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6 RESÜMEE in:

Benjamin Hofmann

Zwischen Barmherzigkeit und Dschihad, page 111 - 114

Variabilität von Textauslegungen des Korans in der didaktischen Vermittlung

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3796-6, ISBN online: 978-3-8288-6679-9, https://doi.org/10.5771/9783828866799-111

Series: Religionen aktuell, vol. 21

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
111 6 RESÜMEE Insgesamt konnte in dieser Arbeit gezeigt werden, dass für den Dschihad weit mehr Deutungsangebote als die gewaltvolle, kämpferische Interpretation anzuführen sind. Dieser Ansatz bildet sowohl für die inhaltliche Abhandlung, als auch für den Projektentwurf den Ausgangspunkt. Ausgehend von der Frage, wie der Begriff Dschihad zu charakterisieren ist und wie dies innerhalb einer Unterrichtsreihe an Schüler herangetragen werden kann, sind folgende Ergebnisse zu verzeichnen: Neben dem Dschihad des Schwertes, welcher aus der Rezeption der Ausführungen in den Medien einem breiten Publikum vermeintlich bekannt ist, existieren die Interpretationsansätze des Dschihads des Herzens, des verbalen Dschihads und des Dschihads durch Taten. Auch wenn der Koran eine solche Unterscheidung in verschiedene Formen des gottgefälligen Einsatzes nicht vorgibt, so ist das gesamte Interpretationsspektrum in ungeordneter Form in diesem religiösen Werk vorzufinden. Je nach Lesart und persönlicher Einstellung fällt in der Auslegung die eine Form mehr ins Gewicht, als die andere. Die inhaltlichen Darstellungen des Korans werden durch die Ausführungen der Rechtslehre ergänzt. Im Zusammengehen ergeben sich hierbei folgende Punkte: Der Dschihad des Herzens gilt als tief verinnerlichter leidenschaftlicher Glaube, welcher als Voraussetzung für alle weiteren Dschihad-Formen anzusehen ist. Nur der wahrhaftige Gläubige, der eine Vorbildwirkung anstrebt, gegen die eigenen Gelüste ankämpft und sie zu überwinden sucht und in diesem Zusammenhang seine eigene Moralität, auf der Religion basierend, entwickelt, ist fähig den Dschihad auf andere Weisen zu führen. Die Überordnung des Dschihads des Herzens wird dabei durch die Theorie des kleinen und großen Dschihads bestätigt. Hierbei soll der Einsatz auf kriegerischer Ebene durch den Kampf gegen die eigenen Gelüste abgelöst werden. Somit gilt der Dschihad des Herzens nicht nur als Voraussetzung für die anderen Formen des Bemühens um ein gottgefälliges Leben, sondern auch als die höchste Weise, den Dschihad zu führen. 112 Nichtsdestotrotz haben die anderen Formen ihre Berechtigung. Der verbale Dschihad ist hierbei gekennzeichnet durch die Diskussion und den Dialog. Ziel ist hierbei die Überzeugung Ungläubiger von den guten Ansätzen der islamischen Religion. Diese ist jedoch nicht als Zwangsbekehrung zu verstehen. Vielmehr ergibt sich die Suche nach der gewaltlosen Auseinandersetzung und dem interreligiösen Dialog. Darüber hinaus geht der Dschihad durch Taten, welcher auf gesellschaftliche Faktoren, den Alltag und das gemeinschaftliche Zusammenleben ausgeweitet wird. Hierbei spielt die Vorbildwirkung durch die Einhaltung der göttlichen Gebote und dem Leben nach den fünf Säulen des Islams eine herausragende Rolle. Damit gehen das tolerante Auftreten gegenüber anderen Religionen und der positive Wettstreit miteinander einher. Laut dem Dschihad durch Taten gilt somit der Einsatz gegen das Böse und das Bemühen für das Gute als Grundprinzip. Der Dschihad des Schwertes erscheint in der koranischen Auslegung als bedingter Kampf, der nicht mit einem Expansionsstreben einhergeht und nur als Verteidigungskrieg zu rechtfertigen ist. Mit dem Verteidigungsgedanken ist der Ansatz verbunden, dass eine aktive Bedrohung der Religion durch Ungläubige verbunden sein muss. Es ergeben sich Schwierigkeiten, bei der Auslegung des Dschihads in der islamistischen Deutung. Hierbei ist in jedem Fall ein Expansionsstreben und aktiver Kampf gegen Ungläubige feststellbar, welcher stets im Zusammenhang mit der Machterweiterung zu sehen ist. Aus einem religiösen Ansatz wird somit eine politische Ideologie. Eine Rechtfertigung mit der Religion erscheint hier als willkürlich. Die islamistische Auslegung ist somit als Fehldeutung anzusehen, welche das Dschihad-Konzept auf seine gewaltvollen Ansätze beschränkt und es als Doktrin für die Erweiterung von Macht instrumentalisiert. Auf Basis des Korans lassen sich somit die islamistischen Ideologien nicht rechtfertigen. In der historischen Betrachtung ergibt sich ein ähnliches Phänomen. Auch wenn sich im Koran keine Aussagen zu einer klar geforderten Missionierung im Sinne des Dschihad finden lassen, war die Praxis und Auslegung der Rechtslehre nicht fremd. Dies ist in den vier vermeintlich gerechtfertigten Missionierungswellen erkennbar. Daraus ergibt sich als Faktum für die Koraninterpretation, dass das Dschihad-Konzept als Ganzes zu betrachten ist. Eine Ausgliederung einzelner Formen ohne die Betrachtung der anderen Interpretationsmöglichkeiten wirkt hierbei nicht sinnstiftend. Der Ansatz, welcher die einzelnen Beziehungen genau herausstellt, bietet hingegen größeres Potenzial, auch wenn in dieser Abhandlung nur in Ansätzen darauf eingegangen wurde. In Verbindung mit einer genaueren historischen Analyse des Phänomens Dschihad bieten sich hier weitere Möglichkeiten, um diese Thematik unter neuen Gesichtspunkten ausführlicher zu betrachten. 113 Innerhalb des Projekts ergibt sich der ganzheitliche Ansatz, welcher das inhaltliche Primärziel ausmacht, nämlich das Deutungsspektrum der religiösen Erscheinung Dschihad aufzuzeigen, als sinnstiftender Zweck. Schülern kann innerhalb eines exemplarischen Unterrichtsganges verdeutlicht werden, welche Interpretationsvielfalt für den gottgefälligen Einsatz im islamischen Sinne in Frage kommt. In der Kombination mit dem aktuellen Geschehen können die Lernenden dabei Verknüpfungen der Thematik zu ihrer eigenen Lebenswelt erkennen und ihre eigenen Meinungen und Standpunkte individuell weiterentwickeln. Diese Entwicklung reicht von der Einsicht, dass es moralisch nicht zu rechtfertigen ist, Menschen aufgrund ihrer Religion als gefährlich zu identifizieren und hier – im Kontext der Projektthematik – zwischen Muslimen und Islamisten zu unterscheiden ist, bis hin zur Erkenntnis, dass mehr als die gewaltvolle Interpretation hinter dem Phänomen Dschihad steht. Dabei ist besonders herauszuheben, dass die Schüler hierbei wesentliche Gedankenschritte selbst vollziehen und der Projektleiter nur das inhaltliche Angebot vorlegt. Sämtliche Argumente und Diskussionspunkte werden durch die Lernenden selbst entwickelt und an das Plenum herangetragen. Das Projekt erfüllt – ebenso wie die in der Abhandlung angebotene Darstellung zur Thematik Dschihad – keinen Anspruch auf die vollständige inhaltliche Abarbeitung der Thematik. Vielmehr ist es durch einen einführenden Charakter gekennzeichnet, der jedoch als Grundlage für die weitere Beschäftigung und Vertiefung geeignet ist. Es bietet sich hier durchaus die Möglichkeit, innerhalb weiterer Stunden genauer auf den ein oder anderen Punkt einzugehen oder auch innerhalb einer Jahresarbeit die Thematik vertiefend zu betrachten. Der einführende Charakter ist durch die Aktualität und die begriffliche Unklarheit gerechtfertigt. Das Projekt sollte jedoch prinzipiell als Vorschlag, nicht als allgemeingültiges Rezept, angesehen werden, diese recht schwierige Thematik an Lernende heranzutragen – für verschiedene Schülergruppen ergeben sich hierbei auch verschiedene Herangehensweisen. Somit wurde insgesamt das Potenzial des Phänomens Dschihad auf inhaltlicher Ebene aufgezeigt und mit einem didaktisch-methodischem Vorschlag für den Ethikunterricht der Klasse 10 verknüpft. Besonders in der Betrachtung eines solch komplexen Themas liegen Chancen für den modernen Ethikunterricht, indem Probleme für Schüler sichtbar, Lösungen gesucht und diskutiert sowie die eigenen Standpunkte dabei automatisch weiterentwickelt und verändert werden. Dieses Potenzial gilt es auszuschöpfen und für Schüler zugänglich zu machen. So kann ein vernünftige Entwicklung eigener Ansichten und deren Begründung gefördert werden, die für sämtliche gesellschaftliche Wirkbereiche unabdingbar und wünschenswert ist.

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References

Zusammenfassung

„Islamische Konzepte von Dschihad religionswissenschaftlich zu analysieren, um sie dann einer Schulklasse zu erklären? So riskant und voller Klippen diese Herausforderung auch sein mag, so wichtig und vielversprechend ist es, wenn sie gelingt. Und ein solcher Erfolg liegt mit dem lesenswerten Buch von Benjamin Hofmann hier vor. Er untersucht damit ein ebenso aktuelles wie gewagtes Thema.

Nicht nur, dass der Begriff Dschihad in all seiner Vieldeutigkeit und Komplexität schon anspruchsvoll genug wäre. Hofmann geht noch einen Schritt weiter und entwirft eine von ihm schließlich selbst erprobte Unterrichtseinheit, mit der das in der Untersuchung vorgestellte islamische Dschihad-Konzept Schülern in angemessener Weise vermittelt wird. Dabei verlässt Hofmann schließlich den rein deskriptiven Rahmen bewusst, um in dieser prekären Thematik Schülerinnen und Schülern Verständnis für die Probleme und Orientierung zu geben.“

Professor Dr. Dr. Bertram Schmitz