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1 Was die Expat-Familie bei der Ankunft erwartet in:

Silke Järvenpää, Andra Riemhofer

Mumbai, page 9 - 34

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3924-3, ISBN online: 978-3-8288-6685-0, https://doi.org/10.5771/9783828866850-9

Series: Erfolgreich als Expat in ..., vol. 2

Tectum, Baden-Baden
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17 1 Was die Expat-Familie bei der Ankunft erwartet 19 Sandra und Ralf Breidenstein packen die Koffer aus „Schatz, haben wir so etwas wie einen Korkenzieher?“ Ralf Breidenstein musste nicht lange überlegen: „Nö, ich kann dir maximal einen Reiskocher oder einen Wasserfilter anbieten. Schick doch Sheila schnell raus, einen kaufen. Dann können wir in der Zeit geschwind die Küche einweihen… Philipp ist eh grad mit seinen neuen Spielsachen beschäftigt.“ Sandra blickte von ihrem Buch über Mumbaier Architekturgeschichte auf. „Ralf, du bist echt unmöglich! Wir können das Mädchen doch nicht mitten in der Nacht noch mal auf die Straße schicken, spinnst du?!“ Warum nicht? Während seiner Zeit als Expat in Delhi hatte er seinen Fahrer durchaus auch mal spät am Abend angerufen, damit er ihm etwas von McDonald’s bringe oder – was er seiner Frau natürlich nicht erzählen würde – wenn ihm mal nach einer Zigarette war. In Delhi hätte er die junge Frau um die Zeit vielleicht auch nicht mehr nach draußen geschickt, aber Bandra war nun wirklich nicht zum Fürchten. Sah man vom Verteilerkasten im Hausflur und den tiefhängenden Deckenventilatoren in der eigenen Wohnung einmal ab. Breidenstein hatte sich noch nicht wirklich mit den kalten Steinböden und der etwas muffigen dunklen Einrichtung der vollmöblierten Wohnung anfreunden können. Vielleicht sollte er selbst noch einen kleinen Spaziergang machen. Für Sandra war das alles neu. Hausangestellte zu haben, zum Beispiel. Vielleicht verstand sie ihn jetzt bald besser. Das war echt nicht einfach gewesen für Breidenstein, als er damals nach Stuttgart zurückkam. Sandra warf ihm bald vor, dass er – in Haushaltsdingen eher zurückhaltend veranlagt – nun überhaupt keinen Blick mehr dafür habe, welche Unordnung er oft hinterließ. Sie, die sich zwei Jahre als Strohwitwe und alleinerziehende Mutter ohne Dienstmädchen, Fahrer und Koch behauptet hatte, habe sich nicht gerade gefreut, jetzt noch jemandem hinterher zu räumen. Ein richtiger Pascha sei er geworden. Seine Empfehlung, sie solle sich doch ein bisschen entspannen und auch mal Fünfe gerade sein lassen, brachte sie nur noch mehr in Rage. Sie war doch die Verwöhnte, immerhin konnten Philipp und sie jederzeit bei ihren Eltern in Freising unterkommen, wenn ihr alles zu viel wurde. Oder wenn sie zu entscheiden hatte, ob sie kurzfristig einen Auftrag von einem ihrer Verlage annahm oder nicht. Er war der, der sich in einem chaotischen Umfeld, ohne große soziale Kontakte oder die Rückendeckung von Freunden und Familie zu behaupten gehabt hatte. Kompromisslos war sie geworden, selbstzentriert und manchmal richtig unnahbar. Und das, wo er ihre Unterstützung gut hätte gebrauchen können: Sein letzter Arbeitgeber hatte ihn mit großen Karriereversprechungen 20 nach Indien gelockt oder vielmehr geschickt. Dass man ihn nach seiner Rückkehr auf einer Stabsstelle ohne wirkliche Aufgaben oder gar Verantwortung parkte, war einfach nur respektlos und beschämend. „Mensch, Herr Breidenstein – gibt es Sie auch noch!“ hatte der Pförtner ihn erfreut begrüßt. Ungefähr so überrascht mussten wohl auch die Geschäftsführung und die Personalentwicklung gewesen sein, als er ‚plötzlich‘ wieder vor der Tür stand. Engstirnig und kleingeistig kamen ihm seine Kollegen jetzt vor, und die Bilder über Indien, mit denen er in der Kantine oder beim Betriebsausflug konfrontiert wurde, nervten einfach nur. „Hat es in Indien auch Möbel?“ hatte ihn die Sekretärin vom alten Dötter allen Ernstes einmal gefragt. „Nein, in meiner Blechhütte habe ich aus dem Koffer gelebt und mit einer Gießkanne geduscht!“, wäre ihm fast rausgerutscht. „Ach, Indien. Das ist ja sooo faszinierend. Da will ich auch mal hin. Eine organisierte Reise am besten. Aber diese Armut! Wie sind Sie nur mit dieser Armut fertiggeworden?” Breidenstein bekam immer eine Gänsehaut, wenn jemand mit dieser Tour anfing, und so würgte er eine Kollegin aus dem Controlling eines schönen Tages besser gleich ab: „Wieso? Ich bin doch nicht arm! Ich habe sogar zwei Kreditkarten.” Den Ruf als arroganter Misanthrop hatte er schnell weg, und so ließ man ihn ab sofort wenigstens in Ruhe. Griesgrämig und unzufrieden kam er nun jeden Abend nach Hause, und eine Weile sah es ganz danach aus, als ob es nur noch eine Frage der Zeit war, bis Sandra ihre Koffer packte. „Du, hast du eigentlich noch mal was von der Headhunterin gehört?“ Breidenstein musste kurz überlegen. „Nee, gar nicht. Die feiert wahrscheinlich grad den Deal ihres Lebens. Ich mein‘, dass ich nicht in der Probezeit kündige, nachdem wir in Stuttgart alle Zelte abgebrochen haben, das hat sie sich sicher schon ausgerechnet.“ Seine Frau hatte die Wohnungsauflösung immer noch nicht ganz verschmerzt. Wenigstens ihre Bücher und Fotoalben hatte sie einlagern lassen. Breidenstein hing an seinem Motorrad, das er nach drei Jahren wieder anmelden wollte. Das Leben – und da waren sie sich einig – fühlte sich gerade ein bisschen an wie damals, als sie sich in ihrer Studenten-WG frisch kennen gelernt hatten. Ein neuer Start in eine aufregende Zukunft. Und ein paar Schmetterlinge im Bauch. „Nun ja, und dass unser Serial-Entrepreneur auch nicht nochmal Zeit und Energie haben wird, jemand Passendes für sein Projekt in Indien zu suchen, das weiß die Frau auch. Noch dazu nach dem ganzen Hickhack mit der Relocation Agentur, und nicht zu vergessen den Kosten für den Makler.“ Marc Andrä hatte tatsächlich fast zwei Jahre nach einem Chief Marketing Officer für seine Expert(s)Connect India Pvt. Ltd., eine Event- 21 und Kongressagentur, gesucht. Gegründet von einem Matthew P. Barnabas in 2010, in den Sand gesetzt von einem Matthew P. Barnabas in 2014, und wiederauferstanden aus dem finanziellen Ruin durch die großzügige Finanzspritze des deutschen Unternehmers. So hatte man Breidenstein das bei seinem ersten Bewerbungsgespräch skizziert. Der in seiner Macht beschnittene Gründer war nun COO und sollte sich um alles Organisatorische kümmern. Ihm zur Seite gestellt war ein gewisser Ravi Kapur, seines Zeichens CFO, der sich – worum sonst – um das Finanzielle zu kümmern hatte. Und ab nächsten Monat sollte Ralf Breidenstein das Triumvirat als CMO komplettieren. Wobei ‚Triumvirat‘ nicht ganz zutreffend war. Obwohl alle drei auf Ihren Visitenkarten noch ein „Deputy CEO“ hatten, hielt Andrä in Berlin die Zügel weiterhin fest in der Hand. Breidenstein sollte sich schwerpunktmäßig um die strategische Weiterentwicklung und die Internationalisierung der Veranstaltungen und Kongresse kümmern. Und dafür passte er tatsächlich „wie Arsch auf Eimer“ – so hatte es Frau Dötter junior gewohnt treffsicher formuliert. Wirtschaftsingenieur mit einem MBA, Erfahrung in Sales und Marketing, und dann noch zwei Jahre als CEO bei der deutschen Niederlassung eines schwäbischen Automatisierungs-Unternehmens in Delhi – einen Besseren hätte Andrä wohl kaum finden können. Nerven und Magen waren abgehärtet, der Bewerber verfügte in Indien über ein Netzwerk, und er schien sogar richtig Lust auf den Job zu haben. Darüber hinaus – und das hatte Breidenstein bei den Gehaltsverhandlungen geschickt zu verschleiern gewusst – freute er sich tierisch, bald wieder in Indien zu sein. Ich sitze in der Lounge am Flughafen Zürich und bereite mich geistig auf meinen Flug nach Mumbai und das anstehende Board-Meeting mit meinen indischen Kollegen vor. Es erwarten mich unter anderem 40 Grad Temperaturunterschied (Zürich -15 Grad, Pune +25). Welche Bilder haben die Leute so im Kopf, wenn ich über Indien spreche? In der Hauptsache ganz viele Klischees wie ‚laut‘, ‚bunt‘, ‚arm‘, ‚reich‘, ‚dreckig‘, ‚schlechte Qualität‘, ‚Magenkrämpfe‘, ‚scharfes Essen‘. Und wie geht es mir mit Indien? Ich genieße es, mich treiben zu lassen, aber dennoch etwas vor Ort zu erreichen. Das macht Spaß. Der deutsche Taxifahrer mit türkischen Wurzeln gestand mir auf dem Weg zum Flughafen, dass er zwar das Taj Mahal sehen möchte, die Inder Stephan Link, CFO, Fritz Kübler GmbH, Villingen- Schwenningen und Pune 22 aber „abartig“ findet, ohne Benimm und lethargisch – vor allem im Vergleich zu „den Chinesen“. Das habe er selbst festgestellt, als er mal einen Mexikaner, einen Inder und einen Chinesen vom Flughafen abgeholt hatte: „Kennste einen, kennste alle“. Nun, in der Lounge, nimmt neben mir ein Inder Platz: Wohlstandsbauch, goldener Schmuck, neues Smartphone. Dann wird meine interkulturelle Leidensbereitschaft gefordert. Es startet eine lautstarke Videotelefonie per WhatsApp – man kann sowohl ihn hören, wie auch seinen Gesprächspartner (im Hintergrund läuft wohl ein Bollywood-Streifen im Fernsehen). Die ganze Lounge wird unterhalten – und die Bedienung in das Telefonat mit einbezogen. Ein perfekter Einstieg in das, was mich in wenigen Stunden erwartet. Ich muss grinsen und entspanne, während sich die Reisenden am Nachbartisch aufregen und den Kellner bitten, dem Treiben ein Ende zu bereiten. 1.1 Der serielle Expat Vor seinem Einsatz in Mumbai hat Ralf Breidenstein zwei Jahre als Expat in Delhi verbracht. Dass Manager wie er zum seriellen Expat werden, ist nicht zwingend, aber auch nicht ungewöhnlich. Grund sind die Probleme, die ihm die Reintegration in Deutschland macht, typische Probleme übrigens. Da ist zum einen der Arbeitgeber, der (so erlebt es Breidenstein) mit dem Heimkehrer nichts mehr anzufangen weiß. Im Fall der Dötter GmbH war Breidenstein die erste Auslandsentsendung. Dass seine Rückkehr die Firma völlig unvorbereitet trifft, nimmt dieser als Schlamperei wahr. Und Breidenstein hat einiges zu bieten, das er gerne in die Firma einbringen möchte: Führungserfahrung in ‚schwierigem‘ (da fremden) Umfeld, interkulturelle Kompetenz und Kenntnisse des Großraums Delhi. Breidenstein erwartet, dass die Dötter GmbH daran Interesse hätte, die erfolgreiche Fortsetzung des Indien-Geschäfts zu betreiben. Ihn zu verlieren, bedeutet auch den Verlust des einzigen Experten in der Zentrale, der sich das Vertrauen der indischen Belegschaft und nützliche Netzwerke erworben hat, und der seinen Nachfolger schulen könnte. Das Verhalten der Dötter GmbH muss Breidenstein wenig nachhaltig vorkommen, ebenso wie der Umstand, dass sich das Unternehmen vom Rückkehrer nicht zu Lösungsfindungen jenseits der ausgetretenen Pfade inspirieren lässt. Man kann also verstehen, warum Ralf Breidenstein sich beruflich verändern will. 23 Gleichzeitig nimmt sich der zurückgekehrte Expat vielleicht selbst die Möglichkeit, Kulturwandel bei Dötter mitzugestalten. Die Geduld, mit der er die Niederlassung in Delhi geformt hat, zeigt er in Deutschland gerade nicht. Durch seine Gereiztheit den Kollegen gegenüber untergräbt er seine eigene Autorität. Es fehlen ihm die Gemeinsamkeiten mit dem Rest der Belegschaft, die sich in anderer Weise weiterentwickelt hat – übrigens auch die Gemeinsamkeiten mit seiner Frau (aus Breidensteins Sicht sind alle stagniert). Ferner waren die steilen Hierarchien der „Sir“-Kultur Delhis für Breidenstein, den Sir an der Spitze der indischen Niederlassung, natürlich attraktiv gewesen, ebenso wie das Dienstbotenwesen. Der Spiegel nahm sich 2010 des Themas an und titelte über zurückkehrende Expats „Im Ausland ein Fürstchen, zuhause ein Würstchen“. Insbesondere wenn Mitarbeiter in Schwellenländer mit großer sozialer Ungleichheit entsandt wurden, kann sich die Reintegration schwierig gestalten. Um mit dieser Herausforderung umzugehen, ist es Rückkehrern zu empfehlen, ihre Anpassungsschwierigkeiten als normal, sogar wünschenswert zu betrachten, und ebenso auszuhalten wie den Kulturschock, der sie höchstwahrscheinlich im Gastland ereilt hat. Ralf Breidensteins Probleme sind also sowohl objektiv vorhanden (die Firma hat keine adäquate Position für ihn) als auch in Breidensteins innerer Einstellung zu finden (Enttäuschung über nicht eingehaltene Versprechen des Arbeitgebers). Die Lösung, die er wählt (einen weiteren Auslandsaufenthalt) ist daher nachvollziehbar. Zu fragen wäre dennoch, ob sich Breidensteins Situation nach der Rückkehr hätte vermeiden lassen. Zunächst ist zu sagen, dass viele Firmen, die seit Jahren und routiniert Mitarbeiter ins Ausland schicken, Prozesse eingeführt haben, oft vorbildliche, wie mit Rückkehrern umzugehen ist. Auf dem Markt sind mittlerweile auch einige Coaching-Agenturen etabliert, die Mitarbeiter vor einer Auslandsentsendung beraten. Wenn einem der Auslandsaufenthalt mit der Verheißung schmackhaft gemacht werden soll, dass ein Karrieresprung danach unmittelbar bevorsteht, ist es in jedem Falle zu empfehlen, seinem Arbeitgeber einige Fragen zur Entsendung zu stellen. Diese könnten z.B. sein: Bin ich der Pionier? Stehe ich in einer langen Tradition von Expat-Managern? Was ist aus meinen Vorgängern geworden? – Dementsprechend kann man Enttäuschungen vorbeugen und sich besser auf seine Karriereentscheidung vorbereiten. Die Wahrscheinlichkeit 24 ist groß, dass die Karriere einen Sprung tut – nur, wie im Fall Breidenstein, eben nicht im selben Unternehmen. Zurückzukommen bedeutet für viele Expats „nach Hause zu gehen“ – nur dass es dann meist kein echtes Zuhause mehr ist. Die Dinge haben sich verändert, man selbst hat sich verändert. Manchmal habe ich dieses undefinierbare Gefühl, nicht mehr dazuzugehören. Nicht greifen zu können, warum. Aber dennoch zu wissen, dass ich die Wahl selbst getroffen habe. Es gibt Momente, in denen ich glaube, das Leben im Ausland wäre das Bessere gewesen, und ich sehne mich nach unseren alten Freunden, nach der Sprache und unserem Lebensstil in der Ferne. Zurückkommen ist komplex und für Jeden anders, denn das Leben in einem anderen Land mit all seinen gesellschaftlichen und kulturellen Besonderheiten beeinflusst unser Selbstbild und unsere Sicht auf die Welt, verändert Denk- und Verhaltensmuster. Je länger Menschen im Ausland verbringen, und je größer der Unterschied der Gastkultur zur Heimatkultur ist, desto schwieriger ist meist auch die Heimkehr. 1.2 Wirtschaftsstandort Mumbai Dass es ausgerechnet Mumbai ist, wohin es Ralf Breidenstein verschlägt, ist angesichts der Attraktivität dieses indischen Standorts nachvollziehbar. Gut 75% aller ausländischen Investoren sind in Delhi, Mumbai oder Bangalore aktiv, wobei Mumbai den zweiten Platz hinter Delhi einnimmt. Aber die Statistik täuscht. Während in Delhi oftmals nur Zweigstellen und Verbindungsbüros von multinationalen Konzernen oder ausländischen Firmen eingerichtet werden – hauptsächlich wegen der erwünschten Nähe zur ‚politischen Macht‘ in der Hauptstadt –, befinden sich in Mumbai häufiger Produktionsstätten oder die indischen Hauptniederlassungen von Firmen. Die Anzahl der deutschen Unternehmen beläuft sich auf über 260, und auch die Deutsch-Indische Handelskammer (Indo-German Chamber of Commerce) hat ihre Zentrale in Mumbai. Bis 1996 als Bombay bekannt, war Mumbai schon immer die heimliche Handels- und Constance Grunewald- Petschke, Inhaberin von abroad [relocation. interculture. language.] 25 Wirtschaftshauptstadt Indiens. Mit über 20 Millionen Einwohnern und einem Anteil am indischen BIP von 190 Milliarden Euro ist sie übrigens auch die bevölkerungsreichste und wohlhabendste. Zu verdanken hat Mumbai diesen Status ihrer für den Überseehandel günstigen Lage am Meer; in ihren beiden Containerhäfen wird die Hälfte des gesamten Seefrachtaufkommens des Landes umgeschlagen. Zum Großraum Mumbai gehört, wenn auch nicht politisch, so doch in der Vorstellung von vielen Unternehmern, das 180 km süd- östlich gelegene Pune. Pune verfügt über eine Bevölkerung von mehr als drei Millionen im eigentlichen Stadtgebiet und weiteren fünf Millionen im Umland, wächst aber mit der Anbindung durch die Autobahn Mumbai-Pune langsam mit ihrer großen Schwester zusammen. Seit einigen Jahren dauert eine Fahrt von der einen zur anderen Stadt nur noch drei Stunden. Mumbaikars are very cosmopolitan, friendly and helpful. They also take all sorts of disasters in their stride, be they floods or bomb blasts, and are back at work the next day. Although travelling is stressful, people tend to be on time. They are a hard working lot, and even cut short lunchtime, in order to meet deadlines. Their greatest vices on the day at the office are having a cup of “Cutting Chai” in the neighbourhood, as well as a “Wada Pav”, a quick snack, and smoking a cigarette outside. 1.3 Wohnen in Mumbai Mumbai steht mit 12,7 Millionen Einwohnern auf 440 km2 auf Platz 8 der am dichtesten besiedelten Städte der Welt. Unbebautes Land ist rar; pro Einwohner gibt es 200-mal weniger freie Fläche als in München und immerhin 100-mal weniger als in London. Es ist daher selbst für einen hochbezahlten Expat unwahrscheinlich, dass er in Mumbai eine schicke Villa bezieht, nicht zuletzt, weil das Angebot an Häusern knapp ist. Er wird mit einer Wohnung zufrieden sein müssen. Und in jedem Fall sollte er einen oder mehrere Makler einschalten. Eigenhändig mit Vermietern zu verhandeln, das Vinayak Hajare, Director InterGest South Asia, Mumbai 26 Rechtliche und Vertragliche zu erledigen, kann frustrierend werden. Ramprasad Padhi von der Immobilienfirma MumbaiProperties rät, folgendes zu beachten: Kann der Makler in der von mir bevorzugten Gegend genügend Objekte anbieten? Hat der Makler Erfahrung mit Expats? Ist er bereits lange und erfolgreich im Geschäft? Zuvor sollte der Expat jedoch eine Liste von Kriterien erstellen, die seine zukünftige Wohnung erfüllen muss. Sicherheit wird oberste Priorität haben, dicht gefolgt von der Entfernung zum Arbeitsplatz. Wer noch niemals in Mumbai war, hat keine Vorstellung davon, wie sehr der Straßenverkehr die Lebensqualität beeinträchtigen kann. Ein ungünstig gewähltes Wohnviertel kann die tägliche Pendelzeit schnell auf vier Stunden bringen. Familien mit älteren Kindern sollten sich überlegen, ob geeignete Schulen in der Nähe sind. So befindet sich die DSB International School in Cumballa Hill, weit im Süden von Mumbai – es wäre also in diesem Fall nicht ideal, sich im nördlicheren Stadtteil Juhu niederzulassen, obwohl er bei Expats beliebt ist. Nicht zu unterschätzen sind Bautätigkeiten in der unmittelbaren Umgebung. Sie können laut sein – und das bei Tag und Nacht – und die Luft stark verschmutzen. Daneben sollte man sich fragen, ob man historisches Flair sucht (den gelegentlichen Stromausfall bekommt man hier oft gratis dazu), oder das luxuriös ausgestattete Appartement mit Schwimmbad und Fitnessstudio im Gebäude bevorzugt. Empfohlen werden bei beiden Präferenzen 3–4 Schlafzimmer für eine dreiköpfige Familie – in der deutschen Zählweise wäre das also eine Vier- bis Fünfzimmerwohnung. Nicht zuletzt gilt es hier, im Vorhinein zu entscheiden, ob Hauspersonal mit einziehen soll. Manche Wohnungen sind entsprechend günstig aufgeteilt und verfügen über einen getrennten Dienstboteneingang. Unvermeidbar sind live-in servants jedoch nicht. In Mumbai pendeln viele Hausangestellte jeden Tag zwischen Arbeitsplatz und eigener Unterkunft. Ralf Breidenstein und seine Familie haben sich für den Stadtteil Bandra entschieden: sicher, wohlhabend, ästhetisch, mit guter Infrastruktur (von der zuverlässigen Wasserversorgung bis zu Shopping-Möglichkeiten) und nicht zuletzt mit hoher Expat- und Prominentendichte. Die Befürchtung, dass die Breidensteins wegen der Gesetzeslage womöglich jedes Jahr um die Verlängerung ihres Mietvertrags zittern müssen, ist unbegründet. Der sogenannte Rent Control Act sah nämlich ursprünglich vor, dass Mietverträge nur auf Zeit 27 (und höchstens für drei Jahre) geschlossen werden konnten. Mittlerweile ist es jedoch möglich, sich ein Objekt sogleich für bis zu fünf Jahre zu sichern. Man sollte allerdings in jedem Falle eine wichtige Zusatzklausel in den Vertrag aufnehmen lassen: das Mietverhältnis mit einer Frist von 60 Tagen jederzeit kündigen zu können. Mumbai is a popular choice for German expats while relocating to India for short work stints or longer work assignments. As a real estate organization that manages such transactions, we engage with a lot of German expats who prefer to reside in areas like Juhu, Bandra, Powai and South Mumbai localities like Colaba, Cuffe Parade and Churchgate. To pick one preferred neighbourhood and explain its attractions: Bandra is a beautiful combination of the modern and the old, as heritage structures rub shoulders with high-rises. Expats love the Queen of Suburbs (as it is known), since its buzzing lifestyle and quiet leafy lanes are a unique combination. Its proximity to the shoreline is its obvious USP, and expats love the open sea that can be a visual treat for all. Areas like Carter Road & Bandstand are preferred due to the beautiful seashore and the Bandra-Worli Sea-link in the background. The Arabian Sea also attracts the top rung of film-stars & industrialists, so don’t be surprised if you bump into a Bollywood heartthrob. Pali Hill is considered to be one of the greenest places in Mumbai and is a haven for expats who love to spend their evening quietly. Also expats can consider Almeida Park & Perry Cross Road if solitude is what they seek after a tiring day at office. Hip and happening roads like Hill Road & Linking Road which are Mumbai’s uber shopping zones offer residential properties to expats who love the constant buzz and its colourful crowd. Bandra is blessed with an uninterrupted electricity supply and it’s a rare occasion (during major repairs) when power supply is cut off, since the power situation is pretty well managed here. Bandra has 24x7 water supply, though there are certain times when water restrictions are put in place due to a bad monsoon. However this is quite rare. Also monsoons have been good this year resulting in an abundant water supply. In Mumbai, some basic thumb rules are followed when it comes to deciding the rent and the deposit for an apartment. Depending upon the Ramprasad Padhi, Founder & CEO, MumbaiProperties 28 condition of the place and the furnishings provided, the deposit amount would vary from 3 months to 12 months of rent. Remember, here the rent has to be paid at the beginning of the month and not at the end. Expats who work with banks and financial institutions could negotiate the rent amount by increasing the deposit value to 12 months of rent. This is a win-win situation for the landlord and the user with all round benefits. Expats often rent a place at face value and forget to evaluate and weigh the pros and cons of the property, its location and the rent/deposit demanded. There are quite a few areas that need to be assessed while renting a flat in Mumbai. For example, different rates exist for apartments that are fully furnished, semi-furnished or bare. If the landlord has promised to furnish it in the decided amount of rent and deposit, the expat could be short-changed in the quality of furniture or white goods that the landlord may provide. A professional realtor who has prior experience about expat relocation will be the best bet in such a situation as he may be aware of the traps and can take necessary steps to avoid them. Die Breidensteins erkunden die Stadt „Ich habe mir gedacht, dass ich vielleicht einen Blog schreiben will.“ Ralf Breidenstein blickte kurz von seinem Smartphone auf. „Wie, ich dachte, du wolltest einen historischen Roman schreiben? Deswegen haben wir doch jetzt ein Kindermädchen? Damit du dich ein paar Stunden am Tag voll und ganz aufs Schreiben konzentrieren kannst?“ Google Maps war einfach praktisch. Wie hätte er sonst verfolgen sollen, in welchem Stadtteil sich das Taxi gerade bewegte. „Ja schon, aber das ist ja erst mal ganz viel Recherchearbeit. So zum Warmschreiben dachte ich. Und dass unsere Freunde daheim wissen, wie es uns so geht.“ Breidenstein schwante nichts Gutes. „Damit dann alle teilhaben können, wenn ich die Mumbai Central Station mit dem Victoria Terminus verwechsle? Oder mich blamiere, weil man in Mumbai mit Hindi doch nicht überall weiterkommt? Schreib bitte in Englisch, dann können sich meine neuen Kollegen gleich mit amüsieren! Ich glaube, die Hitze tut dir nicht gut. Schau mal, das da vorne im Wasser, das muss dieses muslimische Grabmal sein!“ Sandra duckte sich ein wenig auf ihrem Sitz, um einen besseren Blick zu haben. „Mir wäre es wirklich lieber, wenn du C.S.T. sagen würdest, so wird man das koloniale Erbe nie los. Und übrigens: Roman hin oder her, ohne Kindermädchen bist du hier aufgeschmissen, das haben die von der Relocation Agentur auch gesagt. Aber du hast recht, vielleicht ist ein Blog 29 wirklich keine so gute Idee, den muss man ja dann immer aktuell halten und so.“ Gott sei Dank war das Thema erst mal vom Tisch. „Und dass wir Philipp heute schon allein mit Mary lassen, meinst du echt, dass das so in Ordnung ist?“ Ganz wohl war dem Vater nicht bei der Sache. „Vertrau mir, unser Kleiner ist es gewöhnt, dass auch mal andere Leute auf ihn aufpassen. Überhaupt ist er sehr weltoffen und aufgeschlossen, das ist dir vielleicht noch nicht so aufgefallen.“ Einen knapp Dreijährigen als ‚weltoffen‘ zu bezeichnen, sowas konnte auch nur von Sandra kommen, und spiegelte ganz klar ihre Erziehungsideale wider. Warum es dann unbedingt und ausdrücklich eine christliche Nanny sein musste, das hatte Breidenstein bis heute nicht verstanden. Egal, so lange die den Jungen nicht so mästete wie die bayerische Oma, sollte ihm das recht sein. Und praktisch war es schon. Auf den Ausflug an die Südspitze der Stadt hatte er sich seit Tagen gefreut. Der Fahrer setzte sie wie befohlen am Chhatrapati Shivaji Terminus ab, und Breidenstein ergriff die Hand seiner Frau, nachdem sie die Sicherheitskontrollen passiert hatten. Bahnhöfe und Flughäfen waren einfach faszinierend, vor allem die ganze Logistik dahinter. Warum und wohin waren die Leute unterwegs? Was erwartete sie bei der Ankunft? Den Bahnhof hatte er sich eigentlich größer und vor allem belebter vorgestellt. Trauben von Menschen hatten die Mitte der Bahnhofshalle in eine Art Wohnzimmer umfunktioniert, wo sie schliefen, aßen oder vor sich hindösten. Sandra untersuchte fachmännisch die Kuppel über ihr. Sie konnte sich an den Verzierungen des gotisch anmutenden Gebäudes gar nicht sattsehen. Breidenstein wollte eigentlich noch die Einschusslöcher vom Terroranschlag 2008 suchen, aber seine bessere Hälfte hätte das sicher geschmacklos gefunden. Beim Gateway of India hielten sie sich nur kurz auf, und auch das Taj Mahal Palace Hotel wollten sie ein andermal näher besichtigen. Nach einem Restaurantbesuch in Nariman Point, dem Mumbaier Manhattan, wie Breidenstein mal gelesen hatte, schlenderten die beiden auf der Promenade entlang des Marine Drive – oder wie auch immer die mehrspurige Straße jetzt offiziell hieß. Zahllose Pärchen saßen engumschlungen auf der kleinen Mauer, die den Weg vom Strand abgrenzte. Versonnen schauten alte wie junge Leute auf das Arabische Meer oder ihre Mobiltelefone und genossen die kühle Brise. Abendliche Jogger mussten alle paar Meter Touristen und Einheimischen ausweichen, die den Sonnenuntergang per Selfie dokumentierten. Breidenstein war gerade weniger nach Romantik zumute, er wollte unbedingt noch in die Lamington Road, ein zweites Netzteil kaufen. 30 Sandra schien die Stadt gut zu kennen. „Schau mal, da wo wir grad drüber laufen, das sieht doch aus wie die Eisenbahnüberführung aus Bombay Talkies, wo das Mädchen immer singt, weißt du noch?“ Da wird es schon noch mehr so Brücken geben, aber wenn es ihr Freude machte… „Das muss die Strecke sein, wo der Bus in Bombay to Goa gefahren ist, wo’s grad losgeht. Damals war noch nicht so viel Verkehr.“ Sandra war ganz in ihrem Element, ähnlich wie Philipp, wenn er was zeigen wollte, was außer ihm keiner sah. „Ich hab‘ jetzt kurz gemeint, das sei auch da, wo in Talaash das Auto von der Straße abgekommen ist, aber das muss dann doch wo anders sein. Und da unten die zerrupften Kinder, das könnte glatt eine Szene aus Salaam Bombay sein.“ So ging das die ganze Zeit. Auch eine Strategie, die Stadt wie durch eine Kameralinse zu betrachten. Breidenstein ertappte sich dabei, wie er den nackten Hintern eines Jungen fokussierte. Auf krummen, noch ungeübten Beinen begleitete das Kind die Passanten ein paar Meter, zwischen den Pobacken klebte Kot. Während ein Zug vorbei ratterte, stillte eine Frau nahe der Gleise ein Neugeborenes. Am Straßenrand wurde Kleidung gewaschen. Auf den Stufen der Überführung lagen schon einige Wäschestücke zum Trocknen. Weit ab vom Schuss lag ein kleines, in Decken gehülltes Bündel. Ein Kind in Philipps Alter. Breidenstein musste schlucken. Hatte er solche Szenen in Delhi einfach ausgeblendet? Die Sonne war nun endlich untergegangen. Breidenstein hatte dafür plädiert, in einem der Irani Hotels noch eine Kleinigkeit zu essen, aber Sandra war nach einem kurzen Abstecher in die Muhammad Ali Road vollends bedient. Das Netzteil und einen Korkenzieher in der Tasche winkte er ein Taxi zu Kemp’s Corner herbei. Das war eindeutig einfacher als in Delhi. Seine Liebste wollte unbedingt noch eine Buchhandlung aufsuchen, die für ihre Top-Kunden mit entsprechender VIP-Karte einen Fast Track an der Kasse reserviert hatte. „Ja, ich weiß, Süße. Kemp’s Corner. Mitternachtskinder. Das werde ich schon auch noch lesen!“ 1.4 Megastadt Mumbai Karriere als bekannteste Handels- und Hafenstadt Indiens machte Mumbai unter dem Namen Bombay, den sie bis 1996 trug. Als die ersten portugiesischen Schiffe im 16. Jahrhundert einliefen, so will es die Überlieferung, waren die Kapitäne angetan von dem gefahrlos zu befahrenden Meerbusen und nannten ihn „Bom Bai“ („gute kleine 31 Bucht“). Ursprünglich, das heißt bis ins späte 18. Jahrhundert, bestand die Stadt aus sieben Inseln (Mahim, Worli, Parel, Mazagaon, Bombay, Little Colaba und Colaba). Heute kennt man die Namen der meisten Inseln als Stadtteile Mumbais, welche sich auf einer zusammenhängenden Landmasse befinden. Zu verdanken hat man dies einem der Megaprojekte, für die die technikaffinen Briten – die neuen Herren Bombays – berühmt wurden: das Hornby Vellard-Vorhaben. Zwischen 1782 und 1838 wurden durch Landgewinnungs-Maßnahmen alle sieben Inseln miteinander verbunden, und Bombay erhielt seine neue Gestalt. Mumbai is a cosmopolitan city, and super busy. I cannot say that much has changed since the 2008 terrorist attacks. Mumbaiites have not lost their spirit, and besides, they are too occupied with their day to day lives. They cannot afford to waste time thinking and worrying about what happened last week. For around 25% of Mumbaiites, one day off from work means no food for that day. So, life keeps on moving in the same fast pace as it did before the attacks. But in terms of security and monitoring, it has changed and improved considerably. We see more police patrolling the city, more CCTV's, security checks before entering key buildings and public places. Sometimes even I feel it’s just too much, but I understand it’s needed. My favourite place in Mumbai is Marine Drive. It is amazing out there. The view of the sea and the entire south Mumbai coast is unparalleled. It is truly one place which gives you the feeling that you are in one of the alpha cities of the world. Die Versuche Neuland zu gewinnen, dauern übrigens bis in die Gegenwart an; auf dem Marine Drive hat man erst seit 100 Jahren trockenen Boden unter den Füßen; Nariman Point ist ein Produkt der 1970er. Die Stadt plant bereits weitere Landgewinnungs-Maßnahmen. Nachvollziehbar ist das: Mumbai platzt aus allen Nähten. Die alte Stadt verfügt über nicht ganz 440 km2, beheimatet aber beinahe 13 Millionen Menschen; der sogenannte Vorortdistrikt (Mumbai Suburban) auf einer Fläche von 446 km2 mit dem Zentrum Bandra zählt Praful Patel, Mumbai and Munich 32 immerhin noch neun Millionen Einwohner. Daneben dehnt sich das Einzugsgebiet nach Osten aus – so baute man ab den 1970er Jahren im Distrikt Thane mit Navi Mumbai („Neu Mumbai“) eine Planstadt, die bereits mehr als eine Million Einwohner zählt und darüber hinaus vielen Unternehmen Platz für Büros und Produktionsstätten bietet. Seit den ersten Besuchen und Eroberungen der Europäer war Bombays Bestimmung der Handel. Insbesondere die englische Monopolgesellschaft East India Company tat sich mit entsprechenden Aktivitäten hervor. So unterstützte sie im 17. Jahrhundert den britischen Gouverneur beim Bau eines neuen Hafens und neuen Gebäuden, die – nach einem verheerenden Feuer zerstört – nun einer Reihe von Sicherheitsstandards genügen sollten. Im Vordergrund der East India Company standen dabei weniger philanthropische Erwägungen als vielmehr die Idee, sich selbst eine attraktive indische Niederlassung zu schaffen. Konnte die Company ihren Umschlagplatz in Surat nur von Moguls Gnaden betreiben (Surat in Gujarat 300 km nördlich von Bombay war fest in der Hand der Sultane), so lockte Bombay mit englischer Vorherrschaft und einer mehr als wohlwollenden Haltung. Bereits 1687 wurde Bombay das indische Hauptquartier der Company. Aus dieser Zeit stammen auch die ersten Versuche, Bombay als Zentrum des Handels mit Baumwolle und Textilien, Indigo und Tee zu etablieren. Für die Bewohner der Gegend war das Leben eine körperliche Belastung. Durch das tropische Klima, den Monsoon und die Sumpfgebiete zwischen den Inseln wurde Bombay immer wieder von Seuchen heimgesucht. Insbesondere die Europäer waren den klimatischen Verhältnissen nicht gewachsen, und die Sterberate war beträchtlich. Daneben waren Piratenüberfälle, Feuer und Belagerungen durch benachbarte Fürsten ständige Begleiter. Dennoch rappelte sich Bombay immer wieder auf und hatte sich Ende des 18. Jahrhunderts zu einer Stadt von mehr als 100.000 Einwohnern entwickelt; die Marke von einer Million knackte sie um 1910. Wie in Hafenstädten mit internationalem Handel und mächtigem Kaufmannsstand üblich, entwickelte sich Bombay schon früh zu einer multikulturellen Metropole. Daneben schufen die kolonialen Großbauten sowie das Hornby Vellard-Projekt Tausende von Arbeitsplätzen auch für Ungelernte aus anderen Landesteilen. Mit der Industriellen Revolution jedoch explodierte die Stadt. Bombay wurde zum Zentrum der Baumwollindustrie mit unzähligen Baumwollspinnereien, die übrigens mehrheitlich in indischer Hand waren. Bereits in den 1860er Jahren waren die Textilfabriken in England 33 keine ernstzunehmende Konkurrenz mehr, was übrigens auch am amerikanischen Bürgerkrieg lag. Er nämlich verknappte das Angebot an Baumwollexporten aus den Südstaaten und beflügelte die indische Wirtschaft. An diesen – drei Kontinente umspannenden – Wirtschaftszusammenhängen lässt sich gut ablesen, wie globalisiert der Handel mit Textilien bereits war. Bombay ging als Gewinner aus diesem Wettlauf um die Marktführerschaft hervor. Der Charakter Bombays als Boomtown erklärt auch, warum die Stadt schon früh im 20. Jahrhundert zur Millionenmetropole wurde: immerhin brauchten die 81 Baumwollspinnereien Arbeitskräfte in beachtlicher Größenordnung. Und so wurde eine bis dato bespiellose Binnenmigration in Gang gesetzt. Eine Reihe städtebaulicher Realitäten sowie sozialer Probleme sind Erbe der mittlerweile niedergegangenen Baumwollindustrie. Erstens erklärt die Industriegeschichte Bombays die Existenz der sogenannten Chawls, der Mietskasernen mit zuweilen Hunderten von Einraumwohnungen für weniger wohlhabende Familien; zweitens zeugen die Megaslums, die in Mumbai auffälliger sind als in vielen anderen indischen Städten, von einem Strukturwandel, der viele Verlierer zurückgelassen hat. Im Jahr 1982, als immerhin noch 300.000 Arbeiter in der bereits unter Druck stehenden Textilindustrie beschäftigt waren, gaben Gewerkschaften und Fabrikanten ihrem Wirtschaftszweig selbst den Gnadenschuss: Nach den 18 Monaten, die der „Große Textilstreik“ von 1982–1983 dauerte, mussten beinahe alle Cotton Mills in Bombay schließen; einige konnten gerettet, mussten aber nach Gujarat verlagert werden. Die Branchen, mit denen Mumbai heute glänzt – die Finanz- und Medienindustrie, Dienstleistungen, IT und Hochtechnologie – sorgen zwar wieder für hohe Beschäftigungszahlen, aber die Arbeitskräfte müssen doch über einen höheren Ausbildungsgrad verfügen. Industriearbeiter werden durchaus noch gebraucht, aber meist sind die weniger Qualifizierten nun im informellen Sektor tätig. Der Platzmangel in Mumbai und das lukrative Land der Industriebrachen führten ab den 1990ern zu Grundstücksspekulation, dem Kampf um Nutzbarmachung der Flächen durch Politik und Organisiertem Verbrechen. Auf der Strecke blieben die einfachen Bewohner der Stadt. Beinahe die Hälfte der Bevölkerung im Großraum Mumbai lebt heute in inoffiziellen Siedlungen (wie Slums auch genannt werden) ohne Strom und fließendes Wasser. Hier befindet sich auch die durch den Film Slumdog Millionaire bekanntgewordene Siedlung 34 Dharavi, die nicht nur durch ihre Bewohneranzahl von geschätzt einer Million, sondern auch durch deren Alphabetisierungsrate von ca. 70% auffällt. Deutlich wird, dass Dharavi eben nicht nur Wohngebiet für die Allerärmsten ist. Bei allen Problemen in den Slums ziehen viele Bürger das Leben dort einer staatlichen Umsiedlung oder einem Umzug vor. Ein Grund ist die zentrale Lage von Slums wie Dharavi. Erschwingliche Wohnungen und sozialen Wohnungsbau gibt es allenfalls in Randgebieten, mit Pendelzeiten von mehreren Stunden. Ein weiterer Grund für die Attraktivität von Slums ist die Art, in der sich die inoffiziellen Siedlungen selbst organisieren. Sie verfügen nämlich durchaus über eine funktionierende Nachbarschaft, bieten Platz für Kleingewerbe und Unterhaltungsangebote. Dagegen werden die Trabantenstädte, die geplant wurden und aus Wohntürmen bestehen, als anonym gesehen, als monokulturell wegen ihres reinen Wohncharakters und, wie bereits erwähnt, als abgelegen. Auch gegen diverse Erschließungs- und Entwicklungspläne von Slums bilden sich regelmäßig Bürgerinitiativen der Bewohner. Als Expat sollte man seine Klischees vom indischen Slum also überdenken, sich gleichzeitig jedoch vor Augen führen, dass man in einer Stadt lebt, die in solchen inoffiziellen Siedlungen massive Probleme mit der Hygiene hat. Offene Abwasserrinnen, die Fäkalien führen, nahegelegene Flussarme und Kanäle, die ebenfalls als Bedürfnisanstalt benutzt werden, und das von Millionen von Menschen – solche Umweltbelastungen haben natürlich auch außerhalb eines Slums Auswirkungen auf Mumbais Einwohner. Die Kaufmanns- und Händlerkultur Bombays sowie die Binnenmigration wegen des Arbeitskräftebedarfs in den Baumwollspinnereien hinterließen Bombay auch das multiethnische und multireligiöse Setup. Anders als beispielsweise in Gujarat, das immer wieder von religiösen Unruhen heimgesucht wurde, funktionierte das Miteinander in Bombay über Jahrhunderte hinweg gut. Natürlich ließen sich die Angehörigen von Religionsgemeinschaften gerne um ihre Gotteshäuser herum nieder, so dass es immer schon hinduistisch, muslimisch, christlich oder parsisch geprägte Viertel gab. Andernorts jedoch war das gemeinsame Merkmal der Bewohner eben nicht die religiöse oder ethnische Zugehörigkeit, sondern der gemeinsame Arbeitgeber. Chawls bestanden ja oft aus Werkswohnungen. Und Gegenden, die viel Platz und eine frische Brise vom Meer versprachen, waren reichen Kaufleuten aller Religionen und Herkunftskulturen vorbehalten, wie große Teile der Insel Colaba/Little Colaba. Hier war Mischgebiet, das sowohl für seine Baumwollbörse und 35 Docks als auch für Villen im europäischen Stil bekannt wurde. Schon früh investierte man in die Transport-Infrastruktur und zelebrierte den Fortschritt mit Prachtbauten des Industriezeitalters. Der Victoria Terminus ist dafür vielleicht das eindrucksvollste Beispiel. Malabar Hill, an der Südspitze der Stadt, wiederum, war eine bei den Kolonialherren bevorzugte Gegend und ist wegen der historischen Bauten sehenswert. Außerdem gilt Malabar Hill heute als die teuerste Wohngegend der Welt. Kurz: Die Stadtgeographie des historischen Bombay erklärt sich aus der jahrhundertelangen Dominanz der kapitalistischen Idee, die zwischen den verschiedenen Communities auch friedensstiftend wirkte. Nach der Unabhängigkeit Indiens und der Hinwendung zur sozialistischen Planwirtschaft verlieh der nationalistische Mythos Bombay eine teilweise neue Identität. Bombay blieb berühmte Industriestadt und eines der Powerhouses Indiens mit dem großen Tor nach Übersee. Gleichzeitig wurde die Metropole für ihre Rolle in der Unabhängigkeitsbewegung gefeiert. Immerhin war es in Bombay, wo 1885 der Indian National Congress gegründet wurde – eine Emanzipationsbewegung, die zunächst ein all-indisches Bewusstsein schuf, und aus der die politische Partei eines Nehru und einer Indira Gandhi hervorgehen sollte. Auch diese Identität der Stadt unterstrich das Verbindende zwischen ihren Communities. Seit Anfang der 1980er Jahren aber formiert sich Widerstand gegen die oben beschriebenen Identitäten der Metropole. Plötzlich entsann man sich der historischen Schande Bombays. War die Stadt nicht schon vom Namen her zu „unindisch“? Hatte sie nicht über der multikulturellen Vielfalt die „eigene Bevölkerung“ vergessen? Hatte man, während man sich dem Kommerz hingab, nicht die Werte seines Glaubens verraten? Die rechtsextreme Gruppierung Shiv Sena („Armee des Marathi-Herrschers Shivaji“) jedenfalls fand mit solchen Themen zunehmend Gehör. Zu ihren Forderungen gehörte unter anderem, dass einheimische Maharashtrier aus der ethnischen Gruppe der Marathis den Zugereisten in Bombay bei Jobs und Wohnungsvergabe vorzuziehen seien. Nach Demonstrationen von Bombayer Muslimen als Reaktion auf die Zerstörung der Babri-Moschee in Uttar Pradesh durch Hindu-Nationalisten 1992 brachen in Bombay bürgerkriegsähnliche Unruhen aus. Über einen Zeitraum von sechs Wochen bekämpften sich außer Kontrolle geratene Mobs von Hindus und Muslimen bis aufs Blut. Die Unruhen forderten 800 Todesopfer. Der Bericht der Untersu- 36 chungskommission stellte 1998 fest, dass muslimische Verbrechersyndikate der Stadt sowie die Shiv Sena den Konflikt angeheizt, und die Polizei extrem selektiv eingegriffen hatte – nämlich mit unverhältnismäßiger Härte gegen die muslimische Community, während die hinduistischen Gewalttäter nicht gestoppt oder gar verhaftet wurden. Als Folge der Unruhen verschwand die Selbstverständlichkeit der multireligiösen Nachbarschaft. Auch die „hinduisierende“ Umbenennung Bombays in Mumbai bricht mit dem bisherigen Umgang mit der internationalen Vergangenheit. Die Handelsmetropole soll wie zu Zeiten ihrer dörflichen Existenz vor dem 16. Jahrhundert wieder der Ort der Göttin Mumbadevi sein. Heute sind Wohnviertel zunehmend nach Religionszugehörigkeiten getrennt. In Teilen von Bandra, wo sich Breidenstein mit seiner Familie niedergelassen hat, sieht man Christen besonders gerne; das Viertel um die Mohammed Ali Road, sowie Bandra East, Kurla und Mumbra werden von Muslimen dominiert; in Napansea Road, Prabha Devi und Shivaji Park vermieten oder verkaufen Eigentümer bzw. Baugesellschaften grundsätzlich nicht an Muslime. Selbst im Slum Dharavi leben Hindus und Muslime nicht mehr Hütte an Hütte – jede Glaubensgemeinschaft hat ihr eigenes Territorium. The energy, resilience and ambitions of people living in Mumbai and those who come to the city to pursue their dreams are at a higher level than with any other Indian living in any other area. If you don’t have a passionate dream and a strong desire to pursue it, Mumbai is not the place for you. The city is crushing and relentless on everything within. You have to put up with rushing to work and back on overcrowded roads, trains or the Metro. But the situation in Mumbai also leads to people developing specific virtues: Mumbaikars use their time more responsibly than other Indians, for instance, they don’t mind working long hours in order to meet targets, and I think they are more supportive and helpful to colleagues than people in other Indian cities. Seema Srivastava, Executive Director of India ITME Society 37 Auch im letzten Jahrzehnt blieb die Situation angespannt. Zum einen haben diverse von Muslimen verübte Bombenattentate nicht zur Versöhnung der Religionen beigetragen. Zum anderen fühlen sich die hinduistischen Rechten gestärkt, nicht zuletzt seitdem ein Hindu- Nationalist Premierminister von Indien ist. In Artikeln über die Mietsituation in Mumbai gehen Autoren mitunter so weit, der Stadt deswegen ihren kosmopolitischen Charakter abzusprechen. Aber obwohl Mumbai dem gegenwärtigen Zeitgeist mit seinen nationalistischen Tönen nicht ganz widerstehen konnte, bleibt es in jeder Hinsicht Weltklasse. Dafür sorgen schon die neuen Branchen, mit denen Mumbai glänzt: Weder ein Bollywood, noch eine internationale Finanzwirtschaft, noch die IT-Branche lassen sich so leicht „entglobalisieren“. Und auch im Chaos dieser Megastadt liegt ihre Kraft, die Vielfalt zu bewahren: Leicht anarchische Strukturen sind eben doch ein natürlicher Feind von Gleichschaltungstendenzen. 38 Literatur- und Filmtipps Boo, Katherine. Behind the Beautiful Forevers. Life, Death and Hope in a Mumbai Slum. London: Granta Books, 2013. [deutsch: Slum. Eine Geschichte von Leben, Tod und Hoffnung. München: Droemer, 2015.] Ein Expat kann die Slums in Mumbai zwar nicht übersehen, aber sein Leben wird in solch anderen Welten stattfinden, dass er nicht so oft an sie denken wird. Daher soll hier ein ausgezeichnetes, erzählendes Werk empfohlen werden, das genau jenen Verlierern des indischen Wirtschaftswunders eine Stimme gibt, die ansonsten nicht gehört werden. Das Buch wirkt wie ein Roman, ist aber non-fiction. Die Autorin, die sich als Journalistin einen Namen gemacht hat, weiß das Thema Armut und Elend so anzugehen, dass selbst überzeugte Neoliberale von heiligem Zorn erfasst werden könnten. Fernandes, Naresh. City Adrift: a short biography of Bombay. New Delhi: Aleph, 2013. Stadtgeschichte auf circa 160 Seiten – informativ, unterhaltsam und kritisch. Wer nur wenig Zeit hat, wird dieses großartige kleine Buch lieben. Fernandes leistet sich Exkurse in die Anfänge Bombays, verbindet historische Ereignisse aber immer mit Mentalitäten damals und heute und findet damit den Bogen zur Gegenwart. In der Stadtentwicklung sei Mumbai wieder im 17. Jahrhundert angekommen, so die These: Waren es früher sieben Inseln, auf denen sich die Stadt verteilte, seien es heute die Ghettos der Wohlhabenden und die nach Religionen und Ethnien getrennten Viertel, die neue Inseln kreiert hätten. Nur in den Jahrhunderten dazwischen habe sich Bombay als kosmopolitisch und prosperierend erwiesen. Das aber sei auch die Zeit der Landgewinnungs-Maßnahmen gewesen. Man bemühte sich damals eben nicht nur materiell, sondern auch metaphorisch um Verbindungen zwischen den Menschen. Unser Top-Tipp für den schnellen und kurzweiligen Überblick. Iyer, Kamu. Boombay: From Precincts to Sprawl. Mumbai: Popular Prakashan Ltd, 2014. Ein Buch der anderen Art, in dem man das Leben und Wohnen des Autors in Mumbai nachvollzieht. Aufgewachsen in einem Viertel des klug geplanten Bombay der früheren Jahre zeichnet Iyer den Wandel 39 der Stadt von der Metropole zum seelenlosen Moloch der Jetztzeit. Fotos und Handzeichnungen illustrieren den Text. Mehta, Suketu. Maximum City: Bombay lost and found. London: Headline Review, 2005. [deutsch: Bombay. Maximum City. Frankfurt: Suhrkamp, 2008]. Auch wenn Fernandes sich nicht scheut, Kritisches und Unappetitliches in Mumbais Stadtgeschichte anzusprechen, steht das Kaputte doch nicht im Mittelpunkt. Anders in Mehtas Buch. Maximum City ist ein Gewaltmarsch in die düsteren, kranken Welten dieser Metropole und ihrer Akteure. Mehta trifft Mafiosi, folternde Polizisten, korrupte, teils faschistische Politiker und ihre Schlägerbanden, aber auch Filmproduzenten, Stars und Sternchen. Mit moralischen Urteilen hält er sich auffällig zurück. Das Buch ist mit über 700 Seiten recht lang, aber gut geschrieben. Es war nicht ohne Grund für den Pulitzerpreis nominiert. Wer allerdings ein Buch sucht, das ihm hilft, Mumbai liebzugewinnen, sollte die Finger davonlassen. Pinto, Jerry und Naresh Fernandes (Hg.). Bombay, meri jaan. Writings on Mumbai. Gurgaon: Penguin India, 2003. Die Anthologie bietet dem Leser die maximale Bandbreite an Kommentatoren zur Stadt Bombay / Mumbai, von Dschungelbuch-Autor Rudyard Kipling bis zum Jazzpapst Duke Ellington, vom Romancier Salman Rushdie bis zum Allrounder Kushwant Singh, von der Dichterin Arundhati Subramaniam bis zur Aktivistin Meena Menon. So liefern die Texte Momentaufnahmen zu allerlei Themen: zu Stau, Slums, Essen, islamischem Leben in der Stadt, Killer-Kommandos der Polizei, weiblichem Singlealltag und natürlich zu historischen Ereignissen, wie der Unabhängigkeit, dem Zweiten Weltkrieg usw. Der Vorteil dieses Buches sind seine kurzen Texte, von denen jeder für sich steht. Der Nachteil ist die Unverbundenheit der Texte; jeder ist zwar ein Mosaiksteinchen – aber auch wenn man alle gelesen hat, erscheint kein einheitliches Bild. Swarup, Vikas. Q & A. London: Black Swan, 2006. [deutsch: Rupien! Rupien! Köln: Kiwi, 2006]. Besser bekannt als Verfilmung und unter dem Titel Slumdog Millionnaire ist dieser Roman hierzulande bereits Abiturstoff für Englischkurse. Dennoch darf das Buch mit gutem Gewissen empfohlen werden. Es ist unterhaltsam, witzig und gibt einige instruktive 40 Episoden der jüngeren Mumbaier Geschichte aus Sicht des multireligiösen Waisenjungen Ram Mohammad Thomas. Der macht sich verdächtig, als er – der so deutlich Unterprivilegierte aus dem Slum – alle Fragen in der indischen Variante des Spiels „Wer wird Millionär“ richtig beantworten kann. Tyrewala, Altaf. The Ministry of Hurt Sentiments. Delhi: Fourth Estate, 2012 [deutsch / englisch: Das Ministerium der verletzten Gefühle. Berlin: Berenberg, 2012]. Normalerweise würde ein Ratgeber für (zukünftige) Expats die Empfehlung von Lyrik eher meiden, hat die Gattung doch den Ruf, nicht besonders geerdet zu sein. Zu Unrecht, wie man an diesem Werk sieht. Das Ministerium der verletzten Gefühle ist mitreißend, zornig, witzig und – für alle, die um Lyrik sonst einen großen Bogen machen – gar nicht sperrig, sondern gut lesbar. Vor allem eignet sich die Gattung, jedenfalls in der Art, wie sie sich Tyrewala zu eigen gemacht hat, hervorragend, um Mumbais furiosen Charakter nachzuvollziehen. „Diese Stadt, diese Stadt“ stöhnt das lyrische Ich gestresst, und der Leser gerät geradezu in einen Rausch, angesichts der Bilder und Szenen, mit denen er konfrontiert wird. Bombay Diaries / Dhobi Ghat, Indien: 2012. Regie: Kiran Rao. Eine Art Episodenfilm, in dem sich Schicksale kreuzen. Im heutigen Mumbai treffen ein Künstler, ein Wäscher, eine Hausfrau und eine Geschäftsfrau cum Fotografin in verschiedenen Konstellationen aufeinander. Die Romantik hält sich in Grenzen, dafür erhält man einen Einblick in das Leben Mumbais aus der Perspektive von Figuren unterschiedlicher (sozialer) Herkunft, beruflicher Stellung und Lebensweise. Für den Expat, der sich auf unterhaltsame Weise vorbereiten will, gibt es viel Mumbai zu sehen. Denn Hauptdarstellerin des Films ist die Stadt. 41 Der schnelle Link http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/rueckkehr-nachdeutschland-im-ausland-ein-fuerstchen-zu-hause-einwuerstchen-a-711080.html Wie der Titel des Artikels schon andeutet, geht es um die Schwierigkeiten von Rückkehrern nach Deutschland. Thematisiert werden beispielhafte Fälle, Kulturschock (im fremdgewordenen Heimatland) und Möglichkeiten, die Rückkehr vorzubereiten. http://www.businesstoday.in/magazine/focus/mumbai-develop ment-plan-skewed-on-several-fronts/story/238626.html Auch die jüngste Regierungsinitiative von 2016, die es sich auf die Fahnen geschrieben hat, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, lässt keine Hoffnung aufkeimen. Die Aussichten für Wohnungssuchende mit durchschnittlichem Einkommen bleiben trüb. https://www.theguardian.com/cities/2016/mar/30/story-cities-11reclamation-mumbai-bombay-megacity-population-densityflood-risk Dieser Artikel im englischen Guardian gibt einen kurzen Überblick über die Landgewinnung, mit der Bombay seine Fläche um ein Vielfaches vergrößerte, und darüber, welchen Risiken die Stadt seitdem ausgesetzt ist.

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References

Zusammenfassung

Immer mehr deutsche Unternehmen erkennen Indiens gewaltiges Marktpotential. Gleichzeitig ist das Land ein schwieriger Parcours für eine wirtschaftliche Zusammenarbeit oder Auslandsinvestition. Sind die ersten Schritte erfolgt, warten auf eine entsandte Führungskraft Herausforderungen, die sie ohne Kenntnisse des Gastlandes nur schwer meistern kann. An diesem Punkt setzt die interkulturelle Ratgeberliteratur an. Oft jedoch berücksichtigt sie gerade in großen Wirtschaftsräumen die regionalen Unterschiede nicht. Die Autorinnen schließen hier eine Lücke. Der zweite Band ihrer Reihe Erfolgreich als Expat in ... rückt die Wirtschaftsmetropole Mumbai (mit einem Ausflug in das Industriezentrum Pune) in den Mittelpunkt, informiert aber auch über Themen, die Indien als Ganzes betreffen. Dabei folgt der Leser den Erlebnissen eines fiktiven Expat-Paares und sieht die Welt mit deren Augen: In erklärenden Texten werden typische Herausforderungen an eine Führungskraft und die mitreisende Familie geschildert, mögliches Verhalten reflektiert und die Unterschiede zu indischen und Mumbai-spezifischen Denk- und Verhaltensweisen aufgezeigt. Obwohl der Leser auch Tipps zur Kommunikation (z.B. dem Lösen von Problemen) erhält, verzichten die Autorinnen auf die sonst typischen „Zehn-Goldenen-Regeln-für-den-Umgang-mit…“. Stattdessen lassen sie lieber Inder und Expats mit ihren Erfahrungen und Ratschlägen zu Wort kommen. Kurz: Erfolgreich als Expat in ... führt auf unterhaltsame Weise in das Leben als Ausländer im heutigen Indien ein.