Pune, um entsprechende Kontakte abzuklappern. Zwei Tage hätten eigentlich gereicht… Und als damit noch nicht genug war, hockte er sich einen Tag lang bei der Konkurrenz in eine fachlich verwandte Veranstaltung und wanzte sich in den Kaffee-Pausen an potenzielle Sponsoren und Teilnehmer an. Nachdem es vier Wochen vor dem Kongress immer noch mau aussah, entschied man sich, einen Wettbewerb an einer Uni zu veranstalten und 15 Sitze kostenfrei an Studenten zu vergeben, die ihre Zukunfts-Visionen per Poster-Ausstellung präsentieren durften. Siehst, meinte Matthew sinngemäß, noch zwei Spatzen mit einer Kugel erschossen – da haben wir den Saal doch fast schon gefüllt und veranstalten am Nachmittag noch einen Karriere-Tag. Krishna, der das Catering kalkuliert 111 hatte, schwante dagegen Böses, wenn er sich vorstellte, wie sich ausgehungerte Physikstudenten am Buffet schadlos halten würden. Naja, das Programm stand also irgendwann zumindest provisorisch, aber mit dem ganzen Aufwand, den kostenfreien Tickets für die Studenten und dem Extra-Raum für die Poster-Ausstellung konnte sich Breidenstein glücklich schätzen, wenn er mit einer schwarzen Null rausging. Andrä würde das nicht reichen. Joseph war echt ein Schatz! Er war regelmäßig bis spät in die Nacht mit im Büro geblieben. Was man selber machen konnte, machte man selber. Und wenn es um das Falten der Menü-Karten ging. Er hätte wahrscheinlich auch noch die Servietten eigenhändig im Kartoffel-Druck mit Werbung versehen, wenn der Pharma-Konzern, den er akquiriert hatte, die nicht komplett angeliefert hätte. Braver Bub. Priya schlug sich auch tapfer, aber ihr fehlte einfach noch die Erfahrung. Dafür hatte sie Biss. Wenn sie einen Auftrag an der Angel hatte, dann ließ sie nicht locker… „So how come we have sold the Exclusive Premium Sponsor Package twice? Joseph? Priya?” Also, das war so, dass vor vier Wochen Herr Sharma bei Priya angefragt hatte, ob sie ihm ein bisschen im Preis entgegenkommen konnte. Ralf sei da ja in Pune gewesen, und dass Joseph das gleiche Paket schon Herrn Tandon versprochen hatte, das wusste ja nur er, weil man das Freitagnacht zur Geisterstunde so ausgemacht hatte. Also, zumindest hatte Ravi keinen blassen Dunst davon gehabt, der nichtsahnend Priyas Angebot unterschrieben hatte, ohne groß drauf zu schauen oder die Sache zu hinterfragen. Beide Rechnungen waren seit zwei Wochen draußen. Breidenstein hatte man den Stress erst mal ersparen wollen, aber nachdem beide Kunden letzte Woche brav bezahlt hatten, gab es jetzt auch keine Hintertür mehr, aus der Nummer wieder rauszukommen. „Don’t be such a sissy!“, kam von Matthew, der gerade sein Maniküre Set in die Originalverpackung zurückschob. Geld, das man schon hatte, gab man auf keinen Fall wieder her. Schon gleich gar nicht, wenn einem das Wasser eh schon bis zum Hals stand. Breidenstein hatte Matthew noch nie ungehalten erlebt, aber heute schien er etwas genervt von seinem deutschen Bürokollegen. Was war denn da so drin, in dem Super- Premium-Paket? Breidenstein musste nachdenken. Er hatte die Angebote nach einem ausgefeilten System zusammengestellt und kalkuliert. Leider war das Ergebnis so kompliziert, dass er manchmal selber nicht mehr durchblickte. Joseph sprang ein: Ein Exklusiv-Vortrag von 45 Minuten, zehn Floorgraphics, die 4. Umschlagseite vom Kongress-Katalog – und nicht zu vergessen die Lanyards, die sich jeder um den Hals hängen würde, und die man später so schön als Schlüsselanhänger verwenden 112 konnte. Die Druckvorlagen hätten beide Kunden schon termingerecht abgeliefert, es gab also kein Entrinnen… Die Veranstaltung war ein voller Erfolg. Andrä war mit der Moderation zwar etwas überfordert, konnte die mangelnde Fachkompetenz aber mit Charme und Berliner Schnauze wettmachen. Mindestens fünf Teilnehmer gratulierten ihm zu dem gelungenen und mutigen Format. Zu seiner Überraschung startete das Vortrags-Programm überpünktlich – wie hätte man sonst noch die zusätzlichen 45 Minuten unterbringen sollen? Herrn Sharmas Vortrag hatte fachlich solch zukunftsweisende Brisanz und enthielt sicher derart wertvolle Markt-Informationen, dass ihm Breidenstein persönlich bei einem Lunch-Termin davon abgeraten hatte, den Inhalt im Kongress-Programm zu bewerben – schon gleich gar nicht begleitet von einer Anzeige auf einer Umschlagseite. Etwas ganz Besonderes und garantiert Werbewirksames hatte man sich für ihn überlegt: Die 15 Newcomer der Branche sollten ein T-Shirt mit seinem Firmenlogo und dem Vortragsthema tragen. Vorne das Logo, hinten der Titel des Referats. Somit war sichergestellt, dass wirklich jeder darauf aufmerksam wurde, und sich das Thema und die Uhrzeit gut einprägen konnte, wenn er oder sie am Buffet Schlange stand. Dazu auch noch Lanyards zu verteilen, würde vom Fachpublikum vielleicht als etwas aufdringlich empfunden, ein bisschen Understatement war da sicher besser. Herr Sharma war noch nicht ganz überzeugt. Und wenn der Moderator selbst auch so ein knalliges T-Shirt tragen würde? Aber natürlich – das war Herrn Andrä sicher eine ganz besondere Ehre! 4.1 Jugaad Eine ethnozentrische und relativ böse Übersetzung des Begriffs „Jugaad“ ins Deutsche wäre „Flickschusterei“; „Improvisationskunst“ klingt da positiver. Tatsache ist, dass man in Indien Projekte mit einem gewissen Maß an Jugaad durchführen wird. Vielen Ideen mangelt es an Umsetzbarkeit, nicht zuletzt unter den herrschenden Bedingungen (Budget, Infrastruktur). Gerade für Deutsche kann es belastend sein, wenn sie das Ordentliche, Geplante und Machbare gewöhnt sind. Dabei fasste ein kluger deutscher Kopf die Philosophie hinter dem Prinzip des Jugaad ganz gut zusammen: 113 Ja, mach nur einen Plan! Sei nur ein großes Licht! Und mach dann noch ‘nen zweiten Plan Gehn tun sie beide nicht. Diese „Unzulänglichkeit menschlichen Planens“ (wie ein Titel von Brechts oben zitierter Ballade lautet) haben Inder tendenziell schon länger akzeptiert. Die Wurzel der Akzeptanz liegt in einem Glaubenssatz des Hinduismus, und obwohl nicht alle Inder Hindus sind, übt die Religion als Formationssystem auch auf andere Gemeinschaften im Land großen Einfluss aus. Der Hinduismus geht davon aus, dass sich hinter der äußeren Wirklichkeit der Welt, die eigentlich eine Illusion ist, eine andere letztgültige und absolute Realität verbirgt. Ziel des menschlichen Strebens ist die Suche nach diesem Ideal der letztgültigen Realität; ihr kann man sich jedoch nur durch das Denken, nicht durch das Handeln nähern. Damit nimmt die Idee, die Suche nach Wissen und Wahrheit eine höhere Hierarchiestufe ein als die Umsetzung von Ideen. Nicht nur Rajesh Kumar, ein Interkulturalismus-Forscher, sieht diesen „Brahmanischen Idealismus“ als treibende Kraft vieler indischer Manager, auch wenn diese eventuell im Ausland anderen Denksystemen ausgesetzt waren. Er reiht sich damit in eine Tradition von Wissenschaftlern ein, die bei Indern eine Neigung zu Utopien, Visionen und extremen Ideen feststellen und konstatieren, dass Visionen auch dann nicht an Wert verlieren, wenn sich ihre Umsetzungen als mangelhaft herausgestellt haben. Im Gegenteil, argumentiert Kumar, dass die Ideen nicht kongenial verwirklicht werden können, zeigt gerade ihren hohen Wert als Idee. Der Begriff Jugaad ist die kongeniale Übersetzung für „iterativer Prozess und Flexibilität als Problemlösungsstrategie“. Die Inder, mit denen ich zu tun hatte, waren allesamt Meister in der Kunst der Flexibilität. Meine deutschen Kollegen erwarteten die ideale Lösung, und zwar von Beginn an. In Indien ist, meiner Meinung nach, Entwicklung ein iterativer Prozess; wer nicht daran gewöhnt ist, nimmt ihn als chaotisch wahr. Aber für mich ist er ein strukturiertes Chaos. Ralf Krämer, KCS Krämer Consultancy Services, Berlin 114 Demnach ist für Matthew P. Barnabas klar: Marc Andräs Idee eines Nano 4.0 steht stellvertretend für das nicht existierende Ideal. Natürlich wünscht sich der Firmenchef eine noch nie dagewesene wissenschaftliche Exzellenzinitiative, die gleichzeitig noch nie dagewesene Profite bringt. Schon Barnabas’ Vorschläge, wie die Vorbereitung zu realisieren sei, illustrieren jedoch, wie wenig perfektionistisch er an die Realisierung des Vorhabens geht: So lasse sich bestimmt sein alter Physiklehrer rekrutieren, und ein Vormittag gehe sowieso mit dem Fotoshooting drauf. Denn für ein indisches Team beginnt nun die Phase, in der die Idee – die nicht zu den vorherrschenden Bedingungen passt – passend gemacht wird. Und da die äußere Realität sowieso eine Illusion ist, ist die Verpackung wichtig. Es muss eine Illusion werden, hinter der die Idee des Visionärs irgendwie sichtbar bleibt. Ein westlicher Expat kann sich in solchen Situationen darauf verlassen, dass seine Mannschaft nichts unversucht lassen wird, um am Ende mit einem Ergebnis dazustehen. Diese Kunst zu improvisieren, setzt in der Regel großen Einfallsreichtum frei. Arbeitnehmer werden sich flexibel zeigen und Aufgaben ausführen, die sonst „unter ihrer Würde“ wären, sowie Tag und Nacht durcharbeiten. Regeln werden kreativ umgangen; Fehler auf phantasievolle Weise ausgebügelt. Jugaad bedeutet, aus wenig viel zu zaubern. Jugaad to me is an experiment or short cut. Taking a chance that it (Jugaad) may work. It can also be a quick fix or modification which may work (in a factory situation) vis a vis the replacement or purchase of new machinery. Es ist sicher dem Nervenkostüm des Expat und dem Projekt dienlich, wenn der westliche Manager reflektiert, dass seine Ordnungsliebe und sein Perfektionismus nicht in jeder Kultur helfen, das Leben zu meistern. In einer Stadt, in der plötzlich der Monsoon den Verkehr Vinayak Hajare, Director InterGest South Asia, Mumbai 115 zum Erliegen bringt oder der Strom ausfällt, ist Pioniergeist gefragt – jene geistige Beweglichkeit, in der sich Ehrgeiz entwickeln kann, auf schwierigem Terrain neue Lösungen zu finden. Die natürlich immer hinter dem Ideal zurückstehen werden – das eben ist die Unzulänglichkeit des menschlichen Planens. Das Leben ist (k)ein Schauerroman Es war einmal, vor gar nicht langer Zeit, da holte die Königin die Wäsche aus der Maschine… „Pfui Teufel, wie kann Wäsche nur so stinken?“ dachte die brave Frau. Sie hatte doch extra aus den zwei möglichen Temperaturstufen „warm“ gewählt? Die Tennissocken ihres Gatten und die einst weißen Handtücher rochen, als hätte gerade jemand das Klo damit geputzt. Die Herrscherin grämte sich: Das apricotfarbene Twinset, das ihre Dienstmagd per Hand gewaschen hatte, sah jetzt eher nach faulendem Pfirsich aus. Egal, war nicht schade drum… Sandra musste nur zusehen, dass Philipp sich vom Leitungswasser fernhielt. Konnte er ruhig später einmal in der Schule erzählen, dass er sich in Indien mit Bisleri die Zähne geputzt hatte. Besser er sagte Evian. Wenn sein Vater schon mit der Bollywood Prominenz auf Du-und-Du war. Sheila war kürzlich fast ohnmächtig geworden, als sie den Abfalleimer in der Küche mit der Sonntagszeitung auskleidete: Was sein Volleyball- Freund da im Müll mache, hatte Ralf wissen wollen. Noch dazu im – wenn auch schon etwas eingesuppten – gelben Ferrari? Ach, Sharif war der SFK, von dem im Büro immer alle sprachen? Stimmt, das war ja kürzlich das Drama, dass sich der Schauspieler beim Sport den Fingernagel eingerissen hatte – stand ja in allen Medien… Also, hoffentlich bekam vor allem Philipp keinen psychischen Schaden. Mary und Sheila verhätschelten den kleinen Prinzen nach wie vor ohne Rücksicht auf Verluste. Auf der Hochzeit letzten Monat, zu der man Sandra ganz selbstverständlich ein Collier im Wert eines Kleinwagens um den nackten Hals gehängt hatte, war ihm erlaubt worden, in einem Bentley am Lenkrad zu spielen und Cola zu trinken. Während ihm eines der Kinder der Punjabi-Partei mit einem Plastikgewehr von hinten auf den Kopf schlug. Ihn hatte das nicht groß gestört. Vielleicht hatte er schon einen Knacks? Stoff genug für einen Roman hatte sie. Das mit der Recherche konnte sie sich also sparen, zumindest wenn man sich aufs Hier und Jetzt konzentrierte. Sandra sah schon die Amazon-Rezensionen vor sich: „Völlig 116 unrealistisch… an den Haaren herbeigezogen… wirrer Plot. Nicht nachvollziehbar, daher leider nur ein Stern!“ Sie wusste oft nicht mehr, ob sie noch alle Sinne beisammen hatte. Die feuchte Hitze draußen machte sie total fertig. Wie Rapunzel hockte sie in ihrer Bude und schaute durch vergitterte Fenster. In der Küche stapelten sich die Vorräte wie damals bei Opa Max im Luftschutzbunker. Nicht die Russen wurden erwartet, sondern der Regen. Total schizophren – alle zählten die Tage, als käme der Heiland höchstpersönlich auf Erden. Und wieder würden Menschen in Löchern verschwinden und auf dem Weg zur Arbeit ertrinken, wenn sie nicht schon tot waren, weil man sie auf dem Weg zur Arbeit versehentlich aus dem Zug geschubst hatte. Ihren Mann bekam sie nur noch selten zu Gesicht. Entweder er war geschäftlich unterwegs, oder er betäubte sich mit stupiden Computerspielen. Als sie ihn das letzte Mal bewusst angeschaut hatte, hatte er nicht gut ausgesehen. Ständig war er erkältet. Wenigstens ein guter Vorwand, den lieblos gehauchten Abschiedskuss morgens ausfallen zu lassen, diese demütigende Routine. Eine Zeitlang hatte sie sich eingebildet, er hätte eine Affäre. Und würde bald sein schwules Outing geben. An dem komischen Sweatshirt, das im Schrank versteckt lag, hing ein ganz seltsamer, herber Duft. Über zwei Jahre noch…?! Mein Fahrer Vijay lässt uns an den arrangierten Hochzeiten seiner Kinder teilhaben, Vijay darf bei uns im Maids Room schlafen, wenn es mal wieder spät wird; er kauft die Kohle für unseren Grill, und er sagt zu allem Ja – wie jeder normale Hindu. Dennoch kann er mich zum Wahnsinn treiben. Nachdem er mich ins Büro gefahren hat, schicke ich ihn zu meiner Frau. Wie ich eine halbe Stunde später erfahre, kommt er dort nicht an. Ich telefoniere: „Vijay, where are you?”- “Oh sir I am on my way, traffic.“ – 30 Minuten später – „Vijay what happened? Madam is waiting without any info.” – “Oh I must clear something with a Riksha driver; he scratched the car.” – “Where is the damage … how big … are you ok …?” – “Yes, I cleared everything up with the police, will drive now to Madam.” Danach erzählt mir meine Frau von einem großen Schaden an der hinteren Seite. Nachdem Vijay wieder in die Mitglied des Vorstands eines deutschen Automobilkonzerns in Indien 117 Garage unseres Büros zurückgekehrt ist, gebe ich Meldung an ihn, dass er sofort zu mir kommen solle. Er kommt natürlich nicht unmittelbar in mein Büro, also rufe ich ihn wieder an. „Vijay where are you?“ – „Ah I am with the car in the basement.”– “Remain there, I will come.” “Oh, I will come up to the office.” Also gehe ich runter und treffe ihn vor dem Fahrzeug, das sieht dann tatsächlich nach einem echten Karosserieschaden aus und nicht nach einem Kratzer. Auf meine wiederholten Fragen kommen dann folgende „adaptierte“ Versionen: „The police didn’t take care at the crossing, and I brought the Riksha driver to the police station, his insurance will pay the damage.“ Dann: “The Riksha driver escaped when I entered the police station.” Danach: “The Riksha driver escaped with his rikshaw at the first traffic light on the way to the police station.” Und schließlich bekomme ich die Wahrheit. Wie ich vermutet habe, „the Riksha driver went away right after the accident, I could not do anything, it was too crowded.” Nein zu sagen und Fehler zuzugeben ist halt schwierig in Indien. Übrigens ist es in Mumbai üblich, dass die Versicherung des Fahrzeughalters ohne jegliche Begutachtung, wer den Schaden verursacht hat, auch den Schaden begleicht. Da freut man sich über die hohen Versicherungsprämien. Vijay ist immer noch unser Fahrer. 4.2 Tropenjahre zählen doppelt In Mumbai herrscht tropisches Klima, und auch dort gilt für den Expat: „Tropenjahre zählen doppelt“. Man sollte sich immer vor Augen halten: Das Leben in den Tropen ist körperlich anstrengend und lässt einen gefühlt schneller altern. Der ständige Wechsel zwischen der Außenluft und klimatisierten Räumen macht es nicht besser; dazu kommen in Mumbai die Luftverschmutzung und der tägliche Stress durch die langen Pendelzeiten. Breidenstein belastet seine Gesundheit noch zusätzlich mit übermäßigem Alkoholkonsum. Ein entsandter Manager muss mehr als in Deutschland auf Selbstfürsorge achten. Breidenstein setzt hier keine guten Prioritäten. Es zeigen sich jedenfalls erste gesundheitliche Probleme. Sein Nervenkostüm wird zunehmend dünner, sein Immunsystem schwächer (er ist immer erkältet), und das Ziehen in der Brust ist nicht beruhigend. Seiner Produktivität ist das natürlich nicht förderlich. 118 Dass es schlimmer kommen kann, lernt Breidenstein bei seiner Untersuchung später im Krankenhaus, wo die Veteranen der hardship posts von ihren überstandenen Tropenkrankheiten erzählen. Dengue, Malaria, Typhus – auch das sind Risiken, die man leicht vergessen kann, wenn man im Ausland ein luxuriöses Leben in teilweise europäischem Ambiente führt. Doch diese Krankheiten treffen Arm und Reich. Das vorliegende Buch kann die Beratung und Untersuchung eines Tropenmediziners nicht ersetzen, daher wird hier von medizinischen Ratschlägen abgesehen. Der Arzt wird einen ausreisenden Manager bei der G35-Untersuchung umfassend aufklären. Für mitreisende Partnerinnen und Partner gilt mit Abstrichen dasselbe. Sandra ist wohl weniger durch das Pendeln im Berufsverkehr belastet, dafür leidet sie, mal abgesehen von ihrem Kulturschock, zunehmend unter Hüttenkoller. Der wird im Monsoon eher noch verstärkt auftreten – dann nämlich, wenn die Straßen beinahe unpassierbar werden, und alle Bewohner sich so wenig wie nur möglich draußen aufhalten. Daneben wird sie damit zurechtkommen müssen, dass die permanente Nässe Kleider und Schuhe schimmeln lässt, die Abwasserkanäle überfordert und das Brauchwasser aus dem Hahn (das man keinesfalls trinken darf) noch unappetitlicher macht als es ohnehin schon ist. Die Zeit vor und während des Monsoons ist ein Problem, welches sich zu den kulturellen und paardynamischen Anpassungsschwierigkeiten gesellt. Die englischen Kolonialherren schickten ihre Familien in klimatisch besonders anstrengenden Monaten damals oft in kühlere Bergregionen – die berühmtesten Hill Stations (Shimla, Mussoorie, Nainital) liegen am Fuß des Himalaya und lockten mit Temperaturen, wie sie im Frühling auf den britischen Inseln herrschten. Für Mitreisende, deren Partner durch Überschwemmungen im Stadtverkehr noch länger von zuhause abwesend sind, kann es also empfehlenswert sein, die Zeit des Monsoons oder der Hitzewelle davor, außerhalb Mumbais zu verbringen – eventuell sogar für einen Heimaturlaub zu nutzen. Abschließend sei nur so viel empfohlen: Man sollte immer auf ausreichende Ruhezeiten achten und die Ratschläge der Ausreiseuntersuchung soweit als möglich befolgen. Eine Analyse des eigenen Lebenswandels auf Nutzen (beruflichen Erfolg) und Kosten (bleibende gesundheitliche Schäden, Auseinanderbrechen der Familie) kann hilfreich sein, seine Prioritäten zu ordnen. 119 Literatur- und Filmtipps Das, Subesh. Managing People at Work: Employment Relations in Globalizing India. Delhi: Sage Publications, 2011. Wenngleich es bei Subesh Das auch um die Beziehung zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften geht, so findet man hilfreiche Kapitel zu Managementstrategien, Führungsstilen, Motivatoren, Fortbildung, Personalauswahl usw. Dabei stehen echte Fälle aus indischen Unternehmen Pate; der Autor liefert aber auch die entsprechenden theoretischen Modelle aus den Wirtschaftswissenschaften. Radou, Navi, Jaideep Prabhu, Simone Ahuja. Jugaad Innovation. San Francisco: Jossi Bass, 2012. Den westlichen Wegwerfgesellschaften wird das Prinzip des Jugaad als Vorbild präsentiert. Während intakte Infrastruktur, Ressourcenreichtum und Top-Down Organisation westliche Firmen nämlich bequem und innovationsunwillig gemacht hätten, so die Autoren, sei die Improvisationskunst von Unternehmern in Schwellenländern, vor allem natürlich in Indien, Schlüssel zu Innovation und Kreativität. Der Ansatz des Buches ist einfallsreich und hat einiges an Erkenntnissen zu bieten. Der deutsche Expat lernt, seine Wahrnehmung bezüglich Jugaad zu verändern. Allerdings wenden sich die Autoren deutlich an ein US-amerikanisches Publikum: So wird Jugaad bei ihnen zu einer Erfolgs-Philosophie, die es mit allerlei Superlativen zu feiern gilt. Das ist doch etwas zuviel des Guten. Der schnelle Link https://www.internations.org/expat-insider/2015/work-life-balance Ja, es ist wahr: Expats in Indien haben es schwer, Work-Life-Balance zu finden. Das bekommen auch mitreisende Familien zu spüren. https://www.youtube.com/watch?v=9V4GN_Of6nE Eine Sammlung von indischen Werbespots, die sich auf witzige, aber liebevolle Art mit Jugaad beschäftigen. Auch wenn man nicht alle der Sprachen beherrscht, versteht man, worum es geht.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Immer mehr deutsche Unternehmen erkennen Indiens gewaltiges Marktpotential. Gleichzeitig ist das Land ein schwieriger Parcours für eine wirtschaftliche Zusammenarbeit oder Auslandsinvestition. Sind die ersten Schritte erfolgt, warten auf eine entsandte Führungskraft Herausforderungen, die sie ohne Kenntnisse des Gastlandes nur schwer meistern kann. An diesem Punkt setzt die interkulturelle Ratgeberliteratur an. Oft jedoch berücksichtigt sie gerade in großen Wirtschaftsräumen die regionalen Unterschiede nicht. Die Autorinnen schließen hier eine Lücke. Der zweite Band ihrer Reihe Erfolgreich als Expat in ... rückt die Wirtschaftsmetropole Mumbai (mit einem Ausflug in das Industriezentrum Pune) in den Mittelpunkt, informiert aber auch über Themen, die Indien als Ganzes betreffen. Dabei folgt der Leser den Erlebnissen eines fiktiven Expat-Paares und sieht die Welt mit deren Augen: In erklärenden Texten werden typische Herausforderungen an eine Führungskraft und die mitreisende Familie geschildert, mögliches Verhalten reflektiert und die Unterschiede zu indischen und Mumbai-spezifischen Denk- und Verhaltensweisen aufgezeigt. Obwohl der Leser auch Tipps zur Kommunikation (z.B. dem Lösen von Problemen) erhält, verzichten die Autorinnen auf die sonst typischen „Zehn-Goldenen-Regeln-für-den-Umgang-mit…“. Stattdessen lassen sie lieber Inder und Expats mit ihren Erfahrungen und Ratschlägen zu Wort kommen. Kurz: Erfolgreich als Expat in ... führt auf unterhaltsame Weise in das Leben als Ausländer im heutigen Indien ein.