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3 BEGRIFFSKLÄRUNGEN in:

Benjamin Hofmann

Zwischen Barmherzigkeit und Dschihad, page 35 - 44

Variabilität von Textauslegungen des Korans in der didaktischen Vermittlung

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3796-6, ISBN online: 978-3-8288-6679-9, https://doi.org/10.5771/9783828866799-35

Series: Religionen aktuell, vol. 21

Tectum, Baden-Baden
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35 3 BEGRIFFSKLÄRUNGEN Um das Thema Dschihad sind einige zentrale Begrifflichkeiten angesiedelt, die zum einen selbst nicht vollkommen trennscharf definiert sind und zum anderen weitere Begriffe in ihrem eigentlichen Sinn entstellen. Als direkte Folge entstehen Verwirrung innerhalb der Kontextualisierungen, Bedeutungsverschiebungen sowie Fehlinterpretationen. In der folgenden Abhandlungen sollen die Begriffspaare Islam und Muslim, Fundamentalismus und Fundamentalist, Fanatismus und Fanatiker, Islamismus und Islamist sowie Dschihad und Dschihadist definiert werden. Darauf aufbauend wird der Versuch unternommen, ein Begriffsgefüge zu erstellen, welches die Begriffe in Beziehung zueinander bringt bzw. klar voneinander abgrenzt. 3.1 Islam und Muslim72 Das Wort Islam bedeutet im strengen Sinne „Hingabe an Gott, Unterwerfung unter seinen Willen“73. Der Islam ist in seinem Selbstverständnis eine Offenbarungsreligion. Das Wort Gottes wurde den Menschen durch den Propheten Muhammad verkündet. Zentrale Merkmale des Islams sind: das Glaubensbekenntnis zu einem einzigen Gott – Allah – (Hier heißt es: „Es gibt keinen Gott, außer Gott“) und somit die Anerkennung eines strikten Monotheismus; 72 An dieser Stelle ist keine Gesamtdarstellung zum Islam in detailgenauer Beschreibung zu erwarten. Vielmehr geht es um eine grundlegende kurze Charakterisierung dieser Religion. 73 Peter Heine: s.v. Islam, S. 304. Durch die Scharia ist für den Islam ein Rechtssystem vorzufinden, welches sich auf den Koran und das Leben Mohammeds bezieht. Der Koran gilt hierbei als Weg Gottes, die Sunna und der Hadith als Weg Mohammeds. Vgl. Adel Theodor Khoury: s.v. Rechtssystem, S. 502–505. 36 die Anerkennung der Funktionen Gottes als Schöpfer und als Richter; die Akzeptanz des Korans als unfehlbares und unüberbietbares Wort Gottes, welches inlibriert wurde. Dabei beinhaltet der Koran „nicht nur Glaubensaussagen, sondern auch detaillierte gesetzliche Bestimmungen, die das religiöse, ethische, soziale und politische Leben des Einzelnen und der Gemeinschaft regeln.“74 Diesen Vorschriften hat der Mensch unbedingt Folge zu leisten, da sie als gewollte Normen und Verpflichtungen Gottes angesehen werden; die Anerkennung Muhammads als den Letzten in der Kette der Propheten, u. a. neben Mose und Jesus Christus, welcher den Islam als ewig gültige und wahre Religion offenbarte. In all diesen Punkten ist der Universalanspruch75 des Islams zu erkennen. Der Muslim als Gläubiger des Islams, der sich Gott hingibt bzw. sich Gott unterwirft, hat diverse religiöse Pflichten, wie die vorherigen Ausführungen bereits erwarten lassen. Ein zentraler Punkt ist das Leben im Sinne der fünf Säulen des Islams – das Glaubensbekenntnis (shahada), das regelmäßigen Gebet (salat), das Fasten (saum), die Almosengabe (zakat) sowie die Pilgerfahrt nach Mekka (hadjj). Weiterhin erscheinen die „gläubige Haltung gegenüber Gott“76, welche sich in Demut, Gehorsam, Ehrfurcht und Dankbarkeit zeigt, sowie Handlungsnormen, welche sich auf solidarisches77 und gerechtes Handeln78 unter den Menschen bezieht, als wegweisend für den Muslim. Diese Handlungsnormen sollten im Alltag angewendet werden. Besonders hervorzuheben auf dieser sind der Schutz des Lebens und dem damit verbundenen Respekt gegenüber dem Leben der Anderen; die Achtung der Eltern; das geordnete Ausleben der Sexualität; das Zusammenleben der Familie in Liebe und Barmherzigkeit; die stetige Beibehaltung von Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit; das Meiden von Alkohol 74 Peter Heine: s.v. Islam, S. 305. 75 Universalreligion kann darüber hinaus bedeuten, dass die Religion als solche prinzipiell für jeden Menschen zugänglich ist. Diese Deutung geht in eine andere Richtung als der Anspruch, die einzig wahre Religion zu sein und ist dennoch berechtigt. 76 Ebd. S. 312. 77 Als zentrale Merkmale des solidarischen Handelns nennt Peter Heine die Unterstützung sozial schwacher Menschen, die Fürsorge für Arme und Waisen, die Gastfreundschaft, das freundliche Miteinander. Vgl. ebd. S. 313. 78 Gerecht Handeln bedeutet – bezogen auf den Alltag – die Achtung des Eigentums Anderer – also kein Diebstahl zu begehen – sowie die Einhaltung eidesstattlicher Versprechen. Vgl. ebd. 37 und Glücksspiel sowie die Bewährung des Menschen in gottgefälliger Weise79. Insgesamt ist der Islam eine streng monotheistische Religion, deren Zentrum Gott als Richter und Schöpfer darstellt. Der Koran gilt für die Muslime als Gottes Wort, verkündet durch den Propheten Mohammad. Neben Glaubensaussagen sind im Koran Rechtsleitungen in Bezug auf Ethik, Politik und Soziales in der Gemeinschaft und im Leben des Individuums zu finden. Der Muslim gibt sich Gott in der Beachtung des Korans und dem damit verbundenen gottgefälligen Leben hin. 3.2 Fundamentalismus und Fundamentalist vs. Fanatismus und Fanatiker Der Begriff Fundamentalismus ist, wird seine erste Erscheinung betrachtet, kein Phänomen des Islams. In den 1920er Jahren tauchte er erstmals in den USA auf und bezeichnete orthodoxe protestantische Gruppierungen80. Seit den 1980ern erlebte der Fundamentalismusbegriff eine Renaissance und wurde seitdem über das Christentum hinaus auf andere Religionen bezogen. Die Bezeichnung entwickelte sich zu einem politischen Schlagwort, dessen Grenzen immer weiter verschwammen. Trotzdem erscheint er heute – zumindest bei der Beachtung der unterschiedlichen Erscheinungsformen innerhalb verschiedener Religionen – durchaus als tragfähig81. Allgemein verbindet fundamentalistische Bewegungen der Moderne, dass stets eine moralische Krise im gesellschaftlichen Leben wahrgenommen wird, die es durch „exakte Rückkehr zu ewig gültigen, heiligen Prinzipien und Gesetzen zu überwinden“82 gilt83. Diese Prinzipien gehen meist mit „patriarchalischen Ordnungs- und Moralvorstellungen“ einher, welche in einer als exemplarisch angesehenen Gesellschaft vorzufinden waren. Grundgedanken sind dabei der My- 79 Vgl. ebd. S. 310–315. 80 Ziel dieser Gruppen war es, moderne Phänomene innerhalb der eigenen Kirche zu bekämpfen. Dazu gehörten u. a. die Bibelkritik, die sozialreformatorische Deutung der Kirche sowie die Kultur der Großstädte, die im Zusammenhang mit dem Sittenverfall betrachtet wurde. Vgl. Martin Riesebrodt: Die fundamentalistische Erneuerung der Religion, S. 12. Vgl. Martin Riesebrodt: s.v. Fundamentalismus, Sp. 413. 81 Vgl. Martin Riesebrodt: s.v. Fundamentalismus, Sp. 413–414. 82 Ebd. Sp. 412. 83 Religiöse Texte gelten hierbei als ewige und wörtlich zu nehmende Instanz, welche unabhängig von der historischen Entwicklung ihre Gültigkeit behält. Vgl. Nasr Hamid Abu Zayd: Fundamentalismus, S. 159. 38 thos eines „Goldenen Zeitalters“, welches ein Leben in Harmonie bot; das Erreichen der Ziele durch eine Klassenbewegung84 und eine Moralreform85 sowie die Durchsetzung traditioneller Werte, welche selten erneuert aber oftmals radikalisiert werden86. Fundamentalisten87 als Angehörige solcher Gruppierungen entwerfen hierbei religiöse Ideologien, welche heilsgeschichtliche Szenarien mit der Überwindung des Konflikts zwischen modernem und fundamentalistischem Milieu zusammenführt88. Dabei entwickeln sie eine streng dualistische Denkweise, welche sich lediglich durch die Unterscheidung von Guten und Bösen, Gläubigen und Ungläubigen, Frommen und Sündern usw. auszeichnet. Fundamentalisten ordnen dabei sich selbst und ihr Gedankengut auf positiver Seite ein, anderer Ansichten und deren Vertreter gelten als feindlich. Hierbei existiert im Gedankengut der Fundamentalisten nur eine richtige Überzeugung, die einen interreligiösen Dialog ausschließt89. Islamischer Fundamentalismus bedeutet somit nicht einfach Re- Islamisierung oder Wiedergeburt des Islams. Dies ist eher die Ansicht extrem konservativer Gruppierungen, welche die Tradition bewahren wollen. Diese Tradition wird von fundamentalistischen Bewegungen als verderbt angesehen. Im Festhalten am genauen Wortlaut religiöser Texte90 und der Wiedereinführung der Scharia als gültiges Recht sehen sie die Möglichkeit, zur gottgewollten Ordnung zurückzukehren. Die Interpretation des Säkularisierungsprozesses als gesellschaftlichen Verfall steht damit in direktem Zusammenhang. Die Religion wird 84 Klassenbewegung bedeutet dabei einerseits, dass prinzipiell jedem der Zugang zu einer fundamentalistischen Bewegung gewährt wird, andererseits jedoch klar zwischen Führungseliten und „Mitläufern“ unterschieden wird. Vgl. Martin Riesebrodt: s. v. Fundamentalismus, Sp. 414–415. 85 Die moderne Gesellschaft wird dabei als unmoralisch betrachtet. Dies macht deutlich, dass nicht nur ein sozialer, gesellschaftlicher Wandel laut fundamentalistischer Deutung notwendig ist, sondern vielmehr ein moralischer Wandel im Sinne der Rückbesinnung auf traditionelle und fundamentale religiöse Werte. Es geht nicht um eine Modernisierung der Gesellschaft, sondern vielmehr um ihre Restauration. Vgl. ebd. Sp. 415. 86 Vgl. ebd. Sp. 414–416. 87 Meist sind Anhänger fundamentalistischer Strömungen religiöse Laien, die sich durch spezielle Beschwerden auszeichnen (denkbar ist z. B. Analphabetismus), welche sie wiederum vom öffentlichen Leben ausschließen. Vgl. ebd. Sp. 418. 88 Genauer hierzu: Martin Riesebrodt: Die fundamentalistische Erneuerung der Religion, S. 16–18. 89 Vgl. Martin Riesebrodt: s.v. Fundamentalismus, Sp. 416–418. 90 Der Islam gilt dabei als vollkommenes System, welcher ewige Richtlinien zur Lebensgestaltung vorgibt und alle Probleme lösen kann, die im privaten und Gesellschaftlichen Bereich auftreten. 39 somit „als haushoch überlegene Gegendoktrin zu den Ideologien des Kapitalismus und Sozialismus“91 genutzt92. Fanatismus geht im Vergleich zum Fundamentalismus noch einen Schritt weiter in die radikale Richtung. Der Begriff wird mit Gewalt im religiösen Bereich assoziiert93. Ein Fanatiker setzt sich, ganz allgemein gesagt, rücksichtslos für Werte ein, die nicht zu relativieren sind. Seine Persönlichkeitsstruktur und Denkweise ist durch den Absolutheitsanspruch seiner Meinung und die Einordnung von Stellungnahmen in zwei Kategorien – „nur gut“ und „nur böse“ – gekennzeichnet94. Fanatiker weisen meist die Grundeinstellung auf, dass entweder sie selbst in der modernen Welt keinen Platz finden, oder ihre Gegner an der Verhinderung des Idealzustandes Schuld sein. Als Reaktion daraus ergibt sich „unermüdliche Bekehrungsarbeit [,] […] [sowie das] Denken und Handeln in Kriegslogik [.]“95 Durch den Rückzug zur Religion glaubt sich der Fanatiker selbst gerettet, wodurch die Richtigkeit seines Handelns nie angezweifelt wird. In der aktuellen Debatte wird der Fanatismusbegriff auf terroristische Gruppen bezogen, die modernstes technisches Equipment besitzen und nicht mehr für einzelne Personen oder Gruppierungen, sondern für die gesamte Weltpolitik eine Bedrohung darstellen96. 3.3 Islamismus und Islamist Der Begriff Islamismus meint eine Ideologie, welche sich auf die gleichen Quellen wie der Islam beruft. Er hat sich gegenüber der Bezeichnung „islamischer Fundamentalismus“ durchgesetzt. Auch wenn nicht von einer einzigen islamistischen Bewegung97 die Rede sein kann, so existieren doch Merkmale, welche das Weltbild eines Islamisten bilden. Dazu zählt die Betonung einer „künstlichen Dichotomie islami- 91 Rotraud Wielandt: s.v. Fundamentalismus, S. 107. 92 Vgl. ebd. S. 104–107. 93 Die Bezeichnung Fanatismus geht auf fanaticus – lat. „von der Gottheit ergriffene und in die oftmals mit totaler Erschöpfung oder Tod endende Raserei versetzte Person“ – zurück. Jósef Niewiadomski: s.v. Fanatismus, Sp. 357. 94 Diese Polarisierung und Vereinfachung der Welterfahrung weist Parallelen zum Fundamentalismus auf. 95 Ebd. 96 Vgl. ebd. Sp. 357–358. 97 Zu nennen sind die Muslimbruderschaft, die Jama’at-i Islami (Islamische Gemeinschaft), Al Quaida (die Basis), und einige kleine Gruppen, die innerhalb der Djama’a als-Islamiyya zusammengefasst werden. Vgl. Peter Heine: s.v. Islamismus, S. 321–324. 40 scher und nichtislamischer Gesellschaftskonzepte“98, welche sich in einem dualistischen Weltbild äußern. Dieses Weltbild erklärt islamische Utopien, welche als gottgewollte Ordnung ausgelegt werden, im strengen Gegensatz zur westlichen Demokratie und Hegemonie99. An dieser Stelle weist der Islamismus eindeutig fundamentalistische Züge auf. Darüber hinaus nimmt der Islamismus fanatische Züge an, indem er sich aktiv für Verwirklichung der islamistischen Weltsicht einsetzt und Gewaltanwendung (Terrorismus) als Mittel dafür bejaht. Der Islamismus weist somit sowohl fundamentalistische, als auch fanatische Merkmale auf. Grundgedanke mit oberster Priorität der Islamisten ist, dass der Islam für jedes Problem eine Lösung hat. Dabei entscheiden sie, wer zum Islam dazugehört100. 3.4 Dschihad und Dschihadist Bei dem Begriffspaar Dschihad und Dschihadist ist eine genaue Definition und Abgrenzung von anderen religiösen Erscheinungen kaum möglich. Die Interpretationsansätze reichen in der einschlägigen Literatur vom allgemeinen Bemühen101 bis hin zum missionarischen Kampf102 zur Ausbreitung des Islams. Es ergibt sich somit einerseits 98 Melanie Miehl: s.v. Islamismus, Sp. 628. 99 In die angestrebte Gesellschaftsordnung der Islamisten – der Wiedereinführung des Kalifats unter Beachtung des Korans und der Sunna – passen weiterhin keine Ideale der Aufklärung, welche die westliche Demokratie auszeichnen, wie z. B. Menschenrechte, Trennung von Religion und Staat, Marktwirtschaft oder gesellschaftlicher Pluralismus. Vgl. ebd. 100 Die Zugehörigkeit zum Islam wird dabei über das Teilen islamistischer Auffassungen definiert. Des Unglaubens werden nicht nur Ungläubige und Angehörige anderer Religionen angeklagt, sondern auch Muslime, die islamistische Meinungen nicht annehmen. Vgl. ebd. Sp. 628–631. 101 Vgl. Sheikh Nasir Ahmad: Jehad, S. 8. Vgl. Katajun Armirpur: Den Islam neu denken, S. 32–33. Vgl. Adel Theodor Khoury: Was sagt der Koran zum heiligen Krieg?, S. 66–69, 141–151. Vgl. Mariella Ourghi: Muslimische Positionen zur Berechtigung von Gewalt, S. 15. 102 Einige Autoren erklären, dass die kämpferische Absicht historisch geprägt und nur auf die Kampf gegen die Heiden in Mekka, nach der Auswanderung bzw. Vertreibung nach Medina zu beziehen ist. Darüber hinaus wird der Dschihad im islamistischen Kontext der Postmoderne beschrieben. Der allgemeine Konsens der Autoren bezüglich der aktuellen gewaltvollen Interpretation des Dschihad ist nicht als Rechtfertigung dieser Interpretation zu werten. Sie decken vielmehr Widersprüche im islamistischen Interpretationsansatz auf. Vgl. Katajun Armirpur: Den Islam neu denken, S. 22–29. Vgl. Josef van Ess: Dschihad gestern und heute, S. 55–57, 117–127. Vgl. Adel Theodor Khoury: Was sagt der Koran 41 eine Deutung, die Reformdenker vorgeben. Andererseits herrscht eine Auffassung von Dschihad im islamistischen Kontext vor. Auffällig ist, dass in aktuellen Lexika zum Islam keine Einträge mit der Überschrift „Dschihad“ zu finden sind. Vielmehr wurde in den Nachschlagwerken die Bezeichnung „Heiliger Krieg“ gewählt103. Hierbei besteht die Gefahr, den Dschihadbegriff zu eng zu fassen. Er schließt die friedliche Variante im Sinne des Bemühens um ein gottgefälliges Leben aus. Gerade bei einem Lexikoneintrag, welcher in der Regel als erste Orientierung dienen soll, ist hierbei zumindest eine Erwähnung anderer Interpretationsansätze zu erwarten. Von einer Bezeichnung des Begriffes Dschihad als „Heiligen Krieg“ unter Ausschluss anderer Deutungen104 ist abzusehen. Der Begriff Dschihadist hingegen scheint eher politisch eingegrenzt zu sein. Lexika und Wörterbücher, welche den islamischen Kontext abdecken, geben zu diesem Begriff keine Auskunft. Im Duden wird Dschihadist als gewaltanwendender „Kämpfer für den Dschihad“105 definiert. Dies schließt eine Bedeutung im Sinne von Bemühen für ein gottgefälliges Leben bzw. Bemühen gegenüber sich selbst aus. Ein Muslim, welcher dem friedlichen, gewaltfreien Dschihad nachgeht, wird somit nicht als Dschihadist bezeichnet. In den Medien wird ein Dschihadist ebenfalls als islamistisch geprägter Kämpfer aufgefasst106. Als hilfreich erscheint der Begriff Schahid, welcher meist mit Märtyrer bzw. im Kampf gestorbener Mensch, welchem das Heil im Paradies garantiert ist, übersetzt wird. Hierbei wird auf die gewalttätigen Aspekte des Begriffes angespielt, welcher von Dschihadisten geteilt wird107. An dieser Stelle ist bereits eine Einordnung von Dschihadisten in die militante Richtung anzunehmen. Dies wird darüber hinaus durch die Erweiterung der Wortbedeutung von Schahid als „nicht nur zum heiligen Krieg?, S. 20–26, 29–33, 69–73, 94–107. Vgl. Tilman Seidensticker: Islamismus, S. 105–110. Vgl. Bassam Tibi: Kreuzzug und Dschihad, S. 51, 55–61, 77. 103 Vgl. Werner Ende: s.v. Heiliger Krieg, S. 122–123. Vgl. Adel Theodor Khoury: s.v. Heiliger Krieg, S. 273–281. 104 Zu nennen sind die Interpretationsstränge Dschihad des Herzens, verbaler Dschihad, Dschihad durch Taten sowie der Dschihad des Schwertes. Darüber hinaus existieren die Ansätze großer und kleiner Dschihad. 105 http://www.duden.de/rechtschreibung/Dschihadist (Zugriff: 08.06.2015, 14.36 Uhr) 106 Der Begriff Dschihad erscheint in den Medien in der Regel ebenfalls als islamistisch geprägter, gewaltvoller Kampf. Daher kann dieses Faktum maximal als Indiz für die Interpretationsrichtung gelten. 107 Vgl. Rüdiger Lohlker: Dschihadismus, S. 50–51. 42 der im Kampf gestorbene Märtyrer“108 bestätigt. Dschihadisten nehmen somit eine „Verkürzung des Konzepts“109 vor, welches die Möglichkeiten, den hohen Rang des Märtyrers zu erreichen, auf einen einzigen Weg beschränkt: den Tod in der gewaltvollen Auseinandersetzung. Die Charakterisierung von Dschihadisten als islamistische und gewaltanwendende Gruppe erfährt somit Rechtfertigung. 3.5 Islam, Fundamentalismus, Fanatismus, Islamismus und Dschihad – ein Begriffsgefüge Um dieses Kapitel abzuschließen, werden die benannten Begriffe in Beziehung zueinander gesetzt110. Es gilt zu überprüfen, wie sich die einzelnen Phänomene bedingen bzw. beeinflussen, um klare Zuordnungen im Kontext des Islams vorzunehmen. Im unteren Teil von Abbildung 1111 finden sich die Begriffe Islam und Muslim. Der Muslim gilt dabei als Mensch, der sich dem Islam als Religion hingibt oder zuwendet. Dem gegenüber steht der Islamismus als Strömung, welcher auf der oberen Seite der Grafik zu finden ist. Islamismus als Phänomen, das sich auf den Islam beruft, ist geprägt durch den Fundamentalismus und Fanatismus. Dabei sind Fundamentalismus und Fanatismus keine Erscheinungen, welche ausschließlich auf den Islam zu beziehen sind. Sie sind auch auf andere Religionen anwendbar. Fundamentalismus fordert hierbei allgemein die Rückkehr zu traditionellen religiösen Werten, welche die Misere der heutigen Zeit auflösen soll. Im Ursprung der Religion wird ein goldenes Zeitalter gesehen, welches sich deutlich vom Heutigen unterscheidet. Damit einher geht die streng dualistische Denkweise, wobei die Meinung der Fundamentalisten stets die gute und richtige Ausführung der Religion darstellt. Der Fanatismus geht über den Fundamentalismus hinaus, indem weder physische noch psychische Grenzen aufgestellt werden, um die eigenen religiösen Ansichten durchzusetzen. Er wird dabei als religiöse Raserei bezeichnet, welche mit gewaltorientierten Taten in Zusammenhang gebracht wird. Der Islamismus in seiner Ausführung 108 Hierbei werden an Tuberkulose oder Pest erkrankte Menschen, Ertrunkene, durch spitze Gegenstände verletzte Leute genannt, welche durch diese Faktoren den Tod fanden. Zu dieser Gruppe gehören weiterhin durch Verbrennung bzw. Einsturz Umgekommene sowie Tote, die ihr Eigentum zu verteidigen suchte. Ebd. S. 51. 109 Ebd. 110 Aufgrund der Übersichtlichkeit wird auf die Darstellung der jeweiligen Personenbezeichnungen, abgesehen von Muslim, verzichtet. 111 Vgl. Abb. 1. 43 stellt die fundamentalistisch-fanatische Strömung des Islams dar. Somit ist nicht nur eine Einteilung der Abbildung in den oberen Teil (gewaltvolle Gruppierungen, ohne Akzeptanz anderer Meinungen und Ansichten im religiösen und weltlichen Bereich) und unteren Teil (der Muslim als friedlicher Anhänger des Islams112, welcher die weitaus größere Gruppe darstellt) sondern auch in die linke und rechte Hälfte möglich. Links sind hierbei alle Begrifflichkeiten zu finden, welche auf den Islam zu beziehen sind. Rechts stehen Begriffe, welche den Islam „von außen“ beeinflussen und prinzipiell auch unabhängig von dieser Religion vorzufinden wären. Die Phrase Dschihad, ganz gleich in welcher Interpretation, ist eindeutig dem Islam zuzuordnen. Vom Koran sind hierbei verschiedene Deutungsansätze vorgegeben. Diese sind zum einen islamistisch geprägt, zum anderen existieren gewaltfreie Interpretationen, welche von der Mehrheit der Muslime geteilt werden113. Jeder Anhänger des Islams ist somit mit dem Führen des Dschihads konfrontiert. Wie die Begrifflichkeit dabei ausgelegt wird, ist innerhalb einer differenzierten Betrachtung im nächsten Kapitel zu zeigen. 112 Hierbei ist anzumerken, dass Islamisten sich selbst als die guten, richtigen Muslime ansehen. Für eine Betrachtung von einem außerreligiösen Standpunkt macht eine Definition von Islamisten als Muslime jedoch wenig Sinn. Eine Trennung in „den richtigen Islam“, wie ihn Islamisten in ihren Lehren vorgeben, und „den falschen Islam“, welcher alle Ansichten meint, die nicht in das islamistische Weltbild passen, ist für eine Religion mit einer solchen Vielzahl an Strömungen nicht möglich. Der mit der islamistischen Auslegung verbundene militante Kampf gegen alles anders Denkende widerspricht zudem dem Friedensgedanken im Koran. Vgl. Adel Theodor Khoury: Was sagt der Koran zum heiligen Krieg?, S. 61, 141–151. 113 Wie zu zeigen ist, existiert auch für Muslime eine gewaltvolle Interpretation. Diese ist wiederum vom islamistischen Ansatz zu unterscheiden. Vgl. Kap. 4. 5, 4. 6. 44

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References

Zusammenfassung

„Islamische Konzepte von Dschihad religionswissenschaftlich zu analysieren, um sie dann einer Schulklasse zu erklären? So riskant und voller Klippen diese Herausforderung auch sein mag, so wichtig und vielversprechend ist es, wenn sie gelingt. Und ein solcher Erfolg liegt mit dem lesenswerten Buch von Benjamin Hofmann hier vor. Er untersucht damit ein ebenso aktuelles wie gewagtes Thema.

Nicht nur, dass der Begriff Dschihad in all seiner Vieldeutigkeit und Komplexität schon anspruchsvoll genug wäre. Hofmann geht noch einen Schritt weiter und entwirft eine von ihm schließlich selbst erprobte Unterrichtseinheit, mit der das in der Untersuchung vorgestellte islamische Dschihad-Konzept Schülern in angemessener Weise vermittelt wird. Dabei verlässt Hofmann schließlich den rein deskriptiven Rahmen bewusst, um in dieser prekären Thematik Schülerinnen und Schülern Verständnis für die Probleme und Orientierung zu geben.“

Professor Dr. Dr. Bertram Schmitz