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5 Getrennte Wege in:

Silke Järvenpää, Andra Riemhofer

Mumbai, page 113 - 132

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3924-3, ISBN online: 978-3-8288-6685-0, https://doi.org/10.5771/9783828866850-113

Series: Erfolgreich als Expat in ..., vol. 2

Tectum, Baden-Baden
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121 5 Getrennte Wege 123 Der Expat muss ins Krankenhaus… Nein, nein, nein – und nochmals nein: Er wollte sich keine der Executive Suiten ansehen! Auch nicht die Super Deluxe Variante. Breidenstein wollte hier ganz sicher nicht über Nacht bleiben. Nur über seine Leiche! „See, you are in a very serious condition. And when we do the arefeableeschen, you better stay for at least one night!” Was für ein Ding? „Reedio Frequency Ebleeschen. From what you are describing, we highly recommend aref-ebleeschen.” Frau Dr. Kumar schaute ihren Patienten streng an. „We could also first conduct an ip-es – but that might turn out to be a waste of time. Let’s better do the aref-ebleeschen.” Der Patient wollte sich erst einmal mit seiner Frau besprechen. Kein Problem! Aber unbedingt heute Abend noch. Es mussten ohnehin erst noch einige Tests durchgeführt werden. Mit den Antibiotika, die er erwähnt hatte, war er schon fertig, oder? Ja, sogar schon mit der dritten Packung. Gut, besser er kümmerte sich gleich noch um die Voruntersuchungen. Herr Dr. Batra hatte ab 14:00 Uhr Sprechstunde, bis dahin lagen die Laborergebnisse bestimmt schon vor, wenn er sich beeilte. Breidenstein lief also zum dritten Mal an dem Tag zur Kasse und entrichtete die veranschlagte Gebühr für den Blut- und Urintest. Fast hätte er seine Payback-Karte gezückt. Nach dem Prinzip stünden ihm bestimmt schon ein Handstaubsauger und eine Saftpresse zu. Endlich konnte es losgehen. In einen milchigen Urinbecher zu pinkeln, das war eine seiner leichtesten Übungen. Auch wenn Breidenstein es mehr als bedauerte, sich die Hände nicht waschen zu können, weil es gerade kein Wasser gab. Sich Blut abnehmen zu lassen, erforderte allerdings etwas mehr als einfach nicht hinzusehen, sobald die Kanüle angesetzt wurde. Das Equipment und das Ambiente des Blutabnahme-Raums konnten einen an Doktor Schiwago erinnern. Privatsphäre war nicht – die Vorhänge der Kabinen mussten in der Wäsche sein. War sicher höchste Zeit gewesen. Zwei Liegen weiter probierte ein Junge Klingeltöne. Breidenstein fiel es leicht, eine Faust zu machen. Mit der freien Hand unterdrückte er einen Protestschrei, als die Krankenschwester ihrem Kollegen schnell noch Geld wechselte. Nebenan wurde eine junge Frau unterrichtet, was das diagnostische Fenster für einen Aids-Test anging. Wann hatte er Pooja zuletzt gesehen? „… und als nach Tagen das Hämorrhagische Fieber überstanden war, ging es endlich wieder aufwärts! Die Beine waren noch wochenlang lila, von den Einblutungen, aber Hauptsache meine Frau konnte wieder schlafen. Stellen Sie sich vor – es stand wirklich Spitz auf Knopf!“ Breidenstein 124 entschuldigte sich bei Herrn Schmidt – er wollte mal nachfragen, wo Dr. Batra blieb. Neben Dengue und Gelbsucht hatte der bestimmt auch noch Tollwut überlebt, und musste das dringend jemandem erzählen. Ihm bitte nicht. Wo steckte nur Sandra? Wieso war ihr Handy nicht an? Dr. Batra musste wohl in seiner Praxis aufgehalten worden sein, er war bestimmt gleich da. Breidenstein sollte sich noch ein bisschen gedulden. Vielleicht wollte er in der Zwischenzeit noch ein paar Röntgen- Aufnahmen machen lassen? Das riet man den Patienten oft. Manchmal hatte das Ziehen in der Brust aber auch muskuläre Ursachen. Da böte sich dann ein MRT an. Aber was, wenn Herr Dr. Batra in der Zwischenzeit auftauchte? Keine Sorge, das dauerte bestimmt noch. Keine neuen Mails. Bei Facebook auch nichts Neues. Krass, unter dem Infusionsständer war tatsächlich ein Pokémon versteckt… Das Blutbild sah gut aus. Im Urin auch nichts Auffälliges. Lediglich etwas erhöhte Leberwerte. Aber das sah man oft bei den Ausländern. War Breidenstein alleinstehend? Man konnte gleich noch das EKG machen. Bitte hier vorne kurz Platz nehmen. Und die Kasse war da drüben. „The number you have dialled is currently unavailable…” Am Festnetz ging auch keiner ran. Mist, jetzt war der Akku endgültig leer. Und wieder dieses Ziehen in der Brust. Der linke Arm tat nicht weh. Oder doch? Das EKG-Gerät wurde gerade gewartet. Noch ein klein wenig Geduld, bitte. Dort vorne lag die Times of India. Ja, Danke. Die kannte er schon auswendig. Vielleicht gab es noch eine vom Vortag… Und wenn Sandra ihn jetzt versuchte zu erreichen? Sollte er vielleicht doch besser nach Hause gehen? Obwohl, lange konnte es doch nicht mehr dauern. Wo steckte sie bloß? Was machte sie eigentlich immer um diese Zeit? Sieben Uhr abends war er ja meistens noch im Büro. Philipp wurde um halb neun ins Bett gebracht, das schaffte er manchmal. Dann noch schnell was essen, nochmal Mails checken, und manchmal noch ein Telefonat mit Deutschland oder den USA. Wenn er ins Bett ging, schlief Sandra meistens schon. Jetzt nicht daran denken – wird schon nichts sein. Und was, wenn was mit Philipp war? Wenn ihm was passiert war? Sie mit ihm ins Krankenhaus musste?! Mann, diese Klimaanlage machte ihn fertig – was war nun mit diesem verdammten EEE-KAA-GEE? Ach so – heute nicht mehr, am besten, der Patient kam morgen Vormittag noch mal wieder. 125 Wie vermutlich den einen oder anderen Indienreisenden vor und nach mir ereilte auch mich im Laufe meines Aufenthaltes eine Lebensmittelvergiftung – und zwar gleich zweimal. So durfte ich auch zwei Krankenhäuser in Mumbai von innen sehen. Das erste lag in den Außenbezirken Mumbais (Belapur in Navi Mumbai), was sich auch deutlich in der Behandlungsmethode widerspiegelte. Zuerst fiel mir auf, dass es wenig Privatsphäre gab. Im Behandlungszimmer sollte ich auf einer der drei nicht allzu sterilen Liegen Platz nehmen, bei denen nicht einmal der Vorhang zum Nachbarbett zugezogen war. Nachdem mein Bauch von einer Ärztin abgetastet worden war, hatte man sich entschieden, einen Spezialisten zuzuziehen – welcher Fachrichtung, erschloss sich mir nicht. Die Spritze zur Unterdrückung meines nicht vorhandenen Würgereizes lehnte ich ab – besonders nachdem ich gesehen hatte, unter welchen Bedingungen andere medizinische Utensilien aufbewahrt wurden. Da ich auch noch die Frechheit besaß, die Notwendigkeit der Spritze zu hinterfragen und mich der Anweisung eines Arztes zu widersetzen, fielen die Reaktionen der zwei Schwestern und der vom Büro bereitgestellten Begleitung schroff aus. Zu dritt versuchten sie mich auf der Liege zu halten, um der Anweisung des Arztes nachzukommen. Mit einer halben Apotheke ausgestattet – natürlich ohne Erklärung und ohne Beipackzettel – durfte ich nach Hause. Da ich nicht wusste, was ich schlucken sollte, und da allein der Anblick des Krankenhauses schon das seine zur Genesung beigetragen hatte, setzte ich die Medikamente am nächsten Tag wieder ab. Die zweite und wesentlich schwerere Lebensmittelvergiftung handelte ich mir am Tag vor dem Rückflug nach Mumbai von einem Kurztrip nach Delhi ein. Für mich stand nach der Reise, an die ich mich nur bruchstückhaft erinnern kann, erstmal ein Besuch im Krankenhaus an. Glücklicherweise war ich inzwischen in eine städtische und wohlhabendere Gegend Mumbais umgezogen. Dies zeigte sich auch deutlich in der Ausstattung des Krankenhauses und dem dortigen Personal. Obwohl der Standard viel höher war, wurde auch dort das Hinterfragen einer ärztlichen Anordnung nicht allzu wohlwollend aufgenommen. Aber man ließ mich doch wieder gehen, damit ich meine Lebensmittelvergiftung im eigenen Bett auskuriere. Tina Oreskovich, Customer Service Manager 126 5.1 Krankenhäuser Der Krankenhaussektor in Indien hat seine düsteren Seiten, und der größte Skandal sind nicht die unterfinanzierten staatlichen Kliniken mit ihren veralteten Geräten, verfallenden Gebäuden und ihrer mangelnden Hygiene. Immerhin findet man dort wahrscheinlich die höchste Dichte an Ärzten, die den Eid des Hippokrates ernst nehmen. Denn ein Mediziner, der an einem guten Gehalt interessiert ist, wäre dort falsch. So sehr man die Folgen der Mangelwirtschaft kritisieren kann – so werden z.B. Injektionsnadeln sterilisiert und mehrmals benutzt – so sehr sollte man aber anerkennen, dass Indien es geschafft hat, auch durch seine staatliche Gesundheitsfürsorge, die Lebenserwartung von 36 Jahren 1950 auf 65 Jahre 2009 zu steigern. Der Expat wird aber kaum in den Genuss von staatlichen Kliniken kommen, wenn er nicht gerade auf dem Land einen Notfall erleidet. Wie Breidenstein wird er sich in eines der privaten Krankenhäuser begeben. Diese haben in Städten wie Mumbai in der Regel westlichen Standard, verfügen über neueste diagnostische und therapeutische Gerätetechnik und bestens ausgebildete Ärzte. Von herzchirurgischen Operationen bis zu Organtransplantationen sind diese Krankenhäuser auch auf schwierige medizinische Eingriffe vorbereitet. Die Privatstationen im Deluxe oder Executive-Bereich sind – was die Bequemlichkeit angeht – jenen in Deutschland oft überlegen. In der Holzklasse allerdings können die Mehrbettzimmer an Lazarettsäle erinnern. Privatkrankenhäuser werden wie Unternehmen geführt; das oberste Ziel ist die Gewinnmaximierung, in einigen Einrichtungen muss jeder Arzt einen vorgegebenen Teil des Umsatzes bringen. Das medizinische Personal ist dem administrativen (betriebswirtschaftlichen) gegenüber weisungsgebunden. Das hat in den letzten 20 Jahren verheerende Folgen für das ethische Handeln im Gesundheitswesen gehabt. Sowohl aus Berichten von Patienten als auch aus Berichten von jüngst eingesetzten Untersuchungskommissionen geht hervor, dass in vielen privaten Krankenhäusern Korruption und Betrug in großem Stil herrschen. Auch Breidenstein bleibt es nicht erspart, als Patient geschröpft zu werden: überflüssige Untersuchungen, die gleich mehrmals durchgeführt (und abgerechnet) werden, teure Diagnoseverfahren, denen eigentlich simplere Tests vorausgehen sollten; Arzneirezepte, die das verschriebene Medikament in der eigenen 127 Apotheke zu Wucherpreisen abgeben; das Verschleppen von Überweisungen oder Untersuchungen, damit man den Patienten zu einem stationären Aufenthalt bewegen kann, am besten in der 1. oder 2. Klasse. Noch hat Breidenstein sich nicht überreden lassen, obwohl ihm wahrscheinlich gar nicht bewusst ist, dass für jede medizinische und pflegerische Handlung unterschiedliche Preise berechnet werden, je nachdem, in welcher Klasse der Patient sich „eingebucht“ hat. Dieses Prinzip der affordability nämlich wird in einer Reihe von Kliniken praktiziert. Stattdessen lässt er in der Holzklasse ambulant den schlechteren Service über sich ergehen; unethisch ist dabei insbesondere, dass im preiswerteren Bereich auch Abstriche bei der Hygiene gemacht werden. Dennoch hat Breidenstein noch Glück im Unglück. Es mangelt zwar an Privatsphäre, aber keiner der indischen Nachbarn, die im Saal auf ihre Untersuchungen warten, bekommt Besuch von seiner Sippe. Familienbesuche können zuweilen aus bis zu dreißig Mann bestehen, bei stationär untergebrachten Patienten bis in die frühen Morgenstunden gehen und sehr laut und fröhlich sein. Außerdem hat noch niemand bisher versucht, dem Expat einen unnötigen chirurgischen Eingriff aufzuschwatzen. In der Kardiologie gehört dazu das Einsetzen von Stents, offenbar eine der beliebtesten Maßnahmen, die an gesunden, aber zahlungskräftigen Kunden vollzogen werden. Ansatzweise hat man von solchen Auswüchsen auch schon aus Deutschland gehört, beispielsweise, wenn ein deutscher Arzt dem Privatpatienten mit einem kaputten Knie, das man vielleicht noch retten könnte, ein künstliches einsetzt. Währenddessen fliegen seine indischen Kollegen schon mal damit auf, dass sie an gesunden Patienten Scheinoperationen durchführen. Mit anderen Worten: Der Patient wird in Narkose versetzt, die Haut wird aufgeschnitten und wieder genäht. Abgerechnet wird eine Knieoperation. Diese Betrugsmasche ist dann doch von einer anderen Qualität. Dass die nicht so zahlungskräftigen Bürger Indiens von Drückerkolonnen im Auftrag der Kliniken zur kommerziellen Organspende gedrängt werden, ist ein anderes Thema, auf das hier aber nicht näher eingegangen werden soll. Kurz: Eine Reihe von privaten Kliniken zeigt bemerkenswerte kriminelle Energie. Die indische Mittelschicht, die als Kundschaft des privaten Gesundheitssektors unter den korrupten Praktiken leidet, verzweifelt 128 zunehmend, denn die Regierung ist nicht in der Lage, effektiv zu kontrollieren, und das Medical Council of India ist selbst so korrupt, dass es wohl bald aufgelöst wird. Es liegt in der Natur der Sache, dass ein westlicher Expat, wenn er eine Klinik aufsuchen muss, geschwächt ist. Wie lässt es sich also vermeiden, zum Opfer mafiöser Krankenhausstrukturen zu werden? Zuerst die schlechte Nachricht: Man kann das Risiko ausgenommen zu werden, nicht ausschließen. Man kann das Risiko aber reduzieren. Hilfreich ist es, sich frühzeitig nach Ankunft am Zielort über Erfahrungen anderer Expats mit Ärzten und Krankenhäusern zu erkundigen, d.h. wenn man noch gesund ist. Der Botschaftsarzt hat eventuell gute Tipps, wo ehrliche Ärzte zu finden sind, ebenso wie die Mumbaier Zweigstellen deutscher Organisationen (Goethe-Institut, AHK, DAAD). Vor Ausreise kann es von Nutzen sein, sich bei Tropeninstituten in Deutschland zu erkundigen. Zeigen sich Krankheitssymptome, und ist abzusehen, dass ein Besuch beim Arzt oder in einer Klinik nötig wird, ist dem Expat zu empfehlen, nicht alleine dort hinzugehen. Vielmehr sollte er jemanden aus der Expat Community mitnehmen, dem er vertraut, oder einen indischen Freund; idealerweise jemanden, der etwas von Medizin versteht. Auf jeden Fall aber jemanden, der einen kühlen Kopf hat und ein Smartphone, mithilfe dessen man zwischendurch recherchieren kann, ob die „Radio Frequency Ablation“ wirklich zu den ersten Tests gehört, die man durchführen sollte, wenn man mit diffusen Schmerzen in der Brust in die Klinik geht. Es gibt auch Expats, die während ihres Aufenthalts in der Klinik in telefonischem Kontakt mit einem Arzt in Deutschland stehen und sich das Vorgehen des indischen Krankenhauses bestätigen lassen. Dass die Klinik wahrscheinlich überhöhte Preise für die Behandlung verlangt, kann zu einer existenzbedrohenden Katastrophe für die 80% der Inder werden, die keine Krankenversicherung haben und sogar indische Mittelstandsfamilien ruinieren. Für den Expat stellt dies nicht wirklich ein Problem dar, da das Preisniveau dem Deutschen dennoch niedrig bis angemessen erscheint. Die private Auslandskrankenversicherung, die ein Expat auf jeden Fall abgeschlossen haben sollte, wird wahrscheinlich anstandslos zahlen. Die oben genannten Vorsichtsmaßnahmen sollte der Expat treffen, damit er nicht durch unnötige belastende Diagnostik (z.B. Röntgen) oder gar überflüssige Operationen seine Gesundheit ernsthaft gefährdet. 129 Auch wenn die ärztliche Ausbildung und Versorgung in Indien grundsätzlich als gut eingeschätzt werden kann, sollte man doch vorbereitet sein. Die vielen Impfungen, die man in Deutschland erhält, sind sicherlich gut für die Vorbeugung von Krankheiten. Doch welche Arzneimittel und Impfungen helfen gegen überfüllte Krankenhäuser, Ärzte, die sich selber nicht an Termine halten, oder Diagnosen mit englischen Fachbegriffen, die man Wort für Wort mit Google Translate übersetzen muss, um danach doch nicht schlauer zu sein? Das bekannte “No Problem” oder “yes yes, all well”, welches man bis dahin zigmal im Büro, Restaurant oder auf der Straße gehört hat, ist dann doch nicht mehr so banal, wenn es um die eigene Gesundheit geht. Grundsätzlich empfiehlt es sich, in bekannte Krankenhäuser in der näheren Umgebung zu fahren und schon mal vorab einzuplanen, dass alles viel mehr Zeit kostet als in Deutschland. Man muss sich überall registrieren und vorab alles bezahlen. Erst-Untersuchung, Bluttest, Urin-Test, EKG, Nachuntersuchung zur Besprechung der Ergebnisse – das kann selbst bei Beträgen von je 5–10 Euro pro Untersuchung die Kreditkarte schon mal zum Glühen bringen. Viel Zeit mitbringen muss man auch, wenn man telefonisch Termine vereinbart hat. Viele Ärzte arbeiten im Krankenhaus, jedoch auch in anderen Praxen, und sollten sie von einem Ort an den anderen fahren müssen, stehen sie genauso im Stau wie alle anderen. Das ist ärgerlich aber erträglich. Kritisch wird es bei ärztlichen Befunden, die man wegen des englischen Fachvokabulars kaum verstehen kann. Außerdem neigen die Ärzte dazu, für jede Krankheit – ob verschnupfte Nase oder Blasenentzündung – Antibiotika und eine Reihe anderer Pillen zu verschreiben. In diesen Situationen würde man zu Risiken und Nebenwirkungen doch gerne seinen (deutschen) Arzt oder Apotheker fragen. Am besten ist es, einfach nicht krank zu werden. Allerdings ist das fast unmöglich. Häufig kommt es zu Magen-Darm-Erkrankungen wegen des verschmutzten Wassers oder Essens, zu Verkühlungen durch Klimaanlagen oder zu anderen Infektionen. Maßnahmen der Vorbeugung sind Achtsamkeit und eine gesunde Ernährung statt Desinfektionsmittel und Übersensibilisierung. Ich persönlich rate vor allem beim Wasser aufzupassen; selbst nach über 3 Jahren bin ich beim Leitungswasser sehr vorsichtig, selbst wenn ich dusche. IP, CEO eines Deutschamerikanischen Joint Venture in Mumbai 130 …und ist nicht nur körperlich angeschlagen Heute auf den Tag genau war es vier Wochen her, dass Breidenstein in der leeren, dunklen Wohnung den Zettel auf dem Esstisch gefunden hatte: Sind bei meinen Eltern. Die Ebel ist bei Deinen Sachen. Mary habe ich entlassen – Geld schuldest Du ihr keins. Sheila ist bis morgen bei ihrem Bruder. Kannst Dir ja Pizza bestellen. Sandra PS: Vergiss nicht die Stromrechnung zu bezahlen. Die Uhr von seinem Opa hatte er ihr zur Verlobung geschenkt. Ihm die dazulassen, war eine klare Ansage. Das Wertstück war aber nicht bei seinen Sachen. Nicht in der Sockenschublade hinten, nicht in seinem Kulturbeutel, und auch nicht in dem Geheimfach unten in seinem Schreibtisch. Nachdem kein Whisky mehr im Haus war, und auch das Haushaltsgeld aus der Lebkuchendose in der Küche fehlte, dämmerte es Breidenstein so langsam. Sie waren beklaut worden. Er war beklaut worden. Wenigstens seinen Reisepass hatte man ihm gelassen. Online waren keine Flüge nach München verfügbar – erst in vier, fünf Tagen wieder. Bei der Hotline der Reiseagentur war ständig belegt. Vielleicht hätte er damals sofort zum Flughafen fahren sollen. Aber nachdem er wie paralysiert zwei Stunden auf die leere Blechdose gestarrt hatte, war die Wut in ihm hochgekommen. Wenn es so schwer war, kurzfristig einen Flug zu bekommen, dann musste Sandra das Ganze schon länger geplant haben! Den nächsten Tag hatte er sich wie ein Zombie ins Büro geschleppt. Die Anrufe aus dem Krankenhaus ignorierte er. Sollte Sandra sich ruhig Vorwürfe machen, wenn er einen Herzinfarkt erlitt. Nachdem sie ihn so eiskalt abserviert hatte. Und das, obwohl er noch im Krankenhaus Poojas Kontaktdaten gelöscht hatte. Hatte sie überhaupt davon gewusst? Ob Philipp nach ihm fragte? Die Tage vergingen. Der Regen brach an einem Donnerstag herein, und während draußen die Leute vor Freude auf der Straße tanzten, nutzte Breidenstein die Gelegenheit und verschanzte sich ein paar Tage in seiner Wohnung. 131 Besser war es auch, er ruhte sich erst mal ein wenig aus. Und kam vorerst nicht mehr ins Büro. Wo er sich laut Ravi wie die Axt im Wald aufführte und wichtige Partner und Lieferanten verärgerte. Nach monatelangen Verhandlungen mit einem möglichen Kooperationspartner war Breidenstein der ohnehin gerade sehr dünne Geduldsfaden gerissen: Wann man nun endlich einen Servus unter den Vertrag setzen konnte? Das konnte doch nicht angehen, dass von dem Gegen- über ständig neue Aspekte auf den Tisch gebracht wurden? Und nein, 50/50 war nicht – schließlich hatte Expert(s)Connect mindestens zwei Drittel des Aufwands zu schultern. Und das Grafik-Büro erst! Das Briefing war eindeutig gewesen: Zu entwerfen und umzusetzen waren für eine Veranstaltung sechs Plakatmotive im CI von Expert(s)Connect mit jeweils vier unterschiedlichen Visuals und der immer gleichen Werbebotschaft, also dem immer gleichen Slogan, der schon eingeführt war. Das Budget war eindeutig beziffert. Das Angebot war akzeptabel, auch wenn Breidensteins Puffer nach oben voll ausgereizt würde. Die Sache war so gut wie geritzt, was wollte er sich also noch nach weiteren Dienstleistern umsehen? Lediglich Detailfragen sollten noch in einem persönlichen Meeting geklärt werden. Tendenziell – so hatte der Agenturchef in Aussicht gestellt – könnte man sogar noch über einen Mengenrabatt sprechen. Im Laufe des Meetings wurde Breidenstein ein Zugeständnis nach dem anderen abgerungen. Nachdem er – müde und apathisch – den Auftrag erteilt hatte, kam umgehend ein Anruf von der Agentur: Da habe es wohl ein Missverständnis gegeben. Weil sich Breidenstein da auf das ursprüngliche Angebot bezogen hatte. Das war nur ein Platzhalterpreis gewesen. Der Betrag, den man im Meeting besprochen hatte, galt nur für ein Visual pro Plakat. Breidenstein hatte einfach den Hörer aufgelegt. Dienstag stand dann plötzlich Joseph vor der Tür. Mit Gummistiefeln und Regenschirm unterm Arm. Deswegen also hatte man seine Schuhgröße wissen wollen. Breidenstein war zu Tränen gerührt. Nach zwei Wochen Monsoon herrschte auch bei den Kollegen gedrückte Stimmung. Oder Breidenstein hatte sie angesteckt. Er versuchte einige Male, seine Frau zu erreichen, aber bisher hatte sie sich immer verleugnen lassen. Super! Die Dinge, über die man nicht sprechen wollte, einfach ignorieren. Und was man nicht sehen wollte, einfach ausblenden. Insofern hatte sie sich ja gut an Indien angepasst. Hätte sie doch einfach mal den Mund aufgemacht! So wie durch den immerwährenden Regen der stinkende Dreck aus den Kanälen der Stadt nach oben gespült wurde, so dämmerte Breidenstein nach und nach, was die letzten Monate alles schiefgelaufen war. 132 Wann hatte er sich das letzte Mal ernsthaft mit Sandra unterhalten? Das musste an dem Abend gewesen sein, als sie ihn überredet hatte, Joseph eine zweite Chance zu geben. „Jeder hat eine zweite Chance verdient“, das waren ihre Worte gewesen. Übermorgen war ihr Geburtstag. Wenn er über Amsterdam flog, schaffte er es noch rechtzeitig. Imagine a day when it has poured, with rainfall at 300 mm or more. The city is flooded, public transport has broken down, the roads are inundated. You can still expect at least half of your workforce to report for duty. That is: Mumbai never gives up. Daily travel of almost about 3 hours does not deter people from doing their work on a normal day, they still work for much more than eight hours to ensure the situation does not create a backlog. 5.2 Verhandlung Comedy Acts, Zeitungsartikel, Blogs und selbst Interkulturelle Trainer sind sich einig: Inder verhandeln einen in Grund und Boden. Man sei ihnen einfach nicht gewachsen, so der Tenor. Oft wird Indern als Motivation ein diebisches Vergnügen am Feilschen zugesprochen; sie werden wahlweise als Schelme oder Strolche dargestellt. Dabei mischen sich Wahrheit und Klischee. In der Tat nehmen westliche Manager ihre indischen Partner als harte und geschickte Verhandler wahr; seinem Partner am Verhandlungstisch auf und an die Nerven zu gehen, ist für Inder aber kein Selbstzweck. Dennoch ärgern sich Expats oft über die nicht enden wollenden Gespräche, die sprunghaft erscheinen, in denen noch um den kleinsten Posten gerungen wird, und die mit einem unterzeichneten Vertrag noch lange nicht vorbei sind – vermeintliche Missverständnisse, beispielsweise, werden zum Anlass genommen nachzuverhandeln. Beim Phänomen des Jugaad wurde es schon angesprochen: Inder neigen zum Idealismus. Und genau das ist auch einer der Faktoren, die in Verhandlungssituationen einer schnellen, zufriedenstellenden Amit Bhargava, Managing Director, Asha Electronics Pvt. Ltd., Mumbai 133 Einigung im Wege stehen können. Wenn ich nämlich eine genaue Vorstellung davon habe, wie die ideale Einigung aussieht, ist meine Kompromissfähigkeit begrenzt, denn es ist das Ideal, nach dem ich strebe. Das Ideal wiederum ist kein willkürliches Hirngespinst – es steht am Ende eines Findungsprozesses: es ist wahrhaftig und erfüllt höchste moralische Ansprüche. Wenn ich aber der Überzeugung bin, meine Vorstellungen vom Verhandlungsergebnis sind denen meines Partners moralisch überlegen, ist mein Wille zum Kompromiss begrenzt. Da Verhandlungen in ihrer Eigenschaft als Kommunikationsform in den Theoriebereich fallen, greift hier auch nicht die Bereitschaft, Jugaad zu praktizieren. Dem deutschen Manager offenbart sich der indische Verhandlungspartner also als extrem kompetitiv, rechthaberisch und unbeweglich. Die Situation, in der sich der Expat befindet, kollidiert mit der Definition von „Verhandlung“ nach der Verhandlungstheorie, die er wahrscheinlich gelernt hat: Demnach beinhaltet diese Kommunikationsform die Bereitschaft sowohl zu nehmen als auch zu geben, so dass die beiden Verhandlungspartner – die völlig legitimer Weise unterschiedliche Interessen verfolgen – sich aufeinander zubewegen. Keine der beiden Positionen wird sich am Ende in ihrer Vollständigkeit aufrechthalten lassen. Und wieder einmal zeigt sich der Gegensatz zu indischen Tendenzen im Denken: Ein z.B. Harvard‘sches Verständnis von Verhandlung erscheint dem Westler pragmatisch und moralfrei. Die oben geschilderten idealistischen und moralistischen Tendenzen lassen nachvollziehen, warum viele Geschäfte mit potentiellen indischen Partnern schon in der Verhandlungsphase scheitern (ein akzeptabler Kompromiss wäre nicht vereinbar mit dem Ideal gewesen); warum Verhandlungen sich so in die Länge ziehen können (es lohnt sich, viel Zeit in die „ideale Lösung“ zu investieren und um sie zu kämpfen); und warum nach einer für beide Seiten vermeintlich zufriedenstellenden Einigung nachverhandelt wird (die „erfolglose“ Verhandlung hat die Sehnsucht nach dem Ringen um das Ideal vergrößert). Verstärkt wird die idealistische Sichtweise auf die eigenen Interessen durch eine Art anarchischen Individualismus, wie Studien finden. Das Stereotyp des Inders als kollektivistischer Mensch hat diese Tatsache leider überlagert. Kollektivistisches Denken und Verhalten bei Indern existiert jedoch vornehmlich innerhalb einer Sippe und begrenzt auch innerhalb der eigenen Kaste. Aber selbst hier sind of- 134 fensichtlich Konflikte zwischen einzelnen Mitgliedern an der Tagesordnung, mehr als in, z.B. ostasiatischen Kulturen, die ja ebenfalls als kollektivistisch bezeichnet werden. Außerhalb der eigenen Gruppe neigen Inder dazu, die in ihren Augen absolut gültige Rechtmäßigkeit der Position um jeden Preis zu verteidigen. Hier kann ein einzelner Verhandlungspartner während des Verhandelns sogar die Kollektivinteressen seiner Delegation sprengen und Firmenziele gefährden. Die Einsicht, dass Unbeweglichkeit destruktiv für das große Ganze sein kann, ist nachrangig. Für den westlichen Expat stellen sich zwei grundsätzliche Fragen: Zum einen, welche äußeren Erscheinungsformen bei einem solchen Denken (idealistisch plus anarchisch-individuell) sichtbar werden; und zum anderen die ungleich wichtigere Frage, welche Verhandlungsmethoden sich im Feld bewährt haben. Die Suche nach der „idealen Lösung“ bedeutet, dass dem Verhandlungspartner tendenziell sehr daran gelegen ist, den Verhandlungsgegenstand von allen Seiten zu beleuchten. Man darf also mit langen, detailverliebten Gesprächen und vielen Fragen rechnen. Suggestivfragen sind häufig. Da – aus indischer Perspektive – doch jedem klar sein müsste, dass der Partner das ‚Wahre und Rechtmäßige‘ vertritt, geht er extrem optimistisch und selbstbewusst in die Verhandlung. Wenn man auf seine Forderungen nicht eingeht oder sie zurückweist, kann er überrascht und enttäuscht sein – und emotional reagieren. In ihren Taktiken sind viele indische Geschäftspartner jedoch nicht naiv: So sollte man sich auf unrealistische Anfangsangebote einstellen, die im Gespräch schnell zu einem Anker werden können (High Balling, Low Balling). Sich in der Mitte zu treffen, würde damit die Maximalforderung der Partner erfüllen. Zugeständnisse sind dem Verhandlungspartner nicht einfach zu entlocken, und wenn er sie machen muss, tut er es widerwillig. Bei Zusagen hält er sich vage oder quittiert den Beitrag des Verhandlers mit langem Schweigen. Eventuell ist seine Frustration so groß, dass er nachverhandeln will, wenn der Vertrag bereits auf dem Tisch liegt oder gar unterzeichnet ist. Dennoch werden jeden Tag Verträge mit indischen Partnern ausgehandelt, die beide Seiten zufriedenstellen; viele indische Verhandlungspartner haben Erfahrungen in westlichen Ländern gesammelt und ihr kulturelles Repertoire erweitert; und westliche Expats wiederum haben von indischen Partnern gelernt. Die Universität 135 St. Gallen in Zusammenarbeit mit zwei Elitehochschulen aus Bangalore hat sich die Mühe gemacht, solcherlei Gelerntes zu dokumentieren. Hier sollen drei Highlights, die Verhandlungen einfacher machen können, genannt werden: Am erfolgreichsten erwies sich die partnerschaftliche Strategie, die die indischen Verhandler davon überzeugte, dass das Geschäft zu beiderseitigem Nutzen sei (Win-Win-Strategie). Vor dem Hintergrund einer idealistischen Denkart ist das nachzuvollziehen: So gilt es nicht, den Partner dazu zu bewegen, durch Zugeständnisse von seiner Position abzurücken, sondern ihn davon zu überzeugen, dass die ideale Lösung eine andere ist, als die, die er am Anfang hatte. Das erklärt übrigens auch, warum Taktiken, die den Partner unter Druck setzen oder einschüchtern sollen, bei indischen Verhandlungspartnern in der Regel nicht zum Erfolg führen. Es versteht sich von selbst, dass sich eine partnerschaftliche Strategie auch in der Auswahl ihrer Verhandler zeigt; bei wichtigen Deals sollten die hochrangigsten und wichtigsten Entscheider anwesend sein. Eine sorgfältige Vorbereitung ist wie immer unverzichtbar, bei indischen Partnern allerdings noch mehr als sonst. Die Aushandlung der Bedingungen erfolgt über die sachliche Argumentation, bei der Fakten, Zahlen und Analysen überzeugen sollten. Geschäftspartner wissen eine angenehme Gesprächsatmosphäre zu schätzen; mit einem Roten Teppich lassen sie sich jedoch nicht einwickeln – im Gegenteil, Stimmen aus der Praxis bestätigen, dass indische Verhandler bei zu vielen Aufmerksamkeiten eher misstrauisch werden. Auch wenn das Stereotyp besagt, Inder bevorzugten die indirekte Kommunikation, wünschen sich indische Verhandlungspartner direkte und präzise Reaktionen und klare Ansagen. Interessanterweise betreiben genau hier deutsche Geschäftspartner Überkompensation; sie versuchen also sich dem anzupassen, was ‚der Inder‘ vermeintlich möchte: einen Deutschen, der sich zurückhält, weil er sonst unhöflich sein könnte. Inder hingegen haben sich dahingehend geäußert, dass sie einen zur Direktheit neigenden Verhandlungspartner schätzen, da sie in einer Verhandlungssituation selbst auch eher konfrontativ sind. Es solle strictly business zugehen, auf intensive Beziehungsarbeit komme es in der Verhandlung nicht an (dafür gebe es andere Gelegenheiten). 136 Meiner Erfahrung nach sind indische Geschäftsleute sehr hartnäckig bei Verhandlungen, wenn es um Geld geht. Oft schon sind Geschäfte am Finanziellen gescheitert. Meistens dauern Verhandlungen sehr lange und enden ohne konkretes Ergebnis. Dann – nach sechs Monaten oder einem Jahr – kommt der indische Geschäftsmann wieder auf einen zu, will am alten Angebot anknüpfen und die Verhandlungen weiterführen. Diese Erfahrung habe ich tendenziell eher mit kleineren Unternehmen gemacht, und man darf auch nicht vergessen, dass der Wechselkurs zwischen dem Euro und der indischen Rupie oft eine große Rolle spielt. Kleinere Unternehmen verfügen auch oft nur über sehr knappes Kapital. Eine Sache, die mich persönlich stört: Man führt ein Gespräch mit einem bekannten Geschäftspartner und er verbleibt so, dass er auf einen zurückkommen wird. Es passiert dies aber gar nicht. Wenn man nach einem oder zwei Monaten anfragt, gibt es eine negative Meldung. Das Wort "Zwischenbescheid" existiert im Wörterbuch der meisten Geschäftsleute nicht. Das Gleiche geschieht bei einer Mail. Es gibt weder Rückmeldung noch einen Zwischenbescheid, auch wenn man sich schon lange kennt. Oft hält der Partner sich sehr lange alle Optionen offen. Schließlich wird empfohlen, dass deutsche Expats sich nicht so beweglich und pragmatisch zeigen, wie sie es mit beispielsweise anderen westlichen Verhandlungspartnern wären. Es gilt, viel länger auf seiner Position zu beharren und darauf zu verzichten, Zugeständnisse als Beschleunigungs- und/oder Schmiermittel benutzen zu wollen. Eine Tagesordnung ist dringend notwendig, sie sollte (bei einer Delegation) von den ranghöchsten Verhandlern festgelegt werden. Wichtige Punkte sind als erstes zu besprechen. Und obwohl man genügend Zeit für die Verhandlung mitbringen sollte, hat es sich als hilfreich erwiesen, gemeinsam einen festen Zeitrahmen zu erarbeiten, an den man sich hält. Am Ende braucht man eine schriftliche Einigung, die auch die Details klärt. Indische Geschäftsleute selbst akzeptieren mündliche Vereinbarungen in der Regel ebenfalls nur mit sehr engen und langjährigen Partnern. Bei Ralf Breidenstein ist kein Deal zustande gekommen, weil er wegen seiner persönlichen Situation nicht mehr in der Lage ist, Verhandlungen und Vereinbarungen die nötige Aufmerksamkeit Bhardwaj Dave, RATNA BERATUNG, Mumbai 137 entgegenzubringen. Das Grafik-Büro ist durch die vielen Zugeständnisse Breidensteins verwirrt und muss seine „ideale Lösung“ immer neu definieren („wenn es so einfach war, auch das noch zu bekommen, kann das doch nicht alles gewesen sein“). Und bevor ein Auftrag erteilt wird, müssten die Bedingungen in ihren Einzelheiten geklärt sein. 5.3 Vergehen von Hausangestellten Nicht nur für den Monsoon gilt das englische Sprichwort „It never rains, it pours“. Auch im Leben des Expat wird es Zeiten geben, in denen ein Unglück selten allein kommt. So hat Breidenstein nicht nur damit zu kämpfen, dass er gesundheitlich geschwächt ist und gerade von seiner Frau verlassen wurde – er muss nun auch mit dem äußerst unangenehmen Gefühl leben, mit Dieben unter einem Dach zu wohnen. Diebstahl und andere Vergehen (z.B. gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Hausangestellten) kommen leider immer wieder vor. Wie im Fall der Breidensteins macht meistens die Gelegenheit den Dieb. Dementsprechend sollte man Wertsachen nicht längere Zeit offen und für jeden zugänglich herumliegen lassen. Auch ist davon auszugehen, dass die Hausangestellten hier den Eindruck gewinnen mussten, ihr „Familienunternehmen“ würde demnächst zusammenbrechen. Anders als Ralf Breidenstein werden sie die Entwicklung in der Familie genau beobachtet und die Abreise Sandras vielleicht vorausgesehen haben. Für Hausangestellte können solche Situationen den Verlust der Arbeitsstelle bedeuten. Indische Familienmanagerinnen berichten, dass Diebstahl am häufigsten dann auftritt, wenn Angestellte bereits bei einem neuen Arbeitgeber angeheuert haben oder sie damit rechnen, ihren Job nicht mehr lange behalten zu können. Wenn der Expat einen Hausangestellten im Verdacht hat, Kleinigkeiten mitgehen zu lassen, sollte er ihn deutlich ansprechen und ihm gegebenenfalls mit der Polizei drohen. Gibt er den Diebstahl zu, muss man ihn entlassen. Andernfalls sollte man ihn zunächst engmaschiger beaufsichtigen. Verschwinden große Summen oder Wertgegenstände, bleibt dem Expat nichts weiter, als allen Angestellten im Haushalt gemeinsam und fristlos zu kündigen. Oft findet man den Übeltäter nicht und wird auch nie ermitteln können, ob der Diebstahl eine Gemeinschaftsarbeit war. Es gilt daher als großes Risiko, auch 138 nur einen Hausangestellten zu behalten. Die Betroffenen sollten unter Aufsicht von (vorzugsweise privatem) Wachpersonal packen und das Haus umgehend verlassen müssen. Ob man die Polizei einschaltet, sollte man sich gut überlegen. Es kann durchaus sein, dass die Behandlung der Verdächtigen (und damit auch der Unschuldigen innerhalb der Gruppe) rabiat ist. Es ist außerdem ratsam, in den Wochen nach den Kündigungen auf den Unmut der Gefeuerten vorbereitet zu sein und kurzeitig Security anzumieten. Inder sind sich darüber einig, dass man schweren Vertrauensbrüchen durch Kontrolle im Vorfeld vorbeugen kann. Vor Einstellungen sind Empfehlungen von vertrauenswürdigen Personen, wer für die Jobs geeignet wäre, hilfreich. Dann kann es eine gute Idee sein, von Hausangestellten und den Personen, die sie empfohlen haben, ein Foto zu machen. Oft besitzen die Kandidaten nämlich keine Ausweisdokumente. Wenn die Hausangestellten pendeln müssen, sollte man sie anfangs und auch später in regelmäßigen Abständen nach Hause bringen, so dass man weiß, wo man sie im Zweifelsfall finden kann. Billige Unterkünfte für ungelernte Arbeiter werden in der Regel nicht langfristig vermietet, und Wohnungswechsel von Dienstpersonal sind häufig. Am vielversprechendsten ist es jedoch, die Haushälterin zu begleiten, wenn sie ihre Kinder von der Schule abholt. Alle diese Maßnahmen sollen Hausangestellten signalisieren, dass es schwer sein wird, einfach von der Bildfläche zu verschwinden. Heutzutage sind natürlich auch Überwachungskameras im eigenen Haus eine Option. Insgesamt stellt der Vertrauensbruch, den Hausangestellte mit einem Diebstahl auch begehen, einen Schock für den Expat dar. Er verliert zunächst das Gefühl, in seinen eigenen vier Wänden sicher zu sein. Man sollte der Neigung, sich nicht mehr auf Hauspersonal einlassen zu wollen oder übermäßig misstrauisch zu sein, dennoch widerstehen. 139 Literatur- und Filmtipps Kumar, Rajesh. “Brahmanical Idealism, Anarchical Individualism, and the Dynamics of Indian Negotiating Behavior”. In: International Journal of Cross-Cultural Management, 2004, 39, DOI: 10.1177/1470595804038867. Ein unverzichtbarer Artikel, damit man als westlicher Expat wenigstens einen Eindruck vom kulturellen Programm erhält, welches beim indischen Verhandlungspartner im Hintergrund abläuft. Unser Top- Tipp. Moser, Roger und Carl Frederic Cohrssen. Strategies and Tactics in German/Swiss-Indian Negotiations: Lessons learned. http://www.fim.unisg.ch/~/media/internet/content/dateien/insti tuteundcenters/fim/india/fim-negotiation%20tactics%20in %20india-public%20summary Im Gegensatz zu Kumars theoretisierendem Ansatz ist dieses Public Summary deshalb so wertvoll, weil es sehr konkret auf typische Taktiken eingeht und berichtet, welche am Verhandlungstisch mit Indern erfolgreich waren, und mit welchen Deutsche bzw. Schweizer nicht weiterkamen. Gunnarsson, Sturla. Monsoon (Kanada, Frankreich, Indien, 2014). Ein Dokumentarfilm, im Monsoon von 2013 gedreht, der zeigt, wie das Leben in Indien von diesem Phänomen beeinflusst wird. Gunnarsson folgt dem Alltag verschiedener Inder, dem von Bauern und Fischern aber auch Mumbais Bürgern. Der Zuschauer im wettertechnisch gemäßigten Deutschland bekommt dabei einen Eindruck, wie sehr sich der Monsoon als Naturgewalt darstellt. Der schnelle Link http://www.health24.com/News/Public-Health/How-doctors-in- India-scam-sick-patients-20150225 Hier findet der Leser die häufigsten Betrugsmaschen indischer Krankenhäuser, die sich eher als Wirtschaftsunternehmen verstehen. Wenn man diesen Artikel gelesen hat, ist man geneigt, sich bei ernsthaften Gesundheitsproblemen nach Singapur oder Deutschland ausfliegen zu lassen. 140 http://thediplomat.com/2016/08/dealing-wth-the-growing-threatof-medical-malpractice-in-india/ Der Artikel erklärt, wie das System unbeabsichtigt unethisches und betrügerisches Verhalten von Ärzten und Krankenhäusern fördert, und welche Änderungen zu einer Verbesserung des Gesundheitssektors führen würden. http://indiatoday.intoday.in/story/servants-turn-killers /1/126671.html Auch Arbeitgeber können etwas dafür tun, dass Hausangestellte nicht zu Dieben (und Schlimmerem) werden. Fälle, in denen Dienstboten ihre Herrschaft ermordeten, machen jedoch auch deutlich, wie wichtig es ist, in eskalierenden Konfliktsituationen oder bei vorangegangenen kleineren Unregelmäßigkeiten Angestellte zu entlassen.

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Zusammenfassung

Immer mehr deutsche Unternehmen erkennen Indiens gewaltiges Marktpotential. Gleichzeitig ist das Land ein schwieriger Parcours für eine wirtschaftliche Zusammenarbeit oder Auslandsinvestition. Sind die ersten Schritte erfolgt, warten auf eine entsandte Führungskraft Herausforderungen, die sie ohne Kenntnisse des Gastlandes nur schwer meistern kann. An diesem Punkt setzt die interkulturelle Ratgeberliteratur an. Oft jedoch berücksichtigt sie gerade in großen Wirtschaftsräumen die regionalen Unterschiede nicht. Die Autorinnen schließen hier eine Lücke. Der zweite Band ihrer Reihe Erfolgreich als Expat in ... rückt die Wirtschaftsmetropole Mumbai (mit einem Ausflug in das Industriezentrum Pune) in den Mittelpunkt, informiert aber auch über Themen, die Indien als Ganzes betreffen. Dabei folgt der Leser den Erlebnissen eines fiktiven Expat-Paares und sieht die Welt mit deren Augen: In erklärenden Texten werden typische Herausforderungen an eine Führungskraft und die mitreisende Familie geschildert, mögliches Verhalten reflektiert und die Unterschiede zu indischen und Mumbai-spezifischen Denk- und Verhaltensweisen aufgezeigt. Obwohl der Leser auch Tipps zur Kommunikation (z.B. dem Lösen von Problemen) erhält, verzichten die Autorinnen auf die sonst typischen „Zehn-Goldenen-Regeln-für-den-Umgang-mit…“. Stattdessen lassen sie lieber Inder und Expats mit ihren Erfahrungen und Ratschlägen zu Wort kommen. Kurz: Erfolgreich als Expat in ... führt auf unterhaltsame Weise in das Leben als Ausländer im heutigen Indien ein.