Einführung in:

Wolf H. Birkenbihl

Maria Theresia, page 7 - 32

Monarchin, Mutter und Mensch

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3919-9, ISBN online: 978-3-8288-6669-0, https://doi.org/10.5771/9783828866690-7

Tectum, Baden-Baden
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7 Einführung Als Maria Theresia Walburga Amalia Christina, Souverän Österreichs, Ungarns, Kroatiens, Böhmens, Mantuas, Mailands, Galiziens und Lodomeriens, der Österreichischen Niederlande sowie Parmas und qua ihrer Heirat Herzogin von Lothringen, Großherzogin der Toskana und Kaiserin des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation geboren wurde, war das Zeitalter Ludwigs XIV. bereits seit zwei Jahren Vergangenheit. Maria Theresia sollte neben Friedrich II. von Preußen zu den bedeutendsten und prägendsten Herrschergestalten der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zählen, deren Wirken mit zur Veränderung des Alten Kontinents beitrug.1 Folgende biographische Darstellung schildert die wesentlichen Ereignisse aus der Regierungszeit Maria Theresias. Kindheit, frühe Jugend und Thronbesteigung Maria Theresia, die älteste Tochter Kaiser Karls VI., wurde in den frühen Morgenstunden des 13.  Mai 1717 in der Wiener Hofburg, kurz nach dem Tod ihres älteren Bruders Leopold, geboren und am Abend desselben Tages getauft. Im darauffolgenden Jahr kam ihre Schwester Maria Anna zur Welt und im Jahre 1724 wurde dem Kaiserpaar wiederum ein Mädchen geboren, Maria Amalia. Der preußische Gesandte am kaiserlichen Hof, Otto Christoph Graf von Podewils, bemerkte, dass die junge Erzherzogin Maria Theresia große blaue Augen habe, blonde Haare, die nicht ins Rötliche gehen, einen breiten Mund und einen auffallend kräftigen Körper.2 Weder ihre Eltern noch ihre Großeltern 1 Johann Heinrich Zedler: Grosses vollständiges Universal-Lexicon Aller Wissen schaften und Künste, Band 49, Leipzig 1747, S. 743 2 Friedrich Heer: Der König und die Kaiserin, München 1981, S. 255 8 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch waren nah miteinander verwandt – eine Tatsache, die Maria Theresia zu einer der wenigen Angehörigen des Hauses Habsburg machte, die nicht aus Inzucht hervorgegangen ist. Maria Theresia war ein ernstes und zurückhaltendes Kind, das Freude am Gesang und Bogenschießen fand. Reiten war der Erzherzogin von ihrem Vater verboten worden, doch sie sollte später aus Anlass ihrer Krönungszeremonie in Ungarn die Grundlagen erlernen. Die kaiserliche Familie wirkte tatkräftig an der Aufführung von Opern mit, die oftmals vom Kaiser dirigiert wurden und an denen seine älteste Tochter mit großer Freude teilnahm. Ihre Erziehung, die von Jesuiten beaufsichtigt wurde, unterschied sich im Wesentlichen nicht von derjenigen, die jeder kaiserlichen oder königlichen Prinzessin in jener Zeit zuteil wurde. Sie erhielt in erster Linie Unterricht im Zeichnen, Malen, Musik und Tanzen – Fachrichtungen, die sie für eine Aufgabe als Gemahlin eines Monarchen vorbereitet hätten, keinesfalls aber für die Rolle einer zukünftigen Regentin.3 Zeitgenossen vertraten die Ansicht, dass ihr Latein recht gut war, aber insgesamt waren der Unterricht und die Erziehung Maria Theresias durch die Jesuiten denkbar schlecht. Neben Deutsch, das die Erzherzogin zeitlebens mit starker wienerischer Färbung sprach und schrieb, lernte sie auch Spanisch, Italienisch und Französisch. Dem Französischen sollte sie, wie ihr späterer Gegner, der Preußenkönig Friedrich II., den Vorzug geben. Da die deutsche Sprache kein eigener Unterrichtsgegenstand war, blieb ihre Orthografie sehr unbeholfen. Zu dem Zeitpunkt, als Maria Theresia ein junges Mädchen war, wurde es immer wahrscheinlicher, dass Karl keinen männlichen Erben mehr haben würde und sie ihm eines Tages auf den Thron folgen würde. Ihr 35jähriger Vater hatte wohl immer noch einen Sohn erwartet und bereitete aus diesem Grund seine Tochter nie ernsthaft auf ihre zukünftige Rolle als Souverän vor.4 3 Peter Berglar: Maria Theresia, Hamburg 1980, S. 16 – 17 4 Helmut Neuhold: Die großen Herrscher Österreichs, Wiesbaden 2012, S. 205 – 206 9 Einführung Der Kaiser hielt sich zudem nicht an den eindringlichen Ratschlag seines fähigsten Beraters, des Prinzen Eugen von Savoyen, Maria Theresia an einen mächtigen und einflussreichen Fürsten zu verheiraten, der in Kriegszeiten mit Hilfe einer schlagkräftigen Armee ihre Kronländer würde verteidigen können. Stattdessen verließ er sich auf die wirklichkeitsfremd anmutenden diplomatischen Garantien, die ihm durch die Pragmatische Sanktion vom 19. April 1713 seitens europäischer Fürsten offeriert worden waren. Dieses Vertragswerk legte die Unteilbarkeit aller Territorien des Hauses Habsburg fest und garantierte ausdrücklich die weibliche Erbfolge, wobei die Töchter Karls VI. denen seines verstorbenen Bruders Joseph I. vorgingen. Maria Theresia wurde es im Jahre 1736 letztlich zugestanden, eine Liebesheirat mit ihrem entfernten Cousin Franz Stephan von Lothringen einzugehen. Da Frankreich gegen eine mögliche Angliederung Lothringens an das Heilige Römische Reich Deutscher Nation Einspruch erheben würde, war Franz Stephan gezwungen, sein geliebtes Herzogtum nach dem Tod des kinderlosen Großherzogs Gian Gastone de Medici im Jahre 1737 gegen die erheblich weniger wertvolle Toskana einzutauschen.5 Trotz dieser Umstände und obgleich aus dieser Heirat, mit der Maria Theresia das Haus Habsburg-Lothringen begründete, in den ersten drei Jahren ausschließlich Töchter hervorgegangen waren, schien die Erzherzogin unermesslich glücklich zu sein. Insgesamt sollten aus dieser Verbindung 16 Kinder hervorgehen, von denen 10 das Erwachsenenalter erreichten. Da starb vollkommen unerwartet im Oktober 1740 ihr Vater, vermutlich an einer Vergiftung durch den grünen Knollenblätterpilz. Karl hatte stets den Rat des Prinzen Eugen ignoriert, sich auf die Konsolidierung der Staatsfinanzen und den Ausbau der Armee zu konzentrieren anstatt Unterschriften seiner europäischen Herrscherkollegen einzusammeln. Der Kaiser hatte nahezu seine gesamte Regierungszeit damit verbracht, die Pragmatische Sanktion abzusichern. Karl hinterließ sein Erzherzog- 5 Dorothy Gies McGuigan: Familie Habsburg 1273 – 1918. Glanz und Elend eines Herrscherhauses, Berlin 2014, S. 349 – 352 10 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch tum Österreich in einem verarmten Zustand und aufgrund der letzten beiden Kriege, des Türkenkrieges sowie des Polnischen Erbfolgekrieges, war die Staatskasse leer.6 Im Alter von 23 Jahren, ohne die geringste Vorbereitung auf die Regierungsgeschäfte und ohne einen Ansatz von Kenntnissen in Staatsangelegenheiten, bekam Maria Theresia höchste Verantwortung aufgebürdet. In dieser schwierigen Situation vertraute sie auf den Ratschlag ihres Vaters, dessen Mitglieder des Kronrates zu behalten und ermächtigte zunächst ihren Mann anstehende Entschlüsse treffen, da sie ihn für erfahrener als sich selbst hielt. Beide Entscheidungen, obgleich nur allzu verständlich, sollten später Anlass zum Bedauern geben.7 Zehn Jahre später, in ihrem „Politischen Testament“, ließ Maria Theresia die Umstände Revue passieren, unter denen sie den Thron bestiegen hatte: „Die zu Beherrschung so weit schichtiger und verteilter Länder erforderliche Erfahrung und Kenntnis um so weniger besitzen zu können, als mein Herrn Vattern niemals gefällig ware, mich zur Erledigung weder aus auswärtigen noch inneren Geschäften beizuziehen noch zu informieren: so sahe mich auf einmal zusammen von Geld, Truppen und Rat entblößet.“8 Maria Theresia ignorierte die Gefahr, dass andere Staaten die Gelegenheit ausnutzen könnten, ihre Territorien in Besitz zu nehmen, zunächst völlig. Für die Erzherzogin war es von immenser Bedeutung, die Kaiserwürde auch weiterhin für das Haus Habsburg zu sichern. Da eine Frau nicht zur Kaiserin des Heiligen Römischen Reiches gewählt werden konnte, war es Maria Theresias ganzes Streben, die Krone ihrem Gemahl zu sichern. Franz Stephan besass jedoch weder genügend Land, 6 Heinz-Dieter Heimann: Die Habsburger. Dynastie und Kaiserreiche, München 2009, S. 79 7 Edward Crankshaw: Maria Theresia. Die mütterliche Majestät, München- Zürich-Wien 1975, S. 16 8 Maria Theresia in ihrem „Politischen Testament“ aus dem Jahre 1752, zitiert nach Brigitte Vacha (Hrsg.): Die Habsburger. Eine europäische Familiengeschichte, Graz 1992, S. 288 11 Einführung noch verfügte er über einen entsprechenden Rang innerhalb des Heiligen Römischen Reiches, um dieses Amt bekleiden zu können. Um ihn für den kaiserlichen Thron zu qualifizieren und ihn zu ermächtigen während der anstehenden Kaiserwahl als König von Böhmen ein Stimmrecht inne zu haben, bestimmte Maria Theresia ihn im November 1740 zum Mitregenten der österreichischen und böhmischen Erblande.9 Darüber hinaus wurde er von seiner Frau damit betraut, die Finanzen des Staates in Ordnung zu bringen. Eine Aufgabe, für die er erstaunliche Befähigung mitbrachte, ihm letztlich aber die erforderliche Zeit fehlte. Trotz Maria Theresias Liebe für ihren kaiserlichen Gemahl und seiner Position als Mitregent, gestattete sie es ihm nicht, in Staatsangelegenheiten Entscheidungen zu treffen. Sie entliess ihn sogar des öfteren aus Ratssitzungen, sobald sie unterschiedliche Meinungen vertraten.10 Die erste Zurschaustellung ihrer erzherzoglichen Autorität war die Huldigung der niederösterreichischen Stände am 22. November 1740. Diese Zeremonie war ein aufwändiges öffentliches Ereignis, das als formale Anerkennung und Legitimation der Thronbesteigung Maria Theresias diente. Die Abnahme des Lehnseides durch die Erzherzogin erfolgte am selben Tag in den Räumlichkeiten der Hofburg.11 Österreichischer Erbfolgekrieg Angesichts einer leeren Staatskasse sowie einer schwer vernachlässigten Armee, traten, wie Prinz Eugen gewarnt hatte, Österreichs Nachbarländer auf den Plan und machten sich Gedanken, wie sie die Verpflichtungen, die sie mit Unterzeichnung der Pragmatischen Sanktion eingegangen waren, umgehen könnten. Das Kurfürstentum Bayern erhob 9 Renate Zedinger: Franz Stephan von Lothringen (1708 – 1765). Monarch, Manager, Mäzen, Wien 2008, S. 81 – 82 10 Hanns L. Mikoletzky: Franz Stephan von Lothringen als Wirtschaftspolitiker, in: Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs, Band 13, Wien 1960, S. 231 ff. 11 John Philip Spielman: The city & the crown: Vienna and the imperial court, 1600 – 1740, Purdue 1993, S. 207 12 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch Ansprüche auf einen beträchtlichen Teil der Habsburgischen Besitzungen, wobei es hier von Frankreich unterstützt wurde. Auch der Kurfürst von Sachsen beabsichtigte territoriale Forderungen geltend zu machen. Der bayerische und der sächsische Monarch waren mit Töchtern des verstorbenen Josephs I., Bruder und Vorgänger Kaiser Karls VI., verheiratet. Diese Tatsache veranlasste beide nun dazu, im Namen ihrer Frauen Erbansprüche anzumelden. Zunächst sollte Sachsen sich jedoch der anti-preußischen Allianz anschliessen. Spanien forderte die italienischen Gebiete des Erzherzogtums Österreich ein. Friedrich II., König in Preußen, der seinerseits erst vor kurzem den Thron bestiegen hatte, bot der bedrängten Maria Theresia an, sie zu unterstützen, sollte Österreich bereit sein, für dieses Entgegenkommen einen Tribut an Preußen zu entrichten – und zwar in Form der Provinz Schlesien. Nachdem dieses Angebot in Wien empört zurückgewiesen worden war, sandte Friedrich im Dezember 1740 seine Truppen nach Schlesien und begann damit den Ersten Schlesischen Krieg. Bayern und Franzosen griffen bald auf Seiten Preußens in diese Offensive mit ein, die in den acht Jahre dauernden Österreichischen Erbfolgekrieg mündete.12 Die junge Erzherzogin war trotz der rasch erfolgten Okkupation grosser Teile Schlesiens durch preußische Truppen, einschließlich Breslaus, das Anfang Januar 1741 fiel, entschlossen, um die rohstoffreiche Provinz zu kämpfen und gab sich zuversichtlich, dass sie das „Juwel des Hauses Österreich“ zurückgewinnen würde.13 Zunächst sah es so aus, als ob Maria Theresia rasch überwältigt werden würde. Am 19.  Februar 1741 hatten sich Großbritannien, Russland, Sachsen und die Niederlande in Dresden mit der Habsburgerin zu einer anti-preußischen Koalition zusammengeschlossen. Österreich verfügte zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht über ausreichend erfahrene Militärstrategen. Aus diesem Grund ordnete die Erzherzogin die Entlassung Feldmarschall Wilhelm Reinhard Graf Neippergs aus der Haft an, der von ihrem Vater aufgrund seiner schwachen Leistung im letz- 12 Hanns L. Mikoletzky: Österreich. Das große 18. Jahrhundert, Wien 1967, S. 181 – 183 13 Ebd., S. 184 13 Einführung ten Türkenkrieg inhaftiert worden war und ernannte ihn im Frühjahr 1741 zum Oberbefehlshaber der österreichischen Truppen. Dies sollte sich als großer Fehler erweisen. Bald darauf, am 10. April 1741, erlitten die Österreicher eine vernichtende Niederlage in der Schlacht bei Mollwitz in Schlesien – Friedrichs ersten bedeutenden Sieg in diesem Krieg. Dieser Erfolg veranlasste die Franzosen knapp zwei Monate später ein Bündnis mit Preußen einzugehen, dem sich im Sommer auch Bayern und Spanien anschlossen.14 Vermittelt wurde diese anti-österreichische Allianz durch den französischen Marschall Charles Louis Auguste de Belle-Isle, einem überzeugten Gegner der Pragmatischen Sanktion. Ein Schachzug, der Wien in Panik versetzte. Franz Stephan drängte angesichts dieser Situation seine Frau, eine Annäherung an Preußen zu suchen, wie es Österreichs Verbündeter Großbritannien bereits getan hatte. Maria Theresia stimmte letztlich widerwillig Verhandlungen zu. Im Juli 1741 waren jedoch alle Versuche, eine Einigung herbeizuführen, gescheitert. Der Verbündete der Erzherzogin, Kurfürst Friedrich August II. von Sachsen, wechselte im September jenen Jahres in das anti-habsburgische Lager und erhielt für diesen Schritt Gebiete der habsburgischen Erbmasse zugesagt, die er letztlich nie erhalten sollte. Der britische König Georg II. erklärte das Kurfürstentum Hannover für neutral.15 Maria Theresia benötigte abermals Hilfe von Ungarn, woher ein erheblicher Umfang an militärischer Unterstützung für die junge Monarchin in diesem Krieg kam. Um diesen Beistand zu erlangen, machte sie dem ungarischem Adel diverse Zugeständnisse und schmeichelte ihm, ohne hierbei jedoch auf alle seine Wünsche einzugehen. Sie hatte bereits dessen vollen Rückhalt gewonnen, als sie im September 1741 vor dem Landtag in Pressburg erschien, eine bewegende Rede hielt und die ungarischen Magnaten überzeugen konnte, ihr weitere Truppenkontingente zur Verfügung zu stellen. Auch gelang es ihr, Franz Stephan als Mitregenten anerkennen zu lassen. Um dies zu erreichen, zeigte sie ihre Gabe für theatralische Auftritte indem sie ihren ein Vierteljahr alten Sohn und künftigen ungarischen König Joseph triumphierend vor dem versammelten Landtag hochhielt und auf diese Weise große Sympathie 14 Crankshaw: Maria Theresia, S. 68, S. 71 – 73 15 Gerda und Gottfried Mraz: Österreichische Profile, Wien 1981, S. 88 – 89 14 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch bei den anwesenden Adeligen gewinnen konnte. Maria Theresia besass Eigenschaften, die von ihrer Umwelt besonders geschätzt wurden: Herzenswärme, praktische Veranlagung, Entschlossenheit und einen hohen Grad an Einfühlsamkeit.16 Im Herbst 1741 war der bayerische Kurfürst Karl Albrecht mit der ihm unterstellten französischen Rheinarmee bis Linz in Oberösterreich vorgestossen. Statt Wien einzunehmen, wie von Friedrich II. gefordert, wurde die Armee auf französisches Drängen hin nach Böhmen befohlen. Das vorrangige Interesse Frankreichs bestand darin, das habsburgische Erbe aufzusplittern. Am 26. November 1741 nahm Karl Albrecht durch vereinte Anstrengungen der Bayern, Sachsen sowie Franzosen Prag ein und ließ sich dort als König von Böhmen huldigen, was ihm zur Kaiserwahl die böhmische Kurstimme sicherte. Im Januar 1742 wurde er einstimmig als Karl VII. in Frankfurt am Main zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches gewählt und am 12. Februar des Jahres hier auch gekrönt. Bereits einen Tag nach der Krönung besetzten österreichische Truppen unter dem Kommando von Feldmarschall Ludwig Andreas von Khevenhüller München, die Kapitale von Karl Albrechts Kurfürstentum. Der Kaiser sollte die folgenden Jahre im Exil in Frankfurt verbringen.17 Ein weiterer bedeutender Sieg über die Österreicher nach Mollwitz gelang Friedrich am 17.  Mai 1742 in der Schlacht bei Chotusitz in Böhmen, der ihn dem angestrebten Sonderfrieden mit Maria Theresia näherbrachte. Der Frieden von Berlin im Juli 1742 beendete vorerst die Kampfhandlungen zwischen Österreich und Preußen. Österreich verlor Nieder- und Oberschlesien inklusive der bis dahin böhmischen Grafschaft Glatz an Preußen. Dieser Waffenstillstand ermöglichte es den Österreichern, ihre Truppen gegen Bayern und Franzosen zusammenzuziehen und diese aus Böhmen zu vertreiben. Am 12. Mai 1743 wurde Maria Theresia im Prager Veits Dom zur Königin gekrönt. Ihr 16 Neuhold: Die großen Herrscher Österreichs, S. 207 17 Gerhard Hartmann: Die Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, Wiesbaden 2013, S. 164 – 165 15 Einführung Verhältnis zu Böhmen sollte zeitlebens kühl bleiben, da sie dem Land nicht verzeihen konnte, in Zeiten ärgster Bedrängnis dem bayerischen Gegenspieler gehuldigt zu haben.18 Die Hoffnung Friedrichs, die Monarchen Europas davon überzeugen zu können, ihn in jener Stellung anzuerkennen, die ihm der erste Krieg um Schlesien gegeben hatte, erfüllte sich nicht. Die Politik Österreichs war darauf ausgerichtet, den verlorenen Besitz zurückzugewinnen. Als im Frühjahr 1744 die in Kämpfen mit den Franzosen – Friedrichs Verbündeten – verwickelten österreichischen Truppen den Rhein überquerten, wurde Preußens König unruhig. Er befürchtete eine zu große Machtstellung Maria Theresias im Reich, sollte ihrer Armee die Rückeroberung von Frankreich annektierter Gebiete gelingen. Friedrich sah sich gezwungen, erneut in den Erbfolgekrieg einzugreifen und die Österreicher damit von ihrem Vorhaben abzulenken. Mitte August 1744 fiel er in Böhmen ein und konnte am 16. September Prag einnehmen, das er aber zu Beginn des folgenden Jahres wieder räumen musste, da die Österreicher den Nachschub für die preußische Armee mit einer Reihe von Attacken massiv behinderten. Damit hatte Preußens König den Zweiten Schlesischen Krieg begonnen, der ihm die entscheidenden Siege bei Hohenfriedberg, Soor und Kesselsdorf bringen sollte. Im Januar 1745 indessen schien die Lage für Friedrich bedrohlich geworden zu sein, als sich Großbritannien, die Niederlande und Sachsen mit Österreich in Warschau zur Quadrupelallianz zusammengeschlossen hatten.19 Nach Einmarsch der österreichischen Verbände in Schlesien im Juni 1745 kam es zur Schlacht bei Hohenfriedberg, in der Preußen das gegnerische Heer bezwingen konnte. Weitere Offensivbemühungen der Österreicher und ihrer Verbündeten wurden durch Friedrichs Armee abgewehrt. Am 30. September errang der Preußenkönig in der Schlacht bei Soor in Böhmen einen zweiten wichtigen Sieg. Auch gelang es ihm, sämtliche Vorstösse des Gegners Richtung Berlin aufzuhalten. Der im 18 Sir Charles Petrie: Diplomatie und Macht. Geschichte der internationalen Beziehungen 1713 – 1933, Zürich 1950, S. 47 sowie Herrmann Meyer: Die Kriege Friedrichs des Großen 1740 – 1763, Berlin 1904, S. 120 19 Crankshaw: Maria Theresia, S. 115 – 116 16 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch Dezember 1745 erfolgte Einmarsch der preußischen Truppen unter dem Kommando des Fürsten von Anhalt-Dessau in das mit Österreich verbündete Sachsen brachte schließlich die Entscheidung zu Gunsten Friedrichs. Bei Kesselsdorf nahe Dresden konnten am 15. Dezember die Streitkräfte der Allianz endgültig geschlagen werden. Die Sicherung des Erreichten für Friedrich und der Verlust Schlesiens für Maria Theresia wurden im Frieden von Dresden am 25. Dezember 1745 bekräftigt. Dem Preußenkönig wurde gegen Anerkennung von Maria Theresias Gemahl Franz Stephan als Nachfolger des im Januar 1745 verstorbenen Karl VII., der Besitz Schlesiens einschließlich der Grafschaft Glatz bestätigt. Der Einfluss des Hauses Habsburg im Reich blieb damit fortan gewahrt. Obgleich Maria Theresia nie selbst zur Kaiserin des Heiligen Römischen Reiches gekrönt wurde, nannte man ihren Namen fortan vorwiegend im Zusammenhang mit dem Kaiser-Titel. Die kriegerischen Auseinandersetzungen zogen sich mit Kampfhandlungen gegen die französischen und spanischen Bourbonen in Norditalien und den Österreichischen Niederlanden noch weitere drei Jahre hin. Der Frieden von Aachen beendete schließlich den acht Jahre währenden Konflikt um die Erbfolge in Österreich am 18. Oktober 1748. Dieses Vertragswerk bestätigte Preußen nochmals den Besitz Schlesiens und Maria Theresia wurde als Regentin ihrer habsburgischen Stammlande anerkannt, wobei sie aber die norditalienischen Herzogtümer Parma und Piacenza an Spanien sowie Territorien in der westlichen Lombardei an das mit ihr alliierte Sardinien abzutreten hatte. Der Verlust Schlesiens war in der Tat äußerst schmerzlich, da dies die mit Abstand wohlhabendste aller habsburgischen Provinzen war.20 20 Petrie: Diplomatie und Macht, S. 49 17 Einführung Reformpolitik Maria Theresia hatte während der Kriegsjahre ihrer Aufgabe als Monarchin unter schwierigsten Bedingungen gerecht werden müssen. Bald stellte sie fest, dass von den Mitgliedern des Hochadels bei Hofe, der einzigen Gesellschaftsschicht, aus der traditionell die maßgeblichen Diener der Krone rekrutiert wurden, die Mehrzahl bereit war, ihr eigenes Schicksal mit dem des Hauses Habsburg zu verbinden. Obgleich sie im Verlauf des Krieges um Schlesien keinen wirklich zufriedenstellenden General finden konnte, erkannte sie unschwer die Fähigkeiten einiger ihrer Staatsdiener und besetzte hohe, verantwortungsvolle Ämter mit Männern wie den Grafen Sinzendorf, Silva-Tarouca, Haugwitz und Kaunitz, die ihr auch als Ratgeber zur Seite standen. So existierte bereits gegen Ende des Krieges die Grundlage für eine Reform des Staates, die unter dem Namen „Theresianische Staatsreform“ bekannt werden sollte.21 Bei Regierungsantritt Maria Theresias war das Erzherzogtum Österreich kein einheitliches Staatsgebilde gewesen. Ihr Verdienst sollte darin bestehen, die überkommene feudale Landmasse in einen einheitlichen Verwaltungs- und Beamtenstaat mit zentralistisch ausgerichteter Regierung verwandelt zu haben. Die „Theresianische Staatsreform“ wurde in zwei Phasen in die Tat umgesetzt. Mit der ersten Reformperiode zwischen 1749 und 1756 wurde der schlesische Exilant Friedrich Wilhelm Graf Haugwitz betraut. Die zweite Phase erfolgte erst nach 1763 unter maßgeblicher Leitung von Wenzel Anton Graf Kaunitz-Rietberg. Die inneren Reformen der ersten Phase bezogen sich insbesondere auf das Staats- sowie auf das Justiz-, Militär, Wirtschafts- und Finanzwesen. Haugwitz erneuerte als Präsident des „Directorium in publicis et cameralibus“, das als Vorläufer der „Böhmisch-Österreichischen Hofkanzlei“ die zentrale Regierungsbehörde für alle inneren Angelegenheiten der österreichischen Erbländer war, die politische Verwaltung von Grund auf. Den Ständen in den Provinzen wurde hierzu Macht entzogen, um eine möglichst eigenständige und zentralgesteuerte Verwaltung etablie- 21 Crankshaw: Maria Theresia, S. 214 – 216 18 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch ren zu können. Darüber hinaus wurde auch eine oberste Justizbehörde geschaffen, da der Zentralisierung des Staates die unterschiedlichen Formen der Rechtsprechung in den verschiedenen habsburgischen Territorien entgegenstanden. Im Rahmen der Justizreform begann im Februar des Jahres 1753 die neue Kodifizierung des zivilen Rechts, die erst dreizehn Jahre später im November 1766 abgeschlossen wurde und als „Codex Theresianus“ vorlag. Auf Grundlage dieser Gesetzessammlung, die ein bloßer Entwurf blieb und keine Rechtsgeltung erlangte, setzte sich eine weitestgehende Rechtsvereinheitlichung in den Erblanden der Habsburger erst nach dem Tod Maria Theresias durch. Am 31. Dezember 1768 sollte das erneuerte Strafgesetzbuch, die „Constitutio Criminalis Theresiana“, folgen, das fortan in Österreich und Böhmen Geltung hatte.22 Der Verlauf des österreichischen Erbfolgekrieges hatte deutlich gemacht, dass die Armee reformbedürftig war. Im Rahmen der Heeresreform gelang Haugwitz mit der Aufstellung eines 108.000 Mann starken Heeres, einer Verdoppelung der bisherigen Stärke, eine ganz wesentliche Modernisierung der Armee. Die für die Unterhaltung notwendigen 14 Millionen Gulden hatten die Kronländer aufzubringen. Bestimmend für die militärische Umsetzung nach dem Aachener Frieden war Feldmarschall Leopold Graf Daun, auf dessen Initiative hin die „Theresianische Militärakademie“ im Jahre 1751 in Wiener Neustadt gegründet wurde. Nach modernsten Grundsätzen sollte hier eine neue Generation von Offizieren ausgebildet werden. Die Verantwortung für die Armee oblag fortan der im Sinne des Absolutismus zentral ausgerichteten Regierung in Wien. Als Vorbild für die umfassende Militärreform diente die preu- ßische Armee.23 Auch auf dem wirtschafts- und finanzpolitischen Sektor war die Konkurrenz mit Preußen ein wichtiger Faktor für Maria Theresia. Der Ziel- 22 Neuhold: Die großen Herrscher Österreichs, S. 210 23 Vacha (Hrsg.): Die Habsburger, S. 303 19 Einführung setzung eines zentralisierten Staates entsprechend ließ sie das Steuersystem reformieren. Fortan waren die staatlichen und nicht mehr die ständischen Behörden für die Erhebung der Steuern zuständig. Mit dieser Regelung wurde zugleich der politische Einfluss der Stände und partikularen Kräfte, insbesondere der Landtage in den Provinzen, zurückgedrängt. Die Regierung in Wien gewann an Macht und konnte ihre Steuereinnahmen erheblich mehren. Im Gegensatz zu Friedrich II., der die Vorrechte des preußischen Adels, so auch die Steuerfreiheit, nicht antastete, führte Haugwitz die Besteuerung des Adels ein, der bisher über Jahrhunderte hinweg keine Steuern zu entrichten hatte. Zwischen 1754 und 1764 verdoppelten sich dank dieser neuen Regelung die Staatseinnahmen, obgleich das Bestreben, Adel und Klerus voll zu besteuern, alles in allem nur partiell gelang.24 Im Ganzen führte die Finanzreform zu erstaunlichen wirtschaftlichen Ergebnissen in den Kronländern. Um aus den einzelnen Ländern der Monarchie ein großräumiges Wirtschaftsgebiet mit einheitlichen Regeln zu schaffen, bestand eine wesentliche Reformmaßnahme auf dem Wirtschaftssektor in der Aufhebung von Binnenzöllen. Maria Theresia verfolgte in der Wirtschaftspolitik ab 1749 eine neuere Form des Merkantilismus. Im Vordergrund standen hier die Sicherung der Ernährung möglichst breiter Bevölkerungsschichten sowie die Schaffung neuer Verdienstmöglichkeiten. Es wurde ein umfassendes Beschäftigungsprogramm im Bereich der Landwirtschaft, des Handwerks und der Fabrikation realisiert. Insbesondere das Manufakturwesen, so beispielsweise die „Kaiserlich privilegierte Porcellain Fabrique“ (Wiener Porzellanmanufaktur), wurde als wohlstandsbildende Initiative vorzugsweise staatlich gefördert und entsprechend besteuert. Die Ansiedlung von Unternehmen in den habsburgischen Erblanden wurde während der Regierungszeit Maria Theresias mit Nachdruck vorangetrieben und trug wesentlich zur Förderung des ökonomischen Modernisierungsprozesses bei. Im Laufe der folgenden Jahre sollten Steuerkataster, erste Statistiken und Volkszählungen eingeführt werden, denn der Staat wollte Einblick in die innere Struktur des Landes gewinnen, um so gezielte wirtschaftspolitische Maßnahmen 24 Derek Beales: Enlightenment and reform in Eighteenth-Century Europe, London- New York 2005, S. 81 20 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch setzen zu können. Haugwitzs Position innerhalb des Staatsapparates wurde jedoch fortwährend von seinem Kollegen Kaunitz untergraben, der selbst die Rolle des Erneuerers Österreichs bekleiden wollte.25 Außenpolitik und Siebenjähriger Krieg Im Jahre 1753 wurde Kaunitz zum Staatskanzler mit uneingeschränkter Macht auf dem Gebiet der Außenpolitik ernannt. Während seiner Zeit als österreichischer Botschafter in Frankreich kam er zu dem Schluss, dass Österreichs Niederlage im Erbfolgekrieg hauptsächlich auf der unglücklichen Wahl seiner Verbündeten beruhte. Insbesondere war das Erzherzogtum seiner Ansicht nach schmählich von Großbritannien im Stich gelassen worden. Nun machte er sich daran, eine neue Allianz zu schmieden, deren Hauptziel darin bestand, Preußen mit Hilfe einer alliierten Koalition einzukreisen und nieder zu ringen. Sachsen, Schweden und Russland wurden nunmehr Österreichs Verbündete.26 Kaunitzs diplomatische Bemühungen wurden im Vorfeld des Siebenjährigen Krieges durch den Abschluss eines Defensivbündnisses mit Österreichs altem Gegner Frankreich im Vertrag von Versailles am 1. Mai 1756 belohnt. Beide Mächte verbündeten sich gegen Preußen, da dessen Machtzuwachs in Europa mit Skepsis betrachtet wurde. Dieses „Renversement des Alliances“ – eine Umkehr der bestehenden Bündnisse – war letztlich auch die Reaktion auf das Zustandekommen eines Vertrages zwischen Preußen und Großbritannien – der Konvention von Westminster – im Januar des Jahres 1756. Österreich sah sich von seinem traditionellen Bündnispartner Großbritannien verlassen.27 25 Neuhold: Die großen Herrscher Österreichs, S. 211 – 212 26 Angela Kulenkampff: Österreich und das Alte Reich. Die Reichspolitik des Staatskanzlers Kaunitz unter Maria Theresia und Joseph II., Köln-Weimar- Wien 2005, S. 5 27 Vacha (Hrsg.): Die Habsburger, S. 308 – 309 21 Einführung Diese diplomatische Revolution schien Preußen in eine aussichtslose Lage zu versetzen, aber Friedrich wartete die Offensive seiner Gegner nicht ab. Um dem zuvorzukommen, eröffnete er im Sommer 1756 die Kampfhandlungen. Während Österreich, Preußen und Russland primär um die Vorherrschaft in Mitteleuropa kämpften, ging es für Großbritannien und Frankreich auch um Kolonialbesitz in Nordamerika und Indien. Dabei war von Beginn an nicht auszuschliessen gewesen, dass der britisch-französische Konflikt in fernen Kolonien und auf den Meeren auch auf den europäischen Kontinent übergreifen könnte.28 Der Einmarsch des preußischen Königs in Sachsen am 29. August 1756 entfachte den sogenannten Dritten Schlesischen beziehungsweise Siebenjährigen Krieg. Die Preußen konnten sich auf diese Weise zunächst eine solide materielle und räumliche Operationsbasis verschaffen. Maria Theresia und Kaunitz begrüßten diese Auseinandersetzung wohl nur deshalb, um Schlesien womöglich doch noch wiedererlangen zu können. Es sollte anders kommen. Aufgrund seiner unentschlossenen Kriegsführung in der Schlacht bei Lobositz in Böhmen am 1. Oktober 1756, die zu Gunsten Friedrichs ausging, wurde der Befehlshaber der österreichischen Truppen, Maximilian von Browne, durch den Schwager Maria Theresias, Herzog Karl Alexander von Lothringen ersetzt.29 Angespornt durch den Sieg bei Lobositz, gruppierte Friedrich seine Truppen für einen weiteren Angriff auf die Österreicher im Juni 1757 neu. Die Schlacht von Kolin am 18.  Juni in Böhmen brachte einen entscheidenden Sieg für Österreich, auf dessen Seite sich neben Frankreich und Rußland auch die Reichsstände befanden. Friedrich verlor ein Drittel seiner Truppen und verließ den Schauplatz, noch ehe die Schlacht entschieden war. Bei Roßbach im Kurfürstentum Sachsen vernichtete die preußische Armee am 5. November 1757, in strategisch deutlich schlechterer Lage, ein französisches Heer und besiegte nahe Leuthen in Schlesien Anfang Dezember die Österreicher und ihre baye- 28 Ernst Joseph Görlich: Grundzüge der Geschichte der Habsburgermonarchie und Österreichs, Darmstadt 1980, S. 147 29 Crankshaw: Maria Theresia, S. 269 – 270, S. 272 – 273 22 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch rischen Verbündeten. Diese Siege brachten Friedrich jedoch nicht mehr als eine kurze Atempause. Im weiteren Verlauf des Krieges sollte das Glück Preußens wechselhaft bleiben.30 Maria Theresia versuchte den Preußenkönig zu reizen, indem sie französische Verluste unverblümt öffentlich bedauerte. Friedrich reagierte hierauf betont gelassen. Frankreich war es im September 1757 gelungen, mit dem durch Personalunion verbundenen Großbritannien-Hannover für wenige Monate Neutralität zu vereinbaren. Zu Beginn des folgenden Jahres stand das Inselreich wieder auf Seiten Preußens. Im Juni 1758 bereitete der in britisch-hannoverschen Diensten stehende Feldmarschall Herzog Ferdinand von Braunschweig-Wolfenbüttel den Franzosen bei Krefeld am Niederrhein eine vernichtende Niederlage. Zum Jahresende kontrollierte er das gesamte rechtsrheinische Gebiet. In Folge zogen sich die französischen Truppen auf das linke Rhein ufer zurück. Für den preußischen König wirkte sich die Übermacht der feindlichen Koalition immer verheerender aus. Preußen blieb fortan in der Defensive. Seine schwerste Niederlage erlitt Friedrich am 12. August 1759 in der Schlacht bei Kunersdorf in Brandenburg gegen ein österreichisch-russisches Heer. Da die siegreichen Truppen der Österreicher und Russen mangelhaft koordiniert waren, blieb das preußische Heer vor der völligen Aufreibung bewahrt. Die Sieger nutzten zudem nicht die Gunst der Stunde, um nach Berlin vorzurücken. In einem Brief an seinen Bruder Heinrich vom 1.  September 1759 bezeichnete Preußens König diesen Umstand als das „Mirakel des Hauses Brandenburg“.31 Seiner Ansicht nach war die Existenz des preußischen Staates bewahrt worden. Die Friedensverhandlungen in Den Haag gegen Ende jenen Jahres verliefen ergebnislos. Friedrichs militärische Lage im folgenden Jahr schien trotz der Siege über die Österreicher bei Liegnitz in Niederschlesien und Tor- 30 Marian Füssel: Der Siebenjährige Krieg. Ein Weltkrieg im 18. Jahrhundert, München 2012, S. 37, S. 42 – 45 31 Ebd., S. 47, S. 50 – 51 23 Einführung gau in Sachsen im August beziehungsweise November 1760 hoffnungslos zu sein. In den Jahren 1760 bis 1762 auf Verteidigung beschränkt, vereitelte der Preußenkönig durch den Sieg bei Liegnitz die Vereinigung der Russen und Österreicher. Zu einem entscheidenden Schlag gegen Preußen sahen sich die alliierten Streitkräfte im Verlauf des Jahres 1761 außer Stande. Der unerwartete Tod der Zarin Elisabeth von Rußland Anfang Januar 1762 veränderte die desolate Situation Preußens von Grund auf. Ihr Nachfolger und Neffe, Peter III., war ein außerordentlicher Bewunderer des Preußenkönigs. Er schloss am 5. Mai 1762 zunächst mit Preu- ßen einen Friedensvertrag und am 19. Juni auch ein Bündnis mit Friedrich. Nach der Anfang Juli 1762 erfolgten Absetzung Peters, der wohl zeitweise das Bild eines Geisteskranken bot, wurde der Frieden durch dessen Gemahlin, der neuen Zarin Katharina II., bestätigt.32 Preußen gelang es bald darauf, die Österreicher aus Sachsen und die Franzosen aus Hessen-Kassel zu vertreiben. Obgleich Friedrich phasenweise wieder militärische Erfolge über die Österreicher vorweisen konnte – so bei Reichenbach im niederschlesischen Eulengebirge am 16. August 1762, bei Schweidnitz in Niederschlesien am 9. Oktober und bei Freiberg in Sachsen am 29. Oktober 1762 – war es offensichtlich, dass seine Truppen vollkommen erschöpft waren. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich der Konflikt zwischen Preußen und Österreich zu einer kostspieligen Pattsituation entwickelt, wobei Maria Theresia selbst nicht mehr länger daran glaubte, Schlesien zurückgewinnen zu können. Nach der Neutralitätserklärung des Reiches am 6. Februar 1763 und dem Friedensschluss zwischen Großbritannien und Frankreich am 10. Februar 1763 in Paris musste Maria Theresia einsehen, dass Österreich nicht mehr weiterkämpfen konnte, da von keiner Seite mehr Hilfe zu erwarten war.33 Der Frieden von Paris beendete den Siebenjährigen Krieg in Westeuropa, Nordamerika und Indien. Frankreich wurden harte Bedingungen abverlangt, da das Land nahezu seinen gesamten Kolonialbesitz in 32 Neuhold: Die großen Herrscher Österreichs, S. 214 33 Crankshaw: Maria Theresia, S. 56 – 57, S. 85 24 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch Übersee an Großbritannien abzutreten hatte. In Indien behielt Frankreich lediglich einige Handelsstützpunkte. Österreich, Preußen und Sachsen schlossen am 15. Februar 1763 den Frieden von Hubertusburg, der einen Kampf beendete, der 22 Jahre zuvor begonnen hatte. Schlesien verblieb nun dauerhaft in preußischen Händen. Für Österreich blieb es beim status quo ante bellum. Preußen war neben Österreich zur zweiten deutschen Großmacht aufgestiegen. Fortan sollte der Dualismus Österreich-Preußen die deutsche Politik beherrschen.34 Koregentschaft, zweite Reformperiode und letzte Regierungsjahre Als Kaiser Franz I. Stephan am 18.  August 1765 während der Hochzeitsfeierlichkeiten seines zweitältesten Sohnes Leopold mit der spanischen Prinzessin Ludovica von Bourbon in Innsbruck unerwartet einem Schlaganfall erlag, war Maria Theresia am Boden zerstört. Sie beschrieb ihren Gemütszustand kurz nach Franz Stephans Tod in einem Brief an ihren alten Vertrauten Graf Tarouca wie folgt: „Ich kenne mich selbst nicht mehr. Ich lebe dahin wie ein Tier, habe kein Gefühl und keine Vernunft, ich vergesse alles.“35 Sie zog sich nahezu vollkommen aus dem Hofleben zurück, mied fortan öffentliche Veranstaltungen und Theaterbesuche. Gewisse Zeit dachte sie sogar daran, in ein Kloster zu gehen und die Regierungsgeschäfte gänzlich ihrem ältesten Sohn Joseph zu übergeben, der im Vorjahr bereits zum Römischen König gekrönt und somit als Nachfolger des Kaisers designiert worden war. Nach dem Tod des Vaters war er nun allerdings nicht nur Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, sondern wurde von seiner Mutter auch zu ihrem Mitregenten bestimmt. Im Unterschied zu seinem Vater hatte Joseph II. aber 34 Paul W. Schroeder: The Transformation of the European Politics 1763 – 1848, Oxford 1994, S. 25 – 26 35 Maria Theresia in einem Schreiben an Graf Tarouca, zitiert nach: Crankshaw: Maria Theresia, S. 305 25 Einführung im Sinn, sich tatkräftig an den Regierungsgeschäften zu beteiligen. Dies aber war nicht im Interesse Maria Theresias.36 Nach diversen, zum Teil heftigen, Auseinandersetzungen zwischen Mutter und Sohn konnte schließlich ein Kompromiss erzielt werden. Joseph wurde damit betraut, die Heeresreform fortzuführen und in Zusammenarbeit mit Kaunitz die Außenpolitik zu leiten. Diese Regelung war unglücklich, nicht nur weil sie Joseph jeglicher Einflussnahme auf die innenpolitischen Angelegenheiten Österreichs – also jenen Gebietes, auf dem seine Ideen besonders vielversprechend waren – beraubte, sondern auch weil der Kaiser weder über Begabung für Diplomatie noch für Kriegsführung verfügte.37 Diese 15 Jahre der gemeinsamen Regentschaft waren durch fortwährenden Kampf zwischen Mutter und Sohn gekennzeichnet. Es wäre allerdings zu weit gegriffen, sie als unerbittliche Kontroverse zwischen den Kräften des Fortschritts – verkörpert durch Joseph – und jenen der Reaktion – vertreten durch Maria Theresia – deuten zu wollen. Der Kaiser vertrat geradezu energisch das Prinzip der Religionsfreiheit, was seiner Mutter gänzlich widerstrebte, und drohte sogar damit abzudanken, sollte sie beabsichtigen, Protestanten aus Böhmen des Landes zu verweisen. Maria Theresia nahm hingegen in der ebenso entscheidenden Frage der Bauernbefreiung einen merklich gewogeneren Standpunkt ein als Joseph. Die eigentliche Umsetzung dieses Reformvorhabens – die Lösung der Bauern aus der Leibeigenschaft ihrer Grundherren – sollte allerdings erst nach dem Tod Maria Theresias unter der Ägide Josephs erfolgen.38 Auf dem Terrain der auswärtigen Politik widersetzte sich Maria Theresia den Bestrebungen ihres Sohnes, Annektionen zu einem Mittel der Politik zu machen. Der preußisch-österreichische Dualismus hatte den 36 Helmut Reinalter: Joseph II. Reformer auf dem Kaiserthron, München 2011, S. 14 37 Neuhold: Die großen Herrscher Österreichs, S. 215 38 Hartmann: Die Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, S. 170 26 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch Preußenkönig zu einem engen Bündnis mit Russland geführt, das ihn im Jahre 1771 wegen dessen Streitigkeiten mit Österreich in Südosteuropa beinahe wieder in einen drohenden Krieg gegen die Wiener Politik gestürzt hätte. Die russische Zarin, der Habsburger Kaiser und der preußische König einigten sich aber auf Kosten Polens, das am 5. August 1772 im Zuge der ersten polnischen Teilung große Grenzgebiete abtreten musste, ohne dass der polnische König Stanislaus Poniatowski hätte Widerstand leisten können. Die Teilung war auf Seiten Habsburgs von Joseph und Kaunitz, trotz aller Proteste Maria Theresias, geplant und umgesetzt worden.39 Maria Theresias Gerechtigkeitssinn veranlasste sie, die Idee einer Teilung abzulehnen, da eine derartige Aktion ihrer Ansicht nach der polnischen Bevölkerung Schaden zufügen würde. Neben ihren grundlegenden moralischen Bedenken empfand sie es als verwerflich, ihre Ausgleichsansprüche nach dem Verlust Schlesiens auf Kosten eines unschuldigen Dritten – noch dazu eines katholischen Landes – wirksam werden zu lassen. Das Duo argumentierte damit, dass es zu spät sei, die längst begonnenen Verhandlungen abzubrechen. Maria Theresia stimmte allerdings der Teilung zu, sobald sie erkannt hatte, dass der preußische König Friedrich II. und die russische Zarin Katharina II. ihr Vorhaben mit oder ohne Beteiligung Österreichs umsetzen würden. Die Monarchin forderte und erhielt Galizien und Lodomerien, eine Provinz, die von den Herrschern Ungarns seit dem 13. Jahrhundert beansprucht wurde. Friedrich kommentierte die Annektion mit den Worten: „Sie weinte, aber sie nahm.“40 Mit dem Erwerb der Bukowina, dem Gebiet der nördlichen Moldau, wenige Jahre später im Vertrag von Konstantinopel am 7. Mai 1775 zwischen dem Osmanischen Reich und der Habsburgermonarchie festigte Maria Theresia Österreichs Stellung in Ostmitteleuropa.41 39 Ebd. 40 Friedrich II. von Preußen, zitiert nach: Vacha (Hrsg.): Die Habsburger, S. 312 41 Berglar: Maria Theresia, S. 114 – 116 27 Einführung Eine weitere Möglichkeit der Gebietserweiterung ergab sich für das Haus Habsburg nach dem Aussterben der älteren Linie der Wittelsbacher mit Kurfürst Max III. Joseph von Bayern Ende Dezember 1777. Kaiser Joseph II. fühlte sich berechtigt, aufgrund verwandtschaftlicher Beziehungen Erbansprüche seines Hauses auf das Kurfürstentum geltend machen zu können. Kurfürst Karl Theodor von der Pfalz aus dem Hause Wittelsbach, legitimer Erbe Bayerns, war bereits mit Österreich übereingekommen, auf Bayern gegen den Tausch der habsburgischen Niederlande zu verzichten. Österreichische Truppen marschierten nun im Frühjahr 1778 in Bayern ein. Der preußische König war, wie die meisten deutschen Territorialfürsten, nicht gewillt, dieses Vorgehen Österreichs vorbehaltlos hinzunehmen. Als Reaktion auf den österreichischen Einmarsch in Bayern, garantierte Friedrich Herzog Karl August von Pfalz-Zweibrücken, Cousin und Erbe Karl Theodors, seinerseits den uneingeschränkten Besitz des Kurfürstentums und ließ seine Truppen am 5. Juli 1778 in Böhmen einmarschieren. Mit dem Bayerischen Erbfolgekrieg begann, wie Maria Theresia befürchtet hatte, eine erneute Auseinandersetzung mit Preußen. Die Österreicher – Joseph war persönlich in Böhmen anwesend – verhielten sich streng defensiv.42 Auch die Preußen wagten keinen Angriff auf die vom Kaiser und von Feldmarschall Laudon gehaltenen Stellungen und mussten sich im Herbst 1778 aufgrund von Verpflegungsschwierigkeiten zurückziehen. In diesem Krieg, bei dem es auf beiden Seiten zu massiven Versorgungsproblemen kam und von daher nennenswerte Kampfhandlungen ausblieben, war es Maria Theresia, die kurz nach dessen Ausbruch auf schnellstmögliche Beendigung der Auseinandersetzung drang. Ihre Initiative wurde dadurch erleichtert, dass Joseph bald zu Beginn des sogenannten „Kartoffelkrieges“ die Nerven verloren hatte. Dieser vierte Krieg zwischen Österreich und Preußen wurde mit dem Frieden von Teschen am 13. Mai 1779 abgeschlossen. Dem Haus Habsburg gelang es, einen durchaus vorteilhaften Frieden auszuhandeln, der in den Erwerb des Innviertels vom rechten Ufer des Inns bei Passau bis zur Salzburger Grenze für Österreich mündete. Preußen hatte im Bayerischen Erbfol- 42 Mikoletzky: Österreich, S. 309 – 311 28 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch gekrieg seine Stellung als Großmacht behaupten können und bekam seine Erbansprüche in Ansbach und Bayreuth zugesichert. In Bayern trat Kurfürst Karl Theodor von der Pfalz die Nachfolge an.43 Die Zielsetzung österreichischer Politik sollte in Zukunft nicht mehr länger in der Wiederherstellung des Gleichgewichts gegenüber Preußen bestehen. Im Mittelpunkt der zweiten Reformperiode, die bald nach Beendigung des Siebenjährigen Krieges begann, stand die Fortsetzung politischer und innerer Reformen. Maria Theresia hatte erkannt, dass eine zentralisierte und von daher effektivere Verwaltung für eine Weiterführung des begonnenen Weges sprach. Obgleich es den Tatsachen entspricht, dass Joseph während der gesamten Koregentschaft die Forderung nach unterschiedlichsten Veränderungen aufrechterhalten hatte, müssen einige der wichtigsten Reformen jener Zeit hauptsächlich dem Drängen Maria Theresias zugeschrieben werden.44 Dies war insbesondere bei dem Ende Dezember 1768 erlassenen neuen Strafgesetzbuch, der „Constitutio Criminalis Theresiana“, der Fall, traf aber auch bei der offiziellen Aufhebung der Folter kraft Resolution der Monarchin vom 2. Januar 1776 zu. Die endgültige Abschaffung vollzog sich jedoch nicht in allen Provinzen konsequent und einheitlich. Das Strafgesetzbuch, das immer noch als übermäßig hart angesehen wurde, hatte den Vorteil, in allen habsburgischen Erblanden – ausgenommen Ungarn – ein einheitliches Strafrecht einzuführen. Inhaltlich war es gänzlich vom überkommenen Recht geprägt. Die „Constitutio Criminalis Theresiana“ sah auch weiterhin ausgesprochen grausame Strafen wie öffentliche Stockschläge, Brandmarken, Hängen und Verstümmeln für Delinquenten vor.45 Auf dem Sektor der Bildung und Wissenschaft markierte die 1760 gegründete „Studien- und Bücher-Zensur-Hofkommission“ den Beginn 43 Ebd., S. 312 – 313 44 Crankshaw: Maria Theresia, S. 335 – 337 45 Ernest von Kwiatkowski: Die Constitutio Criminalis Theresiana: ein Beitrag zur theresianischen Reichs- und Rechtsgeschichte, Innsbruck 1903, S. 39 – 41 29 Einführung einer zentral gesteuerten Bildungspolitik. Die bekannteste Reform Maria Theresias ist hier die am 6. Dezember 1774 erlassene „Allgemeine Schulordnung für die deutschen Normal-, Haupt und Trivialschulen in sämmtlichen Kayserlichen Königlichen Erbländern“, in der die Unterrichtspflicht für Kinder eingeführt wurde. Dies war die erste Maßnahme in Richtung einer verpflichtenden Grundschulbildung für breite Bevölkerungsteile. Die tatsächliche Durchführung war ein langfristiges Projekt, denn es fehlte an Infrastruktur und Lehrpersonal.46 Darüberhinaus kam es auch zu einer Reformierung des Hochschul wesens. Hier wurde der kirchliche Einfluss fortan massiv zurückgedrängt. Große Bedeutung für die weitere Entwicklung hatte in diesem Zusammenhang die im Jahre 1773 auf Grundlage einer päpstlichen Anordnung erfolgte Aufhebung des Jesuitenordens, unter dessen Kontrolle die Universität Wien stand. Die Zuständigkeit für die Hochschulen ging nun in den staatlichen Verantwortungsbereich über.47 Trotz ihrer Ergebenheit der katholischen Kirche gegenüber, verfolgte Maria Theresia doch während ihrer gesamten Regentschaft eine klare Trennung von staatlichen und kirchlichen Angelegenheiten. In der Religionspolitik bestand ihr Streben darin, die Kirche weitestgehend dem Staatswohl und der Staatsräson unterzuordnen. Kirchliche Einrichtungen sollten in verstärktem Maße staatlich kontrolliert werden und die Geistlichen als Diener des Staates fungieren. Die Offenbarung hatte in den Hintergrund zu treten und an ihrer Stelle wurde der Vernunft in der Glaubenslehre eine maßgebliche Rolle zugedacht. Auch durfte die Kirche keinen neuen Grundbesitz erwerben sowie keine weiteren Klöster gründen. Die Zahl der kirchlichen Feiertage wurde reduziert. Während Maria Theresia in der Zeit der Koregentschaft mit grundlegenden Veränderungen noch sehr zurückhaltend vorgegangen war und stets eine Einigung mit dem Papst im Auge hatte, sollte Joseph nach 46 Heinrich Heppe: Geschichte des deutschen Volksschulwesens, Bd. 1, Gotha 1858, S. 78 – 80 47 Peter Stachel: Das österreichische Bildungssystem zwischen 1749 und 1918, in: Karl Acham (Hrsg.): Geschichte der österreichischen Humanwissenschaften, Bd. 1, Wien 1999, S. 115 – 118 30 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch ihrem Tod übereilt handeln und jegliche Rücksichtnahme auf kirchliche Institutionen fallenlassen.48 Als strikte Katholikin und unter Einfluss des Jansenismus49 hatte Maria Theresia es sich zur Aufgabe gemacht, jegliche Formen von „Unsittlichkeit“ in ihrer Residenzstadt Wien zu bekämpfen. Zu diesem Zweck richtete sie als Zweig der Gerichtsbarkeit eine sogenannte „Keuschheitskommission“ mit eigens abgestellten Beamten ein. Fortan sollten diese Agenten vor allem durch Übereifrigkeit auffallen. Die Kommission existierte zwischen 1752 und 1769 in Wien, wobei sie ab Mai 1753 keine eigenständige Behörde mehr war, sondern in die niederösterreichische Kammer integriert wurde. Geahndet und bestraft wurden insbesondere Prostitution, Ehebruch, anstößiges Verhalten jeglicher Art sowie Homosexualität. Leidtragende waren hauptsächlich die Wiener Prostituierten. Bei „Schädigung des Freiers“ oder dessen Ansteckung mit Geschlechtskrankheiten drohten ihnen eklatante Strafen wie das Abschneiden der Haare und Ohren, die Teerung des kahlgeschorenen Kopfes, öffentliches Auspeitschen oder im schlimmsten Fall die Ausweisung per Schiff, dem sogenannten „Temeswarer Wasserschub“, in den südungarischen Banat. Bürger und Adelige, die sich eines „unzüchtigen Vergehens“ schuldig gemacht hatten, wurden, sofern sie nicht mit der Zahlung von Bestechungsgeldern davonkamen, in der Regel zu Geldstrafen verurteilt. Frauen adeliger oder bürgerlicher Herkunft drohte eine mehrjährige Kasernierung in einem Kloster.50 Beeinflusst durch eine ausgeprägte Frömmigkeit wurde Maria Theresias Einstellung in ihren letzten Lebensjahren unablässig konservativer. 48 Ernst Bruckmüller: Sozialgeschichte Österreichs, Wien-München 1985, S. 324 49 Jansenismus, benannt nach Cornelius Jansen (1585 – 1638), Bischof von Ypern, war eine Bewegung in der katholischen Kirche des 17. und 18. Jahrhunderts, die sich auf die Gnadenlehre des Augustinus berief und sündig gewordene Menschen als vollkommen der göttlichen Gnade ausgeliefert ansah. 50 Karl Vocelka: Glanz und Untergang der Höfischen Welt. Repräsentation, Reform und Reaktion im habsburgischen Vielvölkerstaat.(Österreichische Geschichte. Hrsg. von Herwig Wolfram, Bd. 1699 – 1815) Wien 2001, S. 328 31 Einführung Von ihrer einstigen Vitalität und ihrem Tatendrang hatte sie viel eingebüßt. Getragen von einer pessimistischen Grundhaltung, sah sie ihr Lebenswerk durch die Pläne Josephs in zunehmendem Maße gefährdet. So blieb Maria Theresia bis an ihr Lebensende eine Gegnerin etlicher seiner Aktivitäten und Vorhaben. Sie betrachtete sich als Hüterin ihres Werkes mit Sinn für die realen Möglichkeiten, den der „Revolutionär am Kaiserthron“ in seinem Eifer ihrer Ansicht nach oftmals vermissen ließ. Joseph seinerseits fühlte sich in seinem Handlungsspielraum durch die alternde Mutter stark eingeschränkt und kritisierte die konservative Opposition um Maria Theresia.51 Tod und Vermächtnis Es ist fraglich, ob Maria Theresia jemals vollständig von einer Pockenerkrankung im Jahre 1767 wieder genesen konnte, wie Schriftsteller und Geschichtsschreiber des 18. Jahrhunderts behaupteten. Sie litt in den letzten 13 Jahren ihres Lebens an Kurzatmigkeit, Hustenanfällen, Schlaflosigkeit und mitunter Todesangst. Später trat auch noch Gewebewassersucht auf. Zudem fiel ihr das Gehen immer schwerer – ein Zustand, der wohl auch mit ihrer Leibesfülle zu tun hatte.52 Am 24.  November 1780 erkrankte die 63jährige Monarchin allem Anschein nach an einer Erkältung. Ihr Leibarzt, Doktor Störk, hielt ihren Zustand für ernst. Wenige Tage später, am 28.  November, bat sie um die letzte Ölung und am darauffolgenden Tag, gegen neun Uhr abends, starb sie an einer Lungenentzündung im Beisein von fünf ihrer Kinder. Maria Theresia wurde in der Kapuzinergruft in Wien an der Seite ihres Gemahls in einem Sarkophag beigesetzt, den sie noch zu Lebzeiten mit ihren Initialen hatte beschriften lassen. Mit ihr starb das Haus Habsburg aus und wurde von der Linie Habsburg-Lothringen, die sie aufgrund ihrer Heirat mit Franz Stephan von Lothringen begründet hatte, abgelöst. Das Haus Habsburg-Lothringen sollte bis 1918 den Viel- 51 Vacha (Hrsg.): Die Habsburger, S. 313 – 315 52 Crankshaw: Maria Theresia, S. 380 – 381 32 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch völkerstaat Österreich-Ungarn regieren. Kaiser Joseph II., bereits seit 15 Jahren Mitregent der Habsburgischen Kronländer, folgte ihr als König von Böhmen, Ungarn und Kroatien nach.53 Epilog Nach etlichen diplomatischen Mißerfolgen und militärischen Niederlagen in den 1730er Jahren schien Österreich innerhalb des europäischen Mächtespiels an Bedeutung zu verlieren oder sich sogar am Rande des Zerfalls zu befinden. Nach 40jähriger Regierungszeit hinterließ Maria Theresia ein wieder erstarktes Reich, das den Rest Europas das gesamte 19. Jahrhundert hindurch beeinflussen sollte. Sie gab den Kronländern ein leistungsfähiges Verwaltungssystem, das ihnen erlaubte, größtmögliche Eigenständigkeit zu bewahren ohne übermäßige Unterstützung des Mutterlandes Österreich in Anspruch nehmen zu müssen. Die Nachkommen Maria Theresias folgten ihrem Beispiel und setzten die Reformarbeit fort. Der Erwerb des Königreiches von Galizien und Lodomerien gab dem Habsburgerreich einen noch multinationaleren Charakter und sollte letztendlich mit zu dessen Auflösung beitragen.54 Friedrich der Große schrieb über Maria Theresia nach deren Tod: „Diese Frau, die man als einen großen Mann ansehen könnte, hat die schwankende Monarchie ihrer Väter gefestigt.“55 53 Berglar: Maria Theresia, S. 138 54 Heimann: Die Habsburger, S. 110 – 111 55 Friedrich II. von Preußen über Maria Theresia, zitiert nach: Henry Vallotton: Maria Theresia. Die Frau, die ein Weltreich regierte, München 1978, S. 300

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References

Zusammenfassung

Maria Theresia zählt neben Friedrich II. von Preußen zu den bedeutendsten und prägendsten Herrschergestalten der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Mit ihrer Politik wirkte sie entscheidend mit an der Veränderung des „Alten Kontinents“.

Anlässlich des 300. Geburtstags der großen Monarchin schildert Wolf H. Birkenbihl in einer biographischen Darstellung mithilfe von Briefen und Augenzeugenberichten die wichtigsten Meilensteine in Maria Theresias Regentschaft.