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4 Fazit in:

Matthias Gille

Der koptische Papst Schenuda III., page 187 - 194

Beobachtungen zu Theologie und Biografie

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3839-0, ISBN online: 978-3-8288-6680-5, https://doi.org/10.5771/9783828866805-187

Series: Anwendungsorientierte Religionswissenschaft, vol. 11

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
187 4 Fazit Der Werdegang von Naẓīr Ğayyid bzw. Papst Schenuda III. (03.08.1923– 17.03.2012) hat schon sehr früh in seinem Leben die Themen beinhaltet, die später sein ganzes Leben mitbestimmen sollten. Durch den frühen Tod seiner Eltern nicht lange nach seiner Geburt und die Umzüge mit der Familie seines Bruders lernte er bald, mit Einsamkeit umzugehen und konsequent seinen eigenen Weg zu gehen, da er zeitweise schwierig Spielkameraden fand. Durch seine Familie bekam er aber auch eine enge Bindung an die koptische Kirche, Frömmigkeit und den Glauben an Jesus Christus mit auf den Weg gegeben. Seine Begeisterung fürs Lesen, die zu Beginn durch wenige Freunde gefördert wurde, begünstigte nicht nur eine ausgezeichnete Bildung in unterschiedlichen Bereichen, sondern bereitete ihn auch auf die großen Aufgaben vor, die auf ihn warteten. Die geistliche bzw. christliche Bildung sollte nämlich sein Lebensthema werden. Noch in der Jugend wurde er in der koptischen Kirche als Sonntagsschullehrer in Kairo aktiv. Nach seinem Studium in Geschichte und Englisch arbeitete er zunächst ein paar Jahre als Schullehrer in Kairo. Nebenbei schrieb er auch (überwiegend) geistliche Artikel für die koptische Zeitschrift Al-Ḥaq und dann für das Sonntagsschulmagazin, dessen Redakteur er zunächst von 1949-54 wurde. Seine Liebe für Gedichte half ihm nicht nur seine Rezitations-, sondern auch seine rhetorischen Fähigkeiten als Bibellehrer zu verbessern. Noch während seines Bachelorstudiums begann er in neu eröffneten Abendkursen des Priesterseminars Theologie zu studieren und erzielte dabei so gute Ergebnisse, dass er nach Abschluss mit einem Bachelor of Theology 1949 direkt als Lehrbeauftragter am Seminar angestellt wurde. Daneben betätigte er sich als Schriftsteller im kirchlichen Sonntagsschulmagazin sowohl mit geistlichen, aber teils auch politisch ausgerichteten Beiträgen. Während er schon 1949 eine Weihe für den Dienst an Gott in der Kirche (Takrīs) ablegte und daraufhin seine säkulare Arbeit aufgab, trat er am 18. Juli 1954 für ihn nur noch als logische Konsequenz der Hingabe an Gott ins syrische Kloster in Wādī An-Naṭrūn ein. Schon die Zeit vor seinem Klostereintritt war aber nicht nur durch das Thema Bildung und Lehre geprägt, sondern auch eine aktive Mitgestaltung und Beteiligung an der Ausrichtung der Kirche gehörten dazu. Auch im Kloster selbst wurde die Zeit sehr lebendig gestaltet. Die Priesterweihe am 31.08.1958 war vor allem bedingt durch das große Bedürfnis nach Beichtvätern im Kloster, aber schon vorher war der gebildete Abūnā Antonius zum Vorbild für junge Mönche geworden. Jetzt wurde seine Rolle als geistlicher Vater und Lehrer von 188 jungen Mönchen noch konkreter. Neben der Betreuung von jungen Mönchen, dem Bewirten von ausländischen Gästen und nicht zu vergessen dem täglichen Stundengebet und Fastenzeiten war Abūnā Antonius im Kloster sehr beschäftigt mit der Neuordnung der Bibliothek. Hier sortierte und studierte er. Rückblickend sprach er aber immer von der Einsamkeit in der Wüste als der schönsten Zeit seines Lebens. Über mehrere Jahre (zwischen 1956 und 1962) hinweg lebte er die meiste Zeit in einer Höhle außerhalb des syrischen Klosters, um dort noch mehr Ruhe zum Gebet, aber auch zum Studium geistlicher Literatur zu haben. Zwischendurch wurde er 1959 zwar zum Sekretär von Papst Kyrill VI. berufen, doch kehrte er bald wieder in die Wüste zurück. Er ging in eine weiter weg gelegene Höhle, da das Klosterleben viel geschäftiger ist, als man sich es außen vorstellt. Von dieser sehr intensiven Zeit der Ruhe im Gebet und Studium, die er auch später wöchentlich suchte, zehrte er, nachdem Papst Kyrill VI. ihn 1962 – gegen seinen ausdrücklichen Willen – zum Bischof für die Kirchliche Erziehung weihte. In dieser Funktion wurde er als Kirchenlehrer mit seinen wöchentlichen Vorträgen bekannt, die bald Tausende anzogen. Seine einfachen, aber gleichfalls rhetorisch versierten und teils humorvollen Vorträge begeisterten die Kopten in Massen. Die Leute merkten schnell, dass da jemand nicht nur geistlich tiefsinnig in ruhigen väterlichen Worten, sondern gleichfalls gebildet und pädagogisch sinnvoll die Bibel erklärte. Dass überhaupt ein koptischer Bischof nicht nur öffentlich in Vorträgen die Bibel lehrte, sondern auch auf die Fragen der Leute einging, war ein völliges Novum, das von der koptischen Gemeinde dankbar aufgenommen wurde. Darin betonte er immer wieder die Wichtigkeit des Gebetes, der persönlichen Beziehung zu Gott und eines geistlichen Lebenswandels, der für ihn selbstverständlich auch die koptische Kirche und die Sakramente miteinbezog. Seine öffentliche Bibellehre und vor allem seine Fragestunden wurden aber auch innerkirchlich teils kritisch gesehen. Das Problem lag nicht darin, dass seine Bibellehre sehr konservativ und koptischkanonisch geprägt war, das wurde allseits begrüßt. Einigen erschienen seine Massenveranstaltungen aber zu politisch. Auch mit Papst Kyrill VI. selbst gab es Meinungsverschiedenheiten, die ihn zeitweise (1966) von seinen Bischofsaufgaben suspendierten oder zumindest bei der Ausführung behinderten. Ein Diskussionsthema war die Frage, ob die Gemeinde ihre Priester und Bischöfe nicht selber wählen dürften. Bischof Schenuda war dafür, Papst Kyrill VI. dagegen. Während Bischof Schenuda später als Papst in dieser Frage ein demokratisches Element stärkte, bewirkten seine episkopalen Reformen insgesamt eine Klerikalisierung, die teils einen Rückgang der Laienpartizipation bedeutete. Nachdem Bischof Schenuda am 31. Oktober 1971 durch ein Losverfahren 189 zum 117. Papst und Nachfolger des Hl. Markus bestimmt wurde, folgte am 14. November 1971 seine Inthronisation. U.a., da sich Naẓīr Ğayyid bei der Entführung von Papst Yūsāb II. 1954 schon an der Debatte über den Nachfolger beteiligte oder diese sogar initiierte, schließen verschiedene Experten darauf, dass Schenuda III. schon damals selbst Papst werden wollte. Ich selbst würde die Frage zwar aufgrund der Selbstaussagen Schenudas III. eher offen lassen, unbestritten ist aber sein großer Drang zur Gestaltung der Kirche im Sinne einer geistlich bibelzentrierten Bildung. Nachdem 1956 Papst Yūsāb II. starb, wurde Abūnā Antonius auf jeden Fall schon als Papstkandidat gehandelt, stand aber aufgrund einer neuen Regel, die 1957 aufgestellt wurde, noch nicht zur Wahl. Diese Regel war u.a. gegen Abūnā Antonius, aber auch gegen Mattā Al-Miskīn gerichtet. Mattā Al-Miskīn, neben Papst Schenuda III. zweifellos einer der wichtigsten Kirchenführer bzw. vor allem Mönchsreformer der koptischen Kirche im 20. Jh., war für Abūnā Antonius zeitweise ein geistlicher Vater und beeinflusste auch das erste Buch des Patriarchen, das von vielen als sein wichtigstes angesehen wird: Befreiung der Seele (1957). Dies trug m.E. mit dazu bei, dass die späteren, teils sehr heftigen theologischen Diskussionen bzw. schriftlichen Auseinandersetzungen nicht zu ekklesiologischen Sanktionen führten, die Schenuda III. in anderen Fällen durchführte. Während in der Diskussion um das Verhältnis von Kirche und Staat Al-Miskīns Theorie der Trennung von Kirche und Staat sinnvoll erscheint, ist auch Schenudas III. sehr starke politische Rolle in der Praxis angesichts der angespannten Lage und der politischen Unterrepräsentation von Kopten im Parlament gut nachzuvollziehen. Papst Schenuda III. kämpfte als politischer Repräsentant der Kopten für deren Rechte. Unter Präsident Sadat (1970-81) während einer verstärkten (politischen) Islamisierung und auch dadurch vermehrter interreligiöser Konflikte erhob Schenuda III. seine Stimme und reagierte teils konfrontativ mit Stellungnahmen oder Protest. Dadurch zog er auch Kritik von (teils hochrangigen) Leuten innerhalb der koptischen Kirche auf sich, die sich eine defensivere oder rein geistliche Auslegung des Papstamtes wünschten. Manche Kritiker fürchteten wohl schon von Beginn an Konflikte mit dem Staat aufgrund der kompromisslosen und teils konfrontativen Art Schenudas III. Sadat, der durch verschiedene Seiten unter erheblichem politischen Druck stand, holte zu einem Befreiungsschlag aus, der zur Inhaftierung von über 1500 Oppositionellen und der Verbannung von Papst Schenuda III. ins Kloster St. Bišūy führte, die ca. dreieinhalb Jahre andauern sollte. Durch das Attentat auf Präsident Sadat am 6. Oktober 1981, bei dem auch Bischof Samuel ermordet wurde, nahm die Geschichte eine Wende. 190 Unter Mubarak verbesserten sich die Beziehungen. Schenuda III. war nach der Verbannung insgesamt viel weniger konfrontativ und versuchte nun, durch fast durchgängige Loyalität zum Regime und deeskalierende, besonnene Worte zum friedlicheren Zusammenleben zwischen Kopten und Muslimen beizutragen, wofür er auch im Ausland mehrfach als Brückenbauer und Friedensstifter geehrt wurde. Gewalttaten gegen Kopten und teils moderate Muslime gab es aber nach wie vor, nach der Revolution 2011 sogar sehr verstärkt. Schenuda III. versuchte, durch persönliche Beziehungen die Rechte der Kirchen (u.a. auch im Familienrecht) zu festigen. Das strenge Scheidungsrecht (das laut Anbā Būlā auf einer wörtlichen Auslegung von Mt 19 und Mk 10 beruht), aber auch die Wahlempfehlung für Mubarak 2005 führten gegen Ende von Schenudas III. Amtszeit zu vermehrter Kritik auch unter Kopten, vor allem von denjenigen, die sich selbst im politischen Protest betätigen wollten, darin aber von ihrem insgesamt sehr respektierten Kirchenoberhaupt – zumindest verbal – gebremst wurden. Papst Schenuda III. nahm also bewusst eine sehr starke politische Rolle ein, die sowohl durch Kritik (mehr unter Sadat) als auch überwiegend durch Loyalität (vor allem unter Mubarak) geprägt war, aber immer um die Rechte der Kopten bemüht war. Politik und Theologie waren für ihn nicht zu trennen. Schenuda III. betonte die nationale Einheit, lehnte den Begriff der „Minderheit“ bei Kopten ab und machte durch seine patriotische Haltung zumindest indirekt deutlich, dass der Staat eigentlich keinen Grund hatte, sich nicht intensiv(er) um den Schutz der friedlichen Kopten zu kümmern. Papst Schenuda III. machte als Papst dort weiter, wo er als Bischof aufgehört hatte, nämlich in der Ausbildung und Förderung der christlichen Bildung durch geistliche Lehre und zusätzlich episkopale Reformen, die sowohl eine bessere Versorgung der Kirchen als auch einen Machtzuwachs des Papstes bedeuteten. Die Zahl der Diözesen wuchs von 1971 bis 2012 von 23 auf 50. Schenuda III. ordinierte 117 Bischöfe oder Metropoliten und 1001 Priester. Auch die Klöster wurden weiter von 13 auf 35 vermehrt. Frauen erhielten im begrenzten Umfang mehr Partizipationsmöglichkeiten, wobei sie – wohl für die meisten Kopten in Ägypten selbstverständlich – nicht in kirchlichen Leitungsfunktionen (über Männern) tätig sind. Die Erneuerungsbewegung, die durch die Sonntagsschulbewegung mitbegründet, aber auch durch die Klöster-Renaissance gefördert wurde, ist mit Hilfe von Papst Schenuda III. in die ganze Kirche getragen worden. Die Jugend wurde mit Hilfe des neu ordinierten Jugendbischofs Mūsā näher an die Kirche gebunden. Die ökumenischen Beziehungen, die anfangs vor allem durch Bischof Samuel – nicht immer zur Freude Schenudas III. – ins Laufen gebracht wurden, führte 191 Papst Schenuda III. trotz Vorbehalten konsequent weiter. Schenuda III. wirkte entscheidend an bahnbrechenden Übereinkünften in der Christologie mit. Bedingt durch eine teils sehr apologetische Haltung, die die „rechte Lehre“ (Orthodoxie) der Kirche verteidigen will, sind in anderen Bereichen insgesamt noch weniger historische Übereinkünfte erzielt worden. Auch die Abendmahlsgemeinschaft steht für Schenuda III. (im Gegensatz zum verstorbenen Bischof Samuel) unter dem Vorbehalt der Glaubenseinheit. Trotzdem hat die koptische Kirche durch die Internationalisierung, die Schenuda III. stark gefördert hat, eine große ökumenische Öffnung durchgemacht, die (wahrscheinlich) weiter voranschreiten wird. Die Christologie Schenudas III. geht von der Formel: „Die Eine-Natur Gottes, des Fleischgewordenen Wortes (Logos)“ (μία φύσις τοῦ θεοῦ λόγου σεσαρκωμένη) aus. Diese von Kyrill verwendete Formel, die eigentlich auf den als Irrlehrer verurteilten Apollinaris zurückgeht, führt Schenuda III. auf Athanasius zurück. Jedenfalls sieht Schenuda III. darin die allerbeste Zusammenfassung des neutestamentlichen Zeugnisses über Jesus. Jesus habe eine Natur, eben die des fleischgewordenen Wortes bzw. Gottes. Daraus folgernd lehnt Schenuda III. das Konzil von Chalcedon als nestorianisch ab. Nestorius habe die Person Jesu in zwei getrennt, und dies sei auch im Chalcedonense wiederzufinden. Auch Schenuda III. kann von einer göttlichen und menschlichen Natur sprechen, jedoch gelte dies nur vor der Vereinigung in der Jungfrau Maria. Danach soll man nur von der einen Natur Christi reden. Schenuda III. gebraucht den Naturbegriff meist synonym mit „Person“ und „Hypostase“ und sieht deshalb im Chalcedonense, das von „in zwei Naturen“ spricht, die Gefahr der Trennung. Mit der Aussage „aus zwei Naturen“ hätte Schenuda III. wohl – genau wie die Alexandriner damals – keine Probleme, aber um zur Einigung zu gelangen, schlug Schenuda III. 1971 in Wien eine Christologieformel vor, die gerade den umstrittenen Physisbegriff weglässt, und dadurch für beide Seiten annehmbar wird. Auch wenn Schenuda III. dies in Die Natur Christi teils apologetischer formulierte, muss man sagen, dass die Trennung in Chalcedon zum einen auf unterschiedlicher Terminologie beruhte, die im Prinzip auf denselben Glaubensinhalt hinausläuft. Zum anderen wurde die Trennung sicherlich auch durch politische Umstände und Verfeindungen zwischen den Byzantinern und Alexandrinern begünstigt, auf die hier nicht näher eingegangen werden konnte. Papst Schenuda III. hat sich jedenfalls auf Dauer in der Kirchengeschichte einen Namen gemacht, indem er durch verschiedene Gespräche mit der römisch-katholischen, den orthodoxen und evangelischen Kirchen entscheidend dazu beitrug, das Schisma von 451 n. Chr. auf christologischer 192 Ebene zu überwinden. Hier wurde exemplarisch auf die bedeutende Erklärung mit der römisch-katholischen Kirche von 1988 eingegangen, die im Prinzip auf Schen udas III. christologische Formel von 1971 zurückgeht. Bei Schenuda III. findet man zudem häufig eine starke Betonung der Gottheit Christi. Die Ablehnung des Konzils von Chalcedon erfolgt auch aus soteriologischen Motiven. In der Soteriologie Schenudas III. wurde deutlich, wie radikal er den reformatorischen Grundsatz der Rechtfertigung aus Glauben alleine ablehnt. Schenuda III., der selbst von einer sehr strikten Verbalinspirationslehre ausgeht, versucht mit einem Ergänzungsprinzip alle Bibelstellen zum sola fide außer Kraft zu setzen. Die Erlösung werde zwar allein durch Jesu stellvertretenden Tod am Kreuz möglich gemacht, aber erst durch die Erfüllung folgender Bedingungen zeige man, ob man auch würdig sei, das Geschenk Gottes anzunehmen. Die Bedingungen lauten: 1) Glauben, der sowohl als Geschenk als auch als eigene Tat verstanden wird. 2) Die Taufe, die heilsnotwendig sei und deshalb bei Kindern praktiziert wird. Dadurch wird die Ursünde gereinigt und die Wiedergeburt bewirkt. 3) Die Myronsalbung, durch die man erst richtig den Heiligen Geist empfange. 4) Die Eucharistie, die als Wandlung und als kontinuierliches Opfer Christi verstanden wird, das zur Sündenvergebung notwendig ist. 5) Die tägliche Buße, durch die man immer wieder neu von seinen Sünden gereinigt wird. 6) Gute Werke, die Teil (nicht nur Folge) des Glaubens sind. Der freie Wille des Menschen wird bei der Erlösung sehr betont, was auch dazu führt, dass es keine Heilsgewissheit gibt, da man sich immer gegen die Erlösung entscheiden kann. Obwohl Schenuda III. auch sehr bemerkenswerte Aussagen über die große Rolle der Gnade Gottes macht, ist angesichts der zu erfüllenden Bedingungen (und u.U. auch wegen der Betonung des freien Willens) aus evangelischer Perspektive kritisch zu fragen, ob Schenuda III. damit der neutestamentlichen Rolle der Gnade Gottes und der Rechtfertigung durch Gott in Jesus Christus, wie sie z.B. in Röm 3-5 zu finden ist, wirklich ausreichend gerecht geworden ist. Da Schenuda III. zwischen Rechtfertigung und Heiligung, zwischen Glauben und Werken nicht trennt und dazu sein Sakramentsverständnis stark vom Priesteramtsverständnis abhängig ist, kommt er zu den erwähnten Ergebnissen. Das Verständnis des Priestertums ist wiederum stark abhängig von dem Verständnis der Eucharistie, die als Opfer verstanden wird und deshalb einen Priester nach der Ordnung Melchisedeks brauche. Ein allgemeines Priestertum gebe es zwar auch, aber dies stehe nicht im Gegensatz zum besonderen Priestertum. Hier ist aus evangelischer Sicht zu fragen, ob man die Priestertumsstellen aus der Bibel wirklich eins zu eins auf das koptische Priesteramtsverständnis 193 übertragen kann und ob der Hebräerbrief nicht gegen ein andauerndes Opfer (auch ein unblutiges in der Eucharistie) verstanden werden muss. Aus seiner Taufwiedergeburtslehre folgt für Schenuda III. automatisch die Kindertaufe. Ob diese wirklich, wie Schenuda III. meint, seit Apostelzeiten praktiziert wurde, muss eine offene Frage bleiben. Biblisch überwiegen m.E. die Argumente zur Glaubenstaufe, vor allem wenn man von einer Trennung von Wasser- und Geisttaufe ausgeht. Wichtiger noch als die Frage der Kinder- oder Glaubenstaufe war m.E. die Frage der Heilsnotwendigkeit. Hier muss zumindest aus reformierter Sichtweise die Heilswirksamkeit des äußeren Aktes der Taufe in Frage gestellt werden. Entscheidend sind nicht äußere Akte, sondern Jesu Erlösungstat am Kreuz und in der Auferstehung, die durch ein gottgeschenktes Vertrauen darauf die Wiedergeburt mit dem Heiligen Geist bewirkt. Die Werke, die auch aus evangelischer Sicht zum Glauben dazugehören, sind hier aber aus der Motivation der Dankbarkeit und nicht als Bedingung zur Erlösung verstanden. Trotz aller Unterschiede sollten sich alle Christen vor allem in der Anbetung des einen Gottes und Erlösers Jesus Christus einig bleiben. Papst Schenuda III. hat sich nicht nur gegen ein evangelisches Heilsverständnis, sondern auch die von Mattā Al-Miskīn neu entdeckte Lehre der Theosis – der Vergöttlichung des Menschen – apologetisch gewandt. Schenuda III. lehnte diese radikal ab. Schenuda III. sah darin einen Angriff auf die Gottheit Christi und eine Sünde der Selbstüberschätzung des Menschen. Obwohl diese Lehre wirklich bei Kirchenvätern (sowie in anderen orthodoxen Kirchen) zu finden ist, kann ich Schenudas III. Ablehnung gut nachvollziehen, da Al-Miskīn in seiner mystischen Sprache sehr missverständliche Aussagen macht. Schenuda III. trennt zudem in seiner Definition der Theosis nicht zwischen einer Theosis in Wesen (die m.E. immer abzulehnen ist) und in Attributen (die m.E. noch eher theologisch diskutiert werden darf), was m.E. wiederum in missverständlichen Aussagen Al-Miskīns begründet liegt. Bei demselben Mattā Al-Miskīn lehnte er auch jegliche Aufnahme westlicher Theologie und Erkenntnisse der modernen Exegese ab. In diesem Fall sympathisiere ich eher mit Al-Miskīn, da Schenuda III. zu pauschal die moderne Bibelwissenschaft außer Acht lässt. Unabhängig von theologischen Einzelfragen bleibt Seine Heiligkeit Papst Schenuda III. der wichtigste Kirchenführer Ägyptens und der arabischen Welt im 20. Jh. Als charismatischer und zugänglicher Kirchenlehrer hat er sich auf Dauer einen Platz in den Herzen der Kopten verschafft. Das Mönchtum, die Lunge der koptischen Kirche, wurde langfristig gestärkt. Aus dem Mönchtum erklärt sich m.E. auch seine auf Gehorsam basierende sowie hierarchisch geprägte Kirchenstruktur. Seine Reformen 194 haben mit dazu geführt, dass die Kopten eine sehr enge Bindung an ihre Kirche haben. Der allseits präsente Papst hat, nicht nur als politischer Repräsentant, die koptische Kirche durch extrem angespannte Zeiten geführt, und dies m.E. trotz aller Kritik in Einzelfragen oder Einzelsituationen sehr gut und konsequent. Seine Konsequenz war dabei sowohl seine große Stärke als auch bisweilen durch seine Kompromisslosigkeit eine Schwäche. Papst Schenuda III. führte die koptische Kirche zu einer internationalen Konfession und trieb die ökumenische Öffnung – trotz Vorbehalten – historisch einmalig voran. Die geistliche Erneuerungsbewegung in der koptischen Kirche ist zwar bei Weitem nicht allein durch den Papst bewirkt, aber gewiss nicht ohne ihn vorstellbar. Papst Schenuda III. wurde zum geistlichen Vater für Millionen von Kopten, von denen er zahllose – trotz aller erwähnten Unterschiede – auf wirklich beeindruckende Art in die Bibel, ins Gebet und die Anbetung Jesu Christi führte. Dies konnte er nur deshalb, weil sein eigenes Leben schon sehr früh durch ein starkes Vertrauen auf den himmlischen Vater und (verstärkt ab dem Klostereintritt) durch intensives Bibelstudium, Gebet und die Anbetung Jesu Christi geprägt war. Ein Zitat aus seinem wichtigsten Buch Befreiung der Seele macht seine geistliche Einstellung deutlich: „Gott, ich bekenne voller Scham, dass ich zu den Menschen zu viel über Tugend gesprochen habe, doch zu wenig über dich, denn du solltest ‚Alles in Allem‘ sein.“985 985 Schenouda III. 1993a, 3.

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References

Zusammenfassung

Papst Schenuda III. zählt zu den wichtigsten Kirchenführern der arabischen Welt im 20. Jahrhundert. Er verstarb am 17. März 2012 im Alter von 88 Jahren. Seine Biografie und Theologie haben die Koptisch-Orthodoxe Kirche über 40 Jahre hinweg maßgeblich geprägt. 1990 erhielt er eine Ehrenpromotion der Universität Bonn sowie 2011 den Augsburger Friedenspreis. Matthias Gillé wirft nach einer kurzen Einführung zur koptischen Kirche einen Blick auf das Leben des großen Kirchenführers und entfaltet sodann die Christologie und Soteriologie Schenudas III., die für die ökumenischen Dialoge der Orientalisch-Orthodoxen Kirchen mit westlichen und östlichen Kirchen von zentraler Bedeutung waren. Das Buch richtet sich an Theologen, Historiker, Religionswissenschaftler und all jene, die sich für die Christen in Ägypten interessieren. Für das Verständnis der jüngeren Entwicklungen innerhalb der Koptisch-Orthodoxen Kirche und ihrer Position im ökumenischen Dialog ist die Beschäftigung mit Papst Schenuda III. unerlässlich.