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3 Lange Tage in Bandra in:

Silke Järvenpää, Andra Riemhofer

Mumbai, page 69 - 98

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3924-3, ISBN online: 978-3-8288-6685-0, https://doi.org/10.5771/9783828866850-69

Series: Erfolgreich als Expat in ..., vol. 2

Tectum, Baden-Baden
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77 3 Lange Tage in Bandra 79 Sandra Breidenstein geht so langsam die Puste aus Manchmal war Ralf echt ein Idiot. Sandra fummelte bestimmt schon drei Minuten an dem verknoteten Kopfhörer ihres iPod herum. So was Blödes, ohne Musik würde sie nie die 45 Minuten schaffen, die sie sich heute vorgenommen hatte. Sagt er doch so ganz nebenbei beim Frühstück, dass sie so dünn geworden sei. Na immerhin schaute er sie mal an – dass sie seit 1. Januar dreimal die Woche auf dem Laufband trainierte, das hatte er wohl noch gar nicht mitbekommen… Na endlich. Und dann noch, ob sie vielleicht auch bald eine neue Brille brauche? Sie schaue immer so verkniffen. Sie hätte direkt schon so eine Furche über der Nase. Der hatte echt Nerven! Ging aus dem Haus, wenn es dämmerte, kam zurück, wenn es schon dunkel war, und überließ ihr den ganzen organisatorischen Kram dazwischen. Und dann hatte er nichts Besseres zu tun, als sie zu kritisieren. Am Wochenende musste Herr Breidenstein sich erholen und für sportlichen Ausgleich sorgen. Weil er so gestresst und einseitig belastet war. Sprich, wenn er beim Volleyball war oder mit diesem Matthew im Breach Candy Club seine Bahnen zog, hockte sie wieder allein rum. Sie könne doch endlich mal an ihrem Buch arbeiten, wenn ihre Freundinnen am Wochenende keine Zeit hatten. Als ob sie sich nicht alleine beschäftigen konnte. Barbara hatte echt recht: Kompletter Realitätsverlust bei den Typen. Ralf hatte leicht reden. Ja klar, wenn man einen Fahrer hatte, der einen morgens abholte und einem die Aktentasche hinterhertrug, dann konnte man vielleicht vernünftig arbeiten. Aber nicht, wenn ständig der Strom und das WLAN ausfielen, und man sich um jede Kleinigkeit kümmern musste. Sie hatte die Nase so voll! Nachdem Philipp wirklich gut mit Mary klarkam, hatte sie auch erst gedacht, dass es kein Problem sein würde, die Vormittage mit Recherche zu verbringen. Pustekuchen! Statt sich in Archiven und Museen aufzuhalten, musste sie zu Hause auf Klempner, Elektriker und Maler warten. Oder wie auch immer diese Leute sich bezeichneten, die es auch nach fünf Anläufen noch nicht schafften, pünktlich zu sein oder einfach mal ihr Gelump dabei zu haben. Ja, klar! Dass man in Indien auf sowas eingestellt sein musste, das hatte sie vorab schon alles gelesen. Menno! Man konnte doch nicht ständig alle seine Pläne über den Haufen werfen, weil die Handwerker wieder die Rohrzange vergessen hatten. Und jeden Tag was Anderes! Und wenn man die Sprache nicht konnte, dann hatte man sowieso verloren! Oder wenn die Leute glaubten, das, was sie da nuschelten, wäre Englisch! Um eine Prepaid-Karte zu 80 aktivieren reichte es nicht, Fotos zu machen und Ausweis und Visum zu kopieren. Neeeiiin! Man musste sich das Ding auch noch von irgendwelchen Callcenter-Mitarbeitern freischalten lassen. Die ihren Gangsta-Rap wahrscheinlich für amerikanisches Englisch hielten, und sich mit den zwei Passfotos gemeinschaftlich einen runterholten. Da war sich Barbara sicher, immerhin hatte sie mal was mit einem Agenten gehabt. Man musste echt nicht nah am Wasser gebaut sein, um nach wiederholten Anrufen und gefühlten drei Stunden in der Warteschleife des Anbieters das erste Mal in seinem Leben einen Heulkrampf zu bekommen. Sandra war wirklich dankbar, dass sie die kleine Clique kennengelernt hatte. Auch wenn man sich intellektuell jetzt nicht gerade auf dem Niveau des Literarischen Quartett bewegte. Wie in Sex and the City zog das Kleeblatt unter der Woche nachmittags und manchmal auch abends um die Häuser, und spätestens bei den Drinks wurde auch fleißig über die Männer hergezogen. Barbara hatte vor Jahren ihrem Partner zuliebe den Job als Immobilienmaklerin an den Nagel gehängt und rächte sich seit geraumer Zeit damit, dass sie alles flachlegte, was nicht bei drei auf dem Baum war. Bevorzugt junges, indisches Servicepersonal. Rebecca war Mitte dreißig und promovierte Chemikerin. Wenn sie nicht gerade versuchte schwanger zu werden, kochte sie vegan oder häkelte Freundschafts-Bändchen. Marion, seit zwei Jahren mit ihrem Wirtschaftsprüfer- Freund in Mumbai, erzählte immer, dass sie online Betriebswirtschaft studierte. Sandra konnte sich insgeheim nicht vorstellen, dass sie außer Shoppen und Filme streamen viel an ihrem Laptop machte. Die drei hatten ihr jedenfalls sehr geholfen, aus ihrem Loch herauszukommen. Als erstes kleidete man sie neu ein: Sandra hatte Lust gehabt, ihren neuen Lebensabschnitt auch optisch zu markieren. Und ihr Kleiderschrank hatte auch wirklich nicht mehr viel zu bieten gehabt: Als sie als Freiberuflerin gearbeitet hatte, war es total egal gewesen, wie sie zu Hause vor dem Rechner saß. Theoretisch hätte sie ihre Arbeit auch im Frottee-Schlafanzug machen können, kein Mensch hätte es gemerkt. Was besonders praktisch war, wenn man gerade ein Kind zur Welt gebracht hatte. Entsprechend leger und teilweise schon altmodisch war der Großteil ihrer Garderobe. Apricot war zwar nicht wirklich ihre Farbe, aber mit dem Haarton, der das erste Grau überdeckte, war sie sehr zufrieden. Noch zwölf Minuten. Sie durfte nicht vergessen, sich wegen Philipps Impfungen zu erkundigen. Am besten ließ sie gleich noch seinen Blutzuckerspiegel bestimmen. Mary konnte erzählen, was sie wollte, sie fütterte dem Kleinen garantiert heimlich Schokolade. Wer außer Philipp hätte vor Weihnachten die Stereoanlage so verschmieren sollen?! Und Sheila brauchte nicht zu glauben, sie merke es nicht, wenn man schnell den 81 Fernseher ausschaltete, kaum dass der Schlüssel in der Tür zu hören war. Die zwei, echt! Wenn sie könnten, würden die Philipp den Hintern noch wortwörtlich hinterhertragen. Und ihm den auch in fünf Jahren noch abwischen! Hätten ihr die anderen Expat-Frauen nicht solche Horror-Storys erzählt, was Personal generell so anging, sie hätte sich schon längst nach Ersatz umgeschaut. Stattdessen war sie jetzt konsequent. Wenn es hieß „Schuhe anziehen“, durfte sich keine der Frauen dem Kind mehr als auf drei Meter nähern. Auch Ralfs Fahrer nicht. Und wenn der ihm sein Tablet in die Hand drückte, obwohl sie ausdrücklich verboten hatte, dass ihr Sohn ohne ihre Aufsicht mit sowas spielte, und der fand es lustig, das Teil zum Fenster raus zu schmeißen, so wie die Inder ihr Kaugummipapier, na dann musste er halt auf ein neues sparen. Nicht ihr Problem! Eigentlich. Außer Ralf fiel ihr in den Rücken und schob ihm dann einen extra-fetten Diwali-Bonus zu. One advantage of living in a city like Mumbai is that you develop a high level of tolerance and patience. Life for most is busy, fast and crowded. You have to adjust and show flexibility almost everywhere, otherwise it will be difficult to survive. When a plumber does not bring his tools, most of the time we would let go and ask the craftsman to come back and bring all he needs. But if this occurs more frequently, then I will replace him with someone else. In a city like Mumbai, it is not difficult to find other craftsmen. Sollte er sich lieber mal kümmern, was es mit der horrenden Stromrechnung auf sich hatte. Zu blöd, dass seine Assistentin sich der Sache nicht mehr annehmen konnte – das junge Ding war ja von ihren rückständigen Eltern kurzerhand verheiratet worden, nachdem sie ein bisschen mit einem Kollegen geflirtet hatte. Auch sowas, da konnte einem echt der Puls hochgehen: Es wäre kein Wunder, wenn man in Indien immer noch heimlich Witwen verbrennen würde. Todesstrafe hatte man ja ganz offiziell noch. Das war doch alles Quatsch. Auch was sie einem in ihren Bollywood-Filmen so vortanzten. Von wegen Tradition und Moderne verbinden Praful Patel, Mumbai and Munich 82 sich. Rückwärtsgewandtheit paarte sich unter dem Deckmantel falschverstandener westlicher Werte und kommerziell gehypter Artefakte mit patriarchalischer Unterdrückung. Das traf es vielleicht eher. An der Formulierung musste man natürlich noch feilen. Rebecca sagte immer, dass die Inder doch im Grunde nur eines interessierte: Essen und möglichst bei der Heirat noch ein gutes Geschäft machen. Und dir vornerum recht freundlich ins Gesicht grinsen, damit sie dich umso leichter abzocken konnten. Geschafft – bei im Schnitt nur 143 Herzschlägen pro Minute! 3.1 Mitreisende Partnerinnen oder Partner Die interkulturelle Ratgeberliteratur spart nicht mit Tipps, wie der entsandte Manager – und ja: es ist meistens ein Mann – seine Eingewöhnungs-Schwierigkeiten erkennen, reflektieren und managen kann. Immer wieder dabei ist das bekannte Phasenmodell vom Kulturschock. Wenn der Expat jedoch mit Familie ins Ausland geht, muss er sich im Klaren sein, dass seine Partnerin Krisen durchleben wird, die sich anders äußern als bei ihm. Er nämlich hat im Gastland eine definierte Funktion zu erfüllen, die er sich bei allen Überraschungen, die ihn erwarten, selbst gewählt hat. Im Gegensatz dazu ist die mitreisende Partnerin das, was im Englischen auch accidental expat genannt wird. Der Begriff verdeutlicht recht gut, dass ihr Auslandsaufenthalt nicht auf ihr aktives Handeln zurückgeht, sondern beinahe als Zufallsprodukt erscheint. Den Kulturschock der Frau des Expat prägen zusätzliche Faktoren. Erstens hat sie mit dem Umzug ins Ausland ihr soziales Umfeld hinter sich gelassen (wie ihr Mann), aber eben auch ihren Beruf. Ersatz gibt es oft nicht, da Arbeitserlaubnisse für mitreisende Partnerinnen nur schwer, wenn nicht unmöglich zu bekommen sind. Besonders für gutausgebildete Frauen lässt sich der eigene Anspruch an ein sinnvolles Dasein zunächst nicht mit der neuen Wirklichkeit im Gastland vereinbaren. Die Plattform InterNations berichtet, dass 60% der Partnerinnen von Expats unter dem Verzicht auf eine eigene Karriere leiden, obwohl sie sich vor der Reise mit dem Thema auseinandergesetzt hatten. Es kann nicht oft genug erwähnt werden: Das affektive (also unmittelbare, emotionale) Erleben folgt nicht unbedingt den Erkenntnissen nach einer kognitiven (also verstandesmäßig bewussten) Vorbereitung auf eine Situation. 83 Zweitens werden an die mitreisende Frau von außen Erwartungen herangetragen, die sie gegebenenfalls noch nie erfüllen musste. So schreibt ihr das Gastland geschlechts-, aber auch klassenspezifische Rollen zu. Sie muss z.B. als Matriarchin Hauspersonal anleiten und als Beinah-Zugehörige der Oberschicht bei offiziellen Anlässen an der Seite ihres Mannes durch Parkettsicherheit, jedoch stets in einer Nebenrolle überzeugen. In anderen Bereichen des Lebens wiederum wird sie entmündigt. Zum Beispiel wird ein Wohnungsmakler nicht sie ansprechen, wenn es um Entscheidungen für oder gegen das gezeigte Objekt geht. Er geht automatisch davon aus, dass der Mann das Geld verdient und damit das Sagen hat. Ein privates Girokonto kann man in vielen Ländern, so auch in Indien nicht eröffnen, wenn man dort keine Arbeitsstelle hat. Für eine Frau, die im Heimatland als Partnerin auf Augenhöhe agiert hat und auch so wahrgenommen wurde, bedeutet das erst einmal eine Demütigung. Ein gemeinsames Konto ist ein starkes Zeichen für den Auslandsaufenthalt als gemeinsame Unternehmung und beugt unnötigen Frustrationen vor. Es ist jedoch nicht nur das Gastland, das durch Gesetze und Normen Druck ausübt; die Expatgemeinde selbst hat ihre Vorstellungen, wie Mitglieder sich zu verhalten haben. Will man soziale Kontakte in der Muttersprache pflegen, sieht man sich unter Umständen mit Werten konfrontiert, die den 1950er Jahren entsprungen sein könnten. Eine Diaspora neigt ja dazu, konservativer zu sein als das Heimatland. Auf jeden Fall aber ist sie kleiner. Man könnte fast sagen: dörflicher. Klatsch und Tratsch gedeihen, Status wird über die Position der Männer definiert, und wenn die Partnerin eines Expat, was selten genug vorkommt, einen attraktiven Job im Gastland ergattern sollte, darf sie keine Glückwünsche erwarten, sondern in erster Linie den Neid ihrer Geschlechtsgenossinnen. Der dritte Faktor, der freilich sowohl Expat als auch Partnerin betrifft – wenn auch auf unterschiedliche Weise – ist die Veränderung der Paardynamik. Sie bleibt keinem Paar erspart. Während das Selbstbewusstsein des entsandten Managers in der Regel durch seinen Sonderstatus im Ausland und die attraktivere Entlohnung steigt, sinkt das der mitreisenden Partnerin anfangs durch den Verlust ihrer nicht nur finanziellen Eigenständigkeit. Normalerweise haben sich Paare gefunden, weil beide Teile über bestimmte Eigenschaften verfügten: Ihr gefiel vielleicht seine Aufmerksamkeit, ihm gefiel ihre Souveränität. Im Gastland sind längere Präsenzzeiten im Büro Usus, weitere Stunden verbringt er im Stau; und von ihrer Souveränität ist 84 nicht mehr viel übrig, wenn sie um Haushaltsgeld von seinem Konto bittet. Für den mitreisenden Teil einer Expatfamilie ist dieser Faktor kulturschockrelevanter, denn es fehlt ihm die Gegenwelt im Beruf. Die familiäre Welt ist alles, was er anfangs hat. Daher werden Krisen dort als existenzbedrohend empfunden. In ihrem Blog expatriateconnection.com geht Anne Gillmé sogar so weit zu erklären, „why trailing spouses can’t be happy“ und argumentiert mit den Theorien der Glücksforschung. Danach müssen drei Voraussetzungen erfüllt sein, damit der Mensch glücklich ist: 1. Zugang zur Natur; 2. Sozialkontakte; 3. Sinnvolle Tätigkeit. Für mitreisende Partnerin hapert es eben meistens an Punkt 2. und 3. – besonders im ersten Jahr im Ausland. Angesichts dieser Herausforderungen an den accidental expat hat Sandra Breidenstein einiges richtig gemacht. Insgesamt zeigt sie sich flexibel. Sie hat sich im Vorfeld mit ihrer Position als mitreisender Partnerin befasst; sie sieht den Aufenthalt im Ausland als Neuanfang und verändert sich auch optisch; sie hat aktiv Anschluss an ihre Landsleute gesucht – und gefunden; sie ist als Freiberuflerin mit einem Romanvorhaben nach Mumbai gegangen. Psychologisch ist gerade letzteres geschickt, denn so hat sie eine „sinnvolle Tätigkeit“, eine der Voraussetzungen, um glücklich zu werden. Theoretisch. Dennoch zeigen Gedanken und Verhalten, dass sie es eben nicht ist. Zum einen leidet sie bereits unter Kulturschock. In Mumbai findet sie eine Infrastruktur vor, die ihre gewohnten Arbeitsabläufe jeden Tag aufs Neue stört. Strom- und WLAN-Ausfälle legen ihren Computer lahm, unzuverlässige Handwerker zwingen sie in eine permanente Wartestellung, und die Beaufsichtigung der Nanny fordert Zeit und Nerven. All diese Probleme sind objektiv vorhanden. Dass sie aber eine solch bedrohliche Dimension für Sandra annehmen, liegt an Sandras kultureller und persönlicher Prägung. Offensichtlich müssen Alltagsdinge für sie wohlgeordnet sein. Außerdem braucht sie ein hohes Maß an Kontrolle über ihr Leben und das ihres Kindes. So bekämpft sie das Chaos ihrer neuen Welt mit Selbstkasteiung (denn man hat nicht das Gefühl als entspanne sie sich auf ihrem Laufband) und ebenso obsessiver Überwachung des Hauspersonals. Gleichzeitig liefert sie sich den Launen der Handwerker aus und bleibt damit doch in einer Situation der Ohnmacht. Wenn man den Haushalt als „kleines Familienunternehmen“ begreift, welches Sandra managen muss, ähneln ihre Probleme denen von Expats auf ihrem ersten Posten in Indien durchaus. Dementsprechend lassen sich analoge Empfehlungen geben. Sandra sollte lernen, 85 sich als Herrin über ihren Hausstand zu begreifen und eine klare Hierarchie etablieren. Zu ihrer Rolle gehört sowohl, klare Befehle zu geben als auch, möglichst viel über das Leben der Hausangestellten zu erfahren. Starke Führung und mütterliche Fürsorge sollten Hand in Hand gehen. Regarding your observation about unreliable handymen: Well, I know precisely what you are saying. But there is a little that you or me can do in such situations. This situation is changing but still a big pain, not only with handymen or craftsmen. It is general in India. It’s a cultural problem. We don't take our commitment seriously unless it pinches us. If there is some sort of penalty for non-performance, then you will see significant change in working style. Hier muss jedoch auch Ralf sein Verhalten ändern. Sandra wird vom Personal nie als Matriarchin akzeptiert werden, wenn er gegen ihren Willen Boni vergibt, obwohl Sandra das Verhalten des Personals zuvor offen missbilligt hat. Es würde Sandras Autorität stärken, wenn sie das Personal bezahlte, und dies auch für alle sichtbar würde. Weiterhin führt an der Entschleunigung kein Weg vorbei. Sandra sollte akzeptieren, dass die Arbeit an der Beziehung mit ihrem Hauspersonal echte und wertvolle Arbeit ist, die ihr das Leben jedoch später leichter machen wird. Bei entsprechender Schulung ließe sich die eine oder andere frustrierende Aufgabe delegieren. Sheila wäre für die dreistündige Warteschleife im Callcenter durchaus qualifiziert. Eventuell könnte sie auch Handwerker empfangen. Hier hilft ebenfalls ein Anreizsystem. Da Sandra ja schon zuhause gelesen hat, dass „man in Indien auf sowas vorbereitet sein soll“, nämlich darauf, dass Arbeitsorganisation und Arbeitsethik anders als in Deutschland aussehen können, könnte sie sich mit pragmatischen, vorausschauenden Lösungen behelfen und z.B. alle notwendigen Werkzeuge für Maler-, Klempnerund Elektroarbeiten bereithalten. Man sollte sich klarmachen, dass Handwerk in Indien keinen goldenen Boden hat; die Facharbeiter Jagesh Jain, President, P. P. Impex (India), Mumbai 86 sind oft nicht durch eine formale Ausbildung gegangen, sondern haben bestenfalls das Handwerk von ihrem Vater gelernt. Wer mit den Händen arbeitet, genießt wenig Respekt und wird schlecht bezahlt. Wenn ein Handwerker Teile seiner Ausrüstung ‚vergisst‘, besitzt er sie oft gar nicht, sondern muss sie sich bei einem Kollegen leihen. Und manchmal gelingt ihm das eben nicht. In Wartestellung verharren muss Sandra freilich auch nicht. Hier gilt es wiederum, sich von deutschen Normen zu befreien und die Vormittage das zu tun, was sie sich vorgenommen hat. Der Handwerker, der dann überraschenderweise einmal pünktlich erscheint, wird mit den Schultern zucken und warten oder an einem anderen Tag wiederkommen. Auf diese Weise behält Sandra einen Teil der Kontrolle über ihren Tagesablauf. Was Sandra erlebt, geht jedoch über einfache Anpassungsschwierigkeiten eines Expat in Indien hinaus. Die mangelhafte Infrastruktur, die sie von der Arbeit an ihrem Roman abhält, wird auch zum willkommenen Vorwand, das Projekt gar nicht erst anzugehen. Sandra nämlich sieht sich letztlich doch in der Rolle einer typischen mitreisenden Ehefrau. Sie ist dabei Teil des Problems, indem sie ihren Roman selbst nicht mehr ernst nimmt und damit den Glauben an die Sinnhaftigkeit ihres beruflichen Daseins verloren hat. Der andere Teil des Problems ist Ralfs Rolle, der dabei ist, den wertschätzenden Blick auf seine Frau und die Anerkennung ihrer Leistungen zu verlieren. Völlig unverantwortlich ist sein Auftreten im Haushalt. Er verkennt, dass er die Autorität seiner Frau mit seinem willkürlichen Eingreifen unterminiert. Haushaltsführung in Indien bedeutet eben auch Personalführung, und was er in Delhi mühsam lernen musste – die Ansprüche indischer Mitarbeiter an den Chef zu erfüllen –, ignoriert er im „Familienunternehmen“ (dem Haushalt). Das weist darauf hin, dass er diesem Familienunternehmen keinen Wert beimisst, was für seine Frau wiederum eine Quelle der Frustration ist. Der Expat sollte sich immer vor Augen halten: Deine Partnerin führt ein kleines Familienunternehmen. Verstehe es als solches! Seine Dienstleistung macht deine Performance erst möglich. Nicht zu übersehen ist überdies, wie Breidensteins Eintauchen in die Berufswelt ihn von Sandra entfremdet. Natürlich kann eine solche Entfremdung auch in Deutschland geschehen. Expats berichten jedoch übereinstimmend, dass die Welten der Arbeitenden und die der Mitreisenden stärker getrennt sind als zuhause, und die Frau des Expat mehr noch als in Deutschland auf Zeit mit ihrem Mann verzichten 87 muss. Für die Partnerschaft lauern hier Gefahren. Natürlich ist es verständlich, dass Ralf sich nach einer anstrengenden Arbeitswoche erholen und seinerseits Sozialkontakte pflegen möchte; genauso nachvollziehbar ist es, dass Sandra mit ihrem Mann etwas erleben will. Die unterschiedlichen Interessen der beiden führen bereits zur Gereiztheit. Hier jedoch hat der Expat eine Bringschuld. Sandra hat ein Leben als Strohwitwe in Stuttgart mit festem sozialen Netz, Anerkennung und funktionierender Infrastruktur in ein Leben als grüne Witwe ohne alle Sicherheiten eingetauscht. Auch ihre Bilanz muss irgendwo ein positives Ergebnis aufweisen. Qualitätszeit mit der Familie lohnt sich. Wenn die Überwindung solcher Krisen nicht gelingt, greifen mitreisende Partnerinnen zuweilen zu kreativen Bewältigungsstrategien, wie das Beispiel der Freundin Barbara illustriert, die indische Handwerker besser kennenlernt, als es dem Partner gefallen könnte. Auch Sandra und Ralfs Weg geht zunächst bergab. Als weiße Frau in Mumbai ist und bleibt man die weiße Frau. Das heißt, man wird grundsätzlich auf sein Äußeres reduziert: auf seine Hautfarbe, die westlichen Gesichtszüge und vielleicht die blonden Haare. Deswegen wird man in der Bar angesprochen, deswegen erfährt man besonders großzügiges, ja spendables Verhalten von den (vorwiegend männlichen) Indern. Verstehen Sie mich nicht falsch. So ein Indien-Besuch kann einem schon helfen, einen Ego-Boost zu erhalten, zum Beispiel nach einer verkorksten Beziehung mit tränenreichem Ende. Doch besonders als emanzipierte Frau wünscht man sich doch mehr als nur die weiße Frau zu sein! Diese positive Diskriminierung erfährt frau meist im privaten Leben, im Berufsleben wird die weiße Frau oft diskriminiert, weil sie eben „nur“ eine Frau ist. Dass man da schon mal die Hand nicht geschüttelt bekommt oder ignoriert wird, damit muss man schon lernen zu (über)leben. Und obwohl mir durchaus bewusst ist, dass man über Jahrhunderte verinnerlichte Werte, Normen und Traditionen nicht von heute auf morgen ändern kann, und man den (indischen) Männern als weiße Frau niemals auf einer Augenhöhe begegnen wird, kämpft man damit und will es einfach nicht akzeptieren. MP, freiberufliche Wissenschaftlerin, Mumbai 88 Eine indische Freundin meinte zu mir: Well, then take advantage of it. Let the guy pay for everything or be the „stupid girl“. At least you will save money and have fun. Ich gestehe – ich habe dies auch tatsächlich das eine oder andere Mal gemacht. In Deutschland etwa, würde mich jeder Türsteher verdutzt anstarren und mich sofort zurückweisen, wenn ich es auf dieselbe Tour wie in Mumbai versuchen würde. Nämlich überzeugt und zielstrebig an der langen Warteschlange vorbeigehen, vorne zum Türsteher und ihm mit empörtem Blick signalisieren: „Warum dauert das so lange? Ich bin weiß, ich warte nicht!“. Und ja, es funktioniert. Allerdings läuft man Gefahr, Realitätsverlust zu erleiden, bei all den „Vorteilen“, den maids, den Fahrern, und dem anderen Personal, das für einen einfach alles tut (...wenn man sie lässt). Jede kann natürlich selbst entscheiden, ob und wann sie die Ass-Karte „weiße Frau“ spielt. Für Frauen wie mich kommt das nicht in Frage. Ich definiere mich nicht durch meine Heirat, mein Äußeres oder meine Haarfarbe. Ich bin mehr als nur die weiße Frau – leider jedoch nicht in den Augen der meisten Inder/innen. 3.2 Mit kleinen Kindern in Mumbai In einem Land, in dem Kindertagesstätten noch Seltenheitswert haben, empfiehlt sich die Anstellung einer Nanny. Unter indischen Familien der gehobenen Mittelschicht ist es nicht unüblich, eine solche zu beschäftigen. Und wo dies nicht der Fall ist, wird Kinderbetreuung und Erziehung als Gemeinschaftsprojekt verstanden: Großeltern, Tanten und Cousinen helfen mit. Kinder sind überdies in der indischen Gesellschaft so selbstverständlich, dass niemand auf die Idee käme, gegen z.B. den Bau einer Grundschule in der eigenen Nachbarschaft zu klagen, obwohl indische Kinder sehr laut sein können. Expats werden Inder zunächst einmal als kinderlieb wahrnehmen – besonders Babys und Kleinkinder (häufig Jungen mehr noch als Mädchen) werden sogar von Fremden unterhalten, geknuddelt, gehätschelt. Emotionale Bindung durch Körperkontakt und Zärtlichkeit zum Kind aufzubauen, gilt als wichtig. Traditionellerweise stillen Mütter – oft bis ins 2. oder 3. Lebensjahr des Kindes hinein; und in vielen Familien gehört es bis heute dazu, auch größere Kinder (d.h. bis in die Vorpubertät) bei den Eltern mit im Bett schlafen zu lassen. 89 Während sich die Vaterrolle in der urbanen Mittelschicht langsam wandelt, ist die der Mutter weiterhin sehr konservativ. Der Hinduismus sieht die höchste Bestimmung einer Frau in der Mutterschaft; und das religiöse Ideal hat die Normen der auch nicht hinduistischen Teile der Gesellschaft geprägt. So stößt gewollte Kinderlosigkeit beinahe überall in Indien auf Unverständnis; auch eine Mutter, die sich nicht zuerst für die Kinder aufopfert, ihre Karriere nicht an den Nagel hängt, wenn es Probleme mit den Kindern gibt, wird sozial geächtet. Für die Expatfamilie hat dies seine positiven Seiten. Selbst eine junge, ledige Frau sieht sich bereits als zukünftige Mutter. In ihrer Rolle als Nanny wird sie mit dem Kind der Arbeitgeber herzlich und zärtlich umgehen und es sicher nicht vernachlässigen. To be honest, the typical “nanny” is dying out in Mumbai. Here the pre-school or school children who cannot stay at home because both parents work, go to day care. However, the day care centres are usually run by housewives and are located in their private homes. About 8 to 10 children will stay together during day time. They are dropped in the morning and picked up in the evening. This works out to be economical for parents. But if your family has a nanny, and she acts against your orders, you would explain to her what you want and request her to follow orders. If it happens again, you would warn her. If, despite this warning, she continues to behave like that, then you would have no other way but to ask her to quit the job and look for alternative options. Sandra kann Mary in diesem Punkt also vertrauen. In dem Punkt „Was-gut-für-ein-Kind-ist“ gibt es jedoch kulturelle Unterschiede. Für eine deutsche Mainstream-Mutter wird es den Anschein haben, als sei es das oberste Erziehungsziel indischer Betreuungspersonen (Mütter oder Nannys), Kinder so lange wie möglich in Abhängigkeit zu halten. Die indisch-britische Comedygruppe der Serie Goodness Gracious Me kreierte dazu eigens die Figuren der rivalisierenden Mütter, die mit den Leistungen ihrer erwachsenen Söhne prahlen. Dabei Manish Kulkarni, Founder & CEO Vyoman Consulting, Thane 90 kommt es auch zu einem Wettbewerb, wer den lebensuntüchtigsten Sohn hat. „Meinem muss ich jeden Tag die Schuhe zubinden.“ „Meiner trägt nur Schuhe mit Klettverschluss, weil er sonst über die Bänder fällt.“ „Meinen muss ich jeden Tag auf dem Arm ins Büro tragen. „Ahaa… Deiner hat also einen Job!“ „Oh.. verdammt…“ „Meiner sitzt nur heulend auf dem Boden, in seiner eigenen Rotze und Pisse, während ich den ganzen Tag um ihn herumwische.“ An diesem Phänomen ist – wie bei allen Stereotypen – etwas Wahres dran. Sowohl indische als auch nicht-indische Psychologen haben versucht es zu erklären, und sehen eine direkte Verbindung zwischen dem Zustand der indischen Ehen und der problematischen Beziehung zwischen Mutter und Kind (besonders aber Mutter und Sohn). Sie gehen davon aus, dass es in den meisten Partnerschaften an Zärtlichkeit und Nähe mangelt, führen dies darauf zurück, dass ein Großteil der Ehen arrangiert ist, und die Voraussage, dass die „Liebe schon folgen werde“ eben nicht eintrifft. Die Ehe berücksichtige eher die Interessen der beiden beteiligten Sippen als die des Paares. Die unerfüllten Sehnsüchte der frustrierten Ehefrau, so die Psychologen, lässt sie sich folglich durch den Sohn erfüllen. Er wird zum idealisierten Partnerersatz. Solange er ein kleiner Junge ist, ist er zärtlich, formbar und dankbar für das, was seine Mutter für ihn tut. Mit dem Erwachsenwerden und dem Ablösungsprozess von den Eltern geht er der Mutter verloren. Es ist also nicht in ihrem Interesse, diesen Ablösungsprozess zu beschleunigen. Und im Haushalt aufwachsende Mädchen lernen schon früh, dass man Liebe (und Einfluss) nur dann bekommt, wenn man sich für den Sohn unersetzlich macht, indem man sich die alleinige Zuständigkeit für Kulturtechniken des Alltags bewahrt. Mary tut also das für sie Selbstverständliche: Philipp so viel wie möglich herumzutragen, damit er nicht fallen kann; ihn zu füttern, damit er nicht kleckern muss; und ihn mit Schokolade zu belohnen, damit er nicht ungehalten wird. Für Philipp lauern darin natürlich mittelfristig Gefahren: neben Übergewicht die eigenen Grenzen nicht kennenzulernen und keine Frustrationstoleranz zu entwickeln. Daher kann man Sandras Alarmbereitschaft verstehen, wenn sie z.B. darauf Wert legt, dass Philipp sich seine Schuhe selbst anzieht. 91 Dennoch darf sich Sandra entspannter geben. Sie sollte sich vor Augen halten, dass auch Philipp in eine neue Umgebung geworfen wurde, wahrscheinlich eine Art Kulturstress durchlebt; und wenn schon Erwachsene Schwierigkeiten damit haben, ihre Krise zu erkennen und zu artikulieren, dürfte ein Kind seines Alters eher noch verwirrter sein. In der Eingewöhnungsphase kann es nicht falsch sein, wenn die Erziehung zur Selbständigkeit zunächst einmal hinter Geborgenheit und Körperkontakt zurücksteht. Überdies ist es hilfreich, zu reflektieren, dass auch die heutige Kind-Zentriertheit deutscher Prägung ein neues Phänomen ist. Die Vorstellung, man müsse jede Interaktion mit dem Kind auf Basis von psychologischen Ratgebern durchführen, auf seinen pädagogischen Wert hin überprüfen und mit fundierten Rechtfertigungen versehen, wird ja auch hierzulande kontrovers diskutiert. Sandra könnte sich mit dem Gedanken trösten, dass viele Inder es später im Leben zu etwas bringen, und sich auch die Männer in entsprechenden Kontexten sogar die Schuhe selbst binden können. If I found the nanny acting against my orders, such as feeding my son sweets, and letting him watch TV, I would try to illustrate the possible repercussions with examples indirectly. I might organize another nanny who will explain how the teeth of a kid rotted due to large amounts of sweets, how the kid suffered, how painful it was when the kid was taken to a dentist for treatment. Or maybe a neighbor may ‘coincidentally’ explain that over exposure to TV is the reason her kid wears glasses. Weiterhin kann sie sich die indische Idee vom „Projekt Kind“ zunutze machen: dass ihr Sohn eben nicht nur einer Person überlassen zu sein braucht. Obwohl Mary Philipps Nanny ist, sollte Sandra dafür sorgen, dass das Kind eine ganze Reihe von Bezugspersonen bekommt – nicht zuletzt sollte Sandra selbst präsent bleiben. Gleichzeitig darf Sandra Mary durchaus in den Bereichen schulen, die ihr wichtig sind (Ernährung, Fernsehkonsum) oder die Versuchung beseitigen. Manchmal reicht es schon, die Fernbedienung zu Chetana Abhyankar, General Manager Datar & Sons Exports (India) Pvt Ltd, Mumbai 92 verstecken. Schulung muss mit Geduld und Geschick geschehen. Die Einhaltung der aufgestellten Regeln zu überwachen, kann man an einen anderen Hausangestellten delegieren. Sollte sich Mary auch langfristig Sandras Regeln widersetzen, wird Sandra sie allerdings entlassen müssen – sonst ist ihre Autorität beim übrigen Hauspersonal in Gefahr. Ralf Breidenstein erkundet das Mumbaier Nachtleben… Was für eine Woche! Montag zwei Meetings in Bangalore. Dienstag den ganzen Tag Bewerbungsgespräche. Mittwoch zur Grundsteinlegung des neuen Fabrikgeländes eines potenziellen Sponsors für eine Biotech- Veranstaltung nach Chennai. Donnerstag bis in den späten Abend Video- Konferenz mit Marc Andrä. Und heute noch schnell nach Delhi, einen Auftrag eintüten. Es war halb zwölf Uhr nachts, als der verspätete Flieger endlich in Mumbai landete. Obwohl Ralf Breidenstein seit sechs Uhr morgens unterwegs war, war sein Adrenalinspiegel immer noch weit über „normal“. „Com’on Ralf! We need to celebrate your success – attaboy!“ Seine Frau würde eh schon schlafen, was wollte er also zu Hause? Die Nacht war noch jung, und Matthew hatte einen Tisch in der Rooftop-Bar eines Luxushotels reserviert. Von dort war es dann später auch nur ein Katzensprung zu Breidenstein nach Hause, also was war jetzt?! Es war zwar schon das dritte Mal diesen Monat, dass Breidenstein noch um die Häuser zog, statt sich zu Sandra ins Bett zu legen, aber im Grunde hatte Matthew ja recht. Was für eine Nacht! Was für eine Aussicht auf die funkelnde Stadt! Ein laues Lüftchen hatte Breidenstein um die Nase geweht, bevor er sich mit seinem Champagnerglas zufrieden in der bequemen Ledercouch zurücklehnte. Die Reichen und Schönen schienen nie zu schlafen – und er gehörte dazu. Matthew musste immer wieder aufstehen und Küsschen verteilen, und bestätigen, dass die Geschäfte gut liefen, und es der Familie gut ging. Was für Frauen der kannte! Models, Designerinnen, Schauspielerinnen... Und toughe Unternehmerinnen, so wie Pooja, deren herbes Parfum jetzt in seiner Nase kitzelte. „This is Aarti Sachdev. Kiran would have chosen her for her last film, but Aamir did not like her. Too much of an attitude, he told me.” Breidenstein solle vielleicht auch mal zu einem Casting gehen, Pooja könne ihm da gerne was vermitteln. „You are tall, fair…, good profile. Nice body – you must be working out a lot.“ 93 War das Chanel? Nein, ein ganz individueller Duft, den man extra für sie in Pune mixte. Niiice! Cheers! Pooja roch nicht nur gut, sie war auch ein guter Gesprächspartner. Breidenstein hing an ihren Lippen. Verheiratet Anfang zwanzig, ein Sohn, eine Tochter. Eine dritte Schwangerschaft hatte sie auf Drängen ihres Mannes abbrechen müssen. Zu schwer war es, schon für eine vernünftige Erziehung von nur zwei Kindern aufzukommen. Pooja hatte ihm das nie verziehen. Und seit dem traumatischen Erlebnis alles dafür getan, unabhängig zu sein. Während die Kinder für die Schule büffelten, und ihr Mann mit Affären und Auslandsreisen beschäftigt war, hatte sie ihr eigenes Business aufgebaut. Mitte der 90er Jahre herrschte Goldgräberstimmung, und kurz nach der Jahrtausendwende hatte Pooja genug Geld beisammen, sich scheiden zu lassen. Der Ex-Gatte und die Kinder lebten immer noch in Mumbai. Sie wohnte seit geraumer Zeit in Pune und unterhielt ein kleines Apartment in Hiranandani Gardens. Das Kerzenlicht war schummrig, und obwohl Breidenstein schon fast auf ihr drauf lag, konnte er kaum ein Fältchen in ihrem Gesicht entdecken. Ja doch, vielleicht hier, direkt über der Oberlippe. Ganz zart. Das Nachtleben Mumbais ist bemerkenswert und lässt ein ganz anderes Indien erkennen als das, welches man sonst aus den Medien kennt. Die Schönen und Reichen protzen nur so mit ihrem Reichtum. Das Motto lautet: sehen und gesehen werden! Ausgegangen wird in Mumbai quasi jeden Abend. Das Wochenende beginnt Donnerstagabend mit dem Besuch einer angesagten Bar und endet mit dem Champagner- Brunch am Sonntag Nachmittag. Als „weißer” Expat findet man schnell in soziale Kreise Eingang, die einem in der deutschen Heimat in der Regel verschlossen bleiben. Schauspieler, Produzenten, Cricket-Spieler, Models, Musiker – wen man da nicht alles trifft auf den exklusiven Partys. Nicht umsonst ist Mumbai für seine Bollywood-Industrie weltweit bekannt. Viele der Multi-Millionäre zielen darauf ab, einen „weißen” Freund (bzw. eine Freundin) abends dabei zu haben, als Statussymbol oder um zu zeigen, wie international man ist. Umgekehrt ist es allerdings oft so, dass der weiße Freund sich nicht einmal bewusst ist, mit welcher lokalen MP, freiberufliche Wissenschaftlerin, Mumbai 94 Celebrity er da gerade unterwegs ist. Warum auch? Hauptsache, man verbringt einen guten Abend und verliert nicht sein Privileg („Ich bin Wei- ßer, ich warte doch nicht!“). Luxus-Wägen stehen vor den angesagten Bars Schlange, bevor diese um spätestens 1:30 Uhr morgens schließen und man sich gemeinsam auf den Weg in die wenigen noch offenen Discos macht. Die anstehenden Menschen vor dem Club würden in Deutschland dafür sorgen, dass man direkt umdreht und es bei der wartenden Menge erst gar nicht probiert, hineinzukommen. In Mumbai gibt es entweder die Masche „Ich kenne den Besitzer des Clubs”, welche indische Freunde gerne praktizieren und oftmals auch nicht gelogen ist – letztendlich kennen sich die Reichen dann doch alle untereinander. Oder man kriegt einfach einen Namen einer bekannten Model-Agentur zugeflüstert, den man dem Türsteher zuruft; und ehe man sich versieht, läuft man an allen wartenden Indern vorbei. Im Club, an einem Longdrink nippend, ertappt man sich gelegentlich bei dem Gedanken, dass nur wenige hundert Meter entfernt Menschen auf der Straße leben und täglich um sauberes Trinkwasser kämpfen müssen und darum, ihre Kinder satt zu kriegen. Aber die Party geht weiter! Nach 3 Uhr geht es vielleicht auf eine private After-Party zu einem der vielen Club-Gäste. So kann die Nacht in Mumbai schon mal um 6 Uhr morgens enden. Mein Tipp: Mitmachen und miterleben, solange man die Ausdauer hat – und die Arbeit es gestattet. 3.3 Die Stadt der Traumfabrik Im öffentlichen Bewusstsein nicht nur der Inder ist Mumbai die Stadt der Traumfabrik Bollywood. Zum Standard deutscher Reisebüros gehört schon längst der Ausflug der Touristengruppe in die Filmstudios und nach Juhu (dem Beverly Hills von Mumbai). Gegen Aufpreis kann man als Westler sogar eine Statistenrolle buchen und ist dann vielleicht im neuesten Film zu sehen. Die Außenwirkung der Mumbaier Produktionen ist dermaßen mächtig, dass man Bollywood mit Indiens Filmindustrie gleichgesetzt hat. Dabei ist diese Wahrnehmung verzerrt. So sind innerhalb Indiens sowohl die bengalischen als auch die tamilischen Studios ebenso wichtig für das Land und sein Kinopublikum. Und natürlich hat Indien auch eine ausgezeichnete Arthouse-Szene. Die Hindi- Filmindustrie, wie das Bollywoodkino eigentlich heißt, verfügt aber über zwei entscheidende Vorteile. Zum einen ist die am häufigsten verwendete Filmsprache Hindustani vielen Indern, auch jenen, die 95 nicht im hindisprachigen Norden leben, aus älteren Kulturerzeugnissen geläufig (Hindustani ist eine Art Kompromisssprache mit Anteilen verschiedener Idiome). Zum anderen entschlossen sich die Entscheidungsträger in den Bombayer Studios schon Mitte des 20. Jahrhunderts gegen eine Marktsegmentierung. Im Gegenteil: Das Hindi-Kino sollte immer ein Massenpublikum in möglichst vielen Regionen ansprechen, bewährte Formeln maximalen Gewinn einfahren sollten. Das Konzept ging auf – Bollywood-Produktionen lassen sich meist in zwei Dritteln der indischen Bundesstaaten mit Erfolg vermarkten; dort treffen sie den Geschmack der Zuschauer. Damit wurde (nicht zuletzt in Bollywood) auch der Mythos geschaffen, dass das Hindi-Kino wie kein anderes für die Vermittlung von nationaler Identität zuständig ist. Der Beiname „Bollywood“ wurde der Traumfabrik übrigens von westlichen Journalisten verliehen, die das indische Phänomen mit etwas Bekanntem vergleichen mussten, in diesem Falle mit Hollywood (dem Hollywood der Stadt Bombay eben). Der Begriff Bollywood jedoch spiegelt auch die Einstellung der westlichen Welt gegenüber der indischen Filmindustrie (für die das Hindi-Kino ja steht) wider. So erscheint Hollywood als Original, die Mumbaier Studios als Kopie oder gar billiger Abklatsch. Und seitdem das Internet die Popkulturen aller Länder zugänglich gemacht hat, ist auch außerhalb Indiens das Publikum für diese Filme größer geworden. In Deutschland ist im Juli 2016 sogar ein neuer Fernsehsender gelauncht, der sich auf das Hindi-Kino spezialisiert hat: zee.one. Er ist ein Ableger des indischen Kanals Zee TV – hier funktioniert der Kulturexport einmal von Ost nach West. Die Reaktionen seitens des deutschen Publikums auf einen Bollywoodstreifen rangieren zwischen exotistischer Schwärmerei, echter Fantreue, Belustigung und intellektueller Herablassung („so trashig, das ist schon wieder Kult“). Dazu trägt die Formel bei, die aus einem Film das allgemein massentaugliche Produkt macht – in erster Linie für die Inder, dann aber für die internationalen Zuschauer der globalisierten Generationen. In der Regel basiert der Bollywood-Blockbuster auf großen Erzählungen und Gefühlen (Liebe, Heldentum, Ehre), Opulenz in der Ausstattung und einer Filmlänge, die value-for-money verspricht – also 3–4 Stunden. Das auffälligste Merkmal aber sind die Gesangs- und Tanzeinlagen, die in die Handlung eingebaut und mit ihr verwoben sind. In Indien sind es übrigens diese Musiknummern, die über Erfolg oder Misserfolg an der Kinokasse maßgeblich mitentscheiden. 96 Die eher ethnozentrischen westlichen Interpretationen des Hindi- Kinos vergleichen die Filme gerne mit einem nicht ganz ausgereiften Musical-Konzept, wie es der Broadway oder Hollywood in den 1930er–1940er Jahren produzierte. Diese Kritiker verkennen allerdings, dass die Wurzeln der Musik- und Tanzeinlagen, sowie der zuweilen plakativen Darstellung der Rollen nur zum Teil in der westlichen Revue liegen, zu anderen Teilen aber in indischen Kunstformen, und daher auch nicht der Ausreifung bedürfen: Antikes Sanskrit- und Parsi-Drama z.B. legten auf die Vermischung von Realitätsebenen und der Einbettung von Gesang und Tanz wert, die Hindu Epen lieferten das Symbolische und Mythische. Das Erkennen von solchen ‚Familienähnlichkeiten‘ in den Kunstformen ist es, welches das Publikum verzaubert. Die Inder jedenfalls lieben ihr Kino. Klatsch und Tratsch aus der Filmbranche ist soziales Schmiermittel, Filmschlager werden überall nachgesungen und getanzt. Und angeblich werden die Schauspieler wie Götter verehrt. Richtig daran ist: Schauspieler sind die mächtigsten Mitglieder des Produktionsteams; sie haben Freiheiten, wie es sie in Hollywood schon lange nicht mehr gibt. Richtig ist auch, dass viele große Stars in Verfilmungen religiöser Stoffe tatsächlich Gottheiten dargestellt haben. Im öffentlichen Bewusstsein – besonders bei bildungsfernen Schichten – wird die Filmfigur zuweilen mit dem Darsteller gleichgesetzt, zumindest werden ihre übermenschlichen Fähigkeiten übertragen. Ganz unbekannt ist das Phänomen im Westen nicht: Sean Connery fand es bereits in den 1960er Jahren unerträglich, von Fans als Mr Bond angesprochen zu werden. Der Starkult in Indien hat allerdings Formen angenommen, die so knallig sind, wie die dazugehörigen Filme. Passend zur Akzeptanz steiler Hierarchien und großer sozialer Ungleichheit gönnt man den Stars ihren unfassbaren Reichtum und ihr zügelloses Leben. Die Klatschspalten sind voll von Skandalen – nicht anders als in Los Angeles, aber extremer. In der Regel verzeiht man gerne und nimmt es hin, dass die Götter der Leinwand über dem Gesetz stehen. Selbst bei der Polizei beeindruckt der Ruhm der Prominenten – immerhin agieren sie auch Polizisten-Träume aus. Einige Vergehen lassen sich so unter den Teppich kehren. Wenn die Stars wirklich einmal hinter Gittern landen, sind denn auch Schwerverbrechen der Grund: Fahrerflucht mit Todesfolge (Salman Khan); Verbindung zum Organisierten Verbrechen (Monica Bedi); Geldwäsche und Vergewaltigung. 97 Der Verlust des moralischen Kompasses äußert sich jedoch auch auf skurrilere Weise. So stellte Darsteller Varun Pruthi armen Stra- ßenhändlern, bei denen er für einige Rupien einen Snack kaufte, die Frage, ob sie an Gott glaubten; wenn diese bejahten, überzahlte Pruthi sie um das 1.000-fache (mit umgerechnet 150 Euro hielten sich die Kosten für den Millionär in Grenzen) und verkündete ihnen, dass er von Gott gesandt wäre, um sie zu erlösen. Der Anbetung durch die Fans tun solche Eskapaden – ob legal oder illegal – keinen Abbruch. In Pruthis Fall deckte sich die Fremdwahrnehmung komplett mit der Eigenwahrnehmung des Stars. Echtes politisches Engagement ist dagegen seltener bei den Mumbaier Filmstars. Eine Ausnahme ist Aamir Khan, der als Linksliberaler eine Reihe von Projekten angestoßen oder unterstützt hat, vom Widerstand gegen den Narmada-Megastaudamm bis zu Initiativen gegen selektive Abtreibung von weiblichen Embryos. Auch ein anderer der ganz Großen, Amitabh Bachchan hat sich aus Verantwortungsbewusstsein in der Politik engagiert – als Abgeordneter in der Lok Sabha (vergleichbar dem Bundestag). Solange sich der Aktivismus indischer Filmstars auf den Schutz von Armen, Witwen und Waisen beschränkt, wird dies von der Gesellschaft als vorbildlich wahrgenommen. Mit tiefergehender Kritik an der Politik verlieren die Stars allerdings ihre Unantastbarkeit. Seit einiger Zeit wird Aamir Khan offen angefeindet, weil er sich als Muslim gegen die zunehmende hinduistische Aggression unter dem rechtspopulistischen Premier Modi ausspricht. Auch Shah Rukh Khan brachte mit Äußerungen über Indiens wachsende Intoleranz einen wütenden Mob gegen sich auf. In ihrer Enttäuschung über das ‚unpatriotische Verhalten‘ ihres Idols ließen die Fans kein gutes Haar an seinen Filmen und seiner Ehe. Selbst die App für eine Marke, für die Khan warb, wurde boykottiert. Gott Khan war vom Olymp geradewegs in den Hades gestürzt worden. Der Expat, der in Mumbai lebt, wird von der Welt des Glamour einiges mitbekommen, wenn er sich ins Nachtleben stürzt. Prominente der Filmindustrie werden seinen Weg säumen, und durch seinen Status als wohlhabender Westler kann er Zugang zu Partys exklusiver Kreise finden. Für den einen oder anderen Star der Szene mag er so etwas wie Maskottchenwert haben. Es ist auch nicht ungewöhnlich, sich selbst im Hintergrund auf einem Foto eines Paparazzo zu sehen, das auf einer Promi-Feier geschossen und dann in irgendeinem Klatschblatt veröffentlicht wird. 98 Allgegenwärtig jedoch wird Bollywood im Alltagsgespräch der Menschen, in ihren modischen Vorbildern, in den Clubs und in bestimmten Wohnvierteln sein. Für viele Inder innerhalb und außerhalb Mumbais ist die Stadt immerhin Projektionsfläche für die Wünsche und Träume, die ihnen Bollywood vermittelt hat. …und ist jetzt öfter in Pune Sowas Blödes. Der Zug nach Pune stand zwar schon am Gleis bereit, aber die Türen waren noch verschlossen. Am Bahnsteig warten kam nicht in Frage, außer der stechende Geruch von Urin machte einem nichts aus. Hier auf dem Wagon stand sein Name: Ralf Breidenstein, M37, Fensterplatz. Neben ihm würde ein bestimmt schon pensionierter Arvind Gautam, M67, sitzen. Fehlte nur noch, dass man gleich noch die Telefonnummer mit veröffentlichte. Breidenstein, der wieder einmal viel zu früh dran war, drehte also noch eine Runde durch den Bahnhof, bevor er sich zusammen mit einem kleinen Becher Tee über sein drittes Samosa hermachte. Ihm gegenüber an dem kleinen Bistrotisch standen zwei verhutzelte Frauen in ausgewaschenen Saris, die ihn kichernd ansprachen: „You America?“ Die Antwort würden sie ohnehin nicht verstehen, so dass er bereitwillig Auskunft gab: Nein, er war der Ralf aus Stuttgart, der heute mal einen Ausflug machte. Nach Pune. Wo es viele deutsche Firmen gab, von denen er morgen zwei besuchen würde. Heute wolle er mal seine Freiheit genießen, langsam mit dem Deccan Express in das sicher beschauliche Örtchen tuckeln, im mondänen Gymkhana Club absteigen, und sich abends mit einer gut aussehenden, gebildeten Frau treffen, die ihn einfach toll fand. Alles klar? Kicher-kicher. Toll, den Sonnenaufgang durch das Zugfenster beobachten zu können. In was für ein herrliches Rot die erwachende Stadt getaucht war! Sandra hatte nicht verstanden, warum er nicht in Dadar zusteigen wollte. Sie hatte einfach keinen Sinn für Abenteuer und Romantik. Durch verlassene Straßen an die Südspitze der Stadt zu fahren, und bei Tagesanbruch durch den Victoria Terminus zu schlendern, das war, was Breidenstein unter einem gelungenen Start in den Tag verstand. Aber warum war der Himmel in Thane immer noch rot? Weil das Fenster schmutzig war. Wusste Herr Gautam. Der ihm von Kalyan bis Lonavla ein Ohr abkaute. Davon, wie Pune seinen Reichtum den Parsen verdankte, wie in den sechziger und siebziger Jahren Hippies die Stadt überschwemmt hatten, und wie sich schon Ende des vorletzten Jahrhunderts 99 deutsche Firmen dort angesiedelt haben wollen. Heute blühte in der Universitätsstadt angeblich der Medizin-Tourismus. Ein wahres Rentner-Paradies. Alles sehr wirr, und Breidenstein wusste sich kurz vor Talegaon zu entschuldigen, um den Waschraum aufzusuchen. Bis kurz vor Pune stand er an einer offenen Zugtür zwischen der zweiten Klasse und dem Frauenabteil dritter Klasse, genoss die Aussicht und den Fahrtwind, und gab sich zufrieden dem Inhalt einer Snacktüte hin, die er einem der fliegenden Händler für ein paar lächerliche Rupien abgekauft hatte. Ganz großes Kino! In Pune angekommen nahm sich Breidenstein eine Prepaid-Auto-Rikscha zum Club. Ein bisschen wirr schien diese Stadt. Irgendwie konnte man das Gefühl haben, ständig im Kreis zu fahren. Erst durch großzügige Alleen, dann vorbei an schiefen Häusern mit morschen Holzbalkonen, wieder entlang prächtiger Promenaden, vorbei an üppigen Einkaufzentren und Multiplex Kinos… und schlussendlich hinein in eine staubige Straße vor das Tor des Deccan Gymkhana Club. Selbstbewusst verschaffte Breidenstein sich nach drei Anläufen Zutritt zum Gelände. Die streng dreinblickenden Sicherheitsleute, die sich ihm in den Weg gestellt hatten, waren des Englischen nicht mächtig und offensichtlich auch noch Analphabeten. Mit dem Buchungsbeleg war die Security zumindest nicht zu beeindrucken. An der Rezeption des kolonial anmutenden Gebäudes belehrte ein aufgeplusterter Breidenstein einen Angestellten noch, dass man seinen internationalen Gästen doch einen etwas freundlicheren Empfang bereiten konnte, bevor er kleinlaut und mit gesenktem Blick sein Köfferchen auf einem schmalen Trampelpfad und vorbei an einem grinsenden Sicherheitsmann wieder vom Gelände rollte. Erst mal etwas orientierungslos die staubige Straße entlang, dann wieder zurück, in eine andere Straße hinein, bis hin zum PCY Hindu Gymkhana Club, wo Pooja ihm ein Zimmer in einem der oberen Stockwerke des Neubaus reserviert hatte. Und der Empfang gefühlt noch zwei Grad kälter ausfiel, als der vorhin. Egal, um drei würde Pooja ihn abholen, und wenn er ohne Clubkarte maximal den Ausblick auf das Cricket-Feld genießen konnte, dann wollte er sich lieber frischmachen und von der Fahrt erholen. Um vier erreichte ihn endlich der heiß ersehnte Anruf aus der Lobby. Pooja begrüßte ihn mit einem Küsschen links und Küsschen rechts. Bei Tageslicht sah man ihr die Mitte Vierzig doch an. Weswegen sie wohl gleich ihre schwarze Sonnenbrille wieder aufsetzte, und einen leichten Wollschal um die nackten Oberarme hüllte. In Pune sollte es abends ganz schön abkühlen. An warme Kleindung hatte er nicht gedacht. Machte 100 nichts, er konnte sich ja was von den Klamotten ihres Sohnes nehmen später. Die Stadtrundfahrt fiel eher kurz aus. Eine Festung oder Stadtmauer war umringt von Touristenbussen, sodass Breidenstein gerne darauf verzichtete auszusteigen. Der botanische Garten war da schon netter, wenn auch ein wenig langweilig und nichtssagend. Nein, ein Souvenir für seine Frau wollte er nicht einkaufen. Pooja hatte Nerven! Also, dann doch lieber ein frühes Abendessen in einem angesagten Restaurant nahe des Aschrams, und danach der lang versprochene Filmabend bei ihr zu Hause. Wer da wem was versprochen hatte, war Breidenstein nach einer Stunde immer noch nicht klar. Der Kino-Fan war eindeutig Pooja. Zur Wahl gestellt hatte sie ihm drei Klassiker: Erstens: Kabhi Khushi Kabhie Gham..., was in etwa mit „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ zu übersetzen war, aus 2001. Die Titelmusik, die sie ihm vorsummte, kam ihm bekannt vor. Zweitens: Om Shanti Om aus 2007. Ganze 170 Minuten Filmlänge, und somit etwa eine halbe Stunde kürzer als das erstgenannte Familiendrama. Und auch mit dem fast unvermeidlichen SRK, der in dem Streifen sogar eine Doppelrolle einnahm, weil er nämlich wiedergeboren wurde. Als dritte Option hatte Pooja noch Ghajini im Angebot, so eine Art indische Memento-Adaption. Und sogar mit englischen Untertiteln, sodass Pooja nicht drei Stunden synchron übersetzen musste. Das Sofa vor der Heimkino-Anlage erinnerte Breidenstein an ihren ersten gemeinsamen Abend in der AER Bar in Mumbai. Der Champagner prickelte kühl in den Gläsern, und Breidenstein steuerte noch eine Tüte Masala Mix bei, die er im Zug an der offenen Tür vor dem Klo gekauft hatte. Der Snack passte gut zum Film, der wirkte, als hätten Tarantino und Francis Ford Coppola unter Drogeneinfluss alte Peter Alexander Filme, Sonntag-Abend Dramen aus dem ZDF, ein bisschen Heidi-Trickfilm und per Zufallsprinzip ausgewählte Musik-Clips zusammengeschnitten. Ein unter Gedächtnisverlust leidender Aamir Khan machte nach brutalen Kampfszenen in Rückblenden Aerobic-Übungen und besang dabei verliebt seine Angebetete, ein überdrehtes Model mit einem großen, goldenen Herzen, das leider schon tot war. Würde Philipp beim Verkleiden-Spielen mit verbundenen Augen in Tüten vom Roten Kreuz wühlen dürfen, er würde sich sicher geschmackvoller kleiden als das Film-Idol. Von den peinlichen Frisuren einmal ganz abgesehen. Als hätte jemand versehentlich den Kanal gewechselt, folgten darauf wieder Sequenzen mit einem animalisch anmutenden Aamir Khan, der ganz ohne 80er- Jahre Verkleidung eher wie Hulk daherkam, den Oberkörper über und über mit Tattoos versehen. Das waren nämlich seine Notizen, damit er nicht vergaß, das überdrehte Model zu rächen. So ungefähr jedenfalls. 101 Wo war noch mal das Badezimmer? Am Ende des Abends wusste Breidenstein auch, wo das Schlafzimmer lag. Ich habe eine Niederlassung einer deutschen Firma in Pune aufgebaut und geleitet. Was mir über die Jahre klargeworden ist, ist, dass man sich bemühen sollte, die Kultur des Landes zu verstehen, und wie sich die Menschen dort entwickeln und an was sie glauben. So ist es zum Beispiel gängig, dass ein Unternehmen einen kleinen Tempel oder wenigstens einen Schrein hat. Der Büroalltag ist ähnlich wie in Deutschland. Eine Besonderheit fiel mir aber – jedenfalls in meiner Firma – auf: Die Technical Service Ingenieure sind ausschließlich weiblich. Sie leisten übrigens ausgezeichnete Arbeit. 3.4 Punes Identitäten Was Bombay für den Handel war, wurde Pune für Kultur und Bildung. Aber Pune hat seine Identität durch die Jahrhunderte radikal verändert und erweitert. Zunächst, d.h. im 17. und 18. Jahrhundert, war die Stadt der Stolz des Marathi Imperiums. Bevor die Briten den Subkontinent dominierten, stritten nämlich zwei weitere Reiche um die Vorherrschaft: das der Moguln und das der Marathis. Während erstere mongolisch-turkmenischen Ursprungs waren und durch Eroberungen Teile von Indien islamisierten, waren letztere Hindukrieger aus dem heutigen Maharashtra. Im 17. Jahrhundert gelang es ihnen, sich unter dem Fürsten Shivaji aus Pune vom Joch der Sultansherrschaft zu befreien und ein eigenes Königreich zu gründen, in dem die Hindawi Swarajya galt – also die freie Selbstbestimmung der Hindus. Shivaji und seine Nachkommen, die Pune zur Hauptstadt machten, verstanden es, ihr Reich nicht nur erfolgreich zu verteidigen und ihr Territorium auszudehnen, sondern auch eine wichtige Rolle beim Untergang des Mogul-Imperiums zu spielen. Es ist daher kein Wunder, dass Shivaji das Vorbild der Neuen Rechten ist – man versteht sich als Shiv Sena (Shivajis Armee), die auch Jahrhunderte nach dem Tod des Marathi-Herrschers dessen Ideale verteidigt. Ralf Krämer, KCS Krämer Consultancy Services, Berlin 102 Pune selbst hat einiges an Sehenswürdigkeiten aus der Blütezeit der Marathi-Dynastien zu bieten. Unter britischer Herrschaft aber, im 19. Jahrhundert, entwickelte sich die Stadt langsam zu einem Bildungszentrum. Das neue Empire errichtete Schulen, Berufsschulen und Colleges – zumeist aus der Ideologie des Imperialismus heraus. Ihre Legitimation als Kolonialherren hatten die Engländer ihrer eigenen Auffassung gemäß dadurch, dass die unterworfenen Völker nicht fähig waren, sich selbst zu regieren. Man musste also die ‚Bürde des weißen Mannes‘ tragen und die kolonialen Untertanen ‚zivilisieren‘. In Pune sollte eine indische Elite ausgebildet werden, die sich für technische Berufe und mittlere Stellungen im Beamtenapparat und Lehrkörper eignen würde. Aber auch Reformexperimente wurden dort durchgeführt, z.B. mit der Gründung von Mädchenschulen und Bildungseinrichtungen für Unberührbare. Ironischerweise trug genau das zu einer weiteren Verwandlung Punes bei. Die Stadt wurde zum Zentrum des Freiheitskampfes gegen das Britische Empire. Immerhin lernten Inder in den Bildungsstätten ihrer Herren, wie man sich selbst regierte, verwaltete und Wohlstand schaffte. Damit aber wurde die Rechtfertigung der Engländer, in Indien zu bleiben, immer wackeliger. Viele Widerständler der zweiten Reihe waren Absolventen von Punes Hochschulen. Sie taten sich durch Protestaktionen wie der öffentlichen Verbrennung von westlicher Kleidung und Boykotten europäischer Waren hervor, Jahrzehnte bevor Mahatma Gandhi für ähnlich gewaltfreie Initiativen im Yerwada Gefängnis landete (das sich übrigens ebenfalls in Pune befindet). Nach der Unabhängigkeit wurde Pune im Ausland leider hauptsächlich als Sitz des Aschram von Shree Rajneesh (dem „Bhagwan“) wahrgenommen. In den 1970er Jahren, so schildern es Presseberichte, verfielen dem Gründer der Neo-Sannyas-Bewegung reihenweise sinnsuchende Westler. Deutsche Philosophen, Politiker, Schauspieler und Journalisten waren wohl auch so zahlreich genug darunter, dass die Medien regelmäßig von hysterischem Personenkult, Sexorgien und Gewalt zelebrierender Meditation berichteten. Pune wurde zum Sinnbild esoterischer Scharlatanerie. Erst Anfang der 1980er Jahre setzten die indischen Behörden dem seltsamen Treiben des Gurus ein Ende. Eine Steuerprüfung zwang den Bhagwan zur Flucht in die USA. 103 Firstly, Pune is known as the Oxford of India. It has a number of research institutes of renown; and it offers university education in almost any field, from arts and letters to science and engineering, from business studies to medicine. Secondly, Pune is also called the Detroit of India. Many large Indian and foreign car manufacturers operate in and around Pune. From Germany, that would be Mercedes Benz and Volkswagen. The city is very accessible, there are direct flights from Pune to Frankfurt, for instance, and it is well connected with other metropolitan regions in India. If a German were to consider setting up a business in Pune, he would need a skilled workforce with a range of talents, including maybe German language skills, an entrepreneurial environment where politics makes it easy for businesspeople, and connectivity with Germany. Pune can meet all those requirements. One should not be deceived though; one of the most widespread misconceptions is that Indian engineers and software developers are ‘cheap labour’. They are not. Also, some foreign investors have had trouble trusting Indians in general – what do those gestures mean? Are they committed enough to the project, in order to complete it successfully? To Germans who are yet unacquainted with doing business in India, I would recommend starting with a small pilot project. It will be ideal to station in Pune during that period. It helps to improve future communication as well as to understand the team. An open mind is necessary, of course – and don’t give up too early. Der beschädigte Name Punes allerdings überlagerte die abermals erfolgreiche Verwandlung in einen bevorzugten Standort für die Automobil- und IT-Industrie. Seit den 1960er Jahren engagiert sich dort die deutsche Wirtschaft. Zurzeit befinden sich, nach Angaben der Deutsch-Indischen Handelskammer 225 deutsche Unternehmen in Pune. Gleichzeitig ist Pune Universitätsstadt geblieben, so dass sich ein produktives Miteinander von Wissenschaft, Forschung und Industrie ergeben hat. Von der Nähe zu Mumbai profitiert Pune durch den Expressway, ein ca. 100 km langes sechsspuriges Autobahnstück; er reduziert die Fahrzeit zwischen beiden Städten von sechs auf ca. drei Stunden. In Atul Gunjal, Founder and CEO of iWork Technologies, Pune 104 Folge dessen ist die Attraktivität Punes auch für Wirtschaftsunternehmen gestiegen, die die Enge Mumbais als störend empfinden. Pune ist damit im letzten Jahrzehnt immer mehr zu Mumbais schönstem Einzugsgebiet geworden. 105 Literatur- und Filmtipps Gesteland, Richard und Mary Gesteland. India. Cross-Cultural Business Behavior. Copenhagen: Copenhagen Business School Press, 2010. Obwohl der Titel klarstellt, dass Themen wie „Herausforderungen in Geschäft und Beruf“ bevorzugt abgehandelt werden, ist das Werk doch gerade wegen des zweiten Teils über das Expatleben in Indien sehr wertvoll. Das Ehepaar war gemeinsam in Indien, in der immer noch üblichen Rollenverteilung. Aber hier hat die mitreisende Partnerin eine Stimme: Der gesamte zweite Teil des Buches wurde von Frau Gesteland geschrieben und befasst sich mit dem Kulturschock der grünen Witwe wider Willen, dem Management eines Haushalts, inklusive Angestellten, und mit dem offiziellen Auftreten in der Öffentlichkeit. Marschall, Susanne und Rada Bieberstein (Hgs.). Indiens Kino- Kulturen. Marburg: Schüren, 2014. Die beiden Herausgeberinnen versammeln in ihrem Band eine Auswahl von spannenden Artikeln, die die Vielfalt des indischen Kinos abzubilden versuchen. Dabei erfährt man nicht nur etwas über Bollywood, sondern auch über andere regionale Filmindustrien, wie auch die Kunstkinoszene. Die Artikel über Mumbai und Bollywood können sich aber in ihrer thematischen Bandbreite sehen lassen. Vom Heimatbegriff im Hindi-Film über die Darstellung von Terrorismus im Actionkino bis zu Analysen einzelner Filme (z.B. Salaam Bombay) ist alles dabei, so dass man sich hervorragend in diese ganz anderen Kinokulturen einlesen kann. Diddee, Jaymala und Samita Gupta. Pune: Queen of the Deccan. Pune: Elephant Design Pvt., 2000. Wer sich für Pune und seine Geschichte interessiert, dem steht eigentlich nur dieses Buch zur Verfügung. Oft wird selbst in Reiseführern die Stadt im Südosten von Mumbai sträflich vernachlässigt. Diddee und Gupta sind Stadthistoriker und haben sauber recherchiert und geschrieben. Wer allerdings nur schnelle Tipps für die Reise sucht, für den ist das Buch zu profund. 106 Platz Robinson, Theresa. Café Culture in Pune. Being Young and Middle Class in Urban India. Oxford: Oxford University Press, 2014. Café Culture in Pune ist ein faszinierendes Werk, weil es nicht in erster Linie um Pune geht, sondern um den Lifestyle junger Inder der Mittelschicht. Die Autorin, die sich als Ethnologin versteht, hat jedes Detail eingefangen: es geht um bevorzugten Kleidungsstil, Musik, Lebensgefühl, Einstellungen zu Ehe, Familie, Liebe etc. Insofern bekommt der westliche Expat wertvolle Einblicke in die Befindlichkeiten seiner Angestellten. Wiggins, Clara. The Expat Partner's Survival Guide: A lighthearted but authoritative manual for anyone accompanying their partner on an overseas assignment. CreateSpace, 2015. Dieses Buch handelt vor allem von der umfassenden Vorbereitung einer mitreisenden Ehefrau (sowie eines Ehemanns bzw. eines gleichgeschlechtlichen Partners). Wiggins weiß, wovon sie schreibt, sie hat bereits in elf Ländern gelebt (u.a. in Pakistan) und stets aufs Neue die Frustrationen und Belastungen der mitreisenden Partnerin durchlitten. Der schnelle Link http://expatriateconnection.com/why-trailing-spouses-cant-behappy-and-what-can-be-done/ Dieser Artikel fasst prägnant zusammen, was auf mitreisende Partner zukommt, was ihnen zusetzen wird, und wie sie vielleicht ihre eigene Rolle finden können. Nicht nur der Text ist ein Muss vor der Ausreise, auch die Kommentare – die meisten von mitreisenden Ehefrauen – geben wertvolle Einblicke. https://www.timeout.com/mumbai/clubs In Mumbai hat der Expat eine beeindruckende Auswahl an Clubs, um das Nachtleben zu genießen. Hier ein traditionelles, relativ seriöses Medium, ein Ableger des Time Out Magazine als Empfehlung für Ausgeh-Tipps.

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References

Zusammenfassung

Immer mehr deutsche Unternehmen erkennen Indiens gewaltiges Marktpotential. Gleichzeitig ist das Land ein schwieriger Parcours für eine wirtschaftliche Zusammenarbeit oder Auslandsinvestition. Sind die ersten Schritte erfolgt, warten auf eine entsandte Führungskraft Herausforderungen, die sie ohne Kenntnisse des Gastlandes nur schwer meistern kann. An diesem Punkt setzt die interkulturelle Ratgeberliteratur an. Oft jedoch berücksichtigt sie gerade in großen Wirtschaftsräumen die regionalen Unterschiede nicht. Die Autorinnen schließen hier eine Lücke. Der zweite Band ihrer Reihe Erfolgreich als Expat in ... rückt die Wirtschaftsmetropole Mumbai (mit einem Ausflug in das Industriezentrum Pune) in den Mittelpunkt, informiert aber auch über Themen, die Indien als Ganzes betreffen. Dabei folgt der Leser den Erlebnissen eines fiktiven Expat-Paares und sieht die Welt mit deren Augen: In erklärenden Texten werden typische Herausforderungen an eine Führungskraft und die mitreisende Familie geschildert, mögliches Verhalten reflektiert und die Unterschiede zu indischen und Mumbai-spezifischen Denk- und Verhaltensweisen aufgezeigt. Obwohl der Leser auch Tipps zur Kommunikation (z.B. dem Lösen von Problemen) erhält, verzichten die Autorinnen auf die sonst typischen „Zehn-Goldenen-Regeln-für-den-Umgang-mit…“. Stattdessen lassen sie lieber Inder und Expats mit ihren Erfahrungen und Ratschlägen zu Wort kommen. Kurz: Erfolgreich als Expat in ... führt auf unterhaltsame Weise in das Leben als Ausländer im heutigen Indien ein.