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2 Beobachtungen zur Biografie in:

Matthias Gille

Der koptische Papst Schenuda III., page 39 - 116

Beobachtungen zu Theologie und Biografie

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3839-0, ISBN online: 978-3-8288-6680-5, https://doi.org/10.5771/9783828866805-39

Series: Anwendungsorientierte Religionswissenschaft, vol. 11

Tectum, Baden-Baden
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39 2 Beobachtungen zur Biografie 2.1 Kindheit und Jugendzeit Papst Schenuda III., unter seinem bürgerlichen Namen „Naẓīr Ğayyid Ruwfāʾīl Ğād“108, wurde am 3. August 1923 in eine fromme Familie im Dorf Abnūb in der oberägyptischen Provinz Asyūṭ geboren.109 Koptisch getauft wurde er im Weißen Kloster, auch Anbā Schenuda110 Kloster genannt, in Sūhāǧ in Oberägypten. Er war das jüngste von acht Kindern, neben fünf Schwestern hatte er zwei Brüder. Seine Mutter starb ein paar Tage nach seiner Geburt an Kindbettfieber.111 Sein Vater, aus einer reichen Großgrundbesitzerfamilie in Oberägypten stammend, bat zunächst die älteste Tochter, sich um den Säugling zu kümmern.112 Der Vater heiratete daraufhin erneut, starb aber auch wenige Jahre später.113 Das Kleinkind wurde mit dem fünf Jahre älteren Bruder Šawqī von seinem großem Bruder Ruwfāʾīl und dessen Familie großgezogen.114 Aufgrund der Arbeit seines Bruders mussten sie mehrmals innerhalb Ägyptens umziehen. So ging Naẓīr Ğayyid zunächst in eine koptische Schule in Damanhur, danach in eine amerikanische Schule in Banhā (beides Städte nördlich von Kairo) und daraufhin in die Al-Imān (Mittel-)Schule in Šubrā, einem Stadtteil von Kairo.115 Die allgemeine Hochschulreife 108 In Ägypten gibt es keine Vor- und Nachnamen. Im Pass stehen vier Namen, der eigene Name, der Name des Vaters, Großvaters und Urgroßvaters: نظير .(Naẓīr Ğayyid Ruwfāʾīl Ğād) جيد روفائيل جاد 109 Vgl. Mikhail 2013 sowie St. Antonius-Kloster 2016b. Die Stadt Asyūṭ hat einen verhältnismäßig hohen koptischen Bevölkerungsteil, ist aber in den letzten Jahrzehnten immer mehr von Auswanderungen der Christen betroffen. 110 Der Name Schenuda bezieht sich hier auf den Eremiten Schenuda von Atripe aus dem 5. Jahrhundert. 111 Vgl. Schenouda III. 2006, 17. 112 Vgl. Reiss 1998, 94. Watson schließt von den frühen Fotos auf einen mittelständischen Hintergrund. Vgl. Watson 1997, 243. 113 Vgl. Schenouda III. 2006, 17. 114 Gespräch mit dem koptischen Abūnā Aksiyūs aus dem Kloster Anbā-Bišūy am 21.09.13 und vgl. Meinardus 2002, 79 und Watson 1997, 243 sowie Reiss 1998, 94. Anbā heißt unser Vater, wird aber nur als Anrede für Bischöfe verwendet. Der koptische Titel wurde vom hebräischen Abba abgewandelt durch die idenditätsbewusste Sonntagsschulbewegung. Vgl. Hasan 2003, 205. 115 Vgl. Meinardus 2002, 79f. Die Al-Imān Schule war damals gemäß Meinardus eine koptische Schule (vgl. Meinardus 1998, 60). Heute ist sie es laut meiner Ehefrau Maggie Gillé aus Šubrā nicht mehr, wahrscheinlich wurde sie unter 40 bekam er von einer weiteren Schule namens Rāġib Murğān in Al-Fağğāla, einem Innenstadtteil Kairos.116 In Kairo konnten sie länger bleiben, da der Bruder beim Finanzministerium eine Dauerstellung als Abteilungsleiter erhalten hatte.117 In seinen jungen Jahren hatte Schenuda III. zunächst wenig Spielkameraden,118 dafür las Naẓīr Ğayyid unheimlich viel und gern, u.a. auch bekannte westliche Autoren119. Dies half ihm auch in der Schule, einen Schritt voraus zu sein und regelmäßig Klassenbester zu werden.120 Zeitweise litten seine Noten ein wenig, als er sich ausschließlich auf Gedichte fokussierte.121 Er begann nämlich schon früh, Gedichte zu lesen, auswendig zu lernen und mit ca. 14 Jahren selbst zu schreiben.122 Zwei Jahre später lernte er die Prinzipien und Elemente der arabischen Poesie, um seine Gabe zu verbessern.123 Gedichte blieben eine Leidenschaft seines Lebens. Seine Rezitierungskünste verschafften ihm Ansehen bei Lehrern und später Kommilitonen.124 1939 war er im Alter von 16 schon in der Sonntagsschule als Lehrer aktiv, die noch nicht lange vorher zum ersten Mal angeboten wurde, um die christliche Bildung in der koptischen Kirche zu verbessern.125 Er lehrte zunächst in der St. Maria-Kirche in Mahmaša in Kairo und allerspätestens ab 1946 in der St. Antonius-Kirche in Šubrā (Kairo).126 Laut Reiss nahm er schon 1940, mit 17 Jahren, zum ersten Mal an Versammlungen der St. Antonius-Kirche teil.127 Gemäß Bāḫūmiyūs und Irmiyā wirkte er aber Gamal Abdel Nasser (wie viele andere auch) verstaatlicht. Vgl. zur Verstaatlichung der Schulen, Hesemann 2012, 285. Laut der arabischen Biografie von Anbā Bāḫūmiyūs und Anbā Irmiyā (vgl. dies. 2012, 16) ging er vor Banhā noch in Alexandria und Asyūṭ zur Schule. 116 Reiss schreibt, dass er von der Al-Imān Schule absolvierte. Vgl. Reiss 1998, 94. Bāḫūmiyūs/Irmiyā (vgl. dies. 2012, 16) gehen dagegen als letzte Schulstation von der Rāġib Murğān Schule aus. 117 Vgl. Reiss 1998, 94. 118 Vgl. Schenuda III. 2013. 119 U.a. Shakespeare, die Geschichten von Sherlock Holmes oder dem russischen Autor Tolstoy. Vgl. ebd. 120 So beschreibt er es zumindest selbst im Rückblick. Vgl. CYC 2014. 121 Vgl. Schenuda III. 2013. 122 Vgl. St. Takla 2013 und Schenouda III. 2006, 17. 123 Erst diese Gedichte betrachtete er wirklich als Gedichte. Vgl. CYC 2013. 124 Vgl. Schenuda III. 2013. 125 Vgl. Mikhail 2013 sowie Reiss 1994, 85. 126 Vgl. Bāḫūmiyūs/Irmiyā 2012, 16 und St. Takla 2013. 127 Vgl. Reiss 1998, 94. 41 erst (richtig) ab 1946 in der St. Antonius-Kirche in Šubrā.128 Auf jeden Fall wurde die St. Antonius-Kirche zu seinem Hauptort für seinen kirchlichen Dienst, bevor er ins Kloster eintrat.129 Naẓīr wuchs zu einer führenden Gestalt des Sonntagsschulzentrums heran.130 Zusätzlich half er spätestens ab 1949 noch im Sonntagsschulhaus der Erzengel-Michael- Kirche mit.131 2.2 Studienzeit Nach der Schule begann Naẓīr Ğayyid 1943132, Geschichte und Englisch an der Philosophischen Fakultät der Universität Kairo133 zu studieren und schloss dort 1947 mit 24 Jahren mit einem Bachelor of Arts in Geschichte ab.134 Seine Semesterferien im Sommer verbrachte er gerne im St. Maria-Kloster, bekannt unter dem Namen دير السريان (Dayr As-Suryān), d.h. dem syrischen Kloster in Wādī An-Naṭrūn.135 Nach dem Bachelorstudium begann er am archäologischen Institut einen Aufbaustudiengang.136 Während des Bachelorstudiums wurde er gleichzeitig von der 128 St. Takla 2013 schildert die Reihenfolge genau umgekehrt (erst St. Antonius und dann Mahmaša) Vgl. St. Takla 2013. Bāḫūmiyūs/Irmiyā (2012) ist aber die bessere Quelle, da sie Schenuda III. definitiv sehr gut kannten. 129 Vgl. Bāḫūmiyūs/Irmiyā 2012, 16. 130 Vgl. Reiss 1998, 94. 131 „Obwohl er in St. Antonius sein eigentliches geistliches Zuhause sah, arbeitete er auch in der Erzengel-Michael-Kirche mit und intensivierte vor allem sein Engagement in dem von dem Zentrum begründeten ‚Sonntagsschulhaus‘, nachdem dessen Direktor, Edward Benyamin, 1949 nach Äthiopien ging.“ Reiss 1998, 132. 132 Reiss schreibt hier von der Immatrikulation im Jahr 1948, meint damit aber eventuell den Aufbaustudiengang. Vgl. Reiss 1998, 94. 133 Die Universität hieß damals noch (bis 1953) Universität König Fuad I. Vgl. Reiss 1998, 98. Für den arabischen Begriff „Kulliyyat Al-Ādāb“ bevorzugt Reiss die Übertragung „Fakultät für Arabische Geschichte und Literatur“. Vgl. Reiss 1998, 94. 134 Vgl. St. Takla 2013. U.a. Meinardus (vgl. ders. 2002, 80) spricht von Geschichte und Englisch. Bāḫūmiyūs/Irmiyā (vgl. dies. 2012, 16) schreibt nur Geschichte. Wahrscheinlich besuchte Schenuda III. neben oder als Teil des Geschichtsstudienganges Englischkurse. Papst Schenuda III. spricht jedenfalls fließend Englisch. O’Mahony spricht sogar (fälschlicherweise?) von einem Abschluss in Englisch, erwähnt dafür Geschichte gar nicht. Vgl. O’Mahony 2006, 507. 135 Vgl. St. Takla 2013. 136 Vgl. O’Mahony 2006, 507. 42 Armee zum Reserveoffizier ausgebildet.137 Diese Ausbildung schloss er 1947 als Klassenbester ab.138 Ein Jahr später kämpfte er im ersten arabisch-israelischen Krieg von 1948 als Infanterieoffizier.139 Laut Langener erkämpfte sich Naẓīr sogar eine Tapferkeitsmedaille, was auch zu Ḥağğīs Aussagen passt, der von einem Foto Schenudas III. mit zwei Sternen spricht.140 Nach dem Bachelorstudium verdiente Naẓīr Ğayyid sein Geld zunächst als Schullehrer in Kairo für Englisch, Geschichte und Sozialwissenschaften, z.T. arbeitete er aber auch als Journalist.141 2.3 Theologisches Seminar Seit 1946 besuchte er die kurz zuvor eröffneten Abendveranstaltungen des koptisch-orthodoxen Seminars, d.h. noch während seines letzten Jahres im Bachelorstudium an der Universität Kairo. Der Dekan des theologischen Seminars Ḥabīb Ğirğis machte für ihn eine Ausnahme.142 Ab 1947 unterrichte Naẓīr morgens an einer Kairoer Schule, besuchte nachmittags Vorlesungen am archäologischen Institut und abends Theo- 137 Vgl. St. Antonius-Kloster 2016b sowie St. Takla 2013. 138 Vgl. Bāḫūmiyūs/Irmiyā 2012, 16. und CYC 2013. 139 Vgl. Meinardus 1998, 60; O’Mahony 2006, 507; Van Doorn-Harder 2011, 157 sowie Fastenrath 2007. 140 Vgl. ebd. sowie Langener 2009, 223. 141 Meinardus schreibt, dass Schenuda zunächst als Journalist arbeitete. In dieser Arbeit erwähnt er die Tätigkeit als Schullehrer gar nicht (vgl. Meinardus 1998, 60). Schenuda III. war aber zunächst hauptsächlich als Schullehrer tätig, schrieb jedoch gleichzeitig zwischen 1947 und 1948 schon einige Artikel (siehe unten Kap. 2.3), was auch Bāḫūmiyūs/Irmiyā erwähnten (vgl. dies. 2012, 17). Die erste Tätigkeit als Schullehrer bestätigt auch der anglikanische Bischof Munīr in seinem Nachruf für Papst Schenuda III.: „Several times Pope Shenouda mentioned to me that he appreciated the fact that he started his career as a teacher of English in our Anglican School in Cairo.“ Vgl. Mounir 2012. Bzgl. der Schulfächer: Vgl. Hesemann 2012, 286. Die Homepage der koptisch-orthodoxen St. Georg-Kirche in Stuttgart (vgl. St. Georg 2013) schreibt Englisch und Arabisch. St. Takla 2013 erwähnt nur Englisch und Geschichte. Spuler 1977, 278 erwähnt nur Englisch. 142 Vgl. St. Takla 2013. Erst ab 1941 bzw. größtenteils erst ab 1945 wurde durch die Umbildung des theologischen Seminars mit einer Abendsektion unter der Leitung von Ḥabīb Ğirğis auch gebildeten Laien ermöglicht, am Priesterseminar Theologie zu studieren. Vgl. Reiss 1998, 175f. „Papst Shenoude III. gehörte zu den ersten, die diese neu begründete Studienmöglichkeit am Priesterseminar nutzten.“ Ebd. 43 logiekurse.143 Am koptischen Seminar graduierte er 1949 mit 26 Jahren mit einem Bachelor of Theology,144 ebenfalls als Klassenbester.145 Nach seiner Graduierung wurde er am selben Seminar direkt Lehrbeauftragter für Exegese im AT und NT.146 Zugleich wurde er Mitarbeiter und Herausgeber des Sonntagsschulmagazins, das seit April 1947 erschien.147 Zunächst hatte er in der koptischen Zeitschrift „Al-Ḥaq“ (die Wahrheit) 1947-1948 einige Artikel geschrieben.148 Ab 1947 schrieb er auch geistliche Gedichte149 und Artikel im bereits erwähnten Sonntagsschulmagazin („Madāris Al-Aḥad“).150 Die Redaktionsleitung des Sonntagsschulmagazins, das hauptsächlich geistliche, aber teils auch politische Themen aufgriff, hatte er zunächst von Ende 1949 bis zu seinem Klostereintritt 1954 inne.151 Seine regelmäßigen Artikel seit 1951 wurden 1957 zum ersten Mal in einem Buch herausgegeben mit dem Namen Befreiung der Seele152. Es wird noch heute von vielen153 als sein wichtigstes Buch angesehen und auch Schenuda III. selbst sagt, dass es ihn am meisten repräsentiere.154 Er betont darin eine spirituell-asketische Lebensweise 143 Vgl. Hesemann 2012, 286. 144 Vgl. St. Antonius-Kloster 2016b sowie St. Takla 2013. Meinardus nennt es B.D. = Bachelor of Divinity. Vgl. Meinardus 2002, 80. 145 Vgl. Schenouda III. 2006, 17 und Bāḫūmiyūs/Irmiyā 2012, 16. 146 Vgl. Meinardus 2002 , 80 und St. Takla 2013 sowie Reiss 1998, 176. Eine andere koptische Quelle spricht von Exegese und Dogmatik. Vgl. Girgis 2013. 147 Vgl. Mikhail 2013; St. Antonius-Kloster 2016b sowie St. Takla 2013. Qumus = Titel höher als normaler Priester, aber niedriger als Bischof. Vgl. unten Exkurs Priestertum am Ende von Kap. 3.2.3.3. – Laut St. Georg 2013 widmete er seine Zeit auch der Sonntagsschule in Rauḍ Al-Farağ (Kairo). Vgl. St. Georg 2013. 148 Dazu wurde er u.a. durch seinen Beichtvater Al-Qummuṣ Yūsuf Al-Qadrī aus Šubrā ermutigt. Er schrieb sieben Artikel von 1947-1948. 149 In Bezug auf seine Gedichte gilt die Zeit zwischen 1946 und 1962 (1963) als seine produktivste Zeit. Er schrieb mindestens 25. Vgl. Bāḫūmiyūs/Irmiyā 2012, 17. Einige seiner Gedichte aus dieser Zeit sind 2006 in einem deutschen Buch veröffentlicht worden: Vgl. Schenouda III. 2006. Für eine arabische, teils englische Gedichtauswahl (o.A.) siehe Shenouda III 2014. 150 Bāḫūmiyūs/Irmiyā 2012, 16. 151 Bzw. ab 1950, im Oktober 1949 ging E. Benjamin nach Äthiopien. Die offizielle Wahl erfolgte erst 1950. Vgl. Reiss 1998, 132 sowie Bāḫūmiyūs/Irmiyā 2012, 17. 152 Engl. Ausgabe: Release of the Spirit, im Original إنطالق الروح (Inṭilāq Ar-Rūḥ). Siehe auch Reiss 1998, 151 sowie Van Doorn-Harder 2011, 185f. 153 Z.B. von Abūnā Ifrāyim oder Anbā Būlā. Interview mit Anbā Būlā am 19.09.2013 in Kairo. So auch Watson 1997, 245. 154 Vgl. Bāḫūmiyūs/Irmiyā 2012, 76. 44 inklusive des kontemplativen Gebetes, durch die ein Christ gegen die Sünde kämpfen und so bei Gott immer wieder neu Befreiung finden kann.155 1949 legte Naẓīr selbst den Takrīs ab, eine Art Weihung für den Kirchendienst, die aber nicht zwangsläufig auf das Mönchtum oder Priesteramt hinauslaufen musste.156 Im Fall von Naẓīr Ğayyid bedeutete es aber, dass er seinen Beruf als Schullehrer niederlegte. Er widmete sich der Betreuung der Kinder im Sonntagsschulhaus, das von der Erzengel- Michael-Kirche begründet wurde157, und unterrichtete hauptberuflich im theologischen Seminar in Kairo. 1950 wurde er zum Direktor des Sonntagsschulhauses gewählt, zu dem auch das Sonntagsschulmagazin gehörte.158 1952 wurde er dann zum Leiter eines Sonntagsschulkomitees gewählt, ein Amt von dem er aber wieder zurücktrat, um mehr Zeit für seine Lehrtätigkeit zu haben.159 1953 wurde er nämlich Dozent bzw. Lehrbeauftragter an der Theologischen Hochschule in Ḥilwān.160 Mit anderen Aktiven arbeitete Naẓīr zudem daran, eine starke Sonntagsschule und Jugendgruppe an der St. Antonius-Kirche in Šubrā aufzubauen. Aus diesem Dienst gingen zahlreiche, d.h. evtl. Hunderte161, eifrige Diener hervor, die begannen, Jugendgruppen in Nachbarkirchen aufzubauen.162 Damit führte er den Dienst von Ḥabīb Ğirğis163, dem 155 Siehe die deutsche Version des Buches unter St. Antonius-Kloster 2016a. Historisch ist das Buch auch als Umkehrruf an die Zustände der Kirche damals zu sehen. Vgl. dazu Hulsman 2002. 156 Vgl. Bāḫūmiyūs/Irmiyā 2012, 17. Siehe für die verschiedenen Bedeutungen des Begriffes Takrīs bei Reiss 1998, 170-202; vor allem 171-174. Vgl. unten Kap. 2.10.2.2. 157 Vgl. Reiss 1998, 132. 1950 nahm Naẓīr Ğayyid zudem an einem Freizeitlager teil, die ab 1948 erstmals stattfanden. Vgl. Reiss 1998, 121. 158 Vgl. Reiss 1998, 132. 159 Vgl. Bāḫūmiyūs/Irmiyā 2012, 17. 160 In Ḥilwān liegt heute die südlichste Metrostation im Kairo-Netz. Es ist eine eigene Stadt, gehört jedoch zum Großraum Kairo bzw. zur Metropolregion. – Bāḫūmiyūs/Irmiyā sprechen von einer Mādrasat Ar-Ruhbān (Mönchschule). Andere schreiben monastic college. Meinardus nennt es Theologische Hochschule. In der Jahreszahl unterscheiden sich beide hier. Laut Meinardus lehrte Schenuda hier ab 1950, Bāḫūmiyūs geht von 1953 aus. Ich folge Bāḫūmiyūs, da er Schenuda III. näher kannte. Vgl. Bāḫūmiyūs/Irmiyā 2012, 17 und Meinardus 1998, 60 sowie für den Begriff monastic college siehe St. Abraam Church 2013. 161 St. Takla 2013 spricht von Hunderten, was nicht unwahrscheinlich ist, wenn man die rasante Ausbreitung der Jugendgruppen betrachtet. Vgl. dies. 162 Vgl. St.Takla 2013. 163 Ḥabīb Ğirğis beeindruckte ihn tief laut St. Georg 2013. 45 Gründer der koptischen Sonntagsschulbewegung164, fort und wurde zum Initiator der Jugendgruppen in der Koptisch-Orthodoxen Kirche.165 2.4 Klostereintritt Am 18. Juli 1954, mit fast 31 Jahren, entschied Naẓīr Ğayyid sich für die Einsamkeit der ägyptischen Wüste. Er trat ins Kloster Dayr As-Suryān in Wādī An-Naṭrūn166 als Mönch ein.167 In diesem nach koptischem Verständnis engelhaften Leben168 des Mönchtums nahm er sich den großen Einsiedler St. Antonius zum Vorbild und lebte sogar mehrere Jahre in einer Höhle.169 Neben Antonius hatten sowohl der ermutigende Klostervorsteher Anbā Theophilus als auch der äthiopische Asket Abūnā ʿAbd l-Masīḥ Al-Ḥabašī eine Vorbildfunktion.170 Anbā Theophilus öffnete die Türen des Klosters für Akademiker-Mönche, was damals eine völlige Neuheit darstellte.171 Schenuda III. sagte später sinngemäß in einem Interview, dass schon vor seinem Eintritt in das Mönchsleben das Mönchsleben in sein Herz eingedrungen sei.172 Es war also für ihn nur die logische Konsequenz, ins Kloster einzutreten. Ein weiteres Vorbild für Naẓīr Ğayyid war in dieser Zeit auch Yūsuf Iskandar, der nach seinem Klostereintritt 1948 als Abūnā Mattā, bzw. Mattā Al-Miskīn (Matthäus der Arme) bekannt wurde. Seine Spiritualität beeindruckte Naẓīr Ğayyid und auch sein erstes Buch (Befreiung der 164 Siehe dazu Kap. 2.10. 165 Vgl. Meinardus 2002, 80. 166 Wādī An-Naṭrūn liegt ungefähr in der Mitte zwischen Kairo und Alexandria in der Wüste. 167 Zu dieser Zeit wurde das monastische Leben nicht als geeigneter Weg für gebildete Kopten angesehen, doch Anbā Theophilus As-Suryānī hatte andere Vorstellungen und zog durch seine aufgeklärte Weise viele Universitätsabsolventen an. Vgl. Watson 1997, 245. Da dieses Modell zum Vorbild wurde, ist es heute für Mönche üblich, zuerst eine Ausbildung oder einen Uniabschluss zu haben, bevor man ins Kloster eintritt. 168 Vgl. Meinardus 1977, 15. 169 Father Mīḫāʾīl spricht von 6 Jahren. Vgl. Mikhail 2013. Eine Höhle davon hat der Papst (zusammen mit anderen Helfern) sogar selbst für sich ausgehauen. Vgl. CTV 2014. 170 Vgl. Watson 1997, 246 sowie O’Mahony 2006, 507. Der äthiopische Mönch lebte seit 1935 ein radikalasketisches Einsiedlerleben 3 Meilen südlich vom Kloster in Wādī An-Naṭrūn. Vgl. ebd. 171 Vgl. Reiss 1998, 183f. 172 Vgl. CTV 2014. 46 Seele) wurde von ihm beeinflusst. Die Hinweise auf dieses Lehrer- Schüler-Verhältnis wurden später aber aufgrund ihrer langjährigen Differenzen nicht mehr betont oder erwähnt.173 Als Mönch bekam Naẓīr Ğayyid nun den Namen Anṭūniyūs As-Suryānī,174 den er sich mit Genehmigung des Klostervorstandes selber aussuchte.175 Auch schon vor seiner Priesterweihe 1958 wurde er in Ägypten nun Abūnā176 Antonius genannt. Vor seiner Einsiedlerzeit in der Höhle hatte er im Kloster u.a. die Funktion des Klosterbibliothekars inne. Die Bibliothek wurde – bzw. wird laut Anbā Bāḫūmiyūs noch heute – als eine der wichtigsten Klosterbibliotheken angesehen.177 Abūnā Antonius sortierte diese Bibliothek völlig neu und verbrachte seine Zeit außer mit den üblichen Stundengebeten und Fastenzeiten auch mit dem Lesen der Kirchenväter und der Kirchengeschichte.178 Die erste Zeit im Kloster lebte Abūnā Antonius in der Gruppe mit den anderen Mönchen zusammen. Danach lebte er mehr alleine in einem kleinen Raum mit spärlichen Möbelstücken, z.B. einem kleinen Schreibbrett am Boden. Ein Schlaf- 173 Vgl. zu diesem Absatz Reiss 1998, 188. Siehe Exkurse in Kap. 3.2 für die Differenzen. Eine kurze Zeit seines Klosterlebens verbrachte er auch im St. Samuel-Kloster mit Mattā Al-Miskīn, doch er kehrte 1957 wieder ins Syrerkloster zurück. Vgl. Meinardus 1977, 13. 174 Vgl. Mikhail 2013. As-Suryāni = der Syrer; da er aus dem Syrer-Kloster stammte. Der Name des Mönches wird i.d.R. mit dem Namen des Klosters ergänzt. Vgl. Schenouda III. 2006, 18. Der Klostername kam daher, dass das im 6. Jh. gegründete Kloster im 8. Jh. von syrischen Kaufmannsleuten für Mönche aus ihrer Heimat gekauft wurde. Vgl. Reiss 1998, 183. 175 Gespräch mit dem jetzigen Vorstand des Klosters Dayr As-Suryān am 21.09.2013. Meinardus schreibt, dass der Klostervorsteher Anbā Theophilus ihm den Namen gab, aber beides schließt sich nicht unbedingt aus. Vgl. Meinardus 2002, 80. Bischof Theophilus war Klostervorsteher von 1948-1989. Vgl. St. Georg 2013. 176 Abūnā = „unser Vater“ bzw. im Deutschen würde wohl man einfach „Vater“ sagen. Der arabische Begriff wird aber bei einigen koptischen Priestern in Deutschland meist stehen gelassen. In Ägypten werden Mönche auch „Abūnā“ genannt, selbst wenn sie keine Priesterweihe haben. 177 Vgl. Bāḫūmiyūs/Irmiyā 2012, 17. Meinardus nennt sie eine „(…) der ältesten und größten Klosterbibliotheken in Ägypten (…)“. Meinardus 1998, 60. – Im 10. Jh. wurde das Kloster mit zahlreichen Handschriften ausgestattet, die zu einer bedeutenden Sammlung anwuchs. Der größte Teil der ehemals bedeutenden Bibliothek ist aber heute im Vatikan und im Britischen Museum zu finden, da im 18. und 19. Jh. zahlreiche Reisende aus Europa wertvolle Manuskripte aufkauften oder auch stahlen. Vgl. Reiss 1998, 183. 178 Vgl. Meinardus 2002, 80 und Bāḫūmiyūs/Irmiyā 2012, 17. 47 raum lag in dieser Klosterzelle eine Etage höher und war nur durch eine sehr schmale Öffnung erreichbar, zu der man hochklettern musste. Geschlafen wurde hier auf dem Fußboden ohne Bett.179 Er arbeitete zeitweise auch im Klostergarten und lebte dort in verschiedenen Klosterzellen.180 Das Mönchsleben war sehr prägend für Abūnā Antonius und selbst als Papst lebte er es trotz aller Verpflichtungen in einem erstaunlichen Umfang weiter.181 Schon 1956 wurde Abūnā Antonius nach dem Rücktritt von Papst Yūsāb II. als Kandidat ins Spiel gebracht. Die neue Wahlregel von 1957, die u.a. gegen den jungen Abūnā Antonius sowie Abūnā Mattā Al-Miskīn gerichtet war, schrieb dann aber ein Mindestalter von 40 Jahren und 15 Jahre Mönchtum vor.182 2.5 Priesterweihe Bei seiner Priesterweihe am 31.08.1958 war Abūnā Antonius 35 Jahre alt.183 Auch wenn Papst Schenuda III. vorher am koptisch-orthodoxen Seminar Theologie studierte, war es damals keine Pflicht, zuerst Theologie zu studieren. Es werden heute im Kloster zwar bevorzugt Leute mit theologischer Vorbildung genommen, aber es ist bis heute keine Verpflichtung.184 Dennoch gehen Mönche heute durch eine bestimmte Trainingszeit, die auch viele Studien enthält. Zuvor als Novize durchläuft man eine unterschiedlich lange Prüfungsphase, bevor man als richtiger Mönch aufgenommen wird.185 In der koptischen Kirche erhalten 179 Gespräch/Interview mit Abūnā Būlus aus dem syrischen Kloster, der mir diesen Raum am 21.09.2013 zeigte. Laut seiner Aussage lebte er hier ca. drei Jahre. In einer CTV-Fernsehdokumentation wird aber von verschiedenen Zimmern gesprochen, in denen Abūnā Antonius lebte. Vgl. CTV 2014. 180 Vgl. CTV 2014. 181 Vgl. Watson 1997, 245. 182 Vgl. Hulsman 2012b. Schenuda III. stimmte dieser Regel wohl nicht zu, zumindest finden sich laut Hulsman im Sonntagsschulmagazin aus den Jahren 1956-1958 Artikel dagegen. Vgl. ebd. Siehe auch Reiss 1998, 199-202 sowie Hulsman 2014b. Siehe auch Van Doorn-Harder 2011, 127. Laut Ṭāriq Ḥağğī brachte er sich sogar selbst in Spiel. Vgl. Casper 2013, 3. 183 Gegen St. Antonius-Kloster 2016b sowie St. Takla 2013 und O’Mahony 2006, 507 laut denen er 1955 zum Priester geweiht wurde. Laut Bāḫūmiyūs/Irmiyā sowie St. Georg Stuttgart war es erst 1958. Vgl. Bāḫūmiyūs/Irmiyā 2012, 18 und St. Georg 2013. 184 Gespräch mit Abūnā Aksiyūs im Kloster Anbā Bišūy in Wādī An-Naṭrūn am 21.09.13. 185 Zumindest im Kloster Anbā Makarius ist die Studienzeit sehr intensiv u.a. mit Griechisch, Koptisch und Kirchenväterstudien. Die Trainingszeit bzw. auch 48 zwar viele, aber nicht alle Mönche zusätzlich früher oder später die Priesterweihe. Es gibt auch Mönche, die dies ablehnen. Normale Kirchenpriester, die in der koptischen Kirche heiraten müssen, haben dagegen seit Papst Kyrill VI. eine verpflichtende theologische Ausbildung zu durchlaufen.186 Laut eigener Aussage wollte Schenuda III. gar nicht Priester werden, sondern als Mönch in der Einsamkeit der Wüste leben.187 Der Grund, warum er das Priesteramt dennoch annahm, lag darin, dass das Kloster zu wenige Beichtväter188 für die Mönche hatte.189 Dadurch wurde er zum spirituellen Wegweiser für viele junge Mönche.190 Seine Wüstenzeit lag vor allem in den Jahren 1956-62, also zu Beginn zeitgleich mit der Suezkrise (1956-57). Seine Höhle war zunächst ca. 3 km vom Kloster entfernt.191 Das Höhlenleben wurde laut der Aussage eines Mönches alle paar Wochen durch einen kurzen Aufenthalt im Kloster unterbrochen.192 Dass er nicht ganz ununterbrochen in der Höhle lebte, sieht man auch daran, dass Papst Kyrill VI. ihn im Juni 1959 zu einem seiner drei Sekretäre berief. Papst Kyrill VI. lernte Naẓīr Ğayyid im Jahre 1950 in Altkairo kennen, als dieser selbst noch kein Papst war. Schenuda III. beschrieb ihr Verhältnis in dieser Phase als sehr gut.193 Die Berufung zum Sekretär erfolgte 1959, nur einen Monat nachdem Papst Kyrill VI. selbst eingesetzt wurde.194 Dieser wurde erst nach einem langen Nachfolgestreit (1956-59) geweiht. Die Verantwortung von Abūnā Antonius lag im theologischen und kanonisch-juristischen Bereich.195 Im September 1959 kehrte die Novizenphase, in der man noch nicht als Mönch richtig aufgenommen ist, variiert von Kloster zu Kloster und tlw. sogar von Mönch zu Mönch. Gespräch mit koptischem Mönch am 08.12.2013. 186 Bzgl. der Ausbildungsverpflichtung vgl. Van Doorn-Harder 2011, 153. 187 Vgl. CTV 2014. 188 In der Koptisch-Orthodoxen Kirche hat jeder i.d.R. seinen bzw. ihren persönlichen Beichtvater. 189 Vgl. Bāḫūmiyūs/Irmiyā 2012, 18 sowie CTV 2014. 190 Vgl. St. Georg 2013 und CTV 2014. Der Papst beschreibt dies auch als anstrengende Zeit, da er die ganzen schlechten Nachrichten der Leute hören musste. 191 Vgl. Meinardus 2002, 80 und Bāḫūmiyūs/Irmiyā 2012, 18. 192 Gespräch mit dem jetzigen Klostervorstand und einem Mönch im syrischen Kloster am 21.09.2013. 193 Vgl. CYC 2014. 194 Vgl. Bāḫūmiyūs/Irmiyā 2012, 18. Papst Kyrill VI. war wohl vorher, als er noch Pater Mīnā Al-Barāmūsī und Einsiedler war, eine Zeit lang der spirituelle Wegweiser von Naẓīr Ğayyid. Vgl. St. Georg 2013. 195 Vgl. Meinardus 1998, 60. 49 Schenuda III. wieder ins Kloster bzw. in die Wüste zurück. Er ging diesmal jedoch in eine Höhle, die weiter weg vom Kloster lag, ca. 7 Meilen bzw. ca. 11 km, um sich mehr auf das Lesen, die Meditation, das Gebet und die Askese zu konzentrieren.196 Der Unterschied vom Leben in der Höhle zu dem im Kloster lag u.a. in der Ruhe. Im Kloster war das Leben sehr ausgefüllt mit immer mehr Besuchern, die herumgeführt wurden, und anderen Dingen, die zu erledigen waren.197 Ob bzw. wie er das Einsiedlerleben mit der Sektretärsaufgabe verband, wird in den verwendeten Quellen nicht erwähnt.198 2.6 Bischofsweihe Am 30. September 1962 rief Papst Kyrill VI. ihn wieder nach Kairo, um ihn zum Bischof zu weihen.199 Sein Zuständigkeitsbereich war die religiöse Unterweisung und christliche Erziehung inkl. den Sonntagsschulen, dem theologischen Seminar und dem koptischen Institut.200 Er war der erste allgemeine Bischof bzw. Generalbischof in diesem neu eingerichteten Zuständigkeitsbereich.201 Vorher gab es nur Diözesanbischöfe, die i.d.R. auf Lebenszeit mit ihrer Diözese verheiratet waren.202 Im selben Jahr (1962) wurde mit Bischof Samuel, der sich um die Ökumene kümmerte, ein weiterer Generalbischof ordiniert, dem 1967 Anbā Gregorius 196 Vgl. St. Takla 2013 und Meinardus 2002, 80 sowie CTV 2014. 197 Vgl. CTV 2014. Gemäß Bāḫūmiyūs/Irmiyā ging er erst 1960 in die ca. 12 km weg gelegene Höhle [Vgl. dies. 2012, 18]. 198 Das Sekretariat war in Kairo gelegen. Vgl. Meinardus 1998, 60. Die meisten Kurzbiografien erwähnen i.d.R. nur die Zeit in der Wüste. Wieviel Zeit er zusätzlich im Sekretariat zubrachte, wird also nicht erwähnt. Hulsman geht sogar davon aus, dass er in die Höhle ging, um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Vgl. Interview mit Cornelis Hulsman in Kairo am 04.10.2013. Für die Transkription des Interviews siehe im Anhang 1 oder Hulsman 2014b. 199 Ursprünglich war der Grund, ihn nach Kairo zu rufen, ein anderer. Vgl. die ausführlichere Darstellung dazu im Anhang 2. 200 Vgl. Mikhail 2013 und St. Antonius-Kloster 2016b sowie Meinardus 1998, 60. Der arabische Begriff lautet: أسقف عام للتربية الكنسية (Allgemeiner Bischof für Kirchliche Erziehung) nach Reiss 1998, 224. Ein Nebeneffekt von der Bischofsweihe Schenudas war, dass Dr. Wahīb ʿAṭāllah (der spätere Anbā Gregorius), der bis dahin die Aufsicht über das theologische Seminar hatte, in das MuÎarraq- Kloster eintrat. Vgl. Reiss 1998, 233. 201 Vgl. St. Takla 2013 und Bāḫūmiyūs/Irmiyā 2012, 18. Es ging hier also nicht um eine bestimmte Diözese, sondern um ein bestimmtes Aufgabengebiet. Siehe unten Kap. 2.10.2.5. 202 Vgl. Hulsman 2012b und unten Kap. 2.10.2.5. 50 für die wissenschaftliche Forschung und später andere folgten. Das Aufgabengebiet von Gregorius überlappte sich somit etwas mit seinem früheren Schüler Naẓīr Ğayyid.203 Papst Schenuda III. betonte selbst in einem Fernsehinterview wie auch in der Korrespondenz mit Meinardus, dass die Bischofsweihe gegen seinen ausdrücklichen Willen geschah.204 Der lutherische Pfarrer und Wissenschaftler Meinardus lebte in Kairo und war mit Schenuda III. befreundet. Er zitiert aus einem Antwortbrief, der Schenudas III. Aussagen gut verdeutlicht: „Die Gnade und der Friede unseres Herrn Jesus Christus sei mit Dir. Ich danke Dir für Deine ehrlichen und aufrichtigen Glückwünsche. Unsere Freundschaft und unsere Liebe zueinander werde ich auch nie vergessen. Jedoch, ein Wort des Trostes wäre passender gewesen als ein Glückwunsch. Wie kann ein Mönch beglückwünscht werden, der die Ruhe, den Frieden, die Stille der Wüste verlassen muß, um in die Unruhe der Stadt und des städtischen Lebens zu ziehen? Wie kann ein Mensch Maria gratulieren, wenn sie ihren Platz zu den Füßen Jesu verläßt und Martha in die Küche folgt? Für mich ist die Bischofsweihe eine Schande, und ich erinnere mich meiner Bischofsweihe mit Tränen und Klagen, denn die Herrlichkeit der Einsamkeit und Beschaulichkeit ist über alles erhaben. Dieses Erlebnis kann weder mit der Bischofswürde noch mit der Würde und dem Amt des Papstes verglichen werden. Denn die einzig wahre Weihe, mein lieber Freund, ist die Weihe des Herzens als des heiligen Tempels Gottes, der uns am Jüngsten Gericht nicht nach unserer kirchlichen Weihe fragt, sondern lediglich nach der Reinheit unseres Herzens. Diesen Brief schreibe ich Dir aus meiner lieb gewordenen Höhle am Bahr al-Fârigh im Wâdi al-Natrûn. Ich hoffe, hier bis Epiphanien zu bleiben und dann nach Kairo zu ziehen. Dein in Jesus Christus, Shenuda.“205 203 Bischof Schenuda III. kümmerte sich fortan mehr um das theologische Seminar, während Bischof Gregorius, der zuvor ein sehr geschätzter Lehrer von Schenuda war, das المعهد العالي للدراسات القبطية (Hohes Institut für Koptische Studien), das Vertiefungsmöglichkeiten in der Koptologie bot, weiter intensiv betreute. Vgl. Reiss 1998, 233f. 204 Vgl. CTV 2014 sowie Anhang 1. Dabei darf man aber nicht außer Acht lassen, dass es ein klassisches Motiv in der Kirchengeschichte ist, dass sich der berufene Bischof eigentlich geweigert hat, um ihn von persönlicher Machtgier freizusprechen. Daher ist die Verweigerung auch als theologisch begründete Aussage zu verstehen, die nicht unbedingt mit den realen Motiven übereinstimmen muss. (Hinweis von W. Reiss) 205 Meinardus 1998, 61. 51 Den Namen Schenuda erhielt er in Anlehnung an den großen koptischen Kirchen- und Mönchsvater Schenuda von Atripe (4. und 5. Jh.).206 Gemäß Hasan wählte er diesen Namen ebenfalls selbst aus.207 Als Präsident und Dekan des Seminars sowie als Leiter der koptischen Institute und Sonntagsschulen hatte er seinen Hauptschwerpunkt in der theologischen Lehre. Ab Januar 1965 kam noch die Funktion des Hauptredakteurs der neu gegründeten koptischen Zeitschrift Al-Kirāza (dt. die Verkündigung/Predigt) hinzu, dessen Leiter er auch bis zu seinem Tod blieb.208 Sein Leitspruch dafür war Mk 16,15: „Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen!“209 Bis 1969 hatte sich die Zahl der Vollzeitstudierenden am theologischen Seminar verdoppelt (von 100 auf 207)210 und die der Teilzeitstudierenden verzehnfacht im Vergleich zu 1962. Unter seiner Führung wurden Frauen zum theologischen Seminar zugelassen, um für die Sonntagsschule oder den Familiendienst ausgebildet zu werden.211 Als Bischof begann er auch seine später berühmt gewordenen wöchentlichen geistlichen Treffen, in denen er vor einer Predigt Fragen zur Theologie und sozialen Themen beantwortete.212 Diese Treffen fanden in Kairo statt und wuchsen Stück für Stück an, so dass bald Tausende (ca. 7000213) Woche für 206 Vgl. Meinardus 1998, 60 und CV-Kröffelbach sowie oben Kap. 2.1. Er hieß fortan Anbā Schenuda oder Bischof Schenuda (bzw. Arabisch شنودة Šinūda). 207 Vgl. Hasan 2003, 87f. 208 Vgl. St. Antonius-Kloster 2016b sowie St. Takla 2013 und Mikhail 2013. 209 Vgl. St. Georg 2013. 210 Vgl. Meinardus 2002, 80. 211 Vgl. St. Takla 2013 sowie unten Kap. 2.10.2.4 Auch wenn es gemäß der Homepage auch Frauen als Dozentinnen gab, unterrichteten Frauen hauptsächlich nur Kinder (und ggf. junge Frauen). Gemäß Reiss stieg von 1962 bis 1971 die Studentenzahl in der Tagesabteilung von 100 auf 270, in der Abendabteilung von 30 auf 300 und Frauen wurden zur Abendabteilung zugelassen, um als Mütter und geistliche Leiterinnen in den Familien geschult zu werden. Vgl. Reiss 1998, 224. 212 Laut Bāḫūmiyūs/Irmiyā fanden sie zuerst zweimal wöchentlich statt und wurden dann auf ein Treffen (mittwochs) reduziert. Anbā Būlā sprach dagegen im Interview davon, dass sie zuerst freitags stattfanden und später (d.h. wahrscheinlich in den 1980er Jahren) aufgrund der Vermeidung von Konflikten mit einer nahestehenden Moschee von Freitag auf Mittwoch verlegt wurden. Vgl. Interview mit Anbā Būlā in Kairo am 19.09.2013 sowie Bāḫūmiyūs/ Irmiyā 2012, 18. 213 Zahl laut Bischof Gabriel, in: Schenouda III. 2006, 19 sowie St. Georg 2013. Auch Meinardus schreibt von allwöchentlich 7000-10 000. Vgl. Meinardus 52 Woche kamen. Sie wurden – trotz kritischer Stimmen214 – zu den berühmtesten christlichen Versammlungen im Nahen Osten.215 Die Treffen wuchsen aus Vorlesungen im theologischen Seminar heraus, in dem er als Novum auch interessierte Besucher zuließ. Da die Klasse so überfüllt war, dass die Studierenden nicht mehr richtig studieren konnten, wechselten sie erst in die Halle im Anbā-Rūwīs-Gebäude,216 wo sie erst eine kleine Ecke und nach und nach die ganze Halle füllten, sodass es keinen Platz mehr gab. Schließlich zogen sie auf demselben Gelände in die Markus-Kathedrale um. Zunächst nahmen sie dort wieder nur eine kleine Ecke ein, da die Kathedrale ca. 7000 Leute fasste, aber Schritt für Schritt wuchs die Zahl der Teilnehmer der Freitagslektion, sodass sie auch die ganze Kathedrale füllten.217 Es war das erste Mal, dass ein Bischof sich Woche für Woche öffentlich den Fragen der Leute stellte und den christlichen Glauben lehrte.218 Die Fragen wurden anonym auf Zettel geschrieben und öffentlich zu Beginn seiner Vorträge beantwortet.219 Nach dem Frageteil dauerte die Predigt i.d.R. ca. 45 Minuten.220 Dazu wurde das Treffen von koptischen Hymnen umrahmt. Es ging Schenuda darum, Hilfestellung im persönlichen Glaubensleben zu geben. So standen in den Vorträgen nicht theologische Sachverhalte, sondern das geistliche Leben im Vordergrund.221 Trotz seiner Lehrtätigkeit 1998, 62. Als ich 2010 selbst bei einem normalen Mittwochstreffen dabei war, war die Kirche ebenfalls ganz voll, d.h. mindestens 7000. 214 Vgl. Watson 2012, 122: „Shenouda was sensitive to the criticism often made against him that he was a demagogue, who loved nothing so much as the sound of his own voice. Many Copts disliked the way in which he pandered to crowds. His public Bible studies often seemed little more than political rallies.” Ebd. 215 Vgl. St. Georg 2013. 216 Auf dem Gelände, wo heute die große St. Markuskathedrale steht. Vgl. Reiss 2003, 157. 217 Vgl. zum Abschnitt CYC 2014. Der neue Papst Tawāḍurūs II. übernahm diese Tradition von Papst Schenuda III. und gibt heute Woche für Woche eine Predigt mittwochabends. 218 Vgl. Reiss 1998, 225. 219 Vgl. Langener 2009, 225. 220 Assad spricht von jeweils 45 min. für Frage und Vortragsteil. Meine Frau meinte aber, dass der Frageteil i.d.R. etwas kürzer war als die Predigt. Vgl. Assad 1994b, 36. 221 Vgl. Reiss 1998, 225. „Im Zentrum seiner Vorträge stand die الالهوت الروحي (‚spirituelle/geistliche Theologie‘), d.h. es ging nicht um die Vermittlung von allgemeinen theologischen Sachverhalten oder theologischem Wissen, sondern wie in der Sonntagsschule von St. Antonius vornehmlich darum, dem Indivi- 53 hing Bischof Schenuda gleichzeitig noch dem monastischen Leben an, sodass er die Hälfte der Woche in Kairo mit Predigten und Vorträgen verbrachte und die andere Hälfte in der Wüste im Gebet.222 Auch im Ausland war Bischof Schenuda aktiv, indem er neben bzw. anstelle von Bischof Samuel bei einigen Anlässen (internationalen Konferenzen und Kongressen) die koptische Kirche vertrat.223 1963 leitete er eine koptische Delegation nach Griechenland und nahm an der 1000-Jahr Feier der Athos-Klöster der griechisch-orthodoxen Kirche teil.224 Er galt damals schon als einer der bedeutendsten Theologen der koptischen Kirche und wurde 1966 mit 43 Jahren zum Präsidenten der ATENE (Association of Theological Education in Near East) gewählt.225 Auch nach Deutschland kam er 1969 schon als Bischof.226 Auf das christologische Gespräch in Wien 1971 wird unten eingegangen.227 Mit Papst Kyrill VI. hatte Bischof Schenuda teils auch Meinungsverschiedenheiten, besonders in Bezug auf das Recht der Kirchengemeinde ihre Hirten auszuwählen sowie im Umgang mit dem Erbe von Diözesen.228 Schenuda III. meinte selbst dazu, dass es eine Zeit lang einen duum im persönlichen Glaubensleben Hilfestellung zu leisten, ihm konkrete Anleitung zum Wachstum im Glauben zu geben. Aufgrund dieser Charakteristik seiner Vorträge wurden aus den Hunderten von Zuhörern bald mehrere Tausend.“ Reiss 1998, 225. 222 Vgl. Meinardus 2002, 80. 223 Vgl. Reiss 1998, 225. 224 Vgl. Bāḫūmiyūs/Irmiyā 2012, 18 und Reiss 1998, 225. 225 St. Antonius-Kloster 2016b spricht von 1965. 1966 ist aber besser belegt. Vgl. Reiss 1998, 225 und Meinardus 1977, 13. Bāḫūmiyūs/Irmiyā schreibt hier 1969 (vgl. dies. 2012, 18) wie auch St. Georg 2013. Evtl. ist dies aber noch eine andere Funktion. Laut der Homepage geht es um den Vorsteher der spirituellen Institute im Nahen Osten, der alle christlichen Konfessionen umfasste und seinen Sitz in Beirut hatte. Bāḫūmiyūs/Irmiyā (vgl. dies. 2012, 18) schreiben, dass er 1969 zum Präsident aller theologischen Institute im Nahen Osten gewählt wurde. 1966 wurde Schenuda außerdem Mitglied in einem Journalistenbund und blieb dies auch lebenslang. 226 Vgl. Schenuti 1994, 11f. 227 Siehe Kap. 2.10.2.8 und 3.1. 228 Die zwei Hauptdifferenzen erklärt Schenuda III. folgendermaßen: Damals dachte man, dass der Patriarch ordinieren konnte, wen er wollte. Schenuda III. dagegen meinte, dass dies vom Volk entschieden werden müsste, und so setzte er es später auch als Patriarch um. Im zweiten Fall ging man damals davon aus, dass die Bischöfe bzw. Metropoliten die Diözesen erben würden. Schenuda III. dagegen meinte, dass ein Bischof gar nichts besitze, da er als Mönch auf ein Leben in Armut geschworen habe. Vgl. CYC 2014. 54 Dissens gab, der aber aufgrund der vorherigen Verbundenheit wieder vorüberging.229 Der Konflikt wurde später tatsächlich gelöst, aber gemäß Hulsman wurde Schenuda zwischenzeitlich 1966 sogar suspendiert. Sein Ruf nach Wahlen für Bischöfe und Priester stieß zunächst nicht auf Gegenliebe, wurde von Schenuda III. aber später als Papst umgesetzt.230 Dass Schenuda III. Woche für Woche vor einer riesigen Kulisse auf alle möglichen Fragen einging, empfanden einige (auch koptische Geistliche) als negativ und zu politisch. 2.7 Wahl zum Papst und Patriarchen Am 9. März 1971 verstarb der 69-jährige Papst Kyrill VI. an einem Herzinfarkt.231 Im selben Jahr wurde die Nominierung und Wahl des Nachfolgers begonnen.232 Die Heilige Synode233 tagte nach dem Tod zum ersten Mal am 22. März 1971.234 Laut O’Mahony war es der erste Schritt, durch eine Wahlkommission, bestehend aus 9 Bischöfen, 9 Laien und dem Interimspatriarchen (locum tenens), eine Liste mit 9 Kandidaten zu bestimmen. Diese Liste der 9 Kandidaten235 (6 Bischöfe und 3 Mönchs- 229 Vgl. CYC 2014. Schenuda III. beschreibt, sie saßen zusammen, sprachen und lachten, doch hatten eben Meinungsverschiedenheiten, wenn sie zum Thema Kirchengesetze kam. Es gab aber auch heftige Auswirkungen, auf die er z.T. auch eingeht, da ihm dieser Dissens manche Blockaden (u.a. verschlossene Kirchentüren) im Dienst bescherte. 230 Vgl. Hulsman 2012b. 231 Vgl. O’Mahony 2007, 172. 232 Vgl. Meinardus 1998, 61. 233 Der Papst hat den Vorsitz über die Heilige Synode, die höchste Autorität in der koptischen Kirche. Darin sind alle Bischöfe, die Klösteräbte und ein paar ausgewählte Hegemons (erste Priester) vertreten. Sie treffen sich mehrmals im Jahr, beraten und entscheiden über die anstehenden Themen. Es gibt darin außerdem verschiedene Arbeitsgruppen/Kommissionen, die sich mit bestimmten Themen wie der Ökumene oder anderen Fragen beschäftigen. Telefongespräch mit Bischof Damyān am 09.01.2014. Siehe auch Exkurs Priestertum nach Kap. 3.2.2.3. Nach dem Tod des Papstes wird zusammen mit dem Al-Mağlis Al-Millī (Laienrat) bis zur Papstwahl ein Stellvertreter ausgesucht. Vgl. Watson 2012, 47. Nach dem Tod von Papst Schenuda III. 2012 war dies z.B. Anbā Bāḫūmiyūs, der zwar nicht wie üblich der älteste Bischof war, aber da dieser aus Gesundheitsgründen absagte, übernahm Bāḫūmiyūs. Gespräch mit einem koptischen Mönch am 05.02.2014. 234 Vgl. Van Doorn-Harder 2011, 155. 235 Bei der Wahl von Papst Kyrill VI. durften (in der Endauswahl) nur fünf Kandidaten aufgestellt werden, von denen drei gewählt wurden (vgl. Reiss 1998, 167), obwohl die Liste wahrscheinlich wie bei der letzten Wahl von Papst 55 priester) wurde in der Zeitung sowie in allen Kathedralen veröffentlicht. Nun konnten Einwände gegen die Kandidaten vorgebracht werden.236 Die Auswahl bezog also indirekt die ganze Kirche ein, was man auch am Wahlkollegium sieht. „Das Wahlkollegium, bestehend aus 622 Delegierten, setzte sich aus 28 Bischöfen, 19 Äbten, 5 Vertretern des Priesterrates, 11 Vertretern des Laienrates, 31 Priestern, 11 Notabeln, 47 Mitglieder des Majlis al-Millî, 72 Kairoer Kopten, 12 Alexandriner Kopten, 12 Kopten aus jedem Verwaltungsbezirk, 140 bischöflichen Verwaltern und 22 Journalisten zusammen. Zum ersten Mal wurden der äthiopischen Kirche 40 Stimmen zugestanden.“237 Dieses Wahlkollegium wurde von einer anderen Kommission bestimmt und hatte die Aufgabe, aus den letzten fünf Kandidaten drei auszuwählen.238 Danach entschied das Los eines Kindes. Die Koptisch-Orthodoxe Kirche ist wahrscheinlich die einzige Kirche im 21. Jahrhundert, die diese Tradition des Loses (vgl. Apg 1,21-26) fortgeführt hat.239 Dieses Verfahren wurde 1957 zwei Jahre vor der Wahl von Papst Kyrill VI. (1959-1971) wieder eingeführt.240 Zwischen 1956 und 1959 blieb der Papststuhl unbesetzt.241 Nachdem Papst Yūsāb II. (1946-56) als schwacher und korrupter Papst in die Geschichte einging, wollte man sich bei seinen Nachfolgern stärker auf die traditionellen Voraussetzungen für das Papstamt besinnen: Ein Mönch mit außergewöhnlicher Spiritualität und Weisheit.242 Eigentlich durfte der Kandidat auch kein Bischof sein. Dieses Kriterium wurde von Papst Kyrill VI. noch erfüllt, bei Yūsāb II. und seinen zwei Tawāḍurūs 2012 zu Beginn um ein Vielfaches länger war, standen gemäß dem Beschluss von 1957 bei der Endauswahl 1971 auch fünf Kandidaten zur Wahl. Vgl. Van Doorn-Harder 2011, 155 und Meinardus 1998, 61. Info bzgl. der Liste 2012 von einem koptischen Geistlichen, der zu Beginn gebeten wurde, sich 2012 auch zur Wahl zu stellen. 236 Vgl. O’Mahony 2006, 506f. 237 Meinardus 1998, 61. 238 Vgl. Watson 1997, 247 und O’Mahony 2006, 507. 239 Vgl. Watson 1997, 247. Das Los war wohl insgesamt in der koptischen Geschichte eher selten in Gebrauch. Man liest davon im 8. Jh. und danach erst wieder 1959 bei der Wahl von Kyrill VI. Bei der Mehrheit der Wahlen wurde der Patriarch durch das Kirchenvolk bestimmt, manchmal bestimmten Patriarchen ihren Nachfolger auch selbst, was heute aber undenkbar wäre. Vgl. Watson 2012, 45. Siehe auch Spuler 1977, 278. 240 Vgl. Van Doorn-Harder 2011, 127.155. 241 Vgl. Hulsman 2012b. 242 Vgl. Van Doorn-Harder 2011, 123.126f. 56 Vorgängern wurde es übergangen.243 Zu den neuen Generalbischöfen gab es unterschiedliche Meinungen. Am 29. Oktober 1971 wurden die Namen von drei Kandidaten für den Nachfolger von Papst Kyrill VI. präsentiert. Neben Anbā Schenuda gehörten zu den drei letzten Kandidaten Abūnā Timūṯāwus Al-Maqārī und Bischof Samuel.244 Der Kandidat mit den meisten Stimmen war Bischof Samuel (440), auch ein Mönch aus dem syrischen Kloster und durch Papst Kyrill VI. ernannter Generalbischof. Verantwortlich für die sozialen und ökumenischen Belange, fungierte er sozusagen als Außenminister der Kopten. Beim Weltkirchenrat wurde Bischof Samuel gemäß Watson bereits als koptischer Papst betrachtet.245 In den Vorwahlen lag Bischof Schenuda mit 433 Stimmen auf Platz 2 hinter Bischof Samuel.246 Nach der heiligen Liturgie nahm am 31. Oktober 1971 ein fünfjähriger Junge (Ayman Munīr Kāmil), dessen Augen verbunden wurden, einen dieser drei Namen aus einem silbernen Kästchen,247 das vom Altar auf einen erhöhten Tisch platziert wurde, und übergab den Umschlag mit dem Namen des Gewählten dem Metropoliten Antonius,248 während die Versammlung das Vaterunser sowie das Kyrie eleison249 betete.250 Dieser nahm das Papier, faltete es auf und verkündete: „Shenuda, der 117. Patriarch von Alexandrien, ganz Ägypten, Jerusalem, Nubien251, Äthiopien, der Pentapolis und dem Bereich der Predigt des heiligen Markus, der allerheiligste Papst Shenuda III., war durch Gottes Führung erwählt.“252 Seine Inthronisation fand am 14. November 1971 in der St. Markus- Kathedrale in Kairo statt.253 243 Vgl. Reiss 1998, 201. 244 Vgl. Van Doorn-Harder 2011, 155 sowie Meinardus 1998, 61. 245 Vgl. Watson 1997, 247. 246 Vgl. McCallum 2010, 124. Der Qummuṣ Timūṯāwus Al-Maqārī bekam 306 Stimmen. Vgl. Meinardus 1977, 12. 247 Laut Watson müssten sogar vier Namenszettel darin liegen, der Vierte mit der Aufschrift: „Jesus Christus, der gute Hirte“. Wenn dieser Zettel gezogen würde, wären die anderen drei Namen laut Watson ungültig und die Beratungen müssten von vorne losgehen. Vgl. Watson 2012, 45. In den anderen erwähnten Quellen heißt es dagegen, jeweils drei Zettel. 248 Vgl. Meinardus 1998, 61 und St. Takla 2013. 249 Κύριε ἐλέησον = Herr erbarme Dich. 250 Vgl. St. Takla 2013. 251 Siehe dazu Werner 2013. 252 Meinardus 1998, 61. Vgl. auch Meinardus 2002, 80 sowie oben Kap. 1.7. 253 Vgl. St. Antonius-Kloster 2016b und St. Takla 2013. 57 Exkurs A: Kritik an der Wahl In der Literatur findet man auch Kritik an der Wahl. Neben der Anzweifelung der Rechtmäßigkeit seiner Wahlzulassung,254 da man nach der Meinung vieler als Bischof kein Anrecht mehr auf das Papstamt hatte,255 sowie der Angst vor größeren Spannungen durch einen eigenwilligen Papst256 gab es noch einen anderen Vorwurf. Ein einflussreicher Berichterstatter in der arabischen Welt namens Muḥammad Haykal behauptete, dass Bischof Schenuda der Kandidat von Präsident Sadat gewesen sei. Er implizierte damit, dass die Wahl manipuliert wurde. Die Wahl sollte das präsidiale Einverständnis erhalten, obwohl Sadat Bischof Schenuda noch gar nicht kannte. Laut Haykal sagte der Innenminister Mamdūḥ Sālim zu Präsident Sadat, dass er Schenuda garantieren könne.257 Wenn man dem amerikanischen Experten Betts glaubt, war Schenuda nicht die populärste Entscheidung, da der Mönch Mattā Al-Miskīn (1919-2006) noch viel beliebter beim Volk war. Dieser wurde jedoch mit Argwohn von der Kirchenautorität und dem Staat betrachtet, da seine politische Philosophie als marxistisch und er selbst (m.E. sehr unfair) als egoistischer Demagoge kritisiert wurde.258 Dass Mattā Al-Miskīn als Kandidat wegen zu wenig Unterstützung der Kirchenhierarchie vorher aus dem Rennen genommen wurde, entspricht sogar der Quellenauswertung anderer Historiker,259 aber um sich 254 Vater Bišūy Kāmil z.B. schrieb ein Pamphlet gegen die Zulassung von Bischöfen zur Papstwahl. Vgl. Hulsman 2012b. 255 Bis 1928 waren nur Mönche als Papst zugelassen worden, in Ausnahmen auch Laien oder Priester, aber keine Bischöfe. Im 20. Jh. gab es dann vor Schenuda III. drei Diözesanbischöfe, die Päpste wurden. Der Disput darüber, ob ein Bischof Papst werden durfte, führte die langjährige Diskussion aus den 50er Jahren über die rechtmäßigen Kandidaten fort. Vgl. zur alten Diskussion: Reiss 1998, 167.200f. 256 Vgl. unten Kap. 2.9.1.1. Die Diskussion um Bischofskandidaten wurde in den letzten Jahren in Bezug auf Papst Schenudas III. Nachfolger neu angestoßen. Schenuda III. sah kein Problem für Generalbischöfe im Gegensatz zu Diözesanbischöfen als Papstkandidaten. Vgl. Hulsman 2012b. 257 Vgl. Heikal 1983, 171 und Watson 1997, 247 sowie ders. 2012, 46. 258 Vgl. Watson 1997, 247. Haykal ging wohl auch davon aus, dass Al-Miskīn von der Kandidatenliste gestrichen wurde, weil Sadat in ihm einen Kommunisten sah. Vgl. Köhler 2008, 68. 259 Vgl. O’Mahony 2007, 172. Mattā Al-Miskīn wurde ja schon bei der vorherigen Papstwahl (1959) noch vor Abūnā Antonius als Kandidat gehandelt [vgl. dazu Reiss 1998, 191.199]. Später wurde er aber auch wegen Ungehorsams eine Zeit lang verbannt und war nicht überall beliebt. 58 vorzustellen, dass die komplette Wahl manipuliert wurde, reicht der Hinweis auf Haykal bei Weitem nicht aus. Selbst wenn man dazu auf andere historische Fälle von Korruption hinweisen könnte (z.B. den Berater von Papst Yūsāb II.), hat dies mit der Wahl von Papst Schenuda III. erst einmal wenig zu tun. Zudem geht Meinardus im Gegensatz zu Haykal vorsichtig davon aus, dass Sadat von Anfang an Bischof Samuel und nicht Schenuda III. bevorzugte.260 Nicht zuletzt ist ein öffentlicher Losentscheid durch Dritte schwer zu manipulieren, wenn dazu noch Tausende den Prozess mitverfolgen können und, wie bei der letzten Wahl, auch die anderen Loszettel öffentlich gezeigt werden. Exkurs B: Wollte Schenuda III. Papst werden? Der Autor und Kenner der koptischen Kirche Cornelis Hulsman geht davon aus, dass es der Plan von Naẓīr Ğayyid war, in das Papstamt zu kommen. Er sei von Anfang an ein Aktivist gewesen, der größtmöglichen Einfluss in der Kirche gewinnen wollte, um seine Reformvorstellungen durchzusetzen. Diese Ansicht kann ich zumindest deshalb nicht uneingeschränkt teilen, weil Papst Schenuda III. selbst m.W. immer das Gegenteil behauptet hat. Hulsman kennt solche Aussagen Schenudas III., wertet sie aber eher als geistliche Redeweisen, die dazu dienen sollen, den Papst nicht in ein falsches Licht zu rücken.261 Ungeachtet seiner Motive ist es sehr wahrscheinlich, dass Schenuda III. Zustimmung zu seiner Nominierung als Papstkandidat ausdrücken musste, bevor er aufgestellt wurde.262 Der Sichtweise eines geplanten Aufstieges steht aber z.B. ein Gedicht von Papst Schenuda III. gegenüber, das genau das Gegenteil behauptet.263 Zudem schreibt Watson, dass es zunächst ein 260 Vgl. Meinardus 1998, 75. Schenuda III. soll Sadat sogar als autoritär, gebieterisch und kompromisslos erschienen sein, wobei sich das nicht mit Van Doorn-Harder deckt. Vgl. Van Doorn-Haader 2011, 158f. sowie unten Kap. 2.9.1. Reiss geht davon aus, dass Sadat schließlich Bischof Schenuda als Kandidaten zugeneigt war. Vgl. Reiss 1998, 284. 261 Interview mit Cornelis Hulsman in Kairo am 04.10.2013. 262 Zumindest weiß ich von einem koptischen Geistlichen, der sich in der Papstwahl 2012 bewusst nicht als Papstkandidat hat aufstellen lassen, indem er seine Unterlagen nicht einreichte. 263 Die englische Übersetzung des Gedichtes findet sich im Anhang 3 (übers. v. Marianne Fawzy im Oktober 2013 für diese Arbeit). Das Gedicht wurde 2008 veröffentlicht, aber gemäß Hulsman schon früher verfasst. Siehe dazu die englische Zusammenfassung dieser Staatsarbeit von Weinert 2014. Für Hulsmans Position spricht zudem eine theologische Motivation hinter Schenudas III. Aussagen. 59 Desaster für Schenuda III. war, gewählt zu werden.264 Hulsman kann für seine These aber u.a. auf ein Interview mit Ṭāriq Ḥağğī verweisen. Dieser politische Autor geht ebenfalls aufgrund von Aussagen von Priester Ruwfāʾīl, dem Sekretär von Papst Kyrill VI., davon aus, dass der Gedanke, Papst zu werden, schon immer in Schenudas III. Sinn war. Vater Ruwfāʾīl erfuhr dies laut Ḥağğī direkt von Papst Kyrill VI.265 Auch Meinardus, Watson und selbst ein koptischer Geistlicher gehen gemäß Hulsman davon aus, dass der ambitionierte Schenuda III. schon von 1954 an Papst werden wollte.266 Als nämlich 1954 der koptische Papst Yūsāb II. entführt wurde, begann sofort eine Debatte über dessen Nachfolge, die laut Hulsman von Schenuda III. über das Sonntagsschulmagazin initiiert wurde. Daraus lässt sich indirekt eine Befürwortung durch Naẓīr Ğayyid, dem damaligen Direktor des Sonntagsschulmagazins, der gewaltsamen Entführung ableiten.267 Bei Urteilen durch Rückschlüsse ist aber immer Vorsicht geboten. Unabhängig von seiner genauen Motivation ist es offensichtlich, dass Naẓīr Ğayyid bzw. Bischof Schenuda schon vor seiner Papstwahl viel an der geistlichen Ausrichtung der Kirche lag und er dies auch deutlich kundtat. 2.8 Der Kirchenlehrer Als Nachfolger des in Ägypten viel gelobten Papst Kyrill VI.,268 der eine geistliche Erneuerung der Koptisch-Orthodoxen Kirche im 20. Jahrhundert vor allem durch Rückbesinnung auf die monastischen 264 Vgl. Watson 2012, 71. 265 Vgl. Casper 2013, 3. Wenn man Ṭāriq Ḥağğī glaubt, war Schenuda III. vor seinem Mönchsleben nicht nur aktives Mitglied der politischen Partei Al-Kutla Al-Wafdiyya. Vgl. Fastenrath 2007. 266 Vgl. Hulsman 2013a, 17 und ders. 2014b, der Papst Schenuda III. als einen (politischen) Aktivisten beschreibt. 267 Vgl. Reiss 1998, 167f. In Folge dessen wurde auch das Sonntagsschulmagazin stärker vom Staat überwacht, da man es eben als politisches Magazin betrachtete. 268 Über Papst Kyrill VI. wurden zahlreiche (Heilungs-)Wunder überliefert, die in verschiedenen Büchern vor allem zeugnishaft aufgezeichnet sind. Diese sind zwar zumindest teils in Verbindung mit einer ausgeprägten Volksfrömmigkeit zu sehen, zeigen aber ohne Frage die hohe Bedeutung Kyrills VI. bei den Kopten. Watson weist zudem darauf hin, dass die Heilungswunder teils medizinisch bestätigt wurden. Vgl. Watson 2012, 55. Siehe zu Kyrill VI.: Watson 2012, 49-64; Ibrahim 1990; Ibrahim/Ibrahim 2011, 51-58; Awa Mina 2010; Kyrollos 2011. – Zur koptischen Volksfrömmigkeit siehe Meinardus 2009, 9-27. 60 Stärken269 bewirkte, trat Papst Schenuda III. in große Fußstapfen.270 Nachdem Schenuda III. schon als Bischof für die christliche Erziehung zuständig war, verstand er sich selbst vor allem als Kirchenlehrer.271 Dies war ihm definitiv wichtiger als jede politische Rolle, die der Papst ohne Zweifel auch gespielt hat. Meinardus schreibt: „Unmittelbar nach seiner Inthronisierung im November 1971 begann Shenuda, von evangelischem Eifer beseelt, mit seinen bekannten Freitagspredigten in der stets überfüllten großen St. Markus-Kathedrale in ʾAbbâsîya, wo ihm allwöchentlich 7000 bis 10 000 Kopten zuhörten. Mit kaum geringerem Erfolg hielt er auch zweimal monatlich seine Katechesen in Alexandrien. Religiös unkritisch, biblisch und koptisch-kanonisch geprägt, gaben seine Predigten Antworten auf Fragen seiner Hörerschaft.“272 Papst Schenuda III. war zudem der erste Patriarch seit dem 5. Jahrhundert, der gleichzeitig Dekan des theologischen Seminars war. Er gab als Papst weiterhin Vorlesungen im Seminar sowohl in Kairo also auch in Alexandrien und teilweise auch im Ausland. In seiner Amtszeit wurden erstmals weitere theologische Seminare in anderen Städten Ägyptens sowie im Ausland aufgebaut.273 Dazu kamen drei Aufbaustudiengänge in Biblischen Studien, Hymnologie sowie Koptologie. Für seine Verdienste in der Theologie sowie in der Versöhnungsarbeit (s.u.) hat Schenuda III. neun Ehrendoktorwürden erhalten, u.a. von der Universität Bonn.274 Die geistlich erbaulichen Bibelauslegungen und Predigten 269 Unter den monastischen Stärken verstand Papst Kyrill VI. selbst: „(…) ’deprivation, love, modesty, prayer, reading, fasting, social interaction, work, guidance, self-examination and confession, the Divine Liturgy, seclusion, trial, the train of victory, admonishments, and spiritual sayings.’“ Van Doorn-Harder 2011, 142. Sein Hauptfokus war aber zweifellos die koptische Liturgie, die er täglich zelebrierte. Es wurde ausgerechnet, dass er insgesamt mehr als fünf Jahre seines Lebens vor dem Altar stand. Vgl. Watson 2012, 34.49-53. 270 Vgl. Van Doorn-Harder 2011, 127-154. Reiss betont, dass viele Reformen nicht von ihm selbst ausgingen, aber in seiner Amtszeit umgesetzt wurden. Vgl. Reiss 1998, 203. 271 Vgl. Interview mit Cornelis Hulsman in Kairo am 04.10.2013 und Telefongespräch mit Metropolit Anbā Bāḫūmiyūs am 03.10.2013. Siehe auch das Fernsehinterview, in dem er davon spricht, dass die wichtigste Verantwortung eines Patriarchen die Lehre ist. Vgl. CYC 2014. Siehe auch Hulsman 2012b. 272 Meinardus 1998, 62. 273 Z.B. in Nordamerika, Europa (GB, D) und Australien, Vgl. Van Doorn-Harder 2011, 175.179. 274 Vgl. dazu die Liste im Anhang 4. Bāḫūmiyūs/Irmiyā 2012, 20 und St. Antonius-Kloster 2010, 50. 61 bescherten ihm internationales Ansehen, sodass er 1978275 vom Browning Institut zum besten christlichen Prediger der Welt gewählt wurde.276 Seine meist thematischen Predigten ermutigten anhand von verschiedenen Bibeltexten zu einem geistlichen Leben im Gebet (sowohl persönlich als auch im Rahmen der koptischen Kirche). Das helfe trotz aller widrigen und leidvollen Umständen, im Glauben an Jesus Christus festzuhalten. Ein, wenn nicht der berühmteste, Satz Schenudas III. lautete: „Rabbinā mawgūd!“ (ربنا موجود Der Herr/Gott ist da!), mit dem er den Gläubigen als ihr geistlicher Vater immer wieder Hoffnung machte.277 Maurice Asʿad fasst den Stil seiner bibelzentrierten Predigten wie folgt zusammen: „In seinen Vorträgen spricht Patriarch Shenouda in sehr einfacher, aber ausdrucksvoller Sprache. Seine sorgfältig gewählten Worte sind von sehr hoher Qualität. Sein Espirit [sic!] und Sinn für Humor tragen zu der Attraktivität und Wirksamkeit seiner Worte bei. Er vermag einfachen Gemütern schwierige Inhalte zu verdeutlichen. Er setzt biblische Texte zu Lebenssituationen und persönlichen Problemen in Beziehung. Wenn der Patriarch spricht, hat jeder einzelne Zuhörer das Gefühl, daß die Worte an ihn gerichtet sind.“278 Reiss verwendet zudem die Adjektive „charismatisch“, „rhetorisch überzeugend“ und „bibelgewandt“.279 Schenuda III. hatte ein enzyklopädisches Bibelwissen, das es ihm ermöglichte, auf fast jede Frage ein passendes Bibelwort parat zu haben. Er kannte, wenn nicht gar die ganze, so doch große Teile der Bibel auswendig. Jegliche Bibelkritik lehnte er dagegen scharf ab.280 Seine Liebe zur Poetik half ihm sowohl beim Auswendiglernen als auch beim Schreiben seiner ca. 140 Bücher281 über verschiedene theologische Themen. Diese haben vor allem das praktische 275 St. Antonius-Kloster 2016b schreibt 1979, u.a. Bāḫūmiyūs/Irmiyā aber 1978 (vgl. dies. 2012, 20). 276 Vgl. zu diesem Abschnitt St. Takla 2013. 277 Rabbinā = „(unser) Herr/Gott“, mawgūd = da, anwesend. Sehr häufig sagte er auch: „es hat bald ein (gutes) Ende“ ( مسيرها تنتهي ) und „es dient alles dem Guten“( هكل للخير ). 278 Assad 1994b, 36f. 279 Vgl. Reiss 1998, 309. 280 Vgl. Meinardus 1998, 71 sowie Exkurs Bibelverständnis in Kap. 3.2. 281 Die meisten sprechen von 140 Büchern. Viele Bücher sind nicht länger als 100 Seiten. Ca. 50 davon sind in englischer Sprache kostenlos als pdf im Internet erhältlich. In deutscher Sprache gibt es ca. 25 davon. Vgl. u.a. Bāḫūmiyūs/ Irmiyā 2012, 23 und Liste im Anhang 8. 62 geistliche Leben zum Thema, aber Schenuda III. griff auch verschiedene dogmatische Fragen apologetisch auf.282 Anbā Bāḫūmiyūs sagte, dass Schenuda III. neben der Förderung des Gebetslebens und der Bildung, die pastorale Seelsorge mit Gottesdienst und Predigt am wichtigsten war.283 Die für eine orthodoxe Kirche verhältnismäßig ungewöhnliche Betonung der Predigt wurde zum Vorbild für viele andere in seiner Kirche, vor allem die zahlreichen Bischöfe, die er selbst ordinierte.284 Hier sind die Nachwirkungen der evangelischen Mission, gepaart mit einer Rückbesinnung auf die koptischen Kirchenväter wohl am deutlichsten zu spüren.285 Zwar etwas pauschal, aber nicht ganz unberechtigt, konnte er über sich sagen: „Ich bin evangelischer als die Evangelischen.“286 Richtig daran ist seine zweifellose Bibelbetonung, die Rāmiz ʿAṭāllah, den Leiter der Bibelgesellschaft in Ägypten, dazu führte zu sagen: „Shenouda was a pope of the Bible.“287 Dass in Ägypten die fünftgrößte Bibelgesellschaft der Welt ist, führt er auf Schenuda III. zurück, der den Kopten Hunger nach der Bibel gegeben habe.288 Seine Reformen und seine Theologie werden seine Rolle als Kirchenlehrer noch weiter erklären. Bevor aber auf seine zahlreichen Erneuerungen eingegangen wird, soll zunächst seine Rolle als politischer Repräsentant der Kopten betrachtet werden. 282 Zu den apologetischen Werken siehe die Anmerkung von Watson 2012, 132f. 283 Telefongespräch mit Anbā Bāḫūmiyūs am 03.10.2013, enger Vertrauter von Papst Schenuda III. und Interimspatriarch 2012. „A) Life of prayer B) Education give orders to institutes, giving opportunity for training c) pastoral care: Sunday, service, preaching”, Notizen nach Telefongespräch. 284 Siehe u.a. Assad 1994b, 37. 285 Sicherlich könnte man evangelischen Einflüssen in Ägypten insgesamt auch in anderen Bereichen nachgehen, wenn man z.B. an die Rolle der Frau oder der Sozialdiakonie denkt. Vgl. z.B. Tamcke 2009, 10. Siehe auch den Artikel von Persaud 2011. 286 Zitiert nach Anbā Būlā, Interview in Kairo am 19.09.2013. 287 Vgl. Casper 2012. 288 Vgl. ebd. 63 2.9 Der Kirchenpolitiker289 Die Amtszeit von Papst Schenuda III. deckt sich grob mit den Amtszeiten der zwei Präsidenten Anwar As-Sadat (1970 – 1981) und Husni Mubarak (1981 – 2011). Die unterschiedliche politische Situation hat vor allem die politische Rolle des Papstes stark geprägt.290 2.9.1 Papst Schenuda III. unter der Ära von Präsident Sadat (1971-81) Gemäß Van Doorn-Harder war Sadat zunächst zufrieden mit der Wahl von Papst Schenuda III.291 Er erwartete wohl einen leicht zu beeinflussenden Papst und keinen durchsetzungsfähigen Leiter. Wie die meisten Patriarchen vor ihm, versuchte Papst Schenuda III. eine gute Arbeitsbeziehung aufrechtzuerhalten. So unterstützte der nationalistisch gesinnte Papst z.B. den Oktoberkrieg 1973 gegen Israel sowie die palästinensische Sache.292 Die Anfangs- und Endjahre der Sadat-Ära waren von Konflikten und Gewalt geprägt, die Jahre 1972 – 1977 waren dagegen vergleichsweise ruhig.293 2.9.1.1 1972 Der erste Hauptkonflikt ereignete sich am 6. November 1972 in einem Dorf namens Al-Ḫānka nordöstlich von Kairo. Hier wurde eine koptische Kirche errichtet ohne die korrekte Baugenehmigung, da diese für Christen extrem schwer zu erhalten sind. Dagegen protestierten einige Muslime. Die Gewalt eskalierte so, dass die Kirche niedergebrannt wurde.294 Schenuda III. sandte daraufhin eine Gruppe von Bischöfen und 289 Auch wenn Kirchenpolitik i.d.R. vom Staat ausgeht, ist der Begriff hier nicht fehl am Platz, da der Papst in Ägypten eine starke politische Funktion hat und so selbst zumindest teils als (Kirchen-)Politiker gesehen wird. Die Kapitel 2.9.1-3 beziehen sich überwiegend auf das Kapitel 8 in: Van Doorn-Harder 2011, 155-171 und Meinardus 1998, 63-78. 290 Vgl. Van Doorn-Harder 2011, 158f. 291 Dies scheint unabhängig von der Frage zu sein, welchen Kandidaten er zuerst oder zuletzt bevorzugte. 292 Gemäß Kolta wurde auch die Wiederwahl Sadats durch die Kirche unterstützt, dafür bekam die Kirche Unterstützung bei manchen Kirchenbauten und einem St. Markus-Krankenhaus. Von der Regierung und der Kirche wurde zunächst die Einheit betont. Vgl. Kolta 2010, 39. 293 Vgl. zu diesem Abschnitt Van Doorn-Harder 2011, 160. 294 Meinardus schreibt etwas abweichend, dass die Kirche erst in Brand gesteckt und am 12. Dezember völlig zerstört wurde. Vgl. Meinardus 1998, 63. 64 Priestern295 zu diesem Ort und gab Ihnen den Auftrag, einen Gottesdienst auf den Ruinen zu feiern.296 Diese Trotzreaktion provozierte Krawalle, christliche Häuser und Läden in Al-Ḫānka wurden daraufhin niedergebrannt. Sadat war äußerst wütend auf den Papst.297 Dennoch erhöhte er nach diesen Unruhen von Al-Ḫānka die Kirchenbaugenehmigungen von der durch Nasser festgesetzten Zahl 25 auf 50, wahrscheinlich, um Wiederholungsfälle zu vermeiden;298 die Zahl war für Islamisten zu viel, für den Papst zu wenig. Nach der Papstwahl 1971 gab es neben einer von ihrem gebildeten Kirchenoberhaupt begeisterten koptischen Bevölkerung auch von Anfang an kritische Stimmen von angesehenen Kopten, die wegen der Spannungen mit Muslimen besorgt waren. Sie befürchteten, dass durch ihren eigenwilligen neuen Patriarchen die Konflikte noch verschärft werden könnten. In den ersten Amtsjahren hatte sich diese Sorge laut Meinardus auch bewahrheitet, wie man an dem Vorfall von 1972 sehen kann.299 2.9.1.2 Rückblick: Kopten unter Nasser und Sadat Insgesamt wurde die Lage für die Kopten zunehmend schwieriger. Unter dem Vorgängerpräsidenten Gamal Abdel Nasser wurden in Folge der Landreform den Kopten viel Reichtum und Arbeitsmöglichkeiten weggenommen, aber durch die gute Beziehung zwischen Papst Kyrill VI. und Präsident Nasser wurden religiöse Konflikte weitestgehend verhindert. Präsident Nasser, der als gläubiger Muslim eher sozialistisch ausgerichtet war, nahm eine harte Haltung gegenüber den 295 Meinardus spricht von 100 gesandten Priestern, die nach Al-Ḫānka kamen, um gegen den Vorfall zu demonstrieren. Außerdem erwähnt er: „Über 60 Christen sollen angeblich ermordet worden sein.“ Meinardus 1998, 63. 296 Meinardus erwähnt keine Messe, sondern schreibt nur: „um gegen den Vorfall zu demonstrieren“. Meinardus 1998, 63. Hasan spricht von „vigil“ (Mahnwache). Vgl. Hasan 2003, 107. 297 Vgl. zu diesem Abschnitt Van Doorn-Harder 2011, 162. 298 Vgl. Meinardus 1998, 77. Später wurden die jeweiligen Baugenehmigungen öffentlich durch die Provinzgouverneure bekannt gegeben. Die Erhöhung der Baugenehmigungszahl auf 50 jährlich war Islamisten zu viel, für Schenuda III. wohl noch zu wenig. Vgl. O’Mahony 2005, 44. 1972 gab es laut Dr. Kolta zusätzlich eine weitere Welle der Gewalt im Delta, die aber auf Reaktionen einer Bekehrung von zwei Studenten zum Christentum durch einen koptischen Priester zurückzuführen ist. Vgl. Kolta 2010, 40. 299 Vgl. Meinardus 1998, 62. Meinardus spricht sogar von den ersten zehn Amtsjahren. 65 Muslimbrüdern ein. Besonders nach einem Attentatsversuch auf ihn 1954 inhaftierte er zahlreiche ihrer Führer. Dennoch wuchs die Zahl der Muslimbrüder in seiner Amtszeit weiter an. In den 60er Jahren führte dies zu wachsenden religiös-politischen Spannungen. Besonders nach der Niederlage gegen Israel 1967 schoben die Muslimbrüder die Niederlage auf die fehlende religiöse Hingabe der Muslime.300 Sein Nachfolger Präsident Sadat (ab 1970) nahm nun politisch eine völlig andere Position ein. Durch eine Öffnung zum Westen versuchte er, die Wirtschaft anzukurbeln. Dazu wurden natürlich zunächst die vorherigen Verbindungen, die Präsident Nasser zur Sowjetunion aufgebaut hatte, wieder aufgekündigt. Die Öffnung machte zwar einige Ägypter sehr reich, aber für viele bedeutete sie einfach nur die Erhöhung der Lebenskosten. Kopten hatten zwar teilweise zumindest in der freien Wirtschaft einige neue Arbeitsmöglichkeiten, aber durch eine hohe Inflation hatte die Mittelund Unterklasse immer mehr zu kämpfen, da dadurch auch das soziale Sicherungsnetz in Bezug auf Essen, Strom und Mietkontrolle immer mehr abgebaut wurde.301 Sadat wandte sich in dieser Phase zum Islam als Ausweg. Er entließ politische Gefangene der Muslimbruderschaft und erlaubte ihre Publikationen. Er stellte sich als muslimischer Führer dar, und dies letztendlich auf Kosten der Kopten. Dadurch kam er häufig mit Papst Schenuda III. in Konflikt, der sich sehr mutig, kritisch und direkt äußerte. Schenuda III. wollte gemäß Van Doorn-Harder nicht einfach leidend zusehen.302 Schon 1971 hatte Sadat in der Verfassung festhalten lassen, dass die Scharia eine der Quellen der Gesetzgebung ist. Außerdem gründete er selbst die islamischen Gesellschaften (Al-Ğamāʿa Al-Islāmiyya) als Studentenbewegung mit dem Ziel, ein Bollwerk gegen linksoppositionelle und islamistische303 Extremisten aufzubauen.304 Mit der Zeit wurden diese aber noch militanter als die Muslimbrüder. Mitte der Siebziger schikanierten sie Kopten und moderate Muslime auf den 300 Vgl. Van Doorn-Harder 2011, 160. 301 Vgl. ebd. 161. 302 Vgl. ebd. 303 Der Sammelbegriff Islamismus steht für eine i.d.R. fundamentalistische, z.T. gewaltbereite (politische) Auslegung des Islams. In dieser Arbeit bezieht er sich auf die gewaltbereiten Strömungen, die sowohl die Rechte anderer (Kopten wie moderaten Muslimen) als z.T. auch den Staat selbst bzw. die Regierung gefährden. Vgl. zum Begriff: Pfahl-Traughber 2011. 304 Vgl. Hulsman 2013a, 19. 66 Hochschulgeländen.305 Dieselbe Gruppe wurde später verantwortlich für das Attentat auf Sadat.306 2.9.1.3 1973-77 Diese Phase war stark vom Oktoberkrieg 1973 gegen Israel bestimmt. Hier waren sich Präsident Sadat und Papst Schenuda III. einig. Das bedeutete natürlich, dass Papst Schenuda III. eine sehr kritische Haltung gegenüber Israel einnahm, jedoch begrüßte er anschließend 1977 auch die Friedensinitiative Sadats.307 Insgesamt behielt Schenuda III. aber eine sehr israelkritische Einstellung zeit seines Lebens, auch vor dem Hintergrund einer ägyptischen Gesellschaft, die alles andere als unpatriotisch verachtet hätte.308 In Bezug auf das Verhältnis von Staat und Kirche waren diese Jahre, wie bereits erwähnt, vergleichsweise ruhig. Traditionell wurden zwischen christlichen und muslimischen Geistlichen an den jeweiligen Festtagen Glückwünsche übermittelt. Sadat lud auch zu Empfängen ein, um die Verbundenheit der Religionsgemeinschaften zu erklären. Es wurde versucht, die Beziehungen zwischen Kopten und Muslimen zu fördern, doch die Spannungen waren teils schon so tiefsitzend, dass neue Vorfälle nicht lange auf sich warten ließen.309 2.9.1.4 1977-80 Zwischen 1977 und 1980 gab es in Oberägypten antichristliche Kampagnen, die zu religiösen Zusammenstößen führten. Es gab Anschuldigungen, dass Kopten Waffen in ihren Kirchen horten würden mit dem Ziel, einen koptischen Staat aufzubauen.310 In dieser angespannten Lage wuchs dazu die Zahl der Moscheen exponentiell, wohingegen die Kopten nur sehr wenige Baugenehmigungen erhielten, wie oben schon an- 305 Vgl. zu diesem Abschnitt Van Doorn-Harder 2011, 161. 306 Vgl. Hulsman 2013a, 19. 307 Vgl. Meinardus 1998, 66f. 308 Neben der Unterstützung von judenkritischen Aussagen von Sadat betonte Schenuda III. 1977 gegenüber US-Präsident Carter: „Die Juden können nicht als ein von Gott erwähltes Volk betrachtet werden, denn dies würde bedeuten, daß die Christen nicht von Gott erwählt worden seien.“ Meinardus 1998, 67. Aussagen über den Islam wurden dagegen weitestgehend vermieden oder äußerst vorsichtig formuliert. Vgl. Watson 2012, 131. 309 Vgl. Meinardus 1998, 65. 310 Vgl. Van Doorn-Harder 2011, 162. 67 gedeutet wurde. Die positive Haltung Sadats auch zu Islamisten zahlte sich aber nicht aus. 1977 wurde der Minister für Religiöse Stiftungen von einer islamistischen Gruppe gekidnappt und ermordet. Sadat versuchte, die radikalen muslimischen Gruppen zu besänftigen.311 Nachdem es schon seit 1971 durch den Verweis auf die Scharia als eine Rechtsquelle wieder vermehrt Diskussionen um deren Einführung gegeben hatte,312 wurden 1977 koptische Reaktionen vor allem hervorgerufen, als ein neues Gesetz den Glaubensabfall unter Strafe stellen wollte. Dies hätte das Todesurteil für Kopten bedeutet, die zum Islam konvertierten und daraufhin einen Widerruf leisten wollten. Moderate Muslime wollten die Scharia dagegen als Garantie für die religiösen Minderheiten verstehen.313 Schenuda III. verbot den koptischen Priestern, sich politisch zu betätigen, um die Situation nicht weiter zu belasten.314 Schon im Dezember 1976 hatte er eine Konferenz in Alexandria einberufen, um die Anliegen der koptischen Gemeinschaft auszudrücken.315 Dazu äußerten sich noch koptische Gemeinden im Ausland, vor allem aus den USA, sehr kritisch und versuchten Druck auf die ägyptische Regierung auszu- üben.316 Der Rektor der berühmten Al-Azhar Universität, Scheich ʿAbd Al-Ḥalīm Maḥmūd, reagierte im Juli 1977 auf die koptische Kritik mit einer islamischen Konferenz, auf der betont wurde, dass die Scharia nicht in Frage gestellt werden sollte und alle Gesetze, die dem Islam widersprechen, nichtig seien.317 Vom 5.-9. September 1977 erklärte Papst Schenuda III. daraufhin ein fünftägiges Fasten, das mit der wöchentlichen Ansprache mit über 6000 Teilnehmern endete. Am 15. September 1977 wurde zur Erleichterung der Kopten durch den damaligen 311 Vgl. ebd. 312 Vgl. Meinardus 1998, 69. 313 Vgl. ebd. 314 Vgl. ebd. 315 Vgl. Van Doorn-Harder 2011, 162. 316 Vgl. ebd. und Meinardus 1998, 66. Es gab noch weitere Vorfälle, die hier nur angedeutet werden können: 1978 wurden z.B. im Delta zwei Kirchen angegriffen, an Ostern eine geplündert und am 26.3.1979 eine alte Marienkirche aus dem 9. Jahrhundert (eine der ältesten Kirchen Alt-Kairos) zerstört. Dazu kamen noch weitere gewaltsame Zusammenstöße in Alexandrien sowie in Oberägypten. Vgl. Meinardus 1998, 63. Besonders die Kritiken der Auslandskopten im Rahmen der Camp-David-Verhandlungen belasteten das Verhältnis von Sadat und Schenuda III. zusätzlich. Reiss deutet dies als Anlass für den Bruch zwischen den beiden. Vgl. Reiss 1998, 232. 317 Vgl. Meinardus 1998, 66. 68 Ministerpräsidenten Mamdūḥ Sālim mitgeteilt, dass der Apostasie- Vorschlag fallen gelassen wurde.318 Am 6. Januar 1980, am koptischen Weihnachtsfest, explodierten Bomben in verschiedenen Kirchen in Alexandria.319 Nachdem die Regierung nicht reagierte und die Täter bestrafte, entschied sich Papst Schenuda III., öffentlich Stellung zu beziehen. Er sagte die Osterfeiern in einer öffentlichen Rede am 26. März 1980 ab, in der er auch die Bestrebungen, die Scharia zur Grundlage der Gesetzgebung zu machen, heftig angriff. Er verärgerte den Präsidenten auch mit der Aussage, dieser benütze den Islam als neue Form des ägyptischen Nationalismus.320 Daraufhin zog sich Schenuda III. mit den Mitgliedern der Heiligen Synode in das St. Bišūy-Kloster in Wādī An-Naṭrūn zurück.321 Infolgedessen konnten die Regierung und die muslimischen Würdenträger nicht ihre traditionellen Festwünsche überbringen. Präsident Sadat wurde dadurch sehr blamiert, da er seit dem Camp-David-Abkommen von 1978322 mit Israel international das Image des Friedensstifters pflegte. Hiermit verpasste er seine jährliche Gelegenheit, die nationale Harmonie zur Schau zu stellen.323 Außerdem war Präsident Sadat auf Papst Schenuda III. zornig, da dieser das Verbot für Kopten, nach Jerusalem zu pilgern, nicht aufheben wollte. Der Präsident wollte die Zahl der ägyptischen Touristen zum Ausgleich für die israelischen Touristen anheben. Papst Schenuda III. ließ dies aber nicht zu und meinte einmal: „Die Probleme, die Ägypten heute von der übrigen arabischen Welt trennen, werden eines Tages gelöst werden, und wenn dieser Tag gekommen ist, sollen die Kopten nicht als Verräter an den Arabern gebrandmarkt werden. Ich werde keine einzige Pilgerreise nach Jerusalem bewilligen.“324 318 Vgl. ebd. 69. 319 Vgl. Van Doorn-Harder 2011, 162. 320 Vgl. ebd. 163. Meinardus beschreibt die Osterfeierabsage und die öffentliche Rede als dasselbe Ereignis. Bei Van Doorn-Harder hört es sich wie zwei voneinander zeitlich getrennte Aktionen an. Vgl. Meinardus 1998, 69 und Van Doorn-Harder 2011, 162f. 321 Dies wurde in einer außerordentlichen Synode beschlossen. Vgl. Meinardus 1998, 64.69. 322 Das Camp-David-Abkommen vom September 1978 führte im März 1979 zur Unterzeichnung des Friedensabkommens mit dem israelischen Ministerpräsidenten Menachem Begin. Vgl. Meinardus 1998, 67 und Osman 2013, 98f. 323 Vgl. Van Doorn-Harder 2011, 162f. 324 Zitiert nach Reiss 2004, 214. 69 An dieser Position hat er festgehalten.325 Der Widerspruch gegen Sadat brachte dem Papst auch Kritik aus den eigenen Reihen ein, da sich einige moderate Bischöfe und Laienführer eine zurückhaltendere Position ihres Papstes wünschten im Gegensatz zu vielen Kopten, die seine harte Haltung begrüßten.326 Im Mai 1980 kam der endgültige Bruch zwischen Sadat und Papst Schenuda III. Die Regierung wollte die Scharia zu „der“ Quelle der Gesetzgebung machen und nicht nur „eine“ von vielen Quellen des Gesetzes, wie es seit 1971 hieß.327 Dies hätte für Kopten die Rückkehr zum sogenannten Ḏimma-Status328 bedeutet, indem man als Schutzbefohlener (Juden/Christen) extra Steuern zahlen musste, vom Militärdienst befreit war, aber im Prinzip offiziell Bürger 2. Klasse blieb.329 Meinardus schreibt: „Am 24. Mai 1980 wurde Artikel 2 der Verfassung auf Druck der Fundamentalisten, wie folgt geändert: ‚Der Koran ist nicht eine, sondern die Quelle des ägyptischen Rechts. Diese Bestimmung hat Vorrang gegenüber den Artikeln 40 und 46, die Religionsfreiheit und freie Religionsausübung gewährleisten.‘“330 325 Heute wird es bei Auslandskopten aber nicht (mehr) ganz so streng (teils Exkommunikation) gehalten wie ein koptischer Geistlicher mir mitteilte. 326 Vgl. Van Doorn-Harder 2011, 163. Vor dem Sechs-Tage-Krieg (1967) besuchten jährlich 35 000 bis 50 000 Kopten die Heilige Stadt. Seit der Besetzung Ostjerusalems wurden die Pilgerreisen aber eingestellt. Schenuda III. befürchtete gro- ßen Schaden für die koptische Kirche durch eine Annäherung an Israel. Es gab dazu einen Streit um ein (koptisches) Kloster in Jerusalem, das von Israel an die äthiopische Kirche übergeben wurde. Vgl. Meinardus 1998, 67 und für die äthiopische Kirche unten Kap. 2.10.2.8. Schenuda III. ging so weit, die Exkommunikation für alle Israelpilger zu befehlen. Da dies von vielen Kopten ignoriert wurde, kam es, sofern Watson Recht hat, zu bis zu 17 000 Exkommunikationen. Vgl. Watson 2012, 131. Gleichzeitig gibt es heute aber schon seit Jahren eine kleine Zahl an koptischen Priestern/Mönchen, die offiziell nach Israel ausgesandt sind. 327 Erst am 6. September 1971 wurde eine neue Scharia-Gesetzgebung bestätigt: „Der Islam ist die Religion des Staates, Arabisch ist die offizielle Sprache, und die Prinzipien der islamischen Scharia sind eine wichtige Quelle der Gesetzgebung.“ Meinardus 1998, 69. 328 Vgl. für den Begriff „Ḏimma“, Hasan 2003, 32.106. Siehe oben Kap. 1.8-9. Zur Kopfsteuer (Ğizya) konnte noch eine weitere Landsteuer namens Al-Ḫarāğ kommen, evtl. aber für alle Bürger. Vgl. O’Mahony 2006, 489. 329 Vgl. Van Doorn-Harder 2011, 163. 330 Meinardus 1998, 69f. 70 Bischof Samuel hatte im Namen Schenudas III. vergeblich versucht, für eine mildere Scharia-Gesetzgebung zu plädieren.331 Papst Schenuda III. kehrte zuvor am 25. April 1980 in die St. Markus-Kathedrale zurück, um seine Freitagspredigt zu halten. Aufgebrachte koptische Massen riefen: „Shenuda ist unser Präsident, wir opfern uns für dich.“332 Darauf reagierte Präsident Sadat in einer Rede am 14. Mai 1980 vor dem Parlament, worin er den Papst heftig attackierte.333 Schenuda III. würde als Politiker agieren und hätte vor, einen christlichen Staat innerhalb des Staates aufzubauen.334 Er erhielt außerdem viel Applaus mit den Worten: „Der Papst muss aber verstehen, dass ich ein muslimischer Präsident eines muslimischen Landes bin.“335 Diese Rede war historisch und ungewöhnlich zugleich, da sich selbst in den schlimmsten Zeiten (in der jüngeren Geschichte zuvor) der ägyptische Staat zurückhielt, die Kopten öffentlich zu attackieren. Kein ägyptischer Herrscher hat seit dem frühen 19. Jahrhundert öffentlich den koptischen Patriarchen attackiert.336 Dadurch wurden militante islamistische Gesellschaften noch mehr angestachelt, die Kopten in Predigten zu verunglimpfen.337 2.9.1.5 1981 In einem Bezirk in Kairo namens Al-Zāwiyya Al-Ḥamrāʾ kam es im Juni 1981 zu einem tragischen Höhepunkt.338 Ein zorniger Kopte schoss auf einen Muslim, der versuchte, eine Moschee auf einem Landstück zu bauen, das per Gerichtsurteil für eine neue Kirche zugewiesen wurde. Mehrere Tage mit extremer Gewalt brachen aus. Die Polizei griff nicht ein, während 18 Leute getötet, 112 verletzt und 171 Läden zerstört wur- 331 Vgl. ebd. 70. 332 Zitiert nach ebd. 77. 333 Vgl. ebd. 334 Er sprach von einem Plan eines separaten Koptenstaates mit Asyūṭ als Hauptstadt. Er erinnerte an seine Großzügigkeit mit der Erlaubnis, jährlich 50 Kirchen zu bauen und betonte, in einem islamischen Land zu regieren. Seine Maxime lautete: „Keine Religion in der Politik und keine Politik in der Religion.“ Vgl. ebd. 335 Van Doorn-Harder 2011, 163 (selbst übers. aus dem Englischen). 336 Vgl. zu den letzten beiden Sätzen ebd. (fast wörtlich übersetzt). 337 Vgl. zu diesem Abschnitt Van Doorn-Harder 2011, 163. Siehe auch Hasan 2003, 116f. 338 Vgl. zu diesem Unterkapitel Van Doorn Harder 2011, 163f., das hier bei der Darstellung zugrundegelegt wird. 71 den.339 Nach einer bekannten Strategie beschuldigten Sadat sowie Großteile der ägyptischen Presse den Papst. Gleichzeitig hatte Sadat andere Probleme. Manche waren wütend auf ihn, weil er mit Israel Frieden geschlossen hatte, andere, weil er die Wirtschaft nicht mehr unter Kontrolle brachte. Islamisten erklärten Ägypten für ein unislamisches Land. Am 3. September 1981 nutzte Sadat gemäß Van Doorn-Harder diesen Konflikt, um seine Opposition zum Schweigen zu bringen.340 Er nahm 1536 Oppositionelle fest. Viele davon waren muslimische Aktivisten, aber es waren auch acht Bischöfe und 24 Priester darunter und zahlreiche andere Kopten.341 Zwei Tage später wurde Papst Schenuda III. einer seiner berühmtesten Häftlinge. Präsident Sadat befahl, dass der Patriarch im Kloster St. Bišūy unter Hausarrest gestellt werden sollte.342 Die Zeit in der Verbannung sollte 1213 Tage andauern.343 2.9.2 Papst Schenuda III. im Exil (1981-85) Präsident Sadat nahm seinen präsidialen Erlass bzgl. Schenudas III. Einsetzung zum Papstamt zurück. Er nannte ihn fortan den Ex-Papst und bezeichnete ihn vor seinem Tod als Fanatiker.344 Die päpstliche 339 Vgl. Van Doorn-Harder 2011, 163. Im August 1981 gab es während eines Trauergottesdienstes eine Bombenexplosion in einer Kirche in Šubrā mit drei Toten und vielen Schwerverletzten. Vgl. Meinardus 1998, 64. Meinardus stellt auf derselben Seite die These in den Raum, dass die gewalttätigen Auseinandersetzungen von arabischen Staaten geschürt wurden, um in Ägypten Unruhe zu stiften. Ohne weitere Quellen ist dies aber weder zu verifizieren noch zu falsifizieren. 340 Laut Meinardus hatte Präsident Sadat keine andere Wahl, als mit harter Hand durchzugreifen, da das Verhältnis zwischen den beiden Religionsgruppen so belastet war. Vgl. Meinardus 1998, 65. 341 Vgl. Van Doorn-Harder 2011, 163f. Meinardus spricht von 150 Bischöfen und Priestern. Vgl. Meinardus 1998, 70. 342 Die Anschuldigung hatte mit dem Vorwurf eines geplanten Koptenstaates zu tun. Nach der dubiosen Verschwörungstheorie wollte die koptische Kirche einen koptischen Staat in Oberägypten aufbauen mit militärischer Hilfe der libanesischen Phalange und finanziert durch den CIA, BND, die CDU und den Weltkirchenrat. Vgl. Hasan 2003, 116. 343 Vgl. Van Doorn-Harder 2011, 163f. und Meinardus 1998, 70. Laut Meinardus kam der Präsidentenerlass zur Verbannung auch vom 3. September 1981. Van Doorn-Harder schreibt hier aber präziser. 344 Im letzten Interview vor seinem Tod sagte Sadat: „Schenuda ist ein Fanatiker. Meine Schwierigkeiten mit ihm begannen mit dem Tag seiner Ernennung. Schenuda will neben seiner kirchlichen Autorität politische Macht, so wie die Kirchenfürsten im europäischen Mittelalter. Als Erstes sicherte er sich eine 72 Kirchenzeitschrift Al-Kirāza wurde genauso verboten wie die koptische Wochenzeitung Waṭanī. Darauf startete Präsident Sadat eine Medienkampagne gegen Papst Schenuda III., indem er ihn beschuldigte, einen Krieg gegen die Regierung zu führen.345 Für Papst Schenuda III. wurde eine Kommission aus fünf Bischöfen eingesetzt, die alle mit dem konfrontativen Kurs des Papstes nicht einverstanden waren und deshalb Verständnis für die Maßnahmen des Präsidenten zeigten.346 Es waren der bereits erwähnte Bischof Samuel347 sowie Bischof Gregorius348, Bischof Athanasius aus Banī Sūwaif, Bischof Maksīmūs von Banhā und Bischof Yūḥannā von Ṭanṭā, der auch der Sekretär der Heiligen Synode war. Sie waren alle dafür, dass sich die Kirche eher auf die Stärkung der Wirtschaft, der Bildung oder nur auf den geistlichen Bereich beschränken sollte.349 Ihre Bereitschaft, in dem Komitee mitzuarbeiten, war biblisch durch Röm 13,1.2350 und zudem vor allem durch die Angst motiviert, dass die letzte Konfrontation zwischen Sadat und Schenuda III. eine islamistische Gegenreaktion hervorbringen könnte. Die fünf Bischöfe machten aber klar, dass sie im Gegensatz zu Sadat Schenuda III. immer noch als Papst ansahen, was er auch auf Lebenszeit bleiben würde.351 Die Mehrheit der Kopten sah Papst Schenuda III. sobequeme Stimmenmehrheit von Ja-Sagern in der Heiligen Synode der koptischen Kirche und ließ sich als ‚Sprecher der Kopten‘ ausrufen. Das war der erste Schritt in die Politik und stand ihm gar nicht zu, denn politisch werden unsere Kopten durch die Parlamentsabgeordneten und den Maglis el-Milla, den Kirchenrat, repräsentiert.“ Zitiert nach Köhler 2008, 48. 345 Vgl. Van Doorn-Harder 2011, 164. 346 Vgl. ebd. und Meinardus 1998, 65. 347 Nach seiner Ermordung 1981 ersetzte ihn Bischof Bāḫūmiyūs von Al-Buḥayra. Vgl. Meinardus 1998, 72. 348 Laut Reiss hatte Bischof Gregorius den Vorsitz dieses Komitees inne. Vgl. Reiss 1998, 236. 349 Vgl. Van Doorn-Harder 2011, 164. 350 Vgl. Meinardus 1998, 65. Röm 13:1f: „Jeder leiste den Trägern der staatlichen Gewalt den schuldigen Gehorsam. Denn es gibt keine staatliche Gewalt, die nicht von Gott stammt; jede ist von Gott eingesetzt. 2 Wer sich daher der staatlichen Gewalt widersetzt, stellt sich gegen die Ordnung Gottes, und wer sich ihm entgegenstellt, wird dem Gericht verfallen.“ 351 Vgl. Van Doorn-Harder 2011, 164. 73 wieso noch als ihren Papst an, da er der Einzige war, der mutig für ihre Rechte aufgestanden war.352 Die Formierung dieses Komitees hat die Koptisch-Orthodoxe Kirche fast entzweit. Es brachte die unterschiedlichen Denkrichtungen ans Licht, die sich seit den 50er Jahren entwickelt hatten. Die neu entstandenen internationalen Verbindungen (u.a. durch den Beitritt zum Weltkirchenrat sowie durch koptische Auslandskirchen) trugen mit dazu bei, dass die diversen Meinungen publik wurden.353 Auch wenn Papst Schenuda III. im Volk große Unterstützung genoss, gab es neben den fünf erwähnten Bischöfen noch andere, die sich offen gegen die Vorgehensweise von Papst Schenuda III. aussprachen. Der Bekannteste war sein früherer Kollege in der Sonntagsschularbeit und zeitweise spiritueller Mentor, der berühmte monastische Leiter Mattā Al-Miskīn. Al-Miskīn behielt eine freundliche Beziehung zu Präsident Sadat. Dieser bestellte den Kirchenleiter sogar zu sich ein, nachdem er Papst Schenuda III. ins Exil geschickt hatte und beriet mit ihm, was es für Konfliktlösungen gebe.354 Sehr wahrscheinlich wollte Sadat Al-Miskīn als neuen Papst einsetzen, dieser lehnte aber ab.355 Gemäß Meinardus sahen nicht wenige Kopten in ihm eine Art Gegenpapst.356 Eine der möglichen Lösungen, die Al-Miskīn vorschlug, war die Formierung einer Kommission, und das war auch die einzige Lösung, die Sadat akzeptierte.357 Durch ein äußerst kritisches Time Magazine Interview am 28. September 1981 verärgerte Mattā Al-Miskīn den Papst dann in hohem Maße. Für ihn war die Rolle der Kirche rein geistlich und Papst Schenuda III. nahm eine viel zu politische Rolle ein. Dagegen rechtfertigte Mattā Al-Miskīn die Aktion von Präsident Sadat, den Papst zu ver- 352 Als er Kairo verlassen musste, riefen viele Kopten: „Bi-l-rūh, bi-l-dam nafdīk!“ („With our souls and our blood we will vindicate you.“) Van Doorn-Harder 2011, 164. 353 Vgl. Van Doorn-Harder 2011, 164f. 354 Laut Al-Miskīn fand dieses Treffen mit der Genehmigung von Papst Schenuda III. statt. Vgl. Köhler 2008, 46. Bei Schenuda III. selbst hörte sich dies in einem Interview nachher anders an. Vgl. Köhler 2007. 355 Vgl. Reiss 1998, 293 und Watson 2012, 102 sowie privates Gespräch mit einem Mönch, der sowohl Abuna Mattā als auch Papst Schenuda III. persönlich kannte. 356 Vgl. Meinardus 1998, 64.75. 357 Vgl. Van Doorn-Harder 2011, 165. 74 bannen, als von Gott gewollt, da sie die Kirche und die Kopten beschützen würde.358 Es gab auch andere Stimmen im Ausland, die sich für Papst Schenuda III. aussprachen.359 Einer davon, ein Kenianer, der zur Koptisch-Orthodoxen Kirche konvertierte und daraufhin Priester in den USA wurde, kritisierte die Kommission öffentlich. Dafür wurde er exkommuniziert, jedoch schrieb Papst Schenuda III. aus dem Exil einen Brief, der diese wieder aufhob. Die Schlussworte des Briefes lauteten: „As the direct and supreme chief of the Coptic Orthodox Churches in America, I state that Father Mark al Askeety is still the pastor and priest of our congregation in Houston and the head of its congregation.”360 Die zwischenzeitliche Exkommunikation führte dazu, dass die vorher neutralen Kopten sich auf die Seite von Papst Schenuda III. stellten.361 Auch die westlichen Partnerkirchen wussten nicht so recht mit der Situation umzugehen. Sie unterstützten die Koptisch-Orthodoxe Kirche weiterhin finanziell und hielten gute Verbindungen mit dem bekannten Bischof Samuel, sei es im Weltkirchenrat, von der katholischen Kirche aus oder in der Afrikakonferenz der Kirchen, in der Samuel Vizepräsident war.362 Nachdem Bischof Samuel am 6. Oktober 1981 zusammen mit Präsident Sadat erschossen wurde, wandelte sich die Situation 358 Vgl. ebd. – Ein Auszug der Time Magazine Aussage von Al-Miskīn: “[Shenouda is the best educated Pope in church history. But] Shenouda’s appointment was the beginning of the trouble. The mind replaced inspiration, and planning replaced prayer. For the first years I prayed for him, but I see the church is going from bad to worse because of his behavior [...] I can’t say I’m happy, but I am at peace now. Every morning I was expecting news of more bloody collisions. Sadat’s actions protect the church and the Copts. They are from God.” Zitiert von Hulsman 2012b. Klammer ergänzt nach Köhler 2008, 66. 359 Dies half ihm auch bei der Rehabilitation in der Kirche. Sie bewirkten u.a., dass Papst Schenuda III. von Amnesty International als prisoner of conscience aufgenommen wurde. Vgl. Reiss 1998, 232. 360 Watson 2012, 89.152. 361 Vgl. Van Doorn-Harder 2011, 165f. Der Brief Schenudas III. vom 05.06.1982 wurde aus dem Kloster geheim in die USA geschmuggelt und dort bei einer staatlichen Gerichtsverhandlung am 29.07.1982 verlesen und vom zuständigen Richter offiziell unterstützt. Leider wurde derselbe Priester (Vater Markus) ein Jahr später, Mitte April 1983, unter mysteriösen Umständen ermordet. Der Fall konnte nie aufgeklärt werden. Vgl. Watson 2012, 80-92.151f. 362 Vgl. Van Doorn-Harder 2011, 166. 75 jedoch.363 Ein Jahr später kamen Repräsentanten des Weltkirchenrats sowie der katholischen Kirche und besuchten Papst Schenuda III. im Exil. Dies machte die Position der Kommission unsicher. Unter dem neuen Präsidenten Mubarak änderte sich die Situation allmählich. Zunächst führte Mubarak eine neue Sprachregelung ein, nach der das im September 1981 eingesetzte Bischofskollegium nur noch eine Verwaltungsinstanz und Schenuda III. wieder das geistliche Oberhaupt der koptischen Kirche wurde.364 1983 tauschten der Papst und Präsident Mubarak Neujahrswünsche aus. Es war wohl sowohl im staatlichen als auch im Interesse Schenudas III., die Rückkehr erst dann vorzunehmen, wenn sich die innenpolitische Lage beruhigt hatte.365 Zwei Jahre später durfte Papst Schenuda III. dann kurz vor dem koptischen Weihnachten wieder zurück nach Kairo, um dort die Liturgie zu zelebrieren.366 Jetzt begann eine neue Phase in der koptischen Kirche, denn nun stand die Kommission in einem sehr schlechten Licht.367 Alle Bischöfe sowie auch Mattā Al-Miskīn wurden auf die eine oder andere Art bestraft. Bischof Gregorius zog sich zurück und beschränkte sich auf seine akademische Arbeit. Bischof Athanasius musste lange Zeit öffentliche Demütigungen hinnehmen, aber vertrug sich später im Leben wieder mit Papst Schenuda III. Die Bücher von Mattā Al-Miskīn wurden aus den päpstlichen Buchläden verbannt, was aber auch noch andere theologische Gründe hatte.368 Auch auf den verstorbenen Bischof Samuel war der Papst selbst Jahre später nicht gut zu sprechen. Neben seiner Rolle in der Kommission missfiel ihm schon vorher seine viel zu offene ökumenische Art, obwohl der Papst selbst nach 1981 stärker ökumenisch engagiert war.369 363 Die Anklagen und Denunziationen brachten Schenuda III. zu der – mit Meinardus gesprochen unchristlichen – Bemerkung, dass dies ein Akt der göttlichen Gerechtigkeit sei, der die Kirche vor einem schlimmen Übel befreien würde. Vgl. Meinardus 2005. 364 Vgl. Strohmayer 2007, 147. 365 Vgl. ebd. 366 Im Herbst 1984 hatte Mubarak zunächst in der ersten Parlamentswahl nach seiner Amtsübernahme seine Position gefestigt. Jetzt durfte Papst Schenuda III. nach dreieinhalb Jahren im Wüstenkloster wieder nach Kairo. Vgl. ebd. 147f. 367 Vgl. Van Doorn-Harder 2011, 166. 368 Vgl. ebd. und siehe unten Exkurse in Kap. 3.2 zu den anderen Gründen. 369 Vgl. Hasan 2003, 90-99 sowie unten Kap. 2.10.2.8. 76 Die Zeit des Exils oder Hausarrests jedenfalls beschreibt Papst Schenuda III. aber auch als eine Zeit, in der er beten, studieren und schreiben konnte.370 Diese Phase wird als Zeit höchster literarischer Tätigkeit angesehen.371 2.9.3 Papst Schenuda III. unter der Ära von Husni Mubarak (1981- 2011) Nach seiner Rückkehr aus dem Exil betonte Papst Schenuda III. in seiner ersten Botschaft Liebe, Frieden und Freundschaft unter den Ägyptern.372 Auf die Frage, ob sich Papst Schenuda III. unter Mubarak sehr geändert hat im Vergleich zu Sadat, antwortete er später in einem Interview: „Nein, der Präsident hat sich geändert.“373 Papst Schenuda III. gab Präsident Mubarak seine eindeutige Unterstützung und sprach zusammen mit der Heiligen Synode sogar Wiederwahlempfehlungen für ihn aus. Schenudas III. scheinbar uneingeschränkte Loyalität zu Mubarak lag u.a. darin begründet, dass sie mit dem islamistischen Extremismus denselben Feind teilten.374 Dies änderte aber nichts daran, dass es auch in den 1990er Jahren immer wieder zu Gewalttaten gegen Christen kam. Schon Mitte der 1980er Jahre hatten sich islamistische Gruppen formiert, die Angriffe auf christliche Häuser, Geschäfte oder Kirchen organisierten.375 Van Doorn-Harder nennt nur einige Orte, mit denen antikoptische 370 Vgl. zu diesem Abschnitt Van Doorn-Harder 2011, 167. 371 Vgl. St. Antonius-Kloster 2010, 53. 372 Vgl. Van Doorn-Harder 2011, 167 und Watson 2012, 116f. – Nach einer Erklärung der christlichen Liebe sagte der Papst: „Egypt has lived in love throughout her history. We have lived as nation in friendship and peace for centuries. We hope that love will govern our country and that peace will reign in this age. We extend this hope: May Love rule the world. We pray that fratricidal war will end . . . If one part of the body is in pain the whole suffers. In Egypt, we hope to be of one spirit and one mind for the sake of our beloved homeland. At this Christmas Festival, all Coptic Orthodox Christians open their hearts to all their Muslim brothers and sisters. We Copts know that our Muslim brothers and sisters are our flesh, our blood, our bones and in one family with us in this beloved country. We Copts send to all Muslims greetings from the bottom of our hearts, and we ask for all Egyptians a time of comfort, progress and prosperity.” Schenuda III. am 6/7. Jan 1985, zitiert nach Watson 2012, 117. 373 Interview mit Cornelis Hulsman in Kairo am 04.10.2013, der Papst Schenuda III. selbst zu dieser Frage interviewt hatte. Vgl. auch Hulsman 2012b. 374 Vgl. McCallum 2010, 138. 375 Vgl. Van Doorn-Harder 2011, 166f. 77 Gewalt verbunden war: Ṣanabū (1992),376 Abū Qurqāṣ (1995), Al-Qūṣiyya (1996), Al-Kušḥ (1998 und 2000), Alexandria (2005 und 2011), Dairūṭ (2009) und Naǧʿ Ḥammādī (2010).377 Hier versagte der Schutz des Staates,378 aber Papst Schenuda III. versuchte durch Diplomatie und Versöhnungsanstrengungen, die Lage immer wieder zu beruhigen. So hielt er öffentlich Fastenbrechen-Mahlzeiten (Ifṭār) im Ramadan mit hohen muslimischen Gästen ab. Außerdem baute er ein Komitee der nationalen Einheit auf, um das Verhältnis mit den Muslimen zu verbessern.379 Für seine Anstrengungen zur Versöhnungsarbeit erhielt der Patriarch 2000 den Madensite-Preis der UNESCO für die Förderung von Toleranz und Gewaltlosigkeit.380 In seiner Rede betonte er: „There is a way to win your enemy over to become your friend. (…) We will not allow victory to hatred but overcome it with goodness.”381 Staatlicherseits änderte sich in den 1990er Jahren mit zunehmender Gewalt von Seiten der Islamisten die Rhetorik der Regierung gegenüber den Kopten zum Positiven.382 Es gab Buchveröffentlichungen, die die Anstrengungen der Kopten für Ägypten betonten. Der Höhepunkt der Bemühungen um nationale Einheit war um die Jahrtausendwende, als Präsident Mubarak zum 2000-jährigen Jubiläum das koptische Weihnachten (7. Januar) zum nationalen Feiertag erklärte.383 In Zusammenhang mit dem Jubiläum erschien auch eine Veröffentlichung über die Reise der Heiligen Familie in Ägypten, die von Papst Schenuda III. 376 13 christliche Bauern wurden mit Maschinengewehren erschossen sowie vier weitere Christen in einem anderen Ort (Ṭamā) mit der Axt ermordet. Vgl. Hasan 2003, 143. 377 Vgl. Van Doorn-Harder 2011, 167f. Siehe zu Al-Kušḥ auch Bolz 2006. 378 Z.B. stehen vor jeder Kirche in Ägypten normalerweise ägyptische Polizisten. 379 Vgl. Van Doorn-Harder 2011, 168. Trotz verschiedener Gewaltakte und Spannungen muss auch betont werden, dass unter vielen ägyptischen Muslimen und Kopten ein freundschaftliches Verhältnis herrscht. 380 Vgl. Van Doorn-Harder 2011, 169 und Schenouda III. 2006, 19. Vgl. auch Unesco 2014. 381 Van Doorn-Harder 2011, 169f. 382 Attentate trafen nämlich nicht nur Kopten, sondern auch liberale Intellektuelle, Politiker und ausländische Touristen sowie Sicherheitskräfte (d.h. natürlich auch Muslime). Vgl. Strohmayer 2007, 147-152. 210. Siehe auch Hasan 2003, 117f. Auch auf Mubarak selbst wurden insgesamt laut BBC mindestens sechs Attentatsversuche (u.a. 1995, 1999) verübt. Vgl. BBC 2016. 383 Van Doorn-Harder scheint vom Jahr 2000 zu sprechen, aber laut dem Arab West Report muss es sich um das Jahr 2002 handeln. Vgl. Van Doorn-Harder 2011, 168f. und Fawzi 2002. 78 unterstützt wurde.384 Dennoch fing das Jahr 2000 mit einem Massaker in dem oberägyptischen Ort Al-Kušḥ an, bei dem ca. 20 Christen getötet und 33 verletzt wurden, außerdem wurden 33 christliche und 45 muslimische Geschäfte zerstört.385 Obwohl die Polizei nur langsam eingriff und das Rechtssystem lax im Verurteilen von Tätern war, betonte Papst Schenuda III. zunächst ausdrücklich die nationale Einheit und sein Vertrauen darauf, dass sich die Autoritäten mit dieser Krise befassen würden. Nachdem aber am 1. Dezember 2000 89386 Beschuldigte im Zusammenhang mit diesem Massaker ohne Kaution freikamen, sah er nur die Option, die Entscheidung anzufechten. Er listete nochmals alle Opfer mit Namen im Al-Kirāza Magazin auf, damit die Nation sie nicht vergessen würde.387 Vorher hatte es schon Debatten um die nationale Einheit gegeben, in denen Papst Schenuda III. deutlich betonte, dass die Kopten keine Minderheit seien. Sie seien ein Teil von Ägypten und loyale Bürger. Die Sichtweise als einer Minderheit hätte für die Kopten nur negative Folgen.388 Im selben Zusammenhang steht auch die offene Frage nach der genauen Prozentzahl der Kopten.389 Seine Ablehnung jeglicher ausländischer Einmischung in Ägypten sowie seine politische (israelkritische) Haltung zur Palästinenserfrage gab Schenuda III. eine hohe Glaubwürdigkeit als ägyptischer Patriot.390 Schenuda III. sagte häufig den Satz: „Ägypten ist nicht eine Heimat, in der wir leben, sondern die, die in uns lebt.“391 Es gab jedoch mehr und mehr Stimmen, die die öffentliche Politik von Papst Schenuda III. und seine Loyalität zum Staat sehr kritisch sahen. Das lag auch daran, dass Mubarak autokratisch regierte und dadurch zunehmend in der Kritik stand: Die nach der Ermordung von Sadat 1981 (wieder) eingeführten 384 Vgl. Shenouda III 2000a. Zur heiligen Familie in Ägypten siehe auch Kap. 1.3. 385 Vgl. Van Doorn-Harder 2011, 169. 386 McCallum spricht von 92 von 96, die freigesprochen wurden. Vgl. McCallum 2010, 141. 387 Vgl. Shenouda III 2000b sowie Shenouda III 2000c. Siehe auch Van Doorn- Harder 2011, 169. 388 Vgl. Van Doorn-Harder 2011, 169 sowie McCallum 2010, 142. 389 Vgl. Kap. 1.9. 390 Vgl. McCallum 2010, 142. Zur Ablehnung der Einmischung vgl. Bāḫūmiyūs/Irmiyā 2012, 34. Auch die Einmischung von Auslandskopten lehnte er i.d.R. ab. Er sprach zudem immer wieder von „Egypt our Mother“. Vgl. Watson 2012, 66. 391 Zitiert nach Labib 1983, 92 von Bischof Damyān übertragen: „Ägypten ist ein Land, das in unseren Herzen lebt und nicht nur ein Land, in dem wir leben.“ Von Clausewitz 2012, 140. 79 und immer wieder verlängerten Notstandsgesetze sanktionierten eine rechtliche Willkür, z.B. grundlose Festnahmen. Sein Sicherheitsapparat leistete sich zahllose Menschenrechtsverletzungen, Korruption war in der Regierung weit verbreitet, und Kopten selbst hatten immer noch – trotz teilweiser Verbesserungen z.B. im Kirchenbaurecht – mit zahlreichen Diskriminierungen z.B. bei der Arbeitssuche und in öffentlichen Ämtern zu kämpfen.392 Manche Kopten und z.T. auch Priester wollten selbst politisch aktiv werden und nicht mehr einfach ihrem Papst in seiner regimeloyalen Meinung folgen.393 Papst Schenuda III. bezog gegen Ende von Mubaraks Amtszeit – in der der Papst vermehrt durch Krankheitsphasen394 geplagt wurde – teils auch direkter Stellung,395 besonders nachdem ihm seine Wahlempfehlung 2005 für Mubarak mehr Kritik einbrachte.396 Eine Art des Protests war es immer, sich ins Kloster St. Bišūy zurückzuziehen und öffentliche Protestbriefe zu formulieren und an die Autoritäten zu appellieren, etwas gegen die Gewalt gegen Christen zu unternehmen. Auf diese Art signalisierte er auch, dass er dem Präsidenten nicht bedingungslose Unterstützung leistete.397 Für einige Kopten waren aber z.B. Schenudas III. Aussagen in Folge des Massakers398 in Naǧʿ Ḥammādī am koptischen Weihnachten 2010 nicht regimekritisch genug.399 Nach dem blutigen Bombenanschlag an Silvester 2011 vor der Kirche in Alexandria 392 Zu den Menschenrechtsverletzungen siehe u.a. das Buch, das die Revolution vorausgesagt hat: Bradley 2008 sowie einen der zahlreichen Menschenrechtsberichte, z.B.: U.S. Department of State 2011. Siehe auch die verschiedenen Berichte der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) 2014. Bei anderen Berichten (u.a. auch von Auslandskopten) muss man die Fakten bzw. Quellen häufiger nachprüfen, da sie aus politischen Motiven teils zur Übertreibung neigen. Siehe dazu auch: Hulsman 2012c. 393 Vgl. Van Doorn-Harder 2011, 170. Ein Priester wurde suspendiert, weil er 2005 im Zuge der Parlamentswahlen Teil der Oppositionspartei Al-Kifāya wurde. Vgl. Köhler 2008, 78. 394 Vgl. Tamcke 2009, 19. 395 Van Doorn-Harder meint seit 2005. Vgl. dies. 2011, 159. 396 Vgl. Köhler 2008, 79. 397 Vgl. Van Doorn-Harder 2011, 171. Auch 2004 bzgl. der (angeblichen) Konversion der Priestergattin Wafāʾ Qusṭanṭīn bezog er Stellung, aber vorrangig gegen die zweifelhafte Rolle der Medien in dieser Frage. Vgl. Hulsman 2013a, 29 sowie McCallum 2010, 140. 398 Mindestens 7 Tote (6 Kopten und 1 Muslim) und ca. 20 Verletzte. Vgl. Shukry 2010. 399 Vgl. in Bezug auf Naǧʿ Ḥammādī: Jacobs 2010a, 28. 80 rief Schenuda III. vor allem zur Ruhe auf, appellierte aber auch (ungewöhnlich) kritisch an den Staat, der die Probleme sehen und zu lösen versuchen solle. Kopten seien den Gesetzen verpflichtet, aber ungerechte Gesetze müssten geändert werden.400 Manchen aufgebrachten Kopten ging Schenudas III. verständliche und diplomatisch formulierte Kritik aber nicht weit genug. Sein Brief an die koptischen Kirchen vom 6. Januar 2011 zeigt seine ermutigende Einstellung: „The painful circumstances that happened to us have brought compassion upon us from all sides, as well as extreme care and eagerness in protecting the churches, as well as care for our cause. Also, tribulation, by its nature, makes the soul closer to God. And we believe that God is the Protector and Helper, and that unless the Lord guards the city, the watchman stays awake in vain.”401 Während der Revolution vom 25. Januar 2011 war Schenuda III. – trotz der Teilnahme von Muslimen und Christen – sehr zurückhaltend und brachte zunächst seine Loyalität zu Präsident Mubarak zum Ausdruck.402 Noch Anfang Februar sagte er im Fernsehen: „The things that are happening now are against God's will.”403 Papst Schenuda III. war auch bewusst, dass trotz der zahllosen Mängel der Mubarak-Regierung, Kopten unter einer radikal-islamischen Regierung noch mehr zu fürchten hätten. Am 15. Februar 2011, vier Tage nachdem Mubarak zum Rücktritt gezwungen worden war, gratulierte Papst Schenuda III. aber der ägyptischen Jugend in einer Stellungnahme, gab der ägyptischen Armee seine Anerkennung und betonte, dass Ägypten jetzt eine Demokratie und eine zivile Nation werden sollte.404 Obwohl der bereits schwer kranke Papst furchtlos einen Tag nach dem Maspero-Massaker405 vom 9. Oktober 2011 in Kairo eine Totenmesse für die Märtyrer vom Maspero-Platz abhielt und zu drei Tage Fasten und Gebet aufrief, gab es teils ähnliche Diskussionen.406 Papst Schenuda III. 400 Vgl. Süddeutsche Zeitung 2011. 401 Zitiert aus: Hulsman 2011b. 402 Vgl. Ahram online 2011. 403 Zitiert von Hulsman 2011a. 404 Vgl. Van Doorn-Harder 2011, 171. 405 Kopten demonstrierten in Kairo gegen das – kurz zuvor geschehene – Anzünden einer Kirche in Assuan und wurden daraufhin u.a. von Militärfahrzeugen überrollt. Gemäß Hesemann starben mind. 35 Kopten [zweifellos über 24], über 320 wurden schwer verletzt. Vgl. Hesemann 2012, 279. 406 Ein paar Tage nach dem Maspero-Massaker 2011 wurde ein koptischer Bekannter von mir auf dem Weg zur Arbeit ohne Grund festgenommen und im 81 hatte zuvor die politischen Demonstrationen nicht unterstützt und nach Meinung einiger Kopten nach dem Gewaltakt die Übergangsmilitärregierung (den SCAF407) zu wenig kritisiert.408 Gemäß einem Beobachter nahm insgesamt die Kritik an der politischen Rolle Schenudas III. in Folge der Revolution zu.409 Im Vergleich zu Sadats Zeiten hielt sich Schenuda III. insgesamt betrachtet nicht nur unter Mubarak, sondern auch nach der Revolution mit öffentlicher Kritik an der Regierung zurück. Inmitten von Anspannungen versuchte er stattdessen häufig, als Brückenbauer zu fungieren und durch besonnene Reaktionen deeskalierend zu wirken, wofür er u.a. in Deutschland 2011 mit dem Augsburger Friedenspreis ausgezeichnet wurde.410 2.9.4 Fazit und Diskussion um das Verhältnis von Kirche und Staat Schenudas III. politischen Einstellungen unter Sadat und Mubarak sind gemein, dass er sich als Repräsentant der Kopten verstand, der die politischen Ziele der Kirche erreichen wollte, sei es eher konfrontativ wie unter Sadat oder durch persönliche Kontakte mit Politikern wie unter Mubarak. Die Ziele waren u.a., die Rechte der Kopten in Kirchenbau und -renovierung zu verteidigen oder die strengen Regelungen in Bezug auf die Ehe(scheidung) ohne staatliche Probleme durchsetzen zu können.411 Im Familienrecht können die Kopten untereinander bislang ihr eigenes kanonisches Kirchenrecht durchsetzen.412 Wie in der Politik allgemein üblich, ist das Verhältnis von Kirche und Staat von gemeinsamen Gefängnis über einen Monat festgehalten und gefoltert. Ihm zufolge versuchte das Militär, das eindeutig für die ermordeten Kopten verantwortlich war, die Schuld auf andere zu schieben. Auch einige Medien versuchten zunächst Kopten die Schuld zu geben: Vgl. Hulsman 2012a sowie Ferrechia 2013. Für Hintergründe zum Kirchenbrand in der Nähe von Assuan siehe: Yahyá 2011. 407 SCAF = Security Counsel of Armed Forces. 408 Vgl. Kassab 2012. 409 Vgl. Casper 2012. 410 Vgl. EKD 2011. 411 Die Ehescheidung ist in der koptischen Kirche grundsätzlich, bis auf wenige Ausnahmen, verboten. Das führt immer wieder zu Problemen, da Kopten teils nur mit Konversionen zum Islam eine Ehescheidung erwirken können. 412 Vgl. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 2011. „Können“, da sie laut Aussage von mir bekannten Kopten auch die Option haben, z.B. durch staatliche Gerichte eine Scheidung zu erwirken, die aber i.d.R. von der koptischen Kirche nicht anerkannt wird. 82 Interessen geprägt. Das Hauptinteresse der Kopten liegt neben einem friedlichen Zusammenleben im Angesicht von islamistischen Strömungen in der Ausübung ihres kirchlichen Lebens, allen voran ihrer Gottesdienste sowie dem Streben nach mehr Gleichberechtigung als Ägypter. Der gemeinsame Nenner ist aber eher das friedliche Zusammenleben als vollkommene Gleichberechtigung. Die koptische Kirche war (nach dem Konzil von Chalcedon) niemals Staatskirche.413 Trotz säkularer414 Einflüsse bleibt in Ägypten der Islam die Staatsreligion415 und darum in vielen Bereichen bevorzugt bzw. im Recht teils maßgebend.416 Daneben wurden bislang nur die „himmlischen“ Religionen, d.h. das Christentum und Judentum, offiziell als Religionsgemeinschaften anerkannt.417 So sind koptische Schulen zugelassen und z.T. findet sich neben dem üblichen islamischen Religionsunterricht auch koptischer Religionsunterricht an staatlichen Schulen.418 Das heißt, die Staatsregierung kooperiert bis zu einem gewissen Maße mit der koptischen Kirche und umgekehrt. Mubaraks Regierung bemühte sich vor allem in Krisenmomenten, die Einheit aller Ägypter zu betonen. Vorteilhaft für die Regierung war es zudem, nur einen Ansprechpartner für alle Kopten zu 413 Darum hat sie eine andere Entwicklung als die Kirchen in manchen Ländern des Westens, die teils von einer Staatskirche durch einen Säkularisierungsprozess zu einer Trennung von Kirche und Staat kamen, wenn auch unterschiedlich stark ausgeprägt. Der Begriff Säkularisierung ist in Ägypten eher negativ geprägt. Die Verbindung von Politik und Kirche in Byzanz, die zeitweise (5-7. Jh.) die Kopten verfolgten, wurde koptischerseits immer wieder scharf kritisiert. Vgl. Köhler 2008, 12.16. 414 Man muss sich bei allen Säkularisierungstendenzen vergegenwärtigen, dass die Religion in Ägypten nach wie vor einen immens hohen und öffentlichen Stellenwert hat, der mit der Situation in Westeuropa, wo man Religion meist als Privatsache ansieht, schwer zu vergleichen ist. 415 Siehe auch in den Verfassungsentwurf aus dem Jahr 2013: „Article 2: Islam is the religion of the state and Arabic is its official language. The principles of Islamic Sharia are the principle source of legislation. – Article 3: The principles of Christian and Jewish Sharia of Egyptian Christians and Jews are the main source of legislations that regulate their respective personal status, religious affairs, and selection of spiritual leaders.” Draft of the Constitution 2013. Siehe bzgl. des 2. Artikels auch Hulsman 2014a. 416 Siehe dazu Kap. 4-5 in folgender Magisterarbeit: Kaspar 2012, 49-106. 417 Dies bereitet anderen Religionsgemeinschaften Probleme. Vgl. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 2011. 418 Vgl. Alalawi 2013 sowie Telefongespräche mit Viviane Lesnik sowie Nashwa Amer am 12.01.2014. Religionsunterricht in Ägypten ist ein Thema für sich. 83 haben,419 der sich später mehrfach als Friedensstifter verdient machte. Andererseits war, kritisch betrachtet, gerade die Unterrepräsentierung der Kopten im Parlament420 ein Grund für die starke politische Rolle des koptischen Patriarchen. Bemerkenswerterweise wurde in Schenudas III. Verhältnis zum Staat unter Mubarak vor allem das Gegenteil (zu regimeloyal) von dem kritisiert, was ihm in der Phase unter Sadat zur Last gelegt wurde (zu regimekritisch). Es gab aber noch eine grundsätzlichere Kritik an Schenudas III. politischer Rolle. Der Mönchsreformer Mattā Al-Miskīn ging davon aus, dass Kirche und Staat (und damit auch Politik und Theologie) völlig getrennt sein sollten. Die Kirche habe sich als einzige Funktion um die Errettung der Seelen zu kümmern. Jede Vermischung von kirchlichen und staatlichen Aufgaben sei unumgänglich unbiblisch und damit unchristlich.421 Schenuda III. war da ganz anderer Meinung. Das bedeutet aber keineswegs, dass Schenuda III. für eine „Ehe“ zwischen Kirche und Staat stand. Im Gegenteil, er kämpfte im Verhältnis mit dem Staat um größtmögliche Autonomie als koptische Kirche und wollte nicht wie die Al-Azhar Universität in die Rolle einer öffentlichrechtlichen Institution gedrängt werden.422 Die nahezu durchgängige Unterstützung der Mubarak-Regierung war somit vor allem Mittel zum Zweck.423 Nur so konnte der Papst es sich leisten, im Scheidungsrecht einen Machtkampf mit der Regierung zu führen. Die Voraussetzungen für eine kirchliche Scheidung wurden unter Schenuda III. mehrfach verschärft, sodass im Gegensatz zu einer flexibleren koptischen Scheidungsregelung aus dem Jahr 1938 nur noch Ehebruch oder Konversion 419 Vgl. Hulsman 2012b. 420 Z.B. „2005 standen bei den Parlamentswahlen nur zwei koptische Namen auf einer Liste von 444 Kandidaten.“ Tamcke 2009, 8. 421 Vgl. El-Meskeen 2009. Ursprünglich auf Arabisch im Juni 1963 erschienen und gegen Papst Kyrill VI. gerichtet, der während des Jemen-Krieges für den Sieg der Armee betete. Nach Al-Miskīn dürfe man nur für Frieden beten. Im Buch findet sich auch der Gedanke, dass für Al-Miskīn Konstantin der Große der Erste war, der Kreuzzüge im Namen der Religion führte. – Schenuda III. sagte 2003 in einem Interview: „He [Matta Al-Miskīn] issued a book titled „The Church and the State“… in this book he wrote hard words about the church. […] But the Patriarch of Copts cannot be separated from the state. He and the Copts are part of the state, and separation from the state is neither in his, nor in their, nor in the state’s interest.” Zitiert nach Köhler 2008, 78. Vgl. auch dies. 2007. 422 Vgl. Jacobs 2010a. 423 Vgl. Zitat in der vorletzten Fn. 84 als Gründe zulässig sind.424 Auch wenn der Streit seit 2008 zwischen der koptischen Kirche und der ägyptischen Justiz beigelegt wurde und Schenuda III. sein strengeres Scheidungsrecht durchsetzen konnte, wundert es nicht, dass dies auch unter Kopten teils zu heftiger Kritik und sogar Demonstrationen gegen das Scheidungsrecht führte.425 Auch die Debatten um Konversionen zum Islam426 aus Scheidungsgründen stellen eine Herausforderung für die koptische Kirche und ihr Verhältnis zum Staat dar. 2004 gab es in dieser Hinsicht besonders große Diskussionen und sogar Zusammenstöße zwischen Christen und Muslimen, als Wafāʾ Qusṭanṭīn, die Frau eines koptischen Priesters, sich durch Konversion zum Islam scheiden lassen wollte und darauf durch Papst Schenuda III. dazu gebracht wurde, ihre noch nicht vollendete Konversion abzubrechen.427 Dieser Fall beschäftigte die Medien mit vielen Spekulationen, auch da Qusṭanṭīn selbst von da an in einem Kloster in Wādī An-Naṭrūn wohnte und m.W. bis heute von allen Journalisten ferngehalten wird. Schenudas III. energisches Vorgehen wurde kritisiert, u.a. inoffiziell auch von einem sonst – bzgl. Kopten – freundlich gestimmten Regierungsbeamten.428 Kritik von Regierungsangestellten, die nicht speziell auf diesen Fall bezogen ist, geht z.T. so weit, dass man die koptische Kirche anklagte, einen „Staat innerhalb des Staates“ geschaffen zu haben.429 Schenuda III. selbst wies solche Kritik – wie übrigens auch jegliche 424 Die theologisch-biblischen Aspekte dieser Frage können in dieser Arbeit nicht diskutiert werden. 425 Vgl. zu diesem Abschnitt, Kaspar 2012, 77-83 und Van Doorn-Harder 2011, 184f. 426 Zur Zahl der Konversionen zum Islam gibt es nur unbestätigte Schätzungen: Ein ägyptischer Sicherheitsbeamter sprach zu einem Bischof von jährlich 10 – 15 000 Christen, die zum Islam konvertierten. Vgl. Hulsman 2013a, 80. 427 Auch wenn mittlerweile in der Theorie Ägypten Religionsfreiheit gewährt hat, wird dies durch andere islamische Gesetze sowie eine andere Praxis unterminiert. Konversionen zum Islam sind sehr leicht möglich. Vom Islam zum Christentum konvertiert man nur mit erheblichen Problemen. Vgl. Kaspar 2012, 87-99. Die koptische Kirche hat bei Konversionen einer Frau doppelt verloren, da die Kinder automatisch islamisch werden. Vgl. Watson 2012, 113. Konversionen vom Islam zum Christentum gibt es natürlich auch, aber wegen der Verfolgungsgefahr ist es hier noch schwieriger, zuverlässige Zahlen zu bekommen. 428 Vgl. Hulsman 2013a, 80f. sowie Schep 2009, 5-9. Danach war es koptischen Priestern verboten, potenzielle Konvertiten noch einmal zu einem Gespräch zu treffen. 429 Vgl. Hulsman 2011b, 7-9. 85 Bildung ausschließlich christlicher Parteien – zurück.430 Es ist aber insofern richtig, dass Kopten oftmals häufiger bei der Kirche Hilfe suchten als beim Staat, gerade wenn der Staat darin versagte.431 Die Kirche ist nämlich eifrig bemüht, sich um alle Bedürfnisse der Kopten zu kümmern, d.h. z.B. auch um Arbeitsvermittlung.432 Schenudas III. politisches Wirken bleibt in starkem Kontrast zu Mattā Al-Miskīns Thesen, der sich (theoretisch) eine Abstinenz der Kirche (nicht der einzelnen Mitglieder!) von jeglicher Politik wünschte.433 Für Schenuda III. dagegen waren Politik und Theologie kaum zu trennen. Dasselbe bestätigte auch Anbā Būlā über Schenuda III., der selbst als Vertreter der koptischen Kirche an der neuen Verfassung mitgearbeitet hat.434 Gegenüber Ḥağğī sagte Schenuda III. einmal: „Do not ask me not to talk about politics!”435 Schenuda III. fragte ihn weiter, ob es denn irgendein Thema gebe, das keine politische Dimension habe, selbst dieser Kaffee: Wenn er schlecht wäre, bedeute dies, dass der falsche Kaffee aus dem falschen Land importiert worden sei, was wiederum politisch sein würde.436 Deshalb schließt Ḥağğī, dass Schenuda III. das Leben (und damit auch die Kirche) in einer sehr politischen Weise betrachtete. Er geht aber m.E. zu weit, wenn er sagt, dass der Patriarch mehr als Premierminister denn als Papst gehandelt habe.437 Dies lässt Schenudas III. Hauptaugenmerk, die Förderung des geistlichen Lebens und der Bildung, zu stark außer Acht. Schenuda III. bleibt aber ohne Zweifel der einflussreichste christliche Leiter im Ägypten des 20. Jh.438 430 Vgl. Bāḫūmiyūs/Irmiyā 2012, 33. Unabhängig davon gab es ab 1952 mit der Umma Al-Qibṭiyya tatsächlich eine (wenig einflussreiche) Bewegung, die genau das forderte: einen koptischen Staat. Vgl. Hasan 2003, 60f.204.206 und unten Kap. 2.10.1. 431 Vgl. Hulsman 2011b, 8 sowie Köhler 2008, 52. 432 Schenuda III. selbst betätigte sich auch regelmäßig im Dienst für Arme. Gemäß Munīr hatte er jeden Donnerstag ein besonderes Treffen, in dem Arme finanziell sowie durch Seelsorge und Gebet unterstützt wurden. Vgl. Mounir 2012. 433 Ganz abstinent vom politischen Wirken war Mattā Al-Miskīn selbst nicht. Vgl. oben Kap. 2.9.2 434 Vgl. Interview mit Anbā Būlā in Kairo am 19.09.2013. 435 Fastenrath 2007. 436 Vgl. ebd. 437 Vgl. ebd. 438 Vgl. Hulsman 2012b. 86 Während mir von der Theorie betrachtet Al-Miskīns These der Trennung von Kirche und Staat einleuchtet, kann ich von der Praxis Schenuda III. besser nachvollziehen, da er m.E. deutlich konsequenter gehandelt hat. Al-Miskīn hat sich zumindest durch den Kontakt zu Sadat während Schenudas III. Verbannung sowie durch andere Schriften439 mehr politisch engagiert, als dies bei ihm zu erwarten wäre. Kritik an der Rolle Schenudas III. von außen wird jedenfalls ohne Berücksichtigung der angespannten politischen Lage der Kopten kaum der Realität gerecht. Die starke politische Rolle des Patriarchen ist nämlich auch durch die schwache politische Vertretung der Christen bedingt. Eine Stärkung des Laiengremiums (Al-Mağlis Al-Millī) in der Interessenvertretung dem Staat gegenüber wäre hier aber m.E. kein Rückschritt.440 An der Diskussion sieht man zumindest – was für die gesamte koptische Geschichte gilt –, dass es in der koptischen Kirche keine einhellige Meinung zum Verhältnis zwischen Staat und Kirche gegeben hat, diese hing jeweils stark von den Führungspersonen und den Umständen ab.441 Obwohl die Mehrheit der Christen zufrieden und stolz auf ihren politischen Repräsentanten war, ging, mit Tamcke gesprochen, jede Aktion des Kirchenoberhauptes den einen zu weit, den anderen nicht weit genug.442 2.10 Papst Schenudas III. Rolle in der Erneuerungsbewegung 2.10.1 Die Erneuerungsbewegung der koptischen Kirche Nach Jahrhunderten der Stagnation führte Kyrill IV. im 19. Jahrhundert in seiner kurzen Amtszeit (1854-1861) erste Reformen durch (u.a. den Bau von koptischen Schulen) und bekam dadurch den Namen Vater der Reform (Abū Al-Iṣlāḥ),443 doch es sollte noch 100 Jahre dauern, bis sich mit Papst Kyrill VI. (1959-1971) und Papst Schenuda III. eine Erneuerungsbewegung in der ganzen Kirche durchgesetzt hatte.444 Nach Papst 439 Vgl. Glassner 1994, 98. 440 Vgl. Köhler 2008, 80-82. 441 Vgl. Meinardus 1998, 19-23 und Köhler 2008, 32f. 442 Vgl. Tamcke 2009, 19. 443 Vgl. Hage 2007, 186. Siehe auch Reiss 2001a, 1920f. Neben zahlreichen Reformen im Bildungsbereich, kämpfte er – im Gegensatz zu jeder koptischen Tradition – gegen Ikonen, da er dies für Götzendienst hielt. Vgl. Watson 2012, 39f. 444 Vgl. Hage 2007, 188. 87 Kyrill IV. folgten nämlich wieder reformunwillige Patriarchen.445 Mit Papst Yūsāb II. folgte von 1946 bis 1956 der letzte reformfeindliche Patriarch. Er wurde sogar zeitweilig vom Volk446 entführt, 1955 schließlich abgesetzt und starb ein Jahr später.447 2.10.1.1 Kirchenzustand vor und nach der Erneuerungsbewegung Vor der Erneuerungsbewegung war der Zustand der Kirche negativ geprägt durch das Vererben von Priesterämtern,448 häufig an die am wenigsten Gebildeten in der Familie, Korruption449, u.a. durch Bevorteilung von Reichen, das Erkaufen von Bischofssitzen450 und ähnliche Vorgänge, die weit verbreitet waren und dazu führten, dass nach Augenzeugenberichten die Kirchen und Klöster noch in den 1940er und 1950er Jahren fast leer waren.451 Die geringe Identifizierung mit der Kirche wurde auch dadurch hervorgerufen, dass „das Gemeindeleben (…) fast ausschließlich aus dem Abhalten der traditionellen Liturgien und Stundengebete [bestand], wobei von vielen Priestern die Gebete ohne Verständnis ‚heruntergeleiert‘ wurden.“452 In den 1990er Jahren sowie heute sind die Kirchen dagegen regelmäßig überfüllt, das Gemeindeleben gestaltet sich äußerst vielfältig inklusive den Klöstern, der Kinder- 445 Bis auf die Einrichtung eines theologischen Seminars 1893 brachten sie wenig Innovatives hervor. 446 Genauer gesagt, war es geleitet durch die Umma Al-Qibṭiyya (Koptische Nation), eine Gruppe politischer Aktivisten, die frustriert von der Korruption in der Kirche war. Laut Hasan plädierte die Gruppe – entgegengesetzt zu den Forderungen der Muslimbruderschaft – für eine koptische Nation. Vgl. Hasan 2003, 51 sowie Hulsman 2013a, 17 und ders. 2012b. Laut Meinardus hatte man auch schon versucht, ihn zu vergiften. Vgl. Meinardus 1983, 191. 447 Vgl. Hage 2007, 188. Papst Schenuda III. sagte selbst, dass er die neue Generation und die neue Mentalität, die in den Sonntagsschulen aufgewachsen sei, repräsentieren würde. Papst Yūsāb II. repräsentierte dagegen noch die alte Generation. Vgl. CYC 2014. Trotzdem gab gemäß Hesemann Yūsāb II. schon 1948 der Sonntagsschulbewegung seinen Segen. Vgl. Hesemann 2012, 285. 448 Diese Praxis wurde durch schlechte Bildung und schlechte Gehälter noch negativ verstärkt. Vgl. Hasan 2003, 74. 449 Vgl. Hasan 2003, 33.66f.74.79.83. 450 Vgl. Reiss 2001b, 201. 451 Vgl. zu diesem Abschnitt Hasan 2003, 12. Schenuda beschreibt die Zeit von Ḥabīb Ğirğis Ende des 19 Jh. selbst folgendermaßen: „Habib Girgis lived during a dark period of history, in which there were no preachers or teachers of theology.“ Shenouda III 1990a, 89. 452 Reiss 2001b, 201. 88 und Jugendarbeit sowie der kirchlichen Sozialarbeit. Dies hat insgesamt zu einer hohen Identifizierung der Kopten mit ihrer Kirche geführt.453 2.10.1.2 Die Sonntagsschulbewegung als Beginn der Erneuerung Die Reformen gingen im 20. Jh. zu Beginn von den Laien und in erster Linie von der sogenannten Sonntagsschulbewegung aus. Der Begriff Sonntagsschulbewegung darf nicht mit einer Kindergottesdienstbewegung gleichgesetzt werden, da sie ab den 30er Jahren nicht nur auf Kinder bezogen war, sondern auch zu Programmen und Aktivitäten geführt hat, die die Altersstufen 4-40 Jahre umfasste.454 Die Bewegung ist anfangs vor allem mit Ḥabīb Ğirğis455 († 1951) verbunden, dessen Hauptanliegen die Reform der Priesterausbildung und die Erziehung in Kirche und Schule war. Es wurde erstmals christlicher Religionsunterricht in öffentlichen Schulen eingeführt. Ğirğis verbreitete mit viel Eifer das Anliegen des Unterrichts für Kinder und Jugendliche nicht nur in der Schule.456 Er wurde auch selbst zum Vorbild, indem er beispielhaften Sonntagsschulunterricht in Kirchen und Wohltätigkeitsvereinen durchführte und zusätzlich die Lehrpläne mit praktischen Erklärungen veröffentlichte, die auch in den neu gegründeten Sonntagsschulen als Basis genommen wurden.457 Seine Studenten nahmen sein Anliegen auf, aber bis Mitte der 1930er Jahre blieben es lokale Initiativen.458 Aus einer Erweckung in Asyūṭ in den 1920er Jahren, die als Reaktion bzw. Imitation der Aktivitäten evangelischer Missionare mit verstärkter Jugendarbeit und vor allem Erweckungspredigten anfing, kamen in den 1930er Jahren viele begeisterte Studenten nach Kairo, die dort zum ersten Mal eine Sonntagsschularbeit begannen. Daraus entstanden verschiedene Sonntagsschulzentren, die später die Kirchenreformen bestimmen sollten.459 Reiss nennt die vier Hauptzentren in Kairo: 1) die St. Antonius-Kirche in Šubrā, 2) in Gīza, 3) im Stadtteil Ğazīrat Badrān460 453 Vgl. zu diesem Abschnitt Hasan 2003, 12. 454 Vgl. Reiss 1998, XXXIV. 455 Schenuda III. fasst sein Lebenswerk selber kurz als Beispiel für heiligen Eifer für Gott auf ein paar Seiten in seinem Buch Holy Zeal zusammen. Vgl. Shenouda III 1990a, 89-92. 456 Vgl. Reiss 1994a, 86. 457 Vgl. ebd. 458 Vgl. ebd. Es wurden auch verschiedene Wohltätigkeitsvereine gegründet, in denen koptische Laien praktisch tätig werden konnten. Vgl. Reiss 1998, 59-69. 459 Vgl. Reiss 1994a, 87. 460 Vgl. ebd. 87f. 89 und 4) die Erzengel-Michael-Kirche im Stadtteil Ṭūsūn.461 In der St. Antonius-Kirche wurde das Studium der koptischen Tradition mit ihrer Kirchengeschichte und asketischen Frömmigkeit gefördert. Dazu lag ein Schwerpunkt auf dem Studium des Alten Testamentes.462 Die Erlösung des Einzelnen stand hier im Mittelpunkt.463 Papst Schenuda III. ging aus dieser Sonntagsschulrichtung hervor neben anderen, die später Bischofsämter einnahmen.464 Die koptische Tradition wurde auch in Gīza gefördert, aber daneben kam ein stärkerer Fokus auf die soziale Arbeit hinzu. Hier war Ẓarīf ʿAbdallāh, Abūnā Antonius Amīn, Mattā Al-Miskīn (damals Yūsuf Iskandar) und vor allem Saʿad ʿAzīz, der spätere Bischof Samuel, mit dem Aufgabenbereich für soziale Dienste sehr aktiv.465 Neue Formen der Jugendarbeit wurden vor allem in Ğazīrat Badrān gefördert: Jugendklubs, Ausflüge zu den Klöstern, Freizeitlager und eine ganzheitliche Erziehung waren das Markenzeichen dieses Zentrums.466 Die Erzengel-Michael-Kirche, in der es keine zusätzlichen Charakteristika gab, war dafür aber eine Diskussionsplattform für die verschiedenen Ansätze.467 Nach der Gründungsphase in den 1930er Jahren kam eine Einigungsphase in den 1940er Jahren, in der durch Sonntagsschulkongresse die Arbeiten der verschiedenen Sonntagsschulzentren immer mehr koordiniert wurden. Zum Teil wurden diese auch politisch (Unterschriftenaktion gegen Mehrehegesetz) oder innerkirchlich aktiv (Ablehnung eines Bischofs). Wahīb ʿAṭāllāh wurde 1951 nach dem Tod von Ḥabīb Ğirğis der Nachfolger des Sonntagsschulpioniers.468 461 Vgl. Reiss 2009, 178f. 462 Vgl. Reiss 1994a, 87f. 463 Vgl. Reiss 2009, 178. 464 Vgl. Reiss 1994a, 87f. Reiss nennt neben Schenuda III. den Bischof Athanasius von Banī Sūwaif, Bischof Gregorius, Bischof Ārsāniyūs von Al-Minyā, Bischof Yūʾannis von Al-Ġarbiyya und Bischof Bāḫūmiyūs von Damanhur. 465 Vgl. Reiss 1994a, 88. Hasan nennt Naẓīrs Gruppe „spiritual revivalists“, Saʿads Gruppe „social activists“ und beide „modernists.“ Vgl. Hasan 2003, 77. 466 Vgl. Reiss 1994a, 89. 467 Vgl. Reiss 2009, 179. 468 Vgl. Reiss 1994a, 90f. Die Sonntagsschulen wurden nun offiziell Schulen der Kirchlichen Erziehung genannt und den Priestern untergeordnet und die männlichen Mitarbeiter zur Diakonatsweihe aufgefordert. 90 2.10.2 Der Kirchenreformer Mit Kyrill VI. kam ein Patriarch an die Macht, der der Sonntagsschulbewegung sehr wohlgesonnen gegenüberstand, und so laut Schenuda III. einen Vermittler zwischen der alten und neuen Generation darstellte.469 Unter dessen Führung wurden verschiedene Leiter der Sonntagsschulbewegung befördert einschließlich Schenuda III. selbst, obwohl das mit ihm gestaltete Sonntagsschulmagazin teilweise sehr kritisch mit der Kirchenleitung umging. Was waren Schenudas III. Reformimpulse? Zunächst ist vor allem deutlich auf seine Funktion als Kirchenlehrer hinzuweisen, die oben schon erläutert wurde, aber nicht überbetont werden kann. Das Predigthalten wurde nämlich von vielen koptischen Bischöfen oder Priestern nachgeahmt. Auch die spontanen Fragerunden stellten ein völliges Novum sowohl im orthodoxen Christentum allgemein als auch in der Koptisch-Orthodoxen Kirche im Speziellen dar.470 Sein Fokus lag hier auf der Förderung des spirituellen Lebens,471 die durch die Publikationen sowie die Mitarbeiter auch in die Sonntagsschulen und damit in die ganze Kirche getragen wurde. Praktisch hat er dies auch durch eine Standardisierung der theologischen Ausbildung sowie durch feste Priestergehälter umgesetzt.472 Daneben gab es aber weitere Veränderungen, von denen folgende laut Van Doorn-Harder am tiefgreifendsten waren: die Verbesserung der Qualität der Klöster, die Neuziehung der Grenzen von Diözesen, die Integrierung neuer Bischöfe und Laien in verschiedenen Stufen der Kirchenhierarchie (inkl. Al-Mağlis Al-Millī), die Einbindung der Jugend und der Frauen in offizielle Strukturen des Laiendienstes und die Verbesserung des Bildungsstandards aller Involvierten.473 2.10.2.1 Die Reform des Mönchtums Wie sein Vorgänger474 veranlasste Papst Schenuda III., monastische Einrichtungen wiederbeleben zu lassen. 2012 war die Zahl der Mönchs- 469 Vgl. Reiss 1994a, 91 sowie vgl. zu diesem Absatz CYC 2014. 470 Siehe Hasan 2003, 73-75.80. Neben den Predigten nennt Hasan auch die Hymnen. 471 Interview mit Anbā Būlā in Kairo am 19.09.13 sowie Telefongespräch mit Anbā Bāḫūmiyūs am 03.10.2013. 472 Vgl. Van Doorn-Harder 2011, 175. 473 Vgl. ebd. 173. Siehe auch O’Mahony 2006, 508. 474 Papst Kyrill VI. gründete 1959 zum ersten Mal nach über 1000 Jahren ein koptisches Kloster neu. Vgl. Glassner 1994, 93. 91 klöster von 9 auf 28 angewachsen und der Nonnenklöster von 5 auf 7.475 Die Zahl der Mönche wuchs laut Van Doorn-Harder von 206 im Jahr 1960 auf über 1200 im Jahr 2001. Auch die Nonnenklöster verzeichneten ein rapides Wachstum mit 61 neuen Nonnen, die z.B. allein zwischen 1992 und 1993 vom Papst ordiniert wurden.476 Dieses Wachstum ist ein völliges Novum seit der Ankunft des Islams im 7. Jh.477 Die meisten Mönche haben heute einen Hochschulabschluss und bringen ihre Kenntnisse auch verschiedenartig in den Dienst der Kirche ein, sei es in der Restauration, Kunst oder auch der Gartenarbeit.478 Vor allem durch die geteerten Straßen, die die Wüstenklöster jetzt mit den Städten verbinden, hat sich das Leben der Mönche sehr verändert.479 Nicht nur Priester, sondern auch zahllose andere Kopten (sowie Touristen) kommen in die Klöster, um dort an Kirchenfesten teilzunehmen oder sich einen Segen von den heiligen Orten oder den heiligen Menschen abzuholen. Der Papst war selbst ein Vorbild darin, indem er sich wöchentlich in das St. Bišūy-Kloster zurückzog, wo er aber auch häufig Gäste empfing oder Konferenzen abhielt.480 Schenuda III. ist der erste Papst, der koptische Klöster außerhalb Ägyptens gegründet hat.481 Momentan gibt es z.B. in Deutschland neben ca. 20 Gemeinden482 zwei Klöster (Höxter und Kröffelbach) sowie ein koptisches Zentrum in Borgenteich.483 Neben der großen Expansion findet sich insgesamt eine höhere Integration des Mönchtums ins Kirchenleben. Ägypten ist damit nicht nur das Land, in dem das christliche Mönchtum entstand, sondern auch der Ort, wo eine moderne monastische Erweckung begann.484 Die Entscheidung zum 475 2012 befanden sich von den 35 Klöstern 25 in Ägypten und 10 im Ausland (9 Mönchs- und 1 Nonnenkloster). Vgl. Bāḫūmiyūs/Irmiyā 2012, 65. 476 Vgl. Van Doorn-Harder 2011, 173. 477 Vgl. Hulsman 2012b. 478 Vgl. Van Doorn-Harder 2011, 173. 479 Vgl. Reiss 1998, 272. Mönche bleiben zudem oft über E-Mail, Handy etc. mit der koptischen Gemeinde in Kontakt. Vgl. Van Doorn-Harder 2011, 174. 480 Vgl. Van Doorn-Harder 2011, 174. Trotz seiner vielen Verantwortungen verbrachte der koptische Papst in der Regel drei Tage in der Woche im Kloster. 481 Vgl. St. Takla 2013. 482 Vgl. St. Markus-Kirche 2013. 483 Vgl. ebd. Die beiden Klöster haben aber in Deutschland jeweils im Vergleich zu Ägypten, wo häufig weit über 100 Mönche in einem Kloster sind, nur eine kleine Zahl von Priestern bzw. Mönchen und dazu noch einige Kirchenhelfer oder Diakone. (Verschiedene Besuche des Verfassers in Höxter und Kröffelbach 2012/13). 484 Vgl. O’Mahony 2006, 501f. 92 Mönchtum mit dem Gehorsam-, Armuts- und Keuschheitsgelübde485 ist definitiv durch eine hohe Identifikation mit der Kirche (und dem Glauben) geprägt, z.T. zusätzlich auch aus Protest gegen die Weltlichkeit der Gesellschaft oder sogar der Kirche. Da alle Träger höherer Kirchen- ämter486 aus den Klöstern gewählt werden, kann aber auch diese ambitionierte Motivation nicht völlig ausgeschlossen werden.487 Es gilt dabei immer das Prinzip: Ein starkes monastisches Leben bedeutet eine starke Kirche, da die Klöster als Lungen der Kirche gesehen werden.488 Für die Reform des Mönchtums ist zu einem großen Teil auch Mattā Al-Miskīn verantwortlich, der das fast leerstehende Kloster des Hl. Makarius zu einer so noch nie gesehenen Blüte in jeder Hinsicht führte.489 Das Kloster wuchs von 6 im Jahr 1969 auf über 120 Mönche im Jahr 2007 an.490 Sein geistliches Leben mit einer Betonung auf der Inkarnation, dem Gebet und der Kommunion, verbunden mit den Kirchenväterstudien, der aktiven Gestaltung des Klosterlebens sowie einer Betonung des historischen und ökumenischen Charakters des Glaubens zog viele Mönche an.491 Matta Al-Miskīns Haltung während Schenudas III. Verbannung, seine Thesen in Bezug auf Politik, die kritische Aufnahme westlicher Theologien sowie die Lehre der Theosis veranlassten den Papst aber, sich mehrfach von ihm zu distanzieren und sogar Bücher gegen ihn zu schreiben.492 Außerdem werden die Mönche 485 Gespräch mit koptischem Mönch am 19.01.2014. 486 Sowohl Bischöfe (allgemein sowie Diözesan-), Metropoliten und der Papst kommen alle aus dem Mönchtum und leben im Zölibat, im Gegensatz zu einfachen Kirchenpriestern, die heiraten müssen, und Diakonen, die es dürfen. 487 Vgl. O’Mahony 2006, 502. Hulsman sieht sie sogar bei Schenuda III. selbst. Vgl. Interview mit Hulsman in Kairo am 04.10.13. 488 Vgl. Watson 2012, 54 und Bischof Damyān in Hesemann 2012, 314. 489 Siehe dazu: Glassner 1994, 93-104; El-Meskeen 1993; Watson 2012, 15-18 sowie Meinardus 1989, 72-104. 490 Vgl. Köhler 2008, 58f. 491 Vgl. O’Mahony 2006, 505 sowie Glassner 1994, 98. Al-Miskīn schrieb sehr viele Bücher und Artikel. In folgendem Standardwerk sind einige Artikel gesammelt: Matthew the Poor 1984. 492 Vgl. dazu oben Kap. 2.9.4 sowie Exkurse in Kap. 3.2 unten. Mattā Al-Miskīn, in Alexandria geboren, arbeitete zunächst als Apotheker, bevor er ab 1948 Mönch wurde und 1969 die Reform im Kloster des Hl. Makarius begann. Vgl. O’Mahony 2006, 505. 93 aus Al-Miskīns Kloster i.d.R. nicht für höhere Kirchenämter vorgesehen.493 2.10.2.2 Die Partizipation der Laien am Kirchenleben Schenudas III. Ziel war es, die Laienleiterschaft in die Kirche zu integrieren. Auf lokaler Ebene gab es den Mağlis Al-Kanīsa (Gemeinderat), der die Wünsche der Kirchenmitglieder an die Kirchenführer übermitteln und u.a. auch die Finanzen der Kirchen überwachen sollte.494 Für die nationale Ebene wurde 1973 der Al-Mağlis Al-Millī, der 1874 gegründet495 und zeitweise ausgesetzt wurde, wieder eingeführt, wohlgemerkt aber (schon zuvor) mit viel weniger Befugnissen als zu Beginn seiner Geschichte.496 Es blieb aber die wichtige Aufgabe, den Papst zu wählen. Das Gremium wurde immer mehr von gebildeten Laien besetzt, die auch schon das Sonntagsschulprogramm und oft auch weitere theologische Kurse besucht hatten.497 Die verbesserte theologische Laienbildung führte auch zu einer Verbesserung der Priesterausbildung, da die Priester nun gebildeten Laien antworten mussten.498 Durch die starke Integration der Laien in die Kirche – nicht nur als Priester, sondern auch in anderen geringeren Ämtern – erfolgte aber eine starke Klerikalisierung. Die Laienpartizipation ist dadurch in einigen Bereichen – trotz insgesamt hoher Beteiligung – geringer als zu früheren Zeiten.499 493 In der koptischen Geschichte dagegen hat das Kloster des Hl. Makarius mehr Patriarchen (29) als jedes andere hervorgebracht. Vgl. Meinardus 1989, 100.211. 494 Vgl. Van Doorn-Harder 2011, 175. 495 Vgl. Watson 2012, 47. 496 Der Al-Mağlis Al-Millī, der auch durch die koptischen Absolventen der evangelischen Missionsschulen beeinflusst wurde, strebte schon im 19. Jh. nach einer demokratischeren Kirchenstruktur. Vgl. O’Mahony 2006, 495. Siehe zur Geschichte/Aufgaben des Al-Mağlis Al-Millī ebd. 495-501. Es gibt verschiedene Sichtweisen innerhalb der koptischen Kirche zum Verhältnis von Papstamt, Heiliger Synode und dem Laiengremium Al-Mağlis Al-Millī. Vgl. Watson 2012, 47. 497 Vgl. Van Doorn-Harder 2011, 175f. Papst Schenuda III ordinierte die Mitglieder des wiedererweckten Gremiums auch zu Diakonen und übernahm sie damit in die niedere Kirchenhierarchie. Vgl. ebd. 498 Vgl. Reiss 1998, 176. 499 Vgl. Watson 2012, 69. 94 2.10.2.3 Klerikalisierung der Takrīsbewegung Mit Takrīs wird die Weihung im Sinne einer Heiligung oder Absonderung eines Kirchenmitglieds beschrieben, die jedoch unterschiedlich aussehen kann.500 Schon vor der Amtszeit Schenudas III. setzten sich engagierte Laien aus der Sonntagsschulbewegung immer mehr für ihre Kirche ein. Im Studium war dies noch möglich, doch als Arbeiter zogen sie teilweise schlechtere Positionen vor, um genügend Zeit für den Kirchendienst zu haben. Aus Gīza kamen die ersten vollzeitlichen Takrīs (bzw. Mukarrasūn), darunter auch Saʿad ʿAzīz (später Bischof Samuel), der mit seiner Gruppe stark diakonisch wirkte.501 Auch die Takrīs- Bewegung ist ursprünglich stark mit Mattā Al-Miskīn verbunden.502 Der Laientakrīs in einem Takrīshaus (Bayt Al-Takrīs) zeichnete sich durch die Hingabe für Jesus, den Kirchendienst, eine Gemeinschaft des Wohnens, Essens und Teilens, ein zölibatäres Leben sowie ein Studium der Kirchenväterschriften aus.503 Für viele war dies aber nur die Vorstufe, bis sie in den Klerus eintraten, da man i.d.R. nur als Priester oder Mönch der Kirche voll dienen konnte. Mit den Mukarrasīn, die teils hauptamtlich tätig waren, gab es nun aber eine weitere (beschränkte) Form der Partizipation außerhalb des Klerus.504 Ab 1948 wurden zum ersten Mal Mönche und Priester aus dieser Bewegung geweiht. Damit wurde der Takrīs nach und nach im Priestertum verankert.505 Die ersten Reformmönche,506 darunter auch Papst Schenuda III., kamen aus dieser Takrīsbewegung und förderten diese wiederum durch die Ausweitung der kirchlichen Programme für Laien, jedoch bemühte sich Schenuda III., sie in den Klerus einzubinden, was zur Folge hatte, dass der männliche 500 Vgl. dazu Reiss 1998, 170-198. 501 Vgl. zu diesem Abschnitt Reiss 2009, 180f. Die Autorin Hasan (vgl. dies. 2003), die ihre Beschreibung der Erneuerungsbewegung im Gegensatz zu der Dissertation von Wolfram Reiss (ders. 1998) stärker aus einer soziologischen Perspektive schreibt und dabei immer wieder ihre eigenen Erfahrungen einfließen lässt, betont u.a. stärker die unterschiedlichen Ausrichtungen des sozial-diakonischen Bischofs Samuel und des eher pädagogisch-spirituellen Bischofs Schenuda. (Hauptsächlich befasst sie sich aber damit, dass die koptische Kirche durch den Aufbau und die Betonung ihrer eigenen Kultur und Identität in Abgrenzung von ihrer islamischen Umgebung zur Kirchenerneuerung beigetragen hat.) Vgl. Reiss 1998 und Hasan 2003. 502 Vgl. Hasan 2003, 89. 503 Vgl. Reiss 1998, 192. 504 Vgl. zu diesem Abschnitt Reiss 2009, 180f. sowie ders. 1998, 173. 505 Vgl. Reiss 2009, 182f. 506 Vgl. ebd. 183-185. 95 Laientakrīs keine starke Verbreitung fand.507 Den Frauen stand der Dienst zwar auch offen, jedoch war das Bemühen um die Eingliederung in ein klerikales Amt begrenzter, sodass die geweihten Töchter (Al-Banāt Al-Mukarrasāt) nur für sozial-diakonische Dienste in Frage kamen.508 Seit den 70er Jahren schritt der weibliche Laien-Takrīs aber so voran, dass heute in jeder Diözese geweihte Töchter zu finden sind, neben den oben kurz erwähnten Nonnenklöstern.509 2.10.2.4 Die Rolle der Frau Für Frauen haben sich im Kirchendienst neue Möglichkeiten aufgetan.510 So entschied sich keine geringe Zahl an Frauen (heute ca. 1000511), ihr Leben der Kirche zu weihen und nicht zu heiraten, jedoch ohne Nonnen zu werden. Sie sind Mukarrasāt, werden auch als Schwestern angesprochen und leben in Häusern zusammen. Sie können in der Hierarchie von der Mukarrasa zur Subdiakonin und schließlich zur vollen Diakonin512 (Šammāsa) aufsteigen.513 Laut Anbā Mitāʾus war das Amt der Diakonin seit dem 13. Jh. abgeschafft und wurde erst durch Papst Schenuda III. an Pfingsten 1981 wieder eingeführt, um den großen Dienstbedürfnissen gerecht zu werden.514 Um Diakonin zu werden, musste man aber erst einmal 15 Jahre ununterbrochen gedient haben. Das bedeutet auch, dass die Diakoninnen alle über 40 Jahre alt sein sollten. Schenuda III. drängte darauf, die Initiationsriten für Frauendiakone zu reformieren, da er das Modell einer Frauengruppe in Banī Sūwaif als zu katholisch empfand. Hunderte von Mukarrasāt515 sind heute häufig u.a. im Sonntagsschuldienst tätig. Ihre Zahl ist weiter im Wachstum begriffen.516 Schenuda III. 507 Vgl. Reiss 1998, 250. 508 Vgl. Reiss 2009, 187. 1981 wurden zwar 28 ältere Frauen zu Diakonissen geweiht, jedoch ohne liturgische Funktion, denn ihre Arbeit blieb wesentlich auf Frauen und Kinder beschränkt. Vgl. Reiss 1998, 248f. 509 Vgl. Reiss 1998, 250. Zu den Nonnenklöstern siehe vor allem: Van Doorn- Harder 1995. 510 Siehe auch St. Takla 2013. 511 Zahl nach Reiss 2009, 187. 512 Laut Chaillot seit 1960. Vgl. Chaillot 2009, 207. 513 Für eine ausführlichere Darstellung der verschiedenen Partizipationsmöglichkeiten von Frauen in der koptischen Kirche siehe Van Doorn-Harder 2000, 733-750. 514 Vgl. Mettaous 2000, 50f. 515 Bzw. 1000 laut Reiss 2009, 187. 516 Vgl. zu diesem Abschnitt Van Doorn-Harder 2011, 176f. 96 schreibt in seinem Buch (gegen) Homosexuality and the ordination of women: „In the Coptic Church we have thousands of women as Sunday School teachers. In Cairo alone we have between ten to fifteen thousand517 females as Sunday School teachers. In our Seminary and Coptic Institute we have four ladies teaching in the Seminary: one teaches the Old Testament, another the Hebrew Language, and two teach the history of the Church. In every church we have women organising and supervising social activities. We also have women in many of the councils of churches. They have many responsibilities.”518 Auch wenn hier die Aktivitäten der Frauen hervorgehoben werden, wird in diesem Vortrag insgesamt die strikte Ablehnung der Frauenordination vertreten. Dies wird mit dem Priesteramtsverständnis, der Kirchentradition und vor allem mit verschiedenen Bibelstellen (u.a. 1 Tim 2,11- 15) begründet, die alle nicht kritisch hinterfragt werden sollen.519 Man muss die Rolle der Frau auch vor dem Hintergrund der patriarchalischen Kultur in Ägypten betrachten. Frauen in kirchlichen Leitungsämtern werden nicht nur aus theologischen und traditionellen, sondern auch kulturellen Gründen nach wie vor grundsätzlich abgelehnt.520 Laut Bischof Būlā, der für alle Ehescheidungsfragen in der koptischen Kirche 517 Die Zahl steht nicht in Widerspruch zu den 1000 Mukarrasāt, da es sich im Gegensatz zu gewöhnlichen Sonntagsschullehrerinnen bei einer Mukarrasa ja um eine geweihte Frau handelt. 518 Shenouda III 1993a, 36. 519 Vgl. hierzu Exkurse in Kap. 3.2. 520 Hierzu ist auch die nach wie vor strikte Segregation in Gottesdiensten zu erwähnen. Das Abendmahl wird zunächst an die Männer ausgeteilt und die Taufe von Babys findet zuerst bei Jungen statt (nach 40 Tagen; Mädchen nach 80 Tagen). Zum Verständnis der Lage von Frauen in der ägyptischen Gesellschaft insgesamt ist hinzuzufügen, dass diese deutlich schlechter ist als in anderen (inkl. arabischen) Ländern. Eine Umfrage der Thomas Reuters Foundation kam sogar 2013 zu dem Ergebnis, dass es Frauen in Ägypten am schwersten von allen arabischen Ländern haben, was vor allem mit einer hohen Rate an Genitalverstümmelungen und verbreiteter sexueller Belästigung zu tun hat. Vgl. Crina 2013 sowie Putz 2013. Frauenbeschneidungen sind zwar mittlerweile gesetzlich verboten, finden aber in ländlichen Gegenden immer noch statt, obwohl u.a. die koptische Kirche sowie die Al-Azhar diese Praxis deutlich verurteilt haben. 97 zuständig ist, sei dies auch noch kein großes Diskussionsthema innerhalb der koptischen Kirche.521 2.10.2.5 Die Reform des Episkopats Wie erwähnt, war Schenuda III. selbst 1962 der erste allgemeine oder Generalbischof522, zusammen mit Anbā Samuel.523 Der Unterschied zu den Diözesanbischöfen lag in ihrem gesamtkirchlichen Charakter.524 Sie waren entweder für einen bestimmten Aufgabenbereich oder als Hilfsbischöfe in Diözesen, als vorübergehende Klosterbischöfe oder ganz ohne festgelegten Bereich und damit als flexible Einsatztruppe des Papstes aktiv.525 Die von Schenuda III. eingesetzten Chorbischöfe dagegen stellten eine Wiederbelebung eines alten Amtes dar. Diese wurden meist als Hilfsbischöfe eingesetzt.526 Daneben wurden zusätzlich ein paar Klosterbischöfe ohne Bistum eingesetzt.527 Die Reformen führten dazu, dass das Bischofsamt vielgliedriger und damit flexibler wurde. Es gab dadurch mehr Diözesen, die nicht mehr von einem einzigen Bischof, sondern gleich von mehreren verschiedenen betreut wurden, sei es als Hilfsbischof, allgemeiner Bischof, Diözesanbischof oder als Metropolit. Es bedeutete eine Vernetzung der Arbeit, die es vorher so nicht gegeben hatte.528 Neben einer Senkung des Altersdurchschnittes und einer Steigerung des Bildungsgrades hatten sie teils durch neu geschaffene Diözesen großen Gestaltungsfreiraum.529 1971 gab es 23, 2012 50 Diözesen. Die 521 Interview mit Anbā Būlā in Kairo am 19.09.2013. Gemäß Hasan sprach Bischof Būlā auf einer Konferenz davon, dass in der Familie der Mann das Haupt, die Frau die Helferin und darum nicht vollkommen gleich(berechtigt?) sei. Vgl. Hasan 2003, 254f. 522 1808 gab es schon mal für kurze Zeit eine Vorstufe mit einem „allgemeinen Metropoliten“. Vgl. Reiss 1994c, 550. 523 Vgl. oben Kap. 2.6. 1967 folgte Anba Gregorius als Bischof für Höhere Studien, Koptische Kultur, Wissenschaftliche Forschung. 524 Vgl. Reiss 1994c, 550f. 1985 folgte Anbā Sirābyūn als Nachfolger von Bischof Samuel für den Bereich Soziale Dienste und Ökumene. 1976 Anbā Antonius Murqus für Afrikanische Angelegenheiten sowie 1980 der Bischof Mūsā für die Jugend. 525 Vgl. ebd. 551-553. 526 Vgl. ebd. 554. Zwischen 1974 und 1979 setzte Schenuda III. 10 junge Chorbischöfe ein, mind. 2 davon wurden später zu Klosterbischöfen und 6 zu Generalbischöfen erhoben. 527 Vgl. ebd. 555f. 528 Vgl. ebd. 556f. 529 Vgl. ebd. 558. 98 Zahl der Auslandsbischöfe wuchs von 3 auf über 20.530 Insgesamt weihte der Papst 117 Bischöfe oder Metropoliten sowie 1001 Priester.531 Die episkopalen Reformen führten zu einem starken Machtzuwachs des Papstes, da sein Jurisdiktionsbereich sich ausweitete, u.a. durch die Landflucht in seine eigene Diözese und die Emigration. Alle ausländischen Diözesen fallen nämlich auch in seinen Machtbereich. Durch die Teilung verschiedener Diözesangebiete wurde außerdem das Gewicht einzelner Bischöfe im höchsten Gremium, der Heiligen Synode, verkleinert.532 Kritisch ist hier mit Reiss anzumerken, dass durch die episkopalen Reformen viele Aufgaben, die ehemals von Laien wahrgenommen wurden, an den Klerus abgegeben wurden.533 Dies ist auch deshalb zu bedauern, da in der koptische Kirche gerade durch eine starke Laienbewegung die Erneuerungsbewegung erst begonnen hat. Neben einzelnen demokratischen Elementen, inklusive seiner Volksnähe und der Volkszustimmung zu Priestern oder Bischöfen, stand Schenuda III. für eine sehr hierarchisch geprägte Kirchenstruktur, die auf vollkommener Loyalität und Gehorsam dem Papstamt gegenüber ruhte. Dazu gehörte auch die Verbannung (z.T. Exkommunikation)534 von mindestens 27 (wahrscheinlich mehr) Geistlichen. Die Gründe waren teils offensichtlich (Korruption), teils schwerer verständlich (z.B. andere Auffassungen).535 Eine gegenseitige Kontrolle wurde mit der Begründung, dass eine Familie durch Liebe und Loyalität geprägt sei, größtenteils 530 Vgl. O’Mahony 2006, 508 und Bāḫūmiyūs/Irmiyā 2012, 41.48-58. 531 Vgl. Bāḫūmiyūs/Irmiyā 2012, 41. 532 Vgl. Reiss 1994c, 558f. Auch die Frage, warum Wanderpriester im Gegensatz zu den reisenden, allgemeinen Bischöfen so strikt abgelehnt werden, ist, laut Reiss, von koptischer Seite noch nicht ausreichend begründet worden. 533 Vgl. Reiss 1994c, 559f. Siehe dazu auch Watson 2012, 124f. 534 Darunter auch der ursprünglich koptische Gelehrte George Ḥabīb Bibāwī. Siehe u.a. Van Doorn-Harder 2011, 186f. 535 Vgl. Hasan 2003, 240. Der ehemalige Mönchspriester Daniyāl Al-Barāmūsī musste z.B. wegen zu pfingstlerischer Lehre gehen und predigt heute als evangelischer Pastor. Vgl. Hulsman 2012b. Während meiner Ägyptenreise im September/Oktober 2013 war ich zu einer größeren evangelischen Gebetskonferenz eingeladen, die ich u.a. wegen dieser Arbeit ausschlug. Erst später erfuhr ich, dass einer der Konferenzsprecher der ehemalige Mönchspriester war. – Ein anderer Priester, der genauso provokativ wie erfolgreich unter Muslimen missionierte, musste auf staatlichen Druck das Land verlassen. Die verschiedenen Gründe für die Trennungen wären noch eine eigene Studie wert, da sie viel aussagen über das Selbstverständnis der koptischen Kirche, ihr Verhältnis zu anderen Kirchen und dem Islam. 99 abgewehrt.536 Hier war der monastische Gehorsamsgedanke prägend, der über andere Werte gestellt wurde. 2.10.2.6 Das Jugendbischofsamt Schenuda III. war seit 1962 als Bischof für Kirchliche Erziehung auch für die Kinder- und Jugendarbeit zuständig. Als Patriarch kümmerte er sich seit 1971 weiter um die Jugend, jedoch wurde sein Engagement durch andere Verpflichtungen erschwert.537 Am 25.05.1980 weihte Schenuda III. den mit bürgerlichen Namen Emile ʿAzīz538 genannten aus Asyūṭ zum Bischof Mūsā.539 Dieser wurde zum Bischof für die Jugend, ein Bereich, in dem er schon Erfahrungen in Banī Sūwaif gesammelt hatte.540 De jure blieb Schenuda III. selbst Hauptverantwortlicher für die Kinder- und Jugendarbeit, da Bischof Mūsā Generalbischof wurde und damit theoretisch für einen anderen Aufgabenbereich eingesetzt werden konnte.541 Nach dem Exil Schenudas III. (ab 1985) erhielt Anbā Mūsā etwas mehr finanzielle Unterstützung und konnte so die Jugendarbeit z.B. mit einem Konferenzzentrum mehr und mehr ausbauen.542 „Der Erfolg der Jugendarbeit ist jedoch im Wesentlichen nicht die materielle Grundlage, sondern auf die Person, Geisteshaltung und Spiritualität von Bischof Mousa zurückzuführen.“543 Charakteristisch für die Jugendarbeit war ein integrativer Ansatz, der spirituelle, kulturelle und soziale Themen des Dienstes fruchtbar verband.544 Dazu gehört eine Organisation mit Hunderten von Mitarbeitern in verschiedenen Bereichen.545 Bischof Mūsā hat 536 Vgl. u.a. Hasan 2003, 243-245. Siehe auch Interview mit Hulsman in Kairo am 04.10.2013. Laut Watson wurden manche Posten auch unweise besetzt, da die Hauptqualifikation Loyalität und nicht immer Kompetenz war. Vgl. Hulsman 2012b und Watson 2012, 109. 537 Vgl. Reiss 2003, 157 und Köger 2002, 190. 538 Emile ʿAzīz wurde 1976 zum Mönch geweiht und arbeitete vorher als Arzt. Vgl. Köger 2002, 191. 539 Vgl. Reiss 2003, 157. 540 Vgl. ebd. 157f. 541 Diözesanbischöfe können in Ägypten im Prinzip nicht mehr für andere Aufgaben eingesetzt werden, da sie im koptischen Verständnis mit ihrer Diözese auf Lebenszeit verheiratet sind. Vgl. Interview mit Cornelis Hulsman in Kairo am 04.10.2013. 542 Vgl. Reiss 2003, 158f. 543 Reiss 2003, 160. 544 Vgl. Reiss 2003, 160. Vgl. auch Köger 2002, 230. 545 Vgl. dazu Reiss 2003, 161-168. 100 durch ein Netzwerk von Jugendmitarbeitern sowie die Nutzung verschiedener Medien (Bücher, Zeitschriften, Internet, Musik, Video etc.) viele junge Leute erreicht. Seine theologischen Schriften erörtern (z.T. komplexe) Glaubensfragen im persönlichen Stil und mit einfachen Worten.546 Dazu kommen noch Fragen der Lebensgestaltung (inkl. dem Umgang mit Sexualität oder andere ethische Themen).547 Durch seinen vergleichsweise unhierarchischen Führungsstil548 und die große Partizipationsmöglichkeit wurden viele junge Leute in das Leben der koptischen Kirche einbezogen. So konnte Schenuda III. sich zusammen mit Hilfe des Jugendbischofs besser um die nächste Generation kümmern. 2.10.2.7 Der vernetzte Papst: Neue Medien und Auslandsaktivitäten Zum Erreichen der nächsten Generation machte Schenuda III. umfangreich von neuen Medien Gebrauch. Während früher zahllose Predigtkassetten zu seinen schriftlichen Publikationen hinzukamen, sind heute nicht nur CDs und DVDs und die Internetseite des koptischen Papstes relevant und erfolgreich, sondern vor allem das Fernsehen. Seit 2005 gibt es in Ägypten koptisches Fernsehen. Heute gibt es folgende Kanäle: Aghapy TV (seit 2005), CTV (seit 2007), Logos (seit 2010), ME Sat sowie auf Englisch CYC.549 Vor allem CTV ist täglich mit den Predigten Schenudas III., Dokumentationen über die Kirche oder Interviews mit anderen Geistlichen sowie Gesprächsrunden über kirchliche sowie soziale Themen gefüllt. Auch das wöchentliche Treffen von Papst Schenuda III. war hier live mit der Predigt und den Fragen zu sehen, sodass jeder Haushalt übers Fernsehen mit der Kirche verbunden wird.550 546 Vgl. Köger 2002, 191-194. Die Schriften haben erbaulichen Charakter und wiederholen oft theologische Aussagen, vor allem über die Frage nach der persönlichen Erlösung. Hier bezieht sich Bischof Mūsā häufig auf die Aussagen von Athanasius dem Großen. Andere Konfessionen kommen nur am Rande vor, obwohl sie laut Köger wichtig wären. Durch das Jugendbischofsamt wird zudem die Diskussion auch über politische Themen gefördert. Vgl. ebd. 245-247. Für eine Zusammenfassung und exemplarische Analyse einiger Schriften von Bischof Mūsā und seinen Mitarbeitern siehe ebd. 187-248. 547 Vgl. ebd. 218-228. 548 Vgl. dazu Reiss 2003, 160. 549 Vgl. Bāḫūmiyūs/Irmiyā 2012, 25. 550 Der Nachfolger Papst Tawāḍurūs II hat diese von Schenuda III. eingeführte Tradition fortgeführt, jedoch bislang ohne den Frage- und Antwortteil. 101 Aufgrund der wachsenden Emigration von Kopten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde es mehr und mehr notwendig, Auslandskirchen zu gründen und zu stärken.551 Dadurch bedingt, wurde Papst Schenuda III. der am häufigsten und weitesten gereiste Patriarch in der koptischen Geschichte. Er machte ca. ein bis zwei pastorale Auslandsbesuche pro Jahr. Sogar in Ländern wie Japan, Pakistan oder Bangladesch ordinierte er Priester. Seine erste Reise als Papst ging 1972 nach Libyen. Danach besuchte er im selben Jahr eine Reihe von orthodoxen Kirchen (u.a. in Russland und der Türkei). 1977 kam er zum ersten Mal in die USA, die er mit 57 Reisen am häufigsten besuchte.552 Dort befindet sich heute eine der größten Auslandsgemeinden. Deutschland besuchte er als Papst vier Mal, u.a. 1990, um die Kathedrale im St. Antonius- Kloster Kröffelbach einzuweihen.553 Dies sind nur Beispiele für seine Reisen. Charakteristisch für seine Auslandsreisen war, dass er immer wieder neue Kirchen und Priester weihte. 2008 wurden 450 Auslandskirchen gezählt, manche davon mit großen Mitgliederzahlen.554 Van Doorn-Harder geht von einer geschätzten Zahl von über einer Million Auslandskopten aus.555 Heute gibt es Bischöfe auf vier bzw. fünf Kontinenten, zur Zeit von Schenudas III. Einsetzung gab es nur drei Diözesen (1 in Jerusalem, 2 im Sudan).556 Neben theologischen Seminaren gab es 551 Die Emigration begann in den späten 50er Jahren aufgrund der repressiven Maßnahmen der Nasser-Regierung. Eine weitere Fluchtwelle folgte aufgrund muslimisch-christlicher Spannungen in den 70er Jahren. Vgl. Reiss 2001b, 203f. 552 Vgl. zu diesem Abschnitt Van Doorn-Harder 2011, 179 und Bāḫūmiyūs/ Irmiyā 2012, 59-64. 553 Der erste koptische Gottesdienst wurde in Wiesbaden 1964 und 1969 von Abūnā Ṣalīb gefeiert, der später Priester der koptischen Gemeinde in Frankfurt wurde. Vgl. Reiss 2001b, 204. Vgl. auch St. Antonius-Kloster 2010. Nach Deutschland kam er als Papst 1990, 1992, 1998 und 2006. Nach den USA besuchte er GB (31 Mal), Kanada (12 Mal), den Libanon (9 Mal) und Syrien (8 Mal) am häufigsten. Vgl. Bāḫūmiyūs/Irmiyā 2012, 59-64. 554 Van Doorn-Harder spricht bei manchen Kirchen von teilweise mehr als 2000 Familien. Vgl. Van Doorn-Harder 2011, 179. In Deutschland sind die Zahlen meiner Erfahrung nach kleiner, wobei sich z.B. in Frankfurt auch Woche für Woche weit über 100 Personen versammeln und im Kloster in Kröffelbach (nach ungeprüften Erzählungen) sogar noch mehr als in Frankfurt. 555 Vgl. Van Doorn-Harder 2011, 179. Zahlenangaben sind, wie erwähnt, schwer zu verifizieren. O’Mahony schätzte vor 2007 noch ca. 450 000 bzw. 10% Auslandskopten, wohingegen Hesemann (wahrscheinlich etwas hoch) von ca. 3 Millionen ausgeht. Vgl. O’Mahony 2006, 494 und Hesemann 2012, 17. 556 Vgl. Van Doorn-Harder 2011, 179. In Südamerika (Brasilien und Bolivien), in verschiedenen Ländern Europas, in Nordamerika, Australien und Afrika. Die 102 2012 auch 10 koptische Klöster im Ausland, darunter neben Deutschland auch in den USA, Australien, Frankreich und Italien.557 Durch die höheren Spendeneinnahmen durch Auslandskopten änderten sich die finanziellen Möglichkeiten erheblich, wodurch u.a. neue Kirchen finanziert werden konnten.558 Nachdem die erste feste Auslandskirche in Toronto 1965559 geweiht und mit einem hoch qualifizierten Priester besetzt wurde, nahm sich Papst Schenuda III. dies zum Vorbild und schickte nur Priester mit den besten Qualifikationen ins Ausland.560 Auch in Afrika wurde die koptische Kirche immer aktiver und auch viel missionarischer.561 Dazu wurden u.a. zwei Missionsbischöfe ordiniert.562 Die Mission hat ihren Schwerpunkt insgesamt in der kirchlich-geistlichen Betreuung sowie in verschiedenartiger sozial-diakonischer Arbeit. Sie beschränkt sich aber bei weitem nicht auf Ägypter, die im Ausland leben.563 Als erste einheimi- Autorin spricht von fünf Kontinenten, wahrscheinlich, weil sie Nord- und Südamerika als zwei Kontinente zählt. 557 Vgl. Van Doorn-Harder 2011, 179. In GB gibt es neben zahlreichen Gemeinden ein koptisches Zentrum in Stevenage. Siehe Angaelos 2013. Auf den britischen Inseln gibt es zudem eine Britisch-Orthodoxe Kirche, die seit 1994 zum koptisch-orthodoxen Patriarchat gehört. Siehe dazu The British Orthodox Church 2014. 558 Vgl. Hulsman 2012b. 559 Es gab ein Jahr vorher schon einen umherreisenden Priester sowie 1959 eine koptische Gemeinde in L.A. bzw. in der Umgegend. Vgl. Van Doorn-Harder 2011, 180. 560 Vgl. Van Doorn-Harder 2011, 180. Siehe dort auch das Beispiel in den USA, in denen 1995 der erste Bischof ordiniert wurde, nachdem vorher 15 koptische Kirchen entstanden waren. 561 Die Initiative fing mit der Unterstützung der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche 1966 durch einen Arzt an. Dieser Arzt kehrte 1975 nach Ägypten zurück, ging ins Kloster und wurde 1976 nach Kenia geschickt, um dort eine kleine Gruppe von orthodoxen Christen zu unterstützen. Sein Dienst bedeutete den Beginn dieser Arbeit, die heute von zwei Bischöfen geleitet wird. Es gibt in verschiedenen schwarzafrikanischen Ländern über 60 koptische Kirchen, 3 Klöster, Krankenhäuser, Berufsschulen und Schulen in 14 Ländern. Zusammen machen die Kirchenmitgliederzahlen hier eine große Zahl aus (laut Van Doorn-Harder eine halbe Million, die Quelle – Wikipedia – ist aber nicht zuverlässig), wegen der großen Ausbreitung sind die einzelnen Kirchen meist aber sehr klein. Vgl. Van Doorn-Harder 2011, 182. 562 Vgl. Mounir 2012. 563 Vgl. Coptic Mission 2014. 2009 gehörten zu der wachsenden Zahl von Ländern, in denen Kopten und/oder neu bekehrte Kopten aktiv sind: Kongo, 103 sche Kirche auf dem afrikanischen Kontinent rechnet man damit, die Menschen dort besser mit dem Evangelium zu erreichen.564 Da die Auslandsgemeinden so umfangreich geworden sind, dass ihre Geschichte hier nicht annähernd nachgezeichnet werden kann, sei hier auf das Internet verwiesen. Während einzelne Kirchenwebseiten (mal mehr, mal weniger) Informationen über deren Entstehung liefern, gibt eine neue Plattform einen ersten Überblick über die Ausbreitung und Verteilung der koptischen Kirchen weltweit. Die Weltkarte von www.CopticWorld.org ist dazu äußerst hilfreich, wobei sie z.B. in Bezug auf Ägypten nicht mal vollständig ist.565 Die Organisation begann 2007 mit dem Segen von Papst Schenuda III. und der Heiligen Synode ihren Dienst und hat u.a. zum Ziel, jeder koptischen Kirche einen Internetauftritt zu ermöglichen und diese untereinander bzw. auf der Homepage zu verknüpfen.566 2.10.2.8 Der apologetische und ökumenische Papst Seit dem 5. Jh. bis weit ins 20. Jh. war das Verhältnis der koptischen Kirche zu westlichen Kirchen durch weitgehende Isolation und oft gegenseitige Polemik geprägt.567 Die Isolation lebt auch heute noch in manchen Bereichen fort, indem man z.B. offiziell die Taufe von anderen Kirchen – bis auf die altorientalischer Kirchen und teils anderer orthodoxer Kirchen – nicht anerkennt.568 Auch das Abendmahl wird bislang Ghana, Elfenbeinküste, Kenia, Libyen, Namibia, Südafrika, Sudan, Tansania, Togo, Sambia und Zimbabwe. Vgl. Chaillot 2009, 209. 564 Vgl. O’Mahony 2006, 509. 565 Vgl. Coptic World 2016. Sie umfasst bis dato 1745 Gemeinden weltweit. Der Präsident einer statistischen Zentralstelle in Ägypten sprach 2011 von 2869 Kirchen sowie 108 395 Moscheen alleine in Ägypten. Vgl. Ahmad 2011. 566 Vgl. Coptic World 2016. 567 Der Kirchenreformer Papst Kyrill IV. (1854-1861) war hier eine Ausnahme, in der Hinsicht, dass er schon im 19. Jh. vor der ökumenischen Bewegung u.a. gute Beziehungen zur anglikanischen Kirche aufbaute. Vgl. Meinardus 1983, 190. 568 Das bedeutet, die Taufen der katholischen und evangelischen Kirchen werden offiziell nicht anerkannt. Der verstorbene Bischof Samuel (wie heute auch einzelne Kopten) und sogar teils der Vorgänger Schenudas III., Papst Kyrill VI., waren da anderer Meinung, aber offiziell hat sich an der Haltung bislang nichts geändert, sodass bei einer koptischen Heirat zwischen Angehörigen zweier christlichen Konfessionen der Nichtkopte offiziell wieder getauft werden muss. Siehe Watson 2012, 79. Auch die Tauferklärung der ACK in Deutschland wurde am 27. April 2007 von 11 Kirchen, darunter die Äthio- 104 offiziell nur mit den altorientalischen Kirchen gefeiert, da eine grundlegende Glaubenseinheit als Voraussetzung für die Kircheneinheit betrachtet wird.569 Die Missionsbemühungen anderer Kirchen unter Kopten, die zwar anfangs bisweilen kooperativ verliefen,570 haben insgesamt das Verhältnis der Kirchen zusätzlich belastet.571 Vor diesem Hintergrund ist die apologetische Haltung Schenudas III. zu verstehen, der seine Kirche in Gefahr sah, Irrlehren zu folgen. Teils bei exklusiven Adventisten, aber vor allem bei den Zeugen Jehovas,572 zweifellos einer religiösen Sondergemeinschaft, war diese Sicht berechtigt, aber Schenuda III. verhielt sich gegen- über protestantischen Kirchen teilweise ebenso apologetisch.573 Ein Ältester der größten protestantischen Kirche Ägyptens, der den Papst insgesamt unheimlich lobte, sagte mir, dass die Einheit der Kirchen in Ägypten untereinander durch Schenuda III. insgesamt nicht sehr gefördert wurde.574 Auch bezüglich der katholischen Kirche könnte man pisch-Orthodoxe Kirche unterzeichnet, aber ohne die koptische Kirche. Vgl. Hainthaler 2009, 72. Orthodoxe Taufen werden dagegen wohl anerkannt. Vgl. ebd. 81. Malaṭī schreibt auch von einer gemeinsamen Taufe eines koptischen und griechisch-orthodoxen Priesters. Vgl. Malaty 1996, 80. Siehe dazu das Interview von Heseman mit Metropolit Bišūy, der für den ökumenischen Dialog zuständig ist. Vgl. Hesemann 2012, 292-298 sowie das Interview mit Cornelis Hulsman in Kairo am 04.10.2013. 569 Schenuda III. war nicht erfreut über die eucharistische Gastfreundschaft des syrisch-orthodoxen Patriarchen mit der Römisch-Katholischen Kirche. Vgl. Martin/Van Nispen/Sidarouss 1994, 109 und Hofrichter/Marte 2013, 65-89. 570 Im 19. Jh. fing die Mission verstärkt an, anfangs eher kollegial. Aber schon vorher gab es im 18. Jh. sehr kooperative Missionsbemühungen der Herrnhuter, die nach einer Wiederbelebung der koptischen Kirche strebten. Vgl. Tamcke 2009, 11. 571 Zur evangelischen Missionsgeschichte siehe: Troeger 2013. – Ökumene (Kircheneinheit) und (kulturell sensible) Mission (als Zeugnis für Christus) sollten sich m.E. eigentlich ergänzen und nicht gegeneinander ausgespielt werden. 572 Vgl. Shenouda III 2006a und Utsch 2013. 573 Seine Bücher über „Vergleichende Theologie“ sind sowohl von seinen Bemühungen um das Verständnis anderer Kirchen als auch einer starken Apologetik der koptischen Lehren geprägt. Vgl. Van Doorn-Harder 2011, 187 und z.B. Schenouda III. 2010b. In Bezug auf missionarisch aktive Protestanten muss man auch verstehen, dass – trotz eines Protestant Councils als Vermittlungsorgan zur Regierung – der Papst als koptischer sowie christlicher Repräsentant im Prinzip für alle Konflikte, die durch Konversionen von Muslimen erzeugt werden, Rede und Antwort stehen muss. 574 Interview mit ʿIṣām Mīlād in Kairo am 30.09.2013. 105 negative Beispiele aufzeigen.575 Die Kopten haben eine lange Geschichte einer anti-katholischen Einstellung.576 Die Marginalisierung der anderen Konfessionen in Ägypten ist auch durch ein Klima der religiösen Dominanz in der ägyptischen Gesellschaft geprägt.577 Die starke Betonung der koptisch-orthodoxen Identität ist so immer auch als Gegenreaktion auf die durch die islamische Dominanz bestehende Bedrohung der koptischen Existenz in Ägypten zu sehen. Davon ausgehend ist es umso erstaunlicher, was für eine ökumenische Öffnung, die in der koptischen Geschichte ihresgleichen sucht, in den letzten Jahrzehnten unter Papst Schenuda III. (und seinem Vorgänger) vor sich gegangen ist. Dieses Bemühen um mehr Kircheneinheit ist Ergebnis eines – durch die Emigration und die Bildungsinitiativen der koptischen Kirche – verstärkten Dialoges mit anderen Kirchen, der anfangs vor allem von Bischof Samuel578, aber auch von Papst Schenuda III. sehr gefördert wurde und zu zahlreichen, historischen Übereinkünften 575 Während meine koptische Schwägerin in ihren jungen Jahren in der Sonntagsschule rein erbaulich-spirituelle Lehren erhielt, so hörte sie in ihren späten Teenagerjahren auch immer wieder unfaire und harte Kritik an anderen Kirchen, viel an der katholischen, aber noch mehr an den evangelischen Kirchen. Sie war vor nicht langer Zeit ganz verwundert, dass die koptische Kirche die Priesterweihe von Katholiken (zumindest teilweise) anerkenne, da sie in ihrer Teenagerzeit meist gehört hat, dass auch die katholische Kirche keine richtige Kirche sei. Selbst wenn es immer noch exklusive Tendenzen gibt, hat sich trotz alledem viel Positives getan im Verhältnis der Kirchen untereinander. Telefongespräch mit Marianne Fawzy am 18.01.2014. 576 Vgl. Watson 2012, 109. Von anglikanischen Priestern, die römisch-katholisch wurden, sprach Schenuda III. einmal als solchen, die einen Irrtum verlassen, um einen anderen anzunehmen, der noch schlimmer sei. Vgl. Watson 2012, 113. 577 Vgl. Tamcke 2009, 10 sowie Watson 2012, 79. 578 Bischof Samuel († 1981) war der Mann der Ökumene der koptischen Kirche im 20. Jh. Er brachte die Beziehungen zu anderen Kirchen richtig ins Laufen. Er selbst plädierte im Gegensatz zu Schenuda III. nicht nur für eine Taufanerkennung anderer Kirchen, sondern auch für die immense Wichtigkeit der Laienpartizipation als Tradition der apostolischen Kirche sowie einer höheren Frauenbeteiligung. Bei ökumenischen Treffen freute er sich über die Abendmahlsgemeinschaft mit anderen Christen, egal welcher Denomination. Bischof Samuel sah sogar die Ablehnung von katholischen und evangelischen Taufen als Blasphemie an. Es gab damals unterschiedliche Lager in Bezug auf die Taufanerkennung. Mit Schenuda III. hat sich aber vorerst (m.E. leider) offiziell die Seite der Ablehnung durchgesetzt. Vgl. Watson 2012, 101f. 106 vor allem im Kernthema Christologie geführt hat.579 Auf weitere vielfältige Motive für die Öffnung, die noch nicht von allen Kopten begrüßt wird, kann hier nicht näher eingegangen werden.580 Es finden sich sowohl theologische Begründungen (z.B. bei Mattā Al-Miskīn)581 als auch rein wirtschaftliche und soziale Erklärungsversuche für das Streben nach mehr Kircheneinheit.582 Innerhalb der koptischen Kirche gibt es in Bezug auf die Ökumene zwei Trends, einen offenen und einen geschlossenen. In Theologie bzw. Ekklesiologie gehörte Schenuda III. eher zum geschlossenen Lager, aber trotzdem ist seinem starken ökumenischen Engagement m.E. die theologische Motivation nicht abzusprechen. Allgemein gesagt, sieht man die Verbindung zu anderen Kirchen zunehmend als Bereicherung und nicht mehr als Bedrohung. Zudem wird hier nur die offizielle Ebene betrachtet. Auf persönlicher Ebene pflegte Schenuda III. einen sehr freundschaftlichen Umgang mit anderen Konfessionen und besonders Ausländern. Die Freundschaft zum Deutschen Otto F.A. Meinardus ist da nur ein Beispiel. Die engsten historischen Verbindungen bestehen zu der Äthiopisch- Orthodoxen Kirche, die bis 1959 unter dem Machtbereich des Patriarchen von Alexandria standen.583 Die Schwesterkirche wurde nach vielen Versuchen unter Papst Kyrill VI. in die weitgehende Autokephalie (Selbst- 579 Vgl. unten Kap. 3.1. Gemäß Watson ist Schenudas III. starkes ökumenisches Engagement auch auf dem Hintergrund seiner Isolation in der Verbannung zu sehen. Wäre nochmals so etwas geschehen, würden jedenfalls der Weltkirchenrat und viele andere wissen, wer der Papst ist. Vgl. Watson 2012, 117. 580 Vgl. Reiss 1998, 215-218. 581 Siehe Matthew the Poor 1984, 215-222. Der Gedanke der Einheit (in Geist und Liebe, wenn nicht in Lehre) der christlichen Kirchen war Mattā Al-Miskīn äußerst wichtig. Vgl. Köhler 2008, 63.76. O’Mahony schreibt: „Matta el Meskeen also went on to make some significant contributions to ecclesiology and ecumenical theology. He was highly critical of the ecumenical movement but reassessed his position in later years, which allowed for a monastic opening and dialogue to take place.” O’Mahony 2007, 172. 582 „For the Copts, the practice of ecumenicity was and still is a highly ambiguous policy, economically and socially profitable, yet theologically and ecclesiologically damnable and even ruinous, a danger of western acculturation.” Meinardus 2005. 583 Watson schreibt sogar, dass der in Ägypten in Bezug auf Schwarze (leider teils noch immer) verbreitete Rassismus auch indirekt in der Geschichte Teil des Problems zwischen der Äthiopisch- und Koptisch-Orthodoxen Kirche war. Vgl. Watson 2012, 55. 107 ständigkeit) entlassen.584 Gegen andere Autoren weist Reiss darauf hin, dass man erst ab 1994 auch von koptischer Seite offiziell von einer vollen Autokephalie sprechen kann.585 Uneinig waren sich die Schwesterkirchen auch, als Papst Schenuda III. gegen den Willen der äthiopischen Kirche 1994 die Unabhängigkeitsbemühungen der Eritreisch-Orthodoxen Kirche586 durch die Ordinierung mehrerer Bischöfe unterstützte, sodass diese wiederum autokephal von der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche wurde.587 Auch die Zwangsabgabe eines koptischen Klosters in Jerusalem an die Äthiopier belastete die Beziehungen der Schwesterkirchen.588 Mit allen altorientalischen Kirchen, die ebenfalls das Konzil von Chalcedon ablehnen, verstärkte man die schon bestehenden Beziehungen (es besteht volle Interkommunion589), vor allem ab 1965 auf einer Konferenz in Adis Abeba, an der Schenuda III. als Bischof teilnahm.590 Dazu gehören neben der Koptischen, Äthiopischen und Eritreischen auch die Armenische, Syrische und Malankara-Orthodoxe Kirche.591 Seitdem mit der Syrischen und Armenisch-Orthodoxen Kirche am 11. März 1998 eine gemeinsame Erklärung unterzeichnet wurde, agiert man noch enger als Konfessionsfamilie und trifft sich regelmäßig.592 Seit dem Gründungsjahr 1948 oder spätestens 1954 (je nach Quelle) trat die koptische Kirche dem Ökumenischen Rat der Kirchen bei und ist seitdem im regelmäßigen Austausch mit anderen Kirchen.593 Noch unter 584 Döpmann 1991, 297-301. Zur Äthiopisch-Orthodoxen Kirche siehe u.a. Heyer 1971. 585 Vgl. Reiss 1998, 215. Die meisten Autoren schreiben „1959“, da es die Äthiopier selbst so interpretierten. Auch Winkler z.B. spricht von voller Selbstständigkeit ab 1959. Vgl. Winkler 1997, 206. 586 Das Land Eritrea wurde 1993 unabhängig von Äthiopien (nach 30 Jahren Unabhängigkeitskrieg). Vgl. CIA 2013. 587 Vgl. O’Mahony 2006, 510. Siehe auch für die Patriarchenweihe der eritreischen Kirche am 7./8. Mai 1998: Reiss 2002, 261-275. 588 Vgl. Martin/Van Nispen/Sidarouss 1994, 109. Dies hatte freilich eher politische Gründe, aber die koptische Kirche nutzte die neu gewonnenen ökumenischen Kontakte ebenso politisch, um den Zionismus und Israel scharf zu verurteilen. Vgl. Watson 2012, 46. 589 D.h. Abendmahlgemeinschaft. 590 Vgl. Winkler 2005, 50. 591 Vgl. Lange/Pinggéra 2010, XI. 592 Vgl. Hainthaler 2009, 69f. 593 Man findet beide Zahlen in zuverlässigen Quellen: für 1954 Vgl. Reiss 1998, 216 sowie Ghattas 2001, 1670-1677. Laut Winkler, Hainthaler, Meinardus und 108 Papst Kyrill VI. hatte es von 1959 an verstärkt verschiedene ökumenische Zusammentreffen und Konferenzen gegeben.594 Als „orthodoxe“ (rechte Lehre) Kirche erreichte man in den letzten Jahrzehnten verständlicherweise die größten Annäherungen zu anderen orthodoxen Kirchen.595 1972 besuchte der koptische Papst – zum ersten Mal in der Geschichte seit dem 5. Jh. – den Patriarchen von Antiochia596 sowie Patriarch Dimitros von Konstantinopel außerhalb Ägyptens.597 Damit bekräftigte er den Wunsch, den Dialog zu vertiefen. Weitere Gespräche mit unerwartet großen Übereinstimmungen folgten, sodass die Orientalisch- Orthodoxen Kirchen 1985 in einen offiziellen Dialog mit den orthodoxen Kirchen byzantinischer Tradition eintraten.598 Mit den Patriarchen von Damaskus und Moskau gab es auch verschiedene Treffen. Nach Konsultationen auf verschiedenen Ebenen seit den 1960ern kam es dann zu offiziellen gemeinsamen Erklärungen über die Christologie zwischen den altorientalischen und den (östlich-)orthodoxen Kirchen (1989, 1990) byzantinischer Tradition.599 In Ägypten einigten die Kirchenfamilien sich zudem am 5. April 2001 auf ein Papier zur Trauung und Ehe-Fragen.600 Mit der Römisch-Katholischen Kirche gab es ebenfalls historische Zusammenkünfte. Papst Schenuda III. hat selbst mehrfach auf seine eigenen positiven Erfahrungen als Bischof bei einer Konsultation von Pro Oriente in Wien 1971 hingewiesen.601 Dies bereitete das historische Zusammentreffen – nach ca. 1500 Jahren – am 10. Mai 1973 zwischen dem koptischen Papst Schenuda III. und dem römisch-katholischen Papst Paul VI. vor, die im Vatikan eine gemeinsame Erklärung abgaben.602 Dies eröffnete die 1. (offizielle) ökumenische Dialogphase der Hanna wäre es schon seit dem Gründungsjahr 1948. Vgl. Winkler 1997, 204.208; Hainthailer 2009, 70; Meinardus 2001, 70 sowie Hanna 1995, 258. 594 Nicht zuletzt ein historisches Zusammentreffen zwischen dem Patriarchen Athenagoras von Konstantinopel (1948-1972) und dem russischen Patriarchen Alexej (1945-1970) in Kairo. Vgl. Reiss 1998, 217. Wichtige Dialogtreffen zwischen den orthodoxen Kirchen sind: 1964 in Aarhus (Dänemark), 1967 in Bristol, 1970 in Genf und 1971 in Adis Abeba. Vgl. u.a. Ziegler 1973. 595 Vgl. Watson 2012, 127. 596 Vgl. Ziegler 1973. 597 Vgl. ebd. sowie St. Antonius-Kloster 2010, 53. 598 Vgl. Reiss 1998, 217. 599 Vgl. unten Kap. 3.1. 600 Vgl. Tamcke 2009, 13. 601 Vgl. unten Kap. 3.1. 602 Vgl. Reiss 1998, 276f. 109 beiden Kirchen.603 Schon 1968 wurden Reliquienteile des Hl. Markus nach Kairo überführt und 1973 folgten Reliquienteile des Hl. Athanasius.604 Zwischen 1974 und 1992 gab es acht offizielle Treffen zwischen der Römisch-Katholischen und der koptischen Kirche, die 1988 zu einer offiziellen gemeinsamen Erklärung über die Christologie führten.605 Wahrscheinlich deshalb wird 1988 auch als Ende der (erfolgreichen) 1. Dialogphase gesehen.606 Von 1992 kamen die Gespräche bis 2004 evtl. wegen der katholischen Dialoge mit der assyrischen Kirche (s.u.) zum Erliegen.607 2004 dann beschloss Schenuda III. mit dem Patriarchen von Syrien und Kilikien, statt bilateraler Treffen nur den kollektiven Dialog zwischen den altorientalischen Kirchen und der Römisch-Katholischen Kirche fortzusetzen, was in einer Reihe von inoffiziellen Pro Oriente-Gesprächen geschah.608 Dies führte im Januar 2009 zu einem Dokument, in dem Übereinstimmungen im Bereich der Ekklesiologie festgehalten wurden.609 Aber schon vorher, im Jahr 2000, kam Papst Johannes Paul II. zu Besuch nach Kairo.610 Gegenüber einem Dialog mit Protestanten äußerte sich Papst Schenuda III. dagegen 1986 noch skeptisch.611 Die Skepsis wurde aber im Licht der christologischen Verständigungsfortschritte mit den anderen westlichen Kirchen überwunden, sodass es in verschiedenen 603 Vgl. St. Antonius-Kloster 2010, 53. 604 Vgl. Reiss 1998, 217.277. 605 Vgl. Hainthaler 2009, 74. Siehe auch St. Antonius-Kloster 2010, 54. 606 Vgl. St. Antonius-Kloster 2010, 54. 607 Vgl. Hainthaler 2009, 77. 608 Vgl. ebd. 77f. 609 Vgl. Hofrichter/Marte 2013, 65-89. Auch abzurufen unter Vatican 2009. - Sieben Hauptunterschiede fasst Bischof Mūsā so zusammen: „[1.] The concept of purgatory [2.] The belief that the Holy Spirit proceeds from the Father and Son [3.] The primacy of St. Peter [4.] The infallibility of the Pope of Rome [5.] The immaculate conception of St. Mary [6.] That sins can be forgiven through indulgences (selling the forgiveness of sins) [7.] The acceptance of non Christians in marriage.” Moussa 2007, 14. 610 Vgl. St. Takla 2013. 611 „’As to our brothers, the Protestants, the differences are many and crucial. In view of the number of denominations, and the differences between them, in spite of a common name, I do not know whom to reach. There are many complex questions such as denying all the sacraments of the church, intercession of saints, priesthood, confession, Tradition, rituals etc. Therefore we should presently aim more at cooperation than at unity of faith.’” Reiss 1994b, 154. Vgl. auch Reiss 1998, 280. 110 Konsultationen mit Anglikanern (1985, 1987, 1990, 1993) – trotz Diskussionen um die Frauenordination und Homosexualität612 – zu einer „Common Declaration“ (1987) und der Ausarbeitung eines „Common Statement on Christology“ (1993) kam.613 Aufgrund der anglikanischen Ordinierung eines homosexuellen Bischofs wurden die Gespräche nach 2002 vorerst angehalten.614 Die (eher) inoffiziellen Konsultationen mit der EKD (1983, 1988, 1991) würdigten eine gemeinsame Erklärung zwischen den beiden orthodoxen Kirchenfamilien.615 Mit dem Reformierten Weltbund traf Papst Schenuda III. 1992 in Genf zusammen und lud daraufhin nach Ägypten ein. Die Gespräche wurden als positiv empfunden und führten 1994 zum „Agreed Statement on Christology“.616 Mit der Koptisch-Evangelischen Kirche in Ägypten gab es von 1988 bis 1990 drei Konsultationen, die aber aus innenpolitischen Differenzen vorerst abgebrochen wurden.617 Mit der Lutherischen Kirche in Schweden, die schon länger Kooperation in Entwicklungsprojekten pflegt, wurden ebenfalls Gespräche geführt.618 Auch in verschiedenen ökumenischen Gremien ist die koptische Kirche vertreten. 1994 wurde Papst Schenuda III. z.B. zum Präsidenten des Zentralkomitees des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) gewählt.619 Im selben Jahr wurde Schenuda III. zu einem der vier Präsidenten des MECC (Middle East Council of Churches).620 Dazu kommt die Mitgliedschaft in der Allafrikanischen Kirchenkonferenz (AACC) und weitere ausländische Gremien (z.B. ACK in Deutschland).621 612 Gegen die Anglikaner betonte Schenuda III. seine strikte Ablehnung der Homosexualität sowie der Frauenordination besonders deutlich, da er damit eine Entweihung des Priesteramtes verbunden sah. Vgl. Reiss 1994b, 238 (Fn. 42). 613 Vgl. Reiss 1994b, 155-159. 614 Vgl. Hainthaler 2009, 78f. 615 Vgl. Reiss 1994b, 160. 616 Vgl. ebd. 166f. sowie Reiss 1998, 281. 617 Vgl. Reiss 1994b, 164-166. 618 Vgl. Reiss 1998, 281. – Die sieben Hauptunterschiede zu den Protestanten fasst Bischof Mūsā so zusammen: Protestanten glauben nicht an folgende Punkte: „[1.] The seven sacraments [2.] The intercession of saints. [3.] Salvation through faith and deeds. [4.] Tradition [5.] Rituals [6.] The possibility that a believer may perish [7.] An apostolic chain.“ Moussa 2007, 14. 619 Vgl. Reiss 1998, 281f. 620 Vgl. ebd. 282 und Hainthaler 2009, 71. 621 Vgl. Reiss 1998, 282. 111 Mit der Assyrischen Kirche des Ostens wurden zunächst erfolgreiche Dialoggespräche geführt, ab 1997 wechselte es aber zu Polemik, da man sie als „nestorianisch“ und damit häretisch betrachtete.622 Hier überwog wieder die apologetische Haltung. Eine nicht ratifizierte gemeinsame Christologieformel von 1995 machte aber deutlich, dass Gespräche auch hier nicht als unmöglich angesehen wurden.623 Trotz der erwähnten Einschränkungen haben Schenudas III. ökumenische Bemühungen international zu Recht große Achtung erfahren.624 Noch 1972 sagte der Patriarch Schenuda III. in Beirut: „Man fragt oft, ob die Einheit von Oberhäuptern der Kirchen gemacht werde oder vom Kirchenvolk, eines ist sicher: sie wird von den Demütigen und Sanftmütigen gemacht…“.625 Er präsentierte sich nicht nur dort authentisch und ernsthaft bemüht um die Kircheneinheit, nicht nur in Bezug auf die orthodoxen Kirchen.626 In Ägypten wurde Schenuda III. trotz aller erwähnten Differenzen von den allermeisten Christen anderer Denominationen sehr geschätzt. Auch seine (wenn auch überschaubaren) Verständigungsbemühungen unter den Kirchen werden gewürdigt.627 Trotz aller Vorbehalte haben sich die Einheitsbemühungen zwischen den Kirchen (besonders bei den jungen Christen) in Ägypten insgesamt unter Papst Schenuda III. zunehmend verstärkt.628 Auch hierfür könnte man zahlreiche Beispiele aufzählen.629 Papst Schenuda III. hat insgesamt trotz allem Bemühen um die Verteidigung (Apologie) seiner Kirche und dem daraus entstehenden ambivalenten Verhältnis zur Kircheneinheit historisch bahnbrechende Fortschritte in den (internationalen) ökumenischen Gesprächen zu verantworten. Die christologischen Einigungsdokumente sind hier entscheidend. In anderen Bereichen sind – aufgrund der Vorbedingung einer Einheit im 622 Vgl. Hainthailer 2009, 71. 623 Vgl. ebd. 71.76. 624 Vgl. u.a. die Reden zur Ehrenpromotion Seiner Heiligkeit Papst Schenouda III, in: St. Antonius-Kloster 2010, 50-66. 625 Ziegler 1973. 626 Vgl. ebd. 627 „He was always willing to forgive and walk the second mile.” Casper 2012. 628 Vgl. Persaud 2011. 629 Vgl. ebd. Besonders nach der Revolution 2011. Erwähnenswert ist hier eine Gebetsnacht in der koptischen Höhlenkirche Kairo am 11. November 2011 mit weit über 10 000 Christen (manche Quellen sprechen sogar von bis zu 70 000) aus verschiedenen Denominationen. Siehe den Bericht von Sat7 2011. 112 Glauben – noch weniger Erfolge erzielt worden,630 aber die Grundlage für weitere Gespräche ist durch die wichtigen Christologieerklärungen gelegt worden. Da Ökumene in der koptischen Kirche stark personenbezogen ist, bleibt eine Zukunftsprognose nach Schenuda III. spekulativ, der Wandel von einer (vorwiegend) Nationalkirche631 zu einer Weltkirche lässt aber eine weitere Öffnung wahrscheinlich werden.632 In Deutschland jedenfalls ist Bischof Damyān ein positives Beispiel für eine herzlich gelebte Ökumene, ohne dabei die koptische Identität aufzugeben. 2.11 Papst Schenuda III. im Gedenken der Kopten Bei seinem Tod im Alter von 88 Jahren am 17. März 2012 war Seine Heiligkeit Papst Schenuda III. 40 Jahre, 4 Monate und 3 Tage im Amt. Schon vorher litt er nicht nur an Nierenproblemen und Diabetes, sondern auch an Lungenkrebs.633 Am Tag seines Todes füllten gemäß Hesemann Hunderttausende schon in der Nacht die Straßen um die Kathedrale in Kairo. Am folgenden Tag wurde der Leichnam noch einmal mit den Patriarchengewändern auf seinen Thron in der Kirche gesetzt, während Abertausende Kopten und etliche Würdenträger jeglicher Art von einem der größten Ägypter des 20. bzw. 21. Jh. Abschied nahmen.634 Andere verfolgten es über CTV. Durch Generalfeldmarschall Ṭanṭāwī wurde eine dreitägige Staatstrauer angeordnet, was Schenudas III. hohe Bedeutung erahnen lässt.635 Laut Heseman nahmen zwei Millionen636 an seiner Beisetzungsfeier teil.637 Sein Leichnam wurde 630 Vgl. Martin/Van Nispen/Sidarous 1994, 109. 631 Man kann in der Literatur auch Argumente für die koptische Kirche als Weltkirche finden. Daraufhin deutet u.a. der komplette Titel des Papstes, der auch von Nubien, Äthiopien und den Fünf Städten spricht. Vgl. Brakmann 1994, 17. Zu der Sichtweise einer Nationalkirche bzw. gegen die Universalität spricht auch, dass der Papst Ägypter sein muss. Vgl. Watson 2012, 80. Auf jeden Fall ist die koptische Kirche sehr stark durch eine nationale Identität bestimmt. Nichtägypter haben teils Schwierigkeiten, als echte Kopten angesehen zu werden. Vgl. Watson 2012, 109 und Tamcke 2009, 20. 632 Vgl. Reiss 2001b, 201-210. 633 Vgl. Hesemann 2012, 191. Laut Hesemann galt es als medizinisches Wunder, dass er noch so lange lebte. 634 Der Abschied war genauso beeindruckend wie – für westliche Augen – ungewöhnlich. Vgl. Watson 2012, 48. Watson bezieht sich auf ähnliche Vorgänge bei Kyrill VI. 635 Vgl. Hesemann 2012, 299. 636 Ohne Zweifel Abertausende. 637 Vgl. zu diesem Abschnitt Hesemann 2012, 299f. 113 vom Militär von Kairo nach Wādī An-Naṭrūn zu seiner Grabstätte geflogen.638 Noch heute ist S. H. Papst Schenuda III. sehr präsent in der koptischen Kirche, nicht nur weil erst wenige Jahre seit seinem Tod vergangen sind. Er wird von den meisten Kopten wortwörtlich wie ein Heiliger verehrt. Aber schon vor seinem Tod war es üblich, dass ihm koptische Massen wie einem Superstar zujubelten und nach seinem Segen trachteten. Heute hat seine Begräbnisstätte im Kloster von St. Bišūy in Wādī An-Naṭrūn nicht nur Museumscharakter,639 sondern ist auch Pilger- und Verehrungsstätte für viele Kopten, die sich von dem Verstorbenen Segen (Baraka) erhoffen und gemäß dem koptischen Verständnis den Papst um seine Fürbitte vor Gott für ihre Anliegen bitten.640 Neben seinen Büchern, die in allen koptischen Buchhandlungen zu finden sind, sind vor allem seine Bilder in Häusern und in Kirchen zu sehen. Wenn man seine zahlreichen Predigten nicht selbst kauft oder im Internet herunterlädt, kann man sie auszugsweise oder komplett immer noch häufig im koptischen Fernsehkanal sehen. Teilweise wird dort auch eine hagiographische Kurzbiografie ausgestrahlt, die mit einem Lobgesang für den Papst untermalt ist. Diese Beobachtungen zeigen, dass die Rolle von Papst Schenuda III. für die Kopten kaum zu überschätzen ist. Auch evangelische Christen und sogar viele (moderate) Muslime in Ägypten schätzten Papst Schenuda III., wie man u.a. an seinen zahlreichen abgedruckten Nachrufen641 sehen kann, auch wenn sie ihn natürlich nicht als Heiligen (im koptischen Sinne) verehren. Von vielen Muslimen wurden nicht zuletzt sein Patriotismus und seine kritische Haltung zu Israel sehr gemocht.642 Wenn man von unqualifizierten, salafistischen Hasspredigern absieht,643 bezog sich Kritik überwiegend auf seine politische Funktion. 638 Saleh/Pfeiffer 2012. 639 Die Begräbnisstätte wird zurzeit (September 2013) noch zu einem größeren Museum ausgebaut, wobei der jetzige Raum schon neben dem Grab in der Mitte mit einem kleinen Museum mit Gegenständen und Bildern aus seinem Leben eingerichtet ist. 640 Selbst eine lebensgroße Statue ist schon inmitten der offenen Kantine des St. Bišūy-Klosters zu finden. Dies ist deshalb bemerkenswert, da Statuen in der koptischen Kirche eigentlich nicht zugelassen sind. Evtl. ist sie deshalb auch bewusst von dem Inneren der Kirche sowie dem Begräbnisort getrennt. 641 Natürlich sind Nachrufe als Quelle mit viel Vorsicht zu genießen, aber sie bestätigen auch das, was ich über die Jahre von verschiedenen Personen über Papst Schenuda III. gehört habe. 642 Vgl. Hulsman 2012b. 643 Vgl. Pro Oriente 2012. 114 Abgesehen davon bleibt seine Liebe zu Ägypten, zur koptischen Kirche insgesamt, zur Bibel als Wort Gottes und vor allem zu Jesus Christus als Gott und Erlöser unbestritten. Er wird auf lange Zeit eine Identifikationsfigur sowie Kirchenlehrer der Kopten bleiben. Auch wenn Schenuda III. selbst alles andere als „modern“ sein wollte, trifft der Ausdruck „moderner Kirchenvater der koptischen Kirche“ m.E. genauso zu. Man könnte fast sagen, wenn es die Heiligenverehrung in der koptischen Kirche nicht schon seit Frühzeiten gäbe, würde sie spätestens mit Papst Schenuda III. beginnen. 2.12 Zusammenfassung: Biografie von Papst Schenuda III. Naẓīr Ğayyid wurde am 3. August 1923 in der Provinz Asyūṭ geboren. Aufgrund des frühen Todes seiner Eltern wuchs er die meiste Zeit in der Familie seines großen Bruders auf und besuchte aufgrund dessen Arbeit verschiedene Schulen in Ägypten. Durch seine Familie hatte er eine starke Bindung an die koptische Kirche und wurde dort mit 16 Jahren in der Sonntagsschule sehr aktiv, vor allem in der St. Antonius-Kirche in Šubrā. Durch seine Liebe für das Lesen und Begeisterung für Gedichte war er in der Schule ausgezeichnet. 1947 schloss er sein Bachelorstudium in Geschichte sowie eine Ausbildung zum Reserveoffizier ab und nahm 1948 am Krieg gegen Israel teil. Neben einem Aufbaustudium in Archäologie studierte er Theologie im Abendstudium und schloss dieses 1949 als Klassenbester ab. Danach legte er den Takrīs (Weihe) ab, unterrichtete Vollzeit am theologischen Seminar, bevor er 1954 ins Kloster eintrat. Im Kloster lebte Abūnā Antonius, wie sein Namensvorbild, einige Jahre als Einsiedler in der Wüste. 1958 wurde er zum Priester und Beichtvater für viele Mönche. 1962 weihte ihn Papst Kyrill VI. gegen seinen Willen zum Bischof für die christliche Erziehung. Nun begann er u.a. seine wöchentlichen Predigten, denen die Beantwortung von schriftlich gestellten Fragen vorausging. Die Treffen wuchsen Stück für Stück, sodass bald Tausende Hörer Woche für Woche kamen. Dies brachte ihm auch Kritik ein, da viele ihm politisches Engagement nachsagten. 1971 wurde er durch das Los zum 117. Papst und Nachfolger auf dem Stuhl des heiligen Markus gewählt. Er verstand sich selbst vorwiegend als Kirchenlehrer und brachte das durch Publikationen, die Fortführung seiner Vorlesungen und seiner wöchentlichen Predigten, den Ausbau der theologischen Seminare, die Weihung neuer Priester und Bischöfe und andere Reformen zum Ausdruck. Gleichzeitig bezog er in kritischen Situationen, in denen Kopten Opfer von Gewalttaten wurden, immer wieder Stellung für die Rechte der Kopten. Vor allem in den 1970er Jahren kam er dabei mit Präsident Sadat (1970-81) in Konflikt, der ihn auch 115 1981 ins Exil schickte. Das bedeutete, dass er das St. Bišūy-Kloster nicht mehr verlassen durfte. Dieses Exil dauerte ca. dreieinhalb Jahre an. Die Beziehung zu dem neuen Präsidenten Mubarak verbesserte sich aber erheblich, sodass er am koptischen Weihnachten 1985 wieder nach Kairo durfte. Die Kommission aus fünf Bischöfen, die als Interimskirchenleitung von Sadat eingesetzt wurde, stand nun in einem schlechten Licht und wurde von Papst Schenuda III. auch in ihre Schranken verwiesen. Die Zeit unter Mubarak (1981-2011) war trotz weiterer Gewalttaten gegen Kopten (und andere) im Laufe der Jahre überwiegend von Loyalität gegenüber Mubarak geprägt bis hin zu Wahlempfehlungen für den Präsidenten. Durch indirekte Botschaften zeigte der Papst vor allem gegen Ende seiner Amtszeit aber manchmal, dass er auch nicht bedingungslos hinter Mubarak stand. Insgesamt war die Zeit nach dem Exil von größerer Loyalität zum Staat geprägt als unter Sadat. Sein ehemaliger Mentor, der Mönchsreformer Mattā Al-Miskīn, kritisierte nicht nur den konfrontativen Kurs unter Sadat, sondern grundsätzlich jegliche Verbindung von Politik und Theologie. Aufgrund heftiger Kritik am Papst 1981 wurde die Beziehung zwischen beiden fortan nachhaltig gestört. Papst Schenuda III. war der erste Papst, der selbst direkt aus der Sonntagsschulbewegung kam, die sich Anfang des 20 Jh. als Laienbewegung, vor allem ab den 1930er Jahren immer mehr in der Kirche ausbreitete. Ḥabīb Ğirğis, der sich die kirchliche Erziehung zur Aufgabe gemacht hatte, war der Gründer, aber nur durch zahlreiche junge Sonntagsschulmitarbeiter, von denen Schenuda III. einer war, konnte sich die Bewegung ausbreiten. Deshalb wird neben seinem pastoralen und politischen Engagement als Kirchenreformer vor allem in Erinnerung bleiben, dass er durch seine geistliche Bibellehre die Herzen der Kopten gewann. Zudem expandierte das Klosterleben und wurde ins Kirchenleben integriert. Die Laien bekamen zwar teils mehr Partizipationsmöglichkeiten, aber insgesamt wurde die sogenannte Takrīsbewegung der Männer zunehmend klerikalisiert. Frauen bekamen zusätzlich als „Mukarrasāt“ und ausgebildete Sonntagsschullehrerinnen etwas mehr Möglichkeiten. Die Episkopatsreformen verbesserten sowohl die Versorgung der Diözesen als auch die Machtoptionen des Papstes. Um seinen ursprünglichen Bereich in der Jugendarbeit zu betreuen und in die Kirche einzugliedern, wurde ein Jugendbischof bzw. Generalbischof mit diesem Aufgabenbereich eingesetzt. Durch die neuen Medien, vor allem das Fernsehen, und zahlreiche Auslandsreisen war Schenuda III. immer Repräsentant und Identifikationsfigur der Kopten in der Öffentlichkeit. Nicht allein durch Schenuda III., aber mit seiner starken Führung und seinen zahlreichen „Schülern“, sind die koptischen Kirchen heute gefüllt und die Kopten 116 identifizieren sich insgesamt sehr stark mit ihrer Kirche, die sich von einer Nationalkirche zu einer internationalen Konfession gewandelt hat. Der ökumenische Dialog wurde daraufhin von Papst Schenuda III. vor allem beim Thema Christologie sehr gefördert, wobei in anderen Bereichen weniger Erfolge vorzuweisen sind. Dies liegt auch begründet in seinem teils sehr apologetischen Verhalten gegenüber anderen Auffassungen, die aber im Licht der Verteidigung der „rechten Lehre“ (Orthodoxie) seiner Kirche zu sehen ist. Neben seiner teils gepriesenen, teils kritisierten Apologie richtete sich Kritik vorwiegend gegen die starke politische Rolle des Papstes, die auch durch die schwache politische Repräsentation der Kopten im ägyptischen Parlament bedingt ist. Die verstärkte Klerikalisierung und dadurch bedingte verminderte Laienpartizipation wird ebenfalls ambivalent beurteilt. Nach seinem Tod am 17. März 2012 bleibt er bis heute durch seine Publikationen, Predigten, Bilder und die Pilgerstätte seines Grabes in lebendiger Erinnerung. Für Kopten geht er als herzlicher und kompromissloser Kirchenvater und Heiliger, für alle anderen (inklusive Muslime) als starker christlicher Leiter, ägyptischer Patriot und politischer Repräsentant der Christen Ägyptens (positiv oder negativ betrachtet) in die Geschichte ein.

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References

Zusammenfassung

Papst Schenuda III. zählt zu den wichtigsten Kirchenführern der arabischen Welt im 20. Jahrhundert. Er verstarb am 17. März 2012 im Alter von 88 Jahren. Seine Biografie und Theologie haben die Koptisch-Orthodoxe Kirche über 40 Jahre hinweg maßgeblich geprägt. 1990 erhielt er eine Ehrenpromotion der Universität Bonn sowie 2011 den Augsburger Friedenspreis. Matthias Gillé wirft nach einer kurzen Einführung zur koptischen Kirche einen Blick auf das Leben des großen Kirchenführers und entfaltet sodann die Christologie und Soteriologie Schenudas III., die für die ökumenischen Dialoge der Orientalisch-Orthodoxen Kirchen mit westlichen und östlichen Kirchen von zentraler Bedeutung waren. Das Buch richtet sich an Theologen, Historiker, Religionswissenschaftler und all jene, die sich für die Christen in Ägypten interessieren. Für das Verständnis der jüngeren Entwicklungen innerhalb der Koptisch-Orthodoxen Kirche und ihrer Position im ökumenischen Dialog ist die Beschäftigung mit Papst Schenuda III. unerlässlich.