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3 Vorgehen in:

Christoph Schulze

Etikettenschwindel, page 77 - 94

Die Autonomen Nationalisten zwischen Pop und Antimoderne

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3822-2, ISBN online: 978-3-8288-6672-0, https://doi.org/10.5771/9783828866720-77

Series: kommunikation & kultur, vol. 11

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
77 3 Vorgehen Die vorliegende Arbeit verfolgt zur Beantwortung ihrer Forschungsfragen einen kulturwissenschaftlichen Ansatz. Schon der Charakter der Forschungsfragen legt eine qualitative, interpretative Methode nahe, die sich an der Vorgehensweise Ernst Blochs orientiert. Dabei wird vorrangig am konkreten Fall der „Autonomen Nationalisten“ und ihnen nahe stehenden Jugendkulturen gearbeitet. Das Material, ein breiter Korpus aus Primärquellen, wird als historische Quelle erschlossen, bearbeitet und so einer Deutung zugänglich gemacht. Die Resultate der Deutung beanspruchen keine Allgemeingültigkeit. Sie sind relativ zum gegebenen und zum erläuternden soziohistorischen Sinnzusammenhang (Soeffner 2008, 171–172) – dem bewegungsförmigen bundesdeutschen Rechtsextremismus. Die Auswertung, Systematisierung und Deutung der Primärquellen bilden die Grundlage zur Beantwortung der Forschungsfragen. Im Folgenden wird die Annäherung an den Forschungsgegenstand, die Auswahl und Akquise der Quellen, ihre Aufbereitung und Auswertung vorgestellt. 3.1 Probleme beim Feldzugang Der gegenwärtige Neonazismus inklusive der „Autonomen Nationalisten“ stellt ein unübersichtliches Feld dar. Die neonazistische Bewegung und die daran gekoppelten jugendkulturellen Erscheinungen unterliegen andauernden und schnellen Veränderungsprozessen. Die Praktiken, die Organisationen und das Personal sind ausgesprochen flüchtig. Zentrale Medien, Anlaufpunkte oder Versuche einer eigenen Geschichtsschreibung sind kaum vorhanden. Als militante, unversöhnliche, gesellschaftlich relativ randständige und zudem von staatlichen Repressalien bedrohte Bewegung- 78 Schulze, Etikettenschwindel sangehörige sind Neonazis gegenüber wissenschaftlichen Untersuchungen misstrauisch eingestellt und sehen sich im Regelfall als verschworene „Untergrundgemeinschaft“. Da sich das Spektrum gegen den Blick von außen sperrt, sind über die Binnenstruktur der Gruppen von AN wenig Details bekannt. Diese unübersichtliche und problematische Ausgangslage schlägt sich im verwendeten, breit angelegten Quellenkorpus nieder. Interviews mit AN waren im Rahmen dieser Arbeit nicht intendiert. Bei dieser Entscheidung spielten auch Selbstschutzgründe eine Rolle. Es erschien zudem fraglich, ob es gelingen würde, aktive AN zu Interviews bewegen zu können. Weil relevante interne Debatten aus Internet-Diskussionsforen zur Verfügung standen, lag zudem ausreichendes Material vor, um subjektive Wahrnehmungen nachzeichnen zu können, die eine Beantwortung der Forschungsfragen erlauben. Ein Zugang über Interviews ist indes prinzipiell durchaus möglich, wie andere Arbeiten belegen. Martin Thein führte für seine 2009 erschienene Dissertation Interviews mit insgesamt 34, zumeist hochrangigen Aktiven des gegenwärtigen Neonazismus.38 Anhand dieses Materials wird eine politikwissenschaftliche Geschichte des Neonazismus der vergangenen 30 Jahre, inklusive strategischer Neuausrichtungen, entworfen (Thein 2009). Dort festgehaltenen Aussagen von Kameradschaftskader zur Bedeutung des Kulturbereichs und zu den AN fanden Eingang in die vorliegende Arbeit. Die Frage des Feldzuganges stellte sich für Thein durch seine beruflichen Möglichkeiten anders als in der Wissenschaft üblich; ein Umstand, auf den der Politikwissenschaftler Hajo Funke (Funke 2015, 285–288) und die Journalisten Stefan Aust und Dirk Laabs kritisch hinweisen (Aust und Laabs 2014, 101, 231).39 38 Ein weiteres Beispiel: Andreas Klärner fand für seine Dissertation Zugang, indem er sich zwei Jahre lang im Feld, der rechtsextremen Szene einer Stadt, bewegte (Klärner 2008a). Klärner tat dies in Jena und interviewte, so die Jenaer Forscher Bescherer und Quent, unter anderem den späteren NSU-Angeklagten Ralf Wohlleben (Bescherer und Quent 2012, 7–8). Ein Ergebnis der Untersuchung Klärners, die 2001 und 2002 stattfand, ist, dass der Rechtsextremismus zwischen Militanz und Bürgerlichketi laviere, zum Untersuchungszeitpunkt aber zu einem taktischen Gewaltverzicht tendiere. Laut der NSU-Anklage hatte Wohlleben im Frühjahr 2000 eine Česká-Pistole für das NSU-Kerntrio besorgt. 39 Thein war vor Verfassen seiner Promotionsschrift Mitarbeiter des Bundesamtes für Verfassungsschutz, dort als V-Mann-Führer tätig und unter anderem mit der Betreuung von gewalttätigen 79 Vorgehen 3.2 Forschungshintergrund und -design Aufgrund der Zugangsschwierigkeiten wurde ein Forschungsdesign gewählt, das auf mehreren, unterschiedlich gewichteten Elementen fußt. Hauptsächlich wurden Dokumentenanalysen durchgeführt. Ergänzt sind diese durch passive teilnehmende Beobachtungen und drei Interviews mit ehemaligen AN, wodurch eine Kontrolle der Ergebnisse sichergestellt und zusätzliche, reichhaltigere Perspektiven auf den Gegenstand gewährleistet sind. Des Weiteren wurde die Fachliteratur zum Thema konsultiert. Durch verschiedene Vorarbeiten im Themenfeld Rechtsextremismus waren bereits Grundzüge des Feldes bekannt, die eine solche Vorgehensweise als aussichtsreich erschienen ließen. Die Dokumentenanalyse ist ein klassisches Instrument für eine qualitativ-interpretative Analyse, die als besonders aussichtsreiche Forschungsstrategie gilt, wenn kein direkter Zugang zum Forschungsobjekt möglich ist. Zudem erlauben Dokumentenanalysen die Verarbeitung großer Materialmengen. Dokumente sind klassischerweise Texte, jedoch können auch Filme, Videoclips, Tonträger, Gegenstände und weiteres Material verarbeitet werden. Die Dokumente müssen geeignet sein, Rückschlüsse auf menschliches Denken, Fühlen und Handeln zu ziehen. Sie werden als Vergegenständlichungen der Psyche der Urheberinnen und Urheber betrachtet. Als nonreaktive Materialien sind sie durch die Forschung unbeeinflusst (Mayring 1993, 31–34). Die Auswahl und Aufbereitung des Ma- Neonazis betraut, die auch im Zuge des NSU-Skandals eine Rolle spielten. Eventuelle persönliche Kontakte und in jedem Fall umfangreiche Kenntnisse über Umgangsformen im Neonazismus dürften bei der Kontaktaufnahme hilfreich gewesen sein. In der Promotionsschrift wird die Erfahrung als V-Mann-Führer des Bundesamts für Verfassungsschutz allerdings nicht erwähnt. Diese Information fehlt auch in einem Empfehlungsschreiben, das für die Interviewakquise genutzt wurde (Thein 2009, 414). Bei der Interviewakquise, schreibt Thein, hätte er mit einer „eigenen Unsicherheit gegenüber diesem ‚fremden‘, vermeintlich militant-gewaltbereiten Milieu“ zu kämpfen gehabt (Thein 2009, 374). Die Arbeit Theins war Vorlage für eine Neonazipublikation. Thomas Brehl veröffentlichte seine Interviewantworten an Thein im Anschluss in einem Neonaziverlag unter dem Titel Der Nationale Widerstand. Rückschau – Analyse – Aussichten (Brehl 2009a). 80 Schulze, Etikettenschwindel terials, in der sich die Subjektivität des Forschers notwendig niederschlägt, wird untenstehend transparent gemacht. Die Dokumentenanalyse erfolgt als eine hermeneutische Analyse des Materials und entspricht dem Ansatz, den Bloch 1933 für seine faschismustheoretische Deutung der historischen nationalsozialistischen Entwendungen wählte. Das „interpretative Vorgehen“ (Soeffner 2008, 164) Blochs ist dabei als ein Interpretationsverfahren im historisch konkreten Kontext der zunehmenden Faschisierung Ende der 1930er Jahre zu verstehen, das vor einem spezifischen politischen Hintergrund – Wirtschaftskrise, Aufstieg des Faschismus, „kommunistische Bedrohung“ im Osten – entstand. Die Übertragbarkeit seiner Beschreibungen über die so genannte „vergaunerte Revolution“ ins Heute gilt es kritisch zu prüfen. Die Analyse der Dokumente dient dazu, die Intentionen und Weltdeutungen der Neonazis sichtbar zu machen und erstreckt sich den Forschungsfragen entsprechend bis auf die ästhetischen und symbolischen Ebenen. An das Material wird die Frage gestellt nach dem Sinn, nach dem Hintergrund und Zweck der Gestaltung. Man versteht ein Werkzeug nicht, ohne den Zweck seines Entwurfs zu kennen. Ein Zeichen oder Symbol bleibt unverständlich, wenn man nicht weiß, was die Nutzenden damit meinen. (Wagner 2008, 162) „Leben in sozialer Ordnung […] bedeutet Leben in zeichenhaft organisierten Verweisungszusammenhängen und Symbolen.“ (Soeffner 2008, 170) Zur Deutung dieser Zusammenhänge ist eine „Symbolanalyse“ nötig (Soeffner 2008, 170), die sich hier auf den Neonazismus bezieht und an Bloch orientiert ist: Der Neonazismus als sozialer Zusammenhang hat eine „eigene Welt kollektiver Zeichen und Symbole“ aufgebaut, die untersucht wurde. Die Äußerungen aus dem Neonazismus sind Gegenstand einer „Hermeneutik des Symbolischen“ (Balistier 1989, 26). Der expressive politische Stil und die „expressive Ideologie“ (Hennig 1989, 182) der „verschworenen Gemeinschaft“ des Neonazismus, wie Hennig es in einer frühen Untersuchung des neonazistischen Stils nennt (Hennig 1989, 187), wird untersucht – nicht nur programmatisch, sondern 81 Vorgehen auch als „Stilanalyse“ (Hennig 1989, 193). Das Material verweist auf reale Handlungen und Gedankengänge der Urheberinnen und Urheber, die jedoch motiviert, legitimiert und überwuchert sind von Verbiegungen der Realität und ihren Mythen. Es hat einen Sinn, und zwar symbolischen wie realen. Die „konkreten Orientierungs-, Handlungs- und Organisierungsformen von Individuen in und mit ihrer Umwelt“ werden beschrieben und ihr konkretes Handeln vor diesem Hintergrund interpretiert. Dieses Handeln wird in Sprache übersetzt und allein dadurch schon gedeutet (Soeffner 2008, 170). Dem in dieser Arbeit besonders interessierenden politischen Bewegungsaspekt des Untersuchungsgegenstandes kann mit dem gewählten Forschungsdesign Genüge getan werden. Die Akteurinnen und Akteure im Neonazismus und bei den AN verschmelzen in der gewählten Betrachtungsart zu einem kommunikativen Netz mit gemeinsamen oder zumindest aufeinander bezogenen Zielen, Deutungen, Orientierungen und Strategien (Benthin 2004, 14). Der Neonazismus wird als eine Teilöffentlichkeit beziehungsweise als eine Gegenöffentlichkeit verstanden. Jürgen Habermas beschreibt 1962 in Strukturwandel der Öffentlichkeit (Habermas 1990) die Öffentlichkeit als Bereich des gesellschaftlichen Lebens, in dem sich ein Publikum über Kommunikationsprozesse vermittelt eine Meinung bilden kann. Idealerweise werde in der öffentlichen Konkurrenz der Argumente ein Konsens über das im allgemeinen Interesse praktisch Notwendige hergestellt. Die Vermachtung von Öffentlichkeit im Kapitalismus stelle, so Habermas, eine Gefährdung dieser Funktion dar. Im Verlauf der kritischen Diskussion um die Arbeit von Habermas wurde auf die Existenz von „Teilöffentlichkeiten“ (Großhans 1972), von Parteien und Interessenverbänden bis zu informellen Gruppen, hingewiesen, in die schließlich auch der Begriff der 1972 in Öffentlichkeit und Erfahrung eingeführte Begriff der „Gegenöffentlichkeit“ von Negt und Kluge einging (Negt und Kluge 1990). Negt und Kluge nehmen Habermas’ Gedanken auf, kritisieren aber, dass dieser die bürgerliche Öffentlichkeit romantisiere. Die kapitalistische „Produktionsöffentlichkeit“ sei für die bürgerliche Öffentlichkeit nicht destruierend, sondern sichere deren Hegemonie. 82 Schulze, Etikettenschwindel „Gegenöffentlichkeit“ beschreibt gesellschaftliche Aktivitäten, die sich bewusst gegen die „herrschende“ Öffentlichkeit stellen, um von ihr subjektiv als vernachlässigt oder unterdrückt wahrgenommene Themen allgemein zugänglich zu machen.40 Der hier gewählte Ansatz lässt sich überdies integrieren in praxeologische Ansätze der Faschismusforschung, die das konkrete Tun und die Dynamik faschistischer Bewegungen in den Mittelpunkt der Betrachtung rücken. Neben subjektiven Sinnzuschreibungen sind „die körperlichen Verhaltensroutinen, kollektiven Sinnmuster“ […] der historischen Akteure und die Verankerung ihrer Symbole“ die zentralen Gegenstände der Analyse (Reichardt 2004, 129). Die erhobenen Daten geben Auskunft über die symbolische Praxis der Bewegungsangehörigen. Ihre Interaktionen, ihre Inszenierungen und ihre Selbstbilder stehen im Mittelpunkt, auch im Abgleich mit der umgebenden Umwelt und mit den Konflikten, die sie führen. Die „(Re-) Produktion von Zeichen der Zugehörigkeit und der Abgrenzung, die als reziproker Prozess der Konstruktion der eigenen wie gegnerischer Identitäten verläuft“, wird so in den Fokus genommen (Balistier 1996, 292–293). Die Begriffe von Szene, mit dem Augenmerk auf kollektive Selbststilisierung und Gemeinsamkeiten (Hitzler et al. 2005, 20), und Bewegungsszene, mit dem Anschluss an kulturelle Praktiken politischer Bewegungen, (Haunss 2004, 253–259) werden dabei für den Zweck der Untersuchung in Anschlag gebracht – als Szene-Ethnografie, die „verstehend und den subjektiv gemeinten Sinn nachvollziehend“ (Neumann- Braun und Schmidt 2006, 393) an ihr Untersuchungsobjekt herantritt. Die dafür nötige „Einbettung“ des Forschenden (Neumann-Braun und Schmidt 2006, 393) ist durch die breitgefächerte Anlage des Quellenkorpus und durch beobachtende Elemente sichergestellt. 40 Negt und Kluge zielten auf eine „proletarische Öffentlichkeit“ ab, die sie von der „bürgerlichen Öffentlichkeit“ unterschieden. Praktisch war der Begriff auf „progressiv“ ausgerichtete Öffentlichkeiten und die kommunikative Praxis der linken sozialen Bewegungen, auf deren Formen (wie Demonstrationen) oder Alternativmedien (wie Stadtteilzeitungen) gerichtet. 83 Vorgehen 3.3 Datenerhebung 3.3.1 Literatur und Quellen für die Rahmendarstellung Die AN werden hier innerhalb des bundesrepublikanischen Neonazismus eingeordnet. Um dies leisten zu können, wurden Sekundärquellen aus wissenschaftlichen Disziplinen herangezogen, die sich allgemein mit dem Rechtsextremismus und, etwas spezieller, mit dem Neonazismus in Deutschland befassen. Ebenfalls wurden Beiträge in Fachzeitschriften ausgewertet. Für die Herausstellung des spezifischen Stils der AN war es zudem nötig, diesen mit anderen Stilen abzugleichen. Für die Herausarbeitung der neonazistischen völkischen „Scheitel“ und der Neonazi- Skinheads (die der Kontrastierung mit den AN dienen) wurden neben Sekundärliteratur ebenfalls Primärquellen herangezogen. Dafür wurden die einschlägigen Bestände des Berliner „Antifaschistischen Pressearchivs und Bildungszentrums“ (Apabiz) ausgewertet. Das Apabiz ist das größte öffentlich nutzbare Facharchiv zum Thema Rechtsextremismus in Deutschland seit 1945. Die thematisch eng gefassten Signaturen des Primärbestandes im Apabiz ermöglichten, trotz der Materialfülle, eine Gesamtdurchsicht der Spezialbestände. Betrachtet wurden die Bestände zum frühen Neonazismus, zur NPD und JN sowie zu den „Freien Kameradschaften“.41 Zudem wurden die Sammlung von Musik-CDs und der Quellenbestand zur extrem rechten Musik ausgewertet.42 Zur Betrachtung des alten Neonazismus erwies sich eine Quelle als besonders ergiebig: die politischen Erinnerungen von Thomas Brehl (Brehl 2009b). Sie konnten als autobiografische Niederschrift, als ein Selbstzeugnis, verstanden als Subkategorie der Egodokumente (Schulze 1996)43, behandelt und ausgewertet werden, da in ihr 41 Signaturen: ANS, ANTI-ANTIFA, BDVG, FNAT, HDJ, BBZ, KDS, MV, GDNF, FAP, NS- DAP-AO, ZORG, NL, NO, BERLIN, WSG, NPD, JN. 42 Signaturen: SV, ZINE, B&H, HS, DARK, BLACK. 43 Zur geschichtswissenschaftlichen Diskussion um autobiografische Quellen vergleiche die Ausführungen von Eichhorn (Eichhorn 2006, 213–230). 84 Schulze, Etikettenschwindel „die Selbstthematisierung durch ein expliziertes Selbst geschieht […] Die Person des Verfassers bzw. der Verfasserin tritt in ihrem Text selbst handelnd oder leidend in Erscheinung oder nimmt darin explizit auf sich selbst Bezug.“ (Krusenstjern 1994, 463) 3.3.2 Primärquellen Für die Betrachtung der „Autonomen Nationalisten“ wurde eine Vielzahl von Primärquellen unterschiedlicher Typen und Provenienz erschlossen. Der Primärquellenkorpus beruht auf einer Auswertung und mehrjährigen Beobachtung der einschlägigen Medien, Netzwerke, Kampagnen und Protestereignisse. Als Untersuchungszeitraum wurden die Jahre 2003 bis 2014 gewählt. Damit sind sowohl die Anfangsphase der AN, die rasante Verbreitung in den Folgejahren, aber auch gewisse Einhegungstendenzen in den späteren Jahren bis hin zu jüngeren Ereignissen abgedeckt. Noch einmal: Die Aufnahme sehr unterschiedlicher Quellentypen erfolgte aus zwei Überlegungen. Erstens gibt es keinen Quellentyp, aus dem allein sich in ausreichender Tiefe Aussagen über die AN gewinnen lassen. Über eigene Periodika, deren Betrachtung sich beispielsweise im Rahmen einer Zeitschriftenanalyse anbieten würde, verfügen die AN nicht. Wie oben angedeutet sind selbstreflektierende, geschichtsbewusste, theoretisch argumentierende Papiere aus den Reihen der AN in keinem nennenswerten Umfang bekannt. Öffentliche Selbstauskünfte allgemein sind eher rar gesät. Zweitens lassen sich anhand unterschiedlicher Quellentypen, die mit unterschiedlicher Intention und für ein je anderes Publikum verfasst wurden (etwa öffentliche und interne Diskussionsbeiträge), Thesen über die AN aus unterschiedlichen Perspektiven überprüfen. Würde beispielsweise Gewalt in einer Zeitschrift ästhetisiert, wüsste man noch nicht, ob sich dieses Muster auch in der Praxis bei Demonstrationen manifestiert. Hat man aber verschiedene Erscheinungen im Blick, lässt sich genauer fokussieren. In Selbstdarstellungen verweisen AN zum Beispiel häufig darauf, „kreativ“ und keineswegs gewaltbereit zu sein. Ein Vergleich mit ihrer Inszenierung auf Demonstrationen oder mit Diskussionen in internen In- 85 Vorgehen ternetforen legt jedoch offen, dass Gewalthandeln tatsächlich ein ihnen zentrales Praxismerkmal ist. 3.3.3 Materialakquise zu den AN Die Quellen zu den AN wurden auf drei Wegen gewonnen. Erstens: Es wurden die einschlägigen Bestände aus Facharchiven ausgewertet. An erster Stelle ist erneut das „Antifaschistische Pressearchiv und Bildungszentrum“ (Apabiz) zu nennen.44 Um eine regionale Ausgewogenheit sicherzustellen, erfolgten Abfragen bei Facharchiven in Düsseldorf (beim „Antifaschistischen Bildungsforum Rheinland“) und München („Antifaschistische Informations-, Dokumentations- und Archivstelle“, AIDA). Aus diesen Beständen stammt der Großteil der ausgewerteten Quellen, die nicht aktuell im Internet recherchierbar waren. Hierzu zählen beispielsweise öffentlich verteilte Flugblätter, Anstecker, Sprühschablonen, Aufkleber und Graffiti. Ein eigenes Segment bildet die Musik von Rechtsrock-Bands, die sich mit Stilen wie dem „National Socialist Hardcore“ (NSHC) als Agitationsinstrument für AN anbietet und sich in manchen Ausprägungen dem drogenfreien „Straight-Edge“-Lebensstil der Hardcore-Szene verschreibt. Aus dem Agitationsmaterial und aus der Musik ließ sich ablesen, mit welchen Themen, Formen und mit welchen sonstigen Mitteln an welche Zielgruppen herangetreten werden soll. Es war zudem möglich, elektronisch archivierte Internetforen mit internen Diskussionen „Autonomer Nationalisten“ einzusehen und auszuwerten. Hinzu kamen Schriften über die Taktik des „schwarzen Blocks“ und die Ausrichtung des „autonomen Nationalismus“ sowie kurze Strategiepapiere. Die Forendiskussionen sind im Apabiz archiviert, insbesondere Ausdrucke von Das Freie Forum, dem bis zum Jahr 2005 geführten Diskussionsbereich der Internetseite Freier Widerstand.45 Diese Interna 44 Teilweise aus dem Bestand unter der Signatur FNAT, teilweise aus digital gespeicherten Beständen, die den AN beziehungsweise den „Freien Nationalisten“ zugeordnet waren. 45 Bei den digital abgespeicherten Intenetforen handelt es sich um Archivalien, die grundsätzlich forscherisch frei verarbeitet werden können. Dennoch sind forschungsethische Fragen aufge- 86 Schulze, Etikettenschwindel ermöglichten Einblicke in Diskussionsstil und -themen, die theoretische und praktische Fundierung und in das Selbstverständnis der AN.46 Der weitgehende Verzicht auf Interviews rechtfertigte sich auch aus dem Zugang zu diesen Materialien. Die Diskussionen in den Internetforen der AN sind umfangreich und die AN widmen sich darin ausführlich den interessierenden Fragen. Sie erfolgten in einem „authentischen“, elektronisch vermittelten Gespräch. Auch die Forenbeiträge waren kritisch auf ihre Intentionen und ihren Kontext hin zu lesen, jedoch sind sie freier vom Einfluss nach außen gerichteter taktischer Erwägungen und Selbstpräsentationsinteressen. Zweitens: Es wurde eine intensive Internetrecherche durchgeführt. Als ein äußerst umfangreicher, ergiebiger und darum entscheidender Bereich erwies sich die Internetpublizistik der AN, die zahlreiche Webseiten und Blogs umfasst. Auch selbstproduzierte und im Internet veröffentlichte Videos, die für Stellungnahmen, Werbung oder Aktionsberichte genutzt werden, zählen hierzu. Ausgehend von den für die AN zentralen Internetportalen widerstand.info und altermedia-deutschland.info wurden die Seiten von AN-Gruppierungen bundesweit recherchiert, gespiegelt (also lokal gespeichert) und die Linklisten auf neue weitere Seiten abgesucht. Zudem wurden das Videoportal Youtube und die Facebook-Präsenzen eiworfen, da eine informierte Einwilligung der Forendiskutanten zu einer wissenschaftlichen Nutzung ihrer Beiträge nicht vorlag. Die Nutzung dieser Daten war dennoch vertretbar. Zum einen handelte es sich zwar um interne Diskussionforen, die jedoch im offenen Raum des Internet abgelegt und zum Zeitpunkt ihrer Publikation für alle Interessierten prinzipiell zugänglich waren. Ein Mindestmaß an Öffentlichkeit der Äußerungen war also gegeben. Zum zweiten waren die Beiträge nicht beziehungsweise nur mit Internet-Pseudonymen (Nicknames) namentlich gekennzeichnet. Nachrichteninhalte, die etwa auf den genauen Wohnort der Forenmitglieder Rückschlüsse zulassen würden, wurden in der Auswertung nicht erfasst. E-Mailadressen oder andere persönliche Daten waren in den archivierten Materialien nicht abgelegt. Eine Identifizierung oder Kontaktierung war nicht möglich und wurde nicht angestrebt. Die Forenmitglieder wurden durch die Forschung nicht benachteiligt oder Gefahren ausgesetzt, ihre Anonymität blieb gewährleistet und ihre Persönlichkeitsrechte wurden gewahrt. Die Einbeziehung der Forendaten in die vorliegende Arbeit genügt damit den forschungsethischen Anforderungen, wie sie die Deutsche Gesellschaft für Soziologie und die Deutsche Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft stellen (DGS und BDS 2014; DGPuK 2015, 2). 46 Diese internen Papiere beschränken sich auf zwölf Schriften von meist überschaubarem Umfang, die Diskussionsforen umfassen mehrere tausend Unterseiten. 87 Vorgehen niger einschlägiger Gruppierungen auf Einträge und Verweise abgesucht. Diese wurden ebenfalls gespiegelt und ausgewertet. Von zitierten Webseiten wurden zusätzlich Screenshots angefertigt und diese auf einem lokalen Speichermedium digital archiviert. Diese Strategie trägt der Flüchtigkeit des Mediums Internet Rechnung. Viele der fraglichen Internetseiten sind nur über beschränkte Zeiträume verfügbar und gehen in der Regel unangekündigt offline.47 Durch Spiegelungen und Screenshots lassen sich Nachweise über Existenz, Gestaltung und Inhalt von Internetquellen konservieren. Drittens wurde ergänzend zusätzliches Material durch eigene Aktivitäten generiert. Vor allem gehörte dazu die passive teilnehmende Beobachtung von neonazistischen Demonstrationen. Zudem wurden Interviews mit insgesamt drei ehemaligen AN geführt, die sich zum Zeitpunkt der Gespräche vom Neonazismus losgesagt hatten. Die passive teilnehmende Beobachtung der Demonstrationen erfolgte vor allem, um Hintergrundwissen über die Dynamik bei den öffentlichen Auftritten der AN zu gewinnen. Sie stellte eine umfassende Annäherung an das Feld sicher und war darum zunächst nicht an spezifischen Fragestellungen ausgerichtet. Die Auswahl der zu besuchenden Demonstrationen erfolgte anhand der von Vorabberichten und Mobilisierungen abgeschätzten Relevanz für das Spektrum der AN sowie forschungsökonomischen Erwägungen wie der Reisedauer und den Anreisekosten. Der Forscher nahm nicht an den Demonstrationen selbst teil, war aber als am Rande stehende beziehungsweise den Demonstrationszug begleitende Person Teil des Gesamtsettings. Im Untersuchungszeitraum wurden 18 Demonstrationen und Kundgebungen besucht. Die Beobachtung war dem Forschungssetting entsprechend verdeckt und, auf das Gesamtsetting bezogen, teilnehmend. Sie war teilstrukturiert, da der gesamte Ablauf des Protestereignisses erfasst, der Fokus jedoch auf relevante Details wie Selbstin- 47 So etwa das oben erwähnte Portal altermedia-deutschland.info, das im Januar 2016 abgeschaltet wurde. Das Bundesinnenministerium sprach ein Verbot gegen das Portal auf Grundlage des Vereinsgesetzes aus, zwei mutmaßliche Betreiber wurden verhaftet. 88 Schulze, Etikettenschwindel szenierung der Teilnehmenden, Reden-Duktus, Transparentgestaltung, Gesten und Symbole gerichtet war. Die Protestereignisse wurden mittels Fotoapparat und teils mit Tonband dokumentiert. Möglichst schnell nach Ende der Demonstration wurden Feldnotizen über den Ablauf angefertigt (Breidenstein et al. 2013, 85–93). Die Beobachtung und Dokumentation von neonazistischen Demonstrationen birgt nur eine geringe Gefahr einer reaktiven Verzerrung des Ablaufes, wie sie etwa bei anderen Settings zu befürchten wäre. Ein Saum von Umstehenden gehört vielmehr zum regulären und von allen Beteiligten einkalkulierten Ablauf. Nach außen gerichtete Posen und Drohgebärden der Neonazis sind insofern keine Verzerrung, sondern Teil der Inszenierung. Die passive Präsenz des Forschers am Rande fiel sehr wahrscheinlich nicht so weit ins Gewicht, dass sich das Verhalten der Beobachtungsobjekte dadurch in relevanter Art und Weise verändert hat. Da die Wahl der beobachteten Demonstrationen auf solche fiel, bei denen eine besonders starke Präsenz von AN erwartet wurde, war die Wahrnehmung von Neonazi-Demonstrationen zugunsten einer besonders hohen Beteiligung von AN verzerrt. Forschungsethisch werfen verdeckte teilnehmende Beobachtungen das Problem auf, dass keine Einwilligung der Beobachteten eingeholt werden kann. Da es sich konkret um Demonstrationen, also um Versammlungen in stark frequentierten öffentlichen Räumen handelte, in denen alle Beteiligten öffentlich auftraten und dies in der Logik politischer Kundgebungen auch intendierten, war die Beobachtung ethisch vertretbar. Personenbezogene Daten wurden nicht erhoben und waren auch praktisch nicht zu erheben. Die Anonymität der Demonstrationsteilnehmenden blieb gewahrt. Eine Ausnahme stellen die Rednerinnen und Redner dar, deren Namen (soweit sie genannt wurden) protokolliert wurden. Die Interviews mit den ehemaligen AN, einer Aussteigerin (I1 2007) sowie zwei Aussteigern (I2 2008), wurden bereits im Vorfeld der Arbeit geführt. Der Kontakt zu den Interviewpartnern kam in der Vorbereitung des 2009 veröffentlichten Bandes ‚Autonome Nationalisten‘. Die Modernisierung neofaschistischer Jugendkultur (Peters und Schulze 2009) zustande. Sie decken die Gründungsphase der AN aus der Perspektive der Regionen 89 Vorgehen Berlin, Ruhrgebiet und Hessen ab und dienten als Hintergrundmaterial. Die Interviews wurden halbstandardisiert anhand eines zuvor erstellten Leitfadens (mit Themenblöcken zu Einstieg, Etablierung des AN-Konzepts, Konflikt- und Gewaltdynamik, Symbolverwendungen, Politikzielen, Strukturierung der „Kameradschaften“) durchgeführt, um das komplexe Wissen der Interviewten zum Themenfeld sichtbar zu machen (Lamnek 1989, 77). Die Tonbandaufnahmen wurden transkribiert und ausgewertet. 3.4 Quellenkritik Eine kritische Herangehensweise ist gleich in zweierlei Hinsicht geboten, wenn man Primärquellen aus einem polarisierenden und randständigen Feld wie dem Neonazismus deutend interpretieren will. Wie bei allen historischen Quellen war einerseits eine allgemeine Quellenkritik nötig. Die Art der Dokumente, ihre äußeren und inneren Merkmale, ihre (zeitliche, räumliche und soziale) Nähe zum jeweiligen Gegenstand, der Hintergrund der Entstehung und die Intention der jeweiligen Urheber wurden so tiefgehend wie möglich rekonstruiert, überprüft, eingeordnet und bewertet. Die einzelnen Quellen wurden zudem gegeneinander gespiegelt: Äußerungen aus einem Quellentypus (etwa aus Berichten zu Demonstrationen auf Internetseiten) wurden mit Quellen eines anderen Typus zum selben Thema (etwa durch die Beobachtung der Demonstrationen) abgeglichen, um möglicherweise bestehende Inkonsistenzen, Widersprüche oder Auseinandersetzungen sichtbar machen zu können (Borowsky et al. 1989, 160–173). Zur zusätzlichen Absicherung erfolgte ein weiterer Abgleich mit den Ergebnissen der punktuell vorhandenen wissenschaftlichen Sekundärliteratur sowie mit journalistischen Arbeiten. Darüber hinaus verunmöglichte die inhaltliche Position des Untersuchungsgegenstandes eine neutrale Näherung. In Bezug auf historische, nationalsozialistische Quellen hebt Rainer Stollmann heraus, dass eine „Methode der bescheidenen Einfühlung“ nicht nur nicht möglich, sondern auch „fehl am Platze“ sei. Stattdessen seien „Respektlosigkeit und Parteilichkeit im Sinne Ernst Blochs“ angebracht: „Jede Identifikation mit dem 90 Schulze, Etikettenschwindel Gegenstand wird vermieden und soll beim Leser hintertrieben werden.“ (Stollmann 1978) Unter dieser Prämisse wurde, auch hier dem Ansatz Blochs folgend, an den Gegenstand der vorliegenden Arbeit herangegangen. Allerdings wurden die Quellen dabei selbstverständlich ernst genommen, weil die Ernsthaftigkeit der Neonazis, ihr Glaube an den Wahrheitsgehalt und die Kraft ihrer Äußerungen außer Frage steht. Wenn Bloch die Entwendungen der Nazis „betrügerisch“ nennt, dann beschreibt er die Funktion dieser Entwendungen. Die Attributierung ist Ergebnis seiner Analyse und keine Prämisse. Wenn also die neonazistischen Primärquellen interpretiert wurden, werden sie nicht als wahrheitsentstellende, verhetzte und verhetzende Propagandastücke betrachtet (was sie häufig dennoch gleichzeitig sind), sondern sie sollten zunächst für sich stehen und ernst genommen werden. Aus ihnen heraus wurde die authentische Sicht und Absicht der Äußernden gedeutet. Dieses Sich-Einlassen auf die Quellen war weder Identifikation oder Akzeptanz, noch gab sie sich dem Versuch hin, sich dem Gegenstand neutral nähern zu können. Auch die ergänzende Verwendung des Materials aus den Interviews mit drei ehemaligen AN erfolgte mit einer kritischen Herangehensweise. Dazu gehört insbesondere eine Beachtung des Entstehungskontextes und der biografischen Situation der Interviewten. Solchen Darstellungen ehemaliger Neonazis liegen verschiedene spezifische Motivationslagen und Perspektiven zugrunde. Die Bedeutung der eigenen Person, ihre Involviertheit in Ideologien und Praktiken, bestimmte Episoden können überbetont oder herabgespielt, vielleicht sogar ganz verschwiegen werden, beispielsweise, um in einem vorteilhaften Licht zu erscheinen. Die ehemaligen AN sind auch Zeitzeuginnen und Zeitzeugen für die Phase ihres eigenen Aktivismus, ihre Äußerungen sind darum vor den aus der geschichtswissenschaftlichen Diskussion bekannten Verzerrungen nicht gefeit. Selbstverständlich handelt es sich um subjektive Äußerungen. Auch dieses Material wurde darum mit anderen Quellen abgeglichen und gespiegelt. Das durch die Beobachtung von Demonstrationen generierte Material muss ebenfalls kritisch verwertet werden. Der Fokus der Beobachtung brachte eine Konzentration auf bestimmte AN-relevante und darum be- 91 Vorgehen sonders interessierende Aspekte hervor, durch die andere Aspekte geringere Beachtung fanden. In diesem Sinne sind auch Materialien wie Feldnotizen, Fotos und Tonaufnahmen keine neutralen Zeugnisse der Realität von Neonazi-Demonstrationen, sondern bereits Produkte einer subjektiven Konstruktionsleistung, also einer bestimmten Wahrnehmungsweise. 3.5 Aufbereitung und Analyse des Materials Die akquirierten Quellen erwiesen sich als äußerst umfangreich. Die Materialien umfassen eine nicht ausgezählte Menge an Dokumenten aus dem Papierbestand des Apabiz – es dürfte sich schätzungsweise um 800 Dokumente handeln. Hinzu kommen 127 Internetseiten und 78 Musikalben. Für die hermeneutische Analyse wurde das Material erstgesichtet, dann grob thematisch kategorisiert und anschließend in Hauptkategorien und Unterkategorien gegliedert. Diese Kategorien wurden an einem kleineren Ausschnitt des Materials getestet und angepasst. Im Verlauf der Untersuchung erfolgten weitere Verfeinerungen, um vom Vorverständnis des Untersuchungsgegenstandes ausgehend zu neuen, dem Gegenstand und den Forschungsfragen angemesseneren Kategorien zu kommen. Die Analyse der Einzelaspekte wurde auf dieser Vorgehensweise basierend am Material orientiert fortwährend weiterentwickelt. Ergebnis ist ein deskriptives System, durch das ein Raster für die Analyse zur Verfügung steht: 92 Schulze, Etikettenschwindel Themen, Inhalte, Ideologie Antikapitalismus Antiimperialismus Antifeminismus, Feminismus Anti-Antifa, Antikommunismus, Querfront Antifaschismus Antisemitismus Rassismus Tierrechte Veganismus, Vegetarismus Krieg und Frieden Geschichtsrevisionismus Volksgemeinschaft Nationalsozialismus, Faschismus Political Correctness Nationalismus, Nation, Reich, Deutschland Repression, Staat, Polizei Arbeit, soziale Frage, Gewerkschaften Umwelt, Natur, Umweltschutz Demokratie, Parlamentarismus, Wahlen Autorität, Befehl, Führung Lebensführung und Alltag Marken, Lifestyle Beziehungen, Sexualität Wohngemeinschaften, Wohnform Drogen, Alkohol, Straight Edge Religion, Islam, Christentum, Heidentum Sprache, deutsch, Anglizismen Männlichkeit, Weiblichkeit, Geschlecht Sport, Fußball Alter Stadt und Land Symbole und Zeichen Mode, Kleidung Codierungen Bewegung, Taktik und Strategie Historische Vorbilder, Blutzeugen Volk, Volksnähe, Bevölkerung, Zielgruppe Jugend, Jugendlichkeit, Zielgruppe Entwendungen, Übernahmen Aus der Linken Aus der Popkultur Kameradschaften Autonome Nationalisten NPD Neonazi-Kleinparteien und -Vereine Kritik an AN Demonstrationen, Kundgebungen Schwarzer Block Agitation, politische Werbung Graffiti, Streetart Freiräume Besetzungen Kulturelle Formen Haltung, Stil, Jugendkultur Inszenierung Völkisch Konservatismus, Bürgerlichkeit Revolutionär Pop, Popkultur, Musik Darkwave, Neofolk, Gothic Metal, NSBM Scheitel Hiphop, Rap Hardcore, NSHC Skinheads Militanz, Gewalt Radikalität Toleranz, Permissivität Körper 93 Vorgehen Die Quellen wurden in eine Datenbank aufgenommen, mit bibliographischen und, soweit vorhanden, weiteren Metadaten versehen und verschlagwortet. Die deutliche Mehrheit des Materials lag von vornherein in Textform vor (etwa Webseiten und Zeitschriften). Wegen der Bedeutung der symbolischen, auch nichtsprachlichen Ebenen für die Forschungsfragen wurden die grafische Gestaltung der Materialien, das Layout, die verwendeten Illustrationen und Symbole ebenfalls beachtet und entsprechende Angaben in der Datenbank vermerkt. Bei der Musik, die in die Untersuchung einging, wurden analog die Liedtexte verwertet, jedoch auch der Musik- und Gesangsstil und die Gestaltung der Veröffentlichung (Cover, Booklet) beachtet.48 Gleiches gilt für die verwendeten Videoclips. Wenn die Clips für die Untersuchung besonders relevante Aspekte berührten, wurde ein Protokoll über die verwendete Bildsprache, Inszenierung und Schnitttechnik angefertigt sowie eine Transkription der Tonspur erstellt. Sie wurden dadurch zugänglich für die Feinanalyse. Die relevanten Passagen aus den Interviews wurden analog zu den anderweitig gewonnenen Dokumenten in das Kategoriensystem eingepflegt und so in den Quellenkorpus integriert. Gleiches gilt für das durch die passiven teilnehmenden Beobachtungen generierte Material. Konkret wurden die Feldnotizen den Punkten „Demonstrationen, Kundgebungen“ oder, wenn zutreffend, „schwarzer Block“ zugewiesen. Einzelne Aspekte wie die Themen der Reden oder die Nutzung bestimmter Symbole oder die Kleidung einzelner Beteiligter wurden ebenfalls in den jeweils passenden Kategorien vermerkt. 48 Damit kann den Anforderungen entsprochen werden, die der Musikwissenschaftler Thorsten Hindrichs für die Analyse von neonazistischer Musik aufstellt. Ihre Bedeutung erhalte diese „nur im sozialen und kulturellen Miteinander“ (Hindrichs 2014, 8), erfasst werden müssten deshalb die klanglich-musikalische Ebene (der „Sound“), die literarische Ebene (Songtext, Sprachstil, Sujet) und die habituelle Ebene (Gesten, Habitus), wodurch im Kontext mit anderen Äußerungen auch auf die Ebene der sozialen Interaktionen mit und unter Fans (Diskurse um die Bedeutung der Musik) geschlossen werden könne (Hindrichs 2014, 8–9).

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Zusammenfassung

Die „Autonomen Nationalisten“ (AN) pendeln zwischen antimoderner, rückwärtsgewandter Ideologie und einem Präsentationsstil, der Anleihen nimmt bei der Popkultur und der radikalen Linken. Diese Strategie ist nicht neu. Ernst Bloch beschrieb diesen Etikettenschwindel bereits am Beispiel der Nationalsozialisten als „Entwendungen aus der Kommune“. Die Studie spürt dem permanenten Ideenklau der AN nach und versucht, ihn historisch-politisch einzuordnen.