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2 AUSGANGSLAGE – DIE THEMATIK IM KONTEXT SCHULE UND UNTERRICHT in:

Benjamin Hofmann

Zwischen Barmherzigkeit und Dschihad, page 19 - 34

Variabilität von Textauslegungen des Korans in der didaktischen Vermittlung

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3796-6, ISBN online: 978-3-8288-6679-9, https://doi.org/10.5771/9783828866799-19

Series: Religionen aktuell, vol. 21

Tectum, Baden-Baden
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19 2 AUSGANGSLAGE – DIE THEMATIK IM KONTEXT SCHULE UND UNTERRICHT Bevor zu konkreten inhaltlichen Schritten der Problematik Dschihad zu kommen ist, erscheint es förderlich, sich einen Überblick über Lehrplaninhalte der sozialen Fächer17, welche sich (zumindest teilweise) mit dem aktuellen Geschehen18 befassen, zu verschaffen. Auffällig ist hierbei, dass in sämtlichen aktuellen Lehrplänen die gleichen gesellschaftswissenschaftlichen Kompetenzen19 von Schülern erworben werden sollen. Bezogen auf das angestrebte Projekt sind hierbei besonders das Erörtern gesellschaftstheoretischer Denkansätze; das Einbringen in Debatten zu gesellschaftlichen Fragestellungen; das kritische Beschäftigen mit Normen und Institutionen als System zur Kontrollen und Regelung zwischen Freiheit und Gerechtigkeit; sowie das Verstehen und Hinterfragen regionaler und globaler gesellschaftlicher Prozesse; 17 Betrachtet wurden die Thüringer Lehrpläne für die Fächer Ethik, Evangelische Religionslehre, Katholische Religionslehre und Sozialkunde zum Erwerb des Hauptschul- und Realschulabschlusses einerseits sowie für den Erwerb der allgemeinen Hochschulreife andererseits. 18 Geschichte ist insgesamt den sozialen Fächern zuzuordnen, beschäftigt sich jedoch nicht mit dem aktuellen Tagesgeschehen. Es soll an dieser Stelle nicht unterstellt werden, dass die Thematik nicht im Fach Geschichte behandelt werden kann bzw. sollte. Aufgrund der Eigenart des Faches Geschichte, wäre jedoch ein anderer Zugang zum Thema zu wählen, welcher für die Projektziele (vgl. Kapitel 6. 1) nicht ausschlaggebend ist. Daher findet der Lehrplan zu diesem Fach an dieser Stelle keine Berücksichtigung. 19 Unter gesellschaftswissenschaftlichen Kompetenzen sind Fähigkeiten und Fertigkeiten zu verstehen, welche in den Fächern Geschichte, Sozialkunde, Religion und Ethik ausgebildet werden. In den Lehrplänen aller benannten Fächer werden diese – wie oben angeführt – angegeben. 20 auf der Ebene der Sachkompetenz zu nennen. Weiterhin erscheinen auf der Ebene der Selbst- und Sozialkompetenzen folgende Punkte als wesentlich: die selbstständige Beurteilung von Problemen, Entscheidungen und Konflikten im gesellschaftlichen Kontext; sowie das Hinterfragen und (gegebenenfalls) Verändern eigener Urteile und Entscheidungen.20 2.1 Themenschwerpunkte in den Thüringer Lehrplänen aus dem Jahr 2012/2013 Im Folgenden werden konkrete Ansatzpunkte in den Lehrplänen der verschiedenen Fächer zur Untermauerung des Projektes gesucht. Je nach Eigenart des Faches sind dabei verschiedene Ziele maßgebend, weshalb eine Untergliederung nach Fächern erfolgt. In einem weiteren Schritt sind darüber hinaus die Lehrbücher des Faches Ethik zu analysieren und darauf zu untersuchen, inwiefern die Thematik Dschihad überhaupt vorzufinden ist und inwieweit diese Materialien die Beschäftigung mit dem Thema unterstützen21. 2.1.1 Lehrplan Sozialkunde Für das Vorhaben erscheint Sozialkunde als Schulfach gute Ansätze zu bieten. Sowohl in der Regelschule als auch auf gymnasialer Ebene sol- 20 Vgl. Thüringer Ministerium für Bildung Wissenschaft und Kultur: Lehrplan zum Erwerb des Hauptschul- und Realschulabschlusses. Sozialkunde, S. 7–8. Vgl. Thüringer Ministerium für Bildung Wissenschaft und Kultur: Lehrplan zum Erwerb der allgemeinen Hochschulreife. Sozialkunde, S. 7–8. Vgl. Thüringer Ministerium für Bildung Wissenschaft und Kultur: Lehrplan zum Erwerb des Hauptschul- und Realschulabschlusses. Evangelische Religionslehre, S. 7. Vgl. Thüringer Ministerium für Bildung Wissenschaft und Kultur: Lehrplan zum Erwerb der allgemeinen Hochschulreife. Evangelische Religionslehre, S. 7. Vgl. Thüringer Ministerium für Bildung Wissenschaft und Kultur: Lehrplan zum Erwerb des Hauptschul- und Realschulabschlusses. Katholische Religionslehre, S. 7–8. Vgl. Thüringer Ministerium für Bildung Wissenschaft und Kultur: Lehrplan zum Erwerb der allgemeinen Hochschulreife. Katholische Religionslehre, S. 7–8. Vgl. Thüringer Ministerium für Bildung Wissenschaft und Kultur: Lehrplan zum Erwerb des Hauptschul- und Realschulabschlusses. Ethik, S. 7. Vgl. Thüringer Ministerium für Bildung Wissenschaft und Kultur: Lehrplan zum Erwerb der allgemeinen Hochschulreife. Ethik, S. 7–8. 21 Da eine Verortung der Projektthematik am besten im Ethikunterricht vorgenommen werden kann, ist eine Lehrbuchanalyse in diesem Fachbereich am zweckmäßigsten. Vgl. Kap. 2. 1. 4; 2. 2. 21 len u. a. die Basiskonzepte Macht, Öffentlichkeit, Gemeinwohl und Konflikt Anklang finden. Zusammen mit der Forderung nach Aktualität der Unterrichtsthemen ergeben sich klare Ansatzpunkte zur Eingliederung der Thematik Dschihad in den Sozialkundeunterricht22. Dabei sollte sowohl das aktuelle politische Geschehen, als auch die Frage nach dem, was hinter den Dingen steht, eine Rolle spielen. Dies kann als Ansatzpunkt genutzt werden, um „politische Sachverhalte, Probleme und Entscheidungen in Beziehung zu den Grundwerten demokratischer Systeme [zu] setzen und kritisch [zu] reflektieren.“23 Ein klarer inhaltlicher Punkt im Lehrplan findet sich in den zu erwerbenden Sachkompetenzen der Klassenstufe 9 und 1024. Hier gilt es an der Regelschule innerhalb des Lehrplanthemas Demokratie, „Ursachen und Formen von Extremismus dar[zu]legen.“25 Der Lehrplan des Gymnasiums geht an dieser Stelle durch die Behandlung politischer Ideologien und die geforderte Stellungnahme von Schülern zu aktuellen politischen Kontroversen formell über die Anforderungen des Lehrplanes für den Erwerb des Realschulabschlusses hinaus26. Weiterhin kann die Projektthematik in den Bereichen Globalisierung und Wege zum Frieden behandelt werden. In den Lehrplänen beider Schulformen wird die Analyse des Einflusses von Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen sowie von Gründen und Konsequenzen von Kriegen an Beispielen als Input vorgeschlagen, damit dann Schüler „aktuelle Gefahren für eine internationale Friedensordnung ein[zu]schätzen“27 lernen28. In der Sekundarstufe II findet sich weiterhin der Themenbereich internationale Politik. Hierbei spielen einerseits 22 Vgl. Thüringer Ministerium für Bildung Wissenschaft und Kultur: Lehrplan zum Erwerb des Hauptschul- und Realschulabschlusses. Sozialkunde, S. 5–6. Vgl. Thüringer Ministerium für Bildung Wissenschaft und Kultur: Lehrplan zum Erwerb der allgemeinen Hochschulreife. Sozialkunde, S. 5–6. 23 Ebd. S. 9. 24 In Thüringen wird in der Regel das Fach Sozialkunde erst ab Klassenstufe 9 unterrichtet. Der Unterricht baut dabei auf Kenntnissen aus anderen Fächern (besonders Geschichte und Ethik) auf, in welchen Schüler bereits Grundkenntnisse und Einstellungen – zum Bespiel zur Gerechtigkeitsproblematik – aufgebaut und gefestigt haben. 25 Thüringer Ministerium für Bildung Wissenschaft und Kultur: Lehrplan zum Erwerb des Hauptschul- und Realschulabschlusses. Sozialkunde, S. 15, 18. 26 Vgl. Thüringer Ministerium für Bildung Wissenschaft und Kultur: Lehrplan zum Erwerb der allgemeinen Hochschulreife. Sozialkunde, S. 13–14. 27 Ebd. S. 18. 28 Vgl. ebd. S. 17–18. Vgl. Thüringer Ministerium für Bildung Wissenschaft und Kultur: Lehrplan zum Erwerb des Hauptschul- und Realschulabschlusses. Sozialkunde, S. 20–21. 22 Konfliktlinien und Krisenregionen eine Rolle, welche in die internationale Politik einzuordnen sind. Andererseits – und hier findet sich die deutlichste Möglichkeit zur Verankerung des Projektgegenstandes – gilt es „globale Herausforderungen unserer Zeit, z. B. […] Terrorismus […] zu problematisieren [.]“29 Für den Sozialkundeunterricht erscheint das Thema „Dschihad“ prinzipiell als fruchtbarer Ansatz, um das aktuelle Geschehen, Machtorganisation und ihre Besonderheiten, Kriegsgeschehen sowie Konfliktlinien zu erklären. Dabei ist das Politische die stärkste Komponente, die im Lehrplan zu finden und zu untermauern ist, was durch die Ziele und die Eigenart des Faches30 zu begründen ist. Es ist jedoch für das Verständnis für Krisenerscheinungen durchaus ratsam, ein Blick über das Politische hinauszuwerfen, um klare Unterschiede von Konflikten bzw. Ideologien herauszuarbeiten und somit ein Grundverständnis für das aktuelle Geschehen in der Welt zu eruieren. 2.1.2 Lehrplan evangelische Religionslehre Besonders vom Religionsunterricht ist zu erwarten, dass verschiedene Nuancen in den einzelnen Religionen – besonders im Vergleich zum Christentum – eine tragende Rolle spielen. Aus den im Lehrplan verankerten Basiskompetenzen – nämlich interkulturelle und interreligiöses Lernen, begründetes Stellungnehmen zu religiösen und ethischen Fragen und das Entwickeln und Vertreten der eigenen Einstellung im Kontext der Pluralität31 – ergeben sich große Spielräume für eine weite Betrachtung religiöser Phänomene über den eigenen Kulturkreis hinaus. Diese Erwartungen spiegeln sich, bezogen auf die Projektthematik, jedoch kaum wieder. In Klassenstufe 8 findet sich ein Ansatz in der Beschäftigung mit Konfliktpotenzialen im menschlichen Zusammenleben. Im Bildungsgang der Hauptschule gilt es in Klasse 9 weiterhin 29 Thüringer Ministerium für Bildung Wissenschaft und Kultur: Lehrplan zum Erwerb der allgemeinen Hochschulreife. Sozialkunde, S. 29. 30 Der Sozialkundeunterricht bezweckt die Auseinandersetzung mit politischen Phänomenen, wodurch die eine didaktische Anforderung basierend auf Meinungsaustausch und Diskussion klar definiert wird. 31 Vgl. Thüringer Ministerium für Bildung Wissenschaft und Kultur: Lehrplan zum Erwerb des Hauptschul- und Realschulabschlusses. Evangelische Religionslehre, S. 5, 9. Vgl. Thüringer Ministerium für Bildung Wissenschaft und Kultur: Lehrplan zum Erwerb der allgemeinen Hochschulreife. Evangelische Religionslehre, S. 5, 9. 23 „das eigene Verhältnis zu fremden Religion [zu] hinterfragen [.]“32 Am ehesten kann das Projekt in das Stoffgebiet um die Auseinandersetzung und die Bedeutung religiöser und pseudoreligiöser Phänomene im Kontext der pluralistischen Gesellschaft verankert werden33. Hier bietet sich die Chance, religiöse Unterschiede klar zu machen und darüber hinaus eigene Standpunkte auf inhaltlicher und moralischer Ebene zu vertreten. Klare Ansatzpunkte bietet der evangelische Religionsunterricht der Sekundarstufe II. Hier gilt es Gerechtigkeitsmaßstäbe an aktuellen Situationen zu hinterfragen sowie muslimische Paradiesvorstellungen zu erklären34. An dieser Stelle handelt es sich allerdings noch immer um Ansatzpunkte für die Thematik. Das Curriculum gibt nicht verpflichtend vor, sich mit dem Phänomen Dschihad auseinanderzusetzen. Insgesamt erscheint der Lehrplan der evangelischen Religionslehre somit sehr auf das christliche Weltbild und die Gegenstände in dieser Religion Wert zu legen. Mit dem Aufgreifen anderer – vermeintlich religiöser – Phänomene, kann jedoch ein besseres Verständnis des eigenen Glaubens bzw. das Urteilen auf moralischer Ebene gefördert werden, ohne Religion als wichtigen Punkt im eigenen Leben der Schüler grundlegend zu hinterfragen. 2.1.3 Lehrplan katholische Religionslehre Der Lehrplan des Faches katholische Religionslehre bietet mehr Ansatzpunkte für den Projektgegenstand. Unter den Basiskompetenzen ist die Auseinandersetzung mit anderen religiösen Überzeugungen und damit verbundenen Herausforderungen im moralisch-ethischen Bereich explizit aufgeführt. Darüber hinaus sollen Schüler „zu einer persönlichen Entscheidung in Auseinandersetzung mit Konfessionen, Religionen, Weltanschauungen und Ideologien […] gelangen [.]“35 Hierbei geht es auf persönlicher Ebene besonders darum, gesellschaft- 32 Thüringer Ministerium für Bildung Wissenschaft und Kultur: Lehrplan zum Erwerb des Hauptschul- und Realschulabschlusses. Evangelische Religionslehre, S. 25. 33 Vgl. ebd. S. 18, 25, 29. 34 Vgl. Thüringer Ministerium für Bildung Wissenschaft und Kultur: Lehrplan zum Erwerb der allgemeinen Hochschulreife. Evangelische Religionslehre, S. 32–33. 35 Thüringer Ministerium für Bildung Wissenschaft und Kultur: Lehrplan zum Erwerb des Hauptschul- und Realschulabschlusses. Katholische Religionslehre, S. 5. 24 liche Probleme wahrzunehmen und zu beurteilen sowie die eigenen (Vor)Urteile zu überprüfen und zu hinterfragen36. Die Thematik Dschihad kann besonders in Klassenstufe 7 und 8 angebracht werden. Hier findet sich ein Projektziel deutlich im Lehrplan verankert: Schüler können „zwischen Islam und fundamentalistischen Ausprägungen unterscheiden[.]“37 Der gymnasiale Lehrplan geht an dieser Stelle einen Schritt weiter: Hier wird nach Merkmalen und Hinweisen fundamentalistischer Glaubensausprägungen gefragt und von Schülern gefordert, ein Urteil über „pseudoreligiös[ ], esoterisch[ ] oder psychologisch ausgerichtete[ ] Sinn- und Heilsangebote“38 zu fällen. In beiden Fällen wird somit ein Dialog zwischen den Religionen in einer pluralistischen Gesellschaft angestrebt39. Der Projektgegenstand kann dabei Ansätze zur Überwindung von Vorurteilen, Ängsten und Tabus bieten. Dieser Punkt spiegelt sich zudem im Lehrplanabschnitt zur Sekundarstufe II wieder, in dem die Erörterung der Bedeutung des interreligiösen Dialoges eine zentrale Rolle spielt. Besonders sind hierbei die Bezugspunkte Religions- und Weltfrieden hervorzuheben40, die deutlich auf die Toleranz gegenüber anderen kulturellen Einflüssen anspielen. Hervorzuheben bleibt, dass im Lehrplan der katholischen Religionslehre nicht nur Ansatzpunkte, sondern klar definierte Inhalte auf der Ebene der Sachkompetenz zu finden sind, welche die Projektinhalte untermauern. Es handelt sich dabei um die Kenntnis über fundamentalistische Ausprägungen sowie den Dialog zwischen den Religionen bzw. innerhalb einer Religion. An dieser Stelle wird deutlich, dass eine Auseinandersetzung mit Phänomenen außerhalb des christlichen Glaubens – wenn auch nicht vorrangig41 – zumindest eine klar formulierte Rolle im benannten Fach spielt. 36 Vgl. ebd. S. 8–9. Vgl. Thüringer Ministerium für Bildung Wissenschaft und Kultur: Lehrplan zum Erwerb der allgemeinen Hochschulreife. Katholische Religionslehre, S. 8–9. 37 Thüringer Ministerium für Bildung Wissenschaft und Kultur: Lehrplan zum Erwerb des Hauptschul- und Realschulabschlusses. Katholische Religionslehre, S. 15. 38 Thüringer Ministerium für Bildung Wissenschaft und Kultur: Lehrplan zum Erwerb der allgemeinen Hochschulreife. Katholische Religionslehre, S. 17. 39 Vgl. ebd. S. 23. Thüringer Ministerium für Bildung Wissenschaft und Kultur: Lehrplan zum Erwerb des Hauptschul- und Realschulabschlusses. Katholische Religionslehre, S. 25. 40 Vgl. Thüringer Ministerium für Bildung Wissenschaft und Kultur: Lehrplan zum Erwerb der allgemeinen Hochschulreife. Katholische Religionslehre, S. 37. 41 Trotz der Formulierung dieser Lehrplaninhalte hat die Behandlung des christlichen Glaubens absolute Priorität. Der Ansatz darüber hinaus andere Religionen zu verstehen und innerhalb dieser klare Unterschiede festzumachen sowie die 25 2.1.4 Lehrplan Ethik Der Lehrplan im Fach Ethik bringt die besten Ansatzpunkte für die Rechtfertigung des Projektes im Schulunterricht vor. Dabei bietet der unter den fachspezifischen Basiskompetenzen angeführte offene Austausch über Erfahrungen und Befürchtungen die Möglichkeit, z. B. den Unmut über eine bestimmte gesellschaftliche oder persönliche Entwicklung zu äußern. Gemeinsam mit dem Verstehen und Anerkennen eigener und fremder Standpunkte sowie der Reflexion verschiedener Positionen besteht im Fach Ethik eine gute Möglichkeit, die Ziele des Projektes zu untermauern42. Weiterhin werden für den Ethikunterricht relevante Schülertätigkeiten genannt, die für das Projekt von Bedeutung sind: argumentieren, die eigene Position begründen, Perspektivwechsel vornehmen43. Im Lehrplan für das Gymnasium wird darüber hinaus die Kompetenz gefordert, andere Positionen vertreten zu können44. Besonders in Klassenstufe 7 und 8 finden sich für die Projektinhalte relevante Ansatzpunkte. Von Bedeutung sind hierbei die Lehrplanziele, Risiken bei der Lebensgestaltung zu erkennen sowie die Faktoren Gewissensirrtum und Manipulierbarkeit zu problematisieren. Der Lehrplaninhalt „sich mit Werterhalt und Traditionsbewahrung im Spannungsfeld von Fundamentalismus und Beliebigkeit auseinandersetzen“45 könnte für die durchzuführende Sequenz nicht treffender sein. Ein weiterer Anhaltspunkt ist in der 10. Klassenstufe zu finden, in welcher zum einen Menschenrechte, zum anderen die damit verbundenen Pflichten von Individuum und Gesellschaft thematisiert werden. Die Themen stehen in enger Verbindung mit dem Bereich Gewalt und Gewaltlosigkeit. Im Mittelpunkt stehen hierbei sowohl das Gemeinwohl, als auch das eigene Wohl, welche miteinander in Beziehung zu setzen sind46. Hierbei kann klar auf aktuelle Probleme oder Heilser- Besonderheiten des Fundamentalismus herauszuarbeiten, erscheint bezogen auf das aktuelle Geschehen in der Welt durchaus fruchtbar zu sein. 42 Daher ist die Verankerung des Projektes im Ethikunterricht vorzunehmen. 43 Vgl. Thüringer Ministerium für Bildung Wissenschaft und Kultur: Lehrplan zum Erwerb des Hauptschul- und Realschulabschlusses. Ethik, S. 8. Thüringer Ministerium für Bildung Wissenschaft und Kultur: Lehrplan zum Erwerb der allgemeinen Hochschulreife. Ethik, S. 8–9. 44 Vgl. Thüringer Ministerium für Bildung Wissenschaft und Kultur: Lehrplan zum Erwerb der allgemeinen Hochschulreife. Ethik, S. 8. 45 Ebd. S. 18. bzw. Thüringer Ministerium für Bildung Wissenschaft und Kultur: Lehrplan zum Erwerb des Hauptschul- und Realschulabschlusses. Ethik, S. 17. 46 Vgl. ebd. S. 23. 26 fahrungen bzw. Heilsangebote hingewiesen werden. Der Lehrplan für das Gymnasium weist weiterhin auf die Betrachtung von Menschenrechten und damit zusammenhängenden ethischen Forderungen in verschiedenen Kulturen hin47. Dabei bildet die Forderung nach Menschenrechten, die unabhängig von der Kultur Gültigkeit erlangen – wie z. B. das Recht auf Leben oder Unantastbarkeit der Menschenwürde – den zentralen liberalen Bezugspunkt. Auch in der gymnasialen Oberstufe finden sich im Themenbereich „Freiheit – Gerechtigkeit – Verantwortung“ Punkte, welche die Projektthematik einschließen können. Ziel ist es hierbei, das Verhältnis von Freiheit und Determination besonders im Zusammenspiel mit den Faktoren Gerechtigkeit, Respekt, Selbstbestimmung und Verantwortung zu erörtern. Eine zentrale Frage kann dabei lauten, inwieweit die eigene, individuelle Freiheit vertretbar ist. Auch umgekehrt kann gefragt werden, inwieweit die eigene Freiheit beschnitten werden kann. Weiterhin findet sich ein Anhaltspunkt im Stoffgebiet der Religionsphilosophie, in welchem „die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts an Religion erläuter[t]“48 werden sollen. Diese Betrachtung soll dabei in Bezug auf Wertebewahrung und respektvollem Umgang anderer religiöser Standpunkte erörtert werden49. Dies setzt vor allem die Fähigkeiten, einen Perspektivwechsel zu vollziehen und vernünftig und begründet zu argumentieren, voraus. Gleichsam wird hier die Fähigkeit, multiperspektivische Standpunkte einzunehmen, entwickelt. Der Lehrplan des Faches Ethik bietet somit insgesamt vielfältige Möglichkeiten, das Themenfeld Dschihad in den Unterricht einzubeziehen. Am deutlichsten formuliert findet sich das Thema in Klassenstufe 7 bzw. 8, in welcher Fundamentalismus und Beliebigkeit als Bezugspunkte zur Religion vorgegeben werden. Aufgrund der Aktualität der Thematik in Politik und Nachrichten erscheint ein späterer Zeitpunkt für das Projekt jedoch als angemessen. Die Begründung hierfür bietet die Einführung des Sozialkundeunterrichts. Schüler sollten bereits mit Grundzügen der Gesellschaft und dem aktuellen Tagesgeschehen vertraut sein. Dafür bietet das Fach Sozialkunde hervorragende Möglichkeiten. Da dieser in aller Regel erst ab Klasse 9 in Thüringen vorzufinden ist, erscheint eine Beschäftigung mit der Thematik in Klassenstufe 10, 11 oder 12 durchaus vernünftig. Hierbei finden sich im Lehrplan für das Fach Ethik Ansatzpunkte in den Bereichen Gewalt und Menschenrechte, Freiheit – Gerechtigkeit – 47 Vgl. Thüringer Ministerium für Bildung Wissenschaft und Kultur: Lehrplan zum Erwerb der allgemeinen Hochschulreife. Ethik, S. 22. 48 Ebd. S. 30 49 Vgl. ebd. S. 29–30. 27 Verantwortung und Religionsphilosophie. Die Ansprüche und Ziele des Projektes bilden darüber hinaus gute Möglichkeiten für einen fächerübergreifenden Unterricht in den Gesellschaftswissenschaften. 2.2 Die Thematik in den Lehrbüchern für das Fach Ethik Wie in Kapitel 2. 1. 4 gezeigt, eignet sich das Projekt am besten für den Ethikunterricht ab Klasse 8 – aufgrund des fächerübergreifenden Charakters der Thematik ist ein späterer Zeitpunkt zur Durchführung durchaus gerechtfertigt und mit dem Lehrplan zu untermauern. Eine Betrachtung der Lehrwerke des Faches Ethik50 erscheint somit als fruchtbarer Punkt, um Voraussetzungen sowie Materialien zu sichten und sich einen ersten Überblick zu verschaffen51. Auffällig ist dabei insgesamt, dass Fundamentalismus und Dschihad als Themenschwerpunkte in den Schulbüchern der 1990er Jahre bereits eine Rolle spielten. Religionen und ihre Merkmale nehmen in diesen Lehrwerken einen recht großen Teil ein. In Lehrbüchern der Jahre zwischen 2000 und 2010 ist die Thematik nur rudimentär verankert. Dies ist zum einen mit einer recht friedlichen Periode ohne größere Übergriffe in den 1990er Jahren zu begründen52. Zum anderen benötigt eine Reform des Lehrplanes mehrere Jahre Zeit. Die Thematik Dschihad ist im Curriculum des Faches Ethik aus dem Jahr 2012 – höchstwahrscheinlich aufgrund der Zunahme terroristischer Angriffe auf den Westen und zunehmender medialer Präsenz solcher Vorkommnisse – deutlich zu finden53. Damit einhergehend sind auch in den neuen Schulbüchern, welche seit 2012 erschienen sind, Ansätze und Materialen für den Gegenstand Fundamentalismus und Dschihad eingebunden. 50 Es wird sich hierbei auf Lehrbücher, welche nach 1990 für Thüringen herausgegeben wurden, beschränkt, da im Schulsystem der DDR Ethik als Schulfach nicht vorzufinden war. 51 Eine vollständige Schulbuchanalyse kann an dieser Stelle nicht ausgeführt werden. Im Mittelpunkt steht vielmehr eine Materialsichtung und -auswertung mehrerer Lehrbücher, um die Verankerung der Thematik in den Lehrbüchern zu beschreiben. 52 Schulbücher orientieren sich letztlich am vorgegebenen Lehrplan. Dieser basiert – in seiner vermeidlichen Aktualität – auf den Erfahrungen und Themen der letzten 10 Jahre. Es dauert vom Moment eines Geschehnisses an eine geraume Zeit, bis Veränderungen im Lehrplan vorgenommen werden. Somit ergibt sich, dass trotz des terroristischen Anschlags vom 11. September 2001 in den Büchern von 2000–2010 kaum eine Erwähnung der Thematik Dschihad, Terrorismus, Fundamentalismus oder Ähnlichem zu finden ist. 53 Vgl. Kap. 2. 1. 4. 28 2.2.1 Lehrbücher für die Sekundarstufe I (insbesondere Klasse 7 und 8) Innerhalb der Sekundarstufe I ist die Projektthematik ausschließlich in den Lehrbüchern der Klassenstufe 7 und 8 zu finden54. Weder in Klassenstufe 5/6 noch in Klassenstufe 9/10 finden sich Ansätze zur Vermittlung des besagten Themenfeldes. In den Lehrwerken der 1990er Jahre ist der Gegenstand Dschihad im Kontext Religion und Toleranz, welcher einen sehr allgemeinen Zugang vorweist, verankert. Fundamentalismus wird hierbei innerhalb der Religionen nicht deutlich unterschieden55. Einzelne Ausprägungen spielen keine Rolle. Anstatt eine klare Definition anzubieten, verbirgt sich eine vermeintliche Begriffsklärung im seitenlangen Autorentext. Weder Kontroversität noch die Bildung und Beachtung einer eigenen Meinung werden im Lehrbuch gefordert. Die Aufgaben beschränken sich auf die Reproduktion des Textes und somit der Meinung des Schulbuchautors. Pluralismus erscheint zudem eher als Konfliktherd und in Kombination mit den Schlagworten „Irrglaube“, „Streit“, „Gewalt“ und „Feindbild“, anstatt in diesem Zusammenhang auf die Chancen für Religion und Gesellschaft hinzuweisen56. Dass eine ausführlichere und genauere Beschäftigung mit der Thematik bereits in der gleichen Zeit des Erscheinens sowie in aktuellen Lehrwerken verankert ist, zeigen die folgenden Beispiele. Im Schulbuch „Ich bin gefragt. Ethik 7/8“ findet sich ein abgedrucktes Interview zwischen einem deutschen Reporter und einem anerkannten ägyptischen Richter über das Thema der Rechtfertigung von Terrorismus im Namen der Religion sowie dem Islam als „Religion des Schwertes“57. Beide Artikel werden mit den Worten „Missbrauchte Religion“58 überschrieben, wodurch eine klare Interpretationsrichtung vorgegeben wird. Die zugehörigen Aufgaben beziehen sich auf die Argumentation in beiden Texten und fordern keine argumentative Ei- 54 Dies ist mit dem Lehrplan zu begründen, in welchem monotheistische Religionen – mit Ausnahme des Christentums – in Klassenstufe 7 und 8 verankert sind. 55 Der Fundamentalismusbegriff ist auf alle Religionen prinzipiell anwendbar, weshalb den Schulbuchautoren an dieser Stelle kein Vorwurf zu machen ist. Es wäre jedoch durchaus wünschenswert, spezielle Ausprägungen in einzelnen Religionen zu behandeln, um nicht in allgemeinen und oberflächlichen Strukturen hängen zu bleiben. 56 Es befindet sich in diesem Lehrbuch ein Kapitel zu Toleranz und Frieden in den Religionen, welches jedoch von der Thematik abgetrennt wirkt. Vgl. Karl-Heinz Gehlhaar (Hrsg.): Ethik. Sekundarstufe I. Klasse 7/8, S. 160–173. 57 Ursula Wilke (Hrsg.): Ich bin gefragt, S. 117. (Es handelt sich hierbei um einen unveränderten Nachdruck des Originalbuches des Jahres 1996) 58 Ebd. S. 116. 29 genleistung. Wie im erstaufgeführten Lehrbuch handelt es sich somit um die Reproduktion von Texten, also bloßes „Herausschreiben“. Die Beantwortung der Frage ist damit zu offensichtlich und fordert nicht das eigene Denkvermögen. Die Texte selbst sind aufgrund ihrer Zugänglichkeit (es handelt sich nicht um den typischen Autorentext) für die Schüler jedoch gut zur Vermittlung von Grundlagen geeignet, was das Buch im Vergleich zum erstgenannten Werk deutlich attraktiver macht. Im Lehrwerk der Herausgeber Burkhard, Heydenreich und Krahulec „Ethik 7/8“ aus dem Jahr 1997 findet sich tatsächlich ein Ausschnitt einer Sure des Korans. Diese eignet sich mit der Darstellung der fünf Säulen des Islams zur Erzeugung von Widersprüchen und Fragen, welche die Schüler zum Nachdenken veranlassen können. Im Zusammenhang damit steht ein Text, bei welchem es sich um die Ausführungen eines Imams zum Dschihad handelt59. Beides eignet sich aufgrund der Kontroversität zur Einführung und Fragenentwicklung. Die Interpretation um das Bemühen um ein gottgefälliges Leben wird zwar vorgegeben, jedoch kann der Textausschnitt aus dem Koran Widersprüche erzeugen. Bei den Schülern können sich Fragen wie „Inwiefern kann Töten als gottgefälliges Leben angesehen werden?“ oder „Ist das Töten mit den fünf Säulen des Islam in Einklang zu bringen?“ ergeben. Für die Beantwortung dieser Fragen müssen jedoch weitere Materialien, die das Lehrbuch nicht liefert, herangezogen werden. Weiterhin finden sich auch keine Anknüpfungspunkte zum Fundamentalismus. Gute Ausführungen liefern die aktuellen Lehrbücher. Hier wird in allen Fällen der Begriff Fundamentalismus, Dschihad und Terrorismus in einen vermeintlichen Zusammenhang gebracht und die Beziehung zueinander hinterfragt60. Wichtig ist hierbei, dass eine klare Differenzierung zwischen Islam und Islamismus vorgenommen wird. Bezogen auf die vorgegebenen Lehrbuchaufgaben kann das Buch „Leben leben“ überzeugen. Es fordert von Schülern zum einen die Zuordnung von Schlüsselbegriffen zu den Begriffen Islam und Islamismus, wodurch eine bessere Trennschärfe erreicht werden kann und geht, bezogen auf den Dschihad, einen Schritt über die Textarbeit hinaus. Nachdem zwischen großem und kleinem Dschihad unterschieden 59 Vgl. Frieder Burkhardt, Konrad Heydenreich, Peter Krahulec (Hrsg.): Ethik 7/8, S. 188–189. 60 Vgl. Monika Sänger (Hrsg.): Abendteuer Ethik 2, S. 124–125. Vgl. Anita Rösch (Hrsg.): Leben leben, S. 221–222. Vgl. Eveline Luutz (Hrsg.): Ethik. Klassen 7/8, S. 172–177. 30 wird, gilt es zu hinterfragen, welche Beziehung zwischen Gewalt und Islam besteht und dies zu diskutieren61. Am weitesten geht das Lehrwerk „Ethik 7/8“, welches über die Begrifflichkeiten Islam, Fundamentalismus, Dschihad, Terrorismus hinausgeht indem eine weitere Dimension – der Fanatismus - eingeführt wird. Dies fordert von Schülern einerseits eine Unterscheidung von Begriffen auf Detailebene, andererseits ergeben sich auf der Ebene der Wertung neue Möglichkeiten62. Besonders auffällig ist die Frage nach Beweggründen und Ursachen von der bedingungslosen Hinwendung zu fundamentalistischen Strömungen sowie der Radikalisierung und Entwicklung zum Terrorismus. In einem letzten Schritt wird weiterhin ein Perspektivwechsel vorgenommen, durch welchen in Frage gestellt werden kann, ob nicht auch der Patriotismus zum Vaterland eine Form von Fundamentalismus ist. Dies wird in einem Gedankenexperiment63 zugespitzt. Die gestellten Aufgaben nehmen zumeist einen Lehrbuchartikel als Grundlage und fordern in einem weiteren Schritt die Auseinandersetzung auf Diskussionsebene. Dabei werden entweder kontroverse Ansätze vorgegeben oder aus der Textgrundlage ein Gedankenexperiment entworfen, welches einen Perspektivwechsel oder kritisches Hinterfragen fordert64. Die Lehrbücher für Klassenstufe 7/8 bieten insgesamt eine gute Grundlage für einen gehaltvollen Ethikunterricht. Besonders die Materialien der aktuellen Werke bieten ein großes Repertoire an Texten, 61 Der zugehörige Text liefert dabei die Unterscheidung zwischen großem und kleinem Dschihad, geht jedoch nicht konkret auf das Verhältnis zwischen Islam und Gewalt ein. Hierbei wird von den Schülern eine argumentative Eigenleistung gefordert. Vgl. Anita Rösch (Hrsg.): Leben leben, S. 222. Die Aufgaben aus dem Lehrwerk „Abenteuer Ethik“ beziehen sich im Gegensatz dazu direkt auf die Texte. Sämtliche Aspekte werden vom Text geliefert, was eine selbstständige Meinungsbildung und –begründung auf Schülerseite nicht fordert. Die gut ausgewählten Materialien dieses Lehrbuches können hierbei tatsächlich zum Denken über den Text hinaus anregen. Vgl. Monika Sänger (Hrsg.): Abenteuer Ethik 2, S. 124–125. 62 Denkbar ist hierbei die Frage, inwiefern Fundamentalismus stets notwendigerweise schlecht zu werten ist oder erst dann, wenn er mit Fanatismus in Verbindung steht. 63 Das Gedankenexperiment handelt von einem siebenjährigen amerikanischen Mädchen, dessen Vater Pilot ist. Die Tochter ist der Meinung, dass sie bereit sei, „ihren Vater für ihr Land zu opfern“, indem er in Afghanistan kämpfen sollte. Bewertet wird dies von George Bush als „ein Beispiel für amerikanischen Patriotismus.“ Dieser Gedanke wird umgekehrt, indem es kein amerikanisches, sondern afghanisches Mädchen ist, welches die gleichen Gedanken für ihr Land äu- ßert. Vgl. Eveline Luutz (Hrsg.): Ethik. Klassen 7/8, S. 177. 64 Vgl. ebd. S. 172–177. 31 Statistiken und Bildern, die Denkanstöße liefern können. Die Aufgaben sind mitunter ausbaufähig und vom Lehrer zu überarbeiten. 2.2.2 Lehrbücher für die Sekundarstufe II Im Gegensatz zu den soeben aufgeführten Lehrwerken der Klassenstufe 7/8, sind in den Ethikbüchern der Oberstufe kaum Materialien für die Bearbeitung der Thematik zu finden. Im Lehrbuch „Standpunkte der Ethik“ wird das Verhalten zu Nichtmuslimen zwar thematisiert, jedoch fehlt in Gänze ein aktueller Ansatz. Der bereitgestellte Text wirkt in seiner Denkweise eher mittelalterlich als die Moderne betreffend. Auch sind die Ausführungen zum Dschihad, welche sich letztlich in zwei Textabschnitten finden, eher fraglich65. Von einem Arbeitsauftrag fehlt weiterhin jede Spur. Im Lehrbuch „Vom Sinn und Zweck der Welt“ findet sich ein Text, welche mit den Worten „Der Islamische Gottesstaat“66 überschrieben ist. Der Text liefert einen Ansatz, welcher versucht, die politische und die religiöse Ebene zu verknüpfen. Dies geschieht dabei stets im Vergleich zur weltlichen Demokratie bzw. Monarchie, in der das Volk bzw. der Monarch die exekutive und legislative Gewalt innehat. Im Islamischen Gottesstaat hingegen sind nur göttliche Gesetze gültig. Hierbei ist dieser Ansatz als fundamentalistisch zu werten und zu hinterfragen, welche Probleme damit verbunden sind. Die Aufgaben gehen über den Text hinaus und geben weitere Literaturtitel an, welche auf die Projektthematik hindeuten. Eine Auseinandersetzung mit der Thematik Dschihad ist jedoch nicht direkt gefordert, weshalb die Ausführungen dieses Lehrbuches bestenfalls als Ansatzpunkt für den Projektgegenstand gewertet werden kann67. Einen neuen Gedanken nimmt das Lehrbuch „Kolleg Ethik“ auf, welcher die Entwicklung fundamentalistischer Strömungen in Zusammenhang mit der Säkularisierung erörtert. Hier findet sich jedoch nicht mehr als die Definition von Fundamentalismus und Säkularisierung, welche in irgendeiner Weise in Verbindung gebracht werden sollen. Dies ist Auftrag des Lehrers, da in diesem Zusammenhang kei- 65 Es wird mit keiner Silbe der Dschihad als Verteidigungskrieg bzw. besser noch als Bemühen im Alltag erwähnt. Stattdessen ist die Rede von der Bekämpfung der Heiden. Hierbei wird in keiner Weise erklärt, in welchem Zeitraum dieser Text anzusiedeln und welcher historische Kontext dahinter steht. Für Schüler wirkt dieser Text insgesamt wahrscheinlich eher irritierend als sinnstiftend. Vgl. Hermann Nink (Hrsg.): Standpunkte der Ethik, S. 313–314. 66 Stefan Beus u. a.: Vom Sinn und Zweck der Welt, S. 206. 67 Vgl. ebd. S. 206–207. 32 nerlei Aufgaben zu finden sind. Für die Arbeit an Begriffen und eine Abgrenzung, sowie für die Überlegung, ob nicht mehr hinter der Sache steckt, sind diese Ausführungen geeignet, da Schüler selbst einen Schritt in diese Richtung gehen müssen. Eine Hilfe für diesen Schritt stellt dieses Lehrbuch jedoch nicht bereit68. Eine Fülle an Materialien findet sich in den Büchern „Projekt Leben“ und „Denkperspektiven“. Ersteres stellt eine Auswahl an Textsorten bereit, welche von Wörterbucheinträgen, über Meinungsdarstellungen bis hin zu einem Augenzeugenbericht reicht. Der Grundkonsens aller Texte ist die Forderung eines friedlichen Zusammenlebens in einer pluralistischen Gesellschaft, in welcher religiöse Toleranz als unabdingbarer Faktor verankert ist. Dabei wird in den Texten sowohl die westliche Perspektive als auch die Sichtweise von einem Bewohner des Krisengebietes Palästina eingenommen. Es wird besonders auf die Abwendung von der Interpretation des Dschihads als heiliger Krieg wert gelegt und dabei hinterfragt, wie es zu einer solchen Sichtweise kommen konnte und wer an der Vertretung dieser Interesse haben könnte69. Im Lehrbuch „Denkperspektiven“ ist eine Verbindung von religiöser und politischer Ebene gelungen. Dabei wird von den Definitionen der Begriffe Fundamentalismus und Fanatismus ausgegangen, um Ursachen von Gewalt in den Religionen zu hinterfragen. Weiterhin geht dieses Lehrbuch inhaltlich über die anderen Werke hinaus, da es Anmerkungen dazu gibt, inwiefern Fundamentalismus ausschließlich schlecht zu werten ist und im Dschihad ein Kampf der Kulturen zu sehen ist. Dabei spielt das aktuelle Geschehen eine herausragende Rolle. Die zugehörigen Aufgaben sind insgesamt brauchbar und besonders auf Diskussion, Begründung und Bildung einer eigenen Meinung angelegt70. Insgesamt wird der Lehrkraft ein breites Spektrum zur Behandlung der Thematik Dschihad in den Lehrbüchern angeboten. Es erscheint dabei jedoch schwierig, besonders wenn auf die Ebene der Interpretation wertgelegt wird, ausführlicher mit den Lehrwerken zu arbeiten. Hierbei muss Material von außen hinzugenommen werden, um klare und trennscharfe Linien zu ziehen. Trotz guter Ansätze bleiben die Ausführungen oftmals zu allgemein und in nur einem Interpretationsstrang verankert, was die Brauchbarkeit der gegebenen Materialien nicht in Frage stellt71. Besonders auf Ebene der Aufgaben- 68 Vgl. Monika Sänger (Hrsg.): Kolleg Ethik, S. 370–371. 69 Eva Jelden u. a.: Projekt Leben, S. 324–325. 70 Arnold K. D. Lorenzen (Hrsg.): Denkperspektiven, S. 212–221. 71 Einzige Ausnahme bildet das Lehrwerk „Standpunkte der Ethik“. Hier ist aufgrund fehlender Informationen und der damit verbundenen Gefahr der Fehlinterpretation auf die Verwendung zu verzichten. 33 stellungen ist vom Lehrer jedoch Arbeit zu leisten, damit Diskussionen fruchtbar werden und die Bildung und Begründung der eigenen Meinung gefördert wird.

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References

Zusammenfassung

„Islamische Konzepte von Dschihad religionswissenschaftlich zu analysieren, um sie dann einer Schulklasse zu erklären? So riskant und voller Klippen diese Herausforderung auch sein mag, so wichtig und vielversprechend ist es, wenn sie gelingt. Und ein solcher Erfolg liegt mit dem lesenswerten Buch von Benjamin Hofmann hier vor. Er untersucht damit ein ebenso aktuelles wie gewagtes Thema.

Nicht nur, dass der Begriff Dschihad in all seiner Vieldeutigkeit und Komplexität schon anspruchsvoll genug wäre. Hofmann geht noch einen Schritt weiter und entwirft eine von ihm schließlich selbst erprobte Unterrichtseinheit, mit der das in der Untersuchung vorgestellte islamische Dschihad-Konzept Schülern in angemessener Weise vermittelt wird. Dabei verlässt Hofmann schließlich den rein deskriptiven Rahmen bewusst, um in dieser prekären Thematik Schülerinnen und Schülern Verständnis für die Probleme und Orientierung zu geben.“

Professor Dr. Dr. Bertram Schmitz