6 Rote Armee Fraktion in:

Philip Weissermel

Terrorismus als Kommunikationsstrategie, page 61 - 84

Ein Vergleich der Roten Armee Fraktion und des Islamischen Staates

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3916-8, ISBN online: 978-3-8288-6666-9, https://doi.org/10.5771/9783828866669-61

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Politikwissenschaften, vol. 71

Tectum, Baden-Baden
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61 6 Rote Armee Fraktion Mehr als zwei Jahrzehnte lang war die Rote Armee Fraktion der Inbegriff von Terror, Gewalt und Mord in der Bundesrepublik Deutschland. Die Geschichte der RAF lässt sich in mehrere Phasen unterteilen. Die Geschichtsschreibung nimmt insgesamt die Existenz von drei unterschiedlichen Generationen an. 1970 gründete sich die RAF, nach der Befreiung von Andreas Baader aus der Haft, und löste sich 1998 – nach 28 Jahren – selbst auf. Der RAF werden insgesamt 34 Morde, zahlreiche Banküberfälle und Sprengstoffattentate zur Last gelegt. Dabei vollzog die RAF im Lauf der Jahre eine Wandlung vom Erklärungsterrorismus zum Handlungsterrorismus (vgl. Kraushaar, 2007). Das Konstrukt linke Szene erfasst Anhänger der RAF und der unterschiedlichen Bewegungen sowie die Zeitströmungen zwar nur unzugänglich, da es jedoch nie eine Sammlungsströmung, sondern oft bis ins Mikroskopische zersplitterte einzelne Organisationen und Gruppen gab, dient dieser Begriff hier zur Abgrenzung vom Milieu bür gerliche Mitte. Beide Begriffe sind hier nicht als empirisch gesicherte sozialwissenschaftliche Definitionen, sondern allgemeinsprachlich zu verstehen. Ebenso wenig ist die linke Szene mit der Sympathisantenszene identisch, auch wenn sich spätere RAF-Sympathisanten und Aktivisten der zweiten und dritten Generation aus der linken Szene rekrutierten. Die Ideologie der RAF betrifft grob zwei Kategorien: die Gesellschaftskritik und zum anderen in die Revolutionstheorie. Die Gesellschaftskritik baut sich ebenfalls aus zwei Elementen auf: die Ablehnung des Gesellschaftssystems der BRD und die Imperialismus-Kritik. In der Ablehnung des Gesellschaftssystems geht es hauptsächlich um die sozialen Missstände der BRD und andere gesellschaftliche Mängel. Zur Imperialismus-Kritik gehört die Kritik am Kapitalismus, der seine Profite durch Unterwerfung und Ausbeutung der Dritten Welt Länder erreiche. Die Industrieländer errichten nach der Auffassung der RAF Monokulturen in den Ländern der Dritten Welt, welche 62 Philip Weissermel: Terrorismus als Kommunikationsstrategie vom Weltmarkt abhängig sind und somit auch von den Industrieländern. Dieses Teil der Kritik war am wirkungsvollsten und überzeugte auch viele Menschen. Die Gesellschaftskritik ergab, dass Proletariat und kommunistische Parteien versagt haben. Deshalb müsse ein neues revolutio näres Subjekt an ihre Stelle treten. Die Protestdemonstrationen gegen den Besuch des Schahs von Persien in West-Berlin markierten den Anfang einer Entwicklung, deren Ausläufer zum Terrorismus führten (vgl. Hobe, 1977, 25). Ein Meilenstein der Radikalisierung und in dem Prozess der Gründung der RAF war der Tod von Benno Ohnesorg während der Proteste gegen den Schah im Jahr 196716. Angesichts der Masse an Publikationen möchte ich im Folgenden lediglich auf die für diese Arbeit relevanten Aspekte eingehen, sowie die größten Eckpfeiler der RAF aufzeigen. 6.1 Geschichte der RAF In den 1970er-Jahren wurde die BRD zum Schauplatz einer Serie terroristischer Anschläge: Angriffe auf öffentliche Gebäude und Einrichtungen, Überfälle auf Sparkassen und Banken und Mordanschläge. Als Urheber gelten drei Gruppierungen: die RAF, die Bewegung 2.  Juni und die Revolutionären Zellen (RZ). Als einflussreichste der drei Gruppierungen erwies sich die RAF. Sowohl hinsichtlich der Intensität und Öffentlichkeitswirksamkeit der Anschläge als auch der Produktion von ideologischen Texten und Rechtfertigungsschreiben übertraf sie die anderen Gruppierungen deutlich. Es handelte sich dabei um eine Organisation, die mit einer zentralistischen Struktur und strenger Disziplin Terrorismus als Kommunikationsmittel einsetzte (vgl. Umlauf, 2008, 197). Als Vorläufer der RAF gilt die nach dem Kaufhaus-Brandstifter Andreas Baader und der Journalistin Ulrike Meinhof benannte Baader- Meinhof-Gruppe. Nach den Studentenrevolten der 1960er-Jahre rich- 16 In Berlin wird bei einem Polizeieinsatz gegen Anti-Schah-Demonstranten der Student Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 tödlich von einer Kugel in den Hinterkopf getroffen. Der 40-jährige Polizeiobermeister Karl Heinz Kurras behauptet, dass er in Notwehr von der Schusswaffe Gebrauch gemacht habe. 636 Rote Armee Fraktion tete diese „erste Generation“ ihre Gewalttaten bis 1972 vor allem auf US-amerikanische Einrichtungen. Diese sogenannte erste Generation bestand vorwiegend aus begabten Studenten oder Hochschulabsolventen aus bürgerlichen Familienverhältnissen. Die Gruppe verortete ihre Wurzeln in der studentischen Protestbewegung. Doch hielten die Mitglieder deren Protestformen für nicht hinlänglich durchsetzungsfähig. Gesellschaftliche und politische Veränderung sollte somit durch physische Gewalt vorangetrieben werden. Die RAF sah sich dabei als ein Teil einer internationalen Front gegen Faschismus, Imperialismus und Kapitalismus. Da diese Entwicklungen nach Ansicht der RAF von der Bevölkerung nicht erkannt wurden, war es das Ziel, sie aufzuklären und zur Revolution gegen diese Verhältnisse zu bewegen. Die RAF sah sich somit in der Position einer aufklärerischen Avantgarde. Die Mitglieder der RAF fassten sich selbst in den frühen 1970ern nicht als Terroristen auf, sondern in Anlehnung an südamerikanische Vorbilder als Guerillagruppe.17 Eine Woche nach der Befreiungsaktion Andreas Baaders erschien in der linksradikalen Zeitschrift „agit 883“ die erste öffentliche Erklärung der RAF unter dem Titel „Die Rote Armee aufbauen“ (vgl. zit. nach Hoffmann, 1997, 24 ff.). Wenig später reiste die Gründungsgruppe für zwei Monate in den Nahen Osten, um sich von Einheiten der palästinensischen Befreiungsorganisation El Fatah18 militärisch ausbilden zu lassen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt muss von einer terroristischen Gruppe gesprochen werden (vgl. Langguth, 1983, 203 ff.). Anschläge auf den Axel Springer Verlag19 wegen der „Hetze auf die RAF und die Studentenbewegung“ bzw. wegen seiner kapitalistischen Struktur folgten. Am Höhepunkt, des sogenannten 17 In der vorliegenden Arbeit wird die RAF trotz ihres Selbstverständnisses als terroristische Organisation bezeichnet, vor allem aus dem Grund das Mitte der 1970er Jahre mehr und mehr von ihrem Vorbild der Stadtguerillaorganisation entfernte und sich zu einer terroristischen Organisation entwickelte. 18 bezeichnet eine palästinensische Partei, die in dem Palästinensischen Autonomiegebieten aktiv ist. Bei ihrer Gründung im Jahr 1959 war die Fatah eine reine Guerillagruppierung, die mit bewaffnetem Kampf und terroristischen Anschlägen für die Unabhängigkeit der Palästinensergebiete und die Zerstörung Israels kämpfte. 19 Am 19. Mai 1972 gingen im Hamburger Axel-Springer-Haus mehrere Bomben hoch. Obwohl es zuvor mehrere Warnanrufe gegeben hatte, war das Gebäude nicht geräumt worden. Bilanz: 17 Verletzte. 64 Philip Weissermel: Terrorismus als Kommunikationsstrategie Deutschen Herbst 1977, wurde nicht nur Hanns-Martin Schleyer20 entführt, sondern ebenso ein Flugzeug der Lufthansa mit Urlaubern von einem solidarisierten palästinensischen Kommando. Auch diese Aktion sollte zur Freilassung von elf RAF-Gefangenen führen. Unmittelbar nach der Befreiung der Geiseln durch die GSG 9 wurden die in der JVA Stuttgart-Stammheim inhaftierten RAF-Mitglieder Baader, Ensslin und Raspe tot aufgefunden. Ulrike Meinhof war bereits 1976 gestorben. 6.1.1 Erste Generation Die Geschichte der ersten Generation der RAF lässt sich in drei Phasen unterteilen: die Entstehungsphase, die Konsolidierungsphase und die Aktivitätsphase (Eltner 2008, 9). Insgesamt lässt sich die historische Entwicklung der ersten Generation nur im Kontext der mannigfaltigen und sehr heterogenen sozialen und politischen Strömungen der 1960er-Jahre verstehen, die hier bereits skizziert wurden. In der Literatur wird die Gründung von linksterroristischen Organisationen zu Beginn der 1970er-Jahre in den Bundesrepublik relativ einhellig als Zerfallsprodukt der sich auflösenden Studentenbewegung definiert (vgl. Backes, 1998, 149). Als erste Generation der RAF gilt die Gruppe, die sich ab 1970 im Umkreis der zentralen Figuren Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof bildete. Bis Ende 1974 war diese Gruppe für zahlreiche Banküberfälle und für Bombenanschläge auf amerikanische Militäreinrichtungen, deutsche Sicherheitsbehörden und ihre Vertreter sowie Medienunternehmen mit einer Gesamtbilanz von vier Toten und 41 Verletzten verantwortlich (vgl. Daase, 2007). Am 28.  April wurden Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan- Carl Raspe wegen mehrfachen vollendeten und versuchten Mordes, der Herbeiführung von Sprengstoffexplosionen und der Beteiligung an einer kriminellen Vereinigung als Mitglied zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt (vgl. Geiss, 2002 1091). 20 Hanns Martin Schleyer war ein deutscher Manager und Wirtschaftsfunktionär. Von 1973 bis 1977 war er deutscher Arbeitgeberpräsident und seit 1977 Vorsitzender des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI). Seine Entführung und Ermordung durch die RAF gilt als Höhepunkt des deutschen Herbstes. 656 Rote Armee Fraktion 6.1.2 Zweite Generation Aus dem Kreis der Sympathisanten, welcher sich durch die Stammheimprozesse21 vergrößerte, hatte sich nach der Verhaftung der alten Führungsspitze 1972 eine zweite Generation entwickelt. Die RAF- Gefangenen betrachteten sich dabei als „Gefangenen-Teil der Guerillaorganisation RAF“. Dabei wurde auch aus der Haft heraus der Kampf gegen den gehassten Staat geführt. Vorrangiges Ziel der zweiten Generation war aber nicht die Bekämpfung des Systems bzw. des Staates, sondern die Befreiung der ersten Generation, um dann den Kampf gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung in Deutschland weiterzuführen (vgl. Pflieger, 2007, 41). Dazu gehörte neben dem Agitationsthema „Isolationsfolter“ vor allem das Mittel der Nahrungsverweigerung. Die Folgezeit ist daher vor allem durch Aktionen der Gefangenen geprägt. Das Jahr 1977 ist als Hochphase der RAF zu deuten. In diesem Jahr fanden die Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer und der Lufthansa- Maschine Landshut sowie die Ermordung von Buback, Schleyer und Ponto statt. 6.1.3 Dritte Generation Nach 1977 war die RAF zunächst nicht mehr aktiv. Es wurde bereits vermutet, dass das Scheitern der Aktionen und vor allem der „Big Raushole“ 22 das Ende der Gruppe bedeutete. Dennoch entwickelte sich eine dritte Generation. Ihre ersten Jahre waren bis auf die fehlgeschlagenen Attentate auf den europäischen NATO-Oberbefehlshaber Alexander Haig und den Oberkommandierenden der US-Streitkräfte General Frederick Kroesen sowie das Bombenattentat auf das Europa- Hauptquartier der US Air Force geprägt vom Leben im Untergrund und auf der Flucht (vgl. Elter, 2008, 208). Im Jahr 1982 veröffent- 21 Stammheim ist ein Stadtteil im Stuttgarter Norden. Hier fand der erste große Prozess gegen die RAF statt, dem später noch viele andere vor dem 2. Senat des Oberlandesgerichts folgten. 22 Big Raushole“ haben die Terroristen ihre Aktion getauft, mit der sie elf inhaftierte RAF-Mitglieder – darunter Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe – aus dem Gefängnis in Stammheim freipressen wollten. 66 Philip Weissermel: Terrorismus als Kommunikationsstrategie lichte die RAF das so genannte Mai Papier23, in dem sie eine Änderung ihrer Zielsetzungen ankündigte. Da die Ziele der zweiten Generation mit dem Tod der inhaftierten Mitglieder der ersten Generation hinfällig waren, kam es zu einer kompletten strategischen Neuausrichtung. Die ideologische Traditionslinie zur bisherigen RAF wurde zwar aufrechterhalten, allerdings wurden neue Aktionsstrategien entwickelt (vgl. ebd.). Festzuhalten ist, dass die dritte Generation der RAF ihre Anschläge sehr viel professioneller als ihre Vorgänger plante. Als führende Köpfe der dritten Generation sind Wolfgang Grams und Birgit Hogefeld bekannt. Sie erhielten wie andere Mitglieder der RAF auch in den 1980er Jahren Unterschlupf in der DDR (vgl. Geiss, 2002, 1091). Im Jahr 1998 verkündetet die RAF in einer „Mitteilung an die Nachrichtenagentur Reuters“ ihre Selbstauflösung. Gründe dafür wurden nicht genannt. 6.2 Ziele der RAF Die Ziele der RAF lassen sich nicht verallgemeinert skizzieren und zeigen eine gewisse Veränderung im Verlauf des Bestehens der Gruppe. Als anfängliches Ziel lässt sich sicherlich ein allgemeines Aufbegehren der gesellschaftlichen Mitte gegenüber dem Staat benennen. Wenig später konkretisieren sich die Ziele in genauen Forderungen. Nach der Gründung und der Herausbildung aus den Protestbewegungen sind die Ziele der RAF, die staatliche Ordnung und die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse in der Bundesrepublik Deutschland sowie die Nordatlantische Verteidigungsgemeinschaft (NATO) durch 23 In den „Mai-Papier“ versuchte die RAF künftige Anschläge als „Angriffe auf den militärisch-industriellen Komplex“ zu rechtfertigen; darüber hinaus verstand sich die Gruppe fortan als Avantgarde einer westeuropäischen „antiimperialistischen Front“. 676 Rote Armee Fraktion Gewalttaten wie Mord und Sprengstoffanschläge zu bekämpfen. Hintergründe dieser aggressiven Einstellung und Ausgangspunkt für die gewaltsamen Aktionen sind verschiedene Erfahrungen in den 1960er- Jahren, die von den Beteiligten als nicht hinnehmbar empfunden werden, etwa die Napalm-Bombardierungen in Vietnam durch die USA, die westliche Überflussgesellschaft als Folge des Kapitalismus, das gewaltsame Vorgehen des Staates gegen Demonstranten sowie die fehlende Aufarbeitung des Dritten Reiches und insbesondere des Holocaust (vgl. Pflieger, 2011, 15). Nach der Befreiung Andreas Baaders (14. Mai 1970) versteht sich die RAF selbst als politisch-militärische Organisation. In der BRD sieht sie eine „Metropole des Imperialismus“ (vgl. Dersch, 2007, 14), die sie für den „Todfeind der Menschheit“ hält. Wegen der Schwäche der revolutionären Kräfte in Deutschland sollen durch bewaffnete, gewaltsame Aktionen (Propaganda der Tat) Fanale gesetzt werden, um den potentiellen revolutionären Teil in der Gesellschaft (Proletariat) zu weiteren revolutionären Aktionen und letztlich zu dem Beginn des „Volkskrieges“ zu veranlassen (vgl. Straßner, 2008, 23). Die Mitglieder der RAF sahen sich als Vorreiter einer Revolution und als Befreiungsbewegung, obwohl die Gruppe anders als in vielen anderen Ländern keine Unterstützung in der Bevölkerung hatte. Die meisten Bürger verurteilten das brutale Vorgehen der RAF, mit dem sie ihre Ziele durchsetzen wollten. Nach Inhaftierung der ersten Generation veränderte die RAF ihre Ziele. Ursprünglich sollte die Befreiung der bundesdeutschen Arbeiterklasse vom kapitalistischen Joch dem Kapitalismus auf Weltebene einen entscheidenden Schlag versetzen und in einer Kettenreaktion zur Abschüttelung der imperialistischen Herrschaft durch die notleidenden und ausgebeuteten Massen in der Dritten Welt führen. Handlungsleitend für die zweite Generation hingegen war die Befreiung der inhaftierten Mitglieder der ersten Generation (vgl. Waldmann, 2005, 112). Die allgemeinen Ziele wurden zwar nicht verworfen, sondern vielmehr der Notwenigkeit der Befreiung der ersten Generation unterworfen. 68 Philip Weissermel: Terrorismus als Kommunikationsstrategie 6.3 Kommunikationsstrategien der RAF Mehr als bei jeder bis dahin aktiven terroristischen Vereinigung liefert die Geschichte der RAF anschauliche Belege für die These von der kalkulierten Nutzung des Terrorismus als Kommunikationsstrategie. Durch die wissenschaftlich gute Aufarbeitung der Taten und Schriften der RAF lässt sich ein nahezu lückenloses Profil der Kommunikationsstrategie zeichnen. Die terroristischen Gewalttaten sind nicht alleinstehend Mittel der Kommunikation. Besonders Bekennerschreiben, Pamphlete, Flugblätter sowie theoretisch argumentierende Texte zeigen, wie Terrorismus von der RAF als Kommunikationsstrategie eingesetzt wurde. Die Adressaten der RAF, so zeigt die Analyse der Texte, waren seit ihrer Gründung dabei nicht nur die abstrakten Größen „Volk“ und „Masse“, sondern immer auch die RAF selbst und damit die eigenen Mitglieder, Unterstützer und Sympathisanten. Die terroristischen und kommunikativen Akte waren somit immer auch an den Urheber bzw. Absender adressiert. Dass jegliche terroristische Handlungen einen Adressaten haben, also kommunikativ an einen Empfänger gerichtet sind, folgt aus der in dieser Arbeit erarbeiteten Definition „Terrorismus als Kommunikationsstrategie“. Die Aporie der Adressierung der Bezugsgruppen der RAF zeigt sich als erstes am Abstraktionsgrad der Gewalt, der in dieser Qualität den theoretischen Texten folgt. Denn die aus der Ideologie resultierenden Feindbilder müssen, sollen sie zum Angriffsziel der Propaganda der Tat werden, durch stellvertretende Ziele mit symbolischem Charakter substituiert werden, da Systeme wie Staat, Justiz, Wirtschaft oder Militär „nicht in irgendeinem physischen Sinne angreifbar sind“ (Fuchs, 2004, 45). Die Ortlosigkeit der zu attackierenden Systeme setzt deshalb eine gewisse Differenz zwischen tatsächlichem und ideologisch anvisiertem Ziel voraus, Terrorismus kann systematisch nicht direkt zuschlagen, sondern immer nur indirekt. Für die kommunikative Vermittlung der terroristischen Botschaft bedeutet das letztlich, dass der Rezipient die Transferleistung vom tatsächlichen zum anvisierten Ziel nachvollziehen kann. Für die kommunikative Vermittlung eines Anschlags hat das weitreichende Konsequenzen. Denn die Personalisierungstendenz jeglicher Berichterstattung über ein Attentat widerspricht dem Anliegen der Terroristen, dass nicht das 696 Rote Armee Fraktion individuelle Opfer, sondern die abstrakte Institution wahrgenommen werden soll. RAF-Bombenanschläge auf US- Einrichtungen verfolgten das Ziel, auf den Krieg in Vietnam sowie auf den abstrakten Sachverhalt „Imperialismus“ aufmerksam zu machen. Die menschlichen Opfer dieser terroristischen Kommunikationsstrategie wirkten dabei gleichzeitig negativ auf diese zurück. Denn die RAF konnte sich kaum mit den Massen, die eigentlich ihr Zielpublikum waren, verständigen oder in einen Dialog treten, da die Schockwirkung die Wahrnehmung der beabsichtigten Botschaft unmöglich machte (vgl. Berendes, 2005, 51). Die Konsequenz daraus lautet somit: „Je abstrakter der Radikalismus wurde, desto geringer erschien die Möglichkeit, Motive und Ziele zu kommunizieren“ (ebd., 51). Im Fall der RAF ist angesichts ihrer Ideologie festzustellen, dass die terroristischen Akte trotzdem Kommunikation waren. Denn eine Gruppe, die über den bewaffneten Kampf ein Bewusstsein der Unterdrückung und der Notwendigkeit der Revolution in der Bevölkerung erzeugen will, ohne bisher in dieser verankert bzw. durch diese legitimiert zu sein, muss zwangsläufig in ihrem Handeln Kommunikation zum Ziel haben (vgl. Dersch, 2007, 31). Die ersten definitionsgetreuen Terrorakte der RAF sind die Brandanschläge von Frankfurt im April 196824. Bereits damals existierten klare strategische Überlegungen dazu, wie Botschaften diese Taten vermitteln sollen. Auch wenn zu diesem Zeitpunkt die Gründung der RAF noch nicht vollzogen war, kann durchaus die Tat der RAF zugesprochen werden, da die Täter der Brandanschläge sich später als Gründungsmitglieder der Roten Armee Fraktion wiederfanden. Ulrike Meinhof, die später wichtig für die Entwicklung der Kommunikationsstrategie der RAF wurde, begleitete den Prozess rund um die Bandanschläge als Journalistin. Hierzu schrieb sie: „Das progressive Moment einer Warenhausbrandstiftung liegt nicht in der Vernichtung der Waren, es liegt in der Kriminalität der 24 In der Nacht des 2. April 1968 legten Gudrun Ensslin und Andreas Baader zusammen mit Thorwald Proll und Horst Söhnlein Brandbomben in den Frankfurter Kaufhäusern Schneider und Kaufhof. Die Bomben detonierten mit Hilfe von Zeitzündern nach Ladenschluss. Bereits einen Tag später wurden die Täter verhaftet. 70 Philip Weissermel: Terrorismus als Kommunikationsstrategie Tat- im Gesetzesbruch. […] Hat also eine Warenhausbrandstiftung dies progressive Moment, das verbrechenschützende Gesetze dabei gebrochen werden, so bleibt zu fragen, ob es vermittelt werden kann, in Aufklärung umgesetzt werden kann. Was können – so bleibt zu fragen – die Leute mit einem Warenhausbrand anfangen?“ (Meinhof 1968 in Henschen, 2013,98) Bereits hier zeigt sich eine große Offenbarung in der Strategie der späteren Mittäterin der RAF. Die Frage stellte sich nicht mehr, ob eine Handlung legal oder illegal war, sondern vielmehr, ob sie als revolutionär kommuniziert werden konnte. Die Brandanschläge von 1968 sind aber auch aus einer anderen Perspektive der Kommunikation sehr interessant. Die Prozesse riefen ein ungewöhnlich höheres Medienecho hervor als vergleichbare Taten. Medienvertreter aller Zeitungen verfolgten die Prozesse und schrieben ausführlich über die Taten und Täter. Ein Grund für dieses große Medienecho war womöglich die Tatsache, dass seit der NS-Zeit keine Brandstiftungen mehr aus politischen Gründen geschehen waren. Zwar wurden durchaus Molotowcocktails bei Demonstrationen geworfen, jedoch wurden keine geplanten und politisch motivierten Brandanschläge vollzogen. Die Selbstinszenierung von Baader und Ensslin während der Prozesse als revolutionäres Liebespaar erweitertet das mediale Interesse. Die Botschaft, die aus dieser Inszenierung nach außen getragen werden sollte, war deutlich: Jeder sollte sehen, dass diese Gruppierung vom stillen Protest zur aktiven Umsetzung von Forderungen übergegangen ist. Gesellschaft und Staat wurde ein Bild von überzeugten Revolutionären vermittelt, die auch nicht vor Gewalt zurückschrecken. Aber auch bereits vor den Prozessen versuchte die Gruppe sich das breite Medienecho zu sichern, indem sie die Medien über ihre Taten im Vorfeld detailliert informierten. Das gezielte Informieren der Presse, später als Bekennerschreiben, wurde fester Bestandteil des terroristischen Kalküls der RAF. Die Frankfurter Brandanschläge und Prozesse sind auf Grund ihres Erfolgs aus Sicht der Täter somit auch als eine Art „Probedurchlauf“ der späteren Kommunikationsstrategie der RAF zu sehen. In den ersten echten programmatischen Schriften der frühen 1970er-Jahre zeigt sich die Konsolidierungsphase der RAF in kom- 716 Rote Armee Fraktion munikativer Hinsicht. Nach der Befreiung Baaders am 14. Mai 1970 wurde in den von Mahler25 geschriebenen Texten mit dem Titel „Die neue Straßenverkehrsordnung“ erstmalig Terrorismus als Praktik kommuniziert. Dieser Text ist in wesentlichen Teilen marxistisch-leninistisch geprägt, enthält aber auch maoistische Elemente. Terror im Sinn Lenins wird darin ausdrücklich als Mittel auf dem Weg zur Revolution gerechtfertigt. In einer Art „Gebrauchsanweisung“ am Ende dieses Textes fordert Mahler zunächst auf, eine kommunikative Ebene einzurichten. Eine umfangreiche Propaganda für den bewaffneten Kampf sei dafür notwendig. Diese soll den Massen erklären, „warum dieser [der Kampf ] notwendig und unvermeidlich ist und wie er vorbereitet werden kann [konspirative Flugblätter und Wandparolen]“ (zitiert nach Bittermann, 1987, 119 ff.). Ebenfalls zeichnete sich die Kommunikationsstrategie der RAF durch eine bewusste Provokation des Staates aus. In der Schrift „Die Rote Armee aufbauen“ heißt es: „Macht das klar, dass die Revolution kein Osterspaziergang sein wird“ (vgl. Maya, 2013, 51). Das illustriert deutlich die Strategie, den Staat durch den Einsatz von Gewalt zu überzogener Gegengewalt und zur Ausbildung repressiver Strukturen provozieren zu wollen. Darunter würden dann auch automatisch Unbeteiligte leiden, die – so die Theorie – dann wiederum den Revolutionären zulaufen würden. Obwohl die Verfolgungsbehörden und die Politik das Eskalationsspiel häufig mitspielten, zeigt der Verlauf der Geschichte, dass der Plan scheiterte. Doch bestimmte diese Theorie die kommunikative Strategie der RAF auch über die Jahre 1970/71 hinaus. Wie bereits in den vorigen Kapiteln dargestellt, wurde hier die terroristische Tat bewusst zur Kommunikation eingesetzt. Adressaten waren Staat, Gesellschaft und mögliche Sympathisanten. Als Gesellschaft galt zu diesem Zeitpunkt stets eine formbare und manipulierbare Masse, die von der RAF als „ignorant“ oder „unverbesserlich“ tituliert wurde (Elter, 2007, 87). Sympathisanten sollten aus bereits zugeneigten Milieus rekrutiert werden. Die Einschüchterung und Verunsicherung der Gesellschaft war durchaus gewollt, sodass der Eindruck entsteht, es sei 25 Horst Mahler gilt als Mitgründer der RAF. Am 8. Oktober 1970 wurde er in Berlin verhaftet und später wegen Bankraubs und Gefangenenbefreiung zu 14 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Er sagte sich 1975 vom Terrorismus los und erreichte 1988 seine Wiederzulassung als Anwalt. 72 Philip Weissermel: Terrorismus als Kommunikationsstrategie mehr darum gegangen, den Staat zu schwächen, als Sympathisanten zu rekrutieren. Ein Beleg hierfür ist die oft drastische Ausdrucksweise in den Schriften der RAF, die bei der bürgerlichen Mitte eher Befremden als Sympathien auslöste (vgl. Eltner, 2008, 170). Rückblickend lässt sich das „Bombenjahr 1972“ (ebd., 115) als Ende der Vorbereitungsphase deuten. Spätere Bekennerschreiben belegen eine gewandelte Kommunikationsstrategie. Während der Schwerpunkt in der Phase der Konsolidierung auf den programmatischen Schriften gelegen hatte, verlagerte er sich nun auf die Bekennerschreiben. An die Stelle der Propaganda des Wortes rückte die Propaganda der Tat. Verlautbarungen der Gruppe bis hin zu Hungerstreiks der in Stammheim Inhaftierten waren nicht mehr programmatisch geprägt, sondern bezogen sich stets auf konkrete Anschläge. Das Selbstverständnis der RAF forderte gerade bei öffentlichkeitswirksamen Anschlägen, die im Gegensatz zu den theoretischen Schriften nicht für den Diskurs der Gegenöffentlichkeit konzipiert waren, das Nachreichen der Bekennerschreiben. Das war insbesondere notwendig, da medial gestreute Repräsentationen von Taten an sich nur „mit außerordentlich geringer Information verknüpft“ (Fuchs, 2004, 65) sind und deshalb eine schriftliche Sinnaufladung verlangen, die im Fall der RAF einerseits staatliche Repressionen auslösen sollte, um damit anderseits eine Massenmobilisierung gegen den „faschistischen Staat“ einzuleiten. Historisch gesehen gelang der RAF der erste Punkt. Sie erzwangen staatliche Reaktionen auf ihre Anschläge: Gesetzesänderungen und -verschärfungen und die Aufrüstung des Fahndungs- und Sicherheitsapparats. Der zweite Punkt erfüllte sich jedoch nicht, denn die „Massen“ solidarisierten sich nicht mit der Gruppe und akzeptierten sogar Einschränkungen von Freiheit und Grundrechten zugunsten der inneren Sicherheit. Die ersten Bekennerschreiben der RAF wurden nach den Anschlägen im Mai 1972 publik (vgl. Elter, 2008, 123). Nachdem die Grenze von der Propaganda zu der Tat überschritten war, zeigen die Bekennerschreiben an die breite Gesellschaft eine neue Ausrichtung. Fortan sollten die Aktionen über den Umweg der Massenmedien der breiten Öffentlichkeit erklärt werden. Die Taten, ihre Hintergründe und Motive sollten fortan flächendeckend bekanntgemacht werden. Diese Berichterstattung über die Tat galt offenbar als ebenso wichtig wie die 736 Rote Armee Fraktion Tat selbst, denn die meisten Bekennerschreiben wurden nun an alle großen Medien geschickt. Die terroristischen Taten der RAF dienten sowohl als Kommunikationsmittel zur Rekrutierung möglicher Sympathisanten als auch zur Provokation des Staates. Inwieweit die Rekrutierung im Sinne der Terroristen funktionierte, wird im folgenden Kapitel näher erläutert werden. Als weiteren Effekt, der jeder unkalkulierbaren Gefahr zukommt, erzeugten die Bombenanschläge und Überfälle der RAF weithin Verunsicherung und Angst in der Gesellschaft. Während die Taten selbst, die Bombenanschläge oder Brandstiftungen nur verhältnismäßig wenig zerstörten, sorgten ihre Symbolkraft und das Wissen, es handele sich um vorsätzlich von einer nicht zu fassenden terroristischen Gruppierung begangene Taten, für immense kommunikative Effekte. Unberechenbarkeit spielt, wie bereits aufgeführt, bei der Erzeugung von Angst und Schrecken eine tragende Rolle. Während sich das Konzept Stadtguerilla26 noch als „Rhetorik der Intensität“ (Dersch, 2007, 35) auffassen lässt, die sich in dieser Form ebenfalls bei nicht-gewalttätig gewordenen Avantgardeströmungen finden lässt, übersteigt die RAF im Mai 1972 das rein Rhetorische. Die Taten zuvor wie Banküberfälle, Diebstähle von Autos und Einbrüche in Passämter dienten ausschließlich dem logistischen Aufbau der Organisation und wurden deshalb auch nicht mit einem Bekennerschreiben versehen. Zwischen dem 11. und 24. Mai 1972 attackierte die RAF mit Bomben und Sprengstoffanschlägen zahlreiche Ziele in der BRD, bei denen vier US- Soldaten getötet und 40 Menschen zum Teil schwer verletzt wurden (vgl. Beermann, 2004, 45). Die Anschläge als terroristische Kommunikation streuten dabei über ihre mediale Verbreitung „Identifikationspunkte“ (Elter, 2008, 23) aus, mit deren Hilfe der Gemeinsinn in der Gegenöffentlichkeit aktualisiert und damit die Mitglieder in ihrem Handeln bestärkt werden sollten. Dabei zeigt sich 26 Diese von Ulrike Meinhof verfasste Schrift „Das Konzept Stadtguerilla“ rechtfertigt den bewaffneten Kampf der „Stadtguerilla“ aus der Illegalität heraus. Im „Konzept Stadtguerilla“ betont Ulrike Meinhof, dass nur die Anwendung von Gewalt ein erfolgversprechendes Mittel zur Umgestaltung der Gesellschaft sein kann. Der „US-Imperialismus“ müsse in allen Gegenden der Welt bewaffnet bekämpft werden. 74 Philip Weissermel: Terrorismus als Kommunikationsstrategie auch eine partielle Selbstadressierung durch die Taten. Denn trotz der scheinbar politischen Motivationen, die die RAF durch die Bekennerschreiben vermittelte, drehte sich die Propaganda der Tat auch um die RAF selbst und richtete sich gleichsam an sich selbst (vgl. Umlauf, 2008, 78). Die Kommunikationsstrategie der RAF zeigt eine Vielzahl an Strategien, welche zur Kommunikation der ideologischen Botschaften dienten. Der Vorwurf der Isolationsfolter, welcher medial aufbereitet wurde und den Eindruck eines überharten Staates vermitteln sollte, ist eines der Elemente. Bombenanschläge, Entführungen, Ermordungen sind terroristische Akte, welche als Kommunikationsstrategie verstanden werden müssen. Denn die direkte Wirkung dieser Taten war durchaus gering, da sie kaum Einfluss auf das politische System der BRD hatten. Die kommunikative Dimension der Wirkung hingegen war langanhaltend. Durch die mediale Berichterstattung und das Inszenieren dieser Taten (Informieren der Presse kurz vor einem Attentat) gelang es jedoch, die in der hier aufgestellten Terrorismusdefinition festgehaltenen Punkte (Verbreitung von Angst und Schrecken, Provokation des Staates, Sympathiebildung) zu erzeugen. Die RAF zeigt somit beispielhaft, dass terroristische Taten als Kommunikationsstrategie, um Botschaften und Forderungen mit Hilfe der Medien zu vermitteln, verstanden werden können. Dabei ist sowohl die Rolle der Medien, als Filter und Transmitter, als auch die Rolle des Staates, als zu provozierender Akteur, entscheidend für den Erfolg oder Misserfolg dieser Strategie. Die in dieser Arbeit definierten Punkte der Drohkommunikation, Ereigniskommunikation und Bekennerkommunikation sind dabei ebenfalls in der Strategie der RAF deutlich erkennbar. Die Drohsowie Bekennerkommunikation nahm dabei eine tragende Rolle ein. Die Ausführlichkeit sowie die immer gleichbleibende Struktur der Bekennerschreiben (Titel, Datum, Inhalt, Begründung, Schlussfolgerung, Aufruf ) (vgl. Elter, 2007, 36) sollten dabei sicherstellen, einen gesicherten Platz in der Berichterstattung zu erlangen. Ohne die Bekennerschreiben, die in der Regel 1–2 Tage nach der Aktion versendet wurden, wäre eine Zuordnung der Anschläge kaum möglich gewesen. Die Verzögerung hatte indes einen wichtigen Grund. Auch das gehörte zum Kalkül der RAF: Dadurch wurde die Berichterstat- 756 Rote Armee Fraktion tung um einige Tageverlängert, da nach einer Phase der Spekulation die Bekennerschreiben für neue Informationen sorgten (vgl. Umlauf, 2008, 159). Terrororganisationen betreiben also wie staatliche Organe, Firmen und Organisationen aktive Öffentlichkeitsarbeit. Zu dieser PR gehört die „organisierte öffentliche Kommunikation von Interessengruppen“ (Seeling, 1996, 87) als primäres Ziel. Als gängige marktwirtschaftliche Strategie haben viele Terrororganisationen diesen Teil der Imagepflege übernommen. Der rote, fünfzackige Stern, in dessen Vordergrund eine Maschinenpistole von Heckler & Koch und der Schriftzug „RAF“ abgebildet sind, symbolisiert unverkennbar die „Terror-Marke“ RAF. Es findet sich sowohl in Erklärungen als auch in Entführungsvideos. Das Logo dient der Wiedererkennbarkeit der RAF und bestätigt die Echtheit von Erklärungen (vgl. Eltner, 2008 274). Dass die Schleyer-Entführung als bedeutsamstes Ereignis in der Geschichte der RAF gilt, ist sicher auch der Berichterstattung zuzuschreiben, denn erstmals wurde ein Video einer Geisel an die Öffentlichkeit gebracht. Der immanente Widerspruch, dass Terrorgruppen aus dem Untergrund heraus Publizität erzeugen müssen, wurde damit vollständig gelöst (vgl. Eltner, 2008, 171). Eine Videobotschaft hat durchaus essentiellen Charakter. Denn wie auch Tonaufnahmen kann sie den Eindruck der Realität einer Tat vervielfachen. Abschließend lässt sich die Kommunikationsstrategie der RAF so zusammenfassen: Zahlreiche Beispielen belegen, dass die RAF im bundesrepublikanischen Terrorismus der 1970er-Jahre eine Ausnahmerolle spielt, da es ihr gelang, alle andere Gruppen wie die „Bewegung 2. Juni“ und die Revolutionären Zellen in ihrer medialen Präsenz zu übertreffen. Obwohl die erstere in ihren Aktionen wesentlich erfolgreicher war als die RAF (bspw. die Lorenz-Entführung 1975) und letztere zwischen 1973 und 1988 über 100 Anschläge verübten, erreichte keine andere Gruppe jemals eine so ausführliche Berichterstattung wie die RAF. „Dieses Missverhältnis ist nur ein Beleg dafür, dass das Phänomen RAF nur unter Berücksichtigung ihrer eigenen Kommunikationsstrategien, der Berichterstattung über sie sowie durch die dadurch entstandene Öffentlichkeit zu erklären ist.“ (Elter, 2008, 90.) 76 Philip Weissermel: Terrorismus als Kommunikationsstrategie Durch Nutzung der terroristischen Gewalttaten als Kommunikationsstrategie versuchte die RAF Angst und Schrecken und ihre revolutionäre Botschaft in der Gesellschaft zu verbreiten. Denn die asymmetrische Auseinandersetzung mit dem Staat erforderte geradezu spektakuläre und gewaltsame Aktionen, die durch die massenmediale Berichterstattung eine breite Öffentlichkeit erreichte. Denn für jeglichen Terror gilt: „Je imposanter die Verluste und Zerstörung, desto höher der Nachrichtenwert, desto stärker die Resonanz, desto weitreichender die Produktion von Irritation“ (Fuchs, 2004, 81). Der Terror, der sich der Massenmedien als „Instrument der Aufmerksamkeitserzwingung“ (ebd. 80) bedient, verschaffte der RAF somit viel mehr Resonanz, als sie mit ihren für die Gegenöffentlichkeit konzipierten Texten je erreicht hätte. Die Kommunikation mit der Öffentlichkeit in Form von gewalttätigen Anschlägen war in der terroristischen Strategie der RAF fest einkalkuliert, um damit „den Mythos von der Allgegenwart des Systems und seiner Unverletzbarkeit zu zerstören“ (Waldmann, 2004, 19). Sie sollte konkret dem Ziel einer aufklärerischen Wirkung dienen. Da die Taten jedoch oft geringen Informationsgehalt hatten und zudem durch ihre Vermittlung im hegemonialen Diskurs die von den Terroristen angestrebte Decodierung konterkariert wurde, musste die RAF dieses kommunikative Defizit durch die aufgezeigten Bekennerschreiben kompensieren. Die hier aufgeführten Fallbeispiele haben gezeigt, dass die in Kapitel 4 aufgestellten Kategorien, welche als Fundament terroristischer Kommunikationsstrategie gelten, größtenteils zutreffen. Die RAF verfolgte durch strategische Ausrichtung ihrer Taten folgende Ziele: durch Unberechenbarkeit Angst und Schrecken in der Zivilbevölkerung erzeugen, den feindlichen Staat durch wiederholte Provokation zu einer Überreaktion herausfordern sowie durch die Attentate Sympathisanten gewinnen. Darüber hinaus ist eine bewusste Einbeziehung der Medien essentieller Bestandteil der RAF gewesen, welche im Folgenden nochmals näher aufgezeigt wird. Es ist eine deutliche strategische Ausrichtung der Taten der RAF zu erkennen. Im Vorfeld bewusst geplante und in Szene gesetzte Attentate dienen hier als gutes Beispiel. In den folgenden Kapiteln werden auf Basis des erarbeiteten Wissens die mediale Berichterstattung sowie die Propaganda als auch die 776 Rote Armee Fraktion Rekrutierung durch die RAF im Blickpunkt stehen. Denn besonders die mediale Berichterstattung als „Kommunikator“ terroristischer Botschaften hat einen hohen Stellenwert bei der Kommunikationsstrategie von terroristischen Gruppierungen. 6.4 Wahrnehmung der RAF durch die Medien Betrachten wir Terrorismus als Kommunikationsstrategie, so haben die Medien als „Vermittler“ und „Kommunikator“ tragende Rollen. Besonders bei der Untersuchung der Kommunikationsstrategie der RAF wird deutlich, dass Massenmedien als essentieller Bestandteil wahrgenommen werden müssen. Es stellt sich dann die Frage, ob die terroristische Kommunikationsstrategie der RAF ohne Massenmedien überhaupt funktioniert hätte? Terroristische Anschläge der RAF hätten mit großer Wahrscheinlichkeit ohne die Verbreitung durch die Medien lediglich die direkt betroffenen Personen erreicht sowie eine enge Sympathisantenszene. Der „zu interessierende Dritte“ hätte ohne die flächendeckende Berichterstattung somit die Aktivitäten der RAF nicht wahrgenommen. Die terroristische Tat ist meist nur in dem Umfang erfolgreich, wie sie auch flächendeckend vermittelt wird. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass ein terroristisches Attentat der RAF isoliert nur geringen Effekt hatte, die mediale Inszenierung der Tat hingegen viel mehr Menschen erreichte. Deshalb sollen die Wahrnehmung der RAF und die Instrumentalisierung der Massenmedien durch die RAF näher betrachtet werden. Beim Thema „Die RAF und die Medien“ lassen sich unzählige Facetten herausarbeiten: So lassen sich z. B. die Erklärungen, Verlautbarungen und theoretischen Texte der RAF als Teil ihrer Medienpolitik verstehen, die entweder auf die breite Öffentlichkeit zielte oder auf die Sympathisantenszene als spezifische Zielgruppe fokussierte.27 Trotz 27 Des Weiteren gibt es bei einzelnen Akteuren einen eindeutigen biografischen Medienhintergrund: Ulrike Meinhof war Journalistin und Publizistin. Sie engagierte sich bereits in der Anti-Atomtod-Bewegung, wurde Mitglied der illegalen KPD, solidarisierte sich mit den sozialen Protestbewegungen der 1960er Jahre und war Aktivistin der APO, bevor sie in den Untergrund ging. Holger Meins, um nur ein 78 Philip Weissermel: Terrorismus als Kommunikationsstrategie der Kritik der RAF an den westdeutschen Medien war den Terroristen klar, dass diese, wie Horst Mahler ausdrückte, „benutzbare Mittel“28 für sie waren (zitiert nach Weimann/Winn, 1994, 61). Die Medienarbeit der RAF ist interessant, nicht weil sie besonders innovativ oder leistungsfähig gewesen wäre, sondern weil hier kongruente Interessen aufeinanderstießen: Die RAF instrumentalisierte die Medien, um ihre Ziele zu erreichen und bot den Medien im Gegenzug spektakuläre Themen zur Steigerung von Aufmerksamkeit und Auflage (vgl. Delabar, 2008). Die RAF brauchte die traditionellen Medien als Vermittler ihrer Botschaften. Der Ansatz, durch Anschläge und Entführungen Presseveröffentlichungen zu erzwingen, gehört fest zu den Forderungen von Terroristen. In der Geschichte der RAF war der bekannteste Fall dieser Strategie die Schleyer-Entführung. Diese ist eng mit den wohl ersten Videobotschaften einer Terrororganisation überhaupt verbunden. Das Bild des entführten Arbeitgeberpräsidenten vor dem Hintergrund des RAF-Logos repräsentiert fast ikonisch die Geschichte der RAF. Ein Versuch, diesen Prozess der Einflussnahme auf die Medien zu unterbrechen, war etwa während der Schleyer-Entführung eine Nachrichtensperre der Bundesregierung, um die Publikation der Botschaften und Forderungen der Terroristen zu unterbinden. Eine derartige Gegenstrategie ist im Zeitalter des Internets und einer weltweiten Kommunikationsverflechtung nicht mehr möglich. Vor allem aber sind Nachrichtensperren durch die Entdifferenzierung terroristischer Gewalt infolge der Marginalisierung des „als interessiert unterstellten Dritten“ (Münkler, 2006, 104), wie für jüngere Formen des Terrorismus typisch, nicht mehr praktikabel. Entführungen von Einzelpersonen oder auch von Flugzeugen lassen sich durch Nachrichtensperren kaum noch begrenzen; bei Anschlägen auf öffentliche Verkehrsmittel in Städten wirkt die Verhängung einer Nachrichtensperre mitunter kontraproduktiv (vgl. Münkler, 2004, 57). weiteres RAF-Mitglied exemplarisch herauszugreifen, hatte, bevor er in den Untergrund ging, Design und Film studiert. 28 Mahler, zit. nach Bakker Schut 1986, S. 187. Weimann interviewte ein ehemaliges Mitglied der RAF, der angab, dass die Medien “‘one of the best tools for us, for our cause’” (Weimann/Winn 1994, S. 61) gewesen waren. 796 Rote Armee Fraktion Die Produktion von Geiselvideos war ab 1977 eine neue Stufe der Kommunikation durch die RAF. Erstmals verschickten Entführer ein Video als terroristisches Kommunikationsmittel. Diese neue technische Entwicklung, welche als eines der Hauptkommunikationsmittel des „IS“ gilt, galt nach den Tonaufnahmen der Lorenz-Entführer als Quantensprung in der Geschichte der terroristischen Kommunikation. Dadurch wurden mindesten zwei Ziele verfolgt: Zum einem belegt das Video, dass die entführte Person noch lebt, und zum anderen wird den Medien Material verfügbar gemacht, dessen Inhalt nicht bearbeitet werden konnte. Ein weiteres Beispiel für die bewusste Mediennutzung zur Verbreitung der terroristischen Botschaft waren die Hungerstreiks der Gefangenen in Stammheim. Auch dieses war eine Kommunikationsstrategie der RAF und ihrer Anwälte. Die Haftbedingungen sollten nicht nur deswegen thematisiert werden, um, wie die RAF stets betonte, die Gefangenen vor möglicher Ermordung durch die Sicherheitsbehörden zu schützen. Die Berichterstattung über „Hungerstreik“ und „Isolationshaft als Folter“ war aus Sicht der RAF vor allem ein Mittel, um der Öffentlichkeit die „Fratze“ des Staates zu zeigen und Sympathisanten zu mobilisieren (vgl. Elter, 2007, 87). Ob es allein der Kommunikationsstrategie der RAF zu verdanken ist, dass ein „Mythos Stammheim“ entstand und die Diskussionen über den Tod der Gefangenen bis heute andauern, ist nicht eindeutig zu belegen. Neben der Öffentlichkeitsarbeit, die die Gefangenen der ersten Generation aus dem Gefängnis koordinierten, verübte die zweite Generation weiterhin Anschläge, die ebenfalls verstärkt medienwirksam inszeniert und umgesetzt wurden. Die RAF zeigte folglich eine zunehmend stärkere mediale Präsenz. Diese ist aber nur zu einem Teil durch eine aktive Medienarbeit der RAF zu erklären. Eine weitaus größere Rolle für die Berichterstattung über die RAF spielte die Intensität ihrer Anschläge und das in der Öffentlichkeit wahrgenommene gestiegene Bedrohungspotential, das die Medien dazu veranlasste, sich intensiver mit der Gruppe auseinanderzusetzen. Die ersten beiden RAF-Generationen differieren im Umgang mit den Massenmedien erheblich voneinander. Diese Unterschiede spiegeln allerdings auch eine veränderte Strategie der Gruppe wider. Im Lauf der 1970er-Jahre wurde aus der Guerillataktik zunehmend eine 80 Philip Weissermel: Terrorismus als Kommunikationsstrategie rein terroristische Strategie. Mit der Steigerung der terroristischen Dimension gingen eine Steigerung der Ausnutzung der Massenmedien sowie eine ihnen gegenüber veränderte Taktik einher. Aber auch innerhalb der ersten Generation der RAF selbst kam es zu Veränderungen in ihrem medialen Verhalten. In ihrer Entstehungsphase in den frühen 1970ern hatte sich die erste Generation noch relativ selten direkt an die Massenmedien gewandt, um ihr Vorgehen und ihre Motivation einem größeren Publikum zu erläutern. Nach ihrer Inhaftierung änderte sich dies. Die Gründergeneration nutzte die Massenmedien zunehmend als PR-Plattform, um auf bundesdeutsche Missstände im Umgang mit Strafgefangenen – bzw. aus ihrer Sicht mit politischen Gegnern – aufmerksam zu machen. Über die Ursache für diesen Wandel kann nur gemutmaßt werden. Eine mögliche Begründung wäre, dass sich die Mitglieder der RAF in der Haft intensiv mit den medialen Strategien anderer Gruppen auseinandersetzten und zu dem Ergebnis kamen, dass sich die RAF im Hinblick auf den Umgang mit den Medien ändern müsse, um ihre Ziele zu erreichen. Es zeigte sich somit, dass nach kommunikativen Misserfolgen eine Neuausrichtung der medialen Strategie vollzogen wurde. Ausgehend von den in Kapitel 4 erstellten Kategorien kann daher zu dem Schluss gekommen werden, dass die Kommunikation nach außen durch die RAF als strategisch verstanden werden muss. 6.5 Propaganda und Rekrutierung der RAF Terrorismus als Kommunikationsstrategie zu verstehen beinhaltet, wie aufgezeigt, dass durch die Tat verschiedene Adressaten erreicht werden sollen. Das Wichtigste für das Bestehen von terroristischen Organisationen sind die Rekrutierung neuer Mitglieder und die Propaganda. Terroristische Akte sollen immer mögliche Sympathisanten für das Projekt gewinnen und den Eindruck erwecken, dass die terroristische Organisation zu ihren Drohungen steht und diese auch umsetzt. Die terroristische Tat hat immer auch den Charakter einer Rekrutierungskampagne. Die terroristische Ideologie der RAF bot eine „Totaldeutung“ der Welt mit einem klaren Freund-Feind-Schema. Gewalt in Form von 816 Rote Armee Fraktion terroristischen Anschlägen wurde dabei als adäquates Mittel zur Überwindung der politischen Perspektivlosigkeit propagiert. Der Kreis der Anhänger und Sympathisanten, aus dem die RAF ihren Nachwuchs rekrutierte, war begrenzt. Untersuchungen und Analysen gestatteten Schätzungen, welche auf circa 100 Personen schließen lassen, die als Unterstützer bzw. aktive Sympathisanten gelten können. Diese stammten wie die Mitglieder der RAF selbst aus der gehobenen Mittelschicht, waren somit Studenten, Akademiker oder sonstige Vertreter intellektueller Berufe. Trotz anderslautender Behauptungen wurden die terroristischen Gewalttaten von Linksparteien, Gewerkschaften und anderen linksorientierten Gruppen in der BRD einhellig abgelehnt. Auch bei der Hauptzielgruppe der RAF, der Arbeiterschaft, war rückblickend nur ein äußerst geringer Teil der RAF positiv zugewandt. Die Gründe dafür liegen zum einen in der Grundannahme der Bewegung, die Bundesrepublik Deutschland sei ein repressiv-faschistisches System. Diese These widersprach den Alltagserfahrungen der Durchschnittsbürger. Außerdem waren viele von der Überheblichkeit und dem Absolutheitsanspruch der RAF-Botschaften abgestoßen. Diese Position zeigt etwa die Erklärung vom 14.5.1970 zu Andreas Baaders Befreiung: „Es hat keinen Zweck den falschen Leuten das Richtige erklären zu wollen. Das haben wir lange genug gemacht. Die Baader Befreiung haben wir nicht den intellektuellen Schwätzern, den Hosenschei- ßern, den Alles-besser-Wissern zu erklären, sondern den potentiell revolutionären Teilen des Volkes.“ (Zitiert nach RAF, 1997, 24.) Aus Sicht des Verfassers dieses Textes waren Kinder- und Jugendheime ein besonders wichtiges Rekrutierungsfeld. Die zum Teil bereits straffällig gewordenen Insassen sollten das neue revolutionäre Potential zum Aufbau der RAF bilden und politisiert werden. Die Bewertung des Erfolgs oder Misserfolgs dieser Strategie lässt sich abschließend nicht beantworten. Jedoch zeigt sich, dass einige Mitglieder der späteren RAF-Generationen in Heimen groß geworden sind oder wegen Jugendstrafen oder Drogenkonsums aufgefallen sind. Daraus den Schluss zu ziehen, die propagierte Taktik der Rekrutierung späterer Mitglieder der RAF an sogenannten „sozialen Brennpunkten“ sei auf- 82 Philip Weissermel: Terrorismus als Kommunikationsstrategie gegangen, wäre meiner Ansicht nach falsch. Denn wie bereits erläutert, fanden sich unter den Mitgliedern der RAF größtenteils Personen aus der gehobenen bürgerlichen Mitte. Die Selbstdefinition als proletarisch-revolutionäre Bewegung (vgl. Eltner, 2008, 113) in den frühen Flugschriften der RAF deckte sich keineswegs mit den Fakten. Daraus lässt sich erklären, warum die RAF relativ schnell ihren Avantgardeund Kadercharakter herauszustellen suchte. Bereits in dem Text „Die Rote Armee aufbauen“ lag kein Hauptaugenmerk auf der Sympathisantensuche in Heimen, sondern vielmehr um die Genossen der „Agit 883“. Durch eine rigorose und deutliche Sprache versuchte die RAF daher „ein Vertriebsnetz aufzubauen, an das die Schweine nicht rankommen“ (zitiert nach RAF, 1997, 24). Die Rekrutierungskampagnen der RAF waren durchaus vielschichtig. In den Texten „Die Rote Armee aufbauen“ und „Dem Volk dienen“ wurde wiederholt darauf hingewiesen, dass die Taten der RAF eine Botschaft vermitteln sollen, welche jedem Revolutionär „erschließlich“ sei. Dann würde der Zuwachs der RAF logisch den Attentaten folgen. Die Führung der RAF nahm also an, die einzelnen Attentate und die Verbreitung der damit einhergehenden Botschaft durch die Medien würden viele bis dahin unauffällige Sympathisanten dazu bringen, sich dem bewaffneten Kampf anzuschließen. Dieser Plan scheiterte, was zum einen an der mangelnden Kommunikation zwischen Zivilbevölkerung und RAF gelegen haben kann oder aber auch an der Tatsache, dass besonders im Jahr 1977 ein allgemeines Unverständnis gegenüber den Aktionen der RAF in der Bevölkerung herrschte. Viel Sympathie erfuhr die RAF hingegen in den Jahren 1972 und 1973. Der Wechsel der Strategie von terroristischen Attentaten zu Hungerstreiks bewirkte viel Verständnis in der bundesdeutschen Bevölkerung. Die Hungerstreiks waren zwar Folge der Handlungsunfähigkeit der inhaftierten Führungsspitze, die so auf passiven Widerstand setzte. Eine veröffentlichte Erklärung über die Gründe und Zustände der Inhaftierten fügte jedoch dem passiven Widerstand eine aktive Kommunikationsstrategie hinzu. Aus heutiger Sicht war dieser Strategiewechsel für die Gewinnung neuer Sympathisanten langfristig effizienter als die zuvor verübten Anschläge. Die Terroristen der RAF stilisierten sich zu „Opfern des Systems“ (Eltner, 2008, 138). Diese Form der Selbstviktimisierung entsprach aber nicht nur einer verän- 836 Rote Armee Fraktion derten Eigenwahrnehmung, sondern diente auch kommunikationsstrategischen Zielen. Nachdem die Kommunikationsstrategie der RAF analysiert wurde, steht nun die zweite terroristische Organisation im Blickpunkt. Vor dem direkten Vergleich der Kommunikationsstrategien von RAF und „IS“ muss die Kommunikationsstrategie des „Islamischen Staates“ untersucht werden.

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Zusammenfassung

Terroristische Anschläge und Gewalttaten verfolgen in aller Regel ein gemeinsames Ziel: Sie wollen aufrütteln, schockieren und einschüchtern. Terrorismus sucht die Öffentlichkeit. Folgerichtig begreift dieses Buch Terrorismus als Kommunikationsstrategie. Hierzu vergleicht Philip Weissermel die ganz unterschiedlichen Terrororganisationen Rote Armee Fraktion (RAF) und Islamischer Staat (IS) und untersucht dabei die Schlüsselfrage, ob und welche Gemeinsamkeiten zwischen den Kommunikationsstrategien beider terroristischer Organisationen unabhängig ihrer Ideologien bestehen. Darüber hinaus wird die Symbiose von Terrorismus und Massenmedien aufgezeigt. Durch den Einsatz modernster Technologien haben Terroristen innovative Kommunikationswege beschritten. Dabei agieren sie als lernende Terrornetzwerke, welche die Medien- und Rezipientenwirkung ihrer Gewaltakte und Publikationen genau beobachten, analysieren und ihr künftiges Vorgehen anpassen. Eine erfolgsversprechende Anti-Terror-Strategie darf daher neben militärischem Engagement keinesfalls das mediale Schlachtfeld aus den Augen lassen.