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1 Einführung zu Geschichte und Prägung der Koptisch-Orthodoxen Kirche in:

Matthias Gille

Der koptische Papst Schenuda III., page 23 - 38

Beobachtungen zu Theologie und Biografie

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3839-0, ISBN online: 978-3-8288-6680-5, https://doi.org/10.5771/9783828866805-23

Series: Anwendungsorientierte Religionswissenschaft, vol. 11

Tectum, Baden-Baden
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23 1 Einführung zu Geschichte und Prägung der Koptisch-Orthodoxen Kirche Um den koptischen Papst Schenuda III. näher verstehen zu können, hilft es zunächst, Grundlegendes über seine Kirche zu wissen. Die Koptisch- Orthodoxe Kirche gehört zu den sogenannten nicht-chalcedonischen oder altorientalischen Kirchen, für die sich neuerdings die Bezeichnung Orientalisch-Orthodoxe Kirchen eingebürgert hat. Diese haben sich nach einem berühmten Streit über die korrekte Formulierung der Lehre von Christus (Christologie) auf dem Konzil von Chalzedon (451 n. Chr.) von den chalcedonischen Kirchen3 (d.h. damals vor allem der römischen bzw. byzantinischen Kirche) mit ihrer „Zweinaturenlehre“ getrennt, da sie in ihrer Christologie auf der kyrillischen Terminologie „einer Natur“ („μία φύσις” – allerdings „des fleischgewordenen Wortes“) beharrten.4 Seit dem 5. Jahrhundert wurde die koptische Kirche von der Gesamtkirche mehr und mehr isoliert. Nachdem in den ökumenischen Konzilien von Nicäa (325 n. Chr.), Konstantinopel (381 n. Chr.) und Ephesus (431 n. Chr.) jeweils ägyptische Kirchenoberhäupter den Vorsitz führten, erfuhr der Patriarch und Papst von Alexandrien Dioscorus die Macht des byzantinischen Kaisers Markian, der ihn mit Unterstützung des römischen Papstes Leos I., als Folge des Konzils von Chalcedon (451 n. Chr.) absetzte und verbannte.5 Es wurden daraufhin von den Byzantinern melkitische6 (griechische)7 Patriarchen in Alexandrien eingesetzt, die aber von einem Großteil der Kopten, insbesondere auf dem Land nicht akzeptiert wurden.8 Alle Einigungsbemühungen bzw. Repressionen auf 3 Heute gehört die Mehrheit aller Kirchen – inklusive aller katholischen, evangelischen und der meisten orthodoxen – zu den chalcedonischen Kirchen. Nicht dazu gehören vor allem die altorientalischen Kirchen. Vgl. Kap. 2.10.2.8. – Zu den anderen altorientalischen Kirchen, die das Konzil Chalcedon ablehnten, gehören neben der Koptischen, Äthiopischen und Eritreischen, die Armenische, Syrische und Malankara-Orthodoxe Kirche. Vgl. Lange/Pinggéra 2010, XI. 4 Mehr Hintergründe zur Christologie siehe unten in Kap. 3.1, zum Verhältnis zu anderen Kirchen in Kap. 2.10.2.8 sowie Anhang 6-7. 5 Vgl. Assad 1994b, 31. 6 Wörtlich heißt es „königlich“ und spricht von der Treue zu der byzantinischen Herrschaft. 7 Es gab schon seit der hellenistischen Zeit griechische Einwanderer, die früh zum Christentum konvertierten. Vgl. Hasan 2003, 23f. 8 Vgl. Assad 1994b, 32. 24 die Gruppen, die das Konzil von Chalcedon nicht annehmen wollten, scheiterten. 1.1 Der Begriff „koptisch“ Das Wort „koptisch“ heißt übersetzt einfach „ägyptisch“. Es stammt von dem arabischen Wort qibṭ, das sich vom altägyptischen Hi-ka-Ptah (Haus des Ka des Gottes Ptah) ableitet, einer Bezeichnung für die altägyptische Hauptstadt Memphis. Bereits die Griechen hatten dieses Wort verballhornt und die Bewohner Ägyptens als Αἰγύπτιοι bezeichnet.9 Die Araber, die im 7. Jahrhundert Ägypten eroberten10, benutzten den Begriff, um die eingesessene Bevölkerung von den Gräko-Byzantinern zu unterscheiden, die zuvor das Land regierten bzw. bis zum Konzil von Chalcedon noch gemeinsam mit der einheimischen Bevölkerung das Kirchenvolk11 bildeten. Kopte war also ursprünglich nicht eine religiöse Bezeichnung. In den Folgejahrhunderten wurde der Begriff aber zunehmend speziell für die Christen in Ägypten verwendet.12 Diese stellten bei der Eroberung die religiöse Mehrheit in Ägypten dar,13 wurden aber in Folge der islamischen Eroberung nach und nach zu einer religiösen Minderheit, wobei auch diese Entwicklung eigens zu betrachten wäre.14 Kopten selbst betonen jedenfalls oft, keine Araber zu sein.15 9 Die Vermittlung zur europäischen Sprachform „koptisch“ erfolgte über ein humanistenlateinisches cophti, cophtitae. Vgl. Orlandi 1990, 595. „Das Griechische versucht, das altägyptische Wort Hikapthah wiederzugeben. ‘Hikapthah‘ war einer der Namen der alten Metropole Memphis, der allgemein bekannt war, als die Griechen sich im 7. Jh. v. Chr. in Ägypten niederließen.“ Alcock 2010, 25. Hikapthah bzw. Hai-ku-Ptah heißt Haus der Seele des (Schöpfergottes) Ptah. Vgl. Hesemann 2012, 17 und Hage 2007, 169. 10 Das Wort „eroberten“ oder „einnahmen“ trifft zu, ist aber schon eine historische Wertung, da islamische Quellen meist viel positiver von einer „Öffnung“ غزو) Fatḥ) zum Islam sprechen und nicht von einer Eroberung, Einnahme فتح) Ġazwa). 11 Vgl. Hage 2007, 169. 12 Petry 1991, 618 stellt fest, dass noch weit bis ins Mittelalter zum Islam konvertierte Kopten noch als Kopten bezeichnet wurden, um sie von den arabischen Immigranten zu unterscheiden (Hinweis von W. Reiss). 13 Laut Alcock war die gesamte Bevölkerung des Landes zu dieser Zeit, d.h. vor der islamischen Eroberung, christlich. Vgl. Alcock 2010, 25. 14 Bzgl. Prozentangaben siehe unten Kap. 1.9. Noch im Mittelalter gab es Blütezeiten der koptischen Kultur. 15 Vgl. Tamcke 2009, 13. 25 Heute spricht man am präzisesten von der Koptisch-Orthodoxen Kirche, wenn man die größte und älteste Kirche in Ägypten meint, da es mittlerweile durch Kontakte mit europäischen Kirchen auch katholische und evangelische Kopten gibt, die diesen Begriff ebenfalls für sich beanspruchen.16 1.2 Der Beginn des Christentums in Ägypten Kopten sehen sich selbst – nicht ohne Stolz – als die christlichen Nachfahren der Pharaonen.17 Im Selbstverständnis der Koptisch-Orthodoxen Kirche beginnt das Christentum und damit die koptische Kirche bereits im ersten Jahrhundert durch den Evangelisten Markus, der aus dem Neuen Testament durch das zweite Evangelium18 bekannt ist, aber auch in der Apostelgeschichte als Mitarbeiter des Paulus und Neffe von Barnabas erwähnt wird.19 Die kirchliche Tradition geht davon aus, dass Markus irgendwann zwischen 48 und 60 n. Chr. nach Alexandrien kam, dort das Evangelium predigte und 68 n. Chr. den Märtyrertod erlitt.20 Er wird als Patriarch bzw. erster Papst von Alexandrien angesehen.21 Man sieht sich also betont als apostolische Kirche, die direkt auf den Apostel Markus zurückgeht und derzeit von dessen (117. bzw. jetzt 118.) Nachfolger geleitet wird.22 Westliche Betrachtungen sehen die Entwicklungen der ägyptischen Christen bis zum Konzil von Chalcedon (451 n. Chr.) meist im Zusammenhang der gesamten alten Christenheit, wobei dadurch die ägyptische Herkunft vieler Kirchenväter leicht übergangen wird. Auch deshalb wird 451 n. Chr. teilweise fälschlich als Beginn der koptischen Kirche angesehen. Andere sehen sogar erst das Jahr 543 als Anfangspunkt, in dem Jakob Baradäus die antichalcedonische Kirche nach einer Krise 16 Vgl. zu diesem Abschnitt Orlandi 1990, 595. Im Folgenden wird mit der „koptischen Kirche“ ausschließlich die Koptisch-Orthodoxe Kirche gemeint. 17 Vgl. Tamcke 2004, 28. 18 Die Verfasserfrage soll hier nicht diskutiert werden, da sie den Rahmen dieser Arbeit sprengt. 19 Vgl. Apg 12,12.13,5; 15,36-40; Kol 4,10; Phlm 24; 1 Petr 5,13 sowie Mk. 20 Assad spricht vom Jahr 48 n.Chr., in dem der heilige Markus nach Ägypten kam. Das Todesjahr datiert er genau wie Alcock auf 68 n. Chr. Alcock geht hingegen von „ca. 60 n. Chr.“ aus, als der Apostel Markus nach Alexandrien kam und vor einer bereits existierenden christlichen Gemeinde predigte. Vgl. Alcock 2010, 11 und Assad 1994b, 31. 21 Vgl. Assad 1994b, 31. 22 Vgl. Exkurs Priestertum nach Kap. 3.2.2.3. 26 wieder aufbaute.23 Speziell die Zeit zwischen 451 und 640 n. Chr. wird auch die koptische Periode genannt,24 da sich hier eigenständige koptische Literatur – in Konkurrenz zur griechisch-sprachigen Literatur – etablierte. Unbestritten wird die größte ägyptische Kirche aber seit der arabischen Eroberung im 7. Jahrhundert allgemeinhin als koptisch verstanden.25 Man kann außerdem gut begründet davon ausgehen, dass das Christentum sehr früh nach Ägypten kam. Schon in der Bibel werden ägyptische Christen erwähnt (vgl. Apg 2,10; 18,24ff.). Die älteste Abschrift eines neutestamentlichen Textes26 wurde in Ägypten gefunden und auf das frühe zweite Jahrhundert datiert. Die Existenz der alexandrinischen Katechetenschule steht zudem seit Ende des 2. Jh. außer Frage. Rückschlüsse auf die genaue Entwicklung und Verbreitung des Christentums in den ersten zwei Jahrhunderten lassen sich aber aufgrund der spärlichen Quellenlage nicht ziehen.27 1.3 Die Heilige Familie Neben dem Evangelisten Markus spielt auch die Präsenz der Heiligen Familie, d.h. von Maria, Josef und Jesus, eine große Rolle in der Tradition der größten Kirche Ägyptens. Die Kindheitsgeschichte Jesu, speziell die Flucht nach Ägypten (vgl. Mt 2,13-18), wird im Gegensatz zu manchen kritischen Auslegern wörtlich verstanden.28 Man geht nicht nur davon aus, dass die Heilige Familie nach Ägypten kam, sondern glaubt auch ganz konkrete Orte festmachen zu können, an denen sich Jesus als Kind aufgehalten hat. Aus den verschiedenen Traditionen wurde eine Reiseroute rekonstruiert, die aufzeigt, an welchen Orten sich die Heilige Familie genau aufgehalten haben soll. Papst Schenuda III. schrieb im Jahr 2000 das Vorwort zu einem Buch über die Heilige Familie, das von dem 23 Vgl. zu diesem Abschnitt Orlandi 1990, 595. 24 Vgl. Alcock 2010, 16. 25 Parallel gab es aber weiterhin die wesentlich kleinere griechisch-byzantinische Kirche. Zu Beginn gab es noch andere Bezeichnungen: Jakobiten als Fremdbezeichnung und Theodosianer als Eigenbezeichnung nach ihrem Patriarch Theodosios (535-566). Vgl. Orlandi 1990, 595. 26 Das Papyrus 52 aus dem Johannesevangelium mit Versen aus Kapitel 18. 27 Vgl. zu diesem Abschnitt Alcock 2010, 19. Brunner-Traut spricht schon von einer durchgebildeten Kirchenhierarchie um 180 n. Chr., die eine längere Entwicklung aufzeige. Vgl. Brunner-Traut 1993, 16. 28 Zur exegetischen Diskussion siehe vor allem den Artikel von Heinz-Josef Fabry. Darin geht er auch auf verschiedene koptische Überlieferungen bzgl. der Reiseroute ein: Fabry 2009, 157-175. 27 koptischen St. Mīnā-Kloster herausgegeben wurde und die Reiseroute dokumentieren möchte.29 Der Patriarch sowie die meisten Kopten sehen dies als historische Tatsachen an und halten dementsprechend Ägypten auch für ein gesegnetes Land.30 Cornelis Hulsman, Leiter des Arab West Report, stellt wie der Verfasser die Flucht von Maria, Josef und dem Jesuskind laut Mt 2,13-18 nach Ägypten an sich nicht in Frage, merkt aber hierzu kritisch an, dass die Rekonstruktion der Orte oft mehr über den Glauben der Kopten in den verschiedenen Jahrhunderten aussagt als über die tatsächlichen historischen Begebenheiten, da sich viele Traditionen z.B. erst im Mittelalter finden.31 Der Koptologe Ğabrā spricht ebenso davon, dass sich die Traditionen der Reisedetails (Dauer und Route) über die Jahrhunderte entwickelten.32 Die koptische Tradition ist jedenfalls insgesamt sowohl mit dem Apostel Markus als auch direkt mit Jesus Christus und der Heilsgeschichte verbunden.33 1.4 Das Mönchtum Die monastische Bewegung ist in Ägypten entstanden und wurde von dort aus zu einer gesamtkirchlichen Erscheinung.34 Dieses spirituelle Erbe geht auf Antonius den Eremiten35 († 356) und auf Paulus von Theben († 341) zurück, die heute noch als Heilige verehrt und auf zahlreichen Ikonen dargestellt werden. Ihr Einsiedlerleben hat eine ganze monastische Bewegung ausgelöst. Von Pachomios († 347) gingen dann 29 Siehe dazu Gabra 2001, ders. 2012, ders. 2014 sowie Meinardus 1986. 30 Vgl. dazu die Karte im Anhang 9. Die Verse aus Jesaja 19, 21-25 [vor allem V. 25b „(…) Gesegnet ist Ägypten, mein Volk (…) “] gelten als weitere Belegstelle dafür, dass Ägypten ein gesegnetes Land ist. 31 In einem konkreten Fall sprach Cornelis Hulsman, der die Entstehung der Reiseroute genau kennt, sogar von einer ganz neu hinzugekommenen Reisestation, die speziell zur Förderung eines Wallfahrtortes bzw. dessen finanzieller Unterstützung von einem Bischof hinzugefügt wurde. Interview mit Cornelis Hulsmann am 04.10.2013. Siehe dazu sein Kapitel: Hulsman 2001, 31- 132. Auch der katholische Historiker Michael Hesemann geht in seinem Buch u.a. den Traditionen der Heiligen Familie nach. Vgl. Hesemann 2012. 32 Vgl. Gabra 2008, 109f. Ğabrā ist ein Koptologe aus Ägypten, der in Münster promovierte. 33 Vgl. Köhler 2008, 24. 34 Vgl. Orlandi 1990, 596. Syrien spielte bald auch eine erhebliche Rolle. Vgl. u.a. Schwaiger/Heim 2001, 9-14. 35 Von ἔρημος „Wüste“ daher „Wüsteneinwohner“. Vgl. u.a. Hage 2007, 180. 28 zahlreiche Klostergründungen aus, die als koinobitisches Mönchtum beschrieben werden, da er im Gegensatz zum Eremitentum das gemeinschaftliche Klosterleben nach festen Regeln förderte.36 Durch die Verbreitung ihrer asketischen und spirituellen Lebensgeschichten wurden sie zum Vorbild für viele andere. Athanasius, der Bischof von Alexandrien im 4. Jahrhundert,37 stritt nicht nur für die Gottheit Christi, sondern schrieb auch die Vita Antonii, die damals zum Bestseller wurde und auch heute wieder in der koptischen Kirche weit verbreitet ist.38 Auch Papst Schenuda III. machte sich diesen Antonius zum Vorbild, übernahm seinen Namen („Abūnā Antonius“), als er 1954 ins Kloster eintrat und ging wie er eine Zeit als Einsiedler in die Wüste. Der Archimandrit (Klostervorsteher) Schenuda († 466), auf den der Name von Papst Schenuda III. zurückgeht, hob etwas später im 5. Jahrhundert die koptische Sprache in den Rang einer Literatursprache.39 Zusammen mit dem alexandrinischen Patriarchen arbeitete er an einer starken, ethischen, praktischen und dogmatischen Ausrichtung der Kirche, um damals einen Rückhalt in der Auseinandersetzung mit den Chalcedonensern zu gewinnen.40 Das Mönchtum hat die koptische Kirche über die Jahrhunderte stark geprägt. So sind z.B. zahlreiche Fastenzeiten und das Stundengebet Teil des Kirchenlebens geworden, das alle Kopten einbezieht. Durch Papst Kyrill VI.,41 den Vorgänger von Papst Schenuda III., durch den Mönchsreformer Mattā Al-Miskīn,42 aber nicht zuletzt durch Papst Schenuda III. selbst hat das Mönchtum im 20. Jahrhundert eine gewaltige Erneuerung erfahren und damit auch die verbreitete Integrierung ins Kirchenleben.43 36 Vgl. Richter 2009, 133-146. 37 Der 20. Papst von Alexandrien (295-373 n.Chr.) laut: Athanasius I. 2010, Cover. 38 Bei einem Besuch im koptischen St. Antonius-Kloster in Kröffelbach am 03.09.2013 schenkte Bischof Michael unserer Gruppe jeweils ein kleines Stundengebetsbuch, ein koptisches Kreuz sowie die Vita Antonii auf Deutsch. Die Übersetzung bzw. Verbreitung von Kirchenväterschriften ist insgesamt eine Folge der Sonntagsschulbewegung des 20. Jh. Vgl. unten Kap. 2.10. 39 Vorher war Griechisch noch die dominierendere Sprache. Gespräch mit koptischem Mönch am 19.01.2014. 40 Vgl. Orlandi 1990, 596. 41 Vgl. Richter 2009, 146. 42 Vgl. Glassner 1994, 93-104. 43 Siehe Meinardus 1983 sowie ders. 1989. 29 1.5 Offizielle Theologie versus Volksfrömmigkeit Als Grundlagen der offiziellen Theologie werden die Bibel44, die Schriften der Kirchenväter (vor 451 n. Chr.) und das Kirchenrecht45 angesehen. Die Tradition und charismatische Führungspersonen, z.B. bestimmte Päpste, haben allerdings ebenfalls starken Einfluss auf die Theologie der Kirche.46 Die dogmatischen Lehrsätze der koptischen Kirche haben sich aber im Prinzip seit 1600 Jahren, seit den Tagen des Konzils von Ephesus 431, als beständig erwiesen. Die Volksfrömmigkeit dagegen hat immer wieder auf aktuelle Bedürfnisse reagiert.47 Meinardus merkt hierzu treffend an: „[…] wo auch immer eine kultische ‚Transzendentalisierung‘ der Religion stattfindet, in der den Gläubigen ihr Gott als der ‚völlig Andere‘ dargestellt wird, da erwächst verständlicherweise das Bedürfnis nach geistlichen ‚Mittlern‘, sei es in der Form von Engeln, Heiligen, Sehern, Heilern, Propheten oder Priestern.“48 Dies ist in der Volksfrömmigkeit der koptischen Kirche nicht nur in der Heiligenverehrung, sondern auch in verschiedenen Wundergeschichten und nicht zuletzt unterschiedlichen Marienerscheinungen49 auszumachen, die auch heute noch bei sehr vielen Kopten eine große Rolle spielen.50 Auch Ikonen, Engel, Reliquien und Wallfahrten haben in der Theologie, aber viel mehr noch in der Volksfrömmigkeit eine wichtige Funktion. 44 Im Selbstverständnis sind alle orthodoxen Lehren aus der Bibel entnommen. Vgl. Mousa 2000, 7. 45 Vgl. Basilius 2002. 46 Vgl. zu diesem Abschnitt Meinardus 2002, 40. 47 Vgl. Meinardus 2009, 10. Siehe dazu auch ders. 1970. 48 Ebd. 49 Große Marienerscheinungen werden auf die Zeit vom 2. April 1968 bis zum 29. Mai 1971 datiert und wurden von der koptischen Kirche (inkl. Schenuda III.) als authentisch anerkannt, u.a. da sich auch Muslime und Juden unter den Augenzeugen befanden. Vgl. Watson 2012, 62 sowie Schenouda III. 1993b, 73 und Tamcke 2009, 18. Ein Bekannter, der damals ganz in der Nähe des Erscheinungsortes Al-Zaitūn lebte, kann die Erscheinung dagegen nicht bestätigen. Papst Schenuda III. würde dies wahrscheinlich als Kleinglauben interpretieren. Vgl. Schenouda III. 1993b, 73. Siehe zu Marienerscheinungen auch das Interview im Anhang (1) mit Cornelis Hulsman. 50 Vgl. Meinardus 2009, 10-27. Siehe auch Meinardus 2007. 30 1.6 Die Liturgie und die Eucharistie Das Kernstück des koptischen Gottesdienstes ist die Liturgie mit dem der Eucharistie als ihrem Höhepunkt. Über verschiedene Lehren wird noch in Zusammenhang mit der Theologie von Papst Schenuda III. zu sprechen sein, aber grundlegender als jeder theologische Lehrsatz ist im koptischen Verständnis die Feier des offenbarten Mysteriums Gottes.51 Gleichzeitig ist die Liturgie selbst natürlich gefüllt mit christlichen Dogmen.52 Man kann etwas vereinfacht sagen, dass alles, was der koptischen Kirche wichtig ist, auch Erwähnung findet in der ca. dreistündigen Liturgie.53 Die Liturgie wird in drei verschiedenen Riten gefeiert, je nach Anlass. Es gibt die auf die Markusliturgie zurückgehende Kyrill-Liturgie, üblicherweise wird die Basileios-Liturgie und an hohen Christusfesten die Gregorius-Liturgie gebetet.54 Die Sprachen der Liturgie sind heute Koptisch (Bohairischer Dialekt), Arabisch und teilweise Griechisch. Außerhalb Ägyptens wird die Liturgie teilweise oder gänzlich in der jeweiligen Landessprache gebetet.55 1.7 Die Kirche der Märtyrer Die Koptisch-Orthodoxe Kirche hat eine Geschichte mit vielen Verfolgungs- und Diskriminierungsperioden durchgemacht. Schon in der römischen Zeit stand die Kirche in Ägypten zeitweise unter starker Verfolgung. Das Wort „zeitweise“ ist hier zu betonen, da begrifflich häufig wenig zwischen Verfolgungs- und Diskriminierungsperioden differenziert wird. Für die offensichtlichen Verfolgungsphasen ist in der frühen Zeit neben der unter Kaiser Decius (249) vor allem die diokletianische Christenverfolgung (303-311) zu nennen. Sein Regierungsantritt (284) wurde später auch zum Anfangsdatum des koptischen Kirchenkalenders („Ära 51 Vgl. Thöle 1999, 142. 52 Siehe z.B. Malaty 1997, 21. 53 „If the outsider knows nothing of Coptic Culture, Theology, Mission and History but knows the Liturgy then the outsider knows everything that is important. The Liturgy is the heart of the encounter between human and human, between human and divine.” Watson 2012, 34. 54 Vgl. Tamcke 2004, 48. 55 Vgl. Atanassova 2012, 207. Siehe für eine detailliertere Dokumentation KHS-Burmester 1967. 31 der Märtyrer“) genommen, da die Kirche sich selbst als eine Kirche der Märtyrer versteht.56 Der Kirchenkalender der koptischen Kirche beruht auf einem pharaonischen Kalendersystem, was auch an den altägyptischen Monatsnamen zu sehen ist.57 Im Kirchenjahr wird an verschiedene Märtyrer und Heilige gedacht. Dazu wird auch das koptische Synaxarium verwendet. In diesem Buch sind die Lebensgeschichten der Heiligen, die überwiegend aus der vorislamischen Zeit stammen, festgehalten.58 Durch die zahlreichen Märtyrer hat die Heiligenverehrung eine gesonderte Stellung innerhalb der Koptisch-Orthodoxen Kirche. Diese wurde bzw. wird durch die reichlichen Ikonen befördert.59 Nachdem das Christentum im 4. Jh. zur Staatsreligion wurde, übernahmen die Asketen die Funktion der Märtyrer, da das Mönchtum ebenso als unblutiges Martyrium verstanden wird.60 1.8 Kirche nach der arabischen Eroberung Nach der islamischen Eroberung im 7. Jh. (ab 63961) gab es zunächst keine direkten Verfolgungen wie teilweise zuvor durch die christlichen Byzantiner, dafür jedoch verschiedenartige Diskriminierungen, die auch zum Selbstverständnis der Kopten als Kirche der Märtyrer beitrugen.62 Fairerweise müsste jede Regierung oder zumindest jede Dynastie isoliert betrachtet werden.63 Verkürzt kann man aber sagen, dass Muslime und 56 Vgl. Brakmann 1994, 11. 57 Vgl. Gabra 2008, 70f. und Hasan 2003, 25. 58 60 Heiligennamen wurden erst im 20. Jh. bis 1951 hinzugefügt in Folge von Kirchenväterstudien. Vgl. Van Doorn-Harder 2011, 144. 59 Es gibt im Zuge der Erneuerungsbewegung im 20. Jh. auch eine neo-koptische ikonographische Erneuerungsbewegung, die neue koptische Ikonen gezielt fördert. Vgl. Reiss 1998, 235. 60 Vgl. Dassmann 1994, 33. Die Aktualität des Märtyrergedanken sieht man daran, dass die durch Gewalttaten getöteten Kopten heute ebenfalls als Märtyrer bezeichnet werden. Die Heiligen- und Märtyrerverehrungen wurden auch durch Schenuda III. gefördert. Vgl. Hulsman 2013a, 12. Kopten waren allerdings nicht immer nur in einer Opferposition. In der kurzen Zeit als sie Macht hatten, haben Kopten auch Pogrome gegen Heiden (z.B. Hypathia) und Juden angefacht oder z.B. die pharaonischen Tempel geschändet. 61 Vgl. Perry 2004, xviii und Hage 2007, 172. 62 Es ist übertrieben zu sagen, die Kopten hätten die Araber als Befreier gesehen, aber sie waren zunächst froh, dass die Byzantiner gehen mussten. Vgl. Brakmann 1994, 20. 63 Für eine etwas ausführlichere Kurzzusammenfassung der koptischen Geschichte siehe Hage 2007, 167-195. Aus koptischer Feder: Malaty 1993, 103-200. 32 Kopten zwar weitgehend friedlich miteinander lebten,64 manche islamischen Herrscher jedoch stärker durch noch größere Diskriminierungen oder gar durch Verfolgung gegen Kopten hervortraten. Zu den brutaleren Herrschaften gehörte z.B. die von Al-Ḥakīm (996-1021), der direkt auf den sehr toleranten Herrscher Al ʿAziz (976-996) folgte.65 Nachdem schon zu Beginn des 8. Jh. Arabisch das Koptische als offizielle Landessprache66 verdrängt hatte, war auch die Bevölkerung im Laufe des 9. Jh. zum ersten Mal mehrheitlich muslimisch geworden,67 viele um dadurch einer Kopfsteuer (Ğizya) zu entgehen.68 Im selben Zeitraum (8./9. Jh.) wurden zudem mehrere Koptenaufstände blutig niedergeschlagen. Nach einer schwierigen Zeit unter den Ayyubiden69 (1171-1250) kam eine besonders harte Zeit unter den Mamlucken (1250-1517). Unter der Mamluckendynastie wurden Übertritte zum Islam erneut zum Massenphänomen. Die Mamlucken waren eine nicht-hereditäre Sklavendynastie, bei der bei jedem Herrschertod Kämpfe um die Nachfolge unter den Sklavensoldaten erfolgten. Je nachdem auf welche Seite sich die Kopten stellten, hatte das fatale oder günstige Folgen. In dieser Zeit wurden wegen der Instabilität viele zuvor erbaute Kirchen zerstört.70 Damit stürzte die koptische Kirche in eine tiefe Krise, die Jahrhunderte andauerte. Der Niedergang betraf aber auch das gesamte ägyptische Volk und setzte sich unter der osmanischen Herrschaft (1517-1798) fort.71 Für eine detailliertere Darstellung auf Arabisch siehe online die neun Bände von Habib el Masri 2016a. Sie fasste diese auf Englisch in zwei zusätzlichen Bänden (vgl. dies. 1956 sowie dies. 1982) zusammen. 64 Vgl. Strohmayer 2007, 141. 65 Die Fatimidenzeit (969-1171) war mit Ausnahme von Al-Ḥakīm eher tolerant gegenüber Kopten. Vgl. Hage 2007, 174. 66 Vom 3.-7. Jh. war Koptisch die Schrift- und Umgangssprache der christlichen Bevölkerung. Vgl. Meinardus Stiftung 2014. 67 Vgl. zu diesem Abschnitt Meinardus 2002, 64. Laut Brakmann war ab ca. 830 n.Chr. die Mehrheit der Ägypter zum Islam übergetreten. Vgl. Brakmann 1994, 20. 68 Vgl. Hulsman 2013b, 14. 69 Watson dagegen beschreibt es als eine vergleichsweise gute Periode für die Kopten. Vgl. Watson 2012, 144. Die Kreuzzüge hatten aufgrund der gemeinsamen Ablehnung jedenfalls eher positive Auswirkungen für das Verhältnis von Christen im Orient und Muslims. Im 5. Kreuzzug kämpften die Kopten sogar gegen die Kreuzfahrer. Vgl. Langener 2009, 220. 70 Vgl. Hulsman 2013b, 14. 71 Vgl. zu diesem Abschnitt auch Orlandi 1990, 600. 33 1.9 Ägypten in der Neuzeit Der Ägyptenfeldzug Napoleons (1798) bedeutete zwar den Anfang der Neuzeit, aber keineswegs ein Ende der Diskriminierungen (u.a. bestimmte Kleidervorschriften sowie die Kopfsteuer72). Im Gegenteil, die Kopten entgingen knapp einem Massaker; dieser Zorn kam aber nicht zuletzt, da einige Kopten mit den Franzosen gekämpft hatten.73 Nach dem Abzug der Franzosen durch den Druck der Briten 1801 begann eine harte Übergangszeit (1802-1805) mit einer Fülle von antichristlichen Gewalttaten. Darauf folgte die Muhammad Ali Dynastie (1805-1882), die insgesamt eine Entlastung für die Kopten bedeutete, sowie eine Modernisierungsphase für ganz Ägypten.74 Aufgrund finanzieller Schwierigkeiten hatten die Briten ab 1881 die Fäden in der Hand, ab 1914 als britisches Protektorat. Nach dem ersten Weltkrieg gewann die Nationalbewegung an Zulauf. 1922 entließ Großbritannien Ägypten daraufhin zwar in die formale Unabhängigkeit,75 aber bis 1952 hatte das neu gegründete Königtum von Fuʾād I (gest. 1936) und seinem schwächer regierendem Sohn Fārūq I mit dem zeitweise sehr bestimmenden Einfluss der Briten zu kämpfen.76 In der Phase zwischen den beiden Revolutionen 1919 (gegen die britische Herrschaft) und 1952 (u.a. gegen König Fārūq I.) wurden die Verbundenheit zwischen den beiden Religionen und die nationale Einheit der Ägypter mehr betont.77 In der Verfassung von 1923 wurde die Gleichheit der Kopten auch grundsätzlich festgehalten,78 wobei durch die Abkehr vom Dhimmi-System die Gleichheit der Kopten schon zuvor in der Tanzimat-Ära unter den Osmanen im 19. Jh. erzielt wurde. Vor 1923 gab es auch schon zahlreiche koptische 72 Die Steuer wurde von Kopten bis 1815 eingenommen. Von den Diskriminierungen waren auch die Juden betroffen, zumindest in Bezug auf die Kleidervorschriften und das Reiten auf Eseln (nicht Pferde). Vgl. Meinardus 2002, 66. 73 Vgl. Dassmann 1994, 24. 74 Vgl. ebd.; Meinardus 2002, 68f.; „(…) seit 1815 wurde die, den Nichtmuslimen auferlegte Kopfsteuer 1815 nicht mehr erhoben, (bzw. 1856 auch förmlich abgeschafft), zwei Jahre später entfielen die besonderen Kleidervorschriften, und 1831 wurde die Gleichheit aller Untertanen vor dem Gesetz verkündet.“ Hage 2007, 185f. 75 Vgl. Büttner 1991, 55. 76 Vgl. Semsek 2007, 56. 77 Vgl. Strohmayer 2007, 142. Das ging z.T. so weit, dass Muslime und Christen ihre Kanzeln in Kirchen und Moscheen tauschten, um über die nationale Einheit zu sprechen. Vgl. Casper 2013, 2. 78 Vgl. Ghattas 2001, 1672. 34 Minister und sogar schon einmal einen koptischen Ministerpräsidenten Buṭrus Ġālī (1908-1910), der wurde jedoch – aus politischen Gründen – im Amt ermordet.79 In den 1930er und 1940er Jahren gab es durch die 1928 neu gegründete Organisation der Muslimbrüder wieder zunehmend interreligiöse Spannungen.80 Nach der Militärrevolution81 vom 23. Juli 1952 begann eine Ära der Militärregierungen, in deren Zeit auch Papst Schenuda III. wirkte. Ab 1954 regierte Gamal Abdel Nasser82 bis zu seinem Tod 1970. Darauf folgte Anwar As-Sadat bis zu seiner Ermordung 1981 sowie Husni Mubarak bis zu seinem erzwungenen Rücktritt durch die Revolution vom 25. Januar 2011, auf die bis zum Tod von Papst Schenuda III. am 17. März 2012 zunächst eine vom Militär geleitete Übergangsregierung folgte. Die politische Situation der Kopten wurde unter den Militärregierungen zunehmend schwieriger, sodass bis heute – trotz positiver Gegenbeispiele – zahlreiche Diskriminierungen und auch immer wieder Gewalttaten gegen die Kopten zu beklagen sind.83 Die erste Zeit unter Nasser war für die Kopten zwar finanziell sehr belastend, da Nasser vor allem reichen Kopten in Folge der Bodenreform viel Land wegnahm,84 aber allgemein wurde die Situation dadurch sehr entschärft, dass Präsident Nasser und Papst Kyrill VI. (Patriarch von 1959-1971) ein sehr gutes Verhältnis aufbauten und der Papst die Politik Nassers unter- 79 Vgl. Reiss 1998, 37 sowie Behrens-Abouseif 1972. 80 Vgl. Hasan 2003, 52f. 81 „Militärrevolution“ wird es gemeinhin in Ägypten bezeichnet. Der Begriff „Militärputsch“, wie Hage ihn verwendet, ist aber ebenso richtig. Vgl. Hage 2007, 185. 82 Der erste Präsident nach der Revolution (1952) von 1953 an war der General Muhammad Nagib. Im Februar 1954 wurde er für kurze Zeit und im November 1954 endgültig aller seiner Positionen beraubt und unter Hausarrest gestellt, mit der Anschuldigung mit den Muslimbrüdern paktiert zu haben. 1984 starb er, nachdem nur in den letzten Jahren seines Lebens der Hausarrest aufgehoben wurde, da er schon alt und krank war. Vgl. Reiss 1998, 162. 83 Die Gewalttaten, Anschläge auf Kirchen etc. haben nach der Revolution (25. Januar 2011) stark zugenommen. Siehe dazu: Hulsman 2013a. 84 1952 wurde ein Gesetz zur Agrarreform verabschiedet, das den Landbesitz streng auf 200 Feddan bzw. 849.166 m2 einschränkte und den Rest nach einer Kompensationszahlung durch Schuldscheine an landlose Bauern verteilte. Vgl. Reiss 1998, 161. Der Grundbesitz war gemäß Reiss nach wie vor größtenteils in der Hand von koptischen Großgrundbesitzern. 35 stützte.85 Unter Präsident Sadat wurde es vor allem durch die wachsende Islamisierung, die z.T. vom Staat stark gefördert wurde, viel problematischer. Der Nachfolger Husni Mubarak übernahm nach dem Attentat auf Sadat 1981 in einer Zeit der nationalen Krise, die zeitlich zusammenfiel mit einer Kirchenkrise (1980-1985), die unten ausführlicher beschrieben wird. Mubarak förderte Islamisten86 zwar keineswegs aktiv, konnte aber trotz unterschiedlich starker Gegenbemühungen weitere Gewalttaten gegen Kopten (sowie moderaten Muslimen) über die Laufe der Jahre (vor allem in den 90er Jahren)87 nicht immer verhindern.88 In seiner Zeit gelang es den Muslimbrürdern ein immer stärkeres Gewicht im Parlament zu gewinnen und es kam zu Anschlägen von radikalislamischen Gruppierungen, die den politischen Weg nicht mitgehen wollten.89 Schon vor, aber vor allem nach der Revolution von 2011, vervielfachten sich die Gewalttaten (nicht nur, aber besonders) gegen Kopten.90 Heute leben über 88 Millionen Menschen in Ägypten.91 Wenn man nach der Zahl der Kopten fragt,92 erhält man je nach Quelle sehr unterschiedliche Informationen, meistens zwischen 5,5-20%. Schenuda III. selbst sprach 2008 von 15%, die meisten westlichen Medien sprechen diplomatisch von 10%, Hulsman argumentiert dagegen sehr stark, dass es weniger, d.h. 6-7% sein müssten.93 1.10 Die Erneuerungsbewegung in der koptischen Kirche Vom oben beschriebenen Niedergang in Folge der Mamluckenherrschaft war die koptische Kirche stark betroffen. Im 19. Jahrhundert durch er- 85 Vgl. u.a. Strohmayer 2007, 142 und Meinardus 1998, 25-59. 86 Vgl. unten Kap. 2.9.1.2. 87 Wobei Reiss darauf hinweist, dass die Lage der Christen trotz der Gewalttaten in den 90er Jahren verhältnismäßig besser war als in den 1980er Jahren. Vgl. Reiss 1998, 267. 88 Vgl. Strohmayer 2007, 147-152. 89 Vgl. Reiss 2016 sowie Hulsman 2016. 90 Vgl. Hulsman 2013. Zur gegenwärtigen Situation vgl. Reiss 2013. 91 Vgl. Auswärtiges Amt 2016. 92 Die orthodoxen Kopten machen ohne Zweifel den Großteil, d.h. über 90% der Christen in Ägypten aus, wobei die genauen Angaben der einzelnen Kirchen auch schwanken. Vgl. ebd. 93 Vgl. Hulsman 2013a, 70-78.112. Siehe zu dieser Frage auch: O’Mahony 2006, 493f. sowie Elsässer 2014, 75-77. 36 folgreiche Missionsbemühungen von Amerikanern herausgefordert,94 begann Papst Kyrill IV. (1854-61) zahlreiche Reformen. Er wurde zum Vorbild für eine Laienbewegung, die Anfang des 20. Jahrhunderts, verstärkt ab Mitte der 1930er eine Erneuerungsbewegung innerhalb der koptischen Kirche anstieß, die Auswirkungen auf das komplette kirchliche Leben bis heute hat. Ein reges Gemeindeleben mit vielen Gottesdienstbesuchern, ein aufblühendes Mönchtum, rasante Entwicklungen im Bereich der Diakonie sowie zahlreiche Aktivitäten in der Ökumene sind nur Beispiele für die Früchte der Erneuerungsbewegung.95 Sie hängt direkt mit der Sonntagsschulbewegung zusammen, die von Ḥabīb Ğirğis initiiert wurde und in Kapitel 2.10 etwas ausführlicher erläutert wird. Papst Schenuda III. war selbst Teil dieser Sonntagsschulbewegung.96 Er führte diese Erneuerung, die von seinem Vorgänger unterstützt wurde, nicht nur fort, sondern gab ihr eine ganz neue Qualität. Schenuda III. war der erste Papst, der selbst direkt aus der Sonntagsschulbewegung kam und diese damit endgültig in die ganze Kirche trug, die sich im Zuge der Immigration von Kopten mehr und mehr von einer Nationalkirche zu einer internationalen Konfession entwickelt hat.97 1.11 Der Bischof von Alexandrien Während Orlandi die Kirchenhierarchie schon sehr früh als streng monokratisch auf den Bischof von Alexandrien ausgerichtet sieht,98 hat Reiss gezeigt, dass man von dieser Machtfülle eigentlich erst nach den episkopalen Reformen sprechen kann, die in Kap. 2 näher erläutert werden.99 Zu den Kirchenoberhäuptern gehörten jedenfalls auch Kirchenväter, die als Glaubensvorbilder bis heute eine große Rolle in der Koptisch-Orthodoxen Kirche spielen.100 Der alexandrinische Bischof war der Erste, der noch vor dem römischen Bischof den Titel Papst trug und bis heute trägt. „Entstanden [ist der Begriff] aus dem kopt. p-apa, dem aus dem Syrisch-Aramäischen entlehnten (und mit dem koptischen Artikel versehenen) abā („der Vater“), als Titel des ägyptischen Ersthierarchen 94 Die Missionare hatten vor allem bei den Kopten in Oberägypten durch ihre Schulen, Hospitäler und Bibelarbeiten Erfolg. Vgl. Reiss 1994a, 85. 95 Vgl. Reiss 1994a, 84. 96 Vgl. ebd. 84f. sowie ders. 2001b, 201-210. 97 Vgl. zu diesem Abschnitt Kap. 2.10 unten sowie Reiss 1998. 98 Vgl. Orlandi 1990, 596. 99 Vgl. Kap. 2.10.2.5 sowie Reiss 1994c. 100 Vgl. Orlandi 1990, 596. 37 [war er] seit Anfang des 3. Jahrhunderts101 (dann auch in Rom seit der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts) [in Gebrauch].“102 Alexandrien war zunächst noch vor Rom, Konstantinopel und Antiochien das Zentrum des frühen Christentums oder anders gesagt die intellektuelle Hauptstadt des Christentums im 3. Jh.103 Trotz des Titels Papst wird aber damit kein Primatsanspruch bzw. Vorrang gegenüber den anderen traditionellen Patriarchaten (Jerusalem, Rom, Konstantinopel und Antiochia) verbunden.104 Im Arabischen hat das Wort ( بابا bābā) zusätzlich dieselbe Verwendung wie das deutsche Wort Papa.105 Schenuda III. jedenfalls wurde von zahllosen Kopten auch liebevoll als ihr (geistlicher) Vater gesehen. Der Bischofssitz des Patriarchen wurde im 11. Jahrhundert (ab 1047) in der fatimidischen Zeit von Alexandrien nach Kairo verlegt.106 Titel und offizielle Anrede ist aber bis heute „Seine Heiligkeit Papst von Alexandrien und Patriarch des Stuhles vom heiligen Markus.“107 101 Laut Malaty ebenso seit Anfang des 3. Jh. Vgl. Malaty 1992, 85. Langener nennt das Jahr 249 n.Chr. Vgl. Langener 2009, 207. 102 Hage 2007, 70. 103 Vgl. Hasan 2003, 23. 104 Vgl. Mousa 2007, 14f. 105 Vgl. Reiss 1998, 156. 106 Vgl. Langener 2009, 219. Kairo selbst wurde 969 von den Fatimiden gegründet. Vgl. Büttner 1991, 21. Manche reden auch davon, dass sowohl Alexandria als auch Kairo Sitz des Papstes ist. Dazu käme dann noch das Kloster im Wādī An-Naṭrūn zwischen Kairo und Alexandria, in dem sich Papst Schenuda III. wöchentlich zurückzog. Vgl. Köhler 2008, 28. 107 Vgl. St. Antonius-Kloster 2010, 50. Wegen der besseren Lesbarkeit wird in dieser Arbeit oft einfach Schenuda III. oder Papst Schenuda III. geschrieben.

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References

Zusammenfassung

Papst Schenuda III. zählt zu den wichtigsten Kirchenführern der arabischen Welt im 20. Jahrhundert. Er verstarb am 17. März 2012 im Alter von 88 Jahren. Seine Biografie und Theologie haben die Koptisch-Orthodoxe Kirche über 40 Jahre hinweg maßgeblich geprägt. 1990 erhielt er eine Ehrenpromotion der Universität Bonn sowie 2011 den Augsburger Friedenspreis. Matthias Gillé wirft nach einer kurzen Einführung zur koptischen Kirche einen Blick auf das Leben des großen Kirchenführers und entfaltet sodann die Christologie und Soteriologie Schenudas III., die für die ökumenischen Dialoge der Orientalisch-Orthodoxen Kirchen mit westlichen und östlichen Kirchen von zentraler Bedeutung waren. Das Buch richtet sich an Theologen, Historiker, Religionswissenschaftler und all jene, die sich für die Christen in Ägypten interessieren. Für das Verständnis der jüngeren Entwicklungen innerhalb der Koptisch-Orthodoxen Kirche und ihrer Position im ökumenischen Dialog ist die Beschäftigung mit Papst Schenuda III. unerlässlich.