Content

2 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen in:

Christoph Schulze

Etikettenschwindel, page 25 - 76

Die Autonomen Nationalisten zwischen Pop und Antimoderne

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3822-2, ISBN online: 978-3-8288-6672-0, https://doi.org/10.5771/9783828866720-25

Series: kommunikation & kultur, vol. 11

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
25 2 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen 2.1 Ernst Blochs Analyse der „Entwendungen aus der Kommune“ Wenn in der vorliegenden Arbeit von der kulturellen Öffnung des gegenwärtigen Neonazismus und den damit einhergehenden Übernahmen aus der Popkultur und der Linken die Rede ist, geschieht dies vor dem Hintergrund einer länger zurückliegenden Analyse. Inspirationsquelle ist die philosophisch-gesellschaftliche Betrachtung der Agitationsmethoden der historischen Nazis, welche Ernst Bloch frühzeitig als „Kritik im Handgemenge“ (Negt 1972, 431) mit „bewusst tendenziöser“ Position (Schmid Noerr 2016, 85) zu einer wissenschaftlich beglaubigten Darstellung vorangetrieben hat. Vor allem in der erstmals 1935 erschienenen Aufsatzsammlung Erbschaft dieser Zeit – einem „der größten Kampfbücher gegen den Faschismus“ (Reinicke 1974, 197) – wird dieses Narrativ entfaltet.5 Bloch beschreibt, welche Faktoren neben der ökonomischen und politischen Krise dem Nationalsozialismus in der Weimarer Republik zu seinen Rekrutierungserfolgen verhalfen und wo es von antifaschistischer Seite aus Versäumnisse gab. „Welche Felder ließ die sozialistische Taktik und Lehre unbesetzt? Wie konnte sich stattdessen die faschistische Seite ‚Affekte, Stimmungen und Tendenzen‘ zunutze machen?“, fasst Klaus Mann zusammen (Mann 1985, 162). Die Herangehensweise Blochs betrifft den Be- 5 Die vorliegende Arbeit stützt sich auf die Auflage von 1962, die im Suhrkamp-Verlag erschien ist. Der entscheidende Abschnitt Inventar der revolutionären Scheins hat in der Erstauflage eine Entsprechung im Abschnitt Statt dessen brauner Diebstahl und wurde für die Nachauflagen von Bloch überarbeitet, wie Horst Hansen anmerkt (Hansen 1998, 153). 26 Schulze, Etikettenschwindel reich der Kommunikation, weil sie die Produktion faschistischer Öffentlichkeit, das heißt „massenkommunikative Strategien“ (Vogt 1985, 105), politische Werbung und die „Funktions- und Wirkungsweise ästhetischer Medien im System der nationalsozialistischen Massenformierung“ bearbeitet (Vogt 1985, 117–119). Gezielt, so beschreibt es Bloch, hätten die Nazis sich mit einem „revolutionären Schein“ umgeben, um mittels „Entwendungen aus der Kommune“ Anhänger in der mehrheitlich links orientierten Arbeiterschaft zu gewinnen (Bloch 1962, 70). Die Neigung, „Bestände aller Kulturphasen sich einzugliedern“, gehöre allgemein „zum Wesen der fascistischen Ideologie“, so Bloch an anderer Stelle (Bloch 1967, 195; Ueding 1974, 16). In der konkreten Situation in der Weimarer Republik hätten die Nationalsozialisten allerdings einen besonders bemerkenswerten „Schandpragmatismus“ (Bloch 1962, 74) an den Tag gelegt, der ihnen erlaubte, für ihre Kopien überall dorthin zu greifen, wo sie Anregungen für Propagandastrategien fanden. Schon in Hitlers Schrift Mein Kampf (1924 und 1926 in zwei Bänden erschienen) wurde ein Blick auf die linke Agitation eingeräumt, die nicht nur pragmatisch motiviert war, sondern sich auch aus einer Bewunderung für die Aura linker politischer Werbung speiste. Über eine kommunistische Kundgebung in Berlin schrieb Hitler, dass ihn das „Meer von roten Fahnen, roten Binden und roten Blumen“ fasziniert habe: „Ich konnte selbst fühlen und verstehen, wie leicht der Mann aus dem Volke dem suggestiven Zauber eines solchen grandios wirkenden Schauspiels unterliegt.“ (Hitler 1943, 552) Bloch beschreibt die „Entwendungen aus der Kommune“: 1. Man stahl zuerst die rote Farbe, rührte damit an. Auf Rot waren die ersten Kundgebungen der Nazis gedruckt, riesig zog man diese Farbe auf der schwindelhaften Fahne aus6 […] 2. Dann stahl man die Straße, den Druck, den sie ausübt. Den Aufzug, die gefährlichen Lieder, welche gesungen worden 6 Ein weiterer Aspekt: Die Hakenkreuzfahne der Nazis kombinierte drei Elemente miteinander und nahm auch explizit Bezug auf das Rot der Arbeiterbewegung: 1. Das Hakenkreuzsymbol verwies auf einen nordisch-arischen Mythos, 2. die Fahne kombinierte die Farben Schwarz, 27 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen waren. Was die roten Frontkämpfer begonnen hatten: den Wald von Fahnen, den Einmarsch in den Saal, genau das machten die Nazis nach. 3. Zuletzt noch gibt man vor, nichts zu denken, als was die Dinge verändert. […] Goebbels erklärte ausdrücklich den Film ‚Potemkin‘ als vorbildlich […]. Wichtig ist […] nicht, wie gut oder schlecht das gespielte Stück war, sondern in welcher Stimmung der Zuschauer das Theater verlässt. (Bloch 1962, 70–72) Bloch zählt unterschiedliche „Embleme“ – Symbole und Formen (Korngiebel 1999, 238, 2012, 477–478) – auf, welche die Nazis übernahmen. Auch Schlagwörter wurden im faschistischen Sinne umgedeutet: „Humanität, Kollektivsicherheit, Pazifismus, rote Fahne, erster Mai, Hammer und Sichel, zuletzt sogar Volksfront im Dienst des realen Gegenteils“ (Bloch1972, 98). Mit politischer Werbung, provokanten Aufmärschen, Angriffen und auch über die Einrichtung von Sturmlokalen und SA-Heimen wurde in den großstädtischen Zentren der Arbeiterbewegung versucht, Zugang zu den „roten“ Vierteln zu finden. Exemplarisch ist die Agitationstätigkeit des späteren „Märtyrers“ Horst Wessel. Der Sohn eines nationalistischen evangelischen Pfarrers baute in den 1920er Jahren in Berlin mit einem SA- Sturm auf. In das Instrumentarium seiner Gruppe integrierte Wessel unter anderem Propagandafahrten in das Berliner Umland sowie provokante und von gewaltsamen Auseinandersetzungen begleitete Umzüge durch Arbeiterviertel.7 Sogar eine Schalmeienkapelle kam dabei zum Einsatz. Solche Musikgruppen waren bis dahin ausschließlich als kommunistische Werbeträger geläufig (Siemens 2009).8 Diese Adaption fand in die spätere Selbstdar- Weiß und Rot und verwies so auf den Reichsgedanken, 3. war das Rot nicht zufällig als Grundierung gewählt, sondern auf die kommunistische Fahne gemünzt (Hitler 1943, 557). 7 Der „Kampf um Berlin“ durch die SA ist dabei ein Erinnerungsort, der von der nationalsozialistischen Propaganda zeitweise massiv bedient wurde. Es handelt sich darum auch um einen „nationalsozialistischen Mythos“ (Siemens 2012). Neuere kleinteilige historische Arbeiten zu Gesamt-Berlin (Reschke 2014, 106) und zu einzelnen Bezirken wie Neukölln (Kessinger 2013) oder dem Prenzlauer Berg (Reschke 2008) zeichnen vielschichtige Bilder der zeitgenössischen Auseinandersetzungen der SA mit den Linken und ihrem Wirken in den Arbeitervierteln. 8 1931 wechselte die Wessel-Kapelle in die „Stennes-SA“ der „Nationalsozialistischen Kampfbewegung Deutschlands“ (NSKD) von Walther Stennes, schloss sich also der inner-nationalsozialistischen Strömung an, die gegen den Legalitätskurs Hitlers in dieser Zeit opponierte und 28 Schulze, Etikettenschwindel stellung der „Kampfzeit“ Eingang. Im Roman Die SA erobert Berlin von Wilfried Bade von 1934 wird die Entwendung der Schalmeienkapellen geschildert: Für den Horst-Wessel-Sturm, der mitten in die Kommune marschiert, muß etwas her, was die Kommunisten aufreizt […], was sie ein bißchen ärgert […]. Was haben denn die Truppen des Rotfrontkämpfer-Bundes für Kapellen? Sie haben Schalmeien! […] Warum denn nicht? Gerade! Gerade! Die Kommune muß mit ihrer eigenen Musik gelockt und geschlagen werden. (Balistier 1989, 115–117)9 Ebenso nahm sich Wessel das Liedgut der linken Arbeiterschaft zum Vorbild. Er schrieb das Lied Die Fahne hoch, welches mit seinem Tod zur SA- Hymne wurde und nach 1933 als zweite Nationalhymne genutzt wurde. Neben der Form des Liedes erinnern auch einige von Wessels Textzeilen an für eine stärkere Thematisierung der sozialen Frage und einen revolutionären Kurs eintrat (Das Montagsblatt 1931: 69). Ich danke Daniel Siemens für diesen Hinweis. 9 Martin Schuster weist darauf hin, dass entgegen solcher NS-Propaganda die 1929 formierte Schalmeienkapelle Wessels nicht die erste ihrer Art war. Ein Jahr zuvor war eine SA-Schalmeienkapelle in Quedlinburg gegründet worden (Schuster 2004, 167–168). Abb. 1 : Musikalische Entwendungen aus der Kommune: Schalmeienkapelle der SA, Propagandabild aus einem SA-Erinnerungsband (Engelbrechten 1937, 396) 29 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen Formeln aus sozialistischen und kommunistischen Vorlagen, etwa an das „letzte Gefecht“ der Internationale. Der nationalsozialistische Musikwissenschaftler Joseph Müller-Blattau schwärmte, dass die Melodie geeignet sei, „dem feschen Schwung der ‚Internationale‘“ Konkurrenz zu machen (Müller-Blattau 1934, 327). Dem Faschismus sei es, so Bloch, letztlich gelungen, proletarisierte Massen (Vogt 1985, 120) an sich zu binden. Die Entwendungen waren ein nicht unbedeutender Baustein auf dem Weg zum Erfolg. Bereits 1924 hatte Bloch angemerkt, dass die Massenagitation der Nazis neben der Arbeiterschaft auch auf die Jugend wirkte (Vogt 1985, 98), dass „Hitler die Jugend hat“ und ihr einen Ruck ins „romantische Rechts“ versetzte (Vogt 1985, 102).10 Die Analysen Blochs sind von dem Wunsch getragenen, Strategien für eine wirksame antifaschistische Propaganda zu entwickeln. Politische Felder sollten antifaschistisch besetzt werden, dem Faschismus kein Feld kampflos überlassen werden. Dass die Entwendungen gelingen konnten, lag, so Bloch, weniger an einer mangelhaften Stichhaltigkeit der kommunistischen Theorie oder an intrinsischen Fehlern bei der Auswahl und Gestaltung ihrer Embleme. Es sei jedoch nicht hinreichend gelungen, in der Propaganda die kommunistischen Inhalte mit der eigentlich passend gewählten Ausdrucksform zu verknüpfen (Bloch 1962, 156–157). Andere Aspekte, die eine Verwendbarkeit der kommunistischen Formen zugunsten des Nationalsozialismus erleichtert haben könnten, wurden von Bloch nicht diskutiert. Von einer kritischen Bewertung der stalinistischen KPD unter dem Parteivorsitzenden Ernst Thälmann sah Bloch ab. Nicht zur Sprache brachte er, dass die KPD den Massenappeal der Nazis durch eigene Imitationen zu brechen versucht hatte, von der Gestik und teilweise nationalistischen Rhetorik her und bis hin zu Episoden wie dem Schlageter- und dem Scheringer-Kurs. Dies gilt, obwohl Bloch sonst oft quer 10 Zu den nationalsozialistischen Adapationen von Liedern der Arbeiterbewegung vergleiche die Arbeiten von Reinhard Dithmar und Alfred Roth (Dithmar 1999; Roth 1993, 119-137). 30 Schulze, Etikettenschwindel zur jeweiligen Parteilinie lag11 und zwischen „Apologie und Kritik“ des Sowjetsozialismus schwankte (Franz 1985a, 87; 1985b). Die KPD neigte nach innen zu einer autoritären Organisierung, nach außen spielte sie mit militärischen Formen und bevorzugte Dichotomien in der Agitation. Allenfalls hielt Bloch der Partei eine Fantasielosigkeit in ihrer Propaganda vor, die starr ökonomistisch dachte und entsprechend undialektisch für sich warb (Vogt 1985, 112–114).12 Für die konkrete antifaschistische Praxis schlug Bloch einen offenen Kampf um die Embleme vor. Aus seiner Sicht sollte entwendetes Material keinesfalls aufgegeben und dem Faschismus überlassen werden. Stattdessen müssten sie diskursiv zurückerobert, also an ihr „Original“ rückgekoppelt werden (Bloch 1972, 255). Die „betrügerischen“ Propagandamethoden der Nazis dürften dabei vom Antifaschismus nicht übernommen werden. Es ging eher, so fasst der Bloch-Forscher Wilfried Korngiebel zusammen, um „Problemgewinnung“, „Umfunktionierung“ und „Wiederaneignung“ (Korngiebel 1999, 235). Die eigene Praxis müsse darauf zielen, „zu Menschen“ zu sprechen (Korngiebel 1999, 232–233). Denn: „Nazis sprechen betrügend, aber zu Menschen, die Kommunisten völlig wahr, aber nur von Sachen.“ (Bloch 1962, 153) Den Nazis sei mit den Entwendungen eine Emotionalisierung geglückt. Bloch konstatierte eine „Wahrheit“ im kommunistischen Projekt und sprach den Nazis agitatorisches Geschick zu, welches sie zur Verbreitung ihrer „Lügen“ einsetzten. Er stimmte mit vielen zeitgenössischen kommunistischen Lesarten des Faschismus überein, dass dieser Politik im Interesse des Großkapitals betreibe. Der Faschismus sei zumindest Bündnispartner, wenn nicht gar Agent des Kapitals und des Imperialismus und deshalb an einer Integration der Arbeiterschaft, nicht aber an einer „wahrhaftigen“ 11 Dies gilt auch für die Faschismusanalyse. Vergleiche zum Beispiel die zeitgenössische Auseinandersetzung mit Hans Günther (Schiller 2013). 12 Beat Dietschy, in den 1970er Jahren wissenschaftlicher Mitarbeiter Blochs, kritisiert Bloch hierfür: Das Verhältnis von kommunistischer Theorie und Praxis werde von Bloch ungenügend gewürdigt – die „richtige“ Sprache und Taktik seien hier nicht an die Theorie rückgekoppelt, sondern rein funktional und instrumentell, sie sind bloße Mittel der „Volksbeeinflussung“ (Dietschy 1988, 155). 31 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen Befreiung der Arbeitenden interessiert. Den Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit wolle der Faschismus idealistisch durch die Indienstnahme der Arbeiterschaft für imperiale Interessen und die Volksgemeinschaft verdecken, während der Kommunismus, materialistisch fundiert, die Auflösung der Klassen anstrebe. Bloch arbeitete sich nicht an den Verbindungen des Faschismus zum Kapital ab, sondern untersuchte auch die Propagandatechnik der Nazis, ihre Intention, ihre Umsetzung und ihre Wirkung in den anvisierten Zielgruppen: „Er sah, was der Faschismus am Kommunismus nahm und äffte“ (Enzensberger 1962, 65). Die „offizielle“ kommunistische Erklärung des Faschismus als Agent des Kapitals war für Bloch nur eine „Teilerklärung“ (Franz 1985a, 120). „Gleichzeitig“ gebe es diesen Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit, daneben existiere, so Blochs Theorie, eine „Ungleichzeitigkeit“ (Dietschy 2012; Kessler 2006, 51–57), nämlich Restbestände „aus früheren Zeiten“ im Bewusstsein und der Vorstellungswelt der proletarisierten Massen. Der gleichzeitige Widerspruch verkörpere sich im „klassenbewussten, revolutionären Proleten“, der ungleichzeitige Widerspruch drücke sich durch antimoderne, traditionalistische Wut auf die Verhältnisse aus (Franz 1985a, 123–125). Diese Ungleichzeitigkeit habe der Faschismus erkannt und für sich ausgenutzt – und er habe mit der Ettikettenübernahme „gleichzeitige Embleme […] des Widerspruchs in den Dienst der ungleichzeitigen gestellt“ (Bloch 1967, 201). Eine antifaschistische Gegenstrategie müsse an diesem Problemverständnis ansetzen. Der Bedarf an Mythos, Metaphysik, Religion dürfe nicht als rückständig missverstanden und ignoriert, sondern müsse angemessen aufgegriffen werden: Die Gebiete der Fantasie sollten besetzt werden, anstatt sie „den interessierten Verstandesfeinden zum Betrug zu überlassen“ (Negt 1972, 440). Es brauche eine „ungleichzeitige Propaganda“.13 13 Der Begriff „Betrug“ verweist hier auf die Mehrschichtigkeit von Blochs Ideologiekritik. Ideologie als „bereits gewusstes falsches Bewusstsein“ qualifiziert Bloch als „Betrug“. Doch dienen für Bloch Ideologien nicht nur der Verblendung, sie können auch einen utopischen Überschuss in sich bergen. Mit Lenin sieht Bloch in der „sozialistischen Revolution“ eine „wahre Ideologie“, weil sie ein antizipierendes Bewusstsein trage (Korngiebel 1999, 47). Bemerkenswert ist indes, dass mit Emil Julius Gumbel ein linker Sozialdemokrat bereits 1922 einen Abgleich zwischen der Propaganda der Arbeiterbewegung und des radikal rechten Nationalismus vornahm und zu 32 Schulze, Etikettenschwindel Mit dem ideologiekritischen Konzept der Ungleichzeitigkeit als Zusammenhang von technischem Fortschritt, Rationalität und mentaler Modernitätsverweigerung ist indes auch der „antimoderne“ Charakter des Faschismus mit angesprochen. Faschismus als „Erscheinungsform der Ungleichzeitigkeit“ (Bloch 1967) verspricht in seiner politischen Werbung ein Zurück und will selbst ein Zurück zu früheren Zeiten erreichen. Dem Faschismus sei das „Jetzt fremd“ (Bloch 1967, 190). Das faschistische Erlösungsversprechen sei das einer antimodernen Revolte. Der Faschismus, so Hobsbawm, sei zwar trotz Betonung traditioneller Werte und eigentümlichen Erfindungen von Traditionen keine „im wirklichen Sinne“ traditionalistische Bewegung, er richte sich dennoch gegen Fortschritt, Emanzipation, gegen Aufklärung und das Erbe der französischen Revolution (Hobsbawn 2000, 154). Die so verstandene Moderne repräsentiert für den Faschismus Dekadenz und Kulturzerfall, sie erscheine ihm als kalt, völkerauflösend und uneindeutig. In stark antisemitischen Formen wie dem Nationalsozialismus wird die Moderne durch den Typus des Juden personifiziert. Dagegen setze der Faschismus in Ausnutzung der Ungleichzeitigkeit „harmonistische Bilder der Vergangenheit“ und versuche, „den Exzess des Kapitalismus bloß zurückzunehmen oder ihn sich unterzuordnen“ (Bloch 1967, 191), er tische „das unerfüllte Märchen der guten alten Zeit“ auf, einen „ungelösten Mythos des dunklen alten Seins“ (Bloch 1967, 194). Einer Analyse des Faschismus als antimoderner Revolte steht nicht entgegen, dessen moderne Elemente zu berücksichtigen. Im Gegenteil, beide Betrachtungsweisen lassen sich – etwa über den Begriff der Ungleichzeitigkeit – sinnvoll verbinden (Opitz 1974, 550–554): Faschismus ist in wichtigen Bereichen seiner Rhetorik kulturkritisch und kulturpessismistisch; das Programm ist auf restaurative und antiaufklärerische Zwecke ausgerichtet, in den relevanten Teilen seiner Methoden und seiner Technikbegeisterung jedoch vorwärtsgerichtet, innovativ und modern. ähnlichen Schlüssen wie später Bloch kam. „Nicht ökonomische Motive“ seien „an der Arbeit“, die ökonomistische Denkweise im deutschen Kommunismus berücksichtige klassenübergreifende Ideologien, den „psychologischen Moment“ und den „subjektiven Faktor“ nicht genügend (Heither 2016, 29). 33 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen Nicht zufällig stellen auch neuere Zeitanalysen einen aktuellen gesellschaftlichen Bedarf nach der Wiederherstellung von Eindeutigkeit und Orientierungssicherheit fest (Beck 1996b, 102), was hier mit der gebotenen Vorsicht14 als Ausdruck einer fortbestehenden Ungleichzeitigkeit verstanden werden kann. Die gegenwärtige extreme Rechte ist – und so kann die Theorie Blochs in Anschlag gebracht werden –, weltanschaulich weiterhin auf einen antimodernen Kern rückführbar und hat parallel dazu modernisierende Elemente in ihrem Gepäck (Klärner und Virchow 2006). Das Nutzbarkeitspotenzial von Blochs Theorie für eine Analyse der neueren extremen Rechten stellte der Bloch-Forscher Reinhard Brunner bereits unter Beweis. Bei der Diskussion über die Übertragbarkeit des Ungleichzeitigkeitsbegriffs auf die Gegenwart wies Brunner bereits 1996 (also etliche Jahre vor Aufkommen der AN) darauf hin, dass vermittelt über eine „rechte Subkultur“ in der Zukunft eine „reflexive Ästhetisierung der Politik“ etabliert werden könne, deren Vokabular „kaum mehr von den anarchistisch inspirierten ‚Autonomen‘ zu unterscheiden“ wäre (Brunner 1996, 88–89). Zurück zur Entwendungstheorie: Blochs Strategie der Symbolzurückeroberung fiel dort zu kurz aus, wo sie sich auf ein bloßes „Umdrehen des Spießes“ verlegte. In antirassistischer Motivation wies er beispielsweise darauf hin, dass die Deutschen ein „Mischvolk“ seien. Die Nazis seien „Sünder wider das Blut“, denn sie müssten, um konsequent zu sein, nicht nur die jüdische Bevölkerung, sondern auch große Teile der deutschen, aber nicht „rein nordischen“ Bevölkerung „herauswerfen“. „Die Juden“ seien mithin „im organisch durchgekochten Sinn“ reineren Blutes als die Deutschen. Propagandistisch versuchte Bloch, den nationalsozialistischen Rassismus zu überbieten und seine Widersprüche mit dem Ziel der Bloßstellung herauszustellen. Im Sinne seiner Theorie der Ungleichzeitigkeit erklärte Bloch es für lohnenswert, vom Nationalsozialismus okkupierte Begriffe anzugreifen und einen utopischen Gehalt herauszuschälen. Selbst bei Topoi wie „Drittes Reich“, „Tausendjähriges Reich“ oder „Führer“ 14 Brunner weist zurecht darauf hin, dass Ungleichzeitigkeit und Modernität nur mittelbar korrespondieren, weil Bloch den Begriff der Modernität nicht thematisiert hat (Brunner 1996, 75). 34 Schulze, Etikettenschwindel hielt Bloch den Kampf um Um- oder Rückdeutungen (christlicher Milleniarismus; „drittes Evangelium“; „Führer der Arbeiterklasse“) für sinnvoll (Bloch1972, 291–318; Negt 1972, 441; Frank 2010, 427). Eine Demontage gelang ihm, darf man aus heutiger Sicht schließen, nicht. Bloch-Forscher Korngiebel hält fest: Wenn ‚falsches Bewusstsein‘ in ‚falschen Signifikaten zum Ausdruck kommt, dann müssen diese zuallererst angegangen werden; die simple ‚Ersetzung‘ von Symbolen greift zu kurz. Anstelle der Umkehrungen wären Versuche der Neutralisierung angebrachter gewesen. (Korngiebel 1999, 242–251) Bloch verstand seine Analysen als politische Interventionen, die er parteiisch und propagandistisch auf Seiten des Antifaschismus vornahm. So neigte er bei der Schilderung der nationalsozialistischen Techniken zu starken Vokabeln wie „Diebstahl“ und „Lüge“ und stattete die Gegenseite mit positiven Worten wie „Original“ und „Wahrheit“ aus. Es bleibt in diesen Passagen unangesprochen, ob er den kommunistischen Symbolen tatsächlich Originalität zubilligte oder ob er sie als historische Produkte einordnete. Die rote Fahne etwa wurde im deutschen Kontext in den 1848er-Ereignissen und in der Reichsverfassungskampagne „im Kampf geboren“, wie Korff beschreibt. Sie war Produkt einer „aktionsbezogenen, symbolschaffenden ‚bricolage‘“ (Korff 1991, 24) und ist somit nie „Eigentum“ der Arbeiterbewegung, sondern dort selbst eine Übernahme gewesen. Symbole sind historisch, deutbar und umformbar. Es wäre jedoch ein Missverständnis, an der Analyse Blochs über die konkreten Entwendungen der Nazis zu monieren, dass er unveränderliche Symbolbedeutungen behaupten würde. Im Gegenteil, an vielen Stellen von Blochs Gesamtwerk lässt sich ausdrücklich eine Analysetechnik aufzeigen, einzelne Symbole und Symbolverkettungen historisch zurückzuverfolgen und einzuordnen (Korngiebel 1999, 70–71). Die Historizität und damit auch die „Kombinatorik und Austauschbarkeit“ von „symbolischen Bildern“ ist bei Bloch „überaus deutlich“ nachvollziehbar (Korngiebel 1999, 237). Die Betonung der Propagandatechnik und der dadurch ausgelösten Mobilisierung bringt die Faschismusanalyse Blochs in Berührung mit 35 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen den Theorien von Erich Fromm, Wilhelm Reich und Theodor W. Adorno (zum „autoritären Charakter“, „Massenspsychologie des Faschismus“, „authoritarian personality“), denen eine Erklärung des faschistischen Erfolges allein auf Basis der Ökonomie zu kurz griff. Die fraglichen Muster hatten zudem eine körperliche, geschlechtliche Komponente und mit ihnen wurde ein Geist kultiviert, der auch später im neuen Weltkrieg nutzbar wurde. Soldatische Männerbünde wie die SA mit ihrem (para-)militärischen Habitus setzten auf eine „Ästhetik des Krieges“; sie wiesen für Bloch eine „kriegserotische“ und „asketische“ Energie auf.15 Kulturell wurden diese Praktiken mit Bildern gerahmt und angereichert, die aus alter Mythologie, aus „germanischer Blutromantik“ gewonnen wurden. Die kriegerischen, „nordischen“ Körper würden symbolisch bedroht durch Judentum und Marxismus (Korngiebel 1999, 236–237). Erweiternd lassen sich hier auch Walter Benjamins Überlegungen zur Rolle der „Ästhetisierung der Politik“ durch den Faschismus anschließen (Emmerich 1977). Im Pariser Exil beschrieb Benjamin 1935 ebenjene emotionale „Ästhetisierung der Politik“, die der Faschismus betreibe (Benjamin 1963, 51). Gipfel dessen sei der Krieg: Alle Bemühungen um die Ästhetisierung der Politik gipfeln in einem Punkt. Dieser eine Punkt ist der Krieg. Der Krieg, und nur der Krieg, macht es möglich, Massenbewegungen größten Maßstabs unter Wahrung der überkommenen Eigentumsverhältnisse ein Ziel zu geben. (Benjamin 1963, 49) Einige weitere Anmerkungen scheinen indes nötig, um die Prüfung der Übertragbarkeit von Blochs Entwendungstheorie in das Heute zu ermöglichen. Zum einen existierte zu Blochs Zeit keine Popkultur, die mit der heutigen ohne weiteres vergleichbar wäre. Das Verständnis von Popkultur muss hier breit angelegt sein, um alle relevanten Aspekte erfassen zu können: Damit sind moderne kulturelle Formen und Alltagspraktiken ge- 15 Damit ist Bloch einer der wenigen frühen Faschismustheoretiker, die Geschlechterfragen überhaupt Aufmerksamkeit schenkten und Erklärungsansätze für die Anziehungskraft faschistischer Männlichkeitsideale auf die Jugend bereit stellten. 36 Schulze, Etikettenschwindel meint, die massenmedial vermittelt auftreten, einen Unterhaltungscharakter haben und allgemeinverständlich sind. Dazu gehören gesellschaftliche Bereiche wie Sport, Literatur, Massenmedien und Musik. Eine besonders wichtige Rolle nimmt der Musikbereich ein. Popkultur beziehungsweise Pop-Musik begann „in den mittleren 1950er Jahren“, so Diedrich Diederichsen, also nach der Zeit, für die Bloch die Entwendungen analysierte (Diederichsen2014, XV).16 Zwar gab es zu der Zeit von Blochs Analyse eine massenmedial vermittelte populäre Kultur und Jugendbewegungen17, doch waren diese anders strukturiert, als es heute der Fall ist. „Pop-Musik ist der Zusammenhang aus Bildern, Performances, (meist populärer) Musik, Texten und an reale Personen geknüpfte Erzählungen“, definiert Diederichsen (Diederichsen 2014, XI). Sie ist massenmedial vermittelte Unterhaltung, steht aber in untrennbarem Zusammenhang mit textiler Mode, Körperhaltung, Make-up, urbanen Treffpunkten, Öffentlichkeit und Gemeinschaft. Ein Zusammenhang wird erst in der Rezeption hergestellt (Diederichsen 2014, XI). Diesem Verständnis von Pop-Musik wird in der vorliegenden Arbeit gefolgt, es wird synonym der Begriff „Popkultur“ verwendet. Die Erscheinungen der Jugendkulturen werden hier als Popkultur verstanden. Die manchmal anzutreffende Auftrennung in „Mainstream“ und „Sub“-Kultur wird deshalb nicht vorgenommen, weil es fraglich erscheint, ob es eine durch den Begriff Mainstream implizierte annähernd homogene, normsetzende, Abweichungen unterordnende Leitkultur (noch) gibt. Die Fokussierung Blochs auf die proletarische 16 Pop, Popkultur und Pop-Musik sind mit Diederichsen von Popular- oder Populärkultur und -musik abzugrenzen. Letztgenannte umfassen auch Schlager, Folklore und ähnliches und existieren länger als die Erstgenannten. Zudem: Pop trennt sich von der populären Kultur auf deren Terrain und mit ihren Mitteln. Denn Pop beinhaltet die Möglichkeit der Nonkonformität, wobei es zunächst keine Rolle spielt, ob diese Möglichkeit verwirklicht wird oder ob es sich um ein leeres, verblendendes Versprechen einer Kulturindustrie handelt (Diederichsen 2014, XII– XIII). 17 In den 1910er Jahren kamen etwa Gruppierungen wie Wandervogel, bündische Jugendgruppen und Jugendverbände der Arbeiterbewegung erstmals auf. Bis 1933 wuchs die Zahl dieser Verbände an. Daneben ist die Entstehung von „wilden Cliquen“, also unorganisierten Gesellungen, erwähnenswert. Die gesellschaftliche Etablierung der Konzepte von „Jugendlichkeit“ und von „Freizeit“ trugen dazu bei. Öffentliche und massenmediale Ausdrücke hiervon waren etwa Kinofilme, Jugendliteratur und Tanzveranstaltungen (Lange 2015, 11–26). 37 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen Teilkultur und sein Blick auf die nationalsozialistischen Entwendungen können als Aufmerksamkeit für relevante Kulturerscheinungen gewertet werden, die anderen in dieser Zeit größtenteils fehlte.18 Die Entwendungen und Basteleien, die Zitierfreude der Nazis erscheinen bei Bloch als ein Alleinstellungsmerkmal. Heute indes finden Bricolagen in vielen kulturellen und gesellschaftlichen Sphären statt. Die damals noch nicht existente und heute allpräsente Popkultur ist ihrem genuinen Charakter nach „eine Praxis, die mit fremden Zeichen arbeitet“ (Diederichsen 2014, XVI). Ein Zeitgeist, der – in aller damit einhergehender Unschärfe (Brand 1993, 179) – als „Postmoderne“ bezeichnet wurde – erlaubt und begünstigt eine umfassende Zitationskultur. Ein Hauptmerkmal der Postmoderne im Westen sei, so Lyotard 1979, dass der Mensch „den Meta-Erzählungen keinen Glauben mehr schenken“ wolle (Lyotard 2006), dass gesellschaftliche Utopien also an Anziehungskraft verloren hätten. Der Stilpluralismus und die Zitierfreudigkeit, das ständige Neukombinieren von bereits Vorhandenem in der Postmoderne rührten aus ebenjenem Verlust des Glaubens an eventuelle „letzte Wahrheiten“. Die Art und Weise des Zitierens sei dementsprechend eine aus ironischer, zuweilen zynischer Distanz zu ihrem Objekt (Brand 1993, 179). In der Gegenwart seien, so der marxistische Literaturwissenschaftler Fredric Jameson, eine „neue Oberflächlichkeit“ zu beobachten und der Verlust der „Tiefendimension“ prägend (Jameson 1986, 50). Zeichen und Symbole seien im Vergleich zu anderen Epochen tendenziell entleert oder nur noch Gegenstand ästhetischer Anschauung und darum instabile Konstrukte, die von heute auf morgen eine andere Bedeutung annehmen könnten und somit keinen eindeutigen Verweischa- 18 Allerdings sind an dieser Stelle die Arbeiten Siegfried Kracauers zu nennen, der in der fraglichen Epoche die Massenkultur untersuchte. In der 1927 erstmals aufgelegten Essaysammlung Das Ornament der Masse verweist er darauf, dass die Unterhaltungsindustrie beliebige Inhalte verpacken und auch in den Dienst antirationaler, vormoderner und antimoderner Mythen stellen könne (Kracauer 1994). Indes sind Bezugnahmen auf Bloch in der Untersuchung neuerer popkultureller Phänomene durchaus bewährt. Baacke untersuchte beispielsweise in den 1990er Jahren die popkulturelle Erscheinung der Skinhead-Jugendkultur und konnte sie mittels der Blochschen Terminologie als „ungleichzeitig“ einordnen, weil sie romantische, rückwärtsgewandte Ideale vertrete, ihr dafür genutztes Symbolrepertoire jedoch modern-freizügig zusammenbastele (man könnte sagen: entwende) (Baacke und Ferchhoff 1995, 40–43). 38 Schulze, Etikettenschwindel rakter mehr hätten. Die Ausschlachtung der Stile führt für Jameson zu einem Verlust von Tiefen, zu „Imitate[n], denen ihr Original entschwunden ist“ (Jameson 1986, 61). Mit Blochs Charakterisierung der Entwendungen als „Betrug“ geht auch eine Betrachtungsweise einher, die die Steuerung der nationalsozialistischen Werbestrategie durch dessen Strategen betont. Eine Differenzierung zwischen den Absichten und Planungen der nationalsozialistischen Elite und der Praxis der Bewegungsangehörigen an der Basis sowie zwischen den durchaus vorhandenen Flügeln in der nationalsozialistischen Bewegung fand nur in Ansätzen statt. Dass Innovationen in den Werbestrategien nicht nur am Reißbrett der NSDAP-Führung entworfen wurden, sondern auch an der Basis wuchsen, belegt eben auch die schon erwähnte Praxis von Horst Wessel, der zwar nicht der Arbeiterschaft entstammte, jedoch als SA-Sturmführer in einem proletarischen Mileu wirkte und dort erst die Innovationen hervorbrachte. Die Dynamik zwischen strategischen Erwägungen in der Führung und Eigendynamik an der Basis scheint ein relevanter Faktor zu sein, um etwa das Prädikat „Betrug“ treffgenau qualifizieren zu können. Gerade mit Blick auf die derzeitigen Erscheinungen im Neonazismus ist diese Differenzierung notwendig. Da heute eine gesellschaftlich umfassende Zitierfreude herrscht, sind die Bedingungen für Innovationsimpulse an der Basis wahrscheinlich ungleich besser und die Bedingungen zur hierarchischen Durchsetzung einer Werbestrategie „von oben nach unten“ ungleich schlechter, als es in der Weimarer Zeit der Fall war. 2.2 Jugendkultur, Stil, soziale Bewegung und Szene Die AN ließen sich aus den unterschiedlichsten Perspektiven betrachten. Die Wechselwirkung, die zwischen den AN mit der NPD und ihrer Jugendorganisation „Junge Nationaldemokraten“ besteht, würde etwa eine eigenständige politikwissenschaftliche, parteienforscherische Untersuchung rechtfertigen. Da das Forschungsinteresse hier jedoch anders gelagert ist, ist ein einordnender Blick auf jene Konzepte nötig, die sich mit politischen 39 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen Protestformen und mit jugendlichen Kulturerscheinungen befassen. Bei den AN handelt es sich um ein Spektrum innerhalb des organisierten Neonazismus, das sich personell vorwiegend aus jüngeren Neonazis rekrutiert und sich dabei massiv jugendkultureller Formen bedient. Die AN, so die noch zu begründende These, lassen strategisches Vorgehen und kulturelle Eigenimpulse ineinander fließen. Symbole und Formen aus anderen (Jugend-) Kulturen und politischen Orientierungen werden verarbeitet – teils zielgerichtet im Sinne der Blochschen Entwendungen, teils als dynamisches und ungeplantes Ergebnis ebenjener kulturellen Öffnung. Sind die AN eine Subkultur oder eine Jugendkultur? Stellen sie eine eigene Szene dar? Sind sie selbst ein gesellschaftliches Milieu oder Teil eines solchen? Haben sie einen eigenen Stil entwickelt? Sind sie Teil oder Anhang einer sozialen Bewegung? Es erscheint sinnvoll, die hier aufgezählten Konzepte durch Konsultation der existierenden Forschungsliteratur zu fundieren, um sie für die weitere Verwendung in der vorliegenden Arbeit fruchtbar zu machen. Dem Forschungsinteresse entsprechend wird dabei insbesondere der Frage nach Formübernahmen in den einzelnen Konzepten nachgegangen. Als ein plausibles Konzept zur theoretischen Einordnung der AN wird im Folgenden das der „Bewegungsszene“ dargestellt. 2.2.1 Milieu Der Begriff des Milieus wird in der Wissenschaft von zwei Richtungen aus verwendet. Die „Arbeitsgruppe Interdisziplinäre Sozialstrukturforschung“ (AGIS) Hannover schließt dabei mit ihrem Milieukonzept an die Arbeiten Pierre Bourdieus an: Zugehörigkeit zu einem Milieu hängt für die AGIS von der Verfügung über ökonomisches und kulturelles Kapital ab. Milieus sind „Gruppen mit ähnlichem Habitus“ und die Nachfahren der sozialen Klassen, Stände und Schichten (Vester et al. 2001, 24–25). Die Zugehörigkeit zu einem Milieu ist für das Individuum nicht frei wählbar: „Soziale Milieus sind […] nicht vollständig beliebig gewählte Lebensstil- Gemeinschaften, sondern Teil einer sozialen Gesamtgliederung, deren Beziehungsgefüge ihnen Grenzen auferlegt.“ (Vester 2007, 26) Einen ande- 40 Schulze, Etikettenschwindel ren, alltagsnäheren Zugang zum Milieubegriff wählt Gerhard Schulze, der an die Individualisierungsthese von Ulrich Beck (Beck 1996a) anschließt. „Soziale Milieus“ sind für Schulze Gruppen, die sich durch spezifische Existenzformen und relativ starke Binnenkommunikation voneinander abheben (Schulze 2000, 746). Milieus können auch als „Lebensstilgruppen, Subkulturen, ständische Gemeinschaften, soziokulturelle Segmente, erlebbare gesellschaftliche Großgruppen“ (Schulze 2000, 174) verstanden werden. Schulze teilt in fünf Großmilieus ein: das Niveaumilieu, das Harmoniemilieu, das Integrationsmilieu, das Selbstverwirklichungsmilieu und das Unterhaltungsmilieu. Er konstatiert weiterhin eine „Erlebnisgesellschaft“, deren Milieus sich über jeweils ausdifferenzierte Freizeitgestaltungsarten als zentrale Elemente persönlicher Identität herstellen (Schulze 2000). Zwar können zum Beispiel soziale Bewegungen die politischen Interessen eines Milieus repräsentieren, doch sind Milieus im Ganzen eher Sozialstrukturen großen gesellschaftlichen Formats. Die Ebene eines gemeinsamen Handelns und Erlebens etwa fehlt. Milieus sind überdies nicht an Orte gebunden, Zugehörigkeit ist nur bedingt freiwillig wählbar und sie sind „relativ dauerhafte und allgemeine Sozialstrukturen“ (Haunss 2004, 85). 2.2.2 Subkultur, Jugendkultur, Bricolagen, Stil Die Rede von Subkulturen zur Klassifizierung bestimmter gesellschaftlicher Gruppen ist alltagssprachlich allgemein üblich.19 Gleichwohl gilt sie in der Forschung schon längere Zeit, auch in Hinblick auf jugendliche Gruppen, als veraltend (Baacke und Ferchhoff 1992, 432–434). Die Chicagoer Schule der Soziologie verwendete den Subkulturbegriff vor allem für Erscheinungen von Kriminalität und Devianz, insofern ist er, da negativ wertend, belastet. Als klassisches Beispiel kann die erstmals 1927 erschienene Studie The Gang von Frederic Milton Thrasher gelten, in der die sozi- 19 Zur weiteren Diskussion zur Geschichte und Gehalt des Begriffs der Subkultur siehe den Überblickstext von Griese (Griese 2000). 41 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen alen Mechanismen unter Straßenkriminellen Chicagos untersucht werden (Thrasher 2000). Der deutsche Soziologe Rolf Schwendter hingegen entwirft in seiner 1971 erschienenen Theorie der Subkultur ein geradezu enthusiastisches Bild, in denen „regressive Subkulturen“ nur am Rande vorkommen. Schwendter spürt vor allem „progressiven Subkulturen“ nach, die Trägerinnen einer nötigen Revolution im Sinne der Linken sein könnten. Schwendter fasst Subkulturen als Teile der Gesellschaft, die eigene Institutionen, Bräuche, Normen haben und die sich jeweils wesentlich von denen der umgebenden Gesellschaft unterscheiden würden (Schwendter 1993). Subkultur in ihrer progressiven Spielart kann bei Schwendter als Synonym von sozialer Bewegung verstanden werden. An Schwendters Raster anschließbar sind indes die Erörterungen aus dem Situationismus über die Übernahme von Formen, Kulturerscheinungen, Themen und Taktiken aus Geschichte und Gegenwart durch politische Bewegungen und ihre Kulturen. Der Situationismus beschrieb Übernahmen durch „progressive“ Kräfte als „Detournement“ (in etwa: Zweckentfremdung) und jene durch „regressive“ Kräfte als „Rekuperation“ (in etwa: Vereinnahmung) (Baumeister und Negator 2007, 116–120; Franz et al. 2009). Ein dritter Begriff von Subkultur schließt an die Chicagoer Schule an20 und wurde am 2002 geschlossenen „Centre for Contemporary Cultural Studies“ (CCCS) in Birmingham entwickelt, von wo aus er seit Ende der 1970er Jahre auch in Deutschland rezipiert wurde. Das CCCS analysierte das Aufkommen von jugendlichen Erlebniszusammenhängen aus neomarxistischer Perspektive unter Berücksichtigung klassenspezifischer „Herkunftskulturen“. Jugendliche Subkulturen und kulturindustriell geprägte Jugendkulturen wurden in einem Spannungsverhältnis zueinander gesehen. Als Subkulturen betrachtet werden jugendliche Kulturen als Untereinheiten einer Klassenkultur mit spezifischen Ausformungen. Sie 20 Bezugspunkte der CCCS-Forscher waren Althussers Ideologiebegriff, Gramscis Hegemoniekonzept, die Psychoanalyse von Jacques Lacan und die Semiotik von Roland Barthes. Cultural Studies nach Art des CCCS verstehen sich als „kritische Theorie […], die sozialen Wandel hin zu mehr Gerechtigkeit und Demokratie“ intendieren (Niekisch 2004). 42 Schulze, Etikettenschwindel befänden sich im Widerstand gegen die hegemoniale Ordnung, äußerten dabei jedoch keinen offenen Widerspruch, sondern kommunizierten ihn vermittelt über ihre Zeichensysteme und Rituale, wie in einer von Stuart Hall 1975 erstmals herausgegebenen, wegweisenden Arbeit ausgeführt wird (Hall und Jefferson 2006).21 Die subkulturellen Formen werden dabei als Neuordnung und Neukontextualisierung von Objekten verstanden, die mittels Bricolagen (Basteleien) neue Bedeutungen kommunizieren. Dabei entstehen Codes, Gesten, Moden, Musik, die Identität stiften. Der Begriff der Bricolage geht auf den französischen Ethnologen Claude Lévi-Strauss zurück. Lévi- Strauss, Strukturalist, beschäftigte sich in seinen Schriften eingehend mit der Funktion und den Entstehungsmechanismen von Mythen in menschlichen Gesellschaften. Er untersuchte Kulturen in Nord- und Südamerika, um Anhaltspunkte für universale Konstanten im menschlichen Denken zu finden. Mythen setzten sich für ihn aus gesellschaftlichen Grundannahmen zusammen, die miteinander in Beziehung gesetzt werden. Kleineinheiten, genannt „Mytheme“ (Lévi-Strauss 2008), würden nicht mittels Abstraktion oder nach rationalen Prinzipien kombiniert. Stattdessen schöpfe sich die durch den Mythos hergestellte Ordnung aus immer wieder neuen Assoziationsleistungen. „Wildes Denken“ (Lévi-Strauss 1973) füge die Mytheme zu einem Mythos zusammen: Heutzutage ist der Bastler jener Mensch, der mit seinen Händen werkelt und dabei Mittel verwendet, die im Vergleich zu denen des Fachmanns abwegig sind. Die Eigenart des mythischen Denkens besteht nun aber darin, sich mit Hilfe von Mitteln auszudrücken, deren Zusammensetzung merkwürdig ist und die, obwohl vielumfassend, begrenzt bleiben; dennoch muss es sich ihrer bedienen, an welches Problem es auch immer herangeht, denn es hat nichts 21 Im Anschluss an diese Perspektive des CCCS wird auch in jüngeren Arbeiten am Begriff der „Subkultur“ festgehalten. El-Nawab argumentiert in ihrer Untersuchung der Skinheads, Gothics und Rockabillys, dass „Subkultur“ die subversiven, kritischen, rebellischen Elemente der entsprechenden Kulturen nicht abwerte, sondern sinnvoll herausstelle. „Symbolische Widerstandsformen“ würden durch den Begriff der „Jugendkultur“ verwischt und unsichtbar gemacht (El-Nawab 2007, 19–20). 43 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen anderes zur Hand. […] Die Regel seines Spiels besteht immer darin, jederzeit mit dem, was [dem Bastler] zur Hand ist, auszukommen. […] [Der Bastler muss] eine Bestandsaufnahme machen oder eine schon vorhandene umarbeiten. […] Alle diese heterogenen Gegenstände, die seinen Schatz bilden, befragt er, was jeder von ihnen ‚bedeuten‘ könnte. (Lévi-Strauss 1973, 29–33) Wie ein Heimwerker seinen Keller nach Material absucht, das zur Bewältigung eines Bauvorhabens nützlich sein könnte, gebe es, so das Bild von Lévi-Strauss, Suchbewegungen, bei denen vorhandene Bedeutungen und Zeichen auf ihre Eignung für gegenwärtige Anforderungen abgeklopft und gegebenenfalls neu miteinander in Beziehung gesetzt werden. Darin sei eine Begrenzung enthalten. Zwar seien bei der Bricolage eigentümliche Kombinationen Prinzip – doch Maßgabe bleibe immer die Erfüllung einer Funktion. Wer eine Sitzgelegenheit basteln wolle, werde die Scherben, die im Keller vielleicht zu finden sind, kaum nutzen können; wer Friedfertigkeit behaupten wolle, werde für die Konstruktion eines Mythos auf kriegerische Zeichen verzichten. In der Jugendforschung verweist der Begriff der Kultur darauf, dass unter Jugendlichen unterschiedliche, gruppentypische Stile und Interessen festzustellen sind. Wenn er auf die Gruppenkulturen im Jugendbereich übertragen wird, kann Stil im Anschluss an Gerhard Schulze so gefasst werden: Gesamtheit der Wiederholungstendenzen in den alltagsästhetischen Episoden eines Menschen, [geronnen] zu einem stabilen situationsübergreifenden Muster. Stil schließt sowohl die Zeichenebene […wie Kleidung], als auch die Bedeutungsebenen [… wie Lebensphilosophie] ein. (Schulze 2000, 756) Gruppendefinitionen und -Abgrenzungen gehen damit einher und sind wahrnehmbare, ästhetische und expressive Inszenierungen. „Jugendkultur“ ist weitgehend synonym mit „Gruppenstil“ und „jugendkulturellem Stil“. Normative Setzungen werden in Gruppenkulturen nicht per Anweisung dekretiert, sondern sie sind eher ungeschriebene „Gesetze“, die tradiert werden und einem ständigen Wandlungsprozess unterliegen. Sie sind Selbstverständlichkeiten, durch die die Grenzen des Sag- und Machbaren 44 Schulze, Etikettenschwindel markiert werden. Jugendkulturen beziehungsweise Gruppenstile sind von Baacke und Ferchhoff in fünf Großtypen eingeteilt worden: die Religiös- Spirituellen, die Kritisch-Engagierten, die Manieristisch-Postalternativen, die Körper- und Action-Orientierten und die Institutionell-Integrierten. Rechte Jugendkulturen sind in dieser Typologie am ehesten den Körper- und Action-Orientierten zuzuordnen. Ihnen wird Revierverhalten, Urbanität, Gewaltneigung, männliche Dominanz, Machismo attestiert, allerdings auch ein Status als „Ausgegrenzte und Entrechtete“, ein eher geringer Bildungsstatus und ein „radikaler Gegenwartsbezug“ (Baacke und Ferchhoff 1992, 436–439). Für den CCCS-Forscher Mike Brake sind „Image“, „Haltung“ und „Jargon“ konstitutiv für den Stil in Jugendkulturen: Style I shall define as consisting of three main elements: ‚Image‘, appearance composed of costume, accessoires such as hair-style, jewellery and artefacts. ‚Demeanor‘ made up of expression, gait and posture. Roughly this is what the actors wear and how they wear it. ‚Argot‘ a special vocabulary and how it is delivered. (Brake 1980, 12) Ein Stil, so John Clarke 1979, entstehe in einem Prozess, bei dem aus bestehenden Zeichensystemen und Stilformen zitiert und Altbekanntes neu zusammengefügt wird: „Die Schöpfung kultureller Stile umfaßt […] eine differenzierende Selektion aus der Matrix des Bestehenden.“ (Clarke 1998, 378) Widersprüche aus der „Stammkultur“, die dort verborgen oder ungelöst sind, werden symbolisch-expressiv, sozusagen „magisch“ verarbeitet. Kulturell zugängliche Ressourcen werden von den „strukturalistisch tätigen Bastlern“ (so eine Formulierung von Barthes 1966) dekontextualisiert, modifiziert und somit in einen neuen Zusammenhang gebracht. Die Objekte dieser Bricolage (so Clarke in Bezug auf Lévi-Strauss) müssen nicht nur bereits existieren, sondern sie müssen auch Bedeutungen enthalten, die in einem so kohärenten System organisiert sind, daß die Art, in der sie umgestellt und transformiert werden, auch als Transformation begriffen werden kann. Denn es wäre zwecklos, wenn die neue Zusammensetzung 45 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen genau wie die bereits existierende aussieht und exakt die gleiche Botschaft übermittelt. (Clarke 1998, 377) Für den frühen britischen Punk ist etwa das Tragen von stark zerlumpter Kleidung, wilder Haarfrisuren und Arbeitsschuhen sowie die Verwendung von Hakenkreuz-Ansteckern belegt (O’Hara 2001). Aus unterschiedlichsten Zusammenhängen wurden Kulturerscheinungen und Symbole zusammengestellt und so ein neuer Stil geschaffen, der – zumindest für die Punks selbst – den Teil-Elementen neue Bedeutungen zuwies. Arbeitsschuhe waren kein Verweis mehr auf eigene körperliche Arbeit, sondern auf ein proletarisch-ruppiges Selbstverständnis. Ein Bekenntnis etwa zu einem protestantischen Arbeitsethos war darin nicht inbegriffen. Ein Hakenkreuz-Anstecker war im frühen Punk-Kontext mitnichten ein politisches Bekenntnis zum Nationalsozialismus, sondern rangierte in seiner Bedeutung zwischen purer Lust an der Provokation und einer vulgären Gesellschaftskritik, derzufolge die Gegenwart faschistoide Züge tragen würde (Sottong und Müller 1998, 147).22 „Klassische“ Jugendkulturen schöpfen ihren Stil also aus dem gesellschaftlich dafür zur Verfügung stehenden Repertoire an Zeichen. Doch laut den CCCS-Analysen gibt es auch eine Wechselwirkung, indem nämlich der neue, als „authentisch“ verstandene Stil der jeweiligen Subkulturen wieder auf die Gesellschaft zurückwirkt. Die Symbole werden dabei um ihre subkulturelle Bedeutung erleichtert und nach den Regeln der „Kulturindustrie“ vermarktet. Die Frisur des britischen Fußballspielers David Beckham wurde Ende der 1990er Jahre als „Beckham-Iro“ zu einer Mode, der Haarschnitt daraufhin in teuren Friseursalons geschnitten. Augenzwinkernd weist die Bezeichnung „Iro“ darauf hin, dass der Schnitt auf die wilde Irokesenfrisur von Punks zurückgeht.23 Doch weder Beck- 22 Verschiedentlich finden sich in frühen britischen Punk-Songtexten und Äußerungen von Musikerinnen und Musikern allerdings durchaus unreflektierte oder gesellschaftlichen Rassismus spiegelnde Aussagen (Sabin 2009). 23 Die Bezeichnung der Frisur als „Irokese“ geht auf den ähnlichen Haarschnitt von Kriegern nordamerikanischer Indigener zurück, die um den Huron-See siedelten. Zum dortigen Bund 46 Schulze, Etikettenschwindel ham selbst noch die Männer, die seinen Haarschnitt übernahmen, waren Punks, und sie wurden auch nicht als solche verstanden. Die Kommunikation von Abweichung sowie Distinktionsgewinn durch stilistische Differenz sind nicht nur für die Punks durch diese Tendenz erschwert worden. Es wird vielfach festgestellt, dass gesellschaftliche Normabweichung – als Pose – zur Normalität geworden sei (Holert 1999; Sanders 2001; Clark 2003): „Differenz verbindet“ (Jameson 1986). Der Mainstream präsentiere sich zuweilen sogar selbst als ein Flickenteppich von nur lose verbundenen Teilkulturen (Terkessidis und Holert 1997). Deshalb ist der Terminus Subkultur im Schwinden begriffen. Auch wenn das „Sub“ empathisch gemeint sein sollte, sei es überholt, argumentieren Baacke und Ferchhoff, es suggeriere einen weitreichenden Widerstandsgeist gegen eine unbewegliche, monolithische Mehrheitsgesellschaft und eine inzwischen weitgehend aufgelöste Trennung zwischen „authentischen“ und „kulturindustriellen“ Jugendkulturen. Die fortdauernde Existenz von (vorher als „authentisch“ verstandenen) Jugendkulturen wie derjenigen der Skinheads ändere daran nichts – sie hätten, so in Anlehnung an die Bloch’sche Terminologie, eben einen „ungleichzeitigen“ Charakter (Baacke und Ferchhoff 1995, 40–43).24 Der vom CCCS konzipierte Stilbegriff wird inzwischen weit weniger jugendzentriert und klassengebunden benutzt. Ausgangspunkt dafür ist der vielfältige Lebensstildiskurs (Rössel und Otte 2011), der sich um Bourdieus Studie Die feinen Unterschiede (Otte und Rössel 2011, 9; Bourdieu 1982) entwickelt hat. Grob umfasst der Begriff Lebensstil den symbolischen Ausdruck der alltäglichen Lebensführung (Spellerberg 1996, 57), die Art, wie Unterscheidung zu anderen ausgedrückt wird. Lebensstil weist der Irokesen gehörten unter anderem die Mohawk (der englische Begriff für den Haarschnitt ist „mohawk cut“). Die Popularität des Schnitts unter Punks dürfte auf den Film „Taxi Driver“ (1976) zurückgehen. In einer Schlüsselszene schneidet sich der verzweifelte und vor Aggressivität sprühende Hauptcharakter Travis Bickle (Robert de Niro) eine solche Frisur. 24 Ähnliche Argumente führt Vaskovics auf und verweist zusätzlich auf die Gefahr, durch den Subkultur-Begriff weiterhin der Stigmatisierung von Randgruppen das Wort zu reden (Vaskovics 1995, 16). Farin hingegen hielt in einer Replik anhand des Beispiels der Skinheads eine Aufrechterhaltung des Subkultur-Begriffs für möglich, wenn man die sich auflösende Trennung zwischen „‚sub‘- und ‚Hauptkultur‘“ sowie die gesamtgesellschaftliche, lebensstilistischen Ausdifferenzierungsprozesse nur ausreichend berücksichtige (Farin 1995, 47–48). 47 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen eine gewisse biografische Stabilität auf (Otte und Rössel 2011, 13) und ist über die Merkmale Expressivität, Form und Identifizierbarkeit fassbar (Rössel 2011, 37). Die über den Lebenstil Ausdruck findende soziokulturelle Zugehörigkeit kann auch eine Klasse sein. Viele Forscherinnen und Forscher, besonders im deutschsprachigen Raum, befinden jedoch, dass in den ausdifferenzierten gegenwärtigen Gesellschaften die Klassenzugehörigkeit kein zentrales Element persönlicher oder auch kollektiver Verortungen mehr sei (Otte und Rössel 2011, 10; Moser 2000). Lebensstile seien jedenfalls „mehr als mechanische Übersetzungen von materiellen, ökonomischen Ressourcen in Kulturphänomene, mehr als residuale Restphänomene der Sozialstruktur“ (Ferchhoff und Baacke 1995, 54). „Stil“ sei, so Soeffner, „eine spezifische Präsentation“. Er manifestiert die Zugehörigkeit eines Indiviuduums nicht nur zu einer Gruppe oder Gemeinschaft, sondern auch zu einem bestimmten Habitus und einer Lebensform, denen sich diese Gruppen und Gemeinschaften verpflichtet fühlen. Ein Stil ist ein Teil eines umfassenden Systems von Zeichen, Symbolen und Verweisungen für soziale Orientierung: er ist Ausdruck, Instrument und Ergebnis sozialer Orientierung. (Soeffner 1986, 318) Galt (subkultureller) Stil für das CCCS und für Schwendter noch als subversive Entität, so ist er mittlerweile zu einem Lebensstilelement geworden, das individuell gewechselt werden kann und nicht mehr zwangsläufig politisch konnotiert ist. Stile sind nicht nur gesellschaftlich integrierbar, sondern auch konsumierbar: Der hohe Einfluss von Konsum und Medien führt dazu, dass von der ehemaligen Subkulturidentität häufig nur noch die ‚Kostümiertechnik‘, eine ‚Lifestyle-Stilisierung‘ […] zurückbleibt. (Hoyningen-Huene 2003, 73) Der „Erfolg der Provokation hat zu ihrer Abnutzung geführt“ (Bianchi 1996, 61). Die Möglichkeit kulturellen Widerstands durch den Stil ist in hoher Geschwindigkeit gesunken, wenn (wie schon in den 1980ern festgestellt) „Bilder von Punks, Mods und Skinheads […] heute nicht einmal mehr Schulbuch-Redakteure schocken“ (Hebdige 1986, 188). Früher sei 48 Schulze, Etikettenschwindel „die dominante (oder hegemoniale) Ideologie der bürgerlichen Gesellschaft von den Vorstellungen der herrschenden Klasse geprägt“ gewesen, heute gebe es stattdessen ein „Spielfeld einer stilistischen und diskursiven Heterogenität ohne Norm“, wie Jameson kritisierte (Jameson 1986, 62). Wenn, zugespitzt formuliert, jedes Symbol für jeden und jede allzeit zur Verfügung steht und stilistische Schranken tendenziell wegfallen, dann kann man sich per Stil nicht mehr klar gegen den Mainstream absetzen (Davis 1992, 187; Clark 2003, 229). Der Verlust der Eindeutigkeit von Zeichen zeigt sich für Baudrillard eindrücklich in der Mode: Alle Kulturen und Zeichensysteme werden in der Mode ausgetauscht, kombinieren sich, gleichen sich einander an und gehen flüchtige Verbindungen ein, die der Apparat ausscheidet und deren Sinn nirgendwo liegt. Die Mode ist das rein spekulative Stadium der Ordnung der Zeichen – es gibt keinen Zwang zu irgendeiner bestimmten Kohärenz oder Referenz. (Baudrillard und Bergfleth 1982, 140–141) Im „Supermarkt der Stile“ (Polhemus 1998) sei alles möglich und nichts so, wie es scheint. Stile von Kulturen, die einst gegeneinander standen, würden nunmehr genussvoll und eklektisch kombiniert. Eindeutige Zuordnungen seien weder möglich noch gewollt (Polhemus 1998, 150). Das Konzept der Authentizität verliere in der post-subkulturellen Welt an Bedeutung: Post-Subculturalists […] do not have to worry about contradictions between their selected mode of dress, since there are no longer any correct interpretations. This is something that all post-subculturalists are aware of, that there are no rules, that there is no authenticity, no reason for ideological commitment, merely a stylistic game to be played. (Muggleton 1998, 198) Die eindeutige und verlässliche Zuordnung von Zeichen zu politischen Inhalten oder soziokulturellen Positionen ist mithin ebenfalls schwierig geworden. Diederichsen verweist darauf, dass bei den rassistischen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen 1992 ein „repräsentativer Querschnitt der bekannten jugendkulturellen Typen“ anzutreffen gewesen sei – unter anderem Jugendliche im Grunge-Outfit (Diederichsen 1993, 254). 49 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen Äußerliche Differenz bedeutet also nicht mehr zwangsläufig inhaltliche Differenz. Symbole sind bis zu einem bestimmten Grad entleert und dadurch kontextübergreifend adaptierbar geworden. Die gestiegene gesellschaftliche Zitierfreude – ein weithin unbestrittener Befund aus der Postmoderne-Diskussion – ist als Rahmenfaktor für die jüngeren neonazistischen Entwendungen zu berücksichtigen. Wenn überall zitiert wird, liegt es schließlich nahe, dass auch im Segment des Neonazismus zitiert wird. Andererseits liegt die Existenz des Neonazismus quer zu den geläufigen Kulturbefunden über die Postmoderne. Denn er verfügt über eine „große Erzählung“, eine Vorstellung von der Gestaltung der Gesellschaft, die nicht beliebig ist und ohne Ironie vorgetragen wird. 2.2.3 Szene Eine Szene ist, im Anschluss an Hitzler, Bucher und Niederbacher, eine thematisch fokussierte Vernetzung von Personen, die an je typischen Orten25 ähnliche Formen kollektiver Stilisierung betreiben. Der thematische Fokus kann über Ästhetiken hergestellt werden, die oft mit ethischen Werten und einer spezifischen Etikette des Umgangs verknüpft sind. Neben den geteilten ästhetischen Vorlieben müssen auch soziale Kontakte zu Gleichgesinnten vorliegen, um als Szeneangehöriger gelten zu können (Hitzler et al. 2005, 20). In Szenen haben die Individuen ein Mindestmaß an übereinstimmenden Überzeugungen, sie bilden also Gesinnungsgemeinschaften. Die „Mitgliedschaft“ bestimmt sich seltener über formale Zugehörigkeit zu einer Institution, sondern über ein Mindestmaß an Involviertheit, an Aktivität (Haunss 2004, 81). Haunss listet eine Reihe von Kernmerkmalen von Szenen auf: Szenen sind kommunikative und interaktive Gesellungen. Die Angehörigen handeln gemeinsam und bauen darüber einen gemeinsamen Erfahrungsschatz 25 Szenen sind also überörtlich, weil sie Präsenz an für sie „typischen Orten“ haben. Eine lokale Skater-Szene kann beispielsweise eine Skatebahn in einer Kleinstadt als dortigen für sie typischen Ort haben. „Die“ Skater-Szene ist jedoch in zahlreichen Städten und Ortschaften zu finden. 50 Schulze, Etikettenschwindel auf. Der Lebensstil ist von ihnen maßgeblich mitbestimmt, jedoch prägen sie nur eine Teilzeit des Lebens, während andere Bereiche wie zum Beispiel die berufliche Tätigkeit davon unberührt bleiben. Szenen verorten ihre Angehörigen sozial und sie selbst grenzen sich damit von anderen Gruppen ab. Szenen liegen quer zu den Gesellungsformen der größeren und großen gesellschaftlichen Institutionen. Die Zugehörigkeit zu Szenen ist freiwillig, man kann, zu einem bestimmten sozialen Preis, „aussteigen“. Szenen sind Netzwerke von Gruppen: Um Szeneangehöriger zu sein, reicht es aus, Teil eines mit der Szene verbundenen Personenkreises zu sein. Szenen sind dynamisch, befinden sich in ständiger Bewegung und können dadurch ihre Form verändern. Szenen haben Treffpunkte, an denen die Szenezugehörigkeit unmittelbar erfahrbar ist. Dort reproduziert sich auch die szeneeigene Kultur: Szenen haben – ob ausgesprochen oder nicht – eigene Codes, Stile, Verhaltensweisen und Wissensvorräte. Diese Kultur unterscheidet sich in einem Mindestmaß von der oder den hegemonialen Kultur(en) (Haunss 2004, 81–84). Leach und Haunss zum Kulturgehalt von Szenen: A scene has its own culture. In addition to shared convictions, participants in a scene share distinctive dress codes, aesthetic tastes, social norms, lingustic patterns, signs and symbols, and specialized knowledge that set them apart. Yet, being part of a scene is more than just an expressive act or a question of style. (Leach und Haunss 2009, 259) Hitzler, Bucher und Niederbacher beschreiben die innere Struktur von Szenen als zwiebelartig. Im Szenekern versammeln sich die besonders engagierten, langjährigen und herausragend viele Eigenressourcen investierenden Angehörigen. Eng verbunden zum Szenekern sind die sich darum gruppierenden aktiven, regelmäßigen Szeneangehörigen. Außen finden sich die loser verbundenen, nur gelegentlich teilnehmenden Szeneangehörigen, auf die von den inneren Schichten gelegentlich wegen ihres fehlen- 51 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen den Engagements, wegen einer zu geringen „Authentizität“ herabgeblickt wird (Hitzler et al. 2005, 27).26 Szenen stellen den Rahmen für sich miteinander überschneidende Lebenswelten der szeneangehörigen Individuen, wobei Lebenswelt (mit Edmund Husserl) eine ursprüngliche Sphäre meint, den „selbstverständlichen, unbefragten Boden sowohl jeglichen alltäglichen Handelns und Denkens als auch jeden wissenschaftlichen Theoretisierens und Philosophierens“ (Hitzler und Eberle 2008, 110). Szenen bilden insofern Sonderwelten oder „kleine soziale Lebenswelten“ heraus: ein in sich strukturiertes Fragment der Lebenswelt, innerhalb dessen Erfahrungen in Relation zu einem speziellen, verbindlich bereitgestellten intersubjektiven Wissensvorrat statthaben. Eine kleine soziale Lebenswelt ist das Korrelat des subjektiven Erlebens der Wirklichkeit in einer Teil- bzw. Teilzeitkultur. (Hitzler und Eberle 2008, 116) Das „klein“ verweist darauf, dass in der kleinen sozialen Lebenswelt „die Komplexität möglicher Relevanzen reduziert ist auf ein bestimmtes Relevanzsystem“. Prinzipiell hat jeder Mensch eine eigene, einmalige Lebenswelt. Allerdings lassen sich Muster erkennen, denn „die Menschen greifen bei ihrer Orientierung in ihrer Welt typischerweise auf soziohistorisch ‚gültige‘ Deutungsschemata und Handlungskonzepte zurück“ (Hitzler und Eberle 2008, 116). Zur „Kartographierung“ einer Szene brauche es Erkenntnisse über deren jeweiligen thematischen Fokus, die anzutreffenden Einstellungen und Motive, den Lebensstil, die Treffpunkte und Events, die Kleidung, Musik und Medien. Weitergehend müssten der geschichtliche Hinter- 26 Bourdieus Konzept des „kulturellen Kapitals“ – das dieser in inkorporiertes (Wissen, Können), objektiviertes (Kulturgüterbesitz) und institutionalisiertes (Bildungstitel) Kapital einteilt – wurde von Sarah Thornton um den Begriff des „subkulturellen Kapitals“ ergänzt. Die Ethnologin untersuchte die britische Club-Kultur. Anerkennung in einer Szene speise sich aus sozialem Kapital in objektivierter oder inkorporierter Form, deren Inhalt jedoch keine Anerkennung auf gesellschaftlicher Ebene bedeute. Szenerelevante Kenntnisse oder Besitztümer sorgten für Statusgewinn in der Szene selbst – doch gesamtgesellschaftlich könne das Kapital (etwa eine große Plattensammlung) relativ wertlos sein. In der Szene selbst sorge das Kapital für Disktinktion gegenüber der Außenwelt und tauge zur Zuschreibung von „Authentizität“ (Thornton 1996). 52 Schulze, Etikettenschwindel grund, Strukturdaten und Entwicklungstrends, Binnendifferenzierungen, Geschlechterrollen und Szeneüberschneidungen berücksichtigt werden (Hitzler et al. 2005, 31–32). 2.2.4 Soziale Bewegungen Eine soziale oder politische Bewegung ist nach einer in Deutschland gebräuchlichen Definition ein auf gewisse Dauer gestelltes und durch kollektive Identität abgestütztes Handlungssystem mobilisierter Netzwerke von Gruppen und Organisationen, welche sozialen Wandel mit Mitteln des Protests – notfalls bis hin zur Gewaltanwendung – herbeiführen, verhindern oder rückgängig machen wollen. (Rucht 1994, 76–77) 27 Soziale Bewegungen sind eine Erscheinung der Moderne, können der Gesellschaft Modernisierungsimpulse geben, aber auch antimoderne und re-traditionalisierende Ziele vertreten (Münch 1994, 28–29). Eine Unterscheidung in „alte soziale Bewegungen“ (etwa: Arbeiterbewegung, die frühe Frauenbewegung) und „neue soziale Bewegungen“ (etwa: Umweltbewegung, globalisierungskritische Bewegung) wird inzwischen in der Regel nicht mehr vorgenommen (Koltan 2014, 70).28 Die Frage, ob der Rechtsextremismus eine soziale Bewegung darstellt, war lange Zeit umstritten und wird darum in dieser Schrift an geeigneter Stelle diskutiert. Es werden, soviel sei vorweggenommen, Argumente aufgeführt, die eine Einordnung als soziale Bewegung rechtfertigen. Allgemein sind die Akteure in einer sozialen Bewegung geeint über gemeinsame Ziele, Überzeugungen und Deutungen der gesellschaftlichen 27 Diese Definition ist angelehnt an eine ältere von Joachim Raschke, in der die Netzwerk- und Protestaspekte weniger stark berücksichtigt sind (Raschke 1985, 77). 28 Vergleiche den Sammelband von Rucht und Roth, der explizit „soziale Bewegungen in Deutschland seit 1945“ behandelt und explizit auch „alte“ Formationen wie die Gewerkschaften berücksichtigt (Roth und Rucht 2008b). In der angelsächsischen Bewegungsforschung wurde eine Trennung in „alt“ und „neu“ ohnehin kaum vertreten. 53 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen Verhältnisse. Diese Interpretationsrahmen („frames“) markieren innere Zugehörigkeit und Grenzen zur Mehrheitsgesellschaft, zu Nichtbewegten und Feinden (Roth und Rucht 2008a, 23; Benford und Snow 2000). Die innere Einheit wird als kollektive Identität bezeichnet, die den Kitt darstellt, der die jeweilige soziale Bewegung zusammenhält (Haunss 2011a, 36). Weil soziale Bewegungen offene, fluide Gebilde sind, ist für sie die Produktion von kollektiver Identität von herausgehobener Bedeutung. Sie beeinflusst nicht nur die Weltsicht der Aktiven, sondern ihre Auswirkungen können bis in deren alltägliche Lebenspraktiken reichen (Haunss 2011b, 41). Die geteilten Werte haben dabei auch eine emotionale Qualität, sind wesentlicher Bestandteil der sozialen Ordnung und legitimieren Handlungen (Kern und Nam 2012, 30–31). Das Zugehörigkeitsgefühlt, das durch kollektive Identität produziert wird, macht eine soziale Bewegung erst mobilisierungsfähig (Roth und Rucht 2008a, 21). Die kollektive Identität wird auch über visuelle Kommunikation hergestellt (Fahlenbrach 2002). Soziale Bewegungen sind nicht gleichzusetzen mit Bürgerinitiativen, Selbsthilfegruppen, Nichtregierungsorganisationen oder Parteien. Jedoch können alle dieser vier Formen kollektiven Handelns Teil von sozialen Bewegungen sein (Roth und Rucht 2008a, 17). Soziale Bewegungen sind in unterschiedlichem Maß strategisch orientiert beziehungsweise strategiefähig. Unterschieden wird typologisch zwischen macht- und kulturorientierten, strategisch- und identitätsorientierten sozialen Bewegungen. Ebenfalls wird eingeteilt zwischen instrumentellen (Beispiel: Anti-Atomkraft-Bewegung), subkulturellen (Homosexuellenbewegung) und gegenkulturellen (Autonome) sozialen Bewegungen. Empirisch sind in der Regel Mischformen vorzufinden: Auch in politisch-intervenierenden Bewegungen kann es beispielsweise eine kulturelle Agenda geben (Roth und Rucht 2008a, 15–16). Soziale Bewegungen sind keine Organisationen, brauchen aber Organisationen, um sich bewegen, um mobilisieren zu können. Vom Mikrokontext wie Freundschaften abgesehen, benötigen soziale Bewegungen Medien, Räume, Organisationen, um sich gegenseitige Unterstützung zu 54 Schulze, Etikettenschwindel verschaffen. Dieser Prozess wird als vernetzte Ressourcenmobilisierung bezeichnet (Roth und Rucht 2008a, 25). Die gesellschaftliche Wirkungskraft von sozialen Bewegungen hängt neben einer ausreichenden Ressourcenmobilisierung auch von der Existenz oder Nichtexistenz entsprechender politischer Gelegenheitsstrukturen ab. Die Mittel, die soziale Bewegungen für ihr Protesthandeln nutzen und für deren Einsatz sie ihre Ressourcen mobilisieren, sind historisch und von Bewegung zu Bewegung ausgesprochen unterschiedlich. Dazu gezählt werden klassischerweise vielfältige Varianten von öffentlichem, häufig kollektivem Handeln. Zum „Repertoire“ (Tilly und Tarrow 2007, 4) der „contentious politics“ von sozialen Bewegungen können Musikevents, Versammlungen, aber auch Demonstrationen, Streiks, Ausschreitungen, Akte zivilen Ungehorsams bis hin zur Aufstandsorganisierung und Terrorismus gehören (Tarrow 1998, 32). Das Repertoire einer sozialen Bewegung kann sich, trotz einer gewissen Trägheit, an neue Bedingungen anpassen und erneuern (Tarrow 1998, 31). Soziale Räume in sozialen Bewegungen können als „Freiräume“ gefasst werden. Simi, Futrell und Gottschalk weisen in einer Analyse der US-White-Power-Bewegung darauf hin, dass die Herstellung von Freiräumen ein maßgeblicher Faktor für die Aufrechterhaltung („persistence“) der Bewegung in einer ihr überwiegend ablehnend gegenüberstehenden Umgebung ist (Futrell und Simi 2004). Francesca Poletta nennt in ihrer kritischen Diskussion des Konzepts drei Typen von Freiräumen: „transmovement spaces“ (bewegungsnahe Institutionen), „indigenous spaces“ (nachbarschaftliche Institutionen wie Kirchen, die für eine Bewegung wichtig werden können) und „prefigurative spaces“. Letztere zeichen sich dadurch aus, dass sie von Bewegungen etablierte politische Räume sind, in denen die angestrebte Gesellschaft der Zukunft vorgeformt, gelebt, ausprobiert werden kann (Polletta 1999, 11). Die Prozesse, in denen soziale Bewegungen Symbole und Diskurse über sich selbst, ihre Ziele, Grenzen und Inhalte hervorbringen, hält Haunss für besonders geeignete Untersuchungsobjekte, da sie durch ihren konfliktiven Verlauf besonders ergiebig seien. Dafür sei eine diachrone Analyse notwen- 55 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen dig (Haunss 2011a, 37). Er schlägt vor, mittels qualitativer Textanalysen Frames zu identifizieren; ein Ansatz, der auch auf die von sozialen Bewegungen produzierten Symbole übertragbar ist. „Rituale“ wie Demonstrationen lassen sich ergänzend zu den textanalytischen Elementen mit ethnografischen Ansätzen untersuchen (Haunss 2011a, 37–38). 2.2.5 Symbol und Form in Jugendkulturen und sozialen Bewegungen Zur Beantwortung der Forschungsfragen ist es nötig, das Symbolrepertoire des gegenwärtigen Neonazismus darzustellen und zu analysieren. Bloch verortete die historischen Entwendungen auf unterschiedlichen Ebenen der nationalsozialistischen Praxis. Von den Nationalsozialisten usurpiert und in ihr „Inventar“ eingegliedert wurden Zeichen, Symbole und Formen: Rituale, Inszenierungsformen bei Kundgebungen, Lieder, Filme, Farben, Schlagwörter und Parolen. Diesen Spuren wird in der vorliegenden Arbeit gefolgt: Alle Elemente des Handelns oder der Erfahrung können potenziell mit Bedeutsamkeitsakzenten versehen und somit zu einem Symbol beziehungsweise zum „Element symbolischen Handelns“ werden (Soeffner 1991, 63). Zur Sortierung des Materials wird das Inventar des Neonazismus in zwei Sphären symbolischen Handelns eingeteilt. Auf der einen Seite stehen Formen, womit zur Verwendung kommende symbolisch-pragmatische Handlungen und Inszenierungspraktiken bezeichnet werden. Das können die Art und Gestaltung der Ausdrücke sozialer Bewegungen (Demonstration, Blockaden, „schwarzer Block“, Rituale wie Sonnenwendfeiern) sein, aber auch kulturelle Ausdrücke, beispielsweise aus Jugendkulturen (Tanz, Konzert, Graffiti und Lebensstilelemente wie Ernährung). Auf der anderen Seite stehen Symbole, womit die Gesamtheit der aufzufindenden bildlichen, textlichen oder zeichenhaften Verweise gemeint ist. Das können sein Gesten (Hitlergruß, geballte Faust), Abzeichen (NPD-Logo), Ikonen (Rudolf Heß, SA-Mann), Mode (Marken, Kleidung, Haarschnitt), Musik (Lieder, Instrumente), symbolhaft genutzte Zeichen (Runen, Fahnen, Farben, Daten), Parolen (Sprechchöre, Sinnsprüche) und inhaltliche Schlag- 56 Schulze, Etikettenschwindel worte („Antiimperialismus“). Die Betrachtung von Formen und Symbolen ist somit konzeptionell breit genug angelegt, um den Blochschen Beschreibungen, aber auch aktuellen Verschiebungen und Neuentwicklungen nachzugehen. Der hier verwandte Begriff von Symbol ist kompatibel mit der Terminologie Blochs (Korngiebel 1999, 51–121). Die Technik Blochs, einzelne Symbole und Symbolverkettungen historisch zurückzuverfolgen, wird punktuell aufgegriffen (Korngiebel 1999, 70–71). Zusammengefasst: In der Popkultur (als massenmedial vermittelter Unterhaltung) sind Symbole von herausragender Bedeutung. Erst über Mode, Gesten, Musik, Jargon und weitere Symbolträger werden die verschiedenen popkulturellen Erzählungen kommuniziert und verbreitet. Die Performances in der Popkultur sind systematisch von Symbolen durchzogen. In Jugendkulturen, die hier als Teil der Popkultur gelten und häufig als Szenen in Erscheinung treten, ist die Bedeutung von Symbolen besonders groß. Die Produktion einer jugendkulturellen Identität und die damit verknüpfte Distinktion nach außen bedürfen symbolhafter Vermittlung. Jugendkulturelle Stile können als Ensembles von Symbolen und Formen, als kulturelle Referenzsysteme verstanden werden, die sich häufig mittels Bricolagen konstruieren. Jugendkulturen haben Events als Kulminationspunkte und sie verfügen über Institutionen. Als netzwerkartige Gesamterscheinung sind sie jedoch nicht anhand solcher formaler Merkmale vollständig erfassbar. Umso stärker sind sie darum auf Symbole angewiesen, um sich ihrer selbst vergewissern zu können. Jugendkulturen können gesellschaftliche Normen infrage stellen oder bestärken, sie kommentieren und zum Handeln aufrufen und insofern können sie politische Akteurinnen sein. Zuerst sind sie jedoch kulturelle und keine politischen Phänomene. Sie können sich selbst genügen, sie können von außen herangetragene Rechtfertigungsforderungen zurückweisen, und können sich politischen Zielen verschreiben, müssen dies aber nicht zwingend. Soziale Bewegungen hingegen sind vorrangig politische Akteurinnen. Ihrem Charakter nach streben sie gesellschaftlichen Wandel (oder dessen Verhinderung) an und diesem Zweck ordnen sie die eingesetzten Mittel unter. Sie können kulturelle Formen integrieren, wenn sie der Zielerrei- 57 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen chung dienlich erscheinen. Soziale Bewegungen sind indes wie Jugendkulturen und Szenen Netzwerke. Sie können über Institutionen verfügen, eine Institution allein kann jedoch keine Bewegung sein oder auch nur repräsentieren. Dementsprechend können sie Kohärenz nicht über formale Strukturen herstellen und wollen dies häufig auch nicht. Eben weil sie lose Gebilde sind, ist der Grad der kollektiven Identität ein entscheidender Faktor, um Handlungsfähigkeit herzustellen. Soziale Bewegungen setzen symbolhaftes Handeln in vielfältiger Weise ein, um Öffentlichkeit für die eigenen Anliegen herzustellen, um darüber politischen Einfluss zu erlangen (Voigt 1989, 14) und um über gemeinsames Erleben das „commitment“ der Bewegungsangehörigen zu steigern. Sie bringen dabei eigene Kulturen hervor, die sich auch um Symbole und symbolhaftes Handeln gruppieren. Am Beispiel der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung arbeiten Andrew Jamison und Ron Eyerman etwa die Bedeutung von Musik für soziale Bewegungen heraus. Soziale Bewegungen sind demnach Räume, in denen mit Musik experimentiert wird, in denen kulturelles Material und Traditionen dekonstruiert und neu kombiniert werden können (Eyerman und Jamison 1998, 41).29 Musik diene nach innen als ein Instrument, über das das eigene Befinden Ausdruck finden könne, über das kommuniziert und Identifikation produziert werde. Nach außen sei Musik ein Medium, um das Anliegen der Bewegung in das kollektive Bewusstsein der allgemeinen Öffentlichkeit einzuspeisen (Eyerman und Jamison 1998, 11–15). Diese Befunde der Autoren finden sich auch in einer später veröffentlichten Betrachtung des schwedischen Neonazismus wieder (Eyerman 2002, 451– 452). Ähnliche Schlüsse zieht Stephanie Schmolinger in ihrer Betrachtung der „Riot Grrls“, die Anfang der 1990er Jahre das „Massenmedium Musik“ als Mobilisierungsinstrument in den Dienst der feministischen Bewegung stellten (Schmoliner 2006, 43). In mancher Hinsicht ist bei sozialen Bewegungen „die kulturelle Sphäre“ sogar der politischen „vorgeordnet“ 29 Ähnlich in einem neueren Beitrag von Thomas Kühn: Etablierte musikalische Formen werden, so Kühn, im Kontext sozialer Bewegungen in „übernommen, abgewandelt oder kombiniert, erweitert oder umfunktioniert“, etwa durch das Umschreiben der Texte (Kühn 2009, 131–134). 58 Schulze, Etikettenschwindel (Koltan 2014, 62). Für Jasper gehört darum Kultur – neben Ressourcen, Strategien und Biografien – zu den zentralen Dimensionen für die Analyse sozialer Bewegungen (Jasper 1997, 43–68). Die Auswirkungen der Bewegungskulturen reichen nicht nur in präfigurativen sozialen Bewegungen (Haunss 2011b, 43) bis in den Lebensstil der Bewegungsangehörigen hinein. Symbole sind für soziale Bewegungen Marker der Zugehörigkeit und Grenzziehung nach außen. Die kollektive Identität der sozialen Bewegungen ist in ständigem, prozesshaften Wandel. Mangels formaler Strukturen (etwa Instrumenten wie einem Programmparteitag) werden Konflikte um Ziele, Mittel, Grenzen und Ausgestaltung der sozialen Bewegungen oft anhand von Symbolen verhandelt. Balistier beschreibt die Kulturen von sozialen Bewegungen ebenfalls als prozesshaft und stellt das Ringen um Symbole als Ausdruck dieser Prozesse dar. Soziale Bewegungen würden Symbole „auswählen, ausprobieren, verändern, verwerfen oder beibehalten“, dadurch Symbolwelten entfalten, in deren Entstehung die Auseinandersetzungen um Identität und um neue „Ideen, Haltungen, Normen und Werte“ einen Ort erhielten (Balistier 1996, 219). Diese, zum Beispiel anhand von Symbolen, ausgehandelten kulturellen und politischen Konflikte können zu einem Widerspruch zwischen Lebenspraxen und der Bewegungsidentität führen (Haunss 2011b, 44). 2.2.6 Bewegungsszene als Schnittpunkt von sozialen Bewegungen und Jugendkulturen Sebastian Haunss entwickelt in seiner Untersuchung der linken Autonomen- und der Schwulenbewegung den Begriff der „Bewegungsszene“30, in denen sich „Alltagshandeln und Politik“ als Einheit leben lassen und gelebt werden (Haunss 2004, 89). Gemeint sind Szenen, die sich im Kon- 30 In den Forschungen zu sozialen Bewegungen taucht der Begriff Bewegungsszene schon etwas früher, aber nur sporadisch auf (Roth 1994, 413; Rucht et al. 1997, 69). Von der Verwendung hier abzugrenzen ist eine in der Sportsoziologie vorkommende Nutzung des Begriffs der Bewegungsszene für auf körperliche Bewegung zentrierte Szenen (Kolb 2009, 232). 59 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen text sozialer Bewegungen formieren.31 Die Bewegungsszenen sind Orte, an denen Jugendkulturen, Lebensstile und soziale Bewegungen aufeinander treffen und sich gegenseitig beeinflussen. Bewegungsszenen können unterschiedliche Strömungen beinhalten und Überschneidungen mit anderen Szenen haben. So sei etwa die Schwulen-Szene eine Bewegungsszene innerhalb der sozialen Bewegung der Homosexuellen. Sie beinhalte Subspektren und habe musikalisch stilprägend an der Etablierung der Musikszenen um Techno und House mitgewirkt. Bewegungsszenen bildeten für soziale Bewegungen ein Mobilisierungspotenzial. Um sich am Szeneleben zu beteiligen, braucht es nur ein vergleichsweise geringes Maß an Engagement, während dem Individuum gleichzeitig ein umfassendes Lebensstilangebot gemacht wird. Szenen können somit ein Einstiegsangebot für das Engagement in einer Bewegung sein (Haunss 2004, 253–259). Durch die niedrigschwelligen kulturellen Angebote in den als „gateways“ fungierenden Bewegungsszenen wird eine Bewegungsnähe etabliert, die für das Individuum in direkter Partizipation münden kann (Leach und Haunss 2009, 270). Szene und Bewegung überlappen einander und beeinflussen sich gegenseitig. Szenen bilden auch Rückzugsräume und Freiräume für die Aktiven einer sozialen Bewegung außerhalb des politischen Engagements. Das Verhältnis zwischen Bewegungsszene und Bewegung birgt aber auch Spannungen: Szenen sind in der Tendenz binnen- und erfahrungsorientiert, Bewegungen hingegen außen- und projektorientiert. Bewegungsszenen sind gleichermaßen lokal wie auch allgemein – es existieren ortsgebundene Treffpunkte und andere infrastrukturelle Einrichtungen. Für Szeneangehörige sind ähnliche Strukturen jedoch auch in anderen Städten und Regionen zugänglich. Die Codes mögen in manchen Details voneinander abweichen, Zugang und Bezug sind aber gewährleistet. Bewegungsszenen sind überdies meist keine ländlichen, sondern städtische, wenn nicht gar 31 Eine verwandte Beobachtung machte Zwick 1990 unter Verwendung des Subkultur-Begriffs: Soziale Bewegungen seien stark kulturell und durch ihre Milieus geprägt, sodass sie Züge von Subkulturen tragen würden (Zwick 1990). 60 Schulze, Etikettenschwindel großstädtische Strukturen. Sie sind Scharniere in Prozessen kollektiver Identität innerhalb von sozialen Bewegungen. Lebensstil und „Collective Action Frames“ (also Welt- und Konfliktdeutungsmuster, die gemeinsames Handeln ermöglichen und begründen) werden von Szenen in besonderer Art zusammengebracht (Haunss 2004, 253–259). Bewegungsszenen haben dabei keine bloße Verpflichtung gegenüber Bewegungen, erfüllen nicht nur eine Funktion, sondern sie entwickeln Eigendynamiken, die aus Sicht der Bewegung sowohl förderlich als auch hinderlich erscheinen können: Scenes are not necessarily political […]. [If it is] attached to social movements, […] a scene cannot be reduced to the movement itself or to the organizations within it. And when scenes are connected to a movement, the relationship between the two is not always beneficial for the movement. (Leach und Haunss 2009, 258–259) Die Balance zwischen Szene- und Bewegungsdynamik ist fragil und führt bisweilen zu einer Selbstreferenzialität der Diskussionen und Selbstreflexion innerhalb von Bewegung und Szene (Haunss 2004, 269). Der Grad, in dem Szenen eigene Dynamiken entwickeln, die in Konkurrenz zu politisch-strategischen Interessen einer sozialen Bewegung treten und somit bewegungsinterne Konflikte befördern, dürfte dabei ansteigen, je stärker die betreffenden Szenen jugendkulturell geprägt sind. 2.3 Forschungsstand zu den AN 2.3.1 Literaturschau Obwohl das Phänomen der AN bereits seit etlichen Jahren existiert, ist der Stand der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit ihm schnell referiert. An erster Stelle ist ein 2011 von Alexander Häusler und Jan Schedler herausgegebener Sammelband zu nennen, weil er die umfangreichste Auseinandersetzung mit dem Thema darstellt (Häusler und Schedler 2011). Die AN als Erscheinung eines „Neonazismus in Bewegung“ werden dort von verschiedenen politikwissenschaftlichen und historischen Perspekti- 61 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen ven aus betrachtet. Die Ergebnisse der Beiträge sind in die vorliegende Arbeit eingeflossen beziehungsweise werden an den je passenden Stellen diskutiert. Die Herausgeber kommen in ihrem Fazit zu dem Schluss, dass eine „wissenschaftliche Einordnung des Phänomens der ‚Autonomen Nationalisten‘ […] noch am Anfang“ stehe (Häusler und Schedler 2011, 305). Das Phänomen der AN sei „weitestgehend noch unbearbeitet“ (Häusler und Schedler 2011, 305), auch und insbesondere in seiner Wechselwirkung mit extrem rechten Jugendkulturen.32 Daneben sind weitere Beiträge zu nennen, in denen die AN deskriptiv und manchmal analytisch behandelt werden. Dazu gehört ein Sammelband von 2009, der die Entstehung und Ausdruck der AN referiert (Peters und Schulze 2009). Ein Buchbeitrag von Jan Schedler aus dem selben Jahr liefert hier mitverwertete Einschätzungen, auch wenn er nahe legt, die AN würden einer vorher festgelegten Strategie folgen (Schedler 2009). Ähnliche Ergebnisse präsentierte Schedler im Folgejahr in einem Beitrag für die Zeitschrift Aus Politik und Zeitgeschichte (Schedler 2010). Ein Überblickstext stammt von Richard Gebhardt, der die AN als einen klar abgrenzbaren „dritten Block“ des Neonazismus neben Kameradschaften und NPD sieht (Gebhardt 2009). 32 Ein Forschungsüberblick zum Komplex Jugend und Rechtsextremismus aus dem Jahr 2014 unterstreicht diesen Befund. Die AN kommen als eigenständiges Phänomen schlichtweg nicht vor. Das Forschungsdesiderat wird markiert: „Es fehlen systematische Untersuchungen darüber, in welchem Ausmaß und in welchen Ausprägungen Verklammerungen zwischen dem organisierten Rechtsextremismus und einer ideologisch und organisatorisch eher locker gewirkten Subkultur bestehen.“ Fazit: „Insgesamt aber bleiben die Verschränkungen zwischen dem organisierten Rechtsextremismus und tendenziell ‚vorpolitischen‘ Jugendkulturen – dies zumindest ist der Eindruck, den die vorliegenden Studien hinterlassen – unklar; eine Präzision dieses Verhältnisses wäre hilfreich.“ (Aumüller 2014, 65–72) Allerdings: Ein auf drei Jahre angelegtes DFG-gefördertes Forschungsprojekt unter dem Titel Autonome Nationalisten - eine Analyse soziologischer Rechtsextremismusforschung in ausgewählten Sozialräumen und im Internet nahm im Jahr 2015 die Arbeit auf. Laut der Ankündigung auf der Internetseite der DFG sollen die Interaktionen der AN mit „anderen Akteursgruppen im öffentlichen Raum einschließlich Gewalt, ihre Versuche zu Raumgewinnen und ihre Rekrutierungsstrategien für desintegrationsgefährdete junge Menschen“ entwicklungsorientiert analysiert werden. Materialgrundlage sollen Beobachtungen von vier Sozialräumen, eine Auswertung von Internetangeboten und von Demonstrationen bieten (DFG 2015). 62 Schulze, Etikettenschwindel Eine Betrachtung der Wirkung von AN in einem Lokalraum haben Claudia Luzar und Olaf Sundermeyer in ihrem Kurzbeitrag für die Folge 9 der Deutschen Zustände von Wilhelm Heitmeyer vorgelegt (Luzar und Sundermeyer 2010). Auf die Frage von Geschlechterbildern bei den AN geht an verschiedenen Punkten ein Sammelband von Claus, Lehnert und Müller zu Männlichkeitskonzeptionen im Rechtsextremismus ein (Claus et al. 2010). Andreas Heilmann beschreibt dort eine „fun-and-risk-orientierte Jugendszene-Männlichkeit“ bei den AN, die für „Salonfähigkeit“ sorge, doch auch einen Konturverlust hervorbringen könne (Heilmann 2010). Kristin Witte untersucht Internet-Videoclips und setzt die dort zu findende Aktions- und Gewaltorientierung der AN mit ihrer Männlichkeitsinszenierung in Bezug (Witte 2010). Kollmorgen und Quent sehen in einem Zeitschriftenbeitrag die AN als eine „sozio-kulturelle Innovation“ im Rechtsextremismus und regen an, dass die „Imitationsprozesse“ und ihre Folgen für die „Reziprozität“ zwischen den Innovatoren und anderen Akteuren untersucht werden sollten (Kollmorgen und Quent 2014, 8–9). In einem Sammelband zu einer Tagung des Brandenburger Verfassungsschutzes betont der Referent (und ehemalige Verfassungsschutzmitarbeiter) Rudolf van Hüllen, dass die Systemablehnung und Gewaltaffinität bei linken wie rechten Autonomen übereinstimmten; beide Spektren seien in einer „grundsätzlichen Kongruenz“ zueinander zu sehen (van Hüllen 2010). Der Philosoph und SPD-Politiker Mathias Brodkorb beschreibt die Formübernahmen der AN als „Mimikry“: Radikale Rechte und Linke bezögen sich stark aufeinander, was eine mimetische Rivalität nach sich ziehe – die Rechten würden die Linken nachahmen. Blockaden von Neonazi- Demonstrationen dienten als Katalysatoren für rechte Gewalt und das Tun der AN (Brodkorb 2010, 73–76). Neben wissenschaftlichen Veröffentlichungen zu den AN sind insbesondere Beiträge aus zwei weiteren Bereichen zu nennen. Die Entstehung der AN werden in den thematisch spezifizierten Zeitschriften Antifaschistisches Infoblatt, Lotta und Der Rechte Rand in etlichen Beiträgen zeitnah und intensiv verfolgt. Dabei finden die hier besonders interessierenden lebensweltlichen Aspekte Eingang. Nur stellenweise werden die AN hinge- 63 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen gen in der Zeitschrift Blick nach Rechts berücksichtigt, was der tagesaktuellen und weniger analytischen Ausrichtung dieser Publikation geschuldet ist.33 Alle genannten Zeitschriften werden aus dem Spektrum des linken Antifaschismus heraus produziert. Aus diesem Bereich ist zudem einige graue Literatur veröffentlicht worden (AKKU 2009; Kalenderredaktion 2008, 13–20).34 Eine journalistische Beschreibung der AN haben Toralf Staud und Johannes Radke vorgelegt, in der sie das Phänomen neben dem rechten Terrorismus des NSU und rechtspopulistischen Formationen als „neue Nazis“ einordnen (Staud und Radke 2012). Des Weiteren gibt es Veröffentlichungen über die AN, die aus den bundesdeutschen Sicherheitsbehörden stammen. Zu nennen ist hier etwa eine Deskription aus einer Polizeifachzeitschrift (Hoffmann 2008) sowie eine Einschätzung aus dem Jahrbuch Extremismus & Demokratie durch einen Verfassungsschutzmitarbeiter, der die AN als ein neonazistisches Täuschungsmanöver deutet (Menhorn 2008).35 In den Jahresberichten des Bundesamtes und verschiedener Landesbehörden für Verfassungsschutz haben die AN verschiedentlich Erwähnung gefunden. Der Struktur dieser Berichte entsprechend sind die Ausführungen in der Regel nicht analytisch, sondern deskriptiv im Stil von Lageeinschätzungen ausgerichtet. Zu nennen sind zusätzlich zwei Broschüren. 2007 wurden die AN in einer Veröffentlichung des Bundesverfassungsschutzes als eine „militante Randerscheinung“ eingeordnet (Bundes- 33 Auf der Homepage von Blick nach Rechts sind dennoch rund 200 Artikel unter der Rubrik AN verschlagwortet, die für die vorliegende Arbeit gesichtet wurden. Die Texte sind fast ausnahmslos der Berichterstattung zu einzelnen Ereignissen wie etwa Demonstrationen gewidmet (bnr.de 2015). 34 Ergänzend: Aus linker politischer Perspektive streift ein Kurzbeitrag in einem Sammelband über Protestformen sozialer Bewegungen die AN. Dort wird das Phänomen mit dem neonazistischen Bestreben, „national befreite Zonen“ einzurichten und „kulturelle Hegemonie“ zu erringen, vermengt, aber nur am Rand im Jugendbereich verortet. Atypisch für die linke Diskussion ist der – offenbar auch folgenlos gebliebene – Vorschlag, neonazistische Symbole zu „rekuperieren“, also für linke Bewegungspolitik nutzbar zu machen (Franz et al. 2009). 35 Menhorn war laut den Journalisten Stefan Aust und Dirk Laabs unter dem Tarnnamen Sebastian Egerton im Bereich Terrorismusabwehr beim Bundesamt für Verfassungsschutz tätig und unter anderem mit den untergetauchten Neonazis befasst, von denen der „Nationalsozialistische Untergrund“ (NSU) gegründet wurde (Aust und Laabs 2014, 814). 64 Schulze, Etikettenschwindel amt für Verfassungsschutz 2007).36 Ein Jahr später folgte eine Publikation des Berliner Landesamtes, die die Strahlkraft der AN ebenfalls als gering einschätzt (Verfassungsschutz Berlin 2008). Im Jahresbericht des Bundesverfassungsschutzes für das Jahr 2004 wurden neue Strategien des Neonazismus beschrieben, der sich durch „Demonstrationen, Hausbesetzungen und ähnliche Events“ attraktiver für junge Menschen darstellen wolle (Bundesministerium des Inneren 2005, 56–57). Für das Jahr 2005 folgte eine Ersterwähnung der AN, die vereinzelt „schwarze Blökke“ auf Demonstrationen bildeten und sich rhetorisch an „linksextremistische Terminologie“ anlehnen würden. Ohne Partei und Theorie solle „offensiv für einen revolutionären Nationalismus“ gekämpft werden. Der Großteil der „Szene“ lehne das Konzept ab (Bundesministerium des Innern 2006, 68). Für 2006 wurde das Potenzial auf 140 bis 200 Personen geschätzt, Schwerpunkte lägen in Berlin, München und im Ruhrgebiet. Die „Hemmschwelle im Hinblick auf Gewaltanwendung“ wurde als „gering“ charakterisiert (Bundesministerium des Innern 2007, 60–61). Für 2007 wurde eingeschätzt, dass die AN mit ihren Aktionsformen „neue klassisch ‚linke‘ Zielgruppen erschließen“ wollten. Die Thematisierung der sozialen Frage stehe in der Tradition der Nationalrevolutionäre der 1920er und 1930er Jahre (Bundesministerium des Innern 2008, 60–63). Das Landesamt für Verfassungsschutz in Nordrhein-Westfalen widersprach zwei Jahre später dieser Einschätzung und hielt fest, dass die AN „keine besondere ideologische Ausrichtung“ verfolgen würden, sondern eher durch ihre grundsätzliche Gewaltbereitschaft charakterisiert seien (Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen 2010, 82–86). Die AN machten etwa zehn Prozent des neonazistischen Personenpotenzials aus, schätzte der Bundesverfassungsschutz für das Jahr 2007. Die Kundgebungen der AN besäßen einen „Happening-Charakter“ (Bundesministerium des Innern 2008, 60–63). Eine Verbindung zwischen Subkultur und den AN wurde im Jahresbericht für 2009 hergestellt. Subkulturell geprägte Rechtsextremisten würden sich 36 Die Broschüre wurde später aktualisiert neu herausgebracht, diesmal ohne die Qualifizierung als Randerscheinung (Bundesamt für Verfassungsschutz 2009). 65 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen inzwischen modisch weniger am Skinhead-Stil orientieren, sondern auf Kleidung der Hooligan- und der AN-Szene ausweichen. Zusätzlich gewinne Hardcore-Musik an Popularität (Bundesministerium des Innern 2010, 55–56). Ein großer Teil der AN sei zwischen 14 und 18 Jahren alt (Bundesministerium des Innern 2010, 69–70). Der Landesbericht des Verfassungsschutzes Nordrhein-Westfalen ordnete die AN zum selben Zeitpunkt als eine „neue Generation“ des Neonazismus ein (Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen 2009, 66–69). Für 2010 wurde im Bundesbericht festgehalten, dass sich AN weniger eindeutig als andere Neonazis auf den historischen Nationalsozialismus bezögen. Die AN-Szene biete individuelle Freiräume, die untypisch für ein Spektrum seien, das eine identitäre Gemeinschaft anstrebe. Der „Antikriegstag“ in Dortmund wird als Beispiel für AN-Politik ebenso genannt wie die Nutzung von Graffiti und Gestaltungselementen im Manga-Stil. Inzwischen seien 20 Prozent der Neonazis zu den AN zu zählen (Bundesministerium des Innern 2011, 64–65). Für 2011 wurde vermeldet, dass die AN 15 Prozent des Neonazispektrums ausmachten. Zudem glichen sich AN und der restliche Neo nazismus an – Elemente des AN-Stils seien von weiten Teilen der neonazistischen Szene übernommen worden (Bundesministerium des Innern 2012, 71). Die AN seien mittlerweile eine „Trendmarke“, unabhängig von der Frage nach der konkreten Gewaltbereitschaft, hieß es im Jahr esbericht für 2012 (Bundesministerium des Inneren 2013, 74). Im Bericht für 2013 wurde diese Einschätzung wiederholt: Vorgehensweisen, äußeres Erscheinungsbild und Aktionsziele der ‚Autonomen Nationalisten‘ werden seit 2011 verstärkt von anderen Teilen der neonazistischen Szene übernommen. […] ‚Autonome Nationalisten‘ stellen inzwischen keine eigenständige Organisationsstruktur der neonazistischen Szene mehr dar, sondern lediglich noch eine Aktionsform. Die Selbstverortung neonazistischer Personenzusammenschlüsse als ‚Autonome Nationalisten‘ prägt mittlerweile das moderne Selbstverständnis, quasi als Trendmarke, unabhängig von der Frage der Gewaltbereitschaft. (Bundesministerium des Innern 2014, 85) 66 Schulze, Etikettenschwindel Ähnlich auch in den Länderberichten. Das Landesamt Berlin hielt 2014 fest: Im Bereich des aktionsorientierten Rechtsextremismus haben sich die Aktions- und Organisationsformen der ‚Autonomen Nationalisten‘ (AN) in den vergangenen Jahren zum alles dominierenden Wesensmerkmal des gesamten Netzwerkes ‚Freie Kräfte‘ entwickelt. (Verfassungsschutz Berlin 2013, 53) In Nordrhein-Westfalen wurde 2014 und 2015 beschrieben, dass die Bildung von „schwarzen Blöcken“ als Distinktionsmerkmal innerhalb des Rechtsextremismus an Bedeutung verliere beziehungsweise das „neue Erscheinungsbild“ („bestehend aus schwarzen Kapuzenjacken, Sonnenbrillen und schwarzen Kappen“) inzwischen von „fast allen Teilnehmern bei Demonstrationen“ übernommen werde (Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen 2013, 95–96, 2014, 161–162). 2.3.2 Diskussion der bisherigen Deutungsmuster Aus einer Durchsicht der bisher zu den AN publizierten Literatur lassen sich drei Deutungsmuster ableiten. a) Die Entwendungen aus der Linken sind möglich, weil die äußerste Rechte und die äußerste Linke inhaltlich und von ihrer Mentalität her ähnlich strukturiert sind (maßgeblich: van Hüllen). b) Bei den Entwendungen der AN handelt es sich um ein Täuschungsmanöver, mit dem Linke und die Gesellschaft in die Irre geführt werden sollen (maßgeblich: Brodkorb). c) Die Entwendungen sind Ausdruck eines Modernisierungsprozesses im Neonazismus, der sich in seinen Organisierungsansätzen und in seiner Bewegungskultur ausdrückt (maßgeblich: Schedler und Häusler). Um die vorliegende Arbeit in den bisherigen Diskussionsstand einzuordnen, werden diese drei Ansätze vorgestellt und diskutiert. 67 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen 2.3.2.1 Entwendungen wegen Ähnlichkeit zur Linken Der Politikwissenschaftler und ehemalige Verfassungsschutzmitarbeiter Rudolf van Hüllen deutete 2010 die AN als „geradezu perfekte Kopie des Stils, Auftretens, der Sprach- und Bekleidungscodes“ und der „Gewaltpraxis“ der Autonomen. Damit einhergehend habe ein „Raubzug auf dem Feld der Ideologie“ stattgefunden. Die Inhalte der Autonomen hätten die AN von diesen abgeschaut, oft um sie „dialektisch“ zu spiegeln und um sie mit „rechtsextremistischen Inhalten“ zu unterlegen (van Hüllen 2010, 53). Die AN seien nicht nur eine „provokante Kopie“ der Autonomen. Es gebe „geistige Brücken“ (van Hüllen 2010, 55) zwischen den beiden Erscheinungen, welche der rechten Piraterie den Weg bereitet haben. Van Hüllen beschreibt die „ideologische Substanz“ der AN auf drei Ebenen. „Metapolitisch“: Als politisches Fernziel verträten sie einen „Nationalsozialismus in unverstellter Form“. Van Hüllen konstatiert, dass dieser Entwurf keine Anklänge an Ziele der linken Autonomen („Anarchie oder Kommunismus“) suche. Jedoch betrieben die AN eine „Ästhetisierung politischer Gewalt“ als zentrale Botschaft. Darin liege eine Ähnlichkeit zu den linken Autonomen, da diese eine „Politik der ersten Person“ im „Kampf gegen das Schweinesystem“ propagierten. Diese Parallelisierung muss infrage gestellt werden. Die linken Autonomen verfolgen ihre politischen Ziele zwar unter dem Einsatz von Gewalt und verstehen sich als militante, systemoppositionielle Kraft. Ihre „Politik der ersten Person“ ist allerdings weder mit Gewalt noch mit der Ästhetisierung derselben direkt verknüpft, sondern greift eine Trennung von Politik und Privatsphäre an – ähnlich, wie es auch von der Frauenbewegung ab den 1970er Jahren postuliert wurde. Die Autonomen meinen mit ihrer „Politik der ersten Person“ eine Politisierung der Lebensführung, etwa das selbstorganisierte Kollektivleben in Hausprojekten, die Auseinandersetzung mit Geschlechterverhältnissen im Beziehungsleben sowie die politische Vertretung eigener Interessen in Abgrenzung zu einer „Stellvertreterpolitik“ (Haunss 115-120). Auf einer zweiten, „mittleren Politikebene“ sieht van Hüllen die Themensetzungen der AN. Sie würden Politikfelder des politischen Feindes 68 Schulze, Etikettenschwindel übernehmen und mit einem neuen, nationalsozialistischen Deutungsgehalt versehen. Im Bereich Antikapitalismus gesteht van Hüllen Unterschiede zu, da die linken Autonomen eine „Nivellierung sämtlicher Einkommensunterschiede“ anstreben würden, die AN hingegen eine harmonistische Volksgemeinschaft herstellen wollten. Im Bereich „Anti-Imperialismus“ sieht van Hüllen vor allem Gemeinsamkeiten. Das „Palituch“ sei bei Linken wie Rechten anzutreffen und auf beiden Seiten sei die Parole „Nie wieder Israel – nie wieder Krieg – Solidarität mit Palästina“ anzutreffen. Links und Rechts seien hier in „grundsätzlicher Kongruenz“ (van Hüllen 2010, 59). Für die Parole, die als Untermauerung der These dient, gibt van Hüllen keine Quelle an. Ohne die Existenz eines linken Antisemitismus zu verneinen, erscheint die Behauptung einer „grundsätzlichen Kongruenz“ von AN und linken Autonomen in der Frage des Antisemitismus als überzogen. In und bei den linken Autonomen besteht immerhin eine Auseinandersetzung mit dem linken Antizionismus, die unter anderem eine explizit proisraelische Strömung („Antideutsche“) hervorgebracht hat. Links und Rechts seien, so van Hüllen weiter, vereint in einer Ansammlung von „Antis“ in ihrer Themenbesetzung, von Antikapitalismus über Antiimperialismus bis hin zu einem Antifaschismus, der sich bei Rechten als Anti-Antifaschismus spiegelbildlich wiederfinde.37 Eine dritte Ebene macht van Hüllen im Bereich der „politischen Taktiken und Verfahren sowie deren Stilmittel“ aus. Die AN seien vor allem mit dem Kampf der eigenen Gruppe gegen das „System“ und die politischen Gegner befasst. Aus praktischen Erwägungen werde hier besonders „ungeniert“ von den Linken kopiert, etwa die Taktik des „schwarzen Blocks“. Die Mode aus Jugendkulturen werde imitiert, um eine „frühe Erkennung 37 Udo Baron schließt in seinem Vergleich von rechten und linken Autonomen an diese Argumentation an: Die Phänomene seien in ihren Anti-Politiken in hohem Maße übereinstimmend. Baron beschreibt in seinem Beitrag die rechten Entwendungen, stellt jedoch im Unterschied zu van Hüllen kein Erklärungsmodell zur Verfügung. Auf den Beitrag von Baron wird in dieser Arbeit kein weiterer Bezug genommen, da seine Beschreibung der AN kaum haltbare Thesen enthält. Unter anderem schreibt er den AN zu, sie würden „formell Hierarchien und Organisationsformen“ ablehnen und wären in ihrer Anfangsphase „relativ kritisch dem historischen Nationalsozialismus gegenüber“ eingestellt gewesen (Baron 2012). 69 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen im Alltag“ zu verhindern und um Brücken in Jugendkulturen zu schlagen. Die Jugendkulturen seien pauschal als „Problemgruppen“ und „Träger gewaltaffiner Milieus“ zu bewerten. Aus Sicht van Hüllens vereint Punk, Hiphop, Neonazismus und linke Autonome, dass sie aggressiv und gewissermaßen anti-sozial im Sozialverhalten und in ihrer Ästhetik seien. Linke und Rechte sähen in Gewalt ein Mittel der politischen Auseinandersetzung. Van Hüllen behauptet weiter – leider ohne Herleitung –, dass die Symbolnutzung der AN zeige, dass Rechts- und Linksextremismus eine „gemeinsame Wurzel in den zivilisationszerstörenden und brutalisierenden Folgen des Ersten Weltkrieges“ hätten. Wegen dieser gemeinsamen Wurzel sei das Auftreten der AN als Antagonismus zu den linken Autonomen ein Beleg für die „Berechtigung“ von „politikwissenschaftlichen Extremismus- und Totalitarismustheorien“. Van Hüllen fasst am Ende zusammen und fokussiert dabei weiter auf den Gewaltaspekt: Die Spektren hätten eine Nähe zueinander, deren Kern in Gewaltaffinität bestehe: „Schwarze Klamotten“ hätten einen gewaltaffinen Bezug, die Metaphorik in Parolen und Bildern transportiere Gewaltphantasien und die Musikvorlieben wie Punk, Metal und Hardcore entsprächen ebenfalls „dieser Gewaltaffinität“ (van Hüllen 2010, 53–63). Jugendkulturen werden von van Hüllen, so scheint es zumindest, nicht als kulturelle Phänomene eingeordnet, sondern alleinig als Trägerinnen von problematischen Einstellungen, die wiederum Nährboden für Extremismus böten. In eine ähnliche Richtung wie van Hüllen argumentiert Marc Brandstetter in seinem Vergleich von linken und rechten Autonomen, die „Brüder im Geiste“ seien. Beide Spektren „verbindet mehr, als sie trennt“. Zur Begründung führt er an, dass sich beide aus einem „männlich-jugendlichen Milieu“ rekrutierten, sich ähnlich kleideten, identische Codes und Symbole sowie „vergleichbare Aktionsformen“ nutzten. Auch die Ideologien folgten den „gleichen Prinzipien“, da in beiden Spektren Antikapitalismus sowie ein positiver Bezug auf den Begriff „Autonomie“ zu finden seien sowie Gewalt eingesetzt werde (Brandstetter 2008, 203). 70 Schulze, Etikettenschwindel 2.3.2.2 Entwendungen als Täuschungsmanöver Mathias Brodkorb wählt für seinen Beitrag zu einer Tagung des brandenburgischen Verfassungsschutzes 2010 den Begriff der „Mimikry“, um die Entwendungen durch die AN zu erklären. Der spätere Bildungs- und Finanzminister von Mecklenburg-Vorpommern verweist auf die Modernisierungsprozesse im Neonazismus seit den 1990er Jahren, die in der Etablierung der Kameradschaften ihren Kern hätten – durch sie seien die AN kein Widerspruch, sondern vielmehr eine „nahezu zwangsläufige Konsequenz“ der bisherigen Entwicklung (Brodkorb 2010, 66). Brodkorbs Deutungsansatz fokussiert auf die Auseinandersetzung mit Linken im Rahmen von Straßenaktionen. Dem Ansatz, die Entstehungsbedingungen der AN in ihrer jüngeren Vorgeschichte zu suchen, soll hier gefolgt werden. Daraus kann jedoch nicht abgeleitet werden, den AN ihre Widersprüchlichkeit abzusprechen. Ein aus einer antiautoritären Bewegung entnommenes Symbolrepertoire bringt widersprüchliche Impulse in eine ideologisch strikt autoritäre Bewegung wie den Neonazismus – dieser Befund ist von der Erklärbarkeit durch die Vorgeschichte nicht zwangsläufig berührt. Ergänzend: Ein Element, das Brodkorb vernachlässigt, ist das der Jugendkultur. Aus der Geschichte der rechten Jugendkulturen kann beschrieben werden, wie es zur Integration von Jugendkulturen wie dem Hiphop kommen konnte. Auch hier bleibt eine Reibungsfläche: Der Neonazismus ist rassistisch, einer weißen Vorherrschaft verschrieben und tendenziell kulturpessimistisch negativ gegenüber einer als fremd wahrgenommenen Popkultur eingestellt. Brodkorb zieht den neurechten Publizisten Karlheinz Weißmann heran, der in einem Aufsatz 1986 gefordert hatte, politisch in die Offensive zu gehen und dabei taktisch je nach Lagebeurteilung einen offenen Angriff oder eine „politische Mimikry“ zu betreiben (Brodkorb 2010, 68; Weißmann 1986, 179). Diesen Mimikrybegriff greift Brodkorb auf und füllt ihn mittels Erläuterungen über seine Bedeutung in der Biologie. Manche Insekten ahmen zuweilen die äußerliche Erscheinung anderer, gemiedener Arten nach – und zwar meist defensiv zu Selbstschutzzwecken, immer 71 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen nur auf rein optischer, äußerlicher Ebene sowie nichtintentional (Brodkorb 2010, 69–70). Brodkorb bezieht sich dabei unter anderem auf den Eugeniker Ernst Haeckel, der die Beobachtungen von Nachahmungen in der Tierwelt auf soziale Beziehungen zwischen Menschen übertrug. Mimikry sei, so zitiert Brodkorb die jüngere biologische Mimikryforschung, ein „Kommunikationssystem“ mit einer Signaltäuschung und mit drei Beteiligten: einem Empfänger und zwei Sendern, die dasselbe Signal senden, obwohl sie nicht identisch sind. Brodkorb sieht die AN als einen Fall von „Mimikry schlechthin“, wenngleich er dennoch „für Betrachtungen im Bereich der Menschen“ nötige „Korrekturen“ vornimmt (Brodkorb 2010, 71). Die AN würden erstens das äußere Erscheinungsbild der linken Autonomen nachahmen, wovon ihre ideologische Beschaffenheit weitgehend unberührt bleibe. Zweitens sei die Nachahmung ein „Täuschungssignal“ in zwei Richtungen: sowohl gegenüber der Mehrheitsgesellschaft als auch gegenüber dem politischen Feind wolle man unerkannt bleiben. Drittens könnten die Nachahmungen je nach Situation sowohl defensiven (Brodkorb: „protektiven“) als auch offensiven („aggressiven“) Charakter haben. Viertens seien die Nachahmungen, im Unterschied zur Pflanzen- und Tierwelt, intentional (Brodkorb 2010, 71). Die Übertragung des biologischen Mimikrybegriffs durch Brodkorb auf die AN erscheint als nicht passend. In der Biologie sendet der Nachahmer das gleiche Signal wie sein Vorbild an einen Dritten, an einen Empfänger. Die beiden Sender stehen bis auf die einseitige, rein optische Übernahme in keinem Verhältnis zueinander. Brodkorb beschreibt hier jedoch, dass der Nachahmer nicht nur an einen Empfänger (die Mehrheitsgesellschaft), sondern maßgeblich auch an sein Vorbild (die linken Autonomen) senden würde. Solche Interaktionen zwischen den Sendern sind im biologischen Mimikrybegriff nicht enthalten. Hier soll argumentiert werden, dass es den AN nicht um die Täuschung des Gegners (wie Brodkorb seinen Beitrag betitelt) geht, sondern um den Prozess einer jugendkulturellen Anbindung sowie um die Zugangserleichterung zur jugendlichen Zielgruppe. Der Blick auf Selbstauskünfte und Praktiken der AN wird zeigen, dass sie ihr politisches Großziel, die Eta- 72 Schulze, Etikettenschwindel blierung eines neuen Nationalsozialismus, eben nicht verschweigen. Sie täuschen weder ein allgemeines Publikum noch die Gegnerschaft, sondern sie sind bekennende Neonazis und als solche auf der Suche nach neuen Ästhetisierungen, nach neuen Verpackungen in der Werbung für dieses offen formulierte Ziel. Zur Frage, ob die AN einen Widerspruch darstellen würden, führt Brodkorb neben der jüngeren Bewegungsgeschichte des Neonazismus auch an, dass es einen „postmodernen Diversifikationsprozess“ im Rechtsextremismus gebe, durch den sich der Rechtsextremismus nur noch im Denken, jedoch nicht mehr „am Lifestyle“ festmachen ließe. Ordnung und Disziplin, Marschieren in Reih und Glied seien eher Vorurteile der Betrachter als Bestandteile des extrem rechten Wertekosmos. Obwohl Brodkorb mit seinem Mimikrybegriff explizit Übernahmen nur in der Optik (und nicht im Wesen) der Übernehmenden beschreiben will, zitiert er in der Folge in prinzipieller Zustimmung den ehemaligen Verfassungsschutzmitarbeiter Rudolf van Hüllen, der insistiert, dass nicht nur Form, sondern auch Inhalt bei den linken und rechten Autonomen erhebliche Übereinstimmungen hätten: Die Linken hätten „essentiell faschistoide Züge“ an sich. Kämpfergestus, eine militarisierte Symbolik und Sprache – die Ästhetisierung der Gewalt sei in beiden Varianten „Selbstzweck“. Brodkorb betont, dass sich die „äußersten politischen Ränder“ „schon immer vor allem in einem gegnerischen Verhältnis definiert“ hätten. Das 20. Jahrhundert sei ohne „diese Links-Rechts-Wechselbeziehung“ nicht zu verstehen. Die „äußersten linken und rechten Ränder“ seien „schon immer in tiefer Feindschaft und dabei bisweilen ununterscheidbar aufeinander bezogen“ gewesen (Brodkorb 2010, 73). Dieser These soll widersprochen werden. Nicht nur darf die behauptete „Ununterscheidbarkeit“ in Zweifel gezogen werden. Auch historisch dürften für das Selbstverständnis der jeweiligen Bewegungen die großen (und nicht nur in ihrem Menschenbild entgegengesetzt stehenden) Gesellschaftsvorstellungen entscheidender gewesen sein als ihr Verhältnis zueinander. Das ändert nichts daran, dass die Bewegungen sich in einem politischen Feld und in Konflikten befanden. Sie nahmen dabei auf die unterschiedlichsten Akteure Bezug; auch, aber 73 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen nicht nur aufeinander. Der deutsche Kommunismus in der Weimarer Republik stand etwa in einem für sein Selbstverständnis womöglich genauso prägendem Verhältnis zur deutschen Sozialdemokratie. Dennoch spricht Brodkorb einen wichtigen Punkt für das Verständnis der AN an: Sie agieren nicht in luftleerem Raum, sondern in Interaktion mit ihrer eigenen politischen Bewegung, der Umwelt und der Gesellschaft. Tatsächlich ist die Bezugnahme auf den politischen Feind bei den AN ausgesprochen stark ausgeprägt. Brodkorb zitiert weiterhin den Begriff der „mimetischen Rivalität“ des Kulturanthropologen René Girard und überträgt ihn auf das Verhältnis zwischen radikalen Linken und Rechten. Diese seien in Feindschaft miteinander verbunden und stünden darüber in einem Wechselverhältnis, das sie gegenseitig prägen würden. Der linke Antifaschismus sei „ohne das negative Vorbild des Faschismus gar nicht denkbar“. Blockadeaktionen gegen rechte Aufmärsche würden in dieser Tradition die Gewaltbereitschaft der Neonazis anstacheln. Blockaden könnten sich „als ungewollte Katalysatoren der Autonomen Nationalisten erweisen“, mit der Entstehung einer „Eskalationsspirale“ müsse gerechnet werden (Brodkorb 2010, 64-75). 2.3.2.3 Entwendungen als Modernisierungsprozess Im Sammelband von Alexander Häusler und Jan Schedler werden die AN als Ausdruck einer „überfälligen Modernisierung“ innerhalb des Neonazismus diskutiert (Häusler und Schedler 2011, 309). Der Neonazismus sei seit den 1980er Jahren politisch wie kulturell erstarrt und habe den gesellschaftlichen Entwicklungen hinterhergehinkt. Die Änderungen, die mit den AN Einzug gehalten hätten, würden den verloren gegangenen Anschluss wiederherstellen. Dieser Vorgang sei durch die „Freien Kameradschaften“ eingeleitet worden und spiegele sich in den politischen Organisierungsformen, aber auch im vorgelagerten Bereich der Lebensführung und Kultur: 74 Schulze, Etikettenschwindel Politisch-ideologische Inhalte werden gerade durch die ‚Freien Kameradschaften‘ nicht mehr nur über originär politische Veranstaltungen und Publikationen vermittelt, sondern ebenso reproduziert und verinnerlicht durch diesen von einer Melange aus Kleidung, Symbolik und Musik gekennzeichneten Lifestyle. Die Wirkungsmächtigkeit extrem rechter Ideologie erstreckt sich damit nicht nur auf die neonazistische Szene, sondern reicht weit über diese hinaus. Bewegung und Alltagskultur stützen sich hier gegenseitig. (Schedler 2011c, 24) Insbesondere wird die Jugend als Zielgruppe und Trägerin neonazistischer Politik herausgestellt: Die AN seien eine „spezifische, jugendkulturell modernisierte Ausdrucksform der neonazistischen Szene“ (Häusler und Schedler 2011, 307), sie verkörperten einen „neonazistischen Zugriff auf popkulturell verbreitete Stile“ (Häusler und Sturm 2013, 444). Im Sammelband wird kein expliziter Bezug zu den historischen Entwendungen im Sinne Ernst Blochs hergestellt. Der Modus der Übernahmen wird jedoch in genau dieser Lesart benannt: Die von den Linken übernommenen „Darstellungsformen“ seien „Deutungskämpfe um politische Themenfelder […], die traditionell von der Linken besetzt sind“ (Schedler 2011b, 75). Die konkreten Umstände werden in den Einzelbeiträgen nebeneinander gestellt. Dazu gehören die Genese der „Freien Kameradschaften“, die Skinhead-Bewegung als erste kulturelle Öffnungsbewegung und schließlich die jüngeren kulturellen Öffnungen – konkret der neonazistische Hardcore, der als eine wichtige Quelle für die „kulturelle Innovation und Öffnung“ des Neonazismus eingeordnet wird (Raabe und Langebach 2011, 165). Für den in der vorliegenden Arbeit beabsichtigten Zugriff auf das Thema sind im Band somit wichtige Eckpunkte in Übereinstimmung. Allerdings bietet der Sammelband keine Systematisierung an. Da der Band 2011 erschienen ist, sind manche, erst danach zu Bedeutung gelangte Aspekte – etwa die Etablierung von „Straight Edge“ – nicht oder nur am Rande erwähnt. Auch die Inszenierungspraxis auf Demonstrationen und die starke Bezugnahme auf Linke werden zwar mehrfach, aber insgesamt nur kursorisch beschrieben. Es erscheint darum sinnvoll, 75 Theoretische Einbettung, Begriffsklärungen an die Texte im Sammelband von Häusler und Schedler anzuknüpfen und diese zu erweitern. Ebenfalls vor dem Hintergrund einer Analyse von Modernisierungsprozessen einer Bewegung werden die AN von Kollmorgen und Quent diskutiert und Vorschläge für ein Forschungsprogramm unterbreitet. Die AN seien im Sinne des „Forschungsansatz Soziale Innovation“ als „soziokulturelle Innovation“ im Rechtsextremismus zu werten, die taktisch motiviert sei, um die bestehende politische Einflusslosigkeit zu überwinden – und zwar auch in einer Konkurrenz- beziehungsweise Konfliktsituation zur radikalen Linken (Kollmorgen und Quent 2014, 8–9). Als Forschungsprogramm schlagen Kollmorgen und Quent vor, den gesellschaftlichen Rahmen, die Agierenden, die Formen der Innovation, ihren spezifischen Kontext, konkrete Imitationsprozesse sowie die intendierten und nicht-intendierten Folgen der Innovationen zu untersuchen. So könne Wissen generiert werden, um zu erklären, wie sich Innovationen sozial durchsetzen (Kollmorgen und Quent 2014, 6–7). Besonderes Augenmerk sei dabei auf die Reziprozität zwischen Innovation und Umwelt zu legen: Wie reagiert die eigene Bewegung, wie reagiert der Staat, wie reagiert der politische Feind auf die Innovationen? (Kollmorgen und Quent 2014, 13)

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Die „Autonomen Nationalisten“ (AN) pendeln zwischen antimoderner, rückwärtsgewandter Ideologie und einem Präsentationsstil, der Anleihen nimmt bei der Popkultur und der radikalen Linken. Diese Strategie ist nicht neu. Ernst Bloch beschrieb diesen Etikettenschwindel bereits am Beispiel der Nationalsozialisten als „Entwendungen aus der Kommune“. Die Studie spürt dem permanenten Ideenklau der AN nach und versucht, ihn historisch-politisch einzuordnen.