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Zu These 2: Wert existiert nur in Verbindung mit dem menschlichen Bewusstsein. in:

Rainer Lippert

Mit Marx zur Marktwirtschaft?, page 17 - 24

Eine Neuerung der Marx’schen Arbeitswerttheorie

3. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3917-5, ISBN online: 978-3-8288-6667-6, https://doi.org/10.5771/9783828866676-17

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Wirtschaftswissenschaften, vol. 82

Tectum, Baden-Baden
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17 zu thEsE 2: Zu These 2: Wert existiert nur in Verbindung mit dem menschlichen Bewusstsein. Die in dieser These formulierte Aussage ergibt sich zwangsläufig, wenn man den Wert als ein gesellschaftliches Verhältnis definiert. Wert ist an das Bewusstsein geknüpft Ein Wertbegriff, mit dem der Wert außerhalb und unabhängig vom Bewusstsein erklärt wird, ist letztendlich ein idealistischer Wertbegriff. Mit einer solchen Auffassung könnte ein „Wert an sich“ beschrieben werden. Ein vom Bewusstsein überhaupt und damit letztendlich vom Bewusstsein des Einzelnen unabhängiger Wert könnte und müsste auch unabhängig von den gesellschaftlichen Verhältnissen existieren. Er wäre damit unabhängig vom Menschen – der Mensch als Träger des Bewusstseins und der gesellschaftlichen Verhältnisse gesehen. Doch ein solcher Wertbegriff ist unvereinbar mit einer nicht-idealistischen Weltanschauung (Bild 2: Wert – ist dessen objektive Existenz möglich?; vgl. [3]). Wert wirkt nur zwischen Menschen Wert wirkt nur – und kann nur wirken – zwischen Menschen und nicht zwischen Menschen und Gegenständen, nicht nur zwischen Gegenständen oder gar nur in Gegenständen (Bild 2). Wert und relative Nützlichkeit Die Abhängigkeit des Wertes vom Bewusstsein tritt u. a. auch dadurch deutlich in Erscheinung, dass ein wesentliches Element des Wertes die relative Nützlichkeit des Wertobjektes (nach geltendem Arbeitswertverständnis die Nützlichkeit der Ware) ist. Karl Marx schreibt: „… Endlich kann kein Ding Wert sein, ohne Gebrauchsgegenstand zu sein. Ist es nutzlos, so ist auch die in ihm enthaltene Arbeit nutzlos, zählt nicht als Arbeit und bildet daher keinen Wert.“ [5] Die relative Nützlichkeit des Wert- oder Tauschobjektes muss gesellschaftlich relevant wirken. Sie kann nicht durch individuelle Vorstellungen wie „besonders wertvoll“ o. ä. zum Ausdruck gebracht werden. Gesellschaftlich relevant wird die relative Nützlichkeit beim Tausch durch Abgabe eines Äquivalents geäußert. Der Käufer gibt ein Wertäquivalent als Gegenleistung für den Erwerb der Ware ab. Die Nützlichkeit des Wertobjektes ist relativ, weil eine absolute Nützlichkeit bei sehr vielen potenziellen Wertobjekten gegeben ist, von denen viele aber trotzdem nicht ökonomisch ausgetauscht werden. Beispielsweise wird bei vielen „Ladenhütern“ eine absolute Nützlichkeit gegeben sein. So kann ein Radio Radiosender empfangen und über die Lautsprecher wiedergeben. Doch wenn das Radio nicht gekauft wird, weil es z. B. nur Lang- und Mittelwellensender empfängt, dann ist es zwar absolut nützlich, eben zum Empfang von Lang- und Mittelwellensendern. Aber wenn das niemand hören will oder 18 Lippert im Ereignisfeld (der für die entsprechenden ökonomischen Prozesse relevanten Umgebung) solche Sender nicht mehr zu empfangen sind und deswegen kein Äquivalent zum Tausch bereitgestellt wird, dann ist solch ein Objekt, bezogen auf die für den Kauf relevanten Bedürfnisse, relativ nicht nützlich. Definition und Begriffserklärung Wertobjekt Als Wertobjekte werden in dieser Arbeit u. a. die Objekte bezeichnet, die herkömmlich als „Waren“ beschrieben werden. Kennzeichen der Waren ist, dass sie vergegenständlichte, gesellschaftlich nützliche Arbeit enthalten und im ökonomischen Sinne ausgetauscht werden. Der Begriff „Wertobjekt“ geht aber über den Umfang der Ware hinaus. Wertobjekte sind die von Menschen oder / und Maschinen bearbeiteten Gegenstände sowie Aktivitäten, Ideen oder auch bestimmte von der Natur geschaffene Güter, die dem ökonomischen Austausch unterliegen. Dazu müssen die Wertobjekte hinreichend nützlich sein, aber nicht nur das. Die Wertobjekte unterliegen dem ökonomischen Austausch, weil die Bedürfnisse nach diesen hinreichend stark für das Streben nach deren Aneignung sind. Doch hinreichend starke Bedürfnisse zur Aneignung sind nicht das einzige weitere Kriterium für Wertobjekte. Wertobjekte sind im Ereignisfeld im geringeren Maße vorhanden als die darauf gerichteten Bedürfnisse. Die Ursache der Verknappung bei bearbeiteten Gegenständen liegt vor allem darin begründet, dass für die Bereitstellung dieser Objekte, Ideen und Aktivitäten bezahlte Arbeit aufgewendet werden muss. Bezahlte Arbeitsplätze sind nicht frei verfügbar, erst Recht nicht die damit erzielten Arbeitsergebnisse. Eine weitere Ursache der Verknappung ist bei bestimmten Naturgütern die gegen- über den Bedürfnissen eingeschränkte Möglichkeit zu ihrer Gewinnung. Dazu zählen auch eingeschränkte Möglichkeiten, diese Naturgüter zu erreichen, insbesondere aufgrund von Eigentumsrechten an Grund und Boden. In solchen Fällen können diese Objekte, Ideen, Aktivitäten und bestimmte Naturgüter nur angeeignet werden, indem Gegenleistungen dafür erbracht werden. Die Notwendigkeit, Gegenleistungen zu erbringen, basiert auf dem Eigentum an Wertobjekten, Grund und Boden, Produktionsmitteln usw. Ohne Eigentum (oder Pacht) wäre es nicht notwendig, Gegenleistungen für irgendetwas zu erbringen. Ausnahmen wären in einem solchen Fall Situationen, in denen Gegenstände etc. unerlaubt physisch entwendet würden. Doch solche Ausnahmen haben enge Grenzen… Der ökonomische Austausch hat sich als günstige Variante der Verteilung knapper Ressourcen durchgesetzt. Er beinhaltet, dass die Tauschpartner auf hinreichende Wert- äquivalenz der zu tauschenden Wertobjekte (Waren) achten müssen. An der Bereitstellung der Wertobjekte waren Arbeitskräfte beteiligt. Grundlage für die Äquivalenzfindung der auszutauschenden Wertobjekte sind die von diesen Arbeitskräften durch den Verkauf ihrer Arbeitskraft erworbenen Anrechte auf Wertäquivalenz für den Einsatz ihrer Arbeitskraft. Diese Anrechte auf Wertäquivalenz sind Anrechte auf Wertobjekte, d. h. auf dem ökonomischen Austausch unterliegende Objekte, Aktivitäten und Ideen. Diese Anrechte auf Wertobjekte entsprechen wiederum gesellschaftlich anerkannten Anrechten auf Anteile an allen dem Austausch unterliegenden Objekten, Aktivitäten und Ideen. Die Anrechte auf die dem ökonomischen Austausch 19 zu thEsE 2: unterliegenden Objekte, Aktivitäten und Ideen werden vom Grundsatz her abgeleitet aus den Werten der Arbeitskräfte. Es kommen aber weitere gesellschaftliche Kriterien hinzu, wie z. B. das Eigentum an Boden, in der Vergangenheit verkaufte Arbeitskraft (Rente) oder Machtverhältnisse. Ebenso können von der Gesellschaft nicht akzeptierte Verhaltensweisen das Anrecht auf ökonomisch zu Verteilendes mitbestimmen. Die Werte von Wertobjekten sind vom Grundsatz her vor allem relevant für den ökonomischen Austausch. Sekundäre Bezüge wie z. B. Abschreibungen und Steuern werden davon abgeleitet. Richtlinien für die Wertgrößen der Wertobjekte beim Verkauf sind die Arbeitsaufwendungen, d. h. die Werte der Arbeitskräfte, die an der Bereitstellung der Wertobjekte beteiligt waren, sind oder sein werden – je nach Situation bei den Wertobjekten – plus die erwarteten Mehrwerte. Wertobjekte sind dadurch gekennzeichnet, dass für deren Bezug jeweils eine Gegenleistung als Äquivalent abgegeben werden muss. Die Äquivalente können Stellvertreter-Wertobjekte, d. h. Geld, andere Objekte, direkte Arbeitsleistungen, andere Aktivitäten oder Ideen sein. Mit der Abgabe von Äquivalenten anerkennen die Käufer die Nützlichkeit der angestrebten Wertobjekte im ökonomischen Sinne. Wert gibt es nur in der Einheit von Wertobjekt und Wertäquivalent. Einen Wert in einem für sich stehenden Objekt kann es nicht geben. Die Nützlichkeit der Wertobjekte muss auf der gesellschaftlichen Ebene anerkannt werden. Das entspricht der Einheit von Wert und Wertäquivalent. Daraus folgt, dass die auszutauschenden Wertobjekte und Stellvertreter-Wertobjekte (Geld) so lange nur potenzielle Wertobjekte bzw. Stellvertreter-Wertobjekte sind, wie die Tauschpartner aus ihnen noch keine Einheit in einem gesellschaftlichen Verhältnis Wert gebildet haben. Wert ist keine Singularität. Ein Wertobjekt kann nur zusammen mit einem anderen Wertobjekt (oder dessen Stellvertreter) als solches existieren. Marx hat das erkannt: „Demgemäß beschreibt Marx die Wertgegenständlichkeit der Waren als „phantasmagorische Form“ (Das Kapital, MEW 23,86) oder bloß „gespenstige Gegenständlichkeit“ (a.a.O., S. 52). Das erwähnte Verhältnis ist das Verhältnis einer Ware zu einer anderen Ware, mit der sie ausgetauscht wird, bzw. allgemein gesprochen das Verhältnis einer Ware zu einer bestimmten Menge Geld, gegen das sie getauscht wird. Der Wert wird erst im Austausch der Waren konstituiert.“ [6] und „Ein Arbeitsprodukt, für sich isoliert betrachtet, ist also nicht Wert, so wenig wie es Ware ist. Es wird nur Wert, in seiner Einheit mit andrem Arbeitsprodukt, oder in dem Verhältniß, worin die verschiedenen Arbeitsprodukte, als Krystalle derselben Einheit, der menschlichen Arbeit, einander gleichgesetzt sind.“ [7]. Ohne diesen Gegenpart würde die notwendige Anerkennung der (relativen) Nützlichkeit auf gesellschaftlicher Ebene fehlen. Außerdem spricht der Grundgedanke, dass ein Wertverhältnis ein gesellschaftliches Verhältnis ist, dagegen. Ein gesellschaftliches Verhältnis kann keine Solo-Darbietung sein. Auch wenn der Wert als zumindest basierend auf einem bestimmten Bedürfnis gesehen wird, würde erklärbar sein, dass der Wert als ökonomische Größe einen Gegenpart braucht. Denn ein einseitiges Bedürfnis, ohne Erwiderung, wäre nicht quantifizierbar auf der gesellschaftlichen Ebene. Es könnte jede beliebige Größe annehmen. Damit könnte es nicht sinnvoll in ökonomische Prozesse einbezogen werden. Vor allem wäre ein einseitiges Bedürfnis nicht mit einem Tausch verbunden. Doch der Tausch ist grundlegend für ein gesellschaftliches Wertverhältnis. 20 Lippert Wertobjekte in den verschiedenen Formen Ein stoffliches Wertobjekt könnte ein typisches Endverbraucherprodukt wie eine Espressomaschine sein. Eine Aktivität als Wertobjekt könnte eine Theateraufführung sein. Beispiele für Wertobjekte in Gestalt von Ideen wären Bücher oder ein Patent. Bei Kunstwerken wären die Ideen zusätzlich verbunden mit besonderen Fertigkeiten der Künstler. Beispiele für Naturprodukte als Wertobjekte sind Gold, Erdöl und seltene Erden. Arbeit steckt in allen Wertobjekten. Ob die Arbeit von Menschen, Maschinen oder der Natur eingebracht wird, ist nicht relevant für den Fakt, ob diese Wertobjekte dem ökonomischen Austausch unterliegen oder nicht. Die Art der Arbeit und die relative Nützlichkeit sowie die Art und Qualität der Arbeitsergebnisse sind relevant für die zu erwartende Gegenleistung. Die Arbeitsaufwendungen an Energie (in verschiedenen Formen) und Zeit für Mensch und Maschine liefern nur Richtwerte für die Bewertung der Ergebnisse. Die Aufwendungen zur Bereitstellung (einschließlich Herstellung) von Wertobjekten werden bei deren Bewertung in die Betrachtungen mit einbezogen. Doch entscheidend für den Wert ist die Art und Qualität des Ergebnisses. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um stoffliche Wertobjekte, um Aktivitäten wie Konzerte oder um Ideen wie Patente handelt. Bei Naturprodukten sind weitere Kriterien zur Wertermittlung als nur die Aufwendungen der Natur zur Bereitstellung wichtig (Die Aufwendungen finden ihre Entsprechungen in etwa in der Seltenheit dieser Naturprodukte, aber eben nur „in etwa“.). Zu den weiteren Kriterien zählen Erreichbarkeit, Gewinnungsmöglichkeiten, Reinheit, Gefahren im Umgang mit ihnen u. a. Noch einmal relative Nützlichkeit Die relative Nützlichkeit wird nur(!) dadurch geäußert, dass für den Erwerb des entsprechenden Wertobjektes ein Wertäquivalent abgegeben wird. Damit wird der Bedarf im ökonomischen Sinne gesellschaftlich relevant zum Ausdruck gebracht. In einigen Fällen reicht die Bereitstellung3 eines Äquivalents. Mit der Übergabe eines Wertäquivalents bei Entgegennahme des gewünschten Wertobjektes wird der ökonomische Austausch auf der gesellschaftlichen Ebene realisiert. Damit wird das gesellschaftliche Verhältnis Wert aus den ideellen Bewusstseinsinhalten der Tauschpartner auf die gesellschaftliche Ebene überführt und zum Abschluss gebracht. Das Wertäquivalent ist im Allgemeinen ein Zahlungsmittel in Form von Geld. Durch nichts anderes als durch die Abgabe eines Wertäquivalents wird der Bedarf im ökonomischen Sinne geäußert und nur mit der Abgabe eines Wertäquivalents als Gegenleistung erfolgt die Anerkennung der relativen Nützlichkeit des Zielobjektes im ökonomischen Sinn. 3 Bereitstellung eines Äquivalents – im Unterschied zur Abgabe eines solchen Das ist mehr ein rechtliches Problem. Wenn mit einer verbindlichen Zusage ein Äquivalent bereitgestellt wird, aber noch kein Tausch erfolgt, dann könnten durchaus Storno-Gebühren anfallen, falls der potenzielle Käufer sich später anders entscheiden sollte. Damit wäre zumindest ein Teil des Erwartungswertes der Gegenleistung, den der Verkäufer mit dem Verkauf anstrebt, für ihn realisiert. Im Umfang der Storno-Gebühren hätte er eine gesellschaftlich relevante Anerkennung eines Teils des Wertes seines Wertobjektes, sogar ohne dieses abzugeben. Der potenzielle Käufer anerkennt damit die Reservierung des Wertobjektes nur für ihn als „relativ nützlich“. 21 zu thEsE 2: Ideell kann die Nützlichkeit diverser Objekte mit anerkennenden Worten o. ä. zum Ausdruck gebracht werden. Für den ökonomischen Bereich der Gesellschaft sind solche Ausdrucksformen aber nicht unmittelbar relevant. Wert und Bewusstsein Der für das gesellschaftliche Verhältnis Wert notwendige Bedarf wiederum kann nur(!) über das Bewusstsein herausgebildet und zur Wirkung gebracht werden. Denn weder der menschliche Körper – ohne die Nutzung des Bewusstseins – noch irgendwelche Gegenstände können Bedarf im ökonomischen Sinne äußern. Somit ist der Wert nicht allein abhängig von den objektiven Existenzformen der Bezugsobjekte, Bezugsaktivitäten oder Bezugsideen des Wertes (Wertobjekte in Form von Objekten, Aktivitäten und Ideen), wenn diese auch, ohne Frage, wesentliche Einflussgrößen im Prozess der Wertdetermination darstellen. Der Wert ist ebenfalls wesentlich abhängig vom Bewusstsein. Das kann bei einem gesellschaftlichen Verhältnis gar nicht anders sein. Ein gesellschaftliches Verhältnis ohne wesentlichen Einfluss des Bewusstseins, das auch als Grundlage der menschlichen Gesellschaft fungiert – das wäre ein sehr schleierhaftes gesellschaftliches Verhältnis. Bleibt dem Bewusstsein die Nützlichkeit eines Wertobjektes verborgen oder wird diese aus anderen Gründen nicht akzeptiert, dann wird kein Wertverhältnis bezüglich des betreffenden potenziellen Wertobjektes zustande kommen – das (€) Wertobjekt „hätte keinen Wert“ im ökonomischen Sinne. Umgekehrt kann das Bewusstsein auch eine hinreichende Nützlichkeit erkennen, obwohl diese nicht wirklich gegeben ist, z. B. durch intensive Werbung verursacht. Wenn aufgrund dieser falschen Erkenntnis Geld für den Eintausch des Produkts bereitgestellt wird, erfolgt damit die Anerkennung der Nützlichkeit dieses Produkts im ökonomischen Sinne. Der Austausch Wertobjekt gegen Geld kann daraufhin erfolgen. Doch ohne das Bewusstsein wird kein gesellschaftliches Verhältnis Wert aufgebaut werden können, da weder Objekte noch Prozesse ohne Bewusstsein eine Nützlichkeit von Wertobjekten erkennen und Zahlungsmittel als Wertäquivalente für deren Erwerb dafür abgeben können. Der russische Wirtschaftswissenschaftler L. A. Mikeschina schreibt: „Mittlerweile hat sich die Auffassung mehr oder weniger durchgesetzt, dass die Wertbeziehung eine Einheit von Subjektivem und Objektivem ist; doch die Abgrenzung beider Momente erfolgt in der Regel ganz formal: Dem Subjekt wird die Wertung zugeordnet und dem Objekt der Wert. Offenbar muss diese Auffassung weiter präzisiert werden, denn jene Scheidelinie verläuft nicht zwischen dem Subjekt und dem Objekt der Wertbeziehung, sondern geht durch beide hindurch. … Wir können daher nicht dem kategorischen Urteil zustimmen, der Wert sei objektiv, die Wertung dagegen immer subjektiv.“ [8] Ausnahmen gibt es scheinbar vor allem in der Finanzwelt. Damit sind Softwareprogramme gemeint, die für spezielle Käufe und Verkäufe zuständig sind und dafür selbständig agieren: „Im sogenannten Hochfrequenz-Handel HFT kaufen oder verkaufen Computerprogramme auf Grundlage komplizierter mathematischer Algorithmen innerhalb einer Sekunde Tausende Male Wertpapiere.“ [9]; und „In Deutschland erledigen automatisierte Handelssysteme bereits rund die Hälfte aller Aktiengeschäfte, in Tokio rund drei Viertel aller Aufträge.“ [10] 22 Lippert Doch auch in solchen Fällen gehen die ursprüngliche Initiierung, die Hauptsteuerung und ebenso deren die Nutzung nicht von den Maschinen aus. Diese Prozesse erfassen lediglich bestimmte Kriterien für den Ankauf oder Verkauf schneller und mit weniger Fehlern behaftet als die Menschen. Noch geben Menschen solche Kriterien vor. Es sind Hilfsprozesse und keine eigenverantwortlich handelnden Vorgänge. Dass Objekte und Prozesse ohne Bewusstsein weder direktes noch indirektes Eigentum an Geld und anderen Objekten noch Stellvertreterrollen als solche Eigentümer haben können, kommt hinzu. Wert und Eigentum Wert ist an Eigentum geknüpft und Eigentum wiederum an das menschliche Bewusstsein. Als stoffliches Objekt existiert Eigentum unabhängig vom Menschen. Bei Aktivitäten wie künstlerischen Aufführungen existiert das Eigentum in Verbindung mit den Menschen. Bei Ideen usw. ist jedoch wenigstens ein Bewusstsein der „Aufbewahrungsort“ des Eigentums. Aber als Eigentum existieren Wertobjekte immer nur in Verbindung mit dem Bewusstsein, denn Eigentum ist eine gesellschaftsbasierte Größe. Das Eigentum wird als solches durch die Gesellschaft geschützt und nicht durch die Natur. Für die Welt außerhalb der Gesellschaft, und damit für die Welt außerhalb von menschlichem Bewusstsein, gibt es kein Eigentum. Eigentum und Wert gehören zusammen, denn ohne Eigentum würde der Wert als gesellschaftliches Verhältnis keinen Sinn ergeben. Auch aus den letzten Gedankengängen folgt, dass ein Wertverhältnis als solches nicht außerhalb und unabhängig vom Bewusstsein existieren kann (vgl. [1], [5]). Eine „Wertvariante“, bei welcher der Wert zwar abhängig vom Bewusstsein wäre, aber trotzdem außerhalb des Bewusstseins existieren würde, dürfte ein unmögliches Konstrukt sein. Ein solches Gebilde könnte man sich in der Art vorstellen, dass das Bewusstsein einen Wert in ein Objekt wie ein E-Bike hineindenkt, ihn darin vergegenständlicht sieht. Doch ein solches wertvolles E-Bike wird kein gesellschaftliches Verhältnis aufbauen können, weder eines mit noch eines ohne Wert. Der Wert in solch einem Objekt wäre folglich nur ein von einem Bewusstsein gedachter virtueller Wert – ohne jegliche gesellschaftliche Relevanz. Außerdem könnte auf diesem Wege nicht erklärt werden, warum solch ein Fahrrad einmal für € 2500 und ein anderes Mal nur für € 2100 verkauft werden kann. Hier wäre zwar der Einwand denkbar, dass damit der Tauschwert, aber nicht der Wert zum Ausdruck gebracht würde. Doch was wäre Wert ohne gesellschaftliche Relevanz, ohne dass dieser gesellschaftlich anerkannt würde durch Abgabe einer entsprechenden Gegenleistung? Was soll ein Wert ohne Gegenstück? Er würde letztendlich für sich allein existieren, als ein „Wert an sich“, aber nicht als gesellschaftliches Verhältnis. Solch ein ideeller Wert wäre nicht Gegenstand der Arbeitswerttheorie. Oder ein anderer Gedankengang: Das E-Bike würde 10 Jahre lang im Geschäft ausgestellt werden, an ihm würde inhaltlich nichts verändert werden (Reifen und Akku könnten vom Preis abgezogen werden). Doch es würde immer mehr Wert aus dem Rad entschwinden – ganz ohne stoffliche Änderung. Auch aus diesem Grund erscheint es sehr unwahrscheinlich, dass der Wert in diesem Gegenstand vergegenständlicht sein sollte. Obwohl das Rad stofflich praktisch nicht altert, altert es doch im gesellschaftli- 23 zu thEsE 2: chen Kontext, da bessere Produkte, die mehr können, inzwischen auf den Markt kommen. Damit werden die Bedürfnisse nach dem alten Rad von den Zahlen und den Bedürfnissen her sinken und damit dessen Wert, denn es könnte nicht mehr zum alten Preis verkauft werden. Dies geschieht infolge dessen, dass der Wert im Bewusstsein aufgebaut und auf das Bike bezogen, d. h. mit diesem verknüpft wird. Das Bewusstsein ist der Träger der Werte. Die Objekte, auf welche die Werte bezogen werden, sind die Bezugspunkte derselben. Diese Bezugspunkte sind keine „Werte“ im eigentlichen ökonomischen Sinne. Um als Bezugspunkte von gesellschaftlichen Wertverhältnissen fungieren zu können, müssen diese Objekte bestimmten Bedingungen genügen (vgl. These 3). Wichtige Merkmale des Wertes Das Wesen des Wertes wird deutlich, wenn der Wert 1. als im menschlichen Bewusstsein herausgebildet und 2. als gesellschaftliches Verhältnis zwischen Menschen gesehen wird. Wertverhältnisse wirken konkret zwischen Tauschpartnern. Sie werden von den Tauschpartnern innerhalb dieser Wertverhältnisse auf bestimmte Objekte, Aktivitäten oder Ideen bezogen – eben auf die Wertobjekte, welche im Rahmen der Wertverhältnisse ausgetauscht werden sollen. Durch diese (zunächst potenziellen) Wertobjekte werden Wertverhältnisse überhaupt erst herausgebildet und determiniert. In diese Wertbildungsprozesse werden aber auch viele andere Faktoren einbezogen, die z. T. nicht direkt an die aktuell relevanten Wertobjekte gekoppelt sind, z. B. andere Wertobjekte, notwendige Umfeldbedingungen für die aktuell zu tauschenden Objekte, Traditionen und Emotionen. Weiterhin zählen dazu wichtig erscheinende und notwendige Elemente im Umfeld der aktuell gehandelten Wertobjekte. So sind z. B. für Navigationsgeräte GPS-Satelliten-Sender notwendige Voraussetzungen. Zu solchen Elementen aus dem Umfeld gehören aber auch religiöse Anschauungen, politische und traditionsbedingte Sperren (Diskotheken in Saudi-Arabien) für bestimmte Wertobjekte usw. Im Rahmen der Wertverhältnisse wirken folglich zusätzlich zu den Wertobjekten weitere, außerhalb des Bewusstseins existierende Objekte und andere, sowohl gesellschaftlich als auch natürlich geprägte Einflussgrößen auf den ökonomischen Austausch und somit auf den Wert selbst ein. Das Wesen des Wertes Die oben genannten Merkmale führen zum Wesen des Wertes – als quantitativ fassbare Widerspiegelung der gesellschaftlichen Beziehung zwischen den Tauschpartnern beim ökonomischen Austausch von Wertobjekten. Hervorgerufen wird die gesellschaftliche Beziehung zwischen den Tauschpartnern durch deren Bedürfnisse nach Gütern im Eigentum bzw. in der Verfügungsgewalt des Tauschpartners.

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References

Zusammenfassung

Der Zusammenbruch der UdSSR um 1990 markierte nach allgemeiner Auffassung auch den Triumph der freiheitlichen Wirtschaftsordnung über das sozialistische Planwirtschaftsmodell. Die genauen Gründe hierfür sind nicht leicht auszumachen. Allein die Fülle an unterschiedlichen Theorien zur Erklärung des sowjetischen Zerfalls legt den Schluss nahe, dass es ein komplexes Zusammenspiel mannigfaltiger Faktoren war, die den kommunistischen Gedanken als eine praktische Wirklichkeit nicht überdauern ließ. Rainer Lippert fügt der wissenschaftlichen Diskussion einen weiteren, wertvollen Ansatz hinzu. Seine neue und zeitgemäße Überarbeitung der weltberühmten Theorie erweitert Marx’ klassischen Arbeitswertbegriff und beweist, dass dieser nur ein Spezialfall eines viel allgemeineren Wertbegriffes ist. Durch Lipperts Erweiterung der Marx'schen Arbeitswerttheorie lässt sich nicht nur der entscheidende Konstruktionsfehler planwirtschaftlicher Modelle benennen: Aus dem Überführen der Marx’schen Grundprämisse in eine allgemein lebenswirklichere Form gelingt ihm auch in schlüssiger Weise die zentrale Argumentation für die freie Marktwirtschaft.