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Vorwort des Herausgebers in:

Matthias Gille

Der koptische Papst Schenuda III., page 9 - 12

Beobachtungen zu Theologie und Biografie

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3839-0, ISBN online: 978-3-8288-6680-5, https://doi.org/10.5771/9783828866805-9

Series: Anwendungsorientierte Religionswissenschaft, vol. 11

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
9 Vorwort des Herausgebers Die koptischen Kirchenväter des dritten bis fünften Jahrhunderts sind jeder Theologin und jedem Historiker, die sich mit der Entwicklung der christlichen Kirche beschäftigen, vertraut. Sie hatten eine große Bedeutung bei der Formulierung der christlichen Dogmen, der Entwicklung der christlichen Spiritualität und der Gründung der Institution des asketischen und koinobitischen Mönchtums. Weniger bekannt ist, dass es im Laufe des 20. Jahrhunderts einige Personen in der koptischen Kirche gegeben hat, die eine umfassende kirchliche Erneuerung eingeleitet haben, die alle Bereiche des kirchlichen Lebens umfasst und sie trotz großer politischen Wirren, starker Emigration und muslimisch-christlicher Auseinandersetzungen wieder zu einer äußerst lebendigen und attraktiven Kirche werden ließ. Dies hat dazu geführt, dass die koptische Kirche viele Sorgen östlicher und westlicher Kirchen nicht bzw. kaum kennt: Jugendliche und Kinder sind in den Gemeinden sehr aktiv es gibt tausende von Ehrenamtlichen, die das kulturelle und spirituelle Leben gestalten und sich mit ihrer Kirche identifizieren. Das Mönchtum wurde wieder belebt: statt rund 200 in den 1960er Jahren hat die Kirche heute über tausend Mönche und neue Frauenkonvente haben zur Professionalisierung der diakonischen Arbeit beigetragen (hunderte von „Diakonissen“ sind in der Sozialarbeit tätig). Die Kirche expandiert und hat in den letzten 50 Jahren trotz mancher Schwierigkeiten ca. 500 neue Kirchen in Ägypten gebaut und renoviert und weitere ca. 400 Kirchen au- ßerhalb Ägyptens auf allen Kontinenten neu gegründet. Die Zahl der Bischöfe wurde seit den 70er Jahren vervierfacht. Neue Klöster, neue theologische Ausbildungstätten und andere Institutionen wurden in Ägypten und im Westen errichtet. Die Kirche nutzt mit großer Selbstverständlichkeit alle neuen Kommunikations- und Informationstechnologien. Es gibt keinen Priestermangel und der Zustrom von Novizen in die Klöster ist kaum zu bewältigen. Die Kirche ist ökumenisch aktiv und hat ihre Auslandsgemeinden gut mit der Heimatkirche vernetzt. Die Geschichte dieser Erneuerung ist mittlerweile bereits mehrfach in Studien dokumentiert worden. Allerdings sind die wichtigsten Akteure und Protagonisten dieser Erneuerungsbewegung sowie ihr theologisches Denken, ihre Einstellung zu sozialen und politischen Fragen noch kaum behandelt worden. Es gibt zwar einige zur Hagiographie neigende Schriften aus koptischer Hand, aber eine wissenschaftliche Würdigung 10 der Theologen, die die Erneuerung der Koptisch-Orthodoxen Kirche im 20. Jahrhundert maßgeblich prägten, steht noch aus. Ein erster Versuch kann in der hier vorgelegten Biografie des vor kurzem verstorbenen Papstes Schenuda III. gesehen werden. Das Buch trägt die vielfach verstreuten Daten zusammen und gibt einen Einblick in die theologische Position des Kirchenoberhauptes, der innerkirchlich zwar nicht unangefochten blieb, aber dennoch sicherlich zu einer der bedeutendsten charismatischen Figuren der Neuzeit gehörte und die Kirche sowie den theologischen Dialog der Orientalisch-Orthodoxen Kirchen mit westlichen und östlichen Kirchen über Jahrzehnte prägte. Im Blick auf die theologische Literatur, die hier (größtenteils in Übersetzung) zugrunde gelegt wurde, ist anzumerken, dass Papst Schenuda III. kein wissenschaftlich-akademischer Theologe im westlichen Sinne war. Er hat wie die meisten seiner Generation kein mehrjähriges Theologiestudium absolviert, sondern nach einem anderen Grundstudium Theologie in Abendkursen an dem koptischen Priesterseminar studiert, die erst speziell für diese Generation eingerichtet wurden. Viele seiner Werke unterscheiden sich von wissenschaftlich-theologischer Literatur in westlichen Kirchen erheblich, denn seine Schriften sind keine voluminösen Dogmatiken, exegetischen Abhandlungen oder systematischtheologische Erörterungen mit ausführlichen philosophisch-theoretischen Grundlegungen, die sich an ein theologisches Fachpublikum richten. Vielmehr handelt es sich größtenteils um populärwissenschaftliche Abhandlungen, die sich an das gesamte Kirchenvolk richten, aktuelle Fragestellungen des Glaubens und der Gesellschaft aufgriffen und praktische Lebensregeln und Orientierung zur Verfügung stellen wollten. Insoweit ist eher von theologischen Ansätzen zu sprechen denn von ausformulierten wissenschaftlichen Entwürfen theologischer Konzeptionen. Die Entwicklung einer wissenschaftlichen Theologie der Koptisch- Orthodoxen Kirche steht noch aus. Dennoch haben diese kleinen Schriften erhebliche Bedeutung gehabt. Sie wurden größtenteils über Jahrzehnte hinweg immer wieder neu gedruckt und waren Anlass für innerkirchliche und gesellschaftliche Diskussionen. Insoweit sind sie es wert genauer analysiert zu werden. Auch der hier wiedergegebene Lebenslauf ist keine vollständige Biografie, der auf originalen Archivmaterialien seines Nachlasses wie Briefen oder Dokumenten beruht und den Werdegang dieser Persönlichkeit detailliert beschreibt. Vielmehr ist es eine biografische Skizze, die einen ersten Einblick in die biografische Ent- 11 wicklung dieser Persönlichkeit bietet. Das Buch trägt aber erstmals viele Informationen aus verschiedenen Quellen mit wissenschaftlicher Methodik und Akribie zusammen, sodass ein wertvoller Ansatzpunkt für weitere biografische Forschung gegeben wird. Dieses Buch will insoweit dazu anregen ausführliche Forschungsarbeiten zu seiner Person, aber auch zu weiteren Personen der koptischen Erneuerung durchzuführen und sich intensiver mit Nachlässen zu beschäftigen sowie alle Werke und Schriften wissenschaftlich zu erforschen. Die Studie bietet im ersten Teil eine kurze Einführung und biografische Informationen zu Papst Schenuda III. und im zweiten Teil Einblick in zentrale Werke, die für die Theologie und den ökumenischen Dialog von besonderer Bedeutung waren. Eine lesenswerte Dokumentation für Theologen, Historiker und Religionswissenschaftler, die die Hintergründe der Entwicklung in der Nationalkirche Ägyptens und ihre Position im ökumenischen Dialog besser verstehen wollen. Der Band ist zudem eine wichtige Ergänzung zu den anderen Bänden der Reihe „Anwendungsorientierte Religionswissenschaft“, die die jüngeren Entwicklungen in Ägypten dokumentieren: Bd. 8 Wolfram Reiss (Hg.): Aufstieg und Fall der Muslimbruderschaft 2011-2013; Bd. 9 Cornelis Hulsman (Ed.): From Ruling to Opposition. Islamist Movements and Non-Islamist Groups in Egypt 2011-2013; Bd. 10 Cornelis Hulsman/Dana Serodio (Eds.): The 2014 Egyptian Constitution in Context. Wien, im November 2016 Prof. Dr. Wolfram Reiss

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Zusammenfassung

Papst Schenuda III. zählt zu den wichtigsten Kirchenführern der arabischen Welt im 20. Jahrhundert. Er verstarb am 17. März 2012 im Alter von 88 Jahren. Seine Biografie und Theologie haben die Koptisch-Orthodoxe Kirche über 40 Jahre hinweg maßgeblich geprägt. 1990 erhielt er eine Ehrenpromotion der Universität Bonn sowie 2011 den Augsburger Friedenspreis. Matthias Gillé wirft nach einer kurzen Einführung zur koptischen Kirche einen Blick auf das Leben des großen Kirchenführers und entfaltet sodann die Christologie und Soteriologie Schenudas III., die für die ökumenischen Dialoge der Orientalisch-Orthodoxen Kirchen mit westlichen und östlichen Kirchen von zentraler Bedeutung waren. Das Buch richtet sich an Theologen, Historiker, Religionswissenschaftler und all jene, die sich für die Christen in Ägypten interessieren. Für das Verständnis der jüngeren Entwicklungen innerhalb der Koptisch-Orthodoxen Kirche und ihrer Position im ökumenischen Dialog ist die Beschäftigung mit Papst Schenuda III. unerlässlich.