4 Terrorismus als Kommunikationsstrategie in:

Philip Weissermel

Terrorismus als Kommunikationsstrategie, page 35 - 50

Ein Vergleich der Roten Armee Fraktion und des Islamischen Staates

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3916-8, ISBN online: 978-3-8288-6666-9, https://doi.org/10.5771/9783828866669-35

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Politikwissenschaften, vol. 71

Tectum, Baden-Baden
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35 4 Terrorismus als Kommunikations strategie Nachdem die vorausgehenden Kapitel knapp einige prominente Theorien zum Terrorismus, zur Typologie und verschiedene Definitionsversuche des Terrorismus skizziert hat, um ein eigenes konzeptionelles Verständnis des Phänomens zu erarbeiten und andere Ansätze kritisch zu würdigen, können die oben erarbeiteten Ergebnisse nun weiter ausgebaut und Schwerpunkte gesetzt werden, um die zentrale Fragestellung dieser Arbeit zu beleuchten. In diesem Kapitel wird erörtert, wodurch sich eine terroristische Kommunikationsstrategie auszeichnet und welche Kriterien ein Akt erfüllen muss, um als terroristische Kommunikation zu qualifiziert zu werden. Terroristen wollen durch ihre Taten kommunizieren und Botschaften übermitteln, sie wollen aufrütteln und einschüchtern. Terrorismus ist aus dieser Sichtweise eine Handlungsstrategie von Gruppen, die militärisch zu schwach sind, um allein durch die direkten physischen Wirkungen von Gewalthandlungen ihre Ziele zu erreichen. Deswegen verlassen sie sich nicht allein auf diese, sondern auch auf den kommunikativen Effekt ihres Gewalteinsatzes bei verschiedenen Adressaten. Festzuhalten bleibt, dass die Wirkungsmacht des Terrorismus darin besteht, sich selbst einen Zugang zur öffentlichen Meinung zu verschaffen und auf die politische Agenda setzen zu können. Laut Andreas Elter liegt eine terroristische Kommunikationsstrategie vor, „wenn eine Aktion ganz bewusst im Hinblick auf ihre mediale Verwertbarkeit geplant und durchgeführt wurde“ (Eltner, 2008 1068). Ziele dieser Strategie sind einerseits, das Vertrauen in den Staat und seine Fähigkeit zum Bürgerschutz durch Gewalttaten zu untergraben, und anderseits, um Sympathie und Beistand für ihr politisches Anliegen zu werben (Waldmann, 1998, 12). Terrorismus kann daher als gewalttätiges Handeln betrachtet werden, das bewusst so präsentiert wird, dass es die Aufmerksamkeit auf sich lenkt und dann mittels 36 Philip Weissermel: Terrorismus als Kommunikationsstrategie der Publizität, die es schafft, eine Botschaft übermittelt. Die damalige Führung der Vereinigten Roten Armee6 in Japan erklärte hierzu treffend: „Es gibt für uns keinen anderen Weg. Gewalttätiges Handeln schockiert. Wir wollen die Menschen schockieren! Das ist unsere Art, mit dem Volk zu kommunizieren.“ (Zitiert nach McKnight, 1974, 168; eigene Übersetzung.) Daraus entwickeln sich folgende Fragen: Erstens: An welche Zielgruppen richten sich terroristische Botschaften? Zweitens: Welche Wirkungen streben Terroristen an? Ausschlaggebendes Kriterium für Terroristen ist nicht die terroristische Tat an sich, sondern der Effekt, den sie erzielt. Auf der Ebene der Adressaten sind mindestens drei Gruppen auszumachen: zum einen das Feld der politischen Gegner, repräsentiert durch die Verantwortlichen des politischen und wirtschaftlichen Systems, das in letzter Konsequenz abgeschafft werden soll. Die zweite Gruppe ist ein kleiner Kreis von Personen, mit denen die Gewaltakteure politische Grundeinstellungen, insbesondere die Überzeugung von der Notwendigkeit der Systemveränderung teilen. Die letzte Adressatengruppe ist eine breite Öffentlichkeit, die für dieses Ziel noch gewonnen werden muss und erreicht werden soll, indem durch den spektakulären Gewalteinsatz die Veränderungsmöglichkeit demonstriert wird. Der Politologe Herfried Münkler bezeichnet diese letzte Gruppe als die „als interessiert unterstellten Dritten“ (Münkler, 2006, 94). Diese stehen der terroristischen Aktion neutral bis wohlwollend gegenüber und sollen durch die Tat als Sympathisanten beziehungsweise Unterstützer gewonnen werden. Diese Bezeichnung ist nicht nur aus politologischer Sicht, sondern auch aus kommunikationstheoretischer Sicht interessant. Denn indem sie ein Interesse annimmt, macht sie nicht nur deutlich, dass der Gewalteinsatz indirekt als Kommunikation funktioniert, sondern betont auch die Not- 6 Die Japanische Rote Armee, war eine linksradikale Terrororganisation. Fusako Shigenobu, frühere Studentin der Meiji-Universität, gründete sie 1971. Sie unterhielt im libanesischen Bekaa-Tal ihre Ausgangsbasis. Nach dem Juli 1988 hörte die JRA auf, als aktive Gruppe zu existieren. (Farrell, 1990, 17) 374 Terrorismus als Kommunikationsstrategie wendigkeit der damit verbundenen Kontingenz des angestoßenen Kommunikationsprozesses (vgl. Steinseifer, 2011, 34). Terroristische Anschläge werden somit auch von einem bestimmten Teil der Bevölkerung als Hoffnungszeichen aufgefasst, das Schadenfreude oder auch die Bereitschaft auslösen kann, sich direkt oder indirekt dem Kampf anzuschließen (vgl. Waldmann, 2011, 19 ff.). Im Wissen darum, das diese Emotionen geweckt werden können, wollen die Akteure durch ihre terroristischen Anschläge auch bestimmte Verhaltensreaktionen auslösen. Hierbei geht es insbesondere um überstürzte und auch von Panik diktierte Schutz- und Vergeltungsmaßnahmen, aber auch um Unterstützung und aktive Mithilfe beim angestrebten Kampf. Ein weiteres Ziel ist, den öffentlichen Diskurs zu besetzen, was nur mit Hilfe der Massenmedien zu erlangen ist (vgl. Imbusch, 2003, 78). Denn diese allein bestimmen, was von der öffentlichen Kommunikation ausgeschlossen und was hineingenommen wird, sie gewichten Themen und üben Gatekeeper-, Agenda-Setting- und Priming- Funktionen aus (Weinhauer/Requate, 2006, 45 ff.). Terroristische Akteure unterliegen somit den Selektionskriterien der Massenmedien und konkurrieren mit anderen Themen. Die Einflussmöglichkeiten der Gewaltakteure sind also nicht nur militärisch, sondern auch kommunikativ begrenzt. Eine Folge davon ist sicherlich, dass Terroristen sich in den Bekennerschreiben nicht nur zu den Taten bekennen, sondern diese auch erklären. Denn Bekennerschreiben oder -videos sind eine der wenigen Möglichkeiten, dem Massenpublikum direkt etwas mitzuteilen und nicht nur die Verbreitung der Informationen sicherzustellen, sondern die Mitteilungshoheit der Journalisten punktuell außer Kraft zu setzen. Um die „hohe Aufmerksamkeitsschwelle“ (Steinseifer, 2011, 34) der Medien zu überwinden, müssen Attentate daher öffentlichkeitswirksam verübt werden und über den Schein der Neuheit und Einzigartigkeit, der Überraschung verfügen. Hierbei werden auch Faktoren wie das Ausmaß des Schadens und Status und Prominenz der Opfer relevant für die tatsächlich generierte Aufmerksamkeit (vgl. Glück, 2008, 57). Terroristen verknüpfen in ihren Handlungen Gewalt und Kommunikationssysteme, um Aufmerksamkeit zu erhalten. Dieser Schritt gelingt in der Regel problemlos. Generell lassen sich drei Stufen bei der Kommunikation von terroristischen Gruppen beobachten. 38 Philip Weissermel: Terrorismus als Kommunikationsstrategie Erstens: die „Androhung“ eines geplanten Anschlags. Viele Beispiele hierfür finden sich sowohl bei der RAF als auch beim „IS“. Zweitens: sozusagen die „Kommunikation durch Handeln“. Hier geht es um die Gewalttat an sich. Wie bereits erläutert, muss die terroristische Tat selbst bereits als Kommunikation aufgefasst werden. Anschläge, Entführungen und anderen Arten der Gewaltausübung haben somit nicht nur die Zerstörung von Gebäuden bzw. die Tötung von Personen zum Ziel, sondern sind darüber hinaus als Kommunikation zu begreifen. Die dritte und letzte Stufe der Kommunikation betrifft die Bekennerdimension. Dieses ist meistens eine Erklärungs- bzw. Rechtfertigungskommunikation. Schreiben oder Videos präsentieren das Bekenntnis zu einzelnen Taten und sollen diese kontextualisieren und rechtfertigen. Wie bereits beschrieben, sind die Rahmenbedingungen für einen terroristischen Anschlag ausschlaggebend. So besteht einer der Hauptgründe, warum Terroristen als Aktionsbühne die westlichen Industrieländer bevorzugen, darin, dass die erzeugte Aufmerksamkeit als auch der Kommunikationseffekt viel größer ist als in einem Land, in dem terroristische Anschläge öfter verübt werden. Denn Signale und Botschaften werden nur dann wahrgenommen, wenn sie sich nicht inflationsartig vermehren. Darüber hinaus ist die Art und Weise der Darstellung und Durchführung eines Terroranschlages ausschlaggebend für die Resonanz in den Medien und in der Gesellschaft. Ein Terrorakt, der nicht wahrgenommen wird, wird nur seine direkten materiellen Auswirkungen haben, somit politisch weitgehend ins Leere laufen. Es lässt sich darüber hinaus beobachten, dass die Opferzahl von Anschlägen stetig steigt, was den möglichen Schluss zulässt, dass durch die hohe Anzahl an terroristischen Gruppen und Organisationen ein gewisses Konkurrenzverhalten Einzug gehalten hat. Aber auch größeres Know-how und das gestiegene Verfügbarsein von Informationen etwa zum Bombenbau lassen sich als Gründe ausmachen. Um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu erhalten, ist es daher unverzichtbar, immer größere und verheerendere Anschläge durchzuführen (vgl. Waldmann, 2008, 26). Andreas Eltner unterscheidet bei der Kommunikation von terroristischen Gruppen generell zwei Ebenen voneinander. Seines Erachtens existieren eine interne und eine externe Ebene. Die Weitergabe von 394 Terrorismus als Kommunikationsstrategie geheimen Informationen, Anleitungen zum Bombenbau sowie die Übermittlung von Befehlen und Handlungsanweisungen geschehen auf interner Ebene. Als Kommunikationskanäle können Briefe, Mails, persönliche Gespräche oder auch jegliches anderes Mittel sein. Dagegen wird die terroristische Tat, das Verbreiten von Propaganda, Erklärungen zu politischen oder ideologischen Zielen, Videobotschaften, Bekennerschreiben und Reaktionen auf Medienberichte als externe Ebene angesehen (vgl. Eltner 2008, 33). Besonders soll in dieser Arbeit die externe Ebene untersucht werden. Da Terrorismus meist vor allem auf den politisch-psychologischen Effekt der Gewalt zielt, erhält im Hinblick auf seine Wirksamkeit die Wahrnehmung und Interpretation der Gewaltakte eine Schlüsselrolle. Deshalb werden die Reaktionen der Medien zunehmend wichtig. Terrorismus als Kommunikationsform braucht die Medien als Multiplikatoren, um sein politisches Potential auszuschöpfen. Finden beispielsweise terroristische Akte kontinuierlich statt, wie derzeit im Irak, Syrien und Afghanistan, verliert sich der Charakter des unerwarteten Ereignisses im Sog des brutalen Alltags. Somit kann gesagt werden, dass Terrorismus primär von zwei Ingredienzien, die miteinander in einer dynamischen Wechselwirkung stehen, gespeist werden. Diese sind Gewalt und kommunikative Wirkung. Die Kommunikationsstrategie Terrorismus setzt somit Gewalt als Transmissionsriemen ein. Gewalt schafft ein Aktionspotential. Durch ihre gewalttätigen Aktionen erreichen Terroristen, dass ihnen die breite Masse Aufmerksamkeit schenkt. Dies wird allerdings nur erreicht, wenn die Gewalt innovativ ist. Aus der schwächeren Position heraus setzen Terroristen daher Gewalt als Kommunikationsvehikel ein, um höchstmögliche Aufmerksamkeit zu erlangen (vgl. Tinnes, 2012, 22). 4.1 Terrorismus als Kalkül Als Form der Gewalt sagt Terrorismus wenig über die Menschen aus, die ihn einsetzen. Vor einer detaillierten Analyse und der Projektion von Trends sei angemerkt, dass eine undifferenzierte Sichtweise und standarisierte Lösungsansätze basierend auf der taktischen Gemeinsamkeit, nämlich dem Einsatz „terroristischer“ Mittel, für ansonsten 40 Philip Weissermel: Terrorismus als Kommunikationsstrategie in höchstem Maße unterschiedliche Konflikte, nicht zu verlässlichen Vorhersagen führen. Nach Brian Jenkins ist Terrorismus lediglich die „dünne Kruste auf einem sehr dicken Kuchen“ (Jenkins, 1975, 78, eigene Übersetzung). Terrorismus lässt sich demzufolge nur unter Berücksichtigung der spezifischen politischen und gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen er auftritt, verstehen. So sind alle Versuche, weitreichende Einblicke in die Gründe und mögliche Lösungen für bestimmte gewaltsame Konflikte einzig auf Grundlage ihrer „terroristischen“ Manifestationen herzuleiten, zum Scheitern verurteilt (vgl. Neumann, 2009, 5). Ziel des Terrorismus ist es nicht, den Feind zu besiegen, sondern eine Botschaft zu verbreiten. Die Botschaft des „IS“ lautet beispielsweise, den westlichen Feind weltweit zu bekämpfen, die arabischen Territorien aus der „westlichen Besatzung“ zu befreien und ein Kalifat wieder zu errichten (vgl. Zimmermann, 2006, 15). Das klassische terroristische Kalkül, etwa bei den sozialrevolutionären Untergrundgruppen der siebziger Jahre oder beim ethno-nationalistischen Terrorismus der IRA oder ETA, besitzt nach Hoffmann drei strukturell identische Elemente. Wie bereits in den vorigen Kapiteln (siehe Kapitel 3) aufgezeigt, ist als erstes Element der Gewaltakt oder die öffentliche Androhung zu nennen und zweitens die Erzeugung von starken emotionalen Reaktionen. Gefühle der Furcht und des Schreckens, zumindest der starken Verunsicherung der Feinde, sind erwünscht. Als letztes Element sind überstürzte, von einer gewissen Panik diktierte Schutz- und Vergeltungsmaßnahmen, aber auch Unterstützung und aktive Mithilfe beim angestrebten Kampf zu nennen. Diese Dreiersequenz gilt für das klassische terroristische Kalkül (vgl. Hoffman 1999, S. 112 ff.). Das terroristische Kalkül aller Formen von Terrorismus lässt sich aber auch als ein Spezialfall des Handlungsprinzips „Provokation“ interpretieren, dem wir in zahlreichen Machtkonstellationen begegnen. Bezeichnend für eine Provokation ist somit im Regelfall die Heraus forderung eines Starken durch einen Schwächeren. Der Soziologe Rainer Paris hat sie definiert als: „absichtlich herbeigeführten, überraschenden Normbruch, der den anderen in einen offenen Konflikt hineinziehen und zu einer Reak- 414 Terrorismus als Kommunikationsstrategie tion veranlassen soll, die ihn, zumal in den Augen Dritter, moralisch diskreditiert und entlarvt“ (Paris, 1998, 15). In den verschiedenen Elementen dieser Definition lassen sich unschwer die wichtigsten Bausteine der terroristischen Strategie als Extremform der Provokation wiedererkennen: Der offensive Normbruch verletzt als Übergriff die Gegenseite, stellt sie bloß und lädt damit die Situation für alle Beteiligten, einschließlich der Zuschauer, emotional auf. All dies lässt sich auf das Vorgehen der Terroristen übertragen, die sich durch ihre Gewalttaten gezielt über die herrschenden Normen und Moralvorstellungen hinwegsetzen. Ihr Normbruch hat den Sinn, auf eine höherrangige Moralordnung hinzuweisen, in deren Licht ihre Angriffe tugendhaft und gerecht sind, während die Gegenseite der Vorwurf von Bösartigkeit und Verblendung trifft (vgl. Waldmann, 2002, 5). Das terroristische Kalkül verfolgt neben dem Überraschungseffekt das Ziel, die andere Seite so herauszufordern, bis diese zum Gegenschlag ausholt und dabei aussieht, als sei sie der aggressive Part. Somit zielen die Anschläge der Terroristen auch darauf ab, den feindlichen Staat aus seiner Reserve herauszulocken, damit er Verfolgungsinitiativen ergreift. Beispiele hierfür sind die Versuche des BND, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln auf die terroristischen Provokationen der RAF zu reagieren. Das Bundeskriminalamt (BKA) wurde dafür in den 70er Jahren zu einem mächtigen Fahndungsapparat ausgebaut. 1975 wurde in Bonn-Bad Godesberg eine Abteilung des BKA gegründet, die sich ausschließlich der Terrorismusbekämpfung widmete. Der Nachweis für die Notwendigkeit mancher Einschränkungen basierte dabei eher auf Vermutungen; die Gesetzgebungsverfahren wirkten punktuell und überhastet; manche Gesetze erschienen eher als einzelfallorientiertes Sonderrecht für konkrete Terroristenprozesse und weniger als abstrakte und generelle Regeln. Neuerungen wie etwa die Einführung der sogenannten „Kronzeugenregelung“ blieben umstritten, und ihr Beweiswert in den Prozessen war gering (vgl. Gusy, 2007, 2). Aber auch die massiven Reaktionen nach den Terroranschlägen in Paris und Brüssel dienen als gute Beispiele für Überreaktionen des Staates. Frankreich verhängte den Ausnahmezustand nach den Pari- 42 Philip Weissermel: Terrorismus als Kommunikationsstrategie ser Anschlägen vom 13.  November 20157 und reagierte schnell militärisch mit Bombardements auf Stellungen des „IS“ in Syrien. Die Anti-Terror-Gesetze nach den in Brüssel verübten Anschlägen eignen sich ebenso als Beispiel für gesellschaftliche Repression infolge von Terrorismus. Reagieren die gesellschaftlichen und politischen Führungseliten indes maßvoll und unterlassen übertriebene Verfolgungs- und Sicherheitsmaßnahmen, dann haben Terroristen ihr Ziel, zumindest teilweise, verfehlt. Provokationen, die keine heftige, möglicherweise überhaupt keine unmittelbare Antwort hervorrufen, können als Scheitern erscheinen. Methoden zur Durchsetzung des terroristischen Kalküls können dabei vielfältig sein und reichen von Bombenanschlägen, Selbstmordanschlägen, Entführungen bis hin zu Geiselnahmen. Ein besonderes terroristisches Kalkül waren die Hungerstreiks der RAF. Im Rückblick zeigt sich diese Strategie als enorm wirkungsvoll. Auch wenn die unmittelbaren Ziele nicht erreicht wurden, die Anerkennung als politische Gefangene, erhielt die Strategie weltweit Aufmerksamkeit und brachte neue Rekruten. In der bundesdeutschen Gesellschaft erzeugte sie viel Sympathie. Eine Erklärung der RAF zeigt deutlich die Ziele der Hungerstreiks: „Unser Hungerstreik im Januar/Februar war erfolglos. Die Zusagen der Bundesanwaltschaft zur Aufhebung unserer Isolation waren Dreck. Wir befinden uns wieder im Hungerstreik. Wir verlangen: Gleichstellung der politischen Gefangenen mit allen anderen Gefangenen! Und freie politische Information für alle Gefangenen – auch aus außerparlamentarischen Medien! Nicht mehr – nicht 7 Bei sechs Anschlägen sind am 13. November 2015 in Paris 130 Menschen getötet worden. Mehr als 350 Menschen wurden verletzt. Attentäter schossen auf Gäste von Bars und Restaurants und auf Besucher des Konzertsaals Bataclan. Mehrere Explosionen erschütterten auch die Umgebung des Stade de France, wo ein Fußball Freundschaftsspiel Deutschland gegen Frankreich stattfand. 434 Terrorismus als Kommunikationsstrategie weniger. Jetzt. Mit der schmierigen Tour: Ruhig Blut – die Zeit arbeitet für dich, lassen wir uns nicht einseifen.“ (Hungerstreikerklärung vom 8. Mai 1973.)8 Noch aus der Haft heraus blieb die RAF eine Bedrohung für den Rechtsstaat.  Der bundesdeutsche Rechtsstaat versuchte mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln zu reagieren. Soweit Gesetze geschaffen oder geändert wurden, blieb formal die Logik der Rechtsstaatlichkeit gewahrt. Im Strafrecht wurden einzelne neue Tatbestände geschaffen, namentlich gegen terroristische Vereinigungen (§-129 a). Sie sollten die Beweisnot des Staates verringern. Diese Maßnahmen zeigen, welchen Stellenwert der Aspekt der Provokation für das terroristische Kalkül haben kann. Indes lassen sich Attentate und Bedrohungen durch den „Islamischen Staat“ wesentlich schwerer durch Gesetze eindämmen. Problematisch sind die transnationale Struktur des „IS“, aber auch die lückenhafte Zusammenarbeit der westlichen Staaten. Doch die Annahme, ein konsequentes und hartes Vorgehen des Staates werde terroristisches Kalkül zunichte machen, ist problematisch. In der Geschichte finden sich Beispiele dafür, dass das terroristische Kalkül diesbezüglich scheitern kann, jedoch auch in anderen Fällen zum Erfolg führte. Faktoren für Scheitern oder Erfolg liegen im Konsolidierungsgrad der terroristischen Bewegung und in der Verknüpfung der Anschläge mit einer konkreten Territorialforderung. Auch spielte eine Rolle, ob den tatsächlichen Sympathisanten der Terroristen Diskriminierung und Repression drohte (vgl. Hoffmann, 2002, 237). Abschließend kann daher terroristisches Kalkül so zusammengefasst werden: 8 Nach der Festnahme des Großteils der ersten Generation im Jahre 1972 hatten viele der Gefangenen unter Isolationshaft und auch sonstigen scharfen Haftbedingungen zu leiden. So wurden neben der akustischen und sozialen Isolation Medien verweigert oder zensiert und Besuch nur kaum gestattet. Als dann Holger Meins an den Folgen des dritten Hungerstreiks starb, wurde die Justiz verantwortlich und Meins so zum Märtyrer gemacht. 44 Philip Weissermel: Terrorismus als Kommunikationsstrategie Der Gewaltakt soll die angegriffene Seite destabilisieren, weil so auch die Angreifbarkeit selbst demonstriert wird. Darüber hinaus soll durch Furcht und Schrecken die bisherige Funktionalität der angegriffenen Verhältnisse erreicht, also deren Ablauf beschädigt und der Zusammenhang geschwächt werden. Als drittes ist eine Reaktion des Angegriffenen zu erzeugen, durch welche die eigentlichen Ziele des Terrorismus erreicht werden können. Ein weiterer Aspekt des terroristischen Kalküls wird in Selbstmordattentaten oder Märtyrertoden sichtbar. Sowohl bei der RAF als auch beim „IS“ zeigte sich, dass die Inszenierung von Märtyrern eine weitere Strategie terroristischer Öffentlichkeitsarbeit ist, die in kommunikativer wie psychologischer Hinsicht eine wichtige Funktion erfüllt: Sie demonstriert die Opferbereitschaft der Organisation und somit auch die Glaubwürdigkeit. Es kann daher zugespitzt gesagt werden, dass die Glaubwürdigkeit einer terroristischen Gruppe steigt, wenn sie Tote aus den eigenen Reihen vorweisen kann. Nun mag die Todesbereitschaft angesichts islamischer Selbstmordattentäter als charakteristisches Merkmal aller Terroristen erscheinen, doch dieser Eindruck ist nicht richtig. Denn in der Regel setzen diese ihr Leben nicht sinnlos aufs Spiel, da sie auch in Zukunft ihren jeweiligen Feind bekämpfen wollen. In der Regel sehen sich Terroristen unter dem Druck, ihrem Tod grundsätzlich einen höheren Sinn geben zu müssen. Ohne moralische, religiöse oder ideologische Konstruktionen ist Terrorismus nicht denkbar. Wer sein Leben aufs Spiel setzt, benötigt eine transzendente Legitimation für sich selbst und für diejenigen, die dem Beispiel folgen sollen (vgl. Eltner, 2008, 116 ff.), 4.2 Botschaften Ob terroristische Botschaften wahrgenommen werden, hängt von verschiedenen Faktoren ab, welche in diesem Kapitel näher erläutert werden. Generell kann eine Gewaltbotschaft nur dann Gehör bei Medien, Politik und Bevölkerung erlangen, wenn der Gewaltpegel in der Gesellschaft gering ist. Waldmann erwähnt in diesem Kontext den „Gewöhnungseffekt“, der nicht zu hoch sein darf (Waldmann, 2005, 46). Demnach erhält ein Anschlag mehr Aufmerksamkeit in 454 Terrorismus als Kommunikationsstrategie einer friedlichen Gesellschaft als in einer von Gewalttaten dominierten. Dennoch ist das Verständnis der Botschaft ausschlaggebend zur Durchsetzung der Ziele. So wurden terroristische Anschläge von marxistischen und nationalistischen Gruppen der 1970er- und 1980er- Jahre meist durch Bekennerschreiben begleitet, in dem der oder die Täter ihre Botschaft kundgetan haben (Bekennungskommunikation). Hierbei lässt sich beobachten, dass die Länge der Bekennerschreiben in den unterschiedlichen RAF-Generationen stark variierte. Die ersten Anschläge wurden durch kurze und prägnante Bekennerschreiben erläutert. Die Taten sollten von sich aus für jeden verständlich vermitteln, worauf die RAF politisch hinauswollte. Erste Veränderungen zeigten sich nach dem Mordanschlag an Wolfgang Buddenberg.9 Nach diesem Anschlag verfasste die Führung der RAF ein siebenseitiges Bekennerschreiben. Daraus lässt sich schließen, dass die Tat als solche nicht ohne ausführliche Erklärung als Botschaft dient. Dieses Beispiel zeigt, dass ein Attentat per se nicht zwangsläufig die richtige Botschaft vermittelt. Besonders die Bekennerschreiben der RAF zeigen zwei grundlegende Funktionen. Als erstes ist die Funktion der Rekrutierung und Mobilisierung der Anhängerschaft klar erkennbar. Eine weitere Funktion besteht in der Erklärung und ideologischen Rechtfertigung der Taten. So wurde im Lauf der Geschichte der RAF die Frage nach der Verhältnismäßigkeit der Attentate unter den Anhängern und Sympathisanten kontrovers diskutiert. Bekennerschreiben waren so immer auch ein Medium, um die Notwendigkeit der Tat im Sinn des Ziels zu rechtfertigen. Eine zentrale und wichtige Rolle spielt gegenwärtig das Internet. Deshalb werden Drohungen (Drohkommunikation) des „IS“ vor Anschlägen meist durch Videobotschaften verbreitet, die allgemein Verunsicherung und Panik in der Bevölkerung verbreiten und eigene Überlegenheit demonstrieren sollen. Der „IS“ versucht durch diese mediale Auftritte folgende Botschaft zu vermitteln: Solche Anschläge 9 Am 15. Mai 1972 explodiert das Auto des Bundesrichters Wolfgang Buddenberg in Karlsruhe. Seine Frau wird verletzt. Der Bundesrichter war in die Ermittlungen gegen die „Baader-Meinhof-Gruppe“ („erste Generation“ der RAF um Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof ) involviert. Zu der Tat bekannte sich das „Kommando Manfred Grashof“ der RAF. Wolfgang Buddenberg überlebte das Attentat. 46 Philip Weissermel: Terrorismus als Kommunikationsstrategie im Westen sind möglich, nicht vorhersehbar, und sie können eine verheerende Wirkung haben (vgl. Frindte, 2010,76). Generell sind terroristische Botschaften ideologisch kaum zu vergleichen. Dennoch lassen sich gemeinsame Muster identifizieren. Grundlegende Botschaften aller terroristischen Aktivitäten sind die Erzeugung einer allgemeinen Stimmung der Furcht und des Schreckens, die Untergrabung des Vertrauens in den Staat und insbesondere dessen Fähigkeiten, die Bürger zu schützen, und die Suche nach Sympathisanten (vgl. Hoffmann, 2002, 45). Dokumente und der Briefverkehr der RAF-Mitglieder untereinander zeigen beispielsweise, dass die Erzeugung von Misstrauen in den Staat eines der Hauptziele der ersten Generation gewesen ist. Die Gruppe wollte so neue Mitglieder für ihre Ideologie und für den Systemwechsel gewinnen. Durch den Strategiewechsel der zweiten Generation, die ausschließlich das Ziel verfolgte, die inhaftierten Mitglieder der ersten Generation freizupressen, wurden viele Sympathien im Umfeld der RAF verloren. Zivile Opfer und eine gewisse Unberechenbarkeit in ihren Attentaten verstärkten diesen Effekt weiter. Die Frage, warum Terroristen Gewalt gegen Unbeteiligte als Vehikel ihrer Botschaften benutzen, sucht Sonja Glaab vorsichtig so zu beantworten: Unter Außerachtlassen von sozialen, historischen und psychologischen Faktoren, lautet die eine mögliche Antwort: Terroristen sehen keine andere Möglichkeit, sich und ihrer Meinung Gehör zu verschaffen. Als Grund für derartige Auffassungen werden oft die Kommunikationsmuster moderner Demokratien genannt. Denn politische Konzepte und Forderungen finden insbesondere dann Aufmerksamkeit und Zustimmung, wenn sie im Fernsehen, Radio, und Presse ausführlich behandelt werden (vgl. Glaab, 2007, 22). Demnach haben die meisten Bürger kaum eine Chance, eigene Themen und Vorschläge öffentlich zu machen, es sei denn, sie machten diese durch spektakuläre Aktionen wie beispielsweise Hungerstreiks, Anschläge oder eben durch andere Formen von Gewalt „interessant“. 474 Terrorismus als Kommunikationsstrategie 4.3 Rezipient und Wirkung Die Ziele und Motive von Terroristen unterscheiden sich, wie in den vorangegangenen Kapiteln dargestellt, stark voneinander. Sie reichen von großangelegten Entwürfen zur totalen Erneuerung der Gesellschaft über Doktrinen, ideologische Prinzipien oder die Erfüllung eines von Gott inspirierten chiliastischen Gebots bis zu vergleichsweise konkreten Zielen wie der Wiedererlangung einer nationalen Heimat oder der Wiedervereinigung einer geteilten Nation. Trotz dieser unterschiedlichen Motive ist allen terroristischen Gruppen eines gemeinsam: keine von ihnen begeht Handlungen ohne Sinn und Zweck. Jede Form sucht durch ihr Handeln die höchstmögliche Publizität zu erreichen, um ihre Ziele zu realisieren (vgl. Hoffmann, 2002, 172). Das Folgende ist ein kurzer Exkurs in die Kommunikationswissenschaft, um den Rezipienten und die Wirkung von terroristischen Taten zu untersuchen. Wichtig dabei ist die Frage, inwieweit terroristische Taten eine vorhersehbare Wirkung erkennen lassen. Waldmann und Jenkins gehen davon aus, der entscheidende Unterschied zwischen „Terrorismus“ und anderen Formen der politischen Gewalt bestehe im symbolischen Charakter terroristischer Taten. Terroristen verwendeten somit eine Art gewalttätiger „Sprache“, um ihre Botschaft zu verbreiten. In einem vereinfachten Kommunikations- Modell, das an das Stimulus-Response-Modell10 der Kommunikationswissenschaft angelehnt ist, würden die Täter als „Sender“ mittels der Opfer einer Gewalttat als „Nachricht“ das Publikum bzw. die Öffentlichkeit als „Empfänger“ zu erreichen suchen. Demnach ist die ermordete oder auf andere Art zu Schaden gekommene Person nicht das primäre Ziel der Terroristen. Die Tat hat somit nur einen symbolischen Wert, ist Träger einer Botschaft, die ein Gefühl der Unberechenbarkeit vermitteln soll. Ähnlich argumentiert auch Jenkins, indem er 10 Das Stimulus-Response- (S-R-) oder Reiz-Reaktions-Modell ist ein Modell der behavioristischen Psychologie, das Reiz und Reaktion nach Art des Black-Box- Modells verknüpft. Unter der Bezeichnung „Stimulus-Response-Modell“ ist ein Ansatz der Medienwirkungsforschung zu verstehen. Das S+R Modell nimmt in der kommunikationswissenschaftlichen Wirkungsforschung und besonders in der Propagandaforschung eine zentrale Rolle ein (Linder,2011 42). 48 Philip Weissermel: Terrorismus als Kommunikationsstrategie sagt, dass Terrorismus sich an die Menschen richtet, die zuschauen (Jenkins, 1980, 99). Wolfgang Frindte und Nicole Haußecker (Hrsg.) sprechen sogar von der Inszenierung von Terrorismus (Frindte, 2010 33). Demnach funktioniert die inszenierte gewalttätige Kommunikationsstrategie nur dann, wenn sich a) die Gesellschaften, Staaten, deren Institutionen oder einzelne gesellschaftliche Gruppen, die als Ziele und potentielle Opfer geschädigt werden sollen, b) politische, wissenschaftliche und journalistische Beobachter und c) potentielle Unterstützer und/oder Sympathisanten der Terrorakteure auf die gewalttätigen Inszenierungen einlassen, sie interpretieren, definieren, mögliche Folgen antizipieren und so schließlich selbst mit zu Protagonisten der Inszenierung von Terrorristen werden (vgl. ebd.). Es bleibt festzuhalten, dass Terrororganisationen, obwohl sie intensiv PR (Public Relations) betreiben und ihre Kommunikationsstrategie in einem beständigen Lernprozess zu perfektionieren versuchen, mit ihren kommunikativen Aktivitäten immer wieder unbeabsichtigte Effekte auslösen. Die endgültige Interpretation ihrer Taten und Propaganda-Aktionen können sie nur sehr bedingt steuern. Terrorismus kann als kalkulierte Inszenierung verstanden werden, da er eine geplante Aufführung und Vorstellung von etwas ist, das gleichzeitig verstellt und verschleiert aufgeführt wird. Jede Inszenierung lebt aus dem, was sie nicht ist (Iser, 1991, S.  511). Unter Inszenierung wird demnach, die gezielte Herstellung von Formen verstanden, in denen mögliche Ereignisse und Prozesse als wirkliche (also wirkende) erscheinen. Terroristen geht es nicht in erster Linie darum, Zivilisten zu töten, sondern den Gegner zu zwingen, den Terrorismus als Risiko zu interpretieren und riskante Folgeentscheidungen zu treffen, mit denen sie (die Gegner) sich sukzessiv weiter schwächen. Als letztes ist der Terrorismus als kalkulierte Inszenierung zu verstehen, da es Beobachter (ein Publikum, Journalisten, Wissenschaftler etc.) gibt, die entweder in Angst und Schrecken versetzt werden oder sich willig als Sympathisanten an der Inszenierung beteiligen sollen. Auf jeden Fall steht dieses Publikum vor einem psychologischen Dilemma: Entweder es erkennt die o. g. Mehrdeutigkeiten, Paradoxien und Irritationen in der Inszenierung von Terrorismus als solche, oder es versucht, 494 Terrorismus als Kommunikationsstrategie dieser Ambiguität mit komplexitätsreduzierenden, vereinfachenden Schemata zu begegnen (vgl. Frindte, 2010, 42). Ausgehend von dem in dieser Arbeit erarbeiteten Verständnis von terroristischen Kommunikationsstrategien werden in den Kapitel 6 und 7 die terroristischen Organisationen RAF und „IS“ anhand folgender Kategorien untersucht: Wie in diesem Kapitel herausgearbeitet, kann von einer terroristischen Kommunikationsstrategie dann gesprochen werden wenn: erstens: eine bewusste Verbreitung von Angst und Schrecken durch die Taten erzeugt wird, zweitens: durch die Taten bewusst der anvisierte Feind provoziert und zu einer Überreaktion heraus gefordert wird und drittens: durch die Taten versucht wird, Sympathisanten zu generieren und zu rekrutieren. Weitere Kriterien sind in der Droh-, Ereignis- und Erklärungskommunikation zu finden. Darüber hinaus kann von einer Kommunikationsstrategie nur dann gesprochen werden, wenn die Taten als strategisch zu bewerten sind. Dies bedeutet, dass eine bewusste strategische Motivation im Vorfeld einer Tat vollzogen wurde. Werden Terroranschläge in der Absicht ausgeführt, bestimmte Rezipienten und Wirkungen erreichen zu wollen bzw. zeigen sich Veränderungen der Strategie, um mehr Rezipienten mit den Taten zu erreichen, kann dies als Indiz einer Kommunikationsstrategie verstanden werden. Zufällige oder spontane Vergeltungsattentate sind in diesem Sinn nicht als strategisch zu betrachten. Als letzte Kategorie ist die Einbeziehung von Medien festzustellen. Denn zu einer terroristischen Kommunikationsstrategie gehört immer auch der Aspekt der medialen Verwertbarkeit der Taten. Treffen die hier aufgeführten Kategorien bei einer terroristischen Tat zu, kann von einer Kommunikationsstrategie der jeweiligen terroristischen Organisation gesprochen werden. Wenn somit die hier genannten Kriterien erfüllt sind, muss eine terroristische Kommunikationsstrategie angenommen werden. Durch den Vergleich von RAF und „IS“ veranschaulicht diese Arbeit, dass diese Kategorien unabhängig von der Ideologie anwendbar sind. Inwieweit von einer Symbiose zwischen Medien und Terrorismus gesprochen werden kann, wird das folgende Kapitel 5 erläutern. Darüber hinaus werden auch die Veränderungen der Berichterstattung sowie der Stellenwert der neuen Medien im Fall des „IS“ im Blickpunkt der Untersuchung stehen.

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References

Zusammenfassung

Terroristische Anschläge und Gewalttaten verfolgen in aller Regel ein gemeinsames Ziel: Sie wollen aufrütteln, schockieren und einschüchtern. Terrorismus sucht die Öffentlichkeit. Folgerichtig begreift dieses Buch Terrorismus als Kommunikationsstrategie. Hierzu vergleicht Philip Weissermel die ganz unterschiedlichen Terrororganisationen Rote Armee Fraktion (RAF) und Islamischer Staat (IS) und untersucht dabei die Schlüsselfrage, ob und welche Gemeinsamkeiten zwischen den Kommunikationsstrategien beider terroristischer Organisationen unabhängig ihrer Ideologien bestehen. Darüber hinaus wird die Symbiose von Terrorismus und Massenmedien aufgezeigt. Durch den Einsatz modernster Technologien haben Terroristen innovative Kommunikationswege beschritten. Dabei agieren sie als lernende Terrornetzwerke, welche die Medien- und Rezipientenwirkung ihrer Gewaltakte und Publikationen genau beobachten, analysieren und ihr künftiges Vorgehen anpassen. Eine erfolgsversprechende Anti-Terror-Strategie darf daher neben militärischem Engagement keinesfalls das mediale Schlachtfeld aus den Augen lassen.