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Vorwort in:

Christoph Schulze

Etikettenschwindel, page 9 - 14

Die Autonomen Nationalisten zwischen Pop und Antimoderne

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3822-2, ISBN online: 978-3-8288-6672-0, https://doi.org/10.5771/9783828866720-9

Series: kommunikation & kultur, vol. 11

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
9 Vorwort Was neu scheint, muss so neu nicht sein. Ungefähr ab dem Jahr 2003 breitete sich im bundesdeutschen Neonazismus das Schlagwort des „Autonomen Nationalismus“ aus. Es handelte sich um Jugendliche, die sich in ihren Stilisierungen nicht mehr auf die dominierenden, tradierten und limitierten Muster des Neonazismus stützten. Sie brachten stattdessen das Alte zusammen mit Popkultur und verschiedenen Formen und Phrasen aus der radikalen Linken. Sie rührten einen Symbolmix an, der so militant wie widersprüchlich war: Horst Wessel und Bart Simpson; Runen-Schick und „schwarze Blöcke“. Ihr schneller Erfolg gab den „Autonomen Nationalisten“ Recht, zum Schrecken der Orthodoxie in den eigenen Reihen, für die sich „Heimattreue“ auf ewig nur über Scheitel und Braunhemd auszudrücken hat. Doch die „Autonomen Nationalisten“ bewiesen mit jugendlichem Selbstbewußtsein, daß Nationalsozialismus auch in zeitgemäßem Gewand und mithilfe linker Formen und Symbole funktioniert. War es etwas Neues, was die „Autonomen Nationalisten“ taten? Ernst Bloch hat schon in den 1930er Jahren die Anziehungskraft der Nazis in der Weimarer Republik untersucht. Auf welches Alltagsbewußtsein stützte sich die Propaganda, wie gelang es ihr, die Basis unter Bauern und Bürgertum, vor allem aber auch in der Arbeiterschaft zu verbreitern? Bloch klagte den systematischen Raub und Betrug der Nazis bei der kommunistischen Bewegung an. Mittels „Entwendungen aus der Kommune“ bemächtigten sich die Nazis des linken Befreiungsversprechens. Das Repertoire der Linken wurde aufgegriffen – , Massendemonstrationen, Arbeiterlieder und vieles mehr adaptiert. Gleichzeitiges und Ungleichzeitiges, linker Widerspruch zum Kapitalismus und Sehnsüchte nach alter Zeit wurden auf symbolischer Ebene einverleibt. Die erneute Lektüre der Analysen Blochs 10 Schulze, Etikettenschwindel zeigt, dass das Tun der „Autonomen Nationalisten“ so tollkühn gar nicht war und ist. Sie wiederholen einen Etikettenschwindel, den schon ihre historischen Vorbilder zu Genüge praktiziert hatten. In der Konkurrenz zur Linken übernehmen sie, wenn es opportun scheint, deren Mittel. Damals war es der Werbefeldzug durch proletarische Viertel, heute zielt man auf Jugendliche, und es ist der „schwarze Block“, der kopiert wird; damals war es die Schalmeienkapelle, heute ist es Hardcore-Musik. Bloch wusste indes auch um die Historizität von Symbolen und Formen. Wenn er von „Entwendungen“ und „Raub“ schrieb, zielte er auf die konkrete, auf den politischen Feind zielende Aneignungspraxis der Nazis; mit seinen Vokabeln bestritt er nicht, daß auch die linken Symbolwelten selbst Ergebnisse von Prozessen, Aneignungen und Umdeutungen waren. Die „Autonomen Nationalisten“ können sich bei ihren zeitgenössischen Entwendungen zusätzlich auf die Zitierfreude der Popkultur, auf die Stilbasteleien in den Jugendkulturen stützen. Doch auch sie sind nicht „nur“ Pop, dem ersten Anschein entgegen können sie nicht völlig frei brikolieren, sondern sind gewissen, ihrer politischen Natur geschuldeten Zwängen ausgesetzt. Insofern: Es gibt kein völlig freies Zitieren, keine entgrenzten Stilkreationen. Es gab keine queeren Neonazis, keinen Neonazi-Jazz und auch für die Zukunft scheint solches schwer vorstellbar. Nun sind die Verhältnisse in der Bundesrepublik des frühen 21. Jahrhunderts nicht mit der Weimarer Republik gleichzustellen. Auch die Größenordnung und die tatsächliche äußere Erscheinung der Bewegungen differiert maßgeblich. Militante Neonazis stellen dennoch konkrete, auch physische Gefahren dar. Dieser Umstand lässt sich bei weitem nicht nur mit dem Hinweis auf die NSU-Morde belegen. Völkisches, antisemitisches, rassistisches, faschistisches Denken und entsprechende politische und kulturelle Erscheinungen in unterschiedlichem Zuschnitt sind auf absehbare Zeit als Herausforderungen der demokratischen Kultur ernst zu nehmen; und zwar von scheinbaren Kuriosa wie der „Reichsbürger“- Ideologie bis zur Frage, ob der völkische Nationalismus in der „Alternative für Deutschland“ nur ein Einsprengsel ist oder ob er hegemonial werden wird. In dieser Gemengelage sind die physischen und symbolischen Kämp- 11 Vorwort fe um gesellschaftliche Raumhoheit, die die „Autonomen Nationalisten“ führen, nur ein Teilaspekt. Aus einer Betrachtung ihrer symbolpolitischen Wendigkeit, ihrer formellen und inhaltlichen Flexibilität, aus ihrer Experimentierfreude läßt sich jedoch ableiten, was auch in den angrenzenden Bereichen Gültigkeit hat. Die „Identitären“ werben mit Brecht-Zitaten für sich, die strahlend-gelbe Sonne fordert inzwischen nicht mehr nur „AKW nee“, sondern auch „Nein zum Heim“, die traditionalistische Neonazigruppe „Der Dritte Weg“ lässt „schwarze“ Blöcke auf Demonstrationen marschieren. Die Internetblogs der „Autonomen Nationalisten“ werden abgelöst von der Facebook-Agitation neuer parteiförmiger oder noch loserer Formationen. Die vorliegende Studie untersucht vor allem anhand von Primärquellen den Charakter der deutschen „Autonomen Nationalisten“, wie sie sich zwischen 2003 und 2014 entwickelten und darstellten. Das Phänomen ist beileibe nicht verschwunden, wenngleich im Neonazismus immer seltener das Schlagwort der „Autonomie“ gebraucht wird. Bei ihrer über ein Jahrzehnt andauernden Existenz darf man dennoch unterstellen, daß es sich nicht um ein bloßes, folgenloses Modephänomen im Neonazismus handelte. Die „Autonomen Nationalisten“ haben auf ihre spezifische Art in ihrem politischen Spektrum Spuren hinterlassen. Sie werden hier bearbeitet als Teil und als Fortentwicklung der „Freien Kameradschaften“, und insofern werden sie auch als Teil politischer Formationsprozesse ernst genommen. Sie werden eingeordnet in die Geschichte der extremen Rechten in der Bundesrepublik, wobei besonderes Augenmerk auf die Rolle der wechselseitigen Verklammerung von Politik und Kultur gelegt wird. Mehr noch aber sind die „Autonomen Nationalisten“ ihrem Charakter und ihrer Funktion nach ein Stil, ein Operationsmodus, der es ermöglicht, Brücken zwischen „Bewegung“ und Jugendszenen zu schlagen. Dies – zumindest halbwegs – erreicht zu haben, ist der Dienst, den die „Autonomen Nationalisten“ dem Neonazismus geleistet haben. Von Bedeutung ist, daß die Entstehung der „Autonomen Nationalisten“ keineswegs Ergebnis einer erklärten, geplanten kulturellen Subversionsstrategie war. Hier bildet sich Dynamik und Ausprobieren ab, jugendlicher Provokationsdrang nach 12 Schulze, Etikettenschwindel Innen und nach Außen, die lockere Suche nach Neuem, das als Werbeträger funktionieren könnte. Das war und ist bedeutsamer als Taktik und Strategie und allemal bedeutsamer als programmatische Konsistenz, die in faschistischen Bewegungen historisch noch nie ausschlaggebend war. Die Grundkonstellation ist für die „Autonomen Nationalisten“ nicht viel anders als für andere Faschisten: Mit den Mitteln der Moderne gegen die konkrete Moderne kämpfen, gegen Aufklärung, unteilbares Menschenrecht, für ein Wiederaufleben eines mythischen Ur-Zustandes, für die Wiedergeburt der „geschundenen“ Nation. Die Inhalte der „Autonomen Nationalisten“ sind darum von nachrangigem Interesse; es genügt der Nachweis, daß es sich programmatisch um klassische Nazis handelt, die lieber heute als morgen beginnen möchten, neue Konzentrationslager zu errichten. Wenn hier untersucht wird, wie und warum sie was inszenieren, auf welche jüngeren Entwicklungen in ihrem Spektrum sie sich beziehen können, was sie als Akteure ausmacht, dann wird der mörderische Gehalt ihrer Ideen nicht als jugendlicher Exzess kleingeredet. Vielmehr: Die Faktoren Kultur und Bewegung werden im Falle der „Autonomen Nationalisten“ mit einkalkuliert, weil sich dadurch das Fortbestehen nationalsozialistischer Ideologie erklären läßt. Für die Unterstützung, Anregungen, Diskussionen und Ermutigungen möchte ich mich beim wissenschaftlichen Betreuer dieser Dissertation, Hermann Haarmann (Berlin) und dem Zweitbetreuer Fabian Virchow (Düsseldorf) bedanken. Für meine Recherchen war ich auf die Unterstützung mehrerer Institutionen angewiesen. Hervorheben möchte ich das „Antifaschistische Pressearchiv und Bildungszentrum“ (Apabiz) in Berlin, dessen umfangreiche Bestände eine wesentliche Basis für meine Arbeit waren. Für ihre Kommentare und Diskussionsbereitschaft danke ich desweiten Bianka Bardeleben, Felix Hansen, Thorsten Hindrichs, Silke Hünecke, Ulrike Imhof, Dagmar Lieske, Yves Müller, Jan Raabe, Michael Saager, Nils Schuhmacher, Ursula Schulze und Michael Weiss. Ein Dank gilt auch den Fotografen, die mir verschiedene Bilder für die Illustration der Arbeit zur Verfügung gestellt haben: Alwin Meyer, Christian Ditsch, Marek Peters, Sascha Rheker sowie die Mitarbeiterinnen und Mitarbei- 13 Vorwort ter der Agenturen Attenzione, Recherche Nord, Presseservice Rathenow und die Nordstadtblogger aus Dortmund. Ebenfalls schulde ich der Hans- Böckler-Stiftung gebührenden Dank, die mir durch die Gewährung eines Promotionsstipendiums die Arbeit an dieser Studie erst ermöglicht hat. Berlin, im Februar 2017 Christoph Schulze

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Zusammenfassung

Die „Autonomen Nationalisten“ (AN) pendeln zwischen antimoderner, rückwärtsgewandter Ideologie und einem Präsentationsstil, der Anleihen nimmt bei der Popkultur und der radikalen Linken. Diese Strategie ist nicht neu. Ernst Bloch beschrieb diesen Etikettenschwindel bereits am Beispiel der Nationalsozialisten als „Entwendungen aus der Kommune“. Die Studie spürt dem permanenten Ideenklau der AN nach und versucht, ihn historisch-politisch einzuordnen.