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Einleitung in:

Rainer Lippert

Mit Marx zur Marktwirtschaft?, page 9 - 12

Eine Neuerung der Marx’schen Arbeitswerttheorie

3. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3917-5, ISBN online: 978-3-8288-6667-6, https://doi.org/10.5771/9783828866676-9

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Wirtschaftswissenschaften, vol. 82

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
9 EInlEItung Einleitung Übliche Interpretation der Marx’schen Arbeitswerttheorie Die Marx‘sche Arbeitswerttheorie wird in den meisten Fällen in der folgenden Art interpretiert: Der Mensch bearbeitet mit gesellschaftlich nützlicher Arbeit ein Naturgut oder bereits gestaltete Objekte und vergegenständlicht in den bearbeiteten Objekten seinen Anspruch auf Existenzmittel. Die bearbeiteten Objekte erhalten damit einen bestimmten Wert. Die Grundgedanken dieser Werttheorie können folgendermaßen dargestellt werden: Die Menschen gestalten durch ihr Handeln ihre eigenen gesellschaftlichen Verhältnisse. Grundlage dieser Verhältnisse ist die Arbeit. Bis zu diesem Punkt kann der Arbeitswerttheorie nur zugestimmt werden. Mit dem Arbeitsprozess greifen die Menschen aus dem sie umgebenden natürlichen Umfeld bestimmte Naturgüter heraus und wandeln diese mittels produktiver Arbeit in Werte (Bild 1 im Anhang: Die übliche Interpretation der Arbeitswerttheorie). Mit anderen Worten: Mit und durch die Vergegenständlichung der gesellschaftlich nützlichen Arbeit wird der Wert in Gegenstände hineingebracht. An dieser Stelle zeigt sich bereits eine Unzulänglichkeit der üblichen Interpretation der Marx‘schen Arbeitswerttheorie: Unter anderem gilt sie bei dieser Voraussetzung nur für bearbeitete Gegenstände. Die so mittels vergegenständlichender, gesellschaftlich nützlicher Arbeit gebildeten Werte können zur Befriedigung bestimmter Bedürfnisse gegen andere Werte getauscht werden. Tauschvorgänge dieser Art sind ökonomische Austauschprozesse. Planwirtschaftliche Situation in der DDR Mit einer solchen Sicht auf die Werte erscheint es logisch, dass die ökonomischen Prozesse in einer Gesellschaft durchgängig geplant werden können, denn die entstehenden Werte würden sich laut Marx ‘scher Arbeitswerttheorie vorausbestimmen lassen. Mittels zentraler Planwirtschaft sollten die Werte der Gesellschaft in den politisch gewünschten Proportionen geschaffen werden. Dazu passend sollte eine Geldmenge emittiert werden, die dem Umfang an Werten entsprochen hätte. Auf gesamtgesellschaftlicher Ebene wurde von zentraler Stelle scheinbar errechnet, wie viele „Werte“ von welcher Sorte, Qualität usw. unter den gegebenen Bedingungen der Arbeitskräfte-, Rohstoff- und Ausrüstungssituation erstellt werden konnten. Diese errechneten Werte wiederum gingen ein in die Planvorgaben, die in den volkswirtschaftlich relevanten Bereichen von oben nach unten untersetzt wurden. Anhand dieser Planvorgaben erfolgte die Organisation der Produktion und die anschließende Verteilung in Verbindung mit der Abrechnung. Die Abrechnung der Planerfüllung wiederum war die Grundlage für die Geldemission, welche planmäßig entsprechend den produzierten Werten durchgeführt wurde. Der Austausch der geschaffenen Werte 10 Lippert schien also auf eine solide, wissenschaftlich fundierte und mathematisch nachvollziehbare Art gesichert. Die Berechnung der Werte anhand des Aufwandes erschien als einzig mögliche Herangehensweise zur Wertbestimmung auf materialistischer Grundlage. Doch von Beginn dieses Wirtschaftens an zeigten sich unzählige gravierende Versorgungsprobleme. Daher wurde nach den Ursachen geforscht. Sie wurden in Störversuchen und Boykottmaßnahmen „imperialistischer Mächte“ oder in der noch nicht optimalen Ausarbeitung eines Produktionskennziffernsystems usw. „gefunden“. Trotz durchgeführter Gegenmaßnahmen konnte keine Verbesserung der Versorgungslage (in Bezug auf die Übereinstimmung zwischen Angebot und Nachfrage sowohl beim Einzelhandel als auch bei der Versorgung der Betriebe, Institutionen usw. mit Ausrüstungen, Rohstoffen, Hilfsmaterialien u. a.) erreicht werden. Das Grundproblem der DDR-Volkswirtschaft wurde mit den oben genannten „Störfaktoren“ nicht erfasst. Die Kritik an wirtschaftlichen Missständen wurde nur auf Einzelerscheinungen bezogen und nicht mit Fragen nach der Sinnfälligkeit der Wirtschaftstheorie verknüpft. Geht man weiter in der Fragestellung nach den Ursachen der Versorgungsprobleme, so gelangt man an einen Punkt, an dem zu klären gilt, ob die Grundlage dieses Planungssystems, die Marx‘sche Arbeitswerttheorie, die wirklichen Verhältnisse und Prozesse in der Volkswirtschaft hinreichend genau erfasst und widerspiegelt. Nach Auffassung des Autors tut sie das nicht. Die Marx’sche Arbeitswerttheorie – zu abstrakt für die konkrete Wirtschaftssteuerung Marx stand in seiner Zeit nicht vor der Aufgabe, mit der Arbeitswerttheorie ein Steuerungsmittel für die Wirtschaft eines Staates auszuarbeiten. Für ihn stand vielmehr das Problem im Fokus, die wesentlichen politökonomischen Erscheinungen der Gesellschaft zu erklären und so anschaulich wie möglich darzulegen. Dazu konnte und musste er von vielen Einzelprozessen und -bedingungen abstrahieren. So gelang es ihm, eine Theorie zu schaffen, die die Mehrwert- und Profitbildung und vieles andere erklärt und die dabei sehr gut verständlich ist. Was aber nicht möglich ist und von Marx ganz sicher auch nicht in dieser direkten Art vorgesehen war, ist die Nutzung dieser über starke Abstraktion gewonnenen grundlegenden Erkenntnisse seiner Werttheorie für die Steuerung konkreter wirtschaftlicher Prozesse. Die Marx’sche Arbeitswerttheorie – Loslösung des Wertes vom Bewusstsein Der Hauptgrund dafür, dass die typische Interpretation der Marx’schen Arbeitswerttheorie nicht zur Steuerung ökonomischer Prozesse genutzt werden kann, liegt in der Loslösung des Wertes als gesellschaftliches Verhältnis vom menschlichen Bewusstsein. Damit wird die vom Wesen her dynamische und interaktive Existenzform des Wertes in eine statische und in sich selbst ruhende Größe verwandelt und diese als passives Residuum menschlicher Arbeit in Gegenstände hineingezwängt. Marx war sich dieses Problems bewusst und sprach nicht von produktiver, sondern von gesellschaftlich nützlicher Arbeit als wertbildendem Faktor. Er sah die Konsumtion als Kriterium für die Nützlichkeit der geleisteten Arbeit an: „Andererseits ist das 11 EInlEItung Bedürfnis die ideelle Ursache und die Konsumtion das Kriterium für die Nützlichkeit der Produktion.“ [1]. Die Bedeutung des Bewusstseins erwähnte er aber nicht in diesem Zusammenhang. Das hätte in seiner Zeit möglicherweise ein Abgleiten in den Idealismus bedeutet. Der Wert wird als eine vor allem aufwandsabhängige Größe betrachtet. Der gesellschaftliche Nutzen der in den Waren vergegenständlichten Arbeit erscheint als zweitrangiger Faktor. Die mechanistische, einseitig aufwandslastige Arbeitswertauffassung muss ergänzt werden um den Faktor Nützlichkeit. In den folgenden Thesen wird dieser Schritt gegangen und der Arbeitswert kann damit als wirkliches gesellschaftliches Verhältnis beschrieben werden.

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Zusammenfassung

Der Zusammenbruch der UdSSR um 1990 markierte nach allgemeiner Auffassung auch den Triumph der freiheitlichen Wirtschaftsordnung über das sozialistische Planwirtschaftsmodell. Die genauen Gründe hierfür sind nicht leicht auszumachen. Allein die Fülle an unterschiedlichen Theorien zur Erklärung des sowjetischen Zerfalls legt den Schluss nahe, dass es ein komplexes Zusammenspiel mannigfaltiger Faktoren war, die den kommunistischen Gedanken als eine praktische Wirklichkeit nicht überdauern ließ. Rainer Lippert fügt der wissenschaftlichen Diskussion einen weiteren, wertvollen Ansatz hinzu. Seine neue und zeitgemäße Überarbeitung der weltberühmten Theorie erweitert Marx’ klassischen Arbeitswertbegriff und beweist, dass dieser nur ein Spezialfall eines viel allgemeineren Wertbegriffes ist. Durch Lipperts Erweiterung der Marx'schen Arbeitswerttheorie lässt sich nicht nur der entscheidende Konstruktionsfehler planwirtschaftlicher Modelle benennen: Aus dem Überführen der Marx’schen Grundprämisse in eine allgemein lebenswirklichere Form gelingt ihm auch in schlüssiger Weise die zentrale Argumentation für die freie Marktwirtschaft.