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1 EINLEITUNG in:

Benjamin Hofmann

Zwischen Barmherzigkeit und Dschihad, page 13 - 18

Variabilität von Textauslegungen des Korans in der didaktischen Vermittlung

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3796-6, ISBN online: 978-3-8288-6679-9, https://doi.org/10.5771/9783828866799-13

Series: Religionen aktuell, vol. 21

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
13 1 EINLEITUNG „Wenn die unantastbaren Monate abgelaufen sind, dann tötet die, die Partner beigeben, wo ihr sie findet! Greift sie, belagert sie und lauert ihnen bei jedem Hinterhalt auf!“1 Dieser Koranausschnitt ging unter der Bezeichnung „Schwertvers“ in die Geschichte ein und bewirkte die Diskussion und verschiedenartige Auslegung des Korans. Sie war und ist bis heute nicht frei von Interpretationsschwierigkeiten, Missverständnissen und bewussten Falschauslegungen. Die Fehldeutungen sind darauf zurückzuführen, dass nicht nur der umgebene Kontext keine Beachtung fand, sondern auch der zweite Teil des benannten Koranverses wissentlich ignoriert wurde. Hier heißt es weiter: „Wenn sie umkehren, das Gebet verrichten und die Abgabe leisten, dann gebt ihren Weg frei! Gott ist voller Vergebung und barmherzig.“2 Einerseits wird hier die Einschränkung vorgenommen, dass das gewaltvolle Vorgehen zu beenden ist, sobald die Gegner umkehren3 und sich zu den Regelungen der islamischen Religion bekennen. Andererseits wird besonders die Barmherzigkeit Gottes durch den letzten Satz des Zitates inhaltlich hervorgehoben. Der angeführte Koranauszug steht mit dem Dschihad in enger Verbindung. Es wäre jedoch genauso falsch, das Phänomen Dschihad allein auf die Inhalte dieses Verses herunterzubrechen, wie den ersten ohne den zweiten Teil des angeführten Zitates zu betrachten. Es existieren viel mehr Koranstellen, welche Auskunft zum Dschihad erteilen und ihn spezifizieren. Dabei reichen die Interpretationsmöglichkeiten weit über den kämpferischen Charakter des Dschihads hinaus. Eine 1 Koran: 9: 5. 2 Ebd. 3 Umkehr kann hierbei als Rückzug in Verbindung mit einem Friedensvertrag oder Rückzug hin zur Religion interpretiert werden. 14 Deutung und Übersetzung dieses Phänomens als „heiliger Krieg“ ist somit auszuschließen4. Weiterhin stellt sich das Faktum als problematisch dar, dass in den Medien und aktuellen Berichterstattungen der Dschihad lediglich in gewaltvoller kämpferischer Deutung in Erscheinung tritt. Sofern keine weitere Auseinandersetzung mit dem Thema erfolgt, ist es recht wahrscheinlich, dass hier falsche Interpretationen und Konzepte entwickelt werden, welche die Religion als Ganzes ins falsche Licht rücken5. Leicht können hier Aussagen und Deutungen wie „Der Islam ist eine Religion des Schwertes.“ oder „Im Koran wird aktiv zum Religionskrieg aufgerufen.“ auftreten, welche bei unreflektierter Betrachtung von anderen übernommen und verbreitet werden. Aus den angeführten Punkten ergeben sich zwei Probleme: 1.) Die Bedeutung des Begriffes Dschihad ist im Allgemeinen entweder gar nicht oder nur in Ansätzen bekannt. 2.) Aus diesem Sachverhalt resultieren Missverständnisse verschiedener Art, sofern keine tiefergehende Beschäftigung mit der Thematik erfolgt. Im Bewusstwerden dieser Problemlinien liegen die Motivation und die Zielsetzung für die vorgelegte Arbeit: Einerseits sollen Deutungsmuster des Begriffs Dschihad aufgezeigt werden, um einen Gesamteindruck des Phänomens herauszuarbeiten. Hierbei wird der Faktor der Barmherzigkeit als Vergleichspunkt beachtet6. Andererseits sollen die gewonnenen Erkenntnisse innerhalb eines Projektes an Schüler7 herangetragen werden, um in gewisser Weise Aufklärungsarbeit über die Institution Schule zu leisten. Für die folgende Abhandlung ergeben sich somit ein inhaltlicher und ein didaktischer Teil. Im inhaltlichen Part gilt es, das Phänomen Dschihad möglichst differenziert zu betrachten. Hierbei wird die folgende These vertreten: Der Begriff Dschihad weist deutlich vielfältigere Interpretationsmöglichkeiten auf, als dass er auf einen gewaltvollen, kämpferischen Ansatz reduzierbar ist. Dies stellt auch den grundlegenden inhaltlichen Ansatz für das zu entwickelnde Projekt dar. 4 Vgl. Josef van Ess: Dschihad gestern und heute, S. 57, 60. Vgl. Bassam Tibi: Kreuzzug und Djihad, S. 52. 5 Den Berichterstattern und Medien ist hierbei kein direkter Vorwurf zu machen, da sie vielmehr über politische Faktoren und Hintergründe berichten, als über religiöse Konzepte. 6 Der Autor verfolgt somit den Denkansatz, dass Barmherzigkeit und Dschihad sich nicht prinzipiell ausschließen müssen. 7 Aus Gründen der Übersichtlichkeit und der Vereinfachung für den Leser wird sich in dieser Abhandlung auf das Maskulinum in dieser Bezeichnung beschränkt. Die Formulierung meint hier jedoch sowohl Lernende männlichen und weiblichen Geschlechts. 15 Die aktuelle Forschung gibt dabei weitreichende Ansätze vor. Bei der Betrachtung dieser ist im Allgemeinen festzustellen, dass ein Konsens darin besteht, den Dschihad nicht auf die Bezeichnung „Heiliger Krieg“ zu reduzieren. Vielmehr ist Dschihad als Bemühen oder Einsatz im Sinne Gottes zu verstehen, welcher über die kämpferische Deutung hinausgeht. Dabei wird in keinem Ansatz vorgegeben, dass die gewaltvolle Interpretation prinzipiell als falsch zu definieren und somit insgesamt abzulehnen ist. Diese Ausdrucksform des Dschihads existiert vielmehr parallel neben weiteren Formen des gottgefälligen Einsatzes. Auffällig erscheint bei der Analyse der Forschungsliteratur, dass sich die Autoren vorrangig auf eine Dschihad-Form in ihrer Betrachtung spezialisieren und die anderen Interpretationsansätze als Vergleich hinzuziehen. Adel Theodor Khoury8 bezieht sich in seinem Werk größtenteils auf den Dschihad des Schwertes. Er erörtert dabei detailgetreu Regelungen und Rechtfertigungen zum Führen eines Krieges auf religiöser Ebene, ohne dabei für eine islamistische Auslegung des Phänomens Dschihad einzutreten. Im Gegenteil – nach der detaillierten Analyse plädiert dieser Autor für eine Friedenstheorie und die Auslegung des Dschihad-Begriffs auf gewaltfreier Ebene. Sheikh Nasir Ahmad9 betont hingegen den Dschihad des Herzens als höchste Form, die innerhalb des Konzepts vorzufinden ist. Dies geht mit der Darstellung von David Cook10 einher, in welcher der große Dschihad als Kampf gegen die eigenen Gelüste über den kleinen Dschihad, welcher als gewaltvolles gottgegebenes Bemühen zu beschreiben ist, gestellt wird. Hierbei kommt der Faktor der Überwindung hinzu: Auch wenn der militärische Dschihad unausweichlich als Interpretationsmöglichkeit angenommen werden muss, sollte er durch die höhere Stufe, den großen Dschihad, abgelöst werden. Das Werk von David Cook gilt zur Zeit des Verfassens dieser Abhandlung als Standartwerk und wird in nahezu allen aktuelleren Arbeiten zitiert. Josef van Ess11 und Bassam Tibi12 verweisen in ihren Abhandlungen auf ein weiteres Spektrum: Sie gehen davon aus, dass – auch wenn keine missionarische Grundhaltung in der koranischen Konzeption des Dschihad vorliegt – die Historie missionarische Züge aufweist. 8 Adel Theodor Khoury: Was sagt der Koran zum heiligen Krieg?, Gütersloh 2007. 9 Sheikh Nasir Ahmad: Jehad. („Heiliger Krieg“) im Islam, Frankfurt am Main 1991. 10 Vgl. David Cook: Understanding Jihad, Berkeley u. a. 2005. 11 Josef van Ess: Dschihad gestern und heute, Berlin u. a. 2012. 12 Bassam Tibi: Kreuzzug und Djihad: der Islam und die christliche Welt, München 1999. 16 Diese wurden in der Rechtslehre propagiert und mit den Koranversen, welche sich thematisch auf den Dschihad beziehen, gerechtfertigt. Der Missionsgedanke erscheint insgesamt als widersprüchliches Phänomen. Durch diesen historischen Ansatz bietet sich die Chance, diese zur jeweiligen Zeit als gesetzt angesehenen Rechtfertigungen für eine islamische Expansion begründet auf dem Dschihad-Konzept zu hinterfragen13. Die Forschung bietet somit insgesamt eine gute Grundlage für die vorliegende Abhandlung. Es existiert jedoch kaum ein Werk, dass die Begrifflichkeit Dschihad in ihrem gesamten Spektrum beleuchtet. Auch diese Arbeit kann eine solche Anforderung nicht erfüllen. Sie geht allerdings inhaltlich über die erwähnten Werke hinaus, indem sie nicht eine Dschihad-Form in den Mittelpunkt rückt, sondern versucht, das breite Deutungsspektrum dieses Phänomens aufzuzeigen. Im Zusammenhang mit dem Entwurf eines Projektes zum Thema Dschihad soll hierfür wie folgt vorgegangen werden: Ein erster Schritt ergibt sich in der Analyse von Lehrplänen der gesellschaftswissenschaftlichen Fächer und der Schulbücher des Faches Ethik. Hierbei ist sich auf Lehrwerke und Curricula Thüringens zu begrenzen14. Mit dieser Untersuchung soll festgestellt werden, inwiefern die Thematik Dschihad in den Lehrplänen und den im Unterricht eingesetzten Bücher verankert ist. Hiermit kann diagnostiziert werden, welche Voraussetzungen im Allgemeinen für die Erarbeitung eines solchen Projekts vorzufinden sind. In einem zweiten Schritt wird die untersucht, welche Interpretationsmöglichkeiten die Begrifflichkeit Dschihad aufweist. Dafür sind zuerst Begrifflichkeiten, die mit der Thematik einhergehen, zu klären. Anschließend wird ausgehend von der Verankerung im Koran, welcher das Deutungsspektrum vorgibt, genauer auf den Dschihad des Herzens, den verbalen Dschihad, den Dschihad durch Taten, den Dschihad des Schwertes sowie den kleinen und gro- ßen Dschihad einzugehen sein. All die benannten Formen dieses Phänomens sind Interpretationen, die aus dem Koran und der Rechtslehre abgeleitet wurden. Der Koran als Primärquelle kennt eine solche Systematisierung jedoch nicht. Zusätzlich existieren weitere Deutungsund Systematisierungsangebote. An dieser Stelle wurde sich für diese Klassifizierung entschieden, da sie sehr weitreichend erscheint und somit ein breites Interpretationsspektrum abdeckt. Darauf aufbauend 13 Dies ist hierbei nicht Gegenstand der vorgelegten Arbeit, auch wenn exkursartig angedeutet wird, dass die Rechtfertigung von Terrorismus durch den Dschihad nicht möglich ist. Vgl. Kap. 4. 6. 14 Dies ist mit der universitären Ausbildung des Verfassers in diesem Bundesland zu begründen. Es ist davon auszugehen, dass in allen Bundesländern in den benannten Fächern Ansatzpunkte in den Lehrplänen zu finden sind. 17 ergibt sich der dritte Teil der Arbeit, welcher sich mit dem Projektentwurf beschäftigt und mit den Ausführungen zu den Schulbüchern und Lehrplänen zu verknüpfen ist. Hierbei wird ein Vorschlag für eine Unterrichtsreihe samt Rechtfertigung auf didaktischer-methodischer Ebene angeboten15. Schlussendlich gilt es die Ergebnisse in Form eines Resümees zu formulieren. Ein solcher Ansatz, welcher die Thematik Dschihad untersucht und diese mit einem Vorschlag der Verankerung im Ethikunterricht verbindet, existiert nicht in veröffentlichter Form16. Mit dieser Abhandlung besteht somit sowohl für Forschende, als auch unterrichtende Lehrer die Möglichkeit, neue Erkenntnisse und Ideen zu gewinnen. Damit erhält die Arbeit ihren wissenschaftlichen Wert und ihre Berechtigung. 15 Diese Unterrichtsreihe wurde im Juni 2015 am Lyonel-Feininger-Gymnasium Buttelstedt/Mellingen gehalten und auf ihre Praxistauglichkeit hin überprüft. 16 Mit dieser Aussage soll nicht in Frage gestellt werden, dass in der Schule eine Auseinandersetzung mit dem Thema stattfindet. Für dieses anspruchsvolle Thema existieren jedoch keine Unterrichtsentwürfe, die Ideen liefern, wie die Thematik im Ethikunterricht angegangen werden kann.

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Zusammenfassung

„Islamische Konzepte von Dschihad religionswissenschaftlich zu analysieren, um sie dann einer Schulklasse zu erklären? So riskant und voller Klippen diese Herausforderung auch sein mag, so wichtig und vielversprechend ist es, wenn sie gelingt. Und ein solcher Erfolg liegt mit dem lesenswerten Buch von Benjamin Hofmann hier vor. Er untersucht damit ein ebenso aktuelles wie gewagtes Thema.

Nicht nur, dass der Begriff Dschihad in all seiner Vieldeutigkeit und Komplexität schon anspruchsvoll genug wäre. Hofmann geht noch einen Schritt weiter und entwirft eine von ihm schließlich selbst erprobte Unterrichtseinheit, mit der das in der Untersuchung vorgestellte islamische Dschihad-Konzept Schülern in angemessener Weise vermittelt wird. Dabei verlässt Hofmann schließlich den rein deskriptiven Rahmen bewusst, um in dieser prekären Thematik Schülerinnen und Schülern Verständnis für die Probleme und Orientierung zu geben.“

Professor Dr. Dr. Bertram Schmitz