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Christoph Schulze

Etikettenschwindel

Die Autonomen Nationalisten zwischen Pop und Antimoderne

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3822-2, ISBN online: 978-3-8288-6672-0, https://doi.org/10.5771/9783828866720

Series: kommunikation & kultur, vol. 11

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
kommunikation & kultur Christoph Schulze Etikettenschwindel Die Autonomen Nationalisten zwischen Pop und Antimoderne D 188 © Tectum Verlag – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2017 © beim Autor Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das Recht der mechanischen, elektronischen oder photographischen Vervielfältigung sowie der Einspeisung in elektronische Systeme Redaktion: Prof. Dr. Hermann Haarmann, Institut für Kommunikationsgeschichte und angewandte Kulturwissenschaften, Freie Universität Berlin, Garystr. 55, 14195 Berlin, ikk@zedat.fu-berlin.de Satz: Christoph Rosenthal, Berlin Titelentwurf: Christoph Rosenthal unter Verwendung eines Photos: Autonome Nationalisten bei einer Demonstration in Dortmund 2003, © Mark Mühlhaus, Attenzione (attenzione-photo.com) ISBN 978-3-8288-6672-0 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Buch unter der ISBN 978-3-8288-3822-2 im Tectum Verlag erschienen.) kommunikation & kultur. Eine Schriftenreihe des Instituts für Kommunikationsgeschichte und angewandte Kulturwissenschaften der Freien Universität Berlin, hrsg. von Hermann Haarmann und Falko Schmieder, Band 11 Gedruckt mit finanzieller Unterstützung der Hans-Böckler-Stiftung Inhalt Vorwort ............................................................................................. 9 1 Einleitung ..................................................................................... 15 1.1 Vorbemerkungen und Einordnung ........................................... 15 1.2 Forschungsinteresse .................................................................. 19 1.3 Thesen ...................................................................................... 21 2 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen ................................. 25 2.1 Ernst Blochs Analyse der „Entwendungen aus der Kommune“ 25 2.2 Jugendkultur, Stil, soziale Bewegung und Szene ...................... 38 2.2.1 Milieu ........................................................................... 39 2.2.2 Subkultur, Jugendkultur, Bricolagen, Stil ...................... 40 2.2.3 Szene ............................................................................. 49 2.2.4 Soziale Bewegungen ...................................................... 52 2.2.5 Symbol und Form in Jugendkulturen und sozialen Bewegungen .......................................................................... 55 2.2.6 Bewegungsszene als Schnittpunkt von sozialen Bewegungen und Jugendkulturen .......................................... 58 2.3 Forschungsstand zu den AN ..................................................... 60 2.3.1 Literaturschau ............................................................... 60 2.3.2 Diskussion der bisherigen Deutungsmuster ................... 66 3 Vorgehen ....................................................................................... 77 3.1 Probleme beim Feldzugang ...................................................... 77 3.2 Forschungshintergrund und -design ......................................... 79 3.3 Datenerhebung ......................................................................... 83 3.3.1 Literatur und Quellen für die Rahmendarstellung ......... 83 3.3.2 Primärquellen ................................................................ 84 3.3.3 Materialakquise zu den AN ........................................... 85 3.4 Quellenkritik ........................................................................... 89 3.5 Aufbereitung und Analyse des Materials .................................. 91 4 Kontext ......................................................................................... 95 4.1 Rechtsextremismus: Einordnung und Definition ..................... 95 4.2 Rechtsextremismus seit Gründung der Bundesrepublik ........... 99 4.2.1 Konturen einer sozialen Bewegung ............................. 105 4.3 Geschlechtliche Aspekte im Rechtsextremismus ......................111 4.4 Zum frühen Neonazismus in Bundesrepublik und DDR ........115 4.4.1 Definition ....................................................................116 4.4.2 Unterscheidung zwischen Neonazis und Altnazis ........118 4.4.3 Neonazismus in der DDR ........................................... 120 4.4.4 Neonazismus in der Bundesrepublik ........................... 128 4.4.5 Autoritäre Struktur, Tabubruchstrategie und Isolation des Neonazismus ....................................................133 5 Öffnungen, Entwendungen......................................................... 141 5.1 „Freie Kameradschaften“ ........................................................ 142 5.1.1 Entstehung .................................................................. 142 5.1.2 Militanzdiskussionen und „Anti-Antifa“ in der Entstehungsphase .................................................................150 5.1.3 Verbreitung ...................................................................156 5.1.4 Lockerung der Hierarchien ..........................................159 5.2 Typische Ausdrucksformen .................................................... 163 5.2.1 Der völkische „Scheitel“ .............................................. 168 5.2.2 Der Neonazi-Skinhead ................................................ 184 5.3 Kulturelle Pluralisierung seit der Jahrtausendwende ............... 196 5.3.1 Wachsende Bedeutung von Musik im Neonazismus .... 204 5.3.2 Cover linker Lieder ...................................................... 214 5.3.3 Extrem rechter Metal und Darkwave ........................... 225 5.3.4 (National Socialist) Hardcore ...................................... 236 5.3.5 Neonazistischer Rap .....................................................259 5.3.6 Extrem rechter Alltagsstil ............................................ 278 5.3.7 Zwischenfazit ............................................................... 298 5.4 „Autonome Nationalisten“ ..................................................... 303 5.4.1 Rahmenangaben ......................................................... 303 5.4.2 Aufkommen der AN: Aktionismus und Popkultur ..... 308 5.4.3 Fokus auf den „schwarzen Block“ ................................319 5.4.4 Form vor Inhalt, Aktion vor Programm: der faschistische Stil der AN ................................................ 348 5.4.5 Fokus auf die Jugend und Abschied vom „Volk“ ...........356 5.4.6 Vermittlung im Internet .............................................. 366 5.4.7 Graffiti als Form und Werbemittel .............................. 370 5.4.8 Faszination und Feindschaft: Entwendungen aus der radikalen Linken ..................................................................374 5.4.9 Dispute um die Bewegungsszene: Streitfall AN ........... 400 5.4.10 Auswirkungen auf die Alltagspraktiken ......................415 5.4.11 Geschlechterverhältnis: Männlichkeit als Norm ........ 421 5.4.12 Inhalte ....................................................................... 429 5.5 Ausblicke: Einhegung und Ausweitung ...................................459 Anhang .......................................................................................... 477 Literatur ....................................................................................... 477 Quellen ........................................................................................ 514 Biobibliographischer Hinweis .......................................................551 Register (Personen, Organisationen, Bands) ..................................552 9 Vorwort Was neu scheint, muss so neu nicht sein. Ungefähr ab dem Jahr 2003 breitete sich im bundesdeutschen Neonazismus das Schlagwort des „Autonomen Nationalismus“ aus. Es handelte sich um Jugendliche, die sich in ihren Stilisierungen nicht mehr auf die dominierenden, tradierten und limitierten Muster des Neonazismus stützten. Sie brachten stattdessen das Alte zusammen mit Popkultur und verschiedenen Formen und Phrasen aus der radikalen Linken. Sie rührten einen Symbolmix an, der so militant wie widersprüchlich war: Horst Wessel und Bart Simpson; Runen-Schick und „schwarze Blöcke“. Ihr schneller Erfolg gab den „Autonomen Nationalisten“ Recht, zum Schrecken der Orthodoxie in den eigenen Reihen, für die sich „Heimattreue“ auf ewig nur über Scheitel und Braunhemd auszudrücken hat. Doch die „Autonomen Nationalisten“ bewiesen mit jugendlichem Selbstbewußtsein, daß Nationalsozialismus auch in zeitgemäßem Gewand und mithilfe linker Formen und Symbole funktioniert. War es etwas Neues, was die „Autonomen Nationalisten“ taten? Ernst Bloch hat schon in den 1930er Jahren die Anziehungskraft der Nazis in der Weimarer Republik untersucht. Auf welches Alltagsbewußtsein stützte sich die Propaganda, wie gelang es ihr, die Basis unter Bauern und Bürgertum, vor allem aber auch in der Arbeiterschaft zu verbreitern? Bloch klagte den systematischen Raub und Betrug der Nazis bei der kommunistischen Bewegung an. Mittels „Entwendungen aus der Kommune“ bemächtigten sich die Nazis des linken Befreiungsversprechens. Das Repertoire der Linken wurde aufgegriffen – , Massendemonstrationen, Arbeiterlieder und vieles mehr adaptiert. Gleichzeitiges und Ungleichzeitiges, linker Widerspruch zum Kapitalismus und Sehnsüchte nach alter Zeit wurden auf symbolischer Ebene einverleibt. Die erneute Lektüre der Analysen Blochs 10 Schulze, Etikettenschwindel zeigt, dass das Tun der „Autonomen Nationalisten“ so tollkühn gar nicht war und ist. Sie wiederholen einen Etikettenschwindel, den schon ihre historischen Vorbilder zu Genüge praktiziert hatten. In der Konkurrenz zur Linken übernehmen sie, wenn es opportun scheint, deren Mittel. Damals war es der Werbefeldzug durch proletarische Viertel, heute zielt man auf Jugendliche, und es ist der „schwarze Block“, der kopiert wird; damals war es die Schalmeienkapelle, heute ist es Hardcore-Musik. Bloch wusste indes auch um die Historizität von Symbolen und Formen. Wenn er von „Entwendungen“ und „Raub“ schrieb, zielte er auf die konkrete, auf den politischen Feind zielende Aneignungspraxis der Nazis; mit seinen Vokabeln bestritt er nicht, daß auch die linken Symbolwelten selbst Ergebnisse von Prozessen, Aneignungen und Umdeutungen waren. Die „Autonomen Nationalisten“ können sich bei ihren zeitgenössischen Entwendungen zusätzlich auf die Zitierfreude der Popkultur, auf die Stilbasteleien in den Jugendkulturen stützen. Doch auch sie sind nicht „nur“ Pop, dem ersten Anschein entgegen können sie nicht völlig frei brikolieren, sondern sind gewissen, ihrer politischen Natur geschuldeten Zwängen ausgesetzt. Insofern: Es gibt kein völlig freies Zitieren, keine entgrenzten Stilkreationen. Es gab keine queeren Neonazis, keinen Neonazi-Jazz und auch für die Zukunft scheint solches schwer vorstellbar. Nun sind die Verhältnisse in der Bundesrepublik des frühen 21. Jahrhunderts nicht mit der Weimarer Republik gleichzustellen. Auch die Größenordnung und die tatsächliche äußere Erscheinung der Bewegungen differiert maßgeblich. Militante Neonazis stellen dennoch konkrete, auch physische Gefahren dar. Dieser Umstand lässt sich bei weitem nicht nur mit dem Hinweis auf die NSU-Morde belegen. Völkisches, antisemitisches, rassistisches, faschistisches Denken und entsprechende politische und kulturelle Erscheinungen in unterschiedlichem Zuschnitt sind auf absehbare Zeit als Herausforderungen der demokratischen Kultur ernst zu nehmen; und zwar von scheinbaren Kuriosa wie der „Reichsbürger“- Ideologie bis zur Frage, ob der völkische Nationalismus in der „Alternative für Deutschland“ nur ein Einsprengsel ist oder ob er hegemonial werden wird. In dieser Gemengelage sind die physischen und symbolischen Kämp- 11 Vorwort fe um gesellschaftliche Raumhoheit, die die „Autonomen Nationalisten“ führen, nur ein Teilaspekt. Aus einer Betrachtung ihrer symbolpolitischen Wendigkeit, ihrer formellen und inhaltlichen Flexibilität, aus ihrer Experimentierfreude läßt sich jedoch ableiten, was auch in den angrenzenden Bereichen Gültigkeit hat. Die „Identitären“ werben mit Brecht-Zitaten für sich, die strahlend-gelbe Sonne fordert inzwischen nicht mehr nur „AKW nee“, sondern auch „Nein zum Heim“, die traditionalistische Neonazigruppe „Der Dritte Weg“ lässt „schwarze“ Blöcke auf Demonstrationen marschieren. Die Internetblogs der „Autonomen Nationalisten“ werden abgelöst von der Facebook-Agitation neuer parteiförmiger oder noch loserer Formationen. Die vorliegende Studie untersucht vor allem anhand von Primärquellen den Charakter der deutschen „Autonomen Nationalisten“, wie sie sich zwischen 2003 und 2014 entwickelten und darstellten. Das Phänomen ist beileibe nicht verschwunden, wenngleich im Neonazismus immer seltener das Schlagwort der „Autonomie“ gebraucht wird. Bei ihrer über ein Jahrzehnt andauernden Existenz darf man dennoch unterstellen, daß es sich nicht um ein bloßes, folgenloses Modephänomen im Neonazismus handelte. Die „Autonomen Nationalisten“ haben auf ihre spezifische Art in ihrem politischen Spektrum Spuren hinterlassen. Sie werden hier bearbeitet als Teil und als Fortentwicklung der „Freien Kameradschaften“, und insofern werden sie auch als Teil politischer Formationsprozesse ernst genommen. Sie werden eingeordnet in die Geschichte der extremen Rechten in der Bundesrepublik, wobei besonderes Augenmerk auf die Rolle der wechselseitigen Verklammerung von Politik und Kultur gelegt wird. Mehr noch aber sind die „Autonomen Nationalisten“ ihrem Charakter und ihrer Funktion nach ein Stil, ein Operationsmodus, der es ermöglicht, Brücken zwischen „Bewegung“ und Jugendszenen zu schlagen. Dies – zumindest halbwegs – erreicht zu haben, ist der Dienst, den die „Autonomen Nationalisten“ dem Neonazismus geleistet haben. Von Bedeutung ist, daß die Entstehung der „Autonomen Nationalisten“ keineswegs Ergebnis einer erklärten, geplanten kulturellen Subversionsstrategie war. Hier bildet sich Dynamik und Ausprobieren ab, jugendlicher Provokationsdrang nach 12 Schulze, Etikettenschwindel Innen und nach Außen, die lockere Suche nach Neuem, das als Werbeträger funktionieren könnte. Das war und ist bedeutsamer als Taktik und Strategie und allemal bedeutsamer als programmatische Konsistenz, die in faschistischen Bewegungen historisch noch nie ausschlaggebend war. Die Grundkonstellation ist für die „Autonomen Nationalisten“ nicht viel anders als für andere Faschisten: Mit den Mitteln der Moderne gegen die konkrete Moderne kämpfen, gegen Aufklärung, unteilbares Menschenrecht, für ein Wiederaufleben eines mythischen Ur-Zustandes, für die Wiedergeburt der „geschundenen“ Nation. Die Inhalte der „Autonomen Nationalisten“ sind darum von nachrangigem Interesse; es genügt der Nachweis, daß es sich programmatisch um klassische Nazis handelt, die lieber heute als morgen beginnen möchten, neue Konzentrationslager zu errichten. Wenn hier untersucht wird, wie und warum sie was inszenieren, auf welche jüngeren Entwicklungen in ihrem Spektrum sie sich beziehen können, was sie als Akteure ausmacht, dann wird der mörderische Gehalt ihrer Ideen nicht als jugendlicher Exzess kleingeredet. Vielmehr: Die Faktoren Kultur und Bewegung werden im Falle der „Autonomen Nationalisten“ mit einkalkuliert, weil sich dadurch das Fortbestehen nationalsozialistischer Ideologie erklären läßt. Für die Unterstützung, Anregungen, Diskussionen und Ermutigungen möchte ich mich beim wissenschaftlichen Betreuer dieser Dissertation, Hermann Haarmann (Berlin) und dem Zweitbetreuer Fabian Virchow (Düsseldorf) bedanken. Für meine Recherchen war ich auf die Unterstützung mehrerer Institutionen angewiesen. Hervorheben möchte ich das „Antifaschistische Pressearchiv und Bildungszentrum“ (Apabiz) in Berlin, dessen umfangreiche Bestände eine wesentliche Basis für meine Arbeit waren. Für ihre Kommentare und Diskussionsbereitschaft danke ich desweiten Bianka Bardeleben, Felix Hansen, Thorsten Hindrichs, Silke Hünecke, Ulrike Imhof, Dagmar Lieske, Yves Müller, Jan Raabe, Michael Saager, Nils Schuhmacher, Ursula Schulze und Michael Weiss. Ein Dank gilt auch den Fotografen, die mir verschiedene Bilder für die Illustration der Arbeit zur Verfügung gestellt haben: Alwin Meyer, Christian Ditsch, Marek Peters, Sascha Rheker sowie die Mitarbeiterinnen und Mitarbei- 13 Vorwort ter der Agenturen Attenzione, Recherche Nord, Presseservice Rathenow und die Nordstadtblogger aus Dortmund. Ebenfalls schulde ich der Hans- Böckler-Stiftung gebührenden Dank, die mir durch die Gewährung eines Promotionsstipendiums die Arbeit an dieser Studie erst ermöglicht hat. Berlin, im Februar 2017 Christoph Schulze 15 1 Einleitung 1.1 Vorbemerkungen und Einordnung Der marxistische Philosoph Ernst Bloch hat – vor allem in seinem am Anfang der 1930er Jahre geschriebenen und erstmals 1935 publizierten Aufsatzband Erbschaft dieser Zeit (Bloch 1962) – eine frühzeitige und scharfe Analyse der politischen Werbestrategie des historischen Faschismus in Deutschland vorgelegt. Durch „Entwendungen aus der Kommune“ sei es den Nazis in der Weimarer Republik gelungen, vermehrt Anhang in der Arbeiterschaft zu gewinnen – ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Machtübernahme 1933. Mit „Entwendungen“ meinte Bloch die Übernahme von Symbolen und Formen aus der revolutionären wie der reformistischen Arbeiterbewegung. Das Befreiungsversprechen, welches die rote Fahne, Arbeiterlieder und Massendemonstrationen transportierten, wurde von den Nazis okkupiert. Seit einigen Jahren ist nun vermehrt Ähnliches zu beobachten: Junge Neonazis nehmen Anleihen bei der politischen Linken, aber auch in der Popkultur: Mode, Musik, Parolen, Formen und Themen aus der Linken werden von Neonazis besetzt. Wo früher die Rede von „den Autonomen“ eine linksradikale politische Bewegung bezeichnete, gibt es inzwischen auch die „Autonomen Nationalisten“. Auf den ersten Blick ist die Entwendungstheorie von Bloch noch immer hochaktuell: Nazis verleiben sich die Symbole der Linken ein. Auf einen zweiten Blick ergeben sich durch eine Übertragung der historischen Analyse Blochs auf das Jetzt weitergehende Fragen. Die sozialen, ökonomischen und politischen Verhältnisse unterscheiden sich fundamental von denen der Weimarer Zeit. Die ehedem beerbte Mode, Musik, die Parolen, Formen und Themen sind 16 Schulze, Etikettenschwindel andere als damals. Milieu und Kultur der Arbeiterschaft haben massiv an Bedeutung verloren. Der Neonazismus dynamisiert sich maßgeblich durch seine Präsenz in den Jugendkulturen und er ist selbst gewissermaßen „verszent“, vermittelt sich durch Popkultur und somit durch einen Faktor, den es zu Blochs Zeiten in dieser Form und Wirkbreite nicht gab und der nicht im Blick der Blochschen Theorie war. Die vorliegende Arbeit untersucht die aktuelle Entwicklung vor dem Hintergrund der Analysen Blochs und prüft die Möglichkeit einer modifizierenden Übertragung. Solch ein Abgleich bietet sich an, war Bloch doch einer von nur wenigen in seiner Zeit, der aus einer entsprechenden Perspektive eine Untersuchung zur Attraktivität nationalsozialistischer Ideologie und Politik vorlegte. Seine Untersuchung hat bisher keine Aktualisierung über die Zeit zunehmender Faschisierung während der Weimarer Republik hinaus erfahren. Der deutsche Rechtsextremismus ist, wie schon angedeutet, in den vergangenen Jahren in nicht unwesentliche Bewegung geraten. Die Veränderungen sind dabei vor allem kultureller und organisatorischer, aber nur in geringem Maße ideologischer Natur1: Der Rechtsextremismus ist in seinen Ausdrucksformen vielfältiger geworden und hat sich darüber modernisiert. Gerade der Neonazismus, ein eindrücklich radikales Teilspektrum, hat diese Innovationen hervorgebracht und kultiviert. Nicht wenige Medien greifen für die Berichterstattung über Rechtsextremismus indes weiterhin auf Archivfotos von martialischen Skinheads zurück. Auch wenn die Realität auf den Aufmärschen seit Jahren anders aussieht, sind Bilder von Skinheads und ihren schweren Stiefeln zu gesellschaftlichen Symbolen für den Rechtsextremismus avanciert, welche 1 Die letzte einschneidende Innovation in der Programmatik, die Idee eines „Ethnopluralismus“, wurde bereits in den 1970er Jahren in Deutschland eingeführt. Die dahinter stehende Neue Rechte kann als Ausdruck eines Modernisierungsschubs gewertet werden (Schmidt 2001; Benthin 2004, 27). Die verstärkte Hinwendung der extremen Rechten zur Thematisierung der sozialen Frage seit etwa der Jahrtausendwende soll hier eher als Akzentverschiebung gewertet werden. 17 Einleitung erstaunlich beständig reproduziert werden.2 Die Realität des neuen, sozusagen bunten Neonazismus taugt dann an anderen Stellen über ebenso viele Jahre als nachrichtenwerte Neuigkeit: Neonazis verkleiden sich als Autonome titelte etwa im Jahr 2004 die Berliner Zeitung und staunte über den „Image-Wechsel“ (Kopietz 2004) der gewaltbereiten Rechtsextremen. Auch Spiegel Online wusste 2007 zu berichten, dass Neonazis sich „verkleiden“ würden, um Linke abzuwerben: Es seien „Tarnkappen-Nazis“ (Nowack und Flohr 2007). Im Jahr 2009 schrieb wieder Spiegel Online im gleichen Tonfall, dass die Neonazis vor allem „rechte Schläger“ seien, die nunmehr aber „im Kapuzenpulli“ auftreten würden (Sundermeyer 2009). Bei Zeit Online konnte man dann 2012 über die „neuen Nazis“ lesen, dass diese „Turnschuhe statt Springerstiefel, Kapuzenpullover statt Bomberjakke“ tragen würden (Radke und Staud 2012). In der vorliegenden Arbeit werden jedoch nicht die Konjunkturen der Wahrnehmung des Neonazismus durch die Medien untersucht. Die erwähnten Irritationen verweisen allerdings darauf, dass gravierende Defizite bestehen, den gegenwärtigen Neonazismus und seine Erscheinungsformen einzuordnen. Die neonazistischen Innovationen werden in der vorliegenden Arbeit am Beispiel der „Autonomen Nationalisten“ (im Folgenden abgekürzt als AN) untersucht. Die AN sorgen mit militanten Demonstrationen und ihrem popkulturell beeinflussten Stil seit über einem Jahrzehnt für Aufsehen und Verwirrung. Ihr Stil hebt sich von bislang bekannten neonazistischen Strömungen ab. Der in den 1970er Jahren entstandene deutsche Neonazismus war weitgehend selbstreferenziell, starr und beschränkt in Inhalt und Ausdruck. Als kulturelle Typen brachte er vorrangig den NS-nostalgischen, völkisch orientierten „Scheitel“ sowie den proletarisch-zupackenden Neonazi-Skinhead hervor.3 Schon durch letzteren Typus fand allerdings 2 Als ein Beispiel kann die Berichterstattung des Rundfunks Berlin-Brandenburg gelten (rbb-online.de 2013). Vergleiche ebenfalls die Berichterstattung der Onlineausgabe der Berliner Zeitung (Blankennagel 2014). 3 Diese ästhetischen Typen können in weitgehender Übereinstimmung mit denen (eher handlungsorientierten) des „politischen Soldaten“ bei Hennig (Hennig 1983) für den völkischen „Scheitel“ und des mit denen des rechten „Schlägers“ bei Steinert (Steinert 1994, 99) für den Neonazi-Skinhead gesehen werden. Es sollen hier jedoch die eingeführten Begriffe genutzt wer- 18 Schulze, Etikettenschwindel eine erste Öffnung zur Popkultur Eingang in den Neonazismus. Auch die Rockmusik der Skinheads ist Pop, hat ihren Ursprung im Blues mit seinen schwarzen Wurzeln (Friedlander und Miller 1996) und somit wurde ein hedonistisches, jugendkulturelles Element in den Neonazismus eingelagert. In den letzten Jahren erfolgten weiterreichende kulturelle Öffnungen: Neben „Scheiteln“ und Skinheads sind auf neonazistischen Demonstrationen mittlerweile Angehörige unterschiedlicher Jugendkulturen zu sehen, deren Fundus an Symbolen auf je unterschiedliche Art so arrangiert ist, dass er das Etikett „Nationalsozialismus“ tragen kann. Verschiedene extrem rechte Alltagskulturen sind entstanden, die bei aller kulturellen Differenz durch das Bekenntnis zum Nationalsozialismus geeint sind. Dass dabei Inkohärenzen entstehen, ist Gegenstand von Auseinandersetzungen, wird jedoch hingenommen. Das vorliegende Buch geht diesem neuen Neonazismus auf den Grund und destilliert mit hermeneutischem Ansatz seine Voraussetzungen, Intentionen und Folgen aus den Primärquellen und führt die Analyse zu einer Gesamtdarstellung zusammen. Diese wird mit Blochs Theorie gekoppelt und abgeglichen: Wieweit ist das Vorgehen kulturpolitische Taktik und „metapolitische“ Strategie, wieweit ist es Ausdruck einer kulturellen Dynamik? Dass die neuen Neonazis in „falsche“ Rollen schlüpfen und freimütig in ihnen einstmals fernstehenden Kulturen nach Symbolen und Formen suchen, ist dabei eines ihrer Merkmale. Der Bedeutungsgehalt eines Symbols wie der Kufiyah (Palästinernsertuch) verändert sich in dem Moment, wo es von Neonazis getragen wird. Was ein antibritisches und dann antiisraelisches Kleidungsstück und Nationalsymbol im palästinensischen Widerstand war, wurde zu einem Accessoire von antiimperialistischen Linken, dann ein weitgehend bedeutungsloses Modestück im Mainstream – und zeitgleich eine Erscheinung bei vielen Neonazi-Demonstrationen, die in den, da sie etwas genauer erscheinen: Auch der Neonazi-Skinhead schreibt sich selbst soldatische Eigenschaften zu; die Rede vom „politischen Soldaten“ ist stark an den Sprachgebrauch des historischen Nationalsozialismus gekoppelt. 19 Einleitung diesem Kontext Antisemitismus kommuniziert. Allein durch eine solche Rekontextualisierung macht sich die Übernahme möglich. Ob ein Symbol eine Essenz hat, ob es also jemandem „gehört“ und eine ihm eingeschriebene feststehende Bedeutung hat – wie Blochs Vokabeln von „Raub“ und „Entwendung“ es suggerieren –, sind für die vorliegende Arbeit zweitrangige Fragen. Eher interessieren Gründe, Begründungen und Effekte dieser Übernahmen und Rekontextualisierungen. Die Art und Weise und die Zeit, in der die Übernahmen geschehen, machen im Fall der AN die Spezifika aus. Die AN haben und mit ihnen hat der Neonazismus einen Stil entwickelt, der sich auf „zeitgemäße“ Entwendungen stützt. Das hat einerseits ein strategisches Moment, denn mittels neuer Formen werden neue Zielgruppen für die politische Werbung erschlossen. Andererseits finden sie in der Regel nicht zielgerichtet und geplant statt, sondern sie entwickeln sich, angetrieben durch eine kulturelle Dynamik, aus sich selbst heraus. Hardcore-Musik wird von Neonazis gespielt, und so tröpfeln auch nicht-musikalische Aspekte der Hardcore- Jugendkultur in den Neonazismus hinein – modisch, aber auch im Lebensstil („Straight Edge“). Ein Anhänger des neonazistischen Hardcores will authentisch „hardcore“ sein, und er erschließt sich den Zeichenkosmos dieser „Wirtskultur“. Er übernimmt, was attraktiv erscheint, bastelt, wo nötig, eine mit der nationalsozialistischen Ideologie kompatible Begründung für sein Tun zurecht und ignoriert die Inkohärenzen, die er dabei produziert. Dies ist Ausdruck einer kulturellen Dynamik, die nicht zentral gesteuert wird und wohl auch kaum steuerbar ist. Der Neonazismus ist experimentierfreudig geworden. Er hat einen ludischen, also einen spielerisch-experimentierenden Stil kultiviert und profitiert von dessen Auswirkungen. Das impliziert jedoch keine Beliebigkeit, denn in den inhaltlichen Kernfragen ist ein hoher Grad an Beständigkeit aufzufinden. 1.2 Forschungsinteresse Die vorliegende Arbeit gibt sich die Aufgabe zu überprüfen, ob in Hinblick auf die jüngeren Entwicklungen im Neonazismus von „Entwendungen“ 20 Schulze, Etikettenschwindel im Sinne Ernst Blochs gesprochen werden kann. Wo liegen Übereinstimmungen und wo Unterschiede zwischen der historischen Analyse und der jetzigen Situation? Die AN dienen dafür als Fallbeispiel und Untersuchungsobjekt, da sie deutlichster Ausdruck und Kulminationspunkt der neueren Wandlungen im Neonazismus sind. Die Übernahmen aus der radikalen Linken und der Popkultur – aus zwei unterschiedlichen Bezugsystemen, die nach unterschiedlichen Logiken funktionieren – werden dargestellt und gedeutet. Auch die Ambivalenz zwischen Antimoderne und Moderne im Faschismus wird angesprochen. Ihre zeitgenössische Verhandlung bei den AN ist Gegenstand der Untersuchung, weil ihre antimoderne politische Zielsetzung und die modernen Methoden (und zwar maßgeblich im Bereich der popkulturellen Inszenierung) in den Fokus genommen werden. Gerät die Stellungnahme für den Nationalsozialismus und für das „Deutschtum“ zu einem Lippenbekenntnis, wenn dazu eine scheinbar im Widerspruch stehende Kultur praktiziert wird? Der Blick auf die Ambivalenz von Moderne und Antimoderne im Faschismus, der mit modernen Mitteln die Moderne bekämpfte (Turner 2011; Bavaj 2003), wird so um eine aktuelle Perspektive erweitert. Die Genese der AN ist dabei von besonderem Interesse, weil in ihr die Dynamik zwischen Kultur und Politik sichtbar wurde. Die Hauptfrage in Hinblick auf das Untersuchungsobjekt lautet: Aus welcher Vorgeschichte heraus wird was aus welchen Gründen und mit welchen Folgen durch den Neonazismus übernommen? Das Entstehen und Bestehen der „Autonomen Nationalisten“ als neonazistischer Strömung zwischen Szene und Bewegung wird analysiert. Im Einzelnen: - Wie war der Neonazismus vor den Öffnungen strukturiert? Welches politische wie kulturelle Repertoire hatte er zur Verfügung? Gab es einen Modernisierungsstau? - Was wird durch den Neonazismus übernommen? Wie sind die Übernahmen konkret gestaltet? - Wie werden die Übernahmen plausibilisiert? Was sind ihre Ziele und Zielgruppen? Aus welcher Dynamik heraus und wie absichtsvoll erfol- 21 Einleitung gen sie? Wie und mit welchen Argumenten werden die Diskurse darum innerhalb des Neonazismus geführt? - Wie wirken sich die Übernahmen auf die Verfasstheit des Neonazismus insgesamt aus? Hat sich der Stil der neonazistischen Politik gewandelt? 1.3 Thesen Die neonazistischen „Autonomen Nationalisten“, die sich in den letzten Jahren formiert haben, sind rein zahlenmäßig überschaubar. Ihr schnelles Wachstum, die Aufmerksamkeit, die sie auf sich ziehen und die Dynamik, die sie versprühten und teilweise noch versprüht, weisen jedoch darauf hin, dass es sich nicht um ein Randphänomen handelt. Die Betrachtung der AN als Strömung im Neonazismus ist entsprechend in die Betrachtung des Gesamtphänomens einzubetten. Bis in die 1990er Jahre hinein verfügte der Neonazismus über ein vergleichsweise starres und historisch ausschließlich rückwärtsgewandtes Repertoire. Die historische nationalsozialistische Bewegung sollte wiederbelebt werden, und dafür wurden deren Rituale, Sprache und Symbole bis ins Detail imitiert. Die typische Tracht dieses alten Neonazismus war das Braunhemd. Die gesellschaftlichen Realitäten der Bundesrepublik wurden als kulturdekadente Hinweise auf Zerfallserscheinungen gedeutet – man tat, als herrsche eine zweite Kampfzeit in einem neuen Weimar und könne mit den bewährten Methoden eine neue „Machtübernahme“ herbeiführen. Diese Formstrenge des Neonazismus ist mittlerweile von einem neuen Umgang mit Formen überlagert. Der Neonazismus hat sich dabei und dadurch modernisiert. Das Auftreten der AN ist deutlichster Ausdruck dessen, jedoch sind die AN nicht die alleinigen Repräsentanten der Modernisierung. Ein Misstrauen gegen den Zeitgeist, ein Unbehagen gegenüber als „undeutsch“ empfundener Kultur, ein ständiges Wittern und Beklagen von Kulturverfall ist bei den AN als Hintergrundrauschen so wie bei anderen Neonazis zu finden, wird von ihnen allerdings seltener artikuliert. Im Gegenteil sogar: Populäre Kultur, Anglizismen, Modeerscheinungen werden von ihnen offensiv genutzt. AN suchen Symbole aus der Popkultur 22 Schulze, Etikettenschwindel und aus dem Symbolvorrat ihrer politischen Feinde zusammen und stellen daraus ein eigenes Symbolsystem zusammen. Derartiger Etikettenschwindel der AN ist keine historische Einmaligkeit. Im Gegenteil: Gerade Ernst Bloch hat herausgearbeitet, dass auch vom historischen Nationalsozialismus Symbol- und Kultur-„Räubereien“ vorgenommen wurden.4 Die jetzigen Entwicklungen können als „Entwendungen“ im Sinne der Theorie Blochs gewertet werden. Kontext und konkrete Ausprägung unterscheiden sich allerdings vom historischen Beispiel. Darüber hinaus sind Zielgruppe und Genese der Übernahmen jeweils andere: neuerdings Jugend (statt Arbeiterschaft) und durch eine kulturelle Dynamik und die organisatorischen Entwicklungen im Neonazismus herangewachsen (statt eines geplanten Betrugs). Möglich geworden sind die neuen Entwendungen durch folgende Faktoren: - Entwicklungen im organisierten Neonazismus, namentlich das Kameradschaftsmodell, haben flachere Hierarchien und eine Experimentierfreudigkeit in den Formen begünstigt; 4 Der reine Bezug auf das historische Vorbild im alten Neonazismus kann vor diesem Hintergrund sogar als Ausnahme von der Regel gedeutet werden. Ein Seitengedanke: Der Blick auf die historischen Nazis erlaubt es auch, das manchmal anzutreffende mediale Staunen über die Internetnutzung von Neonazis abzufedern. Warum sollten junge Neonazis nicht Angebote wie Tumblr, Facebook, Youtube nutzen? Überraschend wäre eher, wenn sie es nicht täten und sich über eine solche Medienabstinenz von ihren Generationsgenossen abhöben. Die historischen Vorbilder nutzten die damals neuen und hochmodernen Medien wie Rundfunk und Film für ihre Zwecke (Rafael 2014). Auch salafistische Gruppierungen in Deutschland – die, bei allen Unterschieden, wie Neonazis eine antisemitische, antidemokratische und antimoderne Ideologie vertreten – nutzen moderne internetbasierte Medienstrategien (Steinberg 2013; Holtmann 2014). Gleiches gilt für viele internationale islamistische Gruppierungen (Richter 2011). Noch weitergehend: Anhand der politischen Biografie von Sa‘id Hawwa schildert der Verfassungsschutzmitarbeiter Behnam T. Said, dass in der Entstehung des modernen internationalen Islamismus Entwendungen aus der Linken vollzogen wurden. Hawwa, der aus einem sozialistisch geprägten Viertel in der syrischen Stadt Hama stammte, hatte in seinem Aktivismus „schnell gelernt, sich die Mittel der Marxisten anzueignen, wenn er auch deren Ideologie nicht teilte“. Der islamistische Theoretiker Sayyid Qutb vertrat indes die Ansicht, dass eine islamistisch bewusste „Avantgarde“ die revolutionäre Vorarbeit leisten müsse. Solche Ideen bezog er laut Said aus „sozialistisch-revolutionären Theorien, die er islamisch ausschmückte“ (Said 2015, 21–23). 23 Einleitung - durch die Entwendungen hat der Neonazismus augenfällige Vorteile: Er ist nämlich durch den Zugriff auf neue Zielgruppen rekrutierungsmächtiger geworden; - er hat die Form einer sozialen Bewegung angenommen, wodurch erfolgreich Muster aus anderen Bewegungen und den ihnen eigenen Kulturen integriert werden können; - er hat sich darüber hinaus umfassend kulturalisiert und „verszent“: Zugang für Interessierte kann über Partizipation an seinem mittlerweile vielfältigen und ausdifferenzierten Angebot an jugendkulturellen Stilen hergestellt werden; - der Faschismus allgemein hatte und hat kein starres, sondern ein bewegliches Programm; er ist in seinen Formen stets flexibel gewesen; - gesamtgesellschaftlich ist das Zitieren und Rearrangieren von Symbolen und Zeichen angestiegen; ihr Bedeutungsgehalt ist dabei nicht verschwunden, jedoch flexibler und deutbarer geworden. Es wäre falsch, dem neuen Neonazismus eine völlige Beliebigkeit in seinen Formen zu attestieren. Die angesprochene gesellschaftliche Zitationsfreude und Individualisierung spiegeln sich im Neonazismus wider, dennoch übernimmt der Neonazismus nicht wahllos, sondern stets im Dienste seiner Ideen. Ein Glaube an einen großen Gesellschaftsentwurf fehlt dem Neonazismus nicht – der „nationale Sozialismus“ mit dem Wunsch nach einer widerspruchsfreien und ethnisch homogenen Volksgemeinschaft ist ein zwar furchtbarer, aber nichtsdestotrotz umfassender Gesellschaftsentwurf. Der neue Neonazismus hat die Eckpfeiler der nationalsozialistischen Ideologie in Gänze verinnerlicht. Diese Grundlage wird nicht verlassen, sie stellt sein Standbein dar. Jedoch sucht der Neonazismus nach neuen Formen, Symbolen und Themen. Diese Experimentierfreude stellt ihn vor Herausforderungen, lässt die eigene Identität nicht unberührt, macht ihn aber flexibler und rekrutierungsmächtiger. Dieser experimentelle, verspielte Umgang mit Einflüssen von außen soll als „ludischer“ Neonazismus beschrieben werden. Er speist sich aus den zahlreichen kulturellen Einflüssen 24 Schulze, Etikettenschwindel und neuen Formen, die in die Praktiken des Neonazismus Eingang gefunden haben. Durch die (jugend-) kulturelle Öffnung sind zuvor vehement abgelehnte Erscheinungen integriert worden. 25 2 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen 2.1 Ernst Blochs Analyse der „Entwendungen aus der Kommune“ Wenn in der vorliegenden Arbeit von der kulturellen Öffnung des gegenwärtigen Neonazismus und den damit einhergehenden Übernahmen aus der Popkultur und der Linken die Rede ist, geschieht dies vor dem Hintergrund einer länger zurückliegenden Analyse. Inspirationsquelle ist die philosophisch-gesellschaftliche Betrachtung der Agitationsmethoden der historischen Nazis, welche Ernst Bloch frühzeitig als „Kritik im Handgemenge“ (Negt 1972, 431) mit „bewusst tendenziöser“ Position (Schmid Noerr 2016, 85) zu einer wissenschaftlich beglaubigten Darstellung vorangetrieben hat. Vor allem in der erstmals 1935 erschienenen Aufsatzsammlung Erbschaft dieser Zeit – einem „der größten Kampfbücher gegen den Faschismus“ (Reinicke 1974, 197) – wird dieses Narrativ entfaltet.5 Bloch beschreibt, welche Faktoren neben der ökonomischen und politischen Krise dem Nationalsozialismus in der Weimarer Republik zu seinen Rekrutierungserfolgen verhalfen und wo es von antifaschistischer Seite aus Versäumnisse gab. „Welche Felder ließ die sozialistische Taktik und Lehre unbesetzt? Wie konnte sich stattdessen die faschistische Seite ‚Affekte, Stimmungen und Tendenzen‘ zunutze machen?“, fasst Klaus Mann zusammen (Mann 1985, 162). Die Herangehensweise Blochs betrifft den Be- 5 Die vorliegende Arbeit stützt sich auf die Auflage von 1962, die im Suhrkamp-Verlag erschien ist. Der entscheidende Abschnitt Inventar der revolutionären Scheins hat in der Erstauflage eine Entsprechung im Abschnitt Statt dessen brauner Diebstahl und wurde für die Nachauflagen von Bloch überarbeitet, wie Horst Hansen anmerkt (Hansen 1998, 153). 26 Schulze, Etikettenschwindel reich der Kommunikation, weil sie die Produktion faschistischer Öffentlichkeit, das heißt „massenkommunikative Strategien“ (Vogt 1985, 105), politische Werbung und die „Funktions- und Wirkungsweise ästhetischer Medien im System der nationalsozialistischen Massenformierung“ bearbeitet (Vogt 1985, 117–119). Gezielt, so beschreibt es Bloch, hätten die Nazis sich mit einem „revolutionären Schein“ umgeben, um mittels „Entwendungen aus der Kommune“ Anhänger in der mehrheitlich links orientierten Arbeiterschaft zu gewinnen (Bloch 1962, 70). Die Neigung, „Bestände aller Kulturphasen sich einzugliedern“, gehöre allgemein „zum Wesen der fascistischen Ideologie“, so Bloch an anderer Stelle (Bloch 1967, 195; Ueding 1974, 16). In der konkreten Situation in der Weimarer Republik hätten die Nationalsozialisten allerdings einen besonders bemerkenswerten „Schandpragmatismus“ (Bloch 1962, 74) an den Tag gelegt, der ihnen erlaubte, für ihre Kopien überall dorthin zu greifen, wo sie Anregungen für Propagandastrategien fanden. Schon in Hitlers Schrift Mein Kampf (1924 und 1926 in zwei Bänden erschienen) wurde ein Blick auf die linke Agitation eingeräumt, die nicht nur pragmatisch motiviert war, sondern sich auch aus einer Bewunderung für die Aura linker politischer Werbung speiste. Über eine kommunistische Kundgebung in Berlin schrieb Hitler, dass ihn das „Meer von roten Fahnen, roten Binden und roten Blumen“ fasziniert habe: „Ich konnte selbst fühlen und verstehen, wie leicht der Mann aus dem Volke dem suggestiven Zauber eines solchen grandios wirkenden Schauspiels unterliegt.“ (Hitler 1943, 552) Bloch beschreibt die „Entwendungen aus der Kommune“: 1. Man stahl zuerst die rote Farbe, rührte damit an. Auf Rot waren die ersten Kundgebungen der Nazis gedruckt, riesig zog man diese Farbe auf der schwindelhaften Fahne aus6 […] 2. Dann stahl man die Straße, den Druck, den sie ausübt. Den Aufzug, die gefährlichen Lieder, welche gesungen worden 6 Ein weiterer Aspekt: Die Hakenkreuzfahne der Nazis kombinierte drei Elemente miteinander und nahm auch explizit Bezug auf das Rot der Arbeiterbewegung: 1. Das Hakenkreuzsymbol verwies auf einen nordisch-arischen Mythos, 2. die Fahne kombinierte die Farben Schwarz, 27 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen waren. Was die roten Frontkämpfer begonnen hatten: den Wald von Fahnen, den Einmarsch in den Saal, genau das machten die Nazis nach. 3. Zuletzt noch gibt man vor, nichts zu denken, als was die Dinge verändert. […] Goebbels erklärte ausdrücklich den Film ‚Potemkin‘ als vorbildlich […]. Wichtig ist […] nicht, wie gut oder schlecht das gespielte Stück war, sondern in welcher Stimmung der Zuschauer das Theater verlässt. (Bloch 1962, 70–72) Bloch zählt unterschiedliche „Embleme“ – Symbole und Formen (Korngiebel 1999, 238, 2012, 477–478) – auf, welche die Nazis übernahmen. Auch Schlagwörter wurden im faschistischen Sinne umgedeutet: „Humanität, Kollektivsicherheit, Pazifismus, rote Fahne, erster Mai, Hammer und Sichel, zuletzt sogar Volksfront im Dienst des realen Gegenteils“ (Bloch1972, 98). Mit politischer Werbung, provokanten Aufmärschen, Angriffen und auch über die Einrichtung von Sturmlokalen und SA-Heimen wurde in den großstädtischen Zentren der Arbeiterbewegung versucht, Zugang zu den „roten“ Vierteln zu finden. Exemplarisch ist die Agitationstätigkeit des späteren „Märtyrers“ Horst Wessel. Der Sohn eines nationalistischen evangelischen Pfarrers baute in den 1920er Jahren in Berlin mit einem SA- Sturm auf. In das Instrumentarium seiner Gruppe integrierte Wessel unter anderem Propagandafahrten in das Berliner Umland sowie provokante und von gewaltsamen Auseinandersetzungen begleitete Umzüge durch Arbeiterviertel.7 Sogar eine Schalmeienkapelle kam dabei zum Einsatz. Solche Musikgruppen waren bis dahin ausschließlich als kommunistische Werbeträger geläufig (Siemens 2009).8 Diese Adaption fand in die spätere Selbstdar- Weiß und Rot und verwies so auf den Reichsgedanken, 3. war das Rot nicht zufällig als Grundierung gewählt, sondern auf die kommunistische Fahne gemünzt (Hitler 1943, 557). 7 Der „Kampf um Berlin“ durch die SA ist dabei ein Erinnerungsort, der von der nationalsozialistischen Propaganda zeitweise massiv bedient wurde. Es handelt sich darum auch um einen „nationalsozialistischen Mythos“ (Siemens 2012). Neuere kleinteilige historische Arbeiten zu Gesamt-Berlin (Reschke 2014, 106) und zu einzelnen Bezirken wie Neukölln (Kessinger 2013) oder dem Prenzlauer Berg (Reschke 2008) zeichnen vielschichtige Bilder der zeitgenössischen Auseinandersetzungen der SA mit den Linken und ihrem Wirken in den Arbeitervierteln. 8 1931 wechselte die Wessel-Kapelle in die „Stennes-SA“ der „Nationalsozialistischen Kampfbewegung Deutschlands“ (NSKD) von Walther Stennes, schloss sich also der inner-nationalsozialistischen Strömung an, die gegen den Legalitätskurs Hitlers in dieser Zeit opponierte und 28 Schulze, Etikettenschwindel stellung der „Kampfzeit“ Eingang. Im Roman Die SA erobert Berlin von Wilfried Bade von 1934 wird die Entwendung der Schalmeienkapellen geschildert: Für den Horst-Wessel-Sturm, der mitten in die Kommune marschiert, muß etwas her, was die Kommunisten aufreizt […], was sie ein bißchen ärgert […]. Was haben denn die Truppen des Rotfrontkämpfer-Bundes für Kapellen? Sie haben Schalmeien! […] Warum denn nicht? Gerade! Gerade! Die Kommune muß mit ihrer eigenen Musik gelockt und geschlagen werden. (Balistier 1989, 115–117)9 Ebenso nahm sich Wessel das Liedgut der linken Arbeiterschaft zum Vorbild. Er schrieb das Lied Die Fahne hoch, welches mit seinem Tod zur SA- Hymne wurde und nach 1933 als zweite Nationalhymne genutzt wurde. Neben der Form des Liedes erinnern auch einige von Wessels Textzeilen an für eine stärkere Thematisierung der sozialen Frage und einen revolutionären Kurs eintrat (Das Montagsblatt 1931: 69). Ich danke Daniel Siemens für diesen Hinweis. 9 Martin Schuster weist darauf hin, dass entgegen solcher NS-Propaganda die 1929 formierte Schalmeienkapelle Wessels nicht die erste ihrer Art war. Ein Jahr zuvor war eine SA-Schalmeienkapelle in Quedlinburg gegründet worden (Schuster 2004, 167–168). Abb. 1 : Musikalische Entwendungen aus der Kommune: Schalmeienkapelle der SA, Propagandabild aus einem SA-Erinnerungsband (Engelbrechten 1937, 396) 29 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen Formeln aus sozialistischen und kommunistischen Vorlagen, etwa an das „letzte Gefecht“ der Internationale. Der nationalsozialistische Musikwissenschaftler Joseph Müller-Blattau schwärmte, dass die Melodie geeignet sei, „dem feschen Schwung der ‚Internationale‘“ Konkurrenz zu machen (Müller-Blattau 1934, 327). Dem Faschismus sei es, so Bloch, letztlich gelungen, proletarisierte Massen (Vogt 1985, 120) an sich zu binden. Die Entwendungen waren ein nicht unbedeutender Baustein auf dem Weg zum Erfolg. Bereits 1924 hatte Bloch angemerkt, dass die Massenagitation der Nazis neben der Arbeiterschaft auch auf die Jugend wirkte (Vogt 1985, 98), dass „Hitler die Jugend hat“ und ihr einen Ruck ins „romantische Rechts“ versetzte (Vogt 1985, 102).10 Die Analysen Blochs sind von dem Wunsch getragenen, Strategien für eine wirksame antifaschistische Propaganda zu entwickeln. Politische Felder sollten antifaschistisch besetzt werden, dem Faschismus kein Feld kampflos überlassen werden. Dass die Entwendungen gelingen konnten, lag, so Bloch, weniger an einer mangelhaften Stichhaltigkeit der kommunistischen Theorie oder an intrinsischen Fehlern bei der Auswahl und Gestaltung ihrer Embleme. Es sei jedoch nicht hinreichend gelungen, in der Propaganda die kommunistischen Inhalte mit der eigentlich passend gewählten Ausdrucksform zu verknüpfen (Bloch 1962, 156–157). Andere Aspekte, die eine Verwendbarkeit der kommunistischen Formen zugunsten des Nationalsozialismus erleichtert haben könnten, wurden von Bloch nicht diskutiert. Von einer kritischen Bewertung der stalinistischen KPD unter dem Parteivorsitzenden Ernst Thälmann sah Bloch ab. Nicht zur Sprache brachte er, dass die KPD den Massenappeal der Nazis durch eigene Imitationen zu brechen versucht hatte, von der Gestik und teilweise nationalistischen Rhetorik her und bis hin zu Episoden wie dem Schlageter- und dem Scheringer-Kurs. Dies gilt, obwohl Bloch sonst oft quer 10 Zu den nationalsozialistischen Adapationen von Liedern der Arbeiterbewegung vergleiche die Arbeiten von Reinhard Dithmar und Alfred Roth (Dithmar 1999; Roth 1993, 119-137). 30 Schulze, Etikettenschwindel zur jeweiligen Parteilinie lag11 und zwischen „Apologie und Kritik“ des Sowjetsozialismus schwankte (Franz 1985a, 87; 1985b). Die KPD neigte nach innen zu einer autoritären Organisierung, nach außen spielte sie mit militärischen Formen und bevorzugte Dichotomien in der Agitation. Allenfalls hielt Bloch der Partei eine Fantasielosigkeit in ihrer Propaganda vor, die starr ökonomistisch dachte und entsprechend undialektisch für sich warb (Vogt 1985, 112–114).12 Für die konkrete antifaschistische Praxis schlug Bloch einen offenen Kampf um die Embleme vor. Aus seiner Sicht sollte entwendetes Material keinesfalls aufgegeben und dem Faschismus überlassen werden. Stattdessen müssten sie diskursiv zurückerobert, also an ihr „Original“ rückgekoppelt werden (Bloch 1972, 255). Die „betrügerischen“ Propagandamethoden der Nazis dürften dabei vom Antifaschismus nicht übernommen werden. Es ging eher, so fasst der Bloch-Forscher Wilfried Korngiebel zusammen, um „Problemgewinnung“, „Umfunktionierung“ und „Wiederaneignung“ (Korngiebel 1999, 235). Die eigene Praxis müsse darauf zielen, „zu Menschen“ zu sprechen (Korngiebel 1999, 232–233). Denn: „Nazis sprechen betrügend, aber zu Menschen, die Kommunisten völlig wahr, aber nur von Sachen.“ (Bloch 1962, 153) Den Nazis sei mit den Entwendungen eine Emotionalisierung geglückt. Bloch konstatierte eine „Wahrheit“ im kommunistischen Projekt und sprach den Nazis agitatorisches Geschick zu, welches sie zur Verbreitung ihrer „Lügen“ einsetzten. Er stimmte mit vielen zeitgenössischen kommunistischen Lesarten des Faschismus überein, dass dieser Politik im Interesse des Großkapitals betreibe. Der Faschismus sei zumindest Bündnispartner, wenn nicht gar Agent des Kapitals und des Imperialismus und deshalb an einer Integration der Arbeiterschaft, nicht aber an einer „wahrhaftigen“ 11 Dies gilt auch für die Faschismusanalyse. Vergleiche zum Beispiel die zeitgenössische Auseinandersetzung mit Hans Günther (Schiller 2013). 12 Beat Dietschy, in den 1970er Jahren wissenschaftlicher Mitarbeiter Blochs, kritisiert Bloch hierfür: Das Verhältnis von kommunistischer Theorie und Praxis werde von Bloch ungenügend gewürdigt – die „richtige“ Sprache und Taktik seien hier nicht an die Theorie rückgekoppelt, sondern rein funktional und instrumentell, sie sind bloße Mittel der „Volksbeeinflussung“ (Dietschy 1988, 155). 31 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen Befreiung der Arbeitenden interessiert. Den Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit wolle der Faschismus idealistisch durch die Indienstnahme der Arbeiterschaft für imperiale Interessen und die Volksgemeinschaft verdecken, während der Kommunismus, materialistisch fundiert, die Auflösung der Klassen anstrebe. Bloch arbeitete sich nicht an den Verbindungen des Faschismus zum Kapital ab, sondern untersuchte auch die Propagandatechnik der Nazis, ihre Intention, ihre Umsetzung und ihre Wirkung in den anvisierten Zielgruppen: „Er sah, was der Faschismus am Kommunismus nahm und äffte“ (Enzensberger 1962, 65). Die „offizielle“ kommunistische Erklärung des Faschismus als Agent des Kapitals war für Bloch nur eine „Teilerklärung“ (Franz 1985a, 120). „Gleichzeitig“ gebe es diesen Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit, daneben existiere, so Blochs Theorie, eine „Ungleichzeitigkeit“ (Dietschy 2012; Kessler 2006, 51–57), nämlich Restbestände „aus früheren Zeiten“ im Bewusstsein und der Vorstellungswelt der proletarisierten Massen. Der gleichzeitige Widerspruch verkörpere sich im „klassenbewussten, revolutionären Proleten“, der ungleichzeitige Widerspruch drücke sich durch antimoderne, traditionalistische Wut auf die Verhältnisse aus (Franz 1985a, 123–125). Diese Ungleichzeitigkeit habe der Faschismus erkannt und für sich ausgenutzt – und er habe mit der Ettikettenübernahme „gleichzeitige Embleme […] des Widerspruchs in den Dienst der ungleichzeitigen gestellt“ (Bloch 1967, 201). Eine antifaschistische Gegenstrategie müsse an diesem Problemverständnis ansetzen. Der Bedarf an Mythos, Metaphysik, Religion dürfe nicht als rückständig missverstanden und ignoriert, sondern müsse angemessen aufgegriffen werden: Die Gebiete der Fantasie sollten besetzt werden, anstatt sie „den interessierten Verstandesfeinden zum Betrug zu überlassen“ (Negt 1972, 440). Es brauche eine „ungleichzeitige Propaganda“.13 13 Der Begriff „Betrug“ verweist hier auf die Mehrschichtigkeit von Blochs Ideologiekritik. Ideologie als „bereits gewusstes falsches Bewusstsein“ qualifiziert Bloch als „Betrug“. Doch dienen für Bloch Ideologien nicht nur der Verblendung, sie können auch einen utopischen Überschuss in sich bergen. Mit Lenin sieht Bloch in der „sozialistischen Revolution“ eine „wahre Ideologie“, weil sie ein antizipierendes Bewusstsein trage (Korngiebel 1999, 47). Bemerkenswert ist indes, dass mit Emil Julius Gumbel ein linker Sozialdemokrat bereits 1922 einen Abgleich zwischen der Propaganda der Arbeiterbewegung und des radikal rechten Nationalismus vornahm und zu 32 Schulze, Etikettenschwindel Mit dem ideologiekritischen Konzept der Ungleichzeitigkeit als Zusammenhang von technischem Fortschritt, Rationalität und mentaler Modernitätsverweigerung ist indes auch der „antimoderne“ Charakter des Faschismus mit angesprochen. Faschismus als „Erscheinungsform der Ungleichzeitigkeit“ (Bloch 1967) verspricht in seiner politischen Werbung ein Zurück und will selbst ein Zurück zu früheren Zeiten erreichen. Dem Faschismus sei das „Jetzt fremd“ (Bloch 1967, 190). Das faschistische Erlösungsversprechen sei das einer antimodernen Revolte. Der Faschismus, so Hobsbawm, sei zwar trotz Betonung traditioneller Werte und eigentümlichen Erfindungen von Traditionen keine „im wirklichen Sinne“ traditionalistische Bewegung, er richte sich dennoch gegen Fortschritt, Emanzipation, gegen Aufklärung und das Erbe der französischen Revolution (Hobsbawn 2000, 154). Die so verstandene Moderne repräsentiert für den Faschismus Dekadenz und Kulturzerfall, sie erscheine ihm als kalt, völkerauflösend und uneindeutig. In stark antisemitischen Formen wie dem Nationalsozialismus wird die Moderne durch den Typus des Juden personifiziert. Dagegen setze der Faschismus in Ausnutzung der Ungleichzeitigkeit „harmonistische Bilder der Vergangenheit“ und versuche, „den Exzess des Kapitalismus bloß zurückzunehmen oder ihn sich unterzuordnen“ (Bloch 1967, 191), er tische „das unerfüllte Märchen der guten alten Zeit“ auf, einen „ungelösten Mythos des dunklen alten Seins“ (Bloch 1967, 194). Einer Analyse des Faschismus als antimoderner Revolte steht nicht entgegen, dessen moderne Elemente zu berücksichtigen. Im Gegenteil, beide Betrachtungsweisen lassen sich – etwa über den Begriff der Ungleichzeitigkeit – sinnvoll verbinden (Opitz 1974, 550–554): Faschismus ist in wichtigen Bereichen seiner Rhetorik kulturkritisch und kulturpessismistisch; das Programm ist auf restaurative und antiaufklärerische Zwecke ausgerichtet, in den relevanten Teilen seiner Methoden und seiner Technikbegeisterung jedoch vorwärtsgerichtet, innovativ und modern. ähnlichen Schlüssen wie später Bloch kam. „Nicht ökonomische Motive“ seien „an der Arbeit“, die ökonomistische Denkweise im deutschen Kommunismus berücksichtige klassenübergreifende Ideologien, den „psychologischen Moment“ und den „subjektiven Faktor“ nicht genügend (Heither 2016, 29). 33 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen Nicht zufällig stellen auch neuere Zeitanalysen einen aktuellen gesellschaftlichen Bedarf nach der Wiederherstellung von Eindeutigkeit und Orientierungssicherheit fest (Beck 1996b, 102), was hier mit der gebotenen Vorsicht14 als Ausdruck einer fortbestehenden Ungleichzeitigkeit verstanden werden kann. Die gegenwärtige extreme Rechte ist – und so kann die Theorie Blochs in Anschlag gebracht werden –, weltanschaulich weiterhin auf einen antimodernen Kern rückführbar und hat parallel dazu modernisierende Elemente in ihrem Gepäck (Klärner und Virchow 2006). Das Nutzbarkeitspotenzial von Blochs Theorie für eine Analyse der neueren extremen Rechten stellte der Bloch-Forscher Reinhard Brunner bereits unter Beweis. Bei der Diskussion über die Übertragbarkeit des Ungleichzeitigkeitsbegriffs auf die Gegenwart wies Brunner bereits 1996 (also etliche Jahre vor Aufkommen der AN) darauf hin, dass vermittelt über eine „rechte Subkultur“ in der Zukunft eine „reflexive Ästhetisierung der Politik“ etabliert werden könne, deren Vokabular „kaum mehr von den anarchistisch inspirierten ‚Autonomen‘ zu unterscheiden“ wäre (Brunner 1996, 88–89). Zurück zur Entwendungstheorie: Blochs Strategie der Symbolzurückeroberung fiel dort zu kurz aus, wo sie sich auf ein bloßes „Umdrehen des Spießes“ verlegte. In antirassistischer Motivation wies er beispielsweise darauf hin, dass die Deutschen ein „Mischvolk“ seien. Die Nazis seien „Sünder wider das Blut“, denn sie müssten, um konsequent zu sein, nicht nur die jüdische Bevölkerung, sondern auch große Teile der deutschen, aber nicht „rein nordischen“ Bevölkerung „herauswerfen“. „Die Juden“ seien mithin „im organisch durchgekochten Sinn“ reineren Blutes als die Deutschen. Propagandistisch versuchte Bloch, den nationalsozialistischen Rassismus zu überbieten und seine Widersprüche mit dem Ziel der Bloßstellung herauszustellen. Im Sinne seiner Theorie der Ungleichzeitigkeit erklärte Bloch es für lohnenswert, vom Nationalsozialismus okkupierte Begriffe anzugreifen und einen utopischen Gehalt herauszuschälen. Selbst bei Topoi wie „Drittes Reich“, „Tausendjähriges Reich“ oder „Führer“ 14 Brunner weist zurecht darauf hin, dass Ungleichzeitigkeit und Modernität nur mittelbar korrespondieren, weil Bloch den Begriff der Modernität nicht thematisiert hat (Brunner 1996, 75). 34 Schulze, Etikettenschwindel hielt Bloch den Kampf um Um- oder Rückdeutungen (christlicher Milleniarismus; „drittes Evangelium“; „Führer der Arbeiterklasse“) für sinnvoll (Bloch1972, 291–318; Negt 1972, 441; Frank 2010, 427). Eine Demontage gelang ihm, darf man aus heutiger Sicht schließen, nicht. Bloch-Forscher Korngiebel hält fest: Wenn ‚falsches Bewusstsein‘ in ‚falschen Signifikaten zum Ausdruck kommt, dann müssen diese zuallererst angegangen werden; die simple ‚Ersetzung‘ von Symbolen greift zu kurz. Anstelle der Umkehrungen wären Versuche der Neutralisierung angebrachter gewesen. (Korngiebel 1999, 242–251) Bloch verstand seine Analysen als politische Interventionen, die er parteiisch und propagandistisch auf Seiten des Antifaschismus vornahm. So neigte er bei der Schilderung der nationalsozialistischen Techniken zu starken Vokabeln wie „Diebstahl“ und „Lüge“ und stattete die Gegenseite mit positiven Worten wie „Original“ und „Wahrheit“ aus. Es bleibt in diesen Passagen unangesprochen, ob er den kommunistischen Symbolen tatsächlich Originalität zubilligte oder ob er sie als historische Produkte einordnete. Die rote Fahne etwa wurde im deutschen Kontext in den 1848er-Ereignissen und in der Reichsverfassungskampagne „im Kampf geboren“, wie Korff beschreibt. Sie war Produkt einer „aktionsbezogenen, symbolschaffenden ‚bricolage‘“ (Korff 1991, 24) und ist somit nie „Eigentum“ der Arbeiterbewegung, sondern dort selbst eine Übernahme gewesen. Symbole sind historisch, deutbar und umformbar. Es wäre jedoch ein Missverständnis, an der Analyse Blochs über die konkreten Entwendungen der Nazis zu monieren, dass er unveränderliche Symbolbedeutungen behaupten würde. Im Gegenteil, an vielen Stellen von Blochs Gesamtwerk lässt sich ausdrücklich eine Analysetechnik aufzeigen, einzelne Symbole und Symbolverkettungen historisch zurückzuverfolgen und einzuordnen (Korngiebel 1999, 70–71). Die Historizität und damit auch die „Kombinatorik und Austauschbarkeit“ von „symbolischen Bildern“ ist bei Bloch „überaus deutlich“ nachvollziehbar (Korngiebel 1999, 237). Die Betonung der Propagandatechnik und der dadurch ausgelösten Mobilisierung bringt die Faschismusanalyse Blochs in Berührung mit 35 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen den Theorien von Erich Fromm, Wilhelm Reich und Theodor W. Adorno (zum „autoritären Charakter“, „Massenspsychologie des Faschismus“, „authoritarian personality“), denen eine Erklärung des faschistischen Erfolges allein auf Basis der Ökonomie zu kurz griff. Die fraglichen Muster hatten zudem eine körperliche, geschlechtliche Komponente und mit ihnen wurde ein Geist kultiviert, der auch später im neuen Weltkrieg nutzbar wurde. Soldatische Männerbünde wie die SA mit ihrem (para-)militärischen Habitus setzten auf eine „Ästhetik des Krieges“; sie wiesen für Bloch eine „kriegserotische“ und „asketische“ Energie auf.15 Kulturell wurden diese Praktiken mit Bildern gerahmt und angereichert, die aus alter Mythologie, aus „germanischer Blutromantik“ gewonnen wurden. Die kriegerischen, „nordischen“ Körper würden symbolisch bedroht durch Judentum und Marxismus (Korngiebel 1999, 236–237). Erweiternd lassen sich hier auch Walter Benjamins Überlegungen zur Rolle der „Ästhetisierung der Politik“ durch den Faschismus anschließen (Emmerich 1977). Im Pariser Exil beschrieb Benjamin 1935 ebenjene emotionale „Ästhetisierung der Politik“, die der Faschismus betreibe (Benjamin 1963, 51). Gipfel dessen sei der Krieg: Alle Bemühungen um die Ästhetisierung der Politik gipfeln in einem Punkt. Dieser eine Punkt ist der Krieg. Der Krieg, und nur der Krieg, macht es möglich, Massenbewegungen größten Maßstabs unter Wahrung der überkommenen Eigentumsverhältnisse ein Ziel zu geben. (Benjamin 1963, 49) Einige weitere Anmerkungen scheinen indes nötig, um die Prüfung der Übertragbarkeit von Blochs Entwendungstheorie in das Heute zu ermöglichen. Zum einen existierte zu Blochs Zeit keine Popkultur, die mit der heutigen ohne weiteres vergleichbar wäre. Das Verständnis von Popkultur muss hier breit angelegt sein, um alle relevanten Aspekte erfassen zu können: Damit sind moderne kulturelle Formen und Alltagspraktiken ge- 15 Damit ist Bloch einer der wenigen frühen Faschismustheoretiker, die Geschlechterfragen überhaupt Aufmerksamkeit schenkten und Erklärungsansätze für die Anziehungskraft faschistischer Männlichkeitsideale auf die Jugend bereit stellten. 36 Schulze, Etikettenschwindel meint, die massenmedial vermittelt auftreten, einen Unterhaltungscharakter haben und allgemeinverständlich sind. Dazu gehören gesellschaftliche Bereiche wie Sport, Literatur, Massenmedien und Musik. Eine besonders wichtige Rolle nimmt der Musikbereich ein. Popkultur beziehungsweise Pop-Musik begann „in den mittleren 1950er Jahren“, so Diedrich Diederichsen, also nach der Zeit, für die Bloch die Entwendungen analysierte (Diederichsen2014, XV).16 Zwar gab es zu der Zeit von Blochs Analyse eine massenmedial vermittelte populäre Kultur und Jugendbewegungen17, doch waren diese anders strukturiert, als es heute der Fall ist. „Pop-Musik ist der Zusammenhang aus Bildern, Performances, (meist populärer) Musik, Texten und an reale Personen geknüpfte Erzählungen“, definiert Diederichsen (Diederichsen 2014, XI). Sie ist massenmedial vermittelte Unterhaltung, steht aber in untrennbarem Zusammenhang mit textiler Mode, Körperhaltung, Make-up, urbanen Treffpunkten, Öffentlichkeit und Gemeinschaft. Ein Zusammenhang wird erst in der Rezeption hergestellt (Diederichsen 2014, XI). Diesem Verständnis von Pop-Musik wird in der vorliegenden Arbeit gefolgt, es wird synonym der Begriff „Popkultur“ verwendet. Die Erscheinungen der Jugendkulturen werden hier als Popkultur verstanden. Die manchmal anzutreffende Auftrennung in „Mainstream“ und „Sub“-Kultur wird deshalb nicht vorgenommen, weil es fraglich erscheint, ob es eine durch den Begriff Mainstream implizierte annähernd homogene, normsetzende, Abweichungen unterordnende Leitkultur (noch) gibt. Die Fokussierung Blochs auf die proletarische 16 Pop, Popkultur und Pop-Musik sind mit Diederichsen von Popular- oder Populärkultur und -musik abzugrenzen. Letztgenannte umfassen auch Schlager, Folklore und ähnliches und existieren länger als die Erstgenannten. Zudem: Pop trennt sich von der populären Kultur auf deren Terrain und mit ihren Mitteln. Denn Pop beinhaltet die Möglichkeit der Nonkonformität, wobei es zunächst keine Rolle spielt, ob diese Möglichkeit verwirklicht wird oder ob es sich um ein leeres, verblendendes Versprechen einer Kulturindustrie handelt (Diederichsen 2014, XII– XIII). 17 In den 1910er Jahren kamen etwa Gruppierungen wie Wandervogel, bündische Jugendgruppen und Jugendverbände der Arbeiterbewegung erstmals auf. Bis 1933 wuchs die Zahl dieser Verbände an. Daneben ist die Entstehung von „wilden Cliquen“, also unorganisierten Gesellungen, erwähnenswert. Die gesellschaftliche Etablierung der Konzepte von „Jugendlichkeit“ und von „Freizeit“ trugen dazu bei. Öffentliche und massenmediale Ausdrücke hiervon waren etwa Kinofilme, Jugendliteratur und Tanzveranstaltungen (Lange 2015, 11–26). 37 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen Teilkultur und sein Blick auf die nationalsozialistischen Entwendungen können als Aufmerksamkeit für relevante Kulturerscheinungen gewertet werden, die anderen in dieser Zeit größtenteils fehlte.18 Die Entwendungen und Basteleien, die Zitierfreude der Nazis erscheinen bei Bloch als ein Alleinstellungsmerkmal. Heute indes finden Bricolagen in vielen kulturellen und gesellschaftlichen Sphären statt. Die damals noch nicht existente und heute allpräsente Popkultur ist ihrem genuinen Charakter nach „eine Praxis, die mit fremden Zeichen arbeitet“ (Diederichsen 2014, XVI). Ein Zeitgeist, der – in aller damit einhergehender Unschärfe (Brand 1993, 179) – als „Postmoderne“ bezeichnet wurde – erlaubt und begünstigt eine umfassende Zitationskultur. Ein Hauptmerkmal der Postmoderne im Westen sei, so Lyotard 1979, dass der Mensch „den Meta-Erzählungen keinen Glauben mehr schenken“ wolle (Lyotard 2006), dass gesellschaftliche Utopien also an Anziehungskraft verloren hätten. Der Stilpluralismus und die Zitierfreudigkeit, das ständige Neukombinieren von bereits Vorhandenem in der Postmoderne rührten aus ebenjenem Verlust des Glaubens an eventuelle „letzte Wahrheiten“. Die Art und Weise des Zitierens sei dementsprechend eine aus ironischer, zuweilen zynischer Distanz zu ihrem Objekt (Brand 1993, 179). In der Gegenwart seien, so der marxistische Literaturwissenschaftler Fredric Jameson, eine „neue Oberflächlichkeit“ zu beobachten und der Verlust der „Tiefendimension“ prägend (Jameson 1986, 50). Zeichen und Symbole seien im Vergleich zu anderen Epochen tendenziell entleert oder nur noch Gegenstand ästhetischer Anschauung und darum instabile Konstrukte, die von heute auf morgen eine andere Bedeutung annehmen könnten und somit keinen eindeutigen Verweischa- 18 Allerdings sind an dieser Stelle die Arbeiten Siegfried Kracauers zu nennen, der in der fraglichen Epoche die Massenkultur untersuchte. In der 1927 erstmals aufgelegten Essaysammlung Das Ornament der Masse verweist er darauf, dass die Unterhaltungsindustrie beliebige Inhalte verpacken und auch in den Dienst antirationaler, vormoderner und antimoderner Mythen stellen könne (Kracauer 1994). Indes sind Bezugnahmen auf Bloch in der Untersuchung neuerer popkultureller Phänomene durchaus bewährt. Baacke untersuchte beispielsweise in den 1990er Jahren die popkulturelle Erscheinung der Skinhead-Jugendkultur und konnte sie mittels der Blochschen Terminologie als „ungleichzeitig“ einordnen, weil sie romantische, rückwärtsgewandte Ideale vertrete, ihr dafür genutztes Symbolrepertoire jedoch modern-freizügig zusammenbastele (man könnte sagen: entwende) (Baacke und Ferchhoff 1995, 40–43). 38 Schulze, Etikettenschwindel rakter mehr hätten. Die Ausschlachtung der Stile führt für Jameson zu einem Verlust von Tiefen, zu „Imitate[n], denen ihr Original entschwunden ist“ (Jameson 1986, 61). Mit Blochs Charakterisierung der Entwendungen als „Betrug“ geht auch eine Betrachtungsweise einher, die die Steuerung der nationalsozialistischen Werbestrategie durch dessen Strategen betont. Eine Differenzierung zwischen den Absichten und Planungen der nationalsozialistischen Elite und der Praxis der Bewegungsangehörigen an der Basis sowie zwischen den durchaus vorhandenen Flügeln in der nationalsozialistischen Bewegung fand nur in Ansätzen statt. Dass Innovationen in den Werbestrategien nicht nur am Reißbrett der NSDAP-Führung entworfen wurden, sondern auch an der Basis wuchsen, belegt eben auch die schon erwähnte Praxis von Horst Wessel, der zwar nicht der Arbeiterschaft entstammte, jedoch als SA-Sturmführer in einem proletarischen Mileu wirkte und dort erst die Innovationen hervorbrachte. Die Dynamik zwischen strategischen Erwägungen in der Führung und Eigendynamik an der Basis scheint ein relevanter Faktor zu sein, um etwa das Prädikat „Betrug“ treffgenau qualifizieren zu können. Gerade mit Blick auf die derzeitigen Erscheinungen im Neonazismus ist diese Differenzierung notwendig. Da heute eine gesellschaftlich umfassende Zitierfreude herrscht, sind die Bedingungen für Innovationsimpulse an der Basis wahrscheinlich ungleich besser und die Bedingungen zur hierarchischen Durchsetzung einer Werbestrategie „von oben nach unten“ ungleich schlechter, als es in der Weimarer Zeit der Fall war. 2.2 Jugendkultur, Stil, soziale Bewegung und Szene Die AN ließen sich aus den unterschiedlichsten Perspektiven betrachten. Die Wechselwirkung, die zwischen den AN mit der NPD und ihrer Jugendorganisation „Junge Nationaldemokraten“ besteht, würde etwa eine eigenständige politikwissenschaftliche, parteienforscherische Untersuchung rechtfertigen. Da das Forschungsinteresse hier jedoch anders gelagert ist, ist ein einordnender Blick auf jene Konzepte nötig, die sich mit politischen 39 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen Protestformen und mit jugendlichen Kulturerscheinungen befassen. Bei den AN handelt es sich um ein Spektrum innerhalb des organisierten Neonazismus, das sich personell vorwiegend aus jüngeren Neonazis rekrutiert und sich dabei massiv jugendkultureller Formen bedient. Die AN, so die noch zu begründende These, lassen strategisches Vorgehen und kulturelle Eigenimpulse ineinander fließen. Symbole und Formen aus anderen (Jugend-) Kulturen und politischen Orientierungen werden verarbeitet – teils zielgerichtet im Sinne der Blochschen Entwendungen, teils als dynamisches und ungeplantes Ergebnis ebenjener kulturellen Öffnung. Sind die AN eine Subkultur oder eine Jugendkultur? Stellen sie eine eigene Szene dar? Sind sie selbst ein gesellschaftliches Milieu oder Teil eines solchen? Haben sie einen eigenen Stil entwickelt? Sind sie Teil oder Anhang einer sozialen Bewegung? Es erscheint sinnvoll, die hier aufgezählten Konzepte durch Konsultation der existierenden Forschungsliteratur zu fundieren, um sie für die weitere Verwendung in der vorliegenden Arbeit fruchtbar zu machen. Dem Forschungsinteresse entsprechend wird dabei insbesondere der Frage nach Formübernahmen in den einzelnen Konzepten nachgegangen. Als ein plausibles Konzept zur theoretischen Einordnung der AN wird im Folgenden das der „Bewegungsszene“ dargestellt. 2.2.1 Milieu Der Begriff des Milieus wird in der Wissenschaft von zwei Richtungen aus verwendet. Die „Arbeitsgruppe Interdisziplinäre Sozialstrukturforschung“ (AGIS) Hannover schließt dabei mit ihrem Milieukonzept an die Arbeiten Pierre Bourdieus an: Zugehörigkeit zu einem Milieu hängt für die AGIS von der Verfügung über ökonomisches und kulturelles Kapital ab. Milieus sind „Gruppen mit ähnlichem Habitus“ und die Nachfahren der sozialen Klassen, Stände und Schichten (Vester et al. 2001, 24–25). Die Zugehörigkeit zu einem Milieu ist für das Individuum nicht frei wählbar: „Soziale Milieus sind […] nicht vollständig beliebig gewählte Lebensstil- Gemeinschaften, sondern Teil einer sozialen Gesamtgliederung, deren Beziehungsgefüge ihnen Grenzen auferlegt.“ (Vester 2007, 26) Einen ande- 40 Schulze, Etikettenschwindel ren, alltagsnäheren Zugang zum Milieubegriff wählt Gerhard Schulze, der an die Individualisierungsthese von Ulrich Beck (Beck 1996a) anschließt. „Soziale Milieus“ sind für Schulze Gruppen, die sich durch spezifische Existenzformen und relativ starke Binnenkommunikation voneinander abheben (Schulze 2000, 746). Milieus können auch als „Lebensstilgruppen, Subkulturen, ständische Gemeinschaften, soziokulturelle Segmente, erlebbare gesellschaftliche Großgruppen“ (Schulze 2000, 174) verstanden werden. Schulze teilt in fünf Großmilieus ein: das Niveaumilieu, das Harmoniemilieu, das Integrationsmilieu, das Selbstverwirklichungsmilieu und das Unterhaltungsmilieu. Er konstatiert weiterhin eine „Erlebnisgesellschaft“, deren Milieus sich über jeweils ausdifferenzierte Freizeitgestaltungsarten als zentrale Elemente persönlicher Identität herstellen (Schulze 2000). Zwar können zum Beispiel soziale Bewegungen die politischen Interessen eines Milieus repräsentieren, doch sind Milieus im Ganzen eher Sozialstrukturen großen gesellschaftlichen Formats. Die Ebene eines gemeinsamen Handelns und Erlebens etwa fehlt. Milieus sind überdies nicht an Orte gebunden, Zugehörigkeit ist nur bedingt freiwillig wählbar und sie sind „relativ dauerhafte und allgemeine Sozialstrukturen“ (Haunss 2004, 85). 2.2.2 Subkultur, Jugendkultur, Bricolagen, Stil Die Rede von Subkulturen zur Klassifizierung bestimmter gesellschaftlicher Gruppen ist alltagssprachlich allgemein üblich.19 Gleichwohl gilt sie in der Forschung schon längere Zeit, auch in Hinblick auf jugendliche Gruppen, als veraltend (Baacke und Ferchhoff 1992, 432–434). Die Chicagoer Schule der Soziologie verwendete den Subkulturbegriff vor allem für Erscheinungen von Kriminalität und Devianz, insofern ist er, da negativ wertend, belastet. Als klassisches Beispiel kann die erstmals 1927 erschienene Studie The Gang von Frederic Milton Thrasher gelten, in der die sozi- 19 Zur weiteren Diskussion zur Geschichte und Gehalt des Begriffs der Subkultur siehe den Überblickstext von Griese (Griese 2000). 41 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen alen Mechanismen unter Straßenkriminellen Chicagos untersucht werden (Thrasher 2000). Der deutsche Soziologe Rolf Schwendter hingegen entwirft in seiner 1971 erschienenen Theorie der Subkultur ein geradezu enthusiastisches Bild, in denen „regressive Subkulturen“ nur am Rande vorkommen. Schwendter spürt vor allem „progressiven Subkulturen“ nach, die Trägerinnen einer nötigen Revolution im Sinne der Linken sein könnten. Schwendter fasst Subkulturen als Teile der Gesellschaft, die eigene Institutionen, Bräuche, Normen haben und die sich jeweils wesentlich von denen der umgebenden Gesellschaft unterscheiden würden (Schwendter 1993). Subkultur in ihrer progressiven Spielart kann bei Schwendter als Synonym von sozialer Bewegung verstanden werden. An Schwendters Raster anschließbar sind indes die Erörterungen aus dem Situationismus über die Übernahme von Formen, Kulturerscheinungen, Themen und Taktiken aus Geschichte und Gegenwart durch politische Bewegungen und ihre Kulturen. Der Situationismus beschrieb Übernahmen durch „progressive“ Kräfte als „Detournement“ (in etwa: Zweckentfremdung) und jene durch „regressive“ Kräfte als „Rekuperation“ (in etwa: Vereinnahmung) (Baumeister und Negator 2007, 116–120; Franz et al. 2009). Ein dritter Begriff von Subkultur schließt an die Chicagoer Schule an20 und wurde am 2002 geschlossenen „Centre for Contemporary Cultural Studies“ (CCCS) in Birmingham entwickelt, von wo aus er seit Ende der 1970er Jahre auch in Deutschland rezipiert wurde. Das CCCS analysierte das Aufkommen von jugendlichen Erlebniszusammenhängen aus neomarxistischer Perspektive unter Berücksichtigung klassenspezifischer „Herkunftskulturen“. Jugendliche Subkulturen und kulturindustriell geprägte Jugendkulturen wurden in einem Spannungsverhältnis zueinander gesehen. Als Subkulturen betrachtet werden jugendliche Kulturen als Untereinheiten einer Klassenkultur mit spezifischen Ausformungen. Sie 20 Bezugspunkte der CCCS-Forscher waren Althussers Ideologiebegriff, Gramscis Hegemoniekonzept, die Psychoanalyse von Jacques Lacan und die Semiotik von Roland Barthes. Cultural Studies nach Art des CCCS verstehen sich als „kritische Theorie […], die sozialen Wandel hin zu mehr Gerechtigkeit und Demokratie“ intendieren (Niekisch 2004). 42 Schulze, Etikettenschwindel befänden sich im Widerstand gegen die hegemoniale Ordnung, äußerten dabei jedoch keinen offenen Widerspruch, sondern kommunizierten ihn vermittelt über ihre Zeichensysteme und Rituale, wie in einer von Stuart Hall 1975 erstmals herausgegebenen, wegweisenden Arbeit ausgeführt wird (Hall und Jefferson 2006).21 Die subkulturellen Formen werden dabei als Neuordnung und Neukontextualisierung von Objekten verstanden, die mittels Bricolagen (Basteleien) neue Bedeutungen kommunizieren. Dabei entstehen Codes, Gesten, Moden, Musik, die Identität stiften. Der Begriff der Bricolage geht auf den französischen Ethnologen Claude Lévi-Strauss zurück. Lévi- Strauss, Strukturalist, beschäftigte sich in seinen Schriften eingehend mit der Funktion und den Entstehungsmechanismen von Mythen in menschlichen Gesellschaften. Er untersuchte Kulturen in Nord- und Südamerika, um Anhaltspunkte für universale Konstanten im menschlichen Denken zu finden. Mythen setzten sich für ihn aus gesellschaftlichen Grundannahmen zusammen, die miteinander in Beziehung gesetzt werden. Kleineinheiten, genannt „Mytheme“ (Lévi-Strauss 2008), würden nicht mittels Abstraktion oder nach rationalen Prinzipien kombiniert. Stattdessen schöpfe sich die durch den Mythos hergestellte Ordnung aus immer wieder neuen Assoziationsleistungen. „Wildes Denken“ (Lévi-Strauss 1973) füge die Mytheme zu einem Mythos zusammen: Heutzutage ist der Bastler jener Mensch, der mit seinen Händen werkelt und dabei Mittel verwendet, die im Vergleich zu denen des Fachmanns abwegig sind. Die Eigenart des mythischen Denkens besteht nun aber darin, sich mit Hilfe von Mitteln auszudrücken, deren Zusammensetzung merkwürdig ist und die, obwohl vielumfassend, begrenzt bleiben; dennoch muss es sich ihrer bedienen, an welches Problem es auch immer herangeht, denn es hat nichts 21 Im Anschluss an diese Perspektive des CCCS wird auch in jüngeren Arbeiten am Begriff der „Subkultur“ festgehalten. El-Nawab argumentiert in ihrer Untersuchung der Skinheads, Gothics und Rockabillys, dass „Subkultur“ die subversiven, kritischen, rebellischen Elemente der entsprechenden Kulturen nicht abwerte, sondern sinnvoll herausstelle. „Symbolische Widerstandsformen“ würden durch den Begriff der „Jugendkultur“ verwischt und unsichtbar gemacht (El-Nawab 2007, 19–20). 43 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen anderes zur Hand. […] Die Regel seines Spiels besteht immer darin, jederzeit mit dem, was [dem Bastler] zur Hand ist, auszukommen. […] [Der Bastler muss] eine Bestandsaufnahme machen oder eine schon vorhandene umarbeiten. […] Alle diese heterogenen Gegenstände, die seinen Schatz bilden, befragt er, was jeder von ihnen ‚bedeuten‘ könnte. (Lévi-Strauss 1973, 29–33) Wie ein Heimwerker seinen Keller nach Material absucht, das zur Bewältigung eines Bauvorhabens nützlich sein könnte, gebe es, so das Bild von Lévi-Strauss, Suchbewegungen, bei denen vorhandene Bedeutungen und Zeichen auf ihre Eignung für gegenwärtige Anforderungen abgeklopft und gegebenenfalls neu miteinander in Beziehung gesetzt werden. Darin sei eine Begrenzung enthalten. Zwar seien bei der Bricolage eigentümliche Kombinationen Prinzip – doch Maßgabe bleibe immer die Erfüllung einer Funktion. Wer eine Sitzgelegenheit basteln wolle, werde die Scherben, die im Keller vielleicht zu finden sind, kaum nutzen können; wer Friedfertigkeit behaupten wolle, werde für die Konstruktion eines Mythos auf kriegerische Zeichen verzichten. In der Jugendforschung verweist der Begriff der Kultur darauf, dass unter Jugendlichen unterschiedliche, gruppentypische Stile und Interessen festzustellen sind. Wenn er auf die Gruppenkulturen im Jugendbereich übertragen wird, kann Stil im Anschluss an Gerhard Schulze so gefasst werden: Gesamtheit der Wiederholungstendenzen in den alltagsästhetischen Episoden eines Menschen, [geronnen] zu einem stabilen situationsübergreifenden Muster. Stil schließt sowohl die Zeichenebene […wie Kleidung], als auch die Bedeutungsebenen [… wie Lebensphilosophie] ein. (Schulze 2000, 756) Gruppendefinitionen und -Abgrenzungen gehen damit einher und sind wahrnehmbare, ästhetische und expressive Inszenierungen. „Jugendkultur“ ist weitgehend synonym mit „Gruppenstil“ und „jugendkulturellem Stil“. Normative Setzungen werden in Gruppenkulturen nicht per Anweisung dekretiert, sondern sie sind eher ungeschriebene „Gesetze“, die tradiert werden und einem ständigen Wandlungsprozess unterliegen. Sie sind Selbstverständlichkeiten, durch die die Grenzen des Sag- und Machbaren 44 Schulze, Etikettenschwindel markiert werden. Jugendkulturen beziehungsweise Gruppenstile sind von Baacke und Ferchhoff in fünf Großtypen eingeteilt worden: die Religiös- Spirituellen, die Kritisch-Engagierten, die Manieristisch-Postalternativen, die Körper- und Action-Orientierten und die Institutionell-Integrierten. Rechte Jugendkulturen sind in dieser Typologie am ehesten den Körper- und Action-Orientierten zuzuordnen. Ihnen wird Revierverhalten, Urbanität, Gewaltneigung, männliche Dominanz, Machismo attestiert, allerdings auch ein Status als „Ausgegrenzte und Entrechtete“, ein eher geringer Bildungsstatus und ein „radikaler Gegenwartsbezug“ (Baacke und Ferchhoff 1992, 436–439). Für den CCCS-Forscher Mike Brake sind „Image“, „Haltung“ und „Jargon“ konstitutiv für den Stil in Jugendkulturen: Style I shall define as consisting of three main elements: ‚Image‘, appearance composed of costume, accessoires such as hair-style, jewellery and artefacts. ‚Demeanor‘ made up of expression, gait and posture. Roughly this is what the actors wear and how they wear it. ‚Argot‘ a special vocabulary and how it is delivered. (Brake 1980, 12) Ein Stil, so John Clarke 1979, entstehe in einem Prozess, bei dem aus bestehenden Zeichensystemen und Stilformen zitiert und Altbekanntes neu zusammengefügt wird: „Die Schöpfung kultureller Stile umfaßt […] eine differenzierende Selektion aus der Matrix des Bestehenden.“ (Clarke 1998, 378) Widersprüche aus der „Stammkultur“, die dort verborgen oder ungelöst sind, werden symbolisch-expressiv, sozusagen „magisch“ verarbeitet. Kulturell zugängliche Ressourcen werden von den „strukturalistisch tätigen Bastlern“ (so eine Formulierung von Barthes 1966) dekontextualisiert, modifiziert und somit in einen neuen Zusammenhang gebracht. Die Objekte dieser Bricolage (so Clarke in Bezug auf Lévi-Strauss) müssen nicht nur bereits existieren, sondern sie müssen auch Bedeutungen enthalten, die in einem so kohärenten System organisiert sind, daß die Art, in der sie umgestellt und transformiert werden, auch als Transformation begriffen werden kann. Denn es wäre zwecklos, wenn die neue Zusammensetzung 45 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen genau wie die bereits existierende aussieht und exakt die gleiche Botschaft übermittelt. (Clarke 1998, 377) Für den frühen britischen Punk ist etwa das Tragen von stark zerlumpter Kleidung, wilder Haarfrisuren und Arbeitsschuhen sowie die Verwendung von Hakenkreuz-Ansteckern belegt (O’Hara 2001). Aus unterschiedlichsten Zusammenhängen wurden Kulturerscheinungen und Symbole zusammengestellt und so ein neuer Stil geschaffen, der – zumindest für die Punks selbst – den Teil-Elementen neue Bedeutungen zuwies. Arbeitsschuhe waren kein Verweis mehr auf eigene körperliche Arbeit, sondern auf ein proletarisch-ruppiges Selbstverständnis. Ein Bekenntnis etwa zu einem protestantischen Arbeitsethos war darin nicht inbegriffen. Ein Hakenkreuz-Anstecker war im frühen Punk-Kontext mitnichten ein politisches Bekenntnis zum Nationalsozialismus, sondern rangierte in seiner Bedeutung zwischen purer Lust an der Provokation und einer vulgären Gesellschaftskritik, derzufolge die Gegenwart faschistoide Züge tragen würde (Sottong und Müller 1998, 147).22 „Klassische“ Jugendkulturen schöpfen ihren Stil also aus dem gesellschaftlich dafür zur Verfügung stehenden Repertoire an Zeichen. Doch laut den CCCS-Analysen gibt es auch eine Wechselwirkung, indem nämlich der neue, als „authentisch“ verstandene Stil der jeweiligen Subkulturen wieder auf die Gesellschaft zurückwirkt. Die Symbole werden dabei um ihre subkulturelle Bedeutung erleichtert und nach den Regeln der „Kulturindustrie“ vermarktet. Die Frisur des britischen Fußballspielers David Beckham wurde Ende der 1990er Jahre als „Beckham-Iro“ zu einer Mode, der Haarschnitt daraufhin in teuren Friseursalons geschnitten. Augenzwinkernd weist die Bezeichnung „Iro“ darauf hin, dass der Schnitt auf die wilde Irokesenfrisur von Punks zurückgeht.23 Doch weder Beck- 22 Verschiedentlich finden sich in frühen britischen Punk-Songtexten und Äußerungen von Musikerinnen und Musikern allerdings durchaus unreflektierte oder gesellschaftlichen Rassismus spiegelnde Aussagen (Sabin 2009). 23 Die Bezeichnung der Frisur als „Irokese“ geht auf den ähnlichen Haarschnitt von Kriegern nordamerikanischer Indigener zurück, die um den Huron-See siedelten. Zum dortigen Bund 46 Schulze, Etikettenschwindel ham selbst noch die Männer, die seinen Haarschnitt übernahmen, waren Punks, und sie wurden auch nicht als solche verstanden. Die Kommunikation von Abweichung sowie Distinktionsgewinn durch stilistische Differenz sind nicht nur für die Punks durch diese Tendenz erschwert worden. Es wird vielfach festgestellt, dass gesellschaftliche Normabweichung – als Pose – zur Normalität geworden sei (Holert 1999; Sanders 2001; Clark 2003): „Differenz verbindet“ (Jameson 1986). Der Mainstream präsentiere sich zuweilen sogar selbst als ein Flickenteppich von nur lose verbundenen Teilkulturen (Terkessidis und Holert 1997). Deshalb ist der Terminus Subkultur im Schwinden begriffen. Auch wenn das „Sub“ empathisch gemeint sein sollte, sei es überholt, argumentieren Baacke und Ferchhoff, es suggeriere einen weitreichenden Widerstandsgeist gegen eine unbewegliche, monolithische Mehrheitsgesellschaft und eine inzwischen weitgehend aufgelöste Trennung zwischen „authentischen“ und „kulturindustriellen“ Jugendkulturen. Die fortdauernde Existenz von (vorher als „authentisch“ verstandenen) Jugendkulturen wie derjenigen der Skinheads ändere daran nichts – sie hätten, so in Anlehnung an die Bloch’sche Terminologie, eben einen „ungleichzeitigen“ Charakter (Baacke und Ferchhoff 1995, 40–43).24 Der vom CCCS konzipierte Stilbegriff wird inzwischen weit weniger jugendzentriert und klassengebunden benutzt. Ausgangspunkt dafür ist der vielfältige Lebensstildiskurs (Rössel und Otte 2011), der sich um Bourdieus Studie Die feinen Unterschiede (Otte und Rössel 2011, 9; Bourdieu 1982) entwickelt hat. Grob umfasst der Begriff Lebensstil den symbolischen Ausdruck der alltäglichen Lebensführung (Spellerberg 1996, 57), die Art, wie Unterscheidung zu anderen ausgedrückt wird. Lebensstil weist der Irokesen gehörten unter anderem die Mohawk (der englische Begriff für den Haarschnitt ist „mohawk cut“). Die Popularität des Schnitts unter Punks dürfte auf den Film „Taxi Driver“ (1976) zurückgehen. In einer Schlüsselszene schneidet sich der verzweifelte und vor Aggressivität sprühende Hauptcharakter Travis Bickle (Robert de Niro) eine solche Frisur. 24 Ähnliche Argumente führt Vaskovics auf und verweist zusätzlich auf die Gefahr, durch den Subkultur-Begriff weiterhin der Stigmatisierung von Randgruppen das Wort zu reden (Vaskovics 1995, 16). Farin hingegen hielt in einer Replik anhand des Beispiels der Skinheads eine Aufrechterhaltung des Subkultur-Begriffs für möglich, wenn man die sich auflösende Trennung zwischen „‚sub‘- und ‚Hauptkultur‘“ sowie die gesamtgesellschaftliche, lebensstilistischen Ausdifferenzierungsprozesse nur ausreichend berücksichtige (Farin 1995, 47–48). 47 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen eine gewisse biografische Stabilität auf (Otte und Rössel 2011, 13) und ist über die Merkmale Expressivität, Form und Identifizierbarkeit fassbar (Rössel 2011, 37). Die über den Lebenstil Ausdruck findende soziokulturelle Zugehörigkeit kann auch eine Klasse sein. Viele Forscherinnen und Forscher, besonders im deutschsprachigen Raum, befinden jedoch, dass in den ausdifferenzierten gegenwärtigen Gesellschaften die Klassenzugehörigkeit kein zentrales Element persönlicher oder auch kollektiver Verortungen mehr sei (Otte und Rössel 2011, 10; Moser 2000). Lebensstile seien jedenfalls „mehr als mechanische Übersetzungen von materiellen, ökonomischen Ressourcen in Kulturphänomene, mehr als residuale Restphänomene der Sozialstruktur“ (Ferchhoff und Baacke 1995, 54). „Stil“ sei, so Soeffner, „eine spezifische Präsentation“. Er manifestiert die Zugehörigkeit eines Indiviuduums nicht nur zu einer Gruppe oder Gemeinschaft, sondern auch zu einem bestimmten Habitus und einer Lebensform, denen sich diese Gruppen und Gemeinschaften verpflichtet fühlen. Ein Stil ist ein Teil eines umfassenden Systems von Zeichen, Symbolen und Verweisungen für soziale Orientierung: er ist Ausdruck, Instrument und Ergebnis sozialer Orientierung. (Soeffner 1986, 318) Galt (subkultureller) Stil für das CCCS und für Schwendter noch als subversive Entität, so ist er mittlerweile zu einem Lebensstilelement geworden, das individuell gewechselt werden kann und nicht mehr zwangsläufig politisch konnotiert ist. Stile sind nicht nur gesellschaftlich integrierbar, sondern auch konsumierbar: Der hohe Einfluss von Konsum und Medien führt dazu, dass von der ehemaligen Subkulturidentität häufig nur noch die ‚Kostümiertechnik‘, eine ‚Lifestyle-Stilisierung‘ […] zurückbleibt. (Hoyningen-Huene 2003, 73) Der „Erfolg der Provokation hat zu ihrer Abnutzung geführt“ (Bianchi 1996, 61). Die Möglichkeit kulturellen Widerstands durch den Stil ist in hoher Geschwindigkeit gesunken, wenn (wie schon in den 1980ern festgestellt) „Bilder von Punks, Mods und Skinheads […] heute nicht einmal mehr Schulbuch-Redakteure schocken“ (Hebdige 1986, 188). Früher sei 48 Schulze, Etikettenschwindel „die dominante (oder hegemoniale) Ideologie der bürgerlichen Gesellschaft von den Vorstellungen der herrschenden Klasse geprägt“ gewesen, heute gebe es stattdessen ein „Spielfeld einer stilistischen und diskursiven Heterogenität ohne Norm“, wie Jameson kritisierte (Jameson 1986, 62). Wenn, zugespitzt formuliert, jedes Symbol für jeden und jede allzeit zur Verfügung steht und stilistische Schranken tendenziell wegfallen, dann kann man sich per Stil nicht mehr klar gegen den Mainstream absetzen (Davis 1992, 187; Clark 2003, 229). Der Verlust der Eindeutigkeit von Zeichen zeigt sich für Baudrillard eindrücklich in der Mode: Alle Kulturen und Zeichensysteme werden in der Mode ausgetauscht, kombinieren sich, gleichen sich einander an und gehen flüchtige Verbindungen ein, die der Apparat ausscheidet und deren Sinn nirgendwo liegt. Die Mode ist das rein spekulative Stadium der Ordnung der Zeichen – es gibt keinen Zwang zu irgendeiner bestimmten Kohärenz oder Referenz. (Baudrillard und Bergfleth 1982, 140–141) Im „Supermarkt der Stile“ (Polhemus 1998) sei alles möglich und nichts so, wie es scheint. Stile von Kulturen, die einst gegeneinander standen, würden nunmehr genussvoll und eklektisch kombiniert. Eindeutige Zuordnungen seien weder möglich noch gewollt (Polhemus 1998, 150). Das Konzept der Authentizität verliere in der post-subkulturellen Welt an Bedeutung: Post-Subculturalists […] do not have to worry about contradictions between their selected mode of dress, since there are no longer any correct interpretations. This is something that all post-subculturalists are aware of, that there are no rules, that there is no authenticity, no reason for ideological commitment, merely a stylistic game to be played. (Muggleton 1998, 198) Die eindeutige und verlässliche Zuordnung von Zeichen zu politischen Inhalten oder soziokulturellen Positionen ist mithin ebenfalls schwierig geworden. Diederichsen verweist darauf, dass bei den rassistischen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen 1992 ein „repräsentativer Querschnitt der bekannten jugendkulturellen Typen“ anzutreffen gewesen sei – unter anderem Jugendliche im Grunge-Outfit (Diederichsen 1993, 254). 49 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen Äußerliche Differenz bedeutet also nicht mehr zwangsläufig inhaltliche Differenz. Symbole sind bis zu einem bestimmten Grad entleert und dadurch kontextübergreifend adaptierbar geworden. Die gestiegene gesellschaftliche Zitierfreude – ein weithin unbestrittener Befund aus der Postmoderne-Diskussion – ist als Rahmenfaktor für die jüngeren neonazistischen Entwendungen zu berücksichtigen. Wenn überall zitiert wird, liegt es schließlich nahe, dass auch im Segment des Neonazismus zitiert wird. Andererseits liegt die Existenz des Neonazismus quer zu den geläufigen Kulturbefunden über die Postmoderne. Denn er verfügt über eine „große Erzählung“, eine Vorstellung von der Gestaltung der Gesellschaft, die nicht beliebig ist und ohne Ironie vorgetragen wird. 2.2.3 Szene Eine Szene ist, im Anschluss an Hitzler, Bucher und Niederbacher, eine thematisch fokussierte Vernetzung von Personen, die an je typischen Orten25 ähnliche Formen kollektiver Stilisierung betreiben. Der thematische Fokus kann über Ästhetiken hergestellt werden, die oft mit ethischen Werten und einer spezifischen Etikette des Umgangs verknüpft sind. Neben den geteilten ästhetischen Vorlieben müssen auch soziale Kontakte zu Gleichgesinnten vorliegen, um als Szeneangehöriger gelten zu können (Hitzler et al. 2005, 20). In Szenen haben die Individuen ein Mindestmaß an übereinstimmenden Überzeugungen, sie bilden also Gesinnungsgemeinschaften. Die „Mitgliedschaft“ bestimmt sich seltener über formale Zugehörigkeit zu einer Institution, sondern über ein Mindestmaß an Involviertheit, an Aktivität (Haunss 2004, 81). Haunss listet eine Reihe von Kernmerkmalen von Szenen auf: Szenen sind kommunikative und interaktive Gesellungen. Die Angehörigen handeln gemeinsam und bauen darüber einen gemeinsamen Erfahrungsschatz 25 Szenen sind also überörtlich, weil sie Präsenz an für sie „typischen Orten“ haben. Eine lokale Skater-Szene kann beispielsweise eine Skatebahn in einer Kleinstadt als dortigen für sie typischen Ort haben. „Die“ Skater-Szene ist jedoch in zahlreichen Städten und Ortschaften zu finden. 50 Schulze, Etikettenschwindel auf. Der Lebensstil ist von ihnen maßgeblich mitbestimmt, jedoch prägen sie nur eine Teilzeit des Lebens, während andere Bereiche wie zum Beispiel die berufliche Tätigkeit davon unberührt bleiben. Szenen verorten ihre Angehörigen sozial und sie selbst grenzen sich damit von anderen Gruppen ab. Szenen liegen quer zu den Gesellungsformen der größeren und großen gesellschaftlichen Institutionen. Die Zugehörigkeit zu Szenen ist freiwillig, man kann, zu einem bestimmten sozialen Preis, „aussteigen“. Szenen sind Netzwerke von Gruppen: Um Szeneangehöriger zu sein, reicht es aus, Teil eines mit der Szene verbundenen Personenkreises zu sein. Szenen sind dynamisch, befinden sich in ständiger Bewegung und können dadurch ihre Form verändern. Szenen haben Treffpunkte, an denen die Szenezugehörigkeit unmittelbar erfahrbar ist. Dort reproduziert sich auch die szeneeigene Kultur: Szenen haben – ob ausgesprochen oder nicht – eigene Codes, Stile, Verhaltensweisen und Wissensvorräte. Diese Kultur unterscheidet sich in einem Mindestmaß von der oder den hegemonialen Kultur(en) (Haunss 2004, 81–84). Leach und Haunss zum Kulturgehalt von Szenen: A scene has its own culture. In addition to shared convictions, participants in a scene share distinctive dress codes, aesthetic tastes, social norms, lingustic patterns, signs and symbols, and specialized knowledge that set them apart. Yet, being part of a scene is more than just an expressive act or a question of style. (Leach und Haunss 2009, 259) Hitzler, Bucher und Niederbacher beschreiben die innere Struktur von Szenen als zwiebelartig. Im Szenekern versammeln sich die besonders engagierten, langjährigen und herausragend viele Eigenressourcen investierenden Angehörigen. Eng verbunden zum Szenekern sind die sich darum gruppierenden aktiven, regelmäßigen Szeneangehörigen. Außen finden sich die loser verbundenen, nur gelegentlich teilnehmenden Szeneangehörigen, auf die von den inneren Schichten gelegentlich wegen ihres fehlen- 51 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen den Engagements, wegen einer zu geringen „Authentizität“ herabgeblickt wird (Hitzler et al. 2005, 27).26 Szenen stellen den Rahmen für sich miteinander überschneidende Lebenswelten der szeneangehörigen Individuen, wobei Lebenswelt (mit Edmund Husserl) eine ursprüngliche Sphäre meint, den „selbstverständlichen, unbefragten Boden sowohl jeglichen alltäglichen Handelns und Denkens als auch jeden wissenschaftlichen Theoretisierens und Philosophierens“ (Hitzler und Eberle 2008, 110). Szenen bilden insofern Sonderwelten oder „kleine soziale Lebenswelten“ heraus: ein in sich strukturiertes Fragment der Lebenswelt, innerhalb dessen Erfahrungen in Relation zu einem speziellen, verbindlich bereitgestellten intersubjektiven Wissensvorrat statthaben. Eine kleine soziale Lebenswelt ist das Korrelat des subjektiven Erlebens der Wirklichkeit in einer Teil- bzw. Teilzeitkultur. (Hitzler und Eberle 2008, 116) Das „klein“ verweist darauf, dass in der kleinen sozialen Lebenswelt „die Komplexität möglicher Relevanzen reduziert ist auf ein bestimmtes Relevanzsystem“. Prinzipiell hat jeder Mensch eine eigene, einmalige Lebenswelt. Allerdings lassen sich Muster erkennen, denn „die Menschen greifen bei ihrer Orientierung in ihrer Welt typischerweise auf soziohistorisch ‚gültige‘ Deutungsschemata und Handlungskonzepte zurück“ (Hitzler und Eberle 2008, 116). Zur „Kartographierung“ einer Szene brauche es Erkenntnisse über deren jeweiligen thematischen Fokus, die anzutreffenden Einstellungen und Motive, den Lebensstil, die Treffpunkte und Events, die Kleidung, Musik und Medien. Weitergehend müssten der geschichtliche Hinter- 26 Bourdieus Konzept des „kulturellen Kapitals“ – das dieser in inkorporiertes (Wissen, Können), objektiviertes (Kulturgüterbesitz) und institutionalisiertes (Bildungstitel) Kapital einteilt – wurde von Sarah Thornton um den Begriff des „subkulturellen Kapitals“ ergänzt. Die Ethnologin untersuchte die britische Club-Kultur. Anerkennung in einer Szene speise sich aus sozialem Kapital in objektivierter oder inkorporierter Form, deren Inhalt jedoch keine Anerkennung auf gesellschaftlicher Ebene bedeute. Szenerelevante Kenntnisse oder Besitztümer sorgten für Statusgewinn in der Szene selbst – doch gesamtgesellschaftlich könne das Kapital (etwa eine große Plattensammlung) relativ wertlos sein. In der Szene selbst sorge das Kapital für Disktinktion gegenüber der Außenwelt und tauge zur Zuschreibung von „Authentizität“ (Thornton 1996). 52 Schulze, Etikettenschwindel grund, Strukturdaten und Entwicklungstrends, Binnendifferenzierungen, Geschlechterrollen und Szeneüberschneidungen berücksichtigt werden (Hitzler et al. 2005, 31–32). 2.2.4 Soziale Bewegungen Eine soziale oder politische Bewegung ist nach einer in Deutschland gebräuchlichen Definition ein auf gewisse Dauer gestelltes und durch kollektive Identität abgestütztes Handlungssystem mobilisierter Netzwerke von Gruppen und Organisationen, welche sozialen Wandel mit Mitteln des Protests – notfalls bis hin zur Gewaltanwendung – herbeiführen, verhindern oder rückgängig machen wollen. (Rucht 1994, 76–77) 27 Soziale Bewegungen sind eine Erscheinung der Moderne, können der Gesellschaft Modernisierungsimpulse geben, aber auch antimoderne und re-traditionalisierende Ziele vertreten (Münch 1994, 28–29). Eine Unterscheidung in „alte soziale Bewegungen“ (etwa: Arbeiterbewegung, die frühe Frauenbewegung) und „neue soziale Bewegungen“ (etwa: Umweltbewegung, globalisierungskritische Bewegung) wird inzwischen in der Regel nicht mehr vorgenommen (Koltan 2014, 70).28 Die Frage, ob der Rechtsextremismus eine soziale Bewegung darstellt, war lange Zeit umstritten und wird darum in dieser Schrift an geeigneter Stelle diskutiert. Es werden, soviel sei vorweggenommen, Argumente aufgeführt, die eine Einordnung als soziale Bewegung rechtfertigen. Allgemein sind die Akteure in einer sozialen Bewegung geeint über gemeinsame Ziele, Überzeugungen und Deutungen der gesellschaftlichen 27 Diese Definition ist angelehnt an eine ältere von Joachim Raschke, in der die Netzwerk- und Protestaspekte weniger stark berücksichtigt sind (Raschke 1985, 77). 28 Vergleiche den Sammelband von Rucht und Roth, der explizit „soziale Bewegungen in Deutschland seit 1945“ behandelt und explizit auch „alte“ Formationen wie die Gewerkschaften berücksichtigt (Roth und Rucht 2008b). In der angelsächsischen Bewegungsforschung wurde eine Trennung in „alt“ und „neu“ ohnehin kaum vertreten. 53 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen Verhältnisse. Diese Interpretationsrahmen („frames“) markieren innere Zugehörigkeit und Grenzen zur Mehrheitsgesellschaft, zu Nichtbewegten und Feinden (Roth und Rucht 2008a, 23; Benford und Snow 2000). Die innere Einheit wird als kollektive Identität bezeichnet, die den Kitt darstellt, der die jeweilige soziale Bewegung zusammenhält (Haunss 2011a, 36). Weil soziale Bewegungen offene, fluide Gebilde sind, ist für sie die Produktion von kollektiver Identität von herausgehobener Bedeutung. Sie beeinflusst nicht nur die Weltsicht der Aktiven, sondern ihre Auswirkungen können bis in deren alltägliche Lebenspraktiken reichen (Haunss 2011b, 41). Die geteilten Werte haben dabei auch eine emotionale Qualität, sind wesentlicher Bestandteil der sozialen Ordnung und legitimieren Handlungen (Kern und Nam 2012, 30–31). Das Zugehörigkeitsgefühlt, das durch kollektive Identität produziert wird, macht eine soziale Bewegung erst mobilisierungsfähig (Roth und Rucht 2008a, 21). Die kollektive Identität wird auch über visuelle Kommunikation hergestellt (Fahlenbrach 2002). Soziale Bewegungen sind nicht gleichzusetzen mit Bürgerinitiativen, Selbsthilfegruppen, Nichtregierungsorganisationen oder Parteien. Jedoch können alle dieser vier Formen kollektiven Handelns Teil von sozialen Bewegungen sein (Roth und Rucht 2008a, 17). Soziale Bewegungen sind in unterschiedlichem Maß strategisch orientiert beziehungsweise strategiefähig. Unterschieden wird typologisch zwischen macht- und kulturorientierten, strategisch- und identitätsorientierten sozialen Bewegungen. Ebenfalls wird eingeteilt zwischen instrumentellen (Beispiel: Anti-Atomkraft-Bewegung), subkulturellen (Homosexuellenbewegung) und gegenkulturellen (Autonome) sozialen Bewegungen. Empirisch sind in der Regel Mischformen vorzufinden: Auch in politisch-intervenierenden Bewegungen kann es beispielsweise eine kulturelle Agenda geben (Roth und Rucht 2008a, 15–16). Soziale Bewegungen sind keine Organisationen, brauchen aber Organisationen, um sich bewegen, um mobilisieren zu können. Vom Mikrokontext wie Freundschaften abgesehen, benötigen soziale Bewegungen Medien, Räume, Organisationen, um sich gegenseitige Unterstützung zu 54 Schulze, Etikettenschwindel verschaffen. Dieser Prozess wird als vernetzte Ressourcenmobilisierung bezeichnet (Roth und Rucht 2008a, 25). Die gesellschaftliche Wirkungskraft von sozialen Bewegungen hängt neben einer ausreichenden Ressourcenmobilisierung auch von der Existenz oder Nichtexistenz entsprechender politischer Gelegenheitsstrukturen ab. Die Mittel, die soziale Bewegungen für ihr Protesthandeln nutzen und für deren Einsatz sie ihre Ressourcen mobilisieren, sind historisch und von Bewegung zu Bewegung ausgesprochen unterschiedlich. Dazu gezählt werden klassischerweise vielfältige Varianten von öffentlichem, häufig kollektivem Handeln. Zum „Repertoire“ (Tilly und Tarrow 2007, 4) der „contentious politics“ von sozialen Bewegungen können Musikevents, Versammlungen, aber auch Demonstrationen, Streiks, Ausschreitungen, Akte zivilen Ungehorsams bis hin zur Aufstandsorganisierung und Terrorismus gehören (Tarrow 1998, 32). Das Repertoire einer sozialen Bewegung kann sich, trotz einer gewissen Trägheit, an neue Bedingungen anpassen und erneuern (Tarrow 1998, 31). Soziale Räume in sozialen Bewegungen können als „Freiräume“ gefasst werden. Simi, Futrell und Gottschalk weisen in einer Analyse der US-White-Power-Bewegung darauf hin, dass die Herstellung von Freiräumen ein maßgeblicher Faktor für die Aufrechterhaltung („persistence“) der Bewegung in einer ihr überwiegend ablehnend gegenüberstehenden Umgebung ist (Futrell und Simi 2004). Francesca Poletta nennt in ihrer kritischen Diskussion des Konzepts drei Typen von Freiräumen: „transmovement spaces“ (bewegungsnahe Institutionen), „indigenous spaces“ (nachbarschaftliche Institutionen wie Kirchen, die für eine Bewegung wichtig werden können) und „prefigurative spaces“. Letztere zeichen sich dadurch aus, dass sie von Bewegungen etablierte politische Räume sind, in denen die angestrebte Gesellschaft der Zukunft vorgeformt, gelebt, ausprobiert werden kann (Polletta 1999, 11). Die Prozesse, in denen soziale Bewegungen Symbole und Diskurse über sich selbst, ihre Ziele, Grenzen und Inhalte hervorbringen, hält Haunss für besonders geeignete Untersuchungsobjekte, da sie durch ihren konfliktiven Verlauf besonders ergiebig seien. Dafür sei eine diachrone Analyse notwen- 55 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen dig (Haunss 2011a, 37). Er schlägt vor, mittels qualitativer Textanalysen Frames zu identifizieren; ein Ansatz, der auch auf die von sozialen Bewegungen produzierten Symbole übertragbar ist. „Rituale“ wie Demonstrationen lassen sich ergänzend zu den textanalytischen Elementen mit ethnografischen Ansätzen untersuchen (Haunss 2011a, 37–38). 2.2.5 Symbol und Form in Jugendkulturen und sozialen Bewegungen Zur Beantwortung der Forschungsfragen ist es nötig, das Symbolrepertoire des gegenwärtigen Neonazismus darzustellen und zu analysieren. Bloch verortete die historischen Entwendungen auf unterschiedlichen Ebenen der nationalsozialistischen Praxis. Von den Nationalsozialisten usurpiert und in ihr „Inventar“ eingegliedert wurden Zeichen, Symbole und Formen: Rituale, Inszenierungsformen bei Kundgebungen, Lieder, Filme, Farben, Schlagwörter und Parolen. Diesen Spuren wird in der vorliegenden Arbeit gefolgt: Alle Elemente des Handelns oder der Erfahrung können potenziell mit Bedeutsamkeitsakzenten versehen und somit zu einem Symbol beziehungsweise zum „Element symbolischen Handelns“ werden (Soeffner 1991, 63). Zur Sortierung des Materials wird das Inventar des Neonazismus in zwei Sphären symbolischen Handelns eingeteilt. Auf der einen Seite stehen Formen, womit zur Verwendung kommende symbolisch-pragmatische Handlungen und Inszenierungspraktiken bezeichnet werden. Das können die Art und Gestaltung der Ausdrücke sozialer Bewegungen (Demonstration, Blockaden, „schwarzer Block“, Rituale wie Sonnenwendfeiern) sein, aber auch kulturelle Ausdrücke, beispielsweise aus Jugendkulturen (Tanz, Konzert, Graffiti und Lebensstilelemente wie Ernährung). Auf der anderen Seite stehen Symbole, womit die Gesamtheit der aufzufindenden bildlichen, textlichen oder zeichenhaften Verweise gemeint ist. Das können sein Gesten (Hitlergruß, geballte Faust), Abzeichen (NPD-Logo), Ikonen (Rudolf Heß, SA-Mann), Mode (Marken, Kleidung, Haarschnitt), Musik (Lieder, Instrumente), symbolhaft genutzte Zeichen (Runen, Fahnen, Farben, Daten), Parolen (Sprechchöre, Sinnsprüche) und inhaltliche Schlag- 56 Schulze, Etikettenschwindel worte („Antiimperialismus“). Die Betrachtung von Formen und Symbolen ist somit konzeptionell breit genug angelegt, um den Blochschen Beschreibungen, aber auch aktuellen Verschiebungen und Neuentwicklungen nachzugehen. Der hier verwandte Begriff von Symbol ist kompatibel mit der Terminologie Blochs (Korngiebel 1999, 51–121). Die Technik Blochs, einzelne Symbole und Symbolverkettungen historisch zurückzuverfolgen, wird punktuell aufgegriffen (Korngiebel 1999, 70–71). Zusammengefasst: In der Popkultur (als massenmedial vermittelter Unterhaltung) sind Symbole von herausragender Bedeutung. Erst über Mode, Gesten, Musik, Jargon und weitere Symbolträger werden die verschiedenen popkulturellen Erzählungen kommuniziert und verbreitet. Die Performances in der Popkultur sind systematisch von Symbolen durchzogen. In Jugendkulturen, die hier als Teil der Popkultur gelten und häufig als Szenen in Erscheinung treten, ist die Bedeutung von Symbolen besonders groß. Die Produktion einer jugendkulturellen Identität und die damit verknüpfte Distinktion nach außen bedürfen symbolhafter Vermittlung. Jugendkulturelle Stile können als Ensembles von Symbolen und Formen, als kulturelle Referenzsysteme verstanden werden, die sich häufig mittels Bricolagen konstruieren. Jugendkulturen haben Events als Kulminationspunkte und sie verfügen über Institutionen. Als netzwerkartige Gesamterscheinung sind sie jedoch nicht anhand solcher formaler Merkmale vollständig erfassbar. Umso stärker sind sie darum auf Symbole angewiesen, um sich ihrer selbst vergewissern zu können. Jugendkulturen können gesellschaftliche Normen infrage stellen oder bestärken, sie kommentieren und zum Handeln aufrufen und insofern können sie politische Akteurinnen sein. Zuerst sind sie jedoch kulturelle und keine politischen Phänomene. Sie können sich selbst genügen, sie können von außen herangetragene Rechtfertigungsforderungen zurückweisen, und können sich politischen Zielen verschreiben, müssen dies aber nicht zwingend. Soziale Bewegungen hingegen sind vorrangig politische Akteurinnen. Ihrem Charakter nach streben sie gesellschaftlichen Wandel (oder dessen Verhinderung) an und diesem Zweck ordnen sie die eingesetzten Mittel unter. Sie können kulturelle Formen integrieren, wenn sie der Zielerrei- 57 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen chung dienlich erscheinen. Soziale Bewegungen sind indes wie Jugendkulturen und Szenen Netzwerke. Sie können über Institutionen verfügen, eine Institution allein kann jedoch keine Bewegung sein oder auch nur repräsentieren. Dementsprechend können sie Kohärenz nicht über formale Strukturen herstellen und wollen dies häufig auch nicht. Eben weil sie lose Gebilde sind, ist der Grad der kollektiven Identität ein entscheidender Faktor, um Handlungsfähigkeit herzustellen. Soziale Bewegungen setzen symbolhaftes Handeln in vielfältiger Weise ein, um Öffentlichkeit für die eigenen Anliegen herzustellen, um darüber politischen Einfluss zu erlangen (Voigt 1989, 14) und um über gemeinsames Erleben das „commitment“ der Bewegungsangehörigen zu steigern. Sie bringen dabei eigene Kulturen hervor, die sich auch um Symbole und symbolhaftes Handeln gruppieren. Am Beispiel der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung arbeiten Andrew Jamison und Ron Eyerman etwa die Bedeutung von Musik für soziale Bewegungen heraus. Soziale Bewegungen sind demnach Räume, in denen mit Musik experimentiert wird, in denen kulturelles Material und Traditionen dekonstruiert und neu kombiniert werden können (Eyerman und Jamison 1998, 41).29 Musik diene nach innen als ein Instrument, über das das eigene Befinden Ausdruck finden könne, über das kommuniziert und Identifikation produziert werde. Nach außen sei Musik ein Medium, um das Anliegen der Bewegung in das kollektive Bewusstsein der allgemeinen Öffentlichkeit einzuspeisen (Eyerman und Jamison 1998, 11–15). Diese Befunde der Autoren finden sich auch in einer später veröffentlichten Betrachtung des schwedischen Neonazismus wieder (Eyerman 2002, 451– 452). Ähnliche Schlüsse zieht Stephanie Schmolinger in ihrer Betrachtung der „Riot Grrls“, die Anfang der 1990er Jahre das „Massenmedium Musik“ als Mobilisierungsinstrument in den Dienst der feministischen Bewegung stellten (Schmoliner 2006, 43). In mancher Hinsicht ist bei sozialen Bewegungen „die kulturelle Sphäre“ sogar der politischen „vorgeordnet“ 29 Ähnlich in einem neueren Beitrag von Thomas Kühn: Etablierte musikalische Formen werden, so Kühn, im Kontext sozialer Bewegungen in „übernommen, abgewandelt oder kombiniert, erweitert oder umfunktioniert“, etwa durch das Umschreiben der Texte (Kühn 2009, 131–134). 58 Schulze, Etikettenschwindel (Koltan 2014, 62). Für Jasper gehört darum Kultur – neben Ressourcen, Strategien und Biografien – zu den zentralen Dimensionen für die Analyse sozialer Bewegungen (Jasper 1997, 43–68). Die Auswirkungen der Bewegungskulturen reichen nicht nur in präfigurativen sozialen Bewegungen (Haunss 2011b, 43) bis in den Lebensstil der Bewegungsangehörigen hinein. Symbole sind für soziale Bewegungen Marker der Zugehörigkeit und Grenzziehung nach außen. Die kollektive Identität der sozialen Bewegungen ist in ständigem, prozesshaften Wandel. Mangels formaler Strukturen (etwa Instrumenten wie einem Programmparteitag) werden Konflikte um Ziele, Mittel, Grenzen und Ausgestaltung der sozialen Bewegungen oft anhand von Symbolen verhandelt. Balistier beschreibt die Kulturen von sozialen Bewegungen ebenfalls als prozesshaft und stellt das Ringen um Symbole als Ausdruck dieser Prozesse dar. Soziale Bewegungen würden Symbole „auswählen, ausprobieren, verändern, verwerfen oder beibehalten“, dadurch Symbolwelten entfalten, in deren Entstehung die Auseinandersetzungen um Identität und um neue „Ideen, Haltungen, Normen und Werte“ einen Ort erhielten (Balistier 1996, 219). Diese, zum Beispiel anhand von Symbolen, ausgehandelten kulturellen und politischen Konflikte können zu einem Widerspruch zwischen Lebenspraxen und der Bewegungsidentität führen (Haunss 2011b, 44). 2.2.6 Bewegungsszene als Schnittpunkt von sozialen Bewegungen und Jugendkulturen Sebastian Haunss entwickelt in seiner Untersuchung der linken Autonomen- und der Schwulenbewegung den Begriff der „Bewegungsszene“30, in denen sich „Alltagshandeln und Politik“ als Einheit leben lassen und gelebt werden (Haunss 2004, 89). Gemeint sind Szenen, die sich im Kon- 30 In den Forschungen zu sozialen Bewegungen taucht der Begriff Bewegungsszene schon etwas früher, aber nur sporadisch auf (Roth 1994, 413; Rucht et al. 1997, 69). Von der Verwendung hier abzugrenzen ist eine in der Sportsoziologie vorkommende Nutzung des Begriffs der Bewegungsszene für auf körperliche Bewegung zentrierte Szenen (Kolb 2009, 232). 59 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen text sozialer Bewegungen formieren.31 Die Bewegungsszenen sind Orte, an denen Jugendkulturen, Lebensstile und soziale Bewegungen aufeinander treffen und sich gegenseitig beeinflussen. Bewegungsszenen können unterschiedliche Strömungen beinhalten und Überschneidungen mit anderen Szenen haben. So sei etwa die Schwulen-Szene eine Bewegungsszene innerhalb der sozialen Bewegung der Homosexuellen. Sie beinhalte Subspektren und habe musikalisch stilprägend an der Etablierung der Musikszenen um Techno und House mitgewirkt. Bewegungsszenen bildeten für soziale Bewegungen ein Mobilisierungspotenzial. Um sich am Szeneleben zu beteiligen, braucht es nur ein vergleichsweise geringes Maß an Engagement, während dem Individuum gleichzeitig ein umfassendes Lebensstilangebot gemacht wird. Szenen können somit ein Einstiegsangebot für das Engagement in einer Bewegung sein (Haunss 2004, 253–259). Durch die niedrigschwelligen kulturellen Angebote in den als „gateways“ fungierenden Bewegungsszenen wird eine Bewegungsnähe etabliert, die für das Individuum in direkter Partizipation münden kann (Leach und Haunss 2009, 270). Szene und Bewegung überlappen einander und beeinflussen sich gegenseitig. Szenen bilden auch Rückzugsräume und Freiräume für die Aktiven einer sozialen Bewegung außerhalb des politischen Engagements. Das Verhältnis zwischen Bewegungsszene und Bewegung birgt aber auch Spannungen: Szenen sind in der Tendenz binnen- und erfahrungsorientiert, Bewegungen hingegen außen- und projektorientiert. Bewegungsszenen sind gleichermaßen lokal wie auch allgemein – es existieren ortsgebundene Treffpunkte und andere infrastrukturelle Einrichtungen. Für Szeneangehörige sind ähnliche Strukturen jedoch auch in anderen Städten und Regionen zugänglich. Die Codes mögen in manchen Details voneinander abweichen, Zugang und Bezug sind aber gewährleistet. Bewegungsszenen sind überdies meist keine ländlichen, sondern städtische, wenn nicht gar 31 Eine verwandte Beobachtung machte Zwick 1990 unter Verwendung des Subkultur-Begriffs: Soziale Bewegungen seien stark kulturell und durch ihre Milieus geprägt, sodass sie Züge von Subkulturen tragen würden (Zwick 1990). 60 Schulze, Etikettenschwindel großstädtische Strukturen. Sie sind Scharniere in Prozessen kollektiver Identität innerhalb von sozialen Bewegungen. Lebensstil und „Collective Action Frames“ (also Welt- und Konfliktdeutungsmuster, die gemeinsames Handeln ermöglichen und begründen) werden von Szenen in besonderer Art zusammengebracht (Haunss 2004, 253–259). Bewegungsszenen haben dabei keine bloße Verpflichtung gegenüber Bewegungen, erfüllen nicht nur eine Funktion, sondern sie entwickeln Eigendynamiken, die aus Sicht der Bewegung sowohl förderlich als auch hinderlich erscheinen können: Scenes are not necessarily political […]. [If it is] attached to social movements, […] a scene cannot be reduced to the movement itself or to the organizations within it. And when scenes are connected to a movement, the relationship between the two is not always beneficial for the movement. (Leach und Haunss 2009, 258–259) Die Balance zwischen Szene- und Bewegungsdynamik ist fragil und führt bisweilen zu einer Selbstreferenzialität der Diskussionen und Selbstreflexion innerhalb von Bewegung und Szene (Haunss 2004, 269). Der Grad, in dem Szenen eigene Dynamiken entwickeln, die in Konkurrenz zu politisch-strategischen Interessen einer sozialen Bewegung treten und somit bewegungsinterne Konflikte befördern, dürfte dabei ansteigen, je stärker die betreffenden Szenen jugendkulturell geprägt sind. 2.3 Forschungsstand zu den AN 2.3.1 Literaturschau Obwohl das Phänomen der AN bereits seit etlichen Jahren existiert, ist der Stand der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit ihm schnell referiert. An erster Stelle ist ein 2011 von Alexander Häusler und Jan Schedler herausgegebener Sammelband zu nennen, weil er die umfangreichste Auseinandersetzung mit dem Thema darstellt (Häusler und Schedler 2011). Die AN als Erscheinung eines „Neonazismus in Bewegung“ werden dort von verschiedenen politikwissenschaftlichen und historischen Perspekti- 61 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen ven aus betrachtet. Die Ergebnisse der Beiträge sind in die vorliegende Arbeit eingeflossen beziehungsweise werden an den je passenden Stellen diskutiert. Die Herausgeber kommen in ihrem Fazit zu dem Schluss, dass eine „wissenschaftliche Einordnung des Phänomens der ‚Autonomen Nationalisten‘ […] noch am Anfang“ stehe (Häusler und Schedler 2011, 305). Das Phänomen der AN sei „weitestgehend noch unbearbeitet“ (Häusler und Schedler 2011, 305), auch und insbesondere in seiner Wechselwirkung mit extrem rechten Jugendkulturen.32 Daneben sind weitere Beiträge zu nennen, in denen die AN deskriptiv und manchmal analytisch behandelt werden. Dazu gehört ein Sammelband von 2009, der die Entstehung und Ausdruck der AN referiert (Peters und Schulze 2009). Ein Buchbeitrag von Jan Schedler aus dem selben Jahr liefert hier mitverwertete Einschätzungen, auch wenn er nahe legt, die AN würden einer vorher festgelegten Strategie folgen (Schedler 2009). Ähnliche Ergebnisse präsentierte Schedler im Folgejahr in einem Beitrag für die Zeitschrift Aus Politik und Zeitgeschichte (Schedler 2010). Ein Überblickstext stammt von Richard Gebhardt, der die AN als einen klar abgrenzbaren „dritten Block“ des Neonazismus neben Kameradschaften und NPD sieht (Gebhardt 2009). 32 Ein Forschungsüberblick zum Komplex Jugend und Rechtsextremismus aus dem Jahr 2014 unterstreicht diesen Befund. Die AN kommen als eigenständiges Phänomen schlichtweg nicht vor. Das Forschungsdesiderat wird markiert: „Es fehlen systematische Untersuchungen darüber, in welchem Ausmaß und in welchen Ausprägungen Verklammerungen zwischen dem organisierten Rechtsextremismus und einer ideologisch und organisatorisch eher locker gewirkten Subkultur bestehen.“ Fazit: „Insgesamt aber bleiben die Verschränkungen zwischen dem organisierten Rechtsextremismus und tendenziell ‚vorpolitischen‘ Jugendkulturen – dies zumindest ist der Eindruck, den die vorliegenden Studien hinterlassen – unklar; eine Präzision dieses Verhältnisses wäre hilfreich.“ (Aumüller 2014, 65–72) Allerdings: Ein auf drei Jahre angelegtes DFG-gefördertes Forschungsprojekt unter dem Titel Autonome Nationalisten - eine Analyse soziologischer Rechtsextremismusforschung in ausgewählten Sozialräumen und im Internet nahm im Jahr 2015 die Arbeit auf. Laut der Ankündigung auf der Internetseite der DFG sollen die Interaktionen der AN mit „anderen Akteursgruppen im öffentlichen Raum einschließlich Gewalt, ihre Versuche zu Raumgewinnen und ihre Rekrutierungsstrategien für desintegrationsgefährdete junge Menschen“ entwicklungsorientiert analysiert werden. Materialgrundlage sollen Beobachtungen von vier Sozialräumen, eine Auswertung von Internetangeboten und von Demonstrationen bieten (DFG 2015). 62 Schulze, Etikettenschwindel Eine Betrachtung der Wirkung von AN in einem Lokalraum haben Claudia Luzar und Olaf Sundermeyer in ihrem Kurzbeitrag für die Folge 9 der Deutschen Zustände von Wilhelm Heitmeyer vorgelegt (Luzar und Sundermeyer 2010). Auf die Frage von Geschlechterbildern bei den AN geht an verschiedenen Punkten ein Sammelband von Claus, Lehnert und Müller zu Männlichkeitskonzeptionen im Rechtsextremismus ein (Claus et al. 2010). Andreas Heilmann beschreibt dort eine „fun-and-risk-orientierte Jugendszene-Männlichkeit“ bei den AN, die für „Salonfähigkeit“ sorge, doch auch einen Konturverlust hervorbringen könne (Heilmann 2010). Kristin Witte untersucht Internet-Videoclips und setzt die dort zu findende Aktions- und Gewaltorientierung der AN mit ihrer Männlichkeitsinszenierung in Bezug (Witte 2010). Kollmorgen und Quent sehen in einem Zeitschriftenbeitrag die AN als eine „sozio-kulturelle Innovation“ im Rechtsextremismus und regen an, dass die „Imitationsprozesse“ und ihre Folgen für die „Reziprozität“ zwischen den Innovatoren und anderen Akteuren untersucht werden sollten (Kollmorgen und Quent 2014, 8–9). In einem Sammelband zu einer Tagung des Brandenburger Verfassungsschutzes betont der Referent (und ehemalige Verfassungsschutzmitarbeiter) Rudolf van Hüllen, dass die Systemablehnung und Gewaltaffinität bei linken wie rechten Autonomen übereinstimmten; beide Spektren seien in einer „grundsätzlichen Kongruenz“ zueinander zu sehen (van Hüllen 2010). Der Philosoph und SPD-Politiker Mathias Brodkorb beschreibt die Formübernahmen der AN als „Mimikry“: Radikale Rechte und Linke bezögen sich stark aufeinander, was eine mimetische Rivalität nach sich ziehe – die Rechten würden die Linken nachahmen. Blockaden von Neonazi- Demonstrationen dienten als Katalysatoren für rechte Gewalt und das Tun der AN (Brodkorb 2010, 73–76). Neben wissenschaftlichen Veröffentlichungen zu den AN sind insbesondere Beiträge aus zwei weiteren Bereichen zu nennen. Die Entstehung der AN werden in den thematisch spezifizierten Zeitschriften Antifaschistisches Infoblatt, Lotta und Der Rechte Rand in etlichen Beiträgen zeitnah und intensiv verfolgt. Dabei finden die hier besonders interessierenden lebensweltlichen Aspekte Eingang. Nur stellenweise werden die AN hinge- 63 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen gen in der Zeitschrift Blick nach Rechts berücksichtigt, was der tagesaktuellen und weniger analytischen Ausrichtung dieser Publikation geschuldet ist.33 Alle genannten Zeitschriften werden aus dem Spektrum des linken Antifaschismus heraus produziert. Aus diesem Bereich ist zudem einige graue Literatur veröffentlicht worden (AKKU 2009; Kalenderredaktion 2008, 13–20).34 Eine journalistische Beschreibung der AN haben Toralf Staud und Johannes Radke vorgelegt, in der sie das Phänomen neben dem rechten Terrorismus des NSU und rechtspopulistischen Formationen als „neue Nazis“ einordnen (Staud und Radke 2012). Des Weiteren gibt es Veröffentlichungen über die AN, die aus den bundesdeutschen Sicherheitsbehörden stammen. Zu nennen ist hier etwa eine Deskription aus einer Polizeifachzeitschrift (Hoffmann 2008) sowie eine Einschätzung aus dem Jahrbuch Extremismus & Demokratie durch einen Verfassungsschutzmitarbeiter, der die AN als ein neonazistisches Täuschungsmanöver deutet (Menhorn 2008).35 In den Jahresberichten des Bundesamtes und verschiedener Landesbehörden für Verfassungsschutz haben die AN verschiedentlich Erwähnung gefunden. Der Struktur dieser Berichte entsprechend sind die Ausführungen in der Regel nicht analytisch, sondern deskriptiv im Stil von Lageeinschätzungen ausgerichtet. Zu nennen sind zusätzlich zwei Broschüren. 2007 wurden die AN in einer Veröffentlichung des Bundesverfassungsschutzes als eine „militante Randerscheinung“ eingeordnet (Bundes- 33 Auf der Homepage von Blick nach Rechts sind dennoch rund 200 Artikel unter der Rubrik AN verschlagwortet, die für die vorliegende Arbeit gesichtet wurden. Die Texte sind fast ausnahmslos der Berichterstattung zu einzelnen Ereignissen wie etwa Demonstrationen gewidmet (bnr.de 2015). 34 Ergänzend: Aus linker politischer Perspektive streift ein Kurzbeitrag in einem Sammelband über Protestformen sozialer Bewegungen die AN. Dort wird das Phänomen mit dem neonazistischen Bestreben, „national befreite Zonen“ einzurichten und „kulturelle Hegemonie“ zu erringen, vermengt, aber nur am Rand im Jugendbereich verortet. Atypisch für die linke Diskussion ist der – offenbar auch folgenlos gebliebene – Vorschlag, neonazistische Symbole zu „rekuperieren“, also für linke Bewegungspolitik nutzbar zu machen (Franz et al. 2009). 35 Menhorn war laut den Journalisten Stefan Aust und Dirk Laabs unter dem Tarnnamen Sebastian Egerton im Bereich Terrorismusabwehr beim Bundesamt für Verfassungsschutz tätig und unter anderem mit den untergetauchten Neonazis befasst, von denen der „Nationalsozialistische Untergrund“ (NSU) gegründet wurde (Aust und Laabs 2014, 814). 64 Schulze, Etikettenschwindel amt für Verfassungsschutz 2007).36 Ein Jahr später folgte eine Publikation des Berliner Landesamtes, die die Strahlkraft der AN ebenfalls als gering einschätzt (Verfassungsschutz Berlin 2008). Im Jahresbericht des Bundesverfassungsschutzes für das Jahr 2004 wurden neue Strategien des Neonazismus beschrieben, der sich durch „Demonstrationen, Hausbesetzungen und ähnliche Events“ attraktiver für junge Menschen darstellen wolle (Bundesministerium des Inneren 2005, 56–57). Für das Jahr 2005 folgte eine Ersterwähnung der AN, die vereinzelt „schwarze Blökke“ auf Demonstrationen bildeten und sich rhetorisch an „linksextremistische Terminologie“ anlehnen würden. Ohne Partei und Theorie solle „offensiv für einen revolutionären Nationalismus“ gekämpft werden. Der Großteil der „Szene“ lehne das Konzept ab (Bundesministerium des Innern 2006, 68). Für 2006 wurde das Potenzial auf 140 bis 200 Personen geschätzt, Schwerpunkte lägen in Berlin, München und im Ruhrgebiet. Die „Hemmschwelle im Hinblick auf Gewaltanwendung“ wurde als „gering“ charakterisiert (Bundesministerium des Innern 2007, 60–61). Für 2007 wurde eingeschätzt, dass die AN mit ihren Aktionsformen „neue klassisch ‚linke‘ Zielgruppen erschließen“ wollten. Die Thematisierung der sozialen Frage stehe in der Tradition der Nationalrevolutionäre der 1920er und 1930er Jahre (Bundesministerium des Innern 2008, 60–63). Das Landesamt für Verfassungsschutz in Nordrhein-Westfalen widersprach zwei Jahre später dieser Einschätzung und hielt fest, dass die AN „keine besondere ideologische Ausrichtung“ verfolgen würden, sondern eher durch ihre grundsätzliche Gewaltbereitschaft charakterisiert seien (Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen 2010, 82–86). Die AN machten etwa zehn Prozent des neonazistischen Personenpotenzials aus, schätzte der Bundesverfassungsschutz für das Jahr 2007. Die Kundgebungen der AN besäßen einen „Happening-Charakter“ (Bundesministerium des Innern 2008, 60–63). Eine Verbindung zwischen Subkultur und den AN wurde im Jahresbericht für 2009 hergestellt. Subkulturell geprägte Rechtsextremisten würden sich 36 Die Broschüre wurde später aktualisiert neu herausgebracht, diesmal ohne die Qualifizierung als Randerscheinung (Bundesamt für Verfassungsschutz 2009). 65 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen inzwischen modisch weniger am Skinhead-Stil orientieren, sondern auf Kleidung der Hooligan- und der AN-Szene ausweichen. Zusätzlich gewinne Hardcore-Musik an Popularität (Bundesministerium des Innern 2010, 55–56). Ein großer Teil der AN sei zwischen 14 und 18 Jahren alt (Bundesministerium des Innern 2010, 69–70). Der Landesbericht des Verfassungsschutzes Nordrhein-Westfalen ordnete die AN zum selben Zeitpunkt als eine „neue Generation“ des Neonazismus ein (Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen 2009, 66–69). Für 2010 wurde im Bundesbericht festgehalten, dass sich AN weniger eindeutig als andere Neonazis auf den historischen Nationalsozialismus bezögen. Die AN-Szene biete individuelle Freiräume, die untypisch für ein Spektrum seien, das eine identitäre Gemeinschaft anstrebe. Der „Antikriegstag“ in Dortmund wird als Beispiel für AN-Politik ebenso genannt wie die Nutzung von Graffiti und Gestaltungselementen im Manga-Stil. Inzwischen seien 20 Prozent der Neonazis zu den AN zu zählen (Bundesministerium des Innern 2011, 64–65). Für 2011 wurde vermeldet, dass die AN 15 Prozent des Neonazispektrums ausmachten. Zudem glichen sich AN und der restliche Neo nazismus an – Elemente des AN-Stils seien von weiten Teilen der neonazistischen Szene übernommen worden (Bundesministerium des Innern 2012, 71). Die AN seien mittlerweile eine „Trendmarke“, unabhängig von der Frage nach der konkreten Gewaltbereitschaft, hieß es im Jahr esbericht für 2012 (Bundesministerium des Inneren 2013, 74). Im Bericht für 2013 wurde diese Einschätzung wiederholt: Vorgehensweisen, äußeres Erscheinungsbild und Aktionsziele der ‚Autonomen Nationalisten‘ werden seit 2011 verstärkt von anderen Teilen der neonazistischen Szene übernommen. […] ‚Autonome Nationalisten‘ stellen inzwischen keine eigenständige Organisationsstruktur der neonazistischen Szene mehr dar, sondern lediglich noch eine Aktionsform. Die Selbstverortung neonazistischer Personenzusammenschlüsse als ‚Autonome Nationalisten‘ prägt mittlerweile das moderne Selbstverständnis, quasi als Trendmarke, unabhängig von der Frage der Gewaltbereitschaft. (Bundesministerium des Innern 2014, 85) 66 Schulze, Etikettenschwindel Ähnlich auch in den Länderberichten. Das Landesamt Berlin hielt 2014 fest: Im Bereich des aktionsorientierten Rechtsextremismus haben sich die Aktions- und Organisationsformen der ‚Autonomen Nationalisten‘ (AN) in den vergangenen Jahren zum alles dominierenden Wesensmerkmal des gesamten Netzwerkes ‚Freie Kräfte‘ entwickelt. (Verfassungsschutz Berlin 2013, 53) In Nordrhein-Westfalen wurde 2014 und 2015 beschrieben, dass die Bildung von „schwarzen Blöcken“ als Distinktionsmerkmal innerhalb des Rechtsextremismus an Bedeutung verliere beziehungsweise das „neue Erscheinungsbild“ („bestehend aus schwarzen Kapuzenjacken, Sonnenbrillen und schwarzen Kappen“) inzwischen von „fast allen Teilnehmern bei Demonstrationen“ übernommen werde (Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen 2013, 95–96, 2014, 161–162). 2.3.2 Diskussion der bisherigen Deutungsmuster Aus einer Durchsicht der bisher zu den AN publizierten Literatur lassen sich drei Deutungsmuster ableiten. a) Die Entwendungen aus der Linken sind möglich, weil die äußerste Rechte und die äußerste Linke inhaltlich und von ihrer Mentalität her ähnlich strukturiert sind (maßgeblich: van Hüllen). b) Bei den Entwendungen der AN handelt es sich um ein Täuschungsmanöver, mit dem Linke und die Gesellschaft in die Irre geführt werden sollen (maßgeblich: Brodkorb). c) Die Entwendungen sind Ausdruck eines Modernisierungsprozesses im Neonazismus, der sich in seinen Organisierungsansätzen und in seiner Bewegungskultur ausdrückt (maßgeblich: Schedler und Häusler). Um die vorliegende Arbeit in den bisherigen Diskussionsstand einzuordnen, werden diese drei Ansätze vorgestellt und diskutiert. 67 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen 2.3.2.1 Entwendungen wegen Ähnlichkeit zur Linken Der Politikwissenschaftler und ehemalige Verfassungsschutzmitarbeiter Rudolf van Hüllen deutete 2010 die AN als „geradezu perfekte Kopie des Stils, Auftretens, der Sprach- und Bekleidungscodes“ und der „Gewaltpraxis“ der Autonomen. Damit einhergehend habe ein „Raubzug auf dem Feld der Ideologie“ stattgefunden. Die Inhalte der Autonomen hätten die AN von diesen abgeschaut, oft um sie „dialektisch“ zu spiegeln und um sie mit „rechtsextremistischen Inhalten“ zu unterlegen (van Hüllen 2010, 53). Die AN seien nicht nur eine „provokante Kopie“ der Autonomen. Es gebe „geistige Brücken“ (van Hüllen 2010, 55) zwischen den beiden Erscheinungen, welche der rechten Piraterie den Weg bereitet haben. Van Hüllen beschreibt die „ideologische Substanz“ der AN auf drei Ebenen. „Metapolitisch“: Als politisches Fernziel verträten sie einen „Nationalsozialismus in unverstellter Form“. Van Hüllen konstatiert, dass dieser Entwurf keine Anklänge an Ziele der linken Autonomen („Anarchie oder Kommunismus“) suche. Jedoch betrieben die AN eine „Ästhetisierung politischer Gewalt“ als zentrale Botschaft. Darin liege eine Ähnlichkeit zu den linken Autonomen, da diese eine „Politik der ersten Person“ im „Kampf gegen das Schweinesystem“ propagierten. Diese Parallelisierung muss infrage gestellt werden. Die linken Autonomen verfolgen ihre politischen Ziele zwar unter dem Einsatz von Gewalt und verstehen sich als militante, systemoppositionielle Kraft. Ihre „Politik der ersten Person“ ist allerdings weder mit Gewalt noch mit der Ästhetisierung derselben direkt verknüpft, sondern greift eine Trennung von Politik und Privatsphäre an – ähnlich, wie es auch von der Frauenbewegung ab den 1970er Jahren postuliert wurde. Die Autonomen meinen mit ihrer „Politik der ersten Person“ eine Politisierung der Lebensführung, etwa das selbstorganisierte Kollektivleben in Hausprojekten, die Auseinandersetzung mit Geschlechterverhältnissen im Beziehungsleben sowie die politische Vertretung eigener Interessen in Abgrenzung zu einer „Stellvertreterpolitik“ (Haunss 115-120). Auf einer zweiten, „mittleren Politikebene“ sieht van Hüllen die Themensetzungen der AN. Sie würden Politikfelder des politischen Feindes 68 Schulze, Etikettenschwindel übernehmen und mit einem neuen, nationalsozialistischen Deutungsgehalt versehen. Im Bereich Antikapitalismus gesteht van Hüllen Unterschiede zu, da die linken Autonomen eine „Nivellierung sämtlicher Einkommensunterschiede“ anstreben würden, die AN hingegen eine harmonistische Volksgemeinschaft herstellen wollten. Im Bereich „Anti-Imperialismus“ sieht van Hüllen vor allem Gemeinsamkeiten. Das „Palituch“ sei bei Linken wie Rechten anzutreffen und auf beiden Seiten sei die Parole „Nie wieder Israel – nie wieder Krieg – Solidarität mit Palästina“ anzutreffen. Links und Rechts seien hier in „grundsätzlicher Kongruenz“ (van Hüllen 2010, 59). Für die Parole, die als Untermauerung der These dient, gibt van Hüllen keine Quelle an. Ohne die Existenz eines linken Antisemitismus zu verneinen, erscheint die Behauptung einer „grundsätzlichen Kongruenz“ von AN und linken Autonomen in der Frage des Antisemitismus als überzogen. In und bei den linken Autonomen besteht immerhin eine Auseinandersetzung mit dem linken Antizionismus, die unter anderem eine explizit proisraelische Strömung („Antideutsche“) hervorgebracht hat. Links und Rechts seien, so van Hüllen weiter, vereint in einer Ansammlung von „Antis“ in ihrer Themenbesetzung, von Antikapitalismus über Antiimperialismus bis hin zu einem Antifaschismus, der sich bei Rechten als Anti-Antifaschismus spiegelbildlich wiederfinde.37 Eine dritte Ebene macht van Hüllen im Bereich der „politischen Taktiken und Verfahren sowie deren Stilmittel“ aus. Die AN seien vor allem mit dem Kampf der eigenen Gruppe gegen das „System“ und die politischen Gegner befasst. Aus praktischen Erwägungen werde hier besonders „ungeniert“ von den Linken kopiert, etwa die Taktik des „schwarzen Blocks“. Die Mode aus Jugendkulturen werde imitiert, um eine „frühe Erkennung 37 Udo Baron schließt in seinem Vergleich von rechten und linken Autonomen an diese Argumentation an: Die Phänomene seien in ihren Anti-Politiken in hohem Maße übereinstimmend. Baron beschreibt in seinem Beitrag die rechten Entwendungen, stellt jedoch im Unterschied zu van Hüllen kein Erklärungsmodell zur Verfügung. Auf den Beitrag von Baron wird in dieser Arbeit kein weiterer Bezug genommen, da seine Beschreibung der AN kaum haltbare Thesen enthält. Unter anderem schreibt er den AN zu, sie würden „formell Hierarchien und Organisationsformen“ ablehnen und wären in ihrer Anfangsphase „relativ kritisch dem historischen Nationalsozialismus gegenüber“ eingestellt gewesen (Baron 2012). 69 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen im Alltag“ zu verhindern und um Brücken in Jugendkulturen zu schlagen. Die Jugendkulturen seien pauschal als „Problemgruppen“ und „Träger gewaltaffiner Milieus“ zu bewerten. Aus Sicht van Hüllens vereint Punk, Hiphop, Neonazismus und linke Autonome, dass sie aggressiv und gewissermaßen anti-sozial im Sozialverhalten und in ihrer Ästhetik seien. Linke und Rechte sähen in Gewalt ein Mittel der politischen Auseinandersetzung. Van Hüllen behauptet weiter – leider ohne Herleitung –, dass die Symbolnutzung der AN zeige, dass Rechts- und Linksextremismus eine „gemeinsame Wurzel in den zivilisationszerstörenden und brutalisierenden Folgen des Ersten Weltkrieges“ hätten. Wegen dieser gemeinsamen Wurzel sei das Auftreten der AN als Antagonismus zu den linken Autonomen ein Beleg für die „Berechtigung“ von „politikwissenschaftlichen Extremismus- und Totalitarismustheorien“. Van Hüllen fasst am Ende zusammen und fokussiert dabei weiter auf den Gewaltaspekt: Die Spektren hätten eine Nähe zueinander, deren Kern in Gewaltaffinität bestehe: „Schwarze Klamotten“ hätten einen gewaltaffinen Bezug, die Metaphorik in Parolen und Bildern transportiere Gewaltphantasien und die Musikvorlieben wie Punk, Metal und Hardcore entsprächen ebenfalls „dieser Gewaltaffinität“ (van Hüllen 2010, 53–63). Jugendkulturen werden von van Hüllen, so scheint es zumindest, nicht als kulturelle Phänomene eingeordnet, sondern alleinig als Trägerinnen von problematischen Einstellungen, die wiederum Nährboden für Extremismus böten. In eine ähnliche Richtung wie van Hüllen argumentiert Marc Brandstetter in seinem Vergleich von linken und rechten Autonomen, die „Brüder im Geiste“ seien. Beide Spektren „verbindet mehr, als sie trennt“. Zur Begründung führt er an, dass sich beide aus einem „männlich-jugendlichen Milieu“ rekrutierten, sich ähnlich kleideten, identische Codes und Symbole sowie „vergleichbare Aktionsformen“ nutzten. Auch die Ideologien folgten den „gleichen Prinzipien“, da in beiden Spektren Antikapitalismus sowie ein positiver Bezug auf den Begriff „Autonomie“ zu finden seien sowie Gewalt eingesetzt werde (Brandstetter 2008, 203). 70 Schulze, Etikettenschwindel 2.3.2.2 Entwendungen als Täuschungsmanöver Mathias Brodkorb wählt für seinen Beitrag zu einer Tagung des brandenburgischen Verfassungsschutzes 2010 den Begriff der „Mimikry“, um die Entwendungen durch die AN zu erklären. Der spätere Bildungs- und Finanzminister von Mecklenburg-Vorpommern verweist auf die Modernisierungsprozesse im Neonazismus seit den 1990er Jahren, die in der Etablierung der Kameradschaften ihren Kern hätten – durch sie seien die AN kein Widerspruch, sondern vielmehr eine „nahezu zwangsläufige Konsequenz“ der bisherigen Entwicklung (Brodkorb 2010, 66). Brodkorbs Deutungsansatz fokussiert auf die Auseinandersetzung mit Linken im Rahmen von Straßenaktionen. Dem Ansatz, die Entstehungsbedingungen der AN in ihrer jüngeren Vorgeschichte zu suchen, soll hier gefolgt werden. Daraus kann jedoch nicht abgeleitet werden, den AN ihre Widersprüchlichkeit abzusprechen. Ein aus einer antiautoritären Bewegung entnommenes Symbolrepertoire bringt widersprüchliche Impulse in eine ideologisch strikt autoritäre Bewegung wie den Neonazismus – dieser Befund ist von der Erklärbarkeit durch die Vorgeschichte nicht zwangsläufig berührt. Ergänzend: Ein Element, das Brodkorb vernachlässigt, ist das der Jugendkultur. Aus der Geschichte der rechten Jugendkulturen kann beschrieben werden, wie es zur Integration von Jugendkulturen wie dem Hiphop kommen konnte. Auch hier bleibt eine Reibungsfläche: Der Neonazismus ist rassistisch, einer weißen Vorherrschaft verschrieben und tendenziell kulturpessimistisch negativ gegenüber einer als fremd wahrgenommenen Popkultur eingestellt. Brodkorb zieht den neurechten Publizisten Karlheinz Weißmann heran, der in einem Aufsatz 1986 gefordert hatte, politisch in die Offensive zu gehen und dabei taktisch je nach Lagebeurteilung einen offenen Angriff oder eine „politische Mimikry“ zu betreiben (Brodkorb 2010, 68; Weißmann 1986, 179). Diesen Mimikrybegriff greift Brodkorb auf und füllt ihn mittels Erläuterungen über seine Bedeutung in der Biologie. Manche Insekten ahmen zuweilen die äußerliche Erscheinung anderer, gemiedener Arten nach – und zwar meist defensiv zu Selbstschutzzwecken, immer 71 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen nur auf rein optischer, äußerlicher Ebene sowie nichtintentional (Brodkorb 2010, 69–70). Brodkorb bezieht sich dabei unter anderem auf den Eugeniker Ernst Haeckel, der die Beobachtungen von Nachahmungen in der Tierwelt auf soziale Beziehungen zwischen Menschen übertrug. Mimikry sei, so zitiert Brodkorb die jüngere biologische Mimikryforschung, ein „Kommunikationssystem“ mit einer Signaltäuschung und mit drei Beteiligten: einem Empfänger und zwei Sendern, die dasselbe Signal senden, obwohl sie nicht identisch sind. Brodkorb sieht die AN als einen Fall von „Mimikry schlechthin“, wenngleich er dennoch „für Betrachtungen im Bereich der Menschen“ nötige „Korrekturen“ vornimmt (Brodkorb 2010, 71). Die AN würden erstens das äußere Erscheinungsbild der linken Autonomen nachahmen, wovon ihre ideologische Beschaffenheit weitgehend unberührt bleibe. Zweitens sei die Nachahmung ein „Täuschungssignal“ in zwei Richtungen: sowohl gegenüber der Mehrheitsgesellschaft als auch gegenüber dem politischen Feind wolle man unerkannt bleiben. Drittens könnten die Nachahmungen je nach Situation sowohl defensiven (Brodkorb: „protektiven“) als auch offensiven („aggressiven“) Charakter haben. Viertens seien die Nachahmungen, im Unterschied zur Pflanzen- und Tierwelt, intentional (Brodkorb 2010, 71). Die Übertragung des biologischen Mimikrybegriffs durch Brodkorb auf die AN erscheint als nicht passend. In der Biologie sendet der Nachahmer das gleiche Signal wie sein Vorbild an einen Dritten, an einen Empfänger. Die beiden Sender stehen bis auf die einseitige, rein optische Übernahme in keinem Verhältnis zueinander. Brodkorb beschreibt hier jedoch, dass der Nachahmer nicht nur an einen Empfänger (die Mehrheitsgesellschaft), sondern maßgeblich auch an sein Vorbild (die linken Autonomen) senden würde. Solche Interaktionen zwischen den Sendern sind im biologischen Mimikrybegriff nicht enthalten. Hier soll argumentiert werden, dass es den AN nicht um die Täuschung des Gegners (wie Brodkorb seinen Beitrag betitelt) geht, sondern um den Prozess einer jugendkulturellen Anbindung sowie um die Zugangserleichterung zur jugendlichen Zielgruppe. Der Blick auf Selbstauskünfte und Praktiken der AN wird zeigen, dass sie ihr politisches Großziel, die Eta- 72 Schulze, Etikettenschwindel blierung eines neuen Nationalsozialismus, eben nicht verschweigen. Sie täuschen weder ein allgemeines Publikum noch die Gegnerschaft, sondern sie sind bekennende Neonazis und als solche auf der Suche nach neuen Ästhetisierungen, nach neuen Verpackungen in der Werbung für dieses offen formulierte Ziel. Zur Frage, ob die AN einen Widerspruch darstellen würden, führt Brodkorb neben der jüngeren Bewegungsgeschichte des Neonazismus auch an, dass es einen „postmodernen Diversifikationsprozess“ im Rechtsextremismus gebe, durch den sich der Rechtsextremismus nur noch im Denken, jedoch nicht mehr „am Lifestyle“ festmachen ließe. Ordnung und Disziplin, Marschieren in Reih und Glied seien eher Vorurteile der Betrachter als Bestandteile des extrem rechten Wertekosmos. Obwohl Brodkorb mit seinem Mimikrybegriff explizit Übernahmen nur in der Optik (und nicht im Wesen) der Übernehmenden beschreiben will, zitiert er in der Folge in prinzipieller Zustimmung den ehemaligen Verfassungsschutzmitarbeiter Rudolf van Hüllen, der insistiert, dass nicht nur Form, sondern auch Inhalt bei den linken und rechten Autonomen erhebliche Übereinstimmungen hätten: Die Linken hätten „essentiell faschistoide Züge“ an sich. Kämpfergestus, eine militarisierte Symbolik und Sprache – die Ästhetisierung der Gewalt sei in beiden Varianten „Selbstzweck“. Brodkorb betont, dass sich die „äußersten politischen Ränder“ „schon immer vor allem in einem gegnerischen Verhältnis definiert“ hätten. Das 20. Jahrhundert sei ohne „diese Links-Rechts-Wechselbeziehung“ nicht zu verstehen. Die „äußersten linken und rechten Ränder“ seien „schon immer in tiefer Feindschaft und dabei bisweilen ununterscheidbar aufeinander bezogen“ gewesen (Brodkorb 2010, 73). Dieser These soll widersprochen werden. Nicht nur darf die behauptete „Ununterscheidbarkeit“ in Zweifel gezogen werden. Auch historisch dürften für das Selbstverständnis der jeweiligen Bewegungen die großen (und nicht nur in ihrem Menschenbild entgegengesetzt stehenden) Gesellschaftsvorstellungen entscheidender gewesen sein als ihr Verhältnis zueinander. Das ändert nichts daran, dass die Bewegungen sich in einem politischen Feld und in Konflikten befanden. Sie nahmen dabei auf die unterschiedlichsten Akteure Bezug; auch, aber 73 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen nicht nur aufeinander. Der deutsche Kommunismus in der Weimarer Republik stand etwa in einem für sein Selbstverständnis womöglich genauso prägendem Verhältnis zur deutschen Sozialdemokratie. Dennoch spricht Brodkorb einen wichtigen Punkt für das Verständnis der AN an: Sie agieren nicht in luftleerem Raum, sondern in Interaktion mit ihrer eigenen politischen Bewegung, der Umwelt und der Gesellschaft. Tatsächlich ist die Bezugnahme auf den politischen Feind bei den AN ausgesprochen stark ausgeprägt. Brodkorb zitiert weiterhin den Begriff der „mimetischen Rivalität“ des Kulturanthropologen René Girard und überträgt ihn auf das Verhältnis zwischen radikalen Linken und Rechten. Diese seien in Feindschaft miteinander verbunden und stünden darüber in einem Wechselverhältnis, das sie gegenseitig prägen würden. Der linke Antifaschismus sei „ohne das negative Vorbild des Faschismus gar nicht denkbar“. Blockadeaktionen gegen rechte Aufmärsche würden in dieser Tradition die Gewaltbereitschaft der Neonazis anstacheln. Blockaden könnten sich „als ungewollte Katalysatoren der Autonomen Nationalisten erweisen“, mit der Entstehung einer „Eskalationsspirale“ müsse gerechnet werden (Brodkorb 2010, 64-75). 2.3.2.3 Entwendungen als Modernisierungsprozess Im Sammelband von Alexander Häusler und Jan Schedler werden die AN als Ausdruck einer „überfälligen Modernisierung“ innerhalb des Neonazismus diskutiert (Häusler und Schedler 2011, 309). Der Neonazismus sei seit den 1980er Jahren politisch wie kulturell erstarrt und habe den gesellschaftlichen Entwicklungen hinterhergehinkt. Die Änderungen, die mit den AN Einzug gehalten hätten, würden den verloren gegangenen Anschluss wiederherstellen. Dieser Vorgang sei durch die „Freien Kameradschaften“ eingeleitet worden und spiegele sich in den politischen Organisierungsformen, aber auch im vorgelagerten Bereich der Lebensführung und Kultur: 74 Schulze, Etikettenschwindel Politisch-ideologische Inhalte werden gerade durch die ‚Freien Kameradschaften‘ nicht mehr nur über originär politische Veranstaltungen und Publikationen vermittelt, sondern ebenso reproduziert und verinnerlicht durch diesen von einer Melange aus Kleidung, Symbolik und Musik gekennzeichneten Lifestyle. Die Wirkungsmächtigkeit extrem rechter Ideologie erstreckt sich damit nicht nur auf die neonazistische Szene, sondern reicht weit über diese hinaus. Bewegung und Alltagskultur stützen sich hier gegenseitig. (Schedler 2011c, 24) Insbesondere wird die Jugend als Zielgruppe und Trägerin neonazistischer Politik herausgestellt: Die AN seien eine „spezifische, jugendkulturell modernisierte Ausdrucksform der neonazistischen Szene“ (Häusler und Schedler 2011, 307), sie verkörperten einen „neonazistischen Zugriff auf popkulturell verbreitete Stile“ (Häusler und Sturm 2013, 444). Im Sammelband wird kein expliziter Bezug zu den historischen Entwendungen im Sinne Ernst Blochs hergestellt. Der Modus der Übernahmen wird jedoch in genau dieser Lesart benannt: Die von den Linken übernommenen „Darstellungsformen“ seien „Deutungskämpfe um politische Themenfelder […], die traditionell von der Linken besetzt sind“ (Schedler 2011b, 75). Die konkreten Umstände werden in den Einzelbeiträgen nebeneinander gestellt. Dazu gehören die Genese der „Freien Kameradschaften“, die Skinhead-Bewegung als erste kulturelle Öffnungsbewegung und schließlich die jüngeren kulturellen Öffnungen – konkret der neonazistische Hardcore, der als eine wichtige Quelle für die „kulturelle Innovation und Öffnung“ des Neonazismus eingeordnet wird (Raabe und Langebach 2011, 165). Für den in der vorliegenden Arbeit beabsichtigten Zugriff auf das Thema sind im Band somit wichtige Eckpunkte in Übereinstimmung. Allerdings bietet der Sammelband keine Systematisierung an. Da der Band 2011 erschienen ist, sind manche, erst danach zu Bedeutung gelangte Aspekte – etwa die Etablierung von „Straight Edge“ – nicht oder nur am Rande erwähnt. Auch die Inszenierungspraxis auf Demonstrationen und die starke Bezugnahme auf Linke werden zwar mehrfach, aber insgesamt nur kursorisch beschrieben. Es erscheint darum sinnvoll, 75 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen an die Texte im Sammelband von Häusler und Schedler anzuknüpfen und diese zu erweitern. Ebenfalls vor dem Hintergrund einer Analyse von Modernisierungsprozessen einer Bewegung werden die AN von Kollmorgen und Quent diskutiert und Vorschläge für ein Forschungsprogramm unterbreitet. Die AN seien im Sinne des „Forschungsansatz Soziale Innovation“ als „soziokulturelle Innovation“ im Rechtsextremismus zu werten, die taktisch motiviert sei, um die bestehende politische Einflusslosigkeit zu überwinden – und zwar auch in einer Konkurrenz- beziehungsweise Konfliktsituation zur radikalen Linken (Kollmorgen und Quent 2014, 8–9). Als Forschungsprogramm schlagen Kollmorgen und Quent vor, den gesellschaftlichen Rahmen, die Agierenden, die Formen der Innovation, ihren spezifischen Kontext, konkrete Imitationsprozesse sowie die intendierten und nicht-intendierten Folgen der Innovationen zu untersuchen. So könne Wissen generiert werden, um zu erklären, wie sich Innovationen sozial durchsetzen (Kollmorgen und Quent 2014, 6–7). Besonderes Augenmerk sei dabei auf die Reziprozität zwischen Innovation und Umwelt zu legen: Wie reagiert die eigene Bewegung, wie reagiert der Staat, wie reagiert der politische Feind auf die Innovationen? (Kollmorgen und Quent 2014, 13) 77 3 Vorgehen Die vorliegende Arbeit verfolgt zur Beantwortung ihrer Forschungsfragen einen kulturwissenschaftlichen Ansatz. Schon der Charakter der Forschungsfragen legt eine qualitative, interpretative Methode nahe, die sich an der Vorgehensweise Ernst Blochs orientiert. Dabei wird vorrangig am konkreten Fall der „Autonomen Nationalisten“ und ihnen nahe stehenden Jugendkulturen gearbeitet. Das Material, ein breiter Korpus aus Primärquellen, wird als historische Quelle erschlossen, bearbeitet und so einer Deutung zugänglich gemacht. Die Resultate der Deutung beanspruchen keine Allgemeingültigkeit. Sie sind relativ zum gegebenen und zum erläuternden soziohistorischen Sinnzusammenhang (Soeffner 2008, 171–172) – dem bewegungsförmigen bundesdeutschen Rechtsextremismus. Die Auswertung, Systematisierung und Deutung der Primärquellen bilden die Grundlage zur Beantwortung der Forschungsfragen. Im Folgenden wird die Annäherung an den Forschungsgegenstand, die Auswahl und Akquise der Quellen, ihre Aufbereitung und Auswertung vorgestellt. 3.1 Probleme beim Feldzugang Der gegenwärtige Neonazismus inklusive der „Autonomen Nationalisten“ stellt ein unübersichtliches Feld dar. Die neonazistische Bewegung und die daran gekoppelten jugendkulturellen Erscheinungen unterliegen andauernden und schnellen Veränderungsprozessen. Die Praktiken, die Organisationen und das Personal sind ausgesprochen flüchtig. Zentrale Medien, Anlaufpunkte oder Versuche einer eigenen Geschichtsschreibung sind kaum vorhanden. Als militante, unversöhnliche, gesellschaftlich relativ randständige und zudem von staatlichen Repressalien bedrohte Bewegung- 78 Schulze, Etikettenschwindel sangehörige sind Neonazis gegenüber wissenschaftlichen Untersuchungen misstrauisch eingestellt und sehen sich im Regelfall als verschworene „Untergrundgemeinschaft“. Da sich das Spektrum gegen den Blick von außen sperrt, sind über die Binnenstruktur der Gruppen von AN wenig Details bekannt. Diese unübersichtliche und problematische Ausgangslage schlägt sich im verwendeten, breit angelegten Quellenkorpus nieder. Interviews mit AN waren im Rahmen dieser Arbeit nicht intendiert. Bei dieser Entscheidung spielten auch Selbstschutzgründe eine Rolle. Es erschien zudem fraglich, ob es gelingen würde, aktive AN zu Interviews bewegen zu können. Weil relevante interne Debatten aus Internet-Diskussionsforen zur Verfügung standen, lag zudem ausreichendes Material vor, um subjektive Wahrnehmungen nachzeichnen zu können, die eine Beantwortung der Forschungsfragen erlauben. Ein Zugang über Interviews ist indes prinzipiell durchaus möglich, wie andere Arbeiten belegen. Martin Thein führte für seine 2009 erschienene Dissertation Interviews mit insgesamt 34, zumeist hochrangigen Aktiven des gegenwärtigen Neonazismus.38 Anhand dieses Materials wird eine politikwissenschaftliche Geschichte des Neonazismus der vergangenen 30 Jahre, inklusive strategischer Neuausrichtungen, entworfen (Thein 2009). Dort festgehaltenen Aussagen von Kameradschaftskader zur Bedeutung des Kulturbereichs und zu den AN fanden Eingang in die vorliegende Arbeit. Die Frage des Feldzuganges stellte sich für Thein durch seine beruflichen Möglichkeiten anders als in der Wissenschaft üblich; ein Umstand, auf den der Politikwissenschaftler Hajo Funke (Funke 2015, 285–288) und die Journalisten Stefan Aust und Dirk Laabs kritisch hinweisen (Aust und Laabs 2014, 101, 231).39 38 Ein weiteres Beispiel: Andreas Klärner fand für seine Dissertation Zugang, indem er sich zwei Jahre lang im Feld, der rechtsextremen Szene einer Stadt, bewegte (Klärner 2008a). Klärner tat dies in Jena und interviewte, so die Jenaer Forscher Bescherer und Quent, unter anderem den späteren NSU-Angeklagten Ralf Wohlleben (Bescherer und Quent 2012, 7–8). Ein Ergebnis der Untersuchung Klärners, die 2001 und 2002 stattfand, ist, dass der Rechtsextremismus zwischen Militanz und Bürgerlichketi laviere, zum Untersuchungszeitpunkt aber zu einem taktischen Gewaltverzicht tendiere. Laut der NSU-Anklage hatte Wohlleben im Frühjahr 2000 eine Česká-Pistole für das NSU-Kerntrio besorgt. 39 Thein war vor Verfassen seiner Promotionsschrift Mitarbeiter des Bundesamtes für Verfassungsschutz, dort als V-Mann-Führer tätig und unter anderem mit der Betreuung von gewalttätigen 79 Vorgehen 3.2 Forschungshintergrund und -design Aufgrund der Zugangsschwierigkeiten wurde ein Forschungsdesign gewählt, das auf mehreren, unterschiedlich gewichteten Elementen fußt. Hauptsächlich wurden Dokumentenanalysen durchgeführt. Ergänzt sind diese durch passive teilnehmende Beobachtungen und drei Interviews mit ehemaligen AN, wodurch eine Kontrolle der Ergebnisse sichergestellt und zusätzliche, reichhaltigere Perspektiven auf den Gegenstand gewährleistet sind. Des Weiteren wurde die Fachliteratur zum Thema konsultiert. Durch verschiedene Vorarbeiten im Themenfeld Rechtsextremismus waren bereits Grundzüge des Feldes bekannt, die eine solche Vorgehensweise als aussichtsreich erschienen ließen. Die Dokumentenanalyse ist ein klassisches Instrument für eine qualitativ-interpretative Analyse, die als besonders aussichtsreiche Forschungsstrategie gilt, wenn kein direkter Zugang zum Forschungsobjekt möglich ist. Zudem erlauben Dokumentenanalysen die Verarbeitung großer Materialmengen. Dokumente sind klassischerweise Texte, jedoch können auch Filme, Videoclips, Tonträger, Gegenstände und weiteres Material verarbeitet werden. Die Dokumente müssen geeignet sein, Rückschlüsse auf menschliches Denken, Fühlen und Handeln zu ziehen. Sie werden als Vergegenständlichungen der Psyche der Urheberinnen und Urheber betrachtet. Als nonreaktive Materialien sind sie durch die Forschung unbeeinflusst (Mayring 1993, 31–34). Die Auswahl und Aufbereitung des Ma- Neonazis betraut, die auch im Zuge des NSU-Skandals eine Rolle spielten. Eventuelle persönliche Kontakte und in jedem Fall umfangreiche Kenntnisse über Umgangsformen im Neonazismus dürften bei der Kontaktaufnahme hilfreich gewesen sein. In der Promotionsschrift wird die Erfahrung als V-Mann-Führer des Bundesamts für Verfassungsschutz allerdings nicht erwähnt. Diese Information fehlt auch in einem Empfehlungsschreiben, das für die Interviewakquise genutzt wurde (Thein 2009, 414). Bei der Interviewakquise, schreibt Thein, hätte er mit einer „eigenen Unsicherheit gegenüber diesem ‚fremden‘, vermeintlich militant-gewaltbereiten Milieu“ zu kämpfen gehabt (Thein 2009, 374). Die Arbeit Theins war Vorlage für eine Neonazipublikation. Thomas Brehl veröffentlichte seine Interviewantworten an Thein im Anschluss in einem Neonaziverlag unter dem Titel Der Nationale Widerstand. Rückschau – Analyse – Aussichten (Brehl 2009a). 80 Schulze, Etikettenschwindel terials, in der sich die Subjektivität des Forschers notwendig niederschlägt, wird untenstehend transparent gemacht. Die Dokumentenanalyse erfolgt als eine hermeneutische Analyse des Materials und entspricht dem Ansatz, den Bloch 1933 für seine faschismustheoretische Deutung der historischen nationalsozialistischen Entwendungen wählte. Das „interpretative Vorgehen“ (Soeffner 2008, 164) Blochs ist dabei als ein Interpretationsverfahren im historisch konkreten Kontext der zunehmenden Faschisierung Ende der 1930er Jahre zu verstehen, das vor einem spezifischen politischen Hintergrund – Wirtschaftskrise, Aufstieg des Faschismus, „kommunistische Bedrohung“ im Osten – entstand. Die Übertragbarkeit seiner Beschreibungen über die so genannte „vergaunerte Revolution“ ins Heute gilt es kritisch zu prüfen. Die Analyse der Dokumente dient dazu, die Intentionen und Weltdeutungen der Neonazis sichtbar zu machen und erstreckt sich den Forschungsfragen entsprechend bis auf die ästhetischen und symbolischen Ebenen. An das Material wird die Frage gestellt nach dem Sinn, nach dem Hintergrund und Zweck der Gestaltung. Man versteht ein Werkzeug nicht, ohne den Zweck seines Entwurfs zu kennen. Ein Zeichen oder Symbol bleibt unverständlich, wenn man nicht weiß, was die Nutzenden damit meinen. (Wagner 2008, 162) „Leben in sozialer Ordnung […] bedeutet Leben in zeichenhaft organisierten Verweisungszusammenhängen und Symbolen.“ (Soeffner 2008, 170) Zur Deutung dieser Zusammenhänge ist eine „Symbolanalyse“ nötig (Soeffner 2008, 170), die sich hier auf den Neonazismus bezieht und an Bloch orientiert ist: Der Neonazismus als sozialer Zusammenhang hat eine „eigene Welt kollektiver Zeichen und Symbole“ aufgebaut, die untersucht wurde. Die Äußerungen aus dem Neonazismus sind Gegenstand einer „Hermeneutik des Symbolischen“ (Balistier 1989, 26). Der expressive politische Stil und die „expressive Ideologie“ (Hennig 1989, 182) der „verschworenen Gemeinschaft“ des Neonazismus, wie Hennig es in einer frühen Untersuchung des neonazistischen Stils nennt (Hennig 1989, 187), wird untersucht – nicht nur programmatisch, sondern 81 Vorgehen auch als „Stilanalyse“ (Hennig 1989, 193). Das Material verweist auf reale Handlungen und Gedankengänge der Urheberinnen und Urheber, die jedoch motiviert, legitimiert und überwuchert sind von Verbiegungen der Realität und ihren Mythen. Es hat einen Sinn, und zwar symbolischen wie realen. Die „konkreten Orientierungs-, Handlungs- und Organisierungsformen von Individuen in und mit ihrer Umwelt“ werden beschrieben und ihr konkretes Handeln vor diesem Hintergrund interpretiert. Dieses Handeln wird in Sprache übersetzt und allein dadurch schon gedeutet (Soeffner 2008, 170). Dem in dieser Arbeit besonders interessierenden politischen Bewegungsaspekt des Untersuchungsgegenstandes kann mit dem gewählten Forschungsdesign Genüge getan werden. Die Akteurinnen und Akteure im Neonazismus und bei den AN verschmelzen in der gewählten Betrachtungsart zu einem kommunikativen Netz mit gemeinsamen oder zumindest aufeinander bezogenen Zielen, Deutungen, Orientierungen und Strategien (Benthin 2004, 14). Der Neonazismus wird als eine Teilöffentlichkeit beziehungsweise als eine Gegenöffentlichkeit verstanden. Jürgen Habermas beschreibt 1962 in Strukturwandel der Öffentlichkeit (Habermas 1990) die Öffentlichkeit als Bereich des gesellschaftlichen Lebens, in dem sich ein Publikum über Kommunikationsprozesse vermittelt eine Meinung bilden kann. Idealerweise werde in der öffentlichen Konkurrenz der Argumente ein Konsens über das im allgemeinen Interesse praktisch Notwendige hergestellt. Die Vermachtung von Öffentlichkeit im Kapitalismus stelle, so Habermas, eine Gefährdung dieser Funktion dar. Im Verlauf der kritischen Diskussion um die Arbeit von Habermas wurde auf die Existenz von „Teilöffentlichkeiten“ (Großhans 1972), von Parteien und Interessenverbänden bis zu informellen Gruppen, hingewiesen, in die schließlich auch der Begriff der 1972 in Öffentlichkeit und Erfahrung eingeführte Begriff der „Gegenöffentlichkeit“ von Negt und Kluge einging (Negt und Kluge 1990). Negt und Kluge nehmen Habermas’ Gedanken auf, kritisieren aber, dass dieser die bürgerliche Öffentlichkeit romantisiere. Die kapitalistische „Produktionsöffentlichkeit“ sei für die bürgerliche Öffentlichkeit nicht destruierend, sondern sichere deren Hegemonie. 82 Schulze, Etikettenschwindel „Gegenöffentlichkeit“ beschreibt gesellschaftliche Aktivitäten, die sich bewusst gegen die „herrschende“ Öffentlichkeit stellen, um von ihr subjektiv als vernachlässigt oder unterdrückt wahrgenommene Themen allgemein zugänglich zu machen.40 Der hier gewählte Ansatz lässt sich überdies integrieren in praxeologische Ansätze der Faschismusforschung, die das konkrete Tun und die Dynamik faschistischer Bewegungen in den Mittelpunkt der Betrachtung rücken. Neben subjektiven Sinnzuschreibungen sind „die körperlichen Verhaltensroutinen, kollektiven Sinnmuster“ […] der historischen Akteure und die Verankerung ihrer Symbole“ die zentralen Gegenstände der Analyse (Reichardt 2004, 129). Die erhobenen Daten geben Auskunft über die symbolische Praxis der Bewegungsangehörigen. Ihre Interaktionen, ihre Inszenierungen und ihre Selbstbilder stehen im Mittelpunkt, auch im Abgleich mit der umgebenden Umwelt und mit den Konflikten, die sie führen. Die „(Re-) Produktion von Zeichen der Zugehörigkeit und der Abgrenzung, die als reziproker Prozess der Konstruktion der eigenen wie gegnerischer Identitäten verläuft“, wird so in den Fokus genommen (Balistier 1996, 292–293). Die Begriffe von Szene, mit dem Augenmerk auf kollektive Selbststilisierung und Gemeinsamkeiten (Hitzler et al. 2005, 20), und Bewegungsszene, mit dem Anschluss an kulturelle Praktiken politischer Bewegungen, (Haunss 2004, 253–259) werden dabei für den Zweck der Untersuchung in Anschlag gebracht – als Szene-Ethnografie, die „verstehend und den subjektiv gemeinten Sinn nachvollziehend“ (Neumann- Braun und Schmidt 2006, 393) an ihr Untersuchungsobjekt herantritt. Die dafür nötige „Einbettung“ des Forschenden (Neumann-Braun und Schmidt 2006, 393) ist durch die breitgefächerte Anlage des Quellenkorpus und durch beobachtende Elemente sichergestellt. 40 Negt und Kluge zielten auf eine „proletarische Öffentlichkeit“ ab, die sie von der „bürgerlichen Öffentlichkeit“ unterschieden. Praktisch war der Begriff auf „progressiv“ ausgerichtete Öffentlichkeiten und die kommunikative Praxis der linken sozialen Bewegungen, auf deren Formen (wie Demonstrationen) oder Alternativmedien (wie Stadtteilzeitungen) gerichtet. 83 Vorgehen 3.3 Datenerhebung 3.3.1 Literatur und Quellen für die Rahmendarstellung Die AN werden hier innerhalb des bundesrepublikanischen Neonazismus eingeordnet. Um dies leisten zu können, wurden Sekundärquellen aus wissenschaftlichen Disziplinen herangezogen, die sich allgemein mit dem Rechtsextremismus und, etwas spezieller, mit dem Neonazismus in Deutschland befassen. Ebenfalls wurden Beiträge in Fachzeitschriften ausgewertet. Für die Herausstellung des spezifischen Stils der AN war es zudem nötig, diesen mit anderen Stilen abzugleichen. Für die Herausarbeitung der neonazistischen völkischen „Scheitel“ und der Neonazi- Skinheads (die der Kontrastierung mit den AN dienen) wurden neben Sekundärliteratur ebenfalls Primärquellen herangezogen. Dafür wurden die einschlägigen Bestände des Berliner „Antifaschistischen Pressearchivs und Bildungszentrums“ (Apabiz) ausgewertet. Das Apabiz ist das größte öffentlich nutzbare Facharchiv zum Thema Rechtsextremismus in Deutschland seit 1945. Die thematisch eng gefassten Signaturen des Primärbestandes im Apabiz ermöglichten, trotz der Materialfülle, eine Gesamtdurchsicht der Spezialbestände. Betrachtet wurden die Bestände zum frühen Neonazismus, zur NPD und JN sowie zu den „Freien Kameradschaften“.41 Zudem wurden die Sammlung von Musik-CDs und der Quellenbestand zur extrem rechten Musik ausgewertet.42 Zur Betrachtung des alten Neonazismus erwies sich eine Quelle als besonders ergiebig: die politischen Erinnerungen von Thomas Brehl (Brehl 2009b). Sie konnten als autobiografische Niederschrift, als ein Selbstzeugnis, verstanden als Subkategorie der Egodokumente (Schulze 1996)43, behandelt und ausgewertet werden, da in ihr 41 Signaturen: ANS, ANTI-ANTIFA, BDVG, FNAT, HDJ, BBZ, KDS, MV, GDNF, FAP, NS- DAP-AO, ZORG, NL, NO, BERLIN, WSG, NPD, JN. 42 Signaturen: SV, ZINE, B&H, HS, DARK, BLACK. 43 Zur geschichtswissenschaftlichen Diskussion um autobiografische Quellen vergleiche die Ausführungen von Eichhorn (Eichhorn 2006, 213–230). 84 Schulze, Etikettenschwindel „die Selbstthematisierung durch ein expliziertes Selbst geschieht […] Die Person des Verfassers bzw. der Verfasserin tritt in ihrem Text selbst handelnd oder leidend in Erscheinung oder nimmt darin explizit auf sich selbst Bezug.“ (Krusenstjern 1994, 463) 3.3.2 Primärquellen Für die Betrachtung der „Autonomen Nationalisten“ wurde eine Vielzahl von Primärquellen unterschiedlicher Typen und Provenienz erschlossen. Der Primärquellenkorpus beruht auf einer Auswertung und mehrjährigen Beobachtung der einschlägigen Medien, Netzwerke, Kampagnen und Protestereignisse. Als Untersuchungszeitraum wurden die Jahre 2003 bis 2014 gewählt. Damit sind sowohl die Anfangsphase der AN, die rasante Verbreitung in den Folgejahren, aber auch gewisse Einhegungstendenzen in den späteren Jahren bis hin zu jüngeren Ereignissen abgedeckt. Noch einmal: Die Aufnahme sehr unterschiedlicher Quellentypen erfolgte aus zwei Überlegungen. Erstens gibt es keinen Quellentyp, aus dem allein sich in ausreichender Tiefe Aussagen über die AN gewinnen lassen. Über eigene Periodika, deren Betrachtung sich beispielsweise im Rahmen einer Zeitschriftenanalyse anbieten würde, verfügen die AN nicht. Wie oben angedeutet sind selbstreflektierende, geschichtsbewusste, theoretisch argumentierende Papiere aus den Reihen der AN in keinem nennenswerten Umfang bekannt. Öffentliche Selbstauskünfte allgemein sind eher rar gesät. Zweitens lassen sich anhand unterschiedlicher Quellentypen, die mit unterschiedlicher Intention und für ein je anderes Publikum verfasst wurden (etwa öffentliche und interne Diskussionsbeiträge), Thesen über die AN aus unterschiedlichen Perspektiven überprüfen. Würde beispielsweise Gewalt in einer Zeitschrift ästhetisiert, wüsste man noch nicht, ob sich dieses Muster auch in der Praxis bei Demonstrationen manifestiert. Hat man aber verschiedene Erscheinungen im Blick, lässt sich genauer fokussieren. In Selbstdarstellungen verweisen AN zum Beispiel häufig darauf, „kreativ“ und keineswegs gewaltbereit zu sein. Ein Vergleich mit ihrer Inszenierung auf Demonstrationen oder mit Diskussionen in internen In- 85 Vorgehen ternetforen legt jedoch offen, dass Gewalthandeln tatsächlich ein ihnen zentrales Praxismerkmal ist. 3.3.3 Materialakquise zu den AN Die Quellen zu den AN wurden auf drei Wegen gewonnen. Erstens: Es wurden die einschlägigen Bestände aus Facharchiven ausgewertet. An erster Stelle ist erneut das „Antifaschistische Pressearchiv und Bildungszentrum“ (Apabiz) zu nennen.44 Um eine regionale Ausgewogenheit sicherzustellen, erfolgten Abfragen bei Facharchiven in Düsseldorf (beim „Antifaschistischen Bildungsforum Rheinland“) und München („Antifaschistische Informations-, Dokumentations- und Archivstelle“, AIDA). Aus diesen Beständen stammt der Großteil der ausgewerteten Quellen, die nicht aktuell im Internet recherchierbar waren. Hierzu zählen beispielsweise öffentlich verteilte Flugblätter, Anstecker, Sprühschablonen, Aufkleber und Graffiti. Ein eigenes Segment bildet die Musik von Rechtsrock-Bands, die sich mit Stilen wie dem „National Socialist Hardcore“ (NSHC) als Agitationsinstrument für AN anbietet und sich in manchen Ausprägungen dem drogenfreien „Straight-Edge“-Lebensstil der Hardcore-Szene verschreibt. Aus dem Agitationsmaterial und aus der Musik ließ sich ablesen, mit welchen Themen, Formen und mit welchen sonstigen Mitteln an welche Zielgruppen herangetreten werden soll. Es war zudem möglich, elektronisch archivierte Internetforen mit internen Diskussionen „Autonomer Nationalisten“ einzusehen und auszuwerten. Hinzu kamen Schriften über die Taktik des „schwarzen Blocks“ und die Ausrichtung des „autonomen Nationalismus“ sowie kurze Strategiepapiere. Die Forendiskussionen sind im Apabiz archiviert, insbesondere Ausdrucke von Das Freie Forum, dem bis zum Jahr 2005 geführten Diskussionsbereich der Internetseite Freier Widerstand.45 Diese Interna 44 Teilweise aus dem Bestand unter der Signatur FNAT, teilweise aus digital gespeicherten Beständen, die den AN beziehungsweise den „Freien Nationalisten“ zugeordnet waren. 45 Bei den digital abgespeicherten Intenetforen handelt es sich um Archivalien, die grundsätzlich forscherisch frei verarbeitet werden können. Dennoch sind forschungsethische Fragen aufge- 86 Schulze, Etikettenschwindel ermöglichten Einblicke in Diskussionsstil und -themen, die theoretische und praktische Fundierung und in das Selbstverständnis der AN.46 Der weitgehende Verzicht auf Interviews rechtfertigte sich auch aus dem Zugang zu diesen Materialien. Die Diskussionen in den Internetforen der AN sind umfangreich und die AN widmen sich darin ausführlich den interessierenden Fragen. Sie erfolgten in einem „authentischen“, elektronisch vermittelten Gespräch. Auch die Forenbeiträge waren kritisch auf ihre Intentionen und ihren Kontext hin zu lesen, jedoch sind sie freier vom Einfluss nach außen gerichteter taktischer Erwägungen und Selbstpräsentationsinteressen. Zweitens: Es wurde eine intensive Internetrecherche durchgeführt. Als ein äußerst umfangreicher, ergiebiger und darum entscheidender Bereich erwies sich die Internetpublizistik der AN, die zahlreiche Webseiten und Blogs umfasst. Auch selbstproduzierte und im Internet veröffentlichte Videos, die für Stellungnahmen, Werbung oder Aktionsberichte genutzt werden, zählen hierzu. Ausgehend von den für die AN zentralen Internetportalen widerstand.info und altermedia-deutschland.info wurden die Seiten von AN-Gruppierungen bundesweit recherchiert, gespiegelt (also lokal gespeichert) und die Linklisten auf neue weitere Seiten abgesucht. Zudem wurden das Videoportal Youtube und die Facebook-Präsenzen eiworfen, da eine informierte Einwilligung der Forendiskutanten zu einer wissenschaftlichen Nutzung ihrer Beiträge nicht vorlag. Die Nutzung dieser Daten war dennoch vertretbar. Zum einen handelte es sich zwar um interne Diskussionforen, die jedoch im offenen Raum des Internet abgelegt und zum Zeitpunkt ihrer Publikation für alle Interessierten prinzipiell zugänglich waren. Ein Mindestmaß an Öffentlichkeit der Äußerungen war also gegeben. Zum zweiten waren die Beiträge nicht beziehungsweise nur mit Internet-Pseudonymen (Nicknames) namentlich gekennzeichnet. Nachrichteninhalte, die etwa auf den genauen Wohnort der Forenmitglieder Rückschlüsse zulassen würden, wurden in der Auswertung nicht erfasst. E-Mailadressen oder andere persönliche Daten waren in den archivierten Materialien nicht abgelegt. Eine Identifizierung oder Kontaktierung war nicht möglich und wurde nicht angestrebt. Die Forenmitglieder wurden durch die Forschung nicht benachteiligt oder Gefahren ausgesetzt, ihre Anonymität blieb gewährleistet und ihre Persönlichkeitsrechte wurden gewahrt. Die Einbeziehung der Forendaten in die vorliegende Arbeit genügt damit den forschungsethischen Anforderungen, wie sie die Deutsche Gesellschaft für Soziologie und die Deutsche Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft stellen (DGS und BDS 2014; DGPuK 2015, 2). 46 Diese internen Papiere beschränken sich auf zwölf Schriften von meist überschaubarem Umfang, die Diskussionsforen umfassen mehrere tausend Unterseiten. 87 Vorgehen niger einschlägiger Gruppierungen auf Einträge und Verweise abgesucht. Diese wurden ebenfalls gespiegelt und ausgewertet. Von zitierten Webseiten wurden zusätzlich Screenshots angefertigt und diese auf einem lokalen Speichermedium digital archiviert. Diese Strategie trägt der Flüchtigkeit des Mediums Internet Rechnung. Viele der fraglichen Internetseiten sind nur über beschränkte Zeiträume verfügbar und gehen in der Regel unangekündigt offline.47 Durch Spiegelungen und Screenshots lassen sich Nachweise über Existenz, Gestaltung und Inhalt von Internetquellen konservieren. Drittens wurde ergänzend zusätzliches Material durch eigene Aktivitäten generiert. Vor allem gehörte dazu die passive teilnehmende Beobachtung von neonazistischen Demonstrationen. Zudem wurden Interviews mit insgesamt drei ehemaligen AN geführt, die sich zum Zeitpunkt der Gespräche vom Neonazismus losgesagt hatten. Die passive teilnehmende Beobachtung der Demonstrationen erfolgte vor allem, um Hintergrundwissen über die Dynamik bei den öffentlichen Auftritten der AN zu gewinnen. Sie stellte eine umfassende Annäherung an das Feld sicher und war darum zunächst nicht an spezifischen Fragestellungen ausgerichtet. Die Auswahl der zu besuchenden Demonstrationen erfolgte anhand der von Vorabberichten und Mobilisierungen abgeschätzten Relevanz für das Spektrum der AN sowie forschungsökonomischen Erwägungen wie der Reisedauer und den Anreisekosten. Der Forscher nahm nicht an den Demonstrationen selbst teil, war aber als am Rande stehende beziehungsweise den Demonstrationszug begleitende Person Teil des Gesamtsettings. Im Untersuchungszeitraum wurden 18 Demonstrationen und Kundgebungen besucht. Die Beobachtung war dem Forschungssetting entsprechend verdeckt und, auf das Gesamtsetting bezogen, teilnehmend. Sie war teilstrukturiert, da der gesamte Ablauf des Protestereignisses erfasst, der Fokus jedoch auf relevante Details wie Selbstin- 47 So etwa das oben erwähnte Portal altermedia-deutschland.info, das im Januar 2016 abgeschaltet wurde. Das Bundesinnenministerium sprach ein Verbot gegen das Portal auf Grundlage des Vereinsgesetzes aus, zwei mutmaßliche Betreiber wurden verhaftet. 88 Schulze, Etikettenschwindel szenierung der Teilnehmenden, Reden-Duktus, Transparentgestaltung, Gesten und Symbole gerichtet war. Die Protestereignisse wurden mittels Fotoapparat und teils mit Tonband dokumentiert. Möglichst schnell nach Ende der Demonstration wurden Feldnotizen über den Ablauf angefertigt (Breidenstein et al. 2013, 85–93). Die Beobachtung und Dokumentation von neonazistischen Demonstrationen birgt nur eine geringe Gefahr einer reaktiven Verzerrung des Ablaufes, wie sie etwa bei anderen Settings zu befürchten wäre. Ein Saum von Umstehenden gehört vielmehr zum regulären und von allen Beteiligten einkalkulierten Ablauf. Nach außen gerichtete Posen und Drohgebärden der Neonazis sind insofern keine Verzerrung, sondern Teil der Inszenierung. Die passive Präsenz des Forschers am Rande fiel sehr wahrscheinlich nicht so weit ins Gewicht, dass sich das Verhalten der Beobachtungsobjekte dadurch in relevanter Art und Weise verändert hat. Da die Wahl der beobachteten Demonstrationen auf solche fiel, bei denen eine besonders starke Präsenz von AN erwartet wurde, war die Wahrnehmung von Neonazi-Demonstrationen zugunsten einer besonders hohen Beteiligung von AN verzerrt. Forschungsethisch werfen verdeckte teilnehmende Beobachtungen das Problem auf, dass keine Einwilligung der Beobachteten eingeholt werden kann. Da es sich konkret um Demonstrationen, also um Versammlungen in stark frequentierten öffentlichen Räumen handelte, in denen alle Beteiligten öffentlich auftraten und dies in der Logik politischer Kundgebungen auch intendierten, war die Beobachtung ethisch vertretbar. Personenbezogene Daten wurden nicht erhoben und waren auch praktisch nicht zu erheben. Die Anonymität der Demonstrationsteilnehmenden blieb gewahrt. Eine Ausnahme stellen die Rednerinnen und Redner dar, deren Namen (soweit sie genannt wurden) protokolliert wurden. Die Interviews mit den ehemaligen AN, einer Aussteigerin (I1 2007) sowie zwei Aussteigern (I2 2008), wurden bereits im Vorfeld der Arbeit geführt. Der Kontakt zu den Interviewpartnern kam in der Vorbereitung des 2009 veröffentlichten Bandes ‚Autonome Nationalisten‘. Die Modernisierung neofaschistischer Jugendkultur (Peters und Schulze 2009) zustande. Sie decken die Gründungsphase der AN aus der Perspektive der Regionen 89 Vorgehen Berlin, Ruhrgebiet und Hessen ab und dienten als Hintergrundmaterial. Die Interviews wurden halbstandardisiert anhand eines zuvor erstellten Leitfadens (mit Themenblöcken zu Einstieg, Etablierung des AN-Konzepts, Konflikt- und Gewaltdynamik, Symbolverwendungen, Politikzielen, Strukturierung der „Kameradschaften“) durchgeführt, um das komplexe Wissen der Interviewten zum Themenfeld sichtbar zu machen (Lamnek 1989, 77). Die Tonbandaufnahmen wurden transkribiert und ausgewertet. 3.4 Quellenkritik Eine kritische Herangehensweise ist gleich in zweierlei Hinsicht geboten, wenn man Primärquellen aus einem polarisierenden und randständigen Feld wie dem Neonazismus deutend interpretieren will. Wie bei allen historischen Quellen war einerseits eine allgemeine Quellenkritik nötig. Die Art der Dokumente, ihre äußeren und inneren Merkmale, ihre (zeitliche, räumliche und soziale) Nähe zum jeweiligen Gegenstand, der Hintergrund der Entstehung und die Intention der jeweiligen Urheber wurden so tiefgehend wie möglich rekonstruiert, überprüft, eingeordnet und bewertet. Die einzelnen Quellen wurden zudem gegeneinander gespiegelt: Äußerungen aus einem Quellentypus (etwa aus Berichten zu Demonstrationen auf Internetseiten) wurden mit Quellen eines anderen Typus zum selben Thema (etwa durch die Beobachtung der Demonstrationen) abgeglichen, um möglicherweise bestehende Inkonsistenzen, Widersprüche oder Auseinandersetzungen sichtbar machen zu können (Borowsky et al. 1989, 160–173). Zur zusätzlichen Absicherung erfolgte ein weiterer Abgleich mit den Ergebnissen der punktuell vorhandenen wissenschaftlichen Sekundärliteratur sowie mit journalistischen Arbeiten. Darüber hinaus verunmöglichte die inhaltliche Position des Untersuchungsgegenstandes eine neutrale Näherung. In Bezug auf historische, nationalsozialistische Quellen hebt Rainer Stollmann heraus, dass eine „Methode der bescheidenen Einfühlung“ nicht nur nicht möglich, sondern auch „fehl am Platze“ sei. Stattdessen seien „Respektlosigkeit und Parteilichkeit im Sinne Ernst Blochs“ angebracht: „Jede Identifikation mit dem 90 Schulze, Etikettenschwindel Gegenstand wird vermieden und soll beim Leser hintertrieben werden.“ (Stollmann 1978) Unter dieser Prämisse wurde, auch hier dem Ansatz Blochs folgend, an den Gegenstand der vorliegenden Arbeit herangegangen. Allerdings wurden die Quellen dabei selbstverständlich ernst genommen, weil die Ernsthaftigkeit der Neonazis, ihr Glaube an den Wahrheitsgehalt und die Kraft ihrer Äußerungen außer Frage steht. Wenn Bloch die Entwendungen der Nazis „betrügerisch“ nennt, dann beschreibt er die Funktion dieser Entwendungen. Die Attributierung ist Ergebnis seiner Analyse und keine Prämisse. Wenn also die neonazistischen Primärquellen interpretiert wurden, werden sie nicht als wahrheitsentstellende, verhetzte und verhetzende Propagandastücke betrachtet (was sie häufig dennoch gleichzeitig sind), sondern sie sollten zunächst für sich stehen und ernst genommen werden. Aus ihnen heraus wurde die authentische Sicht und Absicht der Äußernden gedeutet. Dieses Sich-Einlassen auf die Quellen war weder Identifikation oder Akzeptanz, noch gab sie sich dem Versuch hin, sich dem Gegenstand neutral nähern zu können. Auch die ergänzende Verwendung des Materials aus den Interviews mit drei ehemaligen AN erfolgte mit einer kritischen Herangehensweise. Dazu gehört insbesondere eine Beachtung des Entstehungskontextes und der biografischen Situation der Interviewten. Solchen Darstellungen ehemaliger Neonazis liegen verschiedene spezifische Motivationslagen und Perspektiven zugrunde. Die Bedeutung der eigenen Person, ihre Involviertheit in Ideologien und Praktiken, bestimmte Episoden können überbetont oder herabgespielt, vielleicht sogar ganz verschwiegen werden, beispielsweise, um in einem vorteilhaften Licht zu erscheinen. Die ehemaligen AN sind auch Zeitzeuginnen und Zeitzeugen für die Phase ihres eigenen Aktivismus, ihre Äußerungen sind darum vor den aus der geschichtswissenschaftlichen Diskussion bekannten Verzerrungen nicht gefeit. Selbstverständlich handelt es sich um subjektive Äußerungen. Auch dieses Material wurde darum mit anderen Quellen abgeglichen und gespiegelt. Das durch die Beobachtung von Demonstrationen generierte Material muss ebenfalls kritisch verwertet werden. Der Fokus der Beobachtung brachte eine Konzentration auf bestimmte AN-relevante und darum be- 91 Vorgehen sonders interessierende Aspekte hervor, durch die andere Aspekte geringere Beachtung fanden. In diesem Sinne sind auch Materialien wie Feldnotizen, Fotos und Tonaufnahmen keine neutralen Zeugnisse der Realität von Neonazi-Demonstrationen, sondern bereits Produkte einer subjektiven Konstruktionsleistung, also einer bestimmten Wahrnehmungsweise. 3.5 Aufbereitung und Analyse des Materials Die akquirierten Quellen erwiesen sich als äußerst umfangreich. Die Materialien umfassen eine nicht ausgezählte Menge an Dokumenten aus dem Papierbestand des Apabiz – es dürfte sich schätzungsweise um 800 Dokumente handeln. Hinzu kommen 127 Internetseiten und 78 Musikalben. Für die hermeneutische Analyse wurde das Material erstgesichtet, dann grob thematisch kategorisiert und anschließend in Hauptkategorien und Unterkategorien gegliedert. Diese Kategorien wurden an einem kleineren Ausschnitt des Materials getestet und angepasst. Im Verlauf der Untersuchung erfolgten weitere Verfeinerungen, um vom Vorverständnis des Untersuchungsgegenstandes ausgehend zu neuen, dem Gegenstand und den Forschungsfragen angemesseneren Kategorien zu kommen. Die Analyse der Einzelaspekte wurde auf dieser Vorgehensweise basierend am Material orientiert fortwährend weiterentwickelt. Ergebnis ist ein deskriptives System, durch das ein Raster für die Analyse zur Verfügung steht: 92 Schulze, Etikettenschwindel Themen, Inhalte, Ideologie Antikapitalismus Antiimperialismus Antifeminismus, Feminismus Anti-Antifa, Antikommunismus, Querfront Antifaschismus Antisemitismus Rassismus Tierrechte Veganismus, Vegetarismus Krieg und Frieden Geschichtsrevisionismus Volksgemeinschaft Nationalsozialismus, Faschismus Political Correctness Nationalismus, Nation, Reich, Deutschland Repression, Staat, Polizei Arbeit, soziale Frage, Gewerkschaften Umwelt, Natur, Umweltschutz Demokratie, Parlamentarismus, Wahlen Autorität, Befehl, Führung Lebensführung und Alltag Marken, Lifestyle Beziehungen, Sexualität Wohngemeinschaften, Wohnform Drogen, Alkohol, Straight Edge Religion, Islam, Christentum, Heidentum Sprache, deutsch, Anglizismen Männlichkeit, Weiblichkeit, Geschlecht Sport, Fußball Alter Stadt und Land Symbole und Zeichen Mode, Kleidung Codierungen Bewegung, Taktik und Strategie Historische Vorbilder, Blutzeugen Volk, Volksnähe, Bevölkerung, Zielgruppe Jugend, Jugendlichkeit, Zielgruppe Entwendungen, Übernahmen Aus der Linken Aus der Popkultur Kameradschaften Autonome Nationalisten NPD Neonazi-Kleinparteien und -Vereine Kritik an AN Demonstrationen, Kundgebungen Schwarzer Block Agitation, politische Werbung Graffiti, Streetart Freiräume Besetzungen Kulturelle Formen Haltung, Stil, Jugendkultur Inszenierung Völkisch Konservatismus, Bürgerlichkeit Revolutionär Pop, Popkultur, Musik Darkwave, Neofolk, Gothic Metal, NSBM Scheitel Hiphop, Rap Hardcore, NSHC Skinheads Militanz, Gewalt Radikalität Toleranz, Permissivität Körper 93 Vorgehen Die Quellen wurden in eine Datenbank aufgenommen, mit bibliographischen und, soweit vorhanden, weiteren Metadaten versehen und verschlagwortet. Die deutliche Mehrheit des Materials lag von vornherein in Textform vor (etwa Webseiten und Zeitschriften). Wegen der Bedeutung der symbolischen, auch nichtsprachlichen Ebenen für die Forschungsfragen wurden die grafische Gestaltung der Materialien, das Layout, die verwendeten Illustrationen und Symbole ebenfalls beachtet und entsprechende Angaben in der Datenbank vermerkt. Bei der Musik, die in die Untersuchung einging, wurden analog die Liedtexte verwertet, jedoch auch der Musik- und Gesangsstil und die Gestaltung der Veröffentlichung (Cover, Booklet) beachtet.48 Gleiches gilt für die verwendeten Videoclips. Wenn die Clips für die Untersuchung besonders relevante Aspekte berührten, wurde ein Protokoll über die verwendete Bildsprache, Inszenierung und Schnitttechnik angefertigt sowie eine Transkription der Tonspur erstellt. Sie wurden dadurch zugänglich für die Feinanalyse. Die relevanten Passagen aus den Interviews wurden analog zu den anderweitig gewonnenen Dokumenten in das Kategoriensystem eingepflegt und so in den Quellenkorpus integriert. Gleiches gilt für das durch die passiven teilnehmenden Beobachtungen generierte Material. Konkret wurden die Feldnotizen den Punkten „Demonstrationen, Kundgebungen“ oder, wenn zutreffend, „schwarzer Block“ zugewiesen. Einzelne Aspekte wie die Themen der Reden oder die Nutzung bestimmter Symbole oder die Kleidung einzelner Beteiligter wurden ebenfalls in den jeweils passenden Kategorien vermerkt. 48 Damit kann den Anforderungen entsprochen werden, die der Musikwissenschaftler Thorsten Hindrichs für die Analyse von neonazistischer Musik aufstellt. Ihre Bedeutung erhalte diese „nur im sozialen und kulturellen Miteinander“ (Hindrichs 2014, 8), erfasst werden müssten deshalb die klanglich-musikalische Ebene (der „Sound“), die literarische Ebene (Songtext, Sprachstil, Sujet) und die habituelle Ebene (Gesten, Habitus), wodurch im Kontext mit anderen Äußerungen auch auf die Ebene der sozialen Interaktionen mit und unter Fans (Diskurse um die Bedeutung der Musik) geschlossen werden könne (Hindrichs 2014, 8–9). 95 4 Kontext 4.1 Rechtsextremismus: Einordnung und Definition Zunächst ist „Rechtsextremismus“ eine Fremdzuschreibung: Kaum jemand bezeichnet sich selbst als „rechtsextrem”, der Begriff ist vielmehr ein politikwissenschaftliches (und daneben auch ein sicherheitspolitisches) Konzept, unter dem verschiedene, teils miteinander konkurrierende politische Strömungen zusammengefasst werden. Zur Einordnung: Der linke Pol des politischen Spektrums strebt im Kern das Erreichen sozialer Gleichheit an, ist also egalitär. Der rechte Pol indes bestreitet die grundsätzliche Gleichheit von Menschen, ist also antiegalitär (Bobbio 1994). Ergänzend zu dieser sozioökonomischen Achse ist eine zweite, politischkulturelle hinzuzudenken. In der Frage nach den Grundvorstellungen bezüglich staatlicher Ordnung rangiert diese zwischen den Antagonismen „Autoritarismus“ und „Libertarismus“ (Stöss 2005, 21). Die extreme Rechte in Deutschland ist auf beiden Seiten eindeutig zu verorten: Sie lehnt die Idee der Gleichheit von Menschen im Grundsatz ab, geht also von einer unbedingten Ungleichartigkeit und Ungleichwertigkeit aus, und bezieht sich dabei auf eine – konstruierte oder tatsächliche – Zugehörigkeit zu einer Gruppe, etwa entlang ethnischer Kriterien. Politisch-kulturell steht die extreme Rechte für eine dirigistische, antiliberale Staatlichkeit, also für autoritaristische Konzepte.49 49 Das Attribut „extrem“ bezeichnet hier also eine inhaltliche Qualität und ist so abgegrenzt von der generischen Extremismusforschung, in der normativ eine demokratische Mitte der Gesellschaft konzeptionalisiert ist, welche von „Extremisten“ bekämpft werde, die sich dazu wahlweise linker oder rechter Positionen bedienen würden. Ein Überblick zu und zugleich eine profunde 96 Schulze, Etikettenschwindel Eine einheitliche, allgemein anerkannte Definition von Rechtsextremismus existiert nicht.50 Weite Akzeptanz hat gleichwohl die Definition des Sozialwissenschaftlers Hans-Gerd Jaschke gefunden: Unter ‚Rechtsextremismus‘ verstehen wir die Gesamtheit von Einstellungen, Verhaltensweisen und Aktionen, organisiert oder nicht, die von der rassisch oder ethnisch bedingten sozialen Ungleichheit der Menschheit ausgehen, nach ethnischer Homogenität von Völkern verlangen und das Gleichheitsgebot der Menschenrechts-Deklarationen ablehnen, die den Vorrang der Gemeinschaft vor dem Individuum betonen, von der Unterordnung des Bürgers unter die Staatsräson ausgehen und die den Wertepluralismus einer liberalen Demokratie ablehnen und Demokratisierung rückgängig machen wollen. (Jaschke 1994, 31)51 Zu differenzieren ist zwischen rechtsextremen Handlungen und rechtsextremen Einstellungen (Stöss 2005, 25). Diese Unterscheidung ist geboten, da nur ein geringerer Teil der Bevölkerung politisch aktiv ist. Gleichwohl sind die Einstellungen jedes Individuums zwangsläufig auf den Achsen Gleichheit-Ungleichheit und Autoritarismus-Libertarismus positioniert. Menschen können folglich extrem rechts denken, fühlen oder sich äußern, dies muss sich aber nicht in ihrem Handeln widerspiegeln. Vor allem zur Operationalisierung rechtsextremer Einstellungsmuster in der empirischen Forschung wurde eine weitere Definition von Rechts- Kritik dieser Extremismustheorie stammt von Christoph Kopke und Lars Rensmann (Kopke und Rensmann 2000). Ebenfalls beachtenswert ist eine Kritik von Richard Stöss (Stöss 2008b). 50 Zur Diskussion um die Definitionsversuche sowie angelehnte Begriffe wie „Rechtsradikalismus“ oder das Konzept der „Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ vergleiche die Zusammenstellung des Politikwissenschaftlers Michael Minkenberg (Minkenberg 2005). Ernst Bloch äußerte sich kurz vor seinem Tode in einem Gespräch zum damals verbreiteten Begriff „Rechtsradikalismus“: Dieser sei ein „Unding“, „rechtsradikal war unmöglich, radikal ist links“ (Traub und Wieser 1980, 201). Allgemein äußerte sich Bloch zur extremen Rechten der Bundesrepublik nur an wenigen Punkten. In Bezug auf die Notstandsgesetze wies er auf die von ihm ausgemachte Gefahr hin, dass „die wirkliche Macht“ erkennen könnte, dass mit „Neu-Faschistischem im Bund“ – er nennt konkret die NPD – „Geschäfte“ gemacht werden könnten (Bloch 2008, 82). 51 Über die Ablehnung der liberalen Demokratie mögen sich Rechtsextreme zwar einig sein, doch lehnen sie jedweden Wertepluralismus ab, nicht nur den innerhalb von liberalen Demokratien. 97 Kontext extremismus entwickelt52, die dem Phänomen sechs Subdimensionen zuordnet: Der Rechtsextremismus ist ein Einstellungsmuster, dessen verbindendes Kennzeichen Ungleichwertigkeitsvorstellungen darstellen. Diese äußern sich im politischen Bereich in der Affinität zu diktatorischen Regierungsformen, chauvinistischen Einstellungen und einer Verharmlosung bzw. Rechtfertigung des Nationalsozialismus. Im sozialen Bereich sind sie gekennzeichnet durch antisemitische, fremdenfeindliche und sozialdarwinistische Einstellungen. (Decker und Brähler 2006, 20)53 Als Bezeichnung für ein Teilsegment des Rechtsextremismus wird in dieser Arbeit der Begriff des Faschismus verwendet. Er wird, angelehnt an die Ergebnisse der jüngeren Forschung zum generischen Faschismus, folgendermaßen verstanden: Faschismus ist eine Form rechtsextremer Ideologie, die die Nation oder Rasse als organische Gemeinschaft, die alle anderen Loyalitäten übersteigt, verherrlicht. Er betont einen Mythos von nationaler oder rassischer Wiedergeburt nach einer Periode des Niedergangs und Zerfalls. Zu diesem Zweck ruft Faschismus nach einer ‚spirituellen Revolution‘ gegen Zeichen des moralischen Niedergangs wie Individualismus und Materialismus und zielt darauf, die organische Gemeinschaft von ‚andersartigen‘ Kräften und Gruppen, die bedrohen, zu reinigen. Faschismus tendiert dazu, Männlichkeit, Jugend, mystische Einheit und die regenerative Kraft von Gewalt zu verherrlichen. (Lyons 2013)54 Die in dieser Arbeit zu untersuchenden neonazistischen Gruppen und Personen erfüllen alle der hier genannten Kriterien, um sowohl als rechtsextrem als auch als faschistisch eingestuft zu werden. Neonazis sind 52 Beteiligt an der Diskussion waren: Elmar Brähler, Michael Edinger, Jürgen W. Falter, Andreas Hallermann, Joachim Kreis, Oskar Niedermayer, Karl Schmitt, Siegfried Schumann, Richard Stöss, Bettina Westle, Jürgen Winkler. 53 Einen Diskussionsbeitrag zur Erweiterung haben Möller und Schuhmacher vorgelegt (Möller und Schuhmacher 2014, 15–17). 54 Die hier zitierte Übersetzung des englischen Originaltexts stammt von Alfred Schober (Kauffmann et al. 2005, 8). 98 Schulze, Etikettenschwindel Rechtsextreme, die zwar nicht persönlich durch die Zeit des historischen Nationalsozialismus geprägt wurden, sich aber durch eine besondere Affinität zu ihm auszeichnen. Die Ideologie des Nationalsozialismus hatte faschistischen Charakter. Dementsprechend ist Nationalsozialismus als eine Form des Faschismus zu betrachten und Neonazismus als eine Form des Neofaschismus. Trotz der mittlerweile breiten Forschung zum Thema Rechtsextremismus tun sich weiterhin Lücken auf. In der wissenschaftlichen Literatur dominiert ein politikwissenschaftlicher Blick auf den Rechtsextremismus, der andere Aspekte häufig vernachlässigt. So kritisierte Eike Hennig bereits 1989, dass Betrachtungen der „sozialen Welt“ zu eindimensioniert seien (Hennig 1989, 179–180). Eine frühe Ausnahme: In ihrer 1984 erschienenen Studie ordnen Jaschke und Dudek den bis dato existenten Rechtsextremismus in der Bundesrepublik als „Stammkultur“ ein, die sich um ein „heroisches Menschenbild“ konstituiert habe (Dudek und Jaschke 1984, 26). Eine Perspektive von „Rechtsextremismus als Subkultur“ (Jaschke 1987) beziehungsweise schlicht auf die dem Rechtsextremismus eigenen kulturellen Praktiken ist auch aktuell vergleichsweise schwach ausgeprägt. Eine Analyse der zugrunde liegenden Muster fehlt weitgehend. Bemerkenswert sind die Arbeiten des Kriminalisten Bernd Wagner über die Bewegungsform des frühen jugendlichen Neonazismus in den neuen Bundesländern. So verweist Wagner bereits 1994 auf die Existenz eines „autonomen“ Rechtsextremismus auf dem Gebiet der ehemaligen DDR, womit er „Gesellungen“ meint, die keinen Partei- oder Vereinsstatus besitzen, die aber durch ihr Handeln im Sinne des Rechtsextremismus politisch tätig sind (Wagner 1994a, 78). Die jugendkulturellen Muster von Neonazi-Skinheads und „Faschos“ wurden damit zu einem sehr frühen Zeitpunkt beschrieben. Wagner betont die Bedeutung von Musik, von „Zines“, das Zusammenspiel von Subkultur und Politik, die entstehende Einheit von militanter Politik und rebellischen bis „dissozialen“ Jugendcliquen, die damals schon zuweilen unter dem Label „Anti-Antifa“ agierten (Wagner 1994a, 84–89). Dazu zählt er auch als „neuen strategischen An- 99 Kontext satz innerhalb des Neonationalsozialismus und Kernstück der Modernisierung des heutigen Rechtsextremismus“ die Etablierung von „sogenannten Autonomen Kameradschaften“, die er auf das Jahr 1993 datiert, und die „offiziell keiner neonazistischen Organisation angehören, jedoch von ihnen instruiert und funktionalisiert werden“ (Wagner 1994a, 95). Damit rekurriert er auf die damals einsetzenden Diskussionen im Neonazismus, wie auf staatliche Verbotsmaßnahmen zu reagieren sei. Die Entstehung der „Freien Kameradschaften“ und die damit einhergehende Verquickung mit jugendkulturellen Elementen wurden somit von Wagner noch in der Genesis antizipiert, auch wenn die von ihm genutzte Formulierung „Autonome Kameradschaften“ damals nicht verbreitet war. Wagners Ansatz wurde 1998 aktualisiert und auf die Formierung einer sozialen Bewegung von rechts zugespitzt, deren Kulminationsort die Jugendszenen in Ostdeutschland waren (Wagner 1998). Die neueren Entwicklungen konnten in diesen Arbeiten damals naturgemäß keine Berücksichtigung finden.55 Die mittlerweile erschienenen Betrachtungen stellen entweder rechtsextreme Symbolsysteme (Agentur für soziale Perspektiven 2008) oder die rechtsextreme Musikszene in Deutschland (Dornbusch und Raabe 2002) und weltweit (RAT 2001) dar. Zudem existieren Betrachtungen von rechtsextremen Teilsegmenten in den Jugendkulturen wie im Darkwave (Speit 2002), im Metal (Dornbusch und Killguss 2005) und im Hardcore (Taler 2012). 4.2 Rechtsextremismus seit Gründung der Bundesrepublik Um die später folgenden Ausführungen über den deutschen Neonazismus ausreichend kontextualisieren zu können, muss dieser in der gebotenen Knappheit in Bezug zur Geschichte des deutschen Rechtsextremismus seit 1945 gesetzt werden. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges konnte sich der organisierte Rechtsextremismus nur auf dem Gebiet der Bundesrepu- 55 Dies zeigt sich unter anderem an der Konzentration auf die neuen Bundesländer. Die AN sind hingegen ein gesamtdeutsches Phänomen. 100 Schulze, Etikettenschwindel blik neu formieren, nicht jedoch in der DDR. Anknüpfungspunkte waren die ideologischen Traditionen des Nationalsozialismus und des Deutschnationalismus. An drei strategischen Optionen orientierten sich die Wiederbelebungsversuche. Mitsamt den einhergehenden Auswirkungen auf die Mittel der Politik gab es die Wahl zwischen politischer Opposition innerhalb des Systems, Opposition gegen das System sowie dem Kampf um kulturelle Hegemonie und Meinungsführerschaft (Stöss 2005, 35–36). Die Entwicklung des Rechtsextremismus bis zur Wiedervereinigung lässt sich mit dem Politikwissenschaftler Richard Stöss in drei Phasen einteilen: Von 1945 bis 1961 (Parteien in Nachfolge der NSDAP)56, von 1962 bis 1982 (Gründung der NPD, Entstehung des Neonazismus und weitere Neuformationen), von 1983 bis 1990 (Europäisierung und REP-Erfolge) (Stöss 2005).57 Ergänzend ist mindestens eine vierte Phase festzustellen, die 1989/1990 ihren Anfang nahm. Der Rechtsextremismus profitierte zunächst von den tief greifenden ökonomischen, sozialen und politischen Nachkriegsproblemen, insbesondere von der Teilung Deutschlands und den Zwangsaussiedlungen aus den ehemaligen Ostgebieten. Bei der Bundestagswahl 1949 erzielten die rechtsextremen Parteien insgesamt 5,7 Prozent (7 Mandate). Bedeutendste Kraft war die „Sozialistische Reichspartei“ (SRP)58, welche 1951 in Niedersachsen auf 11 Prozent und in Bremen auf 7,7 Prozent der Stimmen kam. Sie wurde nur ein Jahr später verboten. Weitere Wahlerfolge waren nur der „Deutschen Reichspartei“ (DRP) auf Landesebene in Niedersachsen (1955: 6 Mandate) und in Rheinland-Pfalz (1959: 1 Mandat) beschieden. Die zwischen 1950 und 1965 bestehende DRP war ein Auffangbecken für ehemalige NSDAP-Mitglieder und ehemalige Angehörige der Wehrmacht. 56 Vergleiche dazu die Studie Beyond Eagle And Swastika von Kurt Tauberv zum antidemokratischen Nationalismus in Deutschland von 1945 bis in die 1960er Jahre (Tauber 1967). 57 Eine ähnliche Einteilung schlägt auch Armin Pfahl-Traughber vor (Pfahl-Traughber 1999, 21ff). Eine andere, an den Dekaden orientierte Periodisierung wird von Botsch vorgeschlagen (Botsch 2012). 58 Vorgänger der SRP war die „Deutsche Konservative Partei – Deutsche Rechtspartei“ (DKP- DRP), die zwischen 1946 und 1950 auf dem Gebiet der britischen Besatzungszone bestand. 101 Kontext Die Anzahl der organisierten Rechtsextremen sank schließlich zwischen 1954 und 1964 von 76.000 auf 21.000 (Stöss 2005, 100–101). Anfang der 1960er Jahre setzten innerhalb des zersplitterten rechtsextremen Lagers Sammlungsbestrebungen ein, die 1964 in der Gründung der „Nationaldemokratischen Partei Deutschlands“ (NPD) kulminierten. Das Ende des „CDU-Staats“, die Bildung einer Großen Koalition aus Unionsparteien und SPD Ende 1966 und die Wirtschaftskrise 1966/67 begünstigten den Aufstieg der NPD. Von 1966 bis 1968 zog sie mit insgesamt 61 Mandaten in sieben Landtage ein. Der zuvor als sicher geglaubte Sprung in den Bundestag scheiterte jedoch, als die NPD bei den Wahlen 1969 nur 4,3 Prozent erreichte (Stöss 2005, 79–81). Die Unionsparteien waren auf Bundesebene infolge derselben Wahl in der Opposition und rückten in dieser Rolle nach rechts. Sie bekämpften die Ostpolitik der Bundesregierung und deren Reformen. In der Folgezeit konnten die Unionsparteien rund 80 Prozent der vormaligen NPD-Wählerschaft für sich gewinnen. Die NPD geriet nach der Bundestagswahl 1969 in eine Krise, interne Gegensätze brachen auf (Pfahl-Traughber 1999, 24–26). Ein aktionistischer Flügel, unter anderem aus den Kreisen des NPD-Ordnerdienstes stammend, befürwortete und praktizierte illegale Methoden und markiert den Ausgangspunkt für die Mitte der 1970er Jahre entstehenden Gruppen, die sich auch terroristischer Methoden bedienten. Als Beispiele sind die „Aktionsfront Nationaler Sozialisten“ (ANS), die „Volkssozialistische Bewegung Deutschlands“ (VSBD), die „Deutschen Aktionsgruppen“ (DA) und die „Wehrsportgruppe Hoffmann“ zu nennen (Stöss 2005, 80–81). Ein von Intellektuellen dominierter Flügel arbeitete an der geistigen Erneuerung der theoretischen Grundlagen des Rechtsextremismus. Daraus erwuchsen in den 1970er Jahren zunächst verschiedene nationalrevolutionäre Gruppierungen. Henning Eichberg proklamierte 1972 in der Gründungserklärung der „Aktion Neue Rechte“ (ANR) einen „antiimperialistischen Befreiungsnationalismus“. Die ANR war eine NPD-Abspaltung und zerfaserte wiederum recht schnell in a) volksgemeinschaftlich orientierte Solidaristen, b) ab etwa 1980 in die „Sache des Volkes/NRAO“ um Eichberg, die einen „dritten Weg zwischen Kapitalismus und Kommunismus“ 102 Schulze, Etikettenschwindel propagierte, und c) in an der „Nouvelle Droite“ orientierte Neue Rechte. Organisatorisch verbuchten diese Strömungen und Gruppen kaum Wirkung, wohl aber programmatisch (Gessenharter und Pfeiffer 2004). Bemerkenswert sind die Versuche dieses Spektrums, sich in Vokabular („Imperialismus“), Themenwahl (beispielsweise Ökologie) und teilweise in der Ästhetik (antibürgerliche Widerstandsgesten) an die Neue Linke anzulehnen.59 Daneben setzten sich jene national-konservativen Kräfte ab, die eine Kooperation mit den rechten Flügeln von CDU und CSU gegen die Reformpolitik der sozialliberalen Koalition anstrebten. 1971 entstand die „Deutsche Volksunion“ (DVU). Die Mitgliederzahl des organisierten Rechtsextremismus wuchs bis 1967 auf 39.000 an, sank dann auf einen Nachkriegstiefstand von 17.000 im Jahr 1979 (Stöss 2005, 100–101). Die dritte Entwicklungsphase des Rechtsextremismus setzte Anfang der 1980er Jahre ein. Wiederum waren es Momente eines gesellschaftlichpolitischen Umbruchs, die seinen Auftrieb beförderten. Anders als früher handelte es sich nun um Faktoren, die mehr oder weniger in allen westeuropäischen Staaten wirksam waren, wie Massenarbeitslosigkeit, die Umwälzungen in Osteuropa und die „Asylproblematik“ (Stöss 2005, 81–82). Hinzu kam der relative Bedeutungsverlust der Nationalstaaten angesichts der wirtschaftlichen und politischen Globalisierung. Unter dem Druck der veränderten Verhältnisse zerbrach im Oktober 1982 die sozialliberale Koalition. Als die neue Regierungskoalition aus Union und FDP die DDR mit einem Milliardenkredit unterstützte, gründeten neokonservative Kreise in den und im Umfeld der Unionsparteien Ende 1983 die Partei „Die Republikaner“ (REPs) (Funke 1989; Hennig 1991). 1987 errang der Rechtsextremismus mit der DVU in Bremen erstmalig seit 1968 wieder ein parlamentarisches Mandat auf Landesebene. Den größten Erfolg verbuch- 59 Ideengenese und Organisationsgeschichte der Neuen Rechten und insbesondere deren Konzeptionalisierungen des Imperialismus-Begriffs lassen sich in der frühen Darstellung des (neurechten) Autors Günter Bartsch nachvollziehen (Bartsch 1975). Mit Günter Zehm, Kolumnist der Jungen Freiheit, ist übrigens ein Bloch-Schüler prominent in der neurechten Publizistik präsent. Eine historische Perspektive auf das rechte Spektrum, das in den 1970er Jahren einen „dritten Weg“ (jenseits von Kapitalismus und Kommunismus) durchsetzen wollte, entfaltet ein Sammelband von 2010 (Livi et al. 2010). 103 Kontext ten „Die Republikaner“: Sie nahmen die Fünf-Prozent-Hürde 1989 gleich zweimal: In West-Berlin fielen ihnen 7,5 Prozent und bei der Europawahl 7,1 Prozent der Stimmen zu (Stöss 2005, 81–82). Die „Wende“ in der DDR und der Anschluss an die Bundesrepublik kamen für „Die Republikaner“ und die anderen größeren rechtsextremen Organisationen – wie für fast alle politischen Akteure – überraschend. Die Revision der deutschen Grenzen war eine zentrale Forderung der extremen Rechten gewesen und hatte sich durch die Vereinigung von BRD und DDR zumindest teilweise erfüllt. Die einsetzende Euphorie über die Wiedervereinigung trug zeitweise deutlich nationalistische Züge. Dennoch vermochten die größeren rechtsextremen Organisationen kaum, die Stimmung für sich auszunutzen. Die Bedeutung und Ausstrahlung der REPs ging zurück (Stöss 2005, 86–88).60 Weiter angeheizt und mit rassistischen Anklängen unterfüttert wurde die gesellschaftliche Stimmung im Zuge von breit geführten Debatten zur Migrationspolitik („Das Boot ist voll“). Diese Entwicklung gipfelte in der Eskalation rassistischer Gewalt zwischen 1990 und 1994. Die Brandanschläge von Solingen und Mölln sowie die pogromähnlichen Ausschreitungen gegen Flüchtlinge in Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda markierten die Höhepunkte. Sie fanden sowohl auf dem Gebiet der alten Bundesrepublik als auch auf dem der ehemaligen DDR statt. Was sich politisch mittels Gewalt ausdrückte, hatte ein kulturelles Äquivalent: Bereits existente Jugendszenen wie die Skinheads oder Hooligans rückten weiter nach rechts und wuchsen zahlenmäßig an. Rechts zu sein, war „Mode“ unter Jugendlichen (Schröder 2001). Der Staat reagierte ab 1992 mit dem Verbot einer Reihe kleinerer, neonazistisch geprägter Organisationen. Dazu gehörten beispielsweise die „Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei“ (FAP, Verbot 1993 beantragt und 1995 verfügt), die „Deutsche Alternative“ (DA, Verbot 1992), die „Wiking- Jugend“ (WJ, 1994) oder die „Nationalistische Front“ (NF, 1992) (Maler 1996). Der Neonazismus strukturierte sich daraufhin um. Anstelle von 60 Bei den Bundestagswahlen 1990 erreichten „Die Republikaner“ gerade 2,1 Prozent der Stimmen. Die NPD kam auf 0,3 Prozent. 104 Schulze, Etikettenschwindel festen Organisationen, die zwar stabil, aber anfällig für Verbote sind, traten lose organisierte, lokal und regional zusammengesetzte und informell vernetzte Kleingruppen. In diesen neonazistischen und militanten „Freien Kameradschaften“ gliederte sich das Gros der nicht in die NPD eingetretenen Neonazis ein. Daneben erlebte die DVU ab Ende der 1990er Jahre eine Phase relativer Stärke. Die autokratisch aus der Parteizentrale in München geführte Partei schaffte den Sprung in zwei ostdeutsche Landtage. Dieses Tempo konnte die DVU jedoch nicht aufrechterhalten. Auf der Habenseite konnte sie den Wiedereinzug in den Brandenburger Landtag 2004 (mit 6,1 Prozent) verbuchen, demgegenüber stand jedoch eine Selbstdemontage der sachsen-anhaltinischen Fraktion. Die Bundespartei verzeichnete einen anhaltenden Mitgliederschwund (Stöss 2005, 89–93). Ende 2010 erfolgte eine Fusion von NPD und DVU. Im Wesentlichen wurde dabei die DVU von der NPD übernommen, als Parteiname wurde „NPD“ (mit dem Zusatz „Die Volksunion“) beibehalten. Nach juristischen Auseinandersetzungen ist die Fusion mittlerweile rechtsgültig. Zu einer deutlich stärker neonazistisch geprägten und zur erfolgreichsten extrem rechten Partei hat sich die NPD entwickelt. Im Jahr 1996 übernahm der ehemalige Bundeswehroffizier Udo Voigt den Vorsitz und formte die Partei von Grund auf um. War sie zuvor einflusslos und altrechts-revisionistisch, betonte Voigt die soziale Frage und das Globalisierungsthema und öffnete die NPD für bekennende Neonazis. In Folge dessen traten viele der durch die Organisationsverbote politisch heimatlos gewordenen Neonazis in die NPD ein. Daneben entwickelte sich eine enge und für beide Seiten politisch gewinnbringende Verbindung zwischen den entstehenden „Freien Kameradschaften“ und der Partei.61 2004/2005 wurde dieses Bündnis durch eine Volksfront-Erklärung formalisiert, zwischenzeitlich war es durch einen Deutschland-Pakt um die Zusammenarbeit 61 Es erscheint sinnvoll, die NPD seit dieser Wendung als Bewegungspartei zu klassifizieren. In angemessener Tiefe wurde eine Diskussion darüber bisher nicht geführt. Dem Typus Bewegungspartei ist in der deutschen Parteienforschung allgemein wenig Aufmerksamkeit gewidmet wurde, wie Heinrich anmerkt. Allenfalls für die Grünen und historisch (KPD, SPD, NSDAP) hat das Konzept Berücksichtigung gefunden (Heinrich 2008, 29–31) 105 Kontext mit der schon schwächelnden DVU ergänzt worden. Unter Voigt setzte die NPD mit einer im „Vier-Säulen-Konzept“ festgeschriebenen Strategie auf andauernde „Graswurzelarbeit“ an der Basis auf kommunaler Ebene. Diese Aufbauarbeit schlug sich in steigenden Mitgliederzahlen und Wahlerfolgen in Sachsen (9,2 Prozent 2004) und Mecklenburg-Vorpommern (7,3 Prozent 2006) nieder (Schulze 2009a).62 Holger Apfel, 2011 Nachfolger von Voigt auf dem Bundesvorsitz, propagierte das Konzept eines „seriösen Radikalismus“: Die radikale Basis solle sich unter Beibehaltung der programmatischen Ziele rhetorisch zurückhalten, um die potenzielle Wählerschaft besser erreichen zu können. Derzeit liegt der Parteivorsitz beim ähnlich orientierten Frank Franz. Die NPD befindet sich in einer Krise, die mit Misserfolgen bei Wahlen (die Fraktionen in Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern gingen nach den Landtagswahlen 2014 und 2016 verloren), mit internen Streitigkeiten, mit finanziellen Querelen und damit einhergehenden Mitgliederverlusten zusammenhängt. Ein 2013 von den Bundesländern beantragtes Verbot der Partei wurde 2017 vom Bundesverfassungsgericht abgelehnt, das Verfahren eingestellt. 4.2.1 Konturen einer sozialen Bewegung Eine für die vorliegende Arbeit bedeutende Forschungskontroverse betrifft die Frage, ob der Rechtsextremismus den Charakter einer sozialen Bewegung angenommen habe.63 Wurde in den 1980er Jahren für Phänomene wie die Friedens- oder Ökologiebewegung der Begriff der sozialen Bewegung etabliert und definiert, stellte sich alsbald die Frage, ob nicht auch der Rechtsextremismus bewegungsförmig sei (Hellmann und Koopmans 1998). Der nicht selten vorgebrachte Einwand, dass der Bewegungsbegriff einzig den Erscheinungen mit progressivem und emanzipatorischem 62 Analog zum Säulenkonzept der Mutterpartei hat der damalige JN-Vorsitzende Michael Schäfer (2007 bis 2012 im Amt) einen „Dreiklang“ für die Jugendarbeit proklamiert, der die Bereiche Bildung, Gemeinschaft und Aktivismus umfasst (JN 2015; weiterdenken.tv 2015). 63 Die Frage wurde in Deutschland erstmals 1992 von Jaschke aufgeworfen (Jaschke 1992). 106 Schulze, Etikettenschwindel Gehalt vorbehalten sei,64 soll hier wegen seines stark normativen Gehalts zurückgewiesen werden.65 Bemerkenswert ist ein Beitrag von Ruud Koopmans von 1996, der vor dem Hintergrund der damaligen „Anti-Asyl“- Mobilisierungen die Diskussionsfrage „relativ, im Sinne eines Mehr oder Weniger […] anstatt mit einem uneingeschränkten Ja oder Nein“ zu beantworten sucht (Koopmans 1996, 769). Koopmans nennt Gründe, die gegen die Einordnung des Rechtsextremismus als soziale Bewegung sprechen würden: - In seiner Praxis neige der Rechtsextremismus auf der einen Seite zu rein publizistischen Aktivitäten und auf der anderen ereigneten sich vor allem Gewalttätigkeiten, welche spontan aufträten und somit keinen Protestcharakter hätten; - der Rechtsextremismus produziere unzureichend stark Forderungen nach einem umfassenden sozialen Wandel, da die rassistischen Exzesse ungerichtet seien und nicht erkennbar an beispielsweise den Staat adressiert wären; - insbesondere für neue soziale Bewegungen typische Aktionsformen wie Demonstrationen habe der Rechtsextremismus nur in äußerst eingeschränktem Umfang in seinem Repertoire; - die rechtsextremen Parteien äußerten sich lediglich verbal und seien nicht an unkonventionellen Protestformen beteiligt, seien mithin also kaum mit „Bewegungsparteien“ vergleichbar; 64 Ein prominenter Vertreter dieser Position ist zum Beispiel Christoph Butterwegge (Butterwegge 1994). Auch Häusler warnte 2002 davor, den Rechtsextremismus zu leichtfertig als „soziale Bewegung“ einzuordnen, da solche eigentlich einen „emanzipativen“ Charakter hätten (Häusler 2002, 268–269). Anders motiviert waren die Einwände von Ohlemacher im Jahr 1994: Der Rechtsextremismus sei keine soziale Bewegung, sondern eher eine „kollektive Episode“, denn es fehle dem Rechtsextremismus an Mobilisierungsstärke, an Bewegungsbewusstsein, an fehlendem sozialen Kitt und an einer „schlüssigen Ideologie“ (Ohlemacher 1994, 21–22). 65 Dabei standen bis in die 1970er Jahre die später so benannten „progressiven“ sozialen Bewegungen allgemein noch tendenziell „unter NS-Verdacht“ (Roth und Rucht 2008a, 14), weil ihnen eine Nähe zu einem antimodernen, romantischen Irrationalismus vorgeworfen wurde, etwa in den Arbeiten von Scheuch (Scheuch 1968) und Sontheimer (Sontheimer 1976). 107 Kontext - eine kollektive Identität, das Gefühl der Bewegungszugehörigkeit habe der Rechtsextremismus unter seinen Anhängern nicht stiften können. Der Großteil der verurteilten rassistischen Gewalttäter seien weder Organisationen noch Jugendkulturen zuzurechnen gewesen. Diese von Koopmans angeführten Analysen mögen in den 1990er Jahren zugetroffen haben. Sie können jedoch mittlerweile als weitgehend hinfällig betrachtet werden: - Neben publizistischen Aktivitäten und spontanen Gewaltausbrüchen haben sich zahlreiche weitere Handlungsbereiche etabliert. Dies reicht von einer fortschreitenden Kulturalisierung über genuin politische Aktivitäten (Unterschriftensammlungen, Wahlantritte etc.) bis zu nichtspontanen, gezielten Gewalttaten;66 - der Rechtsextremismus und besonders der Neonazismus traten und treten weiterhin als fundamentaloppositionelle politische Kraft mit dem Ziel der Systemüberwindung auf; Ziel des Neonazismus ist ein „nationaler Sozialismus“; - das Aktionsrepertoire hat sich erweitert und sich insbesondere an den Formen sozialer Bewegungen orientiert; - die NPD hat sich mittels ihres seit 1998 umgesetzten Säulenkonzepts zu einer Bewegungspartei umgepolt (Schulze 2009a); - es gibt ein Selbstverständnis einer „Bewegung“ des „nationalen Widerstandes“, die sich zu einer kollektiven Identität verfestigt hat, maßgeblich ermöglicht durch die Kulturalisierung des Spektrums; - zunehmend gibt es eine Verzahnung extrem rechter Akteurinnen und Akteuren mit anderen, etwa im Falle von Anti-Asyl-Protesten. Die Proteste gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung ab 2014 werden 66 Unter anderem durch das jetzige Wissen über die Genese des NSU und durch die jüngeren Arbeiten über die Geschichte des rechten Terrorismus in Deutschland allgemein lässt sich auch infrage stellen, ob die Diagnose der Spontantität der rechten Gewalt in den 1990er Jahren weiter als zutreffend gewertet werden kann. 108 Schulze, Etikettenschwindel maßgeblich von Rechtsextremen mitgetragen und sind in ihrer Bewegungsdynamik und in ihrer Quantität und Qualität relevant. Dem Rechtsextremismus kann also mittlerweile die Erfüllung der von Koopmans angelegten Kriterien (Koopmans und Rucht 1996, 271) bescheinigt werden. Er ist über die intensive Nutzung von Internetkommunikation (Roth 2010, 21) netzartig aufgebaut und betreibt eine Protestmobilisierung mit dem Ziel eines grundlegenden sozialen Wandels, hat also Bewegungsförmigkeit erreicht. Aktionsformen, Jugendkultur und Ideologie hängen unmittelbar zusammen und verstärken den Bewegungscharakter (Hafeneger und Becker 2007, 10–11). Heinrich hebt hervor: Das rechtsextremistische Spektrum zeigt alle wesentlichen Elemente einer sozialen Bewegung. Die einzelnen Akteure verfügen über das Selbstverständnis, Teil einer Bewegung zu sein […]. Die Heterogenität der Akteure und Aktionsformen sowie der spezifischen ideologischen Ausrichtungen kennzeichnet die rechtsextreme Bewegung und versetzt sie gleichzeitig in die Lage, unterschiedliche Bedürfnisse potentieller Ansprechpartner zu befriedigen. Sie bietet kulturelle Angebote, intellektuelle Diskurse, Aktion und Aktivität, Freizeitmöglichkeiten sowie zivilgesellschaftliche Strukturen des Engagements. (Heinrich 2008, 29)67 Besondere Beachtung verdient hier die Frage, wie sich der Neonazismus das Repertoire sozialer Bewegungen angeeignet hat. Das Instrument der auf eine möglichst hohe, massenhafte Mobilisierung abzielenden Stra- ßendemonstration war dem frühen Neonazismus tatsächlich weitgehend fremd und wurde in größerem Maßstab erst ab der zweiten Hälfte der 1990er Jahre eingesetzt. Zuvor waren Publizistik, Wanderfahrten, Versammlungen in Kneipenhinterzimmern, Saalveranstaltungen oder Wehrsportübungen die dominanten Formate. Bis Mitte der 1990er Jahre fanden bundesweit nur wenige Aufmärsche pro Jahr statt, die eine im Vergleich geringe Beteiligung hatten. Als Durchbruch zu einer systematischen De- 67 Aus dem gleichen Jahr liegt eine zusammenfassende Betrachtung von Thomas Grumke vor (Grumke 2008). 109 Kontext monstrationspolitik können die extrem rechten Proteste gegen die Ausstellung Verbrechen der Wehrmacht des „Hamburger Instituts für Sozialforschung“ angesehen werden. 1997 kamen auf einer Kundgebung gegen die Ausstellung in München 5.000 Menschen zusammen. Dieses Ereignis wurde im rechten Spektrum euphorisch gefeiert. Ein Jahr danach resümierte ein Neonazi in der Zeitschrift Hamburger Sturm hochzufrieden: „Wenn es vor 10 Jahren nur ca. 100 Kameraden waren, die sich zu einer Demonstration zusammengefunden hatten, so erreichen wir heute problemlos das 50-fache an Gleichgesinnten.“ (Hamburger Sturm 1998b, 8) Die Gesamtzahl der Demonstrationen hat sich seitdem erheblich gesteigert. Inzwischen finden extrem rechte Demonstrationen durchschnittlich mehr als einmal wöchentlich statt (Virchow 2006, 76, 2011a). Im Jahr 2014 lag die Zahl laut Zahlen der Bundesregierung bei 213 (rechtesland. de 2015), auf dem Höhepunkt der Anti-Asyl-Proteste im Jahr 2015 gar bei 690 (Jansen 2016). Einzelne dieser Aufmärsche können vier- oder gar fünfstellige Teilnehmerzahlen erreichen68, meist rangiert die Zahl im unteren dreistelligen Bereich. Die Initiative für Demonstrationen geht oft von den „Freien Kameradschaften“ oder von der NPD aus, für die der so genannte „Kampf um die Straße“ fester Bestandteil ihrer Säulenstrategie ist.69 Die Demonstrationen dienen dem Neonazismus einerseits als ein Instrument, die eigenen Inhalte und Forderungen in die Öffentlichkeit zu 68 Zu den teilnahmestarken Kulminationspunkten der letzten Jahre gehören beispielsweise das Gedenken an den Todestag von Rudolf Heß in Wunsiedel (Bayern), das „Heldengedenken“ in Halbe (Brandenburg), der „Gedenkmarsch“ in Dresden (Sachsen) sowie die Demonstrationen am 1. Mai in wechselnden Orten. Jüngere Demonstrationsformate wie „Pegida“ sind nicht neonazistisch geprägt, sind aber durchzogen von extrem rechten Deutungsmustern. 69 Der NPD-Terminus „Kampf um die Straße“ geht auf eine Formulierung von Goebbels zurück, der während der zweiten Häfte der Weimarer Republik NSDAP-Gauleiter in Berlin war. Die Straße wurde in der „Kampf“- beziehungsweise „Bewegungszeit“ des Nationalsozialismus als zentrales politisches Aktionsfeld betrachtet. Trägerin dieser Politik war die SA (Schmidt 2011, 264). Goebbels sah die Kontrolle der Straße als entscheidenden Faktor zu Erringen politischer Macht: „Die Straße ist nun einmal das Charakteristikum der modernen Politik. Wer die Stra- ßen erobern kann, der kann auch die Massen erobern; und wer die Massen erobert, der erobert damit den Staat.“ (Goebbels 1937) Anstelle von parlamentarischer Arbeit und Propaganda im „alten Biedermeier-Stil“ befürwortete er in dieser Phase, so Marie-Luise Ehls, „moderne Propagandamittel wie Flugblätter, Plakate, Massenversammlungen und Straßendemonstrationen“ (Ehls 1997, 365). 110 Schulze, Etikettenschwindel tragen. Es soll eine Gegenöffentlichkeit hergestellt werden. Zum anderen erfüllen sie eine Funktion nach innen. Individuell dient die Demonstrationsteilnahme als ein öffentliches „Bekenntnis zur nationalen Bewegung“ (Erb 2006, 167). Bei den Demonstrationen trifft sich ein Kern von „Kameraden“, die ein gemeinsames „Abenteuer“ erleben und sich mittels ihres Aktivismuses aus ihrem Umfeld herausheben. Das Event der Demonstration70 fungiert auch als eine Initiation für Neulinge; sie dient der Selbstdarstellung, der Selbstbestätigung und der identitären Selbstverortung. Dieser Einschätzung wird auch aus dem Neonazismus heraus zugestimmt. Kameradschaftskader Wulff betont etwa die Bedeutung von „integrierenden, erhebenden Gemeinschaftserlebnissen“ bei Demonstrationen, die eine „identitätsstiftende“ Funktion hätten. Der mittlerweile verstorbene Thomas Brehl ging so weit, die Binnenwirkung über die Wirkung auf die Bevölkerung zu stellen: Mag es die Bevölkerung noch so irritieren, mag es derzeit für einen politischen Bodengewinn sogar kontraproduktiv sein, so wäre doch ein Verzicht auf diese Gedenkmärsche lediglich ein schnödes Zugeständnis an den herrschenden Zeitgeist […]. (Thein 2009, 253) Der mittlerweile erlangte Bewegungscharakter des Spektrums hängt unmittelbar mit der Verzahnung von kulturellen Öffnungsprozessen und der Demonstrationspolitik zusammen. Genuin politische Felder (etwa in der Parteiarbeit der NPD) sind mittels der Instrumente einer sozialen Bewegung mit den an- und vorgelagerten Milieus, etwa mit den entsprechenden Jugendkulturen verknüpft (Roth 2010, 19). Die Existenz dieser Milieus und die Adressierung durch die politischen Akteure sind die Grundlage dieser Bewegungspolitik und damit der erfolgreichen Protestmobilisierungen (Roth 2010, 19–20). Die Alltagskulturen fungieren als „soziale Relais“, als Kulturträger und Vermittler zwischen Bewegung und Gesellschaft (Pfahl-Traughber 2003, 50–51). Besonders der Musikbereich dient als 70 Zum Begriff des „Events“, des „außergewöhnlichen Ereignisses“ und dessen Bedeutung in gegenwärtigen Kulturerscheinungen vergleiche die soziologischen Betrachtungen von Winfried Gebhardt, Ronald Hitzler und Michaela Pfadenhauer (Gebhardt et al. 2000). 111 Kontext Transmissionsriemen, der es dem Neonazismus möglich macht, „weit über den Rand der Szene hinaus in ein relativ heterogenes Publikum“ hinein zu wirken (Raabe und Dornbusch 2006, 53). Die Musik ist ein wichtiger Stimulator der kollektiven Identität, was auch für die Musik in anderen sozialen Bewegungen beobachtet werden kann (Eyerman und Jamison 1998) Klärner und Kohlstruck heben hervor: Eine wichtige Rolle im Zusammenhang der Veränderung der Aktionsformen spielt die Ausbildung eines jugendlichen subkulturellen Rechtsextremismus. Vor allem die aktionsorientierten jugendlichen Gruppierungen griffen seit Ende der 1990er Jahre zu Aktionsformen (Unterschriftensammlungen, Mahnwachen, Hausbesetzungen etc.), die von den neuen sozialen Bewegungen in der Bundesrepublik entwickelt und erprobt wurden. (Klärner und Kohlstruck 2006b, 29–30) Diese Bewegungswerdung hängt eng mit der Entstehung der „Freien Kameradschaften“ zusammen (Roth 2010, 21). Als zelluläre Strukturen erwiesen sie sich als prädestiniert, um die politischen Positionen mit der Aktionsrepertoire-Erweiterung zu verknüpfen und mit den entsprechenden Jugendkulturen in Verbindung zu bringen. Die AN können als eine Folgeerscheinung und Zuspitzung der Kameradschaftspolitik eingeordnet werden. 4.3 Geschlechtliche Aspekte im Rechtsextremismus Nachdem Geschlecht in der Forschung zum Rechtsextremismus lange Zeit keine oder nur eine implizite Rolle spielte, sind seit rund 20 Jahren diesem Aspekt einige Untersuchungen gewidmet worden.71 Nicht ohne Grund: Geschlecht ist eine der zentralen Kategorien, anhand derer sich in der extremen Rechten Weltsicht, Vorstellungen eines angemessenen Lebens und Konzepte des politischen Kampfes herstellen. In der später folgenden Betrachtung der AN wird auch die Kategorie Geschlecht eine Rolle spielen, weil sie für die Konstituierung des männlich-martialischen „Kämpfers“ 71 Einen Überblick bietet ein Sammelband von Birsl (Birsl 2011). 112 Schulze, Etikettenschwindel im „schwarzen Block“ von Bedeutung ist. Um Kontinuitäten und Unterschiede zwischen AN und anderen extremen Rechten sichtbar machen zu können, soll hier zunächst die Bedeutung von Geschlecht in der extremen Rechten allgemein skizziert werden. Einen Anfangspunkt innerhalb der Forschung zu diesem Thema machten Erörterungen zum Wahlverhalten bei Frauen und Männern (Hoffmann-Göttig 1989) und zu Fragen von Desintegration und Gewaltneigung bei männlichen jugendlichen Rechtsextremen (Heitmeyer 1992; Möller und Heitmeyer 1996, 168). Nachfolgend rückten die Handlungsmöglichkeiten und Legitimationsmuster für die Beteiligung von Frauen in der Bewegung in den Fokus (Bitzan 1997; Antifaschistisches Frauennetzwerk 2005). Inzwischen wird auch explizit zur Frage der Männlichkeit im Rechtsextremismus gearbeitet (Claus et al. 2010). Die deutliche Mehrheit der Untersuchungen zu Geschlecht im Rechtsextremismus fokussiert dabei auf den organisierten Neonazismus, zuweilen auch auf angrenzende Jugendkulturen. Zum einen ist der Rechtsextremismus und insbesondere der Neonazismus durchaus über die Kategorie Geschlecht strukturiert: Die Akteure sind in Mehrheit männlich; Männlichkeit gilt als gesellschaftliche Norm, die Wählerschaft, die Mehrheit der Mitglieder und Funktionäre extrem rechter Parteien sind männlich und auch die überwältigende Mehrheit der einschlägigen Straf- und Gewalttaten geht auf das Konto von Männern.72 Im Rechtsextremismus dominiert eine Männlichkeitskonstruktion, die von der Vorstellung gewaltaffiner Hypermaskulinität geprägt ist (Möller 2011, 129).73 Gleichwohl ist in Rechnung zu stellen, dass allgemein die Art und Weise der Männlichkeitsaufführung differieren kann (der NPD- 72 Genauer: Gewalttaten über 90 Prozent; Funktionärsebene 80 bis 93 Prozent; Kameradschaften und Cliquenstrukturen 70 bis 90 Prozent; Wählerschaft um 66 Prozent (Rheims 2011). Abseits der Handlungsebene und abseits des individuellen Kontakts zur Bewegung liegt die Verteilung anders. Extrem rechte Orientierungsmuster sind in der Gesamtbevölkerung bei Frauen und Männern etwa gleich stark zu finden (Stöss 2009, 4). 73 Zu Männlichkeitsbildern im Rechtsextremismus liegt eine Studie vor, die sich den Verhältnissen in der Schweiz widmet (Vogel Campanello 2015). 113 Kontext Funktionär im Anzug; der jugendliche Straßenkämpfer) und womöglich neuerdings eine Flexibilisierung der „Männlichkeit(svorstellung)en“ stattfindet, die fluidere Praktiken ermöglicht (Möller 2011, 133; Schuhmacher 2014). Die männliche Dominanz hat Einfluss auf Selbstbildnis und Gesellschaftskonzeptionen der Bewegung. Das Selbstverständnis als „politische Soldaten“, als „tapfer, stolz, opferbereit“ (Virchow 2010), die Logik politischer Auseinandersetzung als „Kämpfe“ und – speziell auch bei den AN – die militanten Gesten sind nicht geschlechtsneutral, sondern verweisen auf ein spezifisches Ideal kämpferischer Männlichkeit. Mehr noch, gesellschaftliche Kämpfe um Gleichbehandlung und Gleichberechtigung der Geschlechter werden in der extremen Rechten als Indiz für Werteverfall und Dekadenz wahrgenommen und zum Thema gemacht (beispielsweise Medienjournal 2014; JN Bundesvorstand 2013). Insofern ist die klassische Zuschreibung der weltlich-politischen Sphäre zur Männlichkeit und der kulturell-häuslichen zur Weiblichkeit in der extremen Rechten so stabil wie kaum sonst noch in der Gesellschaft. Gleichwohl spielen aktive Frauen eine relevante Rolle im Rechtsextremismus, deren Anteil am Personenspekrum auf zwischen 13 (Senatsverwaltung für Inneres 2009, 4) und 33 Prozent (Elverich 2007) taxiert wird. Frauenorganisationen wie die „Deutsche Frauenfront“ der FAP, der „Skingirl Freundeskreis Deutschland“ und der „Mädelring Thüringen“ waren Vorreiterinnen, aktuell sind der „Ring Nationaler Frauen“ der NPD und die „Gemeinschaft deutscher Frauen“ zu nennen. Die Ansicht, dass „Frauen für Politik nicht geeignet“ (Neidlein 2014) seien, wird in der Bewegung nicht selten und meist ohne Widerspruch geäußert, durch die Präsenz von Frauen jedoch konterkariert. Häufig sind Klagen von Frauen zu hören, wie eng ihre Spielräume in der Bewegung seien. Die männliche Dominanz erinnere etwa an die Gepflogenheiten „einer islamistischen Männersekte“ (Schüßler 2014). Mit Slogans wie „Nationalismus ist auch Mädelsache“ wird dem gegenüber für den Gedanken geworben, dass Frauen an der Bewegung aktiv teilhaben können und sollen (Bitzan 2011, 119). bei den neonazistischen völkischen „Scheiteln“ und bei den Neonazi-Skinheads ist Männlichkeit die (zumeist unausgesprochene) Norm. Doch es existieren 114 Schulze, Etikettenschwindel auch weibliche Gegenstücke: die mütterliche Nationalistin mit langen, blonden Haaren oder das Skinhead-Renee. Die Möglichkeiten zur Partizipation an der neonazistischen Politik schwanken dabei zwischen einer Rolle als schützenswerte, rein unterstützende, für die Reproduktion zuständige Partnerin des Mannes und einem Status als unverzichtbare Mitkämpferin, die für politische Ämter, für Diskussionsprozesse und bis zu einem gewissen Grad auch für Straßenaktivismus geeignet ist. Die Frauen stünden als „Kampfgefährtinnen“ der Männer (Rommelspacher 2000, 211) „zwischen Kindererziehung und nationalem Kampfauftrag“ (Weber 2012). Ähnlich Bitzan in ihrer zweiteiligen Typologie von Weiblichkeitskonstruktionen im Neonazismus: Im „Klassiker“ seien Frauen auf ihre Mutterrolle reduziert und für Brauchtumspflege und Reproduktion im Privaten zuständig. Andererseits seien „modernisierte Modelle“ anzutreffen, in denen Frauen über die (nicht infrage gestellte) Mutterrolle hinaus tätig werden könnten. Auch im „politisch-öffentlichen Raum“ dürfe demnach die „Sicht der Frauen“ sichtbar werden. Sie hätten ein Anrecht auf Wahrnehmbarkeit ihrer spezifischen Anliegen, sogar Räume für sexismus-kritische Positionen seien entstanden. Die Gleichwertigkeit (nicht: Gleichartigkeit) der Geschlechter sei ein Zivilisationsmerkmal der „nordischen Rassen“, die diese gegenüber den südländischen auszeichne (Bitzan 2011, 116–120). Zuweilen wird versucht, die Positionen über ein „Kampfzeit-Argument“ zu verknüpfen: Am derzeitigen politischen Kampf müssten sich Frauen beteiligen, auch wenn dies ihrer Natur widerspreche. Paradigmatisch Ramona Bratke 1994: Die Natur hat die grundsätzlichen Aufgaben von Mann und Frau festgelegt. Solange es zwei Geschlechter geben wird, wird die lebensgesetzliche Aufgabe der Frau immer die Geburt und Erziehung der Kinder sowie Behütung und Gestaltung des Heimes sein. Die des Mannes wird sich vorwiegend auf Ernährung und Schutz der Familie beschränken. […] Wir befinden uns im Kriegszustand mit diesem System, was heißt, daß weder Mann noch Frau ihren natürlichen Aufgaben gerecht werden können. Deshalb muß in der heutigen Zeit, auch der weibliche Kamerad revolutionäres Bewußtsein entwickeln […] Mit dieser Einstellung ist es auch möglich, ihn in einen Organisationsap- 115 Kontext parat einzubinden, wo er seinen Fähigkeiten entsprechend eingesetzt werden kann. (In Aktion 1994)74 Die hier angerissene Geschlechterdimension findet im Fortlauf der Studie Beachtung, indem etwa die Fragen nach militantem Vorgehen und soldatischem Habitus auch als geschlechtliche gestellt werden müssen: Sie sind nicht geschlechtsneutral, sondern verweisen entweder auf die männliche Durchprägung des Neonazismus oder, wenn auch von Frauen getragen, auf eine Öffnung für Frauen. 4.4 Zum frühen Neonazismus in Bundesrepublik und DDR Im Folgenden wird der Neonazismus als Teilspektrum des Rechtsextremismus in der Bundesrepublik umrissen. Zunächst folgen eine Diskussion des Begriffs sowie Überlegungen, auf wann der Beginn der Herausbildung dieses Spektrums datiert werden kann. Wieweit es parallel dazu einen Neonazismus in der DDR gegeben hat, wird im Anschluss beleuchtet. Während der DDR-Neonazismus vor allem ein Phänomen Jugendlicher blieb, war der bundesdeutsche Neonazismus zuvorderst politisch organisiert. Der (ungleich stärkere) Neonazismus in der Bundesrepublik wird darum anhand einschlägiger Organisationen beschrieben. Wichtig ist dabei die Feststellung, dass sich Kernorganisationen um das Spektrum von Michael Kühnen gruppierten. Der alte Neonazismus war nicht nur inhaltlich, sondern auch seinen Formen nach und ästhetisch rückwärtsorientiert. Das lag an der Mentalität der Beteiligten, hatte aber auch strategische Gründe: Durch eine öffentlich inszenierte Nachahmung der historischen Formen des Nationalsozialismus wurde mittels „Tabubruch“ öffentliche Aufmerksamkeit generiert. 74 Die in dieser Arbeit zitierten Primärquellen sind wortgetreu wiedergegeben und in Hinsicht auf Rechtsschreibung oder Grammatik nicht korrigiert. Weil die Texte teilweise viele Fehler enthalten, wurde zugunsten der Lesbarkeit auf die sonst übliche Markierung – etwa mittels eines nachgestellten „[sic!]“ –verzichtet. Auslassungen und erklärende Einschübe sind mit eckigen Klammern kenntlich gemacht. Für Zitate aus Liedern wurden, sofern vorhanden, die Texte aus den Booklets verwendet, andernfalls wurden die Texte transkribiert und dabei eine dem Gesangstil nahe kommende Interpunktion genutzt. 116 Schulze, Etikettenschwindel 4.4.1 Definition Eine definitorische Fassung von neonazistischen Strömungen innerhalb des Rechtsextremismus in Abgrenzung zu seinen weiteren Subspektren stellt sich zunächst als unproblematisch dar: Der Neonazismus beabsichtigt die Restauration der politischen Verhältnisse, wie sie im historischen Nationalsozialismus herrschten. Die „Kampfzeit“ der nationalsozialistischen Bewegung und ihrer Vorläufer sowie die Zeit der Machthabe des Nationalsozialismus von 1933 bis 1945 sind für Neonazis zentrale Bezugsund Zielpunkte. Jaschke definierte 1994: Als Neonazis gelten jene zumeist männlichen Aktivisten des rechtsextremen Spektrums, die sich offen in die Tradition des Nationalsozialismus stellen – ideologisch-programmatisch und/oder über Symbolik und Gruppenverhalten. (Jaschke 1994, 38) Eine ähnliche Akzentuierung schlug Stommeln bereits 1979 vor: Neonazismus ist also der Versuch der Wiederbelebung nationalsozialistischen Gedankenguts nach dem Sturz der Hitlerdiktatur, regelmäßig verbunden mit dem Bestreben, anstelle der freiheitlichen Demokratie einen nationalistischen, imperialistischen, völkischen, aggressiv-antisemitischen, antimarxistischen, antiliberalen, nach dem Führerprinzip strukturierten und von einer totalitäten Einheitspartei beherrschten Staat im Sinne des Nationalsozialismus zu errichten. (Stommeln 1979, 8) Gleichfalls Salzborn in einer jüngeren Publikation: Gemeinsam ist diesen Gruppen, dass sie einen positiven Bezug auf den Nationalsozialismus formulieren, die NS-Zeit verherrlichen und ihr Ziel in der Wiedererrichtung einer den Nationalsozialismus kopierenden politischen Ordnung besteht. (Salzborn 2014, 45) Es kommt dabei nicht darauf an, welcher historischen Phase oder welcher nationalsozialistischen Strömung einzelne Neonazis und ihre Organisationen jeweils am nächsten stehen. Ob beispielsweise der Elitismus der SS, die „linken“ Nazis um Röhm oder der klassische Hitlerismus die haupt- 117 Kontext sächliche Inspirationsquelle darstellt, ob die rassistischen, die antisemitischen oder die „sozialistischen“ Elemente in den Vordergrund gerückt werden, sorgt lediglich für eine Binnendifferenzierung im Neonazismus, ändert aber nichts an der Zuordnung zu diesem Spektrum. Denn das Ziel, einen „nationalen Sozialismus“ durchzusetzen und dadurch gesellschaftliche Widersprüche dauerhaft aufzulösen, ist ein ausreichend einigender Sammelpunkt. Dabei ist zu beachten, dass sich nicht alle Neonazis zu ihrem Neonazismus bekennen. Das hat zwei Gründe: Aufgrund der Verbrechen, für die der historische Nationalsozialismus verantwortlich ist, sind nationalsozialistische Ideen gesellschaftlich diskreditiert. In der politischen Auseinandersetzung führt ein offenes Bekenntnis zum Nationalsozialismus zuverlässig in die Isolation. Hinzu kommt, dass gesetzliche Bestimmungen und geltende Verbote bestimmte Formen des Bekenntnisses zum Nationalsozialimus unter Strafe stellen. Konkret zu nennen sind die Paragrafen 86a und 130 des Strafgesetzbuches („Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen“, „Volksverhetzung“). Eine Zuordnung zum Neonazismus durch Außenstehende ist darum faktisch nicht nur eine Einsortierung einer politischen Strömung im Verhältnis zu anderen, sondern – sofern diese Zuordnung wirkmächtig wird – auch ein Urteil über die Legitimität einer politischen Organisation oder Bewegung. Als Neonazi gesehen zu werden, kann ein gesellschaftliches Stigma bedeuten. Dementsprechend trägt ein offenes Selbstbekenntnis einen politischen Preis und die Zuordnung von außen ist Thema politischer Kämpfe. Diese Konstellation trägt zu den Versteckspielen bei, die den gegenwärtigen Rechtsextremismus auszeichnen. Sie setzt den politischen Möglichkeiten des Neonazismus enge Grenzen, birgt aber auch zu einem gewissen Grad die Möglichkeit zum Experiment, zum spielerischen Umgang mit Eigenpositionierungen in sich. Daraus folgt jedoch auch, dass ein offenes Bekenntnis zum Nationalsozialismus nicht in jedem Fall das Kriterium sein kann, anhand dessen eine Zuordnung zum Neonazismus erfolgt oder unterbleibt. Die NPD etwa schlägt in einer internen Argumentationshil- 118 Schulze, Etikettenschwindel fe ihren Kandidaten und Funktionsträgern vor, entsprechende historische Themen in der Öffentlichkeit zu vermeiden und Nachfragen abzuwehren: Auf den Themenkomplex Holocaust, Kriegsschuldfrage 1939 und Nationalsozialismus sollte sich mit dem Hinweis auf die Gegenwartsaufgaben der NPD niemand festnageln lassen. […] Bei entsprechenden Fragen zum NS sollte immer nur gesagt werden: ‚Adolf Hitler ist tot und die NSDAP aufgelöst, was soll also die Frage? Als …. Geborener lebe ich nicht in der Vergangenheit, sondern in der Gegenwart‘. (NPD Parteivorstand 2006, 34) Trotz rhetorischer Übungen dieser Art ist die NPD spätestens seit der Übernahme des Parteivorsitzes durch Udo Voigt im Jahr 1996 dem Neonazismus zuzuordnen. In der Parteipresse sind vielerlei Positivbezüge auf den Nationalsozialismus zu finden, in der Führungsriege der Partei sind bekennende Neonazis präsent und auf Parteiveranstaltungen sind Forderungen nach einer „Volksgemeinschaft“ und einem „nationalen Sozialismus“ allgegenwärtig. 4.4.2 Unterscheidung zwischen Neonazis und Altnazis In dieser Arbeit sollen als Neonazis nur jene Nazis gelten, die ihre Sozialisation nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erfahren haben. Jene, die ihrer Ideologie auch nach der Niederwerfung des Nationalsozialismus 1945 treu geblieben sind, fallen also nicht darunter. Manfred Roeder, Jahrgang 1929, war in seiner Jugend Schüler an einer Napola und an den Kämpfen um Berlin in der Endphase des Zweiten Weltkriegs beteiligt. Er kann, jedenfalls an seiner Biografie gemessen, noch nicht als „neonazistisch“ qualifiziert werden (Grumke und Wagner 2002, 302–304).75 Diese Sichtweise ist nicht selbstverständlich. In einer frühen Studie von Stommeln aus dem Jahr 1979 werden zum Neonazismus auch jene Personen gezählt, die mit dem historischen Nationalsozialismus noch biografisch verbunden waren, 75 Auch Stöss nennt Roeder einen „Altmeister“ und zählt ihn zum „Alten Nationalismus“ (Stöss 1989, 162). 119 Kontext entweder als „wiedererweckte Hitlerjungen“ oder als „alte Parteigenossen“. Die nach 1945 Sozialisierten, die „Nachkriegsnazis“, zählen lediglich als eine von drei „Neonazi“-Unterkategorien (Stommeln 1979, 8–9). Stommeln führt diese Überlegung nicht weiter, wohl weil es ihm in seiner Studie eben um die „neuen“, nach 1945 sozialisierten Nazis ging. Organisationen wie die frühe „Wiking-Jugend“ (1952 gegründet)76, die HIAG („Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der Angehörigen der ehemaligen Waffen-SS“, 1951 gegründet, 1992 auf Bundesebene selbst aufgelöst) oder die „Sozialistische Reichspartei“ (1949 gegründet, 1952 verboten) tauchen nur am Rande auf. Erste Anzeichen für eine Neubelebung des Nationalsozialismus „durch Angehörige einer jüngeren Generation“ lassen sich um 1968 feststellen, als ein kleiner „Bund Deutscher Nationalsozialisten“ (BDNS) Aktivitäten entfaltete, die im Folgejahr zu einem Verbot durch das Bundesinnenministerium führten (Mecklenburg 1996, 154–155). Im Jahr 1969 erschien die Schrift Rasse – ein Problem auch für uns von Jürgen Rieger (Jahrgang 1946) (Botsch 2012, 73–74). Stommeln berichtet über eine „Nationalsozialistische Kampfgruppe Großdeutschland“ als weitere frühe neonazistische Organisation in der Bundesrepublik. Diese Gruppe war am 22. April 1972 vom damals 35-jährigen Waldarbeiter Manfred Knauber in Viersen (Nordrhein-Westfalen) gegründet worden. Bereits im Oktober desselben Jahres wurde die Gruppe „ausgehoben“ – Waffen, Munition und Sprengstoffe wurden beschlagnahmt und später sechs Gruppenmitglieder zu Freiheits- und Geldstrafen verurteilt (Stommeln 1979, 34). In der Folge setzte auf zunächst niedrigem quantitativen Niveau eine kontinuierliche Erhöhung der neonazistischen Organisierung ein. Hennig datiert Ansätze für die Entstehung eines jugendgeprägten Neonazismus auf das Jahr 1974 (Hennig 1989, 181). Im selben Jahr gab es vier neonazistische Gruppen in der Bundesrepublik (mit rund 100 Mitgliedern). Diese Zahl steigerte sich 76 Das Attribut „früh“ ist hier wichtig, denn die Arbeit der „Wiking-Jugend“ erstreckte sich über etliche Jahrzehnte und sie war später durchaus eine neonazistische Organisation. An ihr lässt sich die intergenerationelle Weitergabe der nationalsozialistischen Ideologie illustrieren. 120 Schulze, Etikettenschwindel fortan bis 1979 auf 25 Gruppen (mit 1.300 Mitgliedern) (Stommeln 1979, 44). Auch Stöss datiert die Herausbildung eines organisierten Neonazismus in der Bundesrepublik in nennenswertem Umfang auf die „Mitte der siebziger Jahre“ (Stöss 1989, 159). 4.4.3 Neonazismus in der DDR In der DDR gab es im Gegensatz zur alten Bundesrepublik keine neonazistischen Gruppen, die über ein Mindestmaß an organisatorischer Dichte verfügten. Es gab keine offene Organisierung oder gar Parteienbildung, sondern es kam lediglich zur Herausbildung von informellen Freundeskreisen. Dennoch sollen hier einige Aspekte des DDR-Neonazismus angesprochen werden. Die Eskalation der rechten Gewalt in den neuen Bundesländern zu Beginn der 1990er Jahre ist ohne diese Vorgeschichte nicht erklärbar. Und noch immer sind beispielsweise rechte Alltagskulturen in Ostdeutschland weiter verbreitet als im Westen (Apabiz 2012). Es handelte sich beim DDR-Neonazismus durchweg, so der Kriminalist Bernd Wagner, um „autonome“ Gruppierungen an und in jugendkulturellen Szenen, namentlich um die der Skinheads: Die rechtsextrem orientierte Skinheadszene war […] als Protestverbund und noch nicht parteilich orientiert. Es gab keine geschlossenen politischen Konzepte oder Programme. […] Das gewalttätige Handeln der Gruppen wurde aber von Reflexen geleitet, die auf politiklastigen Parolen aufbauten. (Wagner 1994b, 185–190) Die Gesetzeslage und der Repressionsdruck durch die Sicherheitsbehörden ließen die Entstehung von dichter formierten Gruppen über die gesamte Existenzdauer der DDR nicht zu. Ihrem historisch hergeleiteten Selbstverständnis nach war die DDR, in Abgrenzung zur Bundesrepublik, ein „antifaschistischer Staat“. Der Artikel 6 der DDR-Verfassung dekretierte, dass „Militarismus und Nazismus“ ausgerottet seien. Gleichwohl entwikkelten sich Rechtsextremismus und Rassismus zu virulenten Problemen. Die Formen der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus waren 121 Kontext doktrinär und blendeten relevante Aspekte aus.77 Die anhaltende, staatlich alimentierte Arbeit von antifaschistischen Organisationen und die Gedenkpolitik hatten (trotz ihrer Auslassungen und ihres legitimatorischen Charakters) sicherlich eine gesellschaftliche Wirkung. Es blieb dennoch bei einem leblosen, einem „verordneten Antifaschismus“ (Giordano 1990), dessen Grundlage das Dimitroffsche Verständnis vom Faschismus war. Der Nationalsozialismus wurde darauf reduziert, eine besonders aggressive Spielart des in der DDR überwundenen Kapitalismus zu sein, der nach innen die Emanzipationsbestrebungen der Arbeiterbewegung unterdrückte und nach außen einen kriegssuchenden Imperialismus betrieb. Durch die sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft sei dem Faschismus jede Grundlage genommen worden. Für eine Erklärung neofaschistischer Bestrebungen innerhalb der DDR gab es somit keine Instrumente, die über die Behauptung westlicher Zersetzungsbemühungen hinausgingen. Zudem: Eine adäquate Aufarbeitung deutscher Schuld, Selbstkritik und eine Betrachtung der Rolle von Antisemitismus (Waibel 2006) und Judenvernichtung waren auf dieser Grundlage nicht möglich. Der „Arbeiter- und Bauernstaat“ insgesamt repräsentierte die kommunistische Bewegung und stand, so die Behauptung, auf der Siegerseite der Geschichte.78 Die Existenz von extrem rechten oder gar neonazistischen Einstellungen in der Bevölkerung war kein Thema in der Öffentlichkeit. Tatsächlich aber entwickelten sich mit dem Beginn der 1980er Jahre aus Jugendkulturen heraus entsprechende Milieus (Ködderitzsch und Müller 1990). Insbesondere ist die Entstehung von rechten Skinhead-Szenen in den grö- ßeren Städten wie Ost-Berlin, Dresden, Rostock und Leipzig zu nennen. Sie speisten sich als Protestkultur gegen die DDR-Gesellschaft aus der Fußballfan- und Hooligan-Szene sowie aus der sich ausdifferenzierenden 77 Insbesondere wurde der Antisemitismus in der Betrachtung vernachlässigt und der kommunistische Widerstand gegen das NS-Regime betont. In der DDR-Politik gab es selbst antisemitische Tendenzen. Nur ein Beispiel: Eine Organisation wie die „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes“ (VVN) wurde 1953 aufgelöst und die Zeitschrift des VVN-Mitbegründers Heinz Galinski Der Weg. Zeitschrift für Fragen des Judentums verboten (Hartewig 2000). 78 Ausführlich dazu Bernd Wagner in seiner Darstellung der Rechtsradikalismus in der späten DDR (Wagner 2014). 122 Schulze, Etikettenschwindel Punk-Szene. Rekrutierungsorte waren die Stadien der Vereine Berliner FC, Hansa Rostock, Dynamo Dresden, Lokomotive Leipzig und Chemie Leipzig (Wagner 2014, 204–220): Die Fußballfans der DDR bildeten seit den späten 70er Jahren eine feste Riege um ihre Fanclubs herum, aus der heraus man Randale gegen die Polizei machen konnte und seinen Haß auf den Staat ungestraft herausschrie. […] Sie alle einte, unabhängig von ihrer besonderen Färbung […], eines: der Zusammenhang von Gewalt und einer sich ausprägenden Ideologie der Ungleichheit von Menschen, die nicht herrschafts-, sondern naturbedingt sei. (Wagner 1994b, 185–186) Bernd Wagner teilt die Entstehung der Neonazi-Skinhead-Szene in der DDR in vier Zeitabschnitte ein. Zunächst habe es innerhalb der bereits existenten, systemoppositionellen Punk-Jugendkultur Auseinandersetzungen um „Stilrichtungen“, namentlich um die „neue“ Skinhead-Subkultur gegeben (1980/1981). Hiernach hätten sich die Skinheads als bekennend gewaltausübende Gruppierung aus der Punk-Szene herausgelöst (1982/1983) und zunehmend durch die Festlegung von bestimmten Feindbildern (Ausländer, Homosexuelle, Gruftis, Punks, Polizisten, Soldaten und „Stinos“) ideologisiert (1985/1986). Zuletzt hätte sich die Zahl der Skinheads im Vergleich zum Beginn des Jahrzehnts verfünffacht. Es sei zu einer Binnendifferenzierung gekommen zwischen fußballorientierten Skinheads, sich als unpolitisch verstehenden „Oi-Skins“ und den „Faschos“, deren Mitglieder „auf die Glorifizierung der nazistischen Vergangenheit“ ausgerichtet waren (1987-1989). Dieser letzte Abschnitt fällt mit spektakulären Neonazi-Angriffen in der DDR und der Agonie des Staatssystems zusammen (Wagner 1994b, 187–189). Somit lässt sich von zwei kulturellen Prototypen im DDR-Neonazismus ausgehen. Es dominierten die Skinheads, die habituell in weiten Teilen den westdeutschen und internationalen Skinheads glichen. Auch in der Mode gab es keine Unterschiede – mit der Einschränkung, dass die einschlägigen Kleidungsstücke wie Bomberjacken und Springerstiefel in der DDR nicht zu kaufen waren, darum wenig Verbreitung hatten und in der Regel behelfsmäßig durch andere Kleidung (etwa aus dem Fun- 123 Kontext dus der „Gesellschaft für Sport und Technik“) ersetzt wurden. Stiefel von Doc Martens oder Bomberjacken wurden teilweise schwarz und zu hohen Preisen von 500 bis 1.000 Mark gehandelt (Bredel 2002). Neonazistische Skinheadbands gab es in der DDR nicht.79 Die in der Endphase der DDR auftretenden „Faschos“ stellen den zweiten Typus dar. Die „Faschos“ kamen aus der Skinheadkultur und blieben ihr verbunden. Äußerlich betonten sie allerdings ihre Verehrung des Nationalsozialismus und seiner Traditionen, vor allem über die Imitation von nationalsozialistischer Uniformästhetik. Wagner schildert das Äußere eines Potsdamer „Faschos“ im Jahr 1987: „braunes Oberhemd, schwarze Krawatte, Stiefelhosen, schwarze Stiefel, langer Ledermantel“ (Wagner 1994b, 189). Ab Mitte der 1980er Jahre häuften sich die Gewalttaten. Am 17. Oktober 1987 fand in der Ostberliner Zionskirche (einem Zentrum der DDR- Linksopposition) ein Konzert mit der Westberliner Gruppe „Element of Crime“ und der DDR-Punkband „Die Firma“ statt, bei dem etwa 2.000 Gäste anwesend waren. Eine Gruppe von rund 30 Neonazi-Skinheads überfiel die Veranstaltung. Etliche Gäste wurden zum Teil schwer verletzt. In unmittelbarer Nähe des Geschehens hielten sich Einheiten der Volkspolizei auf, die das Geschehen beobachteten, jedoch nicht einschritten. Gegen die ermittelten Haupttäter wurden zunächst milde Strafen verhängt. Der brutale und spektakuläre Charakter der Ausschreitung sorgte jedoch dafür, dass die Verfahren neu aufgerollt wurden und sodann härtere Strafen (zwischen eineinhalb und vier Jahren Haft) verhängt wurden. Die Prozesse wurden publizistisch unter anderem vom FDJ-Organ Junge Welt begleitet. Somit geriet die Existenz des Neonazismus in der DDR in der Endphase des Staates doch noch in die Öffentlichkeit – auch wenn vor Gericht und in den Veröffentlichungen betont wurde, dass die Verantwortung für den 79 Einzige Ausnahmen waren die Gruppen „Brutale Haie“ aus Erfurt und „Pitbull“ aus Meerane, die sich allerdings erst 1988 gründeten (Langebach und Raabe 2013, 11–12; Dornbusch und Raabe 2002, 47). Beide Gruppen veröffentlichten erst nach der Wiedervereinigung Tonträger.. 124 Schulze, Etikettenschwindel Angriff bei Westberliner Neonazis gelegen habe, die eigens dafür in die Hauptstadt der DDR gereist seien (Kowalczuk 2012).80 Eine im Auftrag des DDR-Innenministeriums erstellte Studie, die 1989 fertiggestellt wurde, beschreibt die soziale Zusammensetzung der jungen DDR-Neonazis: Fast alle gehörten der Arbeiterschaft an, die meisten waren im Alter zwischen 18 und 26 Jahren. Die Eltern entstammten allen sozialen Schichten der DDR. Zu ihrem politischen und sozialen Wertgefüge gehörte einerseits eine strikte Opposition zu den Verhältnissen in der DDR. Andererseits wurde jedoch konstatiert, dass die entsprechenden Jugendlichen durchaus die „moralischen Werte der sozialistischen Gesellschaft als Zielgröße“ verinnerlicht hätten. Die Rechten waren fleißig, diszipliniert, engagiert, hatten gute Sozialprognosen und waren in die Gesellschaft integriert. Zwar hatten einzelne Neonazis Kontakte zu ihren Pendants im Westen, dennoch gab es „keine überzeugenden Hinweise, daß der Westeinfluß eine Existenzbedingung für Skinheads“ gewesen sei (Niederländer 1989). Die Ergebnisse waren aus Sicht der DDR-Behörden so brisant, dass die Studie als „Vertrauliche Verschlusssache“ eingeordnet wurde. Der Regisseur Konrad Weiß berichtet in einem 1989 in der Samisdat- Publikation Kontext veröffentlichtem Essay von der Kombination aus Systemopposition und Wertübereinstimmung mit Systeminstitutionen bei den jungen Rechten. Die DDR wurde von ihnen vehement abgelehnt: „Die ganze Linke, das kotzt einen ja an in diesem Scheißstaat“, wird ein Neonazi zitiert. Jedoch hätten staatliche, vor allem militärnahe Einrichtungen eine Anziehungskraft auf die Szeneangehörigen gehabt. Weiß beschreibt, sie seien 80 Die Reduzierung des Problems darauf, ein schädlicher „Westimport“ zu sein, ist ein Muster der DDR-offiziellen Auseinandersetzung. Tatsächlich ging der Weg auch in die entgegengesetzte Richtung. Verschiedentlich wurden inhaftierte DDR-Rechte von der Bundesrepublik freigekauft, ideologisierten sich im Westen vollständig und kamen nach 1990 wieder in den Osten zurück und dort zu relativer Bedeutung in der entstehenden Bewegung. Zu nennen sind etwa Frank Hübner und Arnulf Priem. 125 Kontext stolz darauf, etwas zu wollen, ein Lebensziel, Ideale zu haben. Sie verabscheuen jede Form von Anarchie, lassen sich nicht hängen. Körperliche Ertüchtigung und gesunde Lebensführung gehören zum politischen Programm, in der Regel sind sie körperlich hervorragend trainiert. […] Nicht zufällig werden soldatische Werte kultiviert, Disziplin, Gehorsam, Ausdauer, Verläßlichkeit; insbesondere wird der Kameradschaftsgeist der faschistischen Wehrmacht beschworen. Man versucht, die rechte Ideologie an Soldaten der Nationalen Volksarmee heranzutragen und sucht unter ihnen Verbündete. (Weiß 1989) Weiterhin würden Neonazis versuchen, sich „in Wehrsportgruppen der GST und in Ordnungsgruppen der FDJ“ zu integrieren (Weiß 1989). Auch Eisenfeld beschreibt das Profil der DDR-Neonazis – „abgesehen von ihren Gewalttätigkeiten“ – als angepasst und integriert: Sie erschienen diszipliniert, zuverlässig und höflich. Einige wurden als ‚beste Lehrlinge‘ ausgezeichnet […] Die Mehrheit war Mitglied in der GST oder in Kampfsportgruppen und spielte aktiv Fußball. Sie waren zumeist ledig, hatten – soweit sie nicht bei den Eltern wohnten (70 Prozent) – eine eigene gepflegte Wohnung, ein Sparguthaben und Fototechnik. (Eisenfeld 2001, 8) Ihre rassistischen Einstellungen konnten auch in Übereinkunft mit der DDR-Gesellschaft gedacht werden, denn der „Internationalismus“, den der Staat für sich reklamierte, blieb phrasenhaft. Es herrschte ein „Provinzialismus“ vor, die DDR war gewissermaßen eine monokulturelle Gesellschaft (Lausberg 2012, 20). Die wenigen Ausländer waren meist Vertragsarbeiter, die in Wohnheimen vom Rest der DDR-Gesellschaft abgeschirmt lebten (Elsner und Elsner 1994, 164). Eine Studie des Leipziger Zentralinstituts für Jugendforschung hielt für das Jahr 1988 fest, wie weit extrem rechte Ansichten verbreitet waren: Dem Item „Der Nationalsozialismus hatte auch seine guten Seiten“ stimmten 12 Prozent der befragten 14- bis 18-jährigen Jugendlichen zu (Friedrich 2001, 21–22). Das Institut stellte zudem fest, dass sich zwei Prozent der DDR-Jugendlichen selbst zur Skinhead-Szene bekannten (Friedrich et al. 1999). Weitere vier Prozent sympathisierten mit ihr, 30 Prozent begrüßten rechte Aktivitäten (Reinhard 2012). 64 Prozent der Befragten gaben 126 Schulze, Etikettenschwindel an, stolz auf ihr „Deutschtum“ zu sein. Zwei Drittel hielten Deutsche für besser als Polen. Das Institut schätzte, dass zehn bis fünfzehn Prozent der DDR-Bevölkerung ein „festgefügtes rechtsradikales Denkmuster“ hätten (Moorstedt 2001). Eine nach dem Überfall auf die Zionskirche vom Innenministerium eingerichtete „AG Skinhead“ kam zum Schluss, dass es auf dem DDR-Gebiet rund 1.000 gewalttätige Neonazis in einer Szenerie von insgesamt 6.000 Personen gebe. Mitsamt Umfeld wurde das Milieu auf mehr als 15.000 Personen beziffert (Reinhard 2012). Das Ministerium für Staatssicherheit hingegen zählte 1987 DDR-weit 800 rechtsextreme Jugendliche, die sich auf 38 Gruppierungen verteilten. Ein Jahr später lag dieser Wert bei 1.067 – fast die Hälfte davon (447) lebten in Ostberlin (Eisenfeld 2001, 3–4). Zur Wahrnehmung des Neonazismus durch die DDR-Sicherheitsbehörden hat Walter Süß eine Studie vorgelegt, die das Schwanken zwischen Schweigen, Herunterspielen und der Beunruhigung über die häufige Frequenz von Vorfällen beleuchtet (Süß 1993). Die Geschlechterfrage wird in den zitierten Studien kaum angesprochen. Neonazismus in der DDR erscheint als fast ausschließlich männliches Phänomen – der Grad und die Art der Beteiligung von Frauen sind unbekannt. 1985 bis 1986 entfielen ein Viertel aller Ermittlungsverfahren des Staatssicherheitsministeriums wegen „staatsfeindlicher Hetze“ auf rechtsextreme Delikte. 1988 und 1989 wurden 188 entsprechende Ermittlungsverfahren geführt. Von 1954 bis zum Ende der DDR wurden insgesamt 30 Schändungen von jüdischen Friedhöfen verzeichnet. In der „Nationalen Volksarmee“ registrierte man 700 Vorfälle (Eisenfeld 2001). Am 20. April 1989, dem hundertsten Geburtstag Adolf Hitlers, kam es in einigen Bezirksstädten der DDR zu öffentlichen Spontanaufläufen von Neonazis: Vertragsarbeiter wurden gejagt und Punks angegriffen. Am Berliner Alexanderplatz kam es zu massiven pronazistischen Äußerungen (Begrich 2009a). Ermittlungsverfahren bezogen sich vor allem auf den weit gefassten Strafgesetzbuchparagraf 215 („Rowdytum“), mit Abstrichen auch auf Paragraf 106 („Staatsfeindliche Hetze“). Die neonazistische Szenerie in der DDR war durch die Skinheads geprägt. Über Provokationen bei Fußballspielen und Schmierereien, über 127 Kontext die Mode und vor allem über Gewalthandeln wurde kommuniziert. Eine politische Bewegung gab es nicht. Politische Diskussionen, ein Programm oder voneinander abgrenzbare Programme gab es ebenso wenig wie Bestrebungen, eigene Publikationen zu veröffentlichen oder eine Organisierung einzuleiten. Es handelte sich zumeist um lokal begrenzbare Cliquen mit hoher Fluktuation, die vor allem in Städten angesiedelt waren. Die Kernpersonen hielten teilweise untereinander Kontakt und in einigen Fällen gab es Briefkorrespondenzen mit westdeutschen und osteuropäischen Rechtsextremen. Vereinzelt kam es zum persönlichen Austausch mit westdeutschen Neonazis, wenn diese besuchsweise in die DDR gereist waren. Daneben existierten, in teilweiser Personalüberschneidung zu den Cliquen, Netzwerke von neonazistisch interessierten Personen in DDR- Organisationen wie der „Gesellschaft für Sport und Technik“ oder in der „Nationalen Volksarmee“ (NVA). Die Cliquen gaben sich teilweise Namen, ein erster Schritt hin zu einer Organisierung, darüber hinaus sind allerdings kaum Institutionalisierungstendenzen erkennbar. 1986 gründeten Lichtenberger Hooligans des BFC Berlin die „Lichtenberger Front“, 1988 folgte aus demselben Spektrum die ,,Bewegung 30. Januar“. Beide Gruppen sollen – eine Ausnahme – Kontakt zur westdeutschen FAP gehabt haben. In Bitterfeld existierte zeitweilig eine „Wehrsportgruppe Bitterfeld“, die sich 1983 gegründet haben soll. In Blankenhain nannte sich eine Gruppe Anfang 1989 „Graue Wölfe“ und vertrat die Forderung „Blankenhain muß negerfrei werden“ (Teschner 1998). Als weitere Cliquennamen sind in der Literatur die „NS-Kradstaffel Friedrichshain“, die „Gubener Heimatfront“, die „Wotansbrüder“ in Halberstadt, die „Weimarer Front“ und eine „SS-Division Walter Krüger Wolgast“ (zu der auch ältere Mitglieder gezählt haben sollen) zu finden (Reinhard 2012). Genannt werden ferner der „Bucher Volkssturm“, ein „Freikorps Mengele“, die „NS-Kampfstaffel Thale/Quedlinburg“, die „Söhne der Arier“ und die „Wehrsportgruppe Schwedt/Gartz“. In den meisten größeren Städten habe es gegen Ende der DDR „Fascho“-Gruppen gegeben, denen jeweils etwa fünf bis 50 Personen angehörten (Bredel 2002). 128 Schulze, Etikettenschwindel In der DDR konnte sich also ein Neonazismus auf geringem Niveau etablieren und mit zunehmender Rasanz in den letzten Jahren des Staates auch in seiner Personenstärke wachsen. Dazu trugen einige Strukturmerkmale der DDR-Gesellschaft bei, zu denen auch die ideologisch bedingte Nichtthematisierung der entsprechenden Erscheinungen gehörte. Allerdings kam der DDR-Neonazismus nicht aus dem Stadium von schwach vernetzten, informellen lokalen Jugendgruppen heraus und war seit deren Entstehung Anfang der 1980er Jahre vor allem ein Phänomen der Skinhead-Jugendkultur mit punktuellen Verbindungen zu Hooligans und Heavy-Metal-Fangruppen.81 Der Boom von neonazistischer Organisierung und Gewalt in den Jahren ab 1990 auf dem Gebiet der dann ehemaligen DDR speiste sich, neben anderen Faktoren, jedoch maßgeblich aus genau diesen Vorentwicklungen. 4.4.4 Neonazismus in der Bundesrepublik In der Bundesrepublik hat es seit den 1970er Jahren einen Neonazismus82 im Sinne der oben genannten Definition gegeben.83 Ausgangspunkt für diese Entwicklung war eine Reihe von Kleinorganisationen, die von alten Nazis gegründet und dominiert waren. Zu nennen sind etwa die „Bürgerinitiative gegen moralische und politische Anarchie“ (später: „Deutsche Bürgerinitiative“, 1971 gegründet) um Manfred Roeder und die „Volksso- 81 Zu letzteren: Die langhaarigen Metal-Fans gehörten eher zu den Feindgruppen der Rechten, wenngleich es auch Überschneidungen gab. Am rassistischen Mord am Mosambikaner Amadeu Antonio in Eberswalde, wenige Tage nach der deutschen Vereinigung 1990, waren neben den federführenden Skinheads auch Heavy-Metal-Fans beteiligt (Dieckmann 1992). 82 Der frühe Neonazismus ist wissenschaftlich vergleichsweise wenig untersucht worden. Dem gegenüber steht allerdings eine Vielzahl von journalistischen Veröffentlichungen. An wissenschaftlicher Literatur zu nennen sind neben der oben zitierten Arbeit von Stommeln etwa diejenigen von Hennig (Hennig 1982), Rabe (Rabe 1980), Inowlocki (Inowlocki 2000), die relevanten Abschnitte in der Überblicksarbeit von Dudek und Jaschke (Dudek und Jaschke 1984) sowie einzelne Beiträge, beispielsweise im Band „Rechtsextremismus in der Bundesrepublik“ (Benz 1984). 83 In den 1970er Jahren intensivierte sich im Übrigen auch der Rechtsterrorismus, dessen Personal sich zu großen Teilen aus den unten beschriebenen Gruppierungen rekrutierte (Virchow 2011c). 129 Kontext zialistische Bewegung Deutschlands/Partei der Arbeit“ (1971 gegründet, 1982 verboten) um Friedhelm Busse (Stöss 1989, 160–162). Aus Resten der VSBD/PdA rekrutierte sich später die „Nationalistische Front“ (NF), die 1985 gegründet wurde. Die sich elitär gebende Kaderorganisation NF, die meiste Zeit unter Führung von Meinolf Schönborn, hatte ihre Schwerpunkte in Bielefeld, Berlin und Bremen, orientierte sich ideologisch am strasseristischen Nationalsozialismus und verstand sich als Wiedergängerin der SS. 1991 wurden Schönborns Pläne publik, militante „Nationale Einsatzkommandos“ zu gründen. 1992 wurde die NF verboten. Daraufhin wurden verschiedene Nachfolgeorganisationen aktiv, gegen die teilweise ebenfalls Verbote verhängt wurden (Antifaschistisches Autorenkollektiv 1996, 84–122). Eine gleitende Transformation von der altnazistischen zur neonazistischen Jugendarbeit vollzog die bereits 1952 gegründete „Wiking-Jugend“, die eine nationalsozialistische „Nordland“-Ideologie propagierte. Kinderund Jugenderziehungsarbeit wurde innerhalb des Neonazismus mittels Fahrten und Lagern im Geiste der historischen „Hitler-Jugend“ geleistet. 1994 wurde die „Wiking-Jugend“, zu diesem Zeitpunkt etwa 400 bis 500 Mitglieder umfassend, verboten. Funktional übernahm die 1990 gegründete, etwa 400 Mitglieder starke und 2009 verbotene „Heimattreue Deutsche Jugend“ die Nachfolge (Röpke 2008). Ebenfalls spektrenübergreifend und mit einer integrativen Ausrichtung arbeitete die „Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige“ (HNG), die 1979 gegründet wurde. Die HNG organisierte die Betreuung von „politischen Gefangenen“ aus dem Neonazismus und veröffentlichte dafür beispielsweise Adresslisten von inhaftierten Neonazis. Sie stand unter Einfluss des Neonazi-Netzwerks um Michael Kühnen (Stöss 1989, 170–171). 2011 wurde die HNG verboten. Zum Verbotszeitpunkt hatte sie etwa 600 Mitglieder (Gensing 2011). Eine Sonderrolle nimmt die „Wehrsportgruppe Hoffmann“ (WSG Hoffmann) ein, die 1973 vom 1937 geborenen Neonazi Karl-Heinz Hoffmann gegründet wurde. Die WSG Hoffmann war die seinerzeit bekannteste von bundesweit mehreren Wehrsportgruppen. Nicht politische Ak- 130 Schulze, Etikettenschwindel tionen, sondern militärisches beziehungsweise paramilitärisches Training standen bei der zeitweise mehrere hundert Mitglieder starken WSG Hoffmann im Mittelpunkt. Die Gruppe wurde 1980 verboten, nachdem eine öffentliche Diskussion um die Beteiligung des zeitweilig mit der WSG Hoffmann in Verbindung stehenden Gundolf Köhler am Anschlag auf das Münchner Oktoberfest wenige Wochen zuvor geführt worden war (Fromm 1998). Zu den Mitgliedern zählten auch die späteren „nationalrevolutionären“ Rechtsterroristen Walther Kexel und Odfried Hepp (Stöss 1989, 165). Das wohl entscheidende Datum für die Etablierung des Neonazismus in der Bundesrepublik ist das Jahr 1977. Damals gründete der zu diesem Zeitpunkt gerade wegen seiner neonazistischen Positionen entlassene Bundeswehr-Leutnant Michael Kühnen in seiner Heimatstadt Hamburg den „Freizeitverein Hansa“ (intern auch: „SA-Sturm 8. Mai“, eng verbunden mit einer Straßen- und Fußballgang namens „Savage Army“) und wenig später die „Aktionsfront Nationaler Sozialisten“ (ANS) (Bundesministerium des Inneren 1978, 30–34). Die ANS beabsichtigte, mit der Forderung nach einer Aufhebung des NSDAP-Verbots bei den Hamburger Landeswahlen 1978 zu kandidieren (Stöss 1989, 167). Der „Pionier“ (Virchow 2013, 53) Kühnen (1955-1991) und seine engen Mitstreiter wie Christian Worch (Jahrgang 1956) oder Thomas Brehl (1957-2010) sind deutlich nach der Ära des historischen Nationalsozialismus geboren. Als sie begannen, eigene Organisationen zu gründen, hatten Altnazis darauf keinen entscheidenden Einfluss (Schmidt 1994). Dieser Befund gilt, auch wenn es altnazistische „Mentoren“ wie Carlus Baagoe oder Edgar Geiss gab, zu denen Kühnen Kontakt hielt (Virchow 2013, 54).84 84 Kühnen fand bei diesen nicht nur ideelle Unterstützung, sondern auch Obdach: „[Kühnen lebte] an unterschiedlichsten Orten. Neben Unterkünften beim 90jährigen Altnazi Carlus Baagoe in Hamburg waren Pinneberg und Stade bei Edgar Geiss seine Wohnsitze. Überall wurde er, der ja kein Einkommen mehr hatte, von Alt- und Neonazis ausgehalten.“ (Druschba Narodnych 1994, 7) 131 Kontext Das politische Programm der ANS-Struktur, 1979 von Kühnen während einer Haftstrafe85 niedergeschrieben (Kühnen 2004), war offen nationalsozialistisch. Die zweite Revolution, so der Titel der Schrift, erklärte eine neue Kampfzeit, mit dem Ziel, einen SA-Staat zu erkämpfen (Kühnen 2004).86 Explizites Ziel war es, die nötigen gesellschaftlichen Bedingungen für die Wiederzulassung der NSDAP als legale politische Partei herzustellen.87 Die SA galt als „politisches Vorbild“, denn sie sei die „klarste Ausprägung nationalsozialistischen Lebensgefühls und Lebensstils“ gewesen und müsse revitalisiert werden (Jentsch und Metzger 2013, 424). Die ANS wurde 1983, kurz nach dem Zusammenschluss mit den „Nationalen Aktivisten“ zur ANS/NA, verboten (Hofmann et al. 1984).88 Schon 1984 formierte sich die „Gesinnungsgemeinschaft der Neuen Front“ (GdNF) als Nachfolgerin – loser strukturiert trat sie als Freundeskreis der Zeitschrift Die Neue Front auf. Die bis dahin bedeutungslose, 1979 gegründete „Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei“ (FAP) wurde von den ANSbeziehungsweise GdNF-Mitgliedern unterwandert (Stöss 1989, 171).89 Die bereits 1972 vom deutschstämmigen US-Neonazi Gary Lauck gegründete „NSDAP Aufbau- und Auslandsorganisation“ (NSDAP/AO) fungierte als propagandistischer Arm. Offen neonazistische Druckerzeugnisse wurden in den USA gedruckt und über den Postweg nach Deutschland gebracht (NSDAP/AO 2011; Pomorin und Junge 1978, 101–102). 1986 veröffent- 85 Im „Bückeberger Prozess“ wurde Kühnen 1979 als einer von mehreren Angeklagten wegen verschiedener Propagandadelikte zu einer vierjährigen Haftstrafe verurteilt – er saß bis 1982 ein (Stöss 1989, 167–169). 86 Schon der Titel weist darauf hin, dass man nicht gewillt sei, sich mit einer nationalen Revolution zu begnügen, sondern daran eine zweite, eine soziale Revolution anzuschließen. Der SA- Bezug bei Kühnen beeinhaltete eine Verherrlichung Ernst Röhms, der in Opposition zu Hitler eine zweite Revolution gefordert hatte. 87 Zeugnis davon legen zusätzlich ab das Parteiprogramm der (mit den Organisationen um Kühnen eng vernetzten) US-amerikanischen NSDAP/AO (Lauck 1976) und die Kommentierung des 25-Punkte-Programms der historischen NSDAP durch Kühnen (Kühnen 1985). 88 Zu diesem Zeitpunkt hatte die ANS/NA etwa 270 Mitglieder (Bundesministerium des Inneren 1984, 122). 89 Anders Neonazi Brehl in seiner Autobiografie. Der FAP-Vorsitzende Martin Pape selbst habe Kühnen die FAP als „Auffangbecken“ für den Fall eines Verbotes seiner Organisationen angeboten (Brehl 2009b). Als eine Abspaltung der FAP wurde 1990 die „Nationale Offensive“ gegründet, die 1992 wieder verboten wurde. (Antifaschistisches Autorenkollektiv 1996, 160–170). 132 Schulze, Etikettenschwindel lichte Kühnen eine Schrift zu Nationalsozialismus und Homosexualität, in der er beide für „vereinbar“ erklärte. Das Papier wurde als indirektes Coming Out von Kühnen verstanden und war Auslöser für einen vehementen Streit. Es kam zu einer Spaltung in einen Kühnen- und einen zeitweiligen Anti-Kühnen-Flügel, der mehrere Fraktionen hatte und sich innerhalb der FAP um Jürgen Mosler grupppierte (Kunow 2013).90 Nach Kühnens Tod – er verstarb 1991 an den Folgen einer Aids-Erkrankung – führten Christian Worch, Thomas Wulff, Thomas Brehl und weitere GdNF-Kader die Arbeit des Netzwerkes fort. Aus der ANS beziehungsweise GdNF wurden zahlreiche Vorfeldorganisationen mit jeweils eigenem Aufgabenfeld gegründet. Neben der schon erwähnten FAP sind zu nennen: der „Freundeskreis Deutsche Politik“, die „Deutsche Frauenfront“, die „Aktion Ausländerrückführung“, die „Deutsche Alternative“, die „Antizionistische Aktion“, ein „Antikommunistisches Aktionsbündnis“, die „Freie Gewerkschaftsbewegung“, der „Volksbund Rudolf Hess“, ein „Freundeskreis Heinz Reisz“, die „Nationale Sammlung“, die „Nationale Liste“ sowie die „Aktion Lebensschutz“.91 Viele dieser Organisationen bestanden eher auf dem Papier, als dass sie größere politische Initiativen entfaltet hätten. Der Einfluss der ANS beziehungsweise der GdNF und der Stand ihrer Organisierungsbemühungen sollte so größer erscheinen, als er tatsächlich war. Stöss beziffert die Gesamtanhängerschaft Kühnens auf 500 Personen (für das Jahr 1986) (Stöss 1989, 172). Zudem standen für diverse Anlässe jeweils passende Gruppennamen zur Verfügung. Eine nennenswerte Ausnahme stellte die „Deutsche Alternative“ (DA) dar. 1989 wurde sie in Bremen gegründet und 1990 im Rahmen eines Aufbauplans Ost auf das Gebiet der noch existierenden DDR erweitert. Mit Schwerpunkt im Land Brandenburg, insbesondere in Cottbus, diente die DA als angemeldete Wahlpartei dem Ziel, neonazistische 90 Neben der Stellung zur Homosexualität spielten auch Machtrangeleien und programmatische Erwägungen (nationalrevolutionäre Positionen gegen einen klassischen Hitlerismus) bei diesem Bewegungsstreit eine Rolle. 91 Eine Beschreibung der meisten dieser Gruppierungen aus Innenperspektive ist in Brehls Autobiografie zu finden (Brehl 2009b). 133 Kontext Strukuren im Sinne der GdNF in den neuen Bundesländern aufzubauen. Zeitweise hatte sie allein in Südbrandenburg und Nordsachsen mehrere hundert Mitglieder. Im Dezember 1992 wurde die Organisation verboten. 4.4.5 Autoritäre Struktur, Tabubruchstrategie und Isolation des Neonazismus Hans-Gerd Jaschke wies 1992 auf die politische und soziale Isolation hin, die bis Ende der 1980er Jahre den bundesdeutschen Neonazismus kennzeichneten. Der Neonazismus sei nicht viel mehr als eine „politische Subkultur von Außenseitern und Ewiggestrigen [gewesen], die auf breite Ablehnung in der Mehrheitsgesellschaft“ gestoßen und „in ihrem abgeschotteten politisch-sozialen Milieu“ verblieben sei (Jaschke 1992, 1443). Bei den wenigen Wahlantritten, die aus dem Neonazismus organisiert werden konnten, blieb es bei geringsten Stimmanteilen.92 Es handelte sich, so auch Bernd Wagner, beim Neonazismus bis zum Fall der Mauer, um eine Sammlung „ewig Gestriger“, die zwar womöglich ein Sicherheitsrisiko darstellte, „insgesamt aber als unbedeutend und sozial randständig“ erschien (Wagner 2000, 155).93 Die neonazistischen Kleinorganisationen, so eine Einschätzung von Kurt Lenk, „steril“ (Lenk 1998). Eike Hennig betonte bereits 1989 die Bedeutung von jugendkulturellen Stilen für die Politik des Neonazismus, erkannte dort jedoch auch einen hohen Grad an Rigorismus: Homologe Stilobjekte würden überbetont, wodurch Rollenpluralismus verhindert und bedingungslose Mitgliedschaft eingefordert werde. Der Neonazismus in dieser Zeit habe einen hermetischen, einen „totalen Lebensstil“ hervorgebracht (Hennig 1989, 188). 92 Nur einige Beispiele: FAP, Bundestagswahl 1987: 0,001 Prozent; Europawahl 1989: 0,1 Prozent. VSBD/PdA, Kommunalwahl München 1978: 89 Stimmen. Nationale Offensive (FAP-Abspaltung), Kommunalwahl in Singen und Konstanz 1992: 0,2 Prozent; Landtagswahl in Baden- Württemberg 1992: 183 Stimmen. „Aktion Ausländerrückführung“ (AAR, ANS-Suborganisation), Landtagswahl in Hessen 1983: 0,03 Prozent. Die NPD kann in den 1980er Jahren noch nicht als neonazistisch durchprägte Partei betrachtet werden. 93 Freimütig räumt auch Brehl ein, wie er zu seiner Zeit als Stellvertreter Kühnens zeitweise zusammen mit einem FAP-Funktionär in einer Notunterkunft für Obdachlose in Langen lebte (Brehl 2009b). 134 Schulze, Etikettenschwindel Das Engagement der Individuen in diesem frühen Neonazismus bedeutete einen Bruch zu deren jeweiligen jugendkulturellen Biografien, die, so kann vermutet werden, punktuell durchaus vorhanden waren. In der grauen Literatur zum Thema finden sich etwa Hinweise auf die Jugendbande „Savage Army“ in Hamburg, aus der sich die spätere ANS rekrutierte und die Verbindungen zur frühen Hamburger Punk-Szene hatte. Die Hinwendung zum Neonazismus markierte jedoch die entschiedene und unumkehrbare Abwendung vom Punk (Projektgruppe 1994, 15–16). Neben dem „Ausländerthema“ war Revisionismus ein inhaltlicher Schwerpunkt: Die Verbrechen des Nationalsozialismus wurden über Behauptungen wie die von der „Auschwitzlüge“ geleugnet. Die Massenvernichtung an den europäischen Juden habe schlichtweg nicht stattgefunden, somit sei der Nationalsozialismus historisch zu rehabilitieren. Bei erfolgreicher Etablierung revisionistischer Ansichten in relevanten Teilen der Bevölkerung könne, so die Hoffnung der Beteiligten, politischer Raum für offene nationalsozialistische Politik geschaffen werden. „Auschwitz: das ist das Problem“, hielt etwa Neonazi Ewald Althans fest (Schmidt 1994, 369). Im Sommer 1978 führten Kühnen und einige seiner Anhänger in Hamburg eine Aktion durch, die für die Politik dieses Spektrums als stilbildend und als ein Startpunkt für den bundesdeutschen Neonazismus gelten darf (Botsch und Kopke 2015, 34). In einheitlicher Kleidung versammelte sich eine Gruppe von Neonazis und versuchte, von St. Georg in die Innenstadt zu laufen (Druschba Narodnych 1994, 6). Einige trugen Eselsmasken über den Gesichtern und dazu Schilder mit der Aufschrift „Ich Esel glaube noch, daß in deutschen KZs Juden ‚vergast‘ wurden“. Die Kundgebung zog ein großes Medienecho nach sich (Virchow 2011d). Kern der ANS-Strategie war es, mittels gezielter Provokationen wie der Hamburger Aktion Öffentlichkeit herzustellen. Kühnen beschrieb Tabubrüche explizit als gezielte Maßnahmen, um Aufmerksamkeit zu generieren: Das Geheimnis unseres politischen Erfolgs ist der Einsatz der Massenmedien. […] [Die ANS braucht] nur an einem Tabu zu rühren und die Journalisten wittern eine gute Schlagzeile. […] Die Presse heult auf, der Justiz- und Poli- 135 Kontext zeiapparat setzt sich in Bewegung und große Schlagzeilen reissen eine kleine Bewegung aus ihrer politischen Bedeutungslosigkeit. Auf einen Schlag wissen Millionen Menschen, daß es uns gibt. Sie raunen sich zu: ‚Sie sind wieder da‘ und auch ‚Eigentlich ist es uns unter Adolf Hitler nicht schlecht gegangen‘. (Kühnen 2004, 30) Dass Aufmerksamkeit nicht mit Zustimmung gleichzusetzen ist, räumte Kühnen zwar ein, konstatierte aber: „Bevor man beliebt sein kann, muss man bekannt sein!“ (Freundeskreis Michael Kühnen 2005, 8) Die reale Einflusslosigkeit des Neonazismus in den 1970er und 1980er Jahren blieb so bestehen; doch Kühnen gelang, die Existenz der Strömung in der Öffentlichkeit bekannt zu machen. Selbstkritisch schrieb der Journalist Giovanni di Lorenzo 1989: Ganz nüchtern betrachtet nämlich sind Einfluß und Wirkung Kühnens im politischen Leben der Bundesrepublik kaum messbar […] Haben nicht wir Journalisten, angezogen durch seine photogenen Uniformen und die markigen Hetzparolen, Kühnen für einen Teil seiner Kameraden erst richtig attraktiv gemacht? […] Einer wie Michael Kühnen konnte gar nichts anderes als ein riesiges Medienecho auslösen. Nie zuvor in der kurzen Nachkriegsgeschichte hatten sich Deutsche, zumal junge, so ungeschminkt und rückhaltlos zum Abb. 2: „Eselsmasken-Aktion“ in Hamburg 1978 (Meyer 1978) 136 Schulze, Etikettenschwindel Nationalsozialismus bekannt wie Kühnen und seine Gesinnungsgenossen […]. (di Lorenzo 1989, 232) Die Aktivitäten der Organisationen um Kühnen seien, so di Lorenzo, ausschließlich darauf angelegt gewesen, Tabus brechen. „Die bisherige Provokationsphase hat großartig funktioniert“, wird Kühnen bilanzierend zitiert (di Lorenzo 1989, 246–247). Ein wichtiges Element in Kühnens politischer Werbestrategie war die Imitation der historischen nationalsozialistischen Ästhetik. Der Preis dafür war eine Selbstmarginalisierung. Denn das Re-Enactment wirkte auf Außenstehende nicht nur spektakulär und womöglich bedrohlich, sondern auch als Kuriosität. Auf im Vergleich zum Vorbild mikroskopisch kleinem Niveau wurden die Gliederungen der historischen NS-Organisationen nachgeahmt. Eine soziale Bindungs- und Strahlkraft wurde nur in geringem Ausmaß hergestellt. Klassische Modelle politischer Organisierung wurden verwendet: Vereine und Vereinigungen mit Mitgliedschaftslisten, Statuten, Wahllisten und Kleinparteien. Die ANS beziehungsweise GdNF war streng hierarchisch aufgebaut; an der Spitze stand als „Führer“ Michael Kühnen. Ihm gegenüber wurde „unbedingte Loyalität“ eingefordert (Virchow 2013, 53). Neonazikader Christian Malcoci resümiert (für die FAP), dass ein rigoroses „Führerprinzip“ gegolten habe. Die regionalen Führungskräfte hätten „absolute Befehlsgewalt“ gehabt. Folgen seien ein geringer innerorganisatorischer Pluralismus, große Distanz zwischen Führung und Basis und eine fehlende Kritikkultur gewesen. Innovationen durch Mitglieder und Partizipation derselben sei so erschwert worden (Thein 2009, 99–100). Neonazi Thomas Brehl fasst zusammen: „Kühnen [gab] die Ziele vor, wer nicht folgen wollte, konnte gehen.“ (Brehl 2009a, 19) Obwohl die ANS bundesweit nur wenige hundert Mitglieder hatte, gab es auf dem Papier zahlreiche Untergliederungen. Auf einem internen Organigramm sind verschiedene „Hauptämter“ („Organisation“, „Lebensanschauung“, „Volkswohlfahrt“), „Stabswachen“, ein „Mädelbund“ und „Ämter für Schulung“, „Betriebszellenorganisation“, „Gefangenenhilfe“, 137 Kontext ein „Jugendamt“ und eines für „Auslandsbeziehungen“ aufgeführt (Brehl 2009a, 21; Thein 2009, 47). Hinzu kommen die zahlreichen (oben gelisteten) Vorfeld- und Beiorganisationen. Für die Ausstaffierung der Mitglieder waren Ehrenzeichen, Erinnerungszeichen, beschriftete Ärmelstreifen und Schulterstücke vorgesehen. Bei ihren Zusammenkünften kleideten sich die Neonazis in Braunhemden, Fantasieuniformen und Knobelbecher (Kampfstiefel).94 Sie waren „schwarz gekleidet und mit hakenkreuzähnlichen Armbinden ausgestattet“ (Freundeskreis Michael Kühnen 2005, 8).95 Brehl erwähnt in einer Anekdote die Kleidung, die er als „politischer Soldat“ zu dieser Zeit trug: Nach einer der ungezählten Festnahmen des Jahres 1983 stand ich im Flur einer Frankfurter Polizeiwache, natürlich in ANS-Uniform, also schwarze Hose in den Knobelbechern, ein khakifarbenes Pilotenhemd mit schwarzem Langbinder und Mitgliedsabzeichen. (Brehl 2009b) Außerhalb von „Einsätzen“ trugen die frühen Neonazis Alltagskleidung, die sich nicht von der damaligen Durchschnittsmode unterschied. Als Grußgeste diente im Spektrum der „Kühnengruß“, eine Abwandlung des Hitlergrußes, bei dem der rechte Arm ausgestreckt wurde und Daumen, Zeige- und Mittelfinger ausgestreckt waren, um ein „W“ für „Widerstand“ zu symbolisieren. Die Imitationen des frühen Neonazismus waren mehr als nur eine politische Strategie zur Öffentlichkeitsherstellung. Die Akteure agierten gewissermaßen durchaus „authentisch“. Christian Worch hierzu: 94 Die Einführung des Uniformierungsverbots im bundesdeutschen Versammlungsrecht (§3 Absatz 1 VersG) im Jahr 1979 hängt mit den Auftritten der Kühnen-Neonazis zusammen (Rösing 2004). 95 Wenn hier die Uniform als Stilmerkmal des frühen Neonazismus beschrieben wird, darf nicht unterschlagen werden, dass es auch damals Ansätze für eine größere Stilvielfalt gab. Schon die Fotos der Hamburger Eselsmasken-Aktion zeigen, dass die vermutlich aus pragmatischen Gründen gewählte Kleidung der Neonazis mit Lederjacken und Schutzhelmen gar nicht so fern von der Erscheinung damaliger radikaler Linker war. Ein weiteres Beispiel ist das Auftreten des zeitweiligen Berliner GdNF-Funktionärs Arnulf Priem, dessen Kleidung dem damals gängigen Rocker-Outift entsprach. Allerdings: Solche Ansätze wurden nur von wenigen, schillernden Figuren im Spektrum verfolgt, stilprägend waren sie nicht (Grumke und Wagner 2002, 294–296). 138 Schulze, Etikettenschwindel ‚Die Rechte‘ möchte feste Strukturen; sie möchte im traditionell-historischen Sinne am liebsten ihre Zusammengehörigkeit nach außen hin durch uniformes Auftreten ausdrücken wie in den Jahren der Kampfzeit von 1918 bis 1933 die SA und andere vaterländische Wehrverbände es getan haben. Von einer solchen jahrzehntelangen und eingeschliffenen Gewohnheit muß man erst einmal herunterkommen. (Worch 2005) Der Geist der NSDAP wurde durch den Popanz der Uniformen, durch die Ämter und Posten reaktiviert und gepflegt. Die Wiedergründung der Partei sollte nach außen vorweggenommen werden und war nach innen das Projekt, über das politisch und auch symbolisch der Zusammenhalt hergestellt wurde. Neonazi Brehl schildert, wie Treffen um das Jahr 1977 abliefen: „In unregelmäßigen Abständen trafen wir uns uniformiert […] in der mit Plakaten und Hakenkreuzfahnen geschmückten Privatwohnung.“ (Brehl 2009b) Eine Zusammenkunft auf einem Grundstück in Mainz im Jahr 1983 schildert Brehl so: Der Thingplatz war Rückzugsgebiet, in der ‚Walhalla‘ standen Schlafplätze zur Verfügung und [die Grundstücksbesitzerin] Ursel kochte riesige Kübel mit Eintopf. Fast alle Aktivisten waren militärisch gekleidet und ausgerüstet, so ähnlich mag es bei den Freikorps nach dem Ende des Ersten Weltkriegs ausgesehen haben, als diese an den Grenzen Deutschlands zu Schutz und Schirm des Reiches angetreten waren. (Brehl 2009b) Über eine „SA-Vereidigung“ der GdNF 1990 bei München beschreibt Brehl nicht nur den militärischen Ritus und die Inszenierung entlang historischer Vorbilder, sondern auch die Emotionen, die dieser symbolische Akt in ihm hervorrief: Niemals hätte Kühnen die ihm in freiwilliger Disziplin ergebenen Kameraden auf seine Person vereidigt aber sehr wohl auf die von ihm so geliebte und verehrte Sturmabteilung der NSDAP, die SA. So standen wir 30 alte Kämpfer an diesem warmen Sommernachmittag 1990 vor unserem Chef [Kühnen …]. Jeder einzelne von uns legte an diesem Tag seinen ganz persönlichen Eid auf die SA ab. Jeder einzelne grüßte den Chef mit dem Deutschen Gruß und wurde von ihm per Handschlag wieder in die angetretene Formation verab- 139 Kontext schiedet. Es war ein sehr feierlicher Moment und ich glaube nicht, daß auch nur einer der Beteiligten diesen Tag vergessen wird. Zum Abschluß sangen wir noch gemeinsam das Horst-Wessel-Lied und wir verabschiedeten uns danach in dem Bewußtsein, heute etwas ganz besonderes erlebt zu haben und als SA-Männer nunmehr einer kleinen kämpferischen Elite anzugehören und mit dem Auftrag alles Menschenmögliche zu tun, damit aus dieser kleinen, politischen Keimzelle dereinst doch wieder eine Massenbewegung werden könnte. (Brehl 2009b) Brehl war sich bewusst, dass derartige Aufführungen auf Außenstehende in hohem Maße rückwärtsgewandt und seltsam wirken konnten: Nachgeborene machen uns oft den Vorwurf wir seien ‚Hollywoodnazis‘ gewesen, ein billiger Abklatsch, eine Karikatur vergangener Zeiten und rückblikkend mag das auf die junge Generation so wirken. Wir aber verstanden uns nunmal als Politische Soldaten, wir trugen das Braunhemd gern und voller Stolz und die Führungskameraden hatten zum Großteil alle noch gedient, waren also mit militärischen Abläufen vertraut. (Brehl 2009b) Das Gefühl der Bedeutsamkeit des eigenen Tuns, die Emotionalität der Gesten und die öffentliche Aufmerksamkeit gaben den Neonazis Halt in ihren Organisationen. Eine über den engen Rahmen der eigenen Reihen hinausreichende Wirkung – etwa im Jugendbereich – wurde nicht erzielt. Bis in die 1990er Jahre hinein konnte der Neonazismus seinen Anhängern so keine popkulturell anschlussfähige Freizeitgestaltung bieten. Es hatte unter den Aktivisten schlicht „kein Privatleben im klassischen Sinn“ gegeben (Brehl 2009b). Das lag einerseits an der geringeren Personalstärke der Organisationen – die wenigen Aktivisten lebten geografisch oft weit voneinander entfernt –, andererseits konnten sich durch die formalisierten Abläufe nur geringe Binnenbeziehungen zwischen den einzelnen Szeneaktivisten entwickeln. „[Kundgebungen, Demonstrationen, öffentliche Auftritte] waren wichtig für die Gruppe. Privat lief eigentlich nichts untereinander“, beschreibt Thomas Wulff die Verhältnisse, die bis Mitte der 1990er Jahre gegolten hätten. Die Folge sei eine hohe personelle Fluktuation gewesen (Thein 2009, 91–92). Zu ergänzen ist, dass bei den Zusam- 140 Schulze, Etikettenschwindel menkünften der gemeinsame Alkoholkonsum eine gemeinschaftsstiftende Funktion erfüllte. Brehl dazu: Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, daß wir damals fast alle gern und oft tranken. Nicht bis zur Bewußtlosigkeit aber doch regelmäßig und vergleichsweise große Mengen. Waren wir Alkoholiker? Na ja, mindestens ‚starke Trinker‘, denn vom medizinischen Standpunkt aus gesehen, trank die Mehrzahl unserer Aktivisten zu viel. Es gab Ausnahmen […] aber vor allem gab es Unterschiede bezüglich der Reaktion auf große Mengen Alkohol. Während man mir, der ich Schnaps mied und klassischer Biertrinker war, allgemein attestiere, daß man sich mit mir auch noch gesittet unterhalten könne, wenn ich eine Kiste Bier getrunken habe, neigten andere immer wieder zu Exzessen […]. (Brehl 2009b) Was ein Garant für die gewollte mediale Aufmerksamkeit und auch explizierte Medienstrategie war, sorgte gleichzeitig für einen sozusagen „sektenartigen“ Charakter der neonazistischen Organisationen. Durch die gewählten Ausdrucksformen, die Inszenierungen und die Kleidung waren die Neonazis gesellschaftlich marginalisiert. 141 5 Öffnungen, Entwendungen Ein inzwischen mehrfach aufgerufener Befund (Klärner und Kohlstruck 2006b; Klarmann 2009; Staud 2005) besagt, dass seit den 1990er Jahren ein Modernisierungsprozess in der extremen Rechten stattgefunden hat. Weltanschaulich sind die im rechten Spektrum vertretenen Ideen zwar weiterhin auf einen antimodernen Kern rückführbar (Klärner und Virchow 2006). Es gibt allerdings eine Tendenz zur „Übernahme gewisser postmaterieller Werte“ (Klärner und Kohlstruck 2006a, 30). An verschiedenen Stellen haben sich neue Entwicklungen ergeben, die durchaus als Modernisierung bezeichnet werden können. Häusler und Schedler unterteilen in drei Ebenen. Modernisierungen seien festzustellen in der politischen Protestkultur (Stichwort: soziale Bewegung), in den Organisierungsformen (Partei versus zelluläre Struktur) und in den kollektiven Identitätsangeboten (Selbstbilder, Habitus, Stil) (Häusler und Schedler 2011, 306). Diesen Ebenen wird hier nachgegangen, um in einer aufeinander aufbauenden Rekonstruktion die Genese und den Charakter der AN erklären zu können. Vorab und verkürzt: Die Etablierung der „Freien Kameradschaften“ führte eine neue Form der politischen Organisierung ein und war ein Baustein für die Entstehung der extrem rechten sozialen Bewegung als politischer Protestkultur. Die „Kameradschaften“ waren Grundlage für die Kulturalisierung des Spektrums, woraus sich die stilistischen Innovationen nährten, welche im Phänomen der AN kulminiert sind. Es wird sich zeigen, dass auf allen drei Ebenen Entwendungen aus der politischen Linken und der Popkultur stattgefunden haben. 142 Schulze, Etikettenschwindel 5.1 „Freie Kameradschaften“ 5.1.1 Entstehung Die AN sind ein Derivat der „Freien Kameradschaften“ (auch: „Freie Nationalisten“, „Freier Widerstand“, „Freie Kräfte“), die seit etwa 1997 in größerem Ausmaß existieren. Nach der Verbotswelle gegen neonazistische Organisationen von 1992 bis 1995 war der bundesdeutsche militante Neonazismus gezwungen, sich neu zu organisieren. Ein Teil der Neonazis schloss sich im Zuge dieser Verbote der NPD an, die sich spätestens seit der Übernahme des Bundesvorsitzes durch Udo Voigt 1996 für militante Neonazis geöffnet hatte. Andere Neonazis suchten nach einer alternativen Organisierungsform. Diese Suche endete mit der allmählichen Etablierung der „Freien Kameradschaften“. Neonazistische „Bewegungsunternehmer“ (Erb 2006) wie Christian Worch und Thomas Wulff waren biografisch durch den Politikstil des inzwischen verstorbenen Michael Kühnen geprägt, der die mediale Präsentation seines politischen Projekts – die Wiederzulassung der NSDAP – über provokative Auftritte perfektioniert hatte. Diese Politik war maßgeblich durch die Verbote und die Aussicht, dass Nachgründungen ebenfalls verboten werden würden, an einen Endpunkt gekommen. Die „Freien Kameradschaften“ sind eine Weiterführung der GdNF-Politik der Gruppen um Michael Kühnen (AIB 2001, 8) und der Politik weiterer neonazistischer Netzwerke. Christian Worch, der die Entwicklung des Kameradschaftskonzepts auf seine eigene Person zurückführt96, retrospektiv zur Lage damals: Infolge des Mauerfalls erreichte das Ausländerthema eine vorher nicht erwartete Brisanz, wie sich an den ausländerfeindlichen Ausschreitungen vom Herbst 1991 in Hoyerswerda und vor allem an den tagelangen massiven Kra- 96 Übertreibungen, was die Verdienste der eigenen Person angeht, gelten als typisch für Worch. Tatsächlich dürften auch weitere (vor allem norddeutsche) Neonazi-Kader an den Diskussionen beteiligt gewesen sein. Speit nennt namentlich neben Worch Thomas Wulff und Thorsten Heise (Speit 2004, 19). 143 Öffnungen, Entwendungen wallen von Rostock-Lichtenhagen im August 1992 zeigte. Die Reaktion der Herrschenden war eine im Dezember 1992 einsetzten Verbotswelle […]. Das war Ende 1992 / Anfang 1993 die Situation, als ich das Konzept der ‚autonomen Rechten‘ entwickelte, das einige Jahre später unter dem Namen ‚Freie Nationalisten‘ bekannt wurde. […] Organisationsverbote sind lästig, weil die Fortführung einer verbotenen Organisation mit Strafe bedroht ist. […] Ich persönlich schätze, dass in der damaligen Zeit mindestens hundert aktive Kameradinnen und Kameraden verurteilt worden sind; ich selbst habe von der Staatsschutzkammer beim Landgericht Frankfurt dafür zwei Jahre bekommen. […] Um dies zu vermeiden, war ein neues Konzept wünschenswert. (Worch 2005) Vorbild für das neue Konzept war das Organisationsmodell eines Teils der radikalen Linken, der Autonomen. Offensiv machte man sich das Prinzip „Alle machen mit, aber keiner ist verantwortlich“ zu eigen (Hamburger Sturm 1998a, 24). Die Orientierung an den Autonomen wird von Christian Worch freimütig eingeräumt: [Der Staat verbot schon] die ANS/NA. Die VSBD/PdA. Die Wehrsportgruppe Hoffmann. Die DA. Die NF. Die FAP. Die NL. Die WJ… Die Auflistung erhebt alles andere als Anspruch auf Vollständigkeit. […] Wohl wissend, daß ‚die Rechte‘ organisationsdogmatisch ist, haben die Machthaber seither dieses Instrument gern ausgespielt. […] Nun hat sich seit der letzten Verbotswelle von Ende 1992 zumindest ein Teil des nationalen Lagers gewandelt. Ist von den alten Dogmen abgerückt, hat Denkansätze und Strategien der Linken abgekupfert. Das Konzept des ‚Freien Nationalismus‘ und damit verbunden das ‚Freier Kameradschaften‘ beruht auf dem nicht-organisatorischen Konzept der Anarchos, um es ganz offen zu sagen. (Worch 2000) Die in den 1970er Jahren in der Bundesrepublik aus der Sponti-Bewegung entstandenen und von der italienischen Strömung der „Autonomia Operaia“ beeinflussten Autonomen stehen für eine „Politik der ersten Person“ (Leach und Haunss 2009, 261–262). Aus einer antiautoritär motivierten Kritik an der orthodox-marxistischen Organisationsform der K-Gruppen heraus betonen sie, dass Politik ohne feste Mitgliedschaft in Organisationen (oder gar völlig ohne Organisationen) und hierarchiefrei stattfinden solle (Geronimo 1992). Neben der Befreiung der Gesellschaft von Unter- 144 Schulze, Etikettenschwindel drückungsmechanismen durch eine soziale Revolution müsse durch die Hierarchien überwindende Praxis gleichzeitig das Subjekt befreit werden – sonst drohe die Entstehung neuer Unterdrückungsformen (Kongressgruppe 1994, 39). Der Bewegungsforscher Sven Hillenkamp hält fest, dass die Autonomen eine eigene, an soziale Bewegungen gebundene (Gegen-) Kultur entwickelt haben, die durch jugendkulturelle Einflüsse geprägt, dabei aber hochgradig politisiert und über kollektive Codes vermittelt ist. Die als nötig erachtete Revolution beginnt dabei individuell wie strukturell im eigenen Milieu. „Herrschaftsfreie“ Praktiken wie basisdemokratische Vollversammlungen oder kollektives Wohnen sollen als Labors und Räume für die vorweg genommene Utopie fungieren. Die Autonomen sind keine geschlossene soziale Einheit. Ihr kultureller Pool reicht vom „Maskulin- (tätowiert-) Körperbetonten“ bis zum „Alternativ-Manieristischen“, vom intensiven Drogenkonsum bis zur „bio-bewußten Lebensweise“ (Hillenkamp 1995, 55–56). Die Autonomen sind eine Bewegungsszene, in der sich Alltagshandeln und Politik als Einheit leben lassen und gelebt wird, und die sich im Kontext sozialer Bewegungen formieren (Haunss 2004, 253–259). Für die neonazistischen Bewegungsunternehmer war bei der Entwicklung des Konzepts der „Freien Kameradschaften“ der weltanschauliche und kulturelle Hintergrund der Autonomen unbedeutend, sie interessierte in erster Linie die relative97 Repressionsresistenz des linksradikalen Ansatzes der „Organisierung ohne Organisation“. Dazu Worch: Bevor ich das Rad neu erfinde, schaue ich mir an, ob irgendwo ein Rad läuft; dann schaue ich mir das Rad an und überlege, ob es für unsere Zwecke geeignet ist. Meine Grundfrage bei der Analyse der Situation war: Wieso ist auf der Ebene staatlicher Repression die Linke weniger angreifbar als wir? Einerseits natürlich, weil die Linke für das Establishment als Schein-Opposition nützlich ist. Andererseits aber auch, weil mangels organisatorischer Strukturen vorallem bei der radikalen Linken und Antifa Verbote ohnehin nicht greifen 97 Auch die radikale Linke ist staatlichen Repressionen ausgesetzt, doch sind Verbote autonomer Gruppen nicht bekannt. 145 Öffnungen, Entwendungen würden. Von den Linken zu lernen erschien also höchst sinnvoll. Und weil der militante Teil der Linken (einschließlich der Antifaschischen) sich damals autonom nannte bzw. einfach unter dem Namen ‚die Autonomen‘ bekannt war, lag auf der Hand, den Begriff zu übernehmen und für uns zu variieren. Der Arbeitstitel meines Konzepts lautete daher: ‚Rechte Autonome‘ oder ‚Autonome Rechte‘. (Worch 2005) Im Magazin Zentralorgan wurde dem Konzept 1998 ebenfalls eine „Parallele zur autonomen Szene“ zugeschrieben, da die eigene „Szene“ durch diese Umstrukturierung „wieder etwas konspirativer“ agieren würde (Zentralorgan 1998b, 24). Man gab sich jedoch sicher, dass die Organisierungsform nicht auf das Selbstverständnis und Verhalten der Akteure zurückwirken würde: Das Verhalten und die Anforderungen an den Einzelnen unterscheiden sich […] doch wohl sehr von dem, was wir zumindest von den Autonomen so zu sehen bekommen. Das wird aber nicht durch irgendwelche Strukturen vorgeschrieben, sondern ergibt sich aus unserem Selbstverständnis. So wird es mit Sicherheit keine Randaledemos oder sinnlose Zerstörungen am Rande nationaler Demonstrationen geben. (Zentralorgan 1998b, 24) Ab 199798, Worch selbst war in dieser Zeit inhaftiert, begann Thomas Wulff, das Konzept öffentlich zu propagieren.99 Bald wandten sich wei- 98 In diesem Jahr gründete sich das „Nationale und Soziale Aktionsbündnis Norddeutschland“, über das Wulff den Aufbau von „Freie-Kameradschaften“-Arbeit bundesweit vorantrieb. 99 Auf diesen Zeitpunkt soll in der vorliegenden Arbeit darum der Startpunkt der „Freien Kameradschaften“ datiert werden. Die Übergänge zwischen den durch die Verbotswelle erschütterten Organisationen und dem folgenden Zellenmodell waren tatsächlich fließend. Worch selbst gibt Auskunft, dass er bereits Anfang 1993 mit der Konzeptionierung begonnen habe. Das Zellenmodell wurde zudem auch aus Spektren verfolgt, die nicht unmittelbar unter dem Einfluss von Worch und Wulff standen. Mit der einsetzenden Verbotswelle wurden immer wieder Zellenstrukturen diskutiert. Eine andere Datierung wäre darum durchaus möglich. Nach dem Verbot der „Nationalistischen Front“ (NF) 1992 rief der ehemalige Vorsitzende zur Gründung von einem „Propagandaverteilerkreis“ auf, dessen organisatorisches Ziel der „Aufbau von vielen kleinen unabhängigen nationalistischen Zellen“ sein sollte (Schönborn 1993). Im internen Rundbrief In Aktion der „Direkten Aktion Mitteldeutschland“ (einer später ebenfalls verbotenen NF-Nachfolgeorganisation) wurde im Februar 1994 dazu aufgerufen, die „Kameradschaften“ genannten bestehenden Ortsverbände als nunmehr voneinander unabhängige Zellen weiterzuführen: „Die Stützpunkte werden in die vollständige Autonomie entlassen.“ (Doberschütz 1994) 146 Schulze, Etikettenschwindel tere Neonazis unter der Parole „Organisierter Wille braucht keine Partei“ dem neuen Konzept zu und sorgten für seine Verbreitung.100 1998 erschienen entsprechende Beiträge in der Zeitschrift Zentralorgan (Zentralorgan 1998c, 23–25). Neben und über den entstehenden lokalen und regionalen Basisgruppen, den eigentlichen „Freien Kameradschaften“, wurden auch Vernetzungsinstanzen eingerichtet, die koordinierende Aufgaben übernehmen sollten.101 Auf das von Worch vorgeschlagene Adjektiv „autonom“ wurde zugunsten der Bezeichnungen „Freie Nationalisten“ (eine Wortschöpfung, die auf Thomas Wulff zurückgeht) beziehungsweise „Freier Widerstand“ oder „Freie Kameradschaften“ verzichtet. Mit „frei“ war gemeint, „dass wir parteiunabhängig arbeiten“ (Hamburger Sturm 1998a, 24). Als Symbol für das Spektrum etablierten sich schwarze Fahnen. Für Worch zeigte sich im Verzicht auf seinen Arbeitsbegriff „Autonome Rechte“ vor allem der Hang des Spektrums zu traditionelleren Organisierungsformen, wodurch In einem 1994 verfassten Konzeptpapier Die nationale Bewegung skizzierten André Goertz (FAP) und Michael Swierczek („Nationale Offensive“) (Bundesministerium des Innern 1997, 107) eine den „Kameradschaften“ ähnliche Struktur. „Ortsgruppen“ „ohne Mitgliedschaft im herkömmlichen Sinne“ sollten durch „Regionalräte“ vernetzt werden (o.A. 1997). Ebenfalls 1994 wurde in den Nachrichten der HNG gefordert, man müsse „aus den alten und verkrusteten Strukturen der Szene eine Art Volksfront (ähnlich APO: alle machen mit, keiner ist verantwortlich) bilden. Wo keine erkennbare Organisation vorhanden ist, kann man diese auch nicht zerschlagen!“ (Nachrichten der HNG 1994) FAP-Funktionär Karl Polacek erklärte: „In der Partei war schon lange eine Strömung am Werk, die die Partei auflösen wollte, da Parteien nicht mehr zeitgemäß sind. […] Aus diesen Gründen war die Auflösung der Partei bei uns beschlossene Sache.“ Damit verbunden war die Drohung: „Viele Kameraden […] werden zu Mitteln greifen, die wir selbst als legale Partei entschieden abgelehnt haben. Wenn sie weitermachen, werden sie sich eine RAF – eine ‚Rechte Armee Fraktion‘ züchten.“ (Polacek 1995) Die FAP-Lokalstrukturen konnten nach dem Verbot „vielerorts unbehelligt weiter“ arbeiten, in Berlin etwa als „Kameradschaft Treptow“ (Antifaschistisches Autorenkollektiv 1996, 172). Nach dem Verbot seiner Organisation gründete das ehemalige FAP-Mitglied Dieter Riefling 1995 eine „Kameradschaft Recklinghausen“, die später in „Autonom-Nationalistische Zelle“ umbenannt wurde und das hier relevante Attribut „autonom“ nutzte (Brahms 2008, 8). Der Einfluss dieser Gruppe blieb jedoch zeitlich und lokal begrenzt. 100 Zu nennen sind unter anderem Christian Malcoci (Grevenbroich), Steffen Hupka (Timmenrode) und Oliver Schweigert (Berlin) (Speit 2004, 19). 101 Diese Instanzen nannten sich etwa „Freies und Soziales Aktionsbüro Norddeutschland“, „Widerstand West“, „Nationales und Soziales Aktionsbündnis Mitteldeutschland“ und „Widerstand Süd“ (VzFpJ 2002, 10–15). Mittlerweile sind die Büros – zumindest wie anhand der öffentlichen Wahrnehmbarkeit nachvollziehbar – aufgelöst oder größtenteils bedeutungslos geworden. 147 Öffnungen, Entwendungen der Begriff der „Autonomie“ unnötigerweise gescheut wurde: „[Dieses] Konzept der Autonomie war neu, es war fremd, es war vielen unbequem.“ (Worch 2005) Die Abschaffung beziehungsweise Aufweichung der traditionell hierarchischen Strukturen stand, anders als bei den linken autonomen Vorbildern, nie zur Debatte. Übernommen werden sollte ausschließlich das Organisierungsmodell. Die Netzstruktur schuf jedoch einen Bedarf nach einem verstärkten Austausch unter den Aktiven. Umfang und Art der Binnenkommunikation und der Entscheidungsfindung wurden durch die „Freien Kameradschaften“ verändert. Worch bemerkt dazu rückblickend: Kommunikation und Vernetzung traten an die Stelle früherer organisatorischer Strukturen und erwiesen sich sogar als funktionsfähiger. Dies folgte, von mir ausgearbeitet, der amerikanischen Militärdoktrin von ‚triple c‘, wobei die drei c’s für ‚communication, cooperation, command‘ stehen. Die Kommunikation untereinander ist die Basis für alles andere; ihr folgt die Zusammenarbeit, und erst dann, als gewissermaßen höchste Ebene, kann das Kommando stehen. Solange die unteren Ebenen nicht gewährleistet sind, ist die höhere oder höchste Ebene nutzlos. Ohne Kommunikation keine Kooperation; ohne Kooperation kein Kommando. (Worch 2005) Neben dem primären Ziel der Verbotsvermeidung erhofften sich die neonazistischen Kader mit dem neuen Konzept also im Idealfall eine Effektivierung der Befehlsstruktur. Worch wählt militärische Verweise wie „amerikanische Militärdoktrin“ und nennt in seiner Ausführung eine Kommandostruktur als Ziel. Die dem Neonazismus immanente Autoritätsfixierung ist hier klar zu erkennen – ein entscheidender Gegensatz zu linken autonomen Konzepten, die durch ihre Organisierungsart explizit eine Abschaffung von Autorität erreichen wollen.102 102 Spekulativ, weil nicht durch Quellen belegt, und dennoch naheliegend wäre dieser Gedanke: Womöglich war bei der Konzeption des „Kameradschaftsmodells“ (das auch koordinierende „Aktionsbüros“ beinhaltete) auch erhofft, die alte Befehlsstruktur nicht vollständig umzustellen, sondern sie aus Gründen der Repressionsvermeidung lediglich zu tarnen. 148 Schulze, Etikettenschwindel Im Neonazismus allgemein ist Politik als Krieg konzeptualisiert, der Schwenk vom alten Neonazismus zum Kameradschaftsmodell wird gewissermaßen als Modernisierung der Kriegsführung verstanden.103 Dass antiautoritäre Impulse darüber für die Anhängerschaft interessant werden könnten, war nicht angedacht, wurde aber offenbar auch nicht als möglicher beziehungsweise zu vermeidender Effekt in Betracht gezogen. Ebenso wenig war die Rede von möglichen kulturellen Rückkopplungen oder von der Frage, inwieweit das Konzept den Zugriff auf (Jugend-) Kulturen erweitern könnte. Genau diese Punkte waren jedoch Effekte der Einführung des Kameradschaftskonzepts – und wie zu zeigen sein wird, kulminierten sie später in den AN.104 In einem programmatischen Text eines Autorenkollektivs105, das im Spektrum große Verbreitung gefunden hat, scheinen jedoch bereits einige Aspekte auf, die eine weiterreichende Autonomie der Subjekte und damit eine auch kulturelle Offenheit andeuten. Das Sein in einer Kameradschaft wird zu einer eigenen „Lebensauffassung“ erklärt: „Mein politischer Kampf ist keine flüchtige Erscheinung, sondern Lebensauffassung.“ (Autorenkollektiv 2003b, 7) „Flexibilität“ erscheint dabei als Tugend: „Aktionsformen im politischen Kampf gibt es viele. Als freier Nationalist bin ich flexibel, suche mir zu jeder Gelegenheit die Aktionsform, die ich für angemessen halte.“ (Autorenkollektiv 2003b, 8) Wo im alten Neonazismus 103 Tatsächlich hat sich in den USA seit den späten 1980er Jahren im marktwirtschaftlich orientierten Projekt- und Personalmanagement ein neues „triple c“ etabliert. Der Ansatz wurde von Badiru an einer US-Luftwaffenhochschule entwickelt, basierend auf dem Dreiklang „command, control, and communication“ und später zu „communication, cooperation, and coordination“ umgeformt (Badiru 2012, 29–30). 104 Schon in der frühen „Anti-Antifa“-Kampagne waren Hinweise zu finden, dass auch im Neonazismus die Herangehensweise an Politik an die Form und möglicherweise das Bewusstsein rückkoppelt. Die „Anti-Antifa“ wollte die als erfolgreich und bedrohlich empfundene linke „Antifa“ durch ein Kopieren bekämpfen, um deren Effekte zugunsten des Neonazismus umzudrehen. Vielleicht bewusst, vielleicht unbewusst wurden dabei nicht nur das Prinzip der Beobachtung des politischen Feindes (seine „Aufklärung“) übernommen, sondern auch manche Stilelemente. In einigen Texten der wichtigen „Anti-Antifa“-Broschüre Der Einblick etwa wird das in linken Publikationen zur Etablierung einer geschlechtergerechteren Sprache viel genutzte Binnen-I („AktivistIn“) verwendet (Der Einblick 1992, 7). 105 Schon diese Namensgebung ist eine Übernahme. Linke Texte werden häufig als Werk eines „Autorenkollektivs“ publiziert. 149 Öffnungen, Entwendungen das Prinzip von Befehl und Gehorsam maßgeblicher Orientierungspunkt war, wird vom Autorenkollektiv das individuelle Subjekt mit seinem Gewissen zum Maßstab. Organisationsinteressen sind explizit nachgeordnet: Alles, was meinem Volk nutzt, ist recht. Darum unterwerfe ich mich auch nicht den Zwängen einer bestimmten politischen Organisation, sondern bewahre mir die Freiheit, über alle Parteigrenzen und Organisationszwänge hinweg überall dort aktiv zu werden, wo es dem Kampf um Deutschland nutzt. Das ist der Befehl des Gewissens! Kein Vorsitzender, kein Gremium und kein Parteiprogramm können mir vorschreiben, was ich darf und was nicht. Ich alleine bin verantwortlich für mein politisches Wollen. (Autorenkollektiv 2003b, 3) Bernd Wagner zählt die praktischen, nicht intendierten Vorteile der zellulären Organisierung im Kameradschaftsmodell auf. Die „autonomen“ Kameradschaften erwiesen sich ideologisch-kulturell als sehr virulent, […] schnell in soziale Wirtsgebilde (Klubs, Klassen, Freizeitgruppen, Fußballfangruppen, Vereine und Parteien) implantierbar, sozial recht fest und überschaubar, funktional und bürokratiearm. (Wagner 1998, 42) Zusätzlich lässt sich das Kameradschaftsmodell international einordnen: Der Faschismusforscher Roger Griffin untersuchte 2003 in einem Aufsatz historische wie rezente faschistische Kleingruppierungen, die zellulär organisiert seien und in ihrer Wirkmächigkeit nicht unterschätzt werden dürften. Zu diesen „groupuscules“ führt Griffin aus: In the context of extreme right-wing politics in the contemporary age groupuscules are intrinsically small political (frequently meta-political, but never primarily party-political) entities formed to pursue palingenetic (i.e. revolutionary) ideological, organizational or activist ends with an ultimate goal of overcoming the decadence of the existing liberal-democratic system. Though they are fully formed and autonomous, they have numerically negligible active memberships and minimal if any public visibility or support. (Griffin 2003, 30–35) 150 Schulze, Etikettenschwindel Sie seien dabei sowohl „polycratic“ als auch „rhizomic“. Das Kameradschaftsmodell lässt sich als Erscheinung dieser „groupuscular right“ (Virchow 2004) charakterisieren. 5.1.2 Militanzdiskussionen und „Anti-Antifa“ in der Entstehungsphase In enger Verknüpfung mit dem Kameradschaftskonzept wurden nach der Verbotswelle in den 1990er Jahren im bundesdeutschen Neonazismus auch militante Aktionsformen diskutiert. So wie es zuvor immer wieder politische Gewalt bis hin zum Terrorismus von rechts gab (Hennig 1983), der von 1945 an bis in die 1970er Jahre 23 Todesopfer forderte (Aust und Laabs 2014, 83), standen nun erneut militante Konzepte zur Debatte. Basierend auf einer breiten sozialen Bewegung „mit ‚Life-Style‘-Charakter“ sei mit den „Kameradschaften“ ein „informeller Rechtsextremismus“ entstanden, in dem „potentiell rechtsterroristische Milieus“ gedeihen könnten, wurde von den Politikwissenschaftlern Hajo Funke und Lars Rensmann im Jahr 2000 erklärt (Funke und Rensmann 2000, 1072). Die „Kameradschaften“ betrieben bewusst ein „Doppelspiel von legal und illegal“ (Funke und Rensmann 2000, 1071). Die Inspiration für die Diskussion um terroristische Konzepte kam aus dem englischsprachigen Neonazismus. In Großbritannien und dann in den deutschen „Kameradschaften“ wurde ein Schwerpunkt auf die „Anti- Antifa“-Arbeit gelegt, eine Kampagne, durch die „Volksfeinde“ zurückgedrängt werden sollten (Antifaschistisches Autorenkollektiv 1996, 60–71). „Anti-Antifa“ als Thema und die Zellenstruktur als Form waren an die Etablierung des Kameradschaftkonzepts geknüpft und bestimmten dessen Ausgestaltung. Die „Kameradschaften“ sollten gewissermaßen den legalen Arm einer militanten und potenziell auch terroristisch agierenden Bewegung abgeben. Ein Netz solcher Terrorzellen kam in den geplanten Formen zwar nicht zustande – eine Dynamik, die den beabsichtigten Ausbruch eines „race war“ in Greifweite rücken ließ, wurde nicht ausgelöst. Die Entstehung des späteren „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) und dessen Mord- und Anschlagsserie zeigen allerdings nachdrücklich, dass 151 Öffnungen, Entwendungen es Bemühungen in diese Richtung gab, in deren Folge konkrete Terrorakte begangen wurden. Der NSU war eine terroristische Kleinzelle, die in Kooperation mit anderen Neonazis einen „führerlosen Widerstand“ praktizierte. Die Gruppe war Teil des Kameradschaftsnetzes, aus dem heraus die notwendige Unterstützung organisiert wurde.106 Es ist möglich, dass weitere terroristisch orientierte Zellenstrukturen aus dem fraglichen Spektrum existierten oder noch existieren. Der unaufgeklärte Sprengstoffanschlag auf die Ausstellung Verbrechen der Wehrmacht in Saarbrücken 1999 (Sattler 1999), die unaufgeklärten Anschläge der „Nationalen Bewegung“ in Brandenburg bis ins Jahr 2001 (Röbel 2001) sowie die 2003 vereitelten Anschlagspläne eines Personenkreises aus der Münchener „Kameradschaft Süd“ (Förster 2003a) sind nur einige der Indizien, die auf die Existenz eines terroristischen Neonazi-Netzes aus dem Spektrum der „Freien Kameradschaften“ hinweisen. Einen ersten Hinweis auf entsprechende Diskussionen in Deutschland gibt es 1990. In diesem Jahr erschien ein kurzes „autonomnationalistisches Manifest“, welches von „autonomen nationalistischen Zellen“ verantwortet wurde. Darin wurden offen terroristische Strategien diskutiert (Antifaschistisches Autorenkollektiv 1996, 158–159). Durch die Repressionspolitik des Staates sei die Neonazibewegung zwar nicht zerschlagen worden, sie habe aber auch keinen „Führungskern“ aufbauen können. Eine Führung sei nun im Entstehen und sie würde als Konzept den „totalen Widerstand“ verfolgen: die „Neubildung fanatischer Werwolfkommandos“.107 Als Maßstab galt offenbar die (nicht namentlich genannte) RAF, die allerdings in den 20 Jahren ihrer Existenz nicht den „Besatzerstaat“ selbst angegangen habe, sondern lediglich „sporadisch“ einige „Systembonzen“ beseitigt habe. Der Text bietet keine konkreten Taktiken für den „totalen Widerstand“ 106 Die NSU-Akteure und ihr Netzwerk rekrutierten sich maßgeblich aus dem Milieu des Kameradschaftsverbundes „Thüringer Heimatschutz“, Verbindungen und personelle Überschneidungen gab es darüber hinaus zu „Blood & Honour“, den „Hammerskins“ und weiteren Strukturen. 107 Dies ist eine historische Anleihe. Das „Werwolf“-Konzept wurde am Ende des Dritten Reich ab 1944 als Widerstandskonzept propagiert. Auch der frühe Neonazismus bezog sich auf diesen Begriff (Aust und Laabs 2014, 84–85). 152 Schulze, Etikettenschwindel an, es bleibt beim Verweis auf die eigene Entschlossenheit und bei der Aufzählung nationalrevolutionärer Parolen wie „Autonomnationalismus ist der dritte Weg – jenseits von Kommunismus und Kapitalismus“. „Ein innerlich erwachtes Deutschland“ würde „unter autonomnationalistischer Führung gegen jede imperialistische Aggression“ standhalten können (Autonomnationalistische Zellen o.J., 4–10).108 Im Gefolge dieses Manifestes kursierten zahlreiche Schriften dieser Richtung (Sanft und Jentsch 2014, 6–7). Zwischen 1991 und 1994 erschien in der NSDAP/AO-Zeitschrift NS-Kampfruf eine Artikelserie unter dem Titel Eine Bewegung in Waffen, in der ebenfalls eine militante Zellenstrategie skizziert wurde (Westmar 1991-1994).109 Als technisch-praktische Anleitung wurde die 1958 vom Schweizer Armeeoffizier Hans von Dach verfasste Schrift Der Totale Widerstand (Hans von Dach 1958) rezipiert. Aufrufe mit strategischem und Gewalt legitimierendem Tenor stammten vom norwegischen Neonazi Erik Blücher, der unter Pseudonym die „Blood-&-Honour“-Papiere The Way Forward (Hammer 1998) und Field Manual (Hammer 2000) veröffentlichte. Das Konzept einer zellulären, terroristischen Organisierung im Dienste des Neonazismus stammt aus den USA. Als Ausgangspunkt diente eine literarische Vorlage. Im Jahr 1978 hatte William Pierce, damals Vorsitzender der „National Alliance“, unter Pseudonym einen Fortsetzungsroman unter dem Titel The Turner Diaries verfasst, der ein Jahr später als Buch erschien (Macdonald 1996). In Tagebuchform wird hier beschrieben, wie es durch Terrorakte einer kleinen Gruppe von Neonazis gelingt, in den USA einen „race war“ auszulösen und so das „System“ zum Einsturz zu bringen (Dobratz und Waldner 2012). Das Buch war die Inspiration für den US-Neonazi-Terror der Gruppe „The Order“ ab 1983 (Laabs 2014) und vermutlich 108 Michael Klarmann hält die Namensgebung der „Autonomnationalistischen Zellen“ für einen Hinweis darauf, dass die damalige Militanzdiskussion eine direkte „Blaupause“ für die viel später auftretenden AN gewesen sei (Klarmann 2009, 94). 109 Das Pseudonym „Hans Westmar“ ist der NS-Propagandaverfilmung des Lebens von Horst Wessel entlehnt. Die Autoren der Broschüre waren die Hamburger Neonazis Henry Fiebig und Christian Scholz. Letzterer war Funktionär der FAP (Sanders et al. 2013). 153 Öffnungen, Entwendungen auch für den Neonazi Timothy McVeigh, bei dessen Bombenanschlag in Oklahoma City im Jahr 1995 insgesamt 168 Menschen ums Leben kamen. Der texanische Neonazi Louis Beam von den „Aryan Nations“ arbeitete um das Jahr 1983 den fiktiven Romanstoff in das politische Konzept des „Leaderless Resistance“ um. Kleingruppen von höchstens vier Mitgliedern sollten unabhängig voneinander operieren und den Staat durch Terroranschläge destabilisieren, um schließlich den „race war“ auszulösen. Der Aufsatz wurde 1992 wiederveröffentlicht und hatte auf Gruppen wie die britischen „Combat 18“ großen Einfluss – die wiederum auf das deutsche Spektrum wirkten (Lowles 2001, 45). Der Ansatz fand US-weite Verbreitung, nachdem Beam ihn bei einem Treffen verschiedener Organisationen im Oktober 1992 in Estes Park (Colorado) vorgestellt hatte. Vorbilder für den „Leaderless Resistance“ seien, so Beam, in der US-amerikanischen Revolution und in der Zellenorganisation von kommunistischen Gruppen in den USA zu finden. Hauptgrund für die flache Organisierung sei es, dem Staat Repression und Infiltration zu erschweren: This [conventional] scheme of organization, the pyramid, is however, not only useless, but extremely dangerous for the participants when it is utilized in a resistance movement against state tyranny. Especially is this so in technologically advanced societies where electronic surveillance can often penetrate the structure revealing its chain of command. Experience has revealed over and over again that anti-state, political organizations utilizing this method of command and control are easy prey for government infiltration […]. Utilizing the Leaderless Resistance concept, all individuals and groups operate independently of each other, and never report to a central headquarters or single leader for direction or instruction, as would those who belong to a typical pyramid organization. […] It goes almost without saying that Leaderless Resistance leads to very small or even one man cells of resistance. (Beam 1992, 12–13) 154 Schulze, Etikettenschwindel „Combat 18“ startete in Großbritannien im Frühjahr 1992 mit der „Anti-Antifa“-Arbeit. Über ein Mitteilungsblatt namens Redwatch110 wurden Adressen und Telefonnummern von politischen Feinden verbreitet und mit kaum verdeckten Gewaltaufrufen verknüpft. Es folgte daraufhin eine Welle von Angriffen und Einschüchterungen. Die „Anti-Antifa“-Kampagne111 der bundesdeutschen Neonazis geht auf diese Quelle zurück. Auf den Aufruf in der Zeitschrift Nation & Europa, „Inländerfeinde“ zu „enttarnen“ (Hesse 1992)112, folgten unter anderem die Zeitschrift Index der Hamburger „Nationalen Liste“ um Christian Worch sowie die Broschüre Der Einblick (Der Einblick 1992). In diesen Veröffentlichungen wurden wie im britischen Vorbild „Volksfeinde“ mit Namen und teils mit Adresse aufgelistet. Ziel war die Verunsicherung von direkten politischen Kontrahenten in der Absicht, damit Spielräume für die eigene Politik zu schaffen. In Der Einblick wurden Zielsetzung, Objekt und Methode der „Anti-Antifa“-Politik umrissen. Die Linke sei schwach, würde aber durch Denunziationen das rechte Milieu niederhalten. Mittels „Anti-Antifa“ solle nun zurückgeschlagen werden. Vom „Anarcho“ bis zum Universitätsprofessor reichten die Zielobjekte. Ein „Nicht-Aufrufen“ zu Tötungen dieser „Volksfeinde“ liest sich eher wie eine Ermunterung denn als wirkliche Distanzierung: [Ziel ist] die endgültige Zerschlagung von Anarchos, Rot-Front und Antifa sowie die Ausschaltung aller destruktiven, antideutschen und antinationalistischen Kräfte in Deutschland […] Die Linke [stellt] als massenbewegender Moment in der demokratischen (Un-) Ordnung keine Gefahr für Staat und Gesellschaft dar. […] Die einzige Übereinstimmung mit dem dummprogrammierten Bundesbürger […] bleibt der ‚Antifaschismus’. […] Unser Au- 110 Auch hierfür gab es ein US-Vorbild: Das antisemitische Blatt Jew Watch aus Texas, aus dem politischen Umfeld von Louis Beam (Lowles 2001, 2–3). 111 Der Kampagnenname sei mit seinem „gegen-gegen“ zwar „destruktiv gehalten“ merkten „Anti- Antifa“-Aktive 1992 an. Allerdings sorge er zu einem „gewissen Ärgernis in der militanten Anarchoszene“ und sei schon deshalb sinnvoll (Der Einblick 1992, 2). 112 In dieser Zeitschrift tauchte der Begriff „Anti-Antifaschismus“ bereits im Jahr 1972 das erste Mal auf. Autor Hans Georg von Schirp bezeichnete den Antifaschismus als „genialen Trick zur Entmündigung der Menschheit“ (Schirp 1972). 155 Öffnungen, Entwendungen genmerk richtet sich gerade auf jene Personen, die mit Beharrlichkeit und Gewaltbereitschaft […] nationalgesinnte Deutsche, junge und ältere Patrioten, Nationalisten jeglicher Form, konservative und wertbeständige Kräfte angreifen […]. Der Einblick soll ein erster kleiner Schritt in die Gegenrichtung sein. […] Damit nicht genug. Ja, die Herren Literaten, Professoren, Richter, Anwälte […] gehören zu den Einheizern des Antinationalismus. […] Wir werden es hier tunlichst vermeiden zur Gewalt im Sinne von Körperverletzungen, Tötungen […] aufzurufen. Jeder von uns muss selbst wissen, wie er mit dem ihm hier zugänglich gemachten Daten umgeht. (Der Einblick 1992, 2–4) Zuweilen folgten den Listungen Angriffe bis hin zu Briefbombenanschlägen, so beispielsweise in Österreich (Antifaschistisches Autorenkollektiv 1996, 15–39). Ein mutmaßlich aus der Mitte der 1990er Jahre stammendes Heft namens Brauner Partisan warb damit, die „Stimme der braunen autonomen Untergrundbewegung“ zu sein. Das Kontaktpostfach war in den Niederlanden, als Herausgeber wurde im Vorwort eine „Revolutionäre Anti-Antifa-Zelle“ genannt, die aus Rheinland-Pfalz stamme. Im Heftinneren waren zahlreiche Namen, Adressen und Fotos von „Roten“ abgedruckt, etwa von Büros der Partei „Die Grünen“. Die Seiten waren mit zahlreichen Abbildungen von Vermummten mit Schusswaffen illustriert. Auf dem Backcover wurde gefordert: „ZOG zerschlagen! Das Geschwür auf dem kranken Volkskörper muß aufgeschnitten und ausgepreßt werden, bis das rote Blut herausfließt.“ (Anti-Antifa o.J.) Das Zentralorgan, führendes Magazin der „Kameradschaften“, veröffentlichte 1998 ein Interview mit William Pierce, dem Autor der „Turner Diaries“. Es gebe eine „moralische Berechtigung“, Gewalt im politischen Kampf anzuwenden, gibt Pierce an, derzeit halte es seine Organisation jedoch für angebracht, „strikt legal“ vorzugehen und sich auf die Schaffung eines politischen Bewusstseins in der Anhängerschaft zu konzentrieren (Zentralorgan 1998a, 24–25). Von „Blood & Honour“ in Deutschland wurde erörtert: Die Patrioten von heute müssen sich auf den grössten aller Kriege, den Rassenkrieg, vorbereiten und dafür muß man geheime Strukturen schaffen und 156 Schulze, Etikettenschwindel bereits sein, sein Leben zu opfern. (Blood & Honour Magazin Deutschland 1996, 14). Als Organisationsform wurden klandestine Zellen propagiert: „Jeder ist dazu aufgerufen, etwas zu tun! Leaderless Resistance ist die Devise.“ (Blood & Honour Magazin Deutschland 1996, 13) 1999 erschien im Neonazi-Magazin Hamburger Sturm ein Interview mit einer Gruppe, die sich „Nationalrevolutionäre Zellen“ nannte. Es handele sich, so die Selbstauskunft, um enttäuschte NPD-Anhänger, die sich nun dem Konzept der „Freien Kameradschaften“ verschrieben hätten. Der Duktus war militant und elitär: Nur besonders zuverlässige Personen ab 21 Jahren, die „mit Waffen umgehen“ können, dürften Mitglied werden. Frauen waren nicht zugelassen, weil sie zu „labil“ seien. Die Ausbildung und der Gebrauch von Waffen wurde angesprochen und die britische „Blood-&-Honour“-Terrorgruppe „Combat 18“ für ihre Anschläge gelobt. Gegen „Fun-Glatzen“ brauche die Szene einen Prozess der „Selbstreinigung“, damit die Skinshead-Szene nicht zu einem „Haufen Weicheier“ verkomme (Hamburger Sturm 1999a). 5.1.3 Verbreitung Seit Verkündung der Idee der „Freien Kameradschaften“ ist in der Bundesrepublik ein nahezu flächendeckendes Netz lokal und regional aktiver neonazistischer „Kameradschaften“ und Vernetzungsinstanzen entstanden. Für 1998 berichtete der Verfassungsschutz von 80 „Kameradschaften“ bundesweit (Bundesministerium des Innern 1999, 31–32). Bis 2003 stieg diese Zahl auf 160 an (Bundesministerium des Innern 2004, 48). Mittlerweile ist die Zahl rückläufig, könnte jedoch immer noch knapp dreistellig sein.113 Der Grad der Organisierung und Verbindlichkeit der einzelnen Gruppen schwankt und kann als tendenziell sinkend eingeschätzt werden. 113 Zu beachten ist hier auch ein Trend zu noch loseren und stärker männerbündisch-gegenkulturell orientierten Formationen wie „Bruderschaften“, die sich stilistisch an der Biker-Ästhetik 157 Öffnungen, Entwendungen In seinem personellen Umfang ist das Kameradschaftsspektrum nur schwer zu quantifizieren. Man darf wohl eine Zahl zwischen 4.000 und 7.000 Aktiven vermuten.114 Eben weil die „Kameradschaften“ keinen formellen Mitgliedschaftsstatus haben, häufig flüchtige Erscheinungen sind (viele Auflösungen und Neugründungen) und die Personen in und an den Gruppen häufig wechseln, lassen sich keine systematischen Zahlen erheben. Die Gruppen haben in der Regel Mitgliederzahlen zwischen fünf und 25 Personen.115 Es dominieren junge Erwachsene im Altersbereich zwischen 20 und 30 Jahren.116 Zusammen mit der NPD und einigen weiteren Organisationen stellen die „Kameradschaften“ die Formationen, in deren weiter gefassten Einzugsraum sich die unten umschriebenen völkischen „Scheitel“, Neonazi- Skinheads und die Anhängerschaft der neuen rechtsextremen Ränder von Jugendkulturen bewegen. Die Gruppen sind in der Regel lokal und regional miteinander vernetzt. Jedoch existieren auch „Kameradschaften“ mit nur geringem Kontakt zu anderen Gruppen. Eine geradlinige Befehlsstruktur nach der Logik „Aktionsbüro-Kameradschaftsführer-Einzelaktivist“ ist nicht oder nur sehr bedingt gegeben. Das Verhältnis der „Kameradschaften“ zur NPD ist seit Jahren zwiespältig, auch wenn sich die Verhältnisse in jüngerer Zeit durch einen allgemeinen Bedeutungsverlust der NPD verschoben haben. Knackpunkt war die Frage, ob mit einer Partei, die zuweilen zu einer „taktischen Zivilisierung“ (Klärner 2008a) bereit ist, effiziente und offensive nationalsozialiorientieren. 114 Das Bundesamt für Verfassungsschutz gibt die Zahl der Neonazis 2015 mit 5.800 an – damit ist vermutlich vor allem das Kameradschaftsspektrum gemeint (Bundesministerium des Innern 2016, 45). Das Spektrum ist somit in den vergangenen Jahren gewachsen: Das Bundesamt für Verfassungsschutz zählte im Jahr 2008 4.800 Neonazis. 115 Diese Einschätzung des Verfassungsschutzes (Bundesministerium des Innern 2006, 68) ist als realistisch einzuschätzen. Zu beachten ist, dass auch viele Neonazis, die nicht in festen Gruppen organisiert sind, sondern sich in deren Umfeld bewegen, an Aktionen teilnehmen und sozial partizipieren, zum Kameradschaftsspektrum zu zählen sind. 116 Thein setzt niedriger an und geht davon aus, dass der Großteil der Kameradschaftsaktiven zwischen 20 und 24 Jahren alt ist. (Thein 2009, 118). 158 Schulze, Etikettenschwindel stische Politik zu betreiben sei.117 Teile der „Freien Nationalisten“ arbeiten nur punktuell mit der NPD zusammen, andernorts sind „freie“ und „parteigebundene Nationalisten“ kaum auseinander zu halten. Rhetorisch wird eher Systemferne und damit auch eine Distanz zum Parlamentarismus und Parteiensystem betont: In rechten bürgerlichen Kreisen ist oftmals noch die irrige Ansicht verbreitet, dass positive politische Veränderungen innerhalb des bestehenden Systems möglich seien. (Autorenkollektiv 2003b, 4) Auf Seiten der NPD ist eine prinzipielle Ablehnung der „Kameradschaften“ nur noch selten zu finden. Gängiger ist die Bereitschaft zur pragmatischen Zusammenarbeit. Der zeitweilige NPD-Bundesvorsitzende Udo Pastörs fand 2011 lobende Worte zu den „Kameradschaften“: Freie Strukturen sind auch deshalb so wichtig, weil sie viel schneller und kreativer auf politische Ereignisse reagieren können, als ein doch viel schwerfälligerer Parteiapparat. Freie Strukturen funktionieren wie ein gesellschaftspolitisches Labor. Da wird viel ausprobiert, da ist viel Spontanität, hohe Fluktuation der Mitglieder, also ein ‚freies Potential‘, auf das wir im Kampf gegen die sich verschärfende Ungerechtigkeit nicht verzichten wollen und können. (NPD Mecklenburg-Vorpommern 2011) Die AN sind eine Strömung innerhalb der „Kameradschaften“ und zählen zu jenen, welche parlamentarische Arbeit in der Tendenz „als reformistisch und reaktionär“ (Schedler 2009, 335) kritisieren. Diese Grundkonstellation wird in der lokalen und regionalen Praxis zuweilen gelockert, mitunter auch konterkariert. Oft hängt das Verhältnis von „Kameradschaften“ und NPD von persönlichen Freundschaften und Feindschaften, vom Grad der sozialen und räumlichen Nähe zueinander ab. „Kameradschaften“ nutzen zudem die NPD, etwa um von deren Parteiprivileg bei der Durchführung 117 Klärner wertet in einem anderen Beitrag die Einflussversuche der NPD auf die AN dann auch als eine gescheiterte taktische Zivilisierung (Klärner 2008b). 159 Öffnungen, Entwendungen von Veranstaltungen zu profitieren. Umgekehrt sind die „Kameradschaften“ als Resonanzboden für die Parteipolitik von Bedeutung. 5.1.4 Lockerung der Hierarchien Richteten sich die alten neonazistischen Organisationen noch strikt am Führerprinzip aus, so sind die „Kameradschaften“ von flacheren Hierarchien bestimmt. Die einzelnen „Kameradschaften“ haben dabei im Regelfall „Vorsitzende“ und „Anführer“ und sind in sich anhand formeller und informeller Hierarchien gegliedert. Die Ausformung und Verbindlichkeit der jeweiligen Befehlsgewalt schwankt von Gruppe zu Gruppe. Die geringen Gruppengrößen, die im Unterschied zu früheren Strukturen größere Betonung von persönlicher Freizügigkeit und die lose Vernetzung der Gruppen begünstigen jedoch, dass es sowohl für die individuellen Mitglieder als auch für die Gruppen selbst größere Freiheiten gibt. Die Strukturen sind durch gemeinsame Freizeitgestaltung und durch den Charakter der Gruppen als Freundeskreise sozial dichter geworden. In mancher Hinsicht ähneln „Kameradschaften“ darum „in ihrer Praxis eher jugendlichen Cliquen als politischen Organisationen“ (Langebach und Raabe 2013, 87). Dadurch ist die Teilhabe am Kameradschaftsleben eher sozial strukturiert, als dass sie auf Befehlen, Beschlüssen oder Vorgaben einer übergeordneten Instanz basiert. Die „Kameradschaften“ sind so im Vergleich unverbindlicher geworden. Personen können sich in ihrem Umfeld bewegen, eine Zeitlang an Aktionen partizipieren und sich dann wieder zurückziehen. Es gibt entsprechende Stellungnahmen, in denen diese verringerte Verbindlichkeit der Organisierung beklagt wird: Es hat aber nicht selten den Anschein, daß Zusammenhänge freier Nationalisten von einigen Zeitgenossen nur als vorübergehender Abenteuerspielplatz betrachtet wurden, wo man sich zeitweilig nach Belieben austoben konnte, wenn gerade nichts anderes zur eigenen Selbstdarstellung greifbar war. Eine nachhaltige Folge […] war u.a. die mangelnde Verbindlichkeit innerhalb nationaler Zusammenhänge. Der Vorteil einer organisatorischen Freiheit […] 160 Schulze, Etikettenschwindel wurde bisher oft mit Verantwortungslosigkeit verwechselt und verkehrte sich so zum Nachteil für den nationalen Widerstand. (Autorenkollektiv 2003a, 5) Die Etablierung der „Freien Kameradschaften“ setzte Dynamiken frei, die vorab eher nicht vermutet wurden und die die verstärkte Bewegungsförmigkeit des Spektrums und den erreichten Grad von Identitätspolitik unterstreichen. „Kameradschaft“ war und ist ein für nicht wenige neonazistisch orientierte Jugendliche attraktives und frei zur Verfügung stehendes Label. Jugendliche Cliquen können sich durch simple Selbsternennung an die Bewegung anbinden und so von deren Nimbus der Entschlossenheit und Gewalttätigkeit profitieren. Kontrollierende Institutionen (wie bei der Abwicklung eines Aufnahmeantrags an eine Partei) sind nicht vorhanden. Im Zweifelsfall reicht es beispielsweise, T-Shirts mit einem Kameradschaftslogo zu entwerfen und drucken zu lassen, um den eigenen Freundeskreis zu einer „Kameradschaft“ zu erklären. Weitere Schritte wie Vernetzung und Aktionen können, müssen aber nicht folgen.118 Diese Durchlässigkeit sorgte für einen beachtlichen personellen Zulauf zum Neonazismus. Andererseits erhöhte sich so die Fluktuation und stellte das Führungspersonal vor das Problem, weltanschauliche Bildung und Verbindlichkeit ohne formelle Autorität einfordern zu müssen. Die konzeptionell vorgesehene Eigenständigkeit der „Kameradschaften“ lehrte den autoritären Neonazismus „Toleranz“. 2001 schrieb eine Berliner „Kameradschaft“, dass die „natürliche Verschiedenheit der Kameraden anfangs zu strukturellen Schwierigkeiten“ 118 Setzt man solche minimalen Maßstäbe an, dürfte die Zahl der Menschen, die zumindest zeitweise eine Sozialisierung in weiter gefasst als „Kameradschaft“ erfassbaren Gruppierungen erfahren haben, deutlich fünfstellig sein. Ein weiterer Seitenstrang: Mittlerweile sind auch „Kameradschaften“ existent, die nicht mehr in einem geografisch gefassten Raum agieren, sondern sich ausgehend von gemeinsamen Interessenlagen über das Internet rekrutieren. Die sozialen Verbindungen entwickeln sich online, manchmal folgen daraus Kennenlerntreffen oder der Plan eines gemeinsamen Aktivismus. Eine Antifagruppe dokumentierte 2012 beispielsweise die Aktivitäten einer bundesweiten „Vereinigten Kameradschaft Deutschland“, die zeitweise 25 bis 50 Personen umfasst habe (Antifa Nord 2012). Auch die 2015 bei einer bundesweiten Razzia ausgehobene Gruppierung „Old School Society“ war eine über das Internet sich selbstrekrutierte Gruppe. Den Online-Freundschaften folgte ein persönliches Kennenlernen und die Planung von Anschlägen – so zumindest die Vermutung der Ermittlungsbehörden (Spiegel Online 2015b). 161 Öffnungen, Entwendungen geführt habe: „Wir mußten lernen Konflikte auszutragen.“ Pluralität sei jedoch eine Ressource: „Der aus der Unterschiedlichkeit der Kameraden resultierende Reichtum“ könne im Kameradschaftsmodell für das „Engagement genutzt“ werden (Kameradschaft Germania 2001). Für den „freien Nationalisten“ sei nicht die Organisierung in einer „Kameradschaft“ ausschlaggebend, wird in einer programmatischen Broschüre festgehalten. Eigenverantwortung als Haltung sei der entscheidende Wert und stehe grundsätzlich auch einer Organisierung innerhalb einer Partei nicht im Wege: Ein freier Nationalist sollte sich als politischer Kämpfer für ein Deutschland nach unseren Vorstellungen begreifen. Dabei wählt er die vorausschauende Lösung einer gruppen- und parteiübergreifeden Form, denn diese Denkweise unterliegt nicht den Zwängen einer Partei, einer Wählergemeinschaft, eines Vereins oder anderer Organisationsformen. Sie unterliegt vielmehr der eigenen Verantwortung […]. Ob sich freie Nationalisten einer Partei oder einer anderen Gruppierung anschließen, bleibt ihnen selbst überlassen […]. (Autorenkollektiv 2003a, 7) Für Thein hat das Organisierungsmodell zu einer Zivilisierung der Binnenbeziehungen und sozusagen zu einer Demokratisierung des Neonazismus geführt. In den Neonazi-Organisationen alten Typs seien Binnenkonflikte autoritär oder gar gewalttätig ausgetragen worden. Thomas Wulff beschrieb 1998, dass zuvor die Einzelmitglieder in den Organisationen „immer der Willkür der Vorsitzenden ausgeliefert“ gewesen seien (Zentralorgan 1998c, 23). Gegenüber Thein erinnert er sich: „Zum einen war das so, dass auch gruppeninterne Konflikte mit der Faust ausgetragen wurden. Also: zack, dann war Ruhe.“ Mit dem Kameradschaftsmodell habe sich im Gegensatz dazu ein „sehr gutes menschliches Miteinander“ etabliert, so ein anderer Neonazi gegenüber Thein. Ein Aushandeln von Konflikten anhand gemeinsamer Aktivitäten beschreibt Norman Bordin: „Unterschiedliche Auffassungen müssen zuerst in der Gruppe abgeklärt werden. Ob man jetzt gemeinsam irgendetwas trinken geht oder ob man zelten geht, 162 Schulze, Etikettenschwindel gemeinsame Kino- oder Museumsbesuche …“ Auch Thomas Gerlach betont zivile Streitlösungsmechanismen: Probleme gibt es natürlich, wenn sich solche privaten Streitigkeiten vertiefen und sich so festsetzen, dass sie nicht mehr aus dem Weg zu räumen sind. Deshalb ist es vom Gruppenführer […] die Aufgabe, den Streit so schnell wie möglich vom Tisch zu bringen. Er sollte dies dann auch offen ausdiskutieren. […] Es bringt uns nichts, wenn zehn Mann am Tisch sitzen und davon können sich fünf Mann nicht leiden, weil sie sich um eine Frau streiten. (Thein 2009, 108–110) Doch auch eine zivile Konfliktkultur, so man den Erzählungen der befragten Neonazis Glauben schenken mag119, bietet Raum für die Existenz klarer Autoritäten und daraus folgender Ausschlüsse. Als Beispiele für Auseinandersetzungen nennen die zitierten Neonazis kaum mehr Streitigkeiten über politische Einschätzungen oder Entscheidungen. Vielmehr ziehen sie private Konflikte heran, die von den Gruppenführern über „Museumsbesuche“ und ähnlichen sozialen Kitt befriedet werden, um das Funktionieren der „Kameradschaft“ zu gewährleisten. Der These einer Zivilisierung widersprechen die Erkenntnisse von Andreas Speit. Ehemalige Neonazis schilderten ihm, dass die Gewalt der Kameradschaften sich nicht nur nach außen gerichtet habe, sie sei auch nach innen massiv eingesetzt worden. Der Gehalt des nationalsozialistischen Weltbildes, Rollenbilder wie Führerprinzip und Geschlechterverständnis katalysierten eine ohnehin oft vorhandene Gewaltlatenz und erlaubten allgemein eine „Dehumanisierung“ des Gegenübers. Aussteiger Patrick B. berichtet von körperlicher Gewalt aufgrund von Nichtigkeiten, etwa am Rande eines Restaurantbesuches, oder aufgrund persönlicher Animositäten. Lisa W. berichtet von Gewalt innerhalb von Beziehungen, die von anderen Gruppenmitgliedern nicht nur wahr-, sondern auch hingenom- 119 Da Theins Einschätzungen sich auf die Selbstauskünfte von aktiven Neonazis stützen, müssen sie entsprechend vorsichtig bewertet werden. Dass das Interesse, die eigene Bewegung als gewachsen, zivil und sozial darzustellen, bei den Auskünften eine Rolle spielen könnte, liegt auf der Hand. 163 Öffnungen, Entwendungen men wurde. Im Zuge von Alkoholexzessen wäre es auch zu Demütigungsritualen untereinander gekommen. Das Gewaltpotenzial erhöhe sich bei in den Hierarchien niedriger stehenden Neonazis. Damit einhergehend herrsche in „Kameradschaften“ und rechten Cliquen eine Autoritätsfixiertheit vor, die sich gerade durch den geringen Grad an formellen Hierarchien gewalttätigen Ausdruck verschaffen würde. Autorität erhalte man durch Gewalt oder auch durch Kontakte zu langjährigen und verdienstreichen Kadern – schon der Handschlag eines Kaders lasse das Ansehen eines regionalen Anführers steigen. Unterschwellig herrsche eine große Konkurrenz. Patrick B.: Das wird nicht ausdiskutiert – Quatsch. Sobald halt Leute ihre persönlichen Interessen durchsetzen wollten, sowohl auf privater oder politischer Ebene, war es nicht weit her mit Kameradschaft […] Unter Androhung von Gewalt wurden Sachen innerhalb der Gruppe verlangt. (Speit 2005, 5–22, 2010)120 Im Spektrum selbst wird die Binnengewalt in der Regel nicht thematisiert. 5.2 Typische Ausdrucksformen Bis ungefähr zur Jahrtausendwende dominierten zwei kulturelle Muster die Außenwahrnehmung aber auch die Selbstwahrnehmung breiter Teile des Neonazismus, die im Folgenden beschrieben werden sollen: „Glatze und Scheitel“ (Seeßlen 2002). Der völkische „Scheitel“ ist der ältere, gewissermaßen der originale Ausdruck für den Neonazi; er stellt sich gegen Popkultur und Moderne, sein Orientierungsrahmen ist der historische Nationalsozialismus. Der Neonazi-Skinhead hingegen kam erst im Verlauf der 1980er Jahre zu Bedeutung; er ist die Ausprägung einer Jugendkultur und 120 Speits Material speist sich aus Interviews mit ehemaligen Neonazis, die zum Zeitpunkt ihres Aktivismus im Vergleich sehr jung waren und sich eher im Bereich der besonders lose verfassten Cliquen-„Kameradschaften“ bewegten. Es ist also möglich und scheint auch plausibel, dass in älteren, straffer organisierten und expliziter an politischer Wirkung interessierten „Kameradschaften“ die Binnengewalt anders strukturiert ist – etwa, dass sie seltener und bewusster eingesetzt wird. 164 Schulze, Etikettenschwindel kombiniert proletarischen Männlichkeitskult mit nationalsozialistischen Inhalten. Neben völkischen „Scheiteln“ und Neonazi-Skinheads ließen sich durchaus auch weitere Ausdrucksformen beschreiben, wie etwa neonazistische Rocker oder neonazistische Hooligans. Allerdings handelte es sich bei diesen um weniger dominante Phänomene. Der Neonazismus wurde zahlenmäßig, in der öffentlichen Wahrnehmung und in seiner Selbstwahrnehmung von völkischen „Scheiteln“ und später den Neonazi-Skinheads bestimmt. Die folgenden Beschreibungen der beiden Ausdrucksformen sind als Modelle zu verstehen, die konstruiert werden, um Trennschärfe zu erreichen. In der sozialen Realität sind die Formen durchlässiger und weniger konsistent: Auch ein Neonazi-Skinhead kann eine Zimmermannshose tragen, ein völkischer „Scheitel“ kann Skinhead-Bands zu seiner Lieblingsmusik zählen. Sinn der Darstellung ist es, die Grenzen der kulturellen Äu- ßerungsformen des Neonazismus bis zur Jahrtausendwende zu umreißen. Die in den Folgejahren realisierten kulturellen Öffnungen werden erst mit dem Wissen um die vorigen Beschränkungen verständlich. Vor der Entstehung des Neonazismus hatte der Rechtsextremismus in Deutschland keine bemerkenswerten stilistischen Eigenarten im Sinne einer jugendkulturellen Anbindung entwickelt. Manfred Jenke schilderte Anfang der 1960er Jahre die extreme Rechte in der Bundesrepublik seit Kriegsende als ein differenziertes Netzwerk von Jugendbünden, Traditionsvereinen, Kleinparteien, Kulturgemeinschaften und Diskussionszirkeln (Jenke 1961). In den 1950er und 1960er Jahren dominierten klassische Jugendverbände mit soldatischen oder pfadfinderischen Ansätzen bei Versuchen, Jugendliche zu organisieren. Ende der 1950er Jahre hatten Organisationen wie der „Kameradschaftsring Nationaler Jugendverbände“, die „Arbeitsgemeinschaft Vaterländischer Jugendverbände“ oder die „Jungdeutsche Bewegung“ schätzungsweise 40.000 Mitglieder (Dudek und Jaschke 1984, 129–166). „Lager, Fahrt, Heimabende und Feiern“ bildeten die „Grundlage der nationalistischen Jugendarbeit“ (Dudek und Jaschke 1984, 143). Das Outfit dieser jungen Rechten unterschied sich dabei „in der Regel nicht von dem der Andersdenkenden“ (Schröder 2001, 132). Bis in die 1980er Jahre hinein pflegte, so auch Häusler, die extreme 165 Öffnungen, Entwendungen Rechte zwar eine Jugendpolitik mit eigenen Organisationen, die sich jedoch in „den Mustern der Pfadfinder-Gruppen, der völkischen Jugendbünde […] sowie an der Hitlerjugend“ erschöpfte. Mit ihrer „nostalgischen Ausrichtung“ waren sie für Jugendliche ohne bereits vorgeprägtes rechtsextremes Weltbild „spießig und langweilig“ (Häusler 2002, 276), ihre Rekrutierungsfähigkeit hatte enge Grenzen. Ein Plakat der „Wiking-Jugend“ von 1983 zeigt den Holzschnitt eines männlichen Jugendlichen, der Fahrtenkleidung trägt und dessen blondes Haar durch den Wind verweht ist. „Komm’ zu uns“, fordert das Plakat auf, und: „Sag dem Alltagsmief und den Suchtmitteln ‚Lebewohl‘. Eine Jugendbewegung mit klarem Weg, klarer Aussage, klarer Zielsetzung!“ Am unteren Rand sind Odalrune und ein stilisierter Adler als grafische Elemente zu sehen (Dudek und Jaschke 1984, 248 (Bd II)). Ein Exkurs: Als kleine, aber bemerkenswerte Ausnahme zum Befund der kulturellen Begrenztheit des vor-neonazistischen Rechtsextremismus ist die nationalrevolutionäre Strömung in der Neuen Rechten zu nennen (Bartsch 1975; Feit 1987; Sepp 2013). Mit dem Aufkommen der Neuen Linken Ende der 1960er Jahren und mitausgelöst durch das enttäuschende Abschneiden der NPD bei der Bundestagswahl 1969 formierte sich ein Netzwerk rechter Kräfte, die sich von der „alten Rechten“ abgrenzte. Ausgehend von der Parole „Von der Linken lernen“ (Waldmann 1969) trieb man eine Phraseologie des „Dritten Wegs“ (jenseits von Kommunismus und Kapitalismus) voran. Stellenweise gelang es, so Dudek, auch Anschluss an Jugendliche zu finden (Dudek und Jaschke 1984, 161). Verwendet wurden dabei Gesten der Intellektualität, der Systemopposition, der Jugendlichkeit und der Konfrontation bis hin zu einer gewalttätigen Grenzüberschreitung (Sepp 2013, 8–9). Auch „die harten Rhythmen“ des Rock (Nation Europa 1967, 22) und Popkultur allgemein (Eichberg 1969) wurden durchaus positiv diskutiert.121 „Manch einer der Neurechten bevorzugt Jeans und 121 Allerdings wurden auch Aufrufe gegen „imperialistische Moden“ und für eine neue deutsche Volksmusik publiziert, die linke Texte gegen einen „Rockmusik-Kretinismus“ positiv zitierten (o. A. 1977, 13–14). 166 Schulze, Etikettenschwindel lange Haare“, wusste Mitte der 1970er Jahre das Magazin Der Spiegel zu berichten (Der Spiegel 1975, 28). Das Äußere mancher Nationalrevolutionäre entsprach also eher dem Erscheinungsbild von Linken und der rebellierenden Jugend. Der damalige Protagonist Henning Eichberg beschrieb den Typus des aufständischen Studenten halb distanziert, halb fasziniert: Martialische Mähnen und Bärte gehörten zu seiner mit Uniformstücken besetzten Tracht. Die bei heutigen Rockern wieder beliebte Kombination von Haar und Leder verstärkte sein aggressives Auftreten, wenn er mit Rädersporen und Rapier durch die Gassen klirrte, neben sich meist einen riesigen Schlachterhund, und aus überlanger Pfeife übelriechenden Tabak qualmend. (Eichberg 1970, 28) Auch auf der Ebene der Theorie und in den Parolen wurde auf die Linke Bezug genommen. Slogans der maoistischen KPD/ML und der trotzkistischen „Jungen Garde“ sollten einen Austausch mit jenen Linken ermöglichen, die sich für die „nationale Frage“ offen zeigten. 1970 wurde bei einer Demonstration von einer Bochumer Basisgruppe ein Flugblatt verteilt, das „unter der den Trotzkisten (gegen deren Protest) entwendeten Parole stand: ‚Die Spaltung Deutschlands ist die Spaltung des deutschen Proletariats‘.“ Zu den Linken konnten aber letztlich keine beziehungsweise „nur sporadische Kontakte“ hergestellt werden (Singer 1971, 5–6).122 Henning Eichberg veröffentlichte unter dem Pseudonym „Thorsten Sievers“ eine Reihe von Revoltesongs, in denen die Antiestablishment-Haltung der Nationalrevolutionäre einen musikalischen Ausdruck fand.123 Die Lieder wurden im Abendprogramm der „Jungeuropäischen Arbeitstagung“ 1968 in Coburg anhand einer Tonbandaufnahme aufgeführt (Diego 1968, 54). 122 Beim Autor des Textes handelt es sich um Henning Eichberg, der hier unter Pseudonym schrieb. 123 Die Songs sind im Band von Bartsch teilweise dokumentiert (Bartsch 1975, 239–240). Die Veröffentlichung der Liedtexte erfolgte zudem verstreut in verschiedenen Periodika der Neuen Rechten, beispielsweise das Revolutionslied (Sievers 1977a) und Das Lied von der Entfremdung (Sievers 1978) in Neue Zeit oder der Revoltesong in Im Brennpunkt (Sievers 1970, 2). Die „Jungen Nationaldemokraten“ aus Nordrhein-Westfalen veröffentlichten Aufnahmen einiger dieser Lieder später auf einem CD-Sampler (JN 1996). 167 Öffnungen, Entwendungen Die unter dem Eindruck der enttäuschend verlaufenen Bundestagswahl 1969 stehende „alte Rechte“ zeigte sich über die Nationalrevolutionäre wenig erfreut. Der NPD-Vorsitzende Thadden klagte: „Sie nehmen die Sprache an, die die Linken zu einem gängigen Jargon haben werden lassen.“ (Der Spiegel 1975, 29) Auch der Hamburger Nationalsozialist Jürgen Rieger grenzte sich ab (Rieger 1972). Nur im Zuge der „Aktion Widerstand“ 1970/1971 kam es zu einer kurzzeitigen Kooperation (Kopke 2010). Zwischen 1971 und 1972 wuchs die gesamte Neue Rechte laut Berichten des Bundesamts für Verfassungsschutz von 400 auf 1.000 Anhänger (Sepp 2013, 19). Eine wichtige Institution mit nationalrevolutionärer Ausrichtung war zeitweise die 1968 gegründete, rund 40 Mitglieder zählende Westberliner Gruppe „Außerparlamentarische Mitarbeit“ (APM) (APM 1971, 8), die Veranstaltungen, Flugblattaktionen und Demonstrationen organisierte und in Neukölln ab 1970 ein Ladenzentrum betrieb (Sepp 2013, 101). Neben Aufklebern veröffentlichte die APM einerseits ein betont intellektualistisch-asketisch gestaltetes Theorieorgan namens Ideologie & Strategie sowie eine Jugendzeitschrift mit dem Titel Der Rebell. Letztere erschien zweimonatlich und erzielte eine Auflage zwischen 2.000 und 17.000 Exemplaren, die in Kneipen und auf Schulhöfen verteilt wurden. Die Ähnlichkeiten der frühen Nationalrevolutionäre mit den späteren AN – ästhetische und parolenförmige Orientierung an der Linken, rebellische Gesten, Jugendlichkeit – sind frappierend. Dennoch gibt es wichtige Unterschiede: Die Nationalrevolutionäre waren an intellektueller Erneuerung und tendenziell eher an rationaler statt an mythologischer Theoriefindung interessiert und dabei explizit nicht-nationalsozialistisch ausgerichtet. Sie sind darum nicht oder nur sehr indirekt als Vorläufer der AN zu bewerten. 168 Schulze, Etikettenschwindel 5.2.1 Der völkische „Scheitel“ Der völkische „Scheitel“124, so die hier vertretene These, existiert seit den 1970er Jahren bis heute fort und ist einer der kulturellen Idealtypen, die das Spektrum des gegenwärtigen Neonazismus ausmachen. Seine Namensgebung schöpft sich aus der in diesem Spektrum weit verbreiteten Frisur, welche zudem die kulturelle Orientierung des völkischen „Scheitels“ versinnbildlicht.125 124 Das Attribut „völkisch“ diente im Nationalsozialismus größtenteils als Synonym für „nationalsozialistisch“; die NSDAP sah sich als Speerspitze der völkischen Bewegung (Benz 2006, 26). Die Verwendung hier ist sinnvoll, weil sie begrifflich neben dem Bezug auf den Nationalsozialismus auch auf blutbestimmte „Volkstümlichkeit“ verweist. Antimodernität und der mythisch-romantisierende Vergangenheitsbezug des „Scheitels“ sind zusätzlich angesprochen, genauso wie eine Sehnsucht nach „Arteigenheit“ und „Natürlichkeit“ und die militaristischen, aggressiv-soldatischen Elemente. 125 Auch unter Neonazis ist der Begriff „Scheitel“ gebräuchlich, sowohl affirmativ als auch als pejorative Bezeichnung für andere Neonazis, deren als aufgesetzt wahrgenommenes „völkisches Bewusstsein“ kritisiert wird. Abb. 3: Treffen des „Kampfbundes Deutscher Sozialisten“ (Schulze 2009b, 35) 169 Öffnungen, Entwendungen 5.2.1.1 Selbstverständnis: antimoderne, asketische Kämpfer Das Selbstverständnis lässt sich in drei Stichworten umschreiben: Völkische „Scheitel“ verstehen sich - erstens als politische Kämpfer für den Nationalsozialismus, sie stehen „für die Schaffung einer wahren und echten Volksgemeinschaft“ (Engelhardt 2003, 18). - Zweitens sind sie antimoderne Konservative, die allerorten den Verfall deutscher Kultur wittern, welche 1945 durch „die plutokratischen Feinde des Westens und die bolschewistischen Feinde des Ostens barbarisch zunichte gemacht“ (Engelhardt 2003, 18) worden sei. Ihr Stil grenzt sich vom Jetzt ab und betont ihre Gestrigkeit in vollem Bewusstsein. - Drittens kommuniziert der Stil soldatische Selbstkontrolle und Askese. Schon das Auftreten und die Kleidung von Kühnen selbst deuteten darauf hin. Der Journalist Giovanni di Lorenzo beschreibt Kühnen als einen „Neonazi-Anführer mit […] meist ganz in Schwarz gehaltenem Outfit, mitsamt Koppelschloss und Knobelbecher“ (di Lorenzo 1989, 234). Gleichzeitig betont der völkische „Scheitel“ eine romantische Naturnähe und eine unprätentiöse, bodenständige Volkstümlichkeit. Der Stil des völkischen „Scheitels“ und seine Formen drehen sich um das „Re-Enactment“ der historischen Vorlagen des Nationalsozialismus (Wamper et al. 2011, 285). 5.2.1.2 Pathetischer Sprachstil Programmatisch zusammengefasst sind die entsprechenden Positionen in einer Rede, die Wolfram Nahrath, ehemaliger Bundesvorsitzender der „Wiking-Jugend“, am 1. Mai 2014 bei einer NPD-Demonstration in Rostock hielt: 170 Schulze, Etikettenschwindel Deutsche Männer und Frauen, in einer Zeit, in der selbst diejenigen, die es mit unserem Volke gar nicht gut meinen, sich getrost als Feinde, desselben bezeichnen lassen müssen, im Zustand seines Daseins, mit dem der spätrömischen Dekadenz vergleichen, in einer Zeit, in der die Erwähnung des Begriffes Volk, insbesondere, wenn man damit unser, das deutsche Volk meint, gegen jene spätrömischen, teilweise schon pervertierten, Gesellschaftsdekadenzler heutiger Zeit in Schockstarre verfallen lässt, sofort das Gekeife, kinderloser Schreckschrauben beginnt und sich missmutig warnende Zeigefinger, aus bestimmten Glaubensgemeinschaften, in den wabernden Nebel des multikulturellen Baldachins bohren, in solchen Tagen wie heute müssen jene, müssen wir, denen das geschichtsmächtige Volk der Deutschen am Herzen liegt, besonders standhaft sein und von der Heiligkeit unseres Volkes sprechen. […] Wir müssen zeigen und hier zeigen wir es wieder, dass es standfeste Menschen gibt, die das deutsche Volk, als ihren höchsten Gemeinschaftswert, als ihr kostbarstes Gut ansehen und dieses, ihr Volk, wie auch alle anderen Völker in Europa und der Welt, mit aller Macht, dem geplanten globalen Genozid entreißen wollen. […] Mit dem militärischen Niederschlag und einem Aderlass der Besten in zwei Weltkriegen wollte in Deutschland im Laufe der letzten vier Jahrzehnte, nun mehr allmählig die Installierung der multikulturellen Gesellschaft einher gehen mit einem starken Geburtenschwund der einheimischen Bevölkerung und im massenhaften Eindringen fremder Menschen in unseren angestammten Lebensraum. Ein wahrhaft teuflischer Plan, [der] einen globalen Völkermord, nie gekannter Größe nach sich ziehen soll. (Nahrath 2014) Kinderlose „Schreckschrauben“, „Multikulti“, die demografische Entwicklung sind für Nahrath Symptome einer herrschenden Dekadenz, die seit dem Ende des Nationalsozialismus eingebrochen sei. Ein „Völkermord“ an den Deutschen sei im Gange, der planvoll umgesetzt werde. Die Erwähnung von „bestimmten Glaubensgemeinschaften“ lässt dabei die antisemitische Ausrichtung aufscheinen. Zentraler Wert ist für Nahrath das deutsche Volk, das offenkundig nicht als Staatsvolk verstanden werden kann, sondern durch den Blutsgedanken gefasst ist. „Volk“ hat im Denken Nahraths eine über irdischen Belangen stehende Aufladung, es zeichne sich durch „Heiligkeit“ aus und sei das „kostbarste Gut“. Die eigenen Reihen werden mit Attributen wie „standhaft“ und „standfest“ belegt. Sie stünden in der Traditionslinie der in den Weltkriegen verlorenen „Besten“ 171 Öffnungen, Entwendungen und würden sich in ihrer Anständigkeit für den Erhalt Deutschlands einsetzen. Einen Ausweg aus der Misere lässt die Rede Nahraths offen, legt aber eine Rückkehr zum Geist von vor 1945 nahe – bestätigt durch die bei der Demonstration gerufene Parole „Nationaler Sozialismus – Jetzt“. Im Sprachstil von völkischen „Scheiteln“, wie er in der Rede Nahraths exemplifiziert ist, lässt sich eine Kontinuität zum Sprachgebrauch in historischen faschistischen Bewegungen ausmachen. Klassische faschistische Rhetorik zeichne sich, so Volmert, durch folgende Merkmale aus: - häufige Verwendung von Adjektiven; - Massierung von Superlativen und Steigerungen; - üppiger Gebrauch von Archismen und Metaphern und Neigung zur Biologisierung; - relativierende, nuancierende Prädikatsadverbien („meiner Meinung nach“) sind selten (Volmert 1989, 141). Adjektive („geschichtsmächtig“), Superlative („höchster Gemeinschaftswert“), Archismen („Baldachin“, „wahrhaft teuflisch“), biologische Sprachbilder („Schockstarre“, „Eindringen“) sind in der Tat zuhauf zu finden, Relativierungen fehlen hingegen. 5.2.1.3 Alte Glorie gegen die heutige „Minuswelt“ Das Ziel des völkischen „Scheitels“ ist die Wiederherstellung des Nationalsozialismus, wie er von 1933 bis 1945 in Deutschland bestand. Er selbst imaginiert sich als Kämpfer für „seine geschändete Heimat“ (Reinhard 1989). So wie die Nationalsozialisten mit der Weimarer Republik das „Schanddiktat von Versailles“ überwunden hatten, wollen völkische „Scheitel“ das heutige Deutschland befreien, welches „zerstückelt und in Feindeshand, besetzt von fremden Horden“ (Rennicke 1989) sei. Seit dem Kriegsende 1945 seien „zwar die rein biologischen Verluste, nicht aber die geistig-kulturellen ausgeglichen“ worden (Engelhardt 2003, 15). Die Zerstörung Deutschlands sei so weit fortgeschritten, dass der „deutsche Ty- 172 Schulze, Etikettenschwindel pus“ nur noch rudimentär vorhanden sei: „Der heutige Staat Deutschland ist nurmehr ein Rumpfstück, anmaßend und selbstbewußt aber führt er in seiner Staatsbezeichnung das Wort Deutschland.“ (Engelhardt 2003, 16) Ähnlich grenzt auch das „Infoportal Rhein-Neckar-Main“ das heutige Deutschland von der alten deutschen Größe ab und beklagt einen Werteverfall: Die BRD hat es geschafft, den Großteil des deutschen Volkes mit falschen Werten so zu beeinflussen, dass grundlegende, moralische Vorstellungen gänzlich außer Kraft treten. (Infoportal Rhein-Neckar-Main 2012) Schon Michael Kühnen hatte die Jetztzeit als eine defizitäre „Minuswelt“ (Brehl 2009b) bezeichnet. Das politische System der parlamentarischen Demokratie wird mit Dekadenz in eins gesetzt und deshalb gleichermaßen abgelehnt. Pierre Dornbrach, Leiter der Bildungsarbeit der „Jungen Nationaldemokraten“, legt in einem Diskussionsbeitrag dar, dass er die Parole „Die Demokraten bringen uns den Volkstod“ für strategisch richtig und inhaltlich wahr erachtet. Die Parole stelle einen angemessenen Zusammenhang her zwischen „Demokratie“ und Motiven wie „Leichenbergen, Lagern und Angst“ (Dornbrach 2012, 21). Der historische Nationalsozialismus ist für völkische „Scheitel“ Vorbild und Faszinosum in jeder Hinsicht. Denn während dieser Zeit habe sich der „deutsche Volksgeist“ ungehindert entfalten können. Die germanischen Mythen als dessen Grundlage hätten sich im Nationalsozialismus gespiegelt: Die Göttersagen berichten von der geistigen Gestalt des germanischen Menschen, von seiner Seelenart. Wir alle sind Wotan, Donar und Freja, wir alle haben einen Loki in uns und trauern um einen getöteten Baldur. […] Diese Geschichten spielen nicht in einer versunkenen Vergangenheit, sondern in den tieferen Schichten unserer lebendigen persönlichen Seele! Zugleich aber spielen sie auch in der Geschichte unseres Volkes, in seinen lichten und seinen tragischen Augenblicken. War es nicht, als würden die Götter erscheinen an jener Olympiade 1936, den die unvergeßliche Leni Riefenstahl in ‚Fest der Völker‘ festgehalten hat? (Schaub 2003, 5) 173 Öffnungen, Entwendungen Das Heute wird stets im Abgleich mit dem völkischen Bild der Vergangenheit betrachtet und ist schon allein dadurch disqualifiziert, weil das alte Gute nicht mehr geschätzt werde: „[Man] schob die Schuld auf jenen Mann, der nur den Frieden wollte und dem sein Volk, verblendet dann, nur schnöden Undank zollte.“ (Rennicke 1989) Die Liedzeile von Frank Rennicke würdigt den Hitlerstellvertreter Rudolf Heß, dessen Einsatz für „Frieden“ im heutigen Deutschland keine Würdigung finde – dem verblendeten Volk fehle die Möglichkeit, seine Größe zu erkennen. Der völkische „Scheitel“ selbst will in seinem politischen Kampf „charakterfester Kämpfer für die Wahrung der nationalen Identität und gegen Dekadenz und Geschichtsfälschung“126 sein. Es geht, so die 2009 verbotene „Heimattreue Deutsche Jugend“ (HDJ), gegen die „Verenglischung unserer Muttersprache“ und „die Abwertung des Lebens durch Oberflächlichkeit, Beliebigkeit, Kulturlosigkeit und Verrohung“ (Heimattreue Deutsche Jugend 2009). Stattdessen setzt man auf eine Lebensführung, die sich ganzheitlich in einem gesunden Körper, Geist und Charakter widerspiegelt. Für ein Leben mit Tradition und Werten wie Aufrichtigkeit, Wahrhaftigkeit, Hilfsbereitschaft, Kameradschaft, Treue. (Heimattreue Deutsche Jugend 2009) Ziel der völkischen „Scheitel“ ist es, den „geistigen Rassetypus“ als Beistück des genetisch vorbestimmten „physischen Rassetypus“ (Schaub 2003, 4) der Deutschen zu erhalten: Anders als beim Tier handelt es sich hier beim Menschen um eine Kultur- und Erziehungsaufgabe. Wenn ein Pferdefohlen in einem Hühnerhof aufwächst, so können ihm die Hühner lange was vorgackern, die Antwort des Pferdes wird immer ein Wiehern sein. Beim Menschen ist das nicht so einfach. Wer vor dem Fernseher mit Trickfilmen, Seifenopern und Pornographie aufwächst, der endet – nicht zwangsläufig, aber wahrscheinlich – als Teilnehmer irgend einer ‚Love-‘ oder ‚Streetparade‘. Der geistige Rassetypus muss also von 126 So eine Charakterisierung des Autoren Peter Dehoust in der rechtsextremen Zeitschrift „Nation & Europa“ (Nation & Europa 2001, 8). 174 Schulze, Etikettenschwindel den Erziehern erst hervorgeholt und vervollständigt werden. Dort, wo das gelingt, spricht man von Kultur. Alles andere kann man höchstens Zivilisation nennen, in Wirklichkeit aber ist es Entartung. (Schaub 2003, 4–5) Der „geistige Rassetypus“ müsse, so Schaub, durch Erziehung wieder zur Entfaltung gebracht werden. Was als Kultur gelten könne, sei über die „Rasse“ vorbestimmt und zwar durch Zersetzung kompromittierbar, eigentlich aber statisch. Ausdruck „wahrer Kunst“ seien „die wunderbaren Werke von Goethe, Schiller oder Rembrandt und Dürer. Schaut man sich die heutige Kunst […] an, dann erkennt man leicht, daß kein Werk von langer Dauer ist.“ (Kempe 2005a, 14) Daneben zeige sich „deutsche Weltanschauung“ beispielsweise in einer Nähe zum Wald, der ein „Lebenselement des deutschen Volkstums“ sei, oder in „bäuerlichen Sitten“ (Jugend wacht 2005). Das Heute biete aus Sicht der völkischen „Scheitel“ vielfältige zersetzende Angebote, die zurückgewiesen werden müssten. Für den völkischen „Scheitel“ ist ein individuell „richtig“ geführtes Leben darum durch Verzicht auf das gekennzeichnet, was den verblendeten „Volksgenossen“ selbstverständlich erscheint. Die gute Lebensführung ist durch ein Weniger, durch asketischen Benimm und durch Kontrolle charakterisiert – so widersteht das Individuum der Dekadenz und wirkt gleichzeitig politisch-präfigurativ als Vorbild für die eigene Weltanschauung nach außen. Ausgenommen vom Askesegebot wird häufig der Konsum von Bier, der als „volkstümlich“ und darum als akzeptabel oder gar als wünschenswert dargestellt wird. Der Verzicht, der geübt werden soll, reicht von der bereits erwähnten Vermeidung von Anglizismen und der Ablehnung von Popkultur bis zu Ernährung und Mode. Das Internetportal Etschlichter proklamiert: Abb. 4: Aufkleber (Kameradschaftsbund Barnim 2003) 175 Öffnungen, Entwendungen Lieber Hunger als Döner und Big Mac! […] Auch wenn es zunächst schwerfällt, vermeide Fremdwörter, übersetze sie ins Deutsche. […] Das gilt auch für Dein äußeres Erscheinungsbild: Deutsche Kleidung, statt ‚Jeans‘ und ‚Hip- Hop‘-Klamotten! Nur so können wir auch andere Deutsche von der Richtigkeit unserer Sache überzeugen! (Etschlichter 2014b) Das Portal Freies Pommern fügt in einem fast wortgleichen Text hinzu: „Lerne deutsche Gedichte und Lieder. (Damit ist nicht Rockmusik gemeint!)“ (Freies Pommern 2010) Die allpräsente Ablehnung von „Dekadenz“ ist auf der einen Seite eine Übernahme des Kulturpessimismus der historischen Nazis, die in der Denktradition von Autoren wie Julius Langbehn (Langbehn 1890), Paul de Lagarde (Lagarde 1892), Oswald Spengler (Spengler 2011) oder Arthur Moeller van den Bruck (Moeller van den Bruck 1923) standen. Auf der anderen Seite zeigt sich eine Sehnsucht nach der alten Zeit des Nationalsozialismus. Völkische „Scheitel“ sind in Gedanken an die alten politischen Kämpfe und die deutsche Glorie von einst gebunden und verorten sich selbst darin. Die alten Denkkoordinaten, in denen sich völkische „Scheitel“ bewegen, sind spürbar nicht mehr passgenau – und das verübeln sie dem Heute. Der Liedermacher Jörg Hähnel betitelte seine 1997 erschienene Debüt-CD als Lieder in klangloser Zeit (Hähnel 1997). Auf dem Cover ist ein Stich des NS-Grafikers Georg Sluyterman von Langeweyde (1903-1978) abgebildet. Nur das ursprünglich enthaltene Hakenkreuz wurde durch eine strafrechtlich weniger bedenkliche Triskele ersetzt. Die gleiche Rückwärtsgewandtheit drückt sich im Slogan Ich bin nicht modern – ich fühle deutsch aus, dem Titel eines 1993 erschienenen Albums des neonazistischen Liedermachers Frank Rennicke (Rennicke 1993). Die Gegenwart ist dem völkischen „Scheitel“ ein Albtraum, weil sie aus seiner Sicht nicht nur die alten, nationalsozialistischen Gefühle und Werte ablehnt, sondern diese durch andere ersetzt oder jede Wertorientierung auf- Abb. 5: Albumcover (Rennicke 1993) 176 Schulze, Etikettenschwindel gegeben habe. „Konsum- und Markenzeitgeist lehnen wir ab“, erklärte die „Heimattreue Deutsche Jugend“ (HDJ), bei ihr zählten stattdessen „innere Werte“: „Haltung, Charakter und Auftreten“ (Heimattreue Deutsche Jugend 2009). Strammstehen, Gehorsam und militärischer Drill sind die Eckpunkte, an welchen die HDJ ihre Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ausrichtete (Röpke 2008). Dies spiegelt sich im modischen Stil. Beliebt bei den Männern sind exakte Frisuren – genannt „Kante“ oder eben „Scheitel“ (Flad 2001, 101). Die Frisuren entsprechen den historischen Vorbildern und drücken damit einen NS-Bezug genauso aus wie einen allgemeinen Konservatismus. Die gern getragenen Flanellhemden und die seit den 2000er Jahren besonders populär gewordenen Zimmermannshosen verweisen auf Bodenständigkeit und auf völkisches, volksnahes Bewusstsein. Bei Versammlungen wurden und werden hingegen zuweilen Uniformen der jeweiligen Organisation getragen. Beispielsweise hatten die „Wiking-Jugend“, die HDJ und der „Kampfbund Deutscher Sozialisten“ (KDS) eigene Uniformen. Sie sind nicht nur als Bezug auf beispielsweise die HJ zu betrachten, sondern auch als Hinweis auf die völkischen Jugendbewegungen vor und während des Nationalsozialismus (Botsch 2008). Weibliche Neonazis dieser Orientierung bevorzugen typischerweise Langhaarfrisuren oder Zöpfe sowie Rökke und Blusen als Kleidung. „Wir suchen den Frischen und nicht den Blassen“, warb die HDJ für sich und verdeutlichte so, dass die selbstverordnete Kontrolle und Urwüchsigkeit bis in die eigene Körperlichkeit hineinreicht. Die HDJ wollte mit ihren Angeboten „den Kerl und nicht die Massen“ ansprechen (Freies Netz Altenburg 2009). Ein eigenproduzierter Werbefilm über einen Segeltörn der „Jungen Nationaldemokraten“ arbeitet in seinen Bildern ebenfalls einen Kameradschaftsgeist unter jugendlichen Männern heraus, die in homosozialer Gemeinschaft an der frischen Luft ihren Körper stärken (JN 2011). „Nationalsozialismus“ fungiert auch als ein Versprechen, als ein Sehnsuchtsort, durch den sich Widersprüche und Entfremdung auflösen ließen. Vor diesem Hintergrund wird auch die Rührung verständlich und glaub- 177 Öffnungen, Entwendungen haft, die Thomas Brehls in seiner Autobiografie in einem Bericht über eine Neonazi-Versammlung in Belgien schildert, als zum Abschluss ein „Schelde-Chor“ auftritt: Bei ‚Als die gold’ne Abendsonne…‘ standen vielen der Anwesenden vor Ergriffenheit die Tränen in den Augen und die Textstelle ‚Dreimal krachten dann die Salven, er blieb Adolf Hitler treu!‘ war für die meisten auch persönliches Bekenntnis und Vermächtnis. (Brehl 2009b) Das „Artfremde“ kulminiert für den „Scheitel“ symbolhaft in der antisemitisch grundierten Figur eines US-amerikanischen, politischen und kulturellen Imperialismus und wird darum als politischer Hauptfeind benannt. Schon Kühnen hielt im etwa 1979 geschriebenen Lexikon der Neuen Front fest: Der Amerikanismus ist die extremste Ausprägung bürgerlich-materialistischer Lebenshaltung […] und damit die Hauptkraft der heutigen Dekadenz. Es handelt sich […] um eine gezielte und gesteuerte Entwicklung mit dem Ziel der Vernichtung d Georg er gewachsenen Völker und zur Schaffung eines weltweiten, leicht lenkfähigen und manipulierbaren Einheitsmenschen […]. (Kühnen o.J., 5) In Nation Europa wurde der kulturelle Einfluss aus den USA als politisches Projekt zur politischen „Charakterwäsche“ junger Deutscher beschrieben, die eine nationalistische Jugendbewegung behindere: Die heutigen jungen Bundesdeutschen können sich der Medienüberflutung, dem Disco-Rummel und der kommerzialisierten Jugend-‚Kultur‘ kaum entziehen. […] So ist es nicht verwunderlich, daß in einem Klima der kulturellen Müllhalden-Produktion die Einebnung und Vernichtung unserer heimatlichen und nationalen Überlieferung schnell voranschreitet. In einem solchen Klima kann eine unbefangen-selbstbewußte nationale Haltung junger Deutscher vor allem deshalb schlecht gedeihen, weil sich die Amerikanisierung mit der politischen Charakterwäsche verbindet. (Müller 1987, 23) 178 Schulze, Etikettenschwindel Völkische „Scheitel“ pflegen ein elitäres Bewusstsein und fühlen sich als idealistische Kader dieser neuen Bewegung. „Demaskierende“ Parolen hätten die „schlummernde Unzufriedenheit“ der Bürger „im Sinne unserer politischen Richtung kanalisiert“, resümierte paradigmatisch ein völkischer „Scheitel“ den Erfolg eines Aufmarsches (Erb 2006, 161). Wer andere „kanalisieren“ möchte, der offenbart, dass er sich selbst als überlegener Agitator sieht und nicht etwa eine Diskussion auf Augenhöhe führen möchte. In der JN-Zeitschrift Der Aktivist wurde 2010 über das Pfingstlager der organisationseigenen „IG Fahrt und Lager“ von etwa 80 jungen Neonazis berichtet. In schwärmerischem Tonfall wird die Atmosphäre beschrieben: Die Kameraden in den Zelten hatten eine lange und anstrengende Nacht hinter sich gebracht. […] Sie scheinen noch tief in ihren Träumen gefangen, bis laute Trommelschläge und der Ruf: ‚Lagermannschaft aufstehen! Fertig machen zum Frühsport!‘ über den Lagerplatz hallt. […] Die Fahne der Freiheit erhob die jungen Mitstreiter unserer Bewegung mit ihrem schwarzen Ton zu der Tat, die sich Beispiel an der heroischen Vergangenheit unseres Volkes und der Persönlichkeiten, die von ihm hervorgebracht wurden nimmt. Das Wehen im frischen Morgenwinde läßt die Glut unserer Herzen zu der großen Flamme werden, die einst auch in jedem Volksgenossen steckte. Wir wollen brennen, so hebt die Fahnen. (Der Aktivist 2010, 10) 5.2.1.4 Das Lied als musikalische Form der völkischen „Scheitel“ Die Musik von neonazistischen Liedermachern wie Frank Rennicke (Jahrgang 1964) darf als adäquate Vertonung des „Scheitel“-Lebensgefühls gelten. Die Darbietungsform des Liedes kam gesamtgesellschaftlich in der Bundesrepublik in den 1960er Jahren zu größerer Popularität. Eine regelrechte Liedermacher-Bewegung formierte sich. Bedeutend waren die Treffen auf der Burg Waldeck im Hunsrück, an denen beispielsweise Franz-Josef Degenhardt, Hannes Wader, Reinhard Mey und Hanns-Dieter Hüsch teilnahmen (Schneider 2005). 179 Öffnungen, Entwendungen Frank Rennicke nennt nicht etwa altes SA- oder HJ-Liedgut, sondern den seit 1967 veröffentlichenden und politisch als linksliberal verorteten Reinhard Mey als musikalisches Vorbild (Fritz 2014).127 Stilistisch ist das neonazistische Lied, vorgetragen meist von Solointerpreten, also durch die Entwicklungen der 1960er Jahre inspiriert. Eingeschrieben ist ihm jedoch ein Bezug auf das – typischerweise in Gruppen gesungene – Lied aus der nationalsozialistischen Zeit und seinen Vorläufern zwischen Lagerfeuerromantik und bündischer Jugend. Die, so Eckhard John, „erfundene Tradition“ des „deutschen Volkslieds“ gilt ihm dabei als Referenz und Ursprungspunkt (John 2014). In der Lesart von völkischen „Scheiteln“ strahlt solche Musik Konservatismus und eine antimoderne Einstellung aus: Sie ist nicht elektronisch verstärkt und musikalisch weit entfernt vom angloamerikanischen Rock ’n’ Roll mit seinen schwarzen Wurzeln. Damit sei sie legitimes kulturelles Ausdrucksmittel, ein Kampfesruf, der gegen die leere, aber allpräsente moderne, populäre Kultur steht: [Diese] Musik ist überall, kaum ein Platz, an dem es nicht aus irgendwelchen Lautsprechern dudelt. […] Tiefe Musik dagegen hat Symbolkraft, sie ist keine Stimmungskunst. […] Zum Kampf, zum Widerstand fordert sie auf. […] Freiheit, Freiheit und immer wieder Freiheit – so klingt es aus ihr heraus. Die moderne Musik […] will alles beherrschen, alles ausbeuten, nichts darf mehr frei bleiben – sie ist Politik, sie ist Wirtschaft, ihr Takt ist die Macht! (Mayer 2014, 17) In einem Interview in der Zeitschrift Der Weiße Wolf wurde Frank Rennicke darauf angesprochen, ob er verstehe, wenn ihn andere als „Spießer“ wahrnehmen würden. Die Antwort: 127 Der ehemalige NPD-Funktionär Andreas Molau erwähnt in einem Interview zu seinem Rückzug aus der extremen Rechten ebenfalls, dass ihn als extrem rechter Jugendlicher die Musik Reinhard Meys fasziniert habe (Staud und Schlieben 2013). Besonders das Lied Poor Old Germany habe ihm gefallen, in dem Mey eine Verenglischung der deutschen Sprache beklagt (Mey 1980). 180 Schulze, Etikettenschwindel Was an mir ‚spießig‘ sein soll, sollte man mir mal sagen. Natürlich bin ich kein Saufkumpel, halte mich mit Kraftausdrücken zurück, trage weder amerikanische Bomberjacke noch Domestos-Levis-Jeans und werde auch künftig versuchen, das preußische Wort ‚mehr sein als scheinen‘ zu beachten. Weil man auch mit vierunddreißig Jahren noch kurze Hosen trägt (hatte auch die Wehrmacht), sich um die Familie sorgt (Brutpflege ist in der Natur das Wichtigste zum Erhalt der eigenen Art) und eher ruhige Töne liebt, ist man doch nicht ‚spießig‘! Der heutige Spießer kann Baseballkappe tragen, sich ständig betont lässig und kühl geben und trotzdem langweilig und engstirnig sein. Da ich selber lange Jahre in der nationalen Jugendbewegung verbrachte, wo der Zeitgeist und das Spießertum sehr abgelehnt wurden, erlaube ich mir hierzu auch eine eigene Meinung. (Der weiße Wolf 1998) 5.2.1.5 Ablehnung von Pop-, Jugendkultur und Mode Da der „Zeitgeist“ abgelehnt wird, liegt es nahe, dass auch die seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs entstandenen Jugendkulturen verdammt werden. Körperschmuck wie Piercings und Tätowierungen gelten als „kulturfremd“ und „ungesund“: Dass es sich bei dieser Art der Provokation [Körperschmuck] um etwas absolut Kultur fremdes handelt, war für die linksalternativen Kreise, die diese Entwicklung der Selbstverstümmelung einst lostraten, natürlich bestens geeignet, da sie so in ihrem Selbsthass einmal mehr eigene Kultur durch Fremdartigkeit ersetzen konnten. […] Noch vor 60 Jahren wäre es keinem gesund denkenden Deutschen in den Sinn gekommen, sich selbst Schaden zuzufügen, da ein gesunder Körper Voraussetzung dafür ist, möglichst viel in die Volksgemeinschaft einbringen zu können, welche Grundlage eines jeden sozialen Zusammenlebens darstellt. (Infoportal Rhein-Neckar-Main 2012) Diese Haltung bei den völkischen „Scheiteln“ schließt an entsprechende Vorstellungen bei noch lebenden alten Nazis an. Für völkische „Scheitel“ sind diese „Veteranen“ von besonderer Bedeutung, weil über sie eine Kontinuität erlebbar und eine authentische Erzählung über die Glorie der Vergangenheit weitergegeben werden kann. Die Holocaust-Leugnerin Ur- 181 Öffnungen, Entwendungen sula Haverbeck-Wetzel, Jahrgang 1928, verarbeitete ihre Eindrücke vom Rudolf-Heß-Marsch in Wunsiedel 2004 zu einem fiktiven Dialog zwischen Heß und dem Germanengott Heimdall. Die für den Gedenkmarsch versammelten Neonazis wirkten auf den Beobachter Heß konsternierend, denn sie trugen Ohren- und Nasenringe und glitzernde Knöpfe an Nasenflügeln und Schläfen. Sie waren tätowiert und hatten kahlgeschorene Schädel wie Kriegsgefangene. […] Junge Deutsche würden sich nicht nach ihren Feinden richten. Sie würden ganz normal und korrekt aussehen, nur eben besonders ordentlich und sauber und in gebügelten Hemden. Und dann dies schreckliche Tam-Tam-Tam der Urwaldtrommeln, das sogar noch Volksliedern unterlegt wurde. Überhaupt die Musik bei dem sog. Trauermarsch, die war ein Trauerspiel. Wenn ich da an unsere Spielmannszüge denke. (Haverbeck 2004) Solche Positionierungen werden von völkischen „Scheiteln“ aufmerksam registriert und meist mit Zustimmung gewertet. Auf die Präsenz von Abb. 6: Konzert von Frank Rennicke (Rheker 2002) 182 Schulze, Etikettenschwindel Jugendkulturen, auf popkulturelle Elemente, auf ungesunde Verhaltensweisen innerhalb der extrem rechten Bewegung reagiert der „Scheitel“ tendenziell mit Ablehnung. Die eigenen Ideale dürften sich nicht in Lippenbekenntnissen erschöpfen, sondern müssten in jeder Hinsicht gelebt werden, wenn man authentisch sein wolle. In der Zeitschrift Der weiße Wolf beklagt ein Neonazi die Lücke zwischen dem Anspruch, eine militante politische Bewegung zu sein, und der Realität, die häufig von sinnlosen Alkoholexzessen geprägt sei. „Ich gehe lieber zu einem Konzert, als zu einem Gedenkmarsch eines großen deutschen Führers“, sei eine Einstellung, die zu häufig anzutreffen sei. Das Verhalten mancher „Kameraden“ ähnele dem von Jugendbanden, die „versuchen, mit ihren blank polierten Stiefeln die Blicke auf sich zu ziehen“. Der Autor erklärt weiter: „Früher wurden abstoßende Leute […] einfach hinausgeworfen, aber jetzt bilden diese asozialen Leute ihre eigenen ‚Organisationen‘.“ Statt mehr Musik brauche es mehr „disziplinierte Kämpfer“. Der Text ist garniert mit zwei Abbildungen: mit einem Foto von zwei betrunkenen, Zigaretten rauchenden Skinheads, die mit freiem Oberkörper vor einer Hakenkreuzfahne posieren. Das zweite Foto ist offenbar ein Propagandabild aus dem Fundus des Nationalsozialismus. Es zeigt eine Gruppe von muskulösen, schlanken Männern mit Scheitelfrisuren, die mit freien Oberkörpern auf einem Acker Landarbeit leisten. Die Beizeile zu den kontrastierenden Fotos lautet: „Was ist artgerechtes, konsequentes Verhalten?“ (Ulex 2003, 44) Für Hans-Dietrich Sander ist, ganz in Diktion der völkischen „Scheitel“, ein westlicher Lebensstil kulturzerstörend. Die deutsche Jugend müsse zu einem tatsächlichen Deutschtum „zurückgeprägt“ werden. Dieser „Exzorzismus“ sei explizit auch an neonazistischen Skinheads durchzuführen: Abb. 7: Illustration in einer Neonazi-Zeitschrift (Engelhardt 2003) 183 Öffnungen, Entwendungen Es reicht bei dieser Befindlichkeit nicht aus, die so verfaßte deutsche Jugend aufzuklären, sie mit nationalen Parolen zu versehen und mit Begeisterung zu erfüllen. […] Es muß ein animalisches Unbehagen an den Verhältnissen hinzukommen. […] Der umerzogene Deutsche ist auf einen Typus zurückzuprägen, der überlieferungsgemäß deutsch ist - so wie ihn Niccolo Machiavelli beschrieb. […] Die Zurückprägung hat die ganze Lebenshaltung zu umfassen: Denken, Empfinden, Gewohnheiten und alle äußeren Erscheinungsformen, vor allem ist der westliche Lebensstil samt Kleider, Haar- und Unterhaltungsmoden zu tilgen, bis hin zu Protestgebärden, die nur dazu dienen, den westlichen Lebensstil im Unbehagen an ihm zu erhalten. Das heißt: Kampf den Jeans und den Diskotheken, die nur eine Botschaft verkünden: es gibt keine Völker mehr […]. Gegen die fixen Ideen Demokratie und Europa ist ein exorzistischer Kampf zu führen. […] Ihre Intensität erklärt, warum noch die handfestesten und radikalsten Typen, die sich in der Skin-Szene austoben, als westliche Tanzbären auftreten. Auch die Skin-Szene suggeriert: es gibt keine Völker mehr, deinesgleichen ist in jedem Volk ein Skin. (Sander 1995, 21) Dieses prinzipielle Misstrauen gegen Pop- und Jugendkultur wird von völkischen „Scheiteln“ aufrechterhalten als anzustrebendes Idealbild der Bewegung und als Richtschnur für den eigenen, individuellen Stil. Allerdings kann es aus politisch-taktischen Gründen aufgeweicht werden: Manche völkische „Scheitel“ haben ein instrumentelles Verhältnis zu Pop- und Jugendkultur entwickelt. Der damalige Bundesvorsitzende der JN, Michael Schäfer, bekundet 2012: „Wenn die Frage also lautet: Dürfen wir Pop sein? Dann ist die Antwort: Ja! Das müssen wir sogar, um erfolgreich zu sein.“ (Schäfer 2012, 26) Um Zugang zum „Volk“ zu schaffen, müsse die Bewegung Angebote schaffen, die für relevante Bevölkerungsschichten attraktiv seien. Das Bedürfnis nach einer völkischen Lebensweise sei, so Schäfer, angemessen und richtig. Allerdings seien Ansprachestrategien für bewegungsferne Menschen zu entwickeln, die nicht zu altbacken und gestrig wirken. Auch andere völkische „Scheitel“ äußerten sich in ähnlicher Weise, etwa der mittlerweile nicht mehr aktive Kölner Axel Reitz zu den AN (Schedler 2010, 23) und Frank Rennicke zu den Neonazi-Skinheads (Rennicke 1999b). Rennicke beklagt, dass seit 1945 Jazz und Rock dem deutschen Volk „von den Besatzungsmächten der Westzone“ aufgezwungen worden 184 Schulze, Etikettenschwindel seien. Marilyn Monroe (mit „ihrem dirnenhaften Gesäßwackelgang“) und Elvis Presley („hüftschwingend und mit Pomadentolle“) seien populär geworden, während „echte Vorbilder, wie […] Hans-Ulrich Rudel […] als ewiggestrig oder als verwerfliche Mordmaschine dargestellt“ worden seien. Mit einem nächsten „Vollangriff auf die Gesellschaft“ hätten die Beatles „Fremdrassige und Drogen“ „gesellschaftsfähiger“ gemacht und die „Saat der Frankfurter Schule“ aufgehen lassen (Rennicke 1999b, 418–420). Im selben Beitrag lobt Rennicke jedoch die Skinheads, die er zwar zutreffend als britisch und als Punk-Ableger einordnet, aber dennoch positiv bewertet. Er zeigt sich erfreut, dass sich inzwischen viele solcher neuen „nationalen Musikgruppen“ in der Öffentlichkeit bewegen, deren Texte „Sozialkritik und Nationalismus“ angemessen verknüpfen würden. Bands wie „Störkraft“, „KdF“ und „Böhse Onkelz“ seien „Vorreiter für die Vielzahl der teilweise sehr vorzeigbaren Gruppen“ gewesen, „deren Texte auch Inhalte wie Treue, Kameradschaft, Nation und Kampf“ enthielten (Rennicke 1999b, 422–423). So ist für Rennicke also Rock allgemein kulturzerstörend, in ihrer Ausprägung als nationalistische Skinhead-Musik jedoch begrüßenswert. 5.2.2 Der Neonazi-Skinhead 5.2.2.1 Die proletarische Männlichkeit der Skinheads Skinheads, die seit den 1990er Jahren in weiten Teilen der Öffentlichkeit zu einem „Synonym für Rechtsradikalismus“ (Seidel-Pielen und Farin 1993, 19) geworden sind, prägten und prägen das medial vermittelte Bild vom bundesdeutschen Neonazismus: Regelmäßig sind es Fotografien weiß geschnürter Springerstiefel oder glatzköpfiger Männer in Bomberjacken, die zur Illustration von Berichten über Rechtsextremismus aus den Bildarchi- Abb. 8: Albumcover (Störkraft 1990a) 185 Öffnungen, Entwendungen ven gesucht und abgedruckt werden. Tatsächlich ist jedoch zum einen die durchaus heterogene Skinhead-Kultur bei weitem nicht durchgehend neonazistisch orientiert128, zum anderen ist es umgekehrt falsch, den Neonazismus auf ein Phänomen von rechten Skinheads zu reduzieren.129 Neonazi-Skinheads sind zahlenmäßig nicht mehr die zahlenmäßig größte Kraft in den rechten Jugendkulturen. Auf Demonstrationen sind sie eher zu einer Randerscheinung geworden (Agentur für soziale Perspektiven 2008). Dennoch stellen Neonazi-Skinheads neben den „völkischen Scheiteln“ die zweite wichtige Ausdrucksform neonazistischer Selbstinszenierung dar. Es geht zunächst um den in allen Teilen der Szene propagierten Fetisch traditioneller patriarchaler Männlichkeit, demonstrativ zur Schau gestellter Härte sowie ästhetisierter (und oftmals auch praktizierter) Gewalt. Der Maskulinitätskult drückt sich in der Kleidung aus: Die engen Hosen bei den männlichen Skinheads ergeben besonders in Kombination mit den früher stark verbreiteten Bomberjacken eine Silhouette, die einem männlichen Körperideal entspricht. Auf Konzerten wird oft der nackte muskulöse und 128 Das medienwirksame Bild des Neonazi-Skinheads wirkt dabei nicht nur auf die Selbstrepräsentationen und -definitionen von neonazistisch eingestellten Skinheads zurück: „Das negative Image“, schreibt Susanne El-Nawab, „macht sowohl für die rechten Schläger als auch für die unpolitischen und sogar die linken Skinheads letztendlich gewissermaßen erst den Reiz aus.“ Auch diese würden den Respekt genießen, der daraus resultiert, dass sie für gefährliche, neonazistische Schläger gehalten werden (El-Nawab 2001, 24). 129 Schon 1993 problematisierten Seidel-Pielen und Farin diese Reduktion und ihre Gefahren: „Das Problem Rassismus und Gewalt gegen Minderheiten ist zu brisant und zu komplex, um es auf die Kurzformel Skinhead zu reduzieren. Wer alle öffentliche Aufmerksamkeit auf Skinheads ablenkt, verhindert die dringend notwenige Beschäftigung mit den Ursachen und stigmatisiert zudem eine Jugendsubkultur, die weder zu den ideologischen Wegbereitern der Pogrome zählte noch in ihrer Mehrheit rassistisch/neonazistisch ist.“ (Seidel-Pielen und Farin 1993, 21) In einer ganzen Reihe von Studien wurden seit den 1990er Jahren die Skinhead-Kultur, rechts wie nichtrechts, und ihre Musik untersucht (Schröder und Gust 1992; Menhorn 2001; Farin 2001; Möller und Schuhmacher 2007; Farin und Seidel 2010). Abb. 9: Ausschnitt aus einem Skinhead-Kalender (Bodensee Renees 2008) 186 Schulze, Etikettenschwindel tätowierte Oberkörper präsentiert. Trotz der Orientierung an Männlichkeit gibt es auch weibliche Skinheads, die traditionell „Skingirls“ oder „Renees“ genannt werden. Sie bevorzugen dieselben Modemarken. Als eine typische Frisur konnte bis in die 2000er Jahre hinein der „Feathercut“ gelten – ein Kurzhaarschnitt, bei dem allerdings die Haare hinter den Ohren und im Nacken lang gelassen werden. Konstitutiv für alle Teile der Skinhead-Szene ist zudem ein „Selbstbild als Arbeiterjugend“ (Dornbusch und Raabe 2002, 27), was sich größtenteils aus ihrem Ursprung in den Arbeitervierteln britischer Großstädte Ende der 1960er Jahre herleiten lässt. Dornbusch und Raabe schreiben in diesem Zusammenhang von einer Orientierung an „einem imaginären Bild jenes im Zuge der fordistischen Umwälzung der britischen Nachkriegswirtschaft verschwundenen Arbeiters“ (Dornbusch und Raabe 2002, 20). Es gehe, so Clarke in einer klassischen Studie, um die „magische Rückgewinnung der Gemeinschaft“ (Clarke 1982). Einher mit der Identifikation mit der Arbeiterklasse ging und geht zudem ein stark ausgeprägtes, puritanisches Arbeitsethos, das die frühen Skinheads über das Tragen schwerer Arbeitsschuhe kommunizierten, die durch hochgekrempelte, enge Jeans besonders betont wurden. Lange Zeit wurden Springerstiefel bevorzugt. Mittlerweile haben auch bei Skinheads Turnschuhe eine sehr weite Verbreitung gefunden, denen freilich der direkte Bezug zur Arbeiterklasse fehlt. Geblieben ist in weiten Teilen dieser Jugendkultur die Vorliebe für Hemden und Hosenträger. Bemerkenswert ist, wie sich im Stil der Skinheads ihr tendenzieller Konservatismus ausdrückt. Einerseits wird eine Kritik und Ablehnung der Gesellschaft ausgedrückt, andererseits werden gesellschaftliche Werte auf die Spitze getrieben und radikalisiert. Der Journalist Burkhard Schröder dazu: Die Mode der Skinheads war immer schon heimliche Sympathie mit den eigentlich verachteten Spießern: Die Attribute, Zitate der Arbeitswelt, standen für die Werte und Tugenden, die auch das aufstiegsorientierte Bürgertum ohne Widerspruch akzeptierte: Ordnung, Disziplin, Sauberkeit und Fleiß als Ausdruck der protestantischen Arbeitsethik und Askese. (Schröder 2001, 54) 187 Öffnungen, Entwendungen Auch Häusler verweist auf die jugendkulturell überspitzte Inszenierung konservativer, männlicher Werte bei den Skinheads: Stil, Habitus und Wertmaßstäbe der Skinhead-Kultur waren subkulturell codierter Ausdruck von proletarischem Wertkonservatismus, gepaart mit der Adaption neuer musikalischer Stilrichtungen. Die Mode – Jeans, Arbeiterschuhe und Hemden, Kurzhaar oder Glatze – sowie das symbolische Präsentieren von muskelgestählter Männlichkeit, der nach außen getragene Stolz auf proletarische – wie nationale – Herkunft prägten diesen subkulturell dechiffrierten Wertkonservatismus. (Häusler 2002, 274) Einen wichtigen Einfluss auf die Entstehung der britischen Skinheads übten die (der jugendkulturellen Narration zufolge von Jamaika stammenden) „Rudeboys“ aus. Noch heute hören traditionell orientierte Skinheads die Ska- und Reggae-Musik der Rudeboys. Im Widerspruch zu dieser Vorliebe für nicht-weiße Musik steht jedoch, dass bereits in den Anfängen der Skinheads sich deren Gewalt nicht nur „gegen vermeintlich Schwule (‚queer bashing‘), gegen Langhaarige (‚Hippies‘)“, sondern auch „gegen Einwanderer aus den Commonwealth-Staaten Indien, Pakistan und Bangladesh (‚paki-bashing‘)“ richtete (Dornbusch und Raabe 2002, 20).130 Raabe und Dornbusch konstatieren ab 1980/1981 eine erste Blüte der bundesdeutschen Skinhead-Szene, die sich ab Ende der 1970er Jahre nach britischem Vorbild entwickelt habe. Mit dem Wachstum ging ein Rechtsruck einher. Die bundesdeutsche Neonazi-Skinhead-Szene entwikkelte sich: „Trotz der nicht-deutschen Wurzeln ihrer Subkultur und ihrer oft betonten Abgrenzung gegen die bürgerliche Gesellschaft, begannen sie, sich zunehmend mit der deutschen Nation zu identifizieren.“ (Dornbusch und Raabe 2002, 27) 1981 formierte sich mit „Endstufe“ in Bremen eine der frühen deutschen Rechtsrock-Bands. Schon 1980 hatten sich in Frank- 130 Diesen scheinbaren Widerspruch sehen Dornbusch und Raabe darin begründet, dass „die Skinheads in den Rudeboys den ihnen vertrauten jamaikanischen Briten entdeckten […] [während] die indischen und pakistanischen Migranten als das ‚Fremde‘ ausgegrenzt wurden“ (Dornbusch und Raabe 2002, 20). 188 Schulze, Etikettenschwindel furt/Main die „Böhsen Onkelz“ gegründet – zunächst als Punk-Band, um 1981 folgte der Imagewechsel hin zu einer rechten Skinhead-Gruppe. Identitätsstiftend waren der Bezug auf die lokale Fußballmannschaft sowie Prügeleien mit den gegnerischen Fans. Die Kulturen der Skinheads und der Hooligans bewegten sich in der Folge aufeinander zu. Partys, in nichtrechten Kreisen besonders Ska- und ab Ende der 1970er Jahren verstärkt auch „Oi-Konzerte“131, sind weitere Ingredienzien des „Skinhead way of life“. Bei diesem spielt der immer wieder von Oi-Bands besungene Alkoholkonsum eine große Rolle. Die Vorliebe für Oi-Musik, Randale und Alkohol teilen Neonazi-Skinheads mit den nicht-rechten Skinheads. Die Bremer Neonazi-Skinhead-Band „Endstufe“ sang: „Working Class, Working Class! Singen, tanzen, trinken, Spaß! Wer’s nicht schafft, uns zu versteh’n soll besser aus dem Weg uns geh’n.“ (Endstufe 1987a) Vergleichbar der Spaßkult der Schleswig-Holsteiner Band „Freikorps“ im Song „Wie die Wikinger“: Man sagt, wir sind nicht helle, das ist uns scheißegal, sind wir dann in der Zelle, gibt’s Party jedesmal, alte Skinheads, dicke Bäuche, das ist unser Ziel, Ärger, Stress und Saufereien, das ist halt unser Stil. (Freikorps 1994) Bei Neonazi-Skinheads ist der Skinhead-Stil kombiniert mit neonazistischen Inhalten und Insignien. Ort eigener Politik ist – dem proletarischen Selbstbild entsprechend – die Straße. Man inszeniert sich als schlagkräftiger Trupp, der die gestörte öffentliche Ordnung wiederherstelle. Die Staatsgewalt sei nicht in der Lage, den Willen des „Volkes“ umzusetzen132; diese Aufgabe würden nun Neonazi-Skinheads übernehmen, die als „rech- 131 Oi-Musik (häufig mit Ausrufezeichen: „Oi!“) ist die Rockmusik, die von Skinheads (und manchen Punks) präferiert wird. Musikalisch handelt es sich um eine besonders einfache Spielart des Punks, textlich dominieren „Themen der Straße“. „Oi“ ist ein Ausruf im Londoner Unterklassen-Dialekt („Cockney English“), der „Hey“ bedeutet (O’Hara 2001). Es gibt Spekulationen, dass das Wort dem jiddischen Ausruf „Oy“ entlehnt ist oder auf die griechische Phrase „hoi polloi“ (etwa: „die einfachen Leute“) zurückgeht. 132 Auf die Kompatibilität gesellschaftlich vorhandener Ausgrenzungsmechanismen und rechtsextremer Ideologie, die eine Selbststilisierung Rechtsextremer als „Vollstrecker des Volkswillen“ ermöglicht, wies die Psychologin Birgit Rommelspacher hin, die von einer „Dominanzkultur“ sprach (Rommelspacher 1995). 189 Öffnungen, Entwendungen te Polizei“ alles daran setzten, „die Straßen wirklich frei“ zu machen. Allerdings, so wird beklagt, sei das „Volk“ nicht immer bereit, diesen Einsatzwillen angemessen zu honorieren. Die Band „Störkraft“ textete: Die Aufgabe des ganzen Volks läßt man auf unseren Schultern ruh’n, und werden wir mal eingesperrt, hat kein Arsch was mit uns zu tun; Orden bekommen wir nicht angesteckt für unsere Heldentaten obwohl ein jeder weiß, dass die große Wende naht; marschieren Stiefel durch die Nacht, sind wir nicht allein; es gibt keine Kraft, die uns abhält, wir Skinheads sind zu allem bereit; wir sind Deutschlands rechte Polizei, wir machen die Straßen wirklich frei, es wird schon noch hart, wir bleiben dabei. (Störkraft 1989) In der Sekundärliteratur wird auf die identitätsstiftende Funktion des Rechtsrock verwiesen. „Die Bands und ihre Texte haben“, wie Rainer Erb betont, „Einfluß, sie stellen ein zentrales Attraktivitätsmuster dar, üben als opinion leaders eine Art ideologischer Führung aus und wirken kulturell stabilisierend für die Skinhead-Szene.“ (Erb 1994, 40) In den Texten der seit der deutschen Wiedervereinigung neu gegründeten Rechtsrock-Bands wurde die Nation […] in der nationalistischen Übersteigerung zum alles bestimmenden Identifikationsobjekt erhoben, dass sie gleichzeitig von inneren und äußeren ‚Feinden‘, von ‚Kommunisten‘, ‚Ausländern‘ und ‚Juden‘ bedroht wähnten. In den Texten schwangen sich die Skinheads ‚für das Blut und die Ehre‘ (Oi Dramz), als ‚Retter Deutschlands‘ (Radikahl) auf, stilisierten sich als ‚Kraft für Deutschland‘ (Störkraft), als Kämpfer ‚für ihr Vaterland‘ (Kroizfeuer). (Dornbusch und Raabe 2002, 36) Daneben entstanden Songs, die nicht nur diese Art von Nationalismus zelebrieren, sondern sich in ihrer Wiedergabe und Zuspitzung nationalsozialistischer Parolen zu übertreffen suchten. Von „Radikahl“ etwa stammt das Lied „Hakenkreuz“: Hängt dem Adolf Hitler den Nobelpreis um! Hisst die rote Fahne mit dem Hakenkreuz! Schon als kleiner Junge war es mir klar, welches Symbol Leitbild 190 Schulze, Etikettenschwindel für mich war […]; für mich gilt es auch noch heut’, Rasse, Stolz und Hakenkreuz! (Radikahl 1991) Die Band „Tonstörung“ sang 1992: Wetzt die langen Messer auf dem Bürgersteig, lasst die Messer flutschen in den Judenleib; Blut muss fließen, knüppelhageldick; und wir scheißen auf die Freiheit dieser Judenrepublik! (Tonstörung 1999)133 Die Texte des Neonazi-Rocks und die Musik selbst bilden eine Einheit. Die oft brachiale, vor allem aber einfach strukturierte Musik stellt eine Eindeutigkeit her, die jede Spielerei und Ironie vermeidet. Von der für das Verständnis nötigen Kenntnis der jugendkulturellen Codes abgesehen, braucht es keine Interpretationsleistung beim Rezipienten. Die Texte sind ebenfalls auf Eindeutigkeit angelegt. Georg Seeßlen dazu: Man bleibt in der Regel beim Drei-Akkord-Schema. Es gibt […] keine ‚zweite Ebene‘ und keine ‚Zwischenschläge‘ auf dem Schlagzeug, selbst instrumentale Zwischenstücke sind selten, wenn sie nicht Wiederholungen der Grundmelodie sind […]. Text und Musik sollen also eine reine, symbiotische Einheit bilden. […] Entscheidend ist eine geschlossene Form, das Vermeiden von Collagen und Offenheiten. (Seeßlen 2002, 135) Die erste populäre Neonazi-Skinhead-Band war die Ende der 1970er Jahre als Punk-Band gegründete und ab 1982 zu neonazistischen Positionen umgeschwenkte britische Formation „Skrewdriver“ um Sänger Ian Stuart Donaldson. „Skrewdriver“ existierten bis zum Unfalltod von Donaldson 1993 und genießen bis heute Kultstatus. Donaldson etablierte in Reaktion auf den linken „Rock against Racism“ den Sammelbegriff „Rock against Communism“ (RAC) für die rechte Skinhead-Musik und gründete 1987 das internationale Neonazi-Skinhead-Netzwerk „Blood & Honour“, welches sich zu einem „tragende[n] Führungssystem der Szene“ entwickelte 133 Der Song geht auf das Hecker Lied aus der Badischen Revolution von 1848 zurück. In den Jahren ab 1918 verbreitete es sich in einer Umdichtung unter dem Titel Blut muss fließen bei den Freikorps und der SA. 191 Öffnungen, Entwendungen (Weiss 2002a, 76).134 Donaldson wird nach wie vor als Held verehrt. Auf Postern und T-Shirts wird er als „Sänger, Wikinger oder Lichtgestalt“ dargestellt (Agentur für soziale Perspektiven 2008, 37). Allgemein erfreuen sich in der Szene Fanartikel neonazistischer Musikgruppen großer Beliebtheit. Neben Verweisen auf neonazistische Bands finden sich Bezüge auf den historischen Nationalsozialismus. Besonders der Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß ist zu einer Ikone avanciert. Für Henning Flad sind Heß und Ian Stuart Donaldson die beiden zentralen Heldenfiguren und Vorbilder, an denen sich das „Fußvolk aufrichten“ könne. Beiden sei gemeinsam, dass sich um ihr Leben Märtyrerlegenden ranken, denen zufolge sie „trotz widrigster Umstände und mit hohem persönlichen Einsatz Großes leisteten, für ihre Überzeugungen im Gefängnis saßen, zu Lebzeiten ungebeugt“ geblieben seien (Flad 2002, 106). Neben diesen namentlich benannten Heroen dienen nationalsozialistische Organisationen wie die SS, die SA oder Soldaten der Wehrmacht als Vorbilder. Besonders die proletarisch geprägte SA ist ein wichtiger Bezugspunkt. Wie keine andere Organisation steht sie für die „Kampfzeit“ der nationalsozialistischen Bewegung, in deren Tradition sich heutige Neonazis mit ihren Fantasien von einer Rückeroberung der Straße stellen. Die Stra- ßengewalt, der Terror gegen politische Feinde und Kneipenschlägereien in der Weimarer Republik, so das Bild, entsprechen der eigenen Praxis. Die Band „Volkszorn“ imaginiert die Skinheads als „SA der Neuzeit“: „Genau wie früher die SA, stehen wir Skinheads heute da.“ (Volkszorn 1995) Eine Traditionslinie wird ferner über den historischen Nationalsozialismus hinaus in eine mythisch verklärte Vergangenheit gesponnen. Neonazi-Skinheads nehmen identitären Bezug auf Germanentum und „nordische“ Sagen. Wiederkehrende Motive sind Gestalten aus nordeuropäischen 134 In Deutschland wurde „Blood & Honour“ im Jahr 2000 durch das Bundesinnenministerium verboten. Als loses Netzwerk von Personen, die Konzerte organisieren und Tonträger vertreiben, existiert die Organisation jedoch weiter (Argumente 2001). Als weitere wichtige Neonazi- Netzwerkorganisation ist die ebenfalls international organisierte, 1986 in den USA gegründete „Hammerskin Nation“ zu nennen (AIB 2012b). Die „Hammerskins“ verfügen über ein „Chapter“ in Deutschland, das in mehrere regionale Sektionen unterteilt ist. Die Organisation ist nicht verboten. 192 Schulze, Etikettenschwindel Mythen, man findet sie auf T-Shirts und Postern oder als Tätowierungen. Sie geistern durch Songtexte (Flad 2002, 111) und drücken sich in Bandnamen wie „Odins Erben“, „Thors Hammer“, „Sleipnir“, „Valkyria“ oder „Munin“ aus. Die dabei konstruierte Genealogie wird eindrucksvoll auf dem Plattencover des Albums This Time The World der britischen „Blood-&-Honour“-Band „No Remorse“ veranschaulicht. Einträchtig sind dort ein germanischer Krieger, ein Waffen-SS-Soldat und ein Neonazi-Skinhead miteinander vereint. In vielen Szenemagazinen sind Erläuterungen zu „nordischen Gottheiten“ neben den obligatorischen Konzertberichten zu finden. 5.2.2.2 Gestohlene Musik: Die Widersprüchlichkeit des rechten Skinhead-Rocks Der Grad der Politisierung der Neonazi-Skinheads schwankt: Für manche steht das Skinhead-Sein im Mittelpunkt, das nationalsozialistische Symbolinventar ist ihnen lediglich Ausdrucksmittel ihrer spezifischen Interpretation der Jugendkultur. Auf der Straße „ihren Mann“ gegen die Gefährdung des deutschen Volks zu stehen, gilt ihnen als hinreichende Pflichterfüllung. Gegenüber Organisierungsversuchen sind diese Neonazi- Skinheads skeptisch, weil dies eine Vereinnahmung des „Kultes“ durch „die Politik“ bedeuten könnte. In den frühen 1980er Jahren bemühte sich der Neonazismus, meistenteils erfolglos, von der traditionellen Jugendarbeit wegzukommen und auf Szenen wie die der Skinheads, Fußballfans und Rocker zuzugehen, um Nachwuchs zu rekrutieren. Der Einfluss extrem rechter Positionen in diesen Kulturen stieg bis Mitte der 1980er Jahre tatsächlich an (Botsch und Kopke 2015, 35). Allerdings: Der Zwang zur Uniformierung und der hohe Grad gesellschaftlicher Stigmatisierung verhinderten größere Rekrutierungserfolge (Dudek und Jaschke 1984, 166) – ANS, FAP und andere Organisationen scheiterten letztlich (Langebach Abb. 10: Albumcover (No Remorse 1988) 193 Öffnungen, Entwendungen und Raabe 2009). Andere Neonazi-Skinheads sehen sich als authentische Nazis, für die ihr Stil lediglich das geeignete kulturelle Gefäß der eigenen Weltanschauung ist. Der politische Aktivismus steht für solche Neonazi- Skinheads im Mittelpunkt und darf sich neben der Straße auch auf einem Parteitag oder bei einer Kameradschaftsschulung Ausdruck verschaffen. Mit seiner jugendkulturellen Herkunft und der gleichzeitig vorhandenen neonazistischen Ausrichtung trägt der Typus des Neonazi-Skinheads von Beginn an Widersprüche in sich. Deutschtum in nationalsozialistischer Lesart, ein ins Extrem getriebener Nationalismus, wird ästhetisiert über eine britischstämmige Kultur (dem alliierten Feind im Zweiten Weltkrieg), mit Bomberjacken (wie sie US-Air-Force- und RAF-Piloten im Zweiten Weltkrieg trugen), mit Musik, die auf Rock und damit auf schwarzem Blues basiert und eng verwandt mit dem anarchischen Punk ist. Auch im Fall der Neonazi-Skinheads gab es popkulturelle Bricolagen, wie sie für Jugendkulturen typisch sind. Die Bricolagen waren allerdings immer auch feindliche Übernahmen. Die Musik der Neonazi-Skinheads wird darum von Seeßlen als „gestohlene Musik“ (Seeßlen 2002, 125) bezeichnet. Von vorneherein stand die offen faschistische Skinhead-Musik […] in einem ideologischen und praktischen Widerspruch. Diese Musik ist, natürlich, nicht deutsch, sie ist nicht einmal europäisch und nicht vollständig ‚weiß‘; anders als beim faschistischen ‚Volkslied‘ muss die Akzeptanz dieser Musik, die von der nostalgischen Fraktion allenfalls als ‚Zugeständnis‘ geduldet wird, außermusikalisch begründet werden. (Seeßlen 2002, 126) 5.2.2.3 Extreme Rechte und Skinheads: Bürgerschreck und Erneuerung Das Verhältnis zwischen den Neonazi-Skinheads und den traditionalistischen extremen Rechten oder den völkischen „Scheiteln“ war und ist aus diesen Gründen mit Spannungen belastet. Der ehemalige SSler und „heimattreue Dichter“ Heinz Mahncke erklärt in einem Interview mit der Neonazi-Zeitschrift „Hamburger Sturm“ seine Ablehnung der Skinheads: 194 Schulze, Etikettenschwindel Der kurzgeschorene Haarschnitt war lange Zeit der Haarschnitt der KZ- Häftlinge und der Zuchthäusler, und der Name Skinhead ist natürlich alles andere als deutsch. [… Skinheads sind] im Erscheinungsbild für mich das genaue Gegenbild von dem, was wir als Jugendideale in uns getragen haben. (Hamburger Sturm 2000, 9) In seiner politischen Autobiografie schildert der langjährige NPD-Bundesvorsitzende Udo Voigt retrospektiv ebenfalls seine Vorbehalte: Natürlich müssen wir unserer Jugend beibringen, daß Begriffe aus der englischen Sprache und die Kleidung der alliierten Feinde Deutschlands (Bomberjacken und Rangerstiefel) sich nicht mit dem Geist vereinbaren lassen, der hinter unserem Motto steht: ‚Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein!‘ (Voigt 2013, 229) Für Voigt, als Vertreter einer Partei, die Wahlerfolge anstrebt, stellten die Skinheads gleichzeitig ein Personenreservoir und ein Problem dar. Die Faschisierung eines Teils der Skinhead-Szene erschien einen Zugriff auf Jugendliche möglich zu machen, die in dieser Größenordnung von der bisherigen Kulturarbeit nicht erreichbar waren. Andererseits waren sich offensiv zu Gewalt und Exzessen bekennende Jugendbanden denkbar ungeeignete Aushängeschilder, um Werbung für die eigene Partei zu machen. Dieser Widerspruch ist weiterhin nicht aufgelöst, generell kann aber geltend gemacht werden, dass sich die Befürworter einer Integration faktisch durchsetzten. 1987 schrieb Ullrich Großmann in der Zeitschrift Nation Europa begeistert über die Skinhead-Szene und die nationalistischen Skinrock- Veröffentlichungen auf dem Kölner Label Rock-O-Rama: Über Bands wie „Endstufe“, die „Böhsen Onkelz“ oder die britischen „Skrewdriver“ sei Dynamik in die rechte Kulturszene gekommen: „Das, worauf wir lange warten mußten, ist endlich passiert: Die deutsche Jugend muckt auf, und das nicht mit Steinen in der Hand, sondern mit der Gitarre.“ (Großmann 1987) Ein weiterer Nation-Europa-Autor zeigte sich ähnlich begeistert: „Die Quexe von heute tragen feste Schnürstiefel mit Stahlkappe […], tarnfarbene Armeehosen oder weiß-gefleckte Jeans und schwarze oder olive Bomberjacken mit Aufnähern wie ‚Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein‘.“ 195 Öffnungen, Entwendungen (Lunder 1987, 20) Für ihn war ausschlaggebend, dass die „meisten Skins […] ein positives Verhältnis zur Arbeit und zu einigen anderen bürgerlichen Einstellungen“ hätten (Lunder 1987, 20). Chefredakteur Peter Dehoust sekundierte, dass man die Skinheads nicht ausschließen dürfe, auch wenn sie auf einen ersten Blick instinktgesteuert und zuweilen primitiv erscheinen würden: Auch diese Jugend ist schließlich nur das Produkt der herrschenden Parteien. Der Unterschied zu den im Zeitgeist Mitschwimmenden ist nur, daß sie sich instinktiv gegen Nationalmasochismus und Nationsvergessenheit auflehnen […] Hier einfach die Nase zu rümpfen, wäre die falsche Antwort. (Dehoust 1987, 3) Für Neonazi-Skinheads selbst stellt sich die Frage nach der Angemessenheit ihres Verhaltens und nach einer Widersprüchlichkeit ihrer Kultur in der Regel nicht oder sie wird mit einem Verweis auf den eigenen Erfolg zurückgewiesen. Die Band „Nordwind“ in einem Interview: Rockmusik finden wir gut, und die Wurzeln der Musik sind alles andere als amerikanisch, da alles, was als ‚Kultur‘ aus Amerika kommt, irgendwo geklaut wurde. Und selbst, wenn Maximalpigmentierte135 unsere Instrumente erfunden hätten […], müßten wir sie heute benutzen, da unsere Musik Propaganda für unsere Weltanschauung machen soll. […] Mit Marsch- und Volksmusik […] allein wird man heute keine Jugendbewegung auf die Beine stellen können. (Nordwind 2007) Ebenso klar und selbstbewusst verwiesen 1999 die Berliner „Landser“ – die wohl wichtigste deutsche Neonazi-Band – auf die Verdienste der Skinheads: Also, dass eins mal klar ist, ohne Skinheads wäre die Bewegung wahrscheinlich eine kleine, kümmerliche Sekte von Scheitelträgern. Den Skins kommt das ungeheure Verdienst zu gute, unsere Idee aus den Hinterzimmern verräu- 135 „Maximalpigmentierte“ ist ein rassistisches Schimpfwort für schwarze Menschen. 196 Schulze, Etikettenschwindel cherter Vereinslokale wieder auf die Strasse getragen zu haben. Sie waren und sind die Speerspitze gegen Rot Front. (Blood & Honour Magazin Deutschland 1999) 5.3 Kulturelle Pluralisierung seit der Jahrtausendwende In der kulturellen Ordnung des Neonazismus in den 1980er und 1990er Jahren dominierten völkische „Scheitel“ und Neonazi-Skinheads. Den kulturellen Ausdrucksmöglichkeiten des Spektrums waren damit Grenzen gesetzt. Die Euphorie über die deutsche Wiedervereinigung konnte der Neonazismus nur geringfügig in politische Landgewinne transformieren. Gleichwohl erfuhr er einen kulturellen Bedeutungszuwachs. Ab Beginn der 1990er Jahre gab es vor allem, aber nicht nur in Ostdeutschland einen immensen zahlenmäßigen Anstieg extrem rechter Jugendcliquen. Dieses erhebliche Personenpotenzial wurde vorrangig von westdeutschen „Bewegungsmanagern“ zur Zielgruppe erklärt (Bergmann und Erb 1994b, 82–85). Rechts sein war Mode unter Jugendlichen: Neonazis wurden Pop (Schröder 2001). Der relative Erfolg des Neonazismus bei der Rekrutierung sowie seine Reproduktionsfähigkeit fußten auf einer Präsenz im vorpolitischen Raum – auf dem Terrain der Jugendkultur. Botsch hält fest, die extreme Rechte habe sich „in einer Art Doppelhelix aus politischer Bewegung und lebensweltlichem Milieu“ zu reproduzieren gelernt (Botsch 2012, 3). Ausschlag zur Entstehung gaben die im Zuge der deutschen Wiedervereinigung entstandenen Gelegenheitsstrukturen. Der Kriminalist Bernd Wagner betonte die Bedeutung der Kultur Ende der 1990er Jahre: Entgegen der landläufigen […] Ansicht, daß die Lebensfähigkeit und die Ausstrahlungskapazität des modernen Rechtsextremismus einen hohen Organisationsgrad (Zentralismusmodell) verlange, ist das Gegenteil festzustellen. Der moderne Rechtsextremismus ist deswegen erweitert reproduktionsfähig, weil er eine Kulturbewegung mit der Tendenz zum sozialen Bewegungsmilieu und politischer Implikation und nicht politische Bewegung mit kultureller Implikation ist. (Wagner 1998, 50) 197 Öffnungen, Entwendungen Der Journalist Burkhard Schröder kam zu einer ähnlichen Analyse: Eine der wichtigsten Entwicklungen ist, dass die rechte Subkultur nicht mehr primär politisch organisiert ist, sich ihre Stärke also am Wahlverhalten messen lässt, sondern dass sie als soziale Bewegung alle Bereiche der Alltagskultur bestimmt und dominiert. Sie ist ein Konglomerat aus Musik, Mode, Treffpunkten, gemeinsamen überregionalen Aktionen sowie Ideologiefragmenten. (Schröder 2001, 132) Eine „rechtsextreme Alltagskultur“ (Funke und Rensmann 2000, 1072) beziehungsweise ein „völkischer ‚Lifestyle‘“ entstand, der Ausdruck eines „Rechtsextremismus neuen Typs“ sei, welcher sich zwischen „Jugend-, Alltags- und Gewaltkulturen“, „lockeren Gesellungsformen“ und „festen organisierten Gruppen“ abspiele, so die Politikwissenschaftler Hajo Funke und Lars Rensmann (Rensmann und Funke 2002, 20–21). „Scheitel“ und Skinheads waren also nicht nur die Ausdrucksformen des Neonazismus, sondern sie besetzten Räume für Musik, Mode, Treffen und Aktionen; die Politik spielte innerhalb dieser Räume lediglich eine zweite Rolle. Als einen Hauptfaktor für die zeitweiligen Erfolge der NPD benennt Toralf Staud den Umstand, dass die Partei an die extrem rechte „vitale Jugendkultur“ Anschluss fand (Staud 2005, 14). Der Neonazismus hatte sich in den 1990er Jahren kulturalisiert und „verszent“. Völkischer „Scheitel“ und Neonazi-Skinhead teilten in ihrem Selbstverständnis wichtige Punkte miteinander, ihre Praktiken unterschieden sich zwar in manchen Punkten (etwa: Sonnenwendfeier und Rechtsrockkonzert), es gab jedoch auch relevante Überschneidungen (etwa: Kameradschaftsabend, Aufmarsch). Schon früh entstanden Strategien, wie sich diese kulturelle Raumgewinne verstetigen, weiter steigern und in politische Macht transformieren lassen könnten. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist ein Papier von 1991, welches die Schaffung „national befreiter Zonen“136 propagiert und An- 136 Das Strategiepapier erschien erstmals in einem kurzlebigen Theorieblatt der NPD-Studierendenorganisation „Nationaldemokratischer Hochschulbund“ (Vorderste Front 1991). Wie ein 198 Schulze, Etikettenschwindel leihen bei der neurechten Gramsci-Rezeption nimmt.137 Gefordert wird nicht nur der Aufbau von geografisch lokalisierbaren Räumen, in denen die Bewegung die Hegemonie inne hat (Motto: „Wir sind drinne, der Staat bleibt draußen.“). Integriert darin ist die Idee, Netze von regional getrennten, gleichgesinnten Initiativen zu spannen und kommunikative, ökonomische und kulturelle Freiräume zu etablieren. Wie Uta Döring nachgezeichnet hat, wird das Papier anfangs in der extremen Rechten kaum rezipiert (Döring 2006). Dennoch gelangt es, neun Jahre nach seiner Veröffentlichung, in die Schlagzeilen der überregionalen Medien. Im Jahr 2000 wurde „national befreite Zone“ gar zum „Unwort des Jahres“ gekürt. Erst durch diese Medienresonanz wird das Papier in der Bewegung stärker wahrgenommen – es wird sozusagen verspätet reimportiert. Die „national befreite Zone“ blieb dennoch vor allem ein Schlagwort, mit dem sich alle Schritte in Richtung von Bewegungsfreiräumen strategisch legitimieren ließen – eine „Hegemonie“ wurde lokal oder regional nur zeitlich begrenzt erreicht (Döring 2006). Das hier skizzierte „Zonen“-Konzepts zeigt dennoch: Im Neonazismus wurde die Wichtigkeit des vorpolitischen Bereichs erkannt. Er war jedoch nicht in der Lage, diese Potenziale aus sich selbst heraus in vollem Umfang abzuschöpfen. Steuerungsinstrumente für derartige Eingriffe standen nicht in ausreichendem Maß zur Verfügung. Im Folgenden soll der Nachweis geführt werden, dass die kulturelle Ordnung des Neonazismus rund um „Scheitel“ und Neonazi-Skinheads ins Wanken geraten ist. Die „Verszenung“ des Neonazismus ist allerdings nicht zum Erliegen gekommen, sondern hat sich im Gegenteil noch ver- Vorabentwurf liest sich ein etwas früher erschienener Text in der Zeitschrift „Einheit und Kampf“ (Einheit und Kampf 1990). Gideon Botsch vermutet Andreas Molau als Autor der Texte. Molau, einstiger Kulturredakteur bei der Jungen Freiheit, späterer NPD-Funktionär, dann Pressesprecher der DVU und nun aus der Szene zurückgezogen, war zum Zeitpunkt der Publikation des Strategiepapiers Aktivist beim Nationaldemokratischen Hochschulbund der NPD (Botsch 2011). Zur Abgrenzung der Begriffe „Angstraum“, „national befreite Zone“ und „No-Go-Area“ liegt ein Sammelband vor (Schulze und Weber 2011). 137 Friedemann Schmidt weist darauf hin, dass die Hinwendung zu Gramsci in der Neuen Rechten in Deutschland zunächst sehr distanziert diskutiert wurde und – zeitlich durchaus passend – erst ab etwa 1994 Gramscismus und Kulturkämpfe intensiver Eingang in die einschlägigen Debatten fanden (Schmidt 2001, 325). 199 Öffnungen, Entwendungen schärft. Die Zahl der extrem rechten Stilvarianten hat sich vervielfacht. Die gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse und in der Gesellschaft geführte Diskurse bieten für die Bewegung die Gelegenheitsstrukturen, auf die sich ihre politische Praxis stützen kann. So, wie sich seit den 1990er Jahren die Strukturen von Jugendkulturen allgemein verändert haben, ist auch der Neonazismus in Bewegung geraten. Er bemächtigt sich dabei zusehends des Charismas diverser Jugendkulturen: Jugendkulturen repräsentieren sich heutzutage nicht mehr in Form geschlossener und politisch eindeutig verortbarer Subkulturen, sondern entfalten sich quer zu ideologischen Theoremen und Milieus. Neben den hedonistischen oder emanzipativen Freiheitspostulaten entfalteten sich daran anknüpfend Bewegungen, die NS-Nostalgie postmodern in subkulturelle Codes, Lebensstile und Inszenierungsformen zu überführen versuchten. (Häusler und Schedler 2011, 314) Die heutigen rechten Jugendkulturen sind, so aus der journalistischen Perspektive Toralf Staud, „nicht mehr durch eine – auch nur halbwegs geschlossene – Ideologie verbunden“, dafür sind sie aber „mit fast allen Mode-, Musik- und Lebensstilen kombinierbar“ (Staud 2005, 158). Für den Zusammenhalt sorgt keine geschlossene Ideologie, eher nur die Vorstellung des gemeinsamen Ziels eines „nationalen Sozialismus“. Die „kulturelle Subversion“, die Wagner bereits in den 1990er Jahren ausmachte (Wagner 1998), hat neue und noch stärkere Ausformungen erreicht und sich von der Beschränkung ihrer Ausdrucksformen gelöst. Bergmann und Erb berichten 1994: Geplant ist der Aufbau einer ‚nationalen Gegenkultur von rechts’. Erste Formen einer spezifischen ‚Bewegungskultur‘ sind bereits zu erkennen. Sie organisieren Konzerte […] betreiben Versandhandel mit Musik, Schriften und Bekleidung. […] Damit hat sich der früher sektiererische, stark völkisch-traditionalistische Rechtsextremismus durch den Anschluß an populäre Kulturformen modernisiert. (Bergmann und Erb 1994b, 87) 200 Schulze, Etikettenschwindel Auf die ökonomische Dimension dieser Entwicklung weist Michael Weiss 2002 hin: Für herausgehobene Protagonisten des Neonazismus bietet das Wirtschaftswachstum die Gelegenheit, ihren Lebensunterhalt aus dem rechten Lifestyle-Business heraus zu bestreiten (Weiss 2002b). Auf der politischen Ebene spiegelt sich die Öffnung vor allem in der Organisierungsform der „Freien Kameradschaften“ wider. Diese sind in ihrer Struktur am ehesten in der Lage, jugendkulturelle Impulse zu integrieren; auch sind sie lebensweltlich am dichtesten an den Jugendkulturen positioniert. Jan Schedler hält fest, dass Kultur und Politik in diesem Bereich des Neonazismus symbiotisch miteinander verschränkt sind: Politisch-ideologische Inhalte werden gerade durch die ‚Freien Kameradschaften‘ nicht mehr nur über originär politische Veranstaltungen und Publikationen vermittelt, sondern ebenso reproduziert und verinnerlicht durch diesen von einer Melange aus Kleidung, Symbolik und Musik gekennzeichneten Lifestyle. Die Wirkungsmächtigkeit extrem rechter Ideologie erstreckt sich damit nicht nur auf die neonazistische Szene, sondern reicht weit über diese hinaus. Bewegung und Alltagskultur stützen sich hier gegenseitig. (Schedler 2011c, 24) Die Praktiken der Jugendkulturen unterscheiden sich punktuell, und ihre Ästhetik und ihr Symbolrepertoire weichen teilweise voneinander ab. Sie treffen sich jedoch in ihrem Bekenntnis zu Kernelementen neonazistischer Ideologie. Waren die völkischen „Scheitel“ vormals wenig begeistert von den proletarischen Skinheads, so hat sich heute – auch wenn es sich weiterhin um ein umkämpftes Terrain handelt – größtenteils durchgesetzt, dass man kulturelle Erscheinungen nicht nur akzeptiert, sondern sogar begrüßt, solange das Bekenntnis zu neonazistischen Werten erkennbar bleibt: „Es soll keinen mehr interessieren, zu welcher Szene man gehört, sondern was er für uns, unsere Art und unsere Heimat tut“, wurde 2001 in einer Neonazi-Zeitschrift diese neue Toleranz proklamiert (Der Ruf nach Freiheit 2001b, 46). Auch klassische Skinhead-Rechtsrock-Bands besingen in ihren Liedern die neue Freizügigkeit: „Das System bescheißt uns alle und jeder ist gefragt, ob du Glatze hast oder nicht, ist völlig scheißegal!“ 201 Öffnungen, Entwendungen (Sleipnir 2004) Das „Aktionsbüro Norddeutschland“ begrüßt die Stilvielfalt und erhofft sich einen Schneeballeffekt, der zur weiteren Verbreitung der entsprechenden Ideologie dienen könne: Was muß sich der Jugendliche am Rande der Demonstrationsstrecke denken, wenn an ihm ausschließlich Cordhosen- und Braunhemdträger vorbeilaufen? Spricht es die Jugend nicht vielmehr an, wenn beispielsweise der Metal-Head oder der locker gekleidete Skater im Demonstrationszug Seinesgleichen entdeckt? (Aktionsbüro Norddeutschland 2007) Der eigene politische Standpunkt, der eine biologisch vorbestimmte, nationale und kulturelle Identität behauptet und daraus seine Legitimation schöpft, besteht weiterhin auf die Existenz von mythischen Wurzeln der Identität, ist jedoch nicht mehr darauf angewiesen, seinen kulturellen Ausdruck allein auf mythische Wurzeln zurückzuführen. Eindrücklich wird dies an „Zentropa“ deutlich, einem internationalen Netzwerk, das eine Art neofaschistischen Paneuropäismus propagiert. Der 2007 gegründete138 deutsche Ableger „Syndikat Z“ bekennt sich zunächst zu völkisch-mythischen Werten: Es war der blutsbedingte, schöpferische Geist europäischer Menschen, der die Hochkulturen von Atland, Rom, Hellas als auch jene in Südamerika, Nordafrika und Indien schuf (Ex nocte lux). Es ist die gemeinsame Geschichte und Frühgeschichte, gleiches Got-/Gottempfinden, das Blut und innerstes europäisches Ethnobewußtsein, das den europäischen Menschen in all seinen Facetten eint. Nur durch dieses identitäre Bewußtsein, oder der Wiedererwekkung dieses Bewußtseins kann der erste Grundstein zur Wiedergeburt Europas als Reich Europa auf eidgenössischer, kultureller und organischer Basis erfolgen! Befindet sich der europäische Mensch heute in einer Welt inmitten von Ruinen, scheint die einzigartige (ethno-)kulturelle Geschichte Europas längst Vergangenheit zu sein, doch: Eine Rasse altert nicht, Erblinien altern nicht! (Syndikat Z 2007) 138 Das unten zitierte Selbstverständnis ist auf 2007 datiert. Das neonazistische „Freie Netz Altenburg“ vermeldete die Gründung von „Syndikat-Z“ jedoch erst Ende 2008 (Freies Netz Altenburg 2008). 202 Schulze, Etikettenschwindel Neben der Darstellung von Aktionen des „europäischen Widerstands“ in anderen Ländern legt das „Syndikat Z“ jedoch großen Wert auf die Präsentation von Kultur in seinem Sinn. Ein eigener Bereich der Homepage stellt Musikstücke verschiedener Bands zum kostenlosen Download bereit. Bemerkenswert ist die Genrevielfalt, die dort bedient wird. Es wird Musik von europäischen Bands folgender Stilrichtungen präsentiert: Hardcore, Gothic, Industrial, Neofolk, Rap, Ska, Rock, Alternative, Black Metal, Punkrock, Elektro, Techno. „Innerstes europäisches Ethnobewusstsein“ ist für das „Syndikat Z“ also beschreibbar mit auf Jamaika entstandener Ska-Musik, mit Hardcore mit seinen US-amerikanischen Wurzeln oder mit ebenfalls US-amerikanischem und obendrein schwarzen Rap. Es sind vor allem zwischenierte Jugendkulturen, deren Charisma für den Neonazismus von Interesse ist und die Objekte von Entwendungen geworden sind. Im Folgenden soll genau dieser Entwicklung – der Integration von musikzentrierten Jugendkulturen – nachgegangen werden. Zunächst erfolgt, zur Herausstellung der Differenz, ein Blick auf die limitierten musikalischen Ausdrucksformen des Neonazismus bis in die 1980er Jahre, die durch die Integration der Skinheads bereits aufgebrochen wurde. Die Etablierung und mittlerweile herausragende Bedeutung von Musik für den organisierten Neonazismus soll anschließend aufgezeigt werden. Als Illustration dienen dabei die Schulhof-CDs, mithilfe derer der organisierte Neonazismus gezielt Musik zur Rekrutierung von Jugendlichen einsetzt. Die Frage, welche Jugendkulturen ins Zentrum der Entwendungen rücken, wird im Anschluss erörtert. Ein beliebiges Umsichgreifen scheint nämlich nicht stattzufinden, eher schon ein vielleicht unbewusster, aber doch strukturierter Zugriff. Charakteristika, die diese Jugendkulturen teilen, können Hinweise darauf geben, welche Muster für den Neonazismus selbst von Bedeutung sind. Dazu gehören Aggressivität und Oppositionalität sowie geschlechtliche Eindeutigkeit. In der Rhetorik findet sich dabei ein erstaunliches Ausmaß an Anleihen an politisch eher links oder alternativ verorteter Kultur. Sodann erfolgt ein Blick auf die konkreten Erscheinungen. Zum einen werden die schon etwas länger zu beobachtenden Coverversionen von politisch links positionierten Musikstücken und 203 Öffnungen, Entwendungen Interpreten gewürdigt. Es folgt ein Blick auf einzelne Jugendkulturen. Die „schwarze Szene“ des Darkwave und Black Metal sind schon seit längerer Zeit Gegenstand neonazistischer Entwendungen und werden darum in gebotener Knappheit behandelt. Der neonazistische Rap und der neonazistische Hardcore sind hingegen neuere Phänomene und direkter mit der Erscheinung der AN verknüpft. Aus ihnen wurden zudem Elemente entnommen, die in die Praktiken der AN direkten Eingang gefunden haben: Graffiti aus dem Hiphop und „Straight Edge“ aus dem Hardcore. Die Geschichte und Gestalt der Entwendungen aus diesen beiden Jugendkulturen sollen darum ausführlicher dargestellt werden. Wie sich Jugendkultur und Politik im Alltag verdichten, soll im Anschluss angerissen werden: nämlich in welchem Ausmaß Symbole, Codes und Mode des Neonazismus als Schnittpunkt und Ausdruck dieser Bereiche in Kraft gesetzt werden. Zum Literaturstand: Zu neonazistischen Jugendkulturen allgemein sind einige Überblickspublikationen erschienen, die allerdings inzwischen älteren Datums sind und vor allem die Skinheads betrachten (Dornbusch und Raabe 2002; Archiv der Jugendkulturen 2001). Einen Überblick mit Stand von 2007 bietet die Dissertationsschrift von Ingo Steimel, die sich aber trotz des Anspruchs, die gesamte „rechtsextreme Subkultur“ abzubilden, auf Neonazi-Skinheads konzentriert (Steimel 2008). Als neuere Publikation ist die Darstellung Blut muss fließen des Journalisten Thomas Kuban zu nennen, der mehrere Jahre lang „undercover“ neonazistische Konzertveranstaltungen besuchte und darüber reportagenhaft berichtet (Kuban 2012). Teilweise liegen Texte vor, die Aspekte der stilistischen Ausdifferenzierung berühren – etwa zum Darkwave (Speit 2002) und zum Black Metal (Dornbusch und Killguss 2005). Zum für diese Arbeit besonders relevanten rechten Hardcore liegen ein Band von Ingo Taler aus Perspektive eines Hardcore-Protagonisten (Taler 2012) und eine knappere, sozialwissenschaftliche Studie (Langebach et al. 2010) vor. Rechter Rap war bisher nur Gegenstand von journalistischen Arbeiten wie von Frühling (Frühling 2011) und Frühauf (Frühauf 2011). 204 Schulze, Etikettenschwindel 5.3.1 Wachsende Bedeutung von Musik im Neonazismus 5.3.1.1 Beschränkte Ausdrucksformen bis in die 1980er Jahre Einen Zugang zu neueren Jugendkulturen hat die extreme Rechte in der Bundesrepublik erst allmählich entwickelt. Bis zur Integration der Skinheads in den 1980er Jahren spielten insbesondere musikzentrierte Jugendkulturen so gut wie keine Rolle. Im entstehenden Neonazismus der 1970er Jahre wurden genau die „Muster der Pfadfinder-Gruppen, der völkischen Jugendbünde […] sowie […] der Hitlerjugend“ aufgegriffen und weitergeführt. Das gemeinschaftlich gesungene, meist nur durch eine unverstärkte Gitarre begleitete Lied am Lagerfeuer oder beim Kneipenabend war und ist die typische musikalische Form der völkischen „Scheitel“.139 Rabe zitiert in einem 1979 erschienenen Aufsatz ein „Hamburg-Hannover-Lied“, welches von Jugendlichen, die der NSDAP/AO („Aufbauorganisation“) nahe standen, gesungen wurde: Jungs aus Hamburg, Hannover, die trotzen der Tyrannei! Ihr Büttel vom Volk der Jehova, Deutschland ist bald von euch frei […] Führer’s Geist ist lebendig, bei jedem Einsatz dabei!, Fürchte, Verräter, beständig, bald bist auch Du an der Reih’! (Rabe 1979, 45–46) Neben diesen Gesangsvergemeinschaftungen gab es Trommlergruppen und einige Chöre, etwa im Kontext der NPD. Eine größere Popularität erlangte zudem Marschmusik (Botsch und Kopke 2015, 33). Insgesamt spielte Musik eine untergeordnete Rolle. Nur langsam setzte sich die Erkenntnis durch, dass Musik ein mächtiges Rekrutierungsinstrument sein könnte. Erst für das Jahr 1977 – also lange nach Rock ’n’ Roll und „Beatlemania“ – ist der erste ernsthafte Versuch aus der extremen Rechten 139 Für den Fall der NPD zählte Frank Rennicke als parteinahe „volkstreue“ Sänger auf: Gerd Knabe, Bernd Dröse, T. Brehm, René Heizer, Ingo Halberstadt, Detlef Schumann, Frank Körner (Rennicke 1999b). 205 Öffnungen, Entwendungen dokumentiert, zeitgemäße populäre Musik zu produzieren.140 Mitglieder der NPD-Jugendorganisation „Junge Nationaldemokraten“ gründeten die Band „Ragnaröck“.141 Rockmusik sei nicht primär „Produkt des ‚amerikanischen Kulturimperialismus‘“, sondern gefalle „einem großen Teil der Jugend“ und solle dazu genutzt werden, „Gesprächsbereitschaft für die nationale Frage“ unter Jugendlichen herzustellen, erklärte die Band im Interview mit einer JN-Zeitschrift (NHB Report 1983, 59). Die Verbindung aus Rockmusik und nationalistischen Texten der Gruppe blieb jedoch erfolglos (Langebach und Raabe 2011, 37). Noch 1987 klagte Hans-Dietrich Sander im Monatsmagazin Nation Europa über das Fehlen einer rechten Jugendkultur: „Warum haben wir keine nationale Jugendbewegung?“ (Sander 1987, 26) Die rechte Jugendkultur könne durch traditionelle, bündische Jugendarbeit „höchstens befeuert und eingefangen, aber nicht ausgelöst oder gesteuert“ werden. Mit Blick auf die entstehende rechte Skinhead-Bewegung vermerkt Sander, dass es eine Öffnung zu modernen Kulturerscheinungen, eine Überprüfung von hypertraditionellen Mustern brauche. Die rechte Skinhead-Kultur sei schließlich „nicht durch Kappung der Verbindungen zur modernen Kultur“, sondern gerade durch „Integration; durch die Einbeziehung des Rock ’n’ Roll“ (Sander 1987, 28) hervorgebracht worden. Skinheads waren ab diesem Zeitpunkt für lange Zeit in der öffentlichen Wahrnehmung „prototypisch für die rechtsextreme Jugendkultur“ allgemein (Kohlstruck 2002, 80). Und mit ihnen hielt die Musik als wichtiges Ausdrucksmittel Einzug in das Spektrum. 140 Immerhin „zu den harten Rhythmen der Beatgitarren“ sollen zuvor die „Revoltesongs“ des Nationalrevolutionärs Thorsten Sievers gesungen worden sein (Bartsch 1975, 239). Ein Artikel von 1977 über politische Volkslieder verweist allerdings auf „nationalrevolutionäre Liedergruppen der SACHE DES VOLKES“ in Aachen, Berlin und im Ruhrgebiet, die diese Lieder gesungen hätten – höchstwahrscheinlich also keine Bands, sondern Singegruppen (o.A. 1977, 17). 141 Ragnarök“ bedeutet ungefähr „Gottesursprung“ oder „Schicksal der Götter“ und bezeichnet in der Mythologie die Sage von Herkunft und Untergang der Götter. Die Schreibweise der Band – „Ragnaröck“ statt „-rök“ – dürfte ein Verweis auf Rock-Musik sein. 206 Schulze, Etikettenschwindel 5.3.1.2 Gewachsene Bedeutung von Musik für den Neonazismus Pop, Pop-Musik und Jugendkulturen seien, so ein tradiertes Vorurteil, in der Tendenz politisch „progressiv“. Schon seit dem Bluesrock der „Rolling Stones“ galt Pop-Musik als die „Inkarnation des Rebellischen“ und jugendliche Rebellion war politisch links konnotiert (Reiche 2006, 13). Eine Funktion von Popkultur sei es, so stellt es Diederichsen dar, ein Kommunikationssystem zwischen westlichen Metropolen bereitzustellen, über das „Nachrichten vom Leben“ ausgetauscht werden. Sofern die Kulturen noch nicht in die kapitalistische Verwertung integriert sind, trage diese Kommunikation den – so wörtlich in Anlehnung an die Bloch’sche Terminologie – „Vorschein“ einer Utopie von einem besseren Leben in sich (Diederichsen 1992, 31). Auch Simon Frith argumentiert (in Anlehnung an Adornos politische Ästhetik), dass „schwierige“, „unpopular popular music“ das Schwierige „easy“ mache, dass sie „traces […] of another world“ in sich führe (Frith 1996, 20). Die Gewissheit, dass diese Spuren der „another world“ nur einen „progressiven“ Gehalt haben könnten, war lange Zeit verbreitet. Für Diederichsen jedoch war diese Vorstellung mit den Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen 1992 widerlegt. Der Blick auf die rassistische Menge auf dem Platz vor dem Lichtenhagener Sonnenblumenhaus habe „einen repräsentativen Querschnitt der bekannten jugendkulturellen Typen“ gezeigt: „langhaarige Dinosaur-Jr.-Typen, Homies mit allen Arten von Kappen, bunte Techno-Typen“142 (Diederichsen 1992, 30). Es sei an der Zeit, „Abschied“ zu nehmen von der Idee einer progressivlinken „Dissidenz durch symbolische Dissidenz“ (Diederichsen 1992, 30). So wie in der Bevölkerung ein konstantes Reservoir an extrem rechtem Denken vorhanden ist, gab und gibt es Spielräume für rechte Ideologie in der Popkultur. „Rechte und reaktionäre Tendenzen in der Popmusik“ (Büsser 2001) dürfen insofern nicht überraschen. In den 1990er und 2000er Jahren mischten die (mittlerweile wiedervereinten) „Böhsen Onkelz“ als Ex-Neonazi-Combo in ihrem Deutschrock Gewalt, angebliche Ausgren- 142 „Dinosaur Jr.“ ist eine damals prominente US-amerikanische Independent-Band. 207 Öffnungen, Entwendungen zung und männliche Überlegenheitsfantasien und stiegen damit zu einer auch kommerziell erfolgreichen Kultband auf. Als zeitweilige „Onkelz“- Nachfolgerin hat sich die Band „Frei.wild“ etabliert, die der deutschen Minderheit im norditalienischen Südtirol angehört. Der Sänger ist ein ehemaliger Neonazi, der sich zwar „gegen jeden Extremismus“ ausspricht, aber dennoch davon singt, dass er „keine Kritik an diesem heiligen Land, das meine Heimat ist“, zu dulden bereit sei. Auch die Alben von „Frei. wild“ waren mehrmals auf Spitzenplätzen in den deutschen Charts. Das zeigt: politischer Pop ohne Emanzipation oder eine linke Message ist ohne weiteres möglich; Pop mit rechten Inhalten „funktioniert“. Es ist dementsprechend kein Grund ersichtlich, warum Neonazis nicht in der Lage sein sollten, Pop für sich einzusetzen. In einem Internetforum hielt ein Neonazi 2005 Pop-Musik zwar immer noch für ein Werkzeug der Feinde – doch allemal für eines, dass sich im Dienst der eigenen Sache instrumentalisieren lasse: Das Instrument des Feinds kann in unseren Händen eine mächtige Waffe werden. Die läßt sich allein schon an der Musik festmachen – war (und ist) es nicht immer ein Argument unserer Gegner zu sagen: Rock Musik hat schwarze Wurzeln! Abgesehen davon das dies nicht stimmt – Rock Musik wurde dank der Weitsicht eines Mannes143 unser größtes Schwert – und es ist bis heute scharf. (User P. - Rastatt 2005) Rechtsrock144 der harten Sorte ist weit davon entfernt, in den großen Medien einen Status der Normalität zu erlangen oder in die Charts zu gelangen. Doch populär ist er durchaus. Die Rechtsrock-Sparten sind zu lebendigen und auch größeren Nischenkulturen geworden, mit eigenen Stars, Klassikern und Trends, Diskussionen, Medien, Kommerz und mit eigenen 143 Gemeint ist „Skrewdriver“-Sänger Ian Stuart Donaldson. 144 Raabe und Dornbusch meinen mit „RechtsRock“ (bei ihnen mit Binnenmajuskel) den mittlerweile „klassischen“ Sound der Skinheads, aber auch einen „Sammelbegriff für verschiedene Musikstile, deren verbindende Elemente rassistische, nationalistische, antisemitische oder neonazistische Textinhalte sind“. Rechtsrock ist also „keine eigenständige Musikrichtung, sondern lediglich eine Klassifikation für den politischen Inhalt der Lieder“ (Raabe und Dornbusch 2006, 47). 208 Schulze, Etikettenschwindel Untergenres. Während bis 1989 die Anzahl an Rechtsrock-Veröffentlichungen unter zehn im Jahr blieb, wuchs diese Zahl von 1990 bis 1998 auf einen Spitzenwert von 140 an. Seitdem pendelt sie zwischen 80 und 120 Veröffentlichungen jährlich (Langebach und Raabe 2013, 15). Allein für das Jahr 2010 wurden Aktivitäten von etwa 250 Bands in Deutschland registriert. 70 Prozent davon zählten zum klassischen Rechtsrock. Etwa 100 einschlägige Alben wurden veröffentlicht (AIB 2011c, 26). 2012 und 2013 lag die Zahl der aktiven Bands wiederum bei rund 200. 2013 veröffentlichten diese knapp über 100 Tonträger. Die Veröffentlichungen teilen sich in die Genres Rock (inklusive Poprock), Punkrock, Metal, Hardcore, Liedermacher-Musik und Rap auf (Raabe 2014, 31). Die „Erlebniswelt Rechtsextremismus“ (Glaser und Pfeiffer 2013) wird über die Musik um Konzertangebote bereichert. Als Treffpunkte, Vernetzungsgelegenheiten und Instanzen, um Bewegungszugehörigkeit zu demonstrieren, haben Konzerte eine bedeutende Rolle erlangt. Langebach und Raabe gehen deutschlandweit von jährlich 80 bis 220 Konzerten aus. Häufig werden die Veranstaltungen wegen der Verbotsgefahr konspirativ organisiert. Die Teilnahme ist somit nur für den Szenekern möglich, da die Einladungen gewöhnlich nichtöffentlich erfolgen. Oft werden die Konzertgäste über Schleusungspunkte (etwa über Autobahnraststätten) zu den eigentlichen Konzertlokalitäten geleitet. Diese Schnitzeljagd trägt zum abenteuerlichen Charakter einer Konzertteilnahme bei. Öffentlich beworbene Veranstaltungen wie Festivals mit populären Bands des Genres (Rock für Deutschland, Fest der Völker, Eichsfeldtag) locken einige hundert bis zweitausend Besucher an. 2009 wurde beim Rock für Deutschland mit 5500 Gästen ein Besucherrekord erreicht. Die Band „Lunikoff Verschwörung“ des ehemaligen „Landser“-Sängers trat als Hauptattraktion auf (Langebach und Raabe 2013, 65–73). „Landser“ sind zeitweise zu regelrechten Popstars geworden und brachten allein bis 2002 schätzungsweise 100.000 CDs in Umlauf (Seeßlen 2002, 129). Die Band wurde 2005 als „kriminelle Vereinigung“ verurteilt. Sänger Michael „Lunikoff“ Regener führt das „Landser“-Erbe mit der neuen Band „Lunikoff Verschwörung“ weiter. Einer Umfrage aus dem Jahr 209 Öffnungen, Entwendungen 2010 zufolge sind 16 Prozent der deutschen Jugendlichen mit der Musik von „Landser“ zumindest ansatzweise vertraut (Brunner 2011, 102–103), eine weitere Studie kommt auf knapp 15 Prozent (Brunner und Gründer 2011, 10). Der organisierte Rechtsextremismus nutzt die rechten Jugendkulturen umfassend und teilweise geplant. Insbesondere die unterschiedlichen Musikgenres sind zu hoher Bedeutung gelangt. Sie dienen als Übertragungsriemen der politischen Inhalte aus der Politik in die Jugendkulturen. Die gesamte Spannbreite der Popkultur müsse eingesetzt werden, um mit Jugendlichen in Kontakt zu kommen, befindet ein bayerischer NPD- Funktionär und stellt dabei gleichzeitig einen Gegensatz zu alten Themen und Formen heraus: Wenn man mit den Jugendlichen sprechen möchte, dann bringt es nichts, wenn ich denen irgendwas vom zweiten Weltkrieg oder irgendwas erzähle. Sondern dann laber’ ich mit denen halt über die letzte Simpsons-Folge oder so. Das ist deutlich zielführender, deutlich besser, da bin ich deutlich mehr im Hier und Jetzt als wenn ich mit irgendwelchen Themen ankomme, die eigentlich keinen Menschen mehr interessieren. (Spiegel TV 2014) Virchow kommentiert: Auch die Vielzahl der in den letzten 25 Jahren als Teil der neonazistischen Rechten auftretenden Musikbands und LiedermacherInnen können mit ihrem spezifischen Beitrag des framings als eigenständiger Typus der Schlüsselfiguren oder als Konkretisierung der Figur des Übersetzers angesehen werden; in diesem Fall als niedrigschwellig-jugendkulturelle Transformation durch Verbreitung ideologischer Inhalte mit musikalischen Mittel. (Virchow 2013, 56) In der Hörerschaft helfe die Musik, „commitments to movement ideals“ zu stiften, aufrechtzuerhalten und zu stärken, haben Futrell, Simi und Gottschalk für den US-Kontext herausgearbeitet (Futrell et al. 2006). Auch für Deutschland wurde analysiert: Ohne den Erfolg rechter Bands keine rechte Jugendkultur, ohne Bands keine Präsenz unter Jugendlichen, keine 210 Schulze, Etikettenschwindel ideologische Einflussnahme auf die Jugend, keine Rekrutierungserfolge und, schließlich, keine Reproduktion der Bewegung (Langebach und Raabe 2009). Die Rechtsrock-Ikone Daniel „Gigi“ Giese resümierte 2009 in einem Interview enthusiastisch die Entwicklung der rechten Jugendkulturen: „Der Verbreitungsgrad der Musik hat […] eine Größe erreicht, von der man vor 20 Jahren nur geträumt hat.“ (Freier Widerstand Bergisches Land 2009) Der Neonazi-Kader Maik Scheffler betonte 2007, dass Kulturund Freizeitangebote der entscheidende Faktor bei der Rekrutierung von Nachwuchs sei: Die Vermischung [zwischen Privatem und Politischem] herrscht auf jeden Fall vor […]. Der Einstieg erfolgt heute geschätzte 80 % unpolitisch. Die Lebensweise unserer Gemeinschaft ist da eher ein entscheidender Magnet als der politische Weg […]. (Thein 2009, 87) Thein reiht eine ganze Reihe von Aussagen neonazistischer Kaderfiguren aneinander, die allesamt die Bedeutung von Musik für die Bewegung herausstellen: Dieter Riefling: Neben dem Internet ist Musik definitiv immens wichtig geworden. Wenn sich das nicht sogar 50/50 teilt. Also, alle Arten von Musik. Früher war es der klassische Skinhead-Rock, heutzutage gibt es ja alles, es gibt die Liedermacher, Balladen, die Black-Metal-Fraktion, es werden alle Spielarten mehr oder weniger abgedeckt, die es in der Musik gibt. So wird dann immer mehr auch die Botschaft über die Musik transportiert […]. Falco Schüßler: Natürlich ist Musik ein wichtiger Faktor, um ein Stück weit diesen Kulturkampf zu führen. Das ist ganz wichtig, um Einfluss zu gewinnen bei jungen Menschen generell. Patrick Paul: Musik ist auf jeden Fall eine wichtige Rekrutierungsmethode, wie so eine Art Einstiegsdroge in nationale Strukturen, das war bei mir auch so. Neonaziaktivistin aus Thüringen: Musik ist ein wichtiges Transportmittel von Ideen und wohl häufigster Grund, warum junge Leute überhaupt zu uns stoßen. Zurzeit passiert das in unserer Ecke vor allem über den Musikstil Hatecore. (Thein 2009, 245–246) 211 Öffnungen, Entwendungen Der Thüringer NPD-Aktivist Sebastian Reiche schätzte in einer Pressemitteilung seiner Partei zur Veröffentlichung einer Schulhof-CD ein: Die Musik ist der Zugang zur nationalen Jugendkultur, in welcher viele Jugendliche später politisiert werden und endlich beginnen, sich für ihr Land einzusetzen. (Langebach und Raabe 2013, 96) Das Spektrum der Positionen ist damit umrissen: Manche Neonazis beobachten das Geschehen mit Sympathie, aber mehr oder minder passiv („Heutzutage gibt es ja alles“), andere haben ein aktives, jedoch rein instrumentelles Verhältnis zur Musik (im „Kulturkampf“ kann man mit ihr „Einfluss gewinnen“), wieder andere fühlen sich der Musik persönlichbiografisch verbunden („Einstiegsdroge […], das war bei mir auch so“). Der Bedeutungszuwachs des Musikbereichs sollte als Symptom der Entstehung einer neonazistischen Alltagskultur im Sinne der oben beschriebenen Erscheinungen verstanden werden. Bei einer wachsenden Zahl von Menschen, die sich der rechten Alltagskultur verbunden fühlen, steigt der Konsum rechter Musik, denn mit ihr lassen sich kulturell vermittelt das eigene Lebensgefühl, die eigene Weltsicht zum Ausdruck bringen: Der Musikgeschmack ist eine Komponente des Lebensstils, Teil eines Syndroms mehr oder weniger kohärenter Zu- und Abneigungen, Orientierungen und Verhaltenspraktiken. (Otte 2009, 25) Der Lebensstil und damit die Alltagskultur weisen dabei sogar über den jugendzentrierten Begriff der Jugendkultur hinaus, da an ihnen eine steigende Zahl von Personen weiterhin partizipiert, die als Jugendliche eine Sozialisation in diesen Szenen durchlebten, inzwischen dem Jugendalter jedoch lange entwachsen sind. Es handelt sich hierbei um eine Entwicklung, die in vielen jugendzentrierten Kulturen zu beobachten ist (Bennett 2000; Bennett und Hodkinson 2012). 212 Schulze, Etikettenschwindel 5.3.1.3 „Schulhof-CDs“ als Rekrutierungsinstrument Welche Bedeutung der Neonazismus dem Musikbereich beimisst, zeigt sich an den so genannten Schulhof-CDs, von denen seit dem Jahr 2004 mehrere Ausgaben erschienen sind. Die Musik wird hier explizit als Medienstrategie zur Rekrutierung von potenziell interessierten Jugendlichen eingesetzt. In hohen Auflagen werden CDs mit neonazistischen Musikbeiträgen gepresst. Meist sind zusätzliche Hörbeiträge und inhaltliche Ergänzungen im Beiheft enthalten, in denen die Liedinhalte ausgeführt werden und appelliert wird, sich dem „Widerstand“ anzuschließen. Die CDs sollen an kostenlos verteilt werden – idealerweise und daher namensgebend: auf dem Schulhof. Häufig werden die CDs parallel im Internet als Download bereitgestellt und in Portalen wie Youtube abrufbar geschaltet. Auch kritische Berichterstattung über die CDs und ihre Verteilaktionen kann als Werbung gewertet werden. Eine erste deutsche Schulhof-CD war unter dem Titel Anpassung ist Feigheit. Lieder aus dem Untergrund im Jahr 2004 mit einer Auflage von 50.000 Exemplaren in Planung. Verantwortlich waren „Freie Kameradschaften“. Die CD enthält einen einleitenden Wortbeitrag und 19 Songs von Rechtsrock-, Neofolk- und NS-Hardcore-Bands sowie Liedermacherbeiträge. Noch 2004 wurde eine Beschlagnahmung der CD wegen Verstoßes gegen das Jugendschutzgesetz gerichtlich angeordnet (Landtag Rheinland-Pfalz 2004, 2). Größere Verteilaktionen der CDs kamen nicht zustande, die CD wurde in digitalen Versionen stattdessen über im Ausland stehende Server per Internet vertrieben. Zeitgleich und möglicherweise mit der deutschen Version abgestimmt, wurde in den USA eine weitere Schulhof-CD veröffentlicht. Das Neonazi- Musiklabel Panzerfaust Records ließ eine CD in einer Auflage von schätzungsweise 50.000 Exemplaren pressen, die unter dem Motto „We don’t just entertain racist kids, we create them“ direkt auf Schulhöfen kostenlos an weiße Jugendliche verteilt wurden. 2009 folgte eine Zweitauflage (Turnitdown.com 2009). Der Sänger der Band „H8Machine“, die sich an der ersten „Project Schoolyard“ beteiligte, bezeichnete die Aktion im Inter- 213 Öffnungen, Entwendungen view mit der deutschen Rock Nord als „vollen Erfolg“, schon allein weil „die Presse ständig darüber berichtet“ habe: „Wenn gebildete Leute politische Musik machen, die auch von den normalen Jugendlichen gehört werden kann, dann flippt ZOG eben aus.“ (Rock Nord 2005a, 33) Das Konzept Schulhof-CD wurde seitdem von der NPD aufgegriffen und unter anderem in Wahlkämpfen eingesetzt. Von der NPD und ihrer Jugendorganisation „Junge Nationaldemokraten“ sind seit 2004 CDs unter folgenden Titeln veröffentlicht worden: Schnauze voll? Wahltag ist Zahltag! (2004), Der Schrecken aller linken Spießer und Pauker (2005, Neuauflage 2006), Rebellion im Klassenzimmer – NPD rockt (2006), BRD vs. Deutschland (2009), Freiheit statt BRD! (2010), Gegen den Strom (2011), Schulhof-CD Berlin (2011), Die Zukunft im Blick (2013), Aktivismus, Bildung, Gemeinschaft (2013). Aus dem Kameradschaftsspektrum sind folgende Schulhof-CDs veröffentlicht worden: Schulhof CD – 60 Minuten Musik gegen 60 Jahre Umerziehung (2007), Heimat ist auch Jugendsache (2009) und Jugend in Bewegung – Die Schüler-CD des Nationalen Widerstands (2010). Etliche dieser CDs wurden beschlagnahmt oder indiziert, was den Verbreitungsradius und damit den Wirkungsgrad der CDs eingeschränkt haben dürfte. Die Zahl der insgesamt verteilten CDs sollte die 100.000er-Marke inzwischen dennoch übertroffen haben. Die Reichweite der Parallelveröffentlichungen im Internet dürfte außerdem eine relevante Größe erreicht haben. Üblicherweise werden im Beiheft oder in den Wortbeiträgen (weiße deutsche) Jugendliche angesprochen, die ein Unbehagen gegenüber den gesellschaftlichen Verhältnissen verspüren und rebellieren wollen. Eine Attitüde, die sich gegen „Zeitgeist“ und „political correctness“ zur Wehr setzt, wird dabei betont. Die Jugendlichen werden mit inhaltlichen Eckpunkten vertraut gemacht und eingeladen, an der Bewegung zu partizipieren. In der Beilage zur NPD-Schulhof-CD von 2009 heißt es beispielsweise: Hallo Jungs und Mädels, Ihr habt oft von ihr gehört, Ihr wurdet vor ihr gewarnt, sie ist das Haßobjekt linker und angepasster Lehrkräfte – sie ist eine Legende! Jetzt ist sie Wirklichkeit geworden […], die neue Schulhof-CD! Wir 214 Schulze, Etikettenschwindel hören schon das Aufheulen an eurer Schule – beeindruckt euch das? Nicht wirklich? Wer will schon der Aktentaschenträger eines politisch-korrekten Lehrers sein, wenn es die Chance gibt auszubrechen aus der Matrix von Leistungsdruck und Anpassung. Wir zeigen euch wie es geht! […] Auf dieser CD findet ihr […] Protestsongs für Deutschland und gegen die herrschenden Zustände. Sie erheben ihre Stimme gerade auch für diejenigen, die sie bei Wahlen noch nicht abgeben dürfen. Das Entscheidende ist die Zukunftsperspektive von Euch jungen Deutschen in Eurer eigenen Heimat. Wir wünschen Euch nun viel Spaß beim Reinhören. Das Kopieren und Weitergeben dieser CD an eure Freunde ist ausdrücklich erwünscht. […] Kämpft für Euer Recht, kämpft mit uns! (Langebach et al. 2009, 67–70) Musikalisch sind die Schulhof-CDs nicht einem Genre verschrieben, sondern sie versuchen, stilistische Vielfalt abzubilden. Möglichst viele potenzielle Konsumenten sollen Stücke finden, die sie in ihren spezifischen stilistischen Vorlieben ansprechen. Neben Musik von Neonazi-Skinhead-Bands und Balladen sind insbesondere Hardcore und auch Rap vertreten. Black Metal und Gothic sind – der allgemeinen Entwicklung folgend – inzwischen seltener zu finden.145 5.3.2 Cover linker Lieder Mit dem Bedeutungsgewinn von Musik für den Neonazismus kam sehr bald ein Phänomen auf, das der umfassenden stilistischen Öffnung vorgelagert ist und hier nicht unerwähnt bleiben darf: Direkte Entwendungen 145 Zu der Schulhof-Offensive des Neonazismus gehört nicht nur der Einsatz von Gratis-CDs, sondern auch Comics, die ebenfalls kostenlos verteilt werden. „Setzen wir nach der Musikoffensive nun also zur Comicoffensive an den Schulhöfen an“, wurde 2009 im Heft Enten gegen Hühner der NPD-Jugend verkündet (JN 2009, 2). Eine Geschichte der Nutzung von Comics als popkultureller Literatur durch die extreme Rechte kann hier aus Platzgründen nicht nachgezeichnet werden. Neben der verstärkten Nutzung in der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart wäre zum Beispiel die Nutzung von Comics in den Jugendzeitschriften der nationalrevolutionären Strömung seit den 1970er Jahren zu nennen. Prinzipiell ließe sich vermutlich eine Kontinuitätslinie bis zu den antisemitischen Karikaturen in Der Stürmer ziehen. Es liegt seit 2011 ein Sammelband vor, der Rassismus, Antisemitismus und Rechtsextremismus in Comics aus verschiedenen Perspektiven betrachtet (Palandt 2011). 215 Öffnungen, Entwendungen von politischer, linker Musik hat es ab etwa 1990146 in großer Anzahl gegeben. Neonazistische Bands haben linke Lieder entweder mit verändertem Text oder in sowohl musikalischer wie textlicher Übereinstimmung neu interpretiert.147 Zum Hintergrund dieser Übernahmen linker Lieder gehört, dass parallel dazu auch zahlreiche bekannte Lieder, die keinen unmittelbar politischen Hintergrund hatten, von extrem rechten Musikern in veränderter Form genutzt wurden. Tatsächlich ist eines der am weitesten verbreiteten deutschen Rechtsrock-Alben eine Zusammenstellung von umgedichteten Neuinterpretationen bekannter Schlager und Popsongs: 1997 wurde unter dem Projektnamen „Zillertaler Türkenjäger“ das Album 12 Doitsche Stimmungshits mit „partytauglicher“ Musik und extrem rassistischen Texten veröffentlicht (Zillertaler Türkenjäger 1997). Der Bandname spielt auf die österreichische Volksmusikgruppe „Zillertaler Schürzenjäger“ an. „Landser“, um nur ein weiteres Beispiel zu nennen, interpretierten den durch Rudi Schuricke bekannt gemachten Schlager „Capri-Fischer“ von 1943 neu: Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt und vom Himmel die bleiche Sichel des Mondes blinkt, zieh’n die Fischer mit ihren Booten aufs Meer hinaus, und sie werfen im weiten Bogen die Netze aus. (Rudi Schuricke 1988) Bei „Landser“ wurde die Melodie im Rechtsrock-Stil gespielt und der Text zu einem Polacken Tango umgeschrieben: Wenn bei Danzig die Polenflotte im Meer versinkt, und das Deutschlandlied auf der Marienburg erklingt, dann zieht die Wehrmacht mit ihren Panzern in Breslau ein, und dann kehrt Deutschlands Osten endlich wieder heim. (Landser 1997) 146 Als Vorläufer können die schon erwähnten nationalrevolutionären Lieder von Henning Eichberg gelten. Dessen AKW-Nein-Lied wurde nach der Melodie von Brüder zur Sonne zur Freiheit (Sievers 1977b) gesungen, der Mauersprengersong war eine Umdichtung der Arbeitereinheitsfront von Brecht und Eisler (Bartsch 1975, 240–241). 147 Allgemein zur popkulturellen Praktik des „Coverns“ vergleiche die Studie des Musikwissenschaftlers Marc Pendzich (Pendzich 2004, 56–62). 216 Schulze, Etikettenschwindel Solche Adaptionen stellen aus Sicht von Neonazis keinen Widerspruch dar, da sie den Vorlagen – populären deutschen, oft volkstümlichen Schlagern – tendenziell sympathisierend gegenüberstehen. Ihre Anziehungskraft auf das Publikum beziehen die Stücke aus der Vertrautheit der wieder erkannten Melodien, deren Originaltexte oft mit augenzwinkernder, humoristisch-subversiver Note zu harten, extremen ideologischen Statements umgeschrieben werden. Neben Covern dieser Sorte ist im Rechtsrock jedoch auch eine auffallende Menge an gecoverten Liedern zu finden, die einen politisch linken Bezug haben. An der Praxis des Coverns linker Lieder hat es nur selten bewegungsinterne Kritik gegeben, aber auch Begründungen für das Covern sind kaum zu finden. Es scheint einen unausgesprochenen Konsens zu geben, dass das Übernehmen von „feindlichen“ Liedern praktiziert werden kann, solange es inhaltlich mit den Bedürfnissen der Bewegung in Übereinstimmung gebracht wird – sei es durch eine Textanpassung, sei es durch eine Kontextänderung, die einen linken Widerstandsgeist in einen rechten verwandelt Ein frühes deutsches Beispiel148 stammt von der Neonazi-Skinhead-Band „Störkraft“. Im Jahr 1990 griff die Band einen Song der linken deutschen Punk-Band „Targets“ auf, in dem gesungen wird: Ich bin ein Söldner, ich töte für Geld […] Ich bin ein Söldner und Narzist. Ich bin ein Mörder und Faschist. Ich habe keine Freunde, ich liebe nur mich. Ein Menschenleben interessiert mich nicht. (Targets 1985) „Störkraft“ sangen hingegen: 148 Für den internationalen Kontext muss hier als ein früheres Beispiel Tomorrow belongs to me“erwähnt werden. Der Song ist auf dem Album Hail The New Dawn von 1984 der britischen Rechtsrock-Vorreiter „Skrewdriver“ enthalten. Im Original ist es Teil des Musicals (1966) und Films (1972) „Cabaret“: In der „Biergartenszene“ wird in antifaschistischer Intention der Faszinationsgehalt und Aufstieg des Nationalsozialismus durch den Gesang eines uniformierten Hitlerjungen, in den immer mehr Menschen einstimmen, dargestellt. Dieses antifaschistisch intendierte, fiktive NS-Propagandalied aus der Feder von John Kander und Fred Ebb wurde von „Skrewdriver“ nachgespielt und transformierte sich so ohne Text- oder Melodieänderung in ein reales Nazi-Werbelied (Skrewdriver 1984). 217 Öffnungen, Entwendungen Er ist ein Söldner und Faschist. Er ist ein Mörder und Sadist. Er hat keine Freunde, er liebt nur sich. Ein Menschenleben interessiert ihn nicht. […] Er ist ein Skinhead und Faschist. Er hat ’ne Glatze und ist Rassist. (Störkraft 1990b) Was die „Targets“ als Anklage meinten, wurde von „Störkraft“ affirmativ gewendet. Die Beschreibung eines käuflichen, so skrupel- wie gefühllosen Berufssoldaten nahm die Neonazi-Band als Vorlage, um daraus eine Hymne auf das Selbstbild der rechten Skinheads zu formen. Kälte und Härte werden als Tugenden dargestellt. „Landser“ veröffentlichten auf ihren Alben mehrfach Coversongs von linken Bands, so zum Beispiel ein Lied des „Oktoberklubs“, einer staatstreuen DDR-Singegruppe. Der „Oktoberklub“ fordert ein imaginiertes, weltanschaulich nicht festgelegtes Gegenüber auf, sich zu gesellschaftspolitischen Fragen zu äußern. Es müsse sich zu den progressiven oder zu den rückschrittlichen Kräften bekennen: Sag mir, wo du stehst. Und welchen Weg du gehst. Zurück oder Vorwärts, du musst dich entschließen. Wir bringen die Zeit nach vorn Stück um Stück. Du kannst nicht bei uns und bei ihnen genießen, denn wenn du im Kreis gehst, dann bleibst du zurück. (Oktoberklub 1967) „Landser“ behielten Refrain und Melodie bei. Auch hier wird dem Gegen- über ein Bekenntnis abverlangt. Als Deutscher dürfe man gegenüber der „Überfremdung“ nicht schweigen: Sag mir wo du stehst. Und welchen Weg du gehst. Willst du die Überfremdung nicht sehen, mach’ alle Türen und Fenster dicht. Doch wenn sie dir Arbeit und dann die Wohnung nehmen, dann hör auf zu jammern, dann hilft es dir nicht. (Landser 2000) Auf dem Album davor hatten „Landser“ den Song Allein machen sie dich ein der bekannten linksradikalen 1970er-Jahre-Band „Ton Steine Scher- 218 Schulze, Etikettenschwindel ben“ gecovert.149 Im Original wird beschrieben, dass man vereinzelt gegen Unrecht auf der Welt nichts ausrichten könne. Erst wenn man sich zusammenschließe, könne man Veränderungen erreichen: Zu hundert oder tausend kriegen sie langsam Ohrensausen. Sie werden zwar sagen: ‚Das ist nicht viel’. Aber tausend sind auch kein Pappenstiel, und was nicht ist, das kann noch werden. Wir können uns ganz schnell vermehren. In dem Land, in dem wir wohnen, sind aber ’n paar Millionen. Wenn wir uns erstmal einig sind, weht, glaub ich, ’n ganz anderer Wind. (Ton Steine Scherben 1972) An der Adaption von „Landser“ (Landser 1995) ist bemerkenswert, dass der Text nur in zwei Details verändert wurde. Erstens wird gesungen: „Der Bubis weiß am besten, wohin“150 die Herrschenden nach einem Aufstand flüchten sollten. „Ton Steine Scherben“ hatten gesungen: „der Teufel“. Zweitens kulminiert bei „Ton Steine Scherben“ das Lied in den Schlusszeilen „Und du weißt, das wird passieren, wenn wir uns organisieren“. „Landser“ machten daraus „Ganz Deutschland weiß, es wird passieren, weil wir nie kapitulieren“. Die Entwendung des Liedes gelang vor allem durch eine simple Re-Kontextualisierung. Der Aufruf zur Organisierung war Anfang der 1970er Jahre durch die linken „Ton Steine Scherben“ unmissverständlich politisch nach links gerichtet, auch wenn der Text keine Auskunft dar- über erteilt, wer sich mit welchem Ziel gegen welche Kräfte organisieren solle. Bei der explizit neonazistischen Band „Landser“ brauchte es darum keine substanzielle Textänderung, um den Sinngehalt des Liedes zu einem Appell zu verändern, eine Neonazi-Bewegung aufzubauen. Michael Regener, ehemaliger „Landser“-Sänger, hat seine Vorliebe für Adaptionen beibehalten. 2012 veröffentlichte er unter dem Namen „Old 149 Das Lied, 1972 erstveröffentlicht, hat eine längere Rezeptionsgeschichte in der extremen Rechten. 1983 druckte die JN-Zeitung Klartext den Text ab. Ein Kommentar wandte sich an alle unzufriedenen Jugendlichen, „ob Punk, Skinhead, Müsli, Fußball-Rocker, Ted oder Popper“, und warb für eine Beteiligung am „nationalistischen Befreiungskampf (Klartext 1983). 150 Gemeint ist der Holocaustüberlebende Ignatz Bubis, damals Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland und zeitlebens eine prominente Hassfigur für Neonazis. 219 Öffnungen, Entwendungen Lu und das Himmelfahrtskommando“ ein Album, das nur mit Covern von – vorwiegend politisch linken – Deutschpunk-Bands aus den 1980er Jahren wie „Slime“, „Razzia“, „Canalterror“ und „Daily Terror“ bestückt ist. Alle Texte blieben unverändert (Old Lu & Das Höllenfahrtskommando 2012). Ähnlich: Ein Album der Rechtsrock-Ikone Daniel „Gigi“ Giese zur Feier seines 25-jährigen Bühnenjubiläums. Alle 19 Lieder des Albums sind Cover, größtenteils von Songs politisch links stehender Interpreten. Enthalten ist etwa der Song Tu was des linksradikalen Liedermachers „Quetschenpaua“. Die parteikommunistische, antisozialdemokratische Parole aus der Weimarer Zeit „Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!“ wurde 2009 vom linken Kabarettisten Marc-Uwe Kling in einem Lied vertont und von „Gigi“ in dieser Version originalgetreu nachgesungen. Ebenfalls enthalten ist das Stück Kanacken zerhacken – im Original ein antirassistisches Lied des österreichischen Liedermachers Wolfgang Ambros (Gigi in musica 2011). Die Rechtsrock-Band „Sleipnir“ veröffentlichte 1996 auf ihrem Debütalbum eine Interpretation des 1963 von Bob Dylan erstmals veröffentlichten Folk-Klassikers Blowin’ In The Wind (Bob Dylan 2015). Unter Beibehaltung der Melodie singen „Sleipnir“ im Song Die Antwort fliegt mit dem Wind einen deutschen Text, der die staatliche Verfolgung von Neonazis beklagt: Warum werden meine Freunde gejagt und inhaftiert? […] Nur weil wir stolz auf unsere Herkunft sind? Ja die Antwort mein Freund, ja sie fliegt mit dem Wind. (Sleipnir 1996) Der völkische „Scheitel“ Frank Rennicke nutzte hingegen ein Lied der irischen Folk-Band „Wolfe Tones“ als Vorlage. Die linksnationalistischen, IRA-nahen „Wolfe Tones“ sangen 1971 über ein irisches Mädchen, welches sich einem britischen Soldaten widersetzt: In the Galtee Mountains not far far away. I’ll tell you a story that happened one day. To a young Irish Colleen whose age was sixteen. And she hoisted her banner, white, orange and green. A young British Soldier was passing that 220 Schulze, Etikettenschwindel way. He spied the young maid with their colours so gay. He cursed and he swore, he jumped off his machine. Determined to capture the flag of Sinn Fein. […] The young British soldier turned white as the snow. Jumped on his machine and away he did go. For there’s no use in fighting a maid of sixteen. Who would lay down her life for her flag of Sinn Fein. (Wolfe Tones 1971) Rennicke übertrug den Text folgendermaßen: Im Mai ’45 in Hamburg es war. Ich sing Euch ein Lied, von dem was geschah […]. Das Mädel war fünfzehn, als der Feind im Reich stand. Doch ihr Herz gab nicht auf Ihren Kampf für das Land. Und so nahm sie zur Hand in der bittersten Not. Die Fahne des Reiches Schwarz, Weiß und Rot. Auf einem Motorrad ein Engländer kam. Und sah nun das Mädel mit der Fahne im Arm. Doch es durfte nicht sein – das in seinem Bereich. Man die Fahne noch zeigte vom deutschem Reich […]. Und noch an dem Abend sank die Fahne dahin. Das bewaffnete Mädel kam ihm nicht aus dem Sinn. Ihr Leib war zerschossen, die Lippen ganz bleich. Sie starb noch am Abend für die Fahne vom Reich. (Rennicke 1999a) Mit seiner Umtextung parallelisiert Rennicke die Situation in Nordirland aus radikal-katholischer Perspektive mit jener im Deutschen Reich in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges aus neonazistischer Perspektive. Hier wie dort widersetzt sich ein junges Mädchen – als Symbol für eine unschuldige, mutige, aber wehrlose Nation – durch das Zeigen der eigenen Nationalfahne einem überlegenen englischen Soldaten. Während bei „Wolfe Tones“ der englische Soldat durch den Mut des Mädchens frustriert aufgibt, lässt Rennicke in seiner Version die Situation eskalieren: Das deutsche Mädchen wird ermordet. Ohne Umschreiben des Textes kam Rennicke bei einem weiteren Cover aus. 1996 interpretierte er den in der Friedensbewegung weit verbreiteten Song Es ist an der Zeit von Hannes Wader (Wader 1980) neu (Rennicke 1996). Vier Jahre später folgte ein Cover des Liedes Mein Vater wird gesucht. In Rennickes Version singen hohe Kinderstimmen die Zeilen: „Oft kamen sie zu uns, und fragten, wo er sei. Wir konnten es nicht sagen, sie haben uns geschlagen, wir schrien nicht dabei.“ (Rennicke 2000b) Die Vorla- 221 Öffnungen, Entwendungen ge wurde während des Nationalsozialismus von Hans Drach getextet, die Musik von Gerda Kolmey komponiert und fungierte als kommunistisches Widerstandslied: „Oft kam zu uns SA und fragte, wo er sei. Wir konnten es nicht sagen, sie haben uns geschlagen, wir schrien nicht dabei.“ (Roost 1979) Durch die Auslassung der konkreten Benennung der SA machte Rennicke aus dem antifaschistischen Lied eines, welches die „Verfolgung“ von „Heimattreuen“ in der Bundesrepublik beklagt. Rennicke hat neben den erwähnten Stücken weitere Lieder linker Interpreten umgemünzt. Auf dem Coveralbum Andere(r) Lieder spielte er unter anderem den Razzia Walzer der anarchistischen West-Berliner Kabarettgruppe „Die 3 Tornados“ (Die 3 Tornados 1977) und das Stück Morgen sind wir tolerant des niederländischen Liedermachers Robert Long (Long 1989) nach. Das Album enthielt zusätzlich auch Cover von Interpreten wie der Pop-Sängerin Nicole (Nicole 1992). Die Zusammenstellung war so erfolgreich, dass Rennicke einige Jahre später einen zweiten Teil unter dem Titel Anderes aufgelegt einspielte (Rennicke 2000a). Weitere Beispiele: Die Rechtsrock-Band „Paranoid“ spielte 2009 das Antikriegslied 9/11 for Peace der linken US-Punk-Band „Anti-Flag“ nach und wandelt den Text in eine antisemitische Richtung: „Es sterben Menschen jeden Tag durch Waffengewalt, Bombenexplosionen, im Krieg wird man nicht alt. Der Feind der Welt, stets bekannt, ist mit Israel verwandt.“ (Paranoid 2009) Die Brandenburger Band „Hassgesang“ übernahm für den Song Brot und Spiele eine Melodie der US-Skatepunk-Band „Blink 182“ (Hassgesang 2005),151 die Baden-Württemberger Band „Act of Violence“ textete ihren Song An Vater Staat (Act of Violence 2005) nach der Vorlage Ideale?! der linksalternativen Crossover-Band „Such A Surge“ (Such A Surge 1996). Auch Persiflagen von linken Songs sind zu finden. So nahm die Düsseldorfer Band „08/15“ zwei bekannte Anti-Nazi-Lieder mit verändertem 151 Der Sänger der Band kam 2014 in die Schlagzeilen, als bekannt wurde, dass er kurz vor der Festanstellung als Richter an einem bayerischen Amtsgericht stand (Neumann und Wiedmann- Schmidt 2014). 222 Schulze, Etikettenschwindel Text neu auf und verwandelte sie augenzwinkernd in anti-linke Stücke. Zum einen das Lied Schrei nach Liebe der Berliner Pop-Punk-Band „Die Ärzte“, die über einen imaginierten Neonazi-Schläger singen: Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe, deine Springerstiefel sehnen sich nach Zärtlichkeit, du hast nie gelerntm dich artizukulieren, und deine Eltern hatten niemals für dich Zeit. (Die Ärzte 1993) In der Version von „08/15“ zur selben Melodie: Dein Gestank ist nur ein stiller Schrei nach Seife, dein Körper sehnt sich nach einem Bad, du hast nie gelernt, dir die Zähne zu putzen, und Läuse hast du in deinem Sack. (08/15 2000) Das Anti-Neonazi-Lied Sascha der Düsseldorfer Band „Die Toten Hosen“ besingt ebenfalls einen imaginierten Neonazi: Ja, der Sascha, der ist Deutscher, und deutsch sein, das ist schwer, wer so deutsch wie der Sascha ist, der ist sonst gar nichts mehr. Vor gut 50 Jahren hat’s schon einer probiert, die Sache ging daneben, Sascha hat’s nicht kapiert. (Die Toten Hosen 1992) „08/15“ entgegneten mit einem Song über einen imaginierten Anarchisten mit Namen Peter: Ja, der Peter ist Anarcho, und Anarchie ist schwer. Und so einen wie den Peter, den wollen wir hier nicht mehr. Ja, der Peter ist Anarcho, und Anarchie ist schwer. Und so einen wie den Peter, den wollen wir hier nicht mehr. (08/15 1996) Auch ältere Lieder aus der kommunistischen Arbeiterbewegung wurden adaptiert. Das Einheitsfrontlied von Hanns Eisler beispielsweise hat in einer textlich abgewandelten Version Verbreitung im Neonazismus gefunden: Der bayerische Liedermacher Flex (der sich mittlerweile aus dem Neonazismus zurückgezogen hat) änderte in seinem Stück Arbeiterfront den Text von Brecht folgendermaßen: 223 Öffnungen, Entwendungen Und weil der Mensch ein Mensch ist, braucht er seinen Platz auf dieser Welt. Es ersetzt keine Lüge sein Heimatland und auch kein blutiges Geld. Drum links, zwei, drei, wo dein Platz, junger Deutscher ist. Reih dich ein in die volksdeutsche Arbeiterfront, weil du auch ein Deutscher bist. (Flex 2009)152 Die hier aufgeführten Beispiele zeigen, dass Cover von linken Liedern durch neonazistische Interpreten seit 1990 Verbreitung gefunden haben. Sie basieren entweder auf textähnlichen Versionen, die durch Re-Kontextualisierung eine Bedeutungsänderung erfahren, oder aber auf umfassenderen Umtextungen. Gestus und Charisma der linken Vorlagen werden durch die rechten Interpreten gekapert und in den Dienst der neonazistischen Sache gestellt. Die Vielfalt der übernommenen Lieder zeigt, dass die Entwendungsbereitschaft der Neonazis nur wenige formale Grenzen kennt. Altes Liedgut der Weimarer Zeit (Hanns Eisler) ist genauso vertreten wie DDR- Künstler („Oktoberklub“); Deutschrock („Ton Steine Scherben“) genauso wie jüngere Punk-Stücke („Anti-Flag“); deutsches genauso wie Stücke aus anderen nationalen Kontexten („Wolfe Tones“). In den Textblättern der neonazistischen Veröffentlichungen findet sich dabei häufig kein Hinweis auf die Herkunft der gecoverten Lieder (Ausnahmen sind die Coveralben von Rennicke, „Lunikoff“ und „Gigi“). Es bleibt somit weitgehend dem musikalischen Hintergrundwissen der Hörer überlassen, die Coverstücke als solche zu identifizieren. Bemerkenswert: Im analysierten Primärmaterial finden sich keine Hinweise darauf, dass die Entwendungen von linkem Liedgut innerhalb des Neonazismus auf Widerspruch gestoßen wären. Sie scheinen weder umstritten noch begründungsbedürftig zu sein. Ein Ausnahmefall ist ein Interview mit „Landser“ von 1999, in dem die Band zwar nicht kritisiert, aber immerhin auf ihre Cover angesprochen wird: 152 Auch abseits von Tonträgern wurde ein Lied von Brecht im neonazistischen Kontext genutzt. Beim „Tag der deutschen Zukunft“ 2013 in Wolfsburg rezitierte Redner Christian Worch die Brecht’sche Resolution der Kommunarden – vor allem bekannt in Liedform nach einer Komposition von Eisler (Budler 2013). 224 Schulze, Etikettenschwindel Ihr verwendet für eure Songs oftmals sehr eigentümliche und ungewöhnliche (für unsere Bewegung) Originalversionen. Wie kommt man dazu, gerade ‚Künstler‘ wie ‚Ton Steine Scherben‘ und Co. für Coversongs auszuwählen? Landser: Unser unvergessener Führer hat mal gesagt: ‚Man kann von den Marxisten ruhig lernen, nicht das langweilige wirtschaftliche Zeug, aber wie sie manches machen!‘ (Zitat aus der Erinnerung) ‚Ton Steine Scherben‘ war, ob man will oder nicht, Deutschlands erste Polit-Rock-Band. Klar, Zecken, und der Reiser noch dazu schwul, aber der Text von ‚Allein machen sie Dich ein‘ ist doch geil, oder!! (Blood & Honour Magazin Deutschland 1999) Aus der Ablehnung von „Ton Steine Scherben“ machen „Landser“ keinen Hehl, sie ergänzen zur politischen Orientierung sogar den Vorwurf, dass Sänger Rio Reiser „schwul“ gewesen sei. „Ton Steine Scherben“ seien allerdings eine frühe Polit-Band – eine Tradition, in die „Landser“ sich stellen wollen. Dass der Text des Liedes „geil“ sei und Hitler seinerzeit zum „Lernen“ von Marxisten ermuntert habe, genügt als Legitimation. Der umgekehrte Fall ist übrigens nicht zu beobachten. Entwendungen von rechten Liedern durch Linke finden nicht statt. In der Literatur findet sich nur ein historischer Verweis in diese Richtung: „Honeckers Lieblingslied vom ‚Kleinen Trompeter‘“ sei „ursprünglich eine Hymne der SA“ gewesen, so Rudolf van Hüllen (van Hüllen 2013, 40). Allerdings war das kommunistische Lied eine Adaption des Soldatenliedes Von allen Kameraden (Siemens 2009, 132–133), es wurde seit 1925 mit anderem Text in der kommunistischen Bewegung gesungen. Erst danach wurde es erneut umgedichtet und von den Nazis genutzt (Steinitz 1979, 538).153 153 Wie dieses basierten allerdings einige Lieder der Arbeiterbewegung auf Soldatenliedern aus dem ersten Weltkrieg. Im Lied Auf zum Kampf heißt es in der wilhelminischen Fassung „Dem Kaiser Wilhelm haben wirs geschworen“, woraus „Dem Karl Liebknecht haben wir’s geschworen“ wurde. Die Nazis texteten wiederum: „Dem Adolf Hitler haben wir’s geschworen.“ Der soldatische Ursprung des Liedes verweist darauf, dass in der Arbeiterschaft militärische Kultur durchaus präsent und beliebt war und in der kommunistischen Bewegung genutzt wurde. Davon unangetastet ist der Befund, dass es sich um eine Entwendung handelt: Den SA-Leuten waren solche Lieder als ehemalige kommunistische Lieder bekannt, wie Balistier vermerkt (Balistier 1989, 120–121). Bewusst reimportierten die Nazis also kein Soldatenlied für ihr „politisches Soldatentum“, sondern sie entwendeten ein linkes Arbeiterlied. 225 Öffnungen, Entwendungen 5.3.3 Extrem rechter Metal und Darkwave In zwei der größeren, älteren und etablierten musikzentrierten Jugendkulturen, dem Metal und dem Darkwave, haben sich seit ihrer Entstehungszeit ab den 1970er Jahren zahlreiche Subgrenres herausgebildet. Beide Jugendkulturen zeigen sich als in einem hohen Grad ausdifferenziert, wobei die Unterschiede sowohl an der Musik als auch an der Ästhetik und ihrer Inszenierung festgemacht werden können. Für Außenstehende ist die Vielfalt der Subgenres kaum zu überblicken. Seit den 1990er Jahren haben sich in beiden Kulturen Segmente herausgebildet, in denen teilweise extrem rechte und neonazistische Inhalte vertreten werden. Namentlich: Im Metal existiert das Subgrenre des Black Metal, der den neonazistischen „National Socialist Black Metal“ (NSBM) hervorgebracht hat. Im Darkwave ist es besonders das Subgenre des Neofolk, in welchem extrem rechte Inhalte zu finden sind.154 Beide Erscheinungen sind in den jeweiligen Jugendkulturen entstanden, dort haben sie ihre Basis. Oft stoßen sie auf Skepsis oder Ablehnung; von manchen werden sie als legitime Spielart der eigenen Jugendkultur akzeptiert. Der politische organisierte Neonazimus war an der Entstehung nicht beteiligt, es erfolgte eine Rezeption ex post und nicht im Prozess der Herausbildung. Die Subgenres haben dennoch in den Neonazismus Eingang gefunden. Sie stellten der Bewegung jeweils eigene Ästhetisierungen neofaschistischer oder neonazistischer Ideologie zur Verfügung und leisteten somit einen ersten Beitrag zur kulturellen Öffnung und Ausdifferenzierung des Neonazismus. 154 Allgemein zum Metal und den dortigen (erst einmal auf musikalischer Ebene) extremeren Spielarten vergleiche die Bände von Robert Walser (Walser 1993) und Keith Kahn-Harris (Kahn- Harris 2007), mit Blick auf Deutschland die aktuelle Arbeit von Sarah Chaka (Chaker 2014), zu den neonazistischen Spielarten Hans-Peter Killguss und Christian Dornbusch (Dornbusch und Killguss 2005). Analog im Darkwave die Arbeiten von Klaus Farin (Farin 1999) und Susanne El-Nawab, speziell zu rechten Tendenzen die Arbeit von Andreas Speit (Speit 2002). 226 Schulze, Etikettenschwindel 5.3.3.1 Neonazistischer Metal: NSBM In den 1980er Jahren bildete sich im Metal ein Subgenre heraus, welches den Namen Black Metal trägt. Bands wie „Venom“ kombinierten düstere Ästhetik, extrem rauen und schnellen Sound mit satanistischen Texten. Teufelsfratzen, Pentagramme und umgedrehte Kreuze auf den „Venom“- Plattencovern waren als ironische Provokation in der Tradition des Rock ’n’ Roll gemeint.155 „Venom“ sangen: Black is the night, metal we fight, power amps set to explode, energy screams, magic and dreams, Satan records the first note. (Venom 1982) Nach einer „ersten Welle“ des Black Metal kam vor allem aus Skandinavien durch Bands wie „May hem“ mit ihrer Veröffentlichung Deathcrush (Mayhem 1987) und später „Darkthrone“ mit dem Album A Blaze in the Northern Sky (Darkthrone 1992) der Impuls zu einer Radikalisierung. Der Sound in dieser „zweiten Welle“ wurde noch harscher – schnelle Gitarren, rasende Doublebass-Drums, greller und oft keifender Gesang. Zusätzlich wurden die Inhalte radikaler formuliert. Anstelle ironischer Überspitzung trat eine Pose authentisch-ernster Bösartigkeit. Anfang der 1990er Jahre kam es in Skandinavien zu einer Serie von Brandstiftungen an Kirchen, zu denen Täter aus der Black-Metal-Szene ermittelt wurden. Ein Musiker von „Darkthrone“ äußerte sich dazu wie folgt: Ich finde es okay, wenn Kirchen abgebrannt werden, weil dadurch die so genannten Christen verschreckt werden […] Es ist auch meiner Meinung nach in Ordnung, wenn Leute getötet werden, denn es gibt sowieso zu viele Menschen auf diesem Planeten. (Dornbusch und Killguss 2005, 34–35) 155 Ein Beispiel ist der Song Sympathy for the Devil von den „Rolling Stones“ (Rolling Stones 1968). 227 Öffnungen, Entwendungen Seither ist mit dem Black Metal ein Metal-Subgenre entstanden, das in je unterschiedlichem Grad und Betonung Satanismus und Heidentum156 propagiert, Krieg und Gewalt verherrlicht und Misanthropie kultiviert. Bands und Fans setzen die Szenarien in den Texten in den allermeisten Fällen nicht in die Tat um. Jedoch betonen die Beteiligten im Wettbewerb um Szenereputation ihre „trueness“ – ihre Authentizität. Black Metal funktioniert auch über das Selbstverständnis als eine nichtkommerzielle, elitäre Untergrundszene „from the elite, by the elite, for the elite“ (DTB 2014). Hohe Verkaufszahlen von Tonträgern sind selten, typisch ist die Existenz von zahllosen kleinen Bands und Kleinstlabels, unter denen die Tonträger in geringen Auflagen kursieren. Der bewusst extrem rau und oft blechern gestaltete Sound der Musik und der gutturale Gesang werden bei Konzerten häufig durch die „Corpsepaint“ genannte Schminke der Musiker unterstrichen, die sich durch den Auftrag von weißer Farbe im Gesicht den Anschein geben, wandelnde Leichen zu sein. So wie im Metal allgemein Inszenierungen von Männlickeit, von „fantasies of masculine virtuosity and control“ (Walser 1993, 108), von hoher Bedeutung sind, spielt in den Inszenierungen des Black Metal eine kriegerische Männlichkeit eine wichtige Rolle. Brill schreibt dem Genre die „mythische Rekonstruktion martialischer ‚weißer‘ Männlichkeit“ (Brill 2009) zu. Ab etwa 1994 traten die satanistischen zugunsten von heidnischen Bezügen zurück und wurden mit Neonazismus verquickt – der „National Socialist Black Metal“ (NSBM) entstand. Anstelle einer allgemeinen Menschenfeindlichkeit verschob sich hier der Akzent hin zu einer Verherrlichung des „nordischen“ Mannes, der als Heide das Christentum und das Judentum abzulehnen habe.157 Immer wieder taucht in diesem Zusam- 156 Um das Themenfeld Heidentum und „nordische“ und germanische Mythen ist mit dem Pagan Metal ein weiteres Subgenre entstanden, in dem extrem rechte Ideologeme gehäuft anzutreffen sind und das in einem Austauschverhältnis zum Black Metal steht. Eine breitere Diskussion des Pagan Metal soll hier nicht erfolgen. 157 Eben mit dieser als Abkehr von der als Misanthropismus empfundenen Verschiebung der Menschenfeindschaft begründen manche Black-Metal-Fans ihre Ablehnung des NSBM: „Wo macht es Sinn, wenn so ein Kleinkind behauptet, ein totaler Menschenhasser zu sein und dabei noch so passenderweise sozialistische, lebensbejahende Ideen propagiert?“, wurde 2002 in einer Szenezeitschrift geklagt (Lohan 2002). 228 Schulze, Etikettenschwindel menhang das Symbol der Schwarzen Sonne auf, in dem paradigmatisch Heidentum, Okkultismus und Nationalsozialismus vereint sind. Varg Vikernes158 von „Burzum“, einer für die Entstehung des NSBM wichtigen Band, erklärte: Mit meiner heidnischen Natur – rein im Blute – bin ich den schwachen Juden, jedem hässlichen, primitiven, triebhaften Neger oder jeder anderen mongoloiden Vermischung der Menschen überlegen. (Dornbusch und Killguss 2005, 37) Vikernes gründete Mitte der 1990er Jahre die „Norsk Hedensk Front“ als Netzwerk von neonazistischen Metal-Bands, das sich international ausweitete und mit der „Deutschen Heidnischen Front“ auch einen Ableger in Deutschland hatte. Als weiterhin existierendes internationales Netzwerk fungiert die „Pagan Front“ (AIB 2014a, 30). Die bei „Burzum“ präsente Verherrlichung von Tod und Krieg hält Dietmar Dath für vergleichbar mit dem Futurismus, der als avantgardistische Strömung ebenfalls Raum bot für politische „Regression“ (Dath 2000). Die Band „Absurd“159, zeitweiliges Mitglied der „Deutschen Heidnischen Front“, singt auf ihrem Album Asgardsrei ein Loblied auf die SS: In den Divisionen Wiking und Nordland waren geeint, unsr’e Ahnen unerschütterlich für das Reich gegen den Feind, ihre Ehre, die hieß Treue, in den 158 Varg Vikernes tritt unter dem Pseudonym „Count Grishnackh“ auf. Er saß von 1994 bis 2009 wegen Kirchenbrandstiftungen und dem Mord an einem Musiker der Black-Metal-Band „Mayhem“ eine Haftstrafe ab. Trotz einschlägiger Äußerungen hielt sich Vikernes selbst nicht für einen Neonazi. 1995 beklagte er sich: „Die Juden haben es geschafft, dass die Welt an die Holocaustlüge glaubt, und wann immer ein blonder, großer, stolzer Nordmann mit himmelblauen Augen, wie ich selbst, irgendetwas Negatives über die Pest namens Judeochristentum und seine Wurzeln, die Juden, sagt, wird er automatisch als ‚Nazi‘ abgestempelt“ (Dornbusch und Killguss 2005, 37). 159 1993 kamen „Absurd“, damals noch eine Schülerband, in die Schlagzeilen, weil Bandmitglieder in ihrem Heimatort einen Mitschüler brutal ermordet hatten. Die Tat machte die Runde als „Satansmord von Sondershausen“. Der Mord steigerte die Popularität von „Absurd“ in der Black-Metal-Szene. Die Band platzierte ein Foto vom Grabstein ihres Opfers auf dem Cover ihrer ersten Veröffentlichung und setzte die Tat damit zum imagefördernden Marketing ein. 229 Öffnungen, Entwendungen Adern floss ein arisch Blut […], ein Volk, ein Glaube, uraltes Heidentum, Allvater wacht und waltet in Asgard über uns all. (Absurd 1998b) Von Berlin aus betreibt der ehemalige „Absurd“-Frontmann Hendrik Möbus das einflussreiche NSBM-Label Darker Than Black sowie das Szenemagazin Ablaze (antifa-berlin.info 2014). Um das Jahr 2000 begann der bundesdeutsche Neonazismus verstärkt Notiz von NSBM zu nehmen. Die Ästhetik des Black Metal war vielen Neonazis fremd, darum wurde dem NSBM zunächst mit Skepsis begegnet. Die Kurzhaarfrisur beziehungsweise Glatze ist im jugendkulturellen Bedeutungsgehalt der Neonazi-Skinheads ein Symbol männlich konnotierter Stärke, nicht zuletzt in Abgrenzung von den Hippies. Auf dieser Ebene erschienen die langhaarigen NSBM-Protagonisten als Gegenmodell, als weiblich und schwächlich, als „alternativ“. Scholz zitiert einen Neonazi, der verkündete, dass Metal aus Sicht des Neonazismus „als kulturell entartet und moralisch verkommen“ bezeichnet werden müsse (Scholz 2009). Doch die Stimmen, die für eine Integration des NSBM in die Bewegung warben, wurden stärker. In einem Neonazi-Magazin beschreibt ein Skinhead seinen ersten Besuch eines entsprechenden Konzertes: Ich hatte dann eigentlich einen guten Eindruck von den Metalern, weil ich da schon die ersten germanischen Symbole auf den Jacken und als Tattoos gesehen habe. […] Ich muss sagen, nach ein oder zwei Stunden war ich dann schon ein wenig angetan von der Musik. Es ist halt mal was anders wie unsere Mucke! […] Ich kann nur jedem empfehlen, so ein Konzert zu besuchen. (Aryan Law & Order 2001, 50) Abb. 11: Albumcover (Absurd 1998a) 230 Schulze, Etikettenschwindel Die Kontroverse wurde zum Beispiel 2001 im Neonazi-Magazin Ruf nach Freiheit ausgetragen. Ein Autor rief zu mehr Toleranz gegenüber dem Metal auf: Die Nationale Bewegung hat ohne Zweifel mit vielen Problemen zu kämpfen. Absurderweise kommt jedoch eins der größten aus den eigenen Reihen: Die sinnlose Intoleranz, mit der anderen Szenen begegnet wird (Bracken 2001, 46) Argumentiert wird weiter: Die NSBM-Bands seien nicht satanistisch geprägt, sondern heidnisch; sie würden „von einer längst vergessenen Zeit mit ihren Göttern, Helden und Schlachten [erzählen]. Unseren Göttern!“. Dass die Musik selbst nicht jedermanns Sache sei, sei verständlich, allerdings: „Musik, die einem nicht unbedingt zusagt, darf in einer freien und vielschichtigen Bewegung, wie es die nationale Bewegung eben ist, nicht zu Ausgrenzung und Lagerdenken führen.“ Jede Szene in der Bewegung habe eine Daseinsberechtigung, alle seien eine „Bereicherung“. Die NSBM-Band „Magog“ schildert in einem Skinhead-Magazin ihre Freude über die sich vollziehende Annäherung zwischen neonazistischem Metal und Skinheads: „Probleme als Langhaarige auf Skinheadkonzerten“ gebe es glücklicherweise nicht mehr (White Supremacy 2000, 6). Mehrere Ausgaben lang hatte die neonazistische Skinhead-Zeitschrift Ostara ein NSBM-Heft namens Doppelblitz als Beilage (Dornbusch und Killguss 2005, 276). Der sächsische „Hammerskin“ (und Verfassungsschutz-V- Mann) Mirko Hesse führte zeitweise das NSBM-Label Darker Than Black als Sublabel seiner Plattenfirma Hate Records (AIB 2014a, 30). 5.3.3.2 Rechtsextremer Darkwave: Neofolk Im Darkwave – der romantischen und düsteren Musik der heterogenen Jugendkultur der „schwarzen Szene“160 (Speit 2002) – hat sich ebenfalls ein Subspektrum herausgebildet, in dem rechtsextreme Ideologie zu finden ist. Charakteristika der Ästhetik des in den späten 1970er Jahren ent- 160 Als Genrebezeichnung ist auch „Gothic“ verbreitet. 231 Öffnungen, Entwendungen standenen Darkwave sind Inszenierungen von Sehnsucht, Tristesse, Elegie und Dunkelheit. Die das Genre mitprägende Band „The Cure“ mit ihrem Frontmann Robert Smith wurde beschrieben als „ein Marathon an Angstzuständen, die auf einem drei Akkorde umfassenden Minimalismus und Smiths bleichem Tenor aufbaute“ (Wanders 2002, 27–28). Belesenheit, Intellektualität, emotionale Tiefe gelten unter den Fans als Qualitäten. Weltabgewandtheit, Einsamkeit und Introvertiertheit, manchmal erotisch aufgeladen, werden in Songtexten und in den Publikationen gepflegt. Eine gewisse Depressivität, zuweilen auch Todessehnsucht werden transportiert (El-Nawab 2007, 208–211). Die Band „Goethes Erben“ sang: Das Leben war kurz, er starb in meinen Armen, sein Leib war naß, die Augen angsterfüllt geöffnet, leere starre Pupillen spiegelten meine eigene Angst, ich sah den Tod lächeln. (Goethes Erben 1992) Für manche Strömungen im Darkwave folgen aus derlei Themensetzungen eine Sehnsucht nach einer überschaubaren, ursprünglichen Welt sowie die Suche nach Nähe und Geborgenheit, nach Mythos anstelle von Aufklärung. Das Irrationale und „das Geheimnisvolle“ ist „Kontrapunkt einer modernen rational-kapitalistischen Gesellschaft“ (Wanders 2002, 57). Dieses Unbehagen hält Anknüpfungspunkte für extrem rechte Ideologie bereit. Zu einem Antimodernismus gesellte sich in Teilen der Jugendkultur die Vorstellung von einem Status als Elite. Die meisten Bands und Projekte mit solchen Affinitäten sind im Subgenre des Neofolk zu finden, situiert am Rande der Jugendkultur und mit engen Verbindungen zum Industrial beziehungsweise Post-Industrial.161 Musikalisch ist der Neofolk breit gefächert, die Anleihen reichen von Folk bis Akustik, dissonante Passagen werden mit betont sanften Klängen vermischt. Die Texte widmen sich Themen wie Naturmystik, Heidentum, Magie oder Mittelalter. Häufig werden Bezüge zu Literaten hergestellt, rezipiert werden beispielsweise Rainer-Maria Rilke, Hermann Hesse, Ernst Jünger, Novalis oder Stefan 161 Einen Überblick zur Neofolk-Szenerie in Europa bietet das aus affirmativer Perspektive verfasste Buch Looking for Europe (Diesel und Gerten 2013). 232 Schulze, Etikettenschwindel George. Cavalcare la Tigre war 1998 eine als Hommage an Julius Evola erschienene Kompilation betitelt, auf der rechte Bands aneinandergereiht waren (VA 1998). Return your revolt into style ist der Titel eines Albums der 2010 aufgelösten Band „Von Thronstahl“, deren Name mit teutonischer Brachialität spielt. Die bandeigene Plattenfirma hieß Fasci-Nation (inklusive des Bindestrichs), im Logo ist der Schriftzug von Rutenbündeln eingerahmt. Extrem rechte Darkwave-Bands äußern sich nur selten auf der Ebene politischer Parolen. Eher wird eine faschistische Ästhetik mit künstlerischapolitischer Geste reaktiviert. Einschlägige Bands weisen regelmäßig den Vorwurf zurück, dass sie „rechts“ seien. Douglas Pearce, Bandleader der Neofolk-Gruppe „Death in June“, beschäftigte sich nach eigener Auskunft eingehend mit der „Nacht der langen Messer“, bestreitet aber, dass der Name seiner Band auf das historische Ereignis vom Juni 1934 anspielt. Auch sei sein Song Rose clouds of Holocaust (Zitat: „Rose clouds of holocaust, rose clouds of bitter, bitter lies“) keine Holocaust-Leugnung. Vielmehr habe Pearce ein Naturerlebnis in den Vulkanlandschaften auf Island verarbeitet, wie er im Interview mit der neu-rechten Wochenzeitung Junge Freiheit zu Protokoll gab (Raspe 1997). Aus anderer Quelle: This work was inspired by Mid-Winter and Mid-Summer visits to Iceland where the days during these times of year can be either almost totally dark or either almost totally light. […] I experienced a spiritual epiphany during these visits in 1989/1990. The word holocaust is Greek for ‚burnt offerings‘ (normally of a religious kind) and Iceland is full of extinct volcanoes as well as active ones. Its volcanic landscape is the holocaust in question symbolizing death and rebirth. It has nothing to do with the persecution and extermination of Jews, Homosexuals, Gypsies etc. by Germany during the years of the IIIrd Reich. (shesaiddestroy.org 2006) Abb. 12: Albumcover (Death in June 2014) 233 Öffnungen, Entwendungen Dieses „Spiel mit Distanzierung, Leugnung und Identifikation mit dem historischen Nationalsozialismus“ hält der Kulturwissenschaftler Georg Seeßlen für ein allgemeingültiges Erkennungszeichen des „neuen Faschismus“ (Seeßlen 2001, 19). Selbstverständlich ist es den Angehörigen der Neonazibewegung möglich, die Codierungen zu dechiffrieren. Das Neonazi-Magazin Der Ruf nach Freiheit ordnete 2001 „Death in June“ ein: Der Bandname gehe unmissverständlich auf die „Nacht der langen Messer“ im Juni 1934 zurück. Begeistert wird der Song We drive East zitiert: „Let loose from the leash, to hunt the Bolshevik beast […] for a free Europe, we drive east.“ Auch das Album Brown Book (1987) zeige eine „Verklärung“ des Nationalsozialismus. Ein Textabschnitt aus dem erwähnten Titeltrack des Albums Rose Clouds of Holocaust (Death in June 1995) wird wiedergegeben. Der Songtext sei „wohl ziemlich eindeutig“, so der neonazistische Autor (Wulf 2001, 6–7). „Von Thronstahl“ sowie die rechte Neofolk-Band „Blood Axis“ haben durch ihre Interpretationen eines Songs von „Joy Division“ demonstriert, wie sich an die Ästhetik des Darkwaves anschließen lässt und er gleichzeitig in seinen politischen Vorzeichen verändert werden kann. Die britische Postpunk-Band „Joy Divison“ veröffentlichte 1979 noch unter ihrem ursprünglichen Namen „Warsaw“ den Song Walked in Line: All dressed in uniforms so fine, they drank and killed to pass the time, wearing the shame of all their crimes; with measured steps they walked in line, they walked in line; they carried pictures of their wives and numbered tags to prove their lives; they walked in line, full of a glory never seen, they made it through the whole machin, to never question anymore, hypnotic trance they never saw. (Warsaw 1994) 234 Schulze, Etikettenschwindel Der Song von „Joy Division“162 ist mit eindringlicher Stimme vorgetragen und klagt die Skrupellosigkeit ungenannter Soldaten an, die ins Verderben marschieren. Der Text lässt sich antitotalitär und antimilitaristisch lesen, auch eine antifaschistische Interpretation ist möglich. In den Coverversionen von „Blood Axis“ und „Von Thronstahl“ ist der Text im Vergleich zur Vorlage fast identisch: Dressed in our uniforms so fine, we drank and killed to pass the time, wearing the shame of all our crimes; with measured steps we walked in line, we walked in line; we carried pictures of our wives, and number tags to prove our lives; we walked in line, full of glory never seen, we made it through the whole machine, to never question anymore, hypnotic trance we never saw. (Blood Axis 1995; Von Thronstahl 2003) Das distanzierte „they“ bei „Joy Division“ wurde zu einem affirmativen „we“ verändert. Bei „Blood Axis“ ist zu Beginn des Stücks der Ausschnitt einer Rede Hitlers zu hören. Aus der schleppenden, schweren Stimme im Original wurde ein harter Kommando-Ton; die Musik um einen Marschrhythmus ergänzt. Bei „Von Thronstahl“ wird dieser Effekt durch das eingesampelte Stampfen von marschierenden Stiefeln verstärkt. Diente die Wendung „töten, um die Zeit zu vertreiben“ bei „Joy Division“ zur Beschreibung einer Welt, über die man verzweifelt ist, machten die Interpretationen daraus einen legitimen weil heldischen Gewaltakt. Martin Büsser zitiert eine Rechtfertigung von „Blood Axis“: Blood Axis ist ein Versuch, eine Weltanschauung zu entwerfen, die auf Stärke und Willenskraft basiert. Was auch immer zu diesem Zweck gewonnen und versklavt werden kann, wird verwendet. [Blood Axis] ist Magik in Theorie und Praxis, ohne Entschuldigung und Mitleid. (Büsser 1997, 81) 162 Der Name spielt auf die Bordelle in nationalsozialistischen Konzentrationslagern an. Die Band experimentierte während ihrer Existenz fortwährend mit nationalsozialistischer Ästhetik – in kritischer Absicht (Curtis 1996). 235 Öffnungen, Entwendungen Neben dem zeitweiligen Interesse neurechter Kreise am Darkwave – so schaltete etwa die Junge Freiheit Anzeigen im Szenemagazin Zillo (Speit 2002, II) – werden die Bands seit den 2000er Jahren auch im Neonazismus beachtet. 2005 wurde beispielsweise im Neonazi-Heft Rock Nord über Darkwave berichtet. Der „Musikgeschmack der patriotischen Bevölkerung“ sei „vielfältiger geworden“, wurde dort festgestellt. Unter Neonazis seien Darkwave, Gothic und Neofolk „nicht so bekannt“, obwohl es „in diesen Szenen einige Patrioten“ gebe (Rock Nord 2005c, 18–19). Schon 2001 wurde „Von-Thronstahl“-Sänger Josef Maria Klumb in der Neonazi- Zeitschrift Der Ruf nach Freiheit gewürdigt. Im Interview erklärte er: „Natürlich ist unsere Ästhetik NS-like […] Die Fotosession am Nürnberger Reichstagsgelände ist eine Hommage an derlei faschistische Ästhetik.“ Er habe auch „keine Probleme mehr damit, mich als ‚rechtsradikal‘ titulieren zu lassen“ (Der Ruf nach Freiheit 2001a). Für das Neonazi-Blatt Hier & Jetzt schrieb Klumb später selbst Beiträge (Klumb 2008, 22). In der NPD- Parteizeitung Deutsche Stimme werden Veröffentlichungen und Konzerte von Bands wie „Blood Axis“163 oder „Death in June“164 positiv besprochen. Bei öffentlichen Auftritten von neonazistischen Gruppen sind Band-T- Shirts und andere Embleme aus diesem Spektrum hingegen vergleichsweise selten anzutreffen. In Darkwave und Neofolk sind derartige Abzeichen weniger verbreitet als in anderen Jugendkulturen. Andererseits handelt es sich um keine Kultur, zu deren Selbstinszenierung eine Präsenz auf der Straße zählt. Die Musik eignet sich kaum als Soundtrack für Straßenaktivismus. In den auf Demonstrationen und ähnlichen Ereignissen fokussierten Teilen des Neonazismus ist Darkwave und Neofolk darum weniger präsent. Allgemein hat der rechte Rand der Darkwave-Szene nach Einschätzung von Langebach und Raabe in den letzten Jahren an Bedeutung eingebüßt (Langebach und Raabe 2013, 74). Als legitime kulturelle Ausdrucksmög- 163 Der Deutsche-Stimme-Autor Martin Schwarz war 1998 an der Organisation einer Deutschlandtour für „Blood Axis“ beteiligt (Dornbusch 2000). 164 Ein Konzert von 2011 wurde in der Deutschen Stimme besprochen: Es sei „großartige Musik“ gespielt worden (Thomsen 2011). 236 Schulze, Etikettenschwindel lichkeit für die eigene „heimatverbundene Naturauffassung“ (Der Dritte Weg 2014) hingegen ist die Musik im Neonazimus inzwischen akzeptiert. 5.3.4 (National Socialist) Hardcore Die mittlerweile wohl bedeutendste jugendkulturelle Erneuerung im Neonazismus betrifft den Hardcore. Die Übernahme von Elementen des Hardcores unter dem Label des „National Socialist Hardcore“ (NSHC) ist insbesondere für das Spektrum der AN relevant. „Das Neue kommt ja aus der Hardcore-Szene“, äußerte sich gegenüber Raabe und Langebach ein AN-Aussteiger. NSHC würde bei den AN bevorzugt konsumiert. Die Hardcore-Ästhetik sei eine wichtige Quelle für die „kulturelle Innovation und Öffnung“ in der Neonazibewegung allgemein gewesen (Raabe und Langebach 2011, 165).165 5.3.4.1 Hardcore als Jugendkultur Der Hardcore ist eine Jugendkultur, die sich um 1980 in den USA formierte und bald auch in Europa Verbreitung fand. Es handelt sich um ein Derivat der frühen Punk-Szene und ist als geschwisterliches Gegenüber des Punk mit diesem verbunden.166 Anstelle des Nihilismus im Punk („No future“) betont der Hardcore Werte wie Freundschaft und Zusammenhalt und führt das „Do-it-yourself“-Prinzip des Punks weiter (Büsser 1995). Dem Hedonismus und der (Selbst-) Destruktivität des Punks wurde eine 165 Eine umfangreiche Darstellung von „reaktionären Tendenzen“ im Hardcore und auch des NSHC ist von Ingo Taler, einem Hardcore-Szeneangehörigen, vorgelegt worden (Taler 2012). Eine Darstellung von Langebach und Begrich mit einem Fokus auf das Bundesland Sachsen- Anhalt ist außerdem zu nennen (Langebach et al. 2010). Aus dem Bereich der grauen Literatur ist die Broschüre eines Kollektivs namens Balance The Books erwähnenswert (Balance The Books 2009). 166 Dem Punk wurden übrigens früh wegen seiner brachialen, sozialkritisch-anklagend gemeinten Nazi-Zitate rechte Tendenzen nachgesagt. In einem Text von 1979 werden Bands wie die „Sex Pistols“ (Sänger Johnny Rotten trug eine Hakenkreuzbinde zur Schau) oder die „Ramones“ („Blitzkrieg Bop“) als affirmativ und somit „manifest faschistoid“ eingeordnet (Rahlens 1979, 167–168). 237 Öffnungen, Entwendungen Absage erteilt. Auch musikalisch grenzte sich die entstehende Hardcore- Szene vom Punk ab. An die Stelle von bewusstem musikalischen Dilettantismus traten gesteigerte Härte und Geschwindigkeit. Vom Auf-undab-Springen des „Pogo“-Tanzes im Punk änderte sich der Tanzstil zum körperbetonteren „Mosh“ beziehungsweise „Slamdance“ (Honert 2005, 53). Rockstar-Posen werden wie im Punk abgelehnt. Politisch ist der in etliche Subgenres ausdifferenzierte Hardcore in der Tendenz links verortet – „Diskurse über Feminismus, Vegetarismus, Sexismus, Kapitalismus, ökologisches Bewusstsein“ (Honert 2005, 51) werden vielfach geführt. Marc Calmbach hat 2004 bei Hardcore-Konzerten Publikumsbefragungen durchgeführt, die sicherlich kein allgemeingültiges Bild der Hardcore-Fans ergeben, aber doch gewisse Einblicke erlauben (Calmbach 2007, 166). 95 Prozent der Befragten waren zwischen 16 und 29 Jahren alt, 78 Prozent hatten Abitur oder einen Universitätsabschluss, zwei Drittel waren männlich. Als politisch „links“ beschrieben sich 49 Prozent, als „eher links“ 36 Prozent167 – „rechts“ und „eher rechts“ kamen auf zusammen 1,5 Prozent. Als „unreligiös“ bezeichneten sich 84 Prozent, 9 Prozent hingegen als „eher“ oder „sehr“ religiös. 20 Prozent der Befragten waren „Straight Edge“, zusätzliche 8 Prozent ordneten sich als „vegan Straight Edge“ ein.168 In Europa, in einigen Ländern Lateinamerikas und – etwas weniger stark ausgeprägt – auch in den USA ist die Punk- und Hardcore-Szene mit Teilen der radikalen Linken verquickt. Frühe deutsche Hardcore- Bands entstammten der Punk-Szene und orientierten sich in ihrem Stil an britischen und US-amerikanischen Vorbildern (beispielsweise „Inferno“, „Spermbirds“). Hardcore-Konzerte fanden in Deutschland seit den 1980er Jahren maßgeblich in den Jugendzentren und „Autonomen Zentren“ der radikalen Linken statt. 167 Auch laut Hitzler, Bucher und Niederbacher ist dem Hardcore eine Ideologie immanent, „die eindeutig dem linken Spektrum zuzuordnen ist“ (Hitzler et al. 2005, 59). 168 Zur Bedeutung der Bezeichnungen „Straight Edge“ und „Vegan Straight Edge“ siehe die Ausführungen unten. Weitere Selbsteinordnungen bei Calmbach: „Hardline“ kam auf 1,0 Prozent, „Hare Krishna“ und „Neonazi“ auf je 0 Prozent (Calmbach 2007, 172). 238 Schulze, Etikettenschwindel Der Hardcore versteht sich als internationales „network of friends“, als eine „Gegenkultur“, die nicht die Werte des „Mainstreams“ teilen will. Die eigene Kultur soll nicht warenförmig gebraucht und verwertet werden. Das Alternativkonzept im Punk und Hardcore ist das des „Do it yourself“ (DIY). Das meint Autonomie im Sinne einer Unabhängigkeit von der Unterhaltungsindustrie. Hardcore-Bands geben typischerweise ihre Platten im Selbstverlag heraus oder arbeiten mit Kleinlabeln aus der Szene zusammen. Ebenso werden Konzerte selbst organisiert. Wichtig ist eine geringe formelle Distanz zwischen Bands und Publikum. Bands verschikken ihre Demoaufnahmen nicht an große Plattenfirmen, um einen Vertragsabschluss zu erreichen, stattdessen existiert ein kaum überschaubares Universum an kleinen und kleinsten Labeln. Die Kommunikation findet über Fanzines statt. Das sind in Kleinstauflagen von Einzelpersonen oder kleinen Redaktionen erstellte Zeitschriften („Fan-Magazines“), die sich dem Musikgeschehen und häufig auch persönlichen Mitteilungen oder politischen Themen widmen.169 Eifersüchtig wird aber darüber gewacht, ob Neulinge ihr Engagement ernst meinen und nicht etwa nur einer Mode folgen. Hier verläuft die Grenze der Integrationswilligkeit. Die US-DIY- Punkband „The Pist“ sang: What the fuck just happened, and where did you come from? Something is happening here. I’m so glad to see our lifestyle watered down and mass produced. A pale reflection of the real thing. Can you understand what this movement is about? No – you’re just a consumer! (The Pist 1995) Die Distanz zur Musikindustrie wird als Kritik an der Konsumgesellschaft, als Ablehnung von Kommerz und sehr häufig auch als antikapitalistische Geste verstanden. Konsumkritik und die Vorstellung, dass die eigene Lebensführung ein bewusster und politischer Akt sei, sind im Hardcore verbreitet und diese Ansichten sind sowohl mit den Praktiken des Subgenres „Straight Edge“ als auch mit denen der autonomen Linken kompatibel. 169 In den letzten Jahren haben Online-Zines an Bedeutung gewonnen und die traditionellen Papier-Fanzines sind seltener geworden. 239 Öffnungen, Entwendungen Dies gilt, obwohl Hardcore durchaus nicht uneingeschränkt „links“ war oder ist. 1995 stellte Martin Büsser fest: Auf dem Gang durch die Punk- und Hardcoregeschichte […] wird klar, dass nur eine Handvoll Bands sich tatsächlich einer linken Terminologie bedienten; [dass] der Rest sich einfach nur Platz verschaffte gegen eine allgemeine, schwer lokalisierbare Unlust und Enge. (Büsser 1995, 16) Wiederum in den USA bildete sich Anfang der 1990er Jahre ein Subgenre des Hardcore heraus, mit dem der Nihilismus wieder Einzug in die Szene fand. Die Ablehnung jeglicher Konventionen und Werte war mit einem Individualismus verknüpft, dessen Durchsetzung durch die Betonung von Männlichkeit und Stärke proklamiert wurde. Die New Yorker Band „SFA“ prägte den Namen Hatecore170 für das neue Subgenre. Die Hardcore-typische Gesellschaftskritik und eine Ablehnung von Diskriminierung und von Umweltzerstörung (SFA 1991) bestand bei „SFA“ fort, kippte aber, das war der entscheidende Schritt, in eine individualistische, kämpferische Ablehnung von Gesellschaft: „I can’t live in this world, taken all that I was, morals I can’t live by […] Freedom! By my own will. Freedom! You’re mine to kill.“ (SFA 1994) Das Vertrauen in die eigene Stärke gegen eine feindliche Umwelt kulminierte bei „SFA“ in einer Lobeshymne auf Selbstjustiz: I got the right to shoot you dead if chaos is the law of the land. Then I’m gonna take the law in my hands. While criminals control the streets we’ve got to fight to take it back. The police are not the enemy but the law ties their hands, they’re just in the way. (SFA 1996) Spätestens in den 1990er Jahren wurde Hardcore von der Musikindustrie entdeckt und kommerziell verwertet. Videos von Bands wie „Rage Against the Machine“ oder „Biohazard“ liefen auf dem Musiksender MTV. Aber: Wie in wohl kaum einer anderen Jugendkultur wird wie im Hardcore leidenschaftlich gegen diese Verwertung gestritten. Authentizität gilt als 170 Auf dem Rückcover ihrer 1991 erschienenen Debut-LP nutzte „SFA“ den Terminus „New York City Hate-Core“. 240 Schulze, Etikettenschwindel hohes Gut. „Rage Against the Machine“ wurden nicht die durchaus politischen und Hardcore-kompatiblen Texte oder ihre Musik vorgeworfen, sondern der Fakt, dass sie bei einem „major label“, bei einer großen Plattenfirma, unter Vertrag waren. Sie würden die Inhalte des Hardcores über Kanäle verbreiten, die diesen Inhalten entgegenstünden und dadurch korrumpiert wären, so die Kritik. Beständig wurde und wird die Frage diskutiert, wann die Grenze zur Kommerzialität überschritten wird.171 Ein wichtiges Element des Lebensstils von vielen Hardcore-Szenegängern ist indes „Straight Edge“ – der Anspruch, ein Leben frei von schädlichen Verhaltensweisen und Substanzen wie (legalen wie illegalen) Drogen und von „konsumistischer“ oder promiskuitiver Sexualität zu leben. In der entstehenden Hardcore-Szene legte die Band „Minor Threat“ aus Washington den Grundstein für die Entwicklung desselben. Sänger Ian MacKaye proklamierte 1981: „I don’t smoke, don’t drink, don’t fuck, at least I can fucking think.“ (Minor Threat 1981) MacKaye erklärte wiederholt, dass er mit diesen Songzeilen keine Bewegung begründen oder ein Regelwerk habe aufstellen wollen (Haenfler 2006, 9). Doch recht schnell formierte sich eine Bewegung, die ihren Lebensstil innerhalb der Punkund Hardcore-Szene an den Inhalten dieses Liedes ausrichtete. Den Namen dieser Bewegung stellte ein weiterer Song von „Minor Threat“ bereit: I’m a person just like you, but I’ve got better things to do, than sit around and fuck my head, hang out with the living dead, I’ve got straight edge. (Minor Threat 1984a) Zum Symbol des „Straight Edge“ avancierte ein „X“, später kamen als Abwandlungen „XXX“ oder „sXe“ hinzu. In den USA sind Konzerte oft erst für Personen ab 21 Jahren zugänglich, da nur diesen Alkohol ausgeschenkt werden darf. Die jugendkulturelle Erzählung des „Straight Edge“ besagt, dass jungen Konzertgästen unter 21 Jahren zuweilen am Einlass ein „X“ auf den Handrücken gemalt wurde und das Tresenpersonal instruiert war, 171 Solche Diskussionen über einen „sell out“ sind auch aus anderen Jugendkulturen bekannt, deren Ästhetik zum Gegenstand unterhaltungsindustriellen Marketings wird. 241 Öffnungen, Entwendungen den so Markierten keinen Alkohol auszuschenken. Als offensives Bekenntnis zum freiwilligen Alkoholverzicht statteten sich sodann viele „Straight Edger“ selbst mit dem „X“ auf dem Handrücken aus.172 War „Straight Edge“ anfangs also der Versuch, Drogenfreiheit im Punk akzeptabel zu machen, „verbunden mit der Hoffnung, den Zerfall und die Selbstzerstörung der Szene“ damit aufzuhalten und über „das Bewahren individueller Selbstkontrolle gesellschaftstransformatorisch arbeiten zu können“, kamen zu dieser „pragmatische[n] Haltung“ (Kuhn 2007, 135) schnell ideologische Aussagen. Gabriel Kuhn beschreibt diesen Vorgang mit dem Wechsel vom Spezifischen zum Universalen: „Der Übergang von netten ‚It’s OK Not to Drink!’-Shirts zu martialischen Brustaufschriften wie […] ‚Watching You Fall Only Makes Me Stronger‘ sagt alles.“ (Kuhn 2007, 135) Als Fundament des „Straight-Edge“-Gedankens wird das Streben nach einem möglichst „positiven“, „gesunden“ und „cleanen“ Lebensstil angesehen. Durch diese, so Ray Cappo, „purification“, durch das „self-betterment“ (Haenfler 2006, 47)173 soll ein Höchstmaß an Kontrolle über das eigene Leben gewonnen werden. Ein „Straight Edger“ äußert sich wie folgt: For me, it’s just choosing how I want to treat my body. It’s not something I’m just going to throw around. […] My body is something that I honor. (Haenfler 2006, 44) Es ist möglich, „Straight Edge“ im Sinne Michel Foucaults als eine „Selbsttechnik“ zu fassen. Derlei Praktiken, so Foucault, ermöglichten dem Individuum, aus eigener Kraft oder mit Hilfe anderer eine Reihe von Operationen an seinem Körper oder seiner Seele, seinem Denken, seinem Verhalten und seiner Existenzweise vorzunehmen, mit dem Ziel, sich so zu verändern, daß er einen 172 Gabriel Kuhn beschreibt diesen Vorgang der „selbstbewussten Identifikation“ mit einem „diskriminierende[n] Stigma“ als „gelungene[n] dekonstruktive[n] Akt“ (Kuhn 2007, 132). 173 Ray Cappo ist unter anderem Sänger der Band „Youth of Today“. 242 Schulze, Etikettenschwindel gewissen Zustand des Glücks, der Reinheit, der Weisheit, der Vollkommenheit oder der Unsterblichkeit erlangt. (Foucault 1993, 26–27) Während andere Jugendkulturen ihr Unbehagen gegenüber der Welt der Eltern und der anderer Erwachsener häufig mittels Drogenkonsum ausdrücken, zeichnet sich „Straight Edge“ dadurch aus, dass es diese Art von Rebellion gerade ablehnt. „Straight Edge“ sieht sich sozusagen in dreifacher Opposition: gegenüber der nicht „straighten“ Punk- und Hardcore- Szene, gegenüber anderen Jugendkulturen allgemein, und gegenüber dem gesellschaftlichen Mainstream. Bereits Mitte der 1980er Jahre wurden im Hardcore und besonders im „Straight Edge“ auch Fragen der Ernährung diskutiert. Die US-Band „Youth of Today“ (1985-1990) warb in ihrem Lied No More für den Vegetarismus. „Earth Crisis“ (1989-2001, 2007 bis heute) verschärfte diese Botschaft einige Jahre später zu einem offensiv vorgetragenen Plädoyer für Veganismus und Tierrechte. Teilweise, wie bei „Earth Crisis“, ist der Veganismus im Hardcore verbunden mit einer ideellen Nähe zu radikal-ökologischen, anarcho-primitivistischen Ansätzen wie jenen des Netzwerks „Earth First“ (Scarce 2006). Vegetarismus und Veganismus erfreuen sich in der Punk- und Hardcore-Szene inzwischen einer großen Verbreitung. Im „Straight Edge“ ist dies ebenfalls der Fall – dennoch sind Drogen- und Promiskuitätsverzicht die Kernaussage geblieben, die fleischlose Ernährung war und ist dagegen eher eine Ergänzung.174 5.3.4.2 Diskussionen um Diskriminierung und Nationalismus im Hardcore Auch wenn der Jugendkultur Hardcore politisch eine deutliche Neigung nach links innewohnt, gab und gibt es wiederkehrende (vor allem in der Jugendkultur selbst ausgehandelte) Diskussionen um diskriminierende In- 174 Eine Befragung der Leserschaft im einflussreichen, „Straight-Edge“-nahen US-Fanzine „HeartattaCk“ (1994-2006) ergab beispielhaft: Bei insgesamt 355 eingesandten Fragebögen gaben 39 Prozent eine vegetarische Ernährungsweise an, 39 Prozent vegan und 23 Prozent omnivor (HeartattaCk 1998, 36). 243 Öffnungen, Entwendungen halte. Themen sind etwa reaktionäre Interpretationen von „Straight Edge“, Männlichkeitskult sowie Rassismus, Sozialchauvinismus und Nationalismus. Eine in der Szene breit diskutierte Randerscheinung im veganen „Straight Edge“ war das „Hardline Movement“, das ab etwa 1990 in den USA entstand und zeitweise auch in Deutschland unter dem Namen „Frontline“ auftauchte. „Straight Edge“, Veganismus, Tierrechte und Befreiungsterminologie sollten in „Hardline“ zu einer Ideologie zusammengefasst und zu einer Bewegung tranformiert werden. In einem frühen Manifest wurde definiert: The time has come for an ideology and for a movement that is both physically and morally strong enough to do battle against the forces of evil that are destroying the earth (and all life upon it). One that cannot be bought, nor led astray by temptation. A movement free of the vices that sedate the mind and weaken the body. An ideology that is pure and righteous, without contradictions or inconsistencies. […] That ideology, that movement, is Hardline. […] Adherents to the hardline […] shall live at one with the laws of nature, and not forsake them for the desire of pleasure – from deviant sexual acts and/or abortion, to drug use of any kind […]. (o.A. 1990)175 Das „Straight-Edge“-Vokabular wurde von „Hardline“ auf die Spitze getrieben und um religiöse Begriffe wie „Versuchung“ angereichert. Abtreibungen und Homosexualität galten als abzulehnende, widernatürliche Handlungen. In dem angeschlossenen Fanzine Vanguard wurden nicht nur Anschläge auf Abtreibungskliniken begrüßt, sondern es wurde auch suggeriert, „Hardline“ sei eine vitale Organisation, die sich international in „Chaptern“ organisiere. Sogar ein „Hardline Central Committee“ habe es zeitweise gegeben. Sean Muttaqi, der wichtigste „Hardline“-Protagonist, benannte seine Band provozierend „Vegan Reich“. „Hardline“ – ob- 175 Das Manifest erschien zuerst 1990 als Beiblatt der EP „Hardline“ von „Vegan Reich“. 244 Schulze, Etikettenschwindel wohl realiter nicht viel mehr als Vanguard und einige Bands176 – sorgte für Diskussionen in der „Straight-Edge“-Szene. Das Konzept wurde von der Mehrheit abgelehnt. Muttaqi selbst konvertierte später zum Islam und bemühte sich, die „Hardline“-Ideen innerhalb seines „Taliy’ah Al Mahdi“- Netzwerks, um muslimische Interpretationen angereichert, weiterzuverbreiten. Hardcore ist weiterhin eine Jugendkultur, die vorrangig unter weißen Jugendlichen Verbreitung hat. Schwarze oder etwa migrantische Musiker waren zwar immer vorhanden – etwa bei den „Bad Brains“ oder „Los Crudos“ –, sie stellen aber eine Randerscheinung dar. Und auch wenn zahllose Statements gegen Rassismus zu finden sind, so erscheint diese Auseinandersetzung nicht immer reflektiert: In einem frühen Song der „Straight- Edge“-Ikone „Minor Threat“ heißt es: I’m sorry for something I didn’t do. Lynched somebody but I don’t know who. You blame me for slavery a hundred years before I was born. Guilty of being white. (Minor Threat 1984b) Als Neunzehnjähriger hatte Sänger Ian MacKaye diesen Song geschrieben. Er besuchte damals Highschool in Washington mit einer bis zu 70 Prozent schwarzen Schülerschaft – als Weißer habe er sich in der Minderheit gefühlt. Deutlich rechtsgerichtete Statements sind indes aus der frühen Hardcore-Szene New Yorks überliefert. Die Band „Warzone“, der Skinhead-Szene nahe stehend, nutzte in den 1980er Jahren etwa ein eisernes Kreuz als Symbol für ein Plattencover und spielte unter dem Banner des „Rock against Communism“ (RAC). In einem Song wird Antikommunismus als Grundlage eines patriotischen Kampfes für die USA dargestellt: 176 Zu den wenigen „Hardline“-nahen Bands in Deutschland gehörten die Essener „Ecorage“, die 1995 ein Demo (Ecorage 1995) und in der Folge zwei Samplerbeiträge veröffentlichte. 245 Öffnungen, Entwendungen Democracy means you got to be free, a strong America for you and me. Fuck the communists and the people who always put us down. Because of them, fighting for our country, it mean so much to me. (Warzone 1988) „Agnostic Front“ sangen gegen Sozialhilfe: You spend your life on welfare lines or looking for handouts. Why don’t you go find a job. You birth more kids to up your checks so you can buy more drugs. Cash in food stamps and get drunk. Uncle Sam takes half my pay so you can live for free. (Agnostic Front 1986) Noch weiter ging Ende der 1980er die Band „Youth Defense League“, die ebenfalls aus der New Yorker Hardcore-Szene stammte: Pride and loyalty! We are the youth of America, standing tall and proud and we claim for our nation, the entire world. Our forefathers came to this country from Europe’s proud family tree and from the wilderness, like sculptors they carved a great country. Now it’s up to us to start the struggle. Rid our country of alien greed. (Youth Defense League 1999) Die Band steuerte einen Song für den einflussreichen Sampler New York City Hardcore – the way it is bei und grüßte im Beiheft Neonazi-Bands wie „Skrewdriver“ und „Brutal Attack” (VA 1988). 1987 gaben „Youth Defense League“ dem britischen Neonazi-Fanzine Blood & Honour ein Interview und präsentierten sich als Band, die „pro-American, nationalist“ sei (Blood & Honour Magazine 1987). Diese Offenheit gegenüber Neonazis ging bei „Youth Defense League“ wie bei den anderen eben zitierten New Yorker Bands allerdings nicht einher mit eigenen neonazistischen Inhalten, sondern eher mit einem brachialen US-amerikanischen Nationalismus. Ein kurzes Revival erlebte der rechtsoffene Hardcore im New Yorker Stil aus den 1980er Jahren einige Jahre später mit der „One Life Crew“ aus Cleveland: Don’t come over here we don’t need or want you. A country for Americans. Vultures won‘t rule. In your rat land you belong and rot. D.P. worthless scums 246 Schulze, Etikettenschwindel should all die enraged. Dirty fucking leaches, you must get out. Don‘t use this country for free hand outs. (One Life Crew 1995) Die 1994 gegründete Band war, ähnlich wie jene der „Hardline“-Bewegung, nie sonderlich populär, sorgte mit bewusst provokanten, rassistischen Texten und einer Gewaltästhetik jedoch für Kontroversen. Immerhin veröffentlichte die Band ihr erstes Album, von dem auch der zitierte Song stammt, noch auf dem etablierten Hardcore-Label Victory Records. Gleichermaßen ist Hardcore – wie der oben genannte Metal im übrigen auch – eine männlich geprägte Subkultur.177 Der Anteil von Frauen in Bands oder in anderen wichtigen Positionen der Szene ist gering. Die kämpferische Selbstinszenierung des Hardcore ist anfällig dafür, den proklamierten Kampf in den Mustern männlichen Dominanzstrebens darzubieten. Der Gewalt ästhetisierende und zuweilen gewaltsame Tanzstil im „Pit“178 trägt dazu bei, zu suggerieren, dass eine Kultur von bandenartig organisierten, gewaltbereiten jungen Männern gelebt wird: March the streets, 30 or 40 strong, united against a world that’s wrong. The numbers shock you. It’s the truth. A mini-army of angry youth. Wolfpack! Don’t give us any shit. Wolfpack! Or you’re gonna get hit. (DYS 1989) Metallastiger „Tough Guy Hardcore“ ist mittlerweile zu einem regelrechten Subgenre avanciert. Wichtige Vertreter sind Bands wie „Hatebreed“ und „Death Before Dishonor“. Immer wieder finden sich Texte, die physische Stärke sowie (zuweilen gänzlich kontextfreie) Aggressivität zelebrieren und Gewalt zwischen Männern verherrlichen. Bilder von Freundschaft und Kameradschaft von Gleichgesinnten, die sich gegen eine feindlich gesinnte Umwelt zur Wehr setzen müssen, werden kultiviert und ästhetisiert: 177 Zu „Hardcore und Gender“ liegt eine Studie der Soziologin Marion Schulze vor (Schulze 2014b). 178 „Pit“ ist der Jargon für die Arena vor der Bühne bei einem Konzert, in der das ruppige Tanzgeschehen stattfindet. 247 Öffnungen, Entwendungen You think we’re out numbered but we’re about to break that bottle of courage over your fucking head. Back to back. Shoulder to shoulder. (Ten Yard Fight 1997) Martin Büsser konstatiert für den gesamten Bereich des Punks und Hardcore eine Faszination für Gewalt und Krieg. Nicht nur Bandnamen und Songtitel enthalten überdeutliche Bezüge. Krieg und Gewalt seien allgegenwärtig und real – und weniger metaphorisch gemeint als etwa im Metal. Im Punk und in weiten Teilen des Hardcores sei darin die Zurschaustellung der eigenen Verwundbarkeit inbegriffen. Wo diese Verwundbarkeit hingegen nicht mehr dargestellt werde, würden die Kriegsbezüge sehr schnell nur noch „bloßes Mittel zur Selbstinszenierung als männliche Ästhetik von Härte und Immunität“. Henry Rollins, muskelbepackter Ex-Sänger der Hardcore-Band „Black Flag“ verkörpere etwa „eine männliche Kampfmaschine, die gar nicht mehr weiß, wofür oder wogegen sie kämpft“ (Büsser 2001, 103–106). 5.3.4.3 Nichtbeachtung und Ablehnung von Hardcore im Neonazismus Im Neonazismus und insbesondere im neonazistischen Musikbereich wurde Hardcore lange Zeit kaum wahrgenommen. Neben Feindgruppen wie „Ausländern“ und „Juden“ waren als jugendkulturelle Feindgruppe die Punks ungleich präsenter. Die Neonazi-Skinhead-Band „Endstufe“ erklärte 1987 die Punks zum Hauptfeind der Skinheads und vertonte eine Gewaltfantasie: „Wo Sirenen heulen, da gibt’s für Punker Beulen.“ (Endstufe 1987b) Die Punks waren gewissermaßen ein Gegenbild zu den sich als smarter und ordentlicher verstehenden Skinheads. Hardcore kam in dieser Feindbildzusammenstellung kaum expliziert vor, sondern wurde als Subgenre des Punks gehandelt. Eine der seltenen ausdrücklichen Erwähnungen: Im Meinungsfreiheit-Fanzine wurde Hardcore als Mode von „total zugepiercten und mit Ketten behängten und in zu großen Hosen rumrennenden Jugendlichen“ eingeschätzt (mf-zine.de o.J.). In einem Interview von 1997 wurde eine Distanz zur Hardcore-Kultur bei gleichzeitiger Wertschätzung für den musikalischen Stil sichtbar, als die New Yorker Hardco- 248 Schulze, Etikettenschwindel re-Band „Agnostic Front“ beschrieben wurde: „Gute Musik und schlechte Texte“ (Unsere Welt 1997, 31). In einem deutschen Fanzine wurde 1998 über den Besuch eines „Agnostic-Front“-Konzertes berichtet. Die Band sei musikalisch „super“ gewesen. Jedoch, so wurde moniert, seien von der Band auch Anti-Nazilieder gespielt worden – Schlussfolgerung: „Sie sind halt nur Dreck, auch wenn die Musik geil ist.“ (Axtschlag 1998, 22)179 5.3.4.4 Sukzessive Öffnung zum Hardcore und Etablierung des NSHC In den USA traten in den 1990er Jahren erstmals Bands an, die explizit neonazistische Inhalte vertraten und sich sukzessive musikalisch und ästhetisch an den Hardcore anlehnten. Diese Neonazi-Hardcore-Bands stammten nicht aus dem bestehenden Hardcore und verfügten nur selten über Kontakte dorthin. Als Genrebezeichnungen für die Musik von Bands wie „Aggravated Assault“, „Max Resist“, „H8Machine“, „Intimidation One“ oder „Blue Eyed Devils“ kamen alsbald „White Power Hatecore“180 und das sich später durchsetzende „National Socialist Hardcore“ (NSHC) auf. Bereits 1991 formierte sich in Kalifornien die Band „Extreme Hatred“. Sänger Martin Cox gab in einem Interview mit dem britischen Magazin Blood & Honour zu Protokoll, seine Band spiele „Hatecore“ und orientiere sich an „old fashioned West Coast Hardcore“. Einen Platz in der Punkund Hardcore-Szene finde die Band dennoch nicht. Auf die Frage: „Do you think there is a place in mainstream punk/oi/hardcore for you and your bands?“, antwortet er: 179 Ähnlich ambivalent ein Bericht im United Skins von einem „Agnostic Front“-Konzert 1997 im Berliner Alternativ-Klub „SO36“. Bei einer der Vorband sei eine „Schwuchtel am Mikro“ gewesen, beim Kneipenbesuch nach dem Konzert sei man auf den Kreuzberg-typischen „Pöbel“ getroffen und der Heimweg sei „nicht ganz ungefährlich“ gewesen. Aber: Die Hauptband „Agnostic Front“ wird für ihre „recht gute Show“ und die gute Stimmung während des Konzertes gelobt (Gunnar 1998). 180 Im Jahr 2000 erschien das einzige Album der sächsischen Band „Solution“. Dem „Hatecore“ wurde eine Hymne gewidmet: „Hast du auch tausend Fragen, hast du die Schnauze voll, es gibt nur eine Lösung, White Power Hatecore.“ (Solution 2000) 249 Öffnungen, Entwendungen Never! As long as the music industry is controlled by the Jews and Niggers. We will never have a fighting chance; however, we seem to do fine where we are. (Blood & Honour Magazine 2002) In den Texten buhlte die Band mit auch für Rechtsrock-Verhältnisse besonders extremen Texten um Aufmerksamkeit: Running down the street, with a bottle in my hand. It’s filled with gas and a rag in the end. I turn and throw, I watch it burn. I hit my target to make the cops U-turn. I join the crowd, of 1.000 men. […] Standing tall with weapons in hand. Race riot, race riot, race riot, let’s try it! (Extreme Hatred 1999)181 Eine größere ästhetische Annäherung an den Hardcore suchten schließlich die etwa 1994 gegründeten „Blue Eyed Devils“ aus Delaware.182 Auch diese US-Band hatte ihre Wurzeln in der Neonazi-Skinhead-Szene. Sie war ein Nachfolger der Gruppe „Nordic Thunder“ und gab in einem Interview als ihre größten Einflüsse „Extreme Hatred“ an, zusammen mit den klassischen Rechtsrockbands „Midtown Bootboys“, „Skrewdriver“, „Skullhead“ und „Fortress“ (Donnerschlag 1996).183 Textlich stachen sie durch eine erneute Radikalisierung hervor. Ein Beispiel aus ihrem laut Selbstauskunft „herausragendsten“ Lied (Einheit und Kampf 1997): Traitors are hung and others shot dead, kill the Jew and cut of his head. Destroy the enemy and his lies, send the filth to an early demise. […] Blut und 181 Das Album erschien übrigens auf dem mit Landes- und EU-Fördergeldern finanzierten Plattenlabel Hate Records des sächsischen Neonazis und damaligen Verfassungsschutz-V-Manns Mirko Hesse (Förster 2003b). 182 Der Bandname spielt auf eine Wendung in einer Rede von Malcolm X im Jahr 1962 an (Malcolm X 1962). 183 In einem späteren Interview beschreibt der Sänger der „Blue Eyed Devils“ ausführlich seine persönliche musikalische Sozialisation und lässt durchblicken, dass er in früher Jugend durchaus eine Affinität zum Hardcore gehabt habe: „Ich begann früh Punk und Hardcore zu hören, z. B. Suicidal Tendencies und Agnostic Front. Dann habe ich Metal wie Metallica und Slayer gehört. Danach mehr WP/NS [White Power National Socialist] Musik wie BfG, Midtown Bootboys, No Remorse, Brutal Attack etc. Dann kam ich wieder mehr zum Punk mit Bands wie Bad Religion und Pennywise. Aber die Sache entwickelte sich fortschreitend immer mehr in Richtung Heavy und ich ging mehr in die Hardcore Ecke. Ich hörte Bands wie Earth Crisis, Mushmouth, One Life Crew usw. Heute höre ich hauptsächlich harte, aggressive Hardcore Bands wie Hatebreed […].“ (Rock Nord 2005b, 26) 250 Schulze, Etikettenschwindel Ehre, daran glaube ich, Einsatzgruppen, Tod für dich! Zu meinem Führer habe ich gegeben, gegeben mein ganzes Leben. Sieg Heil! (Blue Eyed Devils 1996a) Die Shoah wurde von der Band nicht, wie unter Neonazis üblich, geleugnet, sondern gefeiert: So now it’s early in the Second World War, arise the question of the Jewish hordes. For years they invaded and raped your land. Too much power in the Zionist’s hand […]. Implement the only plan, eradicate the so-called chosen man. During German nights and days Adolf Eichman would lead the way. For the cause of white salvation, victory for our race and nation. (Blue Eyed Devils 1996c)184 Die „Blue Eyed Devils“ benannten sich offensiv als „Hardcore“ und lehnten – anders als „Extreme Hatred“ – die Gestaltung ihrer Tonträger stärker an die Ästhetik des Hardcores an. Von der eigentlichen Hardcore-Szene hielten sie wegen des dortigen Antirassismus allerdings nichts, die Musik sei jedoch wegen ihrer Aggressivität – und nur deshalb – geeignet zum Transport von neonazistischen Inhalten: Wir sind musikalisch meist von Hardcore Musik geprägt. Hardcore ist in den Staaten ein sehr beliebter Musikstil, aber die meisten Bands sind sehr multikulturell lastig. Aber die Musik ist gut, wir hoffen dass noch mehr NS Bands diesen Stil aufgreifen. Es ist ein guter Sound für die Bewegung, er ist sehr aggressiv wie die Skins. Unsere Lieblingsbands sind Ignite, Ten Yard Fight, Strife, Hatebreed und Earth Crisis. Diese Musiker sind aber Scheißleute und 184 Die Gewaltfantasien in den Texten der „Blue Eyed Devils“ korrespondieren mit dem Verhalten zumindest eines Bandmitglieds. Wade Michael Page ermordete bei einem Amoklauf 2012 im US-Bundesstaat Wisconsin sechs Menschen aus rassistischen Motiven und wurde danach von der Polizei erschossen. Die Band hatte 1997 eine Delegation deutscher Neonazis zu Gast, von denen einige später zum Unterstützerumfeld des NSU zählten. Abb. 13: Albumcover (Blue Eyed Devils 1996b) 251 Öffnungen, Entwendungen ihre Lyriks handeln über Antirassismus, aber die Musik gefällt. Wir machen diesen Stil für die wahren White Power Leute. (United White & Proud o.J.) Ähnlich im Hamburger Sturm: Unsere Musik ist definitiv von Hardcore allgemein beeinflusst […] Wir sind der Meinung, Hardcore ist ein guter Sound für White Power Musik, aggressiv und voller Hass. (Hamburger Sturm 1997, 39) Ein Mitglied der „Blue Eyed Devils“ betrieb das Plattenlabel Tri State Terror, auf dem auch Alben von Neonazi-Hardcore-Bands wie „Aggravated Assault“, „Sedition“ und „Angry Aryans“ veröffentlicht wurden. 1997 und 1999 tourten die „Blue Eyed Devils“ in Deutschland und trugen maßgeblich dazu bei, den Hardcore-Sound unter den hiesigen Neonazis populär zu machen. Der Potsdamer Rechtsrock-Musiker Uwe Menzel: 1997 änderte sich alles. ‚BED‘ spielten in Berlin ihren ersten Gig in Europa […] Ihre Musik war Hardcore mit bis dato unvorstellbarer Authentizität. (Panzerbär 2004) Ein Konzert 1999 in Garitz (Sachsen-Anhalt) fand vor geschätzt 2.000 zahlenden Gästen statt (Langebach und Raabe 2009, 179). Ein neonazistischer Musiker berichtete 2000 im deutschen Blood-&-Honour-Magazin: [Als] die Amis anfingen, die ersten Scheiben nach Europa zu verschiffen, waren wir sehr angetan von dieser Energie, von dieser Kraft, die von dieser Musik ausgeht. Jahrelang haben wir in Deutschland keine musikalischen Neuerungen erlebt, doch diese Musikrichtung gab vielen Bands eine neue Richtung. (Langebach und Raabe 2009, 179) Als Trendsetter für die von den „Blue Eyed Devils“ inspirierte Etablierung eines rechten Hardcore ab dem Ende der 1990er Jahre in Deutschland machen Langebach und Raabe zwei Personen aus: Zum einen den sächsischen Neonazi Mirko Hesse, Herausgeber des Heftes Hassattacke und Betreiber des Labels Hate Records; zum anderen Bernd Peruch, Sänger der Neonazi-Band „Hate Society“ (Raabe und Langebach 2011, 159–160), der 252 Schulze, Etikettenschwindel sich inzwischen aus dem Neonazismus zurückgezogen hat. Hesse äußerte sich über die Hinwendung zum Hardcore: Vor 4 Jahren spielten fast alle Bands den selben Stil, und nun in der heutigen Zeit wird versucht, mal ganz andere Wege zu gehen, mal was anderes auszuprobieren. Warum soll denn die rechte Musik immer an ein Schema angebunden sein? Es ist doch viel besser, wenn es unterschiedliche Arten von Musik gibt, die aber letztlich aber alle doch dasselbe wollen. (Skinhead 88 1999) Die ersten Neonazi-Hardcore-Bands aus Deutschland orientierten sich textlich an den Vorbildern aus den USA – je radikaler, desto besser. Die bayerischen „Hate Society“ gehörten zum damals in Deutschland noch nicht verbotenen „Blood-&-Honour“-Netzwerk und sangen zu ihrem – musikalisch eher melodiösen – Hardcore: Every day lies, in the newspaper I read – We have enough of this zionistic greed! I don’t understand, what we are paying for. There never was no Holocaust, damn, I am sure. Oh my Jewboy I can tell, that your place is in hell. Europe’s only a place for the white race! Fuck the Bubis, fuck all Jews. (Hate Society 1998) Sänger Bernd Peruch entstammt der Skater-Szene. Dass die von ihm geschriebenen Liedtexte in englischer Sprache verfasst waren, entsprach seiner musikalischen Sozialisation. Für großes Aufsehen sorgte das Album der Berlin-Brandenburger Gruppe „White Aryan Rebels“, das sich an den US-Vorbildern orientierte und maßgeblich von V-Leuten des Verfassungsschutzes (Gössner 2003, 125) produziert und vertrieben wurde: Nennt sie Itzigs oder auch Chasaren, Blutsauger im Rabbinergewand. Alle Welt kennt die Verbrechernamen, die Perversionen sind überall bekannt. Und die Geschichte wird sich wiederholen und diesmal so, wie ihr sie uns falsch erzählt. Und so haben heute sechs Millionen ihr eigenes Schicksal schon selber gewählt. (White Aryan Rebels 2000) 253 Öffnungen, Entwendungen 5.3.4.5. Mäßigung des Auftretens und Einführung neuer Inhalte Diese erste Generation von Nazi-Hardcore aus Deutschland mit extremen Texten hat inzwischen an Bedeutung verloren, während US-Bands wie die „Blue Eyed Devils“ weiterhin Kultstatus genießen. Der Druck durch staatliche Gegenmaßnahmen und stärker noch durch V-Mann-Skandale und –Vorwürfe um die „White Aryan Rebels“ und den Betreiber des einschlägigen Labels Hatesounds aus Werder (Brandenburg) sowie entsprechende Gerüchte um den „Hate-Society“-Sänger Peruch dürften dazu beigetragen haben. Im Jahr 2005 erschien beim Rechtsrock-Label Front Records das Album Painful Life der Rostocker Neonazi-Hardcore-Band „Path of Resistance“. Das Artwork der Platte verzichtete völlig auf die althergebrachte Skinhead- und Rechtsrock-Ästhetik, der Bandname wurde als Graffiti auf das Cover gesetzt. Die englisch verfassten Texte wirkten im Abgleich zu den bisherigen Genreveröffentlichungen geradezu harmlos, widmeten sich anderen Themen und könnten stellenweise wohl auch von anderen, nichtrechten Hardcore-Bands stammen. Ein Songtext klagt die Naturzerstörung im Kapitalismus an: Capitalism kills – the animals, the mankind, the nature, the world. Pain bent bodies in close cages, tormented and maltreated by rich murderers. Breed for the death so that ugly women can paint their faces like bitches. Bloody hands of worldwide conglomerates kill without scruples for the maximum profit margin. (Path Of Resistance 2005) In einem Interview 2005 betonten „Path of Resistance“, dass sie ein weites Spektrum von Organisationen unterstützenswert fänden, solange diese sich dem „antikapitalistischen Volksbefreiungskampf“ verschrieben. Diese Organisationen müssten „bei weitem nicht immer national sein“, sondern 254 Schulze, Etikettenschwindel auch „‚Gegenstandpunkt‘-Gruppen185, Anti-Atom-Gruppierungen, Querfront-Gruppierungen usw.“ seien von Interesse (Heckert 2005, 36). Die populäre deutsche NSHC-Band „Brainwash“ steht ebenfalls für eine Mäßigung in den Texten. Auf ihrem Debütalbum, dessen Texte ebenfalls auf Englisch verfasst sind, wird eine Kulturkritik formuliert, nach der die Jugend „wasted“ und die eigene Kultur in Gefahr sei: Can you understand what you have done? Can you see all the pain we bear? Do you see all the broken hearts? Do you see our wasted youth? Hate goes out to you because you exterminate our culture. The culture for which so many died. A hope still remains in us now, the hope in our children. We must give them reason to live, to build a new future can only rescue us. (Brainwash 2006) Zwar wird hier „Hass“ auf ungenannt bleibende Kulturzerstörer formuliert, eine Vernichtungsfantasie wird jedoch nicht angefügt und die Betonung auf die noch bestehende „Hoffnung“ für eine Zukunft „unserer Kinder“ gesetzt. Eine gängige Begründung für den Wechsel von extremen zu codierten politischen Stellungnahmen liegt im Repressionsdruck. Die Band „Painful Awakening“ in einem Interview: Textlich müssen wir leider einen Gang runter schalten, das resultiert dadurch, dass unser Debut in Deutschland auf dem Index gelandet ist. Was aber nicht heißt, dass wir weniger politische Texte schreiben werden. Sie werden ab jetzt halt ein wenig ‚blumiger‘ verfasst und nicht mehr ganz so direkt sein wie noch auf dem ersten Album. (Label 56 2010) Mittlerweile ist in Deutschland ein ganzes Netzwerk von Nazi-Hardcore-Bands entstanden. Geografischer Schwerpunkt sind die Bundesländer Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen. Eine beträchtliche Anzahl von Bands hat sich neu gegründet.186 2008 erschien mit dem Sampler Hardco- 185 Gegenstandpunkt ist eine 1992 gegründete marxistische Theoriezeitschrift, an die Diskussionszirkel in etwa 20 Universitätsstädten angeschlossen sind (GegenStandpunkt 2015). 186 Einige Bands: „Moshpit“, „Brainwash“, „Daily Broken Dream“, „Burn Down“, „Eternal Bleeding“, „2 Minutes Warning“, „Hope for the Weak“, „Inborn Hate“, „Diary of a Dying Nation“, 255 Öffnungen, Entwendungen re until the End eine erste Werkschau des deutschen Nazi-Hardcore. Das Kürzel NSHC hat sich als Genrebezeichnung eingebürgert. Einige Versuche von ehemaligen und aktiven Neonazis, an der Hardcore-Szene wenigstens über Geschäftsbeziehungen zu partizipieren, sind bislang am Widerstand aus der Hardcore-Jugendkultur gescheitert.187 Tonträger der NSHC-Bands erscheinen auf den gängigen oder spezialisierten Rechtsrock-Labeln (wie Until the End Records, One People One Struggle), die jeweils in das Rechtsrock-Netzwerk eingebunden sind. Auch die Konzerte werden ausschließlich über Rechtsrock-Netzwerke abgewikkelt und organisiert. Eine Vermischung mit der „eigentlichen“ Hardcore-Szene ist zurzeit nicht zu beobachten: Es gibt keine Beteiligung von NSHC-Bands an Konzerten der Hardcore-Szene, keine Veröffentlichungen auf Hardcore-Labels188 und kaum personelle Überschneidungen. „Civil Disorder“, „Painful Awakening“, „Anger Within“, „Burning Hate“, „Guilty the Pain“, „Downfall“, „Might of Rage“, „Thrima“, „Blutzeugen“, „Endless Struggle“. 187 Zu nennen ist etwa die erfolglose Gründung einer Bekleidungsmarke namens „Hate-Core“ durch einen ehemaligen Neonazi und der ebenfalls erfolglose Versuch eines aktiven Neonazis, sich das Wort „Hardcore“ markenrechtlich für den Bekleidungshandel schützen zu lassen. Aus dem Umfeld der Band „Daily Broken Dream“ wurde indes ein Label namens „Dryve by Suizhyde“ etabliert, das vor allem über neonazistische Kanäle verkauft wird. 188 Eine Ausnahme: Die US-amerikanische NSHC-Band „Empire Falls“, die zuvor auf dem Rechtsrocklabel Final Stand Records veröffentlichte, tourte zusammen mit der New Yorker Hardcore- Band „25 Ta Life“, und diese Bands brachten auch eine gemeinsame Platte heraus (Balance The Books 2009, 25). Abb. 14: Neonazi-Demonstration (Nowak 2014) 256 Schulze, Etikettenschwindel Sehr wohl aber rezipieren Neonazis die Veröffentlichungen aus der Hardcore-Szene und frequentieren als zahlende Gäste regelmäßig Konzerte, wie durch Berichte auf Neonazi-Internetseiten deutlich wird. Besonders populär scheinen jene Hardcore-Bands zu sein, die nicht für politische Inhalte bekannt sind, aber besonders martialisch und männlich auftreten. Deren Texte verbreiten einen in viele Richtungen interpretierbaren Kampfgeist, dessen universelle Botschaft eben auch für Neonazis Identifikationspotenzial bietet (Taler 2012, 11). Aus der Ferne ihrer eigenen Szene wissen Neonazis auch die rechts interpretierbaren Statements älterer Hardcore-Bands zu schätzen. Auf der 2012 abgeschalteten deutschen Neonazi-Webseite Thiazi waren neben hunderten von Rechtsrock-Gruppen auch Bands wie „Agnostic Front“ oder „Youth Defense League“ gelistet, so selbstverständlich, als ob diese zur Neonazi-Szene gehörten. Im Zuge der umfangreichen neonazistischen Wendungen zum Hardcore ist inzwischen auch „Straight Edge“ in der NS-Szene angekommen. Deren wichtigste Vertreterin in Deutschland ist die Magdeburger Band „Daily Broken Dream“. Auch diese Band hat den bereits angesprochenen Mäßigungsprozess bei ihren Aussagen durchlaufen.189 Die Internetseiten der Band sind frei von offensichtlichen neonazistischen Statements. Die 1998 gegründete Gruppe hieß anfangs „Race Riot“, benannte sich jedoch etwa 2008 um. Die Begründung: Of course, it’s not really a usual idea to change ones name after a long time like this, but we are happy with our decision. The name ‚Race Riot‘ just forced us into the ranks of guys we mostly cannot identify with. Don’t get us wrong – we do not plan to change our political views, but most of you will understand what we mean. (Daily Broken Dream 2009) Gemeint ist nicht eine inhaltliche Wendung, sondern eine ästhetische. Neben der Vermeidung von Problemen mit Behörden wird die neue Mä- ßigung im Erscheinungsbild auch strategisch-kommunikativ im Hinblick auf Werbemethoden für die Bewegung genutzt. Das negative Image der 189 Im Übrigen ist die Mäßigung auch bei den neueren Bands aus den USA zu konstatieren. 257 Öffnungen, Entwendungen Skinheads soll überwunden werden. Noch als „Race Riot“ gaben „Daily Broken Dream“ ein Interview, in dem sie ihre textliche Zurückhaltung zur Strategie erklärten: Über weite Strecken ließen sich solche Lieder vermutlich auch von unpolitischen Bands hören – dies hat zwei Vorteile: Erstens werden diejenigen, die erstmals mit ‚nationaler Musik‘ konfrontiert werden, nicht durch überdeutliche Parolen abgeschreckt, und zweitens regen die Texte doch sehr zum Nachdenken an. […] Ich bin der Meinung, dass gerade Musik wie unsere, die ihre Vorbilder doch allesamt außerhalb der ‚rechten Szene‘ findet, nicht zwangsläufig extreme Polit-Texte braucht, um Wirkung zu zeigen: Schon oft habe ich begeisterten Zuspruch von Leuten aus der Hardcore-Szene bekommen, wenn ich ihnen CDs wie die von Teardown oder Path Of Resistance gab. Dadurch kam man auch ins Gespräch über Politik. […] [G]erade bei Musik der härteren Art, wo Texte oft sowieso kaum verständlich sind, […] [ist] die Chance größer, auch im unpolitischen Lager beachtet zu werden, welche man nicht durch überdeutliche Texte verspielen sollte. Ist erst das Interesse für die Bands geweckt, wird der Hörer spätestens bei der Recherche im Internet darauf kommen, ‚was‘ dahinter steckt. (Until The End Records 2010a) Dies ist eine bemerkenswerte, weil optimistische Sichtweise auf das Rekrutierungspotenzial für Neonazis im Hardcore, gerade wenn man bedenkt, wie ablehnend sich die frühen Nazi-Hardcore-Bands aus den USA zu diesem Punkt geäußert hatten. Der Gedanke, dass Hardcore als Werbeinstrument ein wertvoller Beitrag zur Entwicklung der neonazistischen Bewegung sei, hat sich inzwischen durchgesetzt. Wer gegen Hardcore sei, folge einem unzeitgemäßen „Schubladendenken“ (Rock Nord 2007, 35). Schon 2005 wurde in einer Neonazi-Zeitschrift der NSHC als Werbung für die Bewegung dargestellt. Besonders vorbildlich: „Ein gutes Beispiel für Vermittlung von genialen Texten mittels Musik ist die Hardcore-Band ‚Path of Resistance‘. Sie geht in ihren Texten auf Umwelt- und Wirtschaftsprobleme ein.“ (In. vers 2005b, 11) Auch „Path of Resistance“ selbst äußerten sich einschlägig in einem Interview: 258 Schulze, Etikettenschwindel Eure CD hat nun keine Skinhead-typische Aufmachung, was einige sicherlich abgeschreckt hat. Muß es nicht ein generelles Umdenken in unserer Szene geben? Genau so sollte es sein. Das Hauptziel unserer Musik ist es auch unpolitische Leute oder Vertretungen anderer Meinungen zu erreichen und sie für unsere Sache zu begeistern. (Panzerbär 2003) So folgerichtig wie augenfällig ist derweil der Grad der ästhetischen Angleichung des NSHCs an die Ästhetik der Vorbildkultur Hardcore. In einem 2013 veröffentlichten, professionell produzierten Musikvideo von „Path of Resistance“ ist die Ästhetik der Hardcore-Jugendkultur musikalisch wie optisch ohne jegliche Abstriche adaptiert. Auf ideologische Aussagen wird verzichtet. Der Refrain des Songs lautet: This is our music, no matter what they say, brutal hardcore justice, NSHC! Music from the true underground, standing in defiance, voice of the streets, path of resistance! (Path of Resistance 2013) Ohne Hintergrundwissen, wofür die Abkürzung „NSHC“ im zitierten Song von „Path of Resistance“ steht, ist es nicht ohne weiteres möglich, die politische Ausrichtung der Band zu erkennen. Allenfalls die Motive auf den in den Videos von den Bandmitgliedern getragenen T-Shirts können zusätzliche Hinweise geben. Auch hierfür braucht es jedoch das Wissen, dass es sich zum Beispiel bei „Les Vilains“ um eine belgische Neonazi- Band handelt. Das Video zeigt in schnellen Schnitten einen Auftritt der Gruppe in einer Turnhalle und blendet dabei die Bandmitglieder und ihr Publikum ein. Zu sehen sind ausschließlich Männer. Die Personen tragen Band-T-Shirts und Tätowierungen ebenso zur Schau wie Collegejacken, Baseballmützen, Turnhosen und Turnschuhe. Neben Glatzen, die auch im Hardcore verbreitet sind, haben manche Personen Hardcore-typische Kurzhaarfrisuren, tragen Brillen mit dicken, dunklen Fassungen und Vollbärte. Zusammen mit der Musik, der Aufmachung des Videos und den Texten ergibt sich das Bild eines Hardcore-typischen Musikvideos, das ohne das Wissen um die politische Verortung der Band nicht außerhalb des „regulären“ Hardcore eingeordnet werden kann. 259 Öffnungen, Entwendungen Ähnlich gelagert ist der Fall der Band „Terrorsphära“, die ihre Treue zur neonazistischen Bewegung im Refrain eines Liedes als Bekenntnis zur „Hardcore Family“ inszeniert: Eine Front, ein Band, das nicht und niemals reißen wird, das Herz gestählt, egal, wie sehr ihr uns auch boykottiert, euer Hass ist das, was uns antreibt und zum Sieg einst führt! One Family, our family, Hardcore Family, Familie! (Terrorsphära 2014) Die Band „Endless Struggle“ hingegen singt ein Lied über die allierte Bombardierung Dresdens 1945: „Und die Engel weinten blutige Tränen, als der Tod vom Himmel kam, dreihunderttausend die einst starben in diesen Schicksalstagen, vergesst nie die Namen derer, die uns Tod und Elend brachten, ewige Schuld haben sie auf ihre Schultern geladen.“ (Endless Struggle 2015) Der Text verzichtet auf die Nennung des Stadtnamens und kann darum auch als ein allgemeines, für den Hardcore durchaus typisches Antikriegslied verstanden werden. Dass Dresden – über Jahre ein bedeutender Erinnerungsort in der extremen Rechten – gemeint ist, erschließt sich vor allem aus dem Kontext der Band und ihrer Behauptung, dass es beim besungenen Inferno „dreihunderttausend“ Opfer gegeben habe. Bei neonazistischen Gedenkveranstaltungen zum „Bombenholocaust“ in Dresden wird, dem geschichtswissenschaftlichen Forschungsstand zuwiderlaufend, mit einer Todesopferzahl von 250.000 bis 300.000 Menschen operiert. 5.3.5 Neonazistischer Rap 5.3.5.1 Hiphop als Jugendkultur Auch im Hiphop sind in Deutschland mittlerweile Entwendungen durch Neonazis zu beobachten, und das, obwohl gerade bei dieser Kultur die Möglichkeit einer Übernahme von rechts zunächst unwahrscheinlich erscheint. Auch im deutschen Alltagswissen ist die Erzählung von der 260 Schulze, Etikettenschwindel Entstehung des Hiphops zu finden. In der ersten Hälfte der 1970er Jahre begannen in der New Yorker Bronx Diskjockeys auf Tanzpartys von urbanen, schwarzen Jugendlichen, Platten ineinander zu mischen. Aus den Ansagen der so genannten MCs auf diesen Partys, entstand ein neuer Gesangsstil, der „Rap“ genannte Sprechgesang. Vermischt mit parallelen und verwandten Entwicklungen wie der Entstehung neuer Tanzstile und neuer Straßenkunst etablierte sich allmählich der Hiphop mit seinen vier Elementen: Rap, DJing, Breakdance und Graffiti (Rose 1994).190 Ab etwa 1984 gründeten sich erste Rap-Gruppen in Westdeutschland, die sich an den US-amerikanischen Vorbildern orientierten. Hiphop war dabei auch in Deutschland maßgeblich eine Partykultur, die sich besonders nachhaltig in migrantischen und afrodeutschen Milieus etablierte (Güler Saied 2012). Zu einflussreichen frühen deutschsprachigen Rap- Gruppen gehörten „Advanced Chemistry“, „Microphone Mafia“ und „No Remorze“. In Deutschland fristete Hiphop bis in die frühen 1990er Jahre ein Dasein unterhalb einer größeren medialen Wahrnehmung. Erst mit den Charts-Erfolgen von Gruppen wie „Die Fantastischen Vier“ tröpfelte Hiphop ab etwa 1991 in größerem Ausmaß in die öffentliche Wahrnehmung (Yakpo 2004; Loh und Verlan 2000) und entwickelte sich „von einer Sub- zu einer Mainstream-Kultur“ (Zollondz 2006, 31). Der frühe deutsche Hiphop verstand sich mehrheitlich als unpolitisch, in relevanten Aspekten jedoch als antirassistisch engagiert. Nach den Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen machten „Advanced Chemistry“ mit dem vielbeachteten Stück Fremd im eigenen Land auf sich aufmerksam, in dem sie rechte Gewalt und Alltagsrassismus thematisieren: Nicht anerkannt, fremd im eigenen Land, kein Ausländer und doch ein Fremder, ich habe einen grünen Pass mit ’nem goldenen Adler drauf, doch keiner fragt danach, wenn ich in die falsche Strasse lauf, […], seit zwanzig Jahren 190 Eine Diskussion des gerade in Hinblick auf die AN relevanten neonazistischen Graffiti erfolgt in einem späteren Kapitel. Hier soll es zunächst um die musikalischen Übernahmen aus dem Hiphop gehen. DJing und Breakdance spielen im Neonazismus keine Rolle. 261 Öffnungen, Entwendungen leben wir hier, sind es leid zu schweigen, Pogrome entstehen, Polizei steht daneben. (Advanced Chemistry 1992) Mit der darauffolgenden weiteren Popularisierung des Rap – zu nennen sind hier Gruppen wie „Fettes Brot“ und „Absolute Beginner“ – verschwanden politische Statements nicht, wurden jedoch zu einem kleineren Teilaspekt in der wachsenden und sich ausdifferenzierenden Kultur. In den 2000er Jahren etablierte sich zunehmend auch Gangsta-Rap, in dem direkte politische Statements eine geringe Rolle spielen, und der das – vor allem an männliche Jugendliche gerichtete und mit dem Charakter des Hiphops als Partykultur nicht in Widerspruch stehende – Versprechen einer bestimmten gesellschaftlichen Teilhabe transportiert, nämlich „Sex, Geld, oder eine geile Party“ haben zu können (Zollondz 2006, 35). 5.3.5.2 Diskussionen um Diskriminierung und Nationalismus im Hiphop Ab etwa dem Jahr 2000 „geisterte“ „ein Phantom“ (Anwander 2013) durch die Medien des Hiphops: Kann es eine rechte Adaption dieser Kultur geben? Diskriminierende Inhalte, etwa sexistische Geschlechterbilder, Homophobie und Antisemitismus hatten und haben im Hiphop ohnehin einen Platz, sowohl international als auch in Deutschland; für den deutschsprachigen Raum seien hier die Debatten um den Sexismus von Künstlern wie „Äi-Tiem“, „Kool Savas“, „Bushido“ genannt. Doch taugt Hiphop auch für die Propagierung von Rassismus, Antisemitismus oder Nationalismus? Bereits 2002 rief der Musikjournalist Murat Güngör eine damals schon zehn Jahre alte Anekdote in Erinnerung, mit der er die oft postulierte Immunität des Hiphops gegen rechte und rassistische Ideen infrage stellte: Was bedeutet es, wenn einer der Jugendlichen, die am 24. August 1992 das Asylbewerberheim in Rostock-Lichtenhagen mit Brandsätzen bewarfen, eine Malcolm-X-Mütze trägt? Werden da Fragmente einer wütenden schwarzen Protesthaltung ihrem Kontext entrissen und dem eigenen rassistischen Weltbild zugeführt? (Güngör und Loh 2002, 278) 262 Schulze, Etikettenschwindel Malcolm X, der 1965 ermordete militante schwarze Bürgerrechtler aus den USA, ist eine regelmäßig herangezogene Ikone für ein schwarzes Befreiungsversprechen und auch im Hiphop populär, etwa bei Künstlern wie „Public Enemy“, „Nas“, „Dead Prez“, „2Pac“ und „Mos Def“ (Shaw 2013). Über den Hiphop erfolgte der Import als Popfigur nach Deutschland. Malcolm X’ Ermordung zog historisch die Gründung der „Black Panther Party“ nach sich. Und nun, Jahrzehnte später bei den pogromartigen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen, warf ein Jugendlicher mit dessen Konterfei geschmückt Brandsätze auf Nichtweiße. Es kann nur spekuliert werden, ob der Jugendliche um die Bedeutung seiner Mützenaufschrift wusste, ob er sie ignorierte oder ob er sich Legitimationsargumente zurechtgelegt hatte. Mit der Anekdote warf Güngor die Frage auf: „Welche Chancen haben Rechte, in einer Jugendkultur Fuß zu fassen, die sich auf schwarze Wurzeln beruft?“ (Güngör und Loh 2002, 278) Für die Autoren Loh und Güngör war ein Faktor für das eventuelle Ermöglichen rechten Raps die vorhandene Battle-Kultur. Weil in diesen Sprechgesangduellen von Rappern immer härtere Reime genutzt wurden, um den Gegenpart bloßzustellen, sei es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis auch Metaphern über Konzentrationslager Einzug fanden – größtenteils ohne politische Intention, ohne geschichtliches Bewusstsein, ohne Gedanken an die Wirkung, allein auf der Suche nach Krassheit und Tabubruch (Güngör und Loh 2002, 296–315). Schon Diederichsen hatte dergleichen Anfang der 1990er geahnt: Die „Explicitness“, also das auf den Tabubruch Zielende im Text, des Hiphop sei uneindeutig und könne darum „in der Wirklichkeit eine linke Demo genauso mit Energien versorgen wie ein rechtes Pogrom“ (Diederichsen 1992, 33). Der Fall des Berliner Rappers „Kaisa“ zeigt, dass die Suche nach provokanten Inhalten immer noch anzutreffen ist und sich beim latenten Vorliegen von entsprechenden Einstellungen zu beispielsweise derben antisemitischen Aussagen verdichten kann. „Kaisa“, ein Schwarzer, verstieg sich in einem Interview auf dem Hiphop-Portal rap.de im Jahr 2008 in antisemitische Hetze, die in rechtsextremer Diktion vorgetragen wurde. Als ein „Hauptproblem“ in Deutschland nennt er dort den Umstand, „dass viel 263 Öffnungen, Entwendungen zu viel Aufwand betrieben wird, dass dieses Gedankengut im Kopf behalten wird, was Hitler damals schlimmes gemacht hat“. Gleichzeitig werde „viel zu wenig Aufwand betrieben, um den Fokus darauf zu richten, wer heute denn die KZs betreibt“. „Kaisa“ weiter: „Warum sollte ich denn jetzt glauben, dass das wirklich sechs Millionen Juden waren? Nur weil’s meine Lehrerin gesagt hat?“ Auf dem Neonazi-Portal Altermedia kommentierte ein Leser begeistert: „Das nenne ich Revisionismus auf Hiphop-Niveau. Ich muss meine Haltung zu Rappern wohl mal überdenken.“ Ein anderer Leser fand: „Manche Rapper haben doch mehr Hirn als so mancher glatzköpfiger Rechtsrocker.“ (Fischer 2010) Ein Schritt hin zu einem Rap von rechts erfolgte 2001. Der Kieler Rapper „MC Pain“ griff den Song Fremd im eigenen Land von „Advanced Chemistry“ auf und polte die migrantische Perspektive des Liedes um. Die von „Advanced Chemistry“ beschriebene Marginalisierungserfahrung wurde auf die angebliche Ausgrenzung von Deutschen in Deutschland übertragen. Das Rechtsrock-Magazin Rock Nord schrieb dazu: „MC PAIN dreht den Spieß jedoch um und rappt, daß er sich als Deutscher fremd in Deutschland fühlt. In seinem Text bringt dieser Rapper eine Menge ziemlich deftiger Statements rüber. Er rappt z. B. ‚Türken werden immer reicher und Deutsche immer ärmer‘.“ (Rock Nord 2001a) Das erste Rap-Projekt mit neonazistischen Texten aus Deutschland trat 2003 an die Öffentlichkeit. Die zuvor unbekannte Dessauer Rap-Gruppe „Dissau Crime“ gab ein Zyklon D betiteltes Debütalbum heraus – in Dessau war während des Nationalsozialismus das Zyklon-B-Gas produziert worden (Dissau Crime 2003). Auf der in sehr kleiner Auflage191 erschienenen CD wurden Reime wie die folgenden gerappt: Jedem das Seine, denk an den Satz, auf dem Weg ins Gas meiner Stadt; Zyklon Dissau […] Ich schieße mit der Flak, auf das ganze Judenpack, zack, 191 In der umfangreichen Tonträger-Datenbank Discogs ist das Album nicht aufgeführt – ein Hinweis auf die geringe Verbreitung. Die Band selbst gab eine Auflage von 50 CDs an (808marley.de 2005). Die CD wurde am 20. Juli 2005 von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien in die Liste B (heißt: absolutes Verbreitungsverbot) aufgenommen und somit indiziert. 264 Schulze, Etikettenschwindel zerwichse ich die Drecksgesellschaft […] Ja, ich bin ein Nazi, von wegen Stasi, ich schlag sie, die SS hab ich als Rückendeckung, also geh besser in Deckung. (Dissau Crime 2003) Trotz dieser brachialen Texte handelte es sich bei „Dissau Crime“ nicht um ein Projekt von Neonazis. Gegen diesen Vorwurf verwahrten sich die „Dissau-Crime“-Musiker und wiesen darauf hin, dass bei ihnen „auch Schwarze und Russen Member“ seien. Dass ihre Texte ernst genommen werden könnten, erschien der Band absurd: „Wir glauben, kein Nazi würde sich mit dieser ‚nicht arischen Musik‘ Hiphop/Rap abgeben, [die] durch und durch Schwarz ist!“ (808marley.de 2005) Entscheidend bei der – fraglos neonazistischen – Ausgestaltung der Texte von „Dissau Crime“ war nicht eine ideologische Überzeugung, sondern die Lust an der Provokation. 5.3.5.3 Ablehnung von Hiphop im Neonazismus bis zur Jahrtausendwende Die beschriebenen Anklänge im Rap durch Projekte wie „MC Pain“ und „Dissau Crime“ verdeutlichen, dass in Teilen der Hiphop-Kultur Räume für die Propagierung einschlägiger Ideen bestehen. Aus dem Neonazismus heraus wurden diese Äußerungen aus der Distanz durchaus wohlwollend beobachtet. Generell gilt aber: Aus der Perspektive des Neonazismus wurde Hiphop als fremde und sogar feindliche Kultur bewertet. Bis nach der Jahrtausendwende galt Hiphop als in erster Linie US-amerikanische und obendrein schwarze Kultur, die in die eigene Bewegung nicht integrierbar sei (Loh 2002). Das „Aktionsbüro Süd“ konstatierte, dass Rap ein „aus Übersee importierter Sprechgesang im Stile herumvagabundisierender, kriminalisierter ethnischer (Noch-) Minderheiten nordamerikanischer Ghettos“ sei (Aktionsbüro Süd 2005). Ein Aussteiger berichtete gegenüber Staud, dass gerade Rap-Musik im Neonazismus verpönt war: „Hip-Hop zu hören wäre […] überhaupt nicht drin gewesen, das galt als ‚Nigger- Musik‘.“ (Staud und Radke 2012, 226) In der NPD-Parteizeitung wurde noch 2014 konstatiert, dass Rap-Musik aus zersetzendem Profitstreben 265 Öffnungen, Entwendungen nach Deutschland gebracht worden sei. Die „gewaltverherrlichende“ Musik passe nicht nach Deutschland: Der wirtschaftliche Wille dominiert zum Beispiel, wenn ausländische Musikstile aus Konsuminteressen in neue Verhältnisse gezwungen werden. Dazu gehört die sogenannte Rap-Musik, ein nervöser abgehackter Sprechgesang, der seinen Ursprung in den US-amerikanischen Ghettos hat und oftmals eine nie gekannte, aber in Deutschland meist legale Gewaltverherrlichung darstellt. (Mayer 2014, 17) Der Anti-Rechts-Rap Adriano (Letzte Warnung) des afrodeutschen Projekts „Brothers Keepers“, 2001 auf Platz fünf der deutschen Single-Charts, war Anlass für einen wütenden Artikel im Rechtsrock-Magazin Rock Nord. Der Song thematisiert den rassistischen Mord an Alberto Adriano im Jahr 2000 in Dessau. Der Tod von Adriano sei zwar „tragisch“, so die Rock Nord, der Song stelle jedoch eine „geschmacklose […] Vermarktung eines Toten dar“. Der Songtext „strotzt vor Gewaltaufrufen“, „diese Negerkombo“ habe „unverdauliche Hasstexte“ verfasst. Der Erfolg der „Brothers Keepers“ sei umso ärgerlicher, da auf der anderen Seite Rechtsrocker Repressalien ausgesetzt seien: „Rechtsrock-Konzerte werden brutal gestürmt, während diese Rapper ihre Hassgesänge bei ‚Top Of The Pops‘ verbreiten.“ Der Artikel in der Rock Nord kulminiert in der Aufforderung, die „Brother Keepers“ „wegen Volksverhetzung schwer [zu] bestrafen“ (Rock Nord 2001b, 12–13). Rapper „verherrlichen Gewalt und glorifizieren Drogen“, beklagte sich die Rock Nord auch in einer späteren Ausgabe (Rock Nord 2004, 27). 2005 wurde in einem Internetforum über den Einsatz von Musik auf Neonazi-Demonstrationen diskutiert. Ein User bekannte, er sehe die Notwendigkeit zu einer stilistischen Offenheit. Allerdings zog er die Grenzlinie genau beim Rap: „Was ich persönlich aber konsequent ablehne und nicht akzeptieren kann, ist Hiphop.“ (User Waldhessen 2005) Ein NPD- Landtagsabgeordneter in Mecklenburg-Vorpommern erklärte 2009 in einer Parlamentsdebatte, dass „so genannte Hiphop-Konzerte“ von einer „multikulturellen Subkultur veranstaltet“ würden. Solche Partys stellten 266 Schulze, Etikettenschwindel eine Jugendgefährdung dar, weil Drogen und Gewalt verherrlicht würden. Gleiches gelte für Punk-Konzerte. „Regelmäßig kommt es im Zusammenhang mit solchen Konzerten zu Vergewaltigungen und Gewalttaten.“ Die Politik verbiete solche Veranstaltungen jedoch nicht, sondern habe „ein Interesse daran, diese krankhaften Auswüchse der Zeit politik- und gesellschaftsfähig zu machen“. Als Gegenentwurf nannte der Abgeordnete Kampfsport, der „Disziplin und Manneszucht“ verlange und fördere (Piratenaktion 2010). Auch in Musikveröffentlichungen von neonazistischen Skinhead- Bands fand und findet sich zuweilen eine Ablehnung von Hiphop. Schon 1990 sang die Band „Kahlkopf“ verächtlich gegen den Gülle Rap an (Kahlkopf 1990). Die Band „Damage Incorporated“ legte 2007 nach: Du verführst dumme Schlampen und trägst dicke Ketten, und lässt deine Brüder in der Gosse verrecken, ein geldgeiles Primatenschwein, sowas wie du soll heut ein Vorbild sein […] I hate you dirty rap bastard. (Damage Incorporated 2007) Ähnlich die „Barbaren“: Du bist das Drogenopfer in Ghettoqualität – bist der Star in deinem Block […] Vom Rappen kriegst du Muskeln, vom Frauen schlagen auch? Du bist Bushi-doof! Zu viel Gras in der Rübe macht blöd in der Platte, das weiß doch jedes Kind! (Barbaren 2008) 5.3.5.4 Sukzessive Öffnung zum Hiphop und Etablierung eines Neonazi- Rap Das, soweit feststellbar, erste neonazistische Hiphop-Projekt, das auch in Deutschland rezipiert wurde, stammt aus den USA. Im Jahr 2000 gründeten zwei New Yorker Brüder die Gruppe „Neo Hate“ und vertrieben ihre Musik über eine eigene Internetseite. Ein Interview mit dem Brandenburger Fanzine Der Panzerbär enthält zahlreiche Bekenntnisse zum Neonazis- 267 Öffnungen, Entwendungen mus. Der interviewte Musiker bezeichnet seinen Bandkollegen nicht nur als Rapper und Texteschreiber, sondern auch als „Lampenschirm-Macher“ und klagt, dass es im heimischen New York „sehr viele J…“ gebe. Ein Konzert in den USA habe abgesagt werden müssen: „[Weil] mein Bruder Don ausfällt. Er muss in Haft da er einen Ju… zusammengeschlagen hat“ (Panzerbär 2002). „Neo Hate“ geben im Interview als Freizeitbeschäftigung „Musik hören“ an, als Favoriten werden klassische Neonazi-Skinhead- Bands wie „Skrewdriver“ und „Brutal Attack“ genannt (Panzerbär 2002). Die Musiker waren mit einiger Wahrscheinlichkeit keine Hiphop-Fans, die sich nazistischen Inhalten zuwandten, sondern Neonazis, die mit Rap- Musik experimentierten – und damit auf erstaunliche Offenheit in einem deutschen Skinhead-Magazin stießen. Der Interviewer erkundigt sich, ob es nicht widersprüchlich sei, als Neonazi „schwarze Musik“ zu machen. Die Antwort: Das ist dasselbe, was man in den 50’ern auch über Rock ’n’ Roll gesagt hat! Rap-Musik ist weißer, als manche Leute wahr haben wollen. Schau dir doch bloß die Technik an, die für Rap gebraucht wird. Plattenspieler, Computer, Schlagzeug – das sind alles Erfindungen von Weißen! Als Weiße mit Rap- Musik anfingen, fingen die Schwarzen an sie nachzumachen. Auch die englische Sprache ist die Sprache von Weißen, aber die Schwarzen verschandeln sie so. […] Rap – wie du ihn nennst, ist weiß, wenn es nicht so wäre, würden die Schwarzen heut noch in Afrika Speere werfen und Bongos spielen! Charlie Daniels z. B. hat 1970 schon einen Rap-Song gespielt, der ‚The Devil went down to Georgia‘ hieß. Du siehst also, es ist nichts Neues, dass Weiße Rap machen! (Panzerbär 2002, o.S.) Konnten die US-Rapper von „Neo Hate“ im Jahr 2002 noch als eine Kuriosität gelten, fand Hiphop ab etwa diesem Zeitpunkt allmählich Eingang in den Neonazismus. Zunächst als Konsumgut: Unter jungen Neonazis breitete sich die Gewohnheit aus, privat auch Rap-Musik zu konsumieren. Hiphop wurde zum „integralen Bestandteil der eigenen Alltagskultur und Identität“. Als populäre Jugendkultur hatte Hiphop auch auf rechtsorien- 268 Schulze, Etikettenschwindel tierte Jugendliche Anziehungskraft, die beim Einstieg in den Neonazismus ihre Hörgewohnheiten nicht ablegen wollten (AIB 2005a).192 Der möglicherweise erste Rap-Song von einem Neonazi aus Deutschland wurde 2005 veröffentlicht, als der nordrhein-westfälische Liedermacher Jan-Peter Kersting ein Balladen-Album unter dem Projektnamen „Veritas Invictus“ herausgab. Eines der Lieder – der Song Wer rettet uns – ist mit einem Beat unterlegt und der Interpret rappt. Der ernst gehaltene Text reiht sich in den Duktus der übrigen Lieder auf dem Album ein, der Rap ist nicht als Satire gemeint (Veritas Invictus 2005). Der Interpret ist weder vorher noch danach durch eine Nähe zur Hiphop-Kultur aufgefallen. 2008 verkündete eine Neonazi-Broschüre die Offenheit der Bewegung für jegliche Jugendkulturen und benannte dabei explizit die Hiphop-Kultur: Ob du Hip-Hopper, Rapper, oder sonst irgendwas, ob du Glatze oder lange Haare hast: Völlig egal! – Hauptsache du bist gegen das herrschende System! Bei uns ist jeder Willkommen der etwas für sein Land tun will. (ANM 2008, 4) Insbesondere mit dem Aufkommen der AN breitete sich Hiphop im Neonazismus aus. Rechter Rap ist besonders unter AN populär, wie ein Interview mit einer Gruppe aus diesem Spektrum belegt (AG Cham 2008). Neonazi-Rap ist als „völkischer Sprechgesang“ (Wehrhaft 2012) im Kanon der neonazistischen Stilformen mittlerweile größtenteils etabliert. Eine ostdeutsche Kameradschaft hielt 2012 fest: Nationaler Rap? Was vor einigen Jahren noch unvorstellbar war, nimmt immer mehr Gestalt an. Mittlerweile haben wir […] eine solide Basis in dieser Musiksparte. Nationaler Rap entwickelt sich somit zu einem ernstzunehmen- 192 Dieser Befund gilt übrigens nicht nur für Deutschland. Zum Beispiel ist in Frankreich Rap mit rechtsextremen Texten durchaus in größerem Maßstab verbreitet (Della Negra 2008) 269 Öffnungen, Entwendungen den Faktor mit Zukunftsperspektive. (Freie Kräfte Neuruppin / Osthavelland 2012) Auf dem Infoportal24 wurde vom Neonazi-Rapper „Henry 8“ festgestellt: Anfänglich herrschte ja eine breite Ablehnung gegenüber nationalem Rap. Wie sieht das nun im Sommer 2013 aus? – Das hat sich stark zum Guten gewendet und mittlerweile sind wir (szeneintern) durchaus etabliert. (Infoportal24.org 2013) Die Musik gilt den neonazistischen Rappern als Agitationsinstrument, sie sehen sich weniger als Künstler, sondern eher als Vollzieher eines nötigen Hinwendungsprozesses des Neonazismus zu neuen Zielgruppen. Der Neonazi-Rapper „Makss Damage“ wird in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zitiert: Wenn wir politisch und agitatorisch wettbewerbsfähig bleiben wollen, müssen wir uns den Gegebenheiten zumindest größtenteils anpassen, vor allem was die Jugend angeht. Es gibt momentan überhaupt kein besseres Werbemittel als Rap. (Baum 2015) Seit 2010 erscheint in größerem Umfang Rap-Musik, die von neonazistischen Musikern produziert wird. Bei den beiden ersten Neonazi-Rap-Gruppen, „N‘ Socialist Soundsystem“193 und „Sprachgesang zum Untergang“, ist auffällig, dass sie ihren Hintergrund nicht im Hiphop, sondern in den neonazistischen Musikszenen haben. Sie betonen explizit, dass ihr Rap ausschließlich musikalisch dem Genre Hiphop zuzu- 193 Häufig abgekürzt als „Enesses“. „Enesses“ steht für „NSS“. Abb. 15: Albumcover (N’Socialist Soundsystem 2011) 270 Schulze, Etikettenschwindel ordnen sei – nicht aber kulturell. Hiphop dient den Neonazis insofern als ein „strategisches Medium“ (Groß 2015, 22). 2010 wurde beim Ludwigshafener Neonazi-Musik-Label Gjallarhorn Klangschmiede die Veröffentlichung einer CD von „Sprachgesang zum Untergang“ („SZU“) angekündigt, die gratis verteilt werden sollte. Hinter dem Projekt stehen Musiker der NSHC-Band „Eternal Bleeding“ (AIB 2011c, 27). Malte Redeker, Betreiber des Labels und ein führender Kopf der deutschen „Hammerskins“, bekannte in einem internen Rundschreiben, dass er den Hiphop nur als agitatorisches Instrument einsetze: Man mag vom Phänomen ‚Sprechgesang‘ halten was man möchte – ich persönlich kann damit eigentlich gar nichts anfangen, allerdings darf die Propagandawirkung nicht unterschätzt werden. (AIB 2011c, 27) Die Gruppe „SZU“ wies in einem Interview selbst auf ihr instrumentelles Verhältnis zur Musik hin: Das Medium Musik, als politisches Transportmittel, hat schon immer bei Jugendlichen gefruchtet und wird in Zeiten widerwilliger Lesebereitschaft wohl noch mehr an Bedeutung gewinnen. (Freies Netz Altenburg 2010, 45) Im selben Jahr trat auch das „N‘ Socialist Soundsystem“ in Erscheinung. Die Gruppe ist wie „Sprachgesang zum Untergang“ ein Ableger einer Rechtsrock-Band, namentlich ein Projekt der Südpfälzer „Häretiker“ (AIB 2011c, 27).194 In einem Interview stellte die Gruppe heraus: Die Idee kam dadurch, weil dieses Genre, diese Musikrichtung Rap, eben grad bei jüngeren Leuten sehr aktuell ist. Sieht man ja an diesen ganzen System-Hiphop-Angelegenheiten. Da waren wir dann der Meinung, dass es da eine nationale Alternative geben muss. Um eben gerade jüngere Deutsche 194 Ein weiteres Beispiel: Das Potsdamer Rap-Projekt „Natürlich“ ist ein Projekt der Rechtsrock- Band „Cynic“ (Meisner 2011). Ihr Debut, ein Minialbum mit fünf im Pop-Rap-Stil der „Fantastischen Vier“ gehaltenen Songs, erschien im Jahr 2011 (Natürlich 2011). 271 Öffnungen, Entwendungen ansprechen zu können. […] Wir sind nationale Sozialisten und keine Hiphopper. […] Hiphop ist definitiv eine Subkultur. Die Frage ist, ob man sich mit Hiphop identifiziert oder ob man einfach mal diesen Musikstil Rap benutzt. Wir sehen uns nicht als Hiphopper oder als irgendwelche Ghettokids oder sonstigen Dreck. Und somit haben wir auch mit dieser Subkultur nichts am Hut. […] Wir nutzen […] nur die Sprache dieser Subkultur in Form von nationalem Rap. (Netzwerk Karlsruhe)195 In einem weiteren Interview heißt es: Ich finde, wir sollten in alle Bereiche eindringen und eine Gegenkultur zum Dreck der Etablierten schaffen. […] Die Mucke ist nur Verpackung, die Botschaft macht der Text. Wer zu dumm ist, das zu verstehen, dem kann ich leider auch nicht helfen. (Infoportal24.org 2013) Die Kameradschaft „Nationale Sozialisten Rostock“ ordnet den Neonazi- Rap ähnlich ein. Auf Zeit Online wird die Gruppe folgendermaßen zitiert: „Es geht dabei nicht um gedanklich/weltanschauliche Anpassung an das BRD-System. Mit dieser Musik können wir unseren Wirkungskreis erweitern und somit nationale Inhalte in sämtlichen Jugendkulturen etablieren.“ (Mayer 2012) Der Neonazi-Rapper „Makss Damage“ bezeichnet sich selbst zuerst als „politischen Aktivisten“ und erst in zweiter Linie als „Musiker“ (Makss Damage 2012a).196 Dass neonazistischer Hiphop bei traditionalistisch orientierten Neonazis auf Misstrauen stößt und dass in der Hiphop-Jugendkultur darauf ebenfalls mit Entsetzen reagiert wird, kommt vielen Neonazi-Rappern durchaus entgegen. „Provokation“ sei ein „ganz wichtiges stilistisches Mittel im Rap“ (FSN.TV 2012) und Provozieren „macht 195 In ähnlicher Diktion in einem weiteren Interview von 2013 in der Zeitschrift Der Aktivist (Der Aktivist 2013, 24). 196 Durchaus bemerkenswert ist, dass „Makss Damage“ seine Musikkarriere mit orthodox-kommunistischen Texten startete. Wegen Gewaltaufrufen, antisemitischen und homophoben Aussagen geriet der Musiker in diesem Spektrum ins Abseits (indymedia.org 2009) und wechselte erst 2011 in den Neonazismus (Frühauf 2011). 272 Schulze, Etikettenschwindel Spaß“ (Legion N-Rap 2012). Neben dem Argument, man müsse Präsenz in vielen Jugendkulturen zeigen, wird darauf verwiesen, dass auch andere neonazistische Musikstile ihre Wurzeln in anderen Kulturen hätten: Eben halt diese klassischen Vorwürfe, das sei halt keine weiße Musik, das sei Negermusik. Das hat in unseren Reihen nichts zu suchen. Gut, was soll man solchen Leuten antworten? Alle hören sie ja auch Rock, Metal, Black Metal, Hatecore. Und wenn man dann gerade diese Kritiker nach den Ursprüngen dieser Musikstile fragt – und dann kommt da halt meistens keine Antwort. (Netzwerk Karlsruhe 2012) Die Potenziale, die musikzentrierte Jugendkulturen böten, müssten durch die Bewegung genutzt werden, so ein Rapper des „N‘ Socialist Soundsystems“: „Es gibt in jedem Genre hunderttausende Leute, die man mit nationalen Texten zu der entsprechenden Musik erreichen kann. Es wäre geradezu töricht, dies nicht zu tun.“ (Der Aktivist 2013, 24) Von „Makss Damage“ wird in einem Song proklamiert, dass es sich beim rechten Hiphop um eine Entwendung handele: „Ich mach aus schwarzer Mucke weiße, wie Elvis damals, keiner meiner Helden war schwarz.“ (Makss Damage 2011a)197 Die extrem rechte Berliner Rapperin „Dee Ex“ legitimiert den Gebrauch von Hiphop etwas anders. Ähnlich wie das US- Projekt „Neo Hate“ erklärte, dass Hiphop in Wahrheit eine weiße Kultur sei, hält „Dee Ex“ Hiphop und „Deutsch-Sein“ für problemlos vereinbar. Schließlich hätten bereits mittelalterliche Minnesänger und Dichter einen „Sprechgesang“ kultiviert (Ochsenreiter 2010, 76): „Deutscher Rap ist nichts anderes als Sang-/Spruchdichtung zu modernen Klangstücken“, so „Dee Ex“. Sie nennt Walther von der Vogelweide, der zwar kein Rapper im heutigen Sinne gewesen sei, aber seine Werke als „Instrument für gesell- 197 Zur Übernahme von schwarzer Musik durch Weiße in der Popkultur vergleiche den Beitrag von Aikins (Aikins 2005). 273 Öffnungen, Entwendungen schaftliche Auseinandersetzungen“ genutzt habe (NID Infoblog 2010)198. Der Der-Aktivist-Autor Jonathan Grünspecht wirbt ebenfalls für die Idee, dass Rap keine schwarze Musik sei. „Sprechgesang mit melodisch-rhythmischer Hintergrundmusik“ habe es schon lange Zeit vor dem schwarzen Hiphop gegeben. Rap sei sozusagen eine Entwendung weißer Musik durch Schwarze. Grünspechts Beispiele: das Lied Kinesiska Muren des Schweden Evert Taube von 1920, das Lied Big Bad John von Jimmy Dean von 1961 sowie Mein Mädchen von Heinz Erhardt aus dem Jahr 1944. Deutschsprachiger Rap wird so also regelrecht zu einer zurückverfolgbaren Innovation von Weißen erklärt (Grünspecht 2013, 27). 5.3.5.5 Themen im Neonazi-Rap Mittlerweile existieren mehrere Dutzend neonazistische Rap-Gruppen in der Bundesrepublik. Neben regulären CD-Alben auf Plattenfirmen aus der Neonazi-Bewegung veröffentlichen sie ihre Stücke vor allem auch über Internetkanäle wie eigene Homepages, über Youtube oder Facebook. In den Texten findet in der Regel keine Tarnung der eigenen politischen Positionierung statt. Typisch ist eher ein Bekenntnis, dass es sich um Rap für den Widerstand (Autonomia 2012b) handele: Raus auf die Straße die Segel sind gesetzt Nationaler Sozialismus jetzt, jetzt, jetzt. Trotz linker Blockade den Bullen widersetzt. Nationaler Sozialismus 198 „Dee Ex“ ist im Spektrum des rechten Hiphop nicht nur wegen ihres Geschlechts eine Ausnahme, sondern auch, weil von ihr keine offensiven Bekenntnisse zum Nationalsozialismus zu vernehmen sind. In einer Selbstvorstellung bezeichnet sie sich als „patriotische Musikerin und Freiheitskämpferin“, die „für die Rechten zu links, für die Linken zu rechts und für die Mitte zu extrem“ sei. Sie sehe sich „als unparteiische Diplomatin“, die „für gesunden Patriotismus“ einstehe und sich gegen „Deutsch- und Völkerfeindlichkeit“ einsetze (Dee ex 2012). Als politischen Menschen sehe sie sich „eher nicht“ (Schwarz 2010). Gleichwohl sucht „Dee Ex“ die Nähe zur Neonazi-Musik-Szene. Zusammen mit der Rechtsrock-Band „Kategorie C“ spielte sie 2011 eine Coverversion des Liedes „Frei Geboren“ ein – ein Stück der Neonazi-Band „Lunikoff Verschwörung“ aus der Feder des ehemaligen „Landser“-Sängers Michael Regener (Dee Ex/ Kategorie C 2011). Sie selbst hält solch ein Cover weder für ein politisches Statement noch für problematisch: „Dass Landser böse ist, kann ich nicht bestätigen.“ (NID Infoblog 2010) 274 Schulze, Etikettenschwindel jetzt, jetzt jetzt. Ist das Banner und die Fahne auch mal zerfetzt. Nationaler Sozialismus jetzt, jetzt, jetzt. Drauf geschissen ob die Presse gegen uns hetzt. Nationaler Sozialismus jetzt, jetzt, jetzt. Jetzt, jetzt, jetzt! (Sprachgesang zum Untergang 2010) Die Gruppe „Projekt X“ nennt ihre Musik „Hiphop für Deutsche“, „gegen die Besatzer“ (Projekt X 2012). Bei „Autonomia“ findet sich ein Bekenntnis zur politischen Gewalt: „Wir sind autonom und militant […] ich heb nen Stein hoch und werf ihn gegen dein Gesicht.“ (Autonomia 2012a) Das „N‘ Socialist Soundsystem“ rappt: Euer Rap ist tot, er ist angepasst an BRD, die echte deutsche Welle kommt mit dem N’socialist Soundsystem. Ich verachte euch alle, weil ihr angepasst und feige seid, ich konnte euch nie leiden, fickt euch, ihr Systemschweine. (n’socialist Soundsystem 2010) Der Hannoveraner „Sash JM“ bekennt sich offensiv zu seinem Wahlverhalten: „Ja, ich gehe zur Wahl und setz mein Kreuzchen auf braun. Und das tu ich nicht als Kinderficker-Abschaum. Ich würde niemals andere Menschen töten, nur weil sie anders sind. Ich will nur meine Heimat bewahren für mein eigenes Kind.“ (Sash JM 2012)199 Der Gütersloher „Makss Damage“ rappt eine Hymne auf das Deutsche Reich. Um nicht mit Gesetzen in Konflikt zu kommen, sind Slogans wie „Sieg Heil“ für die Veröffentlichung von Samples übertönt: 199 Im zitierten Lied interpretierte „Sash JM“ einen Song des völkisch orientierten Neonazi-Liedermachers Frank Rennicke neu und rearrangierte den Text der Vorlage mit eigenen Zeilen (Sash JM 2012). „Sash JM“ stand 2013 wegen des Mordes an einer drogensüchtigen Frau vor Gericht, die sich vor der Tat über seine Gesinnung lustig gemacht hatte. Der Rapper wurde zu einer zwölfjährigen Haftstrafe verurteilt. Ein Gutachter bescheinigte dem Angeklagten eine schwere Persönlichkeitsstörung. In der Verhandlung inszenierte er sich als Neonazi. Jahre zuvor hatte „Sash JM“ unter anderem einen Libanesen niedergestochen und schwer verletzt (Röpke und Dreyer 2013). 275 Öffnungen, Entwendungen Das Reich lebt ewig, das Reich lebt, solange seine Vertreter leben, solange blutige Flüsse durch unsere Venen gehen, wie die Weser durch Bremen, wie durch Köln der Rhein, die Spree durch Berlin […]; das Reich lebt seit 1011 bis 2011, 2012 und noch viel weiter, wenn auch alles zerreißt, bis ans Ende der Zeit, das Reich existiert weiter, und auch so bis 2033, wir stehn bereit, geeint, uns wird nicht langweilig, denn unserem Land feindlich Gesinnte habens eilig, sie wollen das Reich vernichten, aber es bleibt heilig, welches Volk auf Erden lässt sich sein Land nehmenn, sich an der Hand nehmen und aus dem Land fegen? Wir nicht! Wir bleiben siegreich und schreien [Pistolenschuss- Sample] Heil! Das Reich lebt ewig! Es ist so viel mehr, es ist alles, alles, was wir sind, es ist so viel wert, es ist unser Charakter, unser Verlangen, unser Geist, unsere Seele, unser Zusammenhalt, unser heiliges Deutschland halt, wieder ein Land, wieder im Fieber, von heute an spielen die Krieger des Reichs, wieder ganz vorn in der ersten Liga mit, egal ob Heide oder Christ, entscheidend ist, ob du Deutscher bist, siegt der Teufel in dir oder die Treue, bist du dabei, wenn es heißt aufs Neue, alles […], alles fürs Reich, alles, von heute an, bis in alle Zeit […], schwarz, weiß, rot wird’s sein, das Reich lebt ewig! Seit dem Tag, als der Kaiser die Krone nahm, kreist der Adler des Reichs um Teutonia, seit dem Tag als der [‚Heil‘-Sample] kam, wussten wir, es würde nichts mehr so sein, wie es früher war. (Makss Damage 2011b) Vom Berliner „Villain 051“, stammt ein brachiales rassistisches Lied. In Rap-Holocaust greift er 2011 in gröbster Sprache wesentliche Punkte der nationalsozialistischen Ideologie auf. Als „echter Germane mit eisernem Blicke“ schlägt er seinen „Kameraden“ vor: „Wir schreiben ein Buch, wie wir Deutschland befreien und nennen es Mein Kampf Teil zwei.“ Der Refrain des Stücks fordert auf: Rap-Holocaust, Rap-Holocaust, 2011, komm wir fechten es aus. Diese Ansage hier, sie kommt nicht aus Wien, das ist der Rap-Holocaust Null-Elf aus Nord-Berlin. (Villain051 2011) Während sich der Terminus „Rap-Holocaust“ noch als rein sprachliche Gewaltaffirmation verstehen ließe, droht die zweite Strophe offen mit Gewalt und unterstreicht, dass sich der neue Holocaust gegen Einwanderer richten solle: 276 Schulze, Etikettenschwindel „Ich bin und bleib national, frei denkend, weiß und deutsch. […] Ich liebe Migranten, wie Krätze, Aids und Beulenpest. […] Und deshalb sag ichs deutlich: Raus aus meinem Vaterland. Seh ich euch Wichser auf der Straße, spürt ihr meine harte Hand. […] Treue, Ehre und Mut für den Kampf, zusammen stehen wir in der blutigen Schlacht gegen die Migranten und Feinde des Volks.“ (Villain051 2011) Anfang 2014 veröffentlicht „Villain051“ ein Musikvideo, in dem er in Begleitung weiterer Neonazis zu sehen ist und vor dem Eingang einer Flüchtlingsunterkunft in Berlin-Hellersdorf einen Rapsong „für unsere Kinder“ vorträgt (Villain051 und R.A.W. 2014). Bei verschiedenen Demonstrationen der „Hooligans gegen Salafisten“ ab 2014 tritt „Villain 051“ im musikalischen Beiprogramm auf. Andere neonazistische Ideologiefragmente, denen Neonazi-Rapper Songs widmen, sind beispielsweise Geschichtsrevisionismus (Nationaler Sprechgesang 2011), anti-muslimischer Rassismus („Christen-Hiphop! Hängt den Araber auf!“, Fahnenstolz 2010), Homophobie („Wir sind die heterosexuelle Antwort auf den Village People Flow“, Legion N-Rap 2012) oder Antisemitismus („Wer zieht den Nutzen daraus? Frag die Weisen von Zion, sie antworten nicht“, Makss Damage 2012b).200 Stellenweise wird die Musik direkt in den Dienst einer Mobilisierung zu Aktionen gestellt: Der Rapper „Subverziv“ veröffentlicht 2012 zum AN-Aufmarsch am „Antikriegstag“ in Dortmund ein eigens geschriebenes Lied, in welchem die inhaltliche Ausrichtung der Demonstration nachgezeichnet und zur Reise nach Dortmund animiert wird: Sieh diese Welt an, siehst du den Weltenbrand? Dieses Land da im Westen mit Geltungsdrang? Und dieser Staat am toten Meer mit dem Hexagramm? Stecken für Macht und Geld die ganze Welt in Brand! Heldenhaft zogen einst Männer in die Schlacht und bekämpften diese Macht namens Geldherrschaft. (Subverziv 2012) 200 Zur Entstehung und Wirkung der antisemitischen „Protokolle der Weisen von Zion“ liegt ein Band von Wolfgang Benz vor (Benz 2007). 277 Öffnungen, Entwendungen 2012 veröffentlichte der Neonazi-Rapper „Mic Revolt“ den Song Weg des Widerstands, in dem der Alltag „eines deutschen Dissidenten und nationalen Sozialisten“ geschildert wird. Der Liedtext illustriert die Tätigkeitsfelder und das Lebensgefühl der AN. Dem nächtlichen Parolensprühen folgen eine Flugblatt-Verteilaktion, eine Demonstration (inklusive Auseinandersetzungen mit Polizei und „Rotfront“) und schließlich eine Party: Du warst nachts noch unterwegs, warst aktiv in deiner Stadt, liefst vermummt durch die Straßen, weil dich kein Mensch erkennen darf […] am nächsten Tag auf dem Weg zur Arbeit betrachtest du dein Werk, […] auf der Arbeit angekommen, auch da hörst du die Leute reden, von Überfremdung, von Umerziehung, von menschenunwürdigem Leben […] Das Leben, dass du führst, das können andere nicht verstehen, die Dinge, die du siehst, die wollen andere nicht sehen […] Beschützer der Nation bezeichnest du als deine Pflicht, politischer Soldat und nationaler Sozialist […] Dein Handy klingelt, wo bist du denn, so schreits dich auch gleich an, und schon dämmert es dir, bringen wir wieder Flugblätter an den Mann […], viele nehmen die Infos an, andere schmeißen sie in den Dreck, denkst dir ‚verblendete Idioten‘ und guckst verächtlich weg, Es kommt aber noch ein netter Kerl, der sich für deine Arbeit interessiert, und diese Momente sind es, durch die sich der ganze Kram rentiert […] Am nächsten Morgen wirst du wach, halb Wecker, halb Adrenalin, es geht auf Demo und du weißt so eine Sache ist nie Routine […], Ausstieg, am Zielort angelangt […] heut geht es zügig los, man nimmt schnell Aufstellung im Block […] was die Bullen sich nicht trauen, das führen wir eben selbst herbei, wir brechen durch und räumen auf, räumen uns selbst die Straße frei, du siehst die Rotfront rennen, im Galopp und Dauerlauf, was ist denn los mit euch ihr Fotzen, gebt ihr etwa kampflos auf? […] Es geht zurück in Formation, die Transparente an die Seite, einfach herrlich anzusehen […] der erste Redner tritt ans Mikrofon, kriegt die Bürger dieser Stadt, gibt bekannt warum wir uns versammeln hier auf diesem Platz, die Resonanz in der Bevölkerung ist groß, für das wankende System ist das heut der nächste Stoß […], Doch auch der Spaß kommt nicht zu kurz, abends gehts noch aufs Konzert, die Infonummer angerufen und man sattelt das Gefährt […], Nazis wissen wie man feiert, der Widerstand bittet zum Tanz, am nächsten Morgen wachst du auf und schlägst die Sonntagszeitung auf, in Großbuchstaben tituliert, der braune Mob marschierte auf, natürlich konnte man nur Kriminelle 278 Schulze, Etikettenschwindel und Asoziale sehen, die da vorgeben für Deutschlands Freiheit auf der Straße zu stehen. (Mic Revolt 2012) Der Protagonist des Liedes vermutet sich im moralischen Recht. Seinem Aktivismus geht er mit hohem Einsatz und Risiko nach. Das Verhältnis zur Bevölkerung ist zwiespältig. Sie sei zwar ebenfalls gegen „Überfremdung“ und „Umerziehung“ eingestellt und strebe nach Freiheit, weshalb der Protagonist immer wieder auf Sympathien und Interesse stoße. Doch er stellt auch fest: „Dinge, die du siehst, die wollen andere nicht sehen.“ Das völkische Fühlen in der Bevölkerung sei allenfalls fragmentarisch vorhanden; beim Aktivisten sei es jedoch voll entwickelt, verfestigt in einem politischen Bewusstsein. Durch die Medien indes werde die Bewegung als „brauner Mob“ diffamiert und so vom Volk ferngehalten. Der Songtext ist aber auch kritisch gegenüber der eigenen Bewegung, denn nicht alle dort setzten sich so verlässlich und selbstlos ein: Am Treffpunkt zur Demoanreise sind weniger Neonazis, als sich angekündigt hatten. Der Aktivismus findet in der Demonstration seinen Kulminationspunkt. Man nimmt Aufstellung im „Block“, überrennt die Polizei und versucht, die „Rotfront“ anzugreifen. Die Beschimpfung als „Fotzen“ sticht in ihrer Vulgarität aus dem Rest des Textes heraus und unterstreicht die Verachtung für den politischen Feind, der feige sei und der wegen dieser Kampfuntauglichkeit sexistisch beschimpft wird. Nach der militanten Auseinandersetzung spricht ein Neonazi-Redner – mit seiner Ansprache „kriegt“ er die umstehenden Bürger. Auch argumentativ sind die Rechten also überlegen. Der Anlass der Demonstration und das Thema des Redners werden im Songtext offen gelassen. Der Inhalt der Rede ist anscheinend so überzeugend, dass „das System“ darüber ins Wanken gerät. Die Begeisterung über die Abenteuerlichkeit des Erlebten am Ende des Liedes scheint authentischer als die asketische Selbstcharakterisierung zu Beginn. 5.3.6 Extrem rechter Alltagsstil Die kulturelle Ausdifferenzierung und Öffnung des bundesdeutschen Neonazismus, die oben anhand der Integration entsprechender Jugendkul- 279 Öffnungen, Entwendungen turen dargestellt wurden, haben zur Herausbildung eines neonazistischen Alltagsstils geführt. Der Rechtsextremismus hat mittlerweile ein eigenes, ausdifferenziertes Symbolsystem hervorgebracht (Erb 2009), das unmittelbar an die kulturellen Öffnungen gekoppelt ist. Die Kulturalisierung hat bei Bewegungsangehörigen und ihrem Umfeld das Bedürfnis entstehen lassen, ihre politischen Überzeugungen nicht nur über konventionell-politische Artikulationen, sondern auch stilistisch-expressiv im Alltag auszudrücken. Abgesehen von der politischen Bewegung gibt es auch einen „Lifestyle Neonazismus“. Dieser Alltagsstil schlägt Brücken zwischen dem organisierten Neonazismus, den an ihn gekoppelten Jugendkulturen und jugendlichen Milieus am Rande dieser Bereiche. Entsprechend verbinden sich seit der Jahrtausendwende die Symbolrepertoires von Politik, Jugendkulturen und Pop fortwährend in immer neuen Kombinationen. Die Symbole, Codes und Moden haben eine immense Bedeutung erlangt.201 Sie erfüllen mehrere Funktionen: - Die eigene politische Überzeugung findet einen Ausdruck. Die Individuen haben das Bedürfnis nach Expression und können dieses Bedürfnis über den Alltagsstil ausleben. - Extrem rechte Positionen werden im öffentlichen Raum sichtbar gemacht und so auf symbolischer Ebene normalisiert und weiterverbreitet. - Ein Bedürfnis nach Provokation und Raumnahme kann gestillt werden. Es ist eine gewisse Lust an der Zurschaustellung neonazistischer Positionen festzustellen, gerade weil diese in der Umgebung polarisieren und schockieren können und zudem eine latente Gewaltandrohung gegenüber den Feindgruppen transportieren. - Gleichzeitig, in Reibung aber nicht im Widerspruch zum vorher Genannten neigt der extrem rechte Alltagsstil zur Codierung. Die mit 201 Abweichend: Auch Korgel und Borstel heben die Wichtigkeit von Symbolen im Lifestyle-Komplex des Neonazismus hervor, kommen in ihrer Arbeit aus dem Jahr 2002 allerdings zu dem Schluss, dass seit dem Jahr 2000 erheblich weniger Symbolik im öffentlichen Raum genutzt werde. In ihren Hochburgen hätten Neonazis einen Grad an kultureller Hegemonie erreicht, der nicht mehr über Symbolik abgesichert werden müsse (Korgel und Borstel 2002, 220–227). 280 Schulze, Etikettenschwindel ihm transportierten Bekenntnisse sind in vielen Fällen bewusst so gehalten, dass sie nur mit Hintergrundwissen entschlüsselt werden können. Dies hat auch juristische Gründe, folgt aber vor allem der Logik jugendkultureller Symbolspielereien. Jugendkulturelle Identitäten stellen sich auch darüber her, einer Zeichensprache mächtig zu sein, die nicht allgemeinverständlich ist. Es bereitet Lust, vermittels eines Stils Unbehagen und ein Bedrohungsgefühl bei einem Gegenüber auszulösen, die Bedeutung der verwendeten Zeichen jedoch im Zweifelsfall abstreiten zu können. - Eine gegenseitige Erkennbarkeit von Neonazis und Sympathisanten kann so sichergestellt werden. - Für die Bewegung und ihre Funktionsträger bietet der extrem rechte Alltagsstil nicht nur eine politische Chance, sondern auch eine ökonomische. Durch die Gründung von Firmen werden der Bewegung angebundene Firmen und somit finanzielle Mittel bereitgestellt. Im organisierten Neonazismus waren und sind Codierungen bereits seit langem gängige Techniken. „Wir in Fulda nannten uns ‚Freundeskreis Obervolta‘, weil dieser afrikanische Staat die schwarz-weiß-rote Fahne als Nationalflagge hatte“, berichtet etwa Neonazi Thomas Brehl in seiner Autobiografie über eine Gruppierung in der ersten Hälfte der 1980er Jahre (Brehl 2009b). Die Benennung nach einer Kolonie in Afrika (dem heutigen Burkina Faso) war für eine rassistische Gruppierung auch Ausdruck eines derben Humors; gleichzeitig ermöglichte sie einen für Außenstehende schwer durchschaubaren Bezug auf die deutsche Reichsfahne. Ähnliches wird auch weiterhin praktiziert. Bei Aufmärschen der Neonazi- Kampagne „Tag der deutschen Zukunft“ wurde von Teilnehmern die Parole „Wie geil!“ gerufen – sprachrhythmisch und klanglich sehr nah am illegalen „Sieg Heil!“. Zur Kampagnen-Demonstration 2014 in Dresden wurde der Ruf „Wie geil!“ aus diesem Grund behördlich untersagt. Stattdessen wurde der Slogan auf Aufklebern, T-Shirts und auf „Gesinnungsknöpfen“ (Ansteckern) verbreitet (tddz.info 2013). Diese Praktik hat im Zusammenhang mit politischen Aktivitäten also eine Kontinuität; durch 281 Öffnungen, Entwendungen die Skinheads wurde sie um jugendkulturelle und alltagskulturelle Symbolpraktiken erweitert. Eine eigene Kleidungsmode zu haben, wird vom Neonazismus als Attraktivitätsmerkmal zur Steigerung seiner Ausdrucksund Mobilisierungkraft gewertet. Die entsprechenden Statements und Diskussionen über diese Punkte stammen aus einem Zeitraum, der sich von den späten 1990er bis an Anfang der 2000er Jahre erstreckt. In der Neonazi-Zeitschrift Rock Nord wurde das modische, über Kleidung vermittelte Spiel mit Andeutungen als Methode gefeiert, mit der sich rechte Jugendliche politisch positionieren könnten. „Übereifrigen Lehrern, Richtern und anderen ‚Moralhütern‘“ könne damit das Leben schwer gemacht werden: Ein Nachweis, dass diese oder jene Marke auch Ausdruck einer Gesinnung sei, sei schlichtweg nicht möglich (Rock Nord 2000, 14). Jugendliche bräuchten eigene, „gemeinsame Codes“, um einen Zusammenhalt herzustellen, hielt 2003 die Mitteldeutsche Jugendzeitschrift fest. Es sei darum „kein Problem, wenn sich nationale Jugendliche kleiden, wie sie wollen“. Lediglich vor einem „übertriebenen Markenbewusstsein“ wurde gewarnt (Mitteldeutsche Jugendzeitung 2003). Ein Jahr später gab sich ein damaliger Kameradschaftsanführer und jetziger Neonazi-Versandhändler in einem Interview betont offen gegenüber modischen Trends. Für eine politische Bewegung, die in der Gegenwart Veränderungen erreichen wolle, sei Offenheit Pflicht: „Man muss einfach erkennen, dass sich die Zeit ja geändert hat und dass halt auch die Mode sich ändert. Und warum sollen nun gerade wir national Gesinnte nicht auch mit der Mode gehen? Und aufgrund dieser Tatsache schließen wir uns nicht aus von der Gesellschaft. Wir leben im Volk, wir leben mit dem Volk, wir wollen für das Volk da sein. Und von daher stellen wir uns nicht an irgendeinen Abgrund oder irgendeinen Rand und wollen auch nicht irgend’ne Randgruppe verkörpern.“ (Dluzak 2004) Die Existenz des jugendkulturell induzierten neonazistischen Alltagsstils illustriert sich an zwei Erscheinungen der entstandenen „rechtsextremen Kulturindustrie“ (Klärner und Kohlstruck 2006b, 29–30). Erstens werden Versatzstücke extrem rechter Ideologie im Alltag über bestimmte Zeichen 282 Schulze, Etikettenschwindel transportiert, die auf Schmuck- oder Kleidungsstücken verarbeitet sind. Das können etwa Anleihen an germanische Runen oder codierte Anspielungen auf nationalsozialistische Organisationen sein. Zweitens sind im Neonazismus modische Vorlieben auszumachen, die sich auch an einem eigenen Markenbewusstsein festmachen. Bestimmte Modemarken, die selbst keinen Bezug zum Neonazismus haben, sind dort häufig anzutreffen. Zudem gibt es inzwischen etliche Modemarken, die aus dem Neonazismus oder zumindest aus dem Dunstkreis des Neonazismus heraus entstanden sind. Sie geben manchen Neonazis die Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt im Rahmen der Bewegung zu verdienen, beuten den entstandenen neonazistischen Lifestylemarkt kommerziell aus und bedienen die entsprechenden jugendkulturellen Milieus mit Möglichkeiten, ihrer Orientierung Ausdruck zu verleihen. 5.3.6.1 Symbole: Nationalsozialistische Bezüge und Nordland-Kult Ab ungefähr der Jahrtausendwende wurde der alltagskulturelle Symbolvorrat des Neonazismus umfangreich aufgefrischt und erweitert. Symbole aus der politischen Bewegung des Neonazismus wurden mit Symbolen aus den oben aufgeführten Jugendkulturen und anderen Bereichen der Popkultur vermischt und kombiniert (ASP 2013, 4–5). Sie finden ihre Nutzung als T-Shirt-Aufdrucke und Aufnäher, als Tätowiermotive und Elemente von Schmuckstücken wie Halsketten oder Piercing-Artikeln. Abb. 16: Beispiele für die Schwarze Sonne: Fahne (Apabiz o.J.) und Aufkleber (ASP 2011, 15) 283 Öffnungen, Entwendungen Zum einen sind Symbole, die aus der Zeit des Nationalsozialismus stammen oder diesem entlehnt sind, im Spektrum sehr populär. Durch die Rechtslage in der Bundesrepublik ist das öffentliche Zeigen mancher dieser Symbole als „Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen“ (Paragraf 86a des Strafgesetzbuch) allerdings verboten. Dies gilt etwa für das Hakenkreuz oder die doppelte Sig-Rune als Symbol der SS. Verboten sind jedoch bei Weitem nicht alle dieser Symbole – teilweise, weil sie von der einschlägigen Rechtsprechung schlichtweg nicht erfasst wurden, teilweise, weil sie nicht nur im Nationalsozialismus verwendet wurden und darum nicht als dessen originäre Symbole gelten können. Zu nennen ist etwa die Kombination aus gekreuztem Hammer und Schwert. Dieses Symbol kann dem Strasserflügel des historischen Nationalsozialismus zugeordnet werden und war zeitweise das Gaufeldzeichen der Hitlerjugend. Auch der nationalsozialistische Reichsadler hat in zahlreichen Variationen Eingang in den Neonazismus gefunden. Das Hakenkreuz, das im Original von den Klauen des Adlers gehalten wird, wird gemeinhin weggelassen oder durch andere Zeichen ersetzt. Verbreitung hat auch das Eiserne Kreuz. Es wurde von Karl Friedrich Schinkel im Auftrag von Friedrich Wilhelm III entworfen und ist in Deutschland seitdem ein allgemeines Symbol für Soldatentum, Militär und Maskulinität. Es wurde jedoch, dann oft mit einem Hakenkreuz versehen, auch im Nationalsozialismus verwendet. Heute beschränkt sich die Nutzung des Eisernen Kreuzes keineswegs auf den Neonazismus, sondern wird auch in Rocker-Kreisen und Jugendkulturen wie den Skatern oder im Metal genutzt. Die Schwarze Sonne ist indes eine Komposition aus drei Hakenkreuzen und wird im Neonazismus seit den 1990er Jahren als Symbol verwendet. In der Wewelsburg bei Paderborn sollte im Nationalsozialismus eine Ordensburg der SS entstehen. Während der Umbauarbeiten wurde das fragliche Symbol als Bodenornament im Gruppenführersaal eingebaut und ist dort erhalten geblieben. Es sollte aller Wahrscheinlichkeit nach als simple Abwandlung eines Hakenkreuzes fungieren. Eine Vorgeschichte dieses Wewelsburger Symbols ist nicht bekannt. Erst in den 1990ern wurde die Schwarze Sonne von Neonazis entdeckt und zu einem originären NS-Symbol erklärt (Strube 2012; John- 284 Schulze, Etikettenschwindel Stucke und Siepe 2015; Schlegelmilch und Raabe 2015). Im Neonazismus werden der Schwarzen Sonne dennoch altgermanische Wurzeln zugeschrieben. Die Schwarze Sonne sei „Zeichen für das Urwissen und die Weisheit“ und sei erst durch das „kulturverschlingende“ Christentum verdrängt worden (Zentralorgan 2000, 4). Das Symbol wird vereinzelt auch in esoterischen Kreisen, im Darkwave und im Metal genutzt. Gewisse Verbreitung genießt weiterhin die Triskele, das dreiarmige Hakenkreuz.202 In der im Neonazismus besonders beliebten eckigen Variante war es nicht nur Symbol von „Blood & Honour“, sondern auch der rassistischen Buren-Organisation „Afrikaaner Weerstandsbeweging“ in Südafrika. Varianten mit einer gerundeten Darstellung der Haken sind auch in heidnischen Kreisen verbreitet – es gibt historische Belege für eine altertümliche Nutzung in keltischen Siedlungsräumen. Zuletzt sei der Werwolf genannt, der im Neonazismus als Symbol für Widerstandswillen und Kampfesmut genutzt wird und oft zusammen mit der Gibor-Rune (auch: Wolfsangel) kombiniert wird. Zweierlei Bezüge werden über den Topos Werwolf hergestellt: erstens zum Buch Der Wehrwolf von Hermann Löns aus dem Jahr 1910 (Löns 1996), in dem heidnischer Widerstand gegen das Christentum geschildert wird und das im Nationalsozialismus zu einem Bestseller wurde. Zweitens verweist der Begriff auf das „Werwolf“-Konzept des untergehenden Nationalsozialismus. „Werwolf“-Einheiten sollten hinter den feindlichen Linien einen Guerillakrieg gegen die vorrückenden Allierten führen und so das Kriegsende hinauszögern beziehungsweise den Kriegsverlauf umkehren. Seit 2001 gab es mehrere Versuche, das Wort „Werwolf“ als Modemarke in Deutschland markenrechtlich schützen zu lassen. Die Gibor-Rune als Werwolf-Symbol ist seit 1982 als Zeichen der „Jungen Front“ (Jugendorganisation der „Volkssozialistische Bewegung Deutschlands/Partei der Arbeit“) verboten. Neben den angeführten Symbolen mit direkten oder vermittelten nationalsozialistischen Bezügen haben sich im Neonazismus zahlreiche Sym- 202 In Kontext mit „Blood & Honour“ ist das öffentliche Zeigen der Triskele seit dem Jahr 2000 als Organisationsabzeichen dieser Gruppe verboten. 285 Öffnungen, Entwendungen bole verbreitet, die Bezüge zum Altertum und zum Mittelalter herstellen. Insbesondere rotieren diese um die Komplexe Germanentum, Keltentum, Heidentum und um die Wikinger. Sie eint die Herstellung einer Traditionslinie ins Heute, die von einem vorchristlichen, weißen, nordischeuropäischen Erbe aus gezogen wird. Die Nutzung dieser Symbole lässt vermuten, dass dieses Erbe als Ausdruck einer imaginierten Vergangenheit gilt, das bewahrt, in die Gegenwart verlängert und in der Zukunft zu neuem Glanze gebracht werden soll. Die alte Zeit ist hier nicht der Nationalsozialismus, sondern die frühere Geschichte, eine Art Sehnsuchtsort, an dem unverfälschtes, nicht entfremdetes, „artgerechtes“ Leben möglich war. Teilweise ist bei der Symbolnutzung ein Bemühen um historische Korrektheit auszumachen, teilweise werden die Symbole frei interpretiert, weiterverarbeitet und verkitscht. Die entsprechenden Symbole sind auch in zahlreichen nicht-neonazistischen Szenen und Jugendkulturen verbreitet. Zu nennen sind wiederum der Metal (der eigene Subgenres wie den Pagan Metal hervorgebracht hat), die LARP-Szene („Life Action Roleplaying“, also Fantasy-Rollenspiele) und Mittelalterszenen, in der Esoterik und ihren neuheidnischen Ausläufern. Auf das historische mittelalterliche Keltenkreuz in Großbritannien und Irland wird im Neonazismus vor allem in einer Abwandlung Bezug genommen. In der historischen Radkreuzvorlage ist die untere Strebe des Kreuzes meist verlängert, in der neonazistischen Variante wird ein gleichschenkliges Kreuz genutzt. Das Symbol ähnelt optisch so eher einem Fadenkreuz als einem christlichen Kreuz. Diese Form des Keltenkreuzes ist Abb. 17: Irminsul (Onkel Spider Tattoo 2012) 286 Schulze, Etikettenschwindel international im Neonazismus als grafische Abkürzung für „White Power“ verbreitet. Der Slogan wurde vom Sänger der frühen Rechtsrock-Band „Skrewdriver“, Ian Stuart, popularisiert und ist als Aufruf zur Einheit der rassistischen weißen Organisationen weltweit gemeint. Seit 2008 ist das öffentliche Zeigen des gleichschenkligen Keltenkreuzes in Deutschland verboten (Seeve 2008). Die „altnordischen“ beziehungsweise altgermanischen Symbol- und Lautzeichen – die Runen – haben im Neonazismus ebenfalls breite Verwendung gefunden. Häufig werden diese Zeichen als Bausteine für Symbole von Organisationen oder als vielfältig einsetzbares Gestaltungselement genutzt. Runen werden teilweise als Schriftzeichen verwendet, um Namen oder Abkürzungen darzustellen. Den einzelnen Runenzeichen werden jedoch auch mythische Bedeutungen zugeschrieben – die Hagal-Rune gilt etwa als Ausdruck von Tatkraft. Gemeinhin sind derlei Interpretationen der Bedeutung von Runen nicht durch den geschichtswissenschaftlichen Forschungsstand abgesichert (Bleckmann 2009). Die Lebensrune (Man- Rune) und die Todesrune (Yr-Rune) finden Verwendung als nichtchristliche Ersatzsymbole in Geburts- und Todesanzeigen. Auch Praktiken wie Runen-Yoga sind bekannt. Für Neonazis zusätzlich attraktiv ist der Umstand, dass einzelne Runen schon im Nationalsozialismus genutzt wurden – etwa die Sig-Runen als Symbol der SS beziehungsweise in einzelnen SS- Divisionsabzeichen. Der Thorshammer („Mjölnir“) indes ist keine Rune, sondern ein Requisit aus der germanischen Götter- und Sagenwelt. Schon in der völkischen Bewegung am Anfang des 20. Jahrhunderts wurde das Symbol in extrem rechten Kreisen verwendet und ist im Neonazismus zu neuer Bedeutung gelangt. Dem Hammer des Donnergottes Thor wird eine reinigende Kraft zugeschrieben. Nicht ganz so starke Verbreitung wie der Thorshammer haben die „Weltenesche“ („Yggdrasil“) und die Irminsul, die als Gegensymbol zum christlichen Kreuz betrachtet wird, und für eine „arteigene“ heidnische Religion stehen kann. Im Nationalsozialismus war die Irminsul das Symbol der SS-Forschungseinrichtung „Deutsches Ahnenerbe“ und wird heute unter anderem von der heidnisch-neonazistischen „Artgemeinschaft“ verwendet. Neben diesen konkreten Symbolen 287 Öffnungen, Entwendungen sind im Neonazismus eine Vielzahl weiterer entsprechender Bezüge zu finden, etwa Motive rund um die Wikinger und um Germanentum. Gleiches gilt für damit verbundene Schlagworte, die mit diesen Epochen verbunden werden – Götternamen wie Odin und Wotan, kriegerische Begriffe wie Berserker (sagenhafte Elitekämpfer) und Ulfhednar („Wolfskrieger“) sowie sagenhafte Figuren und -orte wie Sleipnir, Hugin, Munin, Ragnarök und Asgard. 5.3.6.2 Codes: Zahlenkürzel und Abkürzungen Ergänzend werden in den skizzierten Symbolwelten des Neonazismus und den assoziierten Jugendkulturen eine Vielzahl von Codierungen verwendet. Sie erfüllen prinzipiell die gleichen Aufgaben wie die Symbole und fungieren als, diesmal getarnte, Erkennungszeichen für Gleichgesinnte, als legale Abkürzungen für oftmals kriminalisierte ideologische Parolen, beerben Ausdrucksweisen anderer kultureller Erscheinungen und bedienen zudem ein jugendkulturelles Bedürfnis nach Selbstmystifizierung und Distinktion. Als Beispiel können die neonazistischen Zahlencodes gelten, die auf die Codierungspraxis von Rockern Bezug nehmen.203 Dort nämlich sind Codierungen über Zahlen lange etabliert. Bei den Hells Angels existiert der Code „81“, der als selbstmystifizierende Abkürzung aber auch aus praktischen Gründen verwendet wird – im Bundesland Hamburg etwa sind die Hells Angels seit 1983 verboten und können dort nur getarnt auftreten. Ein weiteres Beispiel für einen Zahlencode der Biker ist „86“, was für „Heroin Forbidden“ steht, ein von den Hells Angels postuliertes Verbot des Gebrauchs harter Drogen in den eigenen Rängen. Die Ziffern in den Zahlencodes stehen für die Position des jeweils gemeinten Buchstabens im 203 Bemerkenswerterweise gibt es aktuell vermehrt nicht nur ästhetische, sondern auch personell relevante Schnittmengen zwischen Rockern und Neonazis. Ausführlich beleuchtet die Journalistin Andrea Röpke am Beispiel des Landes Mecklenburg-Vorpommern die Annäherungen dieser Spektren (Röpke 2015, 26–81). 288 Schulze, Etikettenschwindel Alphabet: „81“ also für „HA“, was wiederum für „Hells Angels“ steht.204 Nach dieser Logik funktionieren auch die neonazistischen Zahlencodes. Weit verbreitet und wohl am bekanntesten ist die Grußformel „88“, die den in Deutschland verbotenen Gruß „Heil Hitler“ codiert.205 Ähnliche Zahlencodes: 204 Ein weiteres Beispiel der Übernahme eines Rocker-Codierungsmusters durch den Neonazismus ist der Hells-Angels-Slogan „AFFA“ („Angels Forever – Forever Angels“). Die neonazistische Skinhead-Organisation „Hammerskins“ imitiert diese Vorlage als „HFFH“ („Hammerskins Forever – Forever Hammerskins“). 205 Die „88“ entspricht der oben beschriebenen, an der Rockerkultur orientierten Codierlogik und verweist unter anderem auf eine prinzipielle habitelle Ähnlichkeit zwischen Rockern und Neonazis, die solche Bezugnahmen begünstigt. Allerdings ist damit noch kein Nachweis erbracht, dass die hinter dem „88“-Code stehende Logik direkt aus der Rocker-Szene der 1980er Jahre stammt. Immerhin findet sich ein Artikel über neonazistische Aktivitäten in Großbritannien aus dem Jahr 1978, in dem über Schändungen jüdischer Friedhöfe berichtet wird, bei denen die Formel „Column 88“ geschmiert wurde (Der Spiegel 1978, 180). Ein noch älterer Hinweis: In den 1960er Jahren schrieb der NS-Widerständler Kurt Piehl seine Erinnungen nieder. Aus der unmittelbaren Nachkriegszeit Ende der 1940er Jahre berichtet Piehl in seinem autobiografischen Roman, dass sich alte Nazis in der Öffentlichkeit schon zu diesem Zeitpunkt mit „88“ gegrüßt hätten (Piehl 1989, 197). Beide Fundstücke lassen keine endgültigen Aussagen über die Genese dieses Codes zu, weisen aber darauf hin, dass eine direkte Rückführung auf die Rocker- Abb. 18: Teilnehmer einer Demonstration in Neuruppin (Behrens 2015) 289 Öffnungen, Entwendungen - Für die in Deutschland im Jahr 2000 verbotene neonazistische Skinhead-Organisation „Blood & Honour“ wird „28“ genutzt. - Die „18“ steht für „Adolf Hitler“. Daran angelehnt ist der Code „C18“, der „Combat 18“ bedeutet. Dieser Slogan ist in Großbritannien als ein Bekenntnis von „Blood & Honour“ zum bewaffneten Kampf entstanden und wird in Deutschland allgemein als Code für die Befürwortung militanter Aktionen benutzt. - Die „444“ oder „DDD“ steht für die Parole „Deutschland den Deutschen“. - Große Verbreitung hat der Code „14“. Er richtet sich in seiner Logik nicht nach der Alphabet-Position, sondern steht für „fourteen words“. Damit ist das folgende, vierzehn Worte lange Credo gemeint: „We must secure the existence of our people and a future for White children.“ Der Satz wurde durch den US-amerikanischen Neonazi David Lane geprägt, der 1984 an der Ermordung eines jüdischen Radiomoderators beteiligt war und dafür bis zu seinem Tod im Jahr 2007 im Gefängnis einsaß (Lane 1999, 15). - „168:1“ richtet sich ebenfalls nicht nach der Alphabetnummerierung. Es handelt sich um einen Positivbezug auf Rechtsterrorismus. Der US-amerikanische Neonazi Timothy McVeigh verübte 1995 einen Anschlag auf ein Regierungsgebäude in Oklahoma City, bei dem 168 Menschen zu Tode kamen. McVeigh wurde dafür zum Tode verurteilt und hingerichtet. Der Code verherrlicht den Anschlag und stellt seine „Effizienz“ heraus – einem einzigen Verlust auf der „eigenen Seite“ stehen 168 getötete „Feinde“ gegenüber. - Bisweilen werden weitere Zahlencodes kolportiert. Kohlstruck zählte 2002 unter anderem auf: „124“ („1/2/4“, „ausländer-befreites Deutschland“), „1347“ („13/4/7“, „mit deutschem Gruß“), „192“ („Adolf is back“) Kultur zu kurz greifen würde. Steimel mutmaßt in seiner Dissertation indes, dass „88“ auch für „SS“ stünde, da das S der achtletzte Buchstabe im Alphabet sei. Für diese Deutung finden sich in den Primärquellen keine Hinweise (Steimel 2008, 229). 290 Schulze, Etikettenschwindel und „198“ („19/8“, „Sieg Heil“) (Kohlstruck 2002, 114). Im hier untersuchten Material ließen sich diese Formeln nicht nachweisen.206 Neben Zahlenspielereien kursieren Buchstabenabkürzungen, die ähnliche Funktionen erfüllen. Zu nennen sind etwa die aus dem US-amerikanischen Neonazismus importierten Kürzel „WAR“ („White Aryan Resistance“), „Rahowa“ („Racial Holy War“) oder ZOG („Zionist Occupied Government“). Ähnlich auch die Formel „USrael“, die die antisemitische Vorstellung einer US-israelischen Weltverschwörung illustrieren soll. Das Kürzel „ACAB“ für „All Cops Are Bastards“ ist im Neonazismus äußerst populär – es hatte schon zuvor große Verbreitung in der Biker-Szene und einigen Jugendkulturen wie dem Punk gefunden.207 Als Abwandlung wurde auch „AJAB“ (für: „All Jews Are Bastards“) aufgenommen (Agentur für soziale Perspektiven 2008). Einen Brückenschlag in das Fußballfan- und Hooligan-Milieu schlägt die Parole „Hoonara“, die für „Hooligans Nazis Rassisten“ steht und seit 2004 unter anderem von der Chemnitzer Rechtsrock-Band „Blitzkrieg“ popularisiert wurde (Rufe ins Reich 2004a). Der Ausruf „Ahu, ahu, ahu!“ ist unter rassistischen Fußball-Hooligans populär. Er dient als Drohgebärde gegenüber Feinden bei Versammlungen und Aufmärschen. Vorlage ist das Schlachtgeheul der spartanischen Krieger in der Comicbuch-Verfilmung „300“ (Fröschner 2015). 5.3.6.3 Marken und Vertriebe Bei vielen Neonazis ist in modischer Hinsicht ein durchaus ausgeprägtes Markenbewusstsein vorzufinden. Weiterhin genießen die modischen Insi- 206 Die neonazistischen Zahlencodes werden in der Bildungsarbeit gegen Rechtsextremismus und in Medienberichten häufig thematisiert. Verschiedentlich werden im Rechtsrock in Reaktion darauf die tatsächliche Verwendung und Bedeutung der Codes infrage gestellt, um sie sodann ironisiert weiter zu verwenden. Beispiele sind etwa die Songs „B88“ der Thüringer Skinhead- Band „Sonderkommando Dirlewanger“ über die Bundesstraße 88 sowie das „Sportfreunde- Stiller“-Cover „14 Words, 88, 33, 18, 8“ des Untergrundprojekts „Die lustigen Zillertaler“ (Sonderkommando Dirlewanger 2015; Die Lustigen Zillertaler 2009). 207 „ACAB“ wird der Zahlencodierlogik folgend als „1312“ abgekürzt. 291 Öffnungen, Entwendungen gnien der Skinhead-Szene einige, wenn auch rückläufige Verbreitung. Als klassisches Beispiel zu nennen ist etwa die Bomberjacke in verschiedenen Ausführungen: eine Nachbildung der Jacke für US-Bomberpiloten des Zweiten Weltkrieges. Sie war lange Zeit insbesondere unter Neonazi-Skinheads beliebt, weil ihr Schnitt Schultern und Kreuz betont (ASP 2013, 44). Ein Anbieter von Bomberjacken ist die Firma Alpha Industries, deren Logo entfernt an das historische Zivilabzeichen der SA erinnert (ASP 2013, 45). Weiterhin sind Dr. Martens (vor allem für Schuhe) und Fred Perry (Hemden, Pullover) zu nennen (ASP 2013, 45–46). Eine klassische Skinhead- Marke ist die Londoner Firma Lonsdale, die sportliche Bekleidung mit einem Schwerpunkt auf das Boxen produziert. Im Neonazismus war sie zeitweise beliebt, weil im Markennamen die Buchstabenfolge „NSDA“ enthalten ist, die an „NSDAP“ erinnert (ASP 2013, 46). Unabhängig von einer Verbindung zur Skinhead- Kultur haben andere Marken eine hohe Verbreitung im Neonazismus, etwa die nach einer Kampfhunderasse benannte Marke Pitbull aus Frankfurt/ Main, die sich am Rocker- und Hooligan-Milieu orientiert (ASP 2013, 44). In jüngerer Zeit hat sich das sächsische Modelabel Yakuza verbreitet. Der Name nimmt Bezug auf die organisierte Kriminalität in Japan, spielt ästhetisch mit gewalttätigen Motiven und will nach eigenem Bekunden Mode für „punx, tattoo-lovers, gangsters, superstars and wannabes“ bieten Abb. 19: Demonstrationsteilnehmer im Yakuza- Outfit (Presseservice Rathenow 2015) 292 Schulze, Etikettenschwindel (yakuzastore.com 2015).208 Auch die US-amerikanische Schuhmarke New Balance ist auf Neonazi-Demonstrationen häufig zu sehen. Das „N“, das auf den Produkten der Firma groß aufgedruckt ist, wird als Kürzel für „Nationalist“ oder „Nationalsozialist“ interpretiert (ASP 2013, 46). Die genannten Marken eint, dass sie in ihrem Image Attribute wie eindeutig, aggressiv, maskulin, rebellisch und jugendlich mehr oder minder ausgeprägt bedienen – ebenjene Elemente also, die auch in den Jugendkulturen anzufinden sind, die sich mit dem Neonazismus vermengt haben. So scheint auch erklärbar, warum manche Modemarken trotz eigentlich herleitbarer Verbindungen im Neonazismus nicht populär geworden sind. Die 1976 gegründete Londoner Modemarke BOY verwendet als Logo einen eindeutig identifizierbaren Reichsadler, der in seinen Krallen das „O“ des Labelnamens BOY hält. Trotzdem wird die Marke von Neonazis nicht oder zumindest in keinem relevanten Umfang getragen. Wahrscheinlicher Grund: Die Marke ist für den androgynen Schnitt der von ihr angebotenen Kleidung bekannt (Wright 2015).209 Viele der oben genannten Firmen sind auf Distanz zu ihren neonazistischen Kunden. Lonsdale verbreitete etwa den Slogan „Lonsdale loves all colours“. Um die Jahrtausendwende begannen Neonazis wohl auch aus diesem Grund, eigene Kleidungsmarken zu gründen. Zunächst wurde vor allem die Optik von Lonsdale kopiert. Die Firma hatte zuvor deutliche Stellungnahmen gegen eine neonazistische Nutzung ihrer Kleidung abgegeben. Das Lonsdale-typische Logo mit den zur Wortmitte hin kleiner werdenden Buchstaben wurde aufgenommen und in der gleichen Schriftart mit anderen Markennamen ersetzt: Aus „Lonsdale“ wurde „Masterrace“. Als weitere Marke trat Consdaple auf (Patria Versand 2009) – eine Verballhornung des englischen „Constable“ (Wachtmeister), in dessen Wortmitte sich nunmehr die Abkürzung NSDAP vollständig abbildet (ASP 2013, 46). 208 Es gibt allerdings Hinweise, dass die Firmeninhaber eine Geschichte in der Nähe des Neonazismus haben sollen (AIB 2015, 4). 209 Eine Ausnahme: In einem Internetblog ist ein Foto von einer NPD-Demonstration im Juli 2015 in Freising dokumentiert, bei der eine Teilnehmerin ein T-Shirt von BOY trug (reflektierterbengel.de 2015). 293 Öffnungen, Entwendungen Ein analoges Vorgehen wurde bei der Gründung von Doberman verfolgt, die aus dem Umfeld der extremen Rechten erfolgte und die Ästhetik der „unpolitischen“ Firma Pitbull kopierte (ASP 2013, 45). Mittlerweile ist Mode, die mit neonazistischen Zeichen spielt und aus dem Umfeld der Bewegung für ein Bewegungspublikum produziert wird, zu einem regelrechten Geschäftsmodell avanciert. Vorreiter war die Brandenburger Firma Mediatex, die seit 2003 die Kleidung ihrer Marke Thor Steinar produziert.210 Die Firma macht Millionenumsätze (Weiss 2008, 1). Die Kleidung wird über firmeneigene Ladengeschäfte und über einen Versandkatalog vertrieben; ebenso sind Neonazi-Geschäfte und -versände am Verkauf beteiligt. Aber auch in etlichen Kleidungsgeschäften ohne Anbindung an den Rechtsextremismus wird Kleidung von Thor Steinar angeboten (Investigate Thor Steinar 2008). Inzwischen hat die Firma erfolgreich nach Osteuropa expandiert. Bei den Produkten von Thor Steinar handelt es sich in erster Linie um hochwertig produzierte Kleidung, die zu entsprechenden Preisen verkauft wird. Der Schnitt ist sportlich und leger. Meist werden unauffällige Farben verwendet, das Logo ist zumeist dezent angebracht. Auf bequeme Tragweise und praktische Aspekte wie kleine Seitentaschen wird viel Wert gelegt, was einem zeitgemäßen Streetware-Stil entspricht. Dominiert wird das Angebot von Männermode, es gibt jedoch auch Kollektionen für Frauen und Kinder (Investigate Thor Steinar 2008). Ein Neonazi-Magazin merkte erfreut zum Markenimage (Kirchler 1999, 174) an, es handele sich um „‚patriotische Kleidung‘ mit nordischer Attitüde“ (Rock Nord 2003, 27). Die Namensgebung Thor Steinar verweist einerseits auf den germanischen Donnergott Thor und andererseits auf den Waffen-SS-General Felix Steiner. Das erste Logo bestand aus zwei übereinander montierten Runenzeichen, der Tiwaz- und der Sig-Rune. Nachdem die Verwendung 210 Ein früher Vorläufer war die Marke „Hate-core“, die sich bereits 1999 als „professionelle“ Marke präsentieren wollte, und in der Neonazi-Zeitschrift Hamburger Sturm warb (Hamburger Sturm 1999b). Später, ab 2006, versuchte der Markeninhaber jeweils erfolglos, sich das Wort „Hardcore“ markenrechtlich eintragen zu lassen und seine Kleidung auch in der nicht-neonazistischen Hardcore-Jugendkultur zu etablieren (Taler 2012, 188–192). 294 Schulze, Etikettenschwindel dieses Logos zeitweilig juristisch verfolgt wurde211, nutzt Thor Steinar nun teilweise ein weiteres Logo, eine Gebo-Rune212 mit zwei Punkten an den Seiten (Investigate Thor Steinar 2008). Die Thor-Steinar-Firma Mediatex äußert sich nicht zu politischen Fragen und bekennt sich nicht dazu, Bekleidung für Rechtsextreme zu produzieren. Die einschlägigen Bezüge bleiben Andeutungen, die auch andere Interpretationen zulassen. Das „Steinar“ im Markennamen beispielsweise muss nicht zwingend als Hinweis auf den SS-General verstanden werden. Die Motive, die auf die Thor-Steinar-Bekleidung gedruckt sind, bleiben ebenso im Vagen und geben erst in ihrer Summe ein Bild über die Positionierung der Marke ab. Dadurch entsteht ein Camouflage-Effekt, der einen Teil des Reizes dieser Kleidung, seiner Markenidentität ausmachen dürfte. Es lässt sich bei Wissen um den Hintergrund der Firma über das Tragen von Thor Steinar zwar ein weltanschauliches Bekenntnis abgeben; dieses lässt sich im Zweifelsfall unter Berufung auf andere Interpretationsmöglichkeiten aber genauso abstreiten. Einige Beispiele für von Thor Steinar produzierte Motive: - das Pullover-Motiv „Viking Divison“ (mit einem stilisierten Wikingerschiff im Hintergrund) kann als Interesse an der Geschichte der Wikinger interpretiert werden und muss nicht für die von Felix Steiner befehligte Waffen-SS-Division „Wiking“ stehen, die unter anderem für 211 Unter Verweis auf die Nutzung der Runen im ersten Logo während des Nationalsozialismus ergingen 2004 unter anderem am Amtsgericht Königs Wusterhausen und am Landgericht Neuruppin Urteile, die das öffentliche Zeigen des Thor-Steinar-Logos untersagten. Inzwischen gab es Entscheidungen am Brandenburgischen Oberlandesgerichtes (2007), am Berliner Kammergericht (2006) und am Oberlandesgericht Naumburg (2008), die im ersten Logo keinen Straftatbestand sehen. Die Firma nutzte zeitweise beide Logos gleichzeitig, mittlerweile vor allem wieder das erste. 212 Zur Bedeutung der von Thor Steinar verwandten Runen: Die beiden Runen im ersten Logo sind (ihren Lautwerten im Runenalphabet Futhark entsprechend) als Abkürzung für Thor Steinar interpretierbar. Einzelnen Runen werden – nicht erst seit dem Nationalsozialismus – mystische Bedeutungen zugeschrieben, die über ihren Gebrauchswert als Schriftzeichen hinausweisen (Hunger 1984). Durch die grafische Kombination der beiden Runen war im ersten Logo eine Giborrune erkennbar, die als völkisches Widerstandssymbol gedeutet wird und die wahrscheinlich neuzeitlichen Ursprung hat (Investigate Thor Steinar 2008, 11). 295 Öffnungen, Entwendungen die Erschießung von 600 Jüdinnen und Juden 1941 in Galizien verantwortlich war; - das Motiv „Wüstenfuchs“ (mit dem Kopf eines Wüstenfuchses) kann als zoologisches Interesse ausgeben werden und muss nicht für den Nazi-Generalfeldmarschall Erwin Rommel stehen, dessen Spitzname „Wüstenfuchs“ war; - das Motiv „Ein Platz an der Sonne“ (mit einer Palme im Hintergrund) kann als Urlaubssehnsucht gedeutet werden und muss nicht als Zitat aus der Reichstagsrede von Bernhard von Bülow gelten, der 1897 mit dieser Formulierung für Weltmachtstreben und Kolonialismus eintrat. Neben Kleidungsstücken, die lediglich den Markennamen oder das Markenlogo zeigen, enthalten die Kleidungsstücke von Thor Steinar Bezüge auf „nordische Mythologie“, auf das Heidentum213, den Nationalsozialismus, den deutschen Kolonialismus und auf Gewaltbereitschaft214 (Investigate Thor Steinar 2008). Allerdings sind in den jüngeren Kollektionen derlei Bezüge seltener geworden. Thor Steinar eignet sich durch sein Markenimage auch, um eine allgemeine Gefährlichkeit und gesellschaftliche Randständigkeit zu inszenieren. Thor Steinar wird inzwischen zur Provokation auch von Nicht- Rechten getragen, etwa von Teilen der Hiphop-Szene. Im Video zum Song Echte Männer des Berliner Rappers „Fler“ wird eine martialische, gewalttätige Männlichkeit zelebriert. Das Video zelebriert die Straßengewalt von „echten Männern“ in Berlin, darunter erkennbar auch Migranten (ASP 2015, 39), auch Thor-Steinar-Kleidung ist im Video zu sehen. 213 Unter anderem verwendete Thor Steinar ein Bild, auf dem ein Adler einen Fisch greift. Symbolisiert wird der Sieg einer starken, germanischen Urreligion (Adler) über das schwache, raumfremde Christentum (Fisch). Das Motiv war durch den inzwischen verstorbenen Hamburger Neonazi Jürgen Rieger markenrechtlich geschützt, der zeitweise stellvertretender Bundesvorsitzender der NPD und Vorsitzender der völkisch-neuheidnischen „Artgemeinschaft – Germanische Glaubens-Gemeinschaft wesensgemäßer Lebensgestaltung“ war. 214 Ein T-Shirt war beispielsweise mit dem Schriftzug „Thor Steinar Viking Athletics – Kontaktfreudig – Erlebnisorientiert“ beschrieben und mit stilisierten Blutflecken verziert. 296 Schulze, Etikettenschwindel In Teilen des Neonazismus wird Kritik an Thor Steinar artikuliert, die der Firma Geschäftemacherei und mangelnde Anbindung an die eigene Bewegung vorwerfen. Der Einstieg eines arabischen Investors in die Firma Mediatex war Anlass für einen Boykottaufruf der Kameradschaft „Aktionsgruppe Essen“ im Juni 2009 (Aktionsgruppe Essen 2009). Der Markterfolg von Thor Steinar führte in den Folgejahren zur Gründung von etlichen konkurrierenden Unternehmen mit ähnlichen Kleidungskollektionen. Einige der bedeutenderen sollen hier aufgeführt werden, um den Umfang, die Spannbreite und die Präsenz dieser Marken zu verdeutlichen. - Eine Ausgründung aus dem Betrieb von Thor Steinar ist die Marke Erik & Sons (erikandsons.de 2015), die auch das Konzept der Vorlage kopiert: „Nordisches Flair“ in den Motiven wird mit modernen Schnitten der Kleidung kombiniert. Markenlogo ist die Naudiz-Rune (ASP 2013, 47). - Hermannsland ist eine Marke, die vom Sänger der Neonazi-Kultband „Landser“ etabliert wurde. Ein Großteil der Motive nutzt eine Runen- ästhetik. Angeboten werden auch T-Shirts, deren Motive die neonazistische Lust an symbolischen Versteckspielen humoristisch wenden. Eines der „T-Hemden“ trägt auf der Brust den Aufdruck „Adolf war der Beste“. Auf der Rückenseite ist ein Bild von Adolf Hennecke gedruckt, versehen mit der Zeile „Aktivist der sozialistischen Arbeit“ (hermannsland-versand.com 2015). - Die Marke Boxing Connection beziehungsweise Label 23 (23 als Abkürzung für Boxing Connection) bietet sportliche Kleidung an, deren Motive eine Nähe zur Hooligan- und Kampfsport-Szene herstellen. Kleidungsaufschriften kombinieren dies mit Phrasen wie „Leben heißt Kampf“. Eine mit der Marke anfangs assoziierte Figur war ein Cottbusser Neonazi, Hooligan-Anführer und Kickboxmeister (AIB 2012a). - Ähnlich wie Boxing Connection ist die Marke White Rex ausgerichtet. Kampfsportmotive werden mit nationalistischen und nationalsozialistischen Bezügen verbunden. Das Firmenlogo ähnelt der 297 Öffnungen, Entwendungen Schwarzen Sonne. White Rex ist eine russische Firma, die Auftritte von Kampfsportlern sponsort. Die Kleidung wird auch in Deutschland vertrieben (Zillmer 2013). - Moderne, sportliche und vergleichsweise teure Kleidung im Stil von Thor Steinar bietet seit 2008 die Marke Ansgar Aryan an. Die Motive sind deutlicher als bei der Vorlage neonazistisch ausgerichtet. Angeboten werden zum Beispiel Motive mit Aufdrucken „Hate Crime“, dem SS-Motto entlehnten Spruch „Die Treue ist das Mark der Ehre, ohne Ehre kein Vaterland“ oder „Black Legion“ (ebenfalls als Verweis auf die SS zu werten) (Ansgar Aryan 2012). - Die Kleidung von Aryan Brotherhood Supporter (nmv-versand.de 2015b) spielt mit der Bezugnahme auf die aus den USA stammende, neonazistische Gefängnis-Gang „Aryan Brotherhood“. Manche T- Shirt-Motive rufen zur Solidarität mit den POW („Prisoners of War“) der eigenen Bewegung auf. Als Zahlencode wird die „12“ (für: „AB“) genutzt. - Vor allem auf militärisch-historische Anspielungen hat sich die Marke Skaldenburg spezialisiert. Mittels der T-Shirt-Motive kann sich die Kundschaft als „Omaha Beach Strandaufsicht“ ausweisen (rascal.de 2015) oder mit einem Motiv einer „Ardennen-Rundfahrt“ schmücken (skaldenburg.de 2010). - Die Kleidung der Firma Max H8 (lies: Maximal Hate) kombiniert verschiedene Vorlagen. Angeboten werden Runen-Motive, aber auch solche, die sich an Lonsdale orientieren. Motive, die ihre ideologischen Aussagen verstecken und „humorvoll“ verpacken, sind ebenfalls zu finden – etwa eines, in dem ein weißer Hai abgebildet ist, versehen mit der Aufschrift „It’s great to be white“ (deutsches-warenhaus.net 2015). - Offene Bekenntnisse zum Nationalsozialismus werden von Closed Society offeriert. Ästhetische Bezüge werden unter anderem zum Hiphop hergestellt. Ein T-Shirt-Motiv ist im Graffiti-Stil gehalten und transportiert die Botschaft „Mit erhobener Stimme – nazifiziert“ (closed-society.de). 298 Schulze, Etikettenschwindel Auch im Vertriebsbereich hat sich die Abschöpfung des Marktes für den neonazistischen Alltagsstil professionalisiert. Neben Ladengeschäften und dem Direktverkauf bei Events haben sich zahlreiche Internet-Versände gegründet, deren Umsatz den Betreibern teilweise die Bestreitung ihrer Lebenshaltungskosten ermöglicht. Zuweilen werden politische Aktivitäten durch den Gewinn aus dem Versandbetrieb subventioniert. Manche der Versände haben sich ausschließlich auf Kleidung spezialisiert, viele bieten jedoch auch Rechtsrock-Tonträger an oder verkaufen zusätzlich Selbstverteidigungswaffen, Bücher, Schmuck und ähnliche Artikel. Viele der Versandhäuser sind in Ostdeutschland zu finden, einige jedoch auch in Westdeutschland ansässig.215 5.3.7 Zwischenfazit Die Erörterungen haben gezeigt, dass sich der bundesdeutsche Neonazismus umfassend kulturalisiert und verszent hat. Musikalische Jugendkulturen haben sich am und im Neonazismus etabliert und so Einfluss auf den Stil der neonazistischen Politik gewonnen. In früheren Zeiten standen konventionelle Organisierungsformen im Mittelpunkt der Politik. Die Organisationen entwickelten selbstverständlich eigene Organisationskulturen, vollbrachten es aber nicht, Kulturen hervorzubringen, die innovativ waren und über die Wiederaufführung historischer völkischer Vorlagen 215 Einige Beispiele: Das Deutsche Warenhaus als Nachfolger des NPD-eigenen DS Versands wird betrieben von Thorsten Heise (deutsches-warenhaus.com 2015), der ebenfalls langjähriger Inhaber des „Witwe Bolte“-Versands ist (wbversand.de 2015); rocknord24.com aus Nordrhein- Westfalen (rocknord24.com 2015), die Brandenburger Firma ItsH84U (lies: „It’s hate for you“) (closed-society.de 2015); das Nationale Versandhaus aus Sachsen (nationales-versandhaus.de 2015), der V7 Versand in Mecklenburg-Vorpommmern (v7versand.com 2015); der Frontline Versand in Sachsen-Anhalt (frontline-versand.de 2015); der Zentralversand aus Brandenburg (zentralversand.net 2015); der Weltnetzladen aus Baden-Württemberg (weltnetzladen.com 2015); der Thüringer Germaniaversand (germaniaversand.de 2015); der Streetfight Versand aus Sachsen (streetfightversand.de 2015); der Nationale Medien Vertrieb in Brandenburg (nmvversand.de 2015a) und der Z-Versand aus Nordrhein-Westfalen (z-versand.com 2015). Der aus Großbritannien operierende Reichsversand bietet für ein deutsches Publikum neben NS-Devotionalien auch Kleidung an, auf die in Deutschland verbotene NS-Symbole wie Hakenkreuze und SS-Runen aufgedruckt sind (catalogue-lap.com 2015). 299 Öffnungen, Entwendungen hinauswiesen. Insbesondere spielte Musik eine vergleichsweise untergeordnete Rolle. Dieses Verhältnis hat sich gewendet. Kultur und gerade Musik werden als wirkmächtige Teilbereiche anerkannt. Sie werden als solche zur Kenntnis genommen, eingesetzt und gelebt, sie sind gleichermaßen Rekrutierungsinstrument wie Ausdruck des Lebensgefühls vieler Aktiver. Die Öffnung des Neonazismus ist als Modernisierung beziehungsweise als ein Lernprozess zu verstehen, des Weiteren als Ausdruck eines Generationswechsels. Jüngere Jugendliche schlossen sich dem Neonazismus und den entstehenden neonazistischen Jugendkulturen an und brachten ihre Vorprägungen mit in die Bewegung: Sie wuchsen mit Hiphop und anderen Jugendkulturen in ihrem Lebensumfeld auf. Auch die breite Nutzung des Internets ist für jüngere neonazistische „digital natives“ eine Selbstverständlichkeit. Als verbindendes Element genügt das offene und manchmal spielerisch getarnte Bekenntnis zum Nationalsozialismus und zur Bewegung. Die Anerkennung von musikzentrierten Jugendkulturen vollzog sich in zwei Schritten. Für die erste Phase ist vor allem die Integration von äußeren Entwicklungen zu konstatieren. Die neonazistisch orientierte Abb. 20: Chronologie der Etablierung verschiedener Stile im deutschen Neonazismus. Die Stile sind real vielfach miteinander vermischt und musikalisch nicht immer festgelegt (beispielsweise die Schlageradaptionen der Rechtsrock-Band „Zillertaler Türkenjäger“). Kurzlebige Phänomene sind hier genauso ausgespart wie andere, im Neonazismus verbreitete Musikgenres (Marschmusik). (Eigene Darstellung) 1975 1980 1985 1990 1995 2000 2005 2010 2015 NSHC NSBM Darkwave Neonazi-Skinheads Liedermacher NS-Rap 300 Schulze, Etikettenschwindel Skinhead-Szene entstand in den 1980ern aus der Punk- und der daraus hervorgegangenen Skinhead-Kultur. Sie wurde in der extremen Rechten und im Neonazismus zur Kenntnis genommen und es gab andauernde Diskussionen und teils erfolgreiche Versuche, sie an den Neonazismus heranzuführen und zu integrieren; ihre Entstehung folgte jedoch keinem Impuls aus dem Neonazismus selbst heraus. Gleiches gilt für den rechten Darkwave und ebenso für den Black Metal. Anders verhielt es sich in der zweiten Phase. Die jüngeren Erscheinungen des „National Socialist Hardcore“ und des NS-Rap setzten auf die erste Entwicklung auf. Aus den bereits etablierten neonazistischen Kulturen heraus erfolgte eine Suche nach neuen Formen sowie eine Bewegung in Richtung neuer musikzentrierter Jugendkulturen. Neonazistische Bands und ihr neonazistisches Publikum entdeckten gewissermaßen, dass andere Musikstile ebenfalls zur Vertonung ihrer Ideen taugen. Der „National Socialist Hardcore“ und der NS-Rap sind somit nicht als Subgenre aus anderen Jugendkulturen heraus entstanden. Ihre „Wirtskultur“ ist der Neonazismus selbst, aus dem heraus die Entwendung der zuvor unbekannten oder abgelehnten Formen vorgenommen wurde. Diese Grenzlinie ist auch weiterhin intakt: „National Socialist Hardcore“ und Hardcore, Rap und NS-Rap haben bis auf seltene Ausnahmen keine Berührungspunkte miteinander. Der Fakt, dass Neonazis sich stellenweise, etwa durch Konzertbesuche, nahe an das Objekt ihrer Entwendung heranbegaben, ist von dieser Einschätzung nicht angefochten; es handelte sich hier um eine getarnte, temporäre Partizipation. Neonazis hospitierten bei den Kulturen, die sie entwendeten. Damit ist nicht gesagt, dass die Entwendungen beliebig sind und in jede Richtung ausgeführt werden können. Neben Darkwave und Neofolk, Black Metal, Hardcore und Hiphop ließen sich zwar durchaus weitere Jugendkulturen beschreiben, in denen es zumindest Ansätze ähnlicher Entwicklungen gab – etwa den rechte Flügel im Techno-Subgenre Gabber (Funke 2004, 73). Dergleichen scheint für die Gesamtentwicklung des jüngeren Neonazismus in Deutschland allerdings nach Durchsicht der 301 Öffnungen, Entwendungen Quellen und der Literatur nur von geringer Relevanz zu sein.216 Nicht jede Jugendkultur, nicht jeder Musikstil ist Objekt eines Entwendungsversuchs geworden. Die Kulturen, die Gegenstand der Entwendungsbemühungen durch Neonazis geworden sind, teilen einige Gemeinsamkeiten, deren Zusammenstellung Hinweise liefern, nach welchen Mustern Neonazis Ausschau halten, wenn sie nach neuen Formen suchen. Allgemein gesagt, muss es mit diesen Stilen möglich sein, neonazistische Inhalte musikalisch umzusetzen. Sechs konkrete Stilmerkmale scheinen ausschlaggebend zu sein, um Entwendungen zu ermöglichen, da sie sich – wenn auch in unterschiedlicher Ausprägungsstärke – in allen oben aufgeführten Kulturen ausmachen lassen: - Jugendlichkeit: Die neonazistischen Kulturen sind selbst Ausdruck von jugendkulturellen Impulsen und suchen bei ihren Entwendungen den Anschluss an jugendliche Interessenten (womit der Musikstil Jazz schon wegen der altersmäßigen Zusammensetzung seiner Hörerschaft von Entwendungen ausgeschlossen wäre). - Massentauglichkeit, Popularität: Die neonazistischen Kulturen suchen für Entwendungen nach Mustern, die ein Mindestmaß an Publikum versprechen. Was hierzulande unbekannt ist, wird schwerlich entwendet werden. - Maskulinität: Die unkonventionellen Ästhetiken der entwendeten Jugendkulturen ziehen mehrheitlich männliche Jugendlichen an (ganz besonders: Metal und Hardcore; Russell 1997, 147). Die Geschlechterrollen sind tendenziell von traditionellen Rollenvorstellungen geprägt oder es wird in den fraglichen Kulturen Homosozialität praktiziert, 216 Jedoch geht der musikalische Experimentierdrang zumindest international mitunter noch weiter als in Deutschland: Die schwedische Neonazi-Organisation „Nordisk Ungdom“ („Nordische Jugend“) veröffentlichte 2010 einen Reggae-Titel (Nordisk Ungdom 2010). In Italien erschien 2007 ein Sampler, der Ska-Lieder verschiedener Bands aus Italien, Frankreich und (dem frankophonen Teil von) Kanada vereint (VA 2007). 302 Schulze, Etikettenschwindel das heißt es finden „ernste Spiele“ um Männlichkeit statt (Ausschluss: Queer-Kultur).217 - Aggressivität und Eindeutigkeit: Die entwendeten Kulturen eignen sich zur Ästhetisierung von Aggressionen und ermöglichen es, Eindeutigkeit stilistisch zu kommunizieren. Krieg, Gewalt und sonstige Auseinandersetzungen, Frustration, Dichotomien sowie eindeutige Freundund Feindbilder sind verbreitete Sujets. Dieser Aspekt verschränkt sich mit dem Punkt „Maskulinität“ (Ausschluss: Emo) (Büsser et al. 2009). - Rebellischer Gestus: Die entwendeten Jugendkulturen haben ein Selbstverständnis als Sub- oder gar Gegenkulturen. Sie befinden sich in ästhetischer, symbolischer und zuweilen auch politischer Opposition zum Rest der Gesellschaft. In den entwendeten Stilen werden Gefühle wie Ausgrenzung und Entfremdung thematisiert und ästhetisiert. - Tendenz zur proletarischen Pose: Die entwendeten Kulturen suchen tendenziell eine – ästhetische, manchmal auch soziale – Nähe zu gesellschaftlichen Unterklassen.218 Die kulturellen Öffnungsprozesse haben parallel zu und verknüpft mit den neonazistischen jugendkulturellen Nischen eine neonazistische Alltagskultur hervorgebracht, einen „Lifestyle-Neonazismus“. Dieser Alltagsstil schlägt Brücken zwischen dem organisierten Neonazismus, den an den Neonazismus gekoppelten Jugendkulturen und am Rande dieser Bereiche stehenden jugendlichen Milieus. 217 Eine Einschränkung (die analog auch für den Punkt „Aggressivität und Eindeutigkeit“ Geltung beansprucht): Auch im Darkwave ist die Mehrheit der Szenegänger männlich, doch liegt der Anteil von Frauen im Vergleich ausgesprochen hoch. Auch ambivalentere Geschlechterbilder, Homosexualität und Praktiken wie das Schminken des Gesichts sind – quer durch die Geschlechter – recht weit verbreitet. Allerdings rückt sich das Bild zurecht, wenn man die Ausdifferenzierung dieser Jugendkultur beachtet: Die Praktiken in den Subgenres, die durch Rechtsaffinität in Erscheinung treten, sind maskulinen Mustern verschrieben. 218 Auch hier muss im Hinblick auf den Darkwave einschränkend festgehalten werden, dass dort zwar Klassen- oder Schichtzugehörigkeit kaum thematisiert werden, aber durch die Betonung von Bildung und „Feingeistigkeit“ keine Tendenz zur Proletarität festzustellen ist. Empirische Studien zum sozialen und zum Bildungshintergrund der Anhängerschaft liegen nicht vor (Meisel 2005, 92). 303 Öffnungen, Entwendungen Folgende Funktionen des neonazistischen Alltagsstils lassen sich herausstellen: expressiver Ausdruck der politischen Orientierung im Alltag; Etablierung und Normalisierung von extrem rechten Positionen im öffentlichen Raum; Provokation und Einschüchterung politischer Feinde; Codierungen in der Logik jugendkultureller Symbolspielereien; gegenseitige Erkennbarkeit; ökonomische Möglichkeiten für Bewegungsunternehmer durch den Vertrieb entsprechender Produkte. 5.4 „Autonome Nationalisten“ 5.4.1 Rahmenangaben 5.4.1.1 Definition „Autonome Nationalisten“ lautet die Selbstbezeichnung einer Strömung in der deutschen extremen Rechten, welche sich seit ungefähr 2003 aus dem Neonazismus herausgebildet hat. Die Voraussetzungen für die Entstehung des Phänomens sind durch die schon begonnene kulturelle Öffnung des Rechtsextremismus und durch den loseren Organisierungsstil der „Freien Kameradschaften“ gegeben. Sie haben einen eigenen, spezifischen Stil entwickelt. Konkret, so soll es hier definiert sein, zeichnen sich AN durch folgende Eigenschaften aus, die sodann näher ausgeführt und belegt wer- Abb. 21: Popkultur und Politik bei den „Autonomen Nationalisten“ (nw-sh.info 2014; Kameradschaft Malchin 2015) 304 Schulze, Etikettenschwindel den sollen: AN sind Neonazis, die eine Strömung in den „Freien Kameradschaften“ darstellen, und219 - für die die öffentliche Selbstinszenierung den wichtigsten Aspekt der eigenen Politik darstellt; - für die diese Selbstinszenierung um den kämpferischen, maskulinen Auftritt bei Demonstrationen kreist, idealerweise realisiert in einem „schwarzen Block“; - die Aktion vor Programm stellen; - die ihr ästhetisches Repertoire aus den Angeboten der erschlossenen Jugendkulturen und aus der radikalen Linken schöpfen; - die sich offen und offensiv zum Nationalsozialismus bekennen und nicht zu taktischen Zivilisierungen neigen; - die die Grundlagen nationalsozialistischer Weltanschauung nicht infrage stellen, wohl aber inhaltliche Experimente befürworten; - die in ihrem Lebensstil nicht zu Einschränkungen wegen ihrer nationalsozialistischen Einstellungen bereit sind, um historischen Vorlagen zu entsprechen. Sie sind tendenziell aufgeschlossen gegenüber einer konsumfreudigen Haltung, integrieren aber auch jugendkulturell erschlossene, konsumkritische Praktiken in ihren Lebensstil. AN sind eine Erscheinung, die vor allem unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen verbreitet ist. Obgleich es keine statistischen Daten gibt, darf angenommen werden, dass das Alter der Aktiven vorrangig zwischen etwa 16 und 26 Jahren liegt.220 Der Altersschnitt dürfte sich etwas unter dem anderer „Freier Kameradschaften“ bewegen. Die durchschnittliche Ver- 219 Ähnlich in einer Broschüre der Antifaschistischen Koordination Köln und Umland zum Thema (AKKU 2009). Anders analysiert Gebhardt, der die AN als einen klar abgrenzbaren „dritten Block“ des Neonazismus neben Kameradschaften und NPD sieht (Gebhardt 2009). 220 Nach der Beobachtung von Blöcken „Autonomer Nationalisten“ auf Demonstrationen scheint dieses Altersspektrum realistisch zu sein. 305 Öffnungen, Entwendungen weildauer in der Bewegung könnte bei den AN etwas unter derjenigen in anderen Spektren liegen.221 AN sehen sich als radikale Systemopposition, die eine revolutionäre Haltung vertritt. Nur durch eine „siegreiche deutsche Revolution“ könnten die „Machthaber und Nutznießer“ des Systems „vertilgt“ werden (Freie Kräfte Köln 2013). Die „AG Rheinland“ führt aus: Wir glauben nicht daran, dass Wahlen etwas verändern können und […] auf demokratischem Wege Veränderungen [möglich sind]. Die neue Revolution muss auf der Straße stattfinden. (AG Rheinland 2010) Nicht von den politischen Zielen her, sondern den Weg dahin betreffend, gebe es in der „Nationalen Opposition“ zwei Lager, wurde um das Jahr 2005 konstatiert und die AN der systemantagonistischen Seite zugeschlagen: In den letzten Jahren haben sich zwei Strömungen […] herausgebildet, die unterschiedliche Ansichten darüber vertreten, wie der Widerstand sich […] organisieren soll. Inhaltlich liegen beide Strömungen sehr nahe beieinander. […] [Aber:] Die eine Richtung möchte ihre Ziele durch die Arbeit in den noch legalen nationalorientierten politischen Parteien erreichen und strebt durch Mitgliedschaft und Kandidatur für Funktionen in diesen an, zunächst Einfluß auf Programmatik und Gestalt der Vereinigungen zu gewinnen, um mit diesen später über Wahlen Erfolge verbuchen zu können. Diese Strategie wird von der anderen Strömung nicht mitgetragen. Diese zweite Richtung setzt darauf, fernab der klassischen Organisationsmuster den Widerstand zu organisieren und lehnt es ab, die Mitgliedschaft in den nationalen Parteien zu erwerben oder diese auch nur anzustreben. Sie glaubt daran, szenische Strukturen dauerhaft etablieren zu können und teilt die Hoffnung nicht, dass sich die Republik durch Wahlen grundlegend verändern lässt. (o.A. 2005, 2–3) Dementsprechend gehören die AN innerhalb der „Freien Kameradschaften“ und bewegungsintern zum NPD-kritischen Flügel des Neonazismus. Die NPD beteilige sich am Parlamentarismus, lasse sich also auf die „Spiel- 221 So auch ein Aussteiger im Interview: Es gebe im „AN-Bereich“ nach seiner Wahrnehmung mehr und schnellere Austritte als zuvor (I2 2008). 306 Schulze, Etikettenschwindel regeln des Systems“ ein und sei darum systemimmanent. Parlamentarische Teilhabe sei erfolglos, repressionsanfällig und korrumpiere alle, die sich daran beteiligen (o.A. 2005, 7).222 Diese antagonistische Strategie und die revolutionäre Pose der AN gehen miteinander einher. Die Praxis der AN ist dabei weniger stringent, als es die durchgehend verwendete antiparlamentarische Rhetorik vermuten ließe, wie Sager betont. Die Bereitschaft von AN, mit der NPD zu kooperieren, sei je nach Gruppe und Region „unterschiedlich ausgeprägt“, häufig sei auch eine pragmatische Zusammenarbeit zu beobachten (Sager 2011, 119). 5.4.1.2 Verbreitung Wie viele AN es bundesweit gibt, kann nicht verlässlich gemessen, sondern allenfalls geschätzt werden.223 Bedenkt man die Teilnahmezahlen von geografisch weit voneinander entfernten Demonstrationen (mit vermutlich nur geringen personellen Doppelungen) wie jene in Frankfurt/Main 2007 (etwa 300 „Autonome Nationalisten unter den Teilnehmenden), in Dortmund 2008 (400) und in Berlin 2008 (400), so dürfte für den Zeitraum 2007/2008 eine Zahl von bundesweit etwa 1.000 AN anzusetzen sein.224 Für ein aktuelleres Schlaglicht bietet sich ein Blick auf die bundesweiten neonazistischen Demonstrationen zum 1. Mai 2014 an. Beim größten 222 Systemimmanenz und Repressionsanfälligkeit gehören indes auch zur Kritik von linken Autonomen an parlamentarischer Teilhabe. 223 Die folgenden Zahlen beruhen auf einer Auswertung von Fotos der genannten Demonstrationen. Die Teilnahmezahlen wurden überschlagen und anhand der Optik (Kleidung, Gebaren) der einzelnen Blöcke gegebenenfalls den AN zugerechnet. Das Auszählen anhand von Fotos ist fehleranfällig; noch fehleranfälliger ist aber der Schluss auf das Selbstverständnis von Personen aufgrund ihrer optischen Erscheinung. Wie stark die jeweiligen Demonstrationen ihr Potenzial abgeschöpft haben – wie erfolgreich sie also die AN in ihrer Region zur Teilnahme mobilisieren konnten – kann nicht verlässlich festgestellt werden. Die genannten Zahlen von 1.000 beziehungsweise 950 AN sind Schätzungen, keine Messungen; sie dienen lediglich dazu, die ungefähre Größenordnung des Phänomens abzubilden. Der hier vertretene Schätzansatz setzt im Übrigen absichtsvoll niedrig an, weil ausschließlich an zufällig gewählten Daten am Stra- ßenaktivismus partizipierende Neonazis erfasst wurden. Damit eher ein „harter Kern“ erfasst, der sich dem „Autonomen Nationalismus“ verschrieben hat. Die dem Spektrum nahestehenden, interessierten, situativ oder gelegentlich partizipierenden Außenränder sind ausgeklammert. 224 Von dieser Größenordnung geht auch Schedler aus (Schedler 2009, 336). 307 Öffnungen, Entwendungen Aufzug in Plauen waren rund 300 der 600 Beteiligten AN, in Dortmund waren es rund 350 der 450 Teilnehmenden, in Rostock 150 von 350, hinzu kommen rund 100 AN bei den kleineren Aktionen in Duisburg, Kaiserslautern, in mehreren Brandenburger Städten sowie im tschechischen Usti nad Labem. In der Summe waren bundesweit am 1. Mai 2014 also rund 950 AN auf der Straße, was in etwa dem Niveau von 2007/2008 entspricht.225 Die Anzahl der Kameradschaften, die sich als AN verstehen, ist aufgrund der geringen Kontinuität ebenfalls kaum verlässlich zu ermitteln. Das Spektrum ist in andauerndem Fluss, die Organisierung ist flüchtig. Ständig gibt es Auflösungen und Neugründungen.226 In Nordrhein-Westfalen entstanden, so eine Zählung von Lohmann und Peters, zwischen 2004 und 2008 insgesamt 26 Neonazi-Gruppen, die für sich selbst in Anspruch nehmen, AN zu sein (Lohmann und Peters 2008, 15). AN sind auch ein Phänomen, das eher in urbanen Ballungsräumen gedeiht – darauf weist hin, dass es in Berlin entstand, sich bald im Ruhrgebiet, im Rheinland und sodann in München (Andreasch und Born 2011, 232–235) und Frankfurt/Main verbreitete (Spreuk und Heine 2009, 22; Luzar und Sundermeyer 2010; Brahms 2010). Gleichwohl haben sich die AN von den urbanen Zentren ausgehend in ländlich geprägte Räume ausgestreckt.227 Insgesamt sind AN, obwohl in Ost-Berlin entstanden, eher in West- als in Ostdeutschland verbreitet (Schulze 2011a; Schedler 225 Wagner macht sehr konkrete Angaben zur Zahl der „Führungskader“ und bezieht sich dabei auf „Erkenntnisse von EXIT-Deutschland und ad acta Sachsen“: „Die Konstitution des Führungskaders dauerte jeweils etwa fünf Jahre in den regionalen Zusammenhängen, der etwa 250 bis 300 Personen stark ist, von denen etwa 80 Leute die Spitze bilden. Etwa 30 Personen stellen den Führungskader.“ (Wagner 2014, 555) Die Belastbarkeit dieser Angaben ist hier mangels überprüfbarer Quellen nicht bewertbar. 226 Zu berücksichtigen ist, dass viele AN nicht in Gruppen organisiert sind oder sie Mitglied von klassischen „Freien Kameradschaften“ sind, die als Ganzes jeweils nicht zu den AN zählen. 227 Teilweise liegen Berichte vor, anhand derer sich der Weg des Konzeptes aus Zentren in Kleinstädte nachzeichnen lässt. Ins ländliche Mecklenburg-Vorpommern trugen beispielsweise Berliner AN um 2005 den damals neuen Stil (Lobbi e.V. 2008). Für eine Kameradschaft „Autonomer Nationalisten“ in Pulheim standen Neonazis aus Köln Pate (Lohmann 2009). Die entsprechenden Strukturen im Landkreis Ostwestfalen-Lippe hingegen gehen auf Impulse aus Bielefeld zurück (Bollhöfner 2011). 308 Schulze, Etikettenschwindel 2011a). Schedler vermutet, dass der höhere Grad von sozialer Verankerung der Kameradschaften in der Bevölkerung Ostdeutschlands das aggressive Auftreten der AN unnötig mache. In Westdeutschland sei die „Ablehnung der bürgerlichen Mehrheit gegenüber einer offen neonazistischen Szene wesentlich ausgeprägter“ und darum für viele Neonazis ein „rebellisches“ Auftreten attraktiver (Schedler 2009, 337). 5.4.2 Aufkommen der AN: Aktionismus und Popkultur 5.4.2.1 Verwendungen des Attributs „autonom“ vor 2003 Unter AN werden hier Neonazis verstanden, die sich mittels der oben bereitgestellten Definition als solche einordnen lassen. Darunter fällt also noch nicht das Aufkommen des Schlagwortes „autonom“ im alten Neonazismus vor der Etablierung des Kameradschaftsmodells. Tatsächlich gab es seit den 1980er Jahren Vor-Nutzungen, allerdings vereinzelt und verstreut. Zusätzlich waren vereinzelte Publikationen der extremen Rechten in ihrer Gestaltung und in den verwendeten Parolen an die damalige Ästhetik der Autonomen angelehnt. Auf dem Cover der im Cut-&-Paste-Stil gelayouteten nationalrevolutionären Jugendzeitschrift Werwolf wurde 1984 etwa mit der friedensbewegt-antiimperialistischen Schlagzeile „Nieder mit der Raketenrepublik!“ geworben (Nationalrevolutionäre Arbeiterfront 1984). Die Jugendzeitschrift Schwarzer Rebell war ebenfalls im Cut-&-Paste-Layout gestaltet und illustrierte die Texte mit Elementen wie Molotov-Cocktails, einem Zwillenschützen, Demonstrationszügen mit Vermummten sowie Zeichnungen des linken Karikaturisten Seyfried (Schwarzer Rebell 1988). Eine Publikation aus dem Umfeld der österreichischen „VAPO“ Ende der 1980er Jahre nannte sich Die Sturmfahne – Rundbrief aller autonomen VAPO Aktivisten (VAPO 1988).228 Ab 1988 erschienen unter der Regie des 228 „VAPO“ steht für „Volkstreue Außerparlamentarische Opposition“ – fast überflüssig erscheint der Hinweis, dass diese Namensgebung eine Entwendung darstellt, die den Klang der „APO“ der 1968er-Bewegung zu ursupieren versucht. 309 Öffnungen, Entwendungen Neonazis Christian Malcoci drei Ausgaben einer Zeitschrift mit dem Titel Schwarze Fahne. Sie war ein Randprodukt aus dem Spektrum der FAP und der GdNF. Im Jahr 2010 legte Malcoci die Zeitschrift neu auf und erklärte, dass die Strömung der „freien Autonomen Nationalisten“ Ende der 1980er Jahre von ihm selbst initiiert worden sei. Nach dem erstmaligen Erscheinen der Schwarzen Fahne hätten entsprechende „Gruppen im Ruhrgebiet und im Rheinland“ die politische Arbeit aufgenommen. In Witten hätten diese frühen AN „nächtliche Kontrollen“ durchgeführt und „No-go-Areas“ für „linke Gewalttäter“ etabliert. Die Strömung sei also keineswegs „neumodisch“, sondern „traditionsreich“ (Malcoci 2010). Von 2010 bis 2013 sind vier Ausgaben der neuen Schwarzen Fahne erschienen. Die Behauptungen Malcocis über seine Verdienste um die Genese der AN stießen im Neonazismus auf keine Resonanz, sondern wurden größtenteils als persönliche Profilierungssucht abgetan (Schulze 2010). Weiter: Ein Aufkleber aus dem Umfeld der GdNF aus den frühen 1990er Jahren zeigt eine Figur in Anzug und Fliege mit einem Schweinsgesicht, versehen mit dem Slogan „MdB: Meine Diäten stimmen immer!“. Als Herausgeber waren „Autonome Nationalisten“ vermerkt und eine Postfachadresse in den Niederlanden als Kontaktmöglichkeit angegeben (Autonome Nationalisten o.J.). In einem Band über die FAP von 1990 ist ein Foto eines Wehrsportlagers, auf dem mit so genannten „Hasskappen“ vermummte männliche Neonazis zu sehen sind, mit der Unterzeile „Lagerleben autonomer Nationalisten“ untertitelt (Christians 1990, 231). Aus wahrscheinlich demselben Jahr stammt ein kurzes „autonomnationalistisches Manifest“. In der Flugschrift wurden terroristische Konzepte („Neubildung fanatischer Werwolfkommandos“) diskutiert (Autonomnationalistische Zellen o.J.). In einer Zeitschrift der „Nationalistischen Front“ wurde 1992 über einen Brandanschlag auf ein Flüchtlingsheim berichtet, der von „autonomen Nationalisten“ verübt worden sei. Der für den Text gewählte Ton legt dabei nahe, dass die Täter nicht unbekannt waren, sondern aus der NF selbst oder zumindest deren Umfeld stammten (Aufbruch 1992, 9). 1994 wurde der Gedenkmarsch für Rudolf Heß im bayerischen Wunsiedel von einer Gruppe vorbereitet, die sich selbst als „autonomen Koor- 310 Schulze, Etikettenschwindel dinationskreis“ bezeichnete (Koordinationskreis 1994). „Autonome Nationalisten“ aus Nordrhein-Westfalen waren laut eines Berichts der Zeitschrift Freie Stimme im Jahr 1995 in Kroatien auf einer Delegationsreise (Freie Stimme 1995). Im in den USA produzierten NS-Kampfruf fand sich 1997 eine Anzeige eines „Volks treuen Komitees“ unter der Schlagzeile „Autonome nationalisten/innen geben bekannt“ (Volkstreues Komitee 1997). Diese hier aufgeführten Nutzungen des Attributs „autonom“ durch den alten Neonazismus waren mit keinen Praktiken verknüpft, die über das Repertoire des damaligen Neonazismus hinauswiesen. Ein eigenes Konzept oder ein eigener Stil war damit nicht verknüpft. Sie waren entweder direkt an einzelne der damaligen Organisationen angebunden (VAPO), richteten sich an das Umfeld (Schwarze Fahne) oder sollten einen organisationsübergreifenden Anspruch markieren („Hess-Gedenkkomittee“). Allerdings ist bemerkenswert, dass Neonazis schon in dieser Phase die politisch linken Assoziationen des Wortes „autonom“ in Kauf nahmen oder, wie im Fall des „Volkstreuen Komittees“, mit einer geschlechtersensiblen Sprachpraxis („nationalisten/innen“) spielten. 5.4.2.2 Innovation in Berlin Die Anfänge der „Autonomen Nationalisten“ sind zwischen 2002 und 2004 anzusetzen. 2002 tauchte der Begriff als Bezeichnung in einer Internet-Mailingliste Berliner Neonazis auf (AIB 2009a, 18).229 Erstmals im öffentlichen Raum wurde die Selbstbezeichnung AN bei einer NPD-Demonstration am 1. Mai 2003 in Berlin verwendet. „Autonomen Widerstand organisieren!“ stand auf einem dort gezeigten Transparent, daneben prangte eine schwarze Fahne, die von einem schwarzen Kreis eingefasst war. Die Neonazis hinter dem Transparent zeigten jedoch kein von anderen Demonstrierenden abweichendes Verhalten. Dasselbe Transparent 229 Diese Mailingliste wurde zwar von späteren AN frequentiert, in den Beiträgen fanden jedoch noch nur am Rande Diskussionen um den Stil des Auftretens oder über einen „schwarzen Block“ statt. 311 Öffnungen, Entwendungen kam im Juni 2003 bei einer Demonstration in Hamm (Nordrhein-Westfalen) erneut zum Einsatz. Wenig später erfolgte in Berlin der nächste Schritt. Bei einer Demonstration „für ein nationales Jugendzentrum“ im November 2003 im Stadtteil Rudow bildete ein etwa 30-köpfiger Block die Spitze eines Blocks, in dem eine größere Anzahl roter Fahnen mitgeführt wurde. Die Neonazis trugen teilweise Palästinensertücher. Eine öffentliche Erklärung, warum man sich des kommunistischen Symbols der roten Fahne und dem als linksalternativ geltenden Palästinensertuch bediene, wurde nicht abgegeben. Diese sollten, so einer der Fahnenträger zu einem Kamerateam, als Symbol dafür stehen, dass „wir die wahren Sozialisten sind“. Die Neonazis skandierten Parolen wie „ANB is watching you, fight the system, fight the jew“ und „Nie, nie, nie wieder Israel“ (kanalb.org 2003). Das Kürzel „ANB“ stand für „Autonome Nationalisten Berlin“. Bei ihrer Anreise, vor Beginn der Demonstration, mussten die Neonazis teilweise Verhandlungen mit der Polizei führen, die die ungewöhnlich ausstaffierten Neonazis zunächst nicht am Aufmarsch teilnehmen lassen wollten, weil sie diese Linke hielten (AIB 2004a, 17). Im Januar 2004 fand in Berlin eine weitere Demonstration statt, die der Hamburger Neonazi Christian Worch angemeldet hatte und die sich Abb. 22: Demonstration im Januar 2004 in Berlin (Ditsch 2004) 312 Schulze, Etikettenschwindel gegen die Verurteilung der Band „Landser“ als kriminelle Vereinigung richtete. Hier kam es das erste Mal zur Bildung eines „schwarzen Blocks“ durch Neonazis. Junge Neonazis rund um die Berliner „Kameradschaft Tor“ bildeten diesen Teil des Aufzuges. „Organisiert den Schwarzen Block“ und „Fight the system – fuck the law“ war auf den Transparenten zu lesen. Mittels der Transparente an der Frontseite und an den Außenseiten schirmten sich die Neonazis nach außen hin und auch vom Rest der Demonstration ab. Vom Lautsprecherwagen wurden zwischen den Redebeiträgen Hiphop- und Charts-Stücke nicht-rechter Interpreten gespielt (AIB 2005b, 8–9). Für die NPD-Demonstration am 1. Mai 2004 in Berlin wurde neben dem Parteiaufruf ein weiterer Aufruf aus dem Umfeld der „Kameradschaft Tor“ verbreitet, in dem die Bildung eines „Black Blocks“ angekündigt wurde. Dies ist das erste Dokument, in dem sich AN zu ihrem Selbstverständnis äußern: Um es vorweg zu nehmen: nicht jeder Demonstrant ist schwarz angezogen und nicht jeder schwarz vermummte ist ein Revolutionär. Die schwarze Kleidung ermöglicht uns, dass wir von Antifas, Bullen und anderen nicht mehr auseinander gehalten und erkannt werden können. Es geht uns dabei nicht darum, ‚unerkannt zu randalieren’. Wir wollen nur anonym bleiben und unsere konsequente Haltung zum Ausdruck bringen. Wenn wir handeln, dann keineswegs blindwütig. Unsere Aktionen hat meist nur symbolischen Charakter und sind – Außer im Selbstverteidigungsfall – nur gegen Infrastrukturen des Kapitals gerichtet. Der nationalrevolutionäre, schwarze Block unterscheidet sich nicht hauptsächlich durch sein Äußeres von den anderen Demonstrationsteilnehmern, sondern durch die revolutionären Inhalte und seine Aktionen (Blockaden, Besetzungen, Verweigerungen, etc.): Wir glauben nicht daran, dass das kapitalistische System reformiert oder verbessert werden kann – das vorherrschende System IST der Fehler und muss durch eine neue, freie, gerechte und NATIONAL UND SOZIALE Gesellschaftsform ersetzt werden. Am 1. Mai wollen wir gemeinsam gegen Kapitalismus, Globalisierung und für eine sozialistische Alternative demonstrieren. Jeder, der begriffen hat, dass wir mit Betteln nicht weiter kommen, sondern uns unsere Forderung erkämpfen müssen, kann beim nationalrevolutionären schwarzen Block mitma- 313 Öffnungen, Entwendungen chen. Kommt am 1. Mai nach Berlin, reiht euch ein, und zeigt dem System, dass wir die Schnauze voll haben! (Black Block At Berlin 2004)230 Dem „schwarzen Block“ wurden hier zwei Funktionen zugewiesen: Er würde den Neonazis zunächst einmal eine anonyme Teilnahme ermöglichen. Außerdem diene er dazu, eine „konsequente Haltung“ zum Ausdruck zu bringen. Man wolle zwar keine „blindwütigen“ Aktionen, sei aber immerhin zu „symbolischen“ Taten gegen „Infrastrukturen des Kapitals“ bereit. Inhaltlich wird über das durch Majuskeln hervorgehobene „national und sozial“ ein Bekenntnis zum Nationalsozialismus abgegeben und auf Themen wie „Kapitalismus, Globalisierung“ ein besonderes Augenmerk gelegt. Das Adjektiv „nationalrevolutionär“ muss als Hinweis auf die eigene Entschlossenheit verstanden werden, das System kämpferisch abschaffen zu wollen.231 Bei der Demonstration selbst bildeten etwa 150, teils mit Halstüchern und Sonnenbrillen vermummte Neonazis aus der Region Berlin-Brandenburg den angekündigten „schwarzen Block“. Insgesamt nahmen an der Demonstration etwa 2.500 Neonazis teil. Widerstand gegen das Vorgehen der Polizei, die einzelne Beteiligte des „schwarzen Blocks“ in Gewahrsam nahm, wurde entgegen der Ankündigung im Aufruf nicht geleistet (AIB 2004a, 17). Im Nachhinein resümierten AN jedoch, ihr Auftritt sei ein entscheidender Beitrag gewesen, der die Demonstration erst ermöglicht hätte: 230 Dies ist der vollständige Text des Aufrufes. 231 Für eine Nähe zu den nationalrevolutionären Ideen von Ernst Niekisch oder den Brüdern Gregor und Otto Strasser, wie sie beispielsweise im Portal Netz gegen Nazis (einem Projekt der Wochenzeitung Die Zeit) behauptet wird (Netz gegen Nazis 2008), finden sich in den Primärquellen keine Hinweise. Ebensowenig sind ernstgemeinte Versuche einer Zusammenarbeit mit linken Gruppen bekannt. „Querfrontstrategien“, die der Netz-gegen-Nazis-Text behauptet (und als bloße „Bemühungen, […] Gemeinsamkeiten zu finden“ definiert), lassen sich aus den Primärquellen nicht ableiten. Auch direkte Querfront-Verweise finden sich nur in Ausnahmefällen: Im Dezember 2007 trugen Neonazis der „Autonomen Nationalisten Nord/West“ bei einer Demonstration in Berlin ein Transparent mit der Forderung „Querfront – gemeinsam statt gegeneinander“. Mehr als eine solche Verbalisierung ist nicht festzustellen (AIB 2009b). 314 Schulze, Etikettenschwindel [Am 1. Mai 2004 in Berlin] formierte sich ein Block von ca. 350 Nationalisten. […] Die auf den Abmarsch wartenden 2000 bis 3000 Nationalisten wurden unnötig am Abmarsch behindert, da linke Gegendemonstranten die Marschstrecke besetzten. Die Polizei schaute diesem zu, und verwehrte den Nationalisten den Versammlungsweg. Die 350 Aktivisten im Block versuchten mehrmals den Abmarsch voranzutreiben, indem sie die Polizeikräfte einfach nach vorne drängten und an den Polizeireihen mit den Händen drückten. Die Polizeiführung musste handeln und gab die Marschstrecke den Versammlungsteilnehmern frei. […] So war es mitunter dem entschlossenen Auftreten der Nationalisten im Block zu verdanken, dass wenigstens die Polizei zum Handeln gezwungen wurde, und einen Teil der Marschstrecke frei gab. (Aktionsbündnis Mittelhessen 2004, 7–8) 5.4.2.3 Die „Kameradschaft Tor“ Dass die Innovation des „schwarzen Blocks“ und das Konzept der AN aus Berlin stammt, hängt eng mit der „Kameradschaft Tor“ zusammen232, die sich im Jahr 2000 gegründet hatte und nach ihrem Gründungsort, dem Frankfurter Tor in Berlin-Friedrichshain, benannt war (AIB 2007b).233 2004 hielt die Kameradschaft auf ihrer Internetseite ihre geografischen Schwerpunkte fest: „die alten Bezirke Weißensee, Lichtenberg und Hohenschönhausen sowie Hellersdorf und Marzahn“. (Kameradschaft Tor 2004b) Die Gruppe hatte zu keinem Zeitpunkt mehr als ein Dutzend Mitglieder, denen jedoch eine Vielzahl von Straftaten zugerechnet wurden.234 Ab 2003 wandten sich die Mitglieder der „Kameradschaft Tor“ „traditio- 232 Diese Sichtweise vertritt auch Peters. Seine Darstellung der Geschichte der „Kameradschaft Tor“ setzt teilweise andere Akzente, ist in den entscheidenden Punkten jedoch deckungsgleich. Auch Peters stützt sich maßgeblich auf die Berichte des Antifaschistischen Infoblatts (Peters 2011). 233 Oft wurde die Abkürzung „KS-Tor“ genutzt. Aus den Anfangstagen ist auch die Schreibweise „Kameradschaft Thor“ belegt, welche eine für Rechtsextreme nicht ungewöhnliche Bezugnahme auf den germanischen Gott Thor nahe legt (AIB 2007b, 22). 234 Einige Beispiele: Ein Mitglied nutzte im Jahr 2000 seine Anstellung in einem Finanzamt dafür, illegal Personendaten abzurufen (AIB 2007b, 22–23). Beim Sprühen von Parolen gegen die linke Liebknecht-Luxemburg-Gedenkdemonstration wurden im Januar 2002 drei Mitglieder von der Polizei gestellt. Hinzu kommen zahlreiche gewalttätige Angriffe auf linke und alternative Jugendliche. Das Mitglied der „Kameradschaft Tor“ wurde nach einem brutalen Angriff in 315 Öffnungen, Entwendungen nellem Nationalsozialismus mit linksautonomen Habitus und Politikformen sowie moderner, urbaner Jugendkultur“ zu (AIB 2007b, 22). Ihre Aktivitäten bestanden vor allem aus Propaganda und der „inflationären“ Teilnahme an Demonstrationen (AIB 2007b, 22). Die Aktiven lebten zu einem großen Anteil miteinander in Wohngemeinschaften (I1 2007). Diese Wohnform ist zumindest in einer Großstadt wie Berlin nicht untypisch für das Leben von jungen Erwachsenen, war bis dato im Neonazismus jedoch wenig verbreitet. Das Interieur der Wohnungen, berichtet Peters, offenbarte eine eigentümliche Mixtur aus Popkultur und Verherrlichung des Nationalsozialismus. Historische Devotionalien waren zu regelrechten „Altären“ gruppiert, direkt daneben waren Regale mit CD-Sammlungen aufgestellt, die vor allem aus deutschsprachigem „Gangsterrap“ bestanden (bevorzugtes Label: Aggro Berlin) (Peters 2011, 57–58). Beeinflusst durch das Erleben urbaner Kultur und durch die Konfrontation mit der von ihnen als durchsetzungsstark wahrgenommenen radikalen Linken im benachbarten Bezirk Friedrichshain wurde auch deren Modestil übernommen. Cargo-Hosen, Kapuzenpullover und Basecaps wurden zum Alltagsoutift (Peters 2011, 56). Die nationalsozialistischen Inhalte wurden von der „Kameradschaft Tor“ mittels Zitaten aus der Popkultur kommuniziert. Ein Aufkleber der seit 2004 existierenden „Mädelgruppe“ der „Kameradschaft Tor“ trug den Slogan „Auch ohne Emanzipation stark“ und war mit der Comicfigur „Emily the Strange“ verziert (AIB 2007b, 23). 2004 versuchte die „Kameradschaft Tor“ das Richtfest für das „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ zu stören und trug dazu ein Transparent mit der Aufschrift „Hol den Vorschlaghammer, sie haben ‚uns‘ ein Denkmal gebaut“. Der Text ist eine Liedzeile der als links geltenden Berliner Pop-Band „Wir sind Helden“. Die „Kameradschaft Tor“ verwendete in ihren Veröffentlichungen die englische Sprache, was bis dahin verpönt war. „We are at war Potsdam etwa wegen versuchten Mordes angeklagt und schließlich wegen gefährlicher Körperverletzung zu vier Jahren Haft verurteilt (Inforiot 2006). 316 Schulze, Etikettenschwindel with ZOG“235 verkündete sie auf ihrer Homepage und zum Jahrestag der Machtübertragung an die Nationalsozialisten 2004 veröffentlichten sie ein Plakat mit dem Slogan „…tler was right ’33“ (AIB 2007b, 24). Zwar war die „Kameradschaft Tor“ nach innen hierarchisch gegliedert, doch wurde die Autorität älterer Berliner Neonazis offensiv in Frage gestellt. Die „Kameradschaft Tor“ stand für eine neue Generation, die sich von älteren Neonazis keine Vorschriften über ihre Aktivitäten und ihr Gebaren machen lassen wollte (AIB 2007b, 23). Ein altgedienter Berliner Neonazi bezog in einer Stellungnahme vehement Position gegen die „Blöckchen von möchte gerne superrevolutionären ,autonomen Nationalisten‘“, die nicht in der Lage seien, sich „diszipliniert zu verhalten“ (Schweigert 2005). Durch die regelmäßigen öffentlichen Auftritte und die häufige Teilnahme an Demonstrationen waren die Mitglieder selbstbewusst genug, um Kritik an ihrem Politikstil zu ignorieren: „Die ‚alten Kader‘ aus Zeiten der GdNF, FAP und NF hatten keinerlei Einfluss auf die KS Tor und wurden von diesen nicht sonderlich ernst genommen“ (AIB 2007b, 23). Ein ehemaliger AN hält fest, dass mit dem Einsatzwillen bei Demonstrationen den alten Kadern bewiesen werden sollte: „Wir sind die geilsten Aktivisten!“ (I2 2008). Spontanität war bei der Annahme der neuen Formen entscheidender als ein ausgearbeiteter Plan. Ein Aussteiger bestätigt: Das Prinzip AN „hat sich mit der Zeit immer weiter so ergeben, weil wir halt auch nicht mehr wollten, dass unsere Bewegungsfreiheit so extrem eingeschränkt wird“ (I2 2008). Ein geschlossenes Konzept oder eine niedergeschriebene Strategie fehlten. Auch die Aufrufe zu einem „schwarzen Block“ kamen spontan zustande: Anfangs als ‚Black Block‘-Kult in kleinem Rahmen von Einzelnen praktiziert, wurde der Style durch immer mehr Aktivisten der KS Tor nach und nach massiv vorangetrieben, bis er irgendwann zu einem Selbstläufer wurde. (AIB 2007b, 25) 235 „ZOG“ ist ein aus dem US-amerikanischen Neonazismus stammendes Kürzel für „Zionist Occupied Government“. 317 Öffnungen, Entwendungen Der der „Kameradschaft Tor“ zugeschriebene „Führerkult“ blieb unangetastet. Die Ideologie wandelte sich durch die Selbstbezeichnung als „Autonome Nationalisten“ nicht. Eher war das Gegenteil der Fall: Noch „unverblümter und provokativer“ als andere Neonazis verherrlichten die Mitglieder der „Kameradschaft Tor“ den Nationalsozialismus. Besondere Faszination übte das historische Vorbild des Berliner SA-Führers Horst Wessel aus. Zu seinem Todestag wurde eine Gedenkkampagne organisiert. Bei nichtöffentlichen Veranstaltungen zu dieser Gelegenheit posierte die „Kameradschaft Tor“ mit Fackeln und Hakenkreuzfahnen (Peters 2011, 57). Die Veränderung war insofern auf optische und alltagskulturelle Aspekte begrenzt: [Es gab] ständige Widersprüche zwischen gelebter Autoritätshörigkeit und äußerem Undogmatismus beziehungsweise zwischen nationalsozialistischem Anspruch und urbaner Jugendkultur […]. (AIB 2007b, 25) Im März 2005 wurde die „Kameradschaft Tor“ durch den Berliner Innensenat verboten (redok 2005). Das Verbot löste zwar eine vorübergehende Verunsicherung aus, der Personenzusammenhang blieb jedoch bestehen. Beispielsweise wurden für die Fahrt zur Neonazi-Demonstration am 1. Mai in Leipzig von der ehemaligen „Kameradschaft Tor“ zwei Busse organisiert (I1 2007). Das schon zuvor auf Flugblättern genutzte Label „Autonome Nationalisten Berlin“ (ANB) und weitere Bezeichnungen wie „Aktionsgemeinschaft Lichtenberg“ (AGL) oder „Freie Kräfte Berlin“ (FKB) wurden anstelle des nunmehr inkriminierten Namens „Kameradschaft Tor“ verwendet (AIB 2005b, 9). 5.4.2.4 Verbreitung von Form und Alltagspraxis: Bundesweite Etablierung Der zwar kleine, aber selbstbewusst angekündigte und von Medieninteresse begleitete Auftritt des „schwarzen Blocks“ am 1. Mai 2004 in Berlin hatte eine schnelle Verbreitung des Konzepts der AN zur Folge. Im bun- 318 Schulze, Etikettenschwindel desweiten Neonazismus wurde das Ereignis diskutiert und von vielen für interessant und attraktiv befunden. Anekdoten über das Ereignis kursierten, ein regelrechter „Mythos“ (Peters 2011, 58) über die Durchsetzungsstärke des Blocks entstand. Ein Aussteiger, der bis 2008 als „Autonomer Nationalist“ aktiv war, beschreibt die Wirkung dieser Demonstration auf sich selbst retrospektiv folgendermaßen: Zusammengekommen [mit dem „schwarzen Block“] bin ich das erste Mal, als ich 2004 in Berlin auf der Demo war. … Da haben die das erste Mal so eigentlich, das war das erste Mal, dass die als AN-Block bei der Demo da in Erscheinung getreten sind. Sich an die Spitze gesetzt haben, sich ein bißchen mit den Bullen […] 1. Mai 2004. Ja dann, damals. Da waren wir schon so an dem Punkt, dass wir nach irgendwas gesucht haben, weil uns die Naziszene irgendwie total angekotzt hat. Und da war genau, also das… Also nicht die Naziszene angekotzt hat, sondern so der Ist-Zustand. […] So war das dann irgendwie, dass man damit in Berührung kam. Da haben wir gesagt, boa, geil, das machen wir auch. (I2 2008) Die AN wirkten auf den Aussteiger nicht nur wegen des Auftretens im Rahmen der Aktion interessant. Daneben waren es die kulturellen Akzente der „Kameradschaft Tor“, die ihm und anderen Neonazis attraktiv erschienen. Die neue Offenheit schien geradezu eine „Befreiung“. Man konnte weiterhin Neonazi sein und musste dafür auf zuvor verpönte Alltagspraktiken nicht mehr verzichten: Diese ganzen Zwänge, die einen eh schon angekotzt haben, Klamotten, Essen, Musik und so. Alles, wo das aufkam, so, das hat man sofort aufgegriffen. Das war geil. Man hat sich wieder frei gefühlt. Frei von diesen Zwängen irgendwie. […] [B]is dato war eigentlich mehr oder weniger sowas wie Musik, Kleidung, Essen, was man in der Naziszene getroffen hat – da gab es so ne Art Zwang, so eine Ordnung. Danach musstest du dich richten. Und diesen Zwang fanden glaub ich auch viele Leute in der Szene scheiße, dass sie sich danach richten müssen. Durch dieses Konzept war das dann eben auch so, dass man da freier sein konnte. Du konntest hören was du willst, du konntest Döner essen gehen, du konntest alternative Klamotten tragen. Die Leute 319 Öffnungen, Entwendungen machten das ja auch gern. Die haben das jetzt nicht nur gemacht, damit sie jemanden ansprechen, sondern weil ihnen das auch selber gefallen hat. (I2 2008) Insbesondere die einflussreiche, von Dortmund aus betriebene Kameradschafts-Internetseite Freier Widerstand verstärkte unter deutschen Neonazis nach dem 1. Mai 2004 durch intensive Berichterstattung das Interesse an den AN. Von der Keimzelle in Berlin aus tauchten AN bald auch in anderen urbanen Zentren wie dem Ruhrgebiet und in München auf. 5.4.3 Fokus auf den „schwarzen Block“ 5.4.3.1 Der „schwarze Block“ als Hauptform der AN „Die neue Revolution muss auf der Straße stattfinden“, verkünden die „Autonomen Nationalisten Südpfalz“ in einer Selbstdarstellung (Autonome Nationalisten Südpfalz 2012), und auch die „Nationale und Soziale Alternative Mitteldeutschland“ will „Einfluss auf das Geschehen des öffentlichen Lebens“ mittels „Kundgebungen, Mahnwachen, Demonstrationen“ gewinnen (NSAMD 2014c). Tatsächlich stehen Straßenaktionen im Mittelpunkt des AN-Aktivismus. Entsprechende Demonstrationen aus dem Neonazismus lassen sich in zwei Arten einteilen, und zwar in jene, „mit denen sich die neonazistische Szene an die Bevölkerung wendet“, und andererseits in solche, „bei denen die weltanschauliche Sinn- und Identitätsstiftung für die eigene Anhängerschaft im Vordergrund steht“ (AIB 2014b, 44). Die AN bevorzugen Letztere. Weniger geht es darum, zeitgeschichtliche oder politische Fragen zu durchdringen, sondern im Mittelpunkt stehen die „Konstitution von Gemeinschaft und eine emotionale Politisierung“ (AIB 2014b, 44). Höchste Priorität hat die Vermittlung von Inhalt über die Form – und zwar vorrangig in den eigenen Reihen. Die spezifische Form, die die AN dafür wählen, ist die des „schwarzen Blocks“. 320 Schulze, Etikettenschwindel In Selbstdarstellungstexten wird entsprechend festgehalten, dass die Form des „schwarzen Blocks“ mit dem Stil der AN verknüpft sei. Das Handbuch der Autonomen Nationalisten erklärt: Als ‚Schwarzer Block‘ wird eine Aktionsform der Autonomen Nationalisten (AN) bezeichnet. Er beschreibt die Haltung von AN’s auf Versammlungen. Die treten häufig als geschlossene, schwarz gekleidete Gruppe auf. […] Der nationale und sozialistische ‚Schwarze Block‘ ist eine Aktionsform bei Demonstrationen des ‚Nationalen Widerstandes‘ an der sich jeder Demonstrationsteilnehmer unabhängig von seiner Zugehörigkeit zu Organisationen, Parteien oder Subkulturen beteiligen kann. Grundvoraussetzung ist natürlich, sich in das Erscheinungsbild und das Agieren des Blocks einzufügen. (ANM 2008, 3) „Primäres Ziel“ sei es, „den Protest für den nationalen Sozialismus und gegen dieses System auf die Straße zu tragen“; „sekundäres Ziel“ hingegen, „Anonymität und Schutz“ zu gewährleisten (ANM 2008, 3–4). Im Handbuch ist ein kurzes und formelhaftes Bekenntnis zum Ziel eines „nationalen Sozialismus“ enthalten, dessen Neuerrichtung wegen der Zustände im heutigen Deutschland notwendig sei: Wir leben in einem Land, in dem die Interessen der Wirtschaft mehr zählen als Menschenleben, in dem Hilfe suchende deutsche Bürger in menschenunwürdige Heime gepfercht werden und unter der Armutsgrenze leben müssen. (ANM 2008, 2)236 Der Rest der Broschüre beschäftigt sich mit Demonstrationstechniken: Es gibt Tipps für „Spontandemos“ und Ausführungen zum Versammlungsrecht und es wird geraten, bei Demonstrationen „Bezugsgruppen“ zu bil- 236 Welche „menschenunwürdigen Heime“ gemeint sind, wird nicht erläutert. Eine Mutmaßung: In Publikationen linker Gruppen und solchen von Menschenrechtsorganisationen werden häufig die Zustände in Flüchtlingsheimen als „menschenunwürdig“ charakterisiert und kritisiert. Möglicherweise übernahmen die AN, die das Handbuch verfassten, die gängige linke Flugblatt- Wendung und sorgten für ideologische Konsistenz, in dem sie „Flüchtlinge“ durch „Deutsche“ austauschten. 321 Öffnungen, Entwendungen Abb. 23: „Schwarze Blöcke“ von AN (o. und m.: Recherche Nord 2014; u.: Peters 2007) 322 Schulze, Etikettenschwindel den.237 Hinzu kommen kurze Texte mit Grundwissen über erste Hilfe bei Verletzungen, Hinweise zur „sicheren Handynutzung“ und einige Orientierungs- und Taktikübungen für den „Straßenkampf im Alltag“.238 Nur eine Viertelseite des 16-seitigen Hefts ist der „Ideologie“ vorbehalten, die sich allerdings auf ungenaue Appelle beschränkt: Der Widerstand sei „kein Spaß“, sondern erfordere „Konsequenzen“. Darum solle man „Rechtsschulungen“ durchführen (ANM 2008, 15). In den Selbstdarstellungen wird dem „schwarzen Block“ vordergründig meist ein defensives Moment zugeschrieben. Zwar verkörpere er ein geschlossenes und gewaltbereites Auftreten, solle damit aber ausschließlich eine Abschreckung bewirken. Ziel des „schwarzen Blocks“ sei es, dem „Nationalen Widerstand“ „Demütigungen“ wie in der Vergangenheit zu ersparen, halten AN aus Südhessen fest (Aktionsbündnis Mittelhessen 2004). Auch die „Autonomen Nationalisten Vorderpfalz“ stellen eine Schutzfunktion des Blocks in den Vordergrund: „Durch einheitliche schwarze Kleidung (teils auch durch Vermummung)“ werde die Anonymität der Beteiligten gewährleistet; der Block sei ein „effektives Druckmittel gegenüber der Polizei“ bei „repressiven Maßnahmen“. Erst an dritter Stelle wird eine weitergehende kommunikative Funktion benannt: Der Block biete Schutz gegen „unsinnige Vorurteile seitens der Medien“ (Autonome Nationalisten Vorderpfalz 2007).239 Das „Aktionsbündnis Mittelhessen“ hingegen wiederholt in der programmatischen Schrift Der Schwarze Block, dass der „schwarze Block“ für 237 Wo im zuvor zitierten internen Papier eine hierarchische Struktur mit „Blockleitern“ und „Gruppenleitern“ imperativ scheint, wird sie im Handbuch als fakultativ dargestellt: „Gut wäre auch ein Gruppenführer, der die Gruppe leitet.“ (ANM 2008, 6) 238 Selbst diese taktischen Hinweise wirken zu einem großen Teil undurchdacht. So spricht das Heft ausdrücklich von Demonstrationen und vom „Straßenkampf“ als Mitteln der Politik, die naturgemäß in Ortschaften stattfinden. Dennoch werden anschließend ausführlich Übungen zur Orientierung im freien Feld, zur Kompass- und Feldkartenbenutzung, zur Uhrzeitbestimmung nach dem Stand der Sonne dargestellt – also Mittel, die für Aktionen im städtischen Raum wenig relevant scheinen (ANM 2008, 14). Zu vermuten ist, dass es hier weniger um einen praktischen Bezug geht, sondern dass sich die rechtsextreme Faszination für alles Militärische Bahn gebrochen hat. In den klassischen rechtsextremen Wehrsportgruppen waren Orientierungsmärsche gang und gäbe. 239 Gemeint dürfte damit sein, dass die Optik des „schwarzen Blocks“ mediale Klischees über Neonazi-Skinheads konterkariere. 323 Öffnungen, Entwendungen ein „entschlossenes Auftreten“ stehe, das „Repression, Willkür und Verfolgung gegen Nationalisten“ erschwere (Aktionsbündnis Mittelhessen 2004, 5). Das Wort „Entschlossenheit“ taucht mitsamt Abwandlungen 26 Mal in dem achtseitigen Papier auf. Der Unterschied zwischen dem linksradikalen Vorbild und dem eigenen „schwarzen Block“ bestehe darin, dass ersterer „Straftaten dulde“, man sich selbst aber „ausdrücklich von der Gewalt“ distanziere und auch „die einheitliche Kleidung und Vermummung kategorisch“ ablehne (Aktionsbündnis Mittelhessen 2004, 5). Aus welchem Grund solche der Praxis zuwiderlaufenden Behauptungen aufgestellt werden, ist nicht unmittelbar nachvollziehbar. Selbst auf der Titelseite der Broschüre ist in deutlich affirmativer Absicht ein schwarz gekleideter, vermummter Mann abgebildet, der im Begriff ist, einen Stein zu werfen. Auf zahlreichen Webseiten von Gruppen „Autonomer Nationalisten“ kursiert ein Text von „Militanten Rechten“ beziehungsweise „Militanten Nationalisten“, der versucht, das Konzept eines „schwarzen Blocks“ von rechts zu definieren. Anfang der 2000er Jahre sei die Idee aufgekommen, den „schwarzen Block“ als „Aktionsform“ einzuführen. „Warum? – Man hatte es einfach satt von den ausführenden Organen dieses Systems wie eine Herde Lämmer vorgeführt zu werden.“ (Militante Nationalisten 2011) Am „schwarzen Block“ könnten sich alle Angehörigen des „nationalen Widerstandes” beteiligen, und zwar „unabhängig von Zugehörigkeit zu Organisationen, Parteien oder Subkulturen“. Der „schwarze Block“ habe die Funktion, so die sich selbst „militant“ nennenden Verfasser, „friedlich, kreativ und lautstark den Protest für nationalen Sozialismus und gegen dieses System auf die Straße zu tragen“. Die politischen Inhalte sollen durch ein attraktives Erscheinungsbild des „schwarzen Blocks“ vermittelt werden. Zur Attraktivitätssteigerung gehört die Musik, die von der Lautsprecheranlage während der Demonstration abgespielt wird. Neben Rechtsrock- Liedern wird – wie in den Anfangszeiten von der „Kameradschaft Tor“ vorgelebt – auch Lieder von Pop-Bands und von als links eingeordneten Bands gespielt. Anonymität durch Vermummung sei lediglich ein nachstehendes, „sekundäres“ Ziel. Zu Gewalt greifen solle der „schwarze Block“ nur „im Ernstfall“, also „gegen Willkürmaßnahmen und rechtswidriges 324 Schulze, Etikettenschwindel Handeln der Polizei“. Konfrontationen wolle man nicht suchen, beteuert der Text: „Pseudo-Militante und Personen, die sich ausschließlich mit der Absicht zur Eskalation am Block beteiligen, sind absolut fehl am Platz! Solange es zu keinem direkten Angriff auf die Demonstration kommt, soll die Antifa zukünftig vom Block als nicht existent betrachtet und völlig ignoriert werden.“ (Militante Nationalisten 2011) 5.4.3.2 Ästhetisierung von Gewalt und Gewaltpraxis Im Idealfall vermittelt der „schwarze Block“ ein Bild, das vor allem Radikalität und Gewaltbereitschaft kommuniziert. In enger Folge und Körper an Körper bildet sich eine uniforme Masse von schwarz gekleideten und fast ausschließlich männlichen Neonazis.240 Nach außen ist der Block durch frontal und seitlich getragene Transparente abgeschirmt. Lautstark werden Parolen skandiert und zu ihrer Unterstreichung recken viele im Block die häufig mit schwarzen Handschuhen bekleideten Fäuste in die Luft. Mit Kapuzen und Sonnenbrillen oder mit Halstüchern, seltener mit Sturmmasken vermummen viele Beteiligte ihre Gesichter. Weiterhin gehören zur Aufstellung des „schwarzen Blocks“ Praktiken wie „Transparente zusammenknoten, Knüppel-Fahnen, Sachen schmuggeln, Ketten bilden“ (I2 2008). Schon für sich genommen ästhetisiert diese Form Gewaltbereitschaft.241 Die Drohung richtet sich vorrangig gegen die Polizei und gegen politische Feinde der Bewegung. Der „schwarze Block“ macht den Teilnehmenden ein Versprechen von Stärke und Entschlossenheit. Der Auftritt im „schwarzen“ Block begnügt sich dabei keineswegs damit, Abschreckung zu kommunizieren, sondern sucht nach Möglich- 240 In einem internen Strategiepapier diskutieren AN, dass ihrer Meinung nach die Durchsetzungskraft des „schwarzen Blocks“ unmittelbar auch mit der Männlichkeit der Beteiligten zusammenhänge. Sie klagen: „Es kommt immer noch vor, dass junge, unerfahrene oder weibliche Aktivisten an Front- oder Seitentransparenten stehen“ (o. A. 2007b, 2). Es sei zu vermeiden, dass die Aktionsform durch den „relativ großen Zulauf […] zu einem nutzlosen Livestyle verkommt“ (o. A. 2007b, 1). 241 Mit der Formulierung der „Ästhetisierung von Gewalt“ ist eine begriffliche Nähe zur „Ästhetisierung der Politik“ hergestellt, die Walter Benjamin 1936 dem Faschismus attestierte (Benjamin 1963, 49). 325 Öffnungen, Entwendungen keiten, sein Gewaltpotenzial in praktisches Handeln umzusetzen. Nicht nur bei den Demonstrationen selbst, sondern auch davor und danach wird in den Seitenstraßen die körperliche Konfrontation mit dem politischen Feind gesucht. Zwei prominente Beispiele: Bei einer Neonazi-Demonstration am 1. Mai 2008 in Hamburg lieferten sich AN Straßenschlachten mit Linken und der Polizei und verprügelten Pressefotografen (Wittrock 2008). Am 1. Mai 2009 wiederum fuhren rund 400 AN vom Dortmunder Hauptbahnhof aus nicht, wie mit der Polizei vereinbart war, zu einer genehmigten Demonstration nach Siegen, sondern stürmten stattdessen durch die Dortmunder Innenstadt und griffen eine Demonstration des DGB an. Es gab zahlreiche Verletzte (Spreuk und Heine 2009, 22). Regelmäßig kam es auch bei von AN organisierten Demonstrationskampagnen zu Ausschreitungen. Etwa bei den ab 2003 durchgeführten Demonstrationen „für ein nationales Jugendzentrum“ (Schulze 2008) oder den Aufmärschen ab 2005 zum „Nationalen Antikriegstag“ in Dortmund (Nationaler Widerstand Dortmund 2009).242 Das Eigenbild der AN im „schwarzen Block“ bei Demonstrationen ist das eines Mobs, der, wenn möglich, durch seine Militanz „Polizeischikanen“ oder Blockaden durch den politischen Feind gewaltsam durchbrechen kann. Diese ästhetisierte Gewalt und die kollektive Suche nach Konfronta- 242 Ein „Antikriegstag“ wurde von Neonazis bereits 1988 in Hannover und Frankfurt/Main begangen. Als Datum für diesen „von Michael Kühnen ins Leben gerufene Mahn- und Gedenktag“ wurde der 3. September gewählt – das Datum, an dem Frankreich und England 1939 dem Deutschen Reich den Krieg erklärt hatten (Brehl 2009b). Mehr zum „Antikriegstag“ unten. Abb. 24: Posing mit Teleskopschlagstock, AN- Aufkleber (nationales-versandhaus.de 2014c) 326 Schulze, Etikettenschwindel tion ist das zentrale Moment, an dem sich die Vergemeinschaftung der AN im Rahmen ihrer öffentlichen Auftritte vollzieht. Bei einer Demonstration in Berlin im August 2005 – Anlass war das Verbot der Rudolf-Heß-Gedenkveranstaltung in Wunsiedel – spielten sich folgende Szenen ab: [Weder] das Gedenken an Rudolf Heß noch die Forderung nach Meinungsfreiheit prägt das Auftreten des ‚Berliner Blocks‘ auf der Demonstration. Der Großteil der Berliner Demonstraten scheint primär an körperlichen Auseinandersetzungen mit AntifaschistInnen interessiert. Dementsprechend auch die Parolen […]: ‚Haut sie, haut sie, haut sie auf die Schnauze‘, „Auf die Fresse, auf die Fresse‘ und ‚Schläge für alle, und zwar umsonst’. Obwohl der Neonazi- Redner Lutz Giesen mehrfach zur Disziplin aufruft, wird erfolglos versucht, zu linken Gegendemonstranten durchzubrechen. Die Reden über ‚Rudolf Heß‘ und den ‚Paragrafen 130‘ stoßen auf wenig Interesse. Stattdessen tönen weiter Gewaltfantasien gegen Links aus dem Berliner Block: ‚Gegen linkes Gezeter, 9 Millimeter‘, ‚Schnabeltasse wunderbar, komm zur Jugendantifa’ und ‚Wenn wir wollen, schlagen wir euch tot‘. Selbst der Demonstrationsanmelder Sebastian Schmidtke kann sich nur noch schwer zusammenreißen und ist selbst an Ausbruchsversuchen in Richten Gegendemonstranten beteiligt. (AIB 2006, 24–25) Die Gewaltposen und das konkrete gewaltvolle Verhalten (versuchter Durchbruch) der AN überlagert bei der Demonstration andere Aspekte des Geschehens. Der Anlass der Demonstration spielte bei den versammelten AN eine ebenso geringe Rolle, wie die Beschwichtigungsversuche des Redners. Gleichwohl strahlte der „schwarze Block“ eine Dynamik aus, der sich selbst der Veranstaltungsanmelder nicht entziehen wollte. 5.4.3.3 Konfrontationslogik Wie sehr die Konfrontationslogik im Mittelpunkt der Wahrnehmung der AN steht, lässt sich an einem Bericht des Infoportals Leipzig von 2010 über den Ablauf einer eigentlich verbotenen Demonstration in Dortmund nachvollziehen. Es sei eine „Genugtuung“, wenn „es“ passiert, heißt es. Andere Neonazis würden sich durch die Repressionen – das Demonstrations- 327 Öffnungen, Entwendungen verbot – in die „Hoffnungslosigkeit“ treiben lassen, während der „schwarze Block“ durch seine schwärmerisch beschriebene Gewalttätigkeit die Speerspitze des „Widerstandes“ bilde: Eine kleine Gruppe findet sich zusammen, nimmt alles in die Hand und keiner widerspricht, in jedem flammte dieselbe Wut, jeder verspürt schon jetzt diese Genugtuung, wenn es passieren wird. […] Während die einen sich wiederholt in einen Kessel aus Polizeigittern, Ignoranz und Hoffnungslosigkeit trieben liesen, widersetzten sich andere dem erhobenen Zeigefinger der Machthaber. In Dortmund sollen sie nicht laufen? An diesem Tag wird der Widerstand in Dortmund laufen! […] Im Stadtteil Gambel kommt es [zu] Nahkampfszenen mit der Polizei. Einige besonders übereifrige Beamte haben sich allein in das Getümmel gestürzt und erhalten nun den verdienten Lohn, einer bleibt kurzzeitig bewusstlos liegen, kein Kollege eilt ihm zu Hilfe. (Infoportal Leipzig 2010) Erst später gelang es der Polizei, die Neonazis festzusetzen. Wie bei Soldaten nach einem Gefecht wurde, dem weiteren Bericht zufolge, das Geschehen im Nachhinein diskutiert und ihm zusätzlich politischer Sinn verliehen: In Hamm treffen sich alle wieder, machen es sich auf dem weitläufigen Bahnhofsvorplatz gemütlich, warten auf ihre Busse und Züge oder verbringen einfach so noch ein paar Stunden miteinander. Fehler werden analysiert, Richtiges und Falsches in die Waagschale geworfen und beurteilt. Scherze wechseln sich mit ernsten Diskussionen ab. […] Das erste Septemberwochenende steht im Zeichen eines antiimperialistischen Signals in die ganze Welt […]. [Wir haben] zeigen können, wozu wir fähig sind, gezeigt wie machtlos die Demokraten und ihre Einheiten werden, wenn man ihre Regeln ignoriert […]. (Infoportal Leipzig 2010) Ob der nahezu kriegerisch-heroische Sprachduktus dieses Berichtes die tatsächlichen Empfindungen des Autors oder der Autorin während und nach der Demonstration widerspiegelt, darf in Zweifel gezogen werden. Als Text mit agitatorischen Absichten demonstriert er jedoch, wie das Demonstrationsgeschehen und ihr Empfinden gegenüber einem vorgestellten Publikum, dem eigenen Klientel und den Interessierten, wirken sollen. Die 328 Schulze, Etikettenschwindel Gewaltästhetisierung und die in diesem Fall gegen die Polizei praktizierte Gewalt kommuniziert das Selbstverständnis als systemoppositionelle Kämpfer für einen neuen Nationalsozialismus nach innen wie nach au- ßen.243 5.4.3.4 Demonstration als Event Die Demonstrationen und der „schwarze Block“ sind für die AN Events, die ein Abenteuerversprechen beinhalten. Die dabei erhoffte Konfrontation ist, um einen Begriff von Emile Durkheim aufzugreifen, eine „Efferveszenz“: ein rauschhaftes, kollektives Ritual, Ort eines Steigerungsprozesses, um den sich die Gemeinschaftsbildung gruppiert; in dieser Hinsicht nicht unähnlich etwa zu den „fights“, den verabredeten Massenschlägereien der Hooligans (Bohnsack und Nohl 2000, 77). Die Rituale in Jugendkulturen sind auch Träger der gesellschaftlichen Ideen, die diese Kulturen transportieren. Diese „Ereignisse“ sind „Vorausschein“ (so Diederichsen in enger Anlehnung an das Bloch’sche Vokabular) der von den Jugendkulturen antizipierten Utopien: die hedonistische Ekstase beim Rave der Techno- Fans, die friedliche Gemeinschaft beim Festival der Hippies (Diederichsen 1992, 30). Der „schwarze Block“ erfüllt für die AN durchaus diese Funktion – er ist Event, Mittel, um ihrer kriegerischen gesellschaftlichen Utopie symbolhaften Ausdruck zu verleihen. Bei den „schwarzen Blöcken“ der AN geht es zudem darum, den öffentlichen Raum symbolisch und physisch zu erobern. Die Demonstrationen werden sorgfältig vorbereitet, ihnen wird erwartungsvoll entgegengesehen (wie einschlägigen Internetforen zu entnehmen ist) und sie bieten für den Einzelnen Gelegenheit, sich in der Öffentlichkeit zu bewähren. Das dann Erlebte bietet Gesprächsstoff, wie die Diskussionen im Medien Das Freie 243 Zur Frage, ob mit Gewalthandeln kommuniziert werde, anders Schäfer-Vogel, die Hooligans, Skinheads und linke Autonome untersuchte und deren Gewalt (unter Bezug auf Habermas’ Theorie des kommunikativen Handelns) als „Negation von Kommunikation“, als „Ersatz von Sprache“ einordnet, weil sie nicht-diskursiv sei und nicht auf einvernehmliche Verständigung abziele (Schäfer-Vogel 2007, 95–101). 329 Öffnungen, Entwendungen Forum belegen (Das Freie Forum 2005). Typisch ist ein Bericht von Greifwalder Neonazis über eine Demonstrationsteilnahme 2010. Das Motto des Aufrufs wird dort referiert und es wird festgehalten, dass die Bedeutung des Themas die Teilnahme zu einem „Muss“ werden ließ. Neben dieser formelhaften Feststellung werden jedoch keine politischen Inhalte besprochen. Stattdessen widmet sich der Bericht ausführlich den Ausbruchversuchen des eigenen „schwarzen Blocks“, mit denen auf eine Sitzblockade reagiert wurde (Greifswald Info 2010). Maßstab für Erfolg oder Misserfolg scheint das Ausmaß der „Action“ zu sein, deren Zeuge man wurde und an der man selbst beteiligt war. Wenn es körperliche Auseinandersetzungen gibt, wenn eine große Menge von „Widerstandskämpfern“ teilnahm, wenn das selbstgemalte Fronttransparent auf dem Titel einer Zeitung landet – dann kann das Event als Erfolg verbucht werden. Andere Fragen stehen dahinter zurück. Welches Motto die Demonstration hatte, wie passend zum Zeitgeschehen es gewählt wurde, wie überzeugend die Reden waren und ob Zustimmung für die eigenen Anliegen erreicht werden konnte, erscheint als letztlich zweitrangig. Hendrik Puls beobachtete, wie sich am Rande einer Kundgebung von AN im Jahr 2010 in Dortmund die Beteiligung immer weiter reduzierte. Der geplante Aufmarsch war von der Polizei per Auflage zu einer stationären Kundgebung umgewandelt worden. Die Reden am Ende der Veranstaltung waren der letzte verbliebene Programmpunkt und fanden inmitten eines von der Polizei abgeriegelten, leeren Stadtviertels statt. Diese Kulisse habe die versammelten Neonazis gelangweilt und zur vorzeitigen Abfahrt bewogen: Ihre kollektive Identität, schlussfolgert Puls, konstruierten sie über Konflikte und Interaktionen mit dem Umfeld. Auf sich selbst und die eigenen Inhalte zurückgeworfen zu sein, sei den Versammelten nach der durchgeführten Demonstration schlicht sinnlos erschienen (Puls 2011, 121–122). Das Werbematerial für die Dortmunder Demonstration zum „Antikriegstag“ habe Abenteuer versprochen: Aggressive Rockmusik war der Hintergrundklang für Bilder von schwarz gekleideten Massen von Neonazis, die gegen Polizeiketten drängten. Das tatsächliche Event habe diese Erwartung nicht erfüllt (Puls 2011, 122–123). 330 Schulze, Etikettenschwindel Parallel zur Kundgebung lief jedoch eine weitere Neonazi-Aktion ab: Eine Gruppe von rund 500 Neonazis hatte sich auf dem Weg zur Kundgebung an einer Bahnhaltestelle dem Zugriff der Polizei entzogen und war in Richtung eines Wohngebietes gestürmt. Erst nach vier Kilometern Wegstrecke hatte die Polizei genügend Einsatzkräfte zusammengezogen und stoppte den Aufzug. Diese unangemeldete, illegale Aktion wurde in Nachberichten als eigentlicher Erfolg gefeiert (Puls 2011, 123–124). Paradigmatisch zum Eventcharakter von Demonstrationen äußerte sich ein AN im Online-Diskussionsforum des Freien Widerstands: Ja es stimmt das das der aspekt eine demo ist ein ‚event‘ immer stärker wird. Ich finde es garnicht schlecht. Ich war auf zeckendemos etc und da ist es auch wie ein ‚event’. Wenn wir es dann noch schaffen inhalte auch an die teilnehmer rüber zu bringen dann ist das ein einschneidendes erlebnis für (junge) Menschen und sie werden wieder kommen und wieder und wieder…. Und dann auch mal selbst mehr aktiv werden. Ja auch für mich ist eine demo immernoch ein stückweit ein ‚event‘ wo man bekannte trifft, kontakte ausbaut, sich über cops aufregt mit dem gegner rangelt und versucht so deutlich wie möglich durch (parolen, aktionen, transpis etc) seine Meinung kund zu tun. (User A-N-R 2004) Als Ziel seiner Teilnahme nennt der Diskutant nicht einen Werbeeffekt auf die Öffentlichkeit, sondern es geht ihm um Jugendliche, die ohnehin schon an neonazistischen Aktionen partizipieren. Wenn das Event aussagekräftig genug sei und auch Inhalte vermittle, könne man diese Jugendlichen auf Dauer einbinden. Ähnlich ein anderer Neonazi: Offensichtlich gibt es […] eine Wirkung auf die eigenen Reihen, die von Demos ausgeht. Eine Demo ist einfach ein Ereignis, ein Erlebnis. Über eine Demo, wie die in Worms wird immer noch gesprochen. Nicht, weil wir so große Zustimmung vom Bürger erhalten haben, sondern weil da was los war (Neudeutsch: „action“). Auch wenn es vielen nicht paßt, so ist es einfach. Diesen Aspekt kann man steigern, wenn man z.B. laute Musik spielt, Blöcke bildet, kreative Aktionen macht o.ä. Deswegen machen ja die Zecken das auch genau so. Auf diese Weise erreicht man zwar den Bürger nicht besser, erzielt aber mehr Wirkung auf die eigenen Leute und auf die die drumherum stehen 331 Öffnungen, Entwendungen […]. Die eigenen Leute haben dann sicherlich mehr Interesse beim nächsten mal wieder eine Demo zu besuchen und ein paar andere laufen vielleicht mal mit statt nur am Rand zu stehen. (User KarlKruppstahl 2005) AN haben also nur eine beschränkte Zielgruppe für ihre Politik: Sich selbst und sympathisierende Jugendliche. Deren und das eigene Bedürfnis nach Erlebnissen soll mittels der Demonstration befriedigt werden. 5.4.3.5 Der „schwarze Block“ als Entwendung Das Format des „schwarzen Blocks“ hat eine jahrzehntelange Geschichte in der (west-) deutschen radikalen Linken. Den ersten „schwarzen Block“ in Deutschland gab es 1980 bei einer linksradikalen Demonstration am 1. Mai 1980 in Frankfurt/Main (Sturm und Drang 2005).244 Merkmale wie mehr oder minder einheitliche schwarze Kleidung, eine enge Aufstellung in Ketten und mit Außentransparenten sowie eine Neigung zur Vermummung sind auch dem linken „schwarzen Block“ zueigen. Von Linksradikalen wird argumentiert, dass der „schwarze Block“ die Funktion habe, Repressionen durch die Polizei zu erschweren. „Schwarze Blökke“ bei linksradikalen Demonstrationen waren Anlass für die Einführung des Vermummungsverbotes als Erweiterung des Versammlungsgesetzes im Jahr 1985. Eine antagonistische, unversöhnliche Haltung, die auch die Bereitschaft zu einem militanten Vorgehen beinhaltet, soll kommuniziert werden. Seine Höhepunkte hatte der „schwarze Block“ in den Demonstrationsinszenierungen von Gruppen wie der Göttinger „Antifa (M)“ in den 1990er Jahre und international im Zuge der Antiglobalisierungsproteste in den 2000er Jahren. Er wird aber auch weiterhin eingesetzt, etwa bei den jährlichen Demonstrationen zum „Revolutionären 1. Mai“ in Berlin- Kreuzberg. Der „schwarze Block“ ist die Form, die maßgeblich die Au- 244 Nach der Darstellung eines Veteranen war der „schwarze Block“ in Frankfurt/Main allenthalben eine Demonstrationspraxis, keineswegs aber ein Konzept oder ein Organisierungszusammenhang. Als solcher war er lediglich ein „running gag“ im militanten Flügel der Hausbesetzerbewegung; ein „Phantom“, das die Behörden hochgeschrieben hätten, um Ermittlungen und Repressionen rechtfertigen zu können (Wetzel 2012, 107–115). 332 Schulze, Etikettenschwindel ßenwahrnehmung der autonomen Bewegung prägt. Die Uniformität des Auftretens im „schwarzen Block“ wird von Autonomen entweder bestritten oder zu einer Geste der Solidarität untereinander umgedeutet. Mit der ausdrücklich antiautoritären Ausrichtung und Praxis der Autonomen ist eine Uniformierung tatsächlich nur schwer in Übereinkunft zu bringen, ein Umstand, der innerhalb der Autonomen zu anhaltenden Diskussionen etwa um „Mackergehabe“ führt. Nach innen legen Autonome großen Wert auf basisdemokratische Prozesse und sind Vertreter einer „Politik der ersten Person“, einer Politisierung aller Lebensverhältnisse. Die anarchistische Ablehnung von Institutionen speist sich aus dem Vorwurf, autoritäre Strukturen zu bestärken und Systemfeindschaft zu korrumpieren. Es geht bei der autonomen „Politik der 1. Person“ einerseits um die Ablehnung von „Stellvertreterpolitik“, zu der eine radikale Subjektivität als Alternative gesetzt wird. Andererseits ist mit ihr ein ständiges Bemühen um Herstellung von Konsistenz verbunden. Politische Positionen und der eigene Lebensstil sollen, soweit es unter den Bedingungen der „falschen“, kapitalistischen Umstände möglich ist, in Übereinstimmung gebracht werden. Dieses Bemühen um Konsistenz erstreckt sich auch auf den Bereich der politischen Formen und Symbole – Form und Symbol sollen zum Inhalt passen. Übernahmen von Formen aus der extremen Rechten werden vehement abgelehnt, eben weil sie aus der extremen Rechten stammen: Die Form ist im Verständnis der Autonomen an den Inhalt geknüpft, weshalb eine Übernahme aus der Rechten auch die eigenen Inhalte faschisieren würde.245 Praktiken wie Hausbesetzungen und die Reflektion von Geschlechterverhältnissen (Haunss 2004, 115–118) spielen bei linken Autonomen genauso eine Rolle wie die anhaltenden Militanzdebatten. Ästhetisch steht 245 Dementsprechend existierten keinerlei direkte Übernahmen von neonazistischen Formen oder Symbolen bei den Autonomen. Es fand sich im Zuge der Recherchen nur eine einzige Übernahme in dieser Hinsicht: Ein Neonazi-Videoclip, der zu einer Demonstration im Juni 2015 in Neuruppin mobilisierte, wurde in exakt gleicher Machart nachgedreht und als Gegenreaktion veröffentlicht. Allerdings traten andere Darsteller auf, die einen veränderten Inhalt – nämlich einen Aufruf zu Protestaktionen – einsprachen. Diese Adaption wurde jedoch nicht von Autonomen durchgeführt, sondern von Politikern aus der Region. Die Sprechrollen der Neonazis im Videoclip übernahmen Bundestagsabgeordnete von „Die Linke“ und der CDU sowie der Bürgermeister (Stehr 2015). 333 Öffnungen, Entwendungen „Militanz“, verstanden als systemantagonistische Haltung, stärker im Fokus der Autonomen als ihre tatsächliche gewalttätige Praxis (Haunss 2004, 169–189). In der massenmedialen Wahrnehmung – also nicht zwangsläufig in der Intention – vermittelt ein linksradikaler „schwarzer Block“ für sich genommen noch keine politischen Inhalte, sondern eher „Maskulinität, Homogenität, Uniformität und ästhetisierte Gewalt“ (Wamper et al. 2011, 296–297). Einer Recodierung in einem anderen Zusammenhang stehen durch diesen Umstand nur wenige Hindernisse entgegen. Für Teile der Linken transportiere der „schwarze Block“ den emanzipatorisch gemeinten Gedanken der „Autonomie“ im Sinne eines Befreiungsversprechens von gesellschaftlichen Zwängen – in seiner anarchischen Unkontrollierbarkeit würden andere gesellschaftliche Zustände antizipiert werden (Geronimo 1992). Neonazis können dennoch Elemente faschistischer Ideologie in diese Form hineininterpretieren. Weil der „schwarze Block“ die Tat in den Mittelpunkt stelle, sei die Übernahme dieser Form durch Neonazis möglich gewesen, analysiert die Redaktion des Antifaschistischen Infoblatts (AIB 2008a): Von Interesse für die Kommunikation von Inhalten ist […], was die Form des ‚Black Block‘ nach außen kommuniziert und ästhetisiert: Kampfgemeinschaft, Maskulinität und Gewalt. Dahinter tritt die intendierte politische Botschaft, nämlich die Negation gesellschaftlicher Zustände und die Antizipation anderer Zustände, zurück. […] Der Kritik […] an der Inszenierung des ‚Black Block‘ als symbolische Kampfgemeinschaft von AktivistInnen, deren politisches Selbstbewusstsein sich wesentlich über den militanten Aktionismus am Rande von Demonstrationen realisiert, ist immer noch aktuell. Da vielen Autonomen die kollektive militante Aktion als Kern des Politischen gilt, kommt es entgegen der propagierten Absicht zur Abkopplung des Vollzugs der Tat vom zu vermittelnden Inhalt. Wo jedoch die Aktion, sprich die Form des Politischen Vorrang vor deren inhaltlicher Kontextualisierung genießt, nimmt es nicht Wunder, dass der Deutungskontext der ‚Propaganda 334 Schulze, Etikettenschwindel der Tat‘ entweder diffus oder politisch umcodierbar, also enteignungsfähig wird. (AIB 2008a)246 Der „schwarze Block“ auf Seiten der AN ist eine direkte Übernahme dieser linken Vorlage. Dass es sich um eine Adaption handelt, wird auch von Seiten des Neonazismus nicht bestritten. Johannes Nagel, Autor in der JN-Zeitschrift Hier & Jetzt, ordnet den rechten „schwarzen Block“ ohne Umschweife als ein „Plagiat“ ein (Nagel 2008, 44). Nicht umsonst entstanden die AN im urbanen Berlin in der Nähe des Bezirks Friedrichshain, wo linksradikale Demonstrationen keine Seltenheit sind. In ihrer Nachbarschaft suchten die Aktiven der „Kameradschaft Tor“ nach Verkörperungen von Stärke und fanden diese im „schwarzen Block“ der Linken. Es sind also nicht die politischen Inhalte oder die Intentionen der linken Autonomen, die den Anlass für die Übernahme gaben. Vielmehr sind es die Eigenschaften des „schwarzen Blocks“, die von linken Autonomen entweder bestritten oder problematisiert werden, die aber diese Form für den Neonazismus gerade attraktiv machen. Der „schwarze Block“ ist also der Versuch, an „Bilder der Radikalität“ und Durchsetzungsfähigkeit anzuschließen (Wamper et al. 2011, 298). Ein Aussteiger betont, dass die wahrgenommene Wehrhaftigkeit der Autonomen gegenüber der Polizei große Anziehungskraft auf die AN ausgeübt habe: Man hat sich das früher auch angeschaut, die Autonomen auf der Straße, die haben sich gegen die Polizei zum Teil erfolgreich zur Wehr gesetzt, während man ewig immer gekuscht hat vor den Cops. Das war ganz klar auch so ein Ding, was man kopieren wollte. (I2 2008) 246 Parallelen zur Konstellation in der Weimarer Republik seien in dieser Hinsicht nicht von der Hand zu weisen, heißt es weiter. Damals habe die Arbeiterbewegung im Werben um Anhänger und während der Straßenkämpfe dieser Zeit den Fehler begangen, sich auf die Techniken und damit die reaktionären Inhalte des Nationalsozialismus einzulassen: „Die Kampfbünde der Arbeiterbewegung, ‚Roter Front Kämpfer Bund‘ (RFB) und ‚Reichsbanner‘, waren gemäß ihres Selbstverständnisses als Abwehrinstrumente gegen den Nationalsozialismus konzipiert. In der Praxis wiesen sie einen Doppelcharakter auf, da sie mit den reaktionären Wehrverbänden um eine Klientel warben: gewaltaffin sozialisierte und politisierte Weltkriegskämpfer.“ (AIB 2008a) 335 Öffnungen, Entwendungen Eine Kameradschaft „Autonomer Nationalisten“ explizierte, dass für sie der „schwarze Block“ als Ausdruck von „Volksgemeinschaft“ und von „nationaler Solidarität“ verstanden werden solle: Die einheitliche schwarze Bekleidung und Gesichtsbedeckungen wie Kapuzenpullover (Kapuzis), Mützen, Sonnenbrillen und Tücher lassen die Teilnehmer der Demonstration nach außen hin homogen wirken. Dabei ist es völlig gleich welcher/m Beruf, Klasse, Stand oder Religion die Volksgenossen angehören. Untereinander herrscht absolute Solidarität. (Autonome Nationalisten Rhein Kreis Neuss 2011) Die Uniformität reduziere die unterschiedlichen Neonazis im Block auf das Wesentliche: auf ihren Status als politische Aktivisten. Allgemein kann ein optisch homogenes Auftreten für AN so weit im Vordergrund stehen, dass beispielsweise die Farbgebung nebensächlich wird. Dies belegt eine Episode aus Bad Nenndorf. Nachdem bei den dort jährlich stattfindenden „Trauermärschen“ im Jahr 2008 ein „schwarzer Block“ aufgetreten war, wollte die Versammlungsbehörde dies im Folgejahr verhindern, da dieses Erscheinungsbild die Bevölkerung einschüchtere. Als polizeiliche Auflage wurde das Uniformierungsverbot so konkretisiert, dass „gleichartige durchweg dunkle Kleidung untersagt“ war. Um diese Auflage durchzusetzen, verteilte die Polizei vor dem Marsch im Jahr 2009 hunderte T-Shirts an die versammelten Neonazis, als „neutrale Farbe“ wurde Weiß gewählt (Innenministerium Niedersachsen 2009). Abb. 25: „Weißer Block“ in Bad Nenndorf (Schulze 2015) und Einsatz weißer Hemden während der Zeit des SA-Verbots (Propagandabild aus einem Erinnerungsband, Engelbrechten 1937, 366) 336 Schulze, Etikettenschwindel Neonazis beklagten diese Maßnahme vor Ort als Einschränkung der Versammlungsfreiheit. Rund 130 Personen weigerten sich, die T-Shirts anzuziehen und wurden deshalb von der Demonstration ausgeschlossen (Metzger 2009, 5). In der Nachbereitung wurde jedoch einhellig begrüßt, dass ein homogener Auftritt ermöglicht worden sei. Der polizeilich verfügte „weiße Block“ erlaubte willkommene historische Assoziationen: Als die SA kurzzeitig verboten war, marschierten die SAler in weißen Hemden, um eben dieses Verbot zu umgehen (Speit und Röpke 2011, 153). Die Neonazis in Bad Nenndorf nutzen seit 2009 bevorzugt weiße Oberbekleidung für ihre Aufmärsche und setzen mit Freude die Uniformierung um, die ursprünglich eine Polizeiauflage nach dem Uniformierungsverbot war.247 Im Aufruf für die Demonstration 2015 heißt es: Im Bezug auf die Wahl der Kleidung ist anzumerken, dass in den vergangenen Jahren durch Wahl heller Oberteile ein äußerst positives Erscheinungsbild der Versammlung erzeugt werden konnte. Daher möchten wir die Damen und Herren auch in diesem Jahr [dazu] anregen. (Trauermarsch Bad Nenndorf 2015) 5.4.3.6 Kleidung Der Kleidungsstil von AN ist sportlich und leger. Häufig sind die Personen im „schwarzen Block“ in Kapuzenpullover, Turnschuhen von New Balance, Hosen von Marken wie Carhartt248 und Windjacken von North Face249 gekleidet. Die bevorzugte Farbe ist schwarz. Dieser Kleidungsstil ist an den des linken „schwarzen Blocks“ angelehnt. In Differenz zu ihm 247 Punktuell, beispielsweise im Zuge einer Demonstration in Jena, wurde versucht, die Idee eines „weißen Blocks“ in andere Regionen zu exportieren (Witzgall 2015). 248 Carhartt ist ein US-Konzern, der vor allem robuste Arbeitskleidung produziert. In Europa ist die Kleidung dieser Marke als Streetware beliebt unter „upcoming artists, musicians, skateboarders and BMX riders“ (Carhartt), wird aber auch gerne von Angehörigen der Antifa getragen. 249 Die US-Firma North Face produziert wetterfeste Outdoor-Bekleidung und wirbt vor allem mit Wintersport-Motiven (North Face 2013). 337 Öffnungen, Entwendungen steht der hohe Verbreitungsgrad von Marken, die aus der Bewegung und für sie produziert werden (Thor Steinar, Ansgar Aryan etc.).250 Beliebte Accessoires der AN sind Baseballmützen, dunkle Sonnenbrillen, Halstücher, Handschuhe und Ansteck-Buttons mit politischen Motiven. Diese Ausrüstung kann gegebenenfalls zu einer Vermummung umfunktioniert werden, und für Prügeleien ist man mit stabiler und leichter Kleidung gut gerüstet.251 Teilweise finden sich Dokumente, die eine regelrechte Kleiderordnung in diesem Sinn einfordern, mit dem Ziel, eine „koordinierte Gruppendynamik“ herzustellen: „Alle Teilnehmer und Unterstützer des Blocks sollen komplett schwarz gekleidet sein, Basecap, Kapuze und Sonnenbrille tragen.“ (o.A. 2007a, 1–2) In der Praxis werden Sturmhauben („Hasskappe“, augenzwinkernd auch „Hassi“ genannt) kaum verwendet. Allerdings spielen sie in der Selbstinszenierung auf Grafiken und Aufklebern eine große Rolle. Auch dieses Kleidungsstück ist ein Verweis auf die linken Autonomen und deren „schwarze Blöcke“. Die linke autonome Bewegung hat, so Haunns, der für gewöhnlich schwarzen Maske in Deutschland zu einem „iconic status“ verholfen, und umgekehrt ist sie zu einem „symbol of the move- 250 Eine Ausnahme sind Marken, die mit der Skinhead-Kultur assoziiert werden: Lonsdale, Fred Perry und Ähnliches werden gemieden. Es gibt bisweilen auch Kritik an solchem „Markenkult“. Die Schuhmarke New Balance wird zum Beispiel als „Jew Balance“ verächtlich gemacht (User Der Panzerbär 2005). 251 Dies ähnelt durchaus dem Auftreten von Hooligans und manchen Ultra-Gruppen rund um Fußballspiele. Passenderweise hat sich in den letzten Jahren auch deren Kleidungstil gewandelt und entspricht vielfach dem von AN (beziehungsweise dem von linken Autonomen). In einigen Städten existieren personelle Überschneidungen zwischen Hooligans und Ultras und AN. Für Dortmund halten Luzar und Sundermeyer fest, dass die dortigen AN „bei jedem Heimspiel“ des BVB 09 Dortmund anzutreffen seien (Luzar und Sundermeyer 2010, 183). Die Präsenz von Neonazis im Dortmunder Stadion hat eine seit mindestens dem Anfang der 1980er Jahre („Borussenfront“) bestehende Tradition (DAFI 1984). Abb. 26: „Hasskappe“ als Inszenierungselement auf einer AN-Grafik (Pro Nation 2015) 338 Schulze, Etikettenschwindel ment“ geworden (Haunss 2012, 2–3). Das Tragen einer Vermummung im „schwarzen Block“ ist als eine „expressive form“, als „political statement“ zu verstehen. Der Wille, nötigenfalls Gesetze zu verletzen und Gewalt anzuwenden, wird darüber kommuniziert. Vermummung ist ein „identity statement“, denn sie verweist auf die Identität als „urban street fighter“. Als Uniformierungsstück stellt sie kommunikativ Kollektivität vor Individualität (Haunss 2012, 3–4). Der modische Stil der AN entspricht gleichzeitig durchaus gängiger sportlicher Streetware. AN können sich also auch in ihrer Demonstrationskleidung im Alltag bewegen, ohne unmittelbar als Neonazis erkennbar zu sein. Auf eventuell eindeutig politisch zuzuordnende Accessoires wird im Alltag allerdings eher verzichtet, sie werden meist nur im Rahmen von Aktionen verwendet: Auf Demos [gehören Anstecker mit politischen Motiven] noch so dazu. Weil man da unter sich ist, oder so. Aber im Alltag […] kommt [es] drauf an. Zum Beispiel in Dortmund, da kannst du Tag und Nacht, am Wochenende überall so rumlaufen. Da passiert dir nichts. Ich mein, wir nehmen jetzt irgendne Großstadt XYZ, da ist es natürlich gefährlicher. Da können die Leute sich das auch so nicht leisten, so rumzurennen. (I2 2008) Die Möglichkeit, sich durch das Tragen unauffälliger Kleidung unerkannt bewegen zu können, wird von AN geschätzt. Hierin besteht ein Unterschied zu den altmodisch-konservativen völkischen „Scheiteln“ oder der leicht erkennbaren Skinhead-Mode. Wenn eine größere Anzahl von AN bei einer Demonstration zusammenkommt, wechselt der Charakter ihres Kleidungsstils, ohne dass sie dafür ihre Alltagskleidung ablegen müssten. Aus den dunkel gekleideten Individuen formiert sich eine Masse, die nach außen bedrohlich wirken kann und auch nach innen Homogenität produziert: [D]ieses Gemeinschaftsgefühl auf Demos, das hast du einfach. Wenn da, was weiß ich, wie am Antikriegstag, drei-, vierhundert Leute komplett schwarz 339 Öffnungen, Entwendungen vermummt in Ketten laufen, dann haben die dieses Gemeinschaftsgefühl. Das ist für die wie ne Uniform. (I2 2008) Was auf dem Weg zur Demonstration gängige Streetware war, wird während der Aktion zur Uniform und transformiert sich auf dem Heimweg wieder zurück zur Großstadtmode. Dort steht die Kleidung für Individualismus und zeitgemäßen Schick, hier dient sie dem uniformen Auftritt, bei dem sich qua Demonstration „der identische, zweckgerichtete, männliche Charakter“ (Adorno und Horkheimer 1969, 40) konstituieren kann, durch den sich die reaktionäre Vergemeinschaftung ermöglicht. Im „schwarzen Block“ ist die Kleidung der AN „nicht nur schmückende oder schützende zweite Haut, sondern Indiz einer […] Gesinnung“ (Dogramaci 2011, 51), im Alltag jedoch um genau diesen Statement-Charakter reduziert: Im Alltag und im „schwarzen Block“ verhüllt sie den Körper; doch nur im „schwarzen Block“ enthüllt sie zusätzlich das Wesen ihrer Trägerin oder Trägers (Dogramaci 2011, 52). Während sich Neonazi-Skinheads als identifizierbare „Kämpfer“, als „politische Soldaten“ in der Tradition der SA imaginieren, haben AN eine andere Herangehensweise kultiviert. Unerkannt können sie ausschwärmen und sich für die Aktion zusammenfinden: Der Typus ihrer Selbstinszenierung ist der von urbanen Guerilleros oder von „Partisanen“, wie die „Autonomen Nationalisten Nord-West“ erklären: [An Stelle herkömmlichen Soldatentums] tritt der politische Partisan, der sich […] anonym in der Gesellschaft, die er ablehnt, bewegt, um sie gezielt im Sinne der nationalen Revolution zu unterwandern. (Röpke und Speit 2009, 30) Durch niemanden kontrollierbar, suchen die AN die Konfrontation. Bei Demonstrationen ist ihre Masse uniform – mit allen ästhetischen Konsequenzen. Völkische „Scheitel“ und Neonazi-Skinheads bevorzugen es, zum Takt von Trommlern zu marschieren, um die angestrebte Reinszenierung von NS-Paraden zur Vollendung zu bringen. AN hingegen haben sich der unregulierten Auseinandersetzung verschrieben, sie wollen sich von der Dynamik des Moments mitreißen lassen. Einen Gleich- oder Stechschritt streben sie bei ihren Demonstrationen nicht an. 340 Schulze, Etikettenschwindel Das Bekenntnis zu den eigenen politischen Zielen findet in der Stra- ßenpolitik der AN nicht über einen direkten Austausch mit einer Zielgruppe statt. Infostände, also gesprächsorientierte Formate, gibt es bei den AN nur selten. Die Ablehnung des „Systems“ und die eigene Ideologie werden stattdessen in konfrontativen Situationen kommuniziert: beim Parolenrufen auf der Demonstration, durch die Slogans auf den Transparenten, durch das „Rangeln“ mit der Polizei oder die Prügelei am Rande der Aktion. 5.4.3.7 Zur Farbe Schwarz im „schwarzen Block“ Mit der Einverleibung des linksradikalen „schwarzen Blocks“ durch die AN erhält die Nutzung der Farbe Schwarz durch Neonazis eine neue Akzentuierung. Schwarz hat als Symbolfarbe je nach Kontext unterschiedliche Bedeutungen, kann etwa für den Tod, für Macht und für Freiheitswillen stehen. In der Politik kann sie in Deutschland auf Konservatismus Abb. 27: Grafik „Wie die Fahne so der Block!!“ (Strassenkunst.info 2009) 341 Öffnungen, Entwendungen (etwa den der CDU) verweisen. Sie ist zudem beispielsweise Symbolfarbe im Islamismus (Sydow 2014) und wurde historisch im italienischen Faschismus genutzt („Schwarzhemden“). Auch im Nationalsozialismus wurde die Farbe genutzt, zum Beispiel in der Bezeichnung „Schwarzes Korps“ für die SS. Die ersten schwarz gefärbten Fahnen mit politischer Symbolkraft wurden vermutlich in Frankreich ab 1830 verwendet (Gaucher 1968, 29), in Deutschland könnten sie im Zuge des Hambacher Fests 1832 (Gube 1999, 5) erstmals verwendet worden sein. Eine frühe völkisch-nationalistische Deutung in Deutschland stammt von Arthur Moeller van den Bruck, der die schwarze Fahne zu einem Notund Widerstandssymbol nach dem Ersten Weltkrieg erklärte: Über Deutschland weht heute nur eine Fahne, die Zeichen von Leid und ein Gleichnis unseres Daseins ist: […] die schwarze Fahne der Not, der Demütigung und einer letzten Erbitterung, […] Banner des Widerstandes von Männern, die nicht in Ergebung ein Vernichtungswerk hinnehmen wollen, […] Banner des Aufbruches von Deutschen, die entschlossen sind, […] die Nation zu retten und das dritte Reich zu bewahren. (Moeller van den Bruck 1923, 177) In der völkischen Landvolkbewegung der Weimarer Republik wurde die schwarze Fahne mit genau dieser Bedeutungsabsicht verwendet. Als historische Herleitung diente die vermeintliche252 Nutzung der schwarzen Fahne in den Bauernkriegen des 16. Jahrhunderts durch Florian Geyer, dem als selbstlos und asketisch gezeichneten Anführer des „Tauberhaufens“. Diese „Invention of Tradition“ wurde bei der SS weitergeführt. Die 8. Kavalleriedivision der Waffen-SS war nach Florian Geyer benannt. In 252 Der neurechte Publizist Karlheinz Weißmann weist darauf hin, dass die Landvolkbewegung die Farbe irrtümlich in Verbindung mit den Bauernkriegen brachte: „[Landbund-Anführer Peter Petersen] wollte ursprünglich auch nur ein schlichtes schwarzes Tuch verwenden, entschloß sich dann aber, eine Bauernkriegsfahne zum Vorbild zu nehmen. Aus nicht mehr feststellbaren Gründen ging er davon aus, daß diese Fahne schwarz mit einem weißen Bundschuh gewesen sein soll. Historisch zutreffend ist, daß es eine einheitliche Fahne der aufständischen Bauern im 16. Jahrhundert nicht gab, der […] erwähnte Florian Geyer führte jedenfalls ein braungelb-grünes Banner, darauf gekreuzte Dreschflegel und Sense, der Ursprung der Bezeichnung ‚schwarzer Haufen‘ für seine Truppe ist unbekannt.“ (Weißmann 1991, 119–120) 342 Schulze, Etikettenschwindel den heutigen Resten der völkisch-nationalistischen Jugendbewegung setzt sich diese Symbolnutzung fort. Der „Freibund“ erklärt: Mehr als ein Vereinsabzeichen ist die Schwarze Fahne Ausdruck des Widerstandes gegen alle Fremdbestimmung. Ein Zeichen, das erstmals die Aufständischen im Bauernkriege von 1525 mit sich trugen und das fortan immer wieder auftauchte, wenn in Deutschland für Freiheit und Gerechtigkeit gestritten wurde. Die Schwarze Fahne drückt damit Einbindung unseres Bundes in die Geschichte und das Schicksal der deutschen Nation aus. (Freibund 2008) Neben Landvolkbewegung und bündischer Jugend nutzten in der Weimarer Republik Freikorps- und Wehrverbände schwarze Fahnen. Neonazis können die Farbe Schwarz und schwarze Fahnen nutzen und damit an diese rechtsradikalen Traditionslinien anknüpfen. Schwarze Fahnen sind ein Standardinventar neonazistischer Demonstrationen geworden. Häufig sind in der linken oberen Ecke der Fahne Herkunftsort oder Herkunftsregion der jeweiligen Kameradschaft in der an aus dem Nationalsozialismus stammenden Schrifttype „Tannenberg“ vermerkt. Von „Freien Kameradschaften“ wird das von Henning Eichberg geschriebene Gedicht über die Bauernkriege „Wer trägt die schwarze Fahne dort“ rezipiert und etwa auf Internetseiten von „Kameradschaften“ wiedergegeben. Die „Freien Kräfte Berlin Neukölln“ zitieren den Text („Denn überall wo das Unrecht herrscht, geht die schwarze Fahne empor“) und erklären, dass die Fahne ein Symbol des „Freiheitskampfes“ sei: „In dieser Tradition verwenden wir dieses Zeichen gegen Unrecht und Unterdrückung weiter.“ (Freie Kräfte Berlin Neukölln 2012, 2012) Im Leitfaden Freier Nationalist – mein Selbstverständnis ist das Gedicht ebenfalls abgedruckt (Autorenkollektiv 2003b, 12). Auch die Etikettierung als „Notfahne“ nimmt Bezug auf die Bauernkriege: Die schwarze Fahne ist eine Notfahne, welche erste Beachtung in den Bauernkriegen fand. Unser Volk und Land befindet sich auch heute wieder in Not! Also holen wir die schwarze Fahne wieder hervor. (Das Sturmsignal 2003) 343 Öffnungen, Entwendungen In der Zeitschrift Zentralorgan wurde 1998 die schwarze Fahne indes nicht nur als „Symbol der Not“ eingeführt, sie wurde auch zu einer leeren Fahne erklärt. Das Schwarz stehe anstelle des eigentlichen, zurzeit nicht nutzbaren Symbols der Bewegung – des Hakenkreuzes: Die schwarze Fahne ist das Symbol der Not in unserem Reich. […] Sie steht für den Kampf den wir führen in einer Welt des Hasses und der Zerstörung. Sie ist kein neues Symbol einer Bewegung […] Unser gemeinsames heiliges Symbol, für das wir kämpfen, wird erst wieder auf unseren Fahnen prangen, wenn wir dieses System vernichtet haben. (Zentralorgan 1998b, 25) Hier lässt sich eine, vermutlich absichtsvoll eingenommene, historische Parallele zur Weimarer Republik feststellen. Während der Zeit des SA- Verbotes 1924 und 1925 traten die entsprechenden Verbände als „Frontbann“ auf und nutzten als Ersatz für die SA-Symbole schwarze Fahnen, teilweise mit weißen Hakenkreuzen und Einheitsnummern beschriftet (Engelbrechten 1937, 371). Durch die Entwendung der linken Form des „schwarzen Blocks“ mitsamt dieser die Farbe beinhaltenden Bezeichnung, den schwarzen Fahnen und der schwarzen Kleidung ist im Fall der AN auch eine Verbindung zur linken Verwendungsgeschichte der Farbe Schwarz und auf linke Narrationen zu den Bauernkriegen hergestellt. In der DDR war beispielsweise ein Grenzregiment nach Florian Geyer benannt. Bei den linken Autonomen ist eine Bezugnahme auf die Bauernkriege zwar mitunter ebenfalls vorhanden (Langer 1997, 76), jedoch nicht mit der Farbe Schwarz verknüpft. In der bundesdeutschen wie internationalen radikalen Linken verweist Schwarz in erster Linie auf herrschaftskritische, anarchistische Denktraditionen (und damit auch auf eine Abgrenzung vom kommunistischen Rot). Schon 1849 hatte, so berichtet etwa der rechtsradikale Publizist Roland Goguillot, der Anarchist Michael Bakunin in Dresden die schwarze Fahne als Symbol proklamiert (Gaucher 1968, 29). 344 Schulze, Etikettenschwindel Der anarchistische Historiker George Woodcock leitet die Bedeutung der schwarzen Farbe für den Anarchismus unter anderem aus der Pariser Kommune ab.253 Er berichtet von einer Arbeitslosendemonstration: On March 9, 1883, an open-air meeting of the unemployed near the Invalides was broken up by the police, and about five hundred of the demonstrators, led by Louise Michel and Pouget, who was carrying a black flag […]. In the rue des Canettes the demonstrators, shouting ‚Bread, work, or lead!‘ pillaged a baker’s shop. Two other shops were similarly plundered and the bread they contained distributed to the marchers. (Woodcock 2004, 303) Die schwarze Fahne ist in der anarchistischen Lesart ein Anti-Symbol, das gegen alle anderen Symbole positioniert sei und die Ablehnung von Herrschaft kommunizieren soll. Es stehe gleichzeitig, so der Anarchist Howard Ehrlich, für Antinationalismus, Antiautoritarismus, für Wut auf die Verhältnisse und Hoffnung auf Veränderung: „Why is our flag black? […] The black flag is the negation of all flags. It is a negation of nationhood which puts the human race against itself and denies the unity of all humankind. […] So black is negation, is anger, is outrage, is mourning, is beauty, is hope […]. The black flag means all these things. We are proud to carry it, sorry we have to, and look forward to the day when such a symbol will no longer be necessary.“ (Ehrlich 1996, 31–32) Diese linken Traditionen der Nutzung von Schwarz werden von Neonazis zuweilen abgestritten. Das Infoportal Herne bezieht sich in seiner Affirmation der Farbe als Symbol für Nationalismus auf das Auftreten des frühen Neonazismus. Schwarze Kleidung sei kein Kennzeichen der Linken gewesen: 253 Schwarz war bereits im Zuge der Französischen Revolution zu einer antimonarchistischen, revolutionären Symbolfarbe geworden. Als verpflichtende Kleidung für den dritten Stand und somit als Platzanweiser für dessen niedrigen gesellschaftlichen Status war ein einfacher schwarzer Anzug vom König für die Versammlung der Generalstände 1789 bestimmt worden. Die Delegierten erklärten die einfache, schwarze Kleidung daraufhin zum bürgerlichen „Ehrenkleid“ (Wehinger 1992). 345 Öffnungen, Entwendungen Als die Linken in den ‘70er Jahren noch mit Hawaiihemd und Anzug Demonstrationen besuchten, kleideten sich junge Nationalsozialisten unter Kühnen aus Sicherheitsgründen vermummt und schwarz. (Infoportal Herne 2010) Die AN schließen sich vorrangig der tradierten Deutung der Farbe Schwarz in völkisch-nationalistischer Tradition im Sinne der gesamten „Freien Kameradschaften“ an. Die Farbe sei also als Symbol für Not und Widerstand zu verstehen. Das „Nationale und Soziale Aktionsbündnis Mitteldeutschland“ markiert die schwarze Fahne zusätzlich als eine Entwendung aus der Linken: Die schwarze Fahne ist ein Symbol gegen die Unterdrückung des einfachen Volkes. Überall dort wo das Unrecht herrscht, wird die schwarze Fahne als Zeichen des Widerstandes getragen. Die Entstehung und Bedeutung der Fahne findet sich eigentlich im anarchistischen und ‚linken‘ Bereich wieder. Besser gesagt war die schwarze Fahne damals ein Zeichen der Arbeiter und Bauern, gleich mit der roten Fahne. Da sich aber mittlerweile die Linke von dem Arbeiter demaßen entfernt hat und quasi nur noch die Nationale Opposition sich für deren Belange einsetzt, wurde die schwarze Fahne das Zeichen des Nationalen Widerstand. (NSAMD 2014a) Eine widerständige Tradition der Farbe bei den Linken wird eingestanden und in den Anarchismus eingeordnet. Die Linke habe sich jedoch längst von denen, die sie einmal vertrat, abgewendet. Für deren Interessen würde inzwischen „quasi nur noch“ der Neonazismus eintreten. Die Nutzung der schwarzen Fahne wird also zu einer Erbschaft umgedeutet – die für zahnlos erklärte Linke wird auch symbolisch durch die revolutionäre Kraft des Neonazismus ersetzt. 5.4.3.8 Exkurs: Hausbesetzungen als gescheiterer Versuch einer Form- übernahme Neben der Form des „schwarzen Blocks“ auf Demonstrationen wurde die Entwendung eines weiteren Inventarstücks der linken Autonomen diskutiert und soll deshalb nicht unerwähnt bleiben. Die Besetzung von Häu- 346 Schulze, Etikettenschwindel sern gehörte seit 1970 („Frankfurter Häuserkampf“) und verstärkt ab den 1980er Jahren (ab 1980/1981 in Westberlin) sowie mit einer zweiten Welle in den Jahren nach der deutschen Wiedervereinigung (ab 1990/1991 maßgeblich in Ostberlin) zum Repertoire der radikalen Linken und besonders der Autonomen. Mit den Besetzungen wurde einerseits in die jeweilige Wohnungspolitik interveniert. Es wurden jedoch auch – bei gezielter Übertretung von Gesetzen – „Freiräume“ und Treffpunkte zur Verlängerung der eigenen politischen Positionen in den Alltag etabliert. Die Utopie eines besseren Lebens jenseits von Staat und bürgerlichen Normen sollte sich im kollektiven Zusammenleben experimentell konkretisieren: „Wohnen ist wichtiger als das Gesetz.“ (Arndt 1992) Auch Neonazis versuchten, Hausbesetzungen in ihr Repertoire aufzunehmen. 1990 besetzten Mitglieder der „Nationalen Alternative“ ein Haus in Berlin-Lichtenberg. Die Bezirksverwaltung bot den Neonazis ein Ausweichobjekt in der Weitlingstraße 122 an, am 20. April (dem Geburtstag Hitlers) wurde ein Nutzungsvertrag abgeschlossen. Nach öffentlichen Protesten wurde das Haus wenig später von einem massiven Polizeiaufgebot gestürmt. Noch im gleichen Jahr erfolgte die endgültige Räumung. Der damals involvierte österreichische Neonazi Gottfried Küssel bekannte: Das Scheitern des Projektes lag darin begründet, dass die meisten, die darin wohnten überhaupt keinen Bezug zu den möglichen Auswirkungen hatten und lediglich eine große Spaßkommune zum Nulltarif darin sahen. Jene Berliner Kameraden, die versuchten das ganze Projekt ‚auf Vordermann‘ zu bringen aber, konnten sich gegenüber der Masse nicht durchsetzen. Somit wurden die anstehenden Sanierungsarbeiten nicht durchgeführt usw. Damit verlief sich die ganze Sache dann im Sande. Schade d’rum, da hätte man wirklich was daraus machen können. (Brehl 2009b) 1996 besetzten Neonazis eine leer stehende Großbäckerei im thüringischen Saalfeld. Eine Tarnorganisation des „Thüringer Heimatschutzes“, das „Aktionskomitee ‚Deutsche Jugend aus Saalfeld‘“, erklärte sich in einer Presseerklärung verantwortlich. Schon am Tag nach der Besetzung wurde das Gebäude durch die Polizei geräumt (Aust und Laabs 2014, 181–182). 347 Öffnungen, Entwendungen Mit dem Aufkommen der AN wurden Hausbesetzungen ungeachtet dieser Vorerfahrungen kurzzeitig erneut zu einem Thema. In Berlin etwa fanden ab 2003 mehrere Hausbesetzungen durch die frühen AN statt. Die Aktionen hatten allerdings nur symbolischen Charakter: An mehreren leerstehenden Häusern wurden Transparente befestigt, um der Forderung nach Einrichtung eines „nationalen Jugendzentrums“ Nachdruck zu verleihen (AIB 2004b). Die Aktionen waren Teil einer regelrechten, in mehreren jährlichen Demonstrationen mündenden Kampagne (Schulze 2008). 2003 kam es zu einer weiteren Aktion dieser Art in Lübeck. Im Juni wurde eine in städtischer Obhut befindliche Villa, die seit sechs Jahren leer stand, von Neonazis kurzzeitig besetzt. Die Aktion wurde durch einen Internetauftritt medial begleitet. Die Neonazis, die sich selbst als „Linksnationalisten“ bezeichneten und in der Rhetorik ihre antikapitalistische Ausrichtung unterstrichen, erklärten: Unter dem Motto ‚Schafft, zwei, drei, viele Alternativen‘ fordern wir daher die Überlassung der besagten leerstehenden Villa, um diese zum Aufbau eines in Lübeck völlig fehlenden selbstverwalteten Zentrums zur Pflege volkliche Kultur und nationaler Identität zu nutzen. Ein entsprechendes Nutzungskonzept ist im Rahmen unseres Projektes undogmatischer LinksnationalistInnen bereits in Arbeit befindlich. In diesem Sinne werden wir den Kampf für selbstbestimmte Freiräume als Grundlage der sozialen und somit auch nationalen Befreiung der Menschen weiterführen! Den Kapitalismus zerschlagen – regional, national und international! Für Freiheit, Identität und Selbstbestimmung – Alternativen schaffen! (Alternativen Schaffen 2003) Auch diese Aktion erschöpfte sich im Aufhängen von Transparenten an einem leeren Haus, weitere Ergebnisse hatte sie nicht. Im ersten Aufruf zu einem neonazistischen „schwarzen Block“ in Berlin, tauchte 2004 die Forderung nach „Besetzungen“ auf (Black Block At Berlin 2004). In der Rheinischen Straße in Dortmund gab es indes zwischen 2010 und 2012 eine regulär angemietete Immobilie, die den AN des „Nationalen Widerstands Dortmund“ (NWDO) als „Nationales Zentrum“ diente. Über diese Zeit hinweg entwickelte sich in dem Haus ein Bewegungs-„Freiraum“, der erst nach einer Durchsuchungsaktion der 348 Schulze, Etikettenschwindel Polizei, dem Kauf des Hauses durch die Stadt und endgültig mit dem Verbot des NWDO 2012 geschlossen wurde. Im Mai 2012 demonstrierten rund 450 Neonazis in Dortmund „gegen die politisch motivierte Verdrängung nationaler Deutscher“, nachdem das Szeneobjekt „R135“ gekündigt worden war. Um den Treffpunkt werde, so ein Demobericht, „ein Häuserkampf“ geführt (Autonome Nationalisten Vorderpfalz 2012). Die hier genutzte Vokabel „Häuserkampf“ kann dabei nicht nur als Bezugnahme auf den militärischen Häuserkampf, sondern auch als Anspielung auf die linken, autonomen Hausbesetzungen verstanden werden, im Zuge derer dieser Begriff ebenfalls genutzt wurde (Geronimo 1992, 56–59). 5.4.4 Form vor Inhalt, Aktion vor Programm: der faschistische Stil der AN Die AN haben die Praxis des „schwarzen Blocks“ in den Mittelpunkt ihrer Politik gestellt. Sie vertreten – wie noch ausführlicher dargelegt wird – einen experimentierfreudigen, im weltanschaulichen Kern aber orthodoxen Nationalsozialismus. Allerdings sind Gedanken über die Umsetzung und Ausgestaltung dieses Nationalsozialismus in den Äußerungen der AN rar gesät: „Konkretisierungen und Vertiefungen sind nicht zu finden, die Positionsbestimmung bleibt im Stadium der Verschlagwortung stecken.“ (Schlüter 2009, 21) Ihre diesbezüglichen Forderungen erscheinen oftmals phrasenhaft; sie sind, um mit Kurt Sontheimer zu sprechen, kaum mehr als eine Bündelung von „polemischen Begriffen“ (Sontheimer 1992, 323; Wamper et al. 2011, 284). Im Vordergrund steht die Inszenierung von Dynamik und Aktivismus, die sich rund um die Praxis des „schwarzen Blocks“ gruppiert. Am wortreichsten äußern sich AN, wenn sie in Internet-Diskussionsforen über sich selbst debattieren. Die Diskussionen im inzwischen abgeschalteten Onlineforum Das Freie Forum drehten sich dementsprechend schwerpunktmäßig um Fragen der Selbstinszenierung (Das Freie Forum 2005). Wenn sie Demonstrationen organisieren, sind Details wie die Aufstellung der Blöcke sorgfältig inszeniert, die Transparente in der Regel aufwändig gestaltet. 349 Öffnungen, Entwendungen Der „schwarze Block“ kann Entschlossenheit, Gewalt und Männlichkeit ausdrücken, was den neonazistischen Bewegungsbedürfnissen entgegenkommt, aber auch dies sind „nur“ Formgebungen ohne explizite inhaltliche Dimension. Fragen, inwieweit Form und Inhalt konsistent sind, werden von den AN in aller Regel ignoriert oder als Petitessen abgetan: Der „schwarze Block“ sei „keineswegs mit der nationalistischen Weltanschauung in Widerspruch“, denn der „Nationale Sozialismus“ sei eine „progressive Weltanschauung“ (Autonome Nationalisten Schmallenberg 2007). Nach Wahrnehmung eines Aussteigers unterscheidet die AN von anderen Neonazis neben diesen Formfragen die abweichende jugendkulturelle Anbindung: „Der Hauptunterschied ist, dass AN andere Musik hören, anders essen gehen, anders feiern gehen. Das dürften die Hauptschwerpunkte sein, und natürlich die Kleidung.“ (I2 2008) Das Primat der Form über den Inhalt, die Ästhetisierung des Politischen, eine Betonung der Emotion gegenüber dem Programm sind allerdings keine Besonderheiten der AN. Vielmehr lässt sich gerade anhand ihrer Formfixierung eine Kontinuitätslinie der AN zu faschistischen Traditionen aufzeigen. Faschismusforscherinnen und -forscher sehr unterschiedlicher Provenienz haben die Form-, Emotions- und Stilfixierung in historischen faschistischen Bewegung analysiert. Auch von faschistischen Denkern selbst ist dies betont worden. Mit Blick auf die Geschichte des italienischen Faschismus vermerkt Karin Priester, dass es ein grobes Missverständnis sei, Ideologie („Was?“) und Stil („Wie?“) gegeneinander zu stellen. Stil sei für den Faschismus nicht nur das Auftreten selbst, sondern eine „Frage der inneren Haltung“ – ein „Aristokratismus unter den Bedingungen einer Massengesellschaft“. Stil sei in diesem Sinne nicht etwa nur Transportmodus einer Ideologie, sondern ihr Inhalt selbst (Priester 2011, 280). Der Historiker Wolfgang Wippermann kommentiert über den italienischen Faschismus, dass schon in dessen Begriffshistorie „Faschismus“ noch keinen Inhalt bezeichne. Die 1919 von Mussolini gebildeten „fasci di combattimento“ (Kampfbünde) vertraten kein festgelegtes Programm und waren „insoweit inhaltsleer, als die Kennzeichnung als ‚bündlerisch‘ nichts über die Ziele […] aussagt“ 350 Schulze, Etikettenschwindel (Wippermann 1989, 2). Der Faschismus verfügte über keine spezifische Essenz, er war ein „verschwommener Totalitarismus, eine Collage aus verschiedenen philosophischen und politischen Gedanken, ein Bienenkorb an Widersprüchen“, bemerkte Umberto Eco (Eco 1995). Mussolini selbst dazu schon 1919: „Wir Faschisten haben keine vorgefasste Doktrin, unsere Doktrin ist die Tat.“ (Reichardt 2009, 25) Für Mussolini hatten Ideologien keinen Wahrheitsgehalt, sie bräuchten nicht einmal einen Wahrheitsanspruch. Es käme lediglich auf die Fähigkeit der Ideologien an, Energie zu mobilisieren und zu Durchsetzungsstärke zu bringen. So zitiert Veatch die Mussolini-Schrift Diuturna aus dem Jahr 1921: Everything I have said and done in these last years is relativism by intuition […] From the fact that all ideologies are of equal value, that all ideologies are mere fictions, the modern relativist infers that everybody has the right to create for himself his own ideology and to attempt to enforce it with all the energy of which he is capable. (Veatch 2003, 20) Ebenso war auch der frühe Nationalsozialismus „in der Substanz eklektisch“, wie Peukert analysiert (Peukert 1982, 292). Hermann Rauschnig hielt schon im Jahr 1938 fest, dass der Nationalsozialismus „nihilistisch“ sei, weil er habe kein Programm habe, sondern ausschließlich den Willen zur Machtakkumulation (Rauschning und Mann 1964). Adolf Hitler tat die Programme politischer Bewegungen despektierlich als bloße „äußere Formgebung“ ab. Programmarbeit war für ihn explizit nicht Teil der „wesentlichen Aufgaben einer Bewegung“, im Mittelpunkt habe die Glorizifzierung der eigenen Ideologie, die „gefühlsmäßig und mystisch“ sei, zu stehen (Hitler 1943, 512). Klaus Theweleit betont, dass in Texten über Hitlerreden von zeitgenössischen Berichterstattern kaum thematisiert wurde, was Thema der Ansprachen war. Hauptpunkt war Hitlers Charisma, das Pathos, mit dem er überwältigte: „‚Tief beeindruckt‘ hat er; sie begannen, ‚das Licht zu sehen‘, in Begeisterung versetzt. Sie schreiben nur von der Wirkung der Rede auf ihr Gefühl.“ (Theweleit 1986, 139) Der NS-Pädagoge Alfred Baeumler schrieb retrospektiv über die „Kampfzeit“, dass der Nationalsozialismus nur habe siegen können, weil „das Symbol 351 Öffnungen, Entwendungen auferstand und uns zusammenführte“. „Das Symbol“ gehöre zu einem ursprünglichen „Wir“. Der Bezug hierauf sei wichtiger als „politische und geistige Organisation“ und dieser Zusammenhang entziehe sich jeder Begründung: „Es ist einfach nicht möglich gewesen, über das Wort hinweg zum Verständnis des Nationalsozialismus zu gelangen.“ (Baeumler 1934, 132–133) Der Faschismus habe, so der Historiker George L. Mosse, die „bestehenden Gesellschaftsstrukturen“ im Kern bestehen lassen wollen und dennoch gleichzeitig von „Revolution predigen“ können (Mosse 1991, 328). Die Veränderung der Welt sollte über die „Umformung des subjektiven Bewusstseins (nicht der objektiven Verhältnisse)“ erreicht werden (Broszat 1969, 34–35). Umgewälzt werden sollten die „Werte- und Glaubenssysteme“, die faschistische Revolution war gewissermaßen eine „psychologische“ und weniger eine „inhaltlich-substanzielle Revolution“ (Kershaw 1988, 284). Auch Paxton hält es für ein typisches Merkmal faschistischer Bewegungen, dass diese anstelle eines formellen Programms auf „Bauchgefühle“ und „mobilisierende Leidenschaften“ setzen: Krisengefühle, Unterordnung des Individuums, Angst vor dem Niedergang angesichts eines zersetzenden Liberalismus, Autorität, die Ästhetik der Gewalt und das Recht von Auserwählten auf Herrschaft (Paxton 2006, 320). Die „ästhetische Faszination“ des Faschismus ergebe sich aus seinem Stil, nicht aus seinem Inhalt (Harth und Stölting 1986). Walter Benjamin erörterte die „Ästhetisierung der Politik“, die der Faschismus betreibe. Der Faschismus wolle die „überkommenen Eigentumsverhältnisse“ bewahren, seine Revolte sei ästhetisch und würde es erlauben, „Massenbewegungen größten Maßstabs“ zu mobilisieren (Benjamin 1963, 49). In der nationalsozialistischen politischen Werbung herrschte ein „Übergewicht der Emotion über das Programm“ vor (Brockhaus 1997, 56), bei den Anhängern ein Nebeneinander von Glaubensfanatismus und Desinteresse an politischen Inhalten, so die Sozialpsychologin Gudrun Brockhaus (Brockhaus 1997, 203). Eine Demontage des Nationalsozialismus anhand der Irrationalität seiner Aussagen sei darum schwer möglich gewesen, Inhaltliche Konsistenz war für die Nazis von geringem Interesse (Brockhaus 1997, 206). 352 Schulze, Etikettenschwindel Entscheidend war, hält Wolfgang Wippermann fest, was der frühe Faschismus praktizierte: Die Mitglieder der fasci, die fascisti, hatten sich bereits durch ihre politischen Taten einen Namen gemacht. […] Der Schöpfer […] der neuen politischen Bewegung hat selber immer wieder betont, daß Begriff und Sache des fascismo ein Produkt der ‚Tat‘, der ‚Aktion‘ seien. (Wippermann 1989, 3) Im Denken des Sozialphilosophen Georges Sorel, auf das sich faschistische Bewegungen immer wieder berufen254, ist eine Glorifizierung der Tat zu finden. Taten erlaubten Mythenbildung, und Mythen brauche es für die Entstehung und Aufrechterhaltung von Gemeinschaft. „[Es ging Sorel] vor allem um die Erneuerung der gemeinschaftsbildenden Kraft von Mythen, nicht aber um irgendwelche bestimmten Inhalte.“ (Lenk 2005, 56) Sorel selbst schrieb 1908: Ein Mythos kann nicht widerlegt werden, da er im Grunde das gleiche ist, wie die Überzeugungen einer Gruppe, da er der Ausdruck der Überzeugungen in der Sprache der Bewegung ist, und da es folglich nicht angeht, ihn in Teile zu zerlegen. (Sorel 1969, 42) Für Georg Lukács ist die Verbindung zwischen Sorels Mythos und faschistischer Ideologie offenkundig: Der Mythos von Sorel ist so ausschließlich gefühlsbetont, so gehaltlos, daß er ohne Mühe in den demagogisch gewendeten Mythos des Faschismus übergehen konnte. Wenn Mussolini sagt:  ‚Wir haben unseren Mythos geschaffen. Der Mythos ist ein Glaube, eine Passion. Es ist nicht notwendig, daß er eine Wirklichkeit sei. Er ist durch die Tatsache real, daß er ein Ansporn ist, ein Glaube, daß er Mut bedeutet‘, so ist dies der reine Sorel und […] ist darin zum Vehikel der Ideologie des Faschismus geworden. (Lukács 1962, 34) 254 Auch in der heutigen Zeit findet sich eine Sorel-Rezeption in der extremen Rechten. Jürgen Gansel etwa würdigt Sorel als einen „schillernden Prediger von Mythos und Gewalt“ (Gansel 2002, 18). 353 Öffnungen, Entwendungen Kurt Lenk findet in Sorels Mythos-Begriff ebenjene Aktionsfixierheit eingeschrieben: Sorels Lehre ist durchzogen von der glaubenslosen Glaubenssehnsucht, der formalen Bejahung der Aktivität als solcher, ungeachtet ihrer inhaltlichen Richtung und Ziele. Auch seine radikale Wendung gegen alles Bürgerlich- Liberale geschieht im Namen des Heroismus der ‚reinen Tat‘, der zugleich die entschiedene Absage an jedweden Kompromiss darstellt. (Lenk 2005, 56) Die „Bewegung“ und „die Tat“ realisierten sich auch über Demonstrationen, die emotionalisierend waren, Gewalt ästhetisierten oder praktizierten und von denen eine Faszination ausgehen sollte. So wie in den frühen 1920er Jahren die „Squadristi“ in den Arbeitervierteln der nord- und mittelitalienischen Städte eingedrungen und gewaltsam gegen Widerstände vorgegangen waren (Schmidt 2011, 264), versuchte der frühe Nationalsozialismus in die Arbeiterviertel einzubrechen. Eine „SA-Subkultur“ entstand, die eine Männergesellschaft war, mit Anziehungskraft auf ehemalige Soldaten, Arbeitslose und jugendliche Desillusionierte, deren Zusammenhalt über Kameradschaft, Aufmärsche, Prügeleien sichergestellt wurde (Reschke 2014, 106). Die Kampfdemonstrationen der SA sollten die Massen erst bekehren, dann beherrschen. Dazu musste der politische Feind, die organisierte Arbeiterbewegung, vernichtet werden (Balistier 1989, 203). Die Inszenierungen der marschierenden SA-Kolonnen zielten auf zweierlei: die Macht des Terrors, die Andersdenkende bedroht; zum anderen hatten sie eine sinnlich-ästhetische Qualität, die faszinieren, verunsichern und nach Möglichkeit in Besitz nehmen sollte. Die revolutionäre Aura der SA-Kampfdemonstrationen schöpfte sich aus dem nationalsozialistischen Bewegungskult, radikaler Entschlossenheit und der „antikapitalistischen Phrase“ (Balistier 1989, 203). Die junge nationalsozialistische Bewegung war „vage in der Krisendiagnose“, doch umso stärker auf charismatische Wirkung hin angelegt. Für die jungen Nazis bot die Bewegungspartizipation die Möglichkeit, ihre subjektiven Krisenerfahrungen zu verarbeiten. Versprochen wurde eine zukünftige Sicherheit und es wurde Gelegenheit geboten, eigene Ag- 354 Schulze, Etikettenschwindel gressionen auszuleben. Es entstand eine „atemlose Dynamik, die sich auf den immer jeweils nächsten Augenblick, die nächste Wahlkampagne, den nächsten Massenaufmarsch und die nächste Saalschlacht fixierte: der Rest würde sich schon irgendwie finden“ (Peukert 1982, 46–47). „Die Mobilisierung wurde selber zum Inhalt“ (Brockhaus 1997, 57) und die „Floskel ‚für Deutschland‘ ermöglichte den jungen Nationalsozialisten, ‚Hass und Gewalt‘ auszuleben“ (Brockhaus 1997, 58). Die SA-Männer waren an Abenteuer und Gewalt interessiert. Sie waren, so würde man es heute ausdrücken: „erlebnisorientiert“. Auch die Freizeitgestaltung und eben die emotionsgeladenen Abenteuer der Straßenkämpfe hätten jungen Männern den Beitritt zur SA attraktiv erscheinen lassen, hinzu sei das politische Heilsversprechen gekommen (Schmidt 2011, 269). Neben ihrem paramilitärischen Charakter war die Selbstinszenierung als junge, als jugendliche Kraft prägend für die SA. Alles „Alte“ wurde abgelehnt. Die SA-Angehörigen sahen sich als Akteure in einer unheilvollen Zwischenzeit, die es mit der Verve jugendlichen Tatendrangs zu überwinden gelte. Die SA kultivierte einen spezifischen „Lifestyle“, der ästhetisch vermittelt war und unter Jugendlichen verbreitete Muster aufgriff.255 Die Wichtigkeit der emotionalen Überwältigung wurde unter anderem von Goebbels, selbst in der „Kampfzeit“ im „Kampf um Berlin“ aktiv, offen eingestanden: „Es ist nicht so sehr von Belang, woran wir glauben; nur daß wir glauben.“ (Goebbels 1929, 31) Auch Ernst Bloch hatte ein Primat von Aktion und Affekt vor den inhaltlichen Fragen beobachtet. 1930 zitierte er einen jungen Nazi: „Man stirbt nicht für ein Programm, das man verstanden hat, man stirbt für ein Programm, das man liebt.“ (Bloch 1962, 65) Bloch sah eine Theorielosigkeit bei den Nazis, die dennoch ernst zu nehmen seien: 255 Vergleiche dazu den Beitrag von Hans Rudolf Wahl zur SA-Ästhetik anhand einer Analyse der Illustrierten Der SA-Mann (Wahl 2013). 355 Öffnungen, Entwendungen Nicht die ‚Theorie‘ der Nationalsozialisten, wohl aber ihre Energie ist ernst, der fanatisch religiöse Einschlag, der nicht nur aus Verzweiflung und Dummheit stammt, die seltsam aufgewühlte Glaubenskraft. (Bloch 1962, 65) Armin Mohler, Apologet der „konservativen Revolution“, konstatierte 1973, dass sich der Faschismus durch einen „physiognomischen Zugriff“ auf die Welt auszeichne (Mohler 1990, 85). Er erklärte zu seinem Begriff des „faschistischen Stils“:256 Im Bereich des Faschismus ist das Verhältnis zum Begriff nun einmal instrumental, indirekt, nachträglich. Voraus geht die Entscheidung für eine Gebärde, einen Rhythmus, kurz: einen ‚Stil’. Gewiss kann sich dieser auch in Worten ausprägen – der Faschismus ist nicht stumm, im Gegenteil: er liebt die Worte, aber sie sind nicht dazu da, einen logischen Zusammenhang festzuhalten. Ihre Funktion ist vielmehr, eine bestimmte Tonlage zu setzen, ein Klima zu schaffen, Assoziationen hervorzurufen. Der Weg zu abstrakten Begriffen, im Gegensatz zur Linken und zum Liberalismus, nur zögernd gesucht und schwer gefunden; meist führt er zu zufälligen und beliebigen Resultaten. […] Zusammengefaßt läßt sich sagen, daß Faschisten sich offensichtlich leicht mit Unstimmigkeiten der Theorie abfinden. Ihre Verständigung vollzieht sich auf direkterem Wege – eben über den ‚Stil’. (Mohler 1990, 86) Diese Erörterungen lassen sich auf die AN übertragen. Ihre Konzentration auf die Form, ihr Bewegungsenthusiasmus, die Phrasenhaftigkeit ihrer Parolen und Statements und die damit verbundenen Inkonsistenzen sind keine Zeichen von politischer Unernsthaftigkeit. Vielmehr sind die AN Vertreter eines „faschistischen Stils“. Die Emotionsgeladenheit ihrer Demonstrationsauftritte ist nicht nur jugendlicher Affekt, sondern Methode, um ihr politisches Projekt zu mystifizieren und ihrem Tun Sinn zu verleihen. Der „schwarze Block“ ist ihr präferierter Ort, an dem zur „Tat“ geschritten wird. Die damit verbundene Abenteuerlust ist eine Spiegelung der „atemlosen Dynamik“ der SA. Die Entwendungen aus der Popkultur 256 Der Begriff selbst stammt nicht von Mohler. Schon 1936 erörterte der faschistische Philosoph Giovanni Gentile die ästhetische Dimension des Faschismus und sprach ihm einen spezifischen „Stil“ zu (Gentile 1936, 55). 356 Schulze, Etikettenschwindel und der radikalen Linken sind aus der faschistischen Tradition legitimierbar, sie können Zielgruppen erschließen, ästhetisch überwältigen, faszinieren, Gewalt kommunizieren. Erlaubt sind den AN solche Entwendungen, weil sie ihnen zur Verwirklichung ihres Machtwillens opportun erscheinen. Widersprüchlichkeit brauchen sie nicht zu fürchten. 5.4.5 Fokus auf die Jugend und Abschied vom „Volk“ Trotz der AN-Präferenz für schwarze Kleidung sind die AN nicht darauf festgelegt, sondern ausdrückliche Befürworter und Beschleuniger von kulturellen Öffnungsprozessen, die eine gewisse „Buntheit“ der Bewegung erstreben. Musikalische Vorlieben, Haartracht und Kleidung sind für sie keine Indikatoren, an dem eine Bewegungszugehörigkeit festgemacht werden soll. Was zählt, ist der Einsatzwille „für Deutschland“. Eine Gruppe „Autonomer Nationalisten“ erklärt dementsprechend: Es spielt keine Rolle welche Musik man hört, wie lang man seine Haare trägt oder welche Klamotten man anzieht. Es geht um Deutschland und um nichts Anderes. Ultrakonservatives Gerede können wir nicht mehr hören. (Autonome Nationalisten Wuppertal / Mettmann 2006) Ähnlich äußert sich die „Nationale und Soziale Alternative Mitteldeutschland“: „Uns verbinden keine Klamottenmarken, keine Haarfarben oder nur eine Musikrichtung.“ (NSAMD 2014c) Die Abgrenzung über die Kleidung gegenüber anderen demonstrierenden Neonazis sei kein hauptsächliches Anliegen: „Der nationalrevolutionäre, schwarze Block unterscheidet sich nicht hauptsächlich durch sein Äußeres von den anderen Demonstrationsteilnehmern.“ (Militante Nationalisten 2011) Die „Grundsätze“ des Abb. 28: Ästhetisierung von Gewalt, Fixierung auf die Tat: „Nicht reden, sondern handeln!“ (AG Rheinland 2007) 357 Öffnungen, Entwendungen Nationalsozialismus bejahen die AN radikal, sie weigern sich aber ebenso klar, persönliche Einschränkungen hinzunehmen, um mit diesen in Einklang zu kommen. „[Ein ‚Autonomer Nationalist‘] ist offen für alternative Kultur. […] Das ist ein Bekenntnis zum Zeitgeist.“ (AIB 2009a, 19) In der Neonazi-Zeitschrift Fahnenträger wurde dies folgendermaßen ausgedrückt: Immerhin leben wir im Jahr 2004. Der bestehenden ‚Moderne‘ können wir derzeit nur selten widerstehen, da wir Teil des Ganzen sind und auch ein ‚Nationaler Widerstand‘ durchweg liberalisiert ist. (Laß 2004)257 Dieser relativen Liberalität werden Attribute wie „modern“ und „kreativ“ zugeschrieben, so etwa in einem Selbstverständnistext, der auf vielen AN- Internetseiten kursiert. Ein Widerspruch der eigenen „bunten Propaganda“ zu Grundsätzen des Nationalsozialismus wird verneint, da dieser seit jeher eine „progressive“ Weltanschauung sei. In dem Text erfolgt eine explizite Abgrenzung zu „szenetypischen Dresscodes“ und zu „subkulturellen Erscheinungsbildern“. Diese Akzentsetzung meint jedoch erkennbar nicht die eigenen Praktiken, sondern ist eine Abgrenzung zu den als „subkulturell“ empfundenen völkischen „Scheiteln“ und Neonazi-Skinheads: Der Autonome Nationalismus bezeichnet eine Agitationsform, welche sich die letzten Jahre innerhalb der nationalen Bewegung entwickelt hat. Eine eigene Weltanschauung o.Ä. ist mit AN nicht gemeint. […] Man grenzt sich ab von ‚szenetypischen Dresscodes‘, von subkulturellen Erscheinungsbildern und eindeutigen Erkennungszeichen. Man pflegt seinen eigenen Stil, man unterscheidet sich nicht von ‚herkömmlichen‘ Jugendlichen. […] [Man setzt] in rechtsautonomen Kreisen auf ein moderneres Erscheinungsbild. Man setzt auf moderne, buntere und ausgefallenere Propaganda. Dies äußert sich in Sprechchören, Transparenten, Internetseiten, usw. Das Interessante daran ist, dass es, auch wenn es von Kritikern – auch in den eigenen Reihen! – immer 257 Die Autorenkennung Werner Laß ist vermutlich ein Pseudonym. Werner Laß beziehungsweise Lass (1902-1999) war ein nationalistischer Jugendführer in der Weimarer Republik, unter anderem bei der „Freischar Schill“, und gab 1930 und 1931 zusammen mit Ernst Jünger die Wochenzeitschrift Die Kommenden heraus (Mohler 1989, 452). 358 Schulze, Etikettenschwindel wieder verneint wird, keineswegs mit der nationalistischen Weltanschauung in Widerspruch geräht. Der Nationale Sozialismus ist eine progressive Weltanschauung, das heißt dies muss sich auch im Erscheinungsbild bemerkbar machen. (Autonome Nationalisten Schmallenberg 2007) Auf einem Webportal von AN wurde Ende 2009 eine harsche Kritik an der Skinhead-Szene formuliert und damit verdeutlicht, dass es den AN doch um Binnendistinktion gehen kann, wenn sie sich gegen die Kultur in anderen Bewegungssegmenten äußern. Anstatt tatsächlich „politische Soldaten“ zu sein, würden Skinheads mit ihren „blanken 14-Loch Stiefeln“ mehrheitlich nur eine „pseudopolitische Spaßkultur“ zelebrieren (westfalen-nord.net 2009). Ein anderer Selbstverständnistext bestätigt das Eigenbild als „moderne ‚Nationale Sozialisten‘“ und akzentuiert die eigene Subkulturalität, die positiv gesetzt wird. Ziel sei es, Jugendkulturen „zu unterwandern“ und in die eigene Bewegung zu integrieren: Wir verstehen uns ausschließlich als neue und moderne ‚Nationale Sozialisten’. Als junge nationale Aktivisten, die den Kampf auf der Straße aufgenommen haben, um u. a. jegliche Jugendsubkulturen zu unterwandern und sie für uns zu gewinnen. (Aktionsgruppe Nordost 2014) Schon 2004 befand ein Forendiskutant, dass in den Jugendkulturen für die Bewegung nutzbare Potenziale vorhanden seien, die angesprochen und gewonnen werden müssten: Sollten wir langsam auf andere ‚Jugendsubkulturen‘ eingehen, vom Kleidungsstil absehen, sich um die Leute kümmern und ihnen den Weg zu uns Bereiten? Ich denke schon. (User Odenwaelder 2004) Solche Vorschläge lassen, bei allen sonstigen Unterschieden, eine Parallelisierung zu den Strategien der intellektuellen Neuen Rechten zu, wie sie von Benthin analysiert wurden. Das Ziel der Erringung einer „kulturellen Hegemonie“ mittels einer kulturrevolutionären Strategie inklusive einer spezifschen politisch-kulturellen Praxis mit Kampagnen und Protestmobilisierung (Benthin 2004, 49) kann auch den AN attestiert werden. Als 359 Öffnungen, Entwendungen Zielgruppe der AN, als Objekt ihrer Agitation und somit als potenzielles revolutionäres Subjekt werden in ihren Stellungnahmen in überwältigender Mehrheit Jugendliche benannt.258 Der Stil der AN ist darauf ausgerichtet, Jugendliche zu erreichen, die durch die tradierten Methoden allein nicht rekrutierbar wären. Die „Militanten Nationalisten“ erklären: [Wir wollen] die deutsche Jugend erreichen, die sich heut zu Tage einfach nicht mehr nur durch politische Inhalte überzeugen läßt, sehr wohl aber in Verbindung mit unserem Erscheinungsbild – Ausstrahlung von Stärke, Geschlossenheit, Gruppengefühl und kreative Gestaltung von Transparenten […]. (Militante Nationalisten 2011) Das Handbuch der Autonomen Nationalisten spricht das eigene Publikum explizit als „Jugendliche“ an. Der Staat würde alle deutschen Jugendlichen („egal welcher ‚Subkultur‘ du angehörst“) gängeln, und dagegen gelte es sich zu wehren. Die eigene Politik wird also ein juveniler Widerstand gegen ein volks-, wie jugendfeindliches System der Erwachsenenwelt ausgegeben (ANM 2008, 2). Auch sich selbst verorten die Autorinnen und -autoren explizit nach ihrem jungen Alter: „Wir wohnen alle in Deutschland und sind auch hier aktiv. Wir sind zwischen 16 und 25 Jahre alt.“ (ANM 2008, 3) Das eigene Tun wird als erlebnis- und abenteuerreich und somit jugendgerecht beworben: Wir bezeichnen uns als Nationalisten weil wir nationalistisch sind. […] Wir gehen auf Demos, Nationale Konzerte und veranstalten selber auch diese. Wenn du Bock hast kannst du auch gerne mal mitmachen um dich davon zu 258 Eine der Ausnahmen, in denen eine allgemeine Bevölkerung und nicht Jugendliche angesprochen wurden: Die Gruppe „Autonome Nationalisten Düsseldorf“ wandte sich 2007 beim Sankt-Martins-Umzug mit einem Flugblatt „an alle Geschäfte, an alle Bürger, an alle Christen“. „Muslimische Kinder und ihre Elten schubsen, drängeln und kämpfen wie Tiere“, um beim Umzug den „christliche Kindern“ ihre „heissbegehrten Süssigkeiten“ streitig zu machen, warnte die Gruppe und forderte: „Stoppt das muslimische St. Martin.“ Das Flugblatt sticht aus dem Fundus von AN-Materialien heraus, auch weil es sich im Text eigentümlicherweise auf eine friedfertige christliche Tradition positiv bezieht, aber mit einer AN-typischen, gewaltbejahenden Bildsprache (einem vermummten, Steine werfenden AN) illustriert ist (Autonome Nationalisten Düsseldorf 2007). 360 Schulze, Etikettenschwindel überzeugen das die ‚Nazis‘ gar nicht so schlimm sind, wie immer behauptet wird… (ANM 2008, 3) Auf der Internetseite der kurzlebigen „Autonomen Nationalisten Bundesweite Aktion“ (ANBA) wurde umrissen, was AN seien und dabei der Faktor Jugendlichkeit herausgestellt: Wir sind Jugendgruppen in Deutschland, nationale autonome Gruppen, die sich zum Ziel gemacht haben gegen die herrschenden Zustände in der brd anzukämpfen. […] Wir sind männliche und weibliche Jugendliche, sogenannte Autonome Nationalisten (AN), die sich in den jeweiligen Regionen zu einer Gruppe zusammengeschlossen haben. (Autonome Nationalisten Bundesweite Aktion 2008a) Im Oidoxie-Forum wurde bereits 2004 festgestellt, dass diese Ansprache erfolgreich verlaufe. Es sei Aufgabe der Bewegung, Jugendliche zu erreichen, dies funktioniere über den „Black Block“, und dieser sei darum ein pragmatisches Mittel zur Zielerreichung: Gerade im Bezug von ‚jüngeren‘ Herrschaften, die sich einfach nicht trauen an uns heran zutreten oder garnicht wissen was wir eigentlich machen. Ich denke da jetzt auch vor allem an die neuen Transparente, die ehrlich gesagt immer besser werden in Bezug auf Design und Sprüche. Sowas spricht die Leute an, das ist genau der richtige Weg! Und ein BB… [Black Block]? Warum nicht, wenn wir daraus einen Vorteil ziehen können bin ich ganz klar dafür. (User Hanse 2004) Ein Element der Jugendwerbung bei den „schwarzen Blöcken“ ist die vom Lautsprecherwagen abgespielte Musik. Die Nutzung von Popsongs erfolgt entlang der Logik dieser Zielgruppensetzung. 2005 wurde dementsprechend in einem Internetforum von „Kameradschaften“ aus der Region Rhein-Neckar über das Abspielen von Popsongs und Liedern linker Bands bei Neonazi-Demonstrationen diskutiert. Ein User: Die Frage nach der Musik ist halt zugleich die Frage, worin man den Zweck einer Demo sieht. Will ich v.a. die Bürger ansprechen, sollten wir eine strikte 361 Öffnungen, Entwendungen Kleiderordnung einführen und […] keine Ärzte oder RAC spielen. […] Wenn man primär neue Zielgruppen (Jugendliche) ansprechen will, dann sollte man auch neue Ausdrucksformen suchen. (User KarlKruppstahl 2005) Ein weiterer Diskutant führte an, dass mit Musik von Neonazi-Liedermachern wie Frank Rennicke kein Zuspruch in der Öffentlichkeit erzielt werden könnten: Wir wollen die Jugend ansprechen, kommen aber rüber wie die biedere Familie Schmidt von nebenan mit unserer Beschallung. Wie wärs mal mit was ganz anderem, zB was linkem von den Ärtzten? Die Antifa wird kotzen, der normale Jugendliche der noch halbwegs was im Hirn hat kennt das lied und Versteht was wir damit aussagen wollen, also er kriegts hin die Geistige Brükke zu schlagen. (User Rebel4Life 2005) Als konkreten Vorschlag benennt der Diskutant den Song Deine Schuld der Punkband „Die Ärzte“. Dass der politische Gegner („die Antifa“) sich über die Nutzung „ihrer“ Band ärgern würde, wird als positiver, provokativer Effekt aufgeführt, vor allem aber wirke die Musik attraktiv auf „normale Jugendliche“ und sei darum zielführend einsetzbar. Die Jugendlichkeit und die Bejahung von Konfrontationen bei den Straßenauftritten stehen in Konflikt mit den Bildern, die vor dem Aufkommen der AN vom Spektrum der „Kameradschaften“ öffentlich produziert werden sollten. Dort galt ein geordneter Ablauf von Demonstrationen als Ziel, um die Ernsthaftigkeit der eigenen Anliegen unterstreichen zu können. In einem Leitfaden aus diesem Spektrum ist ein Foto abgedruckt, auf dem demonstrierende Neonazis zu sehen sind, die vermutlich protestierenden Außenstehenden den Mittelfinger entgegenstrecken. Die Bildunterschrift weist die Begebenheit als Negativbeispiel aus: „Undisziplinierte Freizeitmentalität negiert die politische Außenwirkung. Diese Demoteilnehmer z. B. bekunden mit ihren Gesten zur Genüge, daß sie den Sinn einer Demonstration nicht verinnerlicht haben.“ (Autorenkollektiv 2003a, 5) Eine Abgrenzung nach außen, die per „Stinkefinger“ offensiv und beleidigend kommuniziert wird, sende im Bewusstsein der frühen „Freien Kameradschaften“ ein falsches Signal. Als Zielgruppe galt ihnen „das Volk“, 362 Schulze, Etikettenschwindel das durch solche Auftritte abgeschreckt werde. Auch die frühen „Freien Kameradschaften“ beklagten häufig die ideologische „Verblendung“ des „deutschen Volkes“, dessen eigentlich quasibiologischer „Volksgeist“ durch eine fortdauernde alliierte Umerziehung künstlich unterdrückt werde.259 Doch ihr revolutionäres Subjekt ist dennoch das „Volk“, das erst aufgeklärt und schließlich befreit werden müsse. Dazu brauche es eine Nähe zum Volk, die es aufzubauen gelte. Im Kameradschaftsblatt Zentralorgan wurde 1999 die Strategie der notwendig herzustellenden Volksnähe anhand des Erscheinungsbildes bei Demonstrationen und anhand der Kleidung bei den Aktionen diskutiert: Der Widerstand muß sich verstärkt darum bemühen, eine offene Solidarisierung im deutschen Volk hervorzurufen. Es ist deshalb wichtig, daß sich jeder von uns auch Gedanken über seinen Kleidungsstil auf öffentlichen Veranstaltungen macht. […] Bedenkt immer: Wir Freien stehen für die Ordnung – die Autonomen für das Chaos. Das muß das deutsche Volk auch an unserem Äußeren sehen können! (Zentralorgan 1999, 31) Die Zeitschrift stellte Regeln für den Kleidungsstil auf Demonstrationen auf – in bewusster Abgrenzung zum Erscheinungsbild von „volksfeindlichen“ linken Demonstrationen. Weil Uniformierung verboten sei, solle jeder Interessierte „in seiner Freizeitkleidung erscheinen“. Wegen politischer Repressionen würden sich viele Neonazis bei Demonstrationen mit Kapuzen, Tüchern und Schals vermummen. Dadurch enstehe ein Erscheinungsbild, welches auf die „Volksgenossen“ am Demorand „beängstigend“ wirken könne und das suggeriere, man wolle „Straftaten begehen“. Das Zentralorgan warnte: 259 Diese Figur des unterdrückten und geschmähten deutschen Volkes verweist durch ihre Ähnlichkeiten auch auf die Argumentationen der extremen Rechten in der Weimarer Zeit bezüglich des „Schanddiktats von Versailles“. Der rechtsextreme Autor Hans Kempe führt, um nur eines von vielen möglichen Beispielen zu nennen, diese Figur mit der „Schmach“ durch die alliierte Besatzung nach 1945 zusammen (Kempe 2005b). 363 Öffnungen, Entwendungen Das wir das nicht wollen, weiß der normale Bürger nicht! Er fühlt sich an Bilder aus den Medien erinnert, die vermummte Linkschaoten bei gewalttätiger Randale zeigen und ‚wirft‘ uns gedanklich mit denen in einen ‚Topf ‘. (Zentralorgan 1999, 31) Eine Tarnung sei unnötig, man solle „beherzt“ genug sein, „erhobenen Hauptes mit unserer ganzen Person – auch mit unserem Gesicht – für unsere Sache stehen zu können“. Um sich gegen Angriffe von politischen Gegnern gegebenenfalls wehren zu können, sollten „feste Kleidung, festes Schuhwerk und Lederhandschuhe“ zur „Grundausrüstung jedes Aktivisten“ gehören. Flecktarnanzüge und „Szenekleidung“ (genannt werden „Domestos-Jeans“) beschädigten den „positiven Eindruck in der Bevölkerung“ ebenfalls: „Wehrsport- und Tarnkleidung gehören in den Wald, nicht auf die Straße!“ (Zentralorgan 1999, 31) Ähnliche Warnungen sind auch in den Jahren seit der Etablierung der AN geäußert worden. 2013 etwa analysierte ein völkischer „Scheitel“ auf dem Portal Wacht am Rhein, dass die Bewegung dabei sei, eine „Parallelgesellschaft“ zu werden. Durch die um sich greifende „moderne Kulturlosigkeit“ verliere man die „Glaubwürdigkeit als Traditionalisten“ und vernachlässige es, Anschluss an die allgemeine Bevölkerung zu finden. Demonstrationen sollten darum „Ordnung, Ästhetik und Natürlichkeit“ ausstrahlen, „statt disharmonischer Asymmetrie durch möglichst zusammengewürfelte Kleidung“. „Ein junger Mann mit Kurzhaarfrisur, einem locker getragenen Hemd und natürlichem Erscheinungsbild“ sei überzeugender als „jemand, der im Gesicht tätowiert ist und seinen ganzen Körper mit Piercings und Tunneln verstümmelt […].“ Gleiches gelte für das Verhalten: Bei der Bahnfahrt zu Demonstrationen solle keine Musik gehört werden, im Bahnhof keine Parolen gerufen, am Sammelpunkt von Demonstrationen solle kein Müll hinterlassen werden, und Rauchen sei eine „hinderliche Sucht“. Ebensowenig sollten Polizeikräfte und Protestierende angepöbelt werden, denn: „anti-autoritäres Gehabe ist eine Sache für Anarchisten und Kommunisten.“ Man müsse sich von der „Spaßgesellschaft“ erkennbar distanzieren, um die Abgrenzungsreflexe in der Bevölkerung zu überwinden (Schreiber 2013). 364 Schulze, Etikettenschwindel Wie andere Neonazis glauben auch AN, einen vermeintlich herrschenden antinationalen Verblendungszusammenhang durchschauen zu können. Nur halten sie eine Befreiung des „Volkes“ derzeit für unmöglich und einen vorschnellen Versuch dazu deshalb für nicht erstrebenswert. Dass ihr „schwarzer Block“ auf Außenstehende, also auf das „Volk“, abschrekkend wirken könnte, erkennen AN zwar, halten die Kritik daran jedoch für verfehlt: „‚Zustimmung und akzeptanz beim bürger zu erreichen‘ bei welchem Bürger denn? Beim verblödeten brb umerzogenen mitt vierziger?“ (User A-N-R 2004) Aufgrund von „Medienhetze“ wirke man selbst ohnehin „eher abschreckend“, und darum sei „mit unserer Elterngeneration […] kein Blumentopf“ zu „gewinnen“, hält ein anderer Diskutant fest (User Odenwaelder 2004). Bei Demonstrationen geht es AN nicht in erster Linie darum, einer bereits bestehenden Position zu einem Gegenwartsproblem Öffentlichkeit zu verschaffen. Ein Forendiskutant, der sich für die „action“ verheißenden „schwarze Blöcke“ ausspricht, räumt ein, dass dieses Mittel nicht geeignet sei, um allgmeine Zustimmung zu erreichen: Es ist doch allen klar, dass wir durch unsere Demos auf den Durchschnittsbürger kaum Einfluß kriegen. Für so was sind Infotische, Flugblattaktionen usw. viel sinnvoller. Würden wir also die Demos nur aus dem Grund machen, den Bürger zu erreichen, könnten wir ja damit aufhören. (User KarlKruppstahl 2005) Es gehe aber vor allem darum, eine Selbstinszenierung zu gestalten, die den Beteiligten selbst gefalle. Auf Außenstehende einwirken zu wollen, sei aussichtslos und naiv. Die Angehörigen des „Volkes“, versinnbildlicht in der Rede vom „Normalbürger“, seien so stark verblendet, dass man auf sie keine Hoffnungen zu setzen brauche: Schon mal drüber nachgedacht was der bürger überhaupt von uns denkt? Bestimmt nichts gutes … Der ach so mündige Bürger, den man erreichen will, erreicht man bestimmt nicht durch von riesigen Bullenheeren abgeschirmte Demos. […] Welche Erfolge [hat] das jetzige Verhalten auf Demos gebracht? […] Was wollen wir? Den Schutz der eigenen Aktivisten oder uns weiterhin 365 Öffnungen, Entwendungen zum Affen halten lassen? Der Normalbürger interessiert sich einen Scheiss für uns … seht das doch endlich ein! Daher sollten wir endlich einen dicken Haufen auf den Bürger scheissen … (User Iskra 2004) Die Ansprache von „Bürgern“ sei zudem nicht glaubwürdig, da sie eine Anpassungsleistung seitens der AN voraussetze, die als „verlogen“ erscheine, argumentierte mit ähnlich harschen Worten 2005 ein Forendiskutant: „Mich dem Bürger schmackhaft machen? Scheiss ich drauf! Bürgernähe erzwingen? Verlogen! Ich bin kein Wolf im Schafspelz.“ (User Odenwaelder 2005) Ein ziviles Auftreten erscheint fast als Verrat an den eigenen Werten, durch den man sich zudem nicht einmal positive Effekte erhoffen könne: Ach ja, es schreckt den Bürger ab. Ich soll also lieber so tun, als wäre ich der brave junge Mann von neben an, damit der Bürger auf mich und nicht auf meine politischen Forderungen anspringt. Wir können auch so tun, als wären wir Sozialdemokraten, dann rennen uns die Bürger hinterher, jedoch vertreten wir nicht mehr das, für das wir stehen. […] [Wir könnten] uns nicht vermummen und die Bürger denken ‚Hey, was ist das? Da demonstrieren 500 Menschen’. [Sobald] sie sehen, dass es sich um Nationalsozialisten handelt, wenden sie sich von uns ab. Wir sind im Endeffekt nicht weiter gekommen. (User Freiheit 2004) Ein Neonazi aus Sachsen-Anhalt erklärte gegenüber Thein, dass durch das AN-Konzept Attraktivität unter Jugendlichen gewonnen worden sei, eine Abschreckung der „bürgerlichen Mitte“ dafür in Kauf genommen werden müsse: Die Organisationsform ‚Autonomer Nationalismus‘ halte ich für wesentlich, da diese eine ungeheure Dynamik und Kreativität innerhalb des Widerstandes freigesetzt hat, vor allem hat es das Interesse Jugendlicher geweckt. Für die bürgerliche Mitte ist diese Form der Organisation natürlich nichts, da es eventuell abschreckend wirken könnte. (Thein 2009, 186) 366 Schulze, Etikettenschwindel 5.4.6 Vermittlung im Internet Die Größe des Publikums, das direkt und unvermittelt über Demonstrationen erreicht werden kann, hat natürliche Grenzen. Dies gilt umso mehr, wenn kein allgemeines Publikum, sondern ein spezifisches wie die „Jugend“ erreicht werden soll. Zur Vergrößerung ihrer Reichweite nutzen die AN intensiv das Internet. Die eigenen Aktivitäten, Berichte über Demonstrationen und Appelle, sich der Bewegung anzuschließen, werden über eigene Internetseiten, über Blogs und soziale Medien verbreitet. Eine besondere Bedeutung haben die Videoclips, die von AN produziert und auf eigenen Seiten oder Portalen wie Youtube eingestellt werden.260 Die herausgehobene Bedeutung der Clips illustriert sich an der großen Sorgfalt, mit der sie produziert werden und an den im Vergleich zu Textbeiträgen höheren Zugriffszahlen – häufig im vierstelligen, manchmal im fünf- oder gar sechsstelligen Bereich). Stil und Selbstbild der AN lassen sich über die Videoclips mittels der Kombination von Ton, Text und Bild von mehr Perspektiven aus deuten, als es bei bloßen Textdokumenten der Fall ist. AN-Clips handeln vom eigenen Straßenaktivismus, präsentieren Demonstrationsszenen sowie eingespielte Sprechchöre und Aufforderungen, sich „einzureihen“. Länge und Stil sind von Musikvideos beziehungsweise von erfolgreichen Youtube-Clipformaten beeinflusst. Neonazis, die aus den mit MTV und Youtube aufgewachsenen Generationen stammen, produzieren für ein Publikum, das selbst diesem Altersspektrum angehört. Die häufig schnell geschnittenen und mit kurzen agitatorischen Stellungnahmen versehenen Demonstrationsbilder suggerieren Dynamik und 260 Die AN können so auch als Innovatoren für die Werbemethode des Internet-Videoclips in der extremen Rechten gewertet werden. Inzwischen setzt ein Großteil des Spektrums Internet-Videoclips ein, unter anderem die NPD. Dass die Nutzung des Internets durch Neonazis analog zum Wachstum der gesellschaftlichen Bedeutung des Internets anwächst, soll nicht Gegenstand der Erörterungen an dieser Stelle sein. Es sei nur angemerkt, dass einige ältere Publikationen vorliegen, die einen eventuellen Widerspruch in der Nutzung von (modernen) Netzdiensten durch (antimoderne) Rechte diskutieren (Schröder 1995; Fromm und Kernbach 2001). Die von den deutschen Bundesländern gegründete Institution jugendschutz.net zählte im Jahr 2013 eine Gesamtzahl von 5.507 deutschsprachigen rechtsextremen Angeboten im Internet (Hebel 2014). 367 Öffnungen, Entwendungen Entschlossenheit. Ein Aussteiger, der bei einem entsprechenden Internetprojekt mitarbeitete, beschreibt die Intention und Machart dieser Clips folgendermaßen: [Wir haben] dieses […] Ding gegründet, was halt absolut jugendorientiert war. Wo dieser ganze Erlebnisfaktor mit reinkam, bei den Demovideos. Wo die Charaktere, die in den Videos aufgetreten sind schon alternativer, moderner gekleidet waren. […] [G]enerell etwas lockerer, lässiger als […] früher. (I2 2008) Der Clip Kreativer Protest vom Projekt Media Pro Patria bedient sich der Ästhetik von Internetclips und Musikvideos, die der jugendlichen Zielgruppe vertraut ist. Unterlegt ist das Video mit dem Song Rebellion der Rechtsrock-Band „Sleipnir“, in dem der Geist des Widerstands beschworen wird: „Eine Jugend rebelliert, in den Städten, auf den Dörfern, wir werden immer mehr.“ (Sleipnir 2004) Dazu werden Bilder einer neonazistischen Aktion geschnitten, bei der „kreative“ Aspekte überwiegen: So mischen sich einige AN unter den Karnevalsumzug in einer westdeutschen Kleinstadt. Dem Anlass entsprechend sind einige der Neonazis bunt gekleidet. Eine junge Frau, in pink gepunktetem Rock und einem rosa Oberteil und ein schwarz gekleideter junger Mann tragen ein buntes Transparent. Auf diesem ist eine Comicfigur abgebildet. Darunter ist der Spruch „Kapitalismus schmeckt uns nicht“ zu lesen. Andere Neonazis sieht man Flugblätter an Passantinnen und Passanten verteilen. Zwischendurch tritt die Musik in den Hintergrund, man hört Parolenrufe „Nationaler Sozialismus – Jetzt!“ (Media Pro Patria 2008a). Das Video Stolberg Demo 2008 treibt die Pop-Ästhetik weiter. Wieder werden Demonstrationsszenen gezeigt, doch diesmal sorgt neben der hohen Schnittfrequenz eine verwackelte Kameraführung für weitere Dynamik. Eine entfesselte Handkamera vermittelt Authentizität. Zu sehen sind im zweieinhalbminütigen Clip vor allem Rangeleien der ersten Reihen des „schwarzen Blocks“ mit Polizeikräften. Die Musik im Hintergrund ist stellenweise leiser gestellt und lässt die Parole „Frei Sozial National“ durchhören (Media Pro Patria 2008c). Der Soundtrack ist ein Song der nicht- 368 Schulze, Etikettenschwindel rechten US-amerikanischen Hardcoreband „Blood For Blood“. Auch im Clip ist der Text deutlich verständlich – er hat keinen Bezug zum Demonstrationsmotto und enthält das Bekenntnis, „anti-social“ zu sein: „I got some kind of hate and I hate the mother fucking human race […] You call me anti-social, well you‘re fucking right!“ (Blood for Blood 2002) Ein Videoclip der Gruppierung „Nationaler Widerstand Dortmund“ aus dem Jahr 2008 (Nationaler Widerstand Dortmund 2008) versucht, mit actionreichen Bildern und Hiphop-Ästhetik Jugendliche für die eigene Gruppe zu rekrutieren. Unter dem Titel Beweg etwas in unserer Stadt stellen die AN ihren Aktivismus vor. Zu Beginn wird mit Farbdosen auf eine Wand gesprüht. Aus den zuerst groben Strichen entsteht – im Video per Zeitraffer beschleunigt – ein buntes Graffito, das den Schriftzug „Freiheit“ ergibt. In der nächsten Einstellung sitzen drei vermummte Neonazis vor dem Graffito auf einer Couch und sprechen das Publikum direkt an. Es folgen Szenen, in denen die Neonazis Plakate kleben, Aufkleber an Laternenmasten anbringen, für Demonstrationen Werbung machen. Dazwischen werden weitere Graffiti eingeblendet. Zu sehen sind Schriftzüge wie „Dortmund“, „NS“, „Frei Sozial National“, „NSBA“ und „Widerstand“. Gezeigt werden sodann Demonstrationsszenen, Aufnahmen von einem Rechtsrock-Konzert sowie eines nächtlichen Farbeiwurfs gegen ein Gebäude. Am Ende wenden sich mit Tüchern, Sonnenbrillen und Kapuzen vermummte, durch ein Bahngelände laufende Neonazis – zwei Männer und eine Frau – erneut an das Publikum (Nationaler Widerstand Dortmund 2008). Ein weiteres Beispiel für neonazistische Videoclips ist der zweiminütige Film „Deutscher, Augen auf!“ des Portals Volksfront Medien (Volksfront Abb. 29: Screenshot aus einem Videoclip (Nationaler Widerstand Dortmund 2008) 369 Öffnungen, Entwendungen Medien 2009).261 Anstatt auf Musik und Demonstrations-Action setzt der Clip auf Parolen, die von wechselnden Sprechern vorgetragen werden. Zwei der drei Sprecher tragen einen schwarzen Kapuzenpullover, einer von ihnen in Kombination mit Baseballcap und Sonnenbrille. Der dritte ist mit einem legeren beigefarbenen Hemd und einer Sonnenbrille bekleidet. Die Sprechbeiträge ergänzen sich zu einem Text, der nahezu keinen Baustein extrem rechter Ideologie auslässt: Deutscher, Augen auf! Du bist im Krieg! Das System fördert und schützt Homosexuelle, die bekommen keine Kinder! Das System fördert mischrassige Ehen, die bekommen auch keine deutschen Kinder. Das System fördert Abtreibung denn, da werden deutsche Kinder ermordet! Das System fördert Alkohol durch günstigen Verkauf und unternimmt nichts gegen Drogen, damit wir Deutschen krank und schwach werden! Das System verblödet unsere Kinder schon im Kindergarten und in der Schule, damit sie dumm bleiben und nie aufbegehren! Das System fördert antifamiliäre Subkulturen, damit das Volk zerstritten bleibt und keine Einigkeit herrscht! Das System beeinflusst durch gleichgeschaltete Medien Deine Gedanken! Das System redet Dir ein, dass Kinder bei der Selbstverwirklichung nur im Wege stehen! Dem Einzigen, dem deutsche Kinder im Wege stehen, sind die Auserwählten, diese One- World-Fetischisten! Die uns schon so oft und zum letzten Mal am 24.3.33 im ‚Daily Express‘ den Krieg erklärt haben! Der letzte Bombenkrieg, das war 45, aber ihr Krieg, der geht weiter! Sie blenden uns mit Alkohol, Drogen und Spaß! Das System holt Millionen Fremde ins Land, die uns nach und nach ersetzen sollen! Sie reden uns eine ewige Schuld ein, um ihre Verbrechen zu rechtfertigen! Wir sollen kuschen und auf ewig zahlen! Alles, was der westlichen Welt cool und modern ist, gilt nur, dass wir hirnlos dem Geld nachjagen! Vom großen persönlichen Glück träumen! Und nicht merken, dass wir nur Knechte und Sklaven des Kapitals sind! Dieser Krieg wird für sie erst zu Ende sein wenn der letzte Tropfen reinen Blutes aller Völker verflossen ist! Wenn sie die Weltherrschaft erhalten über den Einheitsmenschen ohne Moral und Gewissen! Augen auf, Du bist im Krieg! (Volksfront Medien 2009) 261 Das inzwischen eingestellte „Volksfront Medien“ war jedoch kein Projekt, das ausschließlich von AN gestaltet wurde. Zeitweise war beispielsweise der damalige Landesvorsitzende der NPD in Hessen beteiligt. 370 Schulze, Etikettenschwindel Der hier anklingende Anti-Hedonismus ist eher untypisch für die Argumentationen „Autonomer Nationalisten“ und auch für ihre Lebensrealität; typisch jedoch ist die Wendung am Ende des Clips, mit der zur aufgebauten Spannung eine Lösung – die Aktion – angeboten wird. Dies geschieht auch auf der Bildebene. Denn der abschließende Appell ist mit Aufnahmen von Demonstrationen bebildert. Zu ihnen ist als Voiceover zu hören: „Du hast ihr mieses Spiel durchschaut! Reih Dich ein, in die nationale Bewegung! Protest wird zu Widerstand! Denn bei diesem Unrecht wird es auch zu Deiner Pflicht! Das System hat Dir den Krieg erklärt! Es wird Zeit darauf zu antworten! Nach unser’m Sieg – nie wieder Krieg!“ (Volksfront Medien 2009) 5.4.7 Graffiti als Form und Werbemittel Ort der identitären Selbstverortung der AN ist die Straße – im Gegensatz zu Politikansätzen, die Wahlerfolge, Bildung oder die Produktion von Wissen in den Mittelpunkt stellen. Daneben haben die AN auch weitere Formen von Straßenaktivismus in ihr Aktionsrepertoire integriert. Dazu gehört die symbolische Markierung von Territorien. Im öffentlichen Raum werden Aufkleber, Parolen und Graffiti angebracht, um ein eigenes Revier zu kennzeichnen und einen Machtanspruch anzumelden. Als Medium dafür sind Graffiti (meist die simplen, „tags“ genannten Schriftzüge) aus der Praxis von Straßengangs bekannt. Linke Autonome nutzen Aufkleber, um Botschaften zu transportieren und Präsenz zu zeigen. Als Methode der Provokation und impliziten Drohung sind Schmierereien von Rechten schon aus der „Kampfzeit“ des historischen Nationalsozialismus bekannt und seit Jahrzehnten in der extremen Rechten anzutreffen. Dokumentiert ist etwa eine antisemitische und Hakenkreuz-Schmierwelle in Westberlin und Westdeutschland 1959 und 1960 (Jentsch 2011). Dem gegenüber steht allerdings, dass sich viele extreme Rechte durchaus gegen „Schmierereien“ aussprachen. Brehl berichtet über die Ansichten im Neonazismus der 1970er Jahre: „Kühnen hatte verboten, daß irgendwelches 371 Öffnungen, Entwendungen Privateigentum verunziert würde, schon gar nicht per Spraydose.“ Kühnen selbst soll gesagt haben: „Jedes vollgesprühte Haus ist mindestens eine Stimme weniger für uns!“ (Brehl 2009b) Auch im heutigen Neonazismus sind zahlreiche Statements zu finden, die die Markierung des öffentlichen Raums und dabei ganz besonders Graffiti als bekämpfenswerten Ausdruck undeutscher, illegaler und obendrein aus den USA stammender Unkultur (Altermedia 2009) ablehnen. Die AN nutzen Aufkleber, gesprayte Parolen und Graffiti in zahlreichen Varianten. Der 2006 gegründete Vertrieb Resistore aus Dortmund hat beispielsweise neben Sturmhauben für den „schwarzen Block“ auch Montana-Marker (besonders dicke, abwaschfeste Farbstifte) und Plakatund Aufklebermotive im Angebot. Es gehe darum, „nationale politische Abb. 30: Neonazi-Graffiti (o.l.: Strassenkunst.info 2011; o.r.: Strassenkunst.info 2014; u.: Kopfsteinpflaster 2016) 372 Schulze, Etikettenschwindel Aktivisten mit Propagandamaterial und anderen nützlichen Dingen“ zu versorgen (Resistore 2006). „We are ready for Materialschlacht“ wird von AN für die Bestellung von Aufklebern geworben (Freies Netz Hessen 2013, 9). Die Ablehnung der illegalen Gestaltung im öffentlichen Raum teilen sie nicht. Mit der Praxis der Reviermarkierung geht einher, dass die AN durch ihre symbolische Besetzung des öffentlichen Raumes in Konkurrenz zu Akteuren treten, die sich ebenfalls dieser Mittel bedienen – namentlich zu den schon genannten Straßengangs, zu den Autonomen und zu Streetart- Künstlern aus der Graffiti-Szene. Mit dem Aufkommen der AN haben auch großformatige Graffiti- Gemälde weite Verbreitung gefunden. Dies geht einher mit der an anderer Stelle beschriebenen Öffnung zum Hiphop und dessen Rap-Musik. Der Graffiti-Stil auch auf Plattencovern oder in der Gestaltung von Flugblättern und Webseiten gebraucht. Daneben kommen mit dem Graffiti verwandte Techniken aus der urbanen Street Art zum Einsatz: Stencils (Sprühschablonen) sowie Sticker Art (selbst bemalte Aufkleber) haben Verbreitung gefunden. In einem Videoclip der „NSBA Crew“ werden sowohl die Nutzung von Sprühschablonen gezeigt, als auch das Verkleben von Sticker Art, auf denen Slogans wie „Browntown“, „Nazi-Zone“, „Ausländer raus“ und „L58 bleibt“ zu lesen sind (NSBA Crew 2012). Die meisten dieser Botschaften dürften wegen der schwer entzifferbaren Schriftbilder und den oft hochgradig codierten Inhalten für Passanten kaum verständlich sein. „L58 bleibt“ etwa bezieht sich auf einen von AN genutzten Treffpunkt in der Lückstraße 58 in Berlin-Lichtenberg – eine Hintergrundinformation, die bei einem allgemeinen Publikum kaum vorausgesetzt werden kann. Seit 2007 existiert mit Strassenkunst.info ein szeneeigenes Internet-Portal, auf dem die Graffiti-Aktivitäten von AN dokumentiert sind. In einem Statement zur Gründung von Strassenkunst.info heißt es: In den letzten Jahren gab es eine enorme Wandlung im Nationalen Widerstand. Nationale Sozialisten können sich kleiden wie sie möchten und sind in der Gesellschaft verankert wie jeder andere Jugendliche auch. Diese Erneue- 373 Öffnungen, Entwendungen rung ist natürlich für Aussenstehende in erster Linie durch unser Auftreten und unsere Propaganda sichtbar […]. Genauso ist diese Entwicklung in zunehmendem Maße auch in der Graffitizene zu beobachten, denn wo bis vor kurzer Zeit noch stillos die Botschaften einfarbig an Wände gesprüht wurden, sind mittlerweile nationale Aktivisten auch in dieser Szene aktiv! (Strassenkunst.info 2007) Die Graffiti werden als Teil der „Wandlung im Nationalen Widerstand“, also als Teil der kulturellen Öffnung des Neonazismus eingeordnet, die eigenen Graffiti von Strassenkunst.info offen als „Propaganda-Instrumente“ bezeichnet. Der Vermerk, dass „in dieser Szene“ nun auch „nationale Aktivisten“ aktiv seien, dürfte weniger auf eine Überschneidung von Hiphop-Szene und AN hindeuten, sondern ein Verweis darauf sein, dass der Neonazismus sich eine neue Praxis einverleibt hat. Den bereits erwähnten Vorbehalten gegen Graffiti im Neonazismus wird im selben Text Folgendes entgegen gehalten: Wir nannten das Ganze ‚strassenkunst.info‘ weil wir uns nicht anmaßen wollen solche Art von Kunst mit wirklich deutscher Kunst zu vergleichen oder gleichzustellen. Es ist lediglich eine Plattform auf der Leute ihre Entwürfe und Bilder veröffentlichen sollen, um zu zeigen wie kreativ der Nationale Widerstand ist. (Strassenkunst.info 2007) Die Übernahme einer bisher dem Neonazismus fernstehenden jugendkulturellen Technik wird hier eingestanden. Die Entwendung wird als legitimes Instrument im Bemühen um eine Modernisierung eingeordnet. Dafür wird durch die AN ein Widerspruch zwischen einer hochzuhaltenden „wirklich deutsche[n] Kunst“ und den eigenen kulturellen Ausdrucksarten unterstrichen, im gleichen Schritt jedoch für unbedeutend erklärt, da es lediglich darum ginge, „kreativ“ zu sein. Nicht einmal eine Nähe zur im nationalsozialistischen Sinne „guten Kunst“ wird beansprucht – „gleichzustellen“ sei nicht die Absicht von Strassenkunst.info. Graffiti als Straßenkunst, in die sich auch politische Botschaften jedweder Art integrieren lassen, sind für die um Propaganda und Straßenaktivität bemühten 374 Schulze, Etikettenschwindel AN attraktiv. Das Flair der Illegalität und der Subversion der urbanen Kultur kommen ihnen entgegen. Widersprüche zu tradierten nationalsozialistischen Kulturidealen können darum weitgehend ignoriert werden. Was zählt, sind der erhoffte propagandistische Effekt und die Lust an der eigenen Aktivität. 5.4.8 Faszination und Feindschaft: Entwendungen aus der radikalen Linken Die Übernahmen aus der Linken gehen über Formen wie den „schwarzen Block“ hinaus – sie betreffen auch die Ebene von politischen Parolen und Symbolen. Ihre „Zeichenspiele“ (Wamper et al. 2011, 299) sind eigentümliche Zeugnisse von Faszination und paralleler Abscheu für die Linke. Insbesondere die Symbole der linken Autonomen sind Gegenstand dieser Entwendungen. Wenn hier in dieser Hinsicht von Entwendungen die Rede ist, dann ist damit nicht postuliert, dass Autonome originär ihnen zustehende Symbole „besitzen“ würden. Im Gegenteil, auch ihre Symbole sind historisch, sie wurden kombiniert aus den Beständen älterer linker Bewegungen, aus Jugendkulturen und der Popkultur. Korff hält fest, dass bei Autonomen ein „Symboleklektizismus und -synkretismus“ am Werke sei; ein „vielfältiges Symbolgemisch“ sei zu finden, das sich aus verschiedenen „industriegesellschaftlichen Protestkulturen“ speise (Korff 1991, 33). Dennoch kann die Indienstnahme der Symbole des Feindes als Entwendung betrachtet werden. Schließlich werden genau die Fragmente geraubt, die das Gegenüber als besonders schlagkräftig erscheinen lassen. Man macht ihm diese Kampfesmittel streitig und bringt sie für sich selbst in Anschlag. Schon 1994 sah Bergmann im Zuge der mit den Neonazi-Skinheads beginnenden Kulturalisierung des Neonazismus Anzeichen für diese Tendenzen, die er als „parasitäre Partizipation“ einordnete (Bergmann und Erb 1994a, 11). 375 Öffnungen, Entwendungen 5.4.8.1 Konflikt mit den Linken: „Anti-Antifa“-Politik der AN Die Ausweitung der Demonstrationspolitik des Neonazismus hat dafür gesorgt, dass Neonazis anderen Konfliktsituationen und Kontrahentinnen und Kontrahenten ausgesetzt sind als früher. Dazu gehört etwa die Polizei, der häufig die Gängelung von „nationalen“ Demonstrationen vorgeworfen wird. Jedoch stehen die Neonazis durch ihre Demonstrationen auch häufiger als früher in direktem Konflikt mit ihren Feinden. Diese Konfrontationskonstellation schafft neue Erfahrungshorizonte: Das Auftreten von Linken wird unmittelbar erlebt, die direkte Konkurrenz in einem abgesteckten Raum erfahrbar. In diesem „Kampf um die Straße“ erscheinen die Linken im Vergleich zu anderen Konfliktparteien als besonders konsequent, außerdem als jugendlich und zuweilen maskulin-kämpferisch. Was den Linken zur Inszenierung taugt, wird stärker als zuvor wahrgenommen, weshalb es naheliegend scheint, diese „Waffen“ daraufhin zu prüfen, ob sie für die eigenen Zwecke taugen. Die Entwendungen werden nicht trotz, sondern wegen der Konfrontationsstellung zur Linken vorgenommen. Die Linke soll nicht überzeugt, abgeworben oder zu einer Bündnispartnerin „gegen das System“ gemacht werden, sie soll mithilfe der Übernahmen bekämpft werden. Die Abneigung und Feindschaft gegen Linke ist bei den AN nicht weniger stark ausgeprägt als bei anderen Neonazis. In der historischen Frontstellung fällt es ihnen leicht, Position zu beziehen. Der „Nationale Widerstand Berlin“ warf in einem eigens geschriebenen Flugblatt Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg vor, „Verrat am deutschen Volk“ begangen zu haben, weil sie „Volksfeinde und Mitbegründer der Kommunistischen Partei Deutschlands“ gewesen seien (NW-Berlin 2010b). Im Neonazismus sind besonders die Autonomen ein klassisches Feindbild. Bilder von vermummten Linken werden seit Jahrzehnten zur Illustration der ausgemachten Missstände in Deutschland genutzt (Mauerspringer 1983). Während die Rechten umfassenden Repressalien ausgesetzt wären, wüteten „militante Autonome“ „meist ungestraft“. Der „rote Terror“ werde vom Staat nicht nur geduldet, sondern genutzt und gefördert (Links 2000). „Anti-Antifa“ wurde in den 376 Schulze, Etikettenschwindel 1990er Jahren zu einer wichtigen Kampagne des Neonazismus. Seit der Entfaltung der neonazistischen Demonstrationspolitik und der Etablierung der „Freien Kameradschaften“ ist dieses Thema konstant präsent, bei den AN hat es an Bedeutung gewonnen. So beobachten AN im Rahmen ihrer „Anti-Antifa“-Arbeit politische Gegner und sammeln Informationen. In Dresden wurde 2007 die Existenz einer mit zahlreichen persönlichen Details und Daten ausgestatteten „Anti-Antifa“-Datei bekannt, in der Angaben über rund 100 Personen abgelegt waren. Aufgenommen wurden Angehörige der Antifa, Gewerkschaftsmitglieder, Mitglieder der Partei „Die Linke“, Hochschullehrerinnen und -lehrer und zivilgesellschaftlich Aktive (AIB 2007a). Ähnliche Datensammlungen sind aus anderen Regionen bekannt. In Berlin veröffentlichten die AN ihre „Anti-Antifa“-Recherchen auf dem Portal nw-berlin.net. Es existieren auch Versuche, solche Datensammlungen im Verbund bundesweit zu veröffentlichen. Ein (letztlich mit nur wenigen Informationen gefüttertes) Portal antifa-leaks.info erklärte 2012: Wir sind die Antwort auf linksextreme Internetverbrecher, welche unter Einsatz schwerkrimineller Methoden, persönliche Daten von Menschen veröffentlicht haben […], welche in den Augen linker Faschisten als ‚Rechts‘ gelten. […] Wir reißen den Linken Verbrechern die Maske vom Gesicht. […] Die Täter kennen, ist der wichtigste Punkt zum Selbstschutz vor linken Faschisten. […] Antifa-Banden zerschlagen! (Antifa-Leaks.info 2012) Der Absatz spielt auf die „Operation Blitzkrieg“ der Hackergruppe „Anonymous“ an, die 2012 eine Plattform unter dem Titel nazi-leaks startete. Dort wurden zahlreiche Daten aus Hack-Angriffen auf extrem rechte Internetseiten und Versände abgelegt, teilweise auch persönliche Daten, inklusive Adressen von Bestellern (focus.de 2012). Auch wenn die Gruppe „Anonymous“ nicht zur Linken zu zählen ist, verweist das Zitat auf diesen realen Hintergrund. Von Seiten der Antifa werden extrem Rechte öffentlich „geoutet“ und dabei teilweise die Grenzen des Persönlichkeitsrechts überschritten. Auch gewaltsame Angriffe werden zuweilen durchgeführt (Mannewitz 2012). Neonazis inszenieren „Anti-Antifa“ gleichzeitig als 377 Öffnungen, Entwendungen offensiv-gewalttätiges Vorgehen und als Reaktion, als Verteidigungshandlung. Erzählungen über die Effizienz und Bedrohlichkeit der Antifa werden tradiert, und weil das Tun der Linken so wirkungsmächtig erscheint, erscheint das Umkehren des Spießes qua „Anti-Antifa“ entsprechend erfolgversprechend. Vereinzelt sind Bemühungen publik geworden, durch das Einschleusen von Spitzeln die gegnerische Seite auszukundschaften. AN aus Dortmund berichteten 2014 mit erkennbarer Abscheu und einer Betonung der Unterschiede zwischen „nationaler Bewegung“ und „Antifa-Szene“ über die Innenverhältnisse beim politischen Gegner: Ist es in der nationalen Bewegung jederzeit möglich Anschluss zu finden, sich zu engagieren und soziale Kontakte zu knüpfen, ist die linke und insbesondere die Antifa Szene von Misstrauen untereinander zerfressen. Der Begriff ‚Kameradschaft‘ und ‚Solidarität‘ wird gänzlich anders gedeutet und gelebt als in nationalen Strukturen. Zwangloses Miteinander, ‚Smalltalk‘, ‚gemeinsames Erleben‘ beispielsweise erfolgt in linken Kreisen ausschließlich über politisches Engagement. Leben im Dunstkreis der organisierten Antifa ähnelt einem perfiden Sektendasein, nach völlig anderen Normen und Wertvorstellungen. (DortmundEcho 2014) In anderen Stellungnahmen scheint neben der Ablehnung eine Bewunderung für Linke durch. Die „Autonomen Nationalisten Haltern“ erinnerten 2013 an den Todestag von Horst Wessel, der 1930 „brutal“ von einer „roten Mörderbande“, so der Bericht, getötet worden sei. Die AN zitierten dazu ausgerechnet einen Tagebucheintrag Wessels, in dem dieser seinen Gegnern Respekt bekundet und Idealismus bescheinigt: Ich mußte jede politische Richtung verstehen lernen, und dabei kam ich dahinter, daß es im roten Lager ebensoviel, vielleicht sogar noch mehr fanatische, opferbereite Idealisten gibt, wie auf der Gegenseite. (Autonome Nationalisten Haltern 2013b) Für die Durchführung von „Anti-Antifa“-Arbeit benötigtes Material wird durch Schulungen oder über Internetseiten zur Verfügung gestellt. Das Projekt Sicherheitshinweise für Nationalisten beschreibt in einer eigenen Ru- 378 Schulze, Etikettenschwindel brik, wie „Anti-Antifa“-Arbeit erfolgen solle. „Recherche“ sei die Grundlage dieser „politischen Arbeit“, dabei sei ein „konspiratives Vorgehen“ vonnöten. Elektronische Medien sollten ausgewertet, der Feind beobachtet und sein Tun dokumentiert werden.262 Zur Informationsbeschaffung wird das Einsehen behördlicher Register empfohlen (s-f-n.org 2014). Die gesammelten Informationen werden von AN teilweise genutzt, um gegen identifizierte Feinde vorzugehen. Eine „Anti-Antifa“-Gruppe berichtete im Internet neben Flugblatt-Verteilaktionen zur „Aufklärung der Bürger“ über einen „Hausbesuch“ bei einem Linken; dazu gestellt sind Adressdaten und Fotos des Wohnhauses (Anti Antifa Ludwigsburg 2012). Zeit Online berichtete 2013 über die Recherchen einer „Anti Antifa Nürnberg“, auf die mehrere Anschläge folgten. Unter anderem wurde das Auto einer Familie in Brand gesetzt, ein Jugendzentrum überfallen, die Scheiben eines linken Stadtteilladen eingeworfen und die Reifen des Autos vom Sprechers eines „Bürgerforums gegen Rechts“ zerstochen (Müller 2013). Die bereits erwähnte Datensammlung der Berliner AN diente offenbar ebenfalls als Grundlage für Angriffe. „Nicht wenige“ der dort gelisteten Adressaten wurden zum Ziel von rechtsextremen Brandanschlägen und anderen Angriffen, berichtet die Berliner „Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus“. Ein Beispiel ist die Kinder- und Jugendeinrichtung Anton- Schmaus-Haus des linken Jugendverbandes „Die Falken“. Das Haus war auf nw-berlin.net gelistet und wurde ebenfalls in einer internen Nachricht genannt, verbunden mit dem Aufruf, „den Terror der Roten“ zu brechen. Es folgten zwei Brandanschläge. Im Oktober 2012 wurde der Zaun am Grundstück großflächig mit Hakenkreuzen, Runen und dem Schriftzug „Ihr interessiert uns brennend“ besprüht (Klose und Wehrhahn 2013b). In Kiel kam es im Mai 2009 zu „regelrechten Jagdszenen“, als „Autonome Nationalisten“ jugendliche Linke verfolgten und verprügelten. Im Schutz der Dunkelheit wurden einige Monate vorher innerhalb weniger Wochen 262 Am Rande von neonazistischen Demonstrationen sind tatsächlich häufig eigens abgestellte „Anti-Antifa“-Fotografen zu beobachten, die eventuell präsente Protestierende, Blockadeaktionen, Journalisten und zuweilen auch Polizeibeamte abfilmen und -fotografieren. 379 Öffnungen, Entwendungen die Scheiben in mehreren linken Wohnprojekten und einem Buchladen eingeworfen. Die „Aktionsgruppe Kiel“, eine lokale Gruppe „Autonomer Nationalisten“, bekannte sich auf ihrer Internetseite zu diesen Taten (Gerber 2009). Auch Schedler hebt die Gewalt der „Anti-Antifa“-Praxis hervor: „Ob Anschläge auf Parteibüros wie jene von Bündnis90/Die Grünen oder Die Linke, alternative Cafés und private Wohnhäuser oder Überfälle auf Gruppen wie Einzelpersonen – wer sich gegen Neonazis engagiert, wird zum Ziel von Drohungen und Gewalttaten.“ (Schedler 2009, 345) Neben Recherchetätigkeit und einem daraus folgenden Aktionismus ist „Anti-Antifa“ bei den AN zu einem wichtigen Gegenstand der Agitation geworden. Sehr häufig werden von AN bei Demonstrationen Transparente mitgeführt, die ihre Opposition zur Linken ausdrücken. „Bekämpft den Terror von Links!“, forderten AN bei einer Demonstration in Suhl 2006 (AGST 2006). Bisweilen werden Demonstrationen auch gänzlich diesem Thema gewidmet. In Berlin demonstrierten 2009 rund 750 Neonazis bei einem Aufmarsch der AN unter dem Motto „Vom nationalen Widerstand zum nationalen Angriff“. Hintergrund war ein Zwischenfall an der Neonazi-Kneipe „Zum Henker“ im Stadtteil Schöneweide, bei der ein Neonazi-Skinhead so schwer verletzt worden war, dass er ins Koma fiel. Es sei „sicher, dass dieser Angriff aus der linksextremistischen Szene kam“, erläuterte der Aufruf. Die Tat sei „besonders feige und rücksichtslos“ gewesen, wie es bei linker Gewalt „an der Tagesordnung“ sei. „Wir müssen uns alle bewusst sein: es hätte jeden von uns treffen können!“ (Apabiz 2009)263 Daneben ist „Anti-Antifa“ zu einem modischen Slogan geworden, der auf Kleidungsstücken wie T-Shirts (front-records.com 2013; Allegro 2014), Ansteckern (nationales-versandhaus.de 2014b; wikingerversand.de 2014), Gebrauchsgegenständen wie Kopfkissen (streetfightversand.de 2014) oder in Internet-Videoclips (Anti-Antifa Produktion 2014) ständig reproduziert wird. „Anti-Antifa“ ist also nicht nur eine politische Kampagne mit ent- 263 Polizeiliche Ermittlungen hatten indes schon vor dem Demonstrationstermin ergeben, dass es sich um eine Auseinandersetzung unter Kneipengästen gehandelt hatte (Schnedelbach und Kopietz 2009). 380 Schulze, Etikettenschwindel sprechender Praxis, sondern dient auch als sloganhaftes Bekenntnis zur eigenen Gesinnung, die sich über die Abgrenzung zu den Linken vollzieht. 5.4.8.2 Entwendungen: Daten, Parolen, Symbole, Ikonen Neben den Übernahmen aus den Jugendkulturen und in Form des „schwarzen Blocks“ werden durch die AN Symbole aus der radikalen Linken übernommen – trotz und gerade wegen der explizierten Feindschaft zur Linken. Zu diesen Entwendungen ist etwa die Okkupation des symbolträchtigen Datums des 1. Mai für Neonazi-Demonstrationen zu zählen, dem „Tag der Arbeit“ beziehungsweise dem „internationalen Kampftag der Arbeiterklasse“. Zwar werden bereits seit rund 20 Jahren durch den Neonazismus Demonstrationen zum 1. Mai veranstaltet (Scharnberg 2015, 121), die Bedeutung dieses Datums hat im Zuge des Erstarkens der AN jedoch zugenommen und geht mit der im Spektrum typischen „antikapitalistischen“ Haltung konform. Von 2006 bis 2011 wurden in wechselnden Städten Demonstrationen veranstaltet (antikap.de 2011), die jeweils als „Tag der nationalen Arbeit“ firmierten. AN beteiligen sich zudem an anderen, etwa von der NPD veranstalteten Neonazi-Aufzügen. Die Besetzung des 1. Mai durch AN stellt gleich in doppelter Hinsicht eine Entwendung dar. Einmal wird der 1. Mai der gegenwärtigen radikalen Linken übernommen. Besonders die seit 1987 stattfindenden Aufzüge in Berlin-Kreuzberg werden von „schwarzen Blöcken“ angeführt und bedienen die von AN angestrebten Bilder von Gewalt und Systemopposition. Zum zweiten bezieht sich das Datum des 1. Mai bei Neonazis auf die historische Vorlage aus dem „Dritten Reich“. Eine häufige Parole ist „1. Mai – arbeitsfrei seit 1933“. Die Aufmärsche der Nazis zu diesem „Schlüsseldatum im Kampf um die Seele des deutschen Arbeiters“ (Bons 1989, 20) waren in der NSDAP nicht unumstritten (Scharnberg 2015, 124). Tatsächlich war jedoch im Jahr 1933 der 1. Mai als „Tag der nationalen Arbeit“ zum Feiertag erklärt worden. „Arbeit“ war im Nationalsozialismus ein zentraler Begriff der Volksgemeinschaftsideologie (Scharnberg 2015, 124); als „Tag der Volksgemeinschaft“ 381 Öffnungen, Entwendungen (Scharnberg 2015, 127) war er Teil der Integrationsbemühungen der Nazis in Richtung Arbeiterschaft. Ein weiteres Datum, das von AN okkupiert wurde, ist der „Weltfriedenstag“ beziehungsweise „Antikriegstag“, der in der DDR seit den 1950er Jahren und in der Bundesrepublik seit den 1960er Jahren zum 1. September – dem Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkrieges 1939 – begangen wird. Zwischen 2005 und 2011 mobilisierten AN zu einem „Nationalen Antikriegstag“, der alljährlich Anfang September in Dortmund stattfand. Dieser neonazistische „Antikriegstag“ war in der Zeit seiner Existenz ein bundesweiter Hauptanziehungspunkt für AN. Besondere Betonung fanden bei den Demonstrationen, an denen jeweils zwischen 200 und 1.000 Personen teilnahmen, die Felder „Antiimperialismus“ und Geschichtsrevisionismus. Die Verantwortung Deutschlands für den Zweiten Weltkrieg wurde bestritten und eine Parallele vom Heute zurück zur damaligen Situation gezogen: So wie sich Deutschland damals zur Wehr hätte setzen müssen, stehe gegenwärtig ein ähnlicher Abwehrkampf gegen „imperialistische“ Mächte wie die USA und Israel an. Eine allgemeine, gar pazifistische Kriegsgegnerschaft wurde nicht artikuliert. Die friedensbewegte Parole „Nie wieder Krieg!“264 wurde im Zuge des „nationalen Antikriegstages“ so verlängert, dass aus ihr eher ein Aufruf zu einem neuen Krieg sprach: „Nie wieder Krieg, nach unser’m Sieg!“ Bei den verwendeten Parolen sind gleichfalls zahlreiche Entwendungen durch AN zu beobachten.265 Auf Demonstrationen werden aus dem „schwarzen Block“ einerseits Parolen in Sprechchören skandiert, die seit Jahren zu den Standards des Neonazismus zählen. Einige Beispiele: „Nationaler Sozialismus – Jetzt!“, „Frei! Sozial! Und national!“, „Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen“ oder „Hier marschiert der na- 264 Als Vorlage dürfte auch manchen AN die 1924 von Käthe Kollwitz erstellte Lithographie mit der Aufschrift „Nie wieder Krieg!“ bekannt sein. 265 Ergänzen ließe sich die Verwendung von Zitaten, die aus der Linken stammen und durch AN genutzt werden. Beispielsweise wird der Bertolt Brecht zugeschriebene Ausspruch „Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht“ von AN als T-Shirt-Aufdruck verwendet (Schulze 2011b). 382 Schulze, Etikettenschwindel tionale Widerstand!“. Daneben kommen Parolen zum Einsatz, die direkt aus der radikalen Linken stammen, oder die Abwandlungen von linksradikalen Vorlagen sind.266 Eine Auswahl: AN Vorlage aus der Linkena „Hoch die nationale Solidarität!“ „Hoch die internationale Solidarität!“ „Gegen System und Kapital, unser Kampf ist national!“ „Gegen Staat und Kapital, unser Kampf ist international!“ „Nie, nie, nie wieder Israel!“ „Nie, nie, nie wieder Deutschland!“b „Ob Ost, ob West, nieder mit der roten Pest!“ „Ob Ost, ob West, nieder mit der braunen Pest!“ „Bürger, lasst das Glotzen sein – auf die Straße, reiht euch ein!“ Unverändert. „Gebt den Zecken die Straße zurück – Stein für Stein!“ „Gebt den Nazis die Straße zurück – Stein für Stein!“ „Für die Bonzen steht ihr da – antideutsche Antifa!“ „Für die Nazis steht ihr da, Marionetten, hahaha“c „[Ortsname], wir sind da – eure Anti- Antifa!“ „[Ortsname], wir sind da, autonome Antifa!“ „Für die Freiheit, für das Leben – Linke von der Straße fegen!“ „Für die Freiheit, für das Leben – Nazis von der Straße fegen!“ “No justice – no peace! Fuck the police!” Unverändert.d „Kein Vergeben, kein Vergessen, alliierte Kriegsverbrechen!“ (AN Wetzlar 2010) „Kein Vergeben, kein Vergessen!“ „Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten! Und wer schaut zu? Die CDU!“ „Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten? Und wer war mit dabei? Die grüne Partei!“e „Hasta la Vista, Antifascista!“ „Alerta, alerta, antifascista!“ 266 Die Neonazi-Parolen sind bei der Beobachtung der einschlägigen Demonstrationen dokumentiert worden. Sie decken sich größtenteils mit einer Auflistung in einem internen Diskussionspapier aus den Kreisen der AN (o.A. 2008). 383 Öffnungen, Entwendungen „Wer, wenn nicht wir, wann, wenn nicht jetzt? Nationaler Sozialismus, jetzt, jetzt, jetzt!“ „Wer, wenn nicht wir? Wann, wenn nicht jetzt? Für den Kommunismus, jetzt, jetzt, jetzt!” „BRD, Bullenstaat, wir haben dich zum Kotzen statt!“ Unverändert. „Ihr werdet’s nicht vermuten – wir sind die Guten!“ Unverändert. „Israel ist Scheiße, ihr seid die Beweise“ (Vlanze Graphics 2015) „Deutschland ist Scheiße, ihr seid die Beweise“ „US-Imperialisten sind Mörder und Faschisten!“ „Deutsche Polizisten – Mörder und Faschisten!“ „Israel, internationale Völkermordzentrale! „USA, internationale Völkermordzentrale!“ „Hass, Hass, Hass wie noch nie! All cops are bastards – A.C.A.B!” Unverändert. „Bambule, Randale, rechtsradikale!” „Bambule, Randale, linksradikale!“ „Friedlich oder militant – nationaler Widerstand!“ „Friedlich oder militant – wichtig ist der Widerstand!“f a Die Vorlagen sind einer Parolensammlung auf der Internetseite Anarchopedia entnommen (anarchopedia.org 2015). b Die linke Vorlage geht auf ein Marlene Dietrich zugeschriebenes Zitat zurück, die damit eine Rückkehr aus den USA nach Deutschland ausgeschlossen hatte. Die Parole wurde vor allem Anfang der 1990er Jahre bei Demonstrationen gegen die deutsche Wiedervereinigung verwendet (Analyse & Kritik 1990). c Die Vorlage wird zuweilen bei Protesten gegen Neonazi-Demonstrationen in Richtung der Polizei gerufen, der ein „Beschützen“ der Rechten vorgeworfen wird. Die Neonazis rufen ihre Übernahme in Richtung der Protestkundgebungen. d Der erste Teil der Parole („No Justice – no peace“) wurde von deutschen radikalen Linken übernommen und stammt aus antirassistischen Protesten in den USA, wo sie vermutlich in den späten 1980er Jahren entstand (Zimmer 2013). e Der Anfangsteil „Wer hat uns verraten – Sozialdemokraten“ war eine kommunistische Parole im Nachgang der von der SPD mitgetragenen Kriegskredite für den Ersten Weltkrieg. Auch als Parole des „Roten Frontkämpferbundes“ kam sie in der Weimarer Republik zum Einsatz: „Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten! Wer macht uns frei? Die Kommunistische Partei!“ f Der umgekehrte Fall, die Übernahme oder Abwandlung von Neonazi-Parolen durch Linke, ist nicht zu beobachten. Einzige Ausnahme, die festgestellt werden konnte, war „Hier krepiert der Nationale Widerstand“. Die Parole wird zur Verächtlichmachung des neonazistischen „Hier marschiert der Nationale Widerstand“ zuweilen rechten Demonstrantionen entgegen gerufen. 384 Schulze, Etikettenschwindel Die unverändert übernommenen Parolen sind politisch richtungslos und waren darum für Neonazis unmittelbar verwendbar. Die Mehrheit der Parolen zeichnet sich durch manchmal kleine und manchmal größere sprachliche Änderungen aus, durch die der Sinn der Parolen ins Gegenteil verkehrt oder in eine andere Richtung gelenkt wird. Dies gilt für die linken Parolen, die auf eine längere Tradition verweisen genauso wie für die neueren Parolen: Aus dem traditionsreichen „Hoch die internationaler Solidarität!“ wird „Hoch die nationale Solidarität!“, aus der neueren Antifa-Parole „Nazis von der Straße fegen“ wird „Linke von der Straße fegen“. Eine besondere sprachliche Kreativität ist nicht auszumachen, zumeist wird sich damit begnügt, die Feindmarker entsprechend der neonazistischen Bedürfnisse auszutauschen („rot“ statt „braun“, „Israel“ statt „Deutschland“). Was für die Parolen gilt, gilt ebenso für Symbole, Fahnen und Ikonen. Es folgt eine Auswahl von grafischen Elementen, die aus der Linken stammen und durch AN entwendet wurden: Neonazismus Vorlage aus der Linken Abb. 31a: Deutsche Stimme 2010 – Abb. 31b: coretexrecords.com 2014 385 Öffnungen, Entwendungen Neonazismus Vorlage aus der Linken Abb. 32a: Refugees not welcome 2016 – Abb. 32b: black-mosquito.org 2013 Abb. 33a: widerstand.info 2005 – Abb. 33b: Delgado 2013 Abb. 34a: Widerstand Streetart 2011b – Abb. 34b: gnwp.cz 2015 Abb. 35a: Widerstand Streetart 2010 – Abb. 35b: letsfightwhitepride.de 2015 386 Schulze, Etikettenschwindel Neonazismus Vorlage aus der Linken Abb. 36a: Recherche Nord 2014 – Abb. 36b: grandioso-versand.de 2008 Abb. 37a: Schulze 2011b – Abb. 37b: keinbockaufnazis.de 2006 Abb. 38a: Autonome Nationalisten Ahlen 2008a – Abb. 38b: nadir.org 2000 Abb. 39a: Widerstand Streetart 2011a – Abb. 39b: pestundcholera.de 2013 387 Öffnungen, Entwendungen Neonazismus Vorlage aus der Linken Abb. 40a: nationales-versandhaus.de 2014a – Abb. 40b: roter-shop.de 2015 Abb. 41a: Recherche Nord 2014 – Abb. 41b: Presseservice Rathenow 2017 Abb. 42a: Hardcores Finest 2012– Abb. 42b: rootsofcompassion.org 2012 Abb. 43a: Ditsch 2003 – Abb. 43b: Rote Aktion Mannheim 2014 388 Schulze, Etikettenschwindel Auch hier ist eine fast grenzenlos scheinende Bereitschaft zu Entwendungen zu erkennen. Symbole, die von der historischen Linken oder den linken Autonomen geprägt wurden und bis heute weiter Verwendung finden, haben AN in zahlreichen Varianten übernommen. Aus „Good Night White Pride“ machen AN „Good Night Left Side“; aus dem zerschlagenen Hakenkreuz mit der Forderung „Gegen Nazis“ wird ein zerschlagenes Anarchiezeichen267 und „Gegen Chaoten“268; aus „Kein Bock auf Nazis“ wird „Kein Bock auf Israel“. Zum Motiv einer stilisierten flüchtenden Kleinfamilie wird der Slogan von „Refugees welcome“ zu „Refugees not welcome“ verändert. Durch Änderungen in grafischen Details oder den zugehörigen Schriftzügen wird die Botschaft abgewandelt; meist sind es simple Umkehrungen. Manchmal, wie im Fall einer linken Broschüre mit dem Titel Der Polizeistaat lädt nach, wurde von AN die grafische Gestaltung für das Layout eines Transparentes übernommen. In einem anderen Fall wurden Symbolelemente rearrangiert: Für „Tierrechte“ engagierte Linke nutzen eine Kombination aus Menschenfaust, Tierpfote und Stern als Emblem – die Zusammenstellung wurde von Neonazis übernommen und nur der Stern durch ein Hakenkreuz ausgetauscht. Eine eindeutige Symbolsprache, die gegen solche Übernahmen abgesichert ist, ist schwer herstellbar. Dies zeigt das Beispiel der um das Jahr 2001 gestarteten antifaschistischen Kampagne „Good Night White Pride“. Das Kampagnenlogo wurde von AN adaptiert und zu „Good Night Left Side“ umdeklariert. Kurz darauf wurde von den linken Kampagnenmachern ein neues Logo mit dem Slogan „Let’s Fight White Pride“ erstellt. Die Bildsprache des neuen Logos reflektiert möglicherweise Diskussionen um den Sinngehalt des alten Logos, denn es ist im Gegensatz zum Vorläufer nicht gewaltästhetisierend und zeigt zudem eine stilisierte Frau – auf Martialität und Männlichkeitsfixierung wird im Gegensatz zum ersten Logo verzichtet. Dennoch wurde das Motiv von Neonazis schnell übernommen 267 Gemeint ist ein „A“, das durch einen Kreis eingefasst ist. Schon seit dem späten 19. Jahrhundert ist es als Symbol für den politischen Anarchismus bekannt (Woodcock 2004, 8). 268 „Zecke“ ist ein geläufiges Schimpfwort für Linke. 389 Öffnungen, Entwendungen und zu „Let’s Fight a Left Side“ abgeändert. Beide Adaptionen sind im Neonazismus weiterhin verbreitet. Das Kürzel „HKN KRZ“ nahm das in der Linken genutze Motiv „FCK NZS“ zum Vorbild. Es müssen jeweils die Vokale hinzugedacht werden – gemeint ist „Fuck Nazis“; während die Neonazi-Übernahme „Hakenkreuz“ meint. Zahlreiche Motive dieser Art sind belegt, etwa „FCK AFD“ auf der Linken oder „FCK RFGS“ bei den Neonazis. Das linke Motiv enthält schon eine popkulturelle Referenz: Die Machart – zwei mal drei Großbuchstaben, durch Balken gerahmt – erinnert an das Logo der 1982 gegründeten US-Hiphop-Band „Run DMC“ (rundmc.com 2015). Nur wenige Grafiken scheren aus der Umkehrungslogik aus. Das Foto des maskierten Subcomandante Marcos (von der linken mexikanischen Guerillabewegung EZLN) wurde für einen Aufkleber mit der Aufschrift „Nationaler Sozialismus oder Untergang“ in Dienst genommen. Das zeitweise in der Linken populäre Bildnis des maskierten Revolutionärs ist so weit verfremdet, dass es für eine allgemeine Öffentlichkeit kaum identifizierbar sein dürfte. Entwendet wurde vor allem die Sturmhauben-Ästhetik, die Abbildung des Zapatisten hingegen diente möglicherweise keinem weitergehenden Zweck. Zu einem manchmal gebrauchten Kleidungsstück der AN hat sich das Palästinensertuch (eigentlich arabisch: „Kufiya“) entwickelt. Seit den 1970er Jahren und besonders im Zuge der ersten Intifada 1987 kam das Tuch in der radikalen Linken in Mode. Es galt insbesondere unter antiimperialistisch ausgerichteten Autonomen als Statement, das Solidarität mit den palästinensischen Widerstandsbewegungen von PLO bis PFLP ausdrücken sollte. Durch die Nutzung wurde es zeitweise als „radical chic“ zu einem Symbol für die radikale Linke. Besonders seit dem Beginn der 2000er Jahre sind der Antiimperialismus und somit auch das Tragen des Tuches zu einem Gegenstand von Kritik innerhalb der Linken geworden. Das politische Statement, das damit verbunden ist, sei als antiisraelisch, antizionistisch und letztlich antisemitisch zu verurteilen (JD/JL Berlin 2002; Liberté Toujours 2004). Seitdem ist die Verbreitung des Tuches in der Linken zurückgegangen, aber nicht verschwunden. Parallel zur Nut- 390 Schulze, Etikettenschwindel zung in der Linken ist das Palästinensertuch seit den 1980er Jahren in Jugendkulturen verbreitet und wurde in den 2000ern zeitweise zu einem internationalen Modeaccessoire. In dieser modischen Vereinnahmung ist es nicht mehr bewusst mit einer politischen Positionierung des Nutzers verknüpft. Das Palästinensertuch war zeitweise bei Modehäusern wie C&A im Sortiment (lizaswelt.net 2006) und Designer Karl Lagerfeld ließ sich mit einem solchen Tuch um den Hals ablichten (berliner-zeitung.de 2011). Das verstärkte Aufkommen des Tuches in den Reihen der Neonazis fällt mit dem Aufkommen der AN, der innerlinken Kritik an dem Kleidungsstück sowie der allgemeinen modisch-„unpolitischen“ Popularität des Kleidungsstückes zusammen. Mittlerweile ist die neonazistische Nutzung wieder zurückgegangen. Als allgemeines Symbol für die Linke war die Nutzung des Tuches einerseits eine Entwendung, mit der Vokabeln wie „Antiimperialismus“ und „Antizionismus“ einverleibt werden konnten. Gleichzeitig transportiert die Nutzung durch Neonazis – ohne, dass es dafür einer Explizierung bedürfte, die in den Neonazi-Quellen tatsächlich nicht zu finden ist – einen Mehrwert. Als Symbol für antiisraelischen Widerstand ist das Tuch in der Nutzung durch Neonazis eine Affirmation des eigenen offensiven Antisemitismus. Es dient im Kampf gegen den „Weltfeind“ des Judentums, den die Nazis schon vor Jahrzehnten führten und der von den Neonazis im per Modesymbol kommunizierten imaginären Bündnis mit Palästina auf neuen Ebenen weitergeführt werden soll. Im letzten der hier aufgeführten Fundstücke werden mehrere rote Fahnen an der Spitze einer neonazistischen Demonstration getragen – die Fahnen waren gegenüber dem Original völlig unverändert, eine Umkehrung oder Einordnung durch die neonazistischen Nutzer gab es nicht. Die Demonstration fand im Jahr 2003 in Berlin statt, also in der Phase der Entstehung der AN. Umstehende reagierten irritiert auf diese ebenso überraschende wie unerklärte Nutzung des universellen Symbols der Linken. Auf Nachfrage wurde einerseits erklärt, die Fahnen sollten zeigen, dass „wir die wahren Sozialisten sind“ (kanalb.org 2003), andererseits hieß es, 391 Öffnungen, Entwendungen dass „noch zwei Elemente auf den Fahnen fehlen“ würden, es sich also um abgewandelte Hakenkreuzfahnen handele (AIB 2004a). Die Breite und Vielfalt der neonazistischen Entwendungen dieser Art legen die Vermutung nahe, dass Entwendungen nahezu entgrenzt stattfinden. Die Funktion von Symbolen als zeichenhafte Verdichtungen von Ideen, als „mediale Abkürzungen für Ideologien“ (Korff 1991, 32) ist geschwächt. Ihre tradierte Bedeutung, das, worauf sie als „Orientierungszeichen“ hindeuten, ist von geringerer Wichtigkeit, vor allem sind sie „Bastelund Spielelemente“, die ihre „politische Signifikanz und Instrumentalität“ tendenziell verlieren (Korff 1991, 19). Der „‚magische‘ Gebrauch“ von Symbolen im Neonazismus, so Kohlstruck, stelle die Subjekte der Symbolnutzung in den Mittelpunkt: Es sei vorrangig die Interpretationsleistung der Symbolnutzenden, die die Symbole mit Bedeutung auflade (Kohlstruck 2002, 103). Allerdings sind den Entwendungen durchaus Grenzen gesetzt. Die rote Fahne als Utensil auf Neonazi-Demonstrationen blieb etwa eine einmalige, in der Gründungsphase der AN zu beobachtende Praxis und ist inzwischen nicht mehr anzutreffen. In einem Interview beschreibt ein Aussteiger, wo die Grenzen für Symbolübernahmen liegen: Rote Sterne. Hammer, Sichel. Das würden sie nicht übernehmen. […] Dieser Symbolklau findet nicht statt. […] Weil das für die ganz klar so für Kommunismus steht. Das können sie nicht mehr zurecht argumentieren. Also Davidsterne269, rote Sterne, Hammer und Sichel – diese Symbolik, die würden sie nie übernehmen. Ansonsten … Frage: … Anarchiezeichen auch? Auch nicht. Das würden sie auch nicht übernehmen. Anarchie steht ja für Herrschaftslosigkeit und antiautoritär. (I2 2008) 269 Hier findet sich ein Gegenbeispiel, bei dem der Davidstern genutzt wurde, um als Symbol ausgerechnet die Verfolgung von „Nationalen“ zu beklagen: 2001 zeigten Neonazis ein Transparent mit einem Davidstern, in dessen Mitte in Fraktur das Wort „Nazi“ gesetzt war. Die Unterzeile im Bericht der Zeitschrift Fahnenträger zu dieser Aktion lautete: „Kreativer Protest gegen politische Verfolgung“ (Borchert 2001, 17–22) 392 Schulze, Etikettenschwindel Als Grenzlinie für die Entwendbarkeit von Symbolen wird hier auf den Grad ihrer Eindeutigkeit hingewiesen. Manche Symbole sind in ihrem Bedeutungsgehalt, dem Grad, mit dem sie auf ihren Inhalt verweisen, keineswegs aufgeweicht – und eben darum kein Gegenstand einer Aufweichung oder Umdeutung. Wenn „Kein Bock auf Nazis“ zu „Kein Bock auf Israel“ umgedreht wird, verkehrt sich die Bedeutung; als Entwendung bleibt lediglich die Übernahme des Schrifttyps und der Gestaltung. Hammer und Sichel für den Kommunismus oder der Davidstern für das Judentum sind so verdichtet, dass sie durch Veränderungen nicht umgekehrt werden können. Unverändert für sich selbst stehend, ist das von ihnen Bezeichnete so genau erfasst, dass es kaum Graubereiche gibt, die von Neonazis interpretierend genutzt werden könnten. Auch die oben belegte Nutzung der linken Ikone Che Guevara durch AN ist inzwischen nur noch sehr selten anzutreffen. Allerdings zog sich das neonazistische Experiment mit Che Guevara über mehrere Jahre hin. Das Bild Che Guevaras ist gesamtgesellschaftlich längst, so ist vielfach festgestellt worden, „jenseits aller Ideologie zur Pop-Ikone“ (Fink und Zistl 2007) avanciert. Es steht nicht mehr allein für die kubanische Revolution oder ein kommunistisches Befreiungsversprechen, sondern ist in der westlichen Welt ein allgemeines Symbol für revolutionäre Romantik, widerständigen Geist und Freiheit geworden. Aus dieser Unbestimmtheit heraus, mit der die entsprechenden interpretatorischen Grauzonen einhergehen, versuchten AN, Che Guevara für sich nutzbar zu machen. Tatsächlich finden sich Texte, die die Person Che Guevaras zu einem „Befreiungsnationalisten“ umzudeuten versuchen (Fahnenträger 2004). Zeitweilig waren daraufhin auf Neonazi-Demonstrationen Che-Guevara-T-Shirts häufiger zu sehen. Mal zeigten die Motive die Ikone Che Guevara unkommentiert, mal war der Stern auf der Mütze durch ein Keltenkreuz ersetzt, ein andermal das Konterfei mit Slogans wie „Nicht nur er wäre heute bei uns“ oder „Patria O Muerte“ versehen. Um das Jahr 2007 verschwanden diese Referenzen wieder. Man habe „selbst eingesehen“, berichtet ein Aussteiger, dass „Che Guevara von rechts […] nicht mehr zeitgemäß“ (I2 2008) sei. 393 Öffnungen, Entwendungen Das Verschwinden ginge auch auf die Intervention nicht näher benannter „Führungskader“ zurück: Das mit Che Guevara ist, was auch viele von den Führungskadern erkannt haben, das da aus ihrer Sicht eine Fehlentwicklung in der Szene stattgefunden hat. Dass die Leute nämlich zu sehr abdriften. Da wurden dann Konzepte verfasst gegen diese Verwässerung. Das mit dem Che Guevara, dass sieht man heute eigentlich gar nicht mehr auf Demos. (I2 2008) Manche Symbole sind trotz jahrzehntelanger popkultureller Verwertung in dem, für das sie stehen, zwar aufgeweicht, ein Kern ihrer Bedeutung bleibt jedoch. Kommerziell lässt sich die Ikone Che Guevara immer noch ausbeuten – ob als modisches oder ironisiertes T-Shirt in den Regalen von H&M. Im politischen Raum des Neonazismus behielt das Symbol seinen politischen Kern. 5.4.8.3 Varianten der „Antifaschistischen Aktion“ von rechts Eine nachhaltige Entwendung der AN betrifft das Abzeichen der „Antifaschistischen Aktion“. Die Entwendung erfolgte zunächst im Zuge eines erfolglosen Versuchs der Entwendung des Begriffs „Antifaschismus“ und beinhaltete auch eine unveränderte Übernahme dieses Logos. Mittlerweile dominieren Abwandlungen. Als allgemeingültiges Symbol der AN haben sich diese Varianten durchgesetzt und sind zu ihrem Markenzeichen geworden. Die historische „Antifaschistische Aktion“ war eine von 1932 bis Januar 1933 bestehende Organisation, die eng an die KPD angebunden war (Karl und Kücklich 1965). Ihr von den Grafikern Max Keilson und Max Gebhard entworfenes Erkennungszeichen war die Kombination von zwei nach links wehenden roten Fahnen, von einer roten Kreisumrandung mit der Aufschrift „Antifaschistische Aktion“ eingefasst. Im Laufe der 1970er Jahre begannen linksradikale Gruppen in Westdeutschland, das Abzeichen für ihren „Kampf gegen Neofaschismus“ zu nutzen. Seit den späten 1980er und besonders seit den 1990er Jahren ist es zu einem Symbol für 394 Schulze, Etikettenschwindel linken Antifaschismus aufgestiegen (Langer 2014). In den von heutigen Antifa-Gruppen verwendeten Abwandlungen dominiert eine Version, bei der die Fahnen in die umgekehrte Richtung flattern und eine oder beide nicht rot, sondern schwarz gefärbt sind. Durch diese Verwendung des Symbols wird ein Bezug auf den antifaschistischen Kampf der Weimarer kommunistischen Linken hergestellt und gleichzeitig eine Distanzierung zu deren Stalinismus kommuniziert – schwarz ist hier die Farbe des Anarchismus und betont also antistalinistische, libertäre oder basisdemokratische Elemente in der eigenen Politik. Bisweilen werden zusätzlich die Farben Pink, Lila oder Grün anstelle des Rots benutzt. Seit ungefähr 2004 wird das Symbol auch von Neonazis genutzt. Die von ihnen am häufigsten verwendete Variante zeigt das Symbol in seiner neueren, schwarz-roten Ausführung unverändert mit der schwarzen Fahne im Vordergrund. Lediglich der Schriftzug „Antifaschistische Aktion“ ist durch „Nationale Sozialisten – Bundesweite Aktion“270 ersetzt worden. Als Anstecker, T-Shirt-Motiv, auf Webseiten und Transparenten, auf den Titelbildern der Konzeptpapiere zum „schwarzen Block“ wird es reproduziert. Manche lokale Gruppen versehen das Logo zusätzlich mit dem Namen ihrer Stadt. AN, die sich mit „Tier- und Um- 270 Auch diese Wortwahl verweist auf einen Bezug zur Linken – bis 2001 bestand eine deutschlandweite Vernetzung von Antifa-Gruppen mit dem Namen „Antifaschistische Aktion – Bundesweite Organisation“. Abb. 44: Historisches Symbol der „Antifaschistischen Aktion“, neue Variante und neonazistische Adapation (Schulze 2009b) 395 Öffnungen, Entwendungen weltschutz“ beschäftigen, färben eine der Fahnen grün. Die Allgegenwart des Symbols strahlt mittlerweile auch auf andere Strömungen im Neonazismus aus. Sogar in jenen Teilen der „Freien Kameradschaften“, die eher in Distanz zu den AN stehen, besteht ein häufig benutztes Symbol aus einer schwarzen Fahne in einer Kreisumrandung (Aufschrift: „Freie nationale Strukturen“). Zeitweise betrieben Unbekannte eine Webseite namens „Nationale Sozialisten für Israel“ und setzten eine Israelfahne in das bekannte Kreislogo hinein (nasofi.blogspot.de 2008) – wohl, um die zahlreichen Entwendungen des Neonazismus zu persiflieren. Bezeichnenderweise sorgte diese Satire für Unruhe unter Neonazis, denn viele hielten eine derartige Entgleisung – Nazis die sich für Israel aussprechen – im Zuge der Parolen- und Symbolexperimente durchaus für möglich (Autonome Nationale Utrecht 2008).271 Bevor das Logo der „Nationalen Sozialisten – Bundesweite Aktion“ aufkam, wurde von Neonazis zeitweise das linke Vorbild mit der originalen Beschriftung „Antifaschistische Aktion“ verwendet. Im brandenburgischen Frankfurt (Oder) kam 2004 bei einer Kundgebung ein solches Transparent zum Einsatz. Daneben wurde eines mitgeführt, auf dem „Gegen Linksfaschismus und Intoleranz“ geschrieben stand.272 Ähnlich drastisch ist das Beispiel einer „Anti-Antifa“-Demonstration der „Freien Kräfte Südthüringen“ 2008 in Langewiesen. Dort wurden mit dem Logo der originalen „Antifaschistischen Aktion“ geschwenkt. Ein „Autonomer 271 Auch in Medien gab es zahlreiche Beiträge, in denen die Existenz von proisraelischen Neonazis zwar etwas verwundert zur Kenntnis genommen, aber für authentisch befunden wurde. Die Berichterstattung lief von deutschen Printmedien (Speit 2008) über TV-Lifestylemagazine (Polylux 2008) bis in die Schlagzeilen der israelischen Presse (Aderat 2008). 272 Ähnlich bei einem Neonazi-Protest für den Treffpunkt „Klub 88“, bei dem ein Transparent mit der Aufschrift „Gegen Faschismus und Intoleranz“ gezeigt wurde. Ein weiteres Transparent zeigte einen Davidstern, in dessen Mitte in Fraktur das Wort „Nazi“ gesetzt war (Borchert 2001, 17–22). 2011 forderte die „Anti Antifa Ludwigsburg“ auf einem Aufkleber „Gegen Faschismus und Gewalt! Für ein Verbot der Antifa und aller anderen linksextremen Gruppierungen!“ (Anti Antifa Ludwigsburg 2011). Abgrenzungen zum Begriff „Nazi“ sind hingegen in der Regel nicht zu finden. Eine Ausnahme stellt ein mit einem Davidstern illustrierter Aufkleber aus Berlin aus dem Jahr 2013 dar, auf dem sich in antisemitischer Intention „gegen NAtionale ZIoniSten“ (in dieser Schreibweise) ausgesprochen wird. Als bekämpfenswerte „Nazis“ werden also „Zionisten“ gesetzt (Freie Kräfte Berlin Neukölln 2013). 396 Schulze, Etikettenschwindel Nationalist“ trat als Redner auf und erläuterte, „dass wir bestimmt nicht die Faschisten sind, sondern die, die es intolerant Tag für Tag predigen“. In Richtung von Protestierenden wurde von den Neonazis „Wir sind Sozialisten – Ihr seid die Faschisten!“ gerufen. Im Forum Thiazi wurde kritisch kommentiert: Die Entwicklung um die Autonomen Nationalisten, insbesondere die Bestrebung sich auch offen für andere jugendliche Subkulturen zu geben, ist keineswegs verkehrt, nein eigentlich sogar wichtig. […] Das bloße Übernehmen der Symbole 1:1 von der Antifa aber ist lächerlich. (User Rippe 2008) Aus diesem Nebeneinander lässt sich erahnen, wie über die Rede von einem „Linksfaschismus“273 die Gegnerschaft zu „Faschismus“ hergeleitet wird. Trotzdem erstaunt die Sprachlosigkeit zum Thema – die Verwendung des linken Symbols der „Antifaschistischen Aktion“, ob abgewandelt oder nicht, wurde und wird praktiziert, jedoch nicht eigentlich begründet. Plausibel erscheint der Zusammenhang mit der Straßenpolitik der AN. Bei deren Demonstrationen hat die Auseinandersetzung mit linken Protestierenden einen hohen Stellenwert. Die Nutzung der Symbole der Feinde könnte angezeigt sein, um diese zu provozieren, um ihnen durch das Vorhalten eines vermeintlich eigenen „Faschismus“ das antifaschistische Selbstverständnis streitig zu machen. Der Vorwurf des Faschismus, der von links gemacht wird, soll gewissermaßen „wie eine in ihren Schützengraben eingeworfene Handgranate“ zurück geschleudert werden (Bartsch 1975, 46).274 Die AN-Kameradschaft „Aktionsgruppe Nordhausen“ etwa ordnet den historischen italienischen Faschismus als positiv zu wertende „Erneuerungsbewegung“ ein, kommt aber dennoch zum Schluss, dass es sich heu- 273 Ein politisch-historischer Bezug zum Begriff, das heißt ein Wissen um seine Nutzung durch Jürgen Habermas gegenüber der 1968er APO (1967) oder Kurt Schuhmachers Rede von Kommunisten als „rotlackierten Faschisten“ (1930) liegt nahe, lässt sich an den Quellen jedoch nicht nachweisen. 274 Mit dieser Formulierung beschrieb Bartsch den Umgang der Neuen Rechten mit Rassismusvorwürfen. 397 Öffnungen, Entwendungen te um einen allgemeinen, „negativ besetzten Kampfbegriff“ handele, der tatsächlich aber auf die linke Antifa zutreffe (Aktionsgruppe Nordhausen 2014a).275 Der Wille, den Feind mit dessen eigenen Symbolen zu provozieren, lässt sich auch daran ablesen, dass das Symbol der „Antifaschistischen Aktion“ besonders stark bei der Ästhetisierung des Themenfeldes „Anti- Antifa“ genutzt wird. Inkonsistenzen und ein regelrechtes Durcheinander bei der Symbolnutzung werden dabei in Kauf genommen. Jene Berliner AN, die das Symbol der „Antifaschistischen Aktion“ entwendeten, veröffentlichten um 2004 einen Aufkleber, bei dem das Logo im Begriff ist, von einer Faust zerschlagen zu werden. Die Gestaltung der Faust entspricht einer verbreiteten „Gegen-Nazis“- Grafik, in der ein Hakenkreuz zerschmettert wird. Obwohl sich die Neonazis auf dem Aufkleber als „Anti-Antifa“ bezeichnen, behaupten sie gleichzeitig, Faschismus selbst abzulehnen: „Gegen Faschismus – für nationalen Sozialismus“. Eine Faschismus-Definition276 oder -diskussion oder ein Austausch dar- über, inwiefern der Bezug auf einen Antifaschismus hilfreich sei, bleiben weitgehend aus. Derartige Äußerungen sind selten und wirken zumeist 275 Wörtlich: Die Antifa sei „tatsächlich“ eine „faschistische Organisation im Sinne Wilhelm Reichs, der Faschismus als politisch organisierten Ausdruck der durchschnittlichen menschlichen Charakterstruktur […] definierte.“ An anderer Stelle ordnet die gleiche Gruppe das Wort „Nazi“ als 2000 Jahre alten jüdischen Begriff ein, der für „von Gott auserwählte, heilige Personen” stehe (Aktionsgruppe Nordhausen 2014b). 276 Eine Ausnahme: Selten findet sich im Neonazismus eine Reduzierung von „Faschismus“ auf den konkreten italienischen Faschismus, dessen „Verrat“ am Ende des Zweiten Weltkrieges und dessen Handeln in der „Südtirol-Frage“ herangezogen wird, um für sich einen „Antifaschismus“ reklamieren zu können. Ein Beispiel ist die Agitation des „Bunds Frankenland“, der eine Kampagne „Südtirol bleibt deutsch!“ betreibt und sich gegen die „Besatzung“ durch italienische „Faschisten“ einsetzt (Mayerhofer 2008). Abb. 45: Aufkleber (Anti-Antifa Berlin 2004) 398 Schulze, Etikettenschwindel undurchdacht. Ein Diskussionsteilnehmer verstieg sich in einem Internetforum zu der Behauptung, Neonazis seien gegen Diktaturen: Jedoch halte ich es für nicht falsch sich als NS’ler (bzw. Neo NS’ler) gegen Faschismus zu stellen. Oder meint ihr, alle NS’ler wollen eine Diktatur alla Hitler oder Mussolini? (User Profound Mind 2008)277 Im selben Forum fand 2011 eine Diskussion über das Motto der Demonstration „Nationaler Sozialismus statt Kapitalfaschismus“ statt (Freie Kräfte Neuruppin / Osthavelland 2010). Die veranstaltenden AN erklärten dort auf Nachfrage zwar nicht, was „Kapitalfaschismus“ sei, versuchten sich aber an einer Begründung, warum sie den Begriff nutzten: Der von uns verwendete Begriff ‚Faschismus‘ soll den BRD-Diktatoren nur einmal lediglich den Spiegel vor das Gesicht halten und ihnen zeigen, dass sie all das sind, was SIE unter dem Begriff Faschismus verstehen. (Thiazi 2010) Die an der Demonstration beteiligten „Freien Nationalisten Uckermark“ gingen in einem im Nachgang publizierten Bericht auf den Begriff ein. Für sie sei „Kapital“ ein Synonym für „Gewinn“ und Faschismus ein Ausdruck für das Gewinnstreben von „Finanzmächten“. Auch dieser Text illustriert die phrasenhafte Nutzung des Begriffs: Scheinbar könne man im Vorfeld den Begriff ‚Kapitalfaschismus‘ nicht erklären. Doch in Anbetracht der Situation mag nur der Begriff ‚Faschismus‘ ein Dorn im Auge zu sein. Kapital ist nicht mehr als der Begriff ‚Gewinn‘ (= Besitz, der sich in dieser Zeit auf Finanzen beschränkt). ‚Faschismus‘ ist in diesem Zusammenhang ja wohl eher die Ansicht, dass sich Interessenvertreter der Finanzmächte sich nur auf dem Gewinn, also die Vermehrung ihrer Geldwerte, konzentrieren und dabei die menschlichen Bedürfnisse außer Acht lassen. (Freie Nationalisten Uckermark 2010) 277 Diese Argumentation wurde schon im Forum selbst konterkariert, in dem reihenweise Grafiken nicht nur mit Hakenkreuzsymbolen, sondern auch Portraits von Hitler, Goebbels und anderen NS-Größen herunterzuladen waren (Thiazi 2008). 399 Öffnungen, Entwendungen Mittlerweile ist die unveränderte Verwendung des Symbols der „Antifaschistischen Aktion“ oder der Bezug auf einen wie auch immer gearteten „Antifaschismus“ bei AN nur noch selten zu beobachten. Der Grund liegt in der inzwischen von zahlreichen AN geteilten Kritik, dass durch zu weit reichende Anleihen bei der Linken der Nationalsozialismus geschmäht werde. In einem breit rezipierten Flugblatt, das bei der Demonstration „für ein nationales Jugendzentrum“ bereits im Dezember 2008 in Berlin verteilt wurde, heißt es: Für den einzig wahren Nationalen Sozialismus gegen Verfälschungen und kontraproduktive Neuerungen! […] Die nationale Bewegung in Deutschland macht seit einigen Jahren grundlegende Veränderungen durch […]. Die Akzeptanz äußerer Erscheinungsbilder ist hierbei eine Sache, hingegen schlägt es in unfruchtbaren und zerstörerischen Liberalismus um, auch die politischen Grundsätze und Leitsätze unter diesen Veränderungen leiden zu lassen. […] Wir wehren uns gegen marxistische Einflüsse, die Übernahme sowjetischer Symboliken oder die Relativierung bolschewistischer Massenmorde. Eine rote Fahne oder ein roter Stern spiegelt nicht nur die Farbe, die sie/er trägt, wieder, sondern ist auch seit jeher ein Symbol. In diesem Fall steht es für Sowjetismus, Massenmord an deutschen Zivilisten und Soldaten sowie für organisiertes Verbrechertum. […] Wir bekennen uns klar und deutlich zur Weltanschauung des Nationalen Sozialismus […] Wir lehnen jede Form von antiautoritären Geschwafel ab und teilen nicht das gestörte Weltbild einer antifaschistischen Jugendsubkultur. […] Deswegen sagen wir, als freie und autonome Nationalisten – unsere Fahnen sind schwarz unsere Blöcke sind es auch. (Kameraden aus Pommern 2008)278 Der Text vermeidet es, das zentrale Logo der „Antifaschistischen Aktion“ zu benennen und führt stattdessen die rote Fahne und den roten Stern als Objekt der Kritik an. Zumindest der rote Stern war jedoch nie Bestandteil des Symbolrepertoires „Autonomer Nationalisten“. Das Organisationskomitee der Demonstration, bei der das Flugblatt verteilt wurde, sprach das Thema an und verhängte ein entsprechendes Verwendungsverbot. Erlaubt 278 Ähnliche Argumente formulierte 2010 ein Autor im Neonazi-Blatt Hier & Jetzt. Die Gleichsetzung von Antifaschismus mit „Linksfaschismus“ sei „begrifflicher Unsinn“ (Thomas 2010, 81). 400 Schulze, Etikettenschwindel wurde indessen die Verwendung der „Antifafahne“, solange die Aufschrift in „Nationale Sozialisten – Bundesweite Aktion“ abgeändert ist: Dann noch kurze Auflagen von uns selber: 1. Das Unterlassen von jeglicher Symbolik die mit dem Antifaschistischen Widerstand in Verbindung gebracht werden (Antifafahnen, selbstverständlicherweise Israelfahnen (traurig das erwähnen zu müssen), Hammer – Sichel, Rote Sterne). In Verbindung mit der Schrift NSBA [‚Nationale Sozialisten – Bundesweite Aktion‘] ist die Fahne kein Problem. Fahnen und Transparente die diese Symbole aufweisen werden vom Ordnerdienst sofort untersagt. Wer darüber reden will und seine Meinung dazu schildern will kann es gerne tun. (Demoleitung Berlin 2008) Schon die Konzentration der AN auf „Anti-Antifa“ als Kampf gegen die Linke illustriert nach wie vor die Faszination für die Linke. Der eigentümliche Versuch, „Anti-Antifa“ durch einen eigenen Begriff von „Antifaschismus“ zu etablieren, zeigt, wie stark die Aura der radikalen Linken wirkt. Der neonazistische „Antifaschismus“ war jedoch zu offenkundig widersprüchlich, sodass dieses Experiment eingestellt wurde. Gleichwohl hat sich die Tendenz, den mächtig wahrgenommenen Feind mit den eigenen Waffen schlagen zu wollen, letztlich durchgesetzt, da das abgewandelte Symbol der „Antifaschistischen Aktion“ trotz der konflikthaft verlaufenen Diskussion weiterhin umfassend genutzt wird und kaum mehr umstritten ist. 5.4.9 Dispute um die Bewegungsszene: Streitfall AN Die AN haben seit ihren ersten Auftritten für erhebliche Auseinandersetzungen innerhalb des Neonazismus gesorgt. Von verschiedenen Perspektiven aus sind sie zum Gegenstand der Kritik geworden. Die Debatten kreisten in der Regel um folgende Schwerpunkte: - Länger aktive Bewegungsautoritäten kritisierten, dass die AN den nötigen Respekt vermissen ließen. 401 Öffnungen, Entwendungen - Völkische „Scheitel“ kritisierten, dass die popkulturellen Referenzen einen Einbruch von undeutscher, dekadenter und volksfeindlicher Kultur in die Bewegung ermöglichten. - Neonazi-Skinheads kritisierten, dass ihr „Kult“, zu einem Auslaufmodell erklärt werde. - Von parteigebundenen Neonazis, insbesondere aus der NPD, wurde kritisiert, dass mit den AN eine konstruktive Zusammenarbeit nicht möglich sei. - Aus verschiedenen Spektren wurde kritisiert, dass die unreflektierte und exzessive Übernahme von linker Ästhetik unüberlegt, naiv und kontraproduktiv sei. - Aus verschiedenen Spektren wurde kritisiert, dass die auf Gewalt fokussierte Politik der AN eher öffentliche Ablehnung als Sympathien für die Bewegung produziere. Inzwischen hat die Intensität der Kontroversen erheblich nachgelassen. Die AN werden nur noch von sehr wenigen Neonazis rundheraus abgelehnt. Die zeitweilige Ausstrahlungskraft der AN, ihr Selbstbewusstsein und ihre mediale Präsenz haben geholfen, Ausgrenzungsversuche abzuwehren, dagegen für sich selbst Anerkennung zu erlangen und zu festigen. Einige der Debattenstränge sollen im Folgenden kurz nachgezeichnet werden. Deutlich wird, dass sich die Kritik auf zwei Aspekte konzentriert. Auf der einen Seite steht eine politische Stoßrichtung, die den AN undurchdachte Inhalte und strategische Fehler vorwirft. Auf der anderen Seite wird eine gleichsam metapolitische Ebene angesprochen: Der Stil der AN sei zu „subkulturell“. Die negativ grundierte Zuschreibung „subkulturell“ verweist auf die jugendkulturellen Anteile, die die AN in ihren Stil integriert haben. Nun sind die AN tatsächlich ein Mischwesen aus jugendkulturellem Neonazismus und politischer Bewegung des Neonazismus und gleichzeitig ein Transmissionsriemen zwischen beiden. Durch diese Doppeleigenschaft sind sie eine Bewegungsszene. Sie stellen einen Ort bereit, an dem Identitätskonstruktionen der Bewegung ausgehandelt werden: 402 Schulze, Etikettenschwindel For movements that generate scenes, constructing a collective identity is about more than self-expression or affirmation; it is itself a component of change being sought, a form of subjectivity understood to prefigure the kind of world for which they are fighting. For these movements, the scene is the primary location for identity work. (Leach und Haunss 2009, 272) Die Welt, für die die Bewegung politisch kämpft, hat sich im Stil der Szene zumindest anzudeuten. Konflikte über Fragen der Formgebung sind aus Sicht der Bewegung hochgradig politisch, weil darin der vorgestellte Weg zum angestrebten „change“ sichtbar und verhandelbar wird. Die Auseinandersetzungen über das Selbstverständnis und die Sinngebung der eigenen Bewegung vollziehen sich über den Stil. Das politische Ziel eines neuen Nationalsozialismus teilen AN mit anderen Neonazis, deshalb geht es weniger um inhaltliche Fragen, sondern darum, mit welchem Stil man sich dem politischen Ziel am effizientesten nähern könne. Bei aller Widersprüchlichkeit ist der Stil der AN in den Neonazismus durchaus integrierbar. Die Kritik an den AN wurde zunächst aus ihrem nächsten Umfeld, nämlich von anderen „Kameradschaften“ formuliert. Ein frühes Papier stammt von der 2007 aufgelösten Magdeburger „Festungsstadt“. Mit Blick auf den für die Berliner Demonstration am 1. Mai angekündigten „schwarzen Block“ schrieb die Gruppe 2004: Wer anonym bleiben möchte, sollte lieber zu Hause bleiben da braucht er sich nicht zu vermummen und zu verstecken und kann dort seine ‚konsequente Haltung zum Ausdruck bringen’. Ein schwarzer Block würde den gesamten Sinn und Zweck nationaler Demonstrationen verfehlen, denn wozu dienen unsere Demonstrationen und öffentliche Aktionen denn? Nicht zum vermummten und martialisch aussehenden Schaulaufen auf der Straße, sondern zur Gewinnung von Zustimmung, Sympathien und Akzeptanz beim Bürger! […] Der einfache Bürger auf der Straße wird höchstwahrscheinlich wenig Sympathien für einen Mob von vermummten schwarzgekleideten Personen entwickeln können welche sich nach Antifamanier mit ihren Transparenten einigeln. Vielmehr wird dieser ‚schwarze Mob’ Angst und Abneigung beim Betrachter erzeugen! Unser Ziel ist die Überwindung des derzeit herrschenden Systems und das geschieht nur mit dem Volk – für das Volk! […] Wir 403 Öffnungen, Entwendungen zeigen offen wer wir sind und was wir wollen für jedermann sichtbar – nur so kann es uns gelingen Akzeptanz und Sympathien im Volk für unsere Sache zu gewinnen, und unseren noch außenstehenden Brüder und Schwestern bald in unseren Reihen willkommen zu heißen! […] Darum: Kein schwarzer Block auf nationalen Demonstrationen. (Festungsstadt Magdeburg 2004) Das Papier fand große Beachtung und hohe Verbreitung. Dennoch lief der „schwarze Block“ bei der Demonstration mit. „Freie Kameradschaften“, die das neue Phänomen mit ähnlichen Argumenten wie jenen aus dem Magdeburger Papier ablehnten, initiierten eine Kampagne unter dem Titel Unsere Fahnen sind schwarz, unsere Blöcke nicht. Das Logo der Kampagne, das auch als T-Shirt-Motiv verbreitet wurde, zierte die Abbildung eines vermummten AN. Verübeln manche „Freien Kameradschaften“, wie die „Festungsstadt Magdeburg“, den AN ihre Weigerung, „Gesicht zu zeigen“ sowie ihre abschreckenden Auftritte, so beklagen andere Neonazis deren Theorielosigkeit und die eigentümliche Orientierung an der Linken. Johannes Nagel äußerte in einer Zeitschrift der NPD-Jugendorganisation zwar Sympathie für das Bedürfnis der AN, sich gegen Gängelungen durch die Polizei zur Wehr zu setzen. Bei neonazistischen Veranstaltungen herrschten wegen der staatlichen Eingriffe tatsächlich Zustände, die „unerträglich“ seien. Der Wunsch, „eigene Aktionen konkret auch mit Gewalt durchzusetzen“, sei darum „verständlich“ (Nagel 2008, 44–45). Andererseits wirft Nagel den AN ihre fehlende theoretische Unterfütterung vor und mahnt, dass dadurch Räume für unkontrollierbare Ansätze geschaffen würden, die den eigenen Überzeugungen widersprächen. Die „theoretische Basis“ fehle weitgehend, wie auch der „politische Ansatz“, der nur „verkürzt“ zu erkennen sei. „Prädikate wie ‚nationalrevolutionär‘ und ‚sozialistisch‘“ seien Phrasen, die über den Mangel an Theorie nicht hinwegtäuschen könnten. Dieser Leerformeln entkleidet, bleibe bei den AN nicht mehr als ein „aktionistischer Kern“ übrig. Die Phrasen enthielten zudem weltanschaulich überaus problematische Elemente. Die AN gäben dem Individuum das Versprechen eines Lebens frei von Zwängen und Pflichten und lösten sich damit von „jedweder autoritären Strukur“. Der „Antiautoritarismus“ sei 404 Schulze, Etikettenschwindel der eigentliche Widerspruch der AN, weil er die Grundlagen der eigenen Politik infrage stelle. Nagel postuliert: „Die radikale Rechte als Ganzes […] verkörpert das Bekenntnis zum Staat als ideale Organisationsform der Nation.“ (Nagel 2008, 45) Zudem benennt Nagel die unreflektierte Übernahme linker Symbole und Parolen: [I]deologisch gibt es erstaunliche Anleihen beim Original. […]:‚Wer sich nicht rührt, spürt auch seine Fesseln nicht!‘ Beiträge von ANs in einschlägigen Foren gehen ebenfalls in diese Richtung, untermauert mit typisch linksradikaler Wortsymbolik wie ‚enough is enough‘ oder ‚Für den Sozialismus‘. Auffällig hierbei ist insbesondere, daß eine theoretische Basis weitgehend fehlt. Einerseits bekennen sie sich zur Nation […], lösen sich aber andererseits von jedweder autoritären Struktur, fordern ein Recht auf selbstbestimmtes Leben (autonom) und formulieren mitunter sogar linke Programmatik […]. (Nagel 2008) Die Kritik von Jürgen Schwab, einem ehemaligen NPD-Funktionär, zielt in die gleiche Richtung. Er stellt sogar die Form der Demonstration als Ganzes in Frage und propagiert stattdessen „Aktionsformen, bei denen es keiner behördlichen Anmeldung bedarf“ (Schwab 2008). Seiner Analyse nach seien AN Radaumacher, die für nachhaltige Politik nicht die nötige Ernsthaftigkeit und Standfestigkeit hätten: Wer sich […] eine Kapuze überstreift oder mit Sonnenbrille auf der Demo auftritt, kann am kommenden Montag unerkannt am Arbeitsplatz erscheinen. Das ist vielleicht auch der Typus, der am Wochenende als Hooligan seinen Kick erlebt, neuerdings seine Dritte Halbzeit im NW [‚Nationaler Widerstand‘] verbringt. Aber eine revolutionäre Bewegung kann nicht ausschließlich aus bürgerlichen Pseudonymen bestehen. Vielmehr wird sich eine revolutionäre Bewegung nur entfalten, wenn Frauen und Männer […], dieser Bewegung ein Gesicht geben und dabei in Kauf nehmen, in der bürgerlichen Öffentlichkeit geächtet zu werden. […] Erneuerung wäre [im gesamten ‚Nationalen Widerstand‘] bei den Inhalten erforderlich. Bislang ist aber für mich nicht ersichtlich, daß sich insgesamt das AN-Spektrum inhaltlich von den AN-Gegnern unterscheiden würde. Der ‚nationale Sozialismus‘ ist hinsichtlich des Sozialismus zumeist genauso inhaltsleer wie bei den Gegnern. 405 Öffnungen, Entwendungen […] Ein Schnauzbärtchen hinter einem Palituch ist aber am Ende doch keine (inhaltliche) Neuerung. (Schwab 2008) Im Rahmen ihrer strategischen Säule „Kampf um die Straße“ sind für die NPD Demonstrationen von besonderer Bedeutung, weil bei regelmäßiger Durchführung solcher Aktionen die öffentliche Wahrnehmung gesichert und der Kontakt zur Bewegung gehalten werden kann. Die NPD hat ein Interesse, bei der Gestaltung von „nationalen Demonstrationen“ ihren Einfluss zu wahren, muss sie doch die Waage halten zwischen möglichst attraktiver Präsentation für die potenzielle Wählerschaft einerseits und der Befriedigung von Erlebnisbedürfnissen in der Bewegung andererseits. Die Partei reagierte vergleichsweise spät auf die AN und sorgte sogleich für einen Eklat: Im August 2007 erschien eine Erklärung des NPD-Parteipräsidiums mit dem bereits bekannten Titel Unsere Fahnen sind schwarz – unsere Blöcke nicht! (NPD-Parteipräsidium 2007b). Die Formulierung dürfte ein Versuch der NPD gewesen sein, deutlich zu machen, dass man nur einen Teil des Kameradschaftsspektrums und nicht etwa „Freie Kameradschaften“ als solche ausgrenzen wolle. Anlass für das Papier waren die teils handfesten Auseinandersetzungen zwischen NPD-Mitgliedern und AN, die es am Rande einer NPD-Demonstration im Juli 2007 in Frankfurt/ Main gegeben hatte (Infoportal24.org 2007; Nationale Sozialisten Rhein/ Ruhr 2007). Tenor des NPD-Schreibens: Bei Aktionen „des nationalen Widerstandes“ würden zunehmend „schwarze Blöcke“ auftreten, die „Optik, Sprache (Anglizismen), Parolen und Inhalte des Gegners kopieren“. Solche „anarchistischen Erscheinungsformen“ wirkten „beängstigend und damit abstoßend“ auf Außenstehende. Die NPD wolle hingegen zeigen, dass „wir die Mitte des Volkes, das wahre Deutschland“ repräsentierten. In ihrer Stellungnahme kündigte die Partei an, AN künftig auszuschlie- ßen. Wer nicht bereit sei, durch sein „Aussehen und Verhalten eine neue Ordnung zu vertreten, die deutsche Werte einfordert“, sei künftig nicht mehr willkommen. „Auch auf die Gefahr künftig geringerer Teilnehmerzahlen hin“ sei die Partei nicht bereit, sich „diesem politischen Zeit- 406 Schulze, Etikettenschwindel geistphänomen anzupassen“ (NPD-Parteipräsidium 2007b).279 Trotz der Anlehnung an die vorherige Kampagne „Freier Kameradschaften“ folgte auf die NPD-Erklärung ein Sturm der Entrüstung aus dem gesamten Kameradschaftsspektrum. Die „Freien Nationalisten Neuss“ fürchteten um die gute Zusammenarbeit zwischen parteifreien Kräften und der NPD (Freie Nationalisten Neuss 2007). Wenn es nicht bald Widerspruch aus NPD-Kreisverbänden und -Landesverbänden gegen den Abschottungsaufruf gäbe, sollten „solidarisch gesonnene Parteimitglieder“ aus der NPD austreten. Zudem sei der „schwarze Block“ eine optische Bereicherung für die Bewegung. Gleichzeitig distanzierten sich die Neusser Neonazis von Anglizismen, der Verwendung vom abgewandelten Logo der „Antifaschistischen Aktion“ und von „Palituch-Trägern“. Das „Aktionsbüro Norddeutschland“ übernahm wenig später die Stellungnahme aus Neuss beinahe identisch (Aktionsbüro Norddeutschland 2007). Der „parteifreie“ Neonazi Sven Skoda beschwerte sich in einer persönlichen Stellungnahme (Skoda 2007): Die NPD sei eine systemtreue Partei, die einen zu „bürgerlichen Kurs“ fahre und in der man es schwer habe, wenn man sich öffentlich traue, „den Nationalsozialismus als etwas Positives zu begreifen“. „Taktik, Auftreten und konkrete Aktionen des ‚schwarzes Blocks‘“ hielt Skoda zwar für diskussionswürdig, er lobte aber „die ehrliche Motivation und den Einsatzwillen“ aus diesem Spektrum. Das „Aktionsbüro Mittelhessen“ verwies indes darauf, dass die NPD auf die Kameradschaften wegen ihrer Mobilisierungsstärke nicht verzichten könne (Aktionsbündnis Mittelhessen 2007): „Ihr wollt dann ‚eben alleine demonstrieren‘? Dann tut es doch!“ Der NPD stünde es nicht zu, Forderungen zu stellen. Das neonazistische „Autorenkollektiv MP5“ analysierte, dass die NPD mit ihrem Ausgrenzungsbeschluss „unzweifelhaft die Machtfrage im rechten Lager“ gestellt hätte: 279 In einer Jahre später veröffentlichten politischen Autobiografie hielt der damalige NPD-Bundesvorsitzende Udo Voigt diese Sichtweise unverändert aufrecht (Voigt 2013, 233–240). 407 Öffnungen, Entwendungen Sie versucht von nun an nicht mehr nur interne Kritiker unter Kontrolle zu bringen, sondern einen politischen Gegner entweder offen zu zerstören oder in die Defensive durch offene Isolation zu drängen. (MP5 2007) Am 10. September 2007 erschien eine weitere Stellungnahme der NPD, die zwar die Kernaussagen der Ursprungserklärung aufrecht zu erhalten versuchte, aber vor allem bemüht war, die Wogen zu glätten (NPD-Parteipräsidium 2007a). Man strebe durchaus eine „enge Zusammenarbeit mit dem überwiegenden Teil des freien nationalen Widerstandes an“, man wolle „keine Kleidervorschrift bei Demos“ erlassen, man stehe zum „Volksfront-Gedanken“ und habe auch Verständnis dafür, dass manche AN ihre Anonymität bei Aktionen mit Sonnenbrille und Mütze schützen wollen. Parallel fand allerdings in Nordrhein-Westfalen eine Kontroverse um die praktizierte Ausgrenzung statt. Vor einer Demonstration verkündete der NPD-Verband in Düren, dass „Teilnehmer die mit Sturmmasken oder Kleidungsstücke der linken Szene ausgestattet sind“ nicht willkommen seien. AN reagierten mit der Erklärung: „Wir schlafen aus. Keine Unterstützung den Spaltern!“ Tatsächlich nahmen keine AN teil und konnten so ihre Wirkmächtigkeit unterstreichen, da letztlich nur rund 150 Neonazis und damit sehr viele weniger erwartet an der Demonstration teilnahmen (Sager 2008, 18). Beim Parteitag der NPD in Hannover im September 2007 rückte die NPD endgültig von ihrem Ausgrenzungsversuch ab. In süffisantem Ton beschreibt Neonazi Christian Worch, wie der NPD-Vorsitzende Udo Voigt versuchte, die Verantwortung für die „Mißhelligkeiten“ zwischen Partei und AN den Medien zuzuschreiben (Worch 2007). Voigt ließ sich demonstrativ beim freundschaftlichen Austausch mit AN fotografieren. Schon während der Reden legten NPD-Funktionäre Wert darauf, den „Black Block“ gesondert willkommen zu heißen. In einem neonazistischen Internetforum kursierten später Berichte, denen zufolge der damalige NPD- Generalsekretär Peter Marx mit einem „Black Block“-Anstecker am Jakkett aufgetreten war (Altermedia 2007). Nur wenige Wochen vorher hatte Marx noch öffentlich bekundet, dass die AN „durch staatliche Institutio- 408 Schulze, Etikettenschwindel nen gefördert“ würden (publikative.org 2007).280 Die AN selbst beteiligten sich kaum an der schriftlich geführten Debatte (Aktionsbündnis Mittelhessen 2007; AIB 2008b, 9). Die gescheiterte Ausgrenzung der AN durch die NPD zeigte dabei auch, wie fragil schon damals der Führungsanspruch der Partei im bundesdeutschen Neonazismus war. Mittlerweile gibt es nur noch wenige Stellungnahmen zu den AN, im Ganzen hat sich eine kritisch grundierte Akzeptanz durchgesetzt. Der damalige JN-Vorsitzende Michael Schäfer äußert sich 2012 zur Frage nach einer Öffnung hin zur Popkultur: Wenn die Frage also lautet: Dürfen wir Pop sein? Dann ist die Antwort: Ja! Das müssen wir sogar, um erfolgreich zu sein. Nichts ist schlimmer, als im selbsterrichteten Ghetto zu versauern und sich zu wundern, warum wir seit über 60 Jahren nicht vorankommen. (Schäfer 2012, 26) Schäfer spricht sich damit gleichzeitig für die faktisch längst hergestellte Integration der AN in die Bewegung aus. Diese pragmatische Positionierung vermengt Schäfer jedoch mit Mahnungen über die Grenzen „subkultureller“ Politik. Die aufgebaute „nationale Gegenwelt“ biete den Aktivisten positiverweise viele Möglichkeiten. Tatsächlich revolutionäre Politik dürfe sich jedoch nicht ins Abseits manövrieren: [Das] Grundproblem: der Konflikt zwischen Abgrenzung und Alltag. Fest steht, es ist unsere Aufgabe, unsere Kultur, unser Brauchtum und unsere politische Idee zu erhalten und sie als Jugendbewegung zu formen und zu leben. [Subkulturelle Formen widersprechen] aber jeder bekannten politischen Stra- 280 Allerdings kam es bei mindestens zwei weiteren Gelegenheiten in lokalen Kontexten zu einem Wiederaufflammen der Debatte. Im Oktober 2008 fand in Stralsund eine Demonstration der NPD mit rund 200 Personen statt. Die rund 80 AN wurden am Versammlungsort von der NPD aufgefordert, ihre Kapuzen vom Kopf zu nehmen und ihre Sonnenbrillen abzusetzen. Diese weigerten sich und wurden daraufhin vom Aufzug ausgeschlossen. Sie führten sodann eine separate Demonstration auf anderer Route durch, „um gleich mal zu zeigen, dass man auch selber dazu in der Lage ist, seinen Weg zu beschreiten“ (NS Rostock 2008). Im November 2008 versuchte der sächsische Landtagsabgeordnete Jürgen Gansel den Auftritt „parteifreier“ Redner sowie das Mitführen von Transparenten „Autonomer Nationalisten“ zu untersagen. Auch diese Intervention scheiterte, nachdem es heftige Proteste und im Nachgang einige Parteiaustritte gegeben hatte (Sager 2011, 114). 409 Öffnungen, Entwendungen tegie und allen Grundsätzen, die bekannte und vor allem erfolgreiche Revolutionsführer, wie beispielsweise Michael Collins (IRA) und Mao Zedong einst aufgestellt haben. Dass nämlich Revolutionäre sich weder optisch, noch politisch selbst ins Abseits manövrieren dürfen, sondern sich stattdessen innerhalb des eigenen Volkes ‚wie ein Fisch im Wasser‘ bewegen müssen. […] Ich finde, diese Fragen stellen wir uns zu wenig, weil wir uns zu oft im eigenen Hamsterrad bewegen. […] Ist ja auch kein Problem, die nationale Gegenwelt bietet einem ja alles. Von Kleidung, über Unterhaltung bis hin zur Betreuung für die Kleinen. Doch dieser wünschenswerte Ausbau unserer Strukturen ist nur der halbe Kampf. (Schäfer 2012, 24–25) Im Spektrum der „Freien Kameradschaften“ sind mehrere Muster festzustellen, mittels derer eine Bewertung der AN erfolgt. Von manchen werden die AN ohne Abstriche begrüßt, der Stil wird aufgegriffen und selbst umgesetzt. Andere halten die „Autonomen Nationalisten“ für einen Beitrag zur anzustrebenden Pluralisierung des Neonazismus. Diese würden helfen, aus dem „rechten Ghetto“ auszubrechen und auch begrüßenswerte neue „kulturelle […] Einflüsse“ in die Bewegung tragen (Fahnenträger 2008, 44). Ambivalenter und dabei aber durchaus typisch fällt die Einschätzung des „Autorenkollektiv linker Niederrhein“ 2009 aus: Aber was muß sich der Jugendliche […] denken, wenn an ihm ausschließlich Cord-Hosen- und Braunhemd-Träger vorbeilaufen? Spricht es die Jugend nicht vielmehr an, wenn bspw. der Metal-Head oder der locker gekleidete Skater im Demonstrationszug seinesgleichen entdeckt? Oder aber der Nationalist im Stil des ‚Bürokaufmanns‘ mit dabei ist? Sicherlich sollten wir Nationalisten mit Bedacht unseren Kleidungsstil wählen, da nicht alles mit unserer Einstellung konform geht. Jedoch sollte man eher in die Köpfe als auf die Kleidung schauen. Uns ist doch ein Mitstreiter in schwarz lieber, als 1000 Gaffer in Nadelstreifen am Wegrande, die sich jedoch ‚zu fein‘ sind, sich einzureihen! (Autorenkollektiv linker Niederrhein 2009) Dieselben Neonazis kritisieren allerdings auch die Symbolpolitik der AN, die ins Nichts führen würde und auf Außenstehende obskur wirken müsse: „Rote Sterne oder veränderte Antifa-Fahnen geben uns Nationalisten der Lächerlichkeit preis.“ (Autorenkollektiv linker Niederrhein 2009) Ähnlich 410 Schulze, Etikettenschwindel äußerte sich 2008 der „Freie Nationalist“ Thomas Gerlach. Er begrüßte das Entstehen der AN, merkte aber an, dass eine Überbetonung des „Action“- Aspektes bei Demonstrationen eine „Nebenwirkung“ der neuen Strömung sei: Negativ wäre zu erwähnen, dass man besonders bei Demonstrationen inzwischen oft auch mit Personen zu tun hat, die nicht wirklich an einer politischen Aktion interessiert zu sein scheinen, sondern vielmehr an der ‚Action‘ im Umfeld. Das ist eine Nebenwirkung des Aufkommens der ‚Autonomen Nationalisten‘ bzw. des ‚Schwarzen Blockes‘ als Aktionsform. […] Tendenziell ist für mich die Entwicklung aber sehr positiv. (Friso 2008, 16) Andere Angehörige von „Freien Kameradschaften“ stellen sich vehement gegen die AN, eben weil sie eine kulturelle Öffnung bewirken würden. Im Vorfeld einer Demonstration am 1. Mai in Leipzig 2005 kommentierte das „Freie Infotelefon Norddeutschland“ in der Bewegung kursierende Gerüchte, dass AN vorhätten, „so genannte ‚Hiphop-Musik‘ auf dieser Veranstaltung über ihre eigene Lautsprecheranlage“ abzuspielen. Diese Pläne seien abzulehnen: Sollte […] dieser Fall eintreten, ist der 1.Mai von einigen missbraucht bzw. zweckentfremdet worden! […] Der 1.Mai ist seit 1933 ein Ehrentag der nationalen Arbeiterbewegung und wurde am 10. April 1933, auf Antrag von Reichsminister Dr. Joseph Goebbels, zum Staatsfeiertag erklärt. […] Es handelt sich daher beim 1.Mai nicht um einen ‚Maskenball‘ sondern um den Ehrentag des deutschen Arbeiters! (Altermedia 2005) Im Nationalen Beobachter Delitzsch, einem Mitteilungsblatt „Freier Kameradschaften“, wurde 2005 ebenfalls Kritik geäußert: Krawalle, Vermummung und Rap seien ungeeignete Mittel für die eigene Bewegung. Sie seien auch zur politischen Einflussnahme nicht opportun, da es gelte, die „Herzen und Köpfe“ der „Volksgenossen“ zu gewinnen: Wir demonstrieren, um politische Themen und dazugehörige Alternativen, verbunden mit unserer Weltanschauung ins Volk zu tragen, um somit die Herzen und Köpfe unserer Volksgenossen zu gewinnen. […] Bei unserem An- 411 Öffnungen, Entwendungen blick müssen sich die Frauen der Erlebnisgeneration an ihre wunderbaren, ehrenvollen Männer erinnern. Das […] gelingt nicht, wenn wir vermummt zu Hip-Hop-Musik auf den Straßen tanzen. Das alles gelingt nicht, wenn wir uns mit Antifa und Polizei Straßenschlachten liefern. […] Um uns […] die Straßen und politischen Plattformen zu sichern, brauchten wir keine ‚Autonomen Nationalisten‘ und keine ‚Black Blocks‘. […] Organisierter und systematischer Druck ja, Krawalle nein. (Nationaler Beobachter Delitzsch 2005) Die hier zitierte Kritik von völkischen „Scheiteln“ betont einen Widerspruch zwischen den modernen Mitteln der AN und den eigenen antimodernen Zielen. Ein Neonazi monierte 2008, dass der „schwarze Block“ ein „systemkrankes Mittel“ sei, und deshalb nicht geeignet, eine „nationale Elite“ hervorzubringen. Mit „modernen Jugendkulturen“ locke man „eine erlebnis- und spaßorientierte Klientel an, die nicht bereit ist, sich diszipliniert in eine Gemeinschaft einzureihen“. Der „schwarze Block“ sei eine „Subkultur“, „in der gewisse Verhaltensweisen nur noch dem Selbstzweck dienen! […] Das System weiß das und fördert Subkulturen […]“. Vor den AN müsse daher gewarnt werden: Wir wollen zukünftigen Kameraden das Durchlaufen einer Subkultur ersparen, da nur zu oft der politische Kampf mit dieser verwechselt wird und die Politik bei der Gründung einer Familie oder dem Erreichen einer postpubertären Reife mit der schwarzen Mütze in der Schublade verschwindet! (Müller 2008) Ein „radikales Äußeres“ stehe einem „radikalen Handeln“ im Weg (Müller 2008). 2014 wurde auf dem Internetportal Altermedia zudem eine sprachliche „Verwahrlosung“ durch die AN beklagt. Mit Anglizismen und Schimpfwörtern könne man nur „Ghettokinder“ rekrutieren, die der Bewegung Schaden zufügen würden: Auf sozialen Netzwerken wie Facebook werden Sprüche wie ‚Linke Stadtteile bumsen‘, ‚Revolution, Bitch‘ oder ‚Fick mal Geschichte, mach selber‘ immer populärer. Generell erhält BRD-Jargon samt zugehörigen Manieren in unseren Reihen immer mehr Einzug. […] Warum gleichen wir uns dem Feind, dem typischen BRDling, immer mehr an? Nun, viele werden entgegen, dass 412 Schulze, Etikettenschwindel wir uns dem BRD-Bürger gegenüber attraktiv präsentieren, ja fast schon angleichen müssen, um uns Gehör zu verschaffen und neue Mitstreiter zu gewinnen. […] Doch wollen wir wirklich diese Art „Mitstreiter“ haben? Können wir diese Art von ‚Ghettokindern‘, wie man diese Zielgruppe nennen kann, wirklich brauchen? […] Und was will ich mit einem Haufen BRD-Trottel, die Sprüche in gebrochenem Deutsch ‚cool‘ und ‚pornorös‘ finden? Ob diese Leute unsere doch eher konservative Weltanschauung und absolute Disziplin genauso ‚stylisch‘ finden? Wohl eher kaum. Lieber einen aufrechten und standhaften treuen Deutschen als 100 Hottentotten. Qualität vor Quantität, DAS muss unsere Devise sein! […] Denn Sprüche in gebrochenem Deutsch, vermischt mit Anglizismen und Niveaulosigkeit, sind der Verrat an unseren Werten, unseren Zielen und unserer Weltanschauung. (Altermedia 2014) Auch in den jugendkulturellen Sphären des Neonazismus wurden die AN kontrovers diskutiert. In den ersten Jahren nach dem Aufkommen der AN waren diese ein beliebtes Diskussionsthema in Interviews mit Neonazi- Bands. Dabei wurden insbesondere die kulturelle Offenheit und die Kompatibilität zu der eigenen kulturellen Orientierung erörtert. In der Regel zeugen die Aussagen von zu den AN von einem im Vergleich zu anderen Neonazis höheren Grad an Akzeptanz für neue Erscheinungsformen. Dezidiert kritisch positionierte sich dagegen die Brandenburger Rechtsrock- Band „Hassgesang“. Für eine Band, die ursprünglich aus der Neonazi- Skinhead-Szene stammt, ist der Grad der völkisch grundierten Vorbehalte gegen die als „Subkultur“ eingeordneten AN erstaunlich: Das Hauptaugenmerk muß auf dem politischen Kampf liegen. […] Subkulturen fördern immer die Versuchung, sich von der Rebellion gegen den Staat, das System oder dessen Begründer in der Rebellion gegen alles, was außerhalb der Subkultur steht, wiederzufinden. Dieser Weg ist für eine völkische Bewegung aber tödlich. Als Jugendkultur ist es noch halbwegs nachvollziehbar […]. Als kurzfristige Aktion ist es eventuell lustig und in manchen Regionen (Berlin?) vielleicht auch im täglichen Leben ganz praktisch, aber grundsätzlich ist jede Organisations- oder Aktionsform, die sich nach außen nicht als völkisch zu erkennen gibt, unserer Bewegung eher abträglich, weil die Kämpfer der Bewegung nicht die Mitte des Volkes, sondern eine Randerscheinung widerspiegeln – umgekehrt muß es sein. Allenfalls zur Mobilisierung der Jugend erfüllt dieser Stil seine Dienste, wie es einst der Skinhead-Kult tat. Dann 413 Öffnungen, Entwendungen bleibt es aber Aufgabe der Führungskader, die neuen Kameraden schrittweise an die Konsequenzen einer ganzheitlichen Weltanschauung für die persönliche Lebensweise heranzuführen und nicht selbst in voller ‚68er-Montur‘ auf Demos herumzuschleichen. (acht-acht.org 2005) Abwägender tritt im Interview mit einem US-amerikanischen Neonazi die deutsche NSHC-Band „Painful Awakening“ auf. „Normale Bürger“ abzuschrecken sei durchaus eine Gefahr. Gleichwohl seien aber gerade ihre Aktionsformen und Themen – Flash-Mobs, Graffiti, „Anti-Antifa“-Arbeit – zu loben: An sich nicht schlecht, aber meines Erachtens nicht wirklich produktiv für nationale Aufklärungsarbeit auf der Straße. Viele normale Bürger werden dadurch verschreckt. Ich hörte schon Leute reden, ‚da kommt die SS der Neuzeit‘ usw. Ich verachte sie nicht, jedoch finde ich diese Aktionsform auf unseren Veranstaltungen eher kontraproduktiv. […] Aber ich finde nicht alles schlecht was die Autonomen Nationalisten veranstalten. Ich befürworte ihre Anti Antifa Kampagne, ihre Flash Mobs zu geschichtlichen Anlässen (z.B. zu den Rudolf Heß Wochen) und auch diverse Sprühaktionen. Trotz alledem darf diese Agitationsform nicht in einen Modetrend ausarten, weil dann machen sie sich nur unglaubwürdig und lächerlich. (vivamafarka.com 2010) Die Allgäuer Neonazi-Skinhead-Band „Faustrecht“ hingegen wirft den AN vor, dass diese „zu viel bei den Linken abgeguckt“ hätten. Zudem beförderten die AN stilistische Uneindeutigkeiten. Der Skinhead-Stil sei dadurch in Gefahr, aufgeweicht und verfälscht zu werden: Ich kann da jetzt nur für mich sprechen. Ich persönlich halte nicht viel davon, da wurde doch ein bisschen zuviel von den Linken abgeguckt. Natürlich muß jeder selbst für sich entscheiden, was er für richtig hält, aber irgendwo sollte es doch Grenzen geben. […] Das Problem an der [Annäherung an andere Jugendkulturen] ist aber, das viele keinen richtigen Schlußstrich ziehen und dann halb als Skinhead und halb als irgendwas anderes rumlaufen. So was ist nicht zu verstehen und dies lehnen wir auch ab. (Freie Nationalisten Bochum/ Hattingen 2006) 414 Schulze, Etikettenschwindel In einem Song von „Gigi & Die Braunen Stadtmusikanten“ wird eine wachsende Kompromittierung des „Idealismus“ in der Bewegung angedeutet: Heute noch Partei, morgen frei und national, übermorgen autonom und plötzlich ist alles egal. Schluss mit Idealismus, Schluss mit Ehre und mit Ruhm. Am Ende bleibt der Weg ins feige Spießbürgertum. […] Die mit der größten Fresse sind die ersten, die gehen. (Gigi & Die Braunen Stadtmusikanten 2008) Verbreiteter sind dagegen Stellungnahmen, die die von den AN geschaffene Öffnung begrüßen und betonen, dass die Partizipation jedem offen stehen solle, der sich nur ehrlich und intensiv genug einbringe. Der Potsdamer Neonazi-Musiker Uwe Menzel begrüßt als Bewegungsveteran die gewachsene jugendkulturelle Offenheit. Solange man „Deutscher“ sei, sei die stilistische Präferenz zweitrangig: Ich erinnere mich noch sehr gut an den Anfang der 90iger Jahre, im Vergleich zu damals ist es eigentlich heute viel offener. Aber auch ich sehe immer wieder Tendenzen einer Spaltung doch ich glaube es liegt in den meisten Fällen an einer falschen Sicht auf die Bewegung. Wer seinen Stil (Autonomer Nationalist, Skinhead, Hooligan, Normalo, Rocker, Schwarzmetaler, Rock ’n’ Roller oder was auch immer…..) pflegt und lebt kann dies tun aber als allererstes sind wir Deutsche! (nationale-revolution.net 2010) Die Berliner Neonazi-Skinhead-Band „DST“ („Deutsch Stolz Treue“) betont 2005 in einem Interview ihre Akzeptanz der neuen Erscheinungen. Was jemand für die Bewegung leiste, sei entscheidend, der Stil eine Nebensache. Auf die Frage, was die Gruppe vom neuen „Antifa-Kult“ in Sachen „Kleidung, Symbole, Sprache und Verhalten“ in den eigenen Reihen halte, wurde geantwortet: Wie sich jemand kleidet war und ist uns so ziemlich egal. Kopien sind zwar nicht wirklich nach unserem Geschmack aber manchmal sind diese ja auch besser als das Original. Jeder nach seiner Facon… […] Unsere Bewegung ist mittlerweile gut durchmischt […] was Aussehen und Kleidungsstil betrifft. Den typischen Old-School-Skinhead gibt es faktisch kaum noch. Das ist zu 415 Öffnungen, Entwendungen begrüßen. Aber letztendlich ist doch nur wichtig, was jeder einzelne für unser Bewegung zu leisten bereit ist. (Der weiße Wolf 2005, 52) Auch die Band „Inborn Hate“ aus Mecklenburg-Vorpommern stellt ihr Verständnis und ihre Akzeptanz für die AN heraus: „Wenn hinter der Vermummung ein aufrechter, ehrlicher und stolzer Mensch steckt, ist das schon in Ordnung. Schließlich ist es ja nicht wirklich von nutzen sein Gesicht zum Beispiel nach einer Demo in sämtlichen Gazetten wieder zu finden. Von daher ist die Sache eher praktisch.“ (Rufe ins Reich 2004b) Die individuellen Qualitäten der Aktivisten sind also für „Inborn Hate“ entscheidend. Lediglich von „kontraproduktiven“ Übertreibungen grenzt sich die Gruppe ab, nennt als Beispiel jedoch ausgerechnet den „schwarzen Block“: Wenn damit aber nur versucht wird den Schwarzen Block bzw. die Antifa zu kopieren, ist das mehr als kontraproduktiv. Manchmal kommt es einem fast so vor, als hält einige nur noch der von den Roten bekannte ‚Krawall-Tourismus‘ in unseren Reihen. Für den gemeinen BRD-Bürger ist dadurch oft überhaupt nicht mehr ersichtlich für bzw. gegen was da überhaupt demonstriert wird. […] Wer damit allerdings nur einem weiteren Mode- bzw. Freizeitspaß hinterher rennt soll sich lieber gleich verpissen. (Rufe ins Reich 2004b) 5.4.10 Auswirkungen auf die Alltagspraktiken Die AN sind nicht nur aktiv im „schwarzen Blocks“, sondern sie sind auch Teil der Kulturalisierung des Neonazismus. In den andauernden Diskussionen um das „richtige“ Erscheinungsbild in der Öffentlichkeit treten die AN entschieden für eine jugend- und aktionsorientierte, „moderne“ Gestaltung der eigenen Politik ein. Die kulturelle Öffnung wird deshalb von den AN vorangetrieben – und sie wird gelebt. Die AN konsumieren den neonazistischen Hardcore und Rap. Ihre Vorliebe für Popkultur und linke Widerstandssymbolik schlägt sich nicht nur in Demonstrations-Events nieder, sondern auch in der Mode und in der Alltags- und Lebensgestal- 416 Schulze, Etikettenschwindel tung. Die AN sind in dieser Hinsicht durchaus „authentisch“ – sie betreiben keineswegs Maskeraden, die nur taktisch begründet sind (etwa zur Provokation oder zur Gegnertäuschung). Vielmehr haben sie ein weitreichendes Interesse an und eine Faszination für die Kulturen, aus denen sie ihre stilistischen Inspirationen beziehen. Ein Aussteiger betont: Durch dieses Konzept [AN] war das dann eben auch so. Dass man da freier sein konnte. Du konntest hören was du willst, […] du konntest alternative Klamotten tragen. Die Leute machten das ja auch gern. Die haben das jetzt nicht nur gemacht, damit sie jemanden ansprechen sondern weil ihnen das auch selber gefallen hat. (I2 2008) Zu dieser Freiheit gehört auch, an Wochenenden Konzerte und Diskotheken zu besuchen, die zur Hardcore- oder zur Alternativszene zählen. Mit „10, 20, 30 Leuten“ ging es „jedes Wochenende“ in entsprechende Lokale (I2 2008). Die damit beabsichtigte temporäre räumliche Inbesitznahme „feindlicher“ Territorien war dabei nur ein Aspekt von mehreren. Die Lokalbesuche wurden nämlich auch durchgeführt, weil die besuchten Orte attraktiv waren: Erstens das Publikum da, die Mädels, die Musik, die Atmosphäre von so nem Laden, deshalb gehen die Leute da hin. Zweitens, um Präsenz zu zeigen und eben, um Antifas aus solchen Läden zu verdrängen. (I2 2008) Wohlgemerkt: Die Teilnahme an solchen Veranstaltungen hat keine weitergehende Partizipation zur Folge. Entweder bleiben die AN inkognito oder sie geben sich auf der Suche nach Auseinandersetzungen als Neonazis zu erkennen. Ein Kennenlernen oder gar eine Zusammenarbeit mit den alternativen Jugendkulturen ist weder beabsichtigtes noch tatsächliches Resultat dieser Präsenz. Eher lässt sich eine im Vergleich zum alten Neonazismus erhöhte soziale Bindungskraft nach innen konstatieren. Mehrere Aussteiger beschrieben gegenüber Puls, dass sie ihr vormaliges Leben retrospektiv als eines innerhalb einer „Parallelwelt zur Gesellschaft“ empfunden hätten (Puls 2011, 129). So auch ein weiterer Aussteiger: 417 Öffnungen, Entwendungen Dein ganzes soziales Umfeld, dein Freundeskreis besteht nur aus Nazis, wenn du dann feiern willst. Ich kenn keinen, der außerhalb der […] Naziszene noch einen anderen Freundeskreis hatte. Gibt’s eigentlich nicht. Das ist es ja. Alles, was du machst, am Wochenende feiern gehen oder sonst was, machst du eben nur mit Leuten aus der Szene. (I2 2008) Diese Verlängerung der politischen Orientierung in die Lebensgestaltung ist ein Effekt der durch die AN dynamisierten „Verszenung“ des Neonazismus. Mit der Etablierung der „Kameradschaften“ wurde diese Entwicklung eingeläutet, ihre Umsetzung hatte jedoch Grenzen in der privaten Einbindung. In einem gruppeninternen Internetforum klagten beispielsweise Neonazis der klassisch-kameradschaftlichen „Freien Kräfte Bergstraße“ (Südhessen und Nordbaden), dass ihre Gruppe nur eine politische, aber keine soziale Verbindlichkeit entwickelt habe: Wie oft haben wir Freie Kräfte Bergstrasse Treffen? 1x im Monat, richtig. Wenn also die grandiose Betreuung eines Interessenten so aussieht, dass man ihn in einem 1/4 Jahr 3x sieht, dann haben wir den schneller vergrault als uns lieb ist. Ich weiss, den Interessenten am WE einlanden, Treffen außerhalb der KS Abende ausmachen, eMails schreiben etc. Aber WER von UNS macht das denn? Sag mir wer? Kein Schwein! (User NWB 2005) Die erhöhte soziale Bindungskraft der AN rührt aus dem jugendkulturellen Mehr, das sie gegenüber anderen Formationen auszeichnet. Diese Bindung – die Neonazis würden von „Kameradschaft“ sprechen – wird etwa durch die gemeinsamen Erlebnisse bei den Demonstrations-Events erfahren und bestätigt. Hinzu kommen Besuche von Veranstaltungen wie Kameradschaftsabenden und Kleinaktionen wie Plakatekleben oder Sprühereien. Verbreiteter scheint bei den AN das gemeinsame Leben in Wohngemeinschaften zu sein Abb. 46: AN-Ästhetik im Alltag: Neonazi-Wohnung (Chemnitzer Jung 2014) 418 Schulze, Etikettenschwindel (AIB 2009a, 21; Puls 2011, 129; Luzar und Sundermeyer 2010, 180). Diese Wohneinheiten dürften nicht nur als gemeinsame Rückzugsräume fungieren, sondern auch als Freiräume, als soziale Anlauf- und Treffpunkte, als Orte des Austausches und für informelle Diskussionen. Aktivismus und Lebensstil können hier stärker als sonst miteinander verschmelzen. Auf die Kohäsion von Gruppen „Autonomer Nationalisten“ dürften Wohngemeinschaften positiv wirken. Als Wohnform sind Wohngemeinschaften bei jungen Erwachsenen und insbesondere bei Studierenden am meisten verbreitet. Insofern kann die Nutzung durch die jugendlichen AN wenig überraschen. Allerdings stehen WGs auch im Ruf, von einer politisch eher „progressiv“ eingestellten und an flachen Hierarchien orientierten Klientel genutzt zu werden. In einer frühen Broschüre „Autonomer Nationalisten“ wird „Unabhängigkeit“ tatsächlich positiv gesetzt und als Freiheit von Zwängen und Pflichten definiert: Jeder Mensch sucht nach ihr: Die Unabhängigkeit! Der Mensch will ohne Zwänge oder Pflichten leben. Leichter gesagt als getan. […] Es bedarf viel Mut und Entschlossenheit […], aber ist es das freie Leben nicht wert? (Aktionsbündnis Mittelhessen 2004, 9–10) Über eine WG der frühen Berliner AN-Gruppe „Kameradschaft Tor“ liegen Aussagen vor, nach denen die Wohnung betont jugendlich eingerichtet war (Peters 2011, 57–58). Auf Webseiten „Autonomer Nationalisten“ sind vereinzelt Fotos von Privatwohnungen zu finden, in denen die Wände mit Graffiti oder Street Art geschmückt sind. Ob solche Gestaltungen typisch sind, lässt sich schlechterdings nicht feststellen. Jedoch: Zumindest in diesen nach außen kommunizierten Einzelfällen verlängert sich die AN- Ästhetik erkennbar bis in das Privatleben. Das Leben in Wohngemeinschaften ist allerdings nicht ohne Abstriche in nationalsozialistische Konzeptionen von menschlicher Gemeinschaft integrierbar. Als Idealbild zivilen Zusammenlebens kann (bei Anerkennung der Legitimität antibürgerlicher „Bohemiens“ wie Hanns Heinz Ewers oder Joseph Goebbels) weiterhin die Familie als Miteinander von heterosexuellen Paaren und ihren Kindern gelten. Sie wird vermutlich von den meisten 419 Öffnungen, Entwendungen AN als legitime gesellschaftliche Norm angesehen. Zur Rechtfertigung des damit kollidierenden Lebensstils wird auf die eigene Jugendlichkeit verwiesen. Die „AG Württemberg“ erklärt etwa die „Volksgemeinschaft“ zum politischen Ziel, zu der unbedingt „die Gründung kinderreicher Familien“ gehöre. Ihre eigenen Mitglieder selbst sieht die Gruppe jedoch nicht in der unmittelbaren Pflicht, große Familien zu gründen. Als „neue Jugend“ müsse man lediglich „kämpfen für eine neue Revolution“, und zwar mit Mitteln, die „aktiv, kreativ, subversiv“ seien (AG Württemberg 2009). Ein Aussteiger kennzeichnet den Alltag der AN als „antiautoritär“ und „frei“ und weist mit sarkastischen Worten auf die Widersprüchlichkeit zu den proklamierten politischen Zielen hin: Irgendwann, wenn dieses Regime, was sie anstreben, mal hätten, dann hätten sie nicht mehr ihre Carhartt-Hosen. Dann hätten sie nicht mehr ihren Döner. Dann hätten sie nicht mehr ihr antiautoritäres, freies Leben. Dann hätten sie nicht mehr Egotronic-Musik. Dann könnten sie, was weiß ich, in Trachtenhosen und Volksmusik und Sauerkraut und Haxe rumlaufen. (I2 2008) Auch der Bezug von Sozialleistungen wird von AN offensiver gerechtfertigt, als dies im früheren Neonazismus üblich war. ALG II zu „kassieren“ (AIB 2009a, 21), gilt nicht als Widerspruch zum Arbeitsethos des Nationalsozialismus. Der Bezug von Sozialleistungen erscheint für die Finanzierung des Lebens nicht mehr als „Schmarotzertum“, sondern als legitim, zumal die anfallenden Kosten durch das „System der BRD“, also durch den abzuschaffenden Staat, getragen würden. Der Aussteiger: Also wir hatten immer die Einstellung, Scheiß-Staat. Wir waren eh antimaterialistisch, uns hat’s nicht interessiert, ob wir am Existenzminimum leben müssen. Dann ist es doch viel geiler, wenn ich den Staat ausbeute, in dem ich ALG 2 beziehe. Noch nebenher, wenn ich mal mehr Kohle brauche, noch drei oder vier Tage im Monat schwarz arbeiten geh. Das war so die Sicht der Dinge. Dieser Skinhead-Arbeiterethos, Nazi-Arbeiterethos, […] das gab’s da nicht. (I2 2008) 420 Schulze, Etikettenschwindel Zur Verlängerung des eigenen „Aktivismus“ bis in die private Lebensführung bei den AN gehören auch jene konsumkritische Äußerungen, die eine Praxis nach sich ziehen. Zwei Beispiele hierfür, die an anderer Stelle ausführlicher aufgegriffen werden, sind die Aufnahme von „Tierrechten“ in den eigenen Forderungskatalog und die Ablehnung von Drogenkonsum. Beide Punkte strahlen auch auf den Alltag von vielen AN aus, nicht wenige von ihnen ernähren sich vegetarisch oder vegan und adaptieren einen „Straight-Edge“-Lebensstil, verzichten also auf den Gebrauch von Rauschmitteln. Allgemeiner sind jedoch zusätzliche konsum- und medienkritische Appelle von AN zu finden, die eine Verbindung von Alltagsgestaltung und Politik nahe legen. Das „Nationale und Soziale Aktionsbündnis Mitteldeutschland“ fordert beispielsweise: Ändere Dein Leben! […] Boykottiere ihre Medien […], informiere Dich durch alternative Medien! Hör auf sinnlos zu konsumieren! Kauf nur noch Sachen, die Du wirklich brauchst. Kaufe keine teuren Markenklamotten mehr und keine unsinnigen Spielereien, wie ‚I-Phones‘ oder Alufelgen für das Auto. Boykottiere ihre Nahrungsmittel! Halte Dich fern von Supermärkten und Fast-Food Ketten. Kaufe deine Lebensmittel lieber beim lokalen Bäcker, Metzger, Bauern und Gemüsehändler. Diese Leute sind Deine Nachbarn und Freunde. Ihnen kannst Du vertrauen. Sie wurden nicht korrumpiert durch das Kapital. (NSAMD 2014b) Gesundheits- und umweltbewusstes Verhalten wird eingefordert: Baut, wenn ihr die Möglichkeit habt, selber Gemüse und Obst an und entzieht den Großkonzernen damit ein Stückchen ihrer Macht … und achtet beim Einkauf generell auf Produkte aus eurer Region um umweltschädigenden Endlostransporten den Kampf anzusagen! Gebt wo immer es geht, dem Fahrrad den Vorzug vor dem Auto, hinterlasst keinen Müll in der Natur […] Auch das ist aktiver Widerstand! (NSAMD 2015b) Selbst wenn sich keine Hinweise finden lassen, dass AN, wie hier gefordert, tatsächlich selbst Nahrungsmittel anbauen, bezeugen solche Äußerungen 421 Öffnungen, Entwendungen doch, dass Potenzial für die Durchdringung des Alltags der AN in solche Richtungen besteht. Demonstrations-Events und Selbstbilder als Militante stehen im Mittelpunkt der Identitätskonstruktion, sie sind jedoch nicht die alleinigen Charakteristika. AN leben die kulturelle Offenheit und nehmen die Fragmente, die sie aufnehmen, durchaus ernst. Die Selbstbeschränkung, die etwa eine vegane Ernährung mit sich bringt, nehmen manche AN tatsächlich auf sich. Dass die eigenen Forderungen nicht immer umgesetzt werden – der oben zitierten Kritik an „teuren Markenklamotten“ steht ein ausgesprochen ausgeprägtes Markenbewusstsein in den eigenen Reihen gegenüber –, ändert nichts daran, dass bei den AN die Gestaltung des eigenen Lebens nicht nur kulturpessimistisch-restaurativ debattiert wird. Die Experimentierfreude und das Interesse an linken und alternativen Praktiken bei den AN strahlen auch in den privaten Bereich, ohne die ideologischen Grundpostulate infrage zu stellen. 5.4.11 Geschlechterverhältnis: Männlichkeit als Norm Mit der Betonung einer kämpferischen, militanten Haltung in ihrem Aktivismus schreiben die AN ein Bild von Männlichkeit auf eine spezifische Art fort, das im Rechtsextremismus allgemein und im Neonazismus im Speziellen weit verbreitet war und ist. Die Selbstpräsentationen der AN nutzen vorrangig Bilder von männlichen Protagonisten und zielen in gro- ßer Mehrheit auf ein erkennbar männlich gedachtes Publikum und eine ebensolche eigene Klientel. Die Kategorie „Männlichkeit“ ist als „zentral für die Selbstinszenierung und damit auch für das Phänomen der AN“ (Witte 2010, 167) anzusehen, so Geschlechterforscherin Kristin Witte. „Das militante Auftreten und der gewaltförmige Aktionismus der AN“ adressiert „vor allem junge Männer“, sekundiert Geschlechterforscher Andreas Heilmann (Heilmann 2010, 62).281 Die Inszenierungen scheinen, so 281 Heilmann teilt die Analyse, dass männlich konnotierte, militante Gesten Kennzeichen der „Autonomen Nationalisten“ seien – er spricht von einer „subversiv-kämpferischen AN-Männlichkeit“. Er ordnet diese – leider ohne Diskussion – dann als eine „‚Fisch-im-Wasser‘-Strategie der (äußerlichen) Anpassung an den gesellschaftlichen Mainstream“ ein. Zu fragen wäre, von 422 Schulze, Etikettenschwindel beschreibt es Nils Schuhmacher anhand einer Fotoanalyse, einem Szenario aus dem „Fußballstadion“ zu entstammen. Eine „straffe und entschlossene Haltung“ sei anzutreffen. Diese Männlichkeitsinszenierung müsse allerdings nicht zwangsläufig auf Außenstehende abschreckend wirken, sie könne auch den Eindruck vermitteln, dass hier „normale Jungs“ zu sehen seien (Schuhmacher 2014, 204–205). Ähnlich Heilmann: „Flexibel“ oder zumindest flexibler als im alten Neonazismus ist die Männlichkeit der AN womöglich im Alltag, außerhalb der Straßenkampfsituation, wo die Protagonisten als „unauffällige“ Jugendliche erscheinen können (Heilmann 2010, 62–64). Witte schließt in ihrer Bewertung der AN an Michael Meusers Arbeiten zu Bourdieus Konzeption der „ernsten Spiele“ bei der Herstellung von Männlichkeit an (Meuser 2008). Die Männlichkeit der AN stelle sich in einer „homosozialen Männergemeinschaft“ her, in der die Protagonisten „ernste Spiele“ des Wettbewerbs ausfechten würden. Was als richtig, männlich und durchsetzungswert gelte, werde in diesen „ernsten Spielen“ welchem „Mainstream“ hier die Rede ist, an den so angedockt werden könnte (Heilmann 2010, 62). Abb. 47: Inszenierung männlicher Vergemeinschaftung: Gruppenfoto von AN aus Wuppertal (Fight Fascism Blog 2009a) 423 Öffnungen, Entwendungen entschieden (Witte 2010, 167). Die „soldatische Männlichkeit“ der AN, so die Geschlechterforscherin Lucia Bruns (Bruns 2014, 174), setze einen symbolischen „Ausschluss der Frauen“ aus diesem Terrain des politischen Kampfes voraus (Bruns 2014, 177). Auf dem Internetportal Etschlichter282 wird erklärt, dass Kampf eine männliche Domäne sei und die angestrebte Revolution „gewalttätigen Charakter“ habe, dass das Subjekt der politischen Auseinandersetzung darum prinzipiell männlich sein müsse: Kampf ist für Männer ein wesentlicher Bestandteil ihres Seins. […] Wir dürfen nicht vergessen, dass die Forderung nach Revolution immer nur Männer betreffen wird. Frauen wollen keine Revolution, keine Gewalt. (Etschlichter 2014a) Die AN haben eine Form von Männlichkeit kultiviert, in der die Geschlechtlichkeit über die Zelebration von Militanz konstituiert wird. Kampf und Auseinandersetzung stehen symbolisch im Mittelpunkt und sind als Zuständigkeitsbereich von Männern gesetzt. Diese Zuweisung erscheint so selbstverständlich, dass sie kaum diskutiert wird. Die symbolische Darstellung ist Argumentation und Präsentation in einem. Eine Spezifik erlangt das Männlichkeitsbild der AN durch die Kombination aus militanten und jugendlichen Gesten. Beim Neonazi-Skinheads stehen hingegen eine anders akzentuierte Straßenkämpferpose und Proletarität, beim völkischen „Scheitel“ wiederum Traditionstreue im Mittelpunkt. Von der männlichen Norm abgeleitet werden komplementäre Bilder von Weiblichkeit. An der Seite der Männer stehen die weiblichen Skinhead-Renees und die völkischen „Trachten“-Neonazistinnen. Bei den AN existiert kein expliziertes weibliches Ergänzungsstück zur männlichen Norm. Es gibt keine Kleidungsstücke oder Modeaccessoires für „Autonome Nationalistinnen“, die sich von denen der Männer weitreichend unterscheiden 282 Die Texte der norditalienischen Etschlichter werden im deutschsprachigen Neonazismus rezipiert und wurden unter anderem über das deutsche Portal Altermedia verbreitet. Darum erscheint es legitim, sie in dieser Betrachtung des deutschen Neonazismus zu berücksichtigen. 424 Schulze, Etikettenschwindel würden. Die Kleidung der durchaus vorhandenen Frauen entspricht jener der männlichen AN, auch wenn eher „weibliche“, engere Schnitte bei T- Shirts und Hosen präferiert werden. Die männliche Norm bei den AN erzwingt indes einen mehr oder weniger soliden „symbolischen Ausschluss“ von Frauen. Ein „physischer Ausschluss“ sei, so Witte, darin nicht notwendigerweise inbegriffen. Die Frauen müssten jedoch „den Stil der männlichen Selbstinszenierung unterstützen und annehmen“ (Witte 2010, 172). Gegen diese These spricht ein internes Diskussionspapier aus den Kreisen der AN, in dem der physische Ausschluss von Frauen aus dem Kernbereich der eigenen Politik gefordert wird. Über den Stand der eigenen Politik wird in dem Papier geklagt: „Es kommt immer noch vor, dass junge, unerfahrene oder weibliche Aktivisten an Front- oder Seitentransparenten stehen.“ (o.A. 2007b, 2) Um dort, wo es zählt, nämlich vorn in der Auseinandersetzung bei einer Demonstration, wirken zu können, brauche man nicht nur genügend Erfahrung, sondern müsse auch ein Mann sein. „Vorne“ also hätten Frauen, impliziert die Formulierung, physisch keinen Platz. Die Präsenz von Frauen ist symbolisch wie physisch nur gewünscht, solange sie sich abseits dieses Zentrums engagieren. Beim „Antikriegstag“ in Dortmund 2012 wurde „penibel“ darauf geachtet, dass sich in dem vordersten Block des Aufzugs nur Männer befanden, beobachtete Bruns. Mit der Durchsage „Frauen nach hinten, nur Männer nach vorne“ wurde diese Aufteilung durchgesetzt (Bruns 2014, 166). Auf die beschränkten Möglichkeiten von Frauen deutet auch der Fall einer „Autonomen Nationalistin“, den Ellen Esen schildert. Die „Autonome Nationalistin“ hätte, auch aufgrund des „modernen Auftretens“ der AN, die Vorstellung gehabt, sich bei den AN „gleichberechtigt und emanzipiert engagieren zu können“. Dieses Versprechen sei in der Praxis jedoch Abb. 48: „Autonome Nationalistin“ bei einer Demonstration (Recherche Nord 2014) 425 Öffnungen, Entwendungen nicht eingelöst worden. Als ihr bewusst wurde, dass sie als Frau „immer in der zweiten Reihe stehen und politisch nicht wahr- und ernstgenommen“ werden würde, habe ihr Rückzug aus dem Neonazismus und somit ein Ausstiegsprozess eingesetzt (Esen 2015, 29). In den medialen Selbstinszenierungen tauchen AN-Frauen durchaus auf. In Internet-Videoclips sind Frauen zu sehen, die wie ihre männlichen Pendants gekleidet sind, die „den gewaltorientierten, männlichen Habitus“ übernommen haben (Witte 2010, 171). Sie sind allerdings mit „gewaltloseren“ Nebenaufgaben beschäftigt – etwa mit dem Flugblattverteilen am Rande einer Demonstration und als Kommunikatorinnen oder Sprecherinnen in den Videos selbst (Witte 2010, 172). Solch eine Einbettung von Weiblichkeitsrepräsentationen ist um ein Vielfaches verbreiteter als jene, die eine Rolle der Frauen als gleichberechtigte „Kombattantinnen“ neben den Männern andeuten.283 Bei der für die Entstehung der AN relevanten Gruppe „Kameradschaft Tor“ aus Berlin wurde anfangs die Diskussion um eine angemessene Rolle von Frauen in der Bewegung geführt. Gegenüber der Journalistin Andrea Röpke berichtete eine ehemalige Aktivistin, dass ihr unter Androhung des Ausschlusses verboten worden sei, an einer Demonstration teilzunehmen, weil es dort zu Konfrontationen mit Gegendemonstranten kommen könne. Die unmissverständliche Order lautete, dass sich in „diese Gefahr“ nur Männer begeben dürften (Röpke und Baumgärtner 2008, 12). Letztlich, so ist zu ergänzen, setzten sich die Frauen in dieser Frage durch und waren in der Folge an einigen Demonstrationen beteiligt (Sanders und Jentsch 2011, 142). Davon abgesehen hätten die wenigen Mädchen und Frauen in der „Kameradschaft Tor“ durchaus eine eigene Identität und ein Selbstbewusstsein entwickeln können. Sie gründeten mit der „Mädelgruppe der Kameradschaft Tor“ eine Suborganisation. Röpke berichtet: 283 Michael Klarmann weist darauf hin, dass es Inszenierungen von Frauen in gewalttätiger Pose zumindest „stellenweise“ gebe (Klarmann 2009, 107). Zu nennen ist – als Ausnahme von der Regel – ein Mobilisierungsvideo von AN für eine Neonazi-Demonstration 2007 in Frankfurt/ Main, in dem eine vermummte Frau zu Gewaltaktionen aufruft (Anti-Nazi-Koordination 2007). 426 Schulze, Etikettenschwindel Innerhalb der Mädelgruppe verstanden die Frauen ihre Aktionen als Schritt in Richtung ‚nationaler Emanzipation’. Damals hielten sie sich für mutig, [aber] der politische Alltag holte sie ein, und schnell erlahmte die Parole zum Slogan ‚Stark ohne Emanzipation’. (Röpke und Baumgärtner 2008, 11) Die Existenz der „Mädelgruppe“ wurde öffentlich auf der Internetseite der „Kameradschaft Tor“ bekanntgegeben. Dort gab es auch eine „Mädelekke“, die sich an weibliche Gruppenmitglieder und Interessierte richtete. Neben dem militanten Gebaren der „Kameradschaft Tor“ wirkten die dort abgelegten Inhalte eher traditionalistisch, betont nicht-militant und reproduzierten alte Bilder von Weiblichkeit. Zu finden waren „Gedanken über das Brauchtum“ aus einem Kalender des Fanzines Triskele sowie ausführliche Basteltipps für das Herstellen von Weihnachtsschmuck (Kameradschaft Tor 2004a). Bei direkter Ansprache von Frauen werden die Insignien der AN durchaus genutzt, aber die sonst typische Militanz wird weniger stark betont. So werben AN auf einem Aufkleber mit dem Slogan „Nationalismus ist auch Mädelsache“. Als Motiv dient das Bild einer jungen Frau mit offenen, dunklen Haaren und einer Sonnenbrille (Bitzan 2011, 119). Ähnlich verhält es sich mit einem Motiv des „Aktionsbündnisses Nordoberpfalz“, auf dem es heißt: „Nationalismus ist auch Frauensache“. Abgebildet ist dazu die Augenpartie einer sehnsuchts- und hoffnungsvoll aufblickenden jungen Frau (Aktionsbündnis Nordoberpfalz 2012). Sanders und Jentsch weisen ebenfalls darauf hin, dass Abbildungen von jungen Frauen als Layoutelemente verwendet werden. Junge Frauen würden zumindest in Ansätzen durchaus als „repräsentativer und präsentierbarer Teil“ der eigenen Bewegung inszeniert. Die bloße Abbildung von Frauen müsse jedoch nicht in jedem Fall eine Ansprache von Frauen bedeuten, sondern könne im Gegenteil auch eine Ansprache an ein männliches Publikum „nach dem Motto ‚sex sells‘“ sein (Sanders und Jentsch 2011, 140–141). Verglichen mit dem alten Neonazismus sehen Sanders und Jentsch trotzdem Hinweise auf größere Entfaltungsmöglichkeiten für Frauen. „Zumindest in der gegenwärtigen Praxis“ sei es denkbar, dass Frauen „eine gleichberechtigte Rolle“ spielen könnten. Es habe den Anschein, dass mehr Frauen als bisher in 427 Öffnungen, Entwendungen organisatorische und verantwortliche Positionen eingebunden seien. Die AN-Szene sei „nicht ganz so streng“ wie der restliche Neonazismus strukturiert, dadurch seien flexiblere Geschlechterrollen denkbar (Sanders und Jentsch 2011, 136). Insbesondere die Jugendlichkeit der AN öffne Spielräume, die Frauen eine Partizipation eher erleichtern. Wenn sich Fragen nach Familie und Kindern biografisch und symbolisch nicht (oder noch nicht) stellen, sei, so Sanders und Jentsch, männlich konnotierter Straßenaktivismus akzeptabler, der mögliche Widerspruch zur eigenen Ideologie also vernachlässigbar: Die jungen AN-Frauen werden trotz ideologischer Rückgriffe auf den NS innerhalb der AN-Sozialisation nicht mehr darauf vorbereitet, alleinig Mutter und Hausfrau zu sein, sondern ihnen werden ein ‚männlicher‘ Habitus, das Straßenkämpferdasein und auch das Funktionärinnen-Sein durchaus zugestanden. So bieten die AN Jugendlichen eine Zeit des ‚Sich-Austobens‘ […]. Nur in diesem Sinne ist die AN-Szene dank ihrer Jugendlichkeit – zumindest gegenwärtig – durchaus attraktiv für aktivistische junge Frauen. (Sanders und Jentsch 2011, 151) Dass durch die Jugendlichkeit auch für Mädchen und Frauen ein „Austoben“ erlaubt sei und darum die geschlechtlichen Rollenzuweisungen weniger strenge Geltung hätten, bestätigt sich im Abgleich mit den Analysen von AN-Aussteigerinterviews durch Hendrik Puls, in denen nach der Familienplanung gefragt wurde. Kinder zu haben oder eine Familie zu gründen sei, so ein Aussteiger, „einfach nicht präsent“ gewesen. Durch die jugendliche und aktivistische Selbstverortung entlang der Parole „Unser Leben für die Bewegung“ habe die Idee, dass die Familie Kernzelle des Volkes sei, nur mehr theoretisch eine Rolle gespielt, jedoch nicht für die individuelle Lebensplanung. Auch Abtreibungen, so berichten die befragten (allesamt männlichen) Aussteiger, seien bei weiblichen Neonazis vorgekommen: Einer ideologischen Ablehnung von Abtreibungen stand die Kalkulation entgegen, nach der ein Kind für das gegenwärtige Leben und den Aktivismus störend gewesen wäre. Im Zweifelsfalle wurden die konkreten Bedürfnisse der eigenen Lebensführung über die politisch-ethische Vorstellung gestellt, dass Abtreibung Mord sei (Puls 2011, 130). 428 Schulze, Etikettenschwindel Rein quantitativ sind Frauen im Vergleich zu Männern in den Reihen der AN eine deutliche Minderheit. Anhand der Beobachtungen von Neonazi-Demonstrationen lässt sich von einem Anteil von etwa 10 bis 15 Prozent ausgehen. Dieser Prozentsatz korrespondiert mit den Zahlen, die in der Diskussion zum allgemeinen Neonazismus genannt werden. In Berlin sind zwei langjährige und in exponierten Positionen präsente Aktivistinnen aus dem AN-Spektrum bekannt. Ein Aussteiger berichtet, dass in Baden-Württemberg eine Frau zeitweise „eine klare Führungsperson vor Ort“ gewesen sei (I2 2008). Feminismus gilt bei den AN wie im gesamten Neonazimus als bekämpfenswerte, deutschfeindliche, linke Ideologie.284 Im Zuge der AN-typischen inhaltlichen Experimente gab es indes kurzzeitig einen Ansatz, den Begriff für den Neonazismus zu okkupieren. Ein „Mädelring Thüringen“ propagierte über eine Internetseite und vereinzelte Infostände bei Neonazi-Veranstaltungen einen „nationalen Feminismus“, der die „völkische Pflicht, Kinder zu bekommen“ mit einem Kampf für „ein neues Frauenbild“ und „gegen das Patriarchat“ zu verbinden suchte (Mädelring Thüringen 2007).285 Nach der Einstellung der fraglichen Webseite verschwand die Idee für einen „nationalen Feminismus“ allerdings schnell aus den Debatten. 284 2015 versuchten Neonazis gar, eine feministische Demonstration zum „Frauenkampftag“ am 8. März in Nürnberg anzugreifen. Bevor die Polizei eingriff, wurden mehrere Personen durch die Neonazis verletzt. Die Angreifer hatten zuvor an einer „Die-Rechte“-Kundgebung für den inhaftierten Holocaustleugner Gerd Ittner teilgenommen (Müller 2015b). 285 Nach Einschätzung eines Aussteigers habe der „Mädelring Thüringen“ allerdings „keine bewegende Rolle“ gespielt. Es habe sich zwar um eine „eigenständige Gruppe“ gehandelt, deren Wirkung jedoch sehr begrenzt gewesen sei (I2 2008). Abb. 49: Neonazistin bei Demonstration in Bad Nenndorf (Schulze 2015) 429 Öffnungen, Entwendungen 5.4.12 Inhalte Der „Autonome Nationalismus“ ist keine über weltanschauliche Differenzen zu fassende politische Strömung innerhalb des Neonazismus. AN fungiert eher als ein „semi-politisches Label“ für spezifische Inszenierungsformen und als „Metapher“ für „modernisierende kollektive Identitätsangebote“, für „Action“ und „Militanz“ (Häusler und Schedler 2011, 307–308). Dennoch muss für ein vollständiges Bild auch ein Blick auf die Inhalte der AN geworfen werden. Weil die vorliegende Arbeit prüfen will, inwieweit im neuen Neonazismus Entwendungen vorgenommen werden, wird hier diskutiert, welche Aspekte auf der Ebene des politischen Programms der AN als Entwendungen verstanden werden können. Mit Inhalten sind Themen gemeint, die AN in ihrer politischen Werbung adressieren, von großen Gesellschaftsentwürfen über ideologische Partikel bis hin zu Trends in den Kampagnenthemen. Teil davon, jedoch an dieser Stelle ausgespart sind die schon angesprochene Episode des „nationalen Feminismus“ und die Ablehnung der Linken. Der Bereich „Anti-Antifa“ ist so eng an die Politik der AN geknüpft, dass es sinnvoll war, ihn bereits an anderer Stelle zu behandeln. Im Folgenden wird gezeigt, dass der historische Nationalsozialismus der weltanschauliche und inhaltliche Kern der AN ist. Das Register des nationalsozialistischen Programms lässt sich leicht aus den Materialien der AN nachvollziehen. Der Nationalsozialismus dient als Standbein für Politik und Selbstverständnis der AN. Durch die kulturell induzierte und strategisch begründete Öffnung der Bewegung und die Anlehnung an linke Formen und Symbole tendieren die AN jedoch dazu, bestimmte Inhalte stärker zu akzentuieren als andere Flügel der Bewegung. Dazu gehören etwa die Stichworte „Antikapitalismus“ und „Antiimperialismus“. Mehr noch: Auch inhaltlich sind die AN experimentierfreudig – neben dem Standbein der bewährten nationalsozialistischen Inhalte nutzen sie 430 Schulze, Etikettenschwindel ein Spielbein für „neuere“ Inhalte.286 Im Sinne einer solchen Offenheit, die von der Einhaltung nationalsozialistischer Standards gerahmt ist, äußerten sich die „Autonomen Nationalisten Göppingen“: Das Ziel ist die Idee der nationalen und der sozialen Revolution unter die Menschen zu tragen, auf bestehende Missstände aufmerksam zu machen und aktiv gegen diese vorzugehen. Selbstbestimmter Widerstand! Hinzu kommt das Aufgreifen bisher oft vernachlässigter Themenfelder wie Tier- und Umweltschutz. (Autonome Nationalisten Göppingen 2014) Grundlage der AN-Politik ist die Re-Inszenierung nationalsozialistischer Positionen („nationale und soziale Revolution“), erweitert um „bisher oft vernachlässigte“ Inhalte. Es gibt Versuche, bestimmte Begriffe und Themen für den Neonazismus fruchtbar zu machen. Zum Beispiel sind zuerst Veganismus (auf lebensstilistischer Ebene) und dann Tierrechte (auf politischer Ebene) von den AN besetzt worden. Nicht wenige AN propagieren einen „Straight- Edge“-Lebensstil und werben für ein drogenfreies Leben. Weiterhin wurde probeweise die Ablehnung von Gentechnik gefordert und 286 Auf etwas anderer Ebene wurde dieses Sprachbild bis in die 1990er Jahre in der Partei „Die Grünen“ genutzt. Die Parlamentsarbeit habe, so eine vertretene Position, als Spielbein zu gelten, während die Bewegungspolitik als Standbein anzusehen sei (Roth und Rucht 2008a, 18). Abb. 50: AN-Aufkleber (Antifa United 2011, 3) Abb. 51: Neonazi bei Demonstration in Bad Nenndorf (Schulze 2015) 431 Öffnungen, Entwendungen stellenweise versucht, sich an umweltbewegten Aktionen gegen Gentechnik zu beteiligen (AIB 2011a). 5.4.12.1 Nationalsozialismus als Basis Den Ideen des historischen Nationalsozialismus sind die AN „unverbrüchlich“ verbunden und kommunizieren diese Ausrichtung in der Regel offen. Die Wiederbelebung von Praxis und Ikonen des historischen Nationalsozialismus wird von ihnen gerechtfertigt, verherrlicht und zum Zukunftsleitbild verklärt. Auf dem Portal Wacht am Rhein wird erklärt: „Als Nationale Sozialisten ist unser höchstes und heiligstes Ziel die nationale Befreiung, sowie die Schaffung der sozialen Volksgemeinschaft.“ (Schreiber 2013) Die Rede vom Nationalsozialismus hat für die AN utopische Qualität – er verheißt nicht nur die Wiederkehr eines alten Glanzes, sondern auch die Lösung der gesellschaftlichen Probleme und Widersprüche. In dieser Hinsicht sind AN „gewöhnliche“ Neonazis. Paradigmatisch: Ein Aufkleber aus dem Kreis Unna (Nordrhein-Westfalen) zeigt Bilder von Wehrmachtsoldaten sowie von AN. Der Aufkleber trägt die Aufschrift „Zeiten ändern sich, aber die Weltanschauung bleibt in ihrer Substanz unantastbar“ (Antifa United 2011, 3). Die AN sind nicht nur in dieser Hinsicht rückwärtsgewandt. Parallel zu ihrer Preisung der Vergangenheit klagen sie stellenweise, wie andere Neonazis auch, über den „Verfall“ und die „Auswüchse“ der modernen Zeit. Klärner und Virchow betonen, dass die heutige extreme Rechte „in ihren zentralen Sinngebungsmustern und Politikentwürfen“ uneingeschränkt als „antimodern“ gewertet werden müsse (Klärner und Virchow 2006, 5539). Dies bestätigt sich bei den AN. Die Einbettung der AN in die neonazistische Bewegung verdeutlichte ein Forendiskutant im Jahr 2005: Ihr müsst einfach mal raffen und zwar alle, das wenn es die Partei wieder gibt, das dann alle Kameraden und auch die sog. ANs im Braunhemd aufmarschieren werden! Es gibt Weltanschaulich keine Unterschiede […]. (User Odenwaelder 2005) 432 Schulze, Etikettenschwindel Dem Bekenntnis zum Nationalsozialismus immanent sind begriffliche Eckpfeiler wie „Volksgemeinschaft“, ein aggressiver Rassismus, Antisemitismus, Demokratiefeindlichkeit und ein völkisch ausgerichteter Nationalismus.287 Zahlreiche Statements zum „nationalen Sozialismus“ in ihren Propagandamaterialien belegen diese Orientierung.288 Ein Aussteiger erklärte gegenüber Staud: Das ‚Dritte Reich‘ wurde ganz klar verherrlicht und befürwortet […]. [AN- Vordenker] haben wichtige Passagen aus [NS-Literatur] kopiert und bei Treffen verteilt. […] Wer sich davon etwas distanzierte, weil er dachte, die AN wäre tatsächlich etwas Offeneres, Toleranteres, wurde sofort angegangen. (Staud und Radke 2012, 229–230) Die Zustimmung zum Nationalsozialismus erfolgt in der Regel offen, sofern man von der häufigen Minimalverschiebung von „Nationalsozialismus“ zum „nationalen Sozialismus“ absieht.289 In der Zeitschrift Schwarze Fahne wurde festgehalten: „Als freie Nationalisten werden wir auch künftig nicht unsere Gesinnung vertuschen, sondern ganz klar einen natio- 287 Auf dieser Grundlage diskutiert Virchow Ansätze für die Möglichkeit, die AN in zwei weltanschauliche Lager zu unterteilen: Auf der einen Seite befänden sich ideologisch traditionelle, hitleristische Nazis, auf der anderen von Strasser und Niekisch inspirierte „Nationalrevolutionäre“. Virchow konstatiert, dass sich der Sinngehalt der jeweiligen Forderungen und die Stilistik stark überlappen würden. Die beiden Ausprägungen innerhalb der AN seien darum letztlich „wenig substanziell verschieden“ (Virchow 2011b, 102). Damit übereinstimmmend ein Aussteiger, der die Rede von „Nationalrevolution“ als bloßes Schlagwort einordnet: „Wir haben uns zwar eine ganze Zeit lang als [Nationalrevolutionäre] präsentiert und auch als solche verstanden, haben uns allerdings mit der Geschichte […] nicht auseinandergesetzt […]. [Das] war bei uns kein Thema. Thema war eher, dass das wieder nach was Neuem klingt, dass das anders klingt als, ‚ja, wir sind halt die Nazis’.“ (I2 2008) 288 Auch der Verfassungsschutz urteilt: Trotz gewisser Innovationen sei die „ideologische Basis der ‚Autonomen Nationalisten‘„ weiterhin der „historische Nationalsozialismus“ (Bundesministerium des Innern 2013, 73). 289 Die Rede vom „nationalen Sozialismus“ dient dazu, die Bezugnahme auf den Nationalsozialismus wenigstens so weit zu verdecken, dass keine juristischen Konsequenzen zu fürchten sind. Begrich weist zu Recht auf die „inhaltliche Gleichheit“ der beiden Begriffe hin (Begrich 2009b, 5). Juristisch ist die Minimalverschiebung durchaus wirkmächtig. Polizeiauflagen gegen Parolen für einen „nationalen Sozialismus“ wurden für rechtswidrig erklärt (etwa OVG Magdeburg, 7.8.2008, Az. 2 M 268/06; VGH Kassel, 6.7.2007, Az. 6 TG 1353/07 und OVG Münster, 13.7.2010, Az. 5 A 506/09). 433 Öffnungen, Entwendungen nalen Sozialismus propagieren!“ (Schwarze Fahne 2010, 6) Bei einer Neonazi-Demonstration im August 2013 in Dortmund, die sich gegen das Verbot des „Nationalen Widerstands Dortmund“ richtete, stand auf dem Fronttransparent die Parole „25 Punkte gegen eure Verbote!“ (DortmundEcho 2013). Auch dies ist eine offene Anspielung auf das 25-Punkte-Programm der historischen NSDAP. Die „Aktionsgruppe Windeck“ führte auf ihrer Webseite aus, welche Eckpunkte den Nationalsozialismus definieren würden: Nationaler Sozialismus bedeutet: Frieden des eigenen Volkes anstatt des Friedens der internationalen Ausbeuter und Unterdrücker; Freiheit der Volksgemeinschaft anstatt der schrankenlosen Freiheit des Individuums und des Kapitals; Recht auf sinnvolle Arbeit und eine sichere Zukunft anstatt des Rechtes auf Konsum und Selbstzerstörung; Wohlstand und eine artgemäße Entwicklung anstatt des Wachstums und der Vernichtung der Lebensgrundlagen. (Aktionsgruppe Windeck 2012) „Volksgemeinschaft“ und Anti-Internationalismus, Antiindividualismus, der Verweis auf „artgemäßes“ Leben und auch Antikapitalismus sind im Einklang mit klassischer nationalsozialistischer Rhetorik, einzig der Hinweis auf gefährdete „Lebensgrundlagen“ nimmt mit dem ökologischen Gedanken ein Element auf, das in dieser Form im historischen Nationalsozialismus so noch nicht vorhanden war. Der Text zählt sodann weitere politische Ziele auf: Abb. 52: Internetgrafik: Moderne als Giftpille (KindStattGross 2014) 434 Schulze, Etikettenschwindel Die siegreiche Deutsche Revolution wird: die Herrschaft des alten Systems zerschlagen, die Machthaber und Nutznießer des Regimes vertilgen; die Banken und die Schlüsselindustrie verstaatlichen und eine Volkswirtschaft errichten auf der Basis von Volksgemeinschaft und Korporativismus; ein Sozialsystem schaffen, das auf dem Fleiß und der Leistung des werktätigen Volkes beruht; Gesundheits- und Rassenpflege auf genetischer Basis betreiben; eine art- und naturgemäße Kultur schaffen, mit Werten und Idealen wie Liebe, Schönheit, Ordnung, Kraft und Weisheit; eine Großraumordnung errichten auf der Basis eines europäischen Verbundes der Vaterländer und der Solidarität der weissen Völker; ein gesundes Verhältnis herstellen zwischen Mensch und Kultur, Zivilisation und Natur; den Raubbau an der Natur stoppen und die bis dahin angerichteten Schäden beheben; die Forderung: Natur und Lebensschutz als oberstes Gebot durchsetzen und eine Politik betreiben, die die Errungenschaften der Revolution sichert und den Interessen des Volkes dient. (Aktionsgruppe Windeck 2012) Wie bei anderen Neonazis sind bei den AN zahlreiche direkte und positive Verweise auf den historischen Nationalsozialismus zu finden. Die Erinnerung an „Märtyrer“ der Bewegung und an Rahmendaten der nationalsozialistischen Geschichte kommen als wichtige identitäre Bezugspunkte hinzu. 2013 führten die „Autonomen Nationalisten Wetzlar“ eine Gedenkfeier zum Todestag von Horst Wessel durch. Der Schriftzug „Ermordet durch rote Hand“ und ein Porträt Wessels waren auf einem Transparent hinter dem Rednerpult platziert. Ein Neonazi referierte „über den Lebenslauf und Wertegang Horst Wessel’s“ (AN Wetzlar 2013). Abb. 53: AN-Aufkleber: Verehrung von nationalsozialistischen Ikonen (NSAMD 2015a) 435 Öffnungen, Entwendungen Die AN-Kameradschaft „Nationaler Widerstand Dortmund“ war inhaltlich und in ihren historischen Bezügen auf einen orthodoxen Nationalsozialismus abonniert. Im Zuge des Verbotsverfahrens 2012 gegen diese bundesweit bedeutsame Gruppierung wurden vom Innenministerium Nordrhein-Westfalen zahlreiche Belege gesammelt, die diese Orientierung unterstreichen (Innenministerium Nordrhein-Westfalen 2012b). Das 25-Punkte-Programm der NSDAP von 1920 galt als Grundsatzschrift, aus der die ideologischen Leitmuster der eigenen Politik entnommen wurden. Der Nationalsozialismus sei eine dem deutschen Volk innewohnende Idee, wurde vom Kameradschaftsanführer auf einer Demonstration proklamiert. Der „Nationale Widerstand Dortmund“ pflegte zudem eine fast „kultische“ Verehrung des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß (Innenministerium Nordrhein-Westfalen 2012b, 24–41). Dessen vorgeblicher „Friedensflug“ 1941290 und seine angebliche „Ermordung“ 1987 im Kriegsverbrechergefängnis Berlin-Spandau sind identitätsstiftende Themen im Neonazismus (Vierkant 2008). „Heldengedenken“ zum Volkstrauertag fanden an Mahnmalen und auf dem Dortmunder Hauptfriedhof statt. Dabei wurden die Lieder Ich hatt’ einen Kameraden und Wenn alle untreu werden gesungen. Am 9. November wurden zudem Gedenkveranstaltungen für die „Blutzeugen“ der nationalsozialistischen Bewegung durchgeführt. Die Internetseite der „Kameradschaft“ würdigte unter anderem die Dortmunder SA-Männer Wilhelm Sengotta, Otto Senft, Heinrich Habenicht und Adolf Höh. Im Rahmen der wöchentlichen Kameradschaftstreffen informierten Vorträge über Leben und Wirken von Adolf Hitler, Horst Wessel und Alfred Schlageter. Themenabende zu „arischer Rassekunde“ oder zum Werk von Alfred Rosenberg wurden ebenfalls angeboten. 2009 gab es einen Zeitzeugenvortrag mit dem ehemaligen Waffen-SS-Obersturmführer Fritz Langanke. Aufgrund des regen Interesses setzte man wenige Wochen später einen Wiederholungstermin an. Die politischen Positionen des „Nationalen Widerstands Dortmund“ zu Kriegsausbruch und Kriegsende entsprachen neonazistischen Standards: Im März 1933 hätte 290 Vergleiche zu diesem Topos den Beitrag von Brigitte Emmer (Emmer 1994). 436 Schulze, Etikettenschwindel das Judentum dem Deutschen Reich den Krieg erklärt;291 das Kriegsende am 8. Mai 1945 sei als „Tag der Schande“ anzusehen (Innenministerium Nordrhein-Westfalen 2012b, 24–41). Als Ausdruck der Verbundenheit mit dem historischen Nationalsozialismus sind auch weitere geschichtspolitische Aktivitäten zu werten, die von AN verfolgt werden. Dazu gehörten etwa Teilnahmen an den großen, neonazistischen „Trauermärschen“ zur alliierten Bombardierung der Stadt Dresden. Im niedersächsischen Bad Nenndorf finden seit 2006 jährlich Aufmärsche statt, in denen „für die Opfer alliierter Kriegs- und Nachkriegsverbrechen“ und „gegen die Lüge der Befreiung“ mobil gemacht wird. Der Geschichtsrevisionismus, der Deutschland zum Opfer der Weltkriege erklären will, findet auch bei den AN eine Fortsetzung (Speit 2013). 5.4.12.2 Antikapitalismus, Antisemitismus, Antiimperialismus und Rassismus Setzte der frühere Rechtsextremismus in seiner Agitation sehr stark auf einen geschichtsrevisionistischen Kurs, so geht es den AN allerdings stärker um die Thematisierung der „sozialen Frage“. Seit 1990 haben sich Wirtschafts- und Sozialpolitik als zugkräftige Agitationsfelder herauskristallisiert. Die zeitweiligen Wahlerfolge der NPD in den neuen Bundesländern sind ohne die einschlägigen Kampagnen gegen Hartz IV, Globalisierung und – allgemeiner – gegen Kapitalismus nicht erklärbar (Stöss 2005, 42). Aus einer Umfrage ergab sich, dass, besonders in Ostdeutschland, eine Korrelation zwischen dem Grad rechtsextremer Einstellungen und der Schärfe der Kapitalismuskritik in der Bevölkerung besteht (Stöss 2008a). Die extrem rechte Rhetorik für „soziale Gerechtigkeit“ ist völkischen Kategorien verhaftet: Die soziale Frage wird angesprochen, um an seit längerem beobachtbare gesellschaftliche Unzufriedenheit und daraus resultie- 291 Alleiniger Bezugspunkt hierfür ist ein Artikel im britischen Daily Express vom 24. März 1933, der die Überschrift Judea declares war on Germany trägt und sich einer Diskussion um einen eventuellen Boykott deutscher Waren durch jüdische Organisatinen widmet (Auerbach 1994; Pfahl-Traughber 2000). 437 Öffnungen, Entwendungen rende Protestpotenziale anschließen zu können – und sie wird ethnisiert. Wohlstand und soziale Leistungen werden als zu verteidigende Privilegien der angestammten, „blutsdeutschen“ Bevölkerung konzeptionalisiert. Die Schuld an sozialen Verwerfungen wird der Zuwanderung auf der einen Seite, auf der anderen dem Treiben internationaler Großkonzerne beziehungsweise einer „volksfeindlichen“ Regierungspolitik im Interesse des „globalistischen“ Kapitals zugeschoben. Die Stärkung der Nation und die Sicherung ihrer Grenzen im Sinne eines „Schutzraums“ gehören maßgeblich zur Rezeptur, die die extreme Rechte als Antwort auf die soziale Frage anzubieten hat (Grumke und Klärner 2006, 79–84). Historisch betrachtet ist Antikapitalismus von rechts keineswegs ein Novum. Bereits seit dem Ende des 19. Jahrhunderts ist die „soziale Frage“ ein fester Bestandteil der Agitation gegen die Moderne, die die Aushöhlung der zuvor bestehenden „natürlichen“ Ordnung hervorgebracht hätte. Kapitalismus galt und gilt als Symptom eines kulturellen Zerfalls. In verschiedenen Strömungen der NSDAP fand dieser Antikapitalismus seine Fortsetzung. Selektiv wurden dabei Teile des Kapitalismus kritisiert. Dazu gehörte das Zinssystem (Stichworte: Zinsknechtschaft, Zinseszins), eine Trennung in „raffendes“ und „schaffendes“ Kapital und die Ablehnung des Internationalismus, in dem Kapitalismus und Sozialismus prinzipiell ähnliche Erscheinungen seien. Kapitalismus erschien vorrangig nicht als ein ökonomisches, sondern als ein kulturelles Problem – als im Judentum personifizierter Materialismus, der die „natürlichen“ Gesellschaftsstrukturen zersetzen würde. Als Alternative wurde die Idee der „Volksgemeinschaft“ offeriert, die „Gemeinschaftsversprechen“ und „Inklusionsverheißung“ war: Wärme, Sicherheit und Integration für alle Deutschen (Puls 2012, 81). In diesem Zusammenhang wurde und wird von rechts beispielsweise ein „Solidarismus“ diskutiert, der kein Gegen-, sondern ein Miteinander der Deutschen sowie die Abschaffung jedes „Klassenkampfes“ verspricht. Anstatt Klassen sollte es – durch ein Zurück zu alten Werten – wieder gesellschaftliche „Stände“ geben, die allesamt als wertvolle Teile der „Volksgemeinschaft“ anerkannt seien (Puls 2012, 91–92). 438 Schulze, Etikettenschwindel An der Macht blieb der Nationalsozialismus hinter den radikalen Forderungen aus seiner „Kampfzeit“ zurück. Das Verhältnis des NS-Staates zur Wirtschaft war ambivalent. Bei Aufrechterhaltung der Grundsätze eines kapitalistischen Wirtschaftssystems wurden ökonomische Belange staatlich stark gelenkt. Über Investitionsprogramme, „Arisierungen“, Zwangsarbeit und Rüstungsausbau profitierten zudem relevante Teile der Wirtschaft vom NS-Regime. Die antikapitalistische Rhetorik der „Kampfzeit“ diente, wie schon Bloch analysierte, der Mobilisierung der Arbeiterschaft im Interesse des Nationalsozialismus. Der Neonazismus versucht, an diese historische Vorlage anzuknüpfen. Im Interview mit Thein stellte der Erfurter Neonazi Patrick Paul den Zusammenhang zwischen Agitationserfolgen, Kapitalismuskritik und der sukzessiven Abwendung von altrevisionistischen Themen wie Kriegsschuldfrage her: Heute hat man über die Zeit die Erfahrung gesammelt, auch als junger Aktivist, dass diese Geschichtsthemen niemanden satt machen und die alleinigen historischen Betrachtungen oft nur noch einen Stein in den eigenen Weg legen. Zumal man mittlerweile auch erkennt, dass unsere Zukunftsprobleme Abb. 54: Antikapitalistisches Transparent von AN bei einer Demonstration in Frankfurt/Main (Peters 2010) 439 Öffnungen, Entwendungen Kapitalismus und Globalisierung sind, und diese Zukunftsproblematik lösen wir nicht mit Geschichtsrevisionismus. (Thein 2009, 161) Großes, unkontrollierbares Wirtschaften überschreite nationale Grenzen und ziehe ein Zusammenrücken der Welt auf Kosten nationaler Kulturen nach sich. Für die „Autonomen Nationalisten Bückeburg“ ist der „Erzfeind“ jeder Kultur „die Globalisierung“. Denn durch sie komme es zu einer „Vermischung des globalen Genpools“, der „Auflösung von Grenzen“ und damit zur „Gleichschaltung […] aller Kulturen“ (Autonome Nationalisten Bückeburg 2011). Die „Autonomen Nationalisten Göppingen“ veranstalteten mehrere „Antikap“-Demonstrationen, die dem „nationalen Widerstand“ gegen den Kapitalismus verschrieben waren (Autonome Nationalisten Göppingen 2013). In einem Aufruf schreiben sie, dass der „kleine Mann“ und „seine Familie“ unter der europaweiten Banken- und Wirtschaftskrise leiden würden. „Leih- und Zeitarbeit“ würden „den Menschen zum modernen Sklaven mach[en], der nichts weiter als eine austauschbare Nummer und ein entrechteter Knecht der Industrie und der Konzerne ist“. Der „Profitmaximierung multinationaler Großkonzerne“ müsse Einhalt geboten werden. Der Aufruf endet mit dem Appell: Wir fordern nationalen Sozialismus als politische Alternative zu diesem gescheiterten System, denn nur dieser wird dem volksfeindlichen und kapitalistischen Treiben der Obrigkeit Einhalt gebieten und allen Deutschen eine lebenswerte und sichere Zukunft ermöglichen. (demo-goeppingen.org 2013) Die „Autonomen Nationalisten Bundesweite Aktion“ erklären in einem Konzeptpapier die Überwindung des Kapitalismus zum Ziel: „Gegen eine kapitalistische Marktwirtschaft, zurück zur Volkswirtschaft“.292 Sie wollen mit ihrer antikapitalistische Politik „Freiheit der Völker statt Menschenbrei“ erreichen: „Ein Zuzug der Ausländer auf Grund des Wunsches der Kapitalisten und Großkonzerne ist abzulehnen!“ Ebenso werden „Amerika“ und der dortige „new way of life“ sowie die „new world order“ abgelehnt (Autonome Nationalisten Bundesweite Aktion 2008b). 292 Der Begriff der Volkswirtschaft wurde nicht erläutert. 440 Schulze, Etikettenschwindel Für die „Autonomen Nationalisten Pulheim“ ist der Begriff des Sozialismus an keinerlei sozial- oder wirtschaftspolitische Standpunkte geknüpft. Vielmehr sei er ein altgermanischer Gedanke: In der germanischen Frühzeit findet sich schon der Begriff des Sozialismus, da die Germanen die Familie, den Stamm als wichtigste naturgegebene Blutgemeinschaft ansahen und […] ein ausgeprägtes Gemeinschaftsgefühl entwikkelten. (Autonome Nationalisten Pulheim 2013) Durch die Herrschaft der Römer und die Christianisierung sei dieser Sozialismus kompromittiert worden. Erst mit dem historischen Nationalsozialismus habe der Sozialismus wieder aufgelebt: In der Realität der „Volksgemeinschaft“ sei „jeder schaffende Bürger ein gleichgestellter Teil dieser, welches den wahren Kern des Sozialismus widerspiegelt“. „Keine materiellen Dinge wie Geld oder Besitz“ hätten gezählt, sondern nur „Volk und Blut“. Ein derartiger Sozialismus sei scharf vom Kommunismus abzugrenzen, denn Sozialismus im Sinn des „Juden Karl Marx“ verneine „soziale Gedanken wie Volk, Blut, Gemeinschaft und Tradition“ und führe zu „Klassenkampf“ und damit letztlich zur „Spaltung“ des Volkes (Autonome Nationalisten Pulheim 2013). Anlässlich einer Demonstration am 1. Mai 2010 veröffentlichte der „Nationale Widerstand Berlin“ eine Broschüre über den Antikapitalismus von rechts. „Unser Volk leidet unter dem Kapitalismus und wenn ein Volk leidet, muss gehandelt werden“, heißt es dort (NW-Berlin 2010a, 7). Auf 28 Seiten, also in für AN seltener Ausführlichkeit, werden Leitlinien ihrer wirtschaftspolitischen Ansichten skizziert. Nach der „Machtübernahme“ solle eine Privatwirtschaft installiert werden, die idealistisch dem Volk dienen und es dem interventionsfreudigen Staat ermöglichen solle, autark zu wirtschaften. Kapital und Arbeit wären versöhnt, weil sie eine Geisteshaltung einigen würde, die das gemeinsame Schaffen im Dienste von Volk, Staat und Nation in den Mittelpunkt stelle. Die Schrift gibt „Vollbeschäftigung“ als gesellschaftliches Ziel aus. Diese sei nicht nur wirtschaftlich, sondern auch „aus erzieherischen und kulturellen Gedanken heraus eine notwendige Grundlage der gesunden deutschen Volksgemeinschaft“. Zur 441 Öffnungen, Entwendungen Erreichung des Ziels solle „schaffendes Kapital“, welches „dem deutschen Volke nutzen und sich unterordnen“ würde, gefördert werden. „Firmen, die dies nicht tun“, sollten folgerichtig aus dem Wirtschaftskreislauf „herausgenommen“ werden. Hier wird deutlich, dass der „Antikapitalismus von rechts“ die Grundstruktur des Kapitalismus aufrechterhalten will, ihm aber eine idealistische Grundlage verleihen möchte: „Ziel muss es sein, in jeder Handlung und jedem Gedanken zuerst an den Volksnutzen und dann an den Profit zu denken.“ Auch Profitstreben sei akzeptabel, doch es habe vorrangig dem Volk zu dienen. Die Wirtschaftsleistung solle strikt auf nationaler Produktion basieren. „Ziel ist das Erreichen des größtmöglichen Grades der staatlichen Autarkie.“ Exporte seien zu begrüßen, Importe jedoch sollten „hoch besteuert“ werden. Wo als nötig angesehen, dürfe der Staat mit umfangreicher Steuerung intervenieren. Schlüsselindustrien und Aktiengesellschaften müssten ebenso wie Banken verstaatlicht und die D-Mark wieder eingeführt werden. Der zu gründenden neuen Zentralbank sei es verboten, Zinseszinsen zu nehmen. Gewerkschaften seien als „Schädlinge“ anzusehen, da sie „nicht organisch in die höhere Ganzheit des Volkes eingegliedert“ seien. Sie kosteten das Volk „unendlich viel Geld, füttern zahlreiche Gewerkschaftsbosse“. Es gelte, die Gewerkschaften aufzulösen und zur Herstellung der „Ganzheit des Volkes“ mit den Arbeitgeberverbänden zu einer „Dachorganisation der Deutschen Arbeit“ zu vereinigen (NW-Berlin 2010a, 8–27). Der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit sei durch diese Dachorganisation aufgelöst: Diese Organisation bildet eine politische Weltanschauungsgemeinschaft, die alle materiellen Fragen des Arbeitslebens zu klären hat und die unterschiedlichen Interessen von Arbeitnehmer und Arbeitgeber in eine Symbiose bringt. (NW-Berlin 2010a, 13) Weiter heißt es: „Streiks […] sollen besonders durch vorhergehende Erziehungsmaßnahmen“ verunmöglicht werden. Auf Betriebsebene könnten Konflikte mittels Vertrauensleuten ausgehandelt werden, als höhere Instanz sei ein Arbeitsgericht vorgesehen, welches nach „germanischem Recht“ Fallentscheidungen treffen würde. Auf individueller Ebene müsse 442 Schulze, Etikettenschwindel der Druck verstärkt werden, staatliche „Arbeitsangebote“ an Arbeitslose anzunehmen. Wer Umschulungen „nach dem Bedarf der Volkswirtschaft“ verweigere, solle „Arbeiten im Sinne des Volkswohls“ erledigen oder „in eine stationäre Umerziehungs- und Wiedereingliederungsstätte eingewiesen“ werden. Als Zwangsarbeit wird dieses Modell zwar nicht benannt, aber es wird betont: „Wir wollen keinen Wohlfahrtsstaat.“ Daneben werden Eltern, „unverschuldet“ Verdienstlosen und Rentnern umfassende Sozialleistungen versprochen, solange diese „Volksdeutsche“ seien (NW- Berlin 2010a, 8–27). Die „Autonomen Nationalisten Marburg“ unterstreichen, dass ihr Antikapitalismus und ihre Sozialismuskonzeption keinen Schwerpunkt auf die Ökonomiekritik setzen: „Entgegen linker Sozialisten […] greift der Nationale Sozialismus sowohl ökonomische als auch sozial-ethische und biologische Prinzipien auf.“ Wahrer Sozialismus sei nicht durch „Klassenkampf“ zu verwirklichen, sondern in einer „organischen und aristokratischen Volksgemeinschaft“. Der Gleichheitsgedanke wird als zurückzuweisendes Resultat von Aufklärung und Französischer Revolution beschrieben, er sei Ausgangspunkt für die Pervertierung der Gesellschaft gewesen. Die Gleichheit habe „die naturgegebenen Fähigkeiten und Talente jedes einzelnen Arbeiters verwischt und das Leistungsfähige mit dem weniger Leistungsfähigen“ gleichgesetzt. Für eine funktionierende Gesellschaft müsse ein jeder „seinen angestammten Platz in der Volksgemeinschaft einnehmen“, alle seien zur Arbeit verpflichtet. Bei der Entlohnung müsse „Leistungs-Gerechtigkeit“ herrschen. Wie viel Wert eine Arbeit und damit die Arbeiterin oder der Arbeiter habe, sei daran zu messen, wie unverzichtbar sie seien: „Die Frage zur Überprüfung dieses Wertes ist einfach: Ist der Arbeiter ersetzbar?“ Die Betriebe seien entlang einer „hierarchischen Struktur“ zu leiten. „Ausbeuterei“ sei in einem Sozialismus dieses Zuschnitts nicht möglich, weil sie durch „genügend staatliche Kontrollorgane“ unterbunden werden würde (Autonome Nationalisten Marburg 2009). Der Antisemitismus im Neonazismus wiederum beerbt den rassistischen Antisemitismus der historischen Nazis und ist mit deren Sozialis- 443 Öffnungen, Entwendungen muskonzeption und antikapitalistischen Rhetorik eng verknüpft. Sekundärer Antisemitismus – etwa in Bezugnahme auf israelische Politik oder gegen Erinnnerung an die Shoa – spielt zwar agitatorisch eine große Rolle, ist in seiner Bedeutung jedoch dem primären Antisemitismus untergeordnet. Die antikapitalistischen Phrasen und der Antisemitismus sind miteinander verbunden: Bei einer Neonazi-Demonstration am 1. Mai 2007 in Dortmund war auf dem Fronttransparent beispielsweise folgende Parole geschrieben: „Ob Dortmund, Erfurt oder Buxtehude, der Feind ist und bleibt der Kapitalismus!“ Ersetzt man „Kapitalismus“ durch „Jude“, dann wird aus der Parole ein Reim. Diese Möglichkeit zur Umstellung war offenkundig beabsichtigt. Einerseits hatten die Neonazis so einen Verstoß gegen den Volksverhetzungsparagrafen vermieden, andererseits dürfte die Art der Verklausulierung in den eigenen Reihen als humorvolle Einlage begrüßt worden sein (redok 2007). Bei einem frühen Auftritt der AN in Berlin wurden Antikapitalismus, Antisemitismus und das Eintreten für einen Sozialismus in ihrem Sinne ebenfalls verbunden: Im Dezember 2003 demonstrierten in Berlin-Neukölln insgesamt rund 250 Neonazis und skandierten antikapitalistische Parolen genauso wie „ANB is watching you, fight the system, fight the jew!“ und „Nie, nie, nie wieder Israel!“ (kanalb.org 2003). Aus dem Kameradschaftsspektrum heraus und mit großer Teilhabe der AN wurde über das Portal „antikap.de“ das Thema „Antikapitalismus Abb. 55: AN posieren mit einem antisemitischen Spruchband (haskala.de 2012) 444 Schulze, Etikettenschwindel von rechts“ in Kampagnenform bearbeitet. Von 2006 bis 2011 wurden vor allem zum 1. Mai in wechselnden Städten Demonstrationen veranstaltet (antikap.de 2011). In einer schmalen Broschüre zur Kampagne wurde „Antikapitalismus“ mit der Ablehnung von Internationalismus gekoppelt. Der Kapitalismus sei der „Feind der Völker“ (antikap.de 2006, 1), denn er agiere international und schwäche so die Homogenität der Völker und befördere schädlichen Individualismus: „Individualisierung ist vergleichbar einer Häckselmaschine, die organisch gewachsenes Holz in Späne zerkleinert.“ (antikap.de 2006, 5) Um „Zukunft statt Globalisierung“ (antikap.de 2006, 8) zu sichern, gelte es, „von der Massengesellschaft zur Volksgemeinschaft“ (antikap.de 2006, 4) zu kommen. Als reinster Ausdruck des völkerzerstörenden, individualistischen Geistes müsse dabei die „Amerikanisierung“ (antikap.de 2006, 2) begriffen werden. Der Antikapitalismus der AN ist antiamerikanisch und, in der gängigen Gleichsetzung von US- und israelischer Politik, auch antisemitisch. Dieser Konnex ist der Hintergrund, wenn im Zuge der Politik der AN das Schlagwort „Antiimperialismus“ prominent auf die Agenda des Neonazismus gesetzt wird. Als imperialistische Unterdrückungsmächte werden gleichermaßen die USA und Israel gehandelt, denen man durch nationalen oder europäischen Widerstand begegnen solle. „Der westliche Imperialismus“ meint USA und Israel, während Deutschland nicht der westlichen Welt zugezählt wird (antikap.de 2006, 8). Deshalb der Vorschlag zur Schaffung eines „eurasischen Blocks der Völker“, der „ein Element der antiimperialistischen Abwehr“ und schließlich „ein Element einer Neuen raum- und völkerorientierten Weltordnung“ darstelle (antikap.de 2006, 8). Einen besonders starken Ausdruck lieferte der „Antiimperialismus“ der AN während der Demonstrationen zum „Nationalen Abb. 56: Transparent „USrael stoppen“ (Autonome Nationalisten Nordthüringen 2011) 445 Öffnungen, Entwendungen Antikriegstag“, wie er in Dortmund zwischen 2005 und 2011 mit jeweils 200 bis 1.000 Beteiligten stattfand. Exemplarisch für das Framing des neonazistischen „Antikriegstages“ ist ein Beitrag der „Freien Nationalisten Gladbeck“ zur Demonstration 2008: „Imperialismus“ und die „Kriegstreiberei der internationalen Hochfinanz“ seien eng verwoben. Seit 1939 würden „die freien Völker der Welt militärisch, wirtschaftlich und moralisch“ bekämpft, und zwar durch „Aggressions- und Angriffskriege von Amerikanern und Israeliten“. Aus deutscher Sicht sei der Zweite Weltkrieg ein „Verteidigungskrieg“ gewesen (Begrich et al. 2009, 3). Auf Transparenten wurde bei den „Antikriegstagen“ gefordert: „Stoppt die One-World- Fetischisten“, „USrael stoppen – Imperialismus vernichten“ und „Gegen Krieg und Kapitalismus“. Die Aufrufe zu den Demonstrationen unterstrichen ebenfalls die Betonung des Antiimperialismus: „Kampf dem US- Imperialismus! Nie wieder Krieg!“ (antikriegstag.org 2005) oder „Gegen imperialistische Kriegstreiberei und Aggressionskriege“ (antikriegstag.org 2011). Der „Anti kriegstag“ diene dazu, „ein Zeichen gegen imperialistische Kriegstreiberei und Aggressionskriege zu setzen“, die „von den immer gleichen Weltbrandstiftern“ geschürt würden (antikriegstag.org 2012). Antiimperialistisch zu bekämpfen sei „das innere Wesen und Funktionsprinzip, das dem amerikanischen Staate […] zugrunde liegt: der Kapitalismus!“ (AKT 2008). Imperialismus, sei das, was die USA und Israel und ihre westlichen „Vasallen“ praktizierten. Ein Begriff von Geschichte, der diese auf ein Ringen von Völkern reduziert und den „starken Völkern“ ein Naturrecht auf Herrschaft einräumt, wohnt dem Neonazismus auch dann inne, wenn er sich explizit auf Antiimperialismus beruft. Der „Nationale Widerstand Marl“ führt in einem Aufruf zum Dortmunder „Antikriegstag“ aus: Wir sind sicher keine Pazifisten. Das wollen wir auch gar nicht sein. Wir erkennen an, dass es einen Unterschied zwischen sinnvollen Kriegen und eben nicht sinnvollen Kriegen gibt. Ein Krieg um die Rasse, die Kultur und die Nation zu verteidigen ist ein sinnvoller. Diese Kriege gab es von Anbeginn der Zeit. Schwache Völker verschwanden, starke Völker errungen den Sieg und somit das Leben. (Nationaler Widerstand Marl 2009) 446 Schulze, Etikettenschwindel Aus der neonazistischen, antisemitisch grundierten Verwendung von Begriffen wie Antikapitalismus, Globalisierungskritik, Antiimperialismus lässt sich ableiten, dass diese Begriffe in den Neonazi-Kampagnen eine zentrale Rolle einnehmen, dass sie mit großer Ernsthaftigkeit vertreten werden. Die Nutzung dieser Schlagworte verzerrt ihre Bedeutung, weil sie im neonazistischen Kontext dazu dienen, mit aufgefrischtem Vokabular auf die orthodoxe nationalsozialistische Programmatik hinzuführen. Der neonazistische Antikapitalismus lehnt den Kapitalismus nicht ab, sondern offeriert lediglich eine romantisch-völkische, antisemitische Kapitalismuskritik. Der Antiglobalismus meint einen Nationalismus, der nicht nur auf wirtschaftliche Autarkie pocht, sondern jede „Vermischung von Völkern“ ablehnt. Der Antiimperialismus beinhaltet keine allgemeine Opposition gegen eine – wie auch immer gefasste – imperialistische Politik. Er affirmiert Herrschaftskriege und propagiert ausschließlich den antiamerikanischen und antisemitischen Kampf gegen die USA und Israel. Dass solche Begriffe genutzt werden, liegt teilweise daran, dass sie sich zumindest assoziativ mit nationalsozialistischer Ideologie durchaus befüllen lassen, lässt sich indes aber auch mit dem Blochschen Entwendungsbegriff erklären: Die Begriffe docken an bekannte, links konnotierte oder explizit linke Äquivalente an, die durch ihre neonazistische Nutzung eine neue Bedeutung erhalten. Als weiterer Zweck lässt sich die Lust an der Provokation der politischen Feinde ausmachen, vor allem aber das Bedürfnis, an gesellschaftlich diskutable und zuweilen positiv wahrgenommene Diskurse anzuschließen. Der Antikapitalismus ist – so wie Demonstrationen zum 1. Mai – ein gleich doppeltes Zitat: Zum einen ist er eine Wiederaufführung der alten Entwendung der historischen Neonazis, zum anderen imitiert er die antikapitalistisch-rebellische Pose, die in der gegenwärtigen Linken zu finden ist. Die Rede vom Antiglobalismus trachtet danach, an die Antiglobalisierungsbewegung beziehungsweise globalisierungskritische Bewegung Anschluss zu finden. Antiimperialismus ist ein Themenfeld der (radikalen) Linken, die an manchen Punkten selbst antiamerikanische oder gar anti- 447 Öffnungen, Entwendungen semitische Töne anschlägt, und dadurch für Neonazis umso attraktiver erscheint. Ein weiterer politischer Inhalt der AN ist der Rassismus. Das Thema ist im Rechtsextremismus und Neonazismus allgemein von höchster Bedeutung. Die AN besetzten das Thema ebenfalls und liegen damit in Übereinstimmung mit dem Rest des Neonazismus. Die Betonung von Antikapitalismus durch die AN ist zwar intensiver und dadurch eher ein Alleinstellungsmerkmal. Hinweise auf Entwendungen gibt es im Bereich des Rassismus nur in der manchmal anzutreffenden popkulturell inspirierten Inszenierung, nicht aber in den Begrifflichkeiten selbst. Das eigene Bewusstsein über die Bedeutung von „Rasse“ sei Kennzeichen eines „ausgesprochenen Realismus“, wird etwa in der AN-Zeitschrift Freies Hessen geschrieben: Wir sehen die Welt an, wie sie ist. […] Der Hauptsatz unserer Gegner ist ‚Alle Menschen sind gleich’. Dieser Satz ist grundfalsch. […] Die Rassen haben sich über Jahr-Zehntausende herausgebildet und verkörpern die ideale Anpassung des Menschen an seinen Lebensraum […]. Jeder Lebensraum hat eine Rasse hervorgebracht, diese und keine andere sollten dort leben. Die Rassen vermischen zu wollen, ist biologisch unsinnig und vernichtet nur einseitig die helleren Rassen. Nun sind es jedoch die helleren Rassen, die erheblich schöpferischer in Erfindungen sind, während die dunkleren Rassen begabter sind in Mode, Musik und sicherlich auch Lebensfreude. Die Rassen zu mischen bedeutet sie zu zerstören, wir wollen den Menschen in seiner ganzen Unterschiedlichkeit dagegen erhalten! (Freies Hessen 2013) Die Behauptung der Existenz von raumgebundenen, biologischen Menschen-„Rassen“, die unterschiedliche Qualitäten hätten, und die gleichzeitige Feststellung einer besonders hohen Wertigkeit, aber zugleich auch Bedrohung der „helleren Rassen“ ist klassisch-biologischer Rassismus, der auf diese direkte Art von den AN selten formuliert wird. Dem Bekenntnis zum Nationalsozialismus ist er immanent, darum darf er als grundlegend für die AN gesetzt werden. Für die Agitation wird Rassismus häufig genutzt, jedoch mit anderen Akzentuierungen. Es werden seltener radikal-biologistische Ansichten of- 448 Schulze, Etikettenschwindel fensiv artikuliert, sondern eher wird versucht, den Anschluss an verbreitetere gesellschaftliche Diskurse zu halten – etwa durch die Verknüpfung von „sozialer Frage“ mit dem Asylrecht; durch die Ineinssetzung von Zuwanderung und Kriminalität oder durch antimuslimisch-rassistische Hetze. Die „Autonomen Nationalisten Wetzlar“ nennen als zentrale politische Forderungen: „Arbeitsplätze zuerst für Deutsche“ und „Sofortiger Einwanderungsstopp und Rückführung aller Krimineller Ausländer aus Deutschland“ (Autonome Nationalisten Wetzlar 2014). Bei einem internetbasierten AN-Versandhandel sind Aufkleber mit folgenden Slogans im Angebot: „Ausländer rein – wir sagen nein!“, „Asylheime dichtmachen“, „Arbeitsplätze zuerst für Deutsche“, „Nein zur Islamisierung Europas“ (antisem.it 2014a–d). Die „Freien Nationalisten Odenwald“ nennen die Schaffung von „Alternativen zum System“ als politisches Ziel und vertreten Forderungen wie: „aggressive Islamisierung stoppen, Ausländerkriminalität bekämpfen, deutsches Kulturgut erhalten, Souveränität Deutschlands wiederherstellen, Asylmissbrauch schärfer bekämpfen“ (Freie Nationalisten Odenwald 2013, 4). Im rheinländischen Stolberg bei Aachen gab es zwischen 2008 und 2012 Versuche von AN, eine regelmäßige Demonstration „gegen Ausländergewalt“ zu etablieren (Autonome Nationalisten Ostfriesland 2009).293 Auch der „Nationale Widerstand Dortmund“ nutzte unter anderem seine Webseite für rassistische Agitation mit Schlagzeilen wie „Messerste- 293 2008 war ein 19-jähriger Deutscher nach einem Streit von einem 18-jährigen Libanesen erstochen worden. Neonazis unter Federführung von AN und mit zeitweiliger Unterstützung der NPD demonstrierten danach mehrfach in der Stadt „gegen Ausländergewalt“ (Anthes 2009). Abb. 57: Batman als rassistischer Schläger: Popkulturelle Inszenierung von biologistischem Rassismus (Pro Nation 2014) 449 Öffnungen, Entwendungen cher-Neger attackiert Dortmunder“. Vor einer massiven Bedrohung der deutschen weißen Bevölkerung durch „Fremdvölkische“ wurde gewarnt (Innenministerium Nordrhein-Westfalen 2012b, 24–41). Die „Autonomen Nationalisten Haltern“ widmeten dem von ihnen ausgemachten Zusammenhang von Kriminalität und Zuwanderung einen eigenen Text. Im Vergleich, so das Argumentationsmuster, zu den mehrheitlich friedfertigen Rechten wären Ausländer ausgesprochen kriminell und würden dennoch Schutz durch das Establishment genießen: Wie lächerlich und haltlos die momentane Progromstimmung im Lande wirklich ist, zeigt sich aber erst an den offziellen Zahlen des Verfassungsschutzes bzw. des BKAs: 1999 starb eine Person an den Folgen eines rechtsextremen Überfalls. Zum Vergleich: noch im selben Jahr wurden 1016 (in Worten: eintausendsechzehn) Menschen in Deutschland von Ausländern ermordet. […] Solche Tatsachen sind in der Systempresse nicht mal einen Dreizeiler wert, dagegen wird jeder Kritik auch aus den Reihen der Konservativen mit der altbewährten Faschismus-Keule und dem Stempel ‚rassistisch‘ die Glaubwürdigkeit entzogen. […] All das sollte auch dem Letzten zeigen, dass […] der Faschismus in diesem Land schon lange nicht mehr braun ist. Und deshalb gehen wir auf die Straßen, um zu zeigen, dass wir ein einig Volk sind. Und uns nicht teilen lassen von ein paar Regierungstrotteln und vor allem nicht von dem Ausländerpack! (Autonome Nationalisten Haltern 2014) Einen Schwerpunkt auf rassistische Agitation legt die Demonstrationskampagne „Tag der deutschen Zukunft“, die seit 2009 in wechselnden Städten mit 200 bis 750 teilnehmenden Neonazis stattfindet. Mit der Kampagne, die maßgeblich von AN mitgetragen wird, soll ein „Signal gegen Überfremdung“ gesetzt werden (tddz.info 2014b). Der Demonstrationsaufruf für das Jahr 2015 kombiniert exemplarisch das Schlagwort der Globalisierung mit dem Thema „Überfremdung“, um dann ein Bedrohungsszenario zu skizzieren, das Gegenmaßnahmen und Widerstand erfordere: „Asylantenheime sprießen mittlerweile […] wie Pilze aus dem Boden. […] Wo einst deutsche Jugendliche einen Ausbildungsplatz fanden, wohnen jetzt Asylanten.“ (tddz.info 2014a) 450 Schulze, Etikettenschwindel 5.4.12.3 Experimente: Tierrechte und „Straight Edge“ Wie oben gezeigt wurde, entsprechen die politischen Eckpfeiler der AN bis auf einige spezifische Akzentuierungen jenen des sonstigen Neonazismus. Daneben sind allerdings Seitenstränge zu erkennen, die in dieser Form bisher keine Verbreitung hatten: „Straight Edge“, Veganismus und Tierrechte haben auf unterschiedlichen Ebenen Eingang in die Praxis des bundesrepublikanischen Neonazismus gefunden. Ausgangspunkt hierfür war ein vorpolitischer Impuls, nämlich die stilistische Pluralisierung im Kulturbereich. Durch die Etablierung eines neonazistischen Hardcores unter dem Label NSHC sickerten nicht nur Symbole dieser Jugendkultur in den Neonazismus ein, sukzessive färbten auch Lebensstilelemente in den Alltag der Aktiven ab. Im eigentlich nicht-rechten Hardcore sind „Straight Edge“ und Veganismus Lebensstil-Praktiken, die nicht von allen geteilt werden, die jedoch in der Jugendkultur anerkannte Interpretationen der eigenen Kultur sind. So gab es analog dazu in den neonazistischen Musik-Szenen bald auch NSHC-Bands, die „Straight Edge“ und Veganismus zum Thema machten, den Lebensstil – bei Beibehaltung ihrer neonazistischen Ausrichtung – adaptierten und schließlich dafür mit ihren musikalischen Mitteln Werbung machten.294 Auf der politischen Ebene wurde diese kulturelle Entwicklung aufgegriffen und weiterverarbeitet. Einige Projekte und Gruppen von AN propagieren „Straight Edge“ und Veganismus, nutzen sie umgekehrt zur Eigenwerbung und haben punktuell eine politische Praxis in diese Richtung entwickelt. Hinter den ideologischen Kernelementen stehen sie zurück; sind aber stark genug ausgeprägt, um neben der stilistischen auch Züge einer inhaltlichen Pluralisierung im Neonazismus auszumachen. 294 Dieser Befund gilt nicht nur für Deutschland. Beispielsweise ist „Straight Edge“ in der russischen Neonazi-Bewegung inzwischen weit verbreitet. Am prominentesten ist die vegane „Straight-Edge“-Band „Outlaw Heroes Standing“ (Outlaw Heroes Standing 2010). Eine weitere russische Band namens „Nüchtern Reich“ nimmt schon in ihrer Namensgebung Bezug auf die Verbindung von Neonazismus und „Straight Edge“ (Nüchtern Reich 2008). Auch in anderen Ländern finden sich ähnliche Entwicklungen, etwa in Tschechien (H8Xedge 2014) oder der Ukraine (Пряма Лінія 2014). 451 Öffnungen, Entwendungen Die Mitglieder von „Daily Broken Dream“ sind „Straight Edge“ und posieren auf Band-Fotos mit gemaltem „X“ auf den Handrücken und Pullovern mit der Aufschrift „drug free“. Ein Musiker von „Daily Broken Dream“ erklärte 2007: „Ich selber lebe nun schon seit dreieinhalb Jahren Straight Edge. […] Der ausschlaggebende Punkt war die Geburt meiner Tochter.“ (Rock Nord 2007, 34) Im Song „XXX“ singen „Daily Broken Dream“: Not just a phase. I’m 27 and I’m proud to be straight edge, a brotherhood drug free. Take pride in who you are but never cross the line. Show respect and you will get it back. Keep an eye on your brothers, no need to fight each other. (Daily Broken Dream 2008) In einem Interview wird desweiteren „Straight Edge“ nicht nur als gesunder Lebensstil gelobt, sondern es werden mögliche Werbeeffekte auf Au- ßenstehende hervorgehoben. Auf Begriffe wie „Reinheit“ wird verzichtet, obwohl sie im nicht-rechten „Straight Edge“ häufig verwendet werden und durchaus in eine nazistische Argumentation einbettbar wären: Zum Einen war der gesundheitliche als auch der politische Aspekt ausschlaggebend dafür. Ich denke, ich brauche hier nicht noch einmal darzulegen, wie schädlich Alkoholkonsum für die Gesundheit des Menschen sein kann, was natürlich auch alle anderen Suchtmittel einschließt. […] Vielmehr jedoch sehen wir ein Problem darin, dass das klischeehafte Bild unserer Bewegung, was in den Medien propagiert wird, auch in der Realität oft nicht anders aussieht. Unsere Vorstellung vom Nationalsozialismus liegt jenseits vom Naziparolen brüllenden Volltrunkenen, der nicht mehr Herr seiner Handlungen ist und in der Öffentlichkeit unserer Sache extrem schadet. (Until The End Records 2010b) „Anger Within“, eine 2004 gegründete weitere deutsche Nazi-Hardcore- Band mit „Straight-Edge“-Ausrichtung, möchte „nature’s way and nationalism in one package“ präsentieren. Die Gruppe argumentierte 2005 in den gleichen Mustern wie „Daily Broken Dream“: In Germany once, I saw a ‚comrade‘ speaking at a protest march about ‚No beer after the march and Words and actions have to be one’. After his speech, 452 Schulze, Etikettenschwindel he opened a beer bottle. It makes me sick to see that the NS struggle is full of scum that are too weak to walk the talk. Why do we have so many fat, fast food-, cigarette-, and alcohol-addicted ‚fighters‘? […] Everyone has to beat the inner jew. (Resistance 2005, 36) Die stilistische Öffnung zum Hardcore soll der Popularisierung neonazistischer Inhalte dienen und mündet in einer Kritik am Alkoholkonsum in der eigenen Szene: In our propaganda, we do things like spraying graffiti or creative actions in public. People inside the scene laugh at this or call it ‚non-White’. What crap! If it is ‚White‘ to drink and puke, to look like antisocial scum [..] then I am willing to turn into a Black bongo player right now. […] Adolf H. didn’t booze or smoke. (Resistance 2005, 37–38) Ausgehend von diesen jugendkulturell inspirierten Stellungnahmen für „Straight Edge“ haben sich in der politischen Agitation des Neonazismus Stellungnahmen gegen Drogengebrauch und -missbrauch verbreitet. Auch vorher hatte es stellenweise Positionierungen gegen Drogen gegeben, oft verknüpft mit rassistischen Argumentationen, die den Drogenhandel „Ausländerbanden“ zuschrieben. Typischerweise wurde dabei auf weiche und harte illegale Drogen wie Marijuana und Heroin fokussiert und der (im Neonazismus weit verbreitete) Gebrauch von der legalen Droge Alkohol exkludiert. Im Neonazismus allgemein haben zudem harte Drogen –etwa Crystal Meth – eine gewisse Verbreitung und es sind Fälle dokumentiert, in denen organisierte Neonazis selbst als Drogenhändler tätig waren (Meyer und Schlesinger 2015). Nicht untypisch ist etwa ein Statement der „Jungen Nationaldemokraten“ in Baden-Württemberg, die Drogen eine „Vergiftung des Geistes“ nennen, für die vor allem Linke (die „68er“) verantwortlich zu machen seien: [Es wurde] im Zuge der zunehmenden Vergiftung des Geistes insbesondere der Deutschen Jugend durch die ‚68er‘ und ihre psychopathischen Hilfstruppen, ein bleibender Schaden angerichtet. Ohne wenn und aber im Kampf 453 Öffnungen, Entwendungen gegen den Drogenmissbrauch! Gebt Dealern was Ihnen zusteht! 9 mm! Blas lieber das System weg, statt dein Gehirn! (JN Baden-Württemberg 2009) Stellungnahmen, die auch Alkohol in diese Drogenkritik integrieren – und somit an „Straight Edge“ angelehnt sind –, kommen vor allem aus dem Spektrum der AN. Die „Autonomen Nationalisten Rhein Kreis Neuss“ schreiben in einem Text, der mit einer Grafik „Wir Deutschen sind spitze, auch ohne Koks und Spritze“ illustriert ist: Es gibt mehr Leute, nicht nur junge, die regelmäßig Haschisch rauchen. Diese als ‚weich‘ eingestufte Droge, Cannabis, Hanf, oder Marihuana genannt, ist gerade in unserer Region leicht erhältlich und weit verbreitet. […] Doch muss sich zu einer Armee von Alkis auch noch eine Schar von Kiffern gesellen? Deutschland zugedröhnt? Die Gefahren sind bei beiden Drogen die gleichen. Wie wäre es denn mit dem ‚Rauschgefühl‘ einer stolzen Nation anzugehören? (Autonome Nationalisten Rhein Kreis Neuss 2010) Die AN der „Nationalen Sozialisten Müritz“ führen ihren Kampf gegen den Ge- und Missbrauch von Drogen direkt auf „Straight Edge“ zurück: „Straight Edge ist eine Lebensweise, welche sich in den 80er Jahren in der Hardcore-Szene in den USA herauskristallisierte.“ Anstelle von „Dekadenz und Selbstzerstörung“ solle ein „Leben in Selbstdisziplin und voller Verantwortung“ angestrebt werden. Drogen wie „Cannabis, Heroin, Meth, LSD, Kokain“ seien ausnahmslos zu verurteilen. Der Konsum von Alkohol wird ebenfalls kritisiert: „Wir [wenden] uns gegen die etablierte Feierkultur, in der es einem aufgezwungen wird, bis zum Umfallen zu trinken.“ Tabak sei wegen der Gesundheitsschäden für die Konsumenten, aber auch wegen der „grausamen Tierversuche“, die die Tabakindustrie durchführe, ebenfalls abzulehnen (Nationale Sozialisten Müritz 2014b). Ähnlich argumentieren die „Freien Nationalisten Saalfeld“; sie kommen zu dem Schluss: „Drogenkonsum ist zu verurteilen und nicht als normal zu betrachten. Prinzipiell sind bewusstseinsverändernde Mittel als schlecht und schädlich einzustufen.“ (FN Saalfeld 2014) Die neonazistische Schülerzeitung In.vers widmete 2005 dem Thema Alkohol einen eigenen Artikel. Darin wird gewarnt, dass auch der Genuss von solchen legalen Rauschmitteln krank mache (In. 454 Schulze, Etikettenschwindel vers 2005a, 13–14). Das Internet-Videoprojekt Media Pro Patria, betrieben von AN, veröffentlichte 2008 einen knapp vierminütigen Filmclip, in dem für „Straight Edge“ geworben wird. Der eingesprochene Text dieses Clips lautet: Was ist Straight Edge? Der Straight Edge Gedanke entstand in den 80er Jahren, als eine Generation von Jugendlichen begann, den selbstzerstörerischen Drogenkonsum abzulehnen. Es geht darum, Körper und Geist fit zu halten. Sein Leben mit klarem Kopf zu gestalten. Der Verzicht auf Alkohol und Nikotin, Koffein, chemische Drogen und One Night Stands geschah nicht allein der Gesundheit wegen. Das gesunde Leben fernab der Konsumentenlage war ein Protest gegen Wertzerfall und die mörderische Lebensweise der Zeit, damals wie heute. Don’t Smoke. Warum vergiftest du dich selber? Warum zahlst du für ein schädliches Suchtmittel? Bist du zu schwach, diesem zu entsagen? […] Don’t drink! Glaubst du wirklich, du kannst nur betrunken Spaß haben? Dass Komasaufen mit 14 gesund sei? […] Nach und nach vegetierst du vor dich hin, im Strudel dieser maroden Gesellschaft. […] Don’t Fuck! Es geht nicht darum, keinen Sex zu haben, sondern um die Ablehnung von gefühllosen One Night Stands. Hast du dir je ernsthafte Gedanken über Aids oder andere Krankheiten gemacht? […] Sex ist keine Konsumware, sondern Bestandteil einer Beziehung. Erweise dem anderen Geschlecht Respekt und begreife, dass Moral und Familienbewußtsein nichts altmodisches sind. Statt zuzusehen, wie Völker durch Abtreibungen, Schwule- und Mischehen ein neues Gesicht bekommen, trage auch du deinen Teil zu unserer Zukunft bei. Willst du wirklich als Konsumsklave enden? Nenne es Straight Edge, Konsumverzicht oder gesünder leben. Willst du etwas verändern, so fang bei dir an. Such dir ein Ziel, für das du dich überwinden musst. Fang endlich an, über deine Zukunft nachzudenken! Engagier dich in Vereinen, treibe Sport! […] Drogen sind etwas für geistig Schwache und Verlierer! (Media Pro Patria 2008b) Der Text verschweigt, dass „Straight Edge“ seine Wurzeln in den USA hat und interpretiert die Grundgedanken der Lebensweise völkisch-nationalistisch. Das Video setzt den Nationalsozialismus implizit als adäquate Ideologie der Stärke zur gleichfalls „starken“ Lebensweise „Straight Edge“. Die Rede vom Verfall einer „maroden Gesellschaft“ und der „Völker“ durch 455 Öffnungen, Entwendungen „Mischehen“ ist deutlich genug, um das Video als Neonazi-Agitation erkennbar zu machen. Parallel zur Drogenabstinenz des „Straight Edge“ hat sich auch das Führen eines veganen oder zumindest vegetarischen Lebensstils als Import aus der Hardcore-Jugendkultur im Neonazismus verbreitet. Bei NSHC- Konzerten werden die Gäste inzwischen zuweilen mit veganem Essen versorgt. Bei einem Neonazi-Konzert mit NSHC-Bands 2009 in Mitteldeutschland wurde beispielsweise damit geworben, dass neben dem musikalischen Geschehen für „vegan food“ gesorgt sei (Support the Movement 2009). Auch Kameradschaften von AN haben Veganismus und Vegetarismus in das Repertoire ihrer Agitationsthemen aufgenommen. So betonen etwa die „Nationalen Sozialisten Müritz“: „Wir respektieren und fördern eine fleischlose Lebensweise.“ Der Verzicht auf Fleischkonsum führe „zu einem längeren und gesünderen Leben“ und beuge „‚Zivilisationskrank- Abb. 58: Ausriss aus einem Werbezettel für ein NSHC-Konzert, auf dem „vegan food“ angekündigt wird (Fight Fascism Blog 2009b) – AN für „Naturschutz & Tierschutz“ (AG Nord-Ost 2015) 456 Schulze, Etikettenschwindel heiten‘ wie Krebs, Gicht, Rheuma, Bluthochdruck“ vor (Nationale Sozialisten Müritz 2014b). Ein Projekt aus dem Spektrum der „Autonomen Nationalisten“ widmet sich gänzlich der Agitation für eine vegane Ernährung. Seit 2014 produzieren Neonazis aus dem Raum Hannover eine Kochshow unter dem Titel Balaclava Küche, die über das Videoportal Youtube verbreitet wird (Balaclava 2014b). In der Art von TV-Kochsendungen führen zwei Neonazis durch die Sendung und erläutern Kochrezepte, die auf eine vegane Ernährung ausgerichtet sind. Die politische Ausrichtung wird dabei nicht verhehlt. Die Idee zu der Kochshow sei den Machern „in unserer Wohngemeinschaft“ gekommen, berichten sie in einem Interview (Zuerst! 2016, 66). Die Moderatoren treten mit „Hasskappen“ vermummt auf (daher auch der Titel der Sendung: „Balaclava“ ist das englische Wort für Sturmhaube). Zu den Videos ist folgender Vermerk hinterlegt: „Containert was ihr könnt und versucht nicht zu verschwenden! Achtet auf die Herkunft der Sachen! Kauft keine Nestlé-, CocaCola-, Kraft, Unilever- und Israel- Wixxe!“ (Balaclava 2014b) Die Werbung für Veganismus aus neonazistischer Perspektive steht bei Balaclava Küche im Mittelpunkt, am Rande wird auch für „Straight Edge“ geworben: Alkohol wird nicht genossen, ein Clip enthält „Straight-Edge“-Symbole, die Moderatoren tragen in einer Sendung T-Shirts mit dem Aufdruck „Gerade Kante. Ohne Drogen, Kippen und Alk“ – „gerade Kante“ ist die wortwörtliche Übersetzung des Begriffs „Straight Edge“ (Balaclava 2014a). Von der Ästhetisierung über den NSHC und die lebensstilistische Umsetzung über „Straight Edge“ und Veganismus hat der Bezug auf den Hardcore auch auf die politischen Inhalte des Neonazismus durchgeschlagen. Das Thema Tierschutz hat, gerade im Spektrum der AN, eine größere Prominenz erlangt. Insbesondere „Tierrecht“ und „Speziezismus“ gehören seit etwa 2005 zur Rhetorik. Damit wird sich der Terminologie der (mit dem Hardcore eng verknüpften) Tierrechtsbewegung bedient. Die Begriffe gehen auf das 1975 erstmals veröffentlichte Buch Animal Liberation des Philosophen Peter Singer zurück (Singer 2002). Singer entwickelt darin eine utilitaristische Ethik, in der die Leidensfähigkeit von Lebewesen und 457 Öffnungen, Entwendungen die Möglichkeit der Vermeidung von Leid zum Maßstab ethischen Handelns gemacht werden (Petrus 2013, 32–34). Speziesübergreifend („antispeziezistisch“) sollten in der ethischen Lebensführung der Menschen, so das Postulat, die Interessen aller Lebewesen gleichermaßen Berücksichtigung finden. Spätestens durch die Gründung des Magazins Fallen Rain (drei Ausgaben zwischen 2005 und 2008) (Fallen Rain 2010) und dem seit 2007 kontinuierlich erscheinenden Umwelt & Aktiv („Magazin für ganzheitliches Denken, Umweltschutz, Tierschutz, Heimatschutz“) sind Tierrechte als Inhalt an den Neonazismus angebunden (Umwelt & Aktiv 2014; Speit 2015). Eine Gruppe namens „NS Antispe“ agitierte ab 2008 mehrere Jahre lang für einen „nationalsozialistischen Antispeziesismus“: Unser Antispeziesismus kommt aus einer völkischen, der Heimat verbundenen und sie schützenden Stoßrichtung, es gibt keinerlei Gründe, Vorbehalte gegen sie zu hegen. […] Liebe zur Heimat, der ihr zugehörigen Natur und eben den in ihr lebenden Tieren ist der trotzige Gegenentwurf zum Bruch der kapitalistischen neuen Weltordnung mit dem völkischen Bewusstsein, dem Leben im Einklang mit der den Menschen umgebenden Natur. (NS-Antispe 2008) 2008 gründete sich eine „AG Tierrecht im nationalen Widerstand“, die sich aus AN rekrutierte und deren Mitglieder sich vorrangig vegan ernährten. In einem programmatischen Text heißt es: Wir als nationale Sozialisten haben erkannt, dass die Ausbeutung der Natur durch die Menschen zwangsläufig zum Tod der Natur und somit auch zu unserem eigenen Tod führen muss. […] Wir selbst sind autonome nationale Sozialisten und als solche ein unabhängiger Zweig innerhalb des nationalen Widerstandes. Da es schon immer im Interesse der nationalsozialistischen Bewegung lag, die Natur und auch die Tierwelt zu schützen, wird es nun endlich Zeit, dass auch wir wieder unsere Stimme und Fäuste gegen die grausame Ausbeutung der Tierwelt durch den Menschen und für dessen egoistische Luxusbedürfnisse erheben. (AG Tierrecht 2008b) 458 Schulze, Etikettenschwindel In einer weiteren Erklärung ging die „AG Tierrecht“ auf Kritik an ihrer Gruppe ein. Sie grenzte sich darin sowohl von bewegungsinterner Skepsis („undeutsche Körnerfresser“) als auch von den empörten Reaktionen aus den Reihen der sich zumeist antifaschistisch verstehenden Tierrechtsbewegung ab:295 „Behauptungen, Nazis und Tierschutz seien ein Widerspruch, sind absolut absurd und lächerlich.“ (AG Tierrecht 2008a) Einen Bezug zum proklamierten Zusammenhang zwischen nationalem Gedanken und Tierrechten wurde von der „AG Tierrecht“ nur vermittelt über den nicht näher definierten Begriff der „Volksgesundheit“ hergestellt: „Es hängt viel davon ab, denn nicht nur das unschuldige Tierleben muss beschützt werden, sondern auch die eigene Volksgesundheit.“ (AG Tierrecht 2008a) Die AN-Kameradschaft „Nationale Sozialisten Müritz“ sprach sich 2014 ebenfalls für die Achtung und Umsetzung von Tierrechten im Neonazismus aus. Dies sei kein zeitgeistiger Opportunismus, „wie es die Systemmedien und Antideutsche […] behaupten“, sondern ein „urgermanisches“ Anliegen. Bis zur Christianisierung sei eine „enge Beziehung zwischen Mensch und Tier“ gegeben gewesen. Im historischen Nationalsozialismus hätten Tierrechte durch das „Reichstierschutzgesetz“ und das „Gesetz über das Schlachten von Tieren“ von 1933 ebenfalls vorbildlichen Niederschlag gefunden. Dieser historischen Legitimierung ist eine antisemitische Komponente eingeschrieben, denn in den NS-Gesetzen war, wie die „Nationalen Sozialisten Müritz“ betonen, das Verbot des Schächtens von Tieren nach jüdischem Ritus inbegriffen. Das Judentum sei mit „unseren […] Werten und Traditionen“ unvereinbar und wird auch im Hinblick auf den Umgang mit Tieren als negatives Gegenbild zum germanischen Ethos hervorgehoben (Nationale Sozialisten Müritz