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1 Einleitung in:

Christoph Schulze

Etikettenschwindel, page 15 - 24

Die Autonomen Nationalisten zwischen Pop und Antimoderne

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3822-2, ISBN online: 978-3-8288-6672-0, https://doi.org/10.5771/9783828866720-15

Series: kommunikation & kultur, vol. 11

Tectum, Baden-Baden
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15 1 Einleitung 1.1 Vorbemerkungen und Einordnung Der marxistische Philosoph Ernst Bloch hat – vor allem in seinem am Anfang der 1930er Jahre geschriebenen und erstmals 1935 publizierten Aufsatzband Erbschaft dieser Zeit (Bloch 1962) – eine frühzeitige und scharfe Analyse der politischen Werbestrategie des historischen Faschismus in Deutschland vorgelegt. Durch „Entwendungen aus der Kommune“ sei es den Nazis in der Weimarer Republik gelungen, vermehrt Anhang in der Arbeiterschaft zu gewinnen – ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Machtübernahme 1933. Mit „Entwendungen“ meinte Bloch die Übernahme von Symbolen und Formen aus der revolutionären wie der reformistischen Arbeiterbewegung. Das Befreiungsversprechen, welches die rote Fahne, Arbeiterlieder und Massendemonstrationen transportierten, wurde von den Nazis okkupiert. Seit einigen Jahren ist nun vermehrt Ähnliches zu beobachten: Junge Neonazis nehmen Anleihen bei der politischen Linken, aber auch in der Popkultur: Mode, Musik, Parolen, Formen und Themen aus der Linken werden von Neonazis besetzt. Wo früher die Rede von „den Autonomen“ eine linksradikale politische Bewegung bezeichnete, gibt es inzwischen auch die „Autonomen Nationalisten“. Auf den ersten Blick ist die Entwendungstheorie von Bloch noch immer hochaktuell: Nazis verleiben sich die Symbole der Linken ein. Auf einen zweiten Blick ergeben sich durch eine Übertragung der historischen Analyse Blochs auf das Jetzt weitergehende Fragen. Die sozialen, ökonomischen und politischen Verhältnisse unterscheiden sich fundamental von denen der Weimarer Zeit. Die ehedem beerbte Mode, Musik, die Parolen, Formen und Themen sind 16 Schulze, Etikettenschwindel andere als damals. Milieu und Kultur der Arbeiterschaft haben massiv an Bedeutung verloren. Der Neonazismus dynamisiert sich maßgeblich durch seine Präsenz in den Jugendkulturen und er ist selbst gewissermaßen „verszent“, vermittelt sich durch Popkultur und somit durch einen Faktor, den es zu Blochs Zeiten in dieser Form und Wirkbreite nicht gab und der nicht im Blick der Blochschen Theorie war. Die vorliegende Arbeit untersucht die aktuelle Entwicklung vor dem Hintergrund der Analysen Blochs und prüft die Möglichkeit einer modifizierenden Übertragung. Solch ein Abgleich bietet sich an, war Bloch doch einer von nur wenigen in seiner Zeit, der aus einer entsprechenden Perspektive eine Untersuchung zur Attraktivität nationalsozialistischer Ideologie und Politik vorlegte. Seine Untersuchung hat bisher keine Aktualisierung über die Zeit zunehmender Faschisierung während der Weimarer Republik hinaus erfahren. Der deutsche Rechtsextremismus ist, wie schon angedeutet, in den vergangenen Jahren in nicht unwesentliche Bewegung geraten. Die Veränderungen sind dabei vor allem kultureller und organisatorischer, aber nur in geringem Maße ideologischer Natur1: Der Rechtsextremismus ist in seinen Ausdrucksformen vielfältiger geworden und hat sich darüber modernisiert. Gerade der Neonazismus, ein eindrücklich radikales Teilspektrum, hat diese Innovationen hervorgebracht und kultiviert. Nicht wenige Medien greifen für die Berichterstattung über Rechtsextremismus indes weiterhin auf Archivfotos von martialischen Skinheads zurück. Auch wenn die Realität auf den Aufmärschen seit Jahren anders aussieht, sind Bilder von Skinheads und ihren schweren Stiefeln zu gesellschaftlichen Symbolen für den Rechtsextremismus avanciert, welche 1 Die letzte einschneidende Innovation in der Programmatik, die Idee eines „Ethnopluralismus“, wurde bereits in den 1970er Jahren in Deutschland eingeführt. Die dahinter stehende Neue Rechte kann als Ausdruck eines Modernisierungsschubs gewertet werden (Schmidt 2001; Benthin 2004, 27). Die verstärkte Hinwendung der extremen Rechten zur Thematisierung der sozialen Frage seit etwa der Jahrtausendwende soll hier eher als Akzentverschiebung gewertet werden. 17 Einleitung erstaunlich beständig reproduziert werden.2 Die Realität des neuen, sozusagen bunten Neonazismus taugt dann an anderen Stellen über ebenso viele Jahre als nachrichtenwerte Neuigkeit: Neonazis verkleiden sich als Autonome titelte etwa im Jahr 2004 die Berliner Zeitung und staunte über den „Image-Wechsel“ (Kopietz 2004) der gewaltbereiten Rechtsextremen. Auch Spiegel Online wusste 2007 zu berichten, dass Neonazis sich „verkleiden“ würden, um Linke abzuwerben: Es seien „Tarnkappen-Nazis“ (Nowack und Flohr 2007). Im Jahr 2009 schrieb wieder Spiegel Online im gleichen Tonfall, dass die Neonazis vor allem „rechte Schläger“ seien, die nunmehr aber „im Kapuzenpulli“ auftreten würden (Sundermeyer 2009). Bei Zeit Online konnte man dann 2012 über die „neuen Nazis“ lesen, dass diese „Turnschuhe statt Springerstiefel, Kapuzenpullover statt Bomberjakke“ tragen würden (Radke und Staud 2012). In der vorliegenden Arbeit werden jedoch nicht die Konjunkturen der Wahrnehmung des Neonazismus durch die Medien untersucht. Die erwähnten Irritationen verweisen allerdings darauf, dass gravierende Defizite bestehen, den gegenwärtigen Neonazismus und seine Erscheinungsformen einzuordnen. Die neonazistischen Innovationen werden in der vorliegenden Arbeit am Beispiel der „Autonomen Nationalisten“ (im Folgenden abgekürzt als AN) untersucht. Die AN sorgen mit militanten Demonstrationen und ihrem popkulturell beeinflussten Stil seit über einem Jahrzehnt für Aufsehen und Verwirrung. Ihr Stil hebt sich von bislang bekannten neonazistischen Strömungen ab. Der in den 1970er Jahren entstandene deutsche Neonazismus war weitgehend selbstreferenziell, starr und beschränkt in Inhalt und Ausdruck. Als kulturelle Typen brachte er vorrangig den NS-nostalgischen, völkisch orientierten „Scheitel“ sowie den proletarisch-zupackenden Neonazi-Skinhead hervor.3 Schon durch letzteren Typus fand allerdings 2 Als ein Beispiel kann die Berichterstattung des Rundfunks Berlin-Brandenburg gelten (rbb-online.de 2013). Vergleiche ebenfalls die Berichterstattung der Onlineausgabe der Berliner Zeitung (Blankennagel 2014). 3 Diese ästhetischen Typen können in weitgehender Übereinstimmung mit denen (eher handlungsorientierten) des „politischen Soldaten“ bei Hennig (Hennig 1983) für den völkischen „Scheitel“ und des mit denen des rechten „Schlägers“ bei Steinert (Steinert 1994, 99) für den Neonazi-Skinhead gesehen werden. Es sollen hier jedoch die eingeführten Begriffe genutzt wer- 18 Schulze, Etikettenschwindel eine erste Öffnung zur Popkultur Eingang in den Neonazismus. Auch die Rockmusik der Skinheads ist Pop, hat ihren Ursprung im Blues mit seinen schwarzen Wurzeln (Friedlander und Miller 1996) und somit wurde ein hedonistisches, jugendkulturelles Element in den Neonazismus eingelagert. In den letzten Jahren erfolgten weiterreichende kulturelle Öffnungen: Neben „Scheiteln“ und Skinheads sind auf neonazistischen Demonstrationen mittlerweile Angehörige unterschiedlicher Jugendkulturen zu sehen, deren Fundus an Symbolen auf je unterschiedliche Art so arrangiert ist, dass er das Etikett „Nationalsozialismus“ tragen kann. Verschiedene extrem rechte Alltagskulturen sind entstanden, die bei aller kulturellen Differenz durch das Bekenntnis zum Nationalsozialismus geeint sind. Dass dabei Inkohärenzen entstehen, ist Gegenstand von Auseinandersetzungen, wird jedoch hingenommen. Das vorliegende Buch geht diesem neuen Neonazismus auf den Grund und destilliert mit hermeneutischem Ansatz seine Voraussetzungen, Intentionen und Folgen aus den Primärquellen und führt die Analyse zu einer Gesamtdarstellung zusammen. Diese wird mit Blochs Theorie gekoppelt und abgeglichen: Wieweit ist das Vorgehen kulturpolitische Taktik und „metapolitische“ Strategie, wieweit ist es Ausdruck einer kulturellen Dynamik? Dass die neuen Neonazis in „falsche“ Rollen schlüpfen und freimütig in ihnen einstmals fernstehenden Kulturen nach Symbolen und Formen suchen, ist dabei eines ihrer Merkmale. Der Bedeutungsgehalt eines Symbols wie der Kufiyah (Palästinernsertuch) verändert sich in dem Moment, wo es von Neonazis getragen wird. Was ein antibritisches und dann antiisraelisches Kleidungsstück und Nationalsymbol im palästinensischen Widerstand war, wurde zu einem Accessoire von antiimperialistischen Linken, dann ein weitgehend bedeutungsloses Modestück im Mainstream – und zeitgleich eine Erscheinung bei vielen Neonazi-Demonstrationen, die in den, da sie etwas genauer erscheinen: Auch der Neonazi-Skinhead schreibt sich selbst soldatische Eigenschaften zu; die Rede vom „politischen Soldaten“ ist stark an den Sprachgebrauch des historischen Nationalsozialismus gekoppelt. 19 Einleitung diesem Kontext Antisemitismus kommuniziert. Allein durch eine solche Rekontextualisierung macht sich die Übernahme möglich. Ob ein Symbol eine Essenz hat, ob es also jemandem „gehört“ und eine ihm eingeschriebene feststehende Bedeutung hat – wie Blochs Vokabeln von „Raub“ und „Entwendung“ es suggerieren –, sind für die vorliegende Arbeit zweitrangige Fragen. Eher interessieren Gründe, Begründungen und Effekte dieser Übernahmen und Rekontextualisierungen. Die Art und Weise und die Zeit, in der die Übernahmen geschehen, machen im Fall der AN die Spezifika aus. Die AN haben und mit ihnen hat der Neonazismus einen Stil entwickelt, der sich auf „zeitgemäße“ Entwendungen stützt. Das hat einerseits ein strategisches Moment, denn mittels neuer Formen werden neue Zielgruppen für die politische Werbung erschlossen. Andererseits finden sie in der Regel nicht zielgerichtet und geplant statt, sondern sie entwickeln sich, angetrieben durch eine kulturelle Dynamik, aus sich selbst heraus. Hardcore-Musik wird von Neonazis gespielt, und so tröpfeln auch nicht-musikalische Aspekte der Hardcore- Jugendkultur in den Neonazismus hinein – modisch, aber auch im Lebensstil („Straight Edge“). Ein Anhänger des neonazistischen Hardcores will authentisch „hardcore“ sein, und er erschließt sich den Zeichenkosmos dieser „Wirtskultur“. Er übernimmt, was attraktiv erscheint, bastelt, wo nötig, eine mit der nationalsozialistischen Ideologie kompatible Begründung für sein Tun zurecht und ignoriert die Inkohärenzen, die er dabei produziert. Dies ist Ausdruck einer kulturellen Dynamik, die nicht zentral gesteuert wird und wohl auch kaum steuerbar ist. Der Neonazismus ist experimentierfreudig geworden. Er hat einen ludischen, also einen spielerisch-experimentierenden Stil kultiviert und profitiert von dessen Auswirkungen. Das impliziert jedoch keine Beliebigkeit, denn in den inhaltlichen Kernfragen ist ein hoher Grad an Beständigkeit aufzufinden. 1.2 Forschungsinteresse Die vorliegende Arbeit gibt sich die Aufgabe zu überprüfen, ob in Hinblick auf die jüngeren Entwicklungen im Neonazismus von „Entwendungen“ 20 Schulze, Etikettenschwindel im Sinne Ernst Blochs gesprochen werden kann. Wo liegen Übereinstimmungen und wo Unterschiede zwischen der historischen Analyse und der jetzigen Situation? Die AN dienen dafür als Fallbeispiel und Untersuchungsobjekt, da sie deutlichster Ausdruck und Kulminationspunkt der neueren Wandlungen im Neonazismus sind. Die Übernahmen aus der radikalen Linken und der Popkultur – aus zwei unterschiedlichen Bezugsystemen, die nach unterschiedlichen Logiken funktionieren – werden dargestellt und gedeutet. Auch die Ambivalenz zwischen Antimoderne und Moderne im Faschismus wird angesprochen. Ihre zeitgenössische Verhandlung bei den AN ist Gegenstand der Untersuchung, weil ihre antimoderne politische Zielsetzung und die modernen Methoden (und zwar maßgeblich im Bereich der popkulturellen Inszenierung) in den Fokus genommen werden. Gerät die Stellungnahme für den Nationalsozialismus und für das „Deutschtum“ zu einem Lippenbekenntnis, wenn dazu eine scheinbar im Widerspruch stehende Kultur praktiziert wird? Der Blick auf die Ambivalenz von Moderne und Antimoderne im Faschismus, der mit modernen Mitteln die Moderne bekämpfte (Turner 2011; Bavaj 2003), wird so um eine aktuelle Perspektive erweitert. Die Genese der AN ist dabei von besonderem Interesse, weil in ihr die Dynamik zwischen Kultur und Politik sichtbar wurde. Die Hauptfrage in Hinblick auf das Untersuchungsobjekt lautet: Aus welcher Vorgeschichte heraus wird was aus welchen Gründen und mit welchen Folgen durch den Neonazismus übernommen? Das Entstehen und Bestehen der „Autonomen Nationalisten“ als neonazistischer Strömung zwischen Szene und Bewegung wird analysiert. Im Einzelnen: - Wie war der Neonazismus vor den Öffnungen strukturiert? Welches politische wie kulturelle Repertoire hatte er zur Verfügung? Gab es einen Modernisierungsstau? - Was wird durch den Neonazismus übernommen? Wie sind die Übernahmen konkret gestaltet? - Wie werden die Übernahmen plausibilisiert? Was sind ihre Ziele und Zielgruppen? Aus welcher Dynamik heraus und wie absichtsvoll erfol- 21 Einleitung gen sie? Wie und mit welchen Argumenten werden die Diskurse darum innerhalb des Neonazismus geführt? - Wie wirken sich die Übernahmen auf die Verfasstheit des Neonazismus insgesamt aus? Hat sich der Stil der neonazistischen Politik gewandelt? 1.3 Thesen Die neonazistischen „Autonomen Nationalisten“, die sich in den letzten Jahren formiert haben, sind rein zahlenmäßig überschaubar. Ihr schnelles Wachstum, die Aufmerksamkeit, die sie auf sich ziehen und die Dynamik, die sie versprühten und teilweise noch versprüht, weisen jedoch darauf hin, dass es sich nicht um ein Randphänomen handelt. Die Betrachtung der AN als Strömung im Neonazismus ist entsprechend in die Betrachtung des Gesamtphänomens einzubetten. Bis in die 1990er Jahre hinein verfügte der Neonazismus über ein vergleichsweise starres und historisch ausschließlich rückwärtsgewandtes Repertoire. Die historische nationalsozialistische Bewegung sollte wiederbelebt werden, und dafür wurden deren Rituale, Sprache und Symbole bis ins Detail imitiert. Die typische Tracht dieses alten Neonazismus war das Braunhemd. Die gesellschaftlichen Realitäten der Bundesrepublik wurden als kulturdekadente Hinweise auf Zerfallserscheinungen gedeutet – man tat, als herrsche eine zweite Kampfzeit in einem neuen Weimar und könne mit den bewährten Methoden eine neue „Machtübernahme“ herbeiführen. Diese Formstrenge des Neonazismus ist mittlerweile von einem neuen Umgang mit Formen überlagert. Der Neonazismus hat sich dabei und dadurch modernisiert. Das Auftreten der AN ist deutlichster Ausdruck dessen, jedoch sind die AN nicht die alleinigen Repräsentanten der Modernisierung. Ein Misstrauen gegen den Zeitgeist, ein Unbehagen gegenüber als „undeutsch“ empfundener Kultur, ein ständiges Wittern und Beklagen von Kulturverfall ist bei den AN als Hintergrundrauschen so wie bei anderen Neonazis zu finden, wird von ihnen allerdings seltener artikuliert. Im Gegenteil sogar: Populäre Kultur, Anglizismen, Modeerscheinungen werden von ihnen offensiv genutzt. AN suchen Symbole aus der Popkultur 22 Schulze, Etikettenschwindel und aus dem Symbolvorrat ihrer politischen Feinde zusammen und stellen daraus ein eigenes Symbolsystem zusammen. Derartiger Etikettenschwindel der AN ist keine historische Einmaligkeit. Im Gegenteil: Gerade Ernst Bloch hat herausgearbeitet, dass auch vom historischen Nationalsozialismus Symbol- und Kultur-„Räubereien“ vorgenommen wurden.4 Die jetzigen Entwicklungen können als „Entwendungen“ im Sinne der Theorie Blochs gewertet werden. Kontext und konkrete Ausprägung unterscheiden sich allerdings vom historischen Beispiel. Darüber hinaus sind Zielgruppe und Genese der Übernahmen jeweils andere: neuerdings Jugend (statt Arbeiterschaft) und durch eine kulturelle Dynamik und die organisatorischen Entwicklungen im Neonazismus herangewachsen (statt eines geplanten Betrugs). Möglich geworden sind die neuen Entwendungen durch folgende Faktoren: - Entwicklungen im organisierten Neonazismus, namentlich das Kameradschaftsmodell, haben flachere Hierarchien und eine Experimentierfreudigkeit in den Formen begünstigt; 4 Der reine Bezug auf das historische Vorbild im alten Neonazismus kann vor diesem Hintergrund sogar als Ausnahme von der Regel gedeutet werden. Ein Seitengedanke: Der Blick auf die historischen Nazis erlaubt es auch, das manchmal anzutreffende mediale Staunen über die Internetnutzung von Neonazis abzufedern. Warum sollten junge Neonazis nicht Angebote wie Tumblr, Facebook, Youtube nutzen? Überraschend wäre eher, wenn sie es nicht täten und sich über eine solche Medienabstinenz von ihren Generationsgenossen abhöben. Die historischen Vorbilder nutzten die damals neuen und hochmodernen Medien wie Rundfunk und Film für ihre Zwecke (Rafael 2014). Auch salafistische Gruppierungen in Deutschland – die, bei allen Unterschieden, wie Neonazis eine antisemitische, antidemokratische und antimoderne Ideologie vertreten – nutzen moderne internetbasierte Medienstrategien (Steinberg 2013; Holtmann 2014). Gleiches gilt für viele internationale islamistische Gruppierungen (Richter 2011). Noch weitergehend: Anhand der politischen Biografie von Sa‘id Hawwa schildert der Verfassungsschutzmitarbeiter Behnam T. Said, dass in der Entstehung des modernen internationalen Islamismus Entwendungen aus der Linken vollzogen wurden. Hawwa, der aus einem sozialistisch geprägten Viertel in der syrischen Stadt Hama stammte, hatte in seinem Aktivismus „schnell gelernt, sich die Mittel der Marxisten anzueignen, wenn er auch deren Ideologie nicht teilte“. Der islamistische Theoretiker Sayyid Qutb vertrat indes die Ansicht, dass eine islamistisch bewusste „Avantgarde“ die revolutionäre Vorarbeit leisten müsse. Solche Ideen bezog er laut Said aus „sozialistisch-revolutionären Theorien, die er islamisch ausschmückte“ (Said 2015, 21–23). 23 Einleitung - durch die Entwendungen hat der Neonazismus augenfällige Vorteile: Er ist nämlich durch den Zugriff auf neue Zielgruppen rekrutierungsmächtiger geworden; - er hat die Form einer sozialen Bewegung angenommen, wodurch erfolgreich Muster aus anderen Bewegungen und den ihnen eigenen Kulturen integriert werden können; - er hat sich darüber hinaus umfassend kulturalisiert und „verszent“: Zugang für Interessierte kann über Partizipation an seinem mittlerweile vielfältigen und ausdifferenzierten Angebot an jugendkulturellen Stilen hergestellt werden; - der Faschismus allgemein hatte und hat kein starres, sondern ein bewegliches Programm; er ist in seinen Formen stets flexibel gewesen; - gesamtgesellschaftlich ist das Zitieren und Rearrangieren von Symbolen und Zeichen angestiegen; ihr Bedeutungsgehalt ist dabei nicht verschwunden, jedoch flexibler und deutbarer geworden. Es wäre falsch, dem neuen Neonazismus eine völlige Beliebigkeit in seinen Formen zu attestieren. Die angesprochene gesellschaftliche Zitationsfreude und Individualisierung spiegeln sich im Neonazismus wider, dennoch übernimmt der Neonazismus nicht wahllos, sondern stets im Dienste seiner Ideen. Ein Glaube an einen großen Gesellschaftsentwurf fehlt dem Neonazismus nicht – der „nationale Sozialismus“ mit dem Wunsch nach einer widerspruchsfreien und ethnisch homogenen Volksgemeinschaft ist ein zwar furchtbarer, aber nichtsdestotrotz umfassender Gesellschaftsentwurf. Der neue Neonazismus hat die Eckpfeiler der nationalsozialistischen Ideologie in Gänze verinnerlicht. Diese Grundlage wird nicht verlassen, sie stellt sein Standbein dar. Jedoch sucht der Neonazismus nach neuen Formen, Symbolen und Themen. Diese Experimentierfreude stellt ihn vor Herausforderungen, lässt die eigene Identität nicht unberührt, macht ihn aber flexibler und rekrutierungsmächtiger. Dieser experimentelle, verspielte Umgang mit Einflüssen von außen soll als „ludischer“ Neonazismus beschrieben werden. Er speist sich aus den zahlreichen kulturellen Einflüssen 24 Schulze, Etikettenschwindel und neuen Formen, die in die Praktiken des Neonazismus Eingang gefunden haben. Durch die (jugend-) kulturelle Öffnung sind zuvor vehement abgelehnte Erscheinungen integriert worden.

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Zusammenfassung

Die „Autonomen Nationalisten“ (AN) pendeln zwischen antimoderner, rückwärtsgewandter Ideologie und einem Präsentationsstil, der Anleihen nimmt bei der Popkultur und der radikalen Linken. Diese Strategie ist nicht neu. Ernst Bloch beschrieb diesen Etikettenschwindel bereits am Beispiel der Nationalsozialisten als „Entwendungen aus der Kommune“. Die Studie spürt dem permanenten Ideenklau der AN nach und versucht, ihn historisch-politisch einzuordnen.