5 Terrorismus in den Medien in:

Philip Weissermel

Terrorismus als Kommunikationsstrategie, page 51 - 60

Ein Vergleich der Roten Armee Fraktion und des Islamischen Staates

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3916-8, ISBN online: 978-3-8288-6666-9, https://doi.org/10.5771/9783828866669-51

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Politikwissenschaften, vol. 71

Tectum, Baden-Baden
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51 5 Terrorismus in den Medien Wie bereits beschrieben, spielen Massenmedien im Kontext des Terrorismus als Kommunikationsstrategie eine tragende Rolle. In unserer Welt der Massenkommunikation ist der Kampf um die „Herzen und Köpfe“ des Publikums eine Auseinandersetzung, die sich zu einem erheblichen Teil im medialen Raum abspielt. Um die Massen zu mobilisieren, müssen Terrororganisationen die Medien beeinflussen. Die Manipulation hat zentrale Bedeutung für die von den Akteuren verfolgte Kommunikationsstrategie. Deswegen ist es notwendig, das Verhältnis von Terrorismus und Medien genauer zu untersuchen. Es ist in der Literatur bereits gut erfasst. Da die Grundabsicht des Terrorismus definitionsgemäß (siehe Kapitel 2) in der Kommunikation politischer Anliegen besteht, bedarf es neben dem Sender (dem Terroristen) eines Empfängers (diverse Adressaten oder Zielgruppen), der über ein Medium eine kodierte Information erhält und seinerseits versucht, diese zu dekodieren. Dabei ist es durchaus möglich, dass auch das Medium – nämlich dann, wenn es nicht eine Plattform ist, die wie das Internet ungefilterte Selbstdarstellung ermöglicht, sondern ein Fernsehsender oder eine Zeitung mit redaktionellen Prozessen – die Information für selbst dekodiert, auswertet, neu kodiert und erst dann an den eigentlichen Empfänger sendet, der wiederum die neue Botschaft dekodieren muss. Anschließend wird von diesem eine Reaktion erwartet, welche die Kommunikation vervollständigt (Kaschner, 2008, 248). In Deutschland ist die Nutzung moderner Medien durch Terroristen explizit im Deutschen Herbst 1977 in Erscheinung getreten. Anhänger der RAF instrumentalisierten alle Medienformen, um ihre Taten und Forderungen bekannt zu geben. Ausgehend von der Annahme, dass Terrorismus eine Form symbolischer Gewalt ist, die als Zeichen, als Botschaft verstanden werden muss, so dienen die Medien nicht nur als Mittel zum terroristischen Zweck. Sie sind vielmehr integral für das terroristische Kalkül. Ohne die Reflexion der Aktionen in 52 Philip Weissermel: Terrorismus als Kommunikationsstrategie den Medien wird dieses Kalkül zusammenbrechen (vgl. Waldmann 2005, 93). Auch wenn Terrorismus als „politische Gewalt“ (Hoffman, 2006, 37) anzusehen ist, schiebt sich in der Berichterstattung der Massenmedien die ästhetisch-inszenatorische Dimension des Terrorismus doch derart in den Vordergrund, dass Terroristen sich in ihrer „Öffentlichkeitsarbeit“ häufig wie „moderne Entertainer“ (Wördemann, 1977, 15) verhalten und – wie Brian Jenkins anmerkt – ein spektakuläres Theater des Schreckens inszenieren: „Terrorism is theatre.“ (Jenkins, 1975, 16.) Die enorme Präsenz des Terrorismus in den Massenmedien droht jedoch seine entsetzliche Gewalt zu bagatellisieren, da eine kommerzialisierte, an den Unterhaltungs- und Konsumbedürfnissen eines unpolitischen Publikums orientierte Berichterstattung weder der politischen Dimension noch den Opfern des Terrorismus gerecht wird. Die Medien haben demnach eine zentrale und ausschlaggebende Rolle bei der Kommunikation von terroristischen Akten. Hierbei sind zwei kommunikative Nutzungsstrategien voneinander zu unterscheiden: Erstens werden die Medien als Verbreitungsinstrument genutzt. Zwei tens gehört zu dieser Nutzung eine Art der Machtdemonstration durch die Terroristen. Letzterer Punkt führt zu einem weiteren für Terrorismus als Medienereignis wesentlichen Aspekt: der stigmatisierenden Umdeutung der Handlungen. So liegt im Anders-Verstehen der Tat die größte Gefahr. Es kann als kommunikative Niederlage verstanden werden, wenn die Deutung der Tat durch die Medien im Sinne der Terroristen falsch übermittelt wird (vgl. Bronner, 2012, 132). Wenn Medien eine elementare Rolle bei der Übermittlung von terroristischen Botschaften spielen, heißt das, sie arbeiteten als Sprachrohr für terroristische Organisationen? Das Dilemma der Medien besteht darin, dass indem sie über Terroranschläge oder auch über bloße Terrorrisiken berichten, ein basales Ziel von Terroristen erfüllt wird: Eine breite Öffentlichkeit nimmt Kenntnis von Taten oder der Androhung von Taten. Dem Vorwurf, dass Medien mit einer inszenierten Berichterstattung terroristischen Absichten zum Erfolg verhelfen, ist entgegenzusetzen, dass die Verantwortlichen nicht die Wahl haben, über Terroranschläge zu berichten oder zu schweigen. Anhand festgelegter Nachrichtenfaktoren wird selektiert, was zur Nachricht wird und was nicht. Allerdings bleibt die 535 Terrorismus in den Medien Entscheidung, wie über Vorfälle berichtet wird, also wie terroristische Aktionen medial inszeniert werden. Die wirksame Inszenierung des Terrorismus bemisst sich also nicht nur an der symbolhaften und spektakulären Gewaltperformance und schließt auch nicht nur die mediale Aufführung durch Journalisten und Medienmacher ein. Sondern an der Inszenierung sind die Akteure und Sympathisanten des Terrorismus, die Ziele, die Opfer, die politischen, wissenschaftlichen und Alltags-Beobachter und die Medien gleichermaßen beteiligt. Nur so erhält der Terrorismus seine Form und Wirkung (vgl. Klimke, 2002). Der Angriff auf die Repräsentationsmacht der Staatsapparate muss somit in modernen Demokratien über die Kommunikationskanäle der Medien erfolgen, die in Massengesellschaften Öffentlichkeit herstellen und steuern (vgl. Meyer, 2001, 77). Beispielsweise hat die massive Berichterstattung über die spektakulären Anschläge des 11. Septembers 2001 Al-Qaida wahrscheinlich die Öffentlichkeit verschafft, sodass die Gruppierung ihre politisch-religiösen Botschaften als „erstes welthistorisches Ereignis“, dem Milliarden von Menschen in Echtzeit beiwohnten, zu inszenieren. Gerade Terrororganisationen wie die RAF, die über keinen eigenständigen Medienapparat verfügten, waren auf mediale Berichterstattung angewiesen, um ihre Ziele zu propagieren und beim Gegner Angst und Schrecken zu erzeugen, weshalb sie ein „symbiotisches Verhältnis“ (Elter, 2008, 272) mit den Massenmedien eingegangen sind11. Oppositioneller Terrorismus kann sich daher nur in Staaten mit einer (wenn auch rudimentär) entwickelten Öffentlichkeit entfalten (vgl. Laqueur, 2003, 21). Reagieren liberale Gesellschaften auf die mediale Präsenz von Terrorismus mit einer Einschränkung der Öffentlichkeit und mit Zensur, untergraben sie die normativen Grundlagen ihres eigenen demokratischen Institutionengefüges, in dem (im Idealfall) die Öffentlichkeit die Überwachung und Kontrolle der Staatsapparate übernimmt. Die in rechtsstaatlicher Hinsicht bedenklichen Einschränkungen der Öffentlichkeit, die zum Beispiel 11 Der „IS“ ist dabei nur in Teilen auf herkömmliche Medien (Print, Fernsehen, Radio) angewiesen, da die Nutzung des Internets keinerlei Filterungen durch Journalisten durchlaufen muss. Darüber hinaus verfügt der „IS“ über einen hochprofessionell organisierten Medienapparat, welcher zur Verbreitung von Propaganda und zu Rekrutierung dient. 54 Philip Weissermel: Terrorismus als Kommunikationsstrategie im „Deutschen Herbst“12 in der BRD bzw. nach dem 11. September 2001 in den USA von den jeweiligen Regierungen als Reaktion auf terroristische Akte veranlasst wurden, führten in beiden Fällen zwar nicht zu einem Umkippen der Demokratien in totalitäre Staatswesen. Doch büßten die staatlichen Institutionen durch ihre unsouveränen, hektischen und mitunter hysterischen Reaktionen auf den Terrorismus Vertrauen bei der Bevölkerung ein und spielten so den Absichten der Terroristen in die Hände (vgl. Bronner, 2012, 17 ff.). Um diese durch terroristische Kommunikationsstrategien ausgelöste Selbstzerstörung der offenen Gesellschaften zu vermeiden, müssen die politischen Anliegen der Terroristen in der demokratischen Öffentlichkeit argumentativ delegitimiert werden. Die häufig angesprochene Symbiose zwischen Medien und Terrorismus ist daher offensichtlich. Beide Teile dieser Beziehung können dabei einen Nutzen vom jeweils anderen haben. In der Logik der Medien besitzen terroristische Akte mehrere positive Eigenschaften: Das Berichten über diese Form der Gewalt generiert enorme Einschaltquoten oder verkaufte Druckexemplare und deckt mehrere Nachrichtenwerte13 gleichzeitig ab. Die Terroristen sind ebenfalls auf die Aufmerksamkeit der Medien angewiesen, da sie dadurch vermehrte Resonanz in der Öffentlichkeit erfahren können (vgl. Linder, 2011, 62). Die Fokussierung auf terroristische Ereignisse lässt sich auch durch die Ausrichtung der Massenmedien begründen. Angesichts von Wettbewerb und Geschwindigkeit sehen sich die Verantwortlichen in den Medien ständig unter dem Druck, neue Informationen und Themen zu präsentieren, um das Publikum für sich zu gewinnen. Nachrichtenwerte wie Außergewöhnlichkeit, Dramatik und „human interest“ tragen entscheidend zum Stellenwert eines Ereignisses bei. Diese Merkmale sind bei der Terrorismusberichterstattung wirksam. 12 Als Deutscher Herbst wird die Zeit und ihre politische Atmosphäre in Westdeutschland im September und Oktober 1977 bezeichnet, die geprägt war durch Anschläge der RAF. 13 Die Nachrichtenwert-Theorie, die in ihren Grundlagen von Walter Lippmann bereits 1922 entwickelt wurde, hat sich in den letzten Jahrzehnten als eine Grundlage von empirischen Analysen der Berichterstattung etabliert. Ihr zentraler Nutzen besteht in der Erklärung dreier prinzipieller Sachverhalte, welche Nachrichtenmeldungen in den untersuchten Medien entscheidend auszeichnen: die Auswahl der Nachrichten selbst, deren Platzierung und Umfang (Kepplinger, 2000 55). 555 Terrorismus in den Medien In kurzer Zeit kann viel Aufmerksamkeit hergestellt werden (Münkler, 2006, 204). Im Hinblick auf die Kommunikationsstrategien von terroristischen Organisationen spielen Medien somit eine tragende Rolle. Massenmedien präsentieren zwar dem Zuschauer viele und vor allem einprägsame Bilder, agieren allerdings dennoch als Filter. Terroristische Anschläge sind für die Medien ein Ereignis, über welches informiert werden muss, jedoch nicht in unbeschränktem Maß. Die Autorin Louise Richardson hat in ihrem Werk „Was Terroristen wollen“ (Richardson, 2007) sehr eindrucksvoll herausgearbeitet, dass es für die Täter nichts Schlimmeres gäbe als ignoriert zu werden, da sie ihre Aktionen so gestalten, um größtmögliche Aufmerksamkeit zu erlangen. In der wissenschaftlichen Literatur lassen sich vier Formen der Mediennutzung durch Terroristen herausstellen: Propagandaplattform, Informationsbeschaffung, Erpressung sowie Manipulation. Erstere Form beschreibt die Nutzung der Medien zur Verbreitung der terroristischen Botschaft (Angst, Druck, Ermutigung). Hierbei sind auch die verschiedenen Empfängergruppen zu beachten. Neben Politikern und Gesellschaft ist auch die eigene Unterstützergruppe hier zu nennen. Terroristen können zudem gezielt Medien nutzen, um Daten über Personen und Schauplätze sowie tagesaktuelle Informationen über Polizei und Regierungsstrategien zu sammeln (Informationsbeschaffung). Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass terroristische Akte so verübt werden, dass die Funktionsweisen von Massenmedien maximales Medienecho garantieren. Medien werden von Terroristen manipuliert, ebenso manipulieren aber auch die Medien die Terroristen. Terroristen müssen daher immer mehr Energie und Mittel in den „Eventcharakter“ (Glaab, 2007, 31) investieren, damit über sie berichtet wird, was oft dazu führt, dass das eigentliche Ziel in den Hintergrund tritt. Wie von vielen Terrorismusforschern skizziert, sind Medien und Terroristen in einer Art „Zwangsehe“ (ebd., 45) gefangen, in der beide auch aufeinander angewiesen sind. Dieser Mechanismus wird in einer Presse- und Medienlandschaft ohne Zensur auch nicht außer Kraft zu setzen sein. Die Kommunikationsstrategie Terrorismus ist daher zur vollen Entfaltung ihrer psychologischen Wirkung auf die Verbreitung durch Massenmedien angewiesen und hat in der logischen Konsequenz auch mit der Herausbildung und Entwicklung der modernen 56 Philip Weissermel: Terrorismus als Kommunikationsstrategie Massenmedien eine bis dato nie dagewesene Qualität und Quantität erreicht (vgl. Waldmann, 1998). Systematische und umfassende Analysen zu den terroristischen Erwartungen an Medien finden sich in der wissenschaftlichen Literatur kaum. Dieser Mangel ist vor allem auf die Schwierigkeit der Datenerhebung zurückzuführen: Interviews mit Terroristen über ihre Medienpolitik oder über ihre Position zu Massenmedien sind selten. Vielmehr lassen sich Informationen aus Erinnerungsliteratur ausgestiegener Terroristen, programmatische Schriften, Briefe oder das beobachtete Vorgehen und Verhalten selbst herausfiltern. 5.1 Veränderungen der Berichterstattung Nachrichtensendungen, die ohne Berichte über Terrorismus oder Krieg auskommen, scheint es heutzutage fast nicht mehr zu geben. Das ist eine zwiespältige Entwicklung, denn häufig zielen die Täter gerade auch auf die Berichterstattung in den Massenmedien ab, um Angst und Schrecken in der Bevölkerung und bei Regierungen auszulösen. Denn der Terrorismus enthält alle Elemente für gute Schlagzeilen oder eine gute Story: Die Staatsmacht wird herausgefordert, die soziale Ordnung gestört, ein Verbrechen verübt, die Opfer sind eventuell bekannt und die Grausamkeit der Tat ist berichtenswert. Zudem sind Terrorakte meist kurz, dramatisch und bildstark, also ideal für eine Berichterstattung geeignet (vgl. Glaab 2012, 81). Während noch bis Mitte des vergangenen Jahrhunderts überwiegend Pamphlete, Flugblätter oder Untergrundzeitungen eine wichtige Funktion in der Terrorkommunikation übernahmen, sorgten ab Anfang der 1970er Jahre zunehmend die audiovisuellen Medien für die gewünschten Multiplikationseffekte nach verübten Anschlägen (vgl. Glaab 2012, 90). Es zeigt sich im Rückblick, dass die Berichterstattung über terroristische Attentate, Entführungen und Erpressungen mit der Einführung des Fernsehens stark zugenommen haben. Eine völlig neue Dimension erreichte diese Berichterstattung sicherlich in der Bundesrepublik Deutschland im „Deutschen Herbst“ 1977. Terroristische Attentate der 575 Terrorismus in den Medien RAF nahmen einen breiten Raum in den Medien ein. Damals waren die Nachrichtensendungen von den Aktivitäten der RAF beherrscht. 1968 ging der erste Fernsehsatellit in den USA auf Sendung, damit wurde die Nachrichtenübertragung von den lokalen Stationen in die Zentralen um ein Vielfaches schneller und einfacher. Die 1970er-Jahre brachten zahlreiche weitere Neuerungen in der Übertragungstechnik. Durch tragbare Kameras und Videorecorder wurden Live-Übertragungen von jedem Ort der Welt möglich. Das führte dazu, dass die redaktionelle Bearbeitung reduziert wurde, was wiederum die kritische Distanz zum Berichteten verringerte. Denn Terrororganisationen haben sich bisher oft als early adopter neuer Technologien gezeigt. Als beispielsweise die palästinensische Terrorgruppe „Schwarzer September“ während der Olympischen Spiele 1972 in München israelische Athleten als Geiseln nahm, profitierte sie von der Liveübertragung dieses Sportgroßereignisses. Auch die Bilder der Terroranschläge vom 11. September 2001 bündelten die Aufmerksamkeit von Medien weltweit und erhielten durch Echtzeitberichterstattung und exzessive Wiederholungen ikonischen Charakter. In den Stunden und Tagen nach den Anschlägen in New York und Washington erreichten diese immer ähnlichen Fernsehbilder ein Milliardenpublikum. Um ihre Botschaft in die ganze Welt zu tragen, mussten die Terroristen des 11. Septembers weder eine konkrete Botschaft noch einen Forderungskatalog lancieren, wie wir ihn von RAF, IRA oder ETA kennen. Die Symbolik der Bilder reichte aus. Überall auf der Welt wurde gezeigt, wie zwei Passagierflugzeuge in die Zwillingstürme in NYC und ins Pentagon rasten. Dennoch beschränkt sich Terrorismus-Aktivität nicht nur auf die „Produktion“ eindrucksvoller Bilder. Auch die Berichterstattung vom Tatort befindet sich im Wandel. Überwachungskameras liefern Bilder von Anschlagsorten, wie dies etwa bei den Attacken auf Londoner U-Bahnen und Busse im Juli 2005 oder auf den Flughafen und eine U-Bahnstation in Brüssel im März 2016 der Fall war. Smartphones ermöglichen darüber hinaus Bild- und Videoaufnahmen durch Augenzeugen, noch bevor journalistische Kamerateams am Ort sein können. Darüber hinaus lässt sich zunehmend beobachten, dass die klassischen Medien durch das Internet das Monopol über die Verbreitung wichtiger internationaler Nachrichten verlieren. Neue Akteure können nun durch die direkte Kommunikation im Internet Nach- 58 Philip Weissermel: Terrorismus als Kommunikationsstrategie richteninhalte herstellen, verbreiten und somit auch den öffentlichen Diskurs beeinflussen. Dies hat einen starken Einfluss darauf, wie Journalisten kommunizieren, wie sie ihre Beiträge herstellen, ihr Material verbreiten und mit ihrem Publikum interagieren, damit ihre Beiträge in der digitalen Welt noch wahrgenommen werden. Die Möglichkeit zur Produktion und Distribution eigener multimedialer Inhalte hat ein bisher unbekanntes Gegengewicht zu den Mainstream-Medien geschaffen – eine Situation, von der Terroristen maßgeblich profitieren (vgl. Bosco, 2016 120). Terroristische Organisationen und insbesondere der „Islamische Staat“ liefern hier anschauliche Beispiele. Das Internet als ortloses und zudem preisgünstiges Medium, das sich der staatlichen Kontrolle noch weitestgehend entzieht, ist der geeignete Platz im Kampf um die Bilder und um die Meinung der Öffentlichkeit. Obwohl sich das Internet nur bedingt für operative Zwecke eignet, ist es heute ein probates und unverzichtbares Mittel der Außenkommunikation. Es fordert Nachahmer zu eigenen Taten auf und dient der Verbreitung von Propaganda. Während zur Zeit der RAF alle „Veröffentlichungen“ (Bekennerschreiben, Videos, Fotos von Geiseln, Propagandapamphlete etc.) für ihre Verbreitung den Filter der Medien passieren mussten, können terroristische Gruppierung wie der „IS“ ihre Botschaften direkt und ohne Zensur oder redaktionelle Interventionen im Internet verfügbar machen. Damit erreichen sie in der Regel bereits sehr viele Menschen, zusätzlich ist es jedoch sehr wahrscheinlich, dass die etablierten Medien über ihre Aktivitäten im Internet berichten (vgl. Elter, 2008, 147). 5.2 Stellenwerte neuer Mediennutzung Der verbreitete Fehleindruck, die Kommunikationsstrategie des „IS“ sei völlig neu, ist einem Phänomen geschuldet, das als „kommunikationstrategische Evolution“ (Tinnes, 2012. 20) bezeichnet werden kann. Terrororganisationen lassen sich sowohl in kommunikationstechnologischer als auch in propagandistischer Hinsicht als Avantgardisten bezeichnen. Um höchstmögliche Aufmerksamkeit zu generieren und möglichst viele Rezipienten zu erreichen, machen terroristische Orga- 595 Terrorismus in den Medien nisationen von den jeweils modernsten Kommunikationstechnologien Gebrauch und beschreiten auch bei der Propaganda der Tat häufig innovative Wege, durch die sie sich von ihren Vorgängern abzuheben versuchen. Ein bereits angesprochener kommunikationstechnologischer Quantensprung war die Etablierung des Internets. Durch diese neuen Medien haben sich nicht nur die Erzeugung und Bearbeitung von terroristischen Publikationen weiter vereinfacht, sondern Terroristen haben erstmals ein Werkzeug erhalten, um ihre Produktionen eigenständig- und somit unabhängig von den Mainstream-Medien an einen globalen Adressatenkreis verbreiten zu können. Den Stellenwert des Internets für terroristische Kommunikation belegt unter anderem die Tatsache, dass militante Islamisten14 für ihre Online- Aktivitäten eigens einen Begriff geschaffen haben: elektronischer Jihad (kurz E-Jihad). (vgl. Tinnes, 2010, 164). Experten, die sich mit modernem Terrorismus befassen, vertreten die einhellige Meinung, dass das Internet ein wichtiges und effektives Werkzeug für zeitgenössische Terroristen ist. Mit schätzungsweise 3.407.724.92015 (Stand März 2016) Nutzern ist das globale Netzwerk das umfangreichste Informations- und Kommunikationsmedium der Welt. Terrororganisationen und ihre Sympathisanten nutzen alle gängigen Internetdienste für ihre Zwecke und profitieren wie alle anderen Nutzergruppen von den einzigartigen Eigenschaften des Internets (vgl. Rogan, 2006, 9). Abschließend kann somit gesagt werden, dass durch die Etablierung des Internets eine neue Form der Kommunikation in das terroristische Geschehen Einzug gehalten hat. Inwieweit das Internet bei der Kommunikationsstrategie terroristischer Organisationen beiträgt wird im weiteren Verlauf dieser Arbeit näher untersucht. 14 Islamismus bezeichnet dasselbe wie die ebenfalls verbreiteten Begriffe „politischer Islam“, „islamistischer Fundamentalismus“. Hinter diesen Termini steht die Forderung, das gesamte private und öffentliche Leben müsse durch den Islam bestimmt werden, und die Behauptung, für jedes in der Gesellschaft auftretende Problem könne eine religiöse fundierte Lösung bereitgestellt werden. Diese Einstellung geht auf die Überzeugung zurück, dass der Islam sowohl Religion als auch ein politisches System sei (Steinberg, 2005 16). 15 vgl. Statista, URL: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/186370/umfrage/ anzahl-der-internetnutzer-weltweit-zeitreihe/.

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References

Zusammenfassung

Terroristische Anschläge und Gewalttaten verfolgen in aller Regel ein gemeinsames Ziel: Sie wollen aufrütteln, schockieren und einschüchtern. Terrorismus sucht die Öffentlichkeit. Folgerichtig begreift dieses Buch Terrorismus als Kommunikationsstrategie. Hierzu vergleicht Philip Weissermel die ganz unterschiedlichen Terrororganisationen Rote Armee Fraktion (RAF) und Islamischer Staat (IS) und untersucht dabei die Schlüsselfrage, ob und welche Gemeinsamkeiten zwischen den Kommunikationsstrategien beider terroristischer Organisationen unabhängig ihrer Ideologien bestehen. Darüber hinaus wird die Symbiose von Terrorismus und Massenmedien aufgezeigt. Durch den Einsatz modernster Technologien haben Terroristen innovative Kommunikationswege beschritten. Dabei agieren sie als lernende Terrornetzwerke, welche die Medien- und Rezipientenwirkung ihrer Gewaltakte und Publikationen genau beobachten, analysieren und ihr künftiges Vorgehen anpassen. Eine erfolgsversprechende Anti-Terror-Strategie darf daher neben militärischem Engagement keinesfalls das mediale Schlachtfeld aus den Augen lassen.