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Zu These 9: Wertobjekte (nach der gängigen Wertauffassung „Werte“) können durch menschliche und maschinelle Arbeit geschaffen werden, und zwar sowohl durch die sogenannte „produktive“ als auch durch die sogenannte „nicht-produktive“ Arbeit. in:

Rainer Lippert

Mit Marx zur Marktwirtschaft?, page 157 - 174

Eine Neuerung der Marx’schen Arbeitswerttheorie

3. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3917-5, ISBN online: 978-3-8288-6667-6, https://doi.org/10.5771/9783828866676-157

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Wirtschaftswissenschaften, vol. 82

Tectum, Baden-Baden
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157 zu thEsE 9: Zu These 9: Wertobjekte (nach der gängigen Wertauffassung „Werte“) können durch menschliche und maschinelle Arbeit geschaffen werden, und zwar sowohl durch die sogenannte „produktive“ als auch durch die sogenannte „nicht-produktive“ Arbeit. Dass durch produktive Arbeit Wertbildung erfolgt, ist allgemein anerkannt und sicherlich kein Gegenstand der Diskussion. Prinzipieller Ablauf der Wertbildung Durch gesellschaftliche und natürliche Faktoren bedingt wird in einem Individuum ein Bedürfnis herausgebildet und geprägt. Im Umfeld dieses Individuums existiert ein Zustand Z1, der dieses Bedürfnis unbefriedigt lässt. Gedanklich stellt sich die betreffende Person einen Zustand Z2 vor, in dem dieses Bedürfnis als erfüllt gesehen wird. Dieser Zustand Z2 erscheint dem Individuum erstrebenswert, weshalb der Zustand Z1 durch Z2 abgelöst werden soll. Z2 könnte die Möglichkeit vereinfachter Teppichreinigung, das Ansehen von Filmen in hoher Bild- und Tonqualität, die Auswahl von Reisen usw. sein. Vom Bedürfnis ausgelöst, verknüpft das Bewusstsein die gedanklichen Vorstellungen vom Zustand Z2 mit einem oder mehreren potenziellen Wertobjekten, mit dem oder mit denen das Ziel Z2 realisierbar erscheint. Solche Wertobjekte könnten gut funktionierende Staubsauger, Reiseangebote nutzen, Konzertkarten, gut ausgestattete TV-Geräte usw. sein. Daraufhin motiviert das Bedürfnis über das Bewusstsein zu Aktivitäten, die auf das Ziel gerichtet sind, ein passendes Wertobjekt zu erwerben, das den Zustand Z2 repräsentiert. Mit dem Zustand Z2 scheint das Bedürfnis in einem hinreichenden Maße befriedigt zu werden. Der Fall, dass durch eigene Aktivitäten der Zustand Z2 ohne ökonomischen Austausch bewirkt werden kann, soll hier nicht betrachtet werden. Das eigentliche Ziel Z2 soll somit erst über einen Tausch im ökonomischen Sinne erreicht werden können, was wohl in den meisten der wichtig erscheinenden Wunschsituationen der Fall sein dürfte. Die an Z2 interessierte Person muss, um das gewünschte Wertobjekt WZ2 zu erlangen, ein Wertobjekt oder einen anerkannten Stellvertreter eines Wertobjektes dafür als Wertäquivalent abgeben. Das Wertäquivalent muss vom auserkorenen Tauschpartner als wertgleich anerkannt werden. Über dieses Äquivalent ÄWZ2 zu WZ2 besitzt die an Z2 interessierte Person das Eigentums- oder das Verfügungsrecht. Über das Wertobjekt von Interesse WZ2 besitzt der Tauschpartner ein solches Recht. 158 Lippert Durch einen ökonomischen Austauschprozess kann WZ2 gegen ÄWZ2 eingetauscht werden, so dass das auslösende Bedürfnis zumindest gemäß der zunächst gegebenen Vorstellung im Bewusstsein gestillt wird. Warum ist der ökonomische Austausch notwendig? Die Realisierung des Wertobjektes WZ2 und seines Wertäquivalents ÄWZ2 ist in den meisten Fällen nur über den zielgerichteten Einsatz von Ressourcen (psychisch und physisch) aus den begrenzten und ständig zu reproduzierenden Ressourcenfonds der Produzenten zu erreichen. Zu diesen begrenzten Ressourcen zählen die begrenzten Möglichkeiten zur Entwicklung und Prüfung neuer Produkte, die begrenzte Arbeitszeit, die begrenzten Produktionskapazitäten, die begrenzt zur Verfügung stehende Energie, das begrenzt verfügbare Wasser, begrenzt verfügbare Zulieferprodukte und Rohstoffe usw.). Die nur begrenzte Lebenszeit der Produzenten stimuliert ebenfalls den ökonomischen Austausch (Bei unbegrenzt zur Verfügung stehenden Zeitfonds könnte vieles selber geschaffen statt eingetauscht zu werden, und man hätte es nicht eilig, etwas einzutauschen). Auf die Produzenten wirken dabei unterschiedliche gesellschaftliche und natürliche Bedingungen. Auf jeden Fall werden zur Produktion von Wertobjekten immer weitere natürliche und aufbereitete Ressourcen sowie zuvor produzierte Zuliefererzeugnisse und Hilfsmittel benötigt. Die Menschen werden weder die notwendige Zeit noch die geistigen und körperlichen Fähigkeiten haben, um alle gewünschten Objekte selbst herzustellen. Dazu kommt, dass sie gerade in der heutigen Zeit nicht annähernd die Möglichkeiten haben, sich das notwendige Wissen anzueignen, um alles selber zu entwickeln und zu produzieren. Ebenso wäre es nicht mehr möglich, dass irgendein Mensch lernt, alle Produktionsmittel zu beherrschen. Aus diesen Sachverhalten, den begrenzten Lebenszeiten, den begrenzten Fähigkeiten und Fertigkeiten der Menschen und den begrenzten Ressourcen folgt notwendig, dass die Arbeitsergebnisse ausgetauscht werden müssen. Für den Austausch wiederum ist die Ermittlung der Äquivalenz unabdingbar. In einigen Fällen werden die Wertobjekte durch die Natur „erstellt“. Um solche Wertobjekte in die ökonomischen Prozesse einzubeziehen, muss im Ereignisfeld eine Verknappung gegenüber den darauf gerichteten Bedürfnissen vorliegen und diese Naturgüter müssen physisch in Eigentum oder Pacht überführt werden können. Das Eigentum an (oder die Pacht von) diesen wird genutzt, um Ansprüche auf Wertäquivalente bei Abgabe dieser Naturgüter zu rechtfertigen. Solche Ansprüche sind, genau wie die durch die eigene Arbeit erworbenen, gesellschaftlich begründet. Die Äquivalenz wird abgeschätzt Bevor ein Äquivalent für den Tausch bereitgestellt wird, vollführt der Interessent erfahrungsgemäß über sein Bewusstsein einen umfassenden Vergleich zwischen dem gewichteten Bedürfnis nach dem gewünschten Wertobjekt oder nach anderen Wünschen mit dem wahrscheinlichen Zustand nach Wunscherfüllung und der dafür aufzubringenden Energie in Form von körperlicher und geistiger Arbeitsleistung (meist in Form einer Geldmenge, die für das gewünschte Wertobjekt abzugeben ist). 159 zu thEsE 9: Um die notwendige Geldmenge zu generieren, muss der am Wertobjekt Interessierte eine bestimmte Zeit lang arbeiten. Das für das Wertobjekt abzugebende Wert- äquivalent kann über den Geldwert letztendlich zur dafür notwendigen Arbeitszeit in Beziehung gesetzt werden. In der Praxis wird wahrscheinlich häufig Bezug darauf genommen, was sonst noch mit dem Geld „angestellt“ werden könnte. Verglichen wird vor dem ökonomischen Tausch das gewichtete Bedürfnis nach dem gewünschten Wertobjekt fast immer auch mit Bedürfnissen nach weiteren relevanten Wertobjekten für gleiche, ähnliche und andere Ziele und wie die mit diesen stofflichen Objekten, Aktivitäten oder Ideen zu erzielenden Zustände in Sachen Zufriedenheit wirken würden. Einbezogen werden dabei u. a. die für jene Objekte usw. benötigten Aufwendungen. Wert – ideell geprägt und gesellschaftlich relevant zum Ausdruck gebracht Im Verlauf der Vergleichsoperationen wird aus der Fülle der Möglichkeiten der letztendlich zu erfüllende Wunsch herausgehoben, zu einer gewichteten Beziehungsstärke konkretisiert und durch die Abgabe eines Wertäquivalents gesellschaftlich relevant zum Ausdruck gebracht (Bildfolge Bild 5.1 – 5.6). Mit der Abgabe des Wertäquivalents wird die gewichtete Beziehungsstärke von einer ideellen Größe in eine objektive ökonomisch relevante Größe gewandelt. Grundlagen für das gesellschaftliche Verhältnis Wert Auf der Verkäuferseite des Wertverhältnisses wurde bzw. wird das Wertobjekt WZ2 geschaffen, welches den angestrebten Zustand Z2 repräsentiert. Dieses Wertobjekt bildet die wichtigste Grundlage des gesellschaftlichen Wertverhältnisses (Bildfolge 3.1 – 3.3). Jede der beiden Seiten, sowohl die Käuferseite als auch die Verkäuferseite, kann initiierend für das Wertverhältnis wirken. Dazu kommt als weitere Grundlage für das gesellschaftliche Verhältnis Wert die Gesellschaft als solche mit den notwendigen Bedingungen und Einrichtungen zur Herausbildung und Absicherung von Wertbeziehungen einschließlich der Zustände danach30. Gegenseitige Anerkennung der Wertobjekte Mit dem ökonomischen Austausch erfolgt die notwendige gegenseitige Anerkennung der Objekte WZ2 und ÄWZ2 als Wertobjekte bzw. deren Stellvertreter im ökonomischen Sinn. Bei ÄWZ2 handelt es sich in den meisten Fällen um das „Stellvertreter-Wertobjekt“ Geld. Nur ein ökonomischer Austausch widerspiegelt ein Wertverhältnis. Darin „automatisch“ einbezogen ist, dass beide Tauschpartner gegenseitig die relative Nützlichkeit der auszutauschenden Wertobjekte anerkennen. Nur dadurch, dass die Wertobjekte bzw. deren Stellvertreter ausgetauscht werden, wird belastbar anerkannt, dass diese Wertobjekte relativ nützlich im ökonomischen Sinne sind. 30 … einschließlich der Zustände danach Gemeint sind hier die Zustände für alle Beteiligten, nachdem das Wertverhältnis beendet wurde. Das vormalige Wertobjekt ist nach erfolgtem Tausch im direkten oder indirekten Eigentum des (vormaligen) Käufers, das Wertäquivalent gelangt zum (vormaligen) Verkäufer. Die Gesellschaft sichert den Kauf und das Eigentum als Rechtsformen ab. 160 Lippert Die vermutete Qualitätserhöhung ist wertbildend Der Zustand Z2, der das gewichtete Bedürfnis nach den Vorstellungen des Käufers befriedigen soll, erscheint kristallisiert in einem Wertobjekt. Mit dem Erwerb des Wertobjekts durch Abgabe eines Äquivalents wird eine Qualitätserhöhung des zunächst gegebenen niederwertigen Zustandes Z1 zum angestrebten Zustand höherer Qualität Z2 „prophylaktisch“ anerkannt. Damit wird die für das Wertobjekt aufgewandte Arbeit als wertbildend anerkannt, genauer: die Arbeit wird als Aktivität anerkannt, welche die Voraussetzung für eine Wertbeziehung schuf. Mehr wird damit nicht zum Ausdruck gebracht. Ob das Wertobjekt wirklich den gewünschten Zustand Z2 repräsentiert, kann in vielen Fällen erst später erfasst werden. Die geleistete Arbeit muss oder musste aber für den Aufbau der Wertbeziehung hinreichend günstig den gegebenen gesellschaftlichen und natürlichen Bedingungen sowie den individuellen Vorstellungen des interessierten Tauschpartners entsprechen bzw. entsprochen haben. Im Durchschnitt wird die Masse der Wertbeziehungen zu den gewünschten Zuständen führen – mit hinreichender Übereinstimmung zwischen der gedanklichen Vorstellung des gewünschten Zustandes vor dem Kauf und dem gegebenen Ist-Zustand nach dem Kauf. Wäre das nicht der Fall, wären die Menschen anders an die gesellschaftlichen Wertverhältnisse herangegangen. Nach einer kurzen Übergangszeit hätte es letztendlich doch wieder in der überwiegenden Zahl der Fälle eine hinreichende Übereinstimmung zwischen den erwarteten Zielen, die mit den Käufen erreicht werden sollten, und den Ist-Situationen danach gegeben. Produktion – Qualitätserhöhung an Objekten Die im Rahmen der Produktion ablaufenden Qualitätserhöhungsprozesse an den potenziellen Wertobjekten sind entscheidende Voraussetzungen von Wertbeziehungen. Denn ohne diese Qualitätserhöhungen würden die Objekte nicht in Wertbeziehungen aufgenommen werden. Mit den Qualitätserhöhungen werden aus Objekten potenzielle Wertobjekte. Qualitätserhöhung erfolgt schrittweise Im Gesamtprozess „Zustand Z1 – gewichtetes Bedürfnis ungestillt Zustand Z2 – gewichtetes Bedürfnis gestillt“ ist jeder Teilprozess potenziell wertbildend. Das gilt für jeden Teilprozess, der eine Qualitätserhöhung in Bezug auf das zu befriedigende gewichtete Bedürfnis in der Art bewirkt, dass zum Erwerb des Wertobjektes letztendlich ein Wertäquivalent abgegeben wird. Theoretisch würden solche Qualitätserhöhungen durch Teilprozesse die Bereitschaft beim Käufer bewirken, mit jedem dieser Teilprozesse ein Wertäquivalent mit entsprechend höherem verknüpftem Wert attribut für das jeweilige Teil-Produkt bereitzustellen. In der Praxis gibt der Käufer aber erst beim Kauf des Endproduktes sein Wertäquivalent für alle Teilschritte ab, wenn im Rahmen der Bezahlung sämtliche Einzelposten mitbezahlt werden. Denn eine Qualitätserhöhung durch einen Teilprozess, in einem Zwischenstadium der Wertobjektbereitstellung, ohne dass ein fertiges Endprodukt in nutzbarer Form und bequem erreichbar für den Interessenten vorliegt, würde mit Sicherheit nicht zu einem Wertverhältnis führen. 161 zu thEsE 9: Vergegenständlichte und nicht-vergegenständlichte Wertobjekte Die Wertbildungsprozesse sind aber bei Qualitätserhöhungsprozessen nicht auf „Vergegenständlichung menschlicher Arbeit“ bei der Produktion von Waren beschränkt. Die Auffassung, dass nur vergegenständlichende Arbeit Werte (eigentlich: Wertobjekte) schaffen kann, ist mechanischer Determinismus, der durch die ökonomische Praxis widerlegt wird. Durch diesen Determinismus wird praktisch ausgesagt, dass der vergegenständlichte Anspruch auf Existenzmittel sich ebenfalls nur auf Vergegenständlichtes beziehen würde, denn Nicht-Vergegenständlichtes wäre schließlich „ohne Wert“. In der heutigen Zeit haben die nicht-gegenständlichen Elemente im Existenzmittelumfang einen sehr bedeutenden Anteil: verschiedenste Service-Leistungen, Literatur, Konzerte, Reisen u. v. a. – alles Leistungen, die zumindest teilweise nicht-vergegenständlicht sind bzw. Nicht-Vergegenständlichtes schaffen. Trotzdem werden die Ergebnisse dieser Aktivitäten dem ökonomischen Austausch unterworfen. Im Rahmen der Produktion von stofflichen und nicht-stofflichen Produkten zählen dazu die Steuerung der Prozesse, das Aushandeln von Verträgen, Marketing, Softwareprogrammierung u. a. All diese Aktivitäten können wertbildend wirken, weil die Ansprüche der Ausführenden auf Existenzmittel in die Wertgrößen, die mit den Wertobjekten realisiert werden sollen und müssen, einfließen. Umgekehrt beinhaltet das, was diese Menschen auf Basis der Werte ihrer verkauften Arbeitskräfte kaufen, Wertschöpfungen auf vergegenständlichter und ebenso solche auf nicht-vergegenständlichter Basis. Nicht-vergegenständlichende Arbeit und Werte der Arbeitskräfte Die Ursache dafür, dass nicht-vergegenständlichende Arbeiten notwendig in die Wertverhältnisse einfließen müssen, liegt in der gesellschaftlich determinierten Größe „Wert der Arbeitskraft“. Das wurde bereits mehrfach beschrieben. Durch den Arbeitsprozess werden mit den (zunächst potenziellen) Wertobjekten, welche durch die Arbeitskräfte31 bereitgestellt (im Sinne von erstellt und bereitgestellt) werden, deren anteilige, gesellschaftlich determinierte und individuell beeinflusste Ansprüche auf Wertobjekte als gesellschaftliche Substanz verknüpft. Basis dieser Verknüpfungen sind die Werte der beteiligten Arbeitskräfte. So erwirbt z. B. der Grundlagenforscher mit seiner Arbeit einen Anspruch auf Wertobjekte. Die Wertobjekte, die er erwerben möchte, sind ebenso mit Ansprüchen auf Wertobjekte in Form von Wertattributen verknüpft. Äquivalent basieren diese verknüpften Ansprüche auf Wertobjekte auf gesellschaftlich nützlichen Arbeiten von anderen Grundlagenforschern, Ökonomen, Unternehmern, Technikern, Managern, Produktionsarbeitern, Dienstleistern usw. Folglich sind mit diesen Wertattributen in der gleichen Art Ansprüche aufgrund nicht-vergegenständlichender Arbeiten verknüpft. Die Ansprüche auf nicht-gegenständliche „Werte“ sind demnach nichts Mystisches und nichts rein Ideelles. 31 Arbeitskräfte Hier sind diejenigen gemeint, die direkt an den Produkten arbeiten, sowie auch diejenigen, die andere bezahlte Jobs ausführen, um die produzierten Produkte an die Kunden zu bringen. Eingeschlossen sind selbstverständlich all diejenigen, die Hilfstätigkeiten ausführen. 162 Lippert Bei stofflichen Objekten werden die Bezugspunkte solcher Ansprüche gegenüber anderen Personen vergegenständlicht, analog werden sie bei Dienstleistungen „verformt“, bei Kunstwerken „künstlerisch kreativ verformt“, „vergeistigt“ usw. Da sich z. B. Software-Produkte und geistige Kunstwerke nicht als stoffliches Eigentum handhaben lassen und solche Produkte damit nicht wirklich durchsetzbar ökonomisch getauscht werden können, wurden gesellschaftlich wirksame Stellvertreter wie Lizenzen und Copyrights entwickelt. Doch egal, ob Ergebnisse von stofflichen oder nicht-stofflichen Aktivitäten getauscht werden – in beiden Fällen wird der Wert erst mit dem Tausch gebildet. Vor dem Tausch kann der Wert nur potenziell existieren. Erst wenn Äquivalente übergeben werden, meist in Form von Geld, werden die gesellschaftlich relevanten Nützlichkeiten der Wertobjekte auf der gesellschaftlichen Ebene anerkannt, egal, in welchen konkreten Ausführungsformen diese Nützlichkeiten vorliegen. Ansprüche – über Wertobjekte ohne vergegenständlichte menschliche Arbeit generiert Nur die „vergegenständlichten“, „verformten“, „vergeistigten“ usw. Bezugspunkte für Ansprüche auf Äquivalente im ökonomischen Sinne existieren in den Wertobjekten. Diese Bezugspunkte werden mittels menschlicher Arbeitskraft, durch Maschinen oder, in großem Maße, durch die Natur in die Wertobjekte eingebracht. Der Verkauf ihrer Arbeitskraft berechtigt die Arbeitskräfte, dafür Ansprüche auf Gegenleistungen zu erheben, üblicherweise in Form von Geld, das als Lohn ausgezahlt wird. Äquivalent berechtigt es Eigentümer an Naturressourcen aufgrund historisch herausgebildeter gesellschaftlicher Regelungen dazu, für die Abgabe von Naturgütern aus dem Eigentum ebenfalls Ansprüche auf Gegenleistungen zu erheben. Das Prinzip, dass aus dem Verkauf von Eigentum ein Anrecht auf Gegenleistung abgeleitet werden kann, ist bei beiden, bei den Verkäufern der Arbeitskraft und bei den Verkäufern von Naturgütern, gleich. Bei Menschen, die ihre Arbeitskraft verkaufen, kann von einem Anrecht gesprochen werden (Lohnempfänger, die ihr Geld mit hoher Sicherheit wie erwartet umsetzen können). Bei den Verkäufern von Naturgütern ist es in vielen Fällen mehr ein Anspruch auf Gegenleistung, denn ob sie die Gegenleistung für die Abgabe ihres Eigentums / ihrer Pacht im erwarteten Umfang erhalten werden, ist nicht immer annähernd so sicher wie beim Lohnarbeiter. Dafür können sie jedoch unerwartet hohe Gewinne einstreichen, wenn die aktuellen Bedingungen im Umfeld für sie besonders günstig sind. Der wesentliche Unterschied zwischen beiden Gruppen von Eigentümern liegt in der Basis des Anrechts bzw. des Anspruchs auf Gegenleistung. Bei den Arbeitskräften ist die Basis des Anrechts auf Gegenleistung die menschliche Arbeit. Bei den Eigentümern von Naturgütern ist die Basis des Anspruchs auf Gegenleistung das Eigentum bzw. die Pacht. Eigentum an Naturgütern ist eine politisch begründete Größe, was aber hier nicht weiter diskutiert werden soll. Der Käufer verarbeitet in seinen Bewusstseinsprozessen das gewünschte Wertobjekt in Form einer ideellen Abbildung. Der Verkäufer verarbeitet in seinen Bewusstseinsprozessen das zum Wertobjekt angebotene Wertäquivalent ebenfalls in ideeller Form. Im Rahmen der Widerspiegelung von Wertobjekt und Wertäquivalent werden diese Abbilder angereichert: Der Käufer verbindet mit dem Wertobjekt den geäußerten An- 163 zu thEsE 9: spruch des Verkäufers auf Gegenleistung. Der Verkäufer verbindet mit dem Abbild des gebotenen Wertäquivalents das vom Käufer geäußerte Anrecht auf Wertobjekte – meist in Form von Geld. Das Anrecht auf Wertobjekte des Käufers basiert in den meisten Fällen auf zuvor verkaufte Arbeitskraft. Der Anspruch des Verkäufers auf Gegenleistung kann in der überwiegenden Zahl der Fälle mit verausgabter, menschlicher gesellschaftlich nützlicher Arbeit begründet werden – doch das muss eben nicht so sein. Menschliche Arbeit ist als Grundlage für einen Anspruch auf Wertäquivalenz nicht notwendig. Um nicht frei verfügbare Naturgüter zu erwerben, müssen die Interessenten Wert- äquivalente in Höhe der akzeptierten Ansprüche der Eigentümer / Pächter dieser Güter als Gegenleistung für den Erwerb der Naturgüter abgeben. Die Ansprüche auf Gegenleistungen sind immer von gleicher Art, egal, ob sie für stoffliche Wertobjekte, für Wertobjekte in Form von Aktivitäten wie Musizieren, für Wertobjekte in Form von Ideen, z. B. bei Patenten, für Wertobjekte, die von Maschinen erstellt wurden, oder für Wertobjekte in Gestalt von Naturgütern erhoben werden. Wertattribute und Bewertung durch Verkäufer- und Käuferseite Die von der Verkäuferseite reklamierten Ansprüche auf Wertobjekte werden von ihr über Bewusstseinsprozesse mit den angebotenen potenziellen Wertobjekten als Wertattribute verknüpft. Physisch sichtbar gemacht werden diese Ansprüche über Preise, die ebenfalls mit den Wertobjekten verknüpft werden. Die Käuferseite reflektiert demzufolge die verknüpften Ansprüche über die Preisangaben. Die Verknüpfungen der Wertattribute mit den Wertobjekten auf der Verkäuferseite, d. h. die Preise, werden von der Käuferseite gewichtet. Im Ergebnis können diese Wertattribute akzeptiert, völlig abgelehnt oder verhandelt werden. Auf der anderen Seite des Wertverhältnisses sieht es praktisch genauso aus: Die auf der Käuferseite reklamierten Anrechte auf Wertobjekte werden von ihr, ebenfalls über Bewusstseinsprozesse, mit der entsprechenden Menge an Wertäquivalenten als Wertattribute verknüpft. Üblicherweise wird auf der Käuferseite Geld als Wertäquivalent bereitgestellt. Im Unterschied zu den Wertattributen von Wertobjekten werden die mit bestimmten Geldbeträgen verknüpften Wertattribute in Nicht-Krisen- Zeiten von allen Mitgliedern einer Gesellschaft als Anrechte auf Wertobjekte in der Art gesehen, dass alle mit den gleichen Wertbeträgen den gleichen Wertumfang verbinden. Bei den Wertattributen von Geldmitteln werden folglich individuelle Abweichungen der Anerkennung der Anrechte vom gesellschaftlichen Durchschnitt nur in besonderen Situation gegeben sein. Bevor eine Wertbeziehung aufgebaut wird, verknüpfen die Tauschpartner üblicherweise ihre eigenen Wertobjekte bzw. Wertäquivalente sowie die Wertobjekte bzw. Wertäquivalente der Partnerseite ebenfalls mit jeweils einem Wertattribut. Damit verbunden erfolgt auf der Käuferseite eine recht umfangreiche Bewertung des als Wert attribut mit dem Wertobjekt der Verkäuferseite verknüpften Anspruchs auf Wertobjekte. Umgekehrt erfolgt auf der Verkäuferseite nicht immer eine komplexe Bewertung des mit dem Wertattribut des Wertäquivalents verknüpften Anrechts auf Wertobjekte: In einem Kaufhaus ist der Verkäufer nur dafür zuständig, die ausgewiesene Geldsumme für den Verkauf des Wertobjektes entgegenzunehmen. Ob ihm die zu niedrig oder zu hoch er- 164 Lippert scheint, ist irrelevant. Auf dem Basar wird der Verkäufer jedoch eine solche Bewertung vornehmen. Ansprüche und Anrechte auf Wertobjekte – nicht rein objektiv begründet Dadurch, dass jedes Wertverhältnis nur vermittelt über das Bewusstsein zustande kommt, können die Ansprüche und Anrechte auf Existenzmittel bzw. Wertobjekte, die für ein Wertverhältnis grundlegend sind, keinen rein objektiv begründeten Charakter haben. Diese Ansprüche und Anrechte können nicht unabhängig vom Menschen existieren. Eine solche „Objektivität“ ist auch nicht notwendig, denn Wert als gesellschaftliches Verhältnis muss aufgrund seiner Natur stets menschliche, also vom Bewusstsein abhängige Bestandteile beinhalten. Was wäre ein gesellschaftliches Verhältnis ohne das typisch menschliche Merkmal von Bewusstseinsaktivitäten? Es wäre kein gesellschaftliches, sondern ein von den Menschen und damit von der Gesellschaft unabhängiges Verhältnis. Das gesellschaftliche Verhältnis Wert muss auch einen objektiven Anteil haben Doch als gesellschaftliches Verhältnis zwischen Tauschpartnern muss der Wert auch auf etwas außerhalb des Bewusstseins bezogen werden. Als rein ideelle Größe bräuchte der Wert keine Basis von zwei Tauschpartnern! Der – nennen wir ihn – „Initiator der Wertbeziehung“ könnte sich bei einem ideellen Wert diesen ganz allein für sich vorstellen. Eine rein ideelle Größe kann in nur einer Person funktionieren! Ein Tauschpartner ist aber eine objektive Erscheinung für die betrachtete Person und aufgrund seiner Ansprüche bzw. Anrechte wird diese „objektive Erscheinung“ eine reale Leistung bzw. Gegenleistung anstreben. Wenn z. B. der potenzielle Tauschpartner mit den subjektiven Vorstellungen eines E-Bikes, das nur in den Vorstellungen seines Gegenübers als Wertobjekt existiert, nichts anfangen kann, dann könnte es nicht zu einem Wertverhältnis zwischen beiden kommen. In der Praxis müssen beide Tauschpartner zusammen agieren. Das ist existenziell wichtig für ein Wertverhältnis. Indem sie gemeinsam agieren, erarbeiten sie eine gemeinsame Wertgröße für den Tausch. Die ideellen Bewusstseinsprozesse der beiden Tauschpartner sind für diese gemeinsame Wertgröße die Ausgangspunkte. Aber diese Ausgangspunkte bestimmen das Ergebnis nicht allein. Einen wesentlichen Anteil an dem gemeinsamen, dem „öffentlichen“ Wert hat das gesellschaftliche Umfeld. Doch dieses Umfeld bewirkt nicht allein die Wertbildung – die Bewusstseinsprozesse machen mit. Das Ergebnis ist der Wert, der im Wertverhältnis ausgehandelt wurde und der außerhalb der beiden Tauschpartner und ihres Wertverhältnisses von der Gesellschaft wahrgenommen wird. Über diesen gemeinsamen Wert erfolgt der Austausch von Wertobjekt gegen Wertäquivalent. Dieser Wert kann veranschaulicht werden über die Skalarbeträge von Wirkungsvektoren, mit denen die treibenden Kräfte für den Austausch abgebildet werden können. Genau dieser Wertbetrag stellt den objektiven Anteil am gesellschaftlichen Verhältnis Wert dar. Zudem liegen in den meisten Fällen die Bezugspunkte der Wertverhältnisse au- ßerhalb der Bewusstseinsprozesse beider Tauschpartner. Das trifft auf die Masse der technischen Geräte usw. zu. In einigen Fällen, z. B. bei Patenten, werden die Bezugspunkte auf Stellvertreter von ideellen Vorstellungen bezogen. Die ideellen Vorstellungen des Patents existieren im Bewusstsein eines Tauschpartners, werden aber auf der 165 zu thEsE 9: gesellschaftlichen Ebene in Form einer Patentschrift manifestiert. Das ist notwendig, da ein Bewusstseinsinhalt als solcher, sobald er bekannt wird, beliebig oft genutzt werden könnte, und das ohne Abgabe einer Gegenleistung. Ein angemeldetes Patent wird durch die Gesellschaft, in der die Anmeldung erfolgte, vor unbefugter Nutzung geschützt. Das Papier, der Druck usw. stellen dabei nicht den wirklichen Wert der Patentschrift dar. Die Gesellschaft bekommt die Kaufverträge zu Gesicht, erhält die Steuern, die beim Verkauf anfallen, sie hat das Eigentum an Patenten zu schützen und ebenso die vorgesehene, entgeltpflichtige Nutzung dieser Patente durch die Lizenznehmer. All die gesellschaftlichen Bezüge, die zu dem realen Wertobjekt aufgebaut würden, wären bei dem oben angesprochenen nur ideell im Bewusstsein eines Tauschpartners existierenden E-Bike nicht gegeben. Maschinell erzeugte Güter als Wertobjekte Bei maschinell erzeugten oder verformten Produkten sieht es ähnlich aus. Je weniger Menschen und je mehr Maschinen und Roboter an der Produktion beteiligt sind, desto ähnlicher wird das Endprodukt einem Naturgut – selbstredend nur auf die Wertverhältnisse bezogen. Im Extremfall (der irgendwann kommen wird) würden durch Roboter geschaffene Roboter ohne menschliches Zutun Rohstoffe abbauen, verarbeiten und daraus Objekte für ihren eigenen Bestand und ihre eigene Weiterentwicklung, und – als Mehrprodukt – zusätzlich für die Menschen gestalten. Auch die auf solche Art geschöpften Produkte (die ebenfalls nicht alle stofflicher Art sein müssen – schon jetzt spielen Roboter Fußball) müssten unter den Menschen auf Wertäquivalenzbasis verteilt werden, wenn die Menschen bis dahin ihre Gesellschaft nicht auf einen anderen Verteilungsmechanismus umgestaltet haben sollten. Die Verteilungsproportionen bei solchen Produkten würden dann sicherlich, genau wie jetzt, an den Werten der menschlichen Arbeitskräfte und an den Eigentumsrechten ausgerichtet werden. In die Wertberechnungen der auf diese Art geschaffenen Produkte würden ganz sicher ebenfalls die Aufwendungen einfließen, die bei der Aufrechterhaltung des Umfeldes der Roboter sowie bei möglichen notwendigen Eingriffen in den Produktionsmechanismus entstehen bzw. entstehen könnten. Dazu zählen ebenso die Aufwendungen für das Design, für die Tests, für die Zulassungen der Maschinen, für die Gestaltung des notwendigen Umfeldes für die Roboter, jedenfalls soweit noch Menschen in diese Prozesse involviert sein würden. In die Wertberechnungen der von den Robotern hergestellten Produkte würden – wie bei den auf andere Art hergestellten Produkten – ebenso die Wertgrößen einfließen, welche durch die Verknappung bestimmter notwendiger Rohstoffe auf den Gesamtprozess einwirken würden. Die Ansprüche auf Wertäquivalente werden im Bewusstsein mit den Wertobjekten verknüpft, also über ideelle Prozesse. Trotzdem haben diese Verknüpfungen ihre Basis in der materiellen Welt. Eine objektive Basis von Wertverhältnissen im Sinne von Bezugspunkten können stoffliche Produkte, aber auch Aktivitäten, Ideen und Naturgüter sein. Die Werte der Arbeitskräfte, das Eigentum an Ideen, das Eigentum an Naturgütern, das Eigentum an durch Maschinen gefertigten Gütern usw. sind die Bezugspunkte für die mit den Wertobjekten und deren Stellvertretern verknüpften Anrechte bzw. Ansprüche auf Äquivalente. 166 Lippert Dabei sind weder Ansprüche direkt in die Wertobjekte eingebaut noch Anrechte in irgendwelche Geldmittel. Solche „Einbauten“ könnten nicht funktionieren. Die Existenzform der Wertobjekte als solche ist weder an Stoffliches noch direkt an menschliche Arbeit gebunden. Bei der Verteilung von Wertobjekten bleibt die menschliche Arbeit für absehbare Zeiträume von grundlegender Bedeutung. Ohne Arbeit gäbe es weder Wertobjekte noch Eigentum32. Irgendwann werden Maschinen völlig selbständig potenzielle Wertobjekte schaffen. Wie diese verteilt werden, bestimmen die Menschen dann wahrscheinlich noch über die Werte der Arbeitskräfte und über bestimmte Eigentumsverhältnisse. Aber, wie schon heutzutage, muss ein Teil der von den Maschinen erarbeiteten Wertobjekte bzw. ein Teil der vom Verkauf dieser Wertobjekte generierten Einnahmen an die Maschinen selbst verteilt werden: Stromversorgung und weitere Betriebsmittel, Programmierung, Kommunikation, Wartung, Reparaturen, Erweiterungen, Reinigung, Ersatz u. Ä. Die Anteile, die in Richtung Maschinen fließen, könnten als Wertausdruck für deren Werte, die Werte der maschinellen Arbeitskräfte, gesehen werden. In die Verteilung der vollständig durch Maschinen geschaffenen Wertobjekte müssen die Kosten für die verbrauchten und dem ökonomischen Austausch unterliegenden Naturgüter genauso eingebracht werden, wie dies bei den heute produzierten Produkten der Fall ist. Auf absehbare Zeiträume bezogen werden alle Verteilungsmechanismen hauptsächlich die Werte der Arbeitskräfte, die Macht- und die Eigentumsverhältnisse als Basis haben. Die Werte der Arbeitskräfte vom Typ Maschine gibt es schon so lange, wie es Maschinen gibt: Diese sind zu versorgen mit Existenzmitteln in Form von Verbrauchsmaterialien, Wartung, Reparatur und „Verewigung“ in Form von Neukauf. In der heutigen Zeit kommen weitere Existenzmittel hinzu: Immer mehr Maschinen müssen hinzulernen mittels Software-Updates, mit immer komplexeren Sicherheitsimplementierungen und anderen Zusatzkomponenten müssen ihre Fähigkeiten erweitert werden, zum Teil müssen sie bereits trainiert werden in Verbindung mit dem Einsatz sogenannter „neuronaler Netze“ usw. Widerspiegelung von (potenziellen) Wertobjekten – ideell gegeben, objektiv begründet Die objektiven Grundlagen dieser Widerspiegelungsprozesse bestehen zwar außerhalb des Bewusstseins. Wie aber diese objektiven Grundlagen in die gesellschaftlichen Prozesse einbezogen werden, das wird bestimmt durch die konkreten gesellschaftlichen Verhältnisse und durch die individuellen Widerspiegelungen der objektiven Gegebenheiten in den Bewusstseinsprozessen der Tauschpartner. Die bewussten Widerspiegelungen von objektiv existierenden Gegenständen, Verhältnissen und Prozessen erfolgen immer im gegebenen gesellschaftlichen und natürlichen Kontext und sind immer an diesen jeweiligen Kontext gebunden. Damit tragen diese Widerspiegelungen historisch bedingten Charakter. Durch die Einbindung in 32 Eigentum im Unterschied zum Besitz Hier halte ich mich an die Auffassung der Autoren Gunnar Heinson und Otto Steiger: Eigentum als Begriff wird auf Objekte bezogen, die nicht hauptsächlich für die eigene Verwendung, sondern vor allem für den ökonomischen Austausch gedacht sind. Besitz entspricht ebenfalls einer festen und durch die Gesellschaft mitgesicherten Zuordnung. Der ist aber vor allem für die eigene Nutzung gedacht. 167 zu thEsE 9: Bewusstseinsprozesse werden die ideellen Widerspiegelungen stets von individuellen Bedingungen wie Erziehung und Erfahrungen überlagert. Damit werden solche Widerspiegelungen individuell geprägt. Aber solche Widerspiegelungen besitzen notwendigerweise objektive Ursachen, denn sie müssen im Bewusstsein zunächst herausgebildet werden. Dazu wiederum müssen die objektiven Elemente solcher Widerspiegelungen außerhalb der Bewusstseinsinhalte und -prozesse existieren. Allein aus ideellen Vorstellungen heraus werden die Menschen keine Wertbeziehungen hervorbringen können. Wertbeziehungen verlangen immer ein Gegenüber. Doch ein Gegenüber gibt es für rein ideelle Vorstellungen nicht. Diese letzte Aussage wird bezogen auf typische Wertobjekte wie TV-Geräte, Smartphones etc. Bezüglich virtueller Himmelsvorstellungen sieht das anders aus. Bei denen reicht oft der Glaube daran, um sie als real zu empfinden (Das ist zumindest die Auffassung des Autors). Des Weiteren existieren die durch objektiv vorhandene Wertobjekte (die durch eine Gegenleistung anerkannten) – oder zumindest durch die vom Käufer als objektiv existierend gedachten Wertobjekte – generierten Bewusstseinsprozesse für die anderen Mitglieder der Gesellschaft ebenfalls objektiv. Das kann damit begründet werden, dass die Gesellschaft den Austausch stofflich erfasst, beim Kauf der Wertobjekte Steuern fließen, für die Kaufaktionen Kaufverträge abgeschlossen werden und dafür Rechtsnormen geltend gemacht werden können. Die dazugehörigen Bewusstseinsprozesse werden folglich auf der gesellschaftlichen Ebene stofflich manifestiert. Damit wäre eine weitere Art von objektiven Anteilen an Wertbeziehungen erfasst. Auf jeden Fall wird in Wertbeziehungen das, was jeder der Tauschpartner ideell im Bewusstsein zu den Wertobjekten verarbeitet, auf der gesellschaftlichen Ebene als objektives Resultat der ideellen Bewusstseinsprozesse wirksam. Das geschieht in allen Fällen, also wenn Käufer Wertobjekte kaufen, wenn potenzielle Käufer Wertobjekte nicht kaufen und ebenfalls, wenn Käufer mit den Verkäufern zunächst über den Wert der Wertobjekte verhandeln und sie erst danach kaufen. Generell kann formuliert werden, dass eine hinreichende Stabilität der Gesellschaft bezüglich der Erstellung und Verteilung von Erarbeitetem sowie von knappen Ressourcen nur herausgebildet werden kann, indem Wertbeziehungen entwickelt und genutzt werden. Mit dem Zwang zum wertäquivalenten Tausch werden die gerechte Verteilung von Wertobjekten und eine sparsame Ressourcennutzung gefördert. Gegenständliche und nicht-gegenständliche Wertobjekte Die Aufwendungen zur Erstellung von Wertobjekten müssen für gegenständliche und genauso für nicht-gegenständliche Wertobjekte in die Wertverhältnisse einfließen. Denn für nicht-gegenständliche Wertobjekte wie handlungsbasierte Dienstleistungen (z. B. Krankenbetreuung), Konzerte usw. müssen, in der gleichen Art wie für gegenständliche, Zeit und Geld in Ausbildung, Pflege, Weiterentwicklung und vor allem in den Lebensunterhalt der Akteure investiert werden. Dass nicht-gegenständliche Wertobjekte in die ökonomischen Austauschprozesse einbezogen werden, ist absolut notwendig. Beide Arten von Wertobjekten, gegenständliche und nicht-gegenständliche, sind wesentliche Bestandteile des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Für beide Arten von Wertobjekten hat der Wert eine wichtige und auf absehbare Zeit durch nichts anderes zu ersetzende Triebkraftfunktion. 168 Lippert Dass bestimmte „nicht-vergegenständlichende Arbeiten“ direkt in die Werte der Arbeitskräfte eingehen, kann auch in der Art erklärt werden, dass für diese Tätigkeiten eine Bezahlung erfolgt. Durch die Bezahlung werden Aufwendungen zur Bereitstellung solcher Aktivitäten als gerechtfertigt anerkannt. Die Anerkennung erfolgt wertgleich in der ausgehandelten oder akzeptierten Werthöhe durch Abgabe eines Wertäquivalents. Dadurch erfolgt eine Gleichstellung beider Arten von Tätigkeiten – der vergegenständlichenden und der nicht-vergegenständlichenden. Das Geld, das Arbeitskräfte für den Verkauf ihrer Arbeitskraft erhalten, kann mit vergegenständlichender Arbeit, mit nicht-vergegenständlichender Arbeit oder mit beiden Arten von Arbeit erworben worden sein. Dem Geld sieht man das nicht an. Es ist einfach ein Wertäquivalent, für das in bestimmtem Maße die EZB oder andere Banken (jedenfalls in unseren Breiten und in den jetzigen Zeiten) Wertäquivalent-Versprechen geben. Umgekehrt widerspiegelt das Geld notwendigerweise Anrechte auf stoffliche Wertobjekte, die menschliche Arbeit beinhalten, aber auch Anrechte auf nicht-stoffliche Wertobjekte, die menschliche Arbeit beinhalten. Ebenso werden damit Anrechte auf bestimmte Naturgüter abgebildet, die keinerlei menschliche Arbeit enthalten – dazu mehr im nächsten Kapitel. All diese Anrechte auf verschiedene Arten von Wertobjekten basieren auf den Werten der Arbeitskräfte und den „Werten“ von Eigentümern / Pächtern. Diese Werte gehen als Ansprüche auf Wertobjekte ein in die Werte der von diesen Arbeitskräften geschaffenen oder / und bereitgestellten Produkte. Somit gelangen in den Wertumfang der Ansprüche auf Existenzmittel Ansprüche auf gegenständliche sowie auf nicht-gegenständliche Wertobjekte. So kann auch auf diesem Wege erklärt werden, dass Arbeiten für und an nicht-gegenständlichen Wertobjekten wertbildend sein können. Anders formuliert: Wenn die Arbeitskräfte von ihren Löhnen nicht-gegenständliche Wertobjekte33 kaufen (Eintrittskarten für ein Fußballspiel, Bücher, Versicherungsleistungen, Finanzdienstleistungen, Software usw.), dann gehören solche Produkte des Austauschs zu ihren Existenzmitteln. Damit fließen die Werte dieser nicht-gegenständlichen Produkte ein in die Wertbildungsprozesse der Produkte, die von diesen Arbeitskräften erarbeitet und bereitgestellt werden. Somit gelangen solche Werte als Ansprüche in die Wertattribute der von diesen Arbeitskräften bereitgestellten Produkte. Im Ergebnis wird wiederum der mögliche wertbildende Charakter nicht-vergegenständlichender Arbeiten gezeigt. Werterhöhung auch durch nicht-gegenständliche Arbeit Die Werte der Wertobjekte als Endprodukte auf dem Markt sind die Summen aller „Teilwerte“ der Teilwertobjekte: die Wertobjekte in der Entwurfsphase plus die designten, zusammengebauten, geschliffenen, lackierten, wieder auffindbar und versandfertig ins Lager gestellten, verpackten und beworbenen Wertobjekte. 33 Nicht-gegenständliche Wertobjekte Ohne Frage enthalten Bücher sowie wohl fast alle anderen nicht-gegenständlichen Wertobjekte in der für die Menschen nutzbaren Form praktisch immer bestimmte Anteile an vergegenständlichter Arbeit. Aber die Hauptanteile solcher Wertobjekte, welche auch die Hauptanteile der ökonomischen Tauschbeziehungen ausmachen, sind in den hier betrachteten Fällen nicht-gegenständlicher Art. Bei Büchern sind das die geistigen Inhalte der Texte. 169 zu thEsE 9: Werden diesen „zusammengesetzten“ Wertobjekten in Wertverhältnissen ökonomische Äquivalente gegenübergestellt, so müssen diese die Äquivalenzen für alle Teilprozesse umfassen. Damit werden die Ansprüche der beteiligten Arbeitskräfte aller Teilprozesse auf Existenzmittel anerkannt und deren Ansprüche werden einbezogen in die Wertverhältnisse, die bezüglich dieser Wertobjekte aufgebaut werden. Die Wertgrößen dieser Wertverhältnisse entsprechen dem Umfang der Anerkennung der Ansprüche aller direkt und indirekt beteiligten Arbeitskräfte plus den erwarteten Mehrwerten aller Teilprozesse. Diese Ansprüche plus die erwarteten Mehrwerte werden üblicherweise als Erwartungswerte berechnet und als Preis bekanntgegeben. Abweichungen werden in den Wertverhältnissen ausgehandelt. Arbeitsprozesse wie Design entwerfen, bewerben, reinigen, verpacken, versandfertig ins Lager stellen, erledigen der dazu notwendigen Büroarbeiten usw. werden damit als wertbildende Arbeitsprozesse anerkannt. Produktive und sogenannte nicht-produktive Arbeit – schaffen oder nur verbrauchen Folgende zwei Situationen sind vorstellbar: In der Montagehalle eines PKW-Werkes werden mittels menschlicher (und maschineller) Fähigkeiten und Fertigkeiten Einzelteile aus Zulieferbetrieben zu Baugruppen zusammengesetzt. Dort werden keine neuen Teile erstellt, umgeformt o. ä. In einem Büro werden aus Ausgangsmaterialien (wie DIN-A4-Papier, Toner usw.) Vorlagen für Verträge, Einladungen, Anfragen usw. erstellt. Das sind prinzipiell in etwa vergleichbare Aktivitäten. Unter anderem wird in Bezug auf Büro- oder Reinigungsarbeiten oft argumentiert, dort würde nichts produktiv gestaltet, sondern nur verbraucht werden – ein Fall der sogenannten „nicht-produktiven Arbeit“. Aber in jedem dieser Fälle wird etwas zusammengebracht, was Nutzen bringen soll. Unterschiedlich können Sinn und Zweck, die Qualitäten, die Preise, die Lebensdauer der Arbeitsergebnisse usw. sein. Bezüglich des ökonomischen Austauschs der Ergebnisse gibt es keine prinzipiellen Unterschiede. In allen solchen Fällen wird produktiv gearbeitet und verbraucht: Energie, Hilfsmaterialien usw. Doch in allen Fällen ist der Verbrauch ein Nebenmerkmal und die produktive Arbeit ist jeweils das Hauptmerkmal. Ein Wertverhältnis wirkt unabhängig von der konkreten Art des Wertobjekts In allen Fällen, in der Montagehalle, im Büro usw., werden auf qualitativ prinzipiell gleichen Wegen prinzipiell gleiche Ziele verfolgt – gewichtete Bedürfnisse sollen über ökonomische Austauschprozesse befriedigt werden. Im ersten Fall wird der Verkauf eines Autos vorbereitet, im zweiten Fall erfolgt der Verkauf von Büro-Dienstleistungen und in einem weiteren Fall wird eine Reinigung verkauft. Wünsche werden meistens erfüllt mittels ökonomischen Austauschs von Wertobjekten gegen Wertäquivalente in Form von gesellschaftlich anerkannten Stellvertreter-Wertobjekten (Geld) mit gleichen Wertbeträgen. 170 Lippert Die Arbeitsergebnisse in der Montagehalle werden in den meisten Fällen nicht direkt den Endkunden beglücken (Aber in einigen Fällen ist es möglich, dass der Kunde die Montage seines Autos verfolgen kann, zumindest per Video). Ziele des ökonomischen Austauschs und gewichtete Beziehungsstärken In all den o.g. Fällen sind die eigentlichen Ziele des ökonomischen Austauschs nicht die Materialien oder Handlungen oder Vergegenständlichungen, sondern der Fakt, dass mit deren Hilfe bestimmte und hinreichend stark wirkende Wünsche erfüllt werden. Mit anderen Worten: Zu den Produkten der sogenannten „nicht-produktiven Arbeit“ bilden die Menschen prinzipiell qualitativ und quantitativ gleiche gewichtete Beziehungsstärken wie zu den Produkten der sogenannten „produktiven Arbeit“ heraus. Die Arten der Wertobjekte und die Wertverhältnisse Damit ergeben sich für alle drei Fälle von Wertobjekten (gegenständliche, nicht-gegenständliche, keine menschliche Arbeit enthaltene) qualitativ gleiche gesellschaftliche Wertverhältnisse zwischen den Tauschpartnern. Für das Bewusstsein ist es ohne Belang, ob die Bezugspunkte von Wertverhältnissen gegenständlicher oder nicht-gegenständlicher Art sind. Wichtig für gesellschaftliche Wertverhältnisse ist nur, dass die Bezugspunkte dem ökonomischen Austausch unterliegen. Teilprozesse aller Art können zur Wertbildung führen So hat beispielsweise ein gerade produziertes „reines“ Endverbraucherprodukt noch nicht die erforderliche Qualität, um einen darauf gerichteten Wunsch zu erfüllen – entsprechend dem gegebenen Entwicklungsstand der Wirtschaft, der Tradition, der Erfahrung usw. Es fehlt der Teilprozess Handel. Dieser erhöht zwar nicht die Qualität des Produktes selbst, aber darauf allein bezieht sich das gesellschaftliche Verhältnis Wert eben nicht. Durch den Teilprozess Handel wird eine höhere Qualität im Bedürfnisbefriedigungsprozess bezüglich des Endverbraucherproduktes erreicht. Diese höhere Qualität wiederum führt zu einer größeren gewichteten Beziehungsstärke zu dem Wertobjekt, was dadurch geäußert wird, dass ein entsprechend größeres Wertäquivalent dafür abgegeben wird. Damit verbunden ist ein größerer Wertbetrag des gesellschaftlichen Verhältnisses Wert zwischen den Tauschpartnern als er ohne das Element Handel gebildet worden wäre. Die Ursache der Werterhöhung wäre in diesem Beispiel eine „nicht-vergegenständlichende Tätigkeit“, d. h. eine Tätigkeit, durch die ein „nicht-gegenständliches“, aber ökonomisch tauschfähiges Produkt erstellt wird – eben die Bereitstellung des Produkts über den Handel. Verdeutlichen kann man sich diesen Effekt bei der Betrachtung von Direktverkäufen beim Hersteller. Diese werden im Durchschnitt nicht die übliche Kaufoption für die Mehrheit der Bürger sein, denn normalerweise haben diese weder die Zeit noch die Mittel, wegen jedem Wertobjekt von Interesse durch die Gegend zu reisen. Direktkäufe von Wertobjekten wären für die Bürger günstiger als der Ladenkäufe. Bezogen auf den 171 zu thEsE 9: Gesamtaufwand zum Erwerb würde das für die meisten Bürger anders aussehen. Für sie ist es effektiver, die Produkte über den Handel zu erwerben. Der Handel entspricht damit einer Qualitätserhöhung, die durch menschliche Arbeitskräfte bewerkstelligt wird. Für diese Qualitätserhöhung müssen, je nach den Anteilen der beteiligten Arbeitskräfte sowie der Hilfsmaterialien, der notwendigen Technik usw. und den für diese Teilprozesse erwarteten Mehrwerten (in den ausgehandelten Gesamtwerten der Produkte enthalten), Äquivalente beim Kauf der Wertobjekte abgegeben werden. Werden Endprodukte über den Handel erworben, so werden in den dafür abgegebenen Wertäquivalenten notwendigerweise Wertanteile für den Bereich „Handel“ enthalten sein. Damit wird die Teilaktivität „Handel“, ebenso wie die Produktion, als gesellschaftlich nützlicher Vorgang und als Qualitätserhöhungsprozess anerkannt. Die Ergebnisse dieser Qualitätserhöhungsprozesse werden damit als ökonomisch tauschbar gekennzeichnet – als tauschbar gegen äquivalente gegenständliche, sowie nicht-gegenständliche Ergebnisse anderer Arbeitsprozesse und ebenso als tauschbar gegen Naturgüter, die dem ökonomischen Austausch unterliegen. Ein zweites Beispiel – Vergleich Blumenvase und ärztliche Behandlung Wodurch unterscheidet sich auf ökonomischem Gebiet das Glücksgefühl z.  B. beim Kauf einer Blumenvase (über die sogenannte materielle Produktion entstanden) vom Glücksgefühl bei der Wiederherstellung des Gesundheitszustandes eines Menschen? Von den ohne Frage existierenden ethischen Unterschieden soll hier abgesehen werden. In beiden Fällen liegt zunächst ein Zustand vor, der das jeweilige menschliche Bedürfnis unerfüllt lässt. Das ist aber nicht die einzige Gemeinsamkeit. Beide Bedürfnisse müssen im Vergleich zu anderen Bedürfnissen mit einer solchen relativen Stärke existieren, dass die Verbraucher bereit sind, von den eigenen Anrechten auf Wertobjekte bestimmte Teile als Äquivalente abzugeben, um die unbefriedigenden Zustände zu beenden. Mittels der so erworbenen Wunschprodukte, d. h. der Wertobjekte – einmal die Blumenvase, einmal die ärztliche Behandlung – würden in beiden Fällen, nach dem ökonomischen Tausch, die Wünsche, die dem jeweiligen gewichteten Bedürfnis entsprechen, erfüllt sein. (Das erhoffen sich zumindest die Konsumenten.) Das Wertobjekt würde einmal direkt beim Einzelhändler und das andere Mal z. B. über die Krankenversicherung und die Arztpraxis durch die Behandlung bereitgestellt werden. Durch Abgabe des als Gegenleistung geforderten Äquivalents erfolgt die gesellschaftliche Anerkennung dieser Produkte (die Blumenvase bzw. die Wiederherstellung des Gesundheitszustandes) als Wertobjekte. Das Äquivalent wird meist in Form von Geld zur Verfügung gestellt. Für die Blumenvase würde das Geld üblicherweise direkt aus dem Einkommen genommen werden, für die ärztliche Behandlung durch Einzahlung in die Krankenversicherung vorgeschossen werden. Im Anschluss würde die Versicherung die ärztliche Leistung teilweise oder vollständig bezahlen. Im Fall der ärztlichen Behandlung haben wir es mit einem sekundären Wertverhältnis zu tun: Der Patient bezahlt primär die Leistungen der Krankenversicherung. 172 Lippert Die Krankenversicherung bezahlt sekundär die ärztliche Behandlung. Das sind ökonomisch zwei getrennt wirkende Wertverhältnisse, die trotzdem zu einer Einheit gehören. Die Einheit geht sogar über die die konkreten Beziehungen „Patient – Krankenkasse“ und „Krankenkasse – Ärztin / Arzt“ hinaus, denn wenn die Behandlungskosten extrem hoch sein sollten, wird die Versicherung notwendigerweise auf die Einzahlungen anderer Mitglieder zurückgreifen müssen. Mit der Bezahlung würde in beiden Fällen die Anerkennung der relativen Nützlichkeit der Wertobjekte im ökonomischen Sinne erfolgen. Erst diese Anerkennung der relativen Nützlichkeit der Arbeitsergebnisse durch die Abgabe eines wertmäßigen Äquivalents würde den wertbildenden Charakter der für diese Wertobjekte aufgewandten Arbeit begründen. In beiden Fällen würde sich der Käufer bzw. der Patient zunächst in einem Zustand Z1 wähnen, der nicht seinem gewünschten Zustand entspricht. Durch den Kauf des Wertobjektes Blumenvase bzw. ärztliche Behandlung möchte und würde der Kunde bzw. der Patient den Zustand Z1 in den Zustand Z2 überführen. Z2 würde, zumindest hinreichend stark für einen ökonomischen Tausch, dem gewünschten Zustand (zunächst in den Vorstellungen des Betroffenen) entsprechen. Im Fall der ärztlichen Versorgung könnte Z2 eine neue Hoffnung oder ein aus ethischen Gründen einzustellender Zustand sein, der weder Besserung noch Hoffnung bringt, dessen Finanzierung aber von der Gesellschaft als notwendig erachtet wird. In beiden Fällen würde durch das jeweilige Wertobjekt eine ökonomisch relevante Qualitätserhöhung der gegebenen Situation im Umfeld bzw. bei der eigenen Person in Bezug auf das auslösende gewichtete Bedürfnis erfolgen. Mit anderen Worten: In beiden Fällen würde der gegebene Zustand, der das jeweilige Bedürfnis unbefriedigt lässt, qualitativ verbessert. Diese zunächst nur vermutete, erhoffte oder erwartete Qualitätserhöhung würde es ermöglichen, ein gesellschaftliches Wertverhältnis zwischen den Tauschpartnern herauszubilden. Mehr Wertschöpfungsbereiche Doch nicht nur mit der Produktion von Waren, im Handel und im Gesundheitswesen können „Werte geschaffen“ werden, genauer: können potenzielle Wertobjekte erstellt werden, die als Grundlagen für gesellschaftliche Wertverhältnisse dienen können. Wertobjekte (zunächst potenzielle) können ebenso in den Bereichen Software, Know-how und Engineering, Kunst, Transportwesen, Militär, Service usw. geschaffen werden. Bedingung ist nur, dass die Ideen und Dienstleistungen dem ökonomischen Austausch unterliegen, d. h. dass für die jeweiligen Qualitätserhöhungsprozesse (und in einigen Fällen ebenso für die Qualitäts-Level-Aufrechterhaltungs-Prozesse34) Wert- äquivalente im ökonomischen Sinne bereitgestellt werden. 34 Qualitäts-Level-Aufrechterhaltungsprozesse Die Aufrechterhaltung eines bestimmten Zustandes kann auch ein Wertobjekt im ökonomischen Sinne repräsentieren, wenn dieser Zustand ständig neu geschaffen werden muss (z. B. eine bestimmte Sicherheit). Vergleich: Informationsabgabe durch eine Signallampe, die mit ihrem grünen Leuchten den Zustand Z1 anzeigt und mit rotem Leuchten den Zustand Z2. Leuchtet die Lampe ständig grün, so bedeutet das nicht, dass keine neue Information von der Lampe kommt. Vielmehr wird durch das Leuchten ständig signalisiert, dass der aktuelle Zustand Z1 ist. Eine Dienstleistungsfirma könn- 173 zu thEsE 9: Die Abgabe von ökonomischen Wertäquivalenten für solche Ideen und Serviceleistungen entspricht in allen Fällen den für ökonomische Austauschprozesse notwendigen gesellschaftlich relevanten Anerkennungen des Wertgehalts eben dieser Ideen und Serviceleistungen. Der Wertgehalt wird in den Preisen widergespiegelt, die im Rahmen der Wertverhältnisse ausgehandelt oder einfach von Käuferseite akzeptiert werden. Preisausdruck und gewichtete Beziehungsstärke Die Preisangaben widerspiegeln die Höhen der Wertbeträge der Wirkungsvektoren „gewichtete Beziehungsstärken“ in den ökonomischen Austauschvorgängen. Die Preisausdrücke sorgen auch für die Nivellierung der Bereitstellungs-Unterschiede bei stofflichen, gedanklichen, aktivitätsbasierten u. a. Wertobjekten. Für das Prinzip des ökonomischen Austauschs in der Gesellschaft / zwischen den Gesellschaften sind solche Faktoren gleichwertig, wenn gleich große Wertäquivalente dafür bereitgestellt werden. Nicht gleichwertig sind sicherlich die unterschiedlichen Ausführungsmerkmale gleichartiger Wertobjekte (z. B. verschiedene Smartphones), insbesondere deren unterschiedliche Qualitäten, deren unterschiedliche Oberflächen usw., welche die Menschen in die gewichteten Beziehungsstärken der Wertbeziehungen in der Folge unterschiedlich einbeziehen, womit die Wertbeträge dieser Beziehungsstärken objektiv bedingt ver- ändert werden. Wertverhältnisse und nicht-vergegenständlichende Arbeiten Mit der Einbeziehung von Ergebnissen nicht-vergegenständlichender Arbeiten in die Wertverhältnisse werden die Prozesse und Ideen dieser Arbeiten in die Existenzmittel der ausführenden Arbeitskräfte und damit auch in die Werte dieser Arbeitskräfte eingebracht. Dies geschah und geschieht immer – solange die Menschen Wertobjekte tauschen. Nur formuliert wurde dieser Sachverhalt zumindest in den Ausarbeitungen zur Arbeitswerttheorie nicht, jedenfalls ist dem Autor so etwas nicht bekannt. Somit geht mit jeder „Neuaufnahme“ eines solchen Wertobjektes in den Gesamt-Wertumfang der Gesellschaft eine Erweiterung des Nationalreichtums einher und damit eine Erhöhung des Bruttoinlandsprodukts, sofern dafür nichts anderes aus dem Gesamtumfang an Wertobjekten herausfällt. Wertbildung durch nicht vergegenständlichende Arbeiten – mit anderen Worten dargestellt In ökonomischen Austauschprozessen können nur Wertobjekte oder Stellvertreter Wertobjekte (z. B. Geld) gegen Wertobjekte oder Stellvertreter-Wertobjekte getauscht werden. Ein Austausch von Objekten zwischen Tauschpartnern ohne gegenseitige Anerkennung der jeweiligen ökonomischen Wertattribute der auszutauschenden Objekte würde keinem ökonomischen Austausch entsprechen. Denn das gesellschaftliche Verhältnis Wert setzt die Äquivalenz der Tauschobjekte im ökonomischen Sinne voraus. Alles, was davon abweichend übergeben bzw. übernommen wird, ist nicht Gegenstand des gesellschaftlichen Verhältnisses Wert, sondern vom Charakter her ein „Geschenk“ te dafür Geld bekommen, einen dazugehörigen Zustand so aufrechtzuerhalten, dass ständig die grüne Lampe leuchtet. So in etwa könnte man auch Polizei, Armee, Feuerwehr und andere gesellschaftliche Organisationen und Einrichtungen sehen. 174 Lippert oder ein Betrug. Es würde schließlich die für den Wert notwendige gesellschaftliche Anerkennung fehlen. Somit können „Nicht-Wertobjekte“ keine ökonomischen Äquivalente für Wertobjekte sein. Solche Tauschvorgänge wären nicht auf ökonomischer Basis realisierbar. Denn Objekte, Abläufe, Ideen, die im Tausch ohne Abgabe von ökonomisch relevanten Äquivalenten entgegengenommen würden, wären weder Wertobjekte noch Wertäquivalente (höchstens potenzielle) und die entsprechenden Tauschvorgänge würden keine Wertverhältnisse repräsentieren. Das trifft gleichermaßen auf Teile von Wertobjekten zu – damit sind Aussagen wie „Nicht der gesamte Wert wurde bezahlt!“ gemeint. Werden die Ergebnisse von Wertbeziehungen derartig beschrieben, dann würde das implizit bedeuten, dass die ökonomische Anerkennung der relativen Nützlichkeit von Teilen der Wertobjekte fehlt, nämlich die relative Nützlichkeit der Teile, die nicht bezahlt werden. In der Praxis wird die Verkäuferseite den nicht-bezahlten Anteil erst einmal nur auf das Gesamtprodukt beziehen können. Wenn z.B. statt der erwarteten € 100 nur € 90 für solch ein Produkt bezahlt würden, kann nicht daraus geschlossen werden, dass z.B. der Käufer zwei herausgearbeitete Schmuckecken an einem dazugehörigen Hebel nicht bezahlt hätte. „Nicht der gesamte Wert wurde bezahlt!“ kann nur für eine Wunschvorstellung stehen, denn es wird immer der gesamte Wert bezahlt, wenn im Rahmen eines Wertverhältnisses getauscht wird. Nur kann dieser reale Wert verschieden sein von der gewünschten Wertvorstellung. Zusammenfassung Für ökonomische Austauschprozesse ist es ohne Belang, welche konkrete Form die Austauschobjekte und demzufolge welchen konkreten Charakter die dazu aufgewandten Arbeitsaktivitäten haben bzw. hatten. Entscheidend ist, dass die Wertobjekte gesellschaftlich relevant als solche anerkannt werden. Das geschieht dadurch, dass für den Erwerb der Wertobjekte Wertäquivalente oder deren Stellvertreter (Geld etc.) abgegeben werden. Erst mit dieser Art der Anerkennung der Wertobjekte im ökonomischen Sinne erfolgt die Wandlung von Objekten / Aktivitäten / Ideen zu Wertobjekten. Erst mit dieser Art der Anerkennung der Wertobjekte als solche erfolgt die Anerkennung der zur Bereitstellung der Wertobjekte aufgewandten Arbeiten als relativ nützlich. Erst damit wird der wertbildende Charakter dieser Arbeiten anerkannt. Von der konkreten Form der Arbeitsausführung kann abstrahiert werden. Wichtig ist, dass die relative Nützlichkeit im ökonomischen Sinne erhalten bleibt, deren einziges Kriterium der Verkauf ist.

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References

Zusammenfassung

Der Zusammenbruch der UdSSR um 1990 markierte nach allgemeiner Auffassung auch den Triumph der freiheitlichen Wirtschaftsordnung über das sozialistische Planwirtschaftsmodell. Die genauen Gründe hierfür sind nicht leicht auszumachen. Allein die Fülle an unterschiedlichen Theorien zur Erklärung des sowjetischen Zerfalls legt den Schluss nahe, dass es ein komplexes Zusammenspiel mannigfaltiger Faktoren war, die den kommunistischen Gedanken als eine praktische Wirklichkeit nicht überdauern ließ. Rainer Lippert fügt der wissenschaftlichen Diskussion einen weiteren, wertvollen Ansatz hinzu. Seine neue und zeitgemäße Überarbeitung der weltberühmten Theorie erweitert Marx’ klassischen Arbeitswertbegriff und beweist, dass dieser nur ein Spezialfall eines viel allgemeineren Wertbegriffes ist. Durch Lipperts Erweiterung der Marx'schen Arbeitswerttheorie lässt sich nicht nur der entscheidende Konstruktionsfehler planwirtschaftlicher Modelle benennen: Aus dem Überführen der Marx’schen Grundprämisse in eine allgemein lebenswirklichere Form gelingt ihm auch in schlüssiger Weise die zentrale Argumentation für die freie Marktwirtschaft.