Briefe und Augenzeugenberichte in:

Wolf H. Birkenbihl

Maria Theresia, page 33 - 178

Monarchin, Mutter und Mensch

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3919-9, ISBN online: 978-3-8288-6669-0, https://doi.org/10.5771/9783828866690-33

Tectum, Baden-Baden
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33 Briefe und Augenzeugenberichte Die zahlreichen Briefe Maria Theresias und die Berichte von Augenzeugen zeichnen ein vielseitiges Bild ihrer Persönlichkeit und jener Zeit. Zu allen wesentlichen Ereignissen ihrer Epoche wie auch zu ihrer Person äußerten sich Zeitgenossen in Dokumenten, Berichten und Tagebüchern. Freuden und Leiden der Monarchin sowie das Leben bei Hofe im 18. Jahrhundert werden hier lebendig. Die Beobachtungen der Augenzeugen ermöglichen einen „Blick von Außen“ auf das Geschehen. Briefe hingegen vermitteln einen unmittelbaren und oftmals sehr persönlichen Einblick in das Innere, in die Gefühlswelt des Schreibenden. Maria Theresia war eine überaus fleißige Briefschreiberin, die täglich mehrere Stunden an ihrem Schreibtisch verbrachte – meist bei geöffnetem Fenster. Neben der amtlichen und diplomatischen Korrespondenz stand sie auch mit ihren Töchtern, Söhnen und Damen der Gesellschaft in regem Kontakt, denen sie bisweilen ihr Herz ausschüttete. In ihrem Briefwechsel – abseits von Protokoll und Etikette – zeigt sie sich erfreut, besorgt, verärgert oder betrübt. Ihre gesamte Korrespondenz zeichnet sich durch eine auffallende Sachlichkeit, Sinn für das wichtige Detail und den ordnenden Blick der Haus- und Landesmutter aus. Nachfolgend soll eine Auswahl an Briefen, Augenzeugenberichten und Zeitungsartikeln den Lebensweg Maria Theresias in all seinen Facetten nachzeichnen. Aus jedem Regierungsjahr der Monarchin werden Ereignisse unterschiedlichster Art vorgestellt. Wichtigste Originalquellen für eine Vielzahl der edierten Berichte sind das Tagebuch des Fürsten Khevenhüller-Metsch sowie die in Wien erscheinende Zeitung „Wienerisches Diarium“. Alle in französischer Sprache verfassten Schreiben der Erzherzogin liegen hier in deutscher Übersetzung vor. 34 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 1 Brief Maria Theresias an ihren Bräutigam Franz Stephan von Lothringen vom 9. Februar 1736. Gemäß der Sitte des Wiener Hofes befindet sich der Bräutigam in den letzten Tagen vor der Hochzeit nicht am Aufenthaltsort der Braut. Franz Stephan begibt sich nach Preßburg. Der in diesen Tagen entstandene Briefwechsel offenbart, trotz aller Förmlichkeiten, die Innigkeit beider. Durchleüchtigster Herzog, villgeliebter Bräutigamb. Kan nit gnug meine obligation bezeugen vor solche große attentionen, wünschte nur, das es mit weniger ungelegenheit geschehen kunte, und versichere, das Eüer Liebden brief allzeit eine große ehre und freüd verursachen bey derjenigen, die sich rühmt, Eüer Liebden mit großter ergebenheit zu Sein und alle zeit verbleibent Eüer liebden getreüeste braut Maria Theresia Wien dem 9ten Februarij 1736. Adresse: Dem durchleüchtigsten Fürsten Francisco Hertzogen zu Lothringen, meinem villgeliebten bräutigamb.56 56 Brief Maria Theresias an ihren Bräutigam Franz Stephan von Lothringen vom 9. Februar 1736, zitiert nach: Alfred von Arneth: Geschichte Maria Theresia’s, Wien 1870, Bd. 1, S. 357 35 Briefe und Augenzeugenberichte 2 Vom Tod Karls VI. und der Regierungsübernahme Maria Theresias vier Jahre nach der Hochzeit berichtet die in Wien erscheinende Zeitung „Wienerisches Diarium“ am 5. November 1740. Nachdeme es der unerforschlichen Vorsichtigkeit Gottes gefallen den Weil. Allerdurchleuchtigsten Fürsten und Röm. Kaiser auch zu Hispanien Hungarn und Böheim Cathol. Königl. Majestät CARL den Sechsten unsern allergnädigsten Herrn den 20sten dieses aus dem vergänglichen in die Ewigkeit zu übersetzen und andurch Ihrer Königliche Majestät die Allerdurchleuchtigste Fürstin Maria Theresia erst-geborne Erz-Hertzogin zu Oesterreich unsere allergnädigste Frau Frau zur rechtmässigen Erbfolgerin deren gesamten Erb-Königreich und Landen gelanget und dahero ein Hochlöbl. Weil. allerhöchst Kaiserl. Majestät hinterlassener Hof-Kriegs-Raht unterm 21sten gegenwärtigen Monats gnädig verordnet nicht nur die hiesige Garnison sondern auch die gesammten Militar und darzu gehörige Aemter für höchst-gedacht Ihre Königl. Majestät von Stund an in die eidliche Pflicht zu nehmen.57 57 Bericht über den Tod Kaiser Karls VI. und den Regierungsantritt Maria Theresias vom 5. November 1740, zitiert nach: Johann Peter van Ghelen (Hrsg.): Aus Ungarn. Ofen 31. Octob., in: Wienerisches Diarium, Nr. 89 vom 5. November 1740, S. 6 – 7 36 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 3 Der Preußische Gesandte am Wiener Hof, Otto Christoph Graf von Podewils, schildert in seinem diplomatischen Bericht an Friedrich II. vom Januar 1747 die Situation kurz nach Regierungsantritt Maria Theresias rund sieben Jahre zuvor und entwirft zugleich ein Charakterbild der Monarchin (Original französisch). Bei ihrer Thronbesteigung fand sie das Geheimnis, sich die Liebe und Bewunderung aller Welt zu erringen. Ihr Geschlecht, ihre Schönheit, ihr Ünglück trugen nicht wenig dazu bei, daß die Lobeserhebungen, an denen die vom Hofe besoldeten Journalisten nicht sparten, günstig aufgenommen wurden, Sie nahm sich in acht und zeigte sich nur von der guten Seite, leutselig, fromm, freigiebig, wohltätig, volkstümlich, mutig, hochherzig, gewann sie sich bald die Herzen ihrer Untertanen, die sich die Regungen der Zuneigung, welche sie anfangs für den verstorbenen Kaiser Karl VII., den ehemaligen Kurfürsten von Bayern, empfunden hatten, als Verbrechen vorwarfen. Sie gab jedem Audienz und las selbst die Bittschriften, kümmerte sich um die Rechtspflege, ließ sich die Regierungsgeschäfte angelegen sein, bedachte den einen mit guten Worten, den anderen mit einem Lächeln oder einer verbindlichen Wendung, machte ihre abschlägigen Antworten erträglich, gab großartige Versprechungen, trug äußerste Frömmigkeit zur Schau, indem sie oft sagte, sie werde all ihr Vertrauen auf Gott setzen, ehrte die Geistlichkeit, bezeugte viel Ehrfurcht vor der Religion, kehrte ihre Liebe zu den Armen hervor, gründete Hospitäler, verteilte Gelder unter die Soldaten, liebte den Prunk, ließ Schauspiele aufführen, sprach selbst in der Versammlung der Landstände, indem sie sich in erhabener und rührender Weise über ihre Lage verbreitete, und beklagte sich über das Unglück, in das ihre Feinde sie gestürzt hätten, nannte sich untröstlich (Lieblingsausdruck), wider ihren Willen gezwungen zu sein, ihre Widerwärtigkeiten mit ihren treuen Untertanen teilen zu müssen, versprach, bei Gelegenheit den Eifer eines jeden zu belohnen, versicherte den Ungarn, ihre alten Vorrechte wiederherstellen und bestätigen und ihren alten Beschwerden abhelfen zu wol- 37 Briefe und Augenzeugenberichte len, trug Geistesstärke zur Schau, bot ihrem Unglück Trotz und versuchte, durch ihren Mut ihren Untertanen solchen einzuflößen. Man hörte nur Lobeserhebungen über diese Fürstin.58 58 Aus dem diplomatischen Bericht von Otto Christoph Graf von Podewils vom 18. Januar 1747, zitiert nach: Carl Hinrichs (Hrsg.): Friedrich der Grosse und Maria Theresia. Diplomatische Berichte, Berlin 1937, S. 39 – 42 38 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 4 Schreiben Maria Theresias an den Staatssekretär Johann Christoph von Bartenstein. Undatiert, Ende Juni 1741. Die ungarischen Stände sichern nach Landtagsbeschluss ihrer am 25. Juni in Preßburg gekrönten Königin militärische und finanzielle Hilfe im Kampf um das väterliche Erbe zu. Die ungarischen Stände haben mir einstimmig mit großem Applaus ein Regal von einmalhunderttausend Gulden accordirt. Es war allzeit gebräuchlich, aber nicht so viel und nicht mit solchem Applaus. Weil selben heute oder morgen kommen dürfte, so möchte ich eine lateinische Anrede (haben), wo ich sowohl meine Erkenntlichkeit für die Willfährigkeit, als auch versichern, daß ich für Alles, was sie in dieser Diät noch für mich bezeigt, mich gewiß erkenntlich (zeigen), und auch versichern, daß ich in den jetzigen Zeiten einen guten Gebrauch (davon) machen werde. Dies könnte besser und gnädiger gesetzt werden.59 59 Schreiben Maria Theresias an Johann Christoph von Bartenstein von Ende Juni 1741, zitiert nach: Alfred von Arneth (Hrsg.): Briefe der Kaiserin Maria Theresia an ihre Kinder und Freunde, Wien 1881, Bd. 4, S. 225 39 Briefe und Augenzeugenberichte 5 Schreiben Maria Theresias vom Dezember 1741 an den obersten Kanzler von Böhmen, Philipp Joseph Graf Kinsky (Original französisch). Die Königin von Böhmen zeigt sich nach der Eroberung Prags durch Kurfürst Karl Albrecht von Bayern am 26. November 1741 entschlossen, das Land wiederzugewinnen. So ist denn nun Prag verloren, und die Folgen werden noch schrecklicher sein, wenn man nicht auf drei Monate für den Unterhalt der Truppen zu sorgen vermag. Denn aus Oesterreich etwas zu beziehen, daran ist nicht zu denken, und auch aus Ungarn ist vor drei Monaten nichts zu erlangen; ja selbst dann ist es noch ungewiß. Jetzt endlich, Kinsky, ist der Augenblick gekommen, in welchem man Mut zeigen muß, um sich das Land zu erhalten und mit ihm die Königin, denn ohne dasselbe wäre ich nur eine arme Fürstin. Mein Entschluß ist gefaßt, Alles aufs Spiel zu setzen und zu verlieren, um mir Böhmen zu retten, und auf dieses Ziel müssen Euere Bemühungen, Euere Maßregeln gerichtet sein. Alle meine Heere, alle Ungarn sollen eher vernichtet werden, als daß ich irgend etwas abtrete. Der kritische Augenblick ist endlich da; schonet das Land nicht, um es zu erhalten. Helft dazu, daß der Soldat zufrieden gestellt werde und nichts entbehre; Ihr kennt in noch höherem Maße als ich die Folgen davon. Unterstützt meinen armen Gatten, der sich eben so sehr für die Truppen wie für das Land härmt, der versichert, daß die Ersteren Alles leisten, was sie nur vermögen, daß ihr Zustand ihn mit Mitleid erfüllt, und daß, was man vom Lande nicht freiwillig erlangen kann, man nehmen muß. Ihr werdet sagen, daß ich grausam sei. Es ist wahr; ich weiß aber auch, daß alle die Grausamkeiten, welche ich jetzt begehen lasse, um mir das Land zu erhalten, hundertfältig zu ersetzen im Stande sein werde. Das will ich tun; jetzt aber verschließe ich mein Herz dem Mitleid. Ich verlasse mich auf Euch; Ihr wißt, daß ich in Euch mein Zutrauen gesetzt habe, wie sehr es mir angenehm war, daß Ihr Euch zur Armee verfügtet. Ich schmeichle mir, daß dies nicht fruchtlos sein soll und daß, nachdem ich fortwährend unglücklich gewesen, Gott mir endlich seinen Segen geben wird. Ich bin etwas niedergeschlagen, und Alles, was sich auf die jetzige Lage der Dinge bezieht, ergreift mich sehr, ja für meinen gegenwärtigen Zustand in allzu hohem Maße. Ich beklage das 40 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch Schicksal von Euch Allen, die ich unglücklich mache, und dies ist vielleicht mein größter Schmerz; aber Ihr werdet wenigstens immer in mir ein dankbares Herz haben und finden, und ich bin Therese.60 60 Schreiben Maria Theresias an Philipp Joseph Graf Kinsky vom Dezember 1741, ziziert nach: Friedrich Walter (Hrsg.): Maria Theresia. Briefe und Aktenstücke in Auswahl, Darmstadt 1968, S. 27 – 28 41 Briefe und Augenzeugenberichte 6 Während einer Probe für das legendäre Damenkarusell in der Wiener Hofreitschule wird Maria Theresia am 29. Dezember 1742 die Nachricht vom bevorstehenden Entsatz Prags durch österreichisch-ungarische Truppen überbracht. Der kaiserliche Obersthofmeister Johann Josef Fürst von Khevenhüller-Metsch schildert diesen Moment in seinem Tagebuch. Den 29., als I. M. die Königin sich eben auf der Reutschull befanden, kamme ein Post-Officier und überbrachte I. Kö. H. ein Schreiben von des Fürsten v. Lobkowitz altesten Herrn Sohn, Fürst Carl, welcher Obrist-Wachtmeister von dessen Regiment ist und zu Langen Enzerstorff auf die Erlaubnus wartete, wegen der glücklichen Recuperierung Prag, einrucken zu dörffen. I. M. hatte die allerhöchste Gnad und gestatteten, daß mann dem zuschauenden Adl und übrigen Volck dise gutte Zeitung kund machen dörffen, worauf sich dann ein ungemeines Jubelgeschrei erhoben und alles zur Reutschull hinausgeloffen, um den einreuttenden Currier, welchem 6 blasende Postillionen und zwei Postmeister erlaubet wurden, nicht zu verfählen; die anwesende Dames und Cavalliers nahmen sogleich die Freiheit, I. M. nebst unterthänigem Handkuß ihre Gratulation abzulegen, so auch dieselbe allergnädigst an- und aufgenohmen und mir sogleich anbefohlen, das gehörige zu verordnen, damit den folgenden als Sonntag das Te Deum Laudamus zu St. Stephan gehalten und zugleich kleine Gala und Appartement* angesagt werde; welch alles auch anbefohlener Massen befolget worden ist.61 * Nutzung bestimmter Räumlichkeiten der Hofburg bei höfischen Festlichkeiten. 61 Aus dem Tagebuch des Fürsten Johann Josef Khevenhüller-Metsch vom 29.  Dezember 1742, zitiert nach: Rudolf Graf von Khevenhüller-Metsch, Hanns Schlitter: (Hrsg.): Aus der Zeit Maria Theresias. Tagebuch des Fürsten Johann Josef Khevenhüller-Metsch, Kaiserlichen Obersthofmeisters 1742 – 1776, Bd. 1, Leipzig-Wien, S. 113 – 114 42 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 7 Bereits am 2. Januar 1743 findet das Damenkarusell aus Anlass der Wiedergewinnung Prags in der Hofreitschule statt. Die Zeitung „Wienerisches Diarium“ berichtet am 5. Januar 1743 von diesem Ereignis. Gestrichenen Mittwoch den 2ten dieses haben Sich Vor-mittag nach 10. Uhr Ihre Majestät die Königin unsere Allergnädigste Frau und Landes-Fürstin mit der Durchlgsten Erz-Herzogin Dero Frauen Schwester Maria Anna und unterschiedlichen Hof- und Staats-Damen wie auch hohen Herren Cavaliers in prächtigsten Kleidungen über den Gang nach Dero Winter- Reitschul verfüget und daselbst ein herrlich angeordnetes Carossel zu Pferd und in sogenannten Piroccien unter zweyfachen Chor Trompeten und Pauken gehalten wobey an Kleidungen/ Geschmuk/ Bedienten/ Pferd-Geschirren und Piroccien ein ungemein Majestätischer Pracht zu sehen ware und bis 2. Uhr Nach-mittag daurete da sodann Ihre Majest. die Königin samt Dero Hoch-Adelichem Gefolg aus der bedeuter Reit-Schul einen schönster Ordnung nach Dero Burg gehalten was selbsten Ihre Königl. Majestät denen hohen Standes-Personen so bey dem Carossel gewesen in der Ritter-Stuben ein herrliches Tractament* gegeben und mit denenselben bey einer auserlesenen Musik offentlich gespeiset. Des Abends wurde in Allerhöchst widerholt Ihrer Majestät der Königin zweyten Antecamera ein herrlicher Ball gehalten wobey auch höchst-gedachter Königl. Herr Ehe-Gemahl wie auch Ihre Durchl. Prinz Carl mit dem übrigen hiesigen hohen Adel erschienen.62 * franz. tractament – feierliches Gala-Diner 62 Bericht über das Damenkarusell in der Wiener Hofreitschule am 2. Januar 1743, zitiert nach: Ghelen (Hrsg.): Wien 5.  Januarii. 1743, in: Wienerisches Diarium, Nr. 2 vom 5. Januar 1743, S. 7 43 Briefe und Augenzeugenberichte 8 Am 12. Mai 1743 findet die Krönung Maria Theresias zur Königin von Böhmen in Prag statt. Fürst Khevenhüller-Metsch beschreibt die Aufmachung der Monarchin an jenem Tag in seinem Tagebuch. Den 12. als den zur Crönungs actu benanten Tag ward bereits um halb 7 Uhr Ordonnanz gegeben. Nach siben Uhr waren I. M. schon völlig angekleidet. Sie hatte eine drap d’argentene Robe oder Hoff Kleid an und den Kopf nach jeziger Mode (da die Frauen keine lange Haare mehr wie vorhin tragen, sondern selbe ganz kurtz abschneiden und fast gleich einem Abbé Paröckl um und um en boucles und so benammst Marron* legen lassen) gekrauset, aber ohne Geschmuck und Hauben, weillen die Cron darauf zu kommen hatte.63 * franz. marron – Schlag 63 Aus dem Tagebuch des Fürsten Khevenhüller-Metsch vom 12. Mai 1743, zitiert nach: Khevenhüller-Metsch, Schlitter (Hrsg.): Aus der Zeit Maria Theresias, Bd. 1, S. 144 44 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 9 Maria Theresias Verhältnis zu Böhmen bleibt während ihrer gesamten Regierungszeit eher distanziert. Sie vermag dem Land die Kooperation mit Bayern nicht zu verzeihen. Über den Krönungstag berichtet das Blatt „Wienerisches Diarium“ in seiner Ausgabe vom 22. Mai 1743. Worauf dann die Krönung ihren Anfang nahme welche Ihro Fürstl. Gnaden Hr. Bischof von Ollmütz Herzog der Königlichen Böheimischen Kapelle und Graf von Liechtenstein unter 3maliger Ablösung 115. canonen und so vielfachen Salve aus dem kleinen Gewehr vollzoge. Nach der zum höchsten Vergnügen und allgemeinen unaussprechlichen Trost vollbrachter Königl. Krönung erhuben sich Ihre Königl. Majestät aus der Kirchen mit aufgehabter Königl. Böheimischer Kron und haltenden Scepter über den hierzu bereitetem und ebenfalls mit weiß- und roten Tuch bedeckten Gang unter ungemeinen freudenreichen Zuruffen Vivat Maria Theresia! nach dem grossen Saal und retirirten sich bis zur Tafels-Zeit in die grosse Land-Stuben. Um die 12te Stund geruheten Allerhöchst Dieselben mit Dero Eh-Gemahls Königl. Hoheit und dem Hrn Confecratore, unter Trompeten und Pauken- Schall sich unter einem von Gold-Stuk-reichen Baldachin zur Tafel niederzulassen und bey einer virtuosen Vocal- auch Instrumental-Musik die Speisen einzunehmen; da dann auch die Herren Obristen Land-Officiers mit ihren geladenen Gästen die für sie in eben demselben Saal zubereitete 12. Tafeln besetzten.64 64 Bericht über die Krönungsfeierlichkeiten Maria Theresias in Prag am 12. Mai 1743, zitiert nach: Ghelen (Hrsg.): Extra-Blat (zu Num. 41.) 22. Maji. 1743, in: Wienerisches Diarium, Nr. 41 vom 22. Mai 1743, S. 14 45 Briefe und Augenzeugenberichte 10 Schreiben Maria Theresias an den Staatskanzler Anton Corfiz Graf Uhlfeld vom 31.  Juli 1743. Die ablehnende Haltung der Monarchin gegenüber England und dessen Gesandten, Sir Thomas Robinson, wird hier nur allzu deutlich. Ihr vorrangiges Ziel besteht in einer Einigung mit Frankreich. Dies Entretien ist sehr captios, habe mir aber niemals was Besseres eingebildet, nachdem mit ihm* geredet und er ein air de satisfaction spüren lassen, denn von ihm dies Gesicht kenne, wenn er was Übles anzubringen hat, und habe es leider nur genug gesehen. Ich bleibe dabei, daß in solchen gro- ßen Sachen eine geschwinde Resolution das einzige Mittel, und habe mich auch nur von denen, die also genommen, gut befunden. Mit Frankreich war ich allzeit der Meinung, die Sache mehr zu cultiviren und nicht also in Abschlag zu bringen, welches aber leider für eine besondere Vivacität gehalten worden; ich wünsche mich betrogen zu haben. Heut Abends kann er kommen, um mehr davon zu reden. Ich bleibe dabei, daß kein anderes Mittel als unsere Affairen allein auszumachen, coûte qu’il coûte, et avec le plus raisonnable.65 * Sir Thomas Robinson (1703 – 1777), britischer Gesandter am Wiener Hof. 65 Schreiben Maria Theresias an Anton Corfiz Graf Uhlfeld vom 31. Juli 1743, zitiert nach: Arneth (Hrsg.): Briefe, Bd.4, S. 184 46 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 11 Schreiben Maria Theresias an Staatskanzler Graf Uhlfeld vom 12. September 1743. Die Monarchin äußert sich besorgt über die ungünstige militärische Lage, die auch den Oberbefehlshaber der österreichischen Armee in Bayern, Feldmarschall Ludwig Andreas Graf Khevenhüller, jeglicher Hoffnung zu berauben scheint. Die Sache ist schlecht. Der Brief vom Prinzen* schreckt mich fast noch mehr, gleich an Frieden zu denken, der Bruch der Neutralität desgleichen, wo auch alle Truppen nicht a temps kommen werden und Bernklau** gewiß was anstellen wird. An Ingolstadt ist gar nicht mehr zu denken; der Verschmach des Khevenhüller sieht überall heraus.66 * Herzog Karl Alexander von Lothringen (1712 – 1780), jüngerer Bruder Franz Stephans und österreichischer Feldmarschall. ** General-Feldwachtmeister Johann Leopold Freiherr von Bernklau (1700 – 1746). 66 Schreiben Maria Theresias an Graf Uhlfeld vom 12. September 1743, zitiert nach: Arneth (Hrsg.): Briefe, Bd. 4, S. 186 47 Briefe und Augenzeugenberichte 12 Trotz der auch weiterhin schlechten militärischen Lage begibt sich der Hof am Vortag des Geburtstages Maria Theresias, am Nachmittag des 12. Mai 1744, in die Sommerresidenz Schloss Schönbrunn. Fürst Khevenhüller-Metsch hält die Einzelheiten in seinem Tagebuch fest. Gegen 4 Uhr fuhren die Herrschaften hinaus auf Schönbrunn allwo gegen 6 Uhr die Kaiserin Frau Mutter auch eingetroffen und einer kleinen Music di camera, so in einigen von denen unlängst aus Dresden angelangten dortigen Capellmeistern Hasse oder so genannten Sassone, seiner Gemahlin, der berühmten Faustina und dem renommirten Tenoristen Amorevole gesungenen Arien bestanden, beigewohnet. Weillen die Music im Spigl Zimmer gehalten worden, so ware von Männern niemand dann der Kaiserin Obrist Hoffmeister Graff Königsegg und Music Director Graff Losi im Zimmer zugegen; es wurden aber auch von Weibern sehr wenige, und zwar nur die beide Obrist Hoffmeisterinnen Gräffinnen von Paar und Fuchsin*, nebst diser letzteren zweien Töchtern und die Fürstinnen v. Lobkowitz und Lamberg admittiret und die Thür des Spiegl Zimmers sofort zugeschlossen. Aus besonderer Gnad erlaubten I. M. dem Fürsten v. Auersperg und mir, daß wir aus dem an das Spiegl Zimmer anstossenden grünen Cabinet der Music zuhören dörffen. Nach vollendeter Music und als es genugsam finster worden, wurde der Bal in dem Saal, welcher wie auch der Garten ganz sonderbahr illuminiret ware, angefangen, und zwar von der Königin mit dem Herzog auf einer Seiten und auf der anderen au second rang von mir mit der kleinen Frauen Maria Anna** eröffnet. Der Bal dauerte biß 12 Uhr und wurde sodann auf drei Tischen, die deren größeren die Herrschaften selbsten nebst denen Vornehmeren von Adl sich befanden soupiret.67 * Reichsgräfin Maria Karolina von Fuchs-Mollard (1681 – 1754), Erzieherin und Obersthofmeisterin am Wiener Hof. ** Zweitälteste Tochter Maria Theresias. 67 Aus dem Tagebuch des Fürsten Khevenhüller-Metsch vom 12. Mai 1744, zitiert nach: Khevenhüller-Metsch, Schlitter (Hrsg.): Aus der Zeit Maria Theresias, Bd. 1, S. 218 – 219 48 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 13 Brief Maria Theresias an ihre Schwester Marianne vom 21. Oktober 1744 (Original französisch). Das Verhältnis zu ihrer jüngeren Schwester, die mit Herzog Karl von Lothringen, dem Bruder Franz Stephans, verheiratet ist, zeichnet sich durch tiefe Verbundenheit aus. Niemals habe ich und haben wir alle einen 20. Oktober* mit solcher Freude und solchem Vergnügen verlebt wie den gestrigen, an welchem Tage uns diese glückliche Stafette** auf den Gipfel der Freude versetzt hat. Aber niemals wurde ein 19. Oktober verbracht wie dieser, und ich weiß nicht, wie ich noch zu atmen vermag. Ich will Ihnen nicht schmeicheln, aber die Bestürzung war so groß wie bei dem Tode des Kaisers und die Stadt ist wie toll geworden, als man gestern mitteilte, daß Sie fast außer Gefahr seien. Die heutige Bestätigung davon hat uns mit Freude erfüllt, auch ich bin wieder hierher (nach Schönbrunn) gekommen, denn die letzten acht Tage blieb ich in der Stadt, indem ich niemand zu sehen verlangte. Ich bin neuerdings entzückt von meinem Gemahl, er ist anbetungswürdig. Aber ich bin es nicht weniger von dem Ihrigen. Nicht allein seine Briefe, sondern alle, welche von der Armee kommen, können nicht genug seine Verzweiflung schildern. Er vermochte sich nirgends zu zeigen, indem ihm fortwährend die Tränen in den Augen standen; es war aber, wie er es sein sollte. Seine Danksagungen für die günstgen Nachrichten beweisen die Lebhaftigkeit seiner Liebe, die er nicht tief genug zu empfinden vermag, wie er Gott nicht genug bewundern und loben kann, daß er Sie uns erhalten hat. Denken wir jetzt nur an Ihre Wiederherstellung und versenken wir uns nicht in traurige Betrachtungen. Gewiß wird Gott uns helfen, denn er hat uns auch bei diesem Anlasse wieder gezeigt, daß er uns nur auf die Probe stellen will. Nehmen Sie sich kein Beispiel an mir, denn ich war immer nur zu glücklich bei meinen Entbindungen, mehr als ich es verdiente.68 * Todestag Kaiser Karls VI. ** Nachricht von der Besserung des Gesundheitszustandes der Erzherzogin nach deren Entbindung von einem toten Kind. 68 Brief Maria Theresias an ihre Schwester Marianne vom 21. Oktober 1744, zitiert nach: Arneth: Geschichte Maria Theresia’s, Bd. 2, S. 452 – 453 49 Briefe und Augenzeugenberichte 14 Brief Maria Theresias an ihren designierten Leibarzt Gerard van Swieten vom 8.  Januar 1745 (Original französisch). Trotz aller Bemühungen war es ihm nicht gelungen, das Leben Mariannes zu retten. Sie war am 16. Dezember 1744 gestorben. Der niederschmetterndste Schlag, den der liebe Gott in diesem Augenblick über mich ergehen lassen konnte, ist der Verlust meiner Schwester. Die zärtliche Liebe, mit der ich ganz meiner Familie lebe, läßt mich ihn täglich schwerer empfinden, und die Zeit, die solche Verluste sonst heilt, wird ihn nur noch verschärfen. Meine Gesundheit hat diesem wie so vielen anderen Schlägen standgehalten, und obgleich ich schon im neunten Monat meiner Schwangerschaft bin, fühle ich mich so wohl, wie man es nur verlangen kann. Ich erkenne in mir deutlich Gottes Fügung, der mich in seiner großen Gnade erhält, damit ich den Weg der Widerwärtigkeiten, des Schmerzes und der Tränen wandle, den er mir vorgezeichnet hat. Ich unterwerfe mich ihm gern und erwarte die Belohnung erst im Jenseits, denn in den gro- ßen Unglücksfällen meiner Regierung hatte ich nur den einen süßen Trost, nämlich die Einsetzung dieser beiden Häuser, welche sich gegenwärtig zur Stütze dienen sollten, und zwar mehr zum Wohl der Staaten als zum Ruhm unserer Nachkommenschaft. Ich habe gehofft, daß diese unschuldigen Wünsche der Trost meines Alters sein würden, aber Gott hat es anders beschlossen. Willig opfere ich ihm diese einzige Annehmlichkeit, die ich mir bereitete. Sie hatten nur wenig Zeit, um, ich kann sagen, diese erlauchte Prinzessin kennenzulernen, umsomehr werden Sie mich beklagen, aber da ich Gott dieses Opfer dargebracht habe, will ich nicht mehr davon sprechen und es ihm ganz weihen. Ich fühle mich nur verpflichtet, Ihnen meine lebhafte Anerkennung für Ihre große Sorgfalt und die Dienste, die Sie ihr geleistet haben, zu bezeigen; ich bin sehr zufrieden damit. Die Mäßigung und Anhänglichkeit, die Sie nicht nur im Dienst meiner Schwester, sondern auch im Ertragen und Nachgeben der Launen Engels* bewiesen haben, der um seiner selbst willen zu beklagen ist und der sich nur selbst schadet, hat mir so viel Hochachtung vor Ihrem persönlichen Charakter eingeflößt, daß ich Ihnen sogar über Ihren Wirkungskreis hinaus einen großen Teil meines Vertrauens und meiner Freundschaft schenke. Man kann ja nich genug solche Leute für die Umgebung eines Fürsten suchen und muß glücklich sein, welche zu fin- 50 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch den; dadurch hoffe ich, Sie darüber beruhigt zu haben, daß dieser Unglückliche Ihnen gewiß keinen Kummer mehr machen wird, lassen Sie das meine Sorge sein; aber meine größte wäre es, wenn ich glauben müßte, Sie jener süßen Ruhe entrissen zu haben, welche Sie genossen und die das einzige wirkliche Glück dieser Welt ist; ich fürchte nur die Gefühle und die Voreingenommenheit, der sich vielleicht Ihre Gattin hingibt, die weniger philosophisch und zarter in ihren Gefühlen und daher den ersten Eindrücken zugänglicher ist. Aber ich kann Sie noch einmal versichern, daß ich lieber mein eigenes Interesse opfern werde, als Sie unglücklich zu machen; und so sehr ich auch wünsche, Sie bald hier zu sehen, so sehr gebe ich Ihnen alle Ungebundenheit und Freiheit, es zu unternehmen, noch hinaus zuschieben oder mir ganz abzuschlagen, wenn Sie glauben, sich nicht überwinden zu können; letzteres würde mich schmerzen, aber auch dieses Opfer würde ich Ihrer Ruhe bringen und stets dieselbe bleiben. Maria Theresia.69 * Bisheriger Leibarzt Maria Theresias, Dr. Engel. 69 Brief Maria Theresias an ihren zukünftigen Leibarzt Gerard van Swieten vom 8. Januar 1745, zitiert nach: Arneth: Geschichte Maria Theresia’s, Bd. 2, S. 565 – 566 51 Briefe und Augenzeugenberichte 15 Nach der Schlacht bei Hohenfriedberg in Schlesien am 4. Juni 1745, die zugunsten Preußens ausgeht, bleibt die militärische Lage für Maria Theresia äußerst prekär. Das Blatt „Wienerisches Diarium“ berichtet in seiner Ausgabe vom 23. Juni 1745 über die Geschehnisse. Gestern gegen Abend langte Ihro Majest. des Königs* General-Adjutant Graf von Nostiz von der Armee aus Schlesien kommend alhier** an mit der Nachricht daß am letzt-verwichenen 4. dieses fruhe vor Anbruch des Tages eine blutige Action zwischen denen Königl. Hungarisch-Böheimischen und denen Auxiliar-Truppen ingleichen der Preußischen Armee unweit Strigau vorgefallen. Es seynd dabey verschiedene Generals und andere Officiers insonderheit von Cavallerie theils getödtet und theils verwundet worden; wovon man die Listen nebst weiterem Bericht von denen dabey vorgefallenen Umständen mit nächstem gegenwärtig ist.70 * Kürfürst Friedrich August II. von Sachsen (1696 – 1763), als August III. König von Polen. ** Dresden 70 Bericht über das Aufeinandertreffen ungarisch-böhmischer und preußischer Armeen bei Hohenfriedberg am 4.  Juni 1745, zitiert nach: Ghelen (Hrsg.): Dresden 7. Jun., in: Wienerisches Diarium, Nr. 50 vom 23. Juni 1745, S. 4 52 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 16 Von dem ganzen Ausmaß der Niederlage bei Hohenfriedberg erfährt der Wiener Hof erst Tage später. Fürst Khevenhüller-Metsch hält die Ereignisse vom 11. Juni 1745 in seinem Tagebuch fest. Den 11. kamme endlichen fruh um 6 Uhr der solang erwartete Detaglio* der leztern saubern Action an, welchen ein Haubtmann von des Printz Carl Regiment, Herr v. Frauendienst überbracht, und gegen Mittag folgte eine Staffetta, worauf dann endlichen ein mehreres von der unglücklichen Niderlag bekannt und beiliegende Relation hiervon herausgegeben wurde. Obwollen nun ein und anderer Umstand, um die Reputation des Commando zu salviren, nothwendigerweis in etwas aufgebutzet werden müssen und mann die unterloffene, so gar grob und handgreifliche Fähler und Confusionen möglichst zu bedecken gesucht, so kunte mann doch die Mäuler denen Leuthen nicht stopffen, welche ganz offentlich über den Printzen und dessen Unerfahrenheit scalirten und darüber absonderlich schmäleten, daß ihme keine General zur Seiten gegeben worden.71 * ital. dettaglio – Detail 71 Aus dem Tagebuch des Fürsten Khevenhüller-Metsch vom 11.  Juni 1745, zitiert nach: Khevenhüller-Metsch, Schlitter (Hrsg.): Aus der Zeit Maria Theresias, Bd. 2, Wien-Leipzig 1908, S. 63 – 64 53 Briefe und Augenzeugenberichte 17 Nach dem Tod Karls VII. zu Beginn des Jahres 1745 wird Franz Stephan von Lothringen vom Kurfürstenkolleg am 13. September 1745 in Frankfurt am Main zum neuen Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation gewählt. Die Zeitung „Wienerisches Diarium“ berichtet am 22. September 1745 von dieser Wahl. Heute ist die Wahl eines Röm. Königs zum künftigen Kaiser vorgenommen, und nach dem sehnlichen Wunsch, und zum höchsten Vergnügen aller patriotisch-gesinnten, die Ruhe, den Frieden, die Sicherheit, und Wolfahrt des Röm. Reichs liebenden Einwohnern, und sonderlich dieser getreuesten freyen Reichs-Stadt, auf die Liebens-und Verehrungs-würdigste höchste Person des Durchlgsten Fürsten, und Herrn, Herrn Francisci Stephani, Herzogen von Lothringen, und Barr, Groß-Herzogen von Toscana, und Königl. Hungarisch Böheimischen Mit-Regenten, durch einhellige Stimmen des höchsten Churfürstl. Collegii ausgefallen. Nachdeme des Morgens um 6. Uhr die grosse Gloke von 6. bis 7. geläutet, die Burgerschaft, und die Stadt-Garde die gewöhnliche Plätze, und zwar diese auf dem Römer-Berg, Lieb-Frauen-Berg, und Gar-Küchen-Platz eengenommen, und darauf Se. Churfürstl. Gnaden von Mainz, als erster Churfürst, Erz-Canzler, und Director des höchsten Churfürstl. Collegii nur denen vortrefflichen Herren Wahl-Gesandten sich Vor-mittag um 9. Uhr auf dem Römer versammelt hatten, fienge der Zug nach dem Dom in der gewöhnlichen Ordnung, und mit denen gewöhnlichen Solennitäten*, und Ceremonien um 11. Uhr an, und ritten die höchste Herren Wählende auf denen schönsten und mit der kostbaresten Ausrüstung gezierten Pferden in ihrem gewöhnlichen Wahl- Habit bis an die Dom- oder St. Bartholomai-Kirche, da sie von denen Pferden stiegen, und sich in das Wahl-Conclave verfügten. So bald um halb 3. Uhr der höchst-erwünschte Ruf erschallete, daß höchst-gedachter Fürst zum Röm. König und künftigen Kaiser erwehlet worden, wurden alle Gloken in der Stadt geläutet und 100. Stüke von denen Wällen abgefeuert, auch die ganze Stadt mit solcher Freude angefüllet, die mit keiner Feder zu beschreiben, und ruften Alte und Junge, die Armen wie die Reichen unaufhörlich aus: Vivat Franciscus I. erwählter Röm. Kaiser.72 * Feierlichkeiten 72 Bericht über die Wahl Franz Stephans von Lothringen zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches am 13. September 1745 in Frankfurt am Main, zitiert 54 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 18 Die Krönung Franz Stephans zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches findet am 4. Oktober 1745 in Frankfurt am Main statt. Johann Wolfgang von Goethe hält die Eindrücke von Zeitgenossen, wie diese ihm als Jugendlichem berichtet worden sind, in seiner Autobiographie „Aus meinem Leben: Dichtung und Wahrheit“ fest. Ältere Personen, welche der Krönung Franz des Ersten beigewohnt, erzählten: Maria Theresia, über die Maßen schön, habe jener Feierlichkeit an einem Balkonfenster des Hauses Frauenstein, gleich neben dem Römer, zugesehen. Als nun ihr Gemahl in der seltsamen Verkleidung aus dem Dome zurückgekommen und sich ihr sozusagen als ein Gespenst Karls des Großen dargestellt, habe er wie zum Scherz beide Hände erhoben und ihr den Reichsapfel, den Zepter und die wundersamen Handschuh hingewiesen, worüber sie in ein unendliches Lachen ausgebrochen; welches dem ganzen zuschauenden Volke zur größten Freude und Erbauung gedient, indem es darin das gute und natürliche Ehgattenverhältnis des allerhöchsten Paares der Christenheit mit Augen zu sehen gewürdiget worden. Als aber die Kaiserin, ihren Gemahl zu begrüßen, das Schnupftuch geschwungen und ihm selbst ein lautes Vivat zugerufen, sei der Enthusiasmus und der Jubel des Volkes aufs höchste gestiegen, so daß das Freudengeschrei gar kein Ende finden können.73 nach: Ghelen (Hrsg.): Frankfurt 13. Sept., in: Wienerisches Diarium, Nr. 76 vom 22. September 1745, S. 5 73 Beschreibung der Krönungsfeierlichkeiten Kaiser Franz I. Stephan am 4. Oktober 1745 in Frankfurt am Main, zitiert nach: Johann Wolfgang von Goethe: Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit, Bd. 1, Tübingen 1811, S. 478 – 479 55 Briefe und Augenzeugenberichte 19 Schreiben Maria Theresias an den Hofkammerpräsidenten Johann Franz Graf Dietrichstein. Undatiert, Ende Dezember 1745. Nach Abschluss des Dresdner Friedens mit Preußen am 25. Dezember 1745 beordert die Königin eine Reihe von Truppenverbänden aus dem Reich nach Italien. Nach dem unglücklichen Frieden mit Preußen ergehen gleich die Befehle, daß von der Armee im Reiche fünf Infanterie-, vier Cavallerie-, zwei Husaren-Regimenter nach Italien unter Commando des Browne* marschiren sollen. Desgleichen, aber später, werden wohl noch sieben Infanterie- Regimenter aus Böhmen folgen. Dies ist also durch Courier auch dem Summerau** heut noch zu berichten, damit wegen der Lebensmittel Vorkehrung geschehe, denn es muß sein; auch kann es mit der Kanzlei, wenn es nöthig, concertirt werden. Von hier kann man kein Geld schicken, von darinnen aber können sie es nehmen, wo sie wollen, auch aus dem Camerale, aber es hierher berichten.74 * Maximilian Ulysses Reichsgraf von Browne (1705 – 1757), österreichischer Feldmarschall. ** Carl Thaddäus von Summerau (1697 – 1771), Vize-Hofkanzler von Oberösterreich (Tirol und die Vorlande). 74 Schreiben Maria Theresias an Johann Franz Graf Dietrichstein von Ende Dezember 1745, zitiert nach: Arneth (Hrsg.): Briefe, Bd. 4, S. 169 56 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 20 Am 26. Februar 1746 kann Fürst Khevenhüller-Metsch in seinem Tagebuch von einem erfreulichen Ereignis berichten – der Geburt eines weiteren Kindes Maria Theresias. Die kleine Erzherzogin Maria Amalia kommt nachts ohne Probleme auf die Welt. Den 26. gegen 11 Uhr nachts wurden I. M. die Kaiserin einer Ertzherzogin gantz glücklich entbunden. I. M. der Kaiser hatten mir bei der vormittagigen Aufwartung die Umstände eröffnet, den öffentlichen Kirchendienst in der großen Capellen absagen und solchen in der Cammercapellen halten lassen, auch auf allen Fahl die Befehl der heiligen Tauff halber annoch auf disen Abend das behörige zu veranstalten, ertheilet, wie ich dann auch allsogleich nach dem Mittagmahl mich widerummen nacher Hoff verfüget und meistentheils in der Kaiserin Spieglzimmer verbliben bin, allwohin sich nach der alten Etiquette – krafft welcher sogleich als das Hochwürdige exponiret wird (so in dem Augenblick, da die Kaiserin in den Kinderstuhl gesetzt wird, zu geschehen pflegt), zu allen Hoffämtern und denen bei der Niderkunft zu erscheinen habenden Frauen, als denen Obrist Hofmeisterinnen und Obristhoffmeisterfrauen, um sie zu beruffen, von Hoff auß geschickt wird – die andere Hoffämter nach der Hand ebenmässig eingefunden.75 75 Aus dem Tagebuch des Fürsten Khevenhüller-Metsch vom 26. Februar 1746, zitiert nach: Khevenhüller-Metsch, Schlitter (Hrsg.): Aus der Zeit Maria Theresias, Bd. 2, S. 78 – 79 57 Briefe und Augenzeugenberichte 21 Schreiben Maria Theresias an den Hofkammerpräsidenten Graf Dietrichstein. Undatiert, Juni 1746. Die Monarchin veranlasst hier die Gewährung einer Sonderzahlung an die Generale und Offiziere der bei Piacenza siegreichen Truppen. Die gute Zeitung* wird sehr diminuirt werden, wenn nicht diesen braven Leuten Muth gemacht wird und sie doch ihren so schwer verdienten Lohn bekommen können. Ich weiß, wie schwer etwas zu finden, desto grö- ßer aber wird die Ehre sein, wenn man Alle zusammen und ein Jeglicher insbesondere sich ernstlich bearbeite, etwas ausfindig zu machen, damit den Generalen und Offizieren über die noch nothwendigen viermalhunderttausend Gulden eine zweimonatliche Gage kann verabreicht werden. Es ist Jeder insbesondere anzueifern, seine Kräfte anzuwenden; es wird auch neue Fonde brauchen. Wie steht es mit der Bier- und Weinauflage, die mit der Kopfsteuer resolvirt worden.76 * Sieg österreichischer Truppen über ein französisch-spanisches Heer während des Österreichischen Erbfolgekrieges am 16. Juni 1746. 76 Schreiben Maria Theresias an Graf Dietrichstein vom Juni 1746, zitiert nach: Arneth (Hrsg.): Briefe, Bd. 4, S. 174 – 175 58 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 22 In seinem diplomatischen Bericht an Friedrich II. vom 18. Januar 1747 beschreibt der preußische Gesandte am Wiener Hof, Otto Christoph Graf Podewils, unter anderem auch Äußeres und Gestalt Maria Theresias (Original französisch). Ich beginne mit dem Porträt der Kaiserin-Königin, als Hauptperson meines Gemäldes. Ihr Wuchs ist eher über als unter Mittelgröße. Er war vor ihrer Heirat sehr schön, aber die zahlreichen Geburten, die sie durchgemacht hat, dazu ihre Körperfülle, haben sie äußerst schwerfällig werden lassen. Trotzdem hat sie einen ziemlich freien Gang und eine majestätische Haltung. Ihr Aussehen ist vornehm, obgleich sie es verdirbt durch die Art, sich zu kleiden, und obgleich sie der kleine, englische Reifrock, den sie trägt, entstellt. Sie hat ein rundes, volles Gesicht, und eine freie Stirn. Die gut gezeichneten Augenbrauen sind, wie auch die Haare, blond, ohne ins Rötliche zu schimmern. Die Augen sind groß, lebhaft und zugleich voll Sanftmut, wozu ihre Farbe, die von einem hellen Blau ist, beiträgt. Die Nase ist klein, weder gebogen noch aufgestülpt, der Mund ein wenig groß, aber ziemlich schön, die Zähne weiß, das Lächeln angenehm, Hals und Kehle gut geformt, Arme und Hände wundervoll. Ihr Teint muß es nicht minder gewesen sein nach dem was man noch sieht, trotz der geringen Sorgfalt, die sie darauf verwendet hat. Sie hat gewöhnlich viel Farbe. Ihr Gesichtsausdruck ist offen und heiter, ihre Anrede freundlich und anmutig. Man kann nicht leugnen, daß sie eine schöne Person ist.77 77 Aus dem diplomatischen Bericht des Grafen Podewils vom 18. Januar 1747, zitiert nach: Hinrichs (Hrsg.): Diplomatische Berichte, S. 39 59 Briefe und Augenzeugenberichte 23 An anderer Stelle des Berichtes an den Preußenkönig vom Januar 1747 geht Graf Podewils auf Eigenschaften und Gewohnheiten Maria Theresias ein (Original französisch). Ihr Geist ist lebhaft, durchdringend, fähig, sich mit Regierungsgeschäften zu befassen. Sie hat ein sehr glückliches Gedächtnis und viel Urteil. Sie kann sich so gut verstellen und zusammennehmen, daß es schwer ist, nach ihrem Gesicht und ihrer Haltung zu beurteilen, was in ihrem Innern vorgeht. Ihre Anrede ist fast immer freundlich und anmutig und flößt den Schüchternsten Mut ein. Ihr Benehmen ist leicht und einnehmend; es scheint es noch mehr für ihre Untertanen, die gewohnt sind, Stolz und Hochmut zu den untrennbaren Eigenschaften der Majestät zu zählen. Sie spricht gut, drückt sich mit Anmut aus und scheint sich gern zuzuhören. Es ist noch leicht, Zutritt zu erlangen, obgleich weniger als zu Anfang ihrer Regierung, als jeder die Freiheit hatte, mit ihr zu sprechen. Um jetzt eine Audienz zu erhalten, wendet man sich an die Hofdame, die den Dienst versieht. Selten hat die Kaiserin eine verweigert. Sie hört mit Geduld und Güte an, was man ihr vorträgt, und nimmt selbst die Bittschriften entgegen, die ihr überreicht werden. An den Empfangstagen verbringt sie den größten Teil der Zeit, während der sie Cercle hält, damit, Audienzen zu erteilen. Wenn sie in der Stadt ist, geschieht das in demselben Raum, wo alle Welt ihr den Hof macht; im Garten geschieht es gewöhnlich im Gehen. Sie gibt fast keine Audienzen mehr anders, worüber man unzufrieden ist. Sie hat vor nicht langer Zeit Gelegenheit gehabt, das wahrzunehmen. Einem ungarischen General, der sie um eine Audienz gebeten, hatte sie sagen lassen, daß sie sie ihm am nächsten Tage beim Empfang geben würde. Er antwortete mit Festigkeit, daß ihm nichts daran liege, von aller Welt gesehen und beobachtet zu werden, und wenn sie ihm nicht eine Privataudienz bewilligen wolle, wie der verstorbene Kaiser und sie selbst sie ihm früher gegeben hätten, so würde er lieber ganz darauf verzichten. Sie regte sich zuerst sehr darüber auf, aber die Notwendigkeit zwang sie, seiner Bitte zu willfahren.78 78 Ebd., S. 44 – 45 60 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 24 Auch über den Tagesablauf der Monarchin weiß Graf Podewils in seinem Bericht einiges mitzuteilen (Original französisch). Ihre Lebensweise ist sehr geregelt. Sie steht gewöhnlich im Winter um sechs Uhr morgens auf und im Sommer um vier oder fünf Uhr, widmet den ganzen Vormittag den Regierungsgeschäften, liest Berichte, die man ihr erstattet hat, unterzeichnet Schriftstücke und wohnt den Konferenzen bei. Sie ißt um ein Uhr zu Mittag, die Mahlzeit dauert kaum mehr als anderthalb Stunden. Sie speist oft ganz allein. Im Sommer und sogar manchmal im Winter ergeht sie sich nach dem Mittagessen oft allein, und beschäftigt sich den größten Teil der Zeit mit dem Lesen von Berichten. Von etwa sieben Uhr ab spielt sie gewöhnlich bis achteinhalb Uhr Pharao. Sie ißt dann sehr leicht zu Abend, nimmt meistens nur eine Fleischbrühe zu sich, geht nach dem Abendessen manchmel spazieren und begibt sich gewöhnlich vor zehn Uhr zu Bett.79 79 Ebd., S. 53 61 Briefe und Augenzeugenberichte 25 Den Kaiser beschreibt Graf Podewils ausführlich in seinem Bericht vom 15. Februar 1747. Für Friedrich II. sind alle Einzelheiten des Geschehens am Wiener Hof von großem Interesse (Original französisch). Der Kaiser ist eher unter als über Mittelgröße. Er läßt den Kopf sehr nach vorn hängen, was ihm einen etwas krummen Rücken eingetragen hat. Sonst ist er gerade gewachsen und ganz gut gebaut. Seine Haltung und sein Gang sind nachlässig, und er achtet nicht im geringsten darauf. Die Form seines Gesichts hat etwas Viereckiges, ebenso die Stirn. Seine Augen sind ziemlich schön und von einem ins Dunkle spielenden Blau. Sie sind von Natur matt. Seine Nase ist etwas gebogen, aber nicht groß, der Mund klein und sein Lächeln angenehm. Die Gesichtsfarbe ist gleichmäßig und frisch. Alle seine Züge ergeben ein schönes Gesicht, das aber viele etwas gewöhnlich finden. Er verunstaltet sich durch die Grimassen, die er sich angewöhnt hat, zu schneiden. Seine Anrede ist höflich, aber ziemlich kalt und ernst, vor allem gegenüber Personen, die er wenig kennt, und er erscheint Ausländern gegenüber sogar etwas schüchtern. Er drückt sich mit Leichtigkeit aus. Sein Benehmen ist mehr als ungezwungen und steht in vollkommenen Gegensatz zu dem Kaiser Karls VI. Er haßt jeden Zwang und hat fast zuwenig Ernst für den Rang, den er bekleiden muß. Da er sich selbst in der Öffentlichkeit denjenigen gegenüber, die er kennt, familiär gibt, mißbraucht man das oft und läßt es ihm an Achtung fehlen. Er haßt die Förmlichkeiten und versucht sie, soweit es von ihm abhängt, abzuschaffen. Er duldet nicht, daß ihm die Damen die Hand küssen. Er fährt mit der Kaiserin-Königin im Wagen, den Kutscher auf dem Bock. Er legt sehr ungern spanische Tracht an und zieht sie, sobald er kann, wieder aus. Er hat eine ziemlich lebhafte Einbildungskraft, ein gutes Gedächtnis und viel gesunden Menschenverstand. Aber da er von Natur träge ist, weiß er sich mit keiner Sache gründlich zu befassen. Er haßt die Arbeit. Er ist wenig ehrgeizig und kümmert sich so wenig wie möglich um die Regierungsgeschäfte. Er will nur das Leben genie- ßen, es angenehm verbringen und überläßt der Kaiserin gern den Ruhm und die Sorgen der Regierung. Diese Fürstin und ihre Minister lenken ihn und vor allem in den Reichsangelegenheiten, von denen er wenig Kenntnis hat. Wenn man mehr Sorgfalt auf seine Erziehung verwandt, frühzeitig seine Indolenz bekämpft und seinen Geist auf das Wesentliche gelenkt hätte, 62 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch wäre dieser Fürst wahrscheinlich sehr geschickt gewesen, die Regierungsgeschäfte zu führen. Er versteht sich vollkommen auf die Finanzen, die das einzige sind, auf das er Fleiß verwendet hat, und in seinen Staaten hat er sie sehr gut geordnet. Er hat sogar der Kaiserin Pläne für den Wiederaufbau der ihren vorgelegt und hat ihr gezeigt, wie schlecht sie geführt wurden.80 80 Aus dem diplomatischen Bericht des Grafen Podewils vom 15. Februar 1747, zitiert nach: Hinrichs (Hrsg.): Diplomatische Berichte, S. 54 – 56 63 Briefe und Augenzeugenberichte 26 Auch den Tagesablauf Franz Stephans erwähnt Graf Podewils in seinem Bericht vom Februar 1747 (Original französisch). Seine Lebensführung ist sehr geregelt. Er trinkt nie etwas anderes als Wasser. Er steht ziemlich früh auf. Wenn er nicht auf die Jagd geht, verbringt er einen Teil des Vormittags damit, Schriftstücke zu unterschreiben, in seinen Finanzangelegenheiten zu arbeiten, manchmal nur der Form wegen auch in anderen, und den Konferenzen beizuwohnen. Er spielt dann Ball, was er sehr gern tut. Gewöhnlich speist er mit der Kaiserin-Königin. Nach dem Mittagessen spielt er Billard. Abends kommt er zum Pharaospiel, für das er aber nicht viel übrig zu haben scheint. Von da geht er ins Schauspiel und kehrt zurück, um bei der Prinzessin Charlotte* zu Abend zu essen. Seine Konstitution ist sehr gut, und es hat allen Anschein, daß er lange leben wird. Ich hoffe, daß ich Eurer Majestät bald die Beschreibungen der anderen Personen, aus denen dieser Hof besteht, schicken kann. Alle Welt ist während des Karnevals so zerstreut gewesen, daß es mir nicht möglich war, gewisse Leute zu sprechen, von denen ich einige für dies Bild geeignete Züge zu erfahren hoffe.81 * Prinzessin Maria Charlotte von Lothringen, die Schwester des Kaisers. 81 Ebd., S. 60 – 61 64 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 27 Zu den anderen einflussreichen Personen am Wiener Hof, die Graf Podewils in seinem Bericht vom 24.  Mai 1747 an den Preußenkönig explizit beschreibt, zählt auch Fürst Khevenhüller-Metsch – der Verfasser der Tagebücher (Original französisch). Graf Khevenhüller*, Großkämmerer des Kaisers und der Kaiserin, ist klein, aber gut gebaut. Er hat ein langes Gesicht, eine breite Stirn, große, blaue, vorstehende Augen, schwarze Augenbrauen, eine gebogene Nase, einen ziemlich kleinen Mund und ein spitzes Kinn. Er ist sehr höflich und hat ganz und gar die Manieren eines Hofmannes. Er ist über vierzig Jahre alt. Sein Verstand ist nicht glänzend, aber solide und gebildet. Er mischt sich wenig in die Staatsgeschäfte, auf die er auch keinen großen Einfluß hat. Sein Charakter ist sanft, gefällig und liebenswürdig und macht, daß der Kaiser und die Kaiserin ihn gleicherweise schätzen. Er ist immer um sie und gilt für einen ehrenhaften und wohlwollenden Mann. Er wurde zuerst zum Hofrat ernannt und darauf nach Regensburg** geschickt. Seitdem ist er zum Oberkämmerer ernannt worden. Er verdankt dieses Glück zum großen Teil der Gunst seines Onkels, des Marschalls Khevenhüller, den die Kaiserin liebte und schätzte. Seine Frau, die eine Tochter des Vizekanzlers Grafen Metsch ist, hat ihm ein sehr beträchtliches Vermögen mitgebracht, aus dem er dem Hof große Vorschüsse gegeben hat, was nicht wenig zu seinem Ansehen beiträgt. Er hat noch viel davon bei der Wahl des heutigen Kaisers ausgegeben, zu der er als erster Botschafter entsandt wurde. Er lebt übrigens auf großem Fuße und spielt eine bedeutende Rolle.82 * Im Jahre 1763 wurde Johann Josef Graf Khevenhüller-Metsch in den Reichsfürstenstand erhoben. ** Als kaiserlicher Abgesandter auf dem immerwährenden Reichstag in Regensburg. 82 Aus dem diplomatischen Bericht des Grafen Podewils vom 24. Mai 1747, zitiert nach: Hinrichs (Hrsg.): Diplomatische Berichte, S. 90 65 Briefe und Augenzeugenberichte 28 Über das mit Abstand wichtigste Ereignis des Jahres 1748, den Aachener Friedensschluss am 18.  Oktober 1748, der den Österreichischen Erbfolgekrieg beendet, berichtet Fürst Khevenhüller-Metsch in seinem Tagebuch am 8. November. Wie die dißfählige Handlungen zu Achen, als den zum Friedens Congreß bestimmten Orth, von Zeit zu Zeit continuiret und es endlichen den 18. Octobris zum Schluß zwischen Franckreich und denen Seemächten ohne unser Zuthun gedigen, ist aus meinen Conferenz Rapularibus umständlicher zu ersehen. Der nach des Kaisers Carl des VI. Tod nun in das 8. Jahr fürgedauerte Krieg nahme also das nemmliche End wie jener wegen der Spahnischen Successionj in beiden wurden wir zuletzt von unseren Alliirten verlassen und à la fin bongré*, malgré nous** Frieden zu machen gezwungen. Was aber dermahlige und in seiner Reihe zweite Vorgang für unerwartete Folgen nach der Hand gehabt, und daß selber das so ville Jahr fürgedauerte, sogenante alte systema völlig umgekeret habe, findet sich besser unten, suo loco et tempore*** angemercket.83 * im Deutschen „zu guter Letzt“ ** im Deutschen „gezwungenermaßen“ *** im Deutschen „am rechten Ort und zu rechter Zeit“ 83 Aus dem Tagebuch des Fürsten Khevenhüller-Metsch vom 8. November 1748, zitiert nach: Khevenhüller-Metsch, Schlitter (Hrsg.): Aus der Zeit Maria Theresias, Bd. 2, S. 284 66 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 29 Aus einem Handbillet Maria Theresias an die Hofkammer bezüglich der Einhaltung des neuen Finanzplanes vom Herbst 1748. Charakteristisch für den Regierungsstil der Kaiserin-Königin ist die Schärfe, mit der sie auf Befolgung ihrer Anordnungen dringt. Jeder hat über meinen Befehl bei schwerster Verantwortung feste Hand zu halten und bei meiner schwersten Ungnad solchen nicht zu übertreten, mithin denjenigen mit besonderen Gnaden beigethan sein werde, die sich am mehresten bestreben werden, über dieses vorschreibende Cameralsystema feste Hand zu halten. Auch soll man mir sogleich anzeigen, wann ich selbsten mich davon zu entfernen gedenken sollte.84 84 Aus einem Handbillet Maria Theresias an die Hofkammer vom Herbst 1748, zitiert nach: Walter (Hrsg.): Briefe und Aktenstücke, S. 59 67 Briefe und Augenzeugenberichte 30 Schreiben Maria Theresias an den Hofkammerpräsidenten Graf Dietrichstein. Undatiert, vermutlich März 1749. Die Monarchin behält sich auch in ungarischen Finanzangelegenheiten die letzte Entscheidung vor. Dem ungarischen Kammerpräsidenten ist zu erlauben, daß er, um dieses Quartal zu bestreiten, fünfzigtausend Gulden aufnehme. Die übrigen dreizehntausend Gulden erlaube ich vom Vergangenen zu nehmen. Mit Haugwitz* soll sich der Kriegsbuchhalter einverstehen wegen der letzten Tabellen, die er mir geschickt, da sie sehr confus sind. Ich wünschte, daß so viel Geld bliebe; sie sind also künftigen anders zu verfassen.85 * Friedrich Wilhelm Graf Haugwitz (1702 – 1765), Präsident des Directoriums in publicis et cameralibus. 85 Schreiben Maria Theresias an Graf Dietrichstein vom März 1749, zitiert nach: Arneth (Hrsg.): Briefe, Bd. 4, S. 179 68 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 31 Über eine Heuschreckenplage, die im August 1749 Wien und Umgebung heimsucht, berichtet Fürst Khevenhüller-Metsch am 31. August 1749 in seinem Tagebuch. Während des Hoffs Abwesenheit hat sich zu Wienn sonstens nichts merckwürdiges zugetragen, als daß die leidige Heuschrecken (ungehindert aller, seit vorigen Jahr her zu Erstickung der Bruet angewendeter Bemühung) sich dennoch wiederumen eingefunden, jedoch mit dem Unterschied, daß der stärckeste Schwarm sich über die March nacher Bisentz und dortige Gegend gezogen, von dannen aber, nach einem kurtzen Aufenthalt, weiters gegen Schlesien und nachhero sogar nach den Brandenburgischen und sofort nordwärts gewendet, ein anderer, geringerer Schwarm aber in hiesige Gegend gekommen, in specie über den Schönbrunner Garten geflogen und sich in dem Gatter Hölzl und um Penzing herum in die Weingärten gelagert, von wannen aber dises Ungeziffer durch villes Trommelen und Schiessen, absonderlich wegen abgehenden Fraß (weillen es keine Weinblätter angreiffet, die Feldfrüchte aber mehresten Theils schon eingeführet waren) bald wiederumen abgetriben worden ist und sodann seinen Zug über das Tullner Feld nacher Bayern und weiters dem Reich zu, genohmen hat.86 86 Aus dem Tagebuch des Fürsten Khevenhüller-Metsch vom 31. August 1749, zitiert nach: Khevenhüller-Metsch, Schlitter (Hrsg.): Aus der Zeit Maria Theresias, Bd. 2, S. 348 69 Briefe und Augenzeugenberichte 32 Auf einen außergewöhnlich warmen Sommer und Frühherbst folgt ein kalter Winter mit reichlich Schnee, der zu ausgiebigen Schlittenfahrten einlädt. Das Blatt „Wienerisches Diarium“ beschreibt am 31. Januar 1750 ein solches Ereignis, das wenige Tage zuvor unter Ägide des Fürsten Adam Joseph Schwarzenberg in Wien stattgefunden hat. Dito Nachmittag ware abermalen eine sehr prächtige Schlittenfahrt zu sehen, welche durch die vornehmste Plätze und Gassen der Stadt, und auch etlichmalen über den Burgplatz passiret, und von (Tit.) Herrn Joseph Adam Fürsten Schwarzenberg, samt einem darauf gefolgten kostbaren Tractament*, und festlichen Ball, so bis in die späte Nacht in seinem Pallast auf dem Neiuen Markt gedauret, gegeben worden. Die Ordnung dieser Schlittenfahrt ware folgende: Erstlich kame ein Officier zu Pferd, ihme folgeten viele herrschaftliche Bediente und Stangen-Reiter** zu 2. und 2. in schönsten Galalibereven***; nach diesen ein grosser 6. spänniger Wurstschlitten**** mit einem Chor Trompeten und Pauken; darauf etliche Fürst- Schwarzenbergische Reit-knechte, denen folgete mit einer lähren Schlitte ein Stallmeister, so dem ganzen in 23 prächigen Schlitten bestehenden Zug in folgender Ordnung vorfuhre.87 * franz. tractament – feierliches Gala-Diner ** Bezeichnung für jüngere Knechte. *** Gala-Livree **** Schlitten für die Musiker 87 Aus dem Bericht über die Schlittenfahrt des Fürsten Joseph Adam Schwarzenberg am 28. Januar 1750, zitiert nach: Ghelen (Hrsg.): Mittwoch, den 28. Dito, in: Wienerisches Diarium, Nr. 9 vom 31. Januar 1750, S. 4 – 5 70 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 33 Brief Maria Theresias an Kurprinzessin Maria Anna von Sachsen. Undatiert, wohl Ende Dezember 1750. Die Monarchin nimmt die Entbindung der Prinzessin zum Anlass, ihre innige Verbundenheit zum Ausdruck zu bringen. Die Festigung der Beziehungen zu Sachsen liegt Maria Theresia besonders am Herzen. Durchleüchtige freundlich villgeliebte Muhm*. Ich kan nicht unterlassen, Euer Liebden mein eygenhändiges schriftliche Erfreüung abzustatten über dero so glückliche Entbindung**; ich wünsche, daß Euer Liebden an selben allen Trost erleben und mit besten Wohlstand sich befinden werden. Ich bitte, dem Printzen, dero Gemahl, meine hertzliche Wüntsch darüber abzustatten, das mich noch allzeit errinere, wie er hier zu Wien ware, und noch wohl hoffe, daß sich ein Gelegenheit finden wird, selben sambt Euer Liebden zu sehen, und verbleibe Euer Liebden guttwillige Muhm Maria Theresia.88 * Ältere deutsche Verwandschaftsbezeichnung, bedeutet zumeist Tante oder Base, kann aber auch, wie in diesem Fall, eine besondere soziale Nähe hervorheben. ** Prinz Friedrich August, der spätere Kurfürst Friedrich August III. von Sachsen (1750 – 1827), war am 23. Dezember 1750 geboren worden. 88 Brief Maria Theresias an Kurprinzessin Maria Antonia von Sachsen von Ende Dezember 1750, zitiert nach: Alfred Wechsler Fred (Hrsg.): Briefe der Kaiserin Maria Theresia, Bd. 1, München-Leipzig 1914, S. 13 71 Briefe und Augenzeugenberichte 34 In ihrer Denkschrift aus dem Jahre 1750/51, dem sogenannten ersten „Politischen Testament“, schildert Maria Theresia insbesondere die wichtigsten innen- und außenpolitischen Vorgänge ihrer bisherigen Regierungszeit. Sie äußert aber auch die Hoffnung, dass ihr Handeln sich dereinst als richtig erweisen wird und ihre Nachfolger das begonnene Werk fortsetzen mögen. Und obwohlen diese glückselige Zeit nicht erleben dürfte, so hoffe jedoch durch meine so beständige mühesame Bemühung, Sorg und Kummer die Sachen in einen solchen Stand zu setzen, daß, wann Gott seinen Segen dazu gibt, in fünfzig Jahren, auch vielleicht noch eher, man verspüren wird, wie gedacht habe; mithin mich zuversichtlich auf meine Nachfolger verlasse, daß selbe continuieren werden, in denen principiis der Tugend, Gottesforcht, Gerechtigkeit und väterlicher Liebe, Milde und Sorgfalt zu ihren Ländern und Untertanen zu beharren, so man ihnen in ihrer Jugend einzuprägen gesucht. Sollte solches, wo Gott davor behüte, nicht geschehen, so würde wünschen und von Gott inständig bitten, daß, wann frembde und die Feinde selbsten mehrere Verdienste hätten, und für ihre Länder besser sorgeten, daß solche denenselben tausendmal lieber zu Teil werden möchten.89 89 Maria Theresia in ihrer Denkschrift aus dem Jahre 1750/51, zitiert nach: Walter (Hrsg.): Briefe und Aktenstücke, S. 72 – 73 72 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 35 In einer Resolution vom Februar 1752 gibt Maria Theresia eindeutige Anweisungen zur Förderung beziehungsweise zur Veränderung des Theaterwesens. Die von ihr moralisch begründete Missachtung der „Comödianten“ tritt hier deutlich zutage. Das teutsche Theatrum (soll) völlig separiert bleiben von den andern. Die Comödie soll keine anderen Compositionen spielen als die aus den französisch oder wällisch oder spanisch Theatri herkommen; alle hiesige Compositionen (sind) völlig aufzuheben; wann aber einige gute doch wären von Meistern, sollten solche ehender genau durchlesen werden und keine équivoques* noch schmutzige Worte darin gestattet werden.90 * franz. équivoque – Zweideutigkeit 90 Resolution Maria Theresias bezüglich des Theaterwesens vom Februar 1752, zitiert nach: Walter (Hrsg.): Briefe und Aktenstücke, S. 102 73 Briefe und Augenzeugenberichte 36 Auch innerhalb des Staatsapparates plant die Monarchin massive Änderungen vorzunehmen. Sie hat die Absicht, dem höchst umstrittenen Wenzel Anton Graf Kaunitz das Amt des Staatskanzlers zu übertragen. Fürst Khevenhüller-Metsch hält in seinem Tagebuch eine Unterredung in dieser Angelegenheit mit Maria Theresia vom 31. Oktober 1752 fest. Wir sprachen nachher sehr viel von den Eigenschaften des Grafen Kaunitz, was zu verschiedenen Reflexionen über die Gegensätze des menschlichen Charakters Anlaß gab und comment on peut allier les qualites d’un génie superieur avec des ridicules, qui frisent même l’extravagance*. Die Kaiserin erkannte alles in vollem Maße, allein der Refrain war immer, daß ihr keine andere Wahl bleibe. Sie sprach von dem Grafen Rudolf Chotek, welchem es an Fähigkeiten pour être mis à la tête des affaires** nicht mangelte, allein wir stimmten darin überein, daß er nothwendig wäre für die Direction des Banco- und Commercienwesens. Die Unterredung schloß mit dem, daß sie mit Graf Ulefeld länger nicht aushalten könne und mithin entschlossen wäre, es mit Graf Kaunitz zu versuchen, obwohl sie dabei viele Unannehmlichkeiten von Seite des Kaisers voraussehe und die schwache Gesundheit des Kaunitz und seine Wunderlichkeiten keinen langen Bestand hoffen ließen.91 * im Deutschen „… auf welche Weise sich die Qualitäten eines überragenden Genies mit der an Lächerlichkeit grenzenden Extravaganz verbinden lassen“. ** im Deutschen „… um an die Spitze des Staates zu treten …“ 91 Aus dem Tagebuch des Fürsten Khevenhüller-Metsch vom 31. Oktober 1752, zitiert nach: Khevenhüller-Metsch, Schlitter (Hrsg.): Aus der Zeit Maria Theresias, Bd. 3, Leipzig-Wien 1910, S. 69 – 70 74 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 37 Brief Maria Theresias an Feldmarschall Joseph Wenzel Fürst von Liechtenstein. Undatiert, Anfang Februar 1753 (Original französisch). Die Monarchin scheint insbesondere großen Gefallen an Kunstobjekten aus Indien zu finden. In diesem Augenblick bringt mir der Kaiser etwas Wundervolles. Ich habe viele Sachen aus Indien, aber etwas von solcher Vollkommenheit habe ich in dieser Art noch nicht gesehen; ich schäme mich, Sie zu berauben. Wenn ich nicht wüßte, daß ich Ihnen durch die Annahme eine Freude mache, könnte ich mich nie entschließen, Sie eines so vollkommenen Gegenstandes zu berauben. Nichts auf der Welt, alle Diamanten sind mir nichts, aber was aus Indien kommt, besonders Lacksachen und auch Stickereien, sind die einzigen Dinge, die mir Freude machen. Sie werden Ihr herrliches Möbel in Schönbrunn sehen, der Turm wandert heute den ganzen Tag mit mir herum, damit ich ihn bewundern kann, und wird neben meinem Kanapee aufgestellt werden, damit ich ihn immer sehen kann. Der hübsche, kleine Sittich und der Kanarienvogel sind entzückend und bereiten mir angenehme Minuten. Ich bin Ihnen für all Ihre Geschenke unendlich verbunden.92 92 Brief Maria Theresias an Feldmarschall Joseph Wenzel Fürst von Liechtenstein vom Februar 1753, zitiert nach: Fred (Hrsg.): Briefe der Kaiserin Maria Theresia, Bd. 1, S. 70 75 Briefe und Augenzeugenberichte 38 Am 8. Dezember 1753 wird der 45. Geburtstag des Kaisers in feierlichem Rahmen begangen. Das Blatt „Wienerisches Diarium“ berichtet am 12. Dezember von dieser Begebenheit. Samstag, den 8 December, Fest der Unbefleckten Empfängnus Maria, als an Seiner Majestät des Kaisers allerhöchsten Geburts-Tag, da Seine Majestät das 45ste Jahr Dero Alters im höchst-erwünscht-beglücktem Wolstand zuruck geleget, seynd Vormittag um 9. Uhr die Herren Botschaftere und Gesandte von auswärtigen Höfen, wie auch die hier besonders angekommene Hungarische Herren Magnaten, und der gesamte hohe Adel in prächtigster Gala bey Hof, um ihre Glückwünschungs-complimenten abzulegen, erschienen. Um halb 11. Uhr sodann haben sich Se. Majestät der Kaiser, mit einem herrlichen Hof-gefolg in Dero prächtig mit Gold gestickten rot-sammetenen Staatswagen offentlich nach der St. Stephans-Metropolitan-kirche begeben, und allda in Beywohnung deren Herren Rittern des goldenen Vliesses in Mantel-kleidern mit umhangender Ordens-ketten, dem gewöhnlichen feyerlichen Gottes-dienst, welchen (Titl.) Se. Hochfürstl. Gnaden Herr Johann Joseph von Trautson, alhiesiger Herr Erz-Bischof gehalten, andächtig beygewohnet.93 93 Aus dem Bericht über die Feierlichkeiten anlässlich des Geburtstages Kaiser Franz I. Stephan vom 12. Dezember 1753, zitiert nach: Ghelen (Hrsg.): Wien den 12. December 1753., in: Wienerisches Diarium, Nr. 99 vom 12. Dezember 1753, S. 5 – 6 76 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 39 Schreiben Maria Theresias an Hofrat Karl Holler von Doblhoff. Undatiert, Anfang Juli 1754. Mit Gründung der Theresianischen Akademie in den 1740er Jahren hatte Maria Theresia eine Erziehungseinrichtung für junge Adelige und ausgewählte Bürgerliche geschaffen. Deren Hauptaufgabe besteht darin, loyale Staatsbeamte und Diplomaten auszubilden. Die Monarchin bekundet mit detailreichen Anregungen ihr lebhaftes Interesse am weiteren Ausbau des Theresianums. Ich habe dem Grafen Khevenhüller* befohlen, mit Johann Chotek**, Euch, und wenn nöthig ein paar Jesuiten zusammenzutreten, um daß einmal die Sachen im Theresianum ein solides Ende nehmen. Ich verlange, daß selbes ein Collegium verbleibe, bis auf die Juristen, welche nachgehends in die Emanuelische Stiftung*** treten und allda selbe absolviren sollen. Dagegen soll die Akademie keine kleinen Schulen haben, außer etwas Philosophie und Rhetorik, die für Jene nöthig, die nicht weiter studiren wollen; doch sollen sie die Exercitien erlernen. Mithin würde die so lang gewünschte Separation der Größeren von den Kleineren bewirkt, auch große Unkosten für die Professoren, die man nicht einmal findet, und die Reitschule erspart; mithin ist nöthig, daß die Fonde separirt werden und dem Collegium bleibe, was es jetzt für nöthig hat. Die drei Pfarren sollen bleiben, wäre also nur zu sehen, wie weit mit selben auszulangen, und was es noch erforderte, indem ich nicht aus Ungnade für die Jesuiten, mit denen ich zufrieden bin, diese Abänderung mache, mithin auch selbe nichts dabei verlieren sollen.94 * Johann Josef Graf Khevenhüller (1706 – 1776), Oberstkämmerer und Autor der Tagebücher des Hoflebens Maria Theresias. ** Johann Carl Graf Chotek (1704 – 1787), Vizepräsident des Directoriums in publicis et cameralibus. *** Die Savoyische Akademie, gegründet von Theresia Anna, Witwe des Prinzen Emanuel von Savoyen. 94 Schreiben Maria Theresias an Hofrat Karl Holler von Doblhoff vom Juli 1754, zitiert nach: Arneth (Hrsg.): Briefe, Bd. 4, S. 221 77 Briefe und Augenzeugenberichte 40 Auch in Angelegenheiten der öffentlichen Ordnung scheinen Maria Theresia und ihr Staatsapparat die wesentlichen Details stets im Auge zu haben. In der Ausgabe der Zeitung „Wienerisches Diarium“ vom 25. September 1754 werden die Strafen für Amtsanmaßung exemplarisch geschildert. Nachdeme sich unlängst eine in gemeiner Stadt Wien Diensten verpflichtet gestandene junge Mannsperson aus unbesonnenen Mutwillen für einen Polizey-commissarium ausgegeben, und Theils mit, Theils aber ohne der auf der Gasse ungefähr angetroffenen Grand-wache in verschiedenen Wirts- und anderen Häusern der Leopoldstadt alhier nächtlicher Weile eine Visitation vorzunehmen sich angemasset, auch hierzu noch zwey andere junge Manns-personen angeworben, und selbe aller Orten der vorgehabten Visitation beyzuwohnen veranlasset. So haben Ihre Kaiserl. Königl. Majestät nach ordentlicher Untersuchung dieses ärgerlichen Fürgangs vermög Dero Preiswürdigsten Landes-mütterlichen Sorgfalt und zufolge der in Polizey-sachen erst jüngstens vorhergegangenen allergnädigsten Verordnung (wodurch Allerhöchst-dieselbe das hiesige Publicum von allen desgleichen unanständigen Beeinträchtigungen gänzlichen bewahret wissen wollen) zu sein des Publici gänzlicher Beruhigung, die anmit offentlich gegebene Aergernuß auch offentlich zu bestraffen, mithin die gerechteste Entschliessung abzuschöpfen geruhet, daß vorerwehnter Frefler seines aufgehabten Amts entsetzet, zu hinkünftiger Bekleidung einer Landes-fürstlichen oder gemeiner Stadt-bedienstung als unfähig nicht mehr zugelassen, hiernächst auch durch 3. Täge bey einem deren hiesigen Stadt-thören an der Kette, und mit angehenkten Zettul offentlich ausgestellet, sodann durch ein ganzes Jahr zur Schanz-arbeit in dem allhiesigen Stadt-graben angehalten werden solle.95 95 Bericht vom Auftreten eines falschen Polizeikommissars im September 1754 in Wien, zitiert nach: Ghelen (Hrsg.): Wien den 25. Septemb. 1754., in: Wienerisches Diarium, Nr. 77 vom 25. September 1754, S. 5 78 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 41 Aufgrund der schlechten Wetterlage Anfang Februar 1755 wird eine Schlittenfahrt des Hofes mehrmals verschoben. Fürst Khevenhüller- Metsch berichtet von dieser Partie, die schließlich am 6. Februar 1755 stattfindet. Den 5. unterblibe der nemmlichen Ursach halber erst gedachte auf heut remittirte Partie de traineaux*, welche aber endlichen den 6., da sich das Wetter unvergleichlich angelassen und nebst dem schönsten Sonnenschein fast gar kein Wind gewesen, gewöhnlicher Massen und nach beiliegender Liste** vor sich gegangen ist. Das merckwürdigste hierbei ware, daß die Ertzherzogin Maria Anna zum erstenmahl mitgefahren und von dem Herrn Obrist-Hoffmeistern geführet worden. Der Kaiser hatte nicht allein eine magnifique Aigrette*** auf den Hut, bei welcher sich auch der große Diamant aus dem florentinischen Schatz befande, sondern anbei ware das gantze Stutzenband mit Brillanten und Topazen garniret; und weillen der Tag so hell gewesen, so hatte aller Geschmuck (wormit die Dames sich bei dergleichen Coursen besonders zu zieren pflegen) überhaubt vill mehr Glantz und Schimmer, mithin auch das ganze Spectacle mehr Lustre und Ansehen. Dises Mahl getrauete ich mich nicht, davon auszubleiben; und da sich so ville Dames entschuldigen laßen, traffe die Reihe sogar zwei junge Cammerherren-Wittib, und hatte mein Josepherl den Vortheil, daß sich noch eine gefunden, welche den Rang nach ihr gehabt. Das Mittagsmahl wurde auf 2 Tischen in dem neuen Saal oder großen Anticamera zugerichtet, welches auch sehr gutt ausgesehen. Nach dem Caffé aber retirirten sich II.MM. gar bald, um der Minerva-Andacht beizuwohnen und sich sodann zur Fürstin von Trautson zu verfügen, welche denen älteren Herrschaften anheut einen kleinen Bal paré und Soupé gegeben hat.96 * Partie mit dem Pferdeschlitten. ** Die Liste der Teilnehmer liegt nicht bei. *** franz. aigrette – Federkrone 96 Aus dem Tagebuch des Fürsten Khevenhüller-Metsch vom 5. bzw. 6. Februar 1755, zitiert nach: Khevenhüller-Metsch, Schlitter (Hrsg.): Aus der Zeit Maria Theresias, Bd. 3, S. 224 – 225 79 Briefe und Augenzeugenberichte 42 Auch die politische „Wetterlage“ verdüstert sich im Laufe des Jahres 1755. In Nordamerika beginnen erste kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Großbritannien und Frankreich um Kolonialbesitz. Es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis der Konflikt auch auf Europa übergreift. Das Schweizer Blatt „Berner Hinkende Bote“ umreißt in seinem Nachrichtenteil „Auszug der neuesten Welt-Geschichten durch das Jahr 1755“ die Lage. Das finstere und förchterliche Gewölke, womit uns der Staatshimmel schon seit etlichen Jahren bedrohet, schwebet noch immer ganz unbeweglich über dem Horizont, die Wolken ziehen aneinander vorbei, ohne mit Krachen aufeinanderzustoßen; indessen stiegen hier und da Dünste auf, die sich an die vorigen anhängen, so daß die bange Luft die über ihr schwebende Last nicht mehr ertragen kann und also das Wetter an mehr als einem Orte mit Gewalt losbrechen dörfte, es seie dann, daß noch in Zeit ein starker Nordwind sich erhebe, der dieses förchterliche Gewitter zerstreue. Denn der Kriegsplatz öffnet sich zusehends, und die Feindseligkeiten zwischen Frankreich und England haben nunmehr ihren Anfang genommen, und will sich alles zu einem nahen und blutigen Krieg anschicken, nit nur in Amerika, sondern, Gott verhüte es, auch in Europa.97 97 Bericht aus dem Blatt „Auszug der neuesten Welt-Geschichten durch das Jahr 1755“, zitiert nach: Paul Meyer: Zeitgenössische Beurteilung und Auswirkung des Siebenjährigen Krieges in der evangelischen Schweiz, Basel 1955, S. 16 80 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 43 Am 9. Juli 1755 endet der britische Angriff auf das von Franzosen gehaltene Ohiotal in der Schlacht am Monongahela mit einer schweren Niederlage der mit Österreich verbündeten Briten. Dieses Vorspiel zum Siebenjährigen Krieg beschreibt die Zeitung „Wienerisches Diarium“ in ihrer Ausgabe vom 10. September 1755 detailliert. Am 23. dieses kam der Chef d’Escadre Keppel aus America alhier an, und überbrachte unter andern die Nachricht, daß die Armee des General Braddock am Ohio gänzlich zerstreuet worden, wovon man folgende besondere Umstände anführet: Als sich der General Braddock mit 2000. Mann seinen Mund- und Kriegs-bedürfnussen bis auf 20. Meilen disseit dem Fort Cumberland in dem Land-striche Wills genähert, hielt er für rahtsam, alda den grösten Theil seiner Karren und Wägen unterm Commando des Obristen Dunbar und 800. Mann nebst der Ordre zuruckzulassen, bey erforderenden Umständen zu ihm zu stossen. Da der General sich also in etwas erleichtert, marschirte er mit desto grösserm Eifer fort. Seine Armee bestand da ungefehr aus 1200. Mann, und selbige hatten 10. Canonen und alle benöhtigte Munitionen und Provisionen bey sich. Den 8. Julii war er bis auf 10. Meilen vom Fort Duquesne vorgeruckt, und da er den 9ten seinen Marsch durch das Gebüsche verfolgte, ward seine Armee plötzlich von denen Franzosen und Indianern angegriffen, die sich darinnen sehr beträchtlich und vortheilhaft postirt hatten. Bey dem ersten Feuer, welches eine so viel grössere Schlachtung anrichtete, da die Engländer sich dessen nicht versahen, nahmen Letztere die Flucht. Der General Braddock und die übrige Officiers suchten ihnen umsonst Mut einzusprechen, man konnte sie unmöglich wieder zusammen bringen. Verschiedene von diesen Officiers, welche von einer Spitze zur andern giengen, ihre Leute aufzumuntern, haben die unglückliche Opfer ihrer Wut seyn müssen. Dem General Braddock, der alles gethan, was man von einem klugen und tapfern Heer-führer erwarten können, seynd 4. Pferde unter dem Leib erschossen worden, und da er einen Schuß in Arm und in die Brust bekommen, hat er den vierten Tag darauf den Geist aufgegeben.98 98 Bericht über den britischen Angriff auf das von Franzosen gehaltene Ohiotal am 9. Juli 1755, zitiert nach: van Ghelen’sche Erben (Hrsg.): Londen 26. Aug., in: Wienerisches Diarium, Nr. 73 vom 10. September 1755, S. 3 81 Briefe und Augenzeugenberichte 44 Ein Ereignis, das von manchem Zeitgenossen als düsteres „Vorzeichen des Himmels“ gedeutet wurde, war das Erdbeben von Lissabon an Allerheiligen des Jahres 1755. Imanuel Kant analysiert dieses Naturereignis unter der Überschrift „Das Erdbeben und die Wasserbewegung vom 1sten November 1755“ in seinen Schriften. Der Augenblick, in dem dieser Schlag geschahe, scheint am richtigsten auf 9 Uhr 50 Minuten Vormittags zu Lissabon bestimmt zu seyn. Diese Zeit stimmt genau mit derjenigen, in welcher es in Madrit wahrgenommen worden, nämlich 10 Uhr 17 bis 18 Minuten überein, wenn man den Unterschied der Länge beider Städte in den Unterschied der Zeit verwandelt. Zu derselben Zeit wurden die Gewässer in einem erstaunlichen Umfange, sowohl diejenige, die mit dem Weltmeere eine sichtbare Gemeinschaft haben, als auch andere, welche darin auf eine verborgene Art stehen mögen, in Erschütterung gesetzt. Von Abo in Finnland an, bis in den Archipelagus von Westindien sind wenig oder gar keine Küsten davon frei geblieben, sie hat eine Strecke von 1500 Meilen fast in eben derselben Zeit beherrscht. Wenn man versichert wäre, daß die Zeit, darin sie zu Glückstadt an der Elbe verspürt worden, nach den öffentlichen Nachrichten ganz genau auf 11 Uhr 30 Minuten zu setzen wäre, so würde man daraus schließen, daß die Wasserbewegung 15 Minuten zugebracht habe, von Lissabon bis an die Holsteinischen Küsten zu gelangen. In eben dieser Zeit wurde sie auch an allen Küsten des mittelländischen Meeres verspürt, und man weiß noch nicht die ganze Weite ihrer Erstreckung. Die Gewässer, die auf dem festen Lande von aller Gemeinschaft mit dem Meere abgeschnitten zu seyn scheinen, die Brunnquellen, die Seen, wurden in vielen weit von einander entlegenen Ländern zu gleicher Zeit in außerordentliche Regung versetzt. Die meisten Seen in der Schweiz, der See bei Templin in der Mark, einige Seen in Norwegen und Schweden geriethen in eine wallende Bewegung, die weit ungestümer und unordentlicher war, als bey einem Sturme, und die Luft war zugleich stille. Der See bei Neuchatel, wenn man sich auf die Nachrichten verlassen darf, verlief sich in verborgene Klüfte, und der bei Meinungen that dieses gleichfalls, kam aber bald wiederum zurück. In eben diesen Minuten blieb das mineralische Wasser zu Töplitz in Böhmen plötzlich aus, und kam blutroth wieder. Die Gewalt, womit das Wasser hindurch getrieben war, 82 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch hatte seine alten Gänge erweitert, und es bekam dadurch einen stärkeren Zufluß. Die Einwohner dieser Stadt hatten gut: te Deum laudamus zu singen, indessen die zu Lissabon ganz andere Töne anstimmten. So sind die Zufälle beschaffen, welche das menschliche Geschlecht betreffen. Die Freude der Einen und das Unglück der Andern, haben oft eine gemeinschaftliche Ursache. Im Königreich Fez in Afrika, spaltete eine unterirdische Gewalt einen Berg, und goß blutrothe Ströme aus seinem Schlunde. Bei Angouleme in Frankreich hörte man ein unterirdisches Getöse; es öffnete sich eine tiefe Gruft auf der Ebene, und hielt unergründliches Wasser in sich. Zu Gemenor in Provence, wurde eine Quelle plötzlich schlammicht, und ergoß sich darauf roth gefärbt. Die umliegenden Gegenden berichten gleiche Verändrungen an ihren Quellen. Alles dieses geschahe in denselben Minuten, da das Erdbeben die Küsten von Portugall verheerte. Es wurden auch hin und wieder in eben diesem kurzen Zeitpunkte einige Erderschütterungen in weit entlegenen Ländern wahrgenommen. Allein sie geschahen fast alle dicht an der Seeküste. Zu Kork in Irland, ingleichen zu Glückstadt und an einigen andern Orten, die am Meere liegen, geschahen leichte Bebungen.99 99 Aus den Aufzeichnungen Imanuel Kants zum Erdbeben von Lissabon am 1. November 1755, zitiert nach: Johann Heinrich Tieftrunk (Hrsg.): Imanuel Kant’s vermischte Schriften, Bd. 1, Halle 1799, S. 532 – 534 83 Briefe und Augenzeugenberichte 45 Ebenso global wie die Auswirkungen des Erdbebens von Lissabon sollten auch die Ereignisse des Siebenjährigen Krieges zu spüren sein. Mit dem Einmarsch des Preußenkönigs in Sachsen beginnen Ende August 1756 die kriegerischen Auseinandersetzungen auf dem Kontinent. Das Blatt „Wienerisches Diarium“ berichtet in seiner Ausgabe vom 11. September 1756 von der Besetzung Leipzigs durch preußische Truppen. Gestern als dem 29. dieses Nachmittags unter der Kirche um 3. Uhr, da, wie gewöhnlich, die Thöre verschlossen waren, langte ein Regiment Preußische Husaren vor hiesiger Stadt an, welche verlangten, daß man ihnen die Thöre öfnen solte. Man thate solches, und sogleich wurden von denen Husaren die Thöre besetzet. Zwischen 4. und 5. Uhr kamen noch 2. Regimenter Preußische Infanterie, namentlich, das Dessauische, so in Halle gelegen, und das Printz Friedrichische Regiment, so in Magdeburg gewesen, an. Sie nahmen sogleich Platz auf dem Marckt, wo sie ihr Geschütz hin pflanzten, und ein Wacht-hauß aufrichteten. Der Printz Ferdinand von Braunschweig* kame gegen Abend selbst an, und begehrte Quartier. 3000. Mann ligen in der Vorstadt, und 3000. in der Stadt. Die Husaren ritten gegen Abend auf die Dörfer. Auch wurde das Raht-hauß und das Schloß von denen Preussen besetzt. Heut früh wurde unter dem Raht-hauß angeschlagen: Es versicherte der König in Preussen, daß er aus keinen feindlichen Absichten einrückte, sondern, daß er bloß genöhtiget, diesesmal auf besserer Hut zu seyn.100 * Prinz Ferdinand von Braunschweig-Wolfenbüttel (1721 – 1792) bekleidete zu Beginn des Siebenjährigen Krieges den Rang eines Generalleutnants und genoss in besonderem Maße die Gunst des preußischen Königs. 100 Bericht über den Einmarsch preußischer Truppen in Leipzig am 11. September 1756, zitiert nach: van Ghelen’sche Erben (Hrsg.): Leipzig 30. Augusti., in: Wienerisches Diarium, Nr. 73 vom 11. September 1756, S. 5 84 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 46 Eigenhändig geschriebenes Billet Maria Theresias an Staatskanzler Kaunitz. Undatiert, Anfang Oktober 1756. Die Monarchin zeigt sich in großem Maße um die Einsatzfähigkeit ihrer Armee besorgt. Der Habsburgerin liegt die Wehrhaftigkeit ihrer Erbländer besonders am Herzen. In der ersten Zusammentrettung* ist auszumachen wegen der pohlnischen troupen die komen kunten wenn man ihnen entgegen schicken kunte was Vor dispositiones zu machen. Einen ordentlichen plan solle salburg** formirn wegen der recrutirung der regimenter besonders der cavallerie und husarn einige regimenter sind complet andere noch weit davon mithin mus es eine ursach sein die officirs zur rede zu stellen die zu grosse häcklichkeit verbietten auch eygends einen officir abzuschicken wo die regimenter cavallerie werben umb das er dem raport abstatte warumb in mora sind. desgleichen beym husarn ob nicht eine neue Vermehrung der recruten an die länder zu begern wären warumen ober österreich und I ö noch nichts gestelt, Böhmen auch 1000 man noch zurück ist. nach folgenden listen auch weillen die regimenter auff 1000 man und pferd setzen will was noch abgehete darzu an man und geld und pferden zu wissen auch 500 pferd bis ende januarij anzunehmen von denen lifferanten aus Klagenfuhrt, man wird sie alezeit brauchen können.101 * Militärkonferenz ** Franz Ludwig Graf Sallaburg (gestorben 1758) war seit 1754 Generalfeldmarschall des Heiligen Römischen Reiches. 101 Schreiben Maria Theresias an Staatskanzler Graf Kaunitz vom Oktober 1756, zitiert nach: Khevenhüller-Metsch, Schlitter (Hrsg.): Aus der Zeit Maria Theresias, Bd. 4, Leipzig-Wien 1914, S. 239 – 240 85 Briefe und Augenzeugenberichte 47 Die Angewohnheiten und Attitüden des bedeutendsten und einflussreichsten Staatsmannes Maria Theresias – des Grafen Kaunitz – schildert der preußische Gesandte am Wiener Hof, Christoph Heinrich von Ammon, in seinem Bericht vom 17. September 1756 an Friedrich II. (Original französisch). Graf Kaunitz ist ungefähr 46 Jahre alt. Sein Wuchs ist über Mittelgröße und von guten Verhältnissen. Er ist eher mager als fett, die Züge seines Gesichts haben, ohne schön oder häßlich zu sein, etwas Eigenartiges und sein Gesichtsausdruck ist nicht leicht zu entziffern. Er trat früh in die große Welt ein und begann mit einer Staatsratstelle; er wurde dann zum Kämmerer ernannt, darauf nacheinander zum Minister am Turiner Hofe, zum Wirklichen Geheimen Rat, zum bevollmächtigten Minister für die Regierung der Niederlande, zum Gesandten beim Aachener Kongreß, zum Ritter des Goldenen Vlieses, zum Gesandten in Frankreich und schließlich zum Hofkanzler. Das erste Auftreten des Grafen Kaunitz kündet einen kalten Mann an, der nur mit seinem Aussehen und der Sorge für seine Gesundheit beschäftigt ist, und sie beschäftigen ihn auch am meisten: der geringste Zugwind läßt ihn schaudern, etwas zu viel Hitze macht ihm nervöse Zufälle. In Aachen trug er immer einen Fächer in der Tasche und bediente sich seiner sogar öffentlich in der Kömödie, aber in Paris trennte er sich von seinem Fächer. Er hat die Schwäche, nicht an einem Spiegel vorbeigehen zu können, ohne davor stehenzubleiben, und wenn er es wagte, würde er wahrscheinlich Rouge und Schönheitspflästerchen benutzen. Er ist in seinem Aufputz gesucht bis zum Übermaß und zieht sich wie ein junger Mann von zwanzig Jahren an. Ich habe ihn in Aachen in einem rosen- und silberfarbenen Rock gesehen, aber er legt nicht wie Graf Brühl Wert darauf, eine ungeheure Anzahl von Kleidern zu haben. Es ist schwer zu sagen, was seine Perücke eigentlich ist: sie hat etwas Kavaliermäßiges und etwas Magistrales, etwas Viereckiges und etwas Rundes, etwas Langes und etwas Kurzes: mit einem Wort, sie ähnelt allem und keinem und man sieht nur, daß sie mit Sorgfalt gekämmt ist, daß ihre Locken vollkommen gekräuselt sind und daß sie bewundernswert gut gepudert ist. Man bezichtigte ihn in Paris, er lasse in einem Zimmer zwanzig Pfund Puder in die Luft verstäuben und gehe eine Stunde lang darin auf und ab, damit jedes 86 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch Haar seiner Perücke gleichmäßig gepudert werde und keines mehr abbekomme als das andere. Diese Tatsache ist nicht gut verbürgt; aber wie dem auch sei, diese Perücke wurde so berühmt, daß Graf Charolais sich gegen sie verschwor. Es ist Brauch, daß die Gesandten nach ihrem feierlichen Empfang und ihrer öffentlichen Audienz den Prinzen von Geblüt einen feierlichen Besuch machen, und obgleich sie bei ihren Audienzen beim König und dem Dauphin den Hut aufsetzen, tun sie es nicht bei den Prinzen von Geblüt, weil diese gewöhnlich davon absehen, einen Hut aufzusetzen. Graf Kaunitz machte dem Grafen Charolais seinen Besuch, und da er sich der Falle, die man seiner Perücke stellen würde, nicht versah, hatte er nur ein kleines Hütchen mitgenommen, wie man sie unter dem Arm nimmt. Kaum hatter er sich gesetzt, als der Graf von Charolais seinen großen Hut auf seinen mit vier grauen Haaren gezierten Kopf setzte und den Grafen Kaunitz aufforderte, sich gleichfalls zu bedecken. Dieser nahm ganz erstaunt seinen Hut, stieß den Boden mit einem Faustschlag heraus und setzte ihn auf den Kopf und zerstörte mit einem Seufzer seine Perücke. Dies ist nicht die einzige Sache, mit der er sich in Frankreich lächerlich gemacht hat. Man hat bemerkt, daß er, wenn er den König in Compiègne oder Fontainebleau auf der Jagd begleitete, auf beiden Seiten einen Läufer hatte, dem es oblag, die Regentropfen fortzuwischen, welche auf seinen Stiefel fielen, um ihnen den verlorenen Glanz zurückzugeben. Seine Ankunft in Paris wurde mit viel Geräusch angekündigt, er schickte eine zahlreiche Dienerschaft voraus, mietete das Palais Bourbon und beklagte sich, es sei ihm dort zu eng. Man erwartete, daß er großartige Feste geben werde, aber nachdem er sich von den lothringischen Prinzen und allen Großen in Paris hatte bewirten lassen, stellte er sich krank, ging mehre Monate lang nicht aus und kam nur zum Vorschein, um sich ganz und gar in die Gesellschaften der Finanzleute zu stürzen.102 102 Aus dem Bericht des preußischen Gesandten am Wiener Hof, Christoph Heinrich von Ammon, vom 17.  September 1756, zitiert nach: Hinrichs (Hrsg.): Diplomatische Berichte, S. 142 – 145 87 Briefe und Augenzeugenberichte 48 Brief Maria Theresias an Kurprinzessin Maria Antonia von Sachsen vom 9. Januar 1757 (Original französisch). Die Kaiserin macht sich aufgrund der Gefährdung Dresdens durch preußische Truppen um das Wohlergehen der Prinzessin große Sorgen. Meine liebe Frau Muhme. Meine Teilnahme an dem Verlust, der Eure Hoheit durch den Tod der Kaiserin, Ihrer werten Mutter*, betroffen hat, kann ich nicht ausdrücken. Mein Schmerz wird vermehrt durch die Umstände, in denen Sie sich befinden, die ohnehin schon niederdrückend genug sind und die mit so vollem Recht meine Besorgnisse für Ihre Person steigern. Gott möge Sie erhalten und trösten – denn nur durch ihn allein können Sie Trost finden – und Ihnen beistehen, daß Sie dieses Jahr glücklich und ruhig werden können; weiter beabsichtigen wir nichts, und ich beschäftige mich Tag und Nacht damit, da ich glücklich wäre, wenn ich dazu beitragen könnte. Neuigkeiten kann ich Ihnen nicht mitteilen, da ich nicht sicher bin, ob nicht ein preußischer Offizier diesen Brief vor Ihnen liest, aber im allgemeinen kann ich Ihnen sagen, daß ich Gutes hoffe, und daß alles nach demselben Ziel strebt, wenn auch der großen Entfernung wegen ein wenig langsamer, als ich wünschen möchte. Hoffentlich sind Sie davon überzeugt, daß unsererseits alles zu Ihren Diensten bereit ist; wenn ich Sie wenigstens alle in Polen, in Prag oder München, und nicht in Dresden wüßte; ich muß sagen, schon der Gedanke daran läßt mich beben. Wollen Sie bitte dem Kronprinzen meine besten Grüße ausrichten und ihn unsrer zärtlichen Freundschaft versichern mit der ich stets bin Eurer Hoheit sehr gewogene Muhme Maria Theresia 103 * Erzherzogin Maria Amalia (1701 – 1756), Gemahlin Kaiser Karls VII. und Tochter Kaiser Josephs I. 103 Brief Maria Theresias an Kurprinzessin Maria Antonia von Sachsen vom 9. Januar 1757, zitiert nach: Fred (Hrsg.): Briefe der Kaiserin Maria Theresia, Bd. 1, S. 14 88 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 49 Bei Prag siegt am 6. Mai 1757 der preußische König über die Österreicher und ihre Verbündeten. Fürst Khevenhüller-Metsch berichtet von dieser herben Niederlage in seinem Tagebuch. Eodem verraiste abends zur Haubtarmée unser Herr Hof-Canzler*, um über die dermahlige Militar-Umständen mit dem Printzen und dessen Feldmarschallen ad latus ein und anderes zu verabreden, kunte aber zum Unglück nicht mehr zu rechter Zeit anlangen; dann als er kaum gegen Colin gekommen, erhielte er schon die betrübte Nachricht der bei Prag den 6. erfolgten unglücklichen Niedrlag, worauf er zwar seine Raiß weiters nach Böhmisch-Brod proseguiret und sich allda mit dem Feldmarschallen Leopold von Daun – welcher kurtz zuvor das Commando des im vollen Anmarche zur Haubtarmée begriffenen, aber leider ebenfahls zu spatt gekommenen Corps übernohmen hatte – ein paar Täg unterredet, sofort aber wieder nach Wienn zuruckgekeret ist.104 * Staatskanzler Graf Kaunitz (1711 – 1794). 104 Aus dem Tagebuch des Fürsten Khevenhüller-Metsch vom 6. Mai 1757, zitiert nach: Khevenhüller-Metsch, Schlitter (Hrsg.): Aus der Zeit Maria Theresias, Bd. 4, S. 85 – 86 89 Briefe und Augenzeugenberichte 50 Aufgrund des siegreichen Ausgangs der Schlacht bei Prag zugunsten Preußens werden die Österreicher teils in die böhmische Residenzstadt, teils über die Sazawa, einem Nebenfluss der Moldau, gedrängt. Details zur Schlacht bei Prag führt Fürst Khevenhüller-Metsch Ende Mai 1757 in seinem Tagebuch an. Unsere unglückliche Militar-Begebenheiten dises Monath hindurch seind bereits angemercket worden. Der 6. ware der Tag der unglücklichen Prager Schlacht, wovon in der Beilag ein mehreres enthalten. Der Printz Carl soutenirte sich in der Statt, allwo es biß dato noch an der nöthigen Subsistenz nicht gemanglet. Der Feldmarschall Daun* bezog das Lager bei Czaslau und verstärckte sich allda täglichen durch die ihme von allen Seiten zukommende Renforts**. Der Feind detachirte von seiner Haubt-Armée, womit Prag mehr und mehr eingeschlossen wurde, ein nammhafftes biß 30.000 Mann geschätztes Corps unter Commando des Printzen von Beveren***, um uns zu observiren; und endlichen am Pfingst Sonntag fieng der König an, die Statt mit Bomben und Feuer-Kugelen zu beschiessen, ohne jedoch eine förmliche Belagerung zu unternehmen. Die unserige tentirten zwar ein und anderen Ausfall, worvon auch eine Menge daher geschriben wurde, allein in der That kunten sie nicht vill unternehmen, weillen der Feind sich immer in einer solchen Entfernung gehalten, daß ohne Gefahr, sich abgeschnitten zu finden, nichts wichtig- und ausgeebiges tentiret werden kunte.105 * Leopold Joseph Graf von Daun (1705 – 1766), kaiserlicher und österreichischer Feldmarschall. ** franz. rentfort – Verstärkung *** Ferdinand von Braunschweig-Wolfenbüttel war Prinz von Braunschweig- Wolfenbüttel-Bevern. 105 Aus dem Tagebuch des Fürsten Khevenhüller-Metsch von Ende Mai 1757, zitiert nach: Khevenhüller-Metsch, Schlitter (Hrsg.): Aus der Zeit Maria Theresias, Bd. 4, S. 94 – 95 90 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 51 Trotz der Kriegsereignisse findet bei Hofe am 24. Januar 1758, fernab der Öffentlichkeit, ein Ball statt. Fürst Khevenhüller-Metsch notiert die Einzelheiten in seinem Tagebuch. Den 24. ware Bal bei Hof sans masque, aber wegen deren critischen Umständen nicht offentlich, sondern auf einen sehr restringirten Fuß, lediglich um denen jungen Herrschafften eine Unterhaltung zu machen, dahero auch nur 10 biß 12 Paar benennet wurden, welche in Jeger Uniforme erscheinen musten, die mann heuer zu Laxenburg hätte anlegen sollen, aber wegen deren damahligen so betrübten Aspecten (wiewollen die Kleider meistens schon fertig waren) nicht mehr angezogen hatte. Sothane Uniforme bestunde für die Dames in rothen Robes oder Sacs mit Gold und Silber entrelacirten Blonden gebrämet und für die Männer in roth tuchenen Surtouts oder sogenannten Fracs mit grün grisettenen Vesten; beide waren mit einer en galon gestickten goldenen Einfassung oder Bordé. Mann danzte, gleichwie sonsten bei denen Kinderbals, in der Rath-Stuben und die Entrée ware auch die nemmliche, ausser daß selbe auch denen Associirten des Hofspills ebenfahls erlaubet wurde. Der Pharaon Tisch stunde in der Retirade* und gegen 10 Uhr gienge mann zum Soupé, so auf zwei Taffelen serviret wurde, deren eine für die Herrschaften und die Quadrillen deren Danzern und Danzerinnen in der zweiten Anticamera, und die andere für die übrige Anweesende in der Ritterstuben, und zwar jede aus 30 biß 40 Couverts beiläuffig zubereitet waren.106 * Als „Retirade“ wurden die vom Kaiserpaar gemeinsam genutzten Räume bezeichnet. 106 Aus dem Tagebuch des Fürsten Khevenhüller-Metsch vom 24. Januar 1758, zitiert nach: Khevenhüller-Metsch, Schlitter (Hrsg.): Aus der Zeit Maria Theresias, Bd. 5, Wien-Leipzig 1911, S. 4 – 5 91 Briefe und Augenzeugenberichte 52 Brief Maria Theresias vom 18.  Juni 1758 an Feldmarschall Graf Daun. Zum ersten Jahrestag der für Österreich siegreichen Schlacht von Kolin dankt die Kaiserin überschwänglich ihrem Feldherrn. Den 18. Juni. Geburtstag der Monarchie. Lieber Graf Daun! Unmöglich könnte ich den heutigen großen Tag vorbeygehen lassen, ohne ihme meinen gewiß herzlichsten und erkenntlichsten Glückwunsch zu machen. Die Monarchie ist ihm ihre Erhaltung schuldig und ich meine Existence und meine schöne und liebe armée und meinen einzigen und liebsten Schwagern. Dieß wird mir gewiß, so lang ich lebe, niemalen aus meinem Herzen und Gedächtniß kommen; au contraire mir scheinet, daß es jährlich mir frischer und sensibler ist und daß niehmalens selbes genug an ihm und den Seinigen werde erkennen können. Dieß ist der Tag auch, wo mein Namen auch für das Militaire sollte verewiget werden, auch seiner Hände Werk, und ist er wohl billig, leider mit seinem Blute, mein erster Chevalier* geworden. Gott erhalte ihn mir noch lange Jahre zum Nutzen des Staates, des Militaire und meiner Person als meinen besten wahresten guten Freund. Ich bin gewiß, so lange ich lebe, seine gnädigste Frau Maria Theresia.107 * Daun hatte für den Sieg bei Kolin als erster Ritter das Großkreuz des Maria- Theresien-Ordens erhalten. 107 Brief Maria Theresias an Feldmarschall Graf Daun vom 18. Juni 1758, zitiert nach: Arneth: Geschichte Maria Theresia’s, Bd. 5, S. 200 92 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 53 In der Schlacht bei Hochkirch am 14. Oktober 1758 siegt wiederum Feldmarschall Graf Daun über den Preußenkönig. Die Zeitung „Wienerisches Diarium“ berichtet in ihrer Ausgabe vom 18.  Oktober 1758 von der Überbringung der erfreulichen Nachricht an Maria Theresia. Sonntags den 15. als an dem glorreichen Namens-tag Ihrer Majestät der Kaiserin Königin Unserer allergnädigsten Landes-fürstin, und Frauen Frauen haben die alhier anwesende Herren Bottschaftere, und Gesandte, dann einige anhero gelangte Hungarische Herren Magnaten, und der gesamte alhierige hohe Adel zu Schönbrunn in prächigster Gala sich eingefunden, um die allerunterthänigste Glückwünsche abzustatten. Die Allerhöchste Herrschaften haben Vormittags dem feyerlichen Gottes-dienst in der Schloß-capelle alda abgewartet, und Mittags unter Aufwartung des hohen Adels offentlich gespeiset. Abends ware grosses Apartement; bey Ende dessen nach 8. Uhr der Herr Obrist-wacht-meister und Flügel-adjutant Freyherr von Rotschitz von der Kaiserl. Königl. General-feldmarschalls Grafens von Daun stehenden Armee ganz unvermutet mit 4. blasenden Postillionen zu Schönbrunn eingeritten, und dem allerhöchsten Kaiserl. Hofe die erfreulichste Nachricht überbracht hat, daß es den 14ten dieses fruhe vor 5. Uhr zwischen der Kaiserl. Königl. und der Preußischen Armee zu einem Haupttreffen gekommen, welches (nachdeme die unserige die Preussen in ihrem Lager annoch vor Tags plötzlich überfallen haben,) bis gegen 11. Uhr Mittags gedauret, worauf die Feinde gezwungen worden, nach einem hartnäckigten Widrstand den Wahl-platz mit Hinterlassung einer sehr beträchtlichen Anzahl Canonen, Standarten, und Fahnen, auch vieler Bagage, und aller Zelten ihres ganzen Lagers denen siegreichen Kaiserl. Königl. Waffen abzutreten, und in äusserster Confusion die Flucht zu ergreiffen. Über diese so unvermutet als zur erwünschten Verherrlichung des besagt-allerhöchsten Namens-festes annoch eben zu recht eingetroffene fröhliche Zeitung wurde noch selbigen Abend in der Schloßkapelle zu Schönbrunn von Se. eben alda annoch zu gegen sich befundenen Hochfürstl. Gnaden dem alhierigen Herrn Erzbischoffen 93 Briefe und Augenzeugenberichte alsogleich mit Zuziehung deren aldasigen Herren Hof-capellanen, und WW. EE. PP. Capucinern das Te Deum laudamus in Beywohnung Allerhöchster Herrschaften und des sammentlichen hohen Adels gehalten.108 108 Bericht über den Sieg Feldmarschall Graf Dauns in der Schlacht bei Hochkirch am 14. Oktober 1758, zitiert nach: van Ghelen’sche Erben (Hrsg.): Wien, den 18. October 1758., in: Wienerisches Diarium, Nr.  83 vom 18. Oktober 1758, S. 6 94 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 54 Schreiben Maria Theresias an Feldmarschall Graf Neipperg. Undatiert, 1759. Für die Monarchin ist es von höchster Bedeutung, stets über das Kriegsgeschehen informiert zu sein. Eine ständige Berichterstattung durch die Generale ist hierfür unerlässlich. Ich habe zwar schon durch Plöckner* den ersten Bericht von Prinz Zweibrück** geschickt, habe ihm aber gemeldet, daß ihm schriftlich das Mehrere melden werde. Se. Majestät der Kaiser und ich haben gut befunden, daß die Correspondenz wie vorhin durch den Hofkriegsrath an die commandirenden Generale geführt werde, also aber, daß Alles durch unsere Unterschrift geschehen soll, und abgewechselt, einige durch Se. Majestät den Kaiser und einige durch mich. Wenn was Importantes wäre, wären die Expeditionen eher, als sie zur Unterschrift gebracht werden, mir zu schikken, Montag und Donnerstag, wenn es aber nur Currentia sind, zu expediren, doch aber nachgehends an diesen Tagen diese mir doch zu schicken. Den zwei Ministern Kaunitz und Colloredo wären auch die Relationen zu schicken; dieses schreibe Alles aus Befehl – auch des Kaisers.109 * Hofkriegsrat Franz Joseph Edler von Plöckner. ** Friedrich Michael Herzog von Pfalz-Zweibrücken-Birkenfeld (1724 – 1767), kaiserlicher Feldmarschall. 109 Schreiben Maria Theresias an Feldmarschall Graf Neipperg aus dem Jahre 1759, zitiert nach: Arneth (Hrsg.): Briefe, Bd. 4, S. 150 95 Briefe und Augenzeugenberichte 55 Das Kriegsglück scheint auf beiden Seiten sehr wechselhaft zu sein. Trotz der Einnahme Dresdens durch die Österreicher Anfang September 1759, gelingt es den Truppen Maria Theresias nicht, wesentliche Gebiete Sachsens zu halten. Leipzig, Wittenberg und Torgau gelangen wieder in die Hände der Preußen. Fürst Khevenhüller-Metsch fasst die Ereignisse mit Eintrag vom 30. September 1759 in seinem Tagebuch zusammen. Die Militaria giengen unsererseits wider all- besseres Vermuthen abermahlen sehr schlecht. Die Reichs Armée (mittelst des starcken Renfort unserer Truppen) nahme zwar Dresden mit einer nur gar zu glimpffen Capitulation ein, als welche mann, pour finir, noch ganz gern verwilligte, zumahlen ein feindliches Corps, da der Printz v. Zweybrucken und Magoire* mit dem Commandanten v. Schmettau** en pour-parlers waren, zum Entsatz herbei gerucket und ungehindert es nicht 10.000 Mann ausgemachet, sehr kumerlich zum weichen gebracht worden ware. Nach der Eroberung der Residenz Statt hätte mann mit einer so überlegenen Macht wenigstens die vorige Conquêten erhalten sollen, allein es wurde dem Feind so ville Zeit und Gelegenheit gelassen, Torgau, Wittemberg, und sogar auch Leipzig uns wieder zu entreissen; und wiewollen der Printz v. Zweybrucken es endlichen gewaget, den Generalen Finckenstein, welcher mit etwann 12.000 biß 15.000 Mann bei Meißen stunde, den 21. dises zu attaquiren, so kunte er doch nichts anderst ausrichten, als daß nach einen unnutzen Blut-Bad der Feind zwar seinen Posto verlassen, so gleich aber einen andern eben so vortheilhafften zu nehmen gewust, wordurch er Torgau und die übrige recuperirte Orth nebst der freien Communication mit seinen zuruck gelegenen Landen dises ganze Monath hindurch souteniret.110 * Eigentlich Maguire, französischer General. ** Karl Christoph Reichsgraf von Schmettau (1698 – 1775), preußischer Generalleutnant und Gouverneur von Dresden. 110 Aus dem Tagebuch des Fürsten Khevenhüller-Metsch, vom 30.  September 1759, zitiert nach: Khevenhüller-Metsch, Schlitter (Hrsg.): Aus der Zeit Maria Theresias, Bd. 5, S. 127 96 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 56 Schreiben Maria Theresias an Feldmarschall Joseph Wenzel Fürst Liechtenstein vom Januar 1760. Dieser hatte sich bereit erklärt, die Brautwerbung um Prinzessin Isabella von Parma im Namen Erzherzog Josephs, des zukünftigen Thronerben, auszuführen. Lieber Fürst Liechtenstein. Löschenkohl* bringt mir die angenehme Antwort vom Fürsten, daß er uns den Gefallen thut, die Absendung nach Parma anzunehmen. Niemand hätte mit mehr Vertrauen und Anständigkeit als der Fürst diese so angenehme Commission für uns und unser Haus verrichten können, und wir hätten auch nicht leicht ein größeres Merkmal unseres Vertrauens dem Fürsten geben können, als ihn mit der uns angenehmsten Commission zu chargiren. Alles, was diese Heirat anbelangt, schickt sich so sehr nach meinem Wunsche, daß ich mir recht den glücklichsten Ausschlag und eine bessere Zukunft für meine alten Tage verspreche, als ich meine jungen passirt habe. Die Freude, die man in Italien haben wird, den Fürsten zu sehen, ist auch nicht eine der geringsten Freuden, die ich mir mache, und ich hoffe, der Gesundheit wird es auch gut anschlagen.111 * Hofrat Johann Christoph Freiherr von Löschenkohl. 111 Schreiben Maria Theresias an Feldmarschall Joseph Wenzel Fürst Liechtenstein vom Januar 1760, zitiert nach: Arneth (Hrsg.): Briefe, Bd. 4, S. 306 – 308 97 Briefe und Augenzeugenberichte 57 Die Brautwerbung verläuft ganz zu Maria Theresias Zufriedenheit. Die Hochzeit Josephs mit Isabella findet am 6. Oktober 1760 in Wien statt. Das Blatt „Wienerisches Diarium“ schildert in seiner Ausgabe vom 11. Oktober 1760 das Festmahl am Abend des Hochzeitstages im großen Redoutensaal der Wiener Hofburg. Gegen halber 9. Uhr begaben sich Ihre Kaiserl. und Königl. Majestäten mit Ihren vermählten Königl. Hoheiten, und denen Durchleuchtigsten Erz-herzogen Carl, und Peter Leopold, dann denen Durchleuchtigsten Erzherzoginnen Maria Anna, Maria Christina, Maria Elisabetha, Amalia, Johanna, und Josepha, ingleichen mit dem Durchleuchtigsten Prinzen Carl, und Prinzeßin Anna Charlotte von Lothringen unter dem Corteggio* von Dames, und Cavaliers nach dem grossen vortreflich ausgezierten, und auf das prächtigste beleuchteten Redouten-saal, dahin nunmehro die Durchleuchtigste vermählte Erz-herzogin von Dero obristen Hof-meistern an der Hand bedienet, der Schlepp des Hof-kleids aber wiederumen von Dero obristen Hof-meisterin getragen wurde. Der Hof tratte daselbst unter Trompeten- und Paucken-schall ein, und Ihre Majestäten liessen sich zur Tafel unterm Baldachin nieder, das Durchleuchtigste Braut-paar setzten sich zur Seiten Seiner Majestät des Kaisers neben einander, das Tisch-gebett sprache der hiesige Herr Erz-bischof, und es wurde die Tafel mit dem neu-verfertigten kostbaren, und kunstreich gearbeiteten goldenen Service zum erstenmal bedienet, auch eine schöne Instrumental- und Vocal-musik währender ganzen Tafel hindurch gehalten. Als Ihre Kaiserl. und Königl. Majestäten den ersten Trunk gethan, wurde wiederum von der nunmehro auf das Michaeler-plätzel aufgezogenen Bataillon das kleine Gewehr, und darauf rings um die Pesteyen** herum die Canonen zum drittenmal gelöset. Der sehr grosse Saal ware mit einer ungemeinen Menge von Dames und Cavalliers angefüllet, und man hat auch dem Volk den Trost gegönnet, nach und nach dahin eingehen, und zusehen zu dörfen. Nach geendigtem Hochzeit-mahl erhuben Sich Ihre Kaiserl. und Königl. Majestäten mit denen sammentlichen Durchleuchtigsten Herrschaften nacher Hof zuruck, und geruheten das Durchleuchtigste Braut-paar nach Dero prächtigst zubereiteten Wohn- 98 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch zimmer zu führen. Es ware nicht nur die K. K. Burg mit weissen Marsfackeln, sondern auch die 2. Triumpf-porten mit vielen tausend Lampen diese und 2. folgende Nächte hindurch beleuchtet.112 * ital. corteggio – Gefolgschaft ** Basteien 112 Schilderung der Feierlichkeiten anlässlich der Hochzeit Erzherzog Josephs mit Prinzessin Isabella von Parma am 6.  Oktober 1760, zitiert nach: van Ghelen’sche Erben (Hrsg.): Samstags-anhang 11. Octob. 1760., in: Wienerisches Diarium, Nr. 82 vom 11. Oktober 1760, S. 12 – 13 99 Briefe und Augenzeugenberichte 58 In der Schlacht bei Torgau am 3. November 1760, dem letzten gro- ßen Gefecht des Siebenjährigen Krieges, besiegt die preußische Armee österreichische Truppen, Zunächst scheint das Kriegsglück bei den Österreichern unter Führung Feldmarschall Dauns zu liegen, wie die Zeitung „Wienerisches Diarium“ in ihrer Ausgabe vom 12. November 1760 schildert. Es ist zwar von der den 3ten dieses bey Torgau vorgefallenen blutigen Schlacht, und was sich in der Nacht ergeben hat, noch keine umständliche Beschreibung hier eingeloffen; so vieles aber wird durch zuverläßige Nachrichten bestättiget, daß die Armee des Königs in Preussen bis in die Nacht gänzlich geschlagen, und mit ihrem grossen Verlust, welcher sich wenigstens auf 20000. Mann an Todten, Bleßirten, Gefangenen und Verloffenen belauffet, zuruck getrieben, folglichen das Schlacht-feld von der Kaiserl. Königl. Armee behauptet worden. Da aber der General Ziethen mit einem beträchtlichen Corps Infanterie und Cavallerie währender Schlacht eine fausse* Attaque gegen Torgau zu gemacht, und bey vorgefundenen starken Widerstand sich endlichen linker Hand gegen die Anhöhen von Siplitz gewendet hat; so ist es ihm solchergestalten gelungen, sich von diesen Anhöhen zu bemeisteren, und dieselbe grösten Theils zu behaupten; ungeachtet von Seiten der Kaiserl. Königl. Armee noch in der Nacht ein Angrif gemacht und versuchet worden, den Feind wieder von denen Anhöhen zu verdringen. Bey solchen Umständen, und da die geschlagene, und in Flüchten begriffene Armee des Königs genugsame Zeit gewonnen hat, sich wieder zu setzen, und dem Ziethischen Corps zu Hülf zu kommen; wäre von Seiten der Kaiserl. Königl. Armee allzuviel gewaget gewesen, wenn sie des anderen Tags einen neuen Angrif hätte unternehmen, oder in einem üblen Lager stehen bleiben wollen. Sie hat sich in der Zeit fruhe theils über die Elbe unter Commando des Generalen der Cavallerie Grafen O Donnel, und theils diesseits des Flusses unter Anführung des Feld-zeug-meisters Grafens von Lasey in der besten Ordnung, und ohne von dem Feind in Marsche beunruhiget zu werden zuruck gezogen, und ein Theil der Cavallerie ist erst um halb 10. Uhr nachgefolget, welchen zwar bey die 15. Escadrons Hussaren nachgeschicket worden, diese haben sich aber mit einem Angrif begnüget; wobey man diesseits 2. Todte und 7. Bleßirte, aber dargegen 5. Gefangene bekommen hat. Die Anzahl der in der 100 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch Schlacht gemachten feindlichen Gefangenen belauffet sich zwischen 4000. und 5000. Mann. Das Schlacht-feld ware mit Preußischen Todten und Ble- ßirten bedecket, und man konnte dem Feind das Vergnügen gönnen, daß er noch einmal das Schlacht-feld so theuer, als wie den 3ten dieses geschehen ist, erlauffen möchte.113 * franz. fausse – verfehlt 113 Schilderung der Schlacht bei Torgau am 3. November 1760, zitiert nach: van Ghelen’sche Erben (Hrsg.): Wien den 12. Novemb. 1760, in: Wienerisches Diarium, Nr. 91 vom 12. November 1760, S. 17 – 18 101 Briefe und Augenzeugenberichte 59 Brief Maria Theresias an Rosalie Gräfin Edling, einer guten Freundin aus Jugendtagen. Undatiert, Januar 1761. Neben all den militärischpolitischen Sorgen trifft die Kaiserin mit dem Tod ihres erst sechzehnjährigen, zweitältesten Sohnes, des Erzherzogs Karl, am 18. Januar 1761 ein schwerer Schicksalsschlag. Neben Mitteilung dieser traurigen Nachricht, gibt sie Ihrer alten Freundin den Rat, deren Star-Leiden von dem Wiener Arzt Wenzel behandeln zu lassen. Liebste Salerl. In meinem großen Betrübniß, einen so lieben Sohn, als wie der Karl war, verloren zu haben, habe keine andere Consolation, als meiner alten guten Freunde mich zu erinnern, wo Du eine der Ersten bist, und niemals genug Dir meine Erkenntlichkeit bezeigen kann für alles Gute, was ich Dir schuldig bin. Es ist hier ein sehr habiler Oculist, Wenzel genannt, der sehr Vielen völlig geholfen, auch die schon sehr in Jahren, als wie Feldmarschall Moltke*, Frau von Mensshengen** und Andere. Er operirt viel geschwinder, weniger schmerzlich, und kann der Staar niemals mehr zurückkommen, weil er ihn nicht sticht, sondern herausnimmt und die ganze Operation eine und eine halbe Minute dauert und nicht mehr Schmerzen als der Aderlaß macht. Wenn Du Dich resolviren könntest, ihn zu sehen, so will ich ihn Dir schicken; Du dürftest Dich um nichts sorgen, da ich mich von Allem chargire; es soll Dir auch nichts kosten als das Logement. Ich erwarte also Deine Antwort und wäre wohl vergnügt, wenn ich Dir zu etwas nützlich sein könnte. Bete für mich, da ich es in Allem nöthig habe, denn Gott mir viel auferlegt. Ich verdiene es nur allzuwohl; verlange nichts Anderes als zu seiner Ehre und zum Nutzen der Länder und Heile meiner Kinder, so lang Gott es noch will, mein Leben anzuwenden, so traurig es auch jetzt und künftig noch zu sein scheint. Seine Gnade aber ist mir dazu höchst nöthig, denn ohne selbe ist der Mensch nichts, und ich noch weniger als ein Anderer. 102 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch Liebste Salerl, ich wünschte statt dieses (Briefes) mit Dir reden zu können, und bleibe allzeit Deine gewiß treue alte Freundin Maria Theresia.114 * Feldmarschall Philipp Ludwig Freiherr von Moltke (gestorben 1780). ** Eleonore, Gattin des niedrösterreichischen Regierungsrates Franz Christoph von Menshengen. 114 Brief Maria Theresias an Rosalie Gräfin Edling vom Januar 1761, zitiert nach: Arneth (Hrsg.): Briefe, Bd. 4, S. 515 – 516 103 Briefe und Augenzeugenberichte 60 Ein friedliches Ereignis in jenen kriegerischen Zeiten ist die Fronleichnamsprozession am 21. Mai 1761 in Wien. Karl Johann Christian Graf von Zinzendorf* berichtet hiervon in seinem Tagebuch (Original französisch). Um vier Uhr aufgestanden. Mit Herrn Evers ging ich zum Stadtkommandanten General Holtzen auf dem Graben gegenüber der Dreifaltigkeits- Säule. Hier sah ich die ganze Prozession, die bis 10 Uhr dauerte. Am Anfang kamen nur die verschiedenen Zünfte, jede einzelne mit schönen Fahnen. Etwa zwei Stunden später folgten Mönche der verschiedenen Orden, die Trinitarier, die von St. Michael, die Kapuziner und die grauen Franziskaner mit dem einzigen Unterschied, daß die ersteren Bärte tragen, die Benediktiner ganz in Schwarz, die Angehörigen des Predigerordens oder Dominikaner schwarz und weiß. Auch die Arcièren** oder die hundert Schweizer zogen vorüber. Ein Bataillon von Leopold Daun stand unter Waffen auf dem Platz. Nach den Kämmerern und den Räten im Mantelkleid kam das Allerheiligste, von einem Priester unter einem Baldachin vor dem Erzbischof getragen, der vor einem Altar neben der Dreifaltigkeits- Säule den Segen austeilte. Die kaiserlichen Majestäten und die kaiserliche Familie mit allen Damen und einigen Ministern nahmen auf einer Tribüne Platz, gerade vor dem Haus, in dem ich mich befand. Nach dem Segen bewegte sich der Baldachin, getragen von zwei jungen Grafen Kaunitz und zwei anderen, weiter. Ihm folgte der Nuntius, der Kaiser und die Kaiserin, alle mit Kerzen in den Händen, dann kamen ungefähr zwanzig Hofdamen. Ein Bataillon des Regiments …*** beschloß die Prozession, die sich in die St. Stefanskirche begab.115 * Karl Johann Christian Graf von Zinzendorf (1739 – 1813) war ein österreichischer Staatsmann und Ritter des Deutschen Ordens. ** Arcièren-Leibgarde (von ital. Arciere – Bogenschütze, Leibwächter) war eine der Leibgarden am Hof der Habsburger in Wien. *** Der Name ist im Tagebuch ausgelassen. 115 Aus dem Tagebuch des Grafen Karl von Zinzendorf vom 21. Mai 1761, zitiert nach: Hans Wagner: Wien von Maria Theresia bis zur Franzosenzeit. Aus den Tagebüchern des Grafen Karl von Zinzendorf, Wien 1972, S. 33 104 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 61 Am 16.  Dezember 1761 wird die preußische Festung Kolberg in Pommern durch die mit Österreich verbündeten Russen eingenommen. In der Ausgabe vom 26. Dezember 1761 schildert das Blatt „Wienerisches Diarium“ die Lage Kolbergs kurz vor Übergabe an russische Truppen. Die von Marienwerder unter dem 12. dieses hier eingelangte Briefe melden: daß, nachdem ein Theil des unter der Anführung des Hrn. General Grafens von Rumanzew stehenden Corps vor Colberg stehen geblieben, besagte Stadt auf das möglichste eingeschränket, und von Zeit zu Zeit immer mehr bestürmet worden; eben diese Briefe fügten noch hinzu: daß die Rußische Truppen des Hafens sich bemeisteret; nachhero 2. Bastimente* von Lübeck, so mit Lebens-mitteln für die Stadt beladen waren, allda selbsten weggenommen, und alle Ausreissere den in Colberg auf das äusserste überhand genommenen Mangel einhellig bestättigten.116 * ital. bastimento – Schiff 116 Bericht über die Lage der preußischen Stadt und Festung Kolberg kurz vor Übergabe an die Russen am 16. Dezember 1761, zitiert nach: van Ghelen’sche Erben (Hrsg.): Wien, den 26. Decemb., in: Wienerisches Diarium, Nr. 103 vom 26. Dezember 1761, S. 11 105 Briefe und Augenzeugenberichte 62 Nach dem Tod der Zarin Elisabeth von Russland Anfang Januar 1762 stellt ihr Nachfolger Peter III., ein großer Bewunderer des Preußenkönigs, umgehend alle Kampfhandlungen ein und schließt am 5. Mai 1762 in Sankt Petersburg Frieden mit Preußen. Die Zeitung „Wienerisches Diarium“ berichtet am 9. Juni 1762 von diesem diplomatischen Wandel. Nachdem seit einiger Zeit, über die Wiederherstellung des Friedens zwischen Sr. Königl. Majestät und des Rußischen Kaisers Majestät, zu Petersburg tractiret worden, so ist es dahin gediehen, daß solcher Friede glücklich geschlossen, und den 24. April alten, und 5. May neuen Styls, unterzeichnet worden, und zwar von Seiten Sr. Königl. Majestät durch den Obristen, Adjutanten und würklichen Cammerer, Freyherrn von der Golz, und von Seiten Sr. Rußisch-Kaiserl. Majestät durch den Großkanzler, Herrn Grafen von Woronzow Excellenz.117 117 Bericht über den Friedensschluss zwischen Rußland und Preußen am 5. Mai 1762, zitiert nach: van Ghelen’sche Erben (Hrsg.): Berlin 25. May., in: Wienerisches Diarium, Nr. 46 vom 9. Juni 1762, S. 5 106 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 63 Schreiben Maria Theresias an Obersthofmeister Graf Uhlfeld. Undatiert, Juni 1762. Nach dem Friedensschluss zwischen Russland und Preußen sieht die Monarchin im Krieg mit Friedrich II. für Österreich eine ungünstige Wendung heraufziehen. Sobald das Corps in der Nähe sein wird, so wird man sie als Feinde tractiren. Die Briefe von Mercy* vom 28. sind noch ärger als alles Übrige, so zwar, daß er (der Zar) im halben Mai an die Pforte schreiben ließ, sie möchte nur in Ungarn einfallen, Rußland würde nichts dagegen zu sagen haben.118 * Florimond Claude Graf Mercy d’Argenteau (1727 – 1794), österreichischer Botschafter in Sankt Petersburg. 118 Schreiben Maria Theresias an Obersthofmeister Graf Uhlfeld vom Juni 1762, zitiert nach: Walter (Hrsg.): Briefe und Aktenstücke, S. 170 107 Briefe und Augenzeugenberichte 64 Brief Maria Theresias an Maria Antonia, Kurprinzessin von Sachsen, vom 8. Dezember 1762 (Original französisch). Der Schlachterfolg der Preußen bei Freiberg in Sachsen über die Reichsarmee Ende Oktober 1762 führt auf allen Seiten zu Friedenswilligkeit. Östereich und Sachsen unternehmen erste Schritte zur Einleitung von Friedensverhandlungen mit Preußen. Liebe Frau Muhme. Wir können Ihnen nicht genug danken für die Mühe, die Sie darauf verwendet haben, den König von Preußen zu einer Erklärung* zu veranlassen, und ich hoffe, daß diese so heiß ersehnte große Arbeit gelingen könnte, wenn er nicht den ganzen Vorteil auf seine Seite bringen will. Trotzdem vernachlässigen wir keineswegs die Feldzugsvorbereitungen, im Gegenteil, alle Dispositionen und die Vergrößerungen der Corps werden beschleunigt. Wir beabsichtigen, in wenigen Tagen den Rat Kannegießer** zu senden, der ein fähiger Mensch ist und mit dem König zu unterhandeln versteht. Wenn Poniatowsky*** noch hier ist, habe ich vor, mit ihm über Ihre Pläne zu reden; aber ich habe in den letzten Tagen niemand gesehen, da eine meiner Töchter schwer am heißen Fieber erkrankt ist. Ich selbst bin so angegriffen davon, daß ich unpäßlich bin und mein Kopf nicht in dem Zustand ist, sich betätigen zu können. Sie werden mir diese Schwäche vergeben und glauben, daß ich stets bin Eurer Hoheit sehr gewogene Muhme Maria Theresia.119 * Der preußische König Friedrich II. beantwortete die österreichisch-sächsischen Promemorien mit einem Memorandum. ** Hofrat Hermann Lorenz Freiherr von Kannegießer (gestorben 1766). *** Andreas Graf Poniatowsky, österreichischer General. 119 Brief Maria Theresias an Maria Antonia Kurprinzessin von Sachsen vom 8. Dezember 1762, zitiert nach: Fred (Hrsg.): Briefe der Kaiserin Maria Theresia, Bd. 1, S. 35 – 36 108 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 65 Am 15. Februar 1763 wird auf Schloss Hubertusburg im Kurfürstentum Sachsen der Friedensschluss zwischen Österreich, Preußen und Sachsen besiegelt. Das „Definitiv-Friedens-Tractat“, geschlossen zwischen den Mächten Österreich und Preußen, hebt den Friedenswillen aller Kriegsparteien hervor. Indem Ihro Kayserl. auch zu Hungarn und Böhmen Königl. Apostolische Maj. und Se. Maj. der König in Preussen aus gleichem Eifer Verlangen trugen, den Bedrängnissen des zu Ihrem grossen Leid seit mehreren Jahren her fürdaurenden Kriegs ein Ende zu machen, folglich durch eine schleunige und aufrichtige Versöhnung sowohl Ihren eigenen Staaten und Unterthanen, als jenen Ihrer Freunde und Alliirten die Ruhe und den Frieden weiter zu verschaffen; als wurde, so bald gemeldete Ihre Majestäten von der Gleichförmigkeit Ihrer desfälligen Gesinnungen verständiget worden, an ein so heilsames Werk Hand angeleget, und verabredet, in dem Schloß Hubertsburg Friedens-Handlungen durch die von beyden Theilen ernannte Gevollmächtigte vornehmen zu lassen.120 120 Aus dem Friedensvertrag zwischen Österreich und Preußen vom 15. Februar 1763, zitiert nach: Johann Gottlieb Mizler (Hrsg.): Definitiv-Friedens-Tractat, welches zwischen Ihrer Kayserl. auch zu Hungarn, und Böheim Königl. Apostolischen Majestät K. K. und Seiner Majestät dem König in Preussen K. K. zu Hubertusburg den 15. Febr. 1763. geschlossen worden., Schwabach 1763, S. 3 109 Briefe und Augenzeugenberichte 66 Schreiben Maria Theresias an Obersthofmeister Graf Uhlfeld. Undatiert, März 1763. Schon bald nach dem Frieden von Hubertusburg drängt Maria Theresia auf eine baldige Wahl ihres ältesten Sohnes, Erzherzog Joseph, zum Römischen König. Die Haltung des britischen Gesandten, George Cressener, während der Vorverhandlungen zur Königswahl in Regensburg ist zweideutig und gibt zu Spekulationen Anlass. Nicht allein diese falsche Sprache führt er (Cressener) in seinem Schreiben, sondern er räth, daß man von englischer Seite uns allzeit die besten Worte geben solle, äußerlich, um uns einzuschläfern, dagegen mit Pfalz, Baiern und anderen Ständen eine Ligue zu machen, um uns und dem Kaiser in Allem tête zu halten. Den nämlichen Tag, daß Baiern in all diese Principien in Regensburg eingegangen, hat er (Kurfürst Max III. Josef von Bayern) Podstatzky* seine Declaration wegen der römischen Königswahl mit der heimlichen Reservation gegeben, daß es die Unanimität brauche, mithin allzeit Pfalz entstehen kann, wenn man sie nicht recht erkauft und Beide es ihre Convenienz finden.121 * Alois Graf Podstatzky, österreichischer Gesandter in München. 121 Schreiben Maria Theresias an Obersthofmeister Graf Uhlfeld vom März 1763, zitiert nach: Arneth (Hrsg.): Briefe, Bd. 4, S. 210 110 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 67 Joseph wird am 27. März 1764 in Frankfurt am Main einstimmig von den Kurfürsten zum Römischen König gewählt. In der Ausgabe vom 7. April 1764 schildert die Zeitung „Wienerisches Diarium“ explizit den Zug der Delegierten und Gesandten am Wahltag zum Frankfurter Dom. Der glückliche Zeit-punct, der Deutschlands Ruhe und Heil, auf hoffentlich lange Zeit, versichert, ist nun erschienen. Vorgestern, am Wahl-tag, nachdem die drey in höchster Person hier anwesende Churfürsten von Maynz, Trier und Cölln, und die erste fürtreffliche Herren Wahl-botschafter, in gröster Pracht, in 6-spännigen Kutschen, wobey der feineste Geschmack eben, wie die Schönheit deren Pferden in gleicher Maas zu bewundern ware, ohne Beobachtung einer Rangs-ordnung, aus ihren Hotels nach dem Römer von 9. Uhr an, nach und nach aufgefahren, nahm bald darauf um 11. Uhr der Zug von da in die Kaiserl. Wahl- und Dohm-kirche ad Sanctum Bartholomaeum, seinen Anfang, der bis 12. Uhr ununterbrochen fortdauerte. Sämtliche Livreen, zu tausenden, die Haus-officianten und Canzleypersonen, so viele Cavaliers, weltlich- und geistliche hohe Standes-personen, alles in gröster Gala, giengen vor denen Churfürsten und fürtrefflichen ersten Wahl-botschaftern her, welche, nach ihrer Ordnung, auf kostbar geschmückten Pferden, und zwar erstere, vor welchen ihre Erbmarschalle ritten, in ihren gewöhnlichen Chur-kleidern, letzte aber in Spanischen reichen Mantel-kleidern, in ohnsäglicher Pracht folgeten.122 122 Schilderung der Ereignisse vom Wahltag Erzherzog Josephs zum Römischen König am 27. März 1764, zitiert nach: van Ghelen’sche Erben (Hrsg.): Frankfurt 29. März., in: Wienerisches Diarium, Nr. 28 vom 7. April 1764, S. 2 111 Briefe und Augenzeugenberichte 68 Die Begebenheiten am Tag der Krönung Josephs zum Römischen König Anfang April 1764 schildert Johann Wolfgang von Goethe detailliert in seiner Autobiographie „Dichtung und Wahrheit“. Goethe gelingt es, durch Vermittlung von Freunden, einen Fensterplatz im Frankfurter Römer mit Blick auf den Marktplatz zu bekommen. Um den Einzug der beiden Majestäten, Kaiser Franz I. Stephan und König Joseph, in das Rathaus aus nächster Nähe beobachten zu können, verlässt er seinen Posten zeitweilig. Das Gedräng war nicht groß, weil die Zugänge des Rathhauses wohl besetzt waren, und ich kam glücklich unmittelbar oben an das eiserne Geländer. Nun stiegen die Hauptpersonen an mir vorüber, indem das Gefolge in den untern Gewölbgängen zurückblieb, und ich konnte sie auf der dreymal gebrochenen Treppe von allen Seiten und zuletzt ganz in der Nähe betrachten. Endlich kamen auch die beyden Majestäten herauf. Vater und Sohn waren wie Menächmen* überein gekleidet. Des Kaisers Hausornat von purpurfarbner Seide, mit Perlen und Steinen reich geziert, so wie Krone, Scepter und Reichsapfel, fielen wohl in die Augen: denn alles war neu daran, und die Nachahmung des Alterthums geschmackvoll. So bewegte er sich auch in seinem Anzuge ganz bequem, und sein treuherzig würdiges Gesicht gab zugleich den Kaiser und den Vater zu erkennen. Der junge König hingegen schleppte sich in den ungeheuren Gewandstücken mit den Kleinodien Carls des großen, wie in einer Verkleidung einher, so daß er selbst, von Zeit zu Zeit seinen Vater ansehend, sich des Lächelns nicht enthalten konnte. Die Krone, welche man sehr hatte füttern müssen, stand wie ein übergreifendes Dach vom Kopf ab. Die Dalmatica, die Stola, so gut sie auch angepaßt und eingenäht worden, gewährte doch keineswegs ein vorteilhaftes Aussehen. Scepter und Reichsapfel setzten in Verwunderung, aber man konnte sich nicht läugnen, daß man lieber eine mächtige, dem Anzuge gewachsene Gestalt, um der günstigern Wirkung willen, damit bekleidet und ausgeschmückt gesehen hätte. Kaum waren die Pforten des großen Saales hinter diesen Gestalten wieder geschlossen, so eilte ich auf meinen vorigen Platz, der von andern bereits eingenommen nur mit einiger Noth mir wieder zu Theil wurde. Es war eben die rechte Zeit, daß ich von meinem Fenster wieder Besitz nahm: denn das Merkwürdigste was 112 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch öffentlich zu erblicken war, sollte eben vorgehen. Alles Volk hatte sich gegen den Römer zu gewendet, und ein abermaliges Vivatschreyen gab uns zu erkennen, daß Kaiser und König an dem Balconfenster des großen Saales in ihrem Ornate sich dem Volke zeigten. Aber sie sollten nicht allein zum Schauspiel dienen, sondern vor ihren Augen sollte ein seltsames Schauspiel vorgehen. Vor allen schwang sich nun der schöne schlanke Erbmarschall auf sein Roß; er hatte das Schwerd abgelegt, in seiner Rechten hielt er ein silbernes gehenkeltes Ge(f )äß, und ein Streichblech in der Linken. So ritt er in den Schranken auf den großen Haferhaufen zu, sprengte hinein, schöpfte das Gefäß übervoll, strich es ab und trug es mit großem Anstande wieder zurück. Der kaiserliche Marschall war nunmehr versorgt. Der Erbcämmerer ritt sodann gleichfalls auf jene Gegend zu und brachte ein Handbecken nebst Giefaß ** und Handquele zurück. Unterhaltender aber für die Zuschauer war der Erbtruchseß, der ein Stück von dem gebratenen Ochsen zu holen kam. Auch er ritt mit einer silbernen Schüssel durch die Schranken bis zu der großen Bretterküche, und kam bald mit verdecktem Gericht wieder hervor, um seinen Weg nach dem Römer zu nehmen. Die Reihe traf nun den Erbschenken, der zu dem Springbrunnen ritt und Wein holte. So war nun auch die kaiserliche Tafel bestellt, und aller Augen warteten auf den Erbschatzmeiser, der das Geld auswerfen sollte. Auch er bestieg ein schönes Roß, dem zu beyden Seiten des Sattels anstatt der Pistolenhalftern ein paar prächtige, mit dem churpfälzischen Wappen gestickte Beutel befestigt hingen. Kaum hatte er sich in Bewegung gesetzt, als er in diese Taschen griff und rechts und links Gold- und Silbermünzen freygebig ausstreute, welche jedesmal in der Luft als ein metallner Regen gar lustig glänzten. Tausend Hände zappelten augenblicklich in der Höhe, um die Gaben aufzufangen; kaum aber waren die Münzen niedergefallen, so wühlte die Masse in sich selbst gegen den Boden und rang gewaltig um die Stücke, welche zur Erde gekommen seyn mochten.123 * Menächmen (griech.), in dem gleichnamigen Lustspiel des röm. Komödiendichters Titus Maccius Plautus Name zweier zum Verwechseln ähnlicher Brüder. ** Alter Ausdruck für Fass. 113 Briefe und Augenzeugenberichte 69 Bald nach der Königskrönung Josephs in Frankfurt am Main, drangen Maria Theresia und Franz Stephan auf eine baldige Wiederverheiratung ihres ältesten Sohnes. Josephs erste Frau, Isabella von Parma, war Ende November 1763 an den Pocken gestorben. Fürst Khevenhüller-Metsch betont in seinem Tagebucheintrag vom 5. Oktober 1764 die Dringlichkeit dieser Angelegenheit und erläutert die diversen diplomatischen Feinheiten, die es zu beachten gilt. Schon seiter der Zuruckkunfft von Francfurt hatten beide allerdurchlauchtigste Eltern in allerhöchst- disen ihr Herrn Sohn gedrungen, sich zur zweiten Ehe zu entschliessen und ware der erste in der That auch der gescheideste Vorschlag, ihme die spahnische Infantin zur Frauen zu geben, zumahlen die feierliche Zusammengebung per procura erst ad finem februarii anberaumet worden, mithin ganz füglich verschoben und abgeänderet werden kunte. Mann hatte sich aber in Sachen nicht schicklich genug benohmen und des Herrn erstere Betrübnus nicht genugsamm respectiret, folglichen eine abschlägige Antwort erhalten, welche – wann nur etwann noch ein paar Täge hätten abgewartet werden wollen (wie mir ganz verlässlich bekannt ist) – vollkommen vergnüglich und affirmativ ausgefallen wäre. Nach einiger Zeit erclärte er sich für die Princessin von Parma, einzige Schwester seiner verstorbenen Frauen; und obschon alle Vermuthung da ware, daß bereits vorläuffige Concerts und Engagemens mit selber und dem Prinzen von Asturien getroffen worden, so wurden dennoch einige Tentatifs* dissfahls zu Madrid gemacht, aber wieder so übl angebracht und nahmentlich zwar durch den Canal der verwittibten Königin von Spanien und des französischen Ministerii (welche eben an der Nicht-Réussirung der Sach am stärckesten interessiret waren), daß der Vortrag sogleich und zwar nicht auf die höfflichste Art von dem König in Spanien verworffen worden. Indessen ware unserem Bottschafter zu Paris von der Dochter des Herzog von Orléans gesprochen worden, welche nicht allein sehr jung und wohlgestaltet, sondern anbei auch mit einer Dote von beiläufig 20 Millionen livres begleitet wäre; allein die Kaiserin wolte von diser Alliance wegen der Tache 123 Aus Goethes Schilderung der Ereignisse am Krönungstag Josephs zum Römischen König am 3. April 1764, zitiert nach: Johann Wolfgang von Goethe: Aus meinem Leben: Dichtung und Wahrheit, Bd. 1, Tübingen 1811, S. 483 – 487 114 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch de bâtardise** bei der vätterlichen Grossmutter und der bekanten üblen Conduite der verstorbenen Mutter nichts wissen. Von denen lutherischen Princessinen ware ihr auch keine anständig, dahero verwarffe sie auch die sonst sehr wohl erzogene und ungemain schön sein sollende Dochter des Herzogs von Braunschweig-Wolfenbuttel, welche nach der Hand den Prinzen von Preussen, Präsumptiv-Erben des Königs, geeheliget hat. Es kunte also die Wahl, ausser der mit dem Erzherzog Ferdinand verlobten Princessin von Modena, nur auf folgende drei fallen: die jüngste der Infantinnen von Portugal, die jüngste chur-sächsische und des Churfürsten von Bayern ledige Frauen Schwester Maria Josepha. Erstere solle zwar der Gestalt nach nicht uneben, dabei aber sehr starck bei Leib sein und stehen sothaner Wahl noch darzu ville politische Umstände entgegen, wie sich dann Franckreich und Spanien ganz deutlich ercläret, daß selbe ihnen unmöglich angenehm sein könte; mithin bliebe dem römischen König lediglich unter denen letzteren zweien zu wählen übrig; und pour surcroît de fatalité*** wurde ihme beider Gestalt nicht zum gefälligsten beschriben, da zugleich die Kaiserin ihre vorzügliche Neigung für die sächsische Princessin, von deren übrigen Eigenschaften mann ihr ungemain vill schön und rühmliches beigebracht hatte, nach ihrer bekanten Lebhafftigkeit nicht bergen kunte.124 * im Deutschen etwa mit „Versuche“ zu übersetzen ** im Deutschen „Makel der unehelichen Geburt“ *** im Deutschen „zu allem Übel“ 124 Aus dem Tagebuch des Fürsten Khevenhüller-Metsch vom 5. Oktober 1764, zitiert nach: Khevenhüller-Metsch, Schlitter (Hrsg.): Aus der Zeit Maria Theresias, Bd. 6, Wien-Leipzig 1917, S. 63 – 64 115 Briefe und Augenzeugenberichte 70 Am 23.  Januar 1765 findet die Vermählung zwischen der bayerischen Prinzessin Maria Josepha und Erzherzog Joseph in Schloss Schönbrunn statt. Den feierlichen Einzug des Brautpaares in Wien am 29. Januar beschreibt Fürst Khevenhüller-Metsch in seinem Tagebuch. Den 29. als an dem zum offentlichen Einzug der römisch-königlichen Majestäten bestimmten Tag musten wir uns gegen 11 Uhr bei Hof versammlen; und obwollen mann von Zeit zu Zeit durch Reutende und Hofläuffer von der Annäherung des Zugs Nachricht erhielte, so wäre doch unser Corteggio wegen des villen Gedrengs zum Empfang bei der grossen Stiegen im alten Hof bald zu spätt gekommen. Mann verfügte sich sogleich à plein pied* in die grosse Capellen, wo das Te Deum gesungen wurde. Die Herrschaften speisten à 13 couverts offentlich unter Aufwartung des Cardinalen und Nuncii. Abends ware Appartement, vor welchem die englische Bottschafterin und die Ministres de famille bei der römischen Königin Audienz hatten, weil sie selbe zu Schönbrunn nicht sehen, mithin auch ihre Gratulations- Complimenten nicht ablegen können. Dem römischen König und beiden K. K. Majestäten hatten sie solche schon an den ersten Gala-Tag bei Einlangung der Nachricht von der Desponsation zu Munchen erstattet, folglich wurden sie von der Wiederhollung diser Seccature** dispensiret. Nach den Appartement verfügten sich sämmtliche Herrschaften incognito in die Loge des grossen Redouten-Saals, wo heut Freibal ohne Masque gehalten; und weil der Eintritt nicht allein denen sonstigen hierzu qualificirten Persohnen, sondern überhaubt auch denen vom Handelsstand und Artisten gestattet wurde, so ware ein solcher Zulauff, sahe auch in der That so schmutzig aus, daß es mit einem Fête de grande noce*** gar nicht harmoniret hat.125 * im Deutschen „mit schnellem Schritt“ ** ital. seccatura – Unannehmlichkeit *** im Deutschen „große Hochzeitsfeier“ 125 Aus dem Tagebuch des Fürsten Khevenhüller-Metsch vom 29. Januar 1765, zitiert nach: Khevenhüller-Metsch, Schlitter (Hrsg.): Aus der Zeit Maria Theresias, Bd. 6, S. 79 116 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 71 Im Sommer des gleichen Jahres, im August 1765, heiratet Erzherzog Leopold, der Bruder Josephs, die Infantin Maria Ludovica, eine Tochter Karls III. von Spanien, in Innsbruck. Die Zeitung „Wienerisches Diarium“ berichtet am 14. August 1765 vom Einzug der Braut in die Stadt und dem anschließenden feierlichen Gottesdienst eine Woche zuvor. Die Burger- und Schützen-Compagnien, wie auch das aufgezohene Militaire zu Fuß, und zu Pferd, nicht minder die nächst den neuen Markt befindliche Haupt-Wache empfiengen Ihre Königl. Hoheit durchgehends mit rührendem Spiel, klingender Feld-Musick, und mit Senckung ihrer Fahnen, das fröhliche Jauchzen des Volcks, und freudigste Vivat-ausruffen, wie auch die Menge desselben ware unendlich, und unzahlbar; und Ihrer Königl. Hoheit huldreichestes Bezeugen gegen dasselbe rührten aller Herzen mit innigst Ehrforchts-voller Empfindung. Als die Durchleuchtigste Prinzeßin Braut bey dem mittleren Haupt-Thore der St. Jacobs Pfarr-Kirche angelanget, wurden höchst-dieselbe allda von Seiner Königl. Hoheit Dero Durchleuchtigsten Bräutigam, welche ebenmaßig in Dero weis silber-stuckenen Bräutigams-Kleid angezohen waren, an dem Wagen empfangen, und in die Kirche, woselbsten sich Ihre Kaiserl. Königl. und Römisch- Königl. Majestäten, wie auch die Durchleuchtigsten übrigen Herrschaften in kostbarer Gala bereits samt dero zahlreichen Hof-Staat in Begleitung der Hof- und Stadt-Dames eingefunden, eingeführet, allda sie sich auf die roth sammete mit Gold-bordirte über einen aufgebreiteten türkischen Teppich gelegte Pölster auf die Knie nieder liessen, und sofort von dem Durchleuchtigsten Königl. Pohlnischen Chursächsischen Prinzen Clemens Bischoffen und Reichs-Fürsten zu Freysingen und Regenspurg, wie auch Coadjutorn* zu Augspurg mit Beystand 7. Herren Aebte, und Prälaten hiesigen Landes in Pontificalibus** angethan, dann des Kaiserl. Königl. Herrn Hof-Ceremoniarii der Herren Hof-Caplane, und übrigen Clero Assistenti das Pacem zu küssen, und das Weyhwasser dargereicht bekamen.126 * Der Koadjutor ist ein Bischof der katholischen Kirche, der einem anderen Bischof zur Seite gestellt wird. ** im Festgewand 126 Schilderung des Einzugs der Infantin Maria Ludovica von Spaniien, der Braut Erzherzog Leopolds, in Innsbruck am 7. August 1765, zitiert nach: van 117 Briefe und Augenzeugenberichte 72 Am 18. August 1765 erliegt Kaiser Franz I. Stephan während der Hochzeitsfeierlichkeiten in Innsbruck einem Schlaganfall. Fürst Khevenhüller-Metsch zeichnet die Geschehnisse nach den mündlichen Berichten Erzherzog Josephs und des Grafen Antoni von Salm, die beim Tod des Kaisers unmittelbar zugegen sind, minutiös in seinem Tagebuch auf. Der Kaiser, nachdeme er, wie schon gemeldet, nach seiner Gewohnheit biß zum End des Ballets verbliben, gienge in Begleitung des römischen Königs, der Prinzen und verschiedener Männer auch einiger Dames, worunter sich meine Schwigerdochter mit befunden, über den langen Corridor biß zu einen kleinen Vestibule, so in die Wohnzimmer des Erzherzogs Leopold führte, und wo er sich gemainiglich von der Compagnie congédirte*, um sodann weiters allein nach seinen und der Kaiserin Appartemens fortzugehen. Dises Mahl thate er das nemmliche und sagte zu denen Umstehenden: bon soir, messieurs et mes dames, à nous revoir à soupé**; gienge hierauf weiters biß zu einer engen Passage, wo mann etliche Stappfeln hinauf und sodann wieder hinunter steigen muste. Als er oben ware, lehnte er sich mit dem Kopff an die auf disen schmallen Corridor befindliche Thüre jenes alten Zimmers an, wo sein seeliger Herr Vatter gebohren worden. Der römische König, welcher den nemmlichen Weeg nach seiner Wohnung nehmen muste und seinen Herrn Vattern à une certaine distance pour ne pas le géner von weitem gefolget ware, kunte aus diser Attitude nicht wohl anderst muthmassen, als daß ihme nicht gutt wäre, befragte ihn dahero auch, ob er sich etwann übl befände, in welchem Fall er der Mainung wäre, I. M. mögten sich lieber niedersetzen und er wolte sogleich jemanden ruffen. Allein da ihme der Kaiser geantwortet: es hätte nichts zu bedeuten, es wären nur seine gewöhnliche Spasmi, ein braver Kerl müste nichts achten und er der König mögte nur seinen Weeg fortgehen, so stellete sich diser zwar, als gienge er nach seinen nächst daran stossenden Appartement, verlohre aber den Kaiser nicht vom Gesicht und remarquirte***, daß er mit ungleich und wancklenden Schritten von der kleinen Passage hinunter stigen und, alß er zur Thür der ersten Anticamera gekommen, welche halb offen ware, sich an selbe gleich Ghelen’sche Erben (Hrsg.): Insbruck den 7. Augusti., in: Wienerisches Diarium, Nr. 65 vom 14. August 1765, S. 11 118 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch jemanden, der Hülff sucht, mit allem Gewalt angehalten, worauf dann der römische König sogleich herausgesprungen und seinen Herrn Vattern, da er eben zu sincken anfienge, mit seinen Armen soutenirte, biß der Graf von Salm, der ihn par office nachgefolget, auf der anderen Seiten ebenfahls à tempo ankamme und mann sodann mit beihülff der übrigen zugeloffenen Hofleuthen den armen Herrn in jetzt gedachte Anticamera hineinschleppte, wo er auf das darinnen befindliche Roll- oder Schub-Bett des Leiblaquay du jour geleget wurde. Beicht-Vatter, Medici und Chirurgi waren freilich ungesaumt beruffen worden; mann hatte ihm an dem einen Arm und sogar auf einen der Schläffen die Ader geöffnet, allein er gabe kein Zeichen mehr. Da ich ihn aber noch ganz warm fande, so schrie ich zwar, mann mögte ihme noch mehrere Ader schlagen, um dem Geblüt, so ihn suffociret****, wo möglich noch Lufft zu machen; allein es hiesse immer, er wäre schon tod, es wäre keine Rettung mehr. Mithin muste mann lediglich auf jenes bedacht sein, was bei disen traurigen Zufall weiters zu besorgen; hierinfahls gienge uns der jezige junge Herr mit viller Standhaftigkeit und Prudenz an Handen, wiewollen er (wie ich ihme das wahre Zeugnus nicht versagen kann) biß auf das innerste betroffen ware. Die Kaiserin hatte mann, als sie, bei Vernehmung des Kaisers Indisposition, herbei geeilet, sogleich fast mit Gewalt hinweg- und es endlichen dahin gebracht, daß sie sich in ihre Zimmer retiriret und den ersten Schmertzen mit der übrigen durchlauchtigsten Famili getheilet; jedoch wolte sie die Nacht hindurch niemanden bei und um sich leiden; bis endlichen gegen Morgen eine der Cammerdienerin und der Cammerzahlmeister von Mayer als ein vertrauter Diener und durch welchen alle geheimme Anschaffungen gehen, hineingelassen wurden. Indessen hatte ich die Schlüsseln und übrige Kleinigkeiten, als Etui, Souvenir, kleine Heiligthümer, Rosencrantz etc., so der Kaiser bei sich getragen, zu mir genohmen und sodann nach der Kaiserin Befehl die erstere dem römischen König überreichet, die leztere aber ihr durch die Cammerdienerin de confiance von Guttenberg zustellen lassen, welche zugleich auch die 119 Briefe und Augenzeugenberichte Commission hatte, von dem Haubt des Verstorbenen einig- wenige Haar abzuschneiden, die die Kaiserin nach dermahliger Mode en braecelet fassen und also zum Andencken an den Arm tragen wollen.127 * franz. congédier qn. – jmdn. verabschieden ** im Deutschen „Guten Abend, meine Damen und Herren, wir sehen uns zum Abendessen wieder“ *** franz. remarquer – bemerken **** im Deutschen etwa mit „zu schaffen machen“ zu übersetzen 127 Aus dem Tagebuch des Fürsten Khevenhüller-Metsch vom 18. August 1765, zitiert nach: Khevenhüller-Metsch, Schlitter (Hrsg.): Aus der Zeit Maria Theresias, Bd. 6, S. 125 – 126 120 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 73 Brief Maria Theresias an ihre vierzehnjährige Tochter Erzherzogin Maria Josepha. Undatiert, Ende August 1765 (Original französisch). Die Monarchin verleiht ihrer tiefen Trauer Ausdruck und betont, dass nach dem Tod des Kaisers ausschließlich ihre Kinder ihr noch Lebensfreude werden schenken können. Ach, meine liebe Tochter, ich kann Sie nicht trösten, unser Unglück ist übergroß. Sie verlieren einen unvergleichlichen Vater und ich einen Gatten, einen Freund, den einzigen Gegenstand meiner Liebe. Seit zweiundvierzig Jahren hatten unsere Herzen und Gefühle nur ein Ziel, denn wir sind zusammen erzogen worden. Mein ganzes Mißgeschick seit fünfundzwanzig Jahren erschien mir erträglich, weil ich an ihm eine Stütze hatte. Ich bin so tief niedergeschlagen, daß nur die Religion, sowie Ihr, meine teuren Kinder, mir das Leben noch erträglich machen könnt, das ich meinem Seelenheil widmen werde. Betet für unsern guten und würdigen Gebieter; Euch aber gebe ich meinen Segen und bin stets Eure gute Mutter Maria Theresia.128 128 Brief Maria Theresias an ihre Tochter, Erzherzogin Maria Josepha, Ende August 1765, zitiert nach: Fred (Hrsg.): Briefe der Kaiserin Maria Theresia, Bd. 1, S. 102 – 103 121 Briefe und Augenzeugenberichte 74 Am Neujahrstag des Jahres 1766 tritt Maria Theresia erstmals seit dem Tod Franz Stephans wieder in der Öffentlichkeit auf. Fürst Khevenhüller-Metsch erwähnt diese Begebenheit unter dem 1. Januar 1766 in seinem Tagebuch. Den 1. Januarii an Neujahrs-Tag ware das Toisonammt* in der Hof-Capellen in campagne; und da so ville meiner Seniorum par hazard nicht zugegen gewesen, traffe es mich heut, den Doyen** zu machen und in diser Qualität dem Kaiser bei den Offertorio gewöhnlichermassen das Opffer zu reichen. Die Kaiserin-Königin liesse sich heut zum ersten Mahl offentlich sehen und fast jedermänniglich, der sich in der Anticamera bei selber einfande, zum Handkuß zu. Anbei erschinen die Cammerern, die Cammerdiener und der Herr Obrist-Cämmerer à la tête*** zum ersten Mahl mit denen Schlüsseln à la boutonière de la poche****, welch-letzterer gleich denen erstern einen vergoldeten, jedoch distinguirt und mehr aufgebuzten Schlüssel truege; was zu diser Neuerung Gelegenheit gegeben hat, ist aus meinen Ministerial- Acten und denen abschriftlich beiliegenden Vorträgen und Resolutionen zu ersehen, und hätte mann an den Francisci Tag nach meinen Vorschlag den Anfang bereits machen sollen, wann nicht der traurige Fall dazwischen gekommen wäre.129 * Messe, zu der vorrangig Träger des Ordens vom Goldenen Vlies (ordre de la toison d’or/ Toisonorden) zugelassen sind. ** franz. doyen – rangälteste Person *** franz. être á la tête – vorstehen **** im Deutschen „am Knopfloch der Jackentache“ 129 Aus dem Tagebuch des Fürsten Khevenhüller-Metsch vom 1. Januar 1766, zitiert nach: Khevenhüller-Metsch, Schlitter (Hrsg.): Aus der Zeit Maria Theresias, Bd. 6, S. 162 122 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 75 Am 7. April 1766 gibt Joseph II., seit dem Tod seines Vaters Kaiser und Mitregent Maria Theresias, den Prater, seit dem 16. Jahrhundert Jagdgebiet der Habsburger, zur allgemeinen Nutzung frei. Im Blatt „Wienerisches Diarium“ wird diese Verfügung am 9.  April bekannt gemacht. Es wird anmit jedermänniglich kund gemacht, wasmassen Se. kaiserl. Majest. aus allerhöchst zu dem hiesigen Publico allermildest hegenden Zuneigung Sich allergnädigst entschlossen, und verordnet haben, daß künftighin und von nun an, zu allen Stunden des Tags, ohne Unterschied jedermann in den Bratter sowohl, als in das Stadtgut frey spatzieren zu gehen, zu reiten, und zu fahren, und zwar nicht nur in der Hauptallee, sondern auch in den Seitenalleen, Wiesen und Plätzen (die allzu abgelegene Orte, und dicke Waldungen, wegen sonst etwa zu besorgenden Unfugs und Mißbrauchs alleinig ausgenommen) erlaubet, auch Niemanden verwehrt seyn soll, sich daselbst mit Ballonschlagen, Keglscheiben, und andern erlaubten Unterhaltungen eigenen Gefallens zu divertiren: wobey man sich aber verstehet, daß niemand bey solcher zu mehrerer Ergötzlichkeit des Publici allergnädigst verstattenden Freyheit sich gelüsten lassen werde, einige Unfüglichkeit, oder sonstig unerlaubte Ausschweifungen, zu unternehmen, und anmit zu einem allerhöchsten Mißfallen Anlaß zu geben. Wien den 7. April 1766.130 130 Bekanntmachung über die Nutzung des Praters für die Allgemeinheit vom 7.  April 1766, zitiert nach: van Ghelen’sche Erben (Hrsg.): AVERTISSE- MENT., in: Wienerisches Diarium, Nr. 29 vom 9. April 1766, S. 8 123 Briefe und Augenzeugenberichte 76 Maria Theresia ist in vielerlei Hinsicht nicht gewillt, dem Volk so weitreichende Freiheiten einzuräumen wie ihr Sohn Joseph. So lässt sie etwa die Vorgehensweise der Anfang der 1750er Jahre begründeten Keuschheitskommission noch verschärfen. Giacomo Casanova, der sich zum Jahreswechsel 1766/1767 in Wien aufhält, beschreibt seine Eindrücke in den Jahrzehnte später verfassten „Memoiren“ (Original französisch). Jenem grausamen Grundsatz, welcher aus einem Fehler entsprang, den die große Marie Theresie sub specie recti* beging, sind alle die Ungerechtigkeiten beizumessen, und alle Spitzbübereien zuzuschreiben, welche die Henkersknechte von Keuschheits-Commissarien verübten. Zu allen Stunden des Tages wurden in Wiens Straßen ohne Ausnahme die Frauenzimmer verhaftet, die allein gingen, um sich ihren Unterhalt zu erwerben, selbst wenn es auf eine anständige Art geschah. Wie konnte man denn wissen, ob jene armen Mädchen irgend jemand trösten, oder ob sie sich einen Tröster suchen wollten? Stets verfolgte sie ein Spion von ferne, und deren besoldete die Regierung fünfhundert. Keiner von ihnen aber trug Uniform. Wenn ein Mädchen in ein Haus ging, und der Spion, der sie gesehen hatte, nicht wissen konnte, nach welchem Stock sie gegangen war, und was sie dort zu thun gehabt haben mochte, so lauerte er unten auf sie und hielt die Person fest, um auszumitteln, bei wem sie gewesen und was sie dort für Verrichtungen gehabt. Fand er irgend etwas in ihren Ausfassungen nicht klar, oder schien es ihm verdächtig, so führte der Bösewicht das arme Kind ins Gefängnis, nachdem er den Anfang damit gemacht, ihr alles Geld und alle Kleinodien zu nehmen, von denen dann kein Mensch eine Sylbe wieder erfuhr. In der Leopoldstadt schob einstmals ein Mädchen, die ich nicht kannte, während des Gedränges mir eine goldene Uhr in die Hand, weil sie voraussah, daß diese Uhr die Beute der Hallunken werden würde, die sie nach dem Stockhaus** führen wollten. Aber sie rettete sich zum Glück. Einen Monat drauf gab ich ihr die Uhr wieder, nachdem ich ihre Geschichte und das Opfer erfuhr, das sie hatte bringen müssen, um sich von der Strafe zu befreien. Am Ende blieb allen Mädchen, welche durch die Straßen von Wien gehen wollten, nichts anders übrig, als ihren Rosenkranz in der Hand zu halten. Das schützte sie gegen gewaltsame Verhaftung, denn sie konnten nun sagen, 124 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch daß sie zur Kirche gingen, und dann hätte Marie Theresie den Commissair aufknüpfen lassen, der ihnen etwas angethan hätte. Wien war so überladen mit jenen Schurken, daß man, wenn ein natürliches Bedürfnis sich einstellte, Mühe hatte, den Ort zu finden, wo man ungesehen und ungestört blieb. Mich selbst unterbrach einmal ein solcher Schlingel in runder Perücke und drohte, er würde mich arretiren lassen, wenn ich mir nicht sogleich einen anderen Platz aussuchen würde, um der Sache ein Ende zu machen. Warum? wenn ich fragen darf, – fragte ich; und er antwortete, weil gleich links eine Dame im Fenster liegt, die hierher sehen kann. – Ich blicke mich um und werde wirklich oben im vierten Stock die Gestalt eines Frauenzimmers gewahr, die, wenn sie ein Fernrohr zu Hülfe genommen, vielleicht hätte ausmitteln können, ob ich Jude oder Christ war. Ich lachte und ging, indem ich mir vornahm, aller Welt die Geschichte zu erzählen. Aber kein Mensch fand sie außergewöhnlich.131 * im Deutschen „bei genauem Hinsehen“ ** Gefängnis für Schwerverbrecher. 131 Aus den Memoiren Giacomo Casanovas, zitiert nach: Wilhelm von Schütz (Hrsg.): Giacomo Casanova: Aus den Memoiren des Venetianers Jacob Casanova de Seingalt, oder sein Leben, wie er es zu Dux in Böhmen niederschrieb., Bd. 4, Leipzig 1823, S. 10 – 13 125 Briefe und Augenzeugenberichte 77 Billet Maria Theresias an die Hofkammer bezüglich der Besiedelung ungarischer Gebiete, insbesondere im Banat und in der Bacska, durch deutschstämmige Bauern. Undatiert, Januar 1767. Als Königin von Ungarn widmet sich Maria Theresia mit großem Eifer dem wirtschaftlichen Aufbau ihres Kronlandes. Ich vernehme mit besonderem Wohlgefallen, daß ab Anno 1763 die beträchtliche Zahl von 4040 Familien deutscher Colonisten nach dem Temeßwarer Bannat für sich selbsten ohne Verwendung der betreffenden Stelle und ohne Kosten-Aufwand gezogen seyen. Da nun hieraus die natürliche Folge entspringet, daß eine noch größere Menge Volks nach diesem Lande würde gebracht worden seyn, wenn dem von sich selbst sich ergebenen Zuzug des Volks einige Begünstigungen beygeleget worden wären, so ist unumgänglich nöthig, daß meine hierinnfalls ergangene Verordnungen auf das genauste befolget und den vermeintlichen kleinen Erspahrungen keine statt gegeben werde. Und gleichwie 500 Familien noch von Anno 1766 her ohne Häuser sind, so muß für 2000 Häuser der Colonisten der Holzschlag in dem Banat pro Anno 1767 angeordnet werden, wo dann diese 2000 Haushaltungen … in Terrains zu vertheilen und zu bebauen seyn werden Maria Theresia.132 132 Billet Maria Theresias an die Hofkammer vom Januar 1767, zitiert nach: Walter (Hrsg.): Briefe und Aktenstücke, S. 228 126 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 78 Im Mai 1767 erkrankt Kaiserin Maria Josepha, Gemahlin Josephs II., an den Pocken und stirbt Ende desselben Monats im Alter von 28 Jahren daran. Maria Theresia hält sich anfangs am Krankenbett ihrer Schwiegertochter auf und infiziert sich ebenfalls. Ihr Gesundheitszustand verschlechtert sich vorübergehend dramatisch. Fürst Khevenhüller-Metsch berichtet am 1.  Juni 1767 von der beklagenswerten Verfassung der Regentin. Den 1. Junii hatte die Kaiserin die ganze Nacht sehr unruhig zugebracht, auch imerzu in etwas abzureden angefangen; da nun gegen Morgen auch die Respiration schwärer geworden und das Fieber zugenohmen, so fanden die Medici an der Zeit, dieselbe nach ihrem öffteren Befehl und Verlangen zu avertiren*, daß die Umstände der Kranckheit gefährlicher zu werden scheinen; worauf dies gottesförchtige Frau, wiewollen sie bereits in der Nacht des Himmelfarth-Fests ihre Andacht verrichtet hatte, sogleich offentlich versehen zu werden anbegehret. Wie groß die allgemaine Consternation gewesen, als mann die Ansage hierzu gethan und zumahlen bei diser Fonction selbsten aussi auguste que lugubre**, kann sich leichter vorgestellet als mit Worten beschriben werden. Wir waren eben von Mittagmahl aufgestanden, als der Hof-Fourier*** sich melden liesse und vor Thränen die Ansage zu thun fast nicht im Stand ware. Ich eillte sogleich nach Hof und stige hinauf zum Kaiser, welcher eben von der Patientin mit weinenden Augen herauskamme, die ihme und der übrigen durchlauchtigsten Famili den mütterlichen Seegen und letzte Lehr und Anweisungen mit verwunderlicher Standhafftigkeit ertheilet hatte. Er erzehlte uns mit wenig Worten die gefährliche Umständ der Krancken und nahme uns gar nicht vor übl die mir und noch ein paar alten ihrigen Dienern in den ersten Schmertzen heraus gebrochene Klagen über den bevorstehenden Verlust einer so groß-, klug- und güttigen Monarchin, welche jedoch einen neu angehenden Regen- 127 Briefe und Augenzeugenberichte ten eben nicht so gar indifferent sein könten; woraus in der That abzunehmen, daß diser junge Herr kein so hart und böses Hertz und Gemüth haben müsse, als mann es ihme zumuthen will.133 * franz. avertir – in Kenntnis setzen ** im Deutschen „ebenso erhaben wie düster“ *** Im Bereich der Logistik bzw. Verpflegung tätiger Hofbediensteter. 133 Aus dem Tagebuch des Fürsten Khevenhüller-Metsch vom 1. Juni 1767, zitiert nach: Khevenhüller-Metsch, Schlitter (Hrsg.): Aus der Zeit Maria Theresias, Bd. 6, S. 242 – 243 128 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 79 Aus Anlass der vollständigen Genesung Maria Theresias findet am 22. Juli 1767 auf Anordnung Kaiser Josephs ein feierlicher Dankgottesdienst im Wiener Stephansdom statt. Fürst Khevenhüller-Metsch hält die wesentlichen Einzelheiten jenes Tages in seinem Tagebuch fest. Den 21. begabe sich sämtlicher Hof von Laxenburg* in die Burg herein wegen des auf morgen als den 22. anberaumten solennen Te Deum. Gleich nach der Genesung hatte der Kaiser seine Frau Mutter beredet, daß sie sich zu disem hohen Dienstfest, so er nach der von denen Medicis declarirten Reconvalescenz derselben zu begehen Willens ware, zu mehrerer Consolation und Zufriedenheit des Volcks selbsten in publico mit zu verfügen entschliessen mögte, welches sie zwar bewilliget, jedoch um alle junge Herrschafften mitnehmen zu können, biß auf heutigen Tag und mithin biß zu vollkommen verstrichener Contumaz Zeit** verschieben wollen. Wie der Zug nacher St. Stephan gegangen, ist aus beiliegender Beschreibung zu erlesen und ist selber von dem Kaiser unmittelbar also angeordnet und dem Obrist-Hofmeisteramt per Handschreiben das erforderliche dißfahls intimiret worden. Die Freude des Volcks, so ungehindert des anfänglich gefallenen Regens in allen Gassen sehr zahlreich stehen gebliben und Vivat geschrien, ware ungemain groß und ungezwungen, so die Frau auch über die Massen und also gerühret hat, daß sie Nachmittag die zur heutigen Epoque gemünzte Denckpfennig aus ihren Fenstern auf dem Burgplatz mit eigener Hand ausgeworffen.134 * Schloss Laxenburg, Sommerresidenz der Habsburger. ** Quarantäne 134 Aus dem Tagebuch des Fürsten Khevenhüller-Metsch vom 22. Juli 1767, zitiert nach: Khevenhüller-Metsch, Schlitter (Hrsg.): Aus der Zeit Maria Theresias, Bd. 6, S. 252 129 Briefe und Augenzeugenberichte 80 Schreiben Maria Theresias an den Verwalter der kaiserlichen Privatgüter und der kaiserlichen Familienkasse, Hofrat Johann Adam von Posch. Undatiert, Anfang März 1768. Die Monarchin sorgt sich nach einer schweren Überschwemmung Wiens und Umgebung am 27. Februar 1768 um das Wohlergehen ihrer Untertanen. Verschärft wird die Situation zusätzlich durch einen harten Kälteeinbruch. Wenn noch andere Berichte ankommen, so schicke er sie mir auch. Indessen habe ich ihm Heinrich* geschickt, der viel erzählt. Leider, wenn nur die Hälfte existirt, ist es sehr zu bedauern. Was das Nöthigste, ist, daß man den Leuten gleich mit Mehl aushilft. Mayer** könnte indessen hier helfen, daß man die Leute unter Dach bringe, sonst werden in dieser Kälte Krankheiten entstehen; in solchem Falle sollen in alle Herrschaftsgebäude, auch in die Schlösser selbe genommen werden. Der Entenfänger, der ohnedies eine Einfalt ist, und ein junger Müller, ich glaube im Markte Hof, sollen am übelsten daran und das Weib des Letzteren von zwei Kindern entbunden worden sein. Alle herrschaftlichen Gaben wollte ich den wirklich Beschädigten ganz nachsehen, indessen aber die Contribution für selbe vorschießen. Was noch weiter zu thun wäre, um diesen Leuten zu helfen und sie zu trösten, erwarte ich von ihm.135 * Wen Maria Theresia hiermit meint, lässt sich nicht ermitteln. ** Hofrat Johann Adam von Mayer. 135 Schreiben Maria Theresias an Johann Adam von Posch von Anfang März 1768, zitiert nach: Arneth (Hrsg.): Briefe, Bd. 4, S. 323 130 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 81 Das Hochwasser infolge des schweren Unwetters von Ende Februar 1768 beschäftigt die Region um Wien noch für einige Zeit. Auch Joseph II. engagiert sich und kommt seinen Untertanen zur Hilfe. Die Zeitung „Wienerisches Diarium“ schreibt in ihrer Ausgabe vom 2.  März 1768 über die verheerenden Folgen der Flut. Den 27. Hornung* in der Nacht, da das Erdbeben** gewesen, ergoß sich das Gewäßer des Donaustrohms dermassen, daß die umliegenden Vorstädte nebst den Auen völlig überschwemmet worden, und man äußerst besorgen mußte, daß nicht viele Gebäude eingehen, und hiermit die Einwohner Gefahr laufen würden, indem man das Wasser noch immer mehr und mehr aufschwellen sah. Se. Majestät der Kaiser sind durch diese erbarmenswürdige Zufälle dermassen gerühret worden, daß höchstdieselben nicht nur alle erdenkliche Hülfsmittel haben vorkehren lassen, sondern auch ohne Scheu der Gefahr sich in die unter Wasser gesetzte Vorstädte in einem Nachen*** übersetzen, und Brodt samt Gelde unter die Bedürftigen austheilen lassen. Diesem höchsten Beyspiele hat auch der gutthätige Adel gefolget, und reichlich Almosen in die Leopoldstadt geschicket, um es unter die ängstlichen Armen auszutheilen. Die wüthende Flut ist zwar vom Sonntag Nachmittags bis Montag morgens gefallen, so daß man aller weiteren Besorgnis frey gewesen, und seit gestern hat der Wind die Weege aufgetröcknet. Es hat aber diese Wasserflutt traurige Spuren hinterlassen, indem es nicht allein alle Brücken hinweggerissen, sondern auch an den Gebäuden, Zier- und Küchengärten vielen Schaden gemacht, einige Mauern eingeworfen, die Blanten**** weggeschwemmet, und den Leuten, die zu ebener Erde wohnen, ihre Hausgeräthschaften, nebst vielen Wein in den Kellern verderbet hat, ohne was etwa erst noch vom Lande zu hören seyn wird; das Glück hiebey ist, daß von Unglücksfällen, die Menschen betroffen haben, noch wenig zu vernehmen gewesen.136 * Alte Bezeichnung für Februar, den zweiten Monat des Jahres. ** Gemeint ist hier das Erdbeben in Wiener Neustadt und Umgebung, das sich ebenfalls am 27. Februar 1768 ereignet hat. *** Alte Bezeichnung für ein kompaktes, flaches Boot bzw. Kahn. **** Gemeint sind wohl „Planten“ (Pflanzen). 131 Briefe und Augenzeugenberichte 82 Nahezu zeitgleich mit den massiven Überschwemmungen ereignet sich in der näheren Umgebung Wiens, insbesondere in der Region Wiener Neustadt, am frühen Morgen des 27. Februar 1768 ein Erdbeben, dessen Auswirkungen auch noch in Böhmen zu spühren sind. In der Ausgabe des Blattes „Wienerisches Diarium“ vom 5. März 1768 werden erste Eindrücke dieses Naturereignisses unter „Vermischte Neuigkeiten“ zusammengefasst. Noch laufen verschiedene Nachrichten über das neulich hier im Lande verspührte Erdbeben von verschiedenen Orten ein. Unter andern kam uns ein Schreiben aus Pilgram in Böhmen von 28ten Hornung zu, das sich eigentlich also ausdrückt: Obgleich die Erderschütterungen seit einigen Jahren her so gemein geworden, daß man Nachrichten, so hievon in den Zeitungen eingerückt werden, beynahe die geringe Mühe, sie zu lesen, versagt, es müßte denn gleich der Anfang das Verderben eines halben Landes, oder wenigstens einer ansehnlichen Stadt verkündigen, so will ich dem ungeachtet ihnen doch bekannt machen daß am letztverflossenen 27. Hornung fruhe um 2. Uhr 32. Minuten allhier drey auf einander gefolgte Erdstöße die wenigen Wachenden sehr erschrecket, und die meisten Schlaffenden in ihrer Ruhe gestöhret haben. Gleiche Nachricht hat man von den umliegenden Ortschaften. Der Himmel war zu dieser Zeit helle, und es herrschte die vollkommenste Windstille. Die Schildwachen, welche, im Auf- und Abgehen, die Stöße nicht bemerket hatten, urtheilten aus einem starken Gerassel, daß irgendwo ein großes Gebäude einstürzet seyn möge. Ich bin sehr froh, daß ich von dieser Begebenheit nichts mehr zu berichten habe, als daß wir alle höchst erfreut sind, daß uns der gütige Himmel diese höchst zu förchtende Ruthe ohne zu schlagen, nur gezeigt hat.137 136 Bericht über die Auswirkungen der Überschwemmung in der Region Wien vom 2. März 1768, zitiert nach: van Ghelen’sche Erben (Hrsg.): Wien den 2. März 1768., in: Wienerisches Diarium, Nr. 18 vom 2. März 1768, S. 6 137 Bericht über das Beben im böhmischen Pilgram am 27. Februar 1768, zitiert nach: van Ghelen’sche Erben (Hrsg.): Vermischte Neuigkeiten., in: Wienerisches Diarium, Nr. 19 vom 5. März 1768, S. 4 132 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 83 Brief Maria Theresias an Joseph II. vom 26. Januar 1769 (Original französisch). Die Monarchin weiss die guten Eigenschaften ihres Sohnes durchaus zu schätzen, ermahnt ihn jedoch, seinen Eigensinn und seine Vorurteile abzubauen. Ich weiß, wie gut Sie zu sprechen und zu schreiben verstehen; ich hoffe sogar, daß Ihr Herz es so fühlt, aber Ihr Eigensinn und Ihre Vorurteile werden das Unglück Ihres Lebens sein, sie sind gegenwärtig das meine. Sie selbst würden mich verachten, wenn ich in einer einfachen Sache nachgäbe, die bisher ausgeführt wurde und die sich nun um einer Laune willen plötzlich ändern soll, ohne daß Sie mir auch nur einen triftigen Grund anzugeben vermöchten*. Erfüllen Sie wieder Ihre Pflichten; Sie werden von mir keinen Vorwurf hören, und ich könnte den Rat mit einiger Erleichterung beschließen. Gott allein weiß, was ich leide. Ja, ich bin Ihre Freundin, und eine leidenschaftliche Freundin, die ihre Pflicht tun muß und unter gar keinen Umständen ihrer Überzeugung und Erfahrung zuwider nachgeben könnte.138 * Es war zwischen Mutter und Sohn zu einer Differenz über die Form der Unterzeichnung kaiserlicher Erlasse durch Joseph in seiner Funktion als Mitregent gekommen. 138 Brief Maria Theresias an Kaiser Joseph II. vom 26. Januar 1769, zitiert nach: Fred (Hrsg.): Briefe der Kaiserin Maria Theresia, Bd. 1, S. 223 133 Briefe und Augenzeugenberichte 84 Nach anfänglichem Widerstand Maria Theresias kommt es vom 25. bis 28. August 1769 zur Begegnung zwischen Joseph II. und Friedrich dem Großen in Neisse. Der Kaiser ist ein begeisterter Bewunderer des preußischen Königs, der sich zu Militärmanövern in der grenznahen schlesischen Residenzstadt aufhält. Über dieses Treffen berichtet das Blatt „Wienerisches Diarium“ am 6. September 1769. Aus Neiße vernimmt man, daß Se. Majest. der Kaiser in Begleitung Sr. königl. Hoheit, des Prinzen Albert von Sachsen-Teschen*, nebst verschiedenen hohen Generals, den 25. dieses zu Mittage um 12. Uhr daselbst eingetroffen sind, und Se. Majest. unsern König bey Gelegenheit, daß Höchstdieselbe die alle Jahre zu dieser Zeit gewöhnliche Revue der dortigen Truppen vornahmen, mit einem Besuche erfreuet und das Campement besehen haben. Es hatten Se. königl. Majest. sich vorgenommen, diesen Monarchen mit allen Höchstdenselben gebührenden Ehrenbezeugungen zu empfangen; da aber Se. kaiserl. Maj. solche sämtlich, besonders alle Militairhonneurs und Lösung der Kanonen, verbeten, indem Sie für gut gefunden, bey dieser Reise, so wie von denenselben bey Dero leztern Reise von Italien, und selbst in den Staaten Ihrer Majest. der Kaiserin Königin, geschehen, das Incognito**, zu Vermeidung allen unbequemen Ceremoniels, zu behalten; so haben Se. königl. Majest. nicht ermangelt, sich dem Verlangen Sr. kaiserl. Majest. hierunter, zu Bezeugung Ihrer vollkommenen Bereitwilligkeit, zu allem, was denenselben angenehm seyn kann, in allen Stücken zu conformiren. Am 28. dieses früh, nach geendigtem Maneouvre der Truppen sind Höchstgedachte Se. kaiserl. Majst. samt Dero hohen Gefolge, über Glatz nach Dero Landen wiederum zurück gereiset.139 * Herzog Albert Kasimir von Sachsen-Teschen (1738 – 1822) war seit 1766 mit Erzherzogin Marie Christine, einer Tochter Maria Theresias, verheiratet und ist der Begründer, der nach ihm benannten Graphiksammlung „Albertina“ in Wien. ** Unter seinem offiziellen Inkognito als „Graf von Falkenstein“ unternahm Kaiser Joseph II. diverse Reisen innerhalb Europas. 139 Bericht über das Zusammentreffen Kaiser Josephs II. mit Friedrich dem Gro- ßen in Neisse vom 25. bis 28. August 1769, zitiert nach: van Ghelen’sche Erben (Hrsg.): Breslau den 29. Augustm., in: Wienerisches Diarium, Nr. 71 vom 6. September 1769, S. 5 – 6 134 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 85 Brief Maria Theresias an Rosalie Gräfin Edling vom 9.  Oktober 1769. Der Gesundheitszustand der Monarchin verschlechtert sich bald nach ihrem 50. Lebensjahr, wie sie auch ihrer alten Brieffreundin mitteilt, merklich. Liebste Salerl. Ich habe Dein Schreiben und die Brillen bekommen, und ich danke Dir dafür, kann aber durch diese auch so wenig sehen als durch alle anderen. Nachdem mir meine Augen zweiundfünfzig Jahre gut gedient, kann ich weiter nichts mehr fordern, als daß Alles geschehe, was Gott will. Dein Sohn Philipp* wird Dir mehr von uns erzählen können. Heute früh ist ein Courier aus Brüssel von meinem Schwager** gekommen, daß mein jüngster Sohn*** am 3. als Coadjutor vom deutschen Orden ist erwählt worden. Dieses Etablissement freut mich. Er wird bis fünfundzwanzig Jahre kein Gelübde ablegen, also nie ein Geistlicher werden, außer ein Carthäuser oder Capuziner, ein rechter Geistlicher, kein Bischof oder Churfürst. Deinem Herrn Sohne Rudolph**** gebe ich indessen eine Pension von sechshundert Gulden, bis ein convenables Beneficium leer wird. Ich nehme allen Antheil an dem Vergnügen, die Familie beisammen zu haben, und bin allzeit Deine getreueste Maria Theresia.140 * Oberst Philipp Graf Edling (1734 – 1817) war seit 1763 Dienstkämmerer bei Erzherzog Ferdinand, einem Sohn Maria Theresias. ** Prinz Karl von Lothringen (1712 – 1780). *** Erzherzog Maximilian Franz (1756 – 1801). **** Domdechant Rudolph Joseph Graf Edling (1723 – 1804). 140 Brief Maria Theresias an Rosalie Gräfin Edling vom 9. Oktober 1769, zitiert nach: Arneth (Hrsg.): Briefe, Bd. 4, S. 523 – 524 135 Briefe und Augenzeugenberichte 86 Aus Anlass der Vermählung der vierzehnjährigen Erzherzogin Maria Antonia mit dem französischen Dauphin Ludwig, einem Enkel Ludwigs XV., findet auf Geheiß Josephs II. am 17. April 1770 ein Fest mit Maskenball im Schloss Belvedere statt. Fürst Khevenhüller-Metsch notiert die wesentlichen Begebenheiten dieses Abends in seinem Tagebuch. Abends ware das Fest im Belvedere, worvon die Beschreibung beilieget. … Der Kaiser kamme bald nach vier Uhr hinaus, um die gemachte Veranstaltungen in Augenschein zu nehmen und Zweiffls ohne auch zu critisiren; wir waren aber so glücklich, daß er selbe approbiret und beim Weggehen sich zur Kaiserin gewendet mit der für uns sehr schmeichelhafften Versicherung, daß selbe mit disem Fest allerdings zufrieden sein könne. Wie wir dann auch die Consolation gehabt, daß die gemachte Veranstaltungen und zumahlen die gutte und willige Bedienung von seiten der sonsten nicht allzu höflichen Hofleuthen sowohl von Fremmd- als Einheimischen reichlich belobet worden. Die Kaiserin hatte sogar die Gütte, den folgenden Morgen uns durch einen eigends ins Haus geschickten Cammerdiener das gnädigst und liebreichste Compliment darüber machen zu lassen. Selbe ware mit denen jungen Herrschaften bald nach 10 Uhr angekommen, tratte sogleich in den untern Saal ein, wo die leztere mit ihrer Bande einige Minuets und ein paar Contredanses gedanzet, worauf mann sich auf die Terrasse hinaus begabe, um die Illumination zu sehen, und endlichen in das obere Gebäu gienge, wo die Herrschafften wieder in allen drei Orthen, wo die Music bestellet ware, (als nemmlichen im Saal, in dem großen Zimmer rechter Hand und sodann in der Galerie), meistens aber in diser lezteren gedanzet haben, worbei die Kaiserin immer zugeschauet, der Kaiser aber, welcher niehmals zu danzen pfleget, indessen wiederhollte Tournées in dem untern Saal, um von denen Masquen mehr zu profitiren, gemacht hat. Dise beiderseitige Unterhaltung dauerte fast biß zwei Uhr nachts, da der Hof wieder zuruckgekeret ist; der Bal dauerte aber fort biß gegen 7 Uhr des anderen Morgens.141 141 Aus dem Tagebuch des Fürsten Khevenhüller-Metsch vom 17. April 1770, zitiert nach: Khevenhüller-Metsch, Schlitter (Hrsg.): Aus der Zeit Maria Theresias, Bd. 7, Leipzig-Wien 1925, S. 15 – 16 136 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 87 Die Abfahrt der Braut von Wien nach Frankreich an den Versailler Hof erfolgt am 21.  April 1770. Am französischen Königshof wird sie fortan nur noch Marie Antoinette genannt. In ihrer Ausgabe vom 25. April 1770 beschreibt die Zeitung „Wienerisches Diarium“ die erste Etappe des Brautzuges von der Wiener Hofburg nach Kloster Melk. Samstag den 21. dieses Vormittag halb 10. Uhr sind Ihre kön. Hoh. die vermählte Dauphine von Frankreich Erzherzogin Maria Antonia, nach vorherig zärtlichster Beurlaubung bey Ihren kais. Majestäten, und sämtlichen durchlauchtigsten Herrschaften, von Sr. kön. Hoheit dem Erzherzog Ferdinand, unter Aufwart- und Begleitung des gesammten hiesigen Hofstaats bis zum Leibreiswagen an der Hand bedienet, von der Burg aus unter Paradirung der sämmtlichen Leibgarden zu Fuß und zu Pferd, über den Michaelerplatz, Kollmarkt, Graben, Stock am Eisen, und Kärntnerstrasse unter Paradirung der gesammten hiesigen Bürgerschaft mit rührenden Spiel und fliegenden Fahnen, weiters durch das Kärnthnerthor hinaus nächst der Glacis* vorbey über die Laimgrube und Mariahülf, unter Paradirung der allhier in Garnison liegenden Infanterie und Cavallerie, auch unter Abfeuerung des Groben Geschützes von den Stadtwällen, und so weiters nach der ersten Nachtstation des Stifts Mölk abgereiset, allwohin Se. Majestät der Kaiser bereits voraus nur in Begleitung dero Dienstkammerherrn agefahren, um höchstgedacht königl. Hoheit allda zu erwarten.142 * Das Wiener Glacis war eine von 1529 bis 1858 existierende Freifläche zwischen den Wiener Stadtmauern und den Vorstädten. Ursprünglich diente es im Falle eines Angriffes auf die Stadt den Verteidigern als freies Schussfeld. 142 Beschreibung des Brautzuges Maria Antonias von Wien nach Melk am 21.  April 1770, zitiert nach: van Ghelen’sche Erben (Hrsg.): Wien den 25.  April 1770., in: Wienerisches Diarium, Nr. 33 vom 25. April 1770, S. 6 137 Briefe und Augenzeugenberichte 88 Brief Maria Theresias an Marie Antoinette vom 4. Mai 1770 (Original französisch). Die Monarchin erteilt ihrer Tochter Ratschläge, wie sie sich am französischen Hof verhalten soll. Meine liebe Frau Tochter. Nun sind Sie also da angelangt, wo die Vorsehung Ihnen zu leben bestimmt hat. Wenn man nur die hohe Stellung ins Auge faßt, sind Sie die glücklichste unter Ihren Schwestern und allen Prinzessinnen. Sie finden einen zärtlichen Vater*, der zugleich Ihr Freund sein wird, wenn Sie es verdienen. Setzen Sie Ihr ganzes Vertrauen in ihn, dabei riskieren Sie nichts. Lieben Sie ihn, seien Sie ihm ergeben, versuchen Sie seine Gedanken zu erraten. Sie können gar nicht genug tun im Augenblick, wo ich Sie verliere. Dieser Vater allein, dieser Freund nur kann mich trösten, in meiner Niedergeschlagenheit aufrichten und zu meiner Beruhigung dienen, da ich hoffe, daß Sie meine Lehren befolgen, sich ganz an ihn zu halten und in allem seine Befehle und Anleitungen abwarten werden. Vom Dauphin sage ich nichts; Sie kennen mein Zartgefühl in diesem Punkt; die Frau muß in allem dem Manne unterworfen sein und darf kein anderes Bestreben haben, als ihm zu gefallen und seinen Willen zu tun. Das einzige, wahre Glück auf Erden ist eine glückliche Ehe; da kann ich aus Erfahrung sprechen. Alles hängt von der Frau ab, wenn sie gefällig, sanftmütig und unterhaltend ist. Es herrscht nur eine Stimme über Sie bis Günzburg, von wo ich heute die letzten Nachrichten erhalten habe, und das erste und letzte Wort aller ist das Lob Ihrer Aufmerksamkeit und Leutseligkeit, das alle Herzen entzückt. Nicht Vertraulichkeit, denn die wäre nicht schmeichelhaft, da sie zu gewöhnlich ist, sondern Güte zieht alle Menschen an und gibt ihnen Vertrauen. Ich empfehle Ihnen, meine liebe Tochter, meine Schrift jeden einundzwanzigsten durchzulesen. Ich bitte Sie, seien Sie treu in diesem Punkt; bei Ihnen befürchte ich nur Nachlässigkeit im Gebet und der Lektüre, das könnte Launigkeit und Vernachlässigung zur Folge haben. Kämpfen Sie degegen an, denn das ist gefährlicher, als ein unvollkommenerer und selbst schlechterer Zustand; davon kommt man leichter zurück. Lieben Sie Ihre Familie, seien Sie Ihren Tanten**, sowie Ihren Schwägern und Schwägerinnen anhänglich. Dulden Sie keinen Klatsch; Sie können solche Leute zum Schweigen bringen, oder wenigstens den Umgang mit ihnen vermeiden, indem Sie sich von ihnen fern halten. Wenn Sie Ihre Ruhe lieben, 138 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch gehen Sie von Anfang an diesen Dingen aus dem Weg; ich fürchte für Sie in diesem Punkt, weil ich Ihre Neugier kenne. Übergeben Sie diesen Brief von mir dem König und sprechen Sie mit ihm so oft, wie Sie können, von mir. Sie können nie zuviel sagen über die Gefühle, die ich für ihn habe. Auch Madame Adélaide übergeben Sie diesen Brief; diese Prinzessinnen sind tugendhaft und sehr begabt; das ist ein Glück für Sie, und ich hoffe, daß Sie ihre Freundschaft verdienen werden. Die Choiseul*** sollen wissen, daß ich Ihnen anempfohlen habe, sie auszuzeichnen. Vergessen Sie nicht Durfort**** noch den Abbé Vermond. Vor allem vergessen Sie nicht eine Mutter, die obgleich entfernt von Ihnen, bis zum letzten Seufzer mit Ihnen beschäftigt sein wird. Ich gebe Ihnen meinen Segen und bin stets Ihre treue Mutter.143 * König Ludwig XV. (1710 – 1774), Großvater des Dauphin Ludwig August und späteren Ludwig XVI. ** Die unverheirateten Töchter Ludwigs XV.: Adélaide, Victoire, Sophie und Louise. *** Premierminister Étienne Francois Herzog von Choiseul (1719 – 1785) und Marineminister César Gabriel von Choiseul, Herzog von Praslin (1712 – 1785). **** Emeric Joseph Marquis de Durfort (1716 – 1787), französischer Botschafter in Wien. 143 Brief Maria Theresias an Marie Antoinette vom 4. Mai 1770, zitiert nach: Fred (Hrsg.): Briefe der Kaiserin Maria Theresia, Bd. 2, S. 19 – 22 139 Briefe und Augenzeugenberichte 89 Seit Beginn ihres Witwendaseins zeigt sich Maria Theresia immer seltener in der Öffentlichkeit. Theaterbesuche oder Teilnahme an Bällen zur Karnevalszeit meidet sie nahezu gänzlich. Ihr Erscheinen zu solch einem Anlass erwähnt Fürst Khevenhüller-Metsch am 12. Februar 1771 in seinem Tagebuch. Den 12. gienge der Kaiser, wie er es meistens dise Faschings-Zeit hindurch zu tun gepfleget, in die letzte Redoute*, welche wie sonsten in dem großund kleinen Saal bei Hof für die Redoutenmäßige an denen bestimmten Tägen gehalten worden. Die Bals in dem Comoedihaus beim Kärnthner- Thor wurden ebenfahls auf den vornjährigen Fus continuiret und zuweillen mit neuen großen Ballets, auch ein paarmahl mit einer Opera buffa**, entremêlé de danses*** Dom Quichotte aux noces de gamache**** genannt, accompagniret, worbei dann der Hof (ausser der Kaiserin, die ein einziges Mahl, da mann eben eine deutsche Comédie auf den Théâtre bei Hof aufgeführet, sich, und zwar unter großen Jubelgeschrei und Handklätschen sehen lassen) auch etliche Mahl erschinen ist.144 * franz. redoute – hier „eleganter Maskenball“ ** Komische italienische Oper im Gegensatz zur ernsten Opera seria. *** im Deutschen „vermischt mit Tänzen“ **** „Don Quichotte ou les noces de gamache“ – Deutsches Ballett von Franz Anton Hilverding, das am Kärntnertortheater in Wien bereits seit 1753 aufgeführt wurde. 144 Aus dem Tagebuch des Fürsten Khevenhüller-Metsch vom 12. Februar 1771, zitiert nach: Khevenhüller-Metsch, Schlitter (Hrsg.): Aus der Zeit Maria Theresias, Bd. 7, S. 60 140 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 90 Brief Maria Theresias an Erzherzog Ferdinand Karl, Generalgouverneur der Lombardei, vom Oktober 1771 (Original französisch). Das Wohl all ihrer Kinder liegt der Monarchin sehr am Herzen. Sie spart von daher auch nicht an Kritik und bemängelt bei ihrem vierten Sohn, der seit seiner Heirat mit Prinzessin Maria Beatrice von Este im Herzogtum Modena residiert, diverse charakterliche Schwächen. Höre stets aufmerksam zu, wage Dich jedoch nicht so weit vor, Deine augenblicklichen Gefühle zu verraten oder jemanden zu verurteilen. Was Du mir aus Klagenfurt mitteilst, erhöht meine Besorgnisse und legt mir die Pflicht auf, Dich zu beobachten und im Interesse Deines eigenen Wohles zur Mäßigung zu veranlassen. Denke an Parma und Florenz. Die eine (Maria Amalia, Gemahlin Herzog Ferdinands von Parma) hat niemals einen meiner Ratschläge befolgt und ist zum Gespött von ganz Europa geworden. Der andere (Großherzog Leopold von Toskana) ist im Gegenteil das Muster aller Herrscher; nenne mir einen, der besser wäre, in geordneteren Verhältnissen lebte und eines solideren Glückes sich erfreute.145 145 Brief Maria Theresias an Erzherzog Ferdinand Karl vom Oktober 1771, zitiert nach: Walter (Hrsg.): Briefe und Aktenstücke, S. 295 141 Briefe und Augenzeugenberichte 91 Aus einer Denkschrift Maria Theresias von Anfang Februar 1772 (Original französisch). In ihrer Stellungnahme zur bevorstehenden Teilung Polens zwischen Russland, Preußen und Österreich bringt die Monarchin moralische Bedenken vor, die ihrer Meinung nach gegen das Vorhaben sprechen. Andererseits sieht sie klar die Gefahr, an Macht und Einfluss einzubüßen, sollte sie sich nicht dem Teilungsvertrag anschließen. Am leichtesten wäre es wohl, einzugehen auf die uns angebotene Teilung Polens. Aber mit welchem Rechte kann man einen Unschuldigen berauben, den vertheidigen und unterstützen zu wollen wir uns immer gerühmt haben? Warum alle diese großen und kostspieligen Vorbereitungen, warum so viele lärmende Drohungen, im Norden Europas das Gleichgewicht aufrecht erhalten zu wollen? Der einzige Beweggrund der Convenienz, nicht allein zu bleiben zwischen den zwei anderen Mächten – Preußen und Rußland –, ohne irgendwelchen Vorteil zu ziehen, scheint mir nicht zu genügen, ja nicht einmal ein ehrenhafter Vorwand zu sein, um sich zwei ungerechten Usurpatoren in der Absicht zuzugesellen, ohne irgend einen Rechtsanspruch einen Dritten noch mehr zu verderben.146 146 Aus einer Denkschrift Maria Theresias von Anfang Februar 1772, zitiert nach: Walter (Hrsg.): Briefe und Aktenstücke, S. 307 142 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 92 Schreiben Maria Theresias an Staatskanzler Fürst Kaunitz (seit 1764 Reichsfürst von Kaunitz-Rietberg) vom 3. August 1772. Eher widerwillig erteilt die Monarchin ihre Zustimmung zur Teilung Polens. Ich finde, daß vor jetzo nichts anders mehr zu thun, kan mich aber noch nicht beruhigen über die vergrößerung diser beeden puissancen und noch weniger, daß wir auch mit selben theilen sollen.147 147 Schreiben Maria Theresias an Staatskanzler Fürst Kaunitz vom 3. August 1772, zitiert nach: Walter (Hrsg.): Briefe und Aktenstücke, S. 321 143 Briefe und Augenzeugenberichte 93 Im „Petersburger Vertrag“ vom 5. August 1772 einigen sich Russland, Preußen und Österreich auf die Teilung Polens. Eine russische Hegemonie über Polen hätte die beiden anderen an das Königreich grenzenden Großmächte provoziert. Fürst Khevenhüller-Metsch berichtet in seinem Tagebuch unter dem 11. September 1772 von den verwaltungstechnischen Aufgaben, die sich mit dem Erwerb der galizischen Teile Polens durch Österreich ergeben. Eodem kamme unsere erste Déclaration, der pohlnischen Ansprüchen halber, im Vorschein; und nachdeme den folgenden Tag der Graf Antoni von Bergen als destinirtes Capo* unserer dortigen Acquisitionen nach Lemberg abgeraiset, so wurde sodann den 16. darauf obbemelte Déclaration gemainschäfftlich nebst jenen der übrigen zweien mit verstandenen Mächten, als Rußland und Preußen, zu Warschau solenniter** übergeben. Hiernächst erhielte ich den Befehl, allen Stellen zu insinuiren***, daß mann eine besondere Canzlei dißfahls zu errichten gedächte, welche indessen vom Kaunitz biß zu Benennung des Canzlers besorget werden sollte. Zu gleicher Zeit wurde von disem leztern als Hauß-Canzlern intimiret, daß I. M. künfftighin dise vormahls zu Hungarn und Böhmen gehörige Stücke ihrem Titl unter denen Nahmen des Königreichs Lodomerien und Gallicien und der Herzogthümer Oswizin, Auswitz und Zator einverleibet haben wolten.148 * ital. capo – Oberhaupt ** feierlich *** franz. insinuer – zu Verstehen geben 148 Aus dem Tagebuch des Fürsten Khevenhüller-Metsch vom 11.  September 1772, zitiert nach: Khevenhüller-Metsch, Schlitter (Hrsg.): Aus der Zeit Maria Theresias, Bd. 7, S. 144 – 145 144 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 94 Aus der Denkschrift Kaiser Josephs II. an Maria Theresia vom 3.  April 1773. Der Monarch empfiehlt, jene von der bevorstehenden Aufhebung des Jesuitenordens per päpstlichen Breve betroffenen Geistlichen bis auf weiteres im Lehrfach zu belassen. Maria Theresia teilt diese Ansicht ihres Sohnes voll und ganz, erklärt aber noch im Frühjahr gegenüber dem Heiligen Stuhl, dass kein Veto seitens des Erzherzogtums gegen ein Verbot des Ordens zu erwarten sei. Nach dem Inhalt der päbstlichen Bullae dürfte gegenwärtig von weiterer Beibehaltung der Societät und ihres Instituti nicht wohl mehr eine Frage sein. Es kommen aber circa modalitatem, wie man bei Aufhebung dieses Ordens* die Maaßnehmungen einzurichten habe, solche Betrachtungen vor, die für den Staat und für die Religion selbst von der grösten Wichtigkeit sind und gewiß die reiffeste Deliberation und Vorbereitung von nun an erfordern, damit man, bevor noch von dem Päbstlichen Stuhl diese Bulla anhero gelangete, sich zum Voraus hierunter gefast halten möge. 1° Der Unterricht der Jugend, wenigst des ansehnlichern Theils derselben in der Religion sowohl als in den Wissenschaften ware bis nun zu in hiesigen Landen fast alleinig den Patribus societatis anvertrauet; weder in dem weltlichen Stand, noch unter den übrigen geistlichen Orden dürften gleich von nun an solche tüchtige Männer in genüglicher Anzahl vorzufinden sein, um allenthalben, besonders in größern Stätten, auf Gymnasien, Accademien und Universitäten mit gleich gutem Erfolg in die Stelle der Patrum societatis einzutretten und die zahlreich gestiftete Lehr Ammter zu besezen.149 * Gemeint ist der Jesuitenorden. 149 Aus der Denkschrift Kaiser Josephs II. an Maria Theresia vom 3. April 1773, zitiert nach: Khevenhüller-Metsch, Schlitter (Hrsg.): Aus der Zeit Maria Theresias, Bd. 7, S. 453 145 Briefe und Augenzeugenberichte 95 Am 21. Juli 1773 wird der Jesuitenorden auf erheblichen Druck der Könige von Frankreich, Spanien und Portugal durch Papst Clemens XIV. mit Ausfertigung der Bulle „Dominus ac redemptor noster“ verboten. Fürst Khevenhüller-Metsch gibt in seinem Tagebucheintrag vom 31. August 1773 die positive Haltung Österreichs diesem Orden gegen- über wieder. Mit Ende dises Monaths langte die merckwürdige Bulla oder das Breve Pontificium vom 21. Julii jüngsthin in Wienn an, wordurch endlichen nach den so eiffrigen Betreibungen der Bourbonischen Häusern und der Jesuitischen Antagonisten diser berühmte Orden, welcher der Religion und dem Staat – zumahlen denen oesterreichischen Landen – so große Dienste geleistet, vollends aufgehoben worden. Unser Cardinal-Erzbischof, der zwar sonsten kein besonderer Freund der Societet gewesen, hatte dennoch sein mögliches angewendet und nicht allein der Kaiserin, sondern auch dem Pabsten hierüber sehr bündige Vorstellungen gemacht und in seinem mir vorgezeigten Guttachten dahin angetragen, daß mann disen nützlichen Orden allenfahls per modum congregationis* beibehalten möge. Es ist mir auch von glaubwürdigen Leuthen versicheret worden, daß der Staats-Rath und nahmentlich der in diser wichtigen Materi gewesene Referent, Freiherr von Kressel, in seinem Voto diser des Cardinalen Mainung beigefallen; allein mann habe Mittel gefunden, die Kaiserin durch die geheimme Correspondenz mit dem König in Spanien und durch zudrängliche Vorstellungen des Probsten von St. Dorothé irre zu machen.150 * Im Sinne von „zum Nutzen der Gemeinschaft“. 150 Aus dem Tagebuch des Fürsten Khevenhüller-Metsch vom 31. August 1773, zitiert nach: Khevenhüller-Metsch, Schlitter (Hrsg.): Aus der Zeit Maria Theresias, Bd. 7, S. 181 146 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 96 Brief Maria Theresias an den österreichischen Botschafter in Paris, Florimund Claude Graf von Mercy d’Argenteau, vom 1. Dezember 1773 (Original französisch). Der Graf unterrichtet Maria Theresia in einem dauerhaften Briefwechsel über das Geschehen am Versailler Hof. Das vorrangige Interesse der Monarchin gilt dessen Berichten über das Verhalten ihrer Tochter Marie Antoinette bei Hofe sowie der königlichen Familie gegenüber. Als Mutter sieht sie hier stets Bedarf zur Verbesserung. Graf von Mercy. Ihren Brief vom 12. des Vorigen erhielt ich durch den Kurier Riedel, der am 21. desselben Monats hier ankam. Aus dem Verhältnis meiner Tochter zu dem Dauphin ersehe ich mit Bedauern, daß die Erfüllung meiner Wünsche* noch auf sich warten läßt. Nur die Hoffnung auf eine glückliche Veränderung läßt mich diese Verzögerung mit weniger Ungeduld ertragen. (Ich rechne überhaupt nicht mehr damit.) Aus der Abneigung meiner Tochter, das Reiten gutwillig aufzugeben, sehe ich wieder, wie starr sie an ihrem Willen festhält, und wie sie die Ermahnungen zu umgehen sucht, die sich im Widerspruch mit ihrem Geschmack befinden. (Unter den jetzigen Umständen werde ich mich dieser Übung nicht widersetzen, die ganz unschuldig ist und nichts verderben kann.) Dasselbe zeigt sie in ihrem Benehmen gegen die Favoritin**. Diese Ansichten könnten sogar die wesentlichen Angelegenheiten beeinflussen, besonders mitten in den Intriguen eines so verhetzten Hofes, wie es der französische eben ist und jederzeit war. Nichts war daher mehr am Platze als Ihr Rat, den Sie meiner Tochter gegeben haben, nach dem sie, ebenso wie der Dauphin, alles in Ruhe ansehen und jeden seinem Rang entsprechend ohne Bevorzugung behandeln soll.151 * Der langersehnte Thronfolger, Louis Joseph, wurde erst im Oktober 1781 geboren und starb bereits im Juni 1789. ** Marie-Jeanne Bécu, Madame du Barry (1743 – 1793), Mätresse Ludwigs XV. 151 Brief Maria Theresias an den österreichischen Botschafter in Paris, Florimund Claude Graf von Mercy d’Argenteau, vom 1.  Dezember 1773, zitiert nach: Fred (Hrsg.): Briefe der Kaiserin Maria Theresia, Bd. 2, S. 130 – 131 147 Briefe und Augenzeugenberichte 97 Als König Ludwig XV. Ende April 1774 an den Pocken erkrankt, zeichnet sich Marie Antoinette durch auffallend positives Verhalten aus, da sie sich mit zunehmender Verschlechterung des Gesundheitszustandes des Monarchen liebevoll um ihren Gemahl, den Dauphin, und die königliche Familie zu kümmern scheint. Das Blatt „Wienerisches Diarium“ berichtet in seiner Ausgabe vom 14. Mai 1774 von den Ereignissen am Versailler Hof. Am letzten Mittwoche; den 27. jüngst abgewichenen Monats, als Se. Majest. der König eben zu Trianon sich befanden, wurden Höchstdieselben von einem fieberhaften Schauder, unter Begleitung heftiger Kopf- und Nierenschmerzen, und einigen Anwandlungen zum Erbrechen befallen. Man gebrauchte sogleich die sonst gewöhnlichen Heilmittel, um diese Anfälle zu bekämpfen, und den folgenden Tag entschlossen sich Se Majestät nacher Versailles zurück zu kehren. Den 29. April nahm man bey Sr. Majestät eine zweymalige Aderlaß vor, und den nämlichen Tag gegen Abend zeigten sich endlich die Kinderpocken. Durch ein zur Stunde gebrauchtes Brechmittel wurde der Ausbruch der Krankheit erleichtert, und den ganzen folgenden Tag hindurch befördert. Am 30. frühe legte man Sr. Majestät die Zugpflaster* an die Beine, und heute scheinen die Pocken in ihrem vollen Ausbruche zu seyn, wie dann auch die Zugpflaster die erwünschteste Wirkung gethan haben. Se. Majestät befinden sich dabey so wohl, daß man hoffen darf Höchstdieselben bald wieder gänzlich hergestellt zu sehen. Die königliche Familie bleibt zu Versailles, die Medames de France** haben sich mit dem König eingesperrt, und Ihre königliche Hoheit, Madame Dauphine*** sind mit nichts mehr beschäftiget, als ihren durchl. Gemahl, des Herrn Dauphin königl. Hoheit, zu trösten. Mit jedem Tage weiß diese Prinzeßinn ihre Zärtlichkeit gegen den König sowohl, als die ganze königl. Famille, durch stärkere Züge zu bethätigen, und gestern ist sie in eigener Person auf dem 148 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch Ercker des Schloßes erschienen, und hat dem daselbst häufig versammelten Volke den günstigsten Tagezettel vom 1sten dieses Monats über das Verhältniß der Krankheit mit lauter Stimme vorgelesen.152 * Das Zugpflaster ist ein spezielles Pflaster, das die Durchblutung von Entzündungsherden durch Haut- und Gewebereizung fördert; dient meist der Zusammenziehung eitriger Prozesse. ** Marie Adélaide (1732 – 1800) und Louise Marie (1737 – 1787), Prinzessinnen von Frankreich und unverheiratete Töchter Ludwigs XV. *** Marie Antoinette (1755 – 1793), Kronprinzessin von Frankreich. 152 Bericht über die Pockenerkrankung König Ludwigs XV. von Frankreich vom 1.  Mai 1774, zitiert nach: van Ghelen‘sche Erben (Hrsg.): Versailles den 1. May., in: Wienerisches Diarium, Nr. 39 vom 14. Mai 1774, S. 2 – 3 149 Briefe und Augenzeugenberichte 98 Aus einem Brief Maria Theresias an ihren Sohn Erzherzog Ferdinand, Generalgouverneur der Lombardei, vom 19. Mai 1774 (Original französisch). Nach dem Pockentod Ludwigs XV. am 10. Mai 1774 gilt Maria Theresias ganze Sorge ihrer Tochter Marie Antoinette, die nun an der Seite Ludwigs XVI. Königin von Frankreich wird. Mein lieber Herr Sohn. Die Nachricht vom Tod des Königs von Frankreich, die wir vorgestern abend um zehn Uhr erhalten haben, hat uns alle betrübt; für mich hatte er eine ganz besondere Freundschaft. Gelobt sei Gott, daß er noch Beichte und Abendmahl genommen, die Barry weggeschickt und eine sehr rührende öffentliche Beichte abgelegt hat. Hoffen wir für seine Seele auf die göttliche Barmherzigkeit, aber verlassen wir uns nicht darauf, indem wir ebenso handeln und unsere Bekehrung aufschieben. Es tut mir sehr leid, daß der junge König und die junge Königin noch so unbewandert sind; sechs Jahre wären ihnen noch zu vergönnen gewesen. Ich fürchte, daß die angenehmen, friedlichen Tage Ihrer Schwester zu Ende sind.153 153 Aus einem Brief Maria Theresias an Erzherzog Ferdinand vom 19. Mai 1774, zitiert nach: Fred (Hrsg.): Briefe der Kaiserin Maria Theresia, Bd. 1, S. 143 150 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 99 Am 6. Dezember 1774 erlässt Maria Theresia die von dem Abt des Augustiner-Chorherrenstiftes Sagan, Johann Ignaz Felbiger, konzipierte „Allgemeine Schulordnung für die deutschen Normal- Haupt und Trivialschulen in sämtlichen Kayserlichen Königlichen Erbländern“. Ziel dieser Anordnung ist die Neugestaltung und vor allem Vereinheitlichung des Schulsystems in Österreich und allen Erblanden. Wir Maria Theresia, von Gottes Gnaden römische Kaiserinn, Wittib*, Königinn zu Hungarn Böheim, zc. zc. Entbieten allen und jeden getreuen Insassen, und Unterthanen Unserer Erbkönigreiche, und Landen, weß Standes, oder Würde dieselben immer seyn mögen, Unsere Gnade, und geben euch hiermit gnädigst zu vernehmen: Beweggrund zur Festsetzung einer allgemeinen Landschulordnung. Da Uns nichts so sehr, als das wahre Wohl der von Gott unserer Verwaltung anvertrauten Länder am Herzen liegt, und wir auf dessen möglichste Beförderung ein beständiges Augenmerk zu richten gewohnt sind, so haben wir wahrgenommen, daß die Erziehung der Jugend, beyderley Geschlechts, als die wichtigste Grundlage der wahren Glückseligkeit der Nationen ein genaueres Einsehen allerdings erfordere. Dieser Gegenstand hat unsere Aufmerksamkeit um desto mehr auf sich gezogen, je gewisser von einer guten Erziehung, und Leitung in den ersten Jahren die ganze künftige Lebensart aller Menschen, und die Bildung des Genies, und der Denkensart ganzer Völkerschaften abhängt, die niemals kann erreicht werden, wenn nicht durch wohlgetroffene Erziehungs- und Lehranstalten die Finsterniß der Unwissenheit aufgekläret, und jedem der seinem Stande angemessene Unterricht verschaffet wird. 151 Briefe und Augenzeugenberichte Zur Erreichung demnach dieses so nöthigen, als gemeinnützigen Endzwecks haben wir für gesammte unsre deutsche Erbkönigreiche, und Länder gegenwärtige allgemeine Landesschulordnung festzusetzen befunden.154 * Witwe 154 Aus der Einleitung der „Allgemeinen Schulordnung“, zitiert nach: Johann Ignaz Felbiger: Allgemeine Schulordnung für die deutschen Normal- Haupt und Trivialschulen in sämtlichen Kayserlichen Königlichen Erbländern, Wien 1774, S. 3 – 4 152 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 100 Bei Hofe findet am 16. Januar 1775, wie zu Beginn jeden Jahres, ein Maskenball in großer Robe statt. Fürst Khevenhüller-Metsch fasst das Geschehen in seinem Tagebuch zusammen. Übrigens ware heut anstatt des Appartement der sonstige masquirte Bal; jedoch wurde Gala angesagt, also daß wir Männer unter denen Domino reiche Toisons* und die Dames mehrer Geschmuck als sonsten bei denen masquirten Hofbals gebräuchlich, nahmen, um die Gala zu marquiren, und der Kaiser, welcher immer in seiner Uniforme zu bleiben pfleget, die Sterne und das obere Ordensband nebst denen Knöpffen und Boutonni- èren** sehr reich geschmückt, wie sonsten bei der grösten Gala getragen hat, welches alles freilich wieder sehr neu und ungewöhnlich, wo nicht gar unschicklich ausgesehen hat. Der Bal wurde von der Frau Maria mit dem Herzogen von Curland und der Frauen Elisabeth mit dem Herzog Albert eröffnet, im übrigen aber wie sonsten fort gehalten. Die Kaiserin und die Erzherzoginnen retirirten sich bereits vor 10 Uhr; der Kaiser aber verblibe fast biß zu dessen End. Kurtz vor seinem Anfang wurden von der Obrist- Hofmeisterin die Dames zum Handkuß zur Kaiserin in die Cammer und Retirade beruffen und das Corps diplomatique legte en passant*** die Gratulations-Complimenten ab; für die Männer ware kein General-Handkuß, ebenso wie bei den leztern Appartement à l›occasion des couches de Parme.155 * Toison – Goldenes Vlies ** franz. boutonnière – Knopfloch, Knopfleiste *** franz. en passant – beiläufig 155 Aus dem Tagebuch des Fürsten Khevenhüller-Metsch vom 16. Januar 1775, zitiert nach: Maria Breunlich-Pawlik, Hans Wagner (Hrsg.): Aus der Zeit Maria Theresias. Tagebuch des Fürsten Johann Josef Khevenhüller-Metsch, Kaiserlichen Obersthofmeisters, Bd. 8, Wien 1972, S. 58 153 Briefe und Augenzeugenberichte 101 Am 7. August 1775 endet eine Bootsfahrt Maria Theresias auf der Donau von Wien nach Schloss Hof aufgrund starken Windes vorzeitig. Kaiser Joseph kommt seiner Mutter zu Hilfe. Die Zeitung „Wienerisches Diarium“ schildert in ihrer Ausgabe vom 12. August 1775 diese Begebenheit. Der 7te dieses war ein Tag, an welchem Se. Majestät der Kaiser einen besondern Beweis Dero kindlichen Zärtlichkeit gaben. Unsere allertheuerste Monarchinn hatte sich in Begleitung der durchlauchtesten jungen Herrschaften aus Mayland, und beyder Erzherzoginnen Maria Anna, und Elisabeth, königl. Hoheiten, frühe vor 7 Uhr im Bratter zu Schiffe begeben, um auf dem großen Donaustrohme eine Lustreise nacher Schloßhof zu machen. Die erlauchte Gesellschaft hatte bereits gegen drey Stunden auf dem Wasser zugebracht, als der sehr ungestüme Wind Denselben nicht erlaubte weiter fortzuschiffen. Man war genöthigt, bey Albern, zwo Meile unter Wienn, ans Land zu stossen. Die Monarchinn gab Sr. Majestät dem Kaiser von diesem widrigen Zufalle Nachricht, und verlangte zu Lande nach Schönbrunn zurück abgeholt zu werden. Der kaiserliche Sohn machte augenblicklich in allerhöchst eigner Person nicht nur die Anstalten zur Abschickung der erforderlichen Wägen, sondern, da demselben wohl bekannt war, daß es seiner zärtlichst verehrten Frau Mutter an einem so abgelegenen an sich selbst armen, und einsamen Fischerorte, auch an der geringsten Bequemlichkeit fehlen muste, und bis Dieselbe nach Schönbrunn zurückgebracht werden könnte, etwelche Stunden verstreichen würden; so ließen Se. Majestät Dero Mittagmahl, welches eben zum Auftragen fertig stand, sogleich in Dero silbernen Reisservice zusamm machen, und eilten selbst damit an den Ort, wo die Reisegesellschaft verweilte. Ihre Majest. die Kaiserinn Königinn, wurden durch diese ungemeine Liebe und zärtliche Fürsorge, womit Dero geliebtester Sohn Allerhöchstdieselben überraschte, fast bis zu Thränen gerührt.156 156 Schilderung einer aufgrund starken Windes vorzeitig beendeten Bootsfahrt Maria Theresias vom 7. August 1775, zitiert nach: van Ghelen’sche Erben (Hrsg.): Wien den 12. Augustm., in: Wienerisches Diarium, Nr. 46 vom 12. August 1775, S. 7 154 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 102 Anlässlich eines Festes am Abend des 18.  September 1775 in Schloss Schönbrunn wird die in jenem Jahr als frühklassizistischer Kollonadenbau auf der Hügelkuppe des Gartens errichtete Gloriette feierlich illuminiert. Maria Theresia ist mit der insgesamt sehr gelungenen und stimmungsvollen Festivität höchst zufrieden. Fürst Khevenhüller- Metsch hält diverse Einzelheiten in seinem Tagebuch fest. Den 18., an welchen Tag des Monaths die Kaiserin doch sonsten retiriret zu bleiben pfleget, wurde endlichen das bis anhero verschobene Postscript der neulichen Festivitet mittelst eines sogenannten Cercle in halber Gala und der Illumination zur Ausübung gebracht; nicht allein die zur Cascade bestimmte Colline* wurde mit vill tausend Lampen beleuchtet, sondern mann hatte noch darzu auf der Anhöhe ein sehr prächtiges Gebäude en architecture erichtet, so ebenfahls auf das herrlichste illuminiret ware; und da zum grösten Glück die erwünschlichste Wind-Stille sich einfande, so hatte die Kaiserin dennoch endlichen das Vergnügen, daß alles nach dero Verlangen réussiret, wie sie denn auch währenden Appartement zu verschiedenen Mahlen aus der Gallerie, wo sie gespillet, in das nächst daranstossende Cabinet, in deme einige von uns Männern sich befanden, gegangen, sich alldorten niedergesetzet und mit uns sich im Discurs, der natürlicher Weis auch über die glückliche Réussite** der Illumination rouliret*** d’un ton familier et content eingelassen hat. Zu gleicher Zeit wurden unten die Rinfreschi**** ausgetheilet und für dises Mahl allen weiteren Klagen und Ausstellungen vorgebauet.157 * franz. colline – Anhöhe ** franz. réussite – das Gelingen *** franz. rouler – sich drehen um, handeln von **** ital. rinfresco – Erfrischung 157 Aus dem Tagebuch des Fürsten Khevenhüller-Metsch vom 18.  September 1775, zitiert nach: Breunlich-Pawlik, Wagner (Hrsg.): Aus der Zeit Maria Theresias, Bd. 8, S. 102 – 103 155 Briefe und Augenzeugenberichte 103 Brief Maria Theresias an Kaiser Joseph II. vom 24. Dezember 1775 (Original französisch). Die Monarchin beklagt sich bei ihrem Sohn über dessen mangelndes Vertrauen ihr gegenüber und kritisiert seine ihrer Ansicht nach allzu große Aufgeschlossenheit modernistischen Strömungen gegenüber. Zwischen uns waltet ein großer Unstern; mit dem besten Willen verstehen wir uns nicht. Es ist möglich, daß ich vom Schmerz zu niedergeschlagen bin, um das Vertrauen und diese Offenherzigkeit mir gegenüber zu erkennen, die ich zu verdienen geglaubt hätte; das macht den Verdruß meines Lebens aus. Ich darf wohl sagen, daß ich mich seit sechsunddreißig Jahren nur mit Ihnen beschäftigt habe. Sechsundzwanzig davon sind glücklich gewesen, was ich von der Gegenwart nicht mehr sagen kann, da ich den allzu gelockerten Grundsätzen in Religion und Sitten nie werde zustimmen können. Sie zeigen zu große Abneigung gegen alle alten Gebräuche und die ganze Geistlichkeit, sowie zu freie Grundsätze in Moral und Sitten. Ihre mißliche Lage beunruhigt mein Herz mit vollem Recht, und läßt mich für die Zukunft zittern. Alles das ist nur zu sehr in die Öffentlichkeit gedrungen, und man versteht, Nutzen daraus zu ziehen. Die heutige Nacht und diese Tage sind zu heilig, um sich mit einem Entschluß, so wie Sie ihn von mir verlangen, zu beschäftigen; nach dem neuen Jahr sollen Sie ihn erfahren. Sie mögen mir glauben, daß mein Herz mehr wie betrübt ist, wenn ich sehe wie wenig das Ihre damit im Einklang ist und wie sehr Sie an Ihren alten Vorurteilen hängen. Möchten Sie auf diesem Wege glücklicher werden, als ich es bin.158 158 Brief Maria Theresias an Kaiser Joseph II. vom 24.  Dezember 1775, zitiert nach: Fred (Hrsg.): Briefe der Kaiserin Maria Theresia, Bd. 1, S. 239 – 240 156 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 104 Unter dem Einfluss Josephs II. wird am 2. Januar 1776 per Erlass Maria Theresias in den österreichischen Erblanden, im Banat und in Galizien die Folter abgeschafft. Im Tagebuch des Fürsten Khevenhüller- Metsch findet sich zu dieser Resolution eine eher kritisch abwägende Anmerkung. Was die Aufhebung der Tortur betrifft, ware der bekannte Regierungs-Rath von Sonnenfels*, ein Sohn eines dem Fürst Dietrichstein unterthänigen getauften Juden, der gegen die Tortur geschrieben und bei uns diese Frage rege gemacht hat. Wie ich in Karnthen anno 1773 Landes-Hauptmann ware**, wurden über diese Frage alle Landes-Gerichts-Stellen vernohmen; man schriebe in Karnthen pro et contra; meine Meinung gabe ich dahin, daß die Tortur ad confidendam veritatem aufzuheben seie, indeme in der Tortur viele nicht begangene Missethaten eingestanden, andere aber würcklich begangene hartnäckig gelaugnet und sich hierdurch loßgemacht haben, mithin ein solches vorzüglich von der Constitution des Leibes eines jeden ankomme, hingegen aber die Tortur ad eruendos complices und besonders in criminibus majoribus allerdings beizubehalten seie, indeme dem Staat oft sehr viel daran gelegen ist, die Complices und die receptacula*** zu erfahren, welche die Missethather oft nicht entdecken würden, wenn sie sicher wären, von der Tortur befreiet zu sein. Der Hof hat aber die Tortur ohne Restriction simpliciter aufgehoben; ich wünsche also nur, daß er es nicht bereuen und solche wieder einzuführen sich nicht bemüssiget sehen möge.159 * Joseph Freiherr von Sonnenfels (1733 – 1817), Professor für „Polizey- und Kameralwissenschaft“ an der Universität Wien. Dessen Schrift „Über Abschaffung der Tortur“ (Zürich 1775) ist eine der wesentlichen Grundlagen für die im Jahre 1776 erfolgte Abschaffung der Folter in Österreich. ** Franz Anton Graf Khevenhüller-Metsch (1737 – 1797), Sohn des Fürsten Johann Josef, führte ab 1775, basierend auf Notizen seines Vaters, das Tagebuch fort. Nach dem Tod des Fürsten im April 1776 endete das Tagebuch im Monat Mai jenen Jahres. *** latein. receptacula – Behälter 159 Aus dem Tagebuch des Fürsten Khevenhüller-Metsch vom 2. Januar 1776, zitiert nach: Maria Breunlich-Pawlik, Hans Wagner (Hrsg.): Aus der Zeit Maria Theresias, Bd. 8, Wien 1972, S. 126 – 127 157 Briefe und Augenzeugenberichte 105 Brief Maria Theresias an Erzherzog Ferdinand Karl vom 26. August 1776 (Original französisch). Die Monarchin versucht ihren Sohn zu trösten, da dessen einjähriger Sohn Franz Joseph schwer erkrankt ist. Die Nachricht vom Tod des Kindes am 20. August 1776 hatte Maria Theresia noch nicht erreicht. Mein lieber Sohn. Ich bin erbaut von Ihren Briefen und davon, daß Sie mir in der traurigen Lage, in der Sie sich befinden, täglich schreiben. Der liebe Gott verlangt da eine harte Probe von Ihnen. Hoffentlich bleibt es nur eine Prüfung, ich fürchte indessen mehr, als ich hoffe. Wenn der Fall eintreten sollte, so bitte ich Sie, erzählen Sie Ihrer lieben Gemahlin nichts davon, was man in dem Kinde gefunden hat; diese Art von Eindrücken taugen nichts für Frauen, die ein Kind unter dem Herzen tragen. Trachten Sie, so bald wie Sie können, und wie es der Zustand von Madame erlaubt, auf das Lanf zu gehen und Gesellschaft mitzunehmen. Sehen Sie Menschen, schließen Sie sich nicht ab; der kleine Engel braucht unsre Klagen nicht, und der kleine Heide hat unsre ganze Sorgfalt nötig, und die Erhaltung der Mutter ist für uns das Wichtigste, besonders für mich, mein lieber Sohn Ferdinand. In Ihrer Feinfühligkeit werden Sie erkennen, wie sehr die Eltern zu beklagen sind. Lassen Sie sich nicht gehen; Sie müssen sich aufraffen, sich nicht dem Schmerz überlassen; außerdem rate und erlaube ich Ihnen aber zu weinen, ohne sich dessen zu schämen, denn das ist am Platz, und vernünftige und gefühlvolle Menschen werden es stets schicklich finden. Ich umarme Sie, mein lieber Sohn, und gebe Ihnen meinen Segen. Sein Geburtstag hat ihm Unglück gebracht*. Adieu!160 * Das Kind wurde am 13. Mai geboren – demselben Tag wie Maria Theresia. 160 Brief Maria Theresias an Erzherzog Ferdinand vom 26. August 1776, zitiert nach: Fred (Hrsg.): Briefe der Kaiserin Maria Theresia, Bd. 1, S. 154 – 155 158 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 106 Kaiser Joseph II. besucht unter seinem Inkognito „Graf von Falkenstein“ im April und Mai 1777, nach Absprache mit Maria Theresia, Paris und den Versailler Hof. Hauptmotiv der Reise ist das Zusammentreffen mit seiner Schwester Marie Antoinette, deren Verhalten, insbesondere ihre Einmischung in die französische Innenpolitik, in Wien Anlass zur Sorge gibt. Das besondere Interesse des Kaisers gilt sozialen Einrichtungen, Manufakturen und militärischen Institutionen in Frankreich. In der Ausgabe des Blattes „Wienerisches Diarium“ vom 14. Mai 1777 werden Einzelheiten dieser Reise geschildert. Ganz Paris ist von der ungemeinen Leutseligkeit des Grafens von Falkenstein eingenommen, und in allen Gesellschaften sowohl hier, als zu Versailles ist er der Gegenstand des Gespräches, und der allgemeinen Bewunderung. Man weiß nicht, welcher von seinen unvergleichlichen Eigenschaften man den Vorzug einräumen soll. Er dient, nach jedermanns Meinung, allen Fürsten und Grossen zum Muster. Sein Andenken wird in Frankreich unvergeßlich bleiben. Man gab ihm neulich an der kön. Tafel einen Sessel gegen den König über. Er wollte sich aber dessen nicht bedienen, sondern nahm einen Stuhl, welchem Beispiele der König sogleich nachfolgte. Noch am nämlichen Tage besuchte er die Grafen von Maurepas, und von Vergennes. Jener, welcher solches vermuthet haben mochte, hatte seinen Bedienten befohlen, niemand, als den Reichsgrafen v. Falkenstein vorzulassen. Derselbe kam, und als er sich unter diesen Namen ansagen ließ, antwortete der Kammerdiener, der es unrecht verstanden hatte, daß der Minister mit dem Siegelbewahrer beschäftiget, und dermal nicht zu sprechen sey. Hier sagte jemand in dem Vorzimmer: Es ist ja der Kaiser. Augenblicklich wollte der Kammerdiener es seinem Herrn hinterbringen. Aber der Reichsgraf v. Falkenstein hielt ihn mit den Worten zurück, daß er sehr wohl warten könne, worüber freylich einige Zeit vergieng. Am 19. erwartete ihn eine Menge Volkes in der Kirche des heiligen Sulpitz. Nachdem er solches erfahren, gieng er in eine andere kleine Kirche, wo ihn niemand vermuthete. Er bedient sich einer gemeinen Miethkutsche mit einem einzigen Lohnbedienten. Sonntags hörte er die heilige Messe in der Karmelitenkirche unweit des Pallastes Luxemburg, und gieng hernach in dem dasigen Garten spatzieren. Der Zulauf war allda ganz ungemein. Montags gieng er wieder nach Versailles, 159 Briefe und Augenzeugenberichte und blieb allda bis Donnerstags. Während dieser Zeit ist er mit dem Könige auf der Jagd gewest, und hat Dientags mit der Königinn ganz alleine auf ihrem kleinen Lustschlosse zu Trianon gespeiset. Der Reichsgraf von Falkenstein hat bereits die Neapolitankirche, die Kriegsschule, die Invaliden- und Findelhäuser, das königl. Schloß Toulliers, und grosse Spital: Hotel Dieu genannt, besucht.161 161 Bericht über den Besuch Kaiser Josephs II. in Frankreich vom April 1777, zitiert nach: van Ghelen’sche Erben (Hrsg.): Paris den 28. April., in: Wienerisches Diarium, Nr. 39 vom 14. Mai 1777, S. 4 160 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 107 Aus einem Brief der Marie de Vichy-Chamrond, Marquise du Deffand, an den britischen Schriftsteller und Politiker, Horace Walpole, Earl of Orford, vom Mai 1777 (Original französisch). Auffallend für die Zeitgenossen ist Josephs einfaches und zumeist freundliches Auftreten. Er war überall; er hat die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erforschen wollen, man weiß nicht, welche Epoche er vorzieht. Man hat sich vielleicht zu sehr daran gewöhnt, ihn zu sehen; die Eindrücke, welche er gemacht hat, sind abgenützt, die Einfachheit gefällt, aber auf die Länge scheint sie weniger pikant. Ich glaube, seine Reisen werden ihm nützlich seyn; er schreibt jeden Abend Alles auf, was er gesehen, gehört und behalten hat. Sein Kopf wird mit vielen Kenntnissen angefüllt werden, es können daraus Gedanken entspringen. Es hat allen Anschein, daß er ein sehr guter Souverän werden und mehr ihrem Heinrich VII. oder Carl V. gleichen wird, als Friedrich II.162 162 Aus einem Brief Marie de Vichy-Chamronds, Marquise du Deffand, an Horace Walpole, zitiert nach: Kaiser Joseph II. in Paris, in: Franz Gräffer: Josephinische Curiosa; oder ganz besondere, theils nicht mehr, theils noch nicht bekannte Persönlichkeiten, Geheimnisse, Details, Actenstücke und Denkwürdigkeiten der Lebens- und Zeitgeschichte Kaiser Josephs II., Wien 1848, S. 105 161 Briefe und Augenzeugenberichte 108 Brief Maria Theresias an Kaiser Joseph II. vom 25.  September 1777 (Original französisch). In Fragen der Religionsfreiheit gehen die Ansichten von Mutter und Sohn erheblich auseinander. Maria Theresia ist im Gegensatz zu Joseph nicht gewillt, in den habsburgischen Erblanden uneingeschränkt religiöse Toleranz zu gewähren. Ihre Unzufriedenheit über die Religionsangelegenheiten in Mähren trifft mich umso empfindlicher, als ich in einer so wichtigen und delikaten Angelegenheit auf das gerade Gegenteil gefaßt war. Ich bin weder meinem eigenen Kopf noch einem Minister gefolgt. Alles ist durch den böhmischen „Conseß “, die Kanzlei und durch den Staatsrat gegangen, und ich hoffe, daß Sie anders darüber denkst, wenn Sie über die Einzelheiten unterrichtet sein werden, wenigstens wünsche ich es zu Ihrem eigenen Besten. Aber ich kann Ihnen nicht verhehlen, wie sehr es mich schmerzt, daß Sie mir bei der geringsten Widerrede oder Verschiedenheit der Ansichten immer wieder diesen verhaßten Vorschlag bezüglich der Mitregentschaft machen*, obwohl Sie wissen, daß mich das am empfindlichsten trifft. Ich glaube nicht, daß Ihnen durch meine Handlungen oder Befehle Unrecht geschehen oder Schande gemacht worden ist. Sie gehen in Ihren Gedanken ein wenig zu rasch vor. Die Aktivität ist wundervoll für einen Privatmann, aber wer befiehlt, muß besser nachdenken und sich an die Regeln und Verordnungen der Länder halten und ihnen folgen und darf nur davon absehen, wenn er es besser machen kann, und zwar nicht nur nach seinem eigenen Zeugnis, sondern nach dem aller anderen. Wir haben niemand Rechenschaft abzulegen außer demjenigen, der uns an diesen Platz gestellt hat, um nach seinem heiligen Gesetz seine Völker zu regieren, die wir lieben und gegen alle schützen sollen.163 * Joseph II. hatte Maria Theresia zum wiederholten Male vorgeschlagen, ihn von der Mitregentschaft zu entbinden. 163 Brief Maria Theresias an Kaiser Joseph II. vom 25.  September 1777, zitiert nach: Fred (Hrsg.): Briefe der Kaiserin Maria Theresia, S. 243 – 244 162 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 109 Als der bayerische Kurfürst Maximilian III. Joseph am 30. Dezember 1777 kinderlos an den Pocken stirbt, fällt Bayern aufgrund bestehender Erbfolgeverträge an die pfälzische Linie der Wittelsbacher. Das Blatt „Wienerisches Diarium“ berichtet in seiner Ausgabe vom 7. Januar 1778 vom Tod des Kurfürsten. Heute früh sind verschiedene Stafeten aus München hier durchgegangen, mit der höchst traurigen Post, daß der kurfürstl. Hof, und gesammte Residenz in die tiefste Trauer versetzt worden, indem es dem Allerhöchsten gefallen, gestern Nachmittags zwischen 1 und 2 Uhr Se. kurfürstl. Durchlaucht, den weyland durchl. Fürsten und Herrn, Herrn Maximilian Joseph in Ober- und Niederbayern, auch der oberen Pfalz Herzog, Pfalzgraf bey Rhein, des heil. röm. Reichs Erztruchseß und Kurfürsten, durch eine Blatternkrankheit ganz unvermuthet, aus dieser Zeitlichkeit in die Ewigkeit zu versetzen. Se. kurfürstl. Durchlaucht waren den 28. März 1727 gebohren, und succedirten in den Kurlanden Dero Herrn Vater Kaiser Karl dem Siebenten glorwürdigsten Andenkens den 20. Jäner 1745.164 164 Nachricht vom Tod des bayerischen Kurfürsten Maximilian III. Joseph am 30. Dezember 1777, zitiert nach: van Ghelen’sche Erben (Hrsg.): Augsburg, den 31. Christmon., in: Wienerisches Diarium, Nr. 2 vom 7. Januar 1778, S. 4 163 Briefe und Augenzeugenberichte 110 Brief Maria Theresias an Kaiser Joseph II. vom 14. April 1778 (Original französisch). Nach dem Tod des bayerischen Kurfürsten erhebt Joseph im Namen Österreichs, aber gegen den Willen seiner Mutter, Anspruch auf Niederbayern und die Oberpfalz, um die Machtposition seines Hauses im Reich zu stärken. Anfang April hatte sich Joseph zu den österreichischen Truppen begeben, die bereits seit Januar weite Teile Bayerns besetzt halten. Mein lieber Sohn. Dieser Stafette wegen unterbreche ich sogar meine Vorbereitung zur Osterbeichte, die mir doppelt schwer wird, weil meine Gedanken nicht geordnet sind, da ja mein Herz von Schmerz vernichtet ist. Wie schwer werden mir diese großen Feiertage werden, die ich ohne meine Söhne verbringen muß, und dabei in welcher Situation? Ich habe nicht den Mut, daran zu denken, und wage nicht, mit Ihnen davon zu reden. Ich beschwöre Sie, halten Sie Maß! Alle Neuigkeiten, die zu uns dringen, lassen uns vor Entsetzen erbeben. Fritz ist wütend, er wird überall seinen Zorn fühlen lassen. Da er den bösen Willen seines Heeres sieht, nimmt er beständig Hinrichtungen vor und droht, alles der Plünderung der Soldaten preis zu geben, wohin er auch kommt; das wäre schauerlich. Ich kann kaum auf eine günstige Antwort hoffen. Das Wetter ist kalt und abscheulich, alles vermehrt meine Besorgnisse. Ich umarme Sie und will gern, soweit es meine Schwäche erlaubt, für Sie beten. Adieu.165 165 Brief Maria Theresias an Kaiser Joseph II. vom 14. April 1778, zitiert nach: Fred (Hrsg.): Briefe der Kaiserin Maria Theresia, Bd. 1, S. 251 – 252 164 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 111 Die Besetzung von Gebieten Bayerns durch Österreich stößt bei den meisten Reichsfürsten auf erheblichen Widerstand – so auch beim preußischen König. Nach vorheriger Kriegserklärung Preußens an Österreich lässt Friedrich II. am 5. Juli 1778 seine Truppen in Böhmen einmarschieren, womit der Bayerische Erbfolgekrieg beginnt. Da in der Folge keine nennenswerten militärischen Auseinandersetzungen stattfinden, wird dieser Krieg auch als „Kartoffelkrieg“ oder „Zwetschgenrummel“ bezeichnet. Die größte Sorge der Truppen besteht in der Beschaffung von Verpflegung. Am 18.  Juli 1778 berichtet die Zeitung „Wienerisches Diarium“ vom Einfall des Preußenkönigs in Böhmen. Der König von Preußen ist nun wirklich mit einer Armee von beyläufig 20000 Mann bey Nachod herausgefallen, und steht nur noch eine halbe Meile von Jarmieriz. Alles Vieh, alle junge Leute und alle Geräthschaften wurden weggeschleppt, und ins Preußische transportirt. Nachod ist gänzlich ausgeplündert. Wir stehen alle im Lager, eine Stunde herwärts von Jarmieriz; unsere Zelte sind in den schönsten Getreidefeldern aufgeschlagen. Die Umstände haben diese Verwüstung nothwendig gemacht. Es sind auch hier, nämlich von Jarmieriz bis Königgrätz, immer von 1000 zu 1000 Schritte lauter Schanzen und Batterien errichtet, und alle hinlänglich mit Geschütz versehen. Man vermuthet alle Sunde, daß es zum Treffen kommen werde; unser Soldat erwartet es mit Freuden. Wir stehen nur eine Stunde von den Preußen; und unsere Leute sind dabey so lustig, als sie es jemals in Brünn gewesen. Dieser feindliche Einfall geschah den 5. dieses, nachdem die Truppen des prinzen Heinrichs einen Tag vorher, nämlich am 4. in Sachsen und in die Lausitz eingedrungen waren.166 166 Bericht über den Einfall preußischer Truppen in Böhmen am 5. Juli 1778, zitiert nach: van Ghelen’sche Erben (Hrsg.): Königgrätz, den 8. Heumon., in: Wienerisches Diarium, Nr. 57 vom 18. Juli 1778, S. 5 165 Briefe und Augenzeugenberichte 112 Schreiben Maria Theresias an König Friedrich II. von Preußen vom 12. Juli 1778 (Original französisch). Die Monarchin ist in großer Sorge, dass ein Krieg ihr schlecht gerüstetes Erzherzogtum ins Unglück stürzen könnte. Ohne Wissen des Kaisers sendet Maria Theresia Franz Freiherr von Thugut, einen Untergebenen von Staatskanzler Fürst Kaunitz, als Friedensunterhändler mit nachfolgendem Brief zu Friedrich II. Mein Bruder und Vetter, An der Abberufung des Barons Riedesel* und dem Eindringen der Truppen Euerer Majestät erkenne ich mit äußerstem Gefühl des Bedauerns den Ausbruch eines neuen Krieges. Mein Alter und meine Neigung für die Erhaltung des Friedens sind aller Welt bekannt, und ich könnte Ihnen dafür keinen wahrhafteren Beweis geben als durch den Schritt, den ich tue. Mein mütterliches Herz ist mit Recht alarmiert, zwei meiner Söhne** und einen geliebten Schwiegersohn*** bei der Armee zu sehen. Ich tue diesen Schritt, ohne den Kaiser meinen Sohn davon benachrichtigt zu haben; und ich erbitte von Ihnen Geheimhaltung gegenüber aller Welt, welches auch der Erfolg sein mag. Meine Wünsche gehen dahin, die bis zu dieser Stunde durch Seine Majestät den Kaiser geführte Verhandlung, die zu meinem größten Bedauern abgebrochen worden ist, wieder anzuknüpfen und zum Ende zu führen. Der Baron Thugut, der mit Instruktionen und Vollmacht versehen ist, wird Ihnen diese in die eigene Hand legen. Ich wünschte heiß, daß sie unsere Wünsche nach unserer Würde und zu unserer Zufriedenheit erfüllen könne, und ich bitte Sie mit den gleichen Gefühlen meinen lebhaften Wünschen für die dauernde Herstellung unseres guten Einvernehmens zu antworten, zum Wohl des Menschengeschlechtes und unserer Familien, indem ich bin Euerer Majestät gute Schwester und Cousine Maria Theresia. 166 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch Nachschrift. Den 12. In diesem Augenblick kommen die Nachrichten vom 8. und 9. von der Armee, die mir Ihr Eintreffen uns gegenüber ankündigen. Ich beeile mich um so mehr, das Vorliegende zu übersenden, damit nicht irgend welche Ereignisse die gegenwärtige Lage ändern. Ich beabsichtige, nach der Abreise Thuguts einen Kurier zum Kaiser zu senden und ihn zu unterrichten, ohne in Einzelheiten zu gehen, um dadurch vielleicht übereilte Schritte zu verhindern, was ich aus ganzem Herzen wünsche. Ich bin Euerer Majestät gute Schwester und Cousine Maria Thersia.167 * Johann Hermann Freiherr von Riedesel (1740 – 1785), preußischer Gesandter in Wien. ** Kaiser Joseph II. und Erzherzog Maximilian Franz. *** Herzog Albert Kasimir von Sachsen-Teschen (1738 – 1822). 167 Schreiben Maria Theresias an König Friedrich II. von Preußen vom 12. Juli 1778, zitiert nach: Walter (Hrsg.): Briefe und Aktenstücke, S. 451 – 452 167 Briefe und Augenzeugenberichte 113 Maria Theresia ist es wichtig, dass nach ihrem Tod die von ihr festgelegten Anweisungen für Aufbahrung und Beisetzung unbedingt eingehalten werden. Im Zusatz zu ihrem zweiten Testament vom 1. August 1778 werden die wesentlichen Punkte aufgeführt. Es ist mein ernstlicher Willen, daß niemand von der Familj weder bey Meiner offentlichen Exposition, noch begräbnus, noch Exequien erscheinen solle. Mein Leichnam solle in der Hof-Capellen oder hier bey den P P. Augustinern bey der Burg (jedoch in keinem Zimmer) exponiret, und was sonsten gewöhnlich, hiebey gehalten werden; ausgenohmen daß in der Schon verfertigten Sarge und Kleidung mit Verschleyerten angesicht, ohne den Deckel zuzumachen, durch die Vorgschribene Täge exponiret werden will. Wann eine Mutter und Frau nach ihrem Todt noch was zu hoffen und zu sagen hat, so bitte Mir dieses letztes Zeichen des gehorsams Vom meiner familj aus. Ich erkenne die tendresse, welche alle für mich haben und will dahero Verhindern den Eindruck, welchen solche functiones, deren leyder! Viele in Meinem traurigen leben erfahren habe, machen Können, jedoch bin nicht entgegen, daß alles gehalten werde, als Wann die familj zugegen wäre; Welche letzte Ehre auch noch die Hofleuthe Mir erweisen Können; Und bitte selbe diese Plage Über sich nehmen zu wollen.168 168 Aus dem Zusatz zum zweiten Testament Maria Theresias vom 1. August 1778, zitiert nach: Walter (Hrsg.): Briefe und Aktenstücke, S. 466 168 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 114 Am 13. Mai 1779, dem Geburtstag Maria Theresias, wird zwischen Österreich und Preußen mit dem Frieden von Teschen der Bayerische Erbfolgekrieg beendet. Österreich erhält von Bayern das Innviertel zugesprochen, einen Gebietsstreifen östlich von Inn und Salzach. In seiner Ausgabe vom 19. Mai 1779 gibt das Blatt „Wienerisches Diarium“ den Friedensschluss bekannt. Den 13. dieses ist zu Teschen der Friedenstraktat zwischen Ihrer k. k. ap. Majest. und Sr. Maj. dem König in Preussen von den beyderseits gevollmächtigten Ministern, nämlich von Sr. Excell. dem Herrn Grafen Philipp Cobenzl und dem Herrn Baron v. Riedesel unter königl. Französischer und rußisch-kaiserlicher Mediation und Garantie unterzeichnet worden. Dieser Friedenstraktat sammt den übrigen am nämlichen Tage ausgefertigten Conventionen zwischen Ihrer k. k. apost. Majest. und Sr. kurfürstl. Durchlaucht, wie auch zwischen den beyden Kurhäusern Pfalz und Sachsen wird ehestens in offentlichen Druck erscheinen.169 169 Bekanntmachung des Friedens von Teschen am 13. Mai 1779, zitiert nach: van Ghelen’sche Erben (Hrsg.): Wien den 19. May., in: Wienerisches Diarium, Nr. 40 vom 19. Mai 1779, S. 9 169 Briefe und Augenzeugenberichte 115 Handbillet Maria Theresias an Staatskanzler Fürst Kaunitz vom 23. Mai 1779. Aus Anlass des Friedensschlusses findet am Pfingstsonntag ein feierliches Tedeum im Wiener Stephansdom statt. Am selben Tag schreibt die Monarchin voll Dankbarkeit an den Fürsten. ich habe heüt gloriose meine carriere geendigt mit einem te Deum; was wegen der ruhe meiner landen mit freüden übernohmen, so schwäre es mir gekostet, mit seiner hillff geendigt. das übrige wird nicht mehr in villen bestehen.170 170 Handbillet Maria Theresias an Staatskanzler Fürst Kaunitz vom 23. Mai 1779, zitiert nach: Arneth: Geschichte Maria Theresia’s, Bd. 10, S. 633 170 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 116 Während eines längeren Aufenthaltes am Wiener Hof in den Jahren 1778/1779 hält Großherzog Leopold von Toskana seine Eindrücke in dem von ihm auf italienisch geschriebenen Tagebuch* fest. In diesen Notizen befindet sich auch ein recht kritischer Bericht zu seiner Mutter Maria Theresia wenige Jahre vor ihrem Tod. Der Kaiserin geht es gesundheitlich einigermaßen gut und besser, als man unter den gegenwärtigen Umständen eigentlich hat erwarten können, wenngleich sie, infolge ihres Alters und auch ihrer Beleibtheit schon anfängt, mit großer Schwierigkeit zu gehen; sie atmet sofort sehr schwer, sobald sie geht oder sich bewegt, und da sie sich dessen schämt und sehr rasch zu gehen sucht, wird ihre Laune immer schlechter und ihre Stimmung niedergeschlagen. Ihr Gedächtnis hat sehr nachgelassen, sie erinnert sich nicht mehr an viele Dinge und gegebene Befehle und häufig wiederholt sie sie und daraus entsteht viel Verwirrung. Sie beginnt etwas schwerhörig zu werden und hat durch den ständigen Verdruß ihren Mut und ihre Aktivität eingebüßt; sie läßt alle Angelegenheiten laufen und läßt fast jedem im Hause wie in der Familie wie in den Staatsgeschäften machen, was er will, da sie selbst ständig mit Gebet und Andacht beschäftigt ist. Sie macht sich über viele Dinge Skrupel und mißtraut ständig sich selbst und allen anderen. Sie freut sich nie über etwas und ist ständig allein und melancholisch, da sie nie Gesellschaft hat und über alles vergrämt ist. Sie ist sehr betrübt und enttäuscht, zu sehen, daß alle Angelegenheiten, um die sie sich in so vielen Jahren bemüht hat, nicht erledigt worden sind, daß das Publikum die Schuld daran ihr gibt und viele sich über sie beklagen. Fast ständig klagt sie über das Land und die Leute, die Sitten und die Erziehung, daß ihre guten Absichten nicht unterstützt werden, daß sie niemanden mehr hat, dem sie vertrauen kann und daß sie so nichts mehr leisten und ihre Pflicht nicht mehr erfüllen kann und daß sie ihr Seelenheil verlieren wird und daß sie sich ganz zurückziehen und die Regierung ganz 171 Briefe und Augenzeugenberichte aufgeben will, da sie ja sieht, daß sie niedergeschlagen ist und allen lästig fällt, was sie jedoch, wie ich glaube, niemals machen wird, auf die Regierung zu verzichten oder sich zurückzuziehen.171 * Leopold selber bezeichnet dieses Journal als „Relazione“, also einen Bericht. 171 Aus dem Tagebuch des Großherzogs Leopold von Toskana aus den Jahren 1778/1779, zitiert nach: Adam Wandruszka: Leopold II. Erzherzog von Österreich, Grossherzog von Toskana, König von Ungarn und Böhmen, Römischer Kaiser, Wien-München 1963, Bd. 1, S. 334 – 335 172 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch 117 Brief Maria Theresias an Marie Beatrix Herzogin von Modena- Este, Gemahlin Erzherzog Ferdinands, vom 20. November 1780 (Original französisch). Die Monarchin erkrankt im November an einer Erkältung, lässt sich dadurch aber in ihrem gewohnten Tagesablauf nicht beeinträchtigen. Meine liebe Frau Tochter. Ich richte mich ganz nach der Mode, denn ich habe mir eine Erkältung zugezogen, wie sie meine Töchter und alle Leute jetzt hier haben, und da ich den Aderlaß einen Monat verzögert habe, wird er heute vorgenommen, um die Kraft des Hustens zu verringern. Glauben Sie nur nicht, daß ich krank bin. Ich behalte meine gewohnte Lebensweise bei, bin nur unpäßlich, nicht Patientin. Eine Erkältung ist bei meiner ohnehin schwierigen Respiration etwas peinlicher. Sie können aber beide ganz beruhigt sein, ich verberge Ihnen nichts. Ich umarme Sie. Der Kaiser ist sogar auf Jagd.172 172 Brief Maria Theresias an ihre Schwiegertochter Marie Beatrix Herzogin von Modena-Este vom 20. November 1780, zitiert nach: Fred (Hrsg.): Briefe der Kaiserin Maria Theresia, Bd. 1, S. 120 – 121 173 Briefe und Augenzeugenberichte 118 Der Gesundheitszustand Maria Theresias verschlechtert sich rapide. Versehen mit den heiligen Sakramenten verstirbt die Monarchin im Beisein von fünf ihrer Kinder am 29. November 1780 gegen 9 Uhr abends in der Wiener Hofburg an einer Lungenentzündung. In ihrer Sterbestunde trägt sie den Morgenmantel ihres geliebten Gemahls Franz Stephan. Karl Graf von Zinzendorf, Gouverneur von Triest, schildert die letzten Tage und Stunden der Monarchin basierend auf dem Bericht der Erzherzogin Maria Anna, der ältesten Tochter Maria Theresias, in seinem Tagebuch (Original französisch). Sie erzählte uns sehr ausführlich die letzten Tage ihrer erhabenen Mutter. Störck* hatte der Kaiserin angekündigt, daß sie den Prälaten [Müller]** kommen lassen solle, sie bat, ihren Kindern davon nichts zu sagen, frühstückte mit ihnen und schickte sie dann um halb neun Uhr weg, eine Arbeit vorschützend. Die ganzen Tage über bis zu ihrem letzten saß sie schreibend an ihrem Tisch, nur die Arme ein wenig aufgestützt. Ihre Kinder waren rund um den Tisch versammelt, sie sah sie schweigend an, nachdem sie ihnen bereits vor zwei Tagen ihren Segen gegeben hatte. Sie sagte ihnen: Denkt nicht, daß ich euch weniger liebe als vor zwey Täge, nur habe euch Gott übergeben, deswegen sehe ich euch jetzt indifferenter an. Zum Kaiser, der schluchzend zu ihr sprach: Die Stimme ist mir nicht recht, die könte mich meinen Vorsatz brechen machen, und das will ich nicht. Am vorletzten Tag: Ich bin schon kalt bis da herauf, auf ihre Hüften zeigend, wirds noch 24 Stunden dauern bis oben hinauf. Als sie zur Erzherzogin Maria Anna über ihren Zustand sprach und sie traurig sah, wechselte sie das Thema, kam aber später wieder darauf zurück. Als ihre Kinder sie baten, zu ihnen zu sprechen: Vergönnet mir die Ruhe. An ihrem Todestag nötigte sie den Kaiser und Frau von Vasquez***, mit ihr zu frühstücken. Fünf oder sechs Stunden vor ihrem Tod reichte man ihr ein Stärkungsmittel, sie wurde es gewahr und sagte: Nein, das ist nur zum aufhalten, das brauche ich nicht, da bedanke ich mich vor. Sie erhob sich, um den Platz zu wechseln, sie wollte auf der Chaiselongue**** sterben. 174 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch Der Kayser glaubte bis zum 25. [November] nicht an Gefahr, da er ihre Erstickungsanfälle nicht gesehen hate. Er sagte zu den Erzherzoginnen: Das sind lauter Weibereyen.173 * Anton Freiherr von Störck (1731 – 1803), österreichischer Mediziner und Leibarzt Maria Theresias. ** Ignaz Müller (1713 – 1782), Augustinerchorherr und Beichtvater Maria Theresias. *** Maria Anna Gräfin von Vasquez, Obersthofmeisterin des Hofstaates der Erzherzogin Maria Christina. **** „… fünf Minuten vor ihrem tod stund sie mit gewalt von ihrem sessel auf und machte einige schrit bis zu ihrer Chaise longue wo sie zusammen sank, mann legte sie so gut als möglich hinauff sie helffte sich noch selbst, der kayser sagte Ihro Mayst: ligen sehr übel; ja sagte sie aber gut genug um zu sterben sie machte noch drey vier athemzug und verschied …“ [Aus dem Bericht der Erzherzogin Maria Anna, zitiert nach: Fred (Hrsg.): Briefe der Kaiserin Maria Theresia, Bd. 2, S. 371] 173 Aus dem Tagebuch des Grafen Karl von Zinzendorf vom 26. Januar 1781, zitiert nach: Wagner (Hrsg.): Wien von Maria Theresia bis zur Franzosenzeit, S. 36 175 Briefe und Augenzeugenberichte 119 Ab dem 1. Dezember 1780 wird der Leichnam Maria Theresias auf einem vier Stufen hohen, unter einem schwarzen Baldachin errichteten Trauergerüst in der großen Hofkapelle der Wiener Hofburg aufgebahrt. Die Totenfeier für die Monarchin findet hier am 3. Dezember 1780 statt. Alle Einzelheiten schildert die „Wiener Zeitung“ in ihrer Ausgabe vom 6. Dezember 1780. Ausführliche Beschreibung des feyerlichen Leichenbegängnisses weiland Ihrer k. k. apostol. Majestät Marien Theresiens, höchstseliger Gedächtniß, so Sonntags den 3. Christmonats 1780 vollzogen worden. Nachdem der entseelte Leichnam weiland Ihrer, Mittwochs den 29. jüngst abgewichenen Monats, in dem Herrn sanft und selig entschlaffenen k. k. apostolischen Majestät, seit Freytags, den 1. dieses, in der grossen Hofkapelle, auf einem 4 Stuffen hohen, unter einem schwarzen Baldachin errichteten mit sehr vielen brennenden Wachslichtern, ringsherum umgebenen Trauergerüste in der offenen Sarge, in der demüthigen Kleidung eines geistlichen Habites, sammt dem silbernen Becher, vorein das Herz, und einem Kessel, vorein das Eingweide verschlossen war, zur rechten und linken Hand auf dem 3ten Staffel* abwärts des Hauptes, sodann neben der höchsten Leiche auf 6 schwarzen goldstückenen Pölstern, die kaiserliche und ferner die königlich – ungarisch – und böhmische Kronen, nebst Scepter, und Erzherzoghut, hinter dem Kopfe aber die Ordenszeichen gelegt, und zu dem Fuß dieses Trauergerüstes ein silbernes Krucifix, nebst gleichem Weihwasserkessel angebracht war, bis Sonntags Abends theils denen hinterlassenen stundweise abzuwechselnden betenden k. k. Ministers, Hof- und Stadtdamen, dann Kämmerern, Kammerdienern, Hofkapellänen, P. P. Augustinern, und kaiserl. Spitalleuten, theils auch denen zu beyden Seiten des Trauergerüstes mit entblößten Seitengewehr zur Wache postirten 2 deutschen und ungarischen adelichen Leibwachen überlassen, und zur öffentlichen Schau ausgesetzet sich befand; auch während diesen 3 Tagen in besagter, neulich gedachtermassen, ganz schwarz ausgerüsteten grossen Hofkapelle von 6 Uhr früh bis Mittags unausgesetzt heilige Messen an 5 Altären gelesen, auch diese Tage hindurch alle Glocken in- und vor der Stadt geläutet worden sind; so wurde bereits Sonnabends Nachmittag um die diefalls bestimmte Zeit 176 Maria Theresia – Monarchin, Mutter und Mensch das neben der höchsten Leiche gestandene, in silbernem Becher verwahrte Herz von dem gewöhnlichen Rituale priesterlich eingesegnet, und sodann, in schwarzen Taffet eingehüllet, von denen 2 ältesten hinterlassenen k. k. Hofkammerdienern übernommen, um solches nach der Loretokapelle der Augustinerhofkirche zum Beysetzen zu übertragen.174 * Staffel – Stufe 174 Schilderung der Aufbahrung Maria Theresias und der Totenfeier zu ihren Ehren am 3. Dezember 1780, zitiert nach: van Ghelen’sche Erben (Hrsg.): Wien den 6. Christmonat., in: Wiener Zeitung, Nr. 98 vom 6. Dezember 1780, S. 9 177 Briefe und Augenzeugenberichte 120 Brief Kaiser Josephs II. an seinen Bruder Großherzog Leopold von Toskana vom 4. Dezember 1780 (Original französisch). Vollkommen niedergeschlagen von den Begräbnisfeierlichkeiten für seine Mutter, bittet Joseph seinen Bruder, ihm auch in Zukunft mit seiner Freundschaft beizustehen. Verehrtester Bruder. Ich bin so erschüttert von der entsetzlichen gestrigen Zeremonie, dass ich Ihnen nur ein Wort sagen kann; dieses Begräbnis ist das Grausamste, was man sich nur vorstellen kann. Vierzig Jahre Verbundenheit, Inhalt meines Lebens und Gegenstand meiner Dankbarkeit für all ihre vielfachen Wohltaten, das zu verlieren geht beinahe über den Verstand. Mein ganzes Leben, ja alles ist durcheinander geraten und ich stehe nahezu allein in der Welt; die Vorsehung hat mir Frauen, Kinder; Vater und Mutter entrissen. Dass mir zumindest Ihre Freundschaft bleibe, darum bitte ich Sie aufrichtigst. Sie kennen das Maß der meinen seit unserer Kindheit, tausend Beweise seitdem müssen Sie davon überzeugt haben, das wird die einzig wirkliche Stütze sein, zusammen mit dem Eifer, meine Amtspflichten zu erfüllen, die mich das Leben ertragen lassen werden. Adieu 175 175 Brief Kaiser Josephs II. an seinen Bruder Großherzog Leopold von Toskana vom 4. Dezember 1780, zitiert nach: Alfred von Arneth (Hrsg.): Maria Theresia und Joseph II., ihre Correspondenz sammt Briefen Joseph’s an seinen Bruder Leopold, Bd. 3, Wien 1867, S. 325 (Übersetzung ins Deutsche erfolgte durch den Autor)

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References

Zusammenfassung

Maria Theresia zählt neben Friedrich II. von Preußen zu den bedeutendsten und prägendsten Herrschergestalten der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Mit ihrer Politik wirkte sie entscheidend mit an der Veränderung des „Alten Kontinents“.

Anlässlich des 300. Geburtstags der großen Monarchin schildert Wolf H. Birkenbihl in einer biographischen Darstellung mithilfe von Briefen und Augenzeugenberichten die wichtigsten Meilensteine in Maria Theresias Regentschaft.