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Zu These 4: Bei der Ausprägung insbesondere der ökonomisch relevanten Bedürfnisse im Bewusstsein wichten die Menschen notwendigerweise. Die Wichtung erfolgt aufgrund von Begrenzungen der menschlichen Möglichkeiten im gesellschaftlichen und natürlichen Umfeld, durch b in:

Rainer Lippert

Mit Marx zur Marktwirtschaft?, page 65 - 74

Eine Neuerung der Marx’schen Arbeitswerttheorie

3. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3917-5, ISBN online: 978-3-8288-6667-6, https://doi.org/10.5771/9783828866676-65

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Wirtschaftswissenschaften, vol. 82

Tectum, Baden-Baden
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65 zu thEsE 4: Zu These 4: Bei der Ausprägung insbesondere der ökonomisch relevanten Bedürfnisse im Bewusstsein wichten die Menschen notwendigerweise. Die Wichtung erfolgt aufgrund von Begrenzungen der menschlichen Möglichkeiten im gesellschaftlichen und natürlichen Umfeld, durch begrenzte Ressourcen sowie durch die begrenzten Fähigkeiten und Fertigkeiten der Menschen selbst. Die Möglichkeiten der Bedürfnisbefriedigung sind gegenüber den Bedürfnissen sowohl qualitativ als auch quantitativ begrenzt. Diese Situation ergibt sich gesetzmäßig mit der Herausbildung der Bedürfnisse, welche sich in der Art vollzieht, dass die Bedürfnisse eine Triebkraftfunktion für die Entwicklung besitzen. Andere Verhaltensweisen – z. B. die Askese – führen, global betrachtet und zumindest auf absehbare Zeit, zur Ineffizienz der gesellschaftlichen Prozesse und können im Großen und Ganzen nicht durchgesetzt werden. Begrenzungen für die Bedürfnisbefriedigung Die Arten der Begrenzungen lassen sich in drei Gruppen einteilen (mit einigen Beispielen): 1. Vorrangig gesellschaftlich bedingte Begrenzungen 1.1 Begrenzungen durch Machtverhältnisse 1.2 Begrenzungen durch das entwicklungsgeschichtlich bedingte Niveau der Wirtschaft 1.3 Begrenzungen durch konkrete gesellschaftliche Verhältnisse (z. B. wenn bestimmte gesellschaftliche Anschauungen oder Einrichtungen nicht zeitgemäß sind bzw. nicht zeitgemäß arbeiten) 1.4 Begrenzungen durch den Einfluss anderer Wirtschaftssysteme bzw. durch andere Staaten 1.5 Begrenzungen durch Ideologien 2. Vorrangig durch die Natur bedingte Begrenzungen 2.1 Endlichkeit des natürlichen Umfeldes 2.2 Begrenzungen von Dauer und Stärke der Energieumwandlungsprozesse für Bewegungen, Beschleunigungen und für den Erhalt von „statischen Zuständen“ 66 Lippert 2.3 Begrenzungen des Aufnahme- und Verarbeitungsvermögens des menschlichen Gehirns 2.4 Begrenzte Lebenszeit des Menschen 3. Begrenzungen, bei denen sowohl das gesellschaftliche als auch das natürliche Moment von wesentlicher Bedeutung sind 3.1 Begrenzter Umfang der nutzbaren und genutzten Naturressourcen 3.2 Begrenztheit der Energieumwandlungsprozesse 3.3 Notwendigkeit von Einschränkungen / Änderungen der menschlichen Aktivitäten durch bereits auftretende oder zu befürchtende Umweltschäden usw. Das Wichten ist notwendig Die Menschen müssen nicht nur mit den eben genannten Begrenzungen klarkommen. Für sie ist es auch notwendig, mit mehreren verschiedenartigen Bedürfnissen relativ gleichzeitig klarzukommen. Folglich werden die Menschen weder Verhaltensweisen durchsetzen können, die auf eine vollständige Befriedigung aller Bedürfnisse zielen, noch Verhaltensweisen, welche auf die Befriedigung nur eines Bedürfnisses gerichtet sind. Vielmehr müssen sie Mechanismen herausbilden und entfalten, mit denen sie möglichst optimal viele Wünsche, einige davon zeitgleich, erfüllen können. Das Ziel, sich möglichst verschiedene Wünsche optimal zu erfüllen, erreichen sie, indem sie ihre Bedürfnisse wichten. Dass die Menschen ihre Bedürfnisse wichten, ist Bestandteil der Entwicklung der menschlichen Bedürfnisse / Bedürfnisstrukturen. Nur indem sie ihre Bedürfnisse wichten, gestalten die Menschen ihre Gesellschaft in entwicklungsfähiger Art. Das entspricht auch den Gedanken der Grenznutzentheorie, insbesondere formuliert in den Gossenschen Gesetzen. Im zweiten Gossenschen Gesetz wird die Verteilung des Einkommens auf eine Vielzahl von Bedürfnissen betont, um insgesamt einen Höchstnutzen zu erzielen: „Der Mensch, dem die Wahl zwischen mehren [sic!] Genüssen frei steht, dessen Zeit aber nicht ausreicht, alle vollaus sich zu bereiten, muß, wie verschieden auch die absolute Größe der einzelnen Genüsse sein mag, um die Summe seines Genusses zum Größten zu bringen, bevor er auch nur den größten sich vollaus bereitet, sie alle teilweise bereiten, und zwar in einem solchen Verhältnis, daß die Grö- ße eines jeden Genusses in dem Augenblick, in welchem seine Bereitung abgebrochen wird, bei allen noch die gleiche bleibt.“ [13]. Gesellschaftlich relevante Äußerung von Wichtungen Was bedeutet die Einbeziehung von Wichtungen in jene Bewusstseinsprozesse, die für den ökonomischen Austausch relevant sind? Sie bedeutet, dass gedanklich bestimmt wird, welche Anteile vom eigenen, gesellschaftlich anerkannten Anrecht auf dem ökonomischen Austausch unterliegende Wertobjekte für welche Wertobjekte in fremdem Eigentum zwecks Eintausch bereitgestellt und abgegeben werden. So wird zum Erwerb eines wichtig erscheinenden Wertobjektes ein Äquivalent in einer bestimmten Werthöhe abgegeben. In den meisten Fällen ist das eine bestimmte Geldmenge. Die Höhe der Geldsumme entspricht einem gesellschaftlich anerkannten 67 zu thEsE 4: Anrecht auf Wertobjekte in bestimmtem Umfang. Die Festlegung des Geldbetrags, der „geopfert“ wird, ist das Ergebnis einer Wichtung. Die Abgabe des Geldbetrags in bestimmter Höhe oder die Abgabe eines anderen, wertgleichen Wertäquivalents, um das gewünschte Wertobjekt zu erhalten, ist die gesellschaftlich relevante Äußerungsform der Wichtung. Faktoren, die in Wichtungen einfließen Wenn im Rahmen eines ökonomischen Austauschprozesses Bedürfnisse gewichtet werden, dann werden diese Wichtungen von sehr vielen Faktoren beeinflusst: - von der vom Verkäufer reklamierten Gegenleistung - von der eigenen, gesellschaftlich anerkannten Leistungsfähigkeit, d. h. vom Wert der Arbeitskraft - vom Entwicklungsstand der Wirtschaft und der Technologien - von den konkreten gesellschaftlichen und natürlichen Umfeldbedingungen - von Vergleichsobjekten für gleiche oder andere Zwecke - von der Abschätzung vergangener und zukünftiger Ereignisse, die für die Entscheidungsfindung relevant sein könnten - von den Einflüssen anderer Personen aus dem unmittelbaren Umfeld - von Erfahrungen, Gefühlen, Traditionen, Werbung u. v. a. m. Gesellschaftlich relevante Äußerung des gewichteten Bedürfnisses All diese Faktoren fließen ein in die Bedürfnisse nach den bzw. in die Beziehungsstärken zu den gewünschten Wertobjekten. Der Aufbau von Beziehungsstärken zu gewünschten Wertobjekten ist das Ergebnis von Wichtungen der verschiedenen Bedürfnisse. Nicht alle Bedürfnisse kommen zum Tragen, da nicht alle als gleichwertig oder als erreichbar erscheinen und das erst recht nicht zu einem gegebenen Zeitpunkt. Damit gesellschaftliche Wertverhältnisse aufgrund besonderer Beziehungsstärken zu bestimmten Wertobjekten hin aufgebaut werden können, müssen Menschen ihre verschiedenen Bedürfnisse zu diesen wichten. Die über den Wichtungsprozess bevorzugten (zunächst weiterhin potenziellen) Wertobjekte werden aber vorerst nur ideell gegenüber den anderen potenziellen Wertobjekten hervorgehoben. Wenn jedoch die Tauschpartner ihr Wertverhältnis bis zum Abschluss führen und damit Wertobjekt gegen Wertäquivalent tauschen, transferieren sie ihre individuellen Wichtungen auf die gesellschaftliche Ebene und bringen sie dort wirksam zum Ausdruck. Das geschieht, indem der Käufer ein Äquivalent für dieses Wertobjekt bereitstellt, um es in sein Eigentum zu überführen. Seine gewichtete Beziehungsstärke bekommt folglich mit dem Wertverhältnis gesellschaftliche Relevanz. Wertverhältnis, gewichtete Beziehungsstärke, gleiche Wertgröße In einem Wertverhältnis werden die gewichteten Beziehungsstärken zu den angestrebten Wertobjekten und zu den eigenen Tauschobjekten von beiden Seiten des Wertverhältnisses einander angeglichen: - gewichtete Beziehungsstärke der Käuferseite zum angestrebten Wertobjekt im Eigentum der Verkäuferseite 68 Lippert - gewichtete Beziehungsstärke der Verkäuferseite zum angebotenen Wertäquivalent der Käuferseite - gewichtete Beziehungsstärke der Käuferseite zum eigenen Wertäquivalent, das für das angestrebte Wertobjekt abgegeben wird - gewichtete Beziehungsstärke der Verkäuferseite zu dem im Eigentum befindlichen und von der Käuferseite begehrten Wertobjekt. In Kurzform: Die Wertbeträge der gewichteten Beziehungsstärken zu den gewünschten Wertobjekten und zu den mit diesen verknüpften Wertattributen sowie die gewichteten Beziehungsstärken zu den jeweils im Eigentum befindlichen Wertobjekten und zu deren Wert attribute werden auf gleiche Wertgrößen gebracht. Folglich wird ein einziger resultierender Skalarbetrag herausgebildet. Mit anderen Worten: Die gewichteten Beziehungsstärken und die Wertattribute werden mit diesem Prozess über die Bewusstseinsvorgänge von Käufer und Verkäufer auf die gleiche Wertgröße gebracht. Die gefühlte Wertgröße des dem eigenen Wertobjekt zugeordneten Wert attributs kann dabei von der gefühlten Wertgröße, die dem angestrebten Wertobjekt zugeordnet wird, abweichen. Ökonomisch relevant ist sie aber nicht, da auf der gesellschaftlichen Ebene nur die resultierende Wertgröße, die für beide Objekte gleich groß und gesellschaftlich allgemein anerkannt ist, wirkt. Einflussfaktoren auf die Wertgröße Den wichtigsten Einfluss auf die resultierende Wertgröße im Wertbildungsprozess haben im Großen und Ganzen die Werte der Arbeitskräfte, die an der Bereitstellung der betreffenden Wertobjekte beteiligt waren und sind (die Produktion ist eingeschlossen). Das sind die Arbeitskräfte, die direkt an der Bereitstellung der Wertobjekte Anteil haben, wie auch diejenigen, welche die Produktionsmittel, vorgefertigten Komponenten, Strom, Wasser, Verbrauchsmaterialien usw. zulieferten bzw. zuliefern. Weitere ebenfalls gesellschaftlich bedingte Einflüsse kommen hinzu. Besondere Bedeutung haben dabei das Eigentum an Grund und Boden sowie die Pacht, mit deren Hilfe ebenfalls Ansprüche auf Gegenleistungen, in diesem Fall für Naturgüter, abgeleitet werden können. Solche Gegenleistungen würden zu den ohne Frage anfallenden Bereitstellungskosten beim Kauf der Naturgüter zusätzlich anfallen. Die gesellschaftlich relevante resultierende Wertgröße Die resultierende und letztendlich ökonomisch wirksame Wertgröße gestalten die Tauschpartner im Rahmen des Wertbildungsprozesses. Auf diesen Prozess wirken sogar die Nicht-Tauschpartner ein: Beispielsweise wird der Verkäufer von Teppichen auf einem Basar und sogar der in einem Warenhaus mit dem Preis für seine Artikel heruntergehen, wenn über einen hinreichend langen Zeitraum kein potenzieller Kaufpartner die geltend gemachten Ansprüche auf Gegenleistung in der geforderten Höhe als akzeptabel empfindet. Die gesellschaftlich wirksame Wertgröße resultiert aus der Wirkung der gewichteten Beziehungsstärken der Tauschpartner zu den angestrebten Wertobjekten bzw. Wertäquivalenten. Auf Grundlage dieser zunächst vorläufigen gewichteten Beziehungsstärken werden die am Ende gesellschaftlich wirksamen Wertgrößen auf einem Basar durch Käufer und Verkäufer von vornherein akzeptiert oder ausgehandelt oder nicht 69 zu thEsE 4: akzeptiert. In einem Warenhaus werden die geforderten Gegenleistungen für Wertobjekte durch die Käufer akzeptiert bzw. nicht akzeptiert. Auf der Verkäuferseite werden die Werte der Arbeitskräfte mit ihren prozentualen Arbeitsanteilen an den verschiedenen Abschnitten der Wertobjektbereitstellung zeitund wertgrößenmäßig in die Bestimmung der Werthöhe der mit dem Wertobjekten verknüpften Wertattribute einbezogen. Diese Wertattribute reflektieren die Ansprüche auf Existenzmittel plus Mehrwerte der Verkäuferseite. Die Käuferseite kann diese Ansprüche von vornherein akzeptieren oder die eigenen Vorstellungen an die geforderte Gegenleistung anpassen (typisch für Supermarkt und Warenhaus) und demzufolge das gewünschte Äquivalent zum Erwerb des betreffenden Wertobjektes abgeben. In solch einem Fall würden sowohl die Käufer- als auch die Verkäuferseite die Wertgleichheit von Wertobjekten und Äquivalenten anerkennen. Damit wären auf beiden Seiten des Wertverhältnisses, auf der Käufer- und auf der Verkäuferseite, die gewichteten Beziehungsstärken zu den auszutauschenden Wertobjekten von vornherein übereinstimmend gewesen oder einander angeglichen worden – und das auch im Supermarkt oder im Warenhaus. Typisch für die Angleichungsprozesse von gewichteten Beziehungsstärken in Supermärkten und Kaufhäusern ist, dass sie einseitig erfolgen. Der überwiegende Teil der Produkte in einem Warenhaus, in einem Supermarkt oder auf dem Basar wird für potenzielle Käufer völlig uninteressant sein, so dass die Bedürfnisse und erst recht die gewichteten Bedürfnisse nur auf eine kleine Auswahl bezogen werden. Diese Einengung der Auswahl kann man als Grobselektion bezeichnen. Bestandteile des Anspruchs auf Wertobjekte auf der Verkäuferseite Typische Abschnitte der Wertobjektbereitstellung sind Forschung und Entwicklung, Bereitstellung und Aufarbeitung der Roh- und Ausgangsstoffe, Bereitstellung von Maschinen und Robotern, Bereitstellung vorgefertigter Komponenten, Erstellung der zunächst potenziellen Wertobjekte, Vermarktung, Versand, Verkauf, weitere Support-Leistungen wie Gebäudemanagement, rechtliche Absicherung der Bereitstellung und teilweise der Service – soweit dieser beim Kauf mitbezahlt wird. Dazu kommen die angepeilten Mehrwerte für die einzelnen Abschnitte der Wertobjektbereitstellung. Die Verkäuferseite muss die Werte der Arbeitskräfte und die erwarteten Mehrwerte als Anspruch auf Gegenleistung reklamieren. Die potenziellen Käufer können diese Ansprüche akzeptieren oder versuchen, die Verkäuferseite dazu zu bewegen, die Ansprüche herunterzuschrauben. Egal, ob der Käufer den Anspruch akzeptiert oder herunterhandelt – sollte es zum Austausch kommen, wird mit dem Tausch der Käufer sein gewichtetes Bedürfnis dadurch gesellschaftlich relevant äußern, dass er ein Wertäquivalent aus seinem Eigentum als Gegenleistung für den Erwerb des gewünschten Wertobjektes abgibt. Bei dem Wertobjekt kann es sich z. B. um eine Waschmaschine handeln. Der Käufer muss in seine gewichtete Beziehungsstärke zu dieser Waschmaschine die Ansprüche der Verkäuferseite auf Gegenleistung einbeziehen, wenn er die Maschine erwerben möchte. Damit würde der Käufer die reklamierten Werte der Arbeitskräfte und die reklamierten Mehrwerte der verschiedenen Abschnitte des Gesamtprozesses „Bereitstellung der Waschmaschine“ akzeptieren und diese in seine auf das Wertobjekt Waschmaschine gerichtete gewichtete Beziehungsstärke einfließen lassen. Im Warenhaus hat er 70 Lippert im Allgemeinen keine andere Möglichkeit, an die Waschmaschine zu gelangen, als die Ansprüche der Verkäuferseite zu akzeptieren. Bei einigen Handelsketten und auf dem Basar kann er versuchen zu verhandeln. Sollte es dem potenziellen Käufer gelingen, den Verkäufer dazu zu bewegen, die Äquivalenzforderung zu mindern, würde er damit seine aktuelle Wichtung im Vergleich zu anderen Wichtungen senken, so dass er mehr oder gleich viel, aber dafür mit höheren Wertgrößen verbundene Beziehungsstärken zu anderen Wertobjekten aufbauen könnte. Sollte es dagegen der Verkäuferseite gelingen, die Äquivalenzforderung zu erhöhen, dann blieben der Käuferseite weniger Ressourcen für andere Käufe. Betrachten wir noch einmal die Variante, dass die Käuferseite die Verkäuferseite dazu bewegen würde, ihre Äquivalenzforderung zu senken. Damit würde der Wert des Wertattributes des von der Käuferseite gewünschten Wertobjektes gesenkt werden. Als Resultat würde im Normalfall auf der Verkäuferseite der Mehrwert verringert werden, da die Bezahlung der Arbeitskräfte nicht direkt an den Verkauf jedes einzelnen Wertobjektes gekoppelt ist. Die Folgen eines heruntergehandelten Wertverhältnisses wären auf der gesellschaftlichen Ebene spürbar und würden nicht nur als individuelle Vorstellungen in den Köpfen von Käufer- und Verkäuferseite verbleiben. Die gewichteten Bedürfnisse der Käufer- und Verkäuferseite sind ebenfalls relevant für den Wert Das im gesellschaftlichen Verhältnis Wert als Wertgröße erzielte Ergebnis wird nicht vollständig durch die notwendigen Aufwendungen und weiteren Ansprüche auf der Verkäuferseite bestimmt. Im oben stehenden Abschnitt wird das beschrieben. Auf der Verkäuferseite wird „nur“ ein Richtwert als Anspruch gebildet und „veröffentlicht“. Die Käuferseite hat mit ihrem gewichteten Bedürfnis ebenfalls einen großen Einfluss auf die Wertbildung. Im Durchschnitt müssen die Aufwendungen auf der Verkäuferseite einbezogen werden in den Wertbildungsprozess, einschließlich der erwarteten Mehrwerte. Doch das muss nicht in jedem Einzelfall geschehen. Man kann wahrscheinlich sogar postulieren, dass in jedem Einzelfall einer Wertbildung mehr oder weniger stark vom Erwartungswert der Verkäuferseite abgewichen wird. Beim Handel auf dem Basar hat sogar der Endverbraucher direkten Einfluss auf die gesellschaftlich relevante Wertgrö- ße, denn er kann den Preis mit aushandeln. Damit würde er auf die Ansprüche der Verkäuferseite einwirken und damit auch auf deren gewichtete Beziehungsstärke zu dem für das Wertobjekt geforderten Wertäquivalent. Die gewichtete Beziehungsstärke zum Wertäquivalent widerspiegelt ebenfalls den Wertbetrag des jeweiligen Wertverhältnisses. Im Warenhaus hat der Käufer meistens nur indirekt Einfluss auf den Wert, indem er ein Erzeugnis kauft oder nicht kauft. Hinreichend viele Käufer oder Nicht-Käufer lassen die Auswirkungen auf der Herstellerseite spürbar werden. Relativierung von Arbeitsaufwendungen und Arbeitsergebnissen Sowohl die Arbeitsaufwendungen als auch die Arbeitsergebnisse werden bei der Herausbildung eines Wertverhältnisses nicht als absolute Größen betrachtet. Es erfolgt stets eine Relativierung dieser Größen im gesellschaftlichen Kontext unter Einbeziehung weiterer Einflussgrößen. Zu diesen zählen Einflüsse von der Käuferseite her u. a. 71 zu thEsE 4: So könnten Beziehungsstärken zu einer Lampe, einem Speichermedium oder einem Lautsprecher-Set aufgebaut werden. Diese Beziehungsstärken würden gewichtet, u. a. durch Vergleiche mit anderen Objekten, die gleichen oder anderen Zielen dienen. In Bezug auf die eben genannten Objekte könnte der potenzielle Käufer folgende Überlegungen zu den potenziellen Wertobjekten anstellen und diese in den Aufbau von Beziehungsstärken einbringen: 2 Stunden hart gearbeitet, um eine schicke Lampe zu erwerben, oder 2 Stunden hart gearbeitet für ein Speichermedium oder 2 Stunden hart gearbeitet für ein Lautsprecher-Set – alle diese Wertobjekte sollen den gleichen Preis von € 100 haben. Ein Objekt würde durch den Kauf zum realen Wertobjekt gewandelt. Die potenziellen Wertobjekte, für die kein Äquivalent bereitgestellt wird, würden damit – zumindest vorerst – als „wertlos“ beim potenziellen Verkäufer verbleiben. Die Entscheidungsfindung für das eine Wertobjekt würde der Käufer nicht nur basierend auf dem Arbeitsaufwand und ebenso wenig nur basierend auf dem Arbeitsergebnis herbeiführen. Neben der Kopplung von beiden können weitere Faktoren eine Rolle spielen, wie z.B. die aktuelle Laune des Käufers. Nicht alle prinzipiell gewünschten Objekte werden als gleichwertig gesehen. Jedes einzelne Bedürfnis wird im Zusammenhang mit anderen Bedürfnissen validiert. So würde z. B. außerökonomisch entschieden, welcher Kauf am sinnvollsten wäre, selbst wenn die gewichteten Beziehungsstärken zu Lampe, Speichermedium und Lautsprecher-Set jeweils die gleiche Größe hätten. Zusätzlich zur gewichteten Beziehungsstärke zum Wertobjekt wirkt folglich so etwas wie ein Nutzungsbedürfnis, das aber nicht ökonomisch quantifiziert werden kann. Doch sogar ein solches ökonomisch nicht quantifizierbares „Nutzungsbedürfnis“ wirkt auf der gesellschaftlichen Ebene im ökonomischen Bereich. Bei einer Entscheidung für das Lautsprecher-Set würde eben dieses Wertobjekt als relativ nützlich anerkannt und damit ebenso die Aktivitäten aller, die an der Bereitstellung dieses Sets beteiligt waren. Die anderen beiden, wertgleichen, potenziellen Wertobjekte würden als „relativ nicht nützlich“ eingestuft werden. Damit würden die Aufwendungen für deren Bereitstellung als „nicht nützlich“ abqualifiziert werden, jedenfalls für das betrachtete Wertverhältnis. Doch auf diesem Wege würde das Nutzungsbedürfnis, das neben der gewichteten Beziehungsstärke wirkt, für den ökonomischen Bereich der Gesellschaft spürbar werden, eben in dem Kaufvertrag zum Lautsprecher-Set. Wenn der Kauf angegangen wird, könnte der Käufer ein ähnliches Lautsprecher-Set sehen wie das, das zur Entscheidung führte. Das neu entdeckte gefällt ihm besser, ist aber teurer. Dann könnte der eigene Arbeitsaufwand relativiert und die Entscheidung gefällt werden, das Lautsprecher-Set zu kaufen, für das dann vielleicht 8 Stunden gearbeitet werden müsste. Auf einem Basar stellt sich solch eine Situation noch komplexer dar, weil dort noch mehr Parameter offen sind. So wäre es denkbar, dass der Käufer erst nach mehrmaligen Verhandlungen die „wahren Werte“ einer Reihe von Wertobjekten mit festlegen würde, und wahrscheinlich würde er recht häufig nach anderen Wertobjekten, auch bei anderen Händlern, Ausschau halten. Z. B. könnte der Käufer das von einem Verkäufer für ein Wertobjekt erwartete Wertäquivalent von € 20 auf € 16 herunterhandeln. Das, was der Verkäufer hinter dem „erwarteten Mehr“ von € 4 ursprünglich gewünscht hat, würde vom Tauschpartner als nicht gerechtfertigt im ökonomischen Sinne gesehen werden. 72 Lippert Wie im Anschluss an den Tausch auf der Verkäuferseite dieser nicht nützliche Part der geleisteten Arbeit auf all die Teilbereiche der Wertobjektbereitstellung umgelagert werden sollte, kann nicht aus dem Wertverhältnis abgeleitet werden. Auch kann der Markt solche Festlegungen nicht treffen. Welche Anteile an einem Wertobjekt in solch einem Fall als „nicht nützlich“ gewertet werden, wird nicht direkt durch das Wertverhältnis bestimmt. Was die Entscheider auf der Verkäuferseite anschließend aus den Fakten, wie welche Produkte verkauft wurden, ableiten, wird durch den Austausch nicht festgelegt. Auch der Markt selbst wird eine Entscheidung dazu nicht festlegen können. Ebenso kann der Markt nicht festlegen, welche Produkte in welchem Umfang verkauft werden. Solche Verkaufs- und Kaufvorgänge können folglich nicht als marktgesteuert bezeichnet werden, sie sind marktbasiert. Gesteuert wird durch die Menschen. Ein sehr wichtiges Hilfsmittel dabei sind die Wichtungen. Waren und vergegenständlichte, gesellschaftlich nützliche Arbeit Bei der nach der herkömmlichen Arbeitswertauffassung in den Waren „vergegenständlichten, gesellschaftlich nützlichen Arbeit“ kann es nicht anders aussehen. Zu Waren hin müssen ebenso Beziehungsstärken wirken, denn auch Waren sind nicht durch Stangen, Seile o. ä. mit dem Käufer oder Verkäufer verbunden. Der potenzielle Käufer hält z. B. zwei unterschiedliche Smartphones in den Händen. Eines davon kauft er. Das andere enthält damit für ihn keine „gesellschaftlich nützliche Arbeit“. Wenn es später von niemand anderem gekauft wird, dann wäre darin auch für niemand anderen „gesellschaftlich nützliche Arbeit“ enthalten. Zu dem Smartphone, das der Käufer gegen ein Äquivalent in sein Eigentum überführt, musste er zuvor eine Beziehungsstärke aufbauen. Diese äußert der Käufer gesellschaftlich relevant nur(!) durch die Abgabe eines Äquivalents – typischerweise Geld. Ohne eine Beziehungsstärke zu dem Smartphone hätte er es nicht gekauft. Diese Beziehungsstärke muss gewichtet gewesen sein. Denn es gibt für den potenziellen Käufer unzählige andere Waren, die er gern hätte, die er aber nicht kauft. Er war u. a. aufgrund der begrenzten Äquivalenzmenge, die ihm zur Verfügung steht, gezwungen, das für ihn Optimale auszuwählen, d. h. er musste wichten. Käufer müssen ihre gewichteten Beziehungsstärken zu Waren gesellschaftlich relevant äußern, um die in den Waren „vergegenständlichten Arbeiten“ als gesellschaftlich nützliche Arbeiten – und damit als wertbildende Arbeiten – anzuerkennen. Die Käufer können die Waren nur in ihr Eigentum überführen, wenn sie Wertäquivalente dafür abgeben. Und nur indem sie Wertäquivalente abgeben, lassen sie ihre gewichteten Beziehungsstärken gesellschaftlich wirksam werden. Die Eigenschaft, ob Waren verkauft werden oder nicht, kann folglich nicht als solche in Waren eingebaut worden sein. Somit kann die „gesellschaftlich nützliche Arbeit“ nicht in Waren eingebaut bzw. vergegenständlicht sein. Über die Nützlichkeit von Waren wird auf dem Markt entschieden. Folglich dürfte auch für Waren gelten, dass Werte nur als Wertattribute mit ihnen verknüpft werden. Nur indem die Käufer diese Wertattribute akzeptieren und Wertäquivalente dafür bereitstellen, können sie die Waren in ihr Eigentum überführen. Nur so wird die Nützlichkeit der Waren und damit die der dafür aufgewandten Arbeiten anerkannt. Nur so erfolgt die Wertbildung. Ohne gesellschaftlich relevante Anerkennung der Ar- 73 zu thEsE 4: beiten würden diese nicht als nützlich und somit nicht als wertbildend anerkannt. Damit wären die entsprechenden Waren wertlos – egal, wie viel Arbeit in ihnen steckt. All diese Arbeiten wären für die Gesellschaft nutzlos. Folglich werden Wertattribute und gewichtete Beziehungsstärken im Zusammenhang mit Waren ebenfalls die entscheidenden Größen für die Werte sein. Waren und vergegenständlichte, gesellschaftlich nützliche Arbeit und Wertattribute Mit der klassischen Interpretation der Arbeitswerttheorie werden bei Waren die vergegenständlichten, gesellschaftlich nützlichen Arbeiten eigentlich wie Wertattribute gehandhabt. Die „vergegenständlichten, gesellschaftlich nützlichen Arbeiten“ sind bei den Waren, wie die Wertattribute bei den Wertobjekten in der vorliegenden Arbeit, die entscheidenden Bestimmungsgrößen für den ökonomischen Austausch. Das wird zwar nicht in dieser Weise in der klassischen Interpretation der Arbeitswerttheorie formuliert. Aber anders dürften sich zunächst das Streben nach den Waren und dann der Aufbau von Wertbeziehungen nicht erklären lassen. Die „gesellschaftlich nützliche Arbeit“ soll schließlich das Entscheidende für den Wert sein. In einigen Fällen werden Wertbeziehungen zu den Waren aufgebaut und in anderen Fällen nicht, obwohl die gleichen vergegenständlichten Arbeiten zur Herstellung dieser Waren ausgeführt wurden. D. h. der Theorie nach wäre die Nützlichkeit einmal „eingebaut“ und ein anderes Mal nicht. Ein solcher „Umbau“ von Waren im Nachhinein dürfte praktisch nicht erklärbar sein. Wenn aber die Nützlichkeit als an die Waren angeheftetes Wertattribut interpretiert würde, dann könnten die unterschiedlich ausfallenden Entscheidungen „hat Wert“ bzw. „hat keinen Wert“ ohne Probleme erklärt werden. In einem Fall würde das von der Verkäuferseite an die Ware angeheftete Wertattribut seitens der Käuferseite akzeptiert werden. Damit würde die zur Herstellung der Ware aufgewandte und in der Ware vergegenständlichte Arbeit als relativ nützlich, und somit als wertbildend, gewertet. In solch einem Fall hat die Ware „Wert“. In einem anderen Fall würde das Wertattribut von der Käuferseite nicht akzeptiert werden. Also würde die zur Herstellung der Ware aufgewandte Arbeit als relativ nicht nützlich – und folglich als nicht wertbildend – betrachtet. In solchen Fällen hat die Ware „keinen Wert“. Waren und vergegenständlichte, gesellschaftlich nützliche Arbeit und Wertbildung Ein weiterer wichtiger Punkt bei den Waren ist der Bezug auf die stofflich sichtbare „vergegenständlichte gesellschaftlich nützliche Arbeit“. Nach der gängigen Interpretation der Arbeitswerttheorie ist nur die vergegenständlichende Arbeit wertbildend. In der Praxis werden aber praktisch immer die nicht-vergegenständlichenden Arbeiten zur Warenproduktion in die Wertverhältnisse einbezogen. Das kann man sich in der Weise verdeutlichen, dass aus den Verkaufserlösen der Waren die Arbeitskräfte, die nicht-vergegenständlichende Arbeiten für die Bereitstellung der Waren erledigt haben, anteilig mitbezahlt werden. Diese Arbeitskräfte könnten nicht bezahlt werden, wenn deren Werte nicht anteilig im Preis der Waren enthalten wären. Das Argument, dass die Arbeitskräfte, welche die „nicht-vergegenständlichenden Arbeiten“ ausführen, von den anderen Arbeitskräften mitbezahlt würden, kann so nicht stimmen. Schon die Äquiva- 74 Lippert lenz zwischen verschiedenen solcher Arbeiten zu erklären, wäre auf diesem Wege nicht wirklich machbar. Wenn für eine Sekretärin, die angeblich nichts Produktives tut, die Gehaltsfestlegung verglichen wird z.B. mit der für einen Marketing-Manager, der ebenfalls nichts Produktives leisten soll, dann wäre das schon ein Paradoxon. Denn in beiden Fällen würden unterschiedliche „nicht-produktive Arbeiten“ mit unterschiedlichen ökonomischen Anrechten in Beziehung gesetzt. Das könnte zu der sinnlosen Frage führen, ob der Marketing Direktor mehr „nicht-wertbildende Arbeit“ erledigt als die Sekretärin, seine Arbeitskraft damit ebenso wertlos oder sogar wertloser wäre wie bzw. als die ihre, er aber als Wertäquivalent für seine Arbeitskraft mehr Einkommen beziehen soll. Auf jeden Fall erwerben diese angeblich keine produktive Arbeit Leistenden mit ihrem Gehalt für den Verkauf ihrer Arbeitskraft Anrechte auf Existenzmittel. Die Existenzmittel wären in der klassischen Formulierung der Arbeitswerttheorie ebenfalls Waren. In diesen stecken, nach den vorangestellten Überlegungen, auch die Werte von Arbeitskräften, die angeblich keine produktiven Arbeiten ausführen. Das wiederum widerspricht dem Wertbildungsprozess bei Waren, bei dem angeblich nur die vergegenständlichende – und dazu noch nützliche – Arbeit wertbildend sein soll. Vor allem gehen aber die Werte der Arbeitskräfte, die angeblich keine produktive Arbeit leisten, in die Werte der Waren ein. Folglich sind diese Arbeiten ebenfalls wertbildend. Im Unterschied zur Situation bei den Wertobjekten würden allerdings die Werte während des Produktionsprozesses eingebracht werden. Das gilt zumindest für die übliche Formulierung in der Arbeitswerttheorie. Realistisch ist ein solches Einbringen von Werten allerdings bei Waren nicht, denn die geleistete Arbeit muss auch bei den Waren gesellschaftlich nützlich sein. Das Kriterium dafür, was gesellschaftlich nützliche Arbeit ist, kann aber auch bei Waren nur sein, ob Interessenten Wertäquivalente für deren Erwerb abgeben. Auf jeden Fall werden bei den Wichtungen, die auf Wertobjekte, aber auch auf Waren ausgerichtet werden, nicht nur vergegenständlichende Arbeiten einbezogen, sondern immer auch alle anderen notwendigen und bezahlten Aktivitäten.

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Zusammenfassung

Der Zusammenbruch der UdSSR um 1990 markierte nach allgemeiner Auffassung auch den Triumph der freiheitlichen Wirtschaftsordnung über das sozialistische Planwirtschaftsmodell. Die genauen Gründe hierfür sind nicht leicht auszumachen. Allein die Fülle an unterschiedlichen Theorien zur Erklärung des sowjetischen Zerfalls legt den Schluss nahe, dass es ein komplexes Zusammenspiel mannigfaltiger Faktoren war, die den kommunistischen Gedanken als eine praktische Wirklichkeit nicht überdauern ließ. Rainer Lippert fügt der wissenschaftlichen Diskussion einen weiteren, wertvollen Ansatz hinzu. Seine neue und zeitgemäße Überarbeitung der weltberühmten Theorie erweitert Marx’ klassischen Arbeitswertbegriff und beweist, dass dieser nur ein Spezialfall eines viel allgemeineren Wertbegriffes ist. Durch Lipperts Erweiterung der Marx'schen Arbeitswerttheorie lässt sich nicht nur der entscheidende Konstruktionsfehler planwirtschaftlicher Modelle benennen: Aus dem Überführen der Marx’schen Grundprämisse in eine allgemein lebenswirklichere Form gelingt ihm auch in schlüssiger Weise die zentrale Argumentation für die freie Marktwirtschaft.