3 Terrorismus – Versuche, ein dynamisches Phänomen zu definieren in:

Philip Weissermel

Terrorismus als Kommunikationsstrategie, page 21 - 34

Ein Vergleich der Roten Armee Fraktion und des Islamischen Staates

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3916-8, ISBN online: 978-3-8288-6666-9, https://doi.org/10.5771/9783828866669-21

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Politikwissenschaften, vol. 71

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
21 3 Terrorismus – Versuche, ein dynamisches Phänomen zu definieren In der Wissenschaft ist der Begriff des „Terrorismus“ umstritten. Zudem existieren über wenige Phänomene im Bereich der Politik so wenig gesicherte Erkenntnisse wie über dieses. Das liegt nicht allein an der Vielgestaltigkeit des Terrorismus und seiner Wandelbarkeit. Auch die „Struktur der Forschung“ trägt dazu bei, dass über Begriffe und Erklärungen des Terrorismus kein Einverständnis hergestellt werden kann. Denn wie kein ein anderer Zweig der Sozialwissenschaften steht die Terrorismusforschung im Zentrum politischer und ethischer Kontroversen, die eine gemeinschaftliche Forschung behindern (vgl. Carr, 2003, 12). Fünfzehn Jahre nach dem 11.  September 2001 und ungefähr 50 Jahre nach Beginn der Terrorismusforschung gibt es noch immer keine einheitliche und konsensfähige Definition von Terrorismus. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Eine intensive Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Terrorismus begann vor allem in Deutschland erst in den 1970er-Jahren in der Auseinandersetzung mit der damals sehr aktiven Roten Armee Fraktion. Ursprünglich war die Forschungsgemeinschaft nicht sehr groß und wenig prominent. Das änderte sich schlagartig nach dem 11.  September 2001. Heute ist der Begriff Ter rorismus so sehr in aller Munde, dass er als inflationär verwendeter Begriff bezeichnet werden kann (vgl. Bechmann, 2012, 9). Diese Doppelung – grassierende Verwendung eines Begriffes, der andererseits unendliche definitorische Diskussionen auslöst – führte dazu, dass der eigentliche Begriff seine ursprüngliche Bedeutung verloren hat. Denn mittlerweile werden Währungsspekulationen als „Wirtschaftsterrorismus“ bezeichnet und familiäre Gewalt als „häuslicher Terrorismus“. Sogar mehrmaliges Angerufen gilt umgangssprachlich schnell als „Telefonterror“ (vgl. Richardson 2007, S. 27 f.). 22 Philip Weissermel: Terrorismus als Kommunikationsstrategie „Politik ist stets ein Machtkampf“, schrieb der Soziologe C. Wright Mills. Und: „Die höchste Form der Macht ist Gewalt.“ Laut Mills ist Terrorismus dort zu finden, wo legitimierte Macht auf politisch nicht-legitime Gewalt trifft. Jeglicher Terrorismus enthält das Streben nach Macht, nämlich Macht zu dominieren und zu erzwingen, einzuschüchtern und zu kontrollieren, um schließlich einen fundamentalen Wandel zu bewirken (vgl. Mills, 1959, 57). Terroristen wollen über die unmittelbaren Opfer oder Ziele ihres Angriffs hinaus weit reichende psychologische Effekte erzielen. Gewalt oder die Androhung von Gewalt ist daher eine unerlässliche Voraussetzung für Terroristen (vgl. Barth, 2011, 2). Trotz vieler Bemühungen konnte dennoch bisher noch nicht staatenübergreifend eine Definition für Terrorismus gefunden werden. Das US-Außenministerium definiert ihn unter anderem als „vorsätzliche politische Gewaltakte gegen Nicht-Kämpfer („noncombatant”) durch nicht-staatliche Gruppen oder Geheimagenten“ (Tuschl, 2005, 12). Akte politischer Gewalt gegen Nicht-Kombattanten durch militärische Einheiten fallen nach dieser Definition nicht unter den Terrorismusbegriff (vgl. Arslan, 2010, 24 ff.). Einen weiteren Versuch unternahm Peter Waldmann, der Terrorismus als planmäßig vorbereitete, schockierende Gewaltanschläge gegen eine politische Ordnung aus dem Untergrund definiert, die allgemeine Unsicherheit und Schrecken, daneben aber auch Sympathie und Unterstützungsbereitschaft erzeugen sollen (vgl. Waldmann, 2005, 12). Diese Akte richten sich also gegen soziale, demokratische Überzeugungen, gegen die Maxime des friedlichen Verhaltens, gegen die Rechtsstaatlichkeit und die staatliche Autorität (vgl. Waldmann, 1998, 15). Demgegenüber rückt der Terrorismusexperte Bruce Hoffman die bewusste Erzeugung von Angst durch Gewalt oder die Drohung von Gewalt zum Zweck der Erreichung politischer Veränderung in den Vordergrund (vgl. Hoffman 2002, 74 ff.). In einem Punkt zeigen sich sämtliche Autoren einig: Terroristische Anschläge setzen sich über humanitäre Konventionen und viele moralische und rechtliche Restriktionen hinweg. Die Frage der Ziele von Terroristen wird in der Literatur häufig damit beantwortet, dass ihre Gewalttaten darauf abzielen, Furcht und Schrecken zu verbreiten, die jeweils betroffene Bevölkerung zu verunsichern und das allgemeine Vertrauen in den Staat und seine Fähig- 233 Terrorismus – Versuche, ein dynamisches Phänomen zu definieren keit, die bestehende Ordnung zu schützen, auszuhöhlen. Dies verfehlt allerdings die Komplexität von terroristischen Botschaften. Denn als zahlenmäßig relativ kleine Gruppen sind terroristische Gruppen darauf angewiesen, durch ihre Taten auch Sympathien und Beistand zu erzeugen. Daher sind die Anschläge auch immer als eine Art der Rekrutierung zu verstehen. Wie schwierig es ist, eine Definition für das Feld „Terrorismus“ zu finden, zeigt eine aufwendige Detailarbeit von Alex Schmid und Albert Jongman. Bereits im Jahr 1988 versuchten sie, eine Definition zu erarbeiten. Sie analysierten 101 verschiedene Terrorismusdefinitionen und katalogisierten sie nach der Häufigkeit der begrifflichen Umschreibungen, die darin vorkamen. Eine Präzisierung für eine tragfähige Definition gelang jedoch auch damit nicht (vgl. Daase, 2001, 57). Dabei ließen sich zwar 22 definitorische Elemente finden, die Terrorismus charakterisieren, aber keines kam in allen Definitionen vor; die meisten Elemente wurden nicht mal in der Hälfte der Definitionen verwendet. Diese Suche nach einer passenden Definition scheiterte, und nach Ansicht des Historikers und Terrorismusforschers Walter Laqueur ist es „weder möglich noch der Mühe wert“, derartige Versuche zu unternehmen (Laqueur, in: Hoffman, 2002, S. 50). Was also macht es so schwer, den Terrorismusbegriff zu definieren? Zum Teil liegt die Antwort sicher in den „semantischen Verwirrspielen politischer Akteure“, wie Herfried Münkler betont (Münkler, 2006, 12). Im folgenden Abschnitt wird daher kurz erläutert, inwieweit Terrorismus von Staatsterrorismus, Guerilla- und Freiheitskämpfen aber auch von kriegerischen Auseinandersetzungen zu unterscheiden ist. Denn nicht zuletzt ist eine einheitliche Definition immer wieder daran gescheitert, dass einige Staaten den „legitimen Kampf für Selbstbestimmung“ (Waldmann, 2008) nicht als terroristische Gewalt eingestuft sehen wollen. 24 Philip Weissermel: Terrorismus als Kommunikationsstrategie 3.1 Begriffsabgrenzung: Terrorist/Freiheitskämpfer/ Terror/Guerilla/Neue Kriege Terrorismus vs. Staatsterrorismus Die Abgrenzung zu anderen öffentlich wirksamen Gewaltformen ist hilfreich, um das Profil der Sonderform Terrorismus herauszuarbeiten. Demnach muss grundsätzlich zwischen Terror und Terrorismus unterschieden werden. Hierzu schreibt der Soziologe Kai Hirschmann, dass als Terror generell staatliche Schreckensherrschaft gegen Bürger oder bestimmte Bürgergruppen zu verstehen ist. Im Gegensatz dazu fallen gezielte Angriffe gegen die Machthabenden unter die Kategorie des Terrorismus. Somit wird zwischen „Terror von oben“ und „Terror von unten“ unterschieden (vgl. Hirschmann, 2009, 6). Auch in den Zielen ist Staatsterrorismus klar vom Terrorismus zu unterscheiden. Jener soll das System (wenn auch mit ungeeigneten Mitteln) stabilisieren, „Terroristen von unten“ verfolgen hingegen das Ziel, das System zu destabilisieren. Die Mittel sind dabei meistens ähnlich, Unterschiede sind allerdings in der Anzahl der Opfer auszumachen. Regimeterror bzw. Staatsterrorismus fordert ungleich mehr Menschenleben als aufständischer Terrorismus. Beispiele hierfür sind sicherlich der nationalsozialistische Terror vor und während des Zweiten Weltkriegs; aber auch in der Sowjetunion unter Stalin oder der Chinesischen Kulturrevolution starben deutlich mehr Menschen als durch aufständischen Terrorismus. Staatsterror ist hierbei nicht nur ein Machtmittel von Diktaturen, sondern kann auch in formal demokratischen Systemen vorkommen. Ein Beispiel diesbezüglich wäre Kolumbien, wo regelmäßig mehr Menschen von staatlichen und parastaatlichen Sicherheitskräften umgebracht werden als von Aufständischen oder deren Organisationen (vgl. Waldmann, 2011, 21). Schließlich müssen terroristische Gruppen wegen ihrer zahlenmäßigen Unterlegenheit Sympathisanten und Bündnispartner gewinnen. Hingegen kann kein Staat im Zeichen einer bestimmten Ideologie – wie Hannah Arendt für totalitäre Staaten aufgezeigt hat – Terror zum Hauptgesetz seines Handels machen, ohne die Reaktionen der Bevölkerung zu ignorieren. (vgl. ebd.). 253 Terrorismus – Versuche, ein dynamisches Phänomen zu definieren Terrorismus vs. Guerilla Die Abgrenzung des Terrorismus von Guerilla ist nicht weniger wichtig als die vorige. Beiden Begriffen werden dieselben Taktiken subsumiert, z. B. Mordanschläge, Geiselnahmen, Bombenattentate, etc. Doch als Guerilla wird eine Art bewaffnete, militärische Einheit bezeichnet, die feindliche militärische Kräfte angreift und die Gebiete erobern will. Herfried Münkler arbeitet als primäres Merkmal einer Dichotomie die Wirkungsrelevanz der Aktionen heraus. Während Guerilleros eher die physischen Kräfte des Gegners schwächen wollen, zielen Terroristen auch auf die psychischen Kräfte des Gegners (vgl. Münkler, 2003, 24). Diese Dichotomie kulminiert in der berühmten Formel Franz Wördemanns, dass der Guerillero den Raum, der Terrorist hingegen das Denken besetzen will (vgl. Wördemann, 1977, 23). Zudem benötigt Partisanenkampf die sympathisierende und materielle Unterstützung der Bevölkerung, während der Terrorismus auch aus einer isolierten Zellenstruktur heraus operieren kann. Aus dieser Unterstützung der Bevölkerung lässt sich auch ein subjektiv wahrgenommener höherer Grad der Legitimität ableiten, weswegen sich Terroristen selbst gerne als Partisanen oder Guerilleros bezeichnen. Ob die sympathisierende Unterstützung der Bevölkerung freiwillig oder durch Zwang herbeigeführt wurde, bedarf der Einzelfallanalyse. Terrorismus vs. Freiheitskämpfer „Des Einen Terrorist ist des Anderen Freiheitskämpfer“. Dieses Diktum von Ronald Reagan während seiner Amtszeit als US-Präsident zeigt, wie schwer sich Terrorismus von anderen Formen der Gewalt analytisch trennen lässt. Jüngeren Datums, aber sicherlich nicht weniger einprägsam ist der Satz Sir Peter Ustinovs, Krieg sei der Terrorismus der Reichen, Terrorismus hingegen der Krieg der Armen (zitiert in Berger, 2008, 14). Ausgehend von diesen Aussagen stellt sich die Frage, inwieweit sich Terrorismus vom Krieg, Freiheitskampf oder Guerillakampf unterscheiden lässt. Ein vielleicht noch schwierigeres Problem der Definition betrifft die Frage, ob Terrorismus als eine Form des Krieges 26 Philip Weissermel: Terrorismus als Kommunikationsstrategie oder eine Gewaltform sui generis zu verstehen sein sollte. Die Vorstellung des Terrorismus als eine Form der Kriegsführung stützt sich auf seine historische Herleitung aus dem anti-kolonialen Befreiungskrieg. Robert Taber hält Terrorismus für einen in die Stadt verlegten Guerillakrieg. Deswegen sieht er auch keine Möglichkeit, zwischen Guerillakämpfern und Terroristen zu unterscheiden (vgl. Taber, 1969, 90 f.). Die Mehrzahl der Terrorismusforscher hingegen erkennt einen kategorialen Unterschied zwischen Terrorismus und Guerillakrieg. Martha Crenshaw (1983) behauptet, Terrorismus lasse sich so lange nicht genau definieren, wie die gewalttätige Handlung, ihr Ziel und die Wahrscheinlichkeit ihres politischen Erfolgs nicht bedacht werden. Freiheitskämpfer würden politische Gewalt im Rahmen des Völkerrechts ausüben, nur Kombattanten angreifen und ihren Kampf mit einer begründeten Aussicht auf Erfolg führen. Folglich wäre ihre Gewaltanwendung legitim. Terroristen dagegen würden zumindest eines dieser Legitimitätskriterien verfehlen. Entweder würden sie Völkerrecht brechen, die Tötung von Non-Kombattanten beabsichtigen oder einen aussichtslosen Kampf führen. Deswegen sei ihre Gewaltanwendung illegitim (vgl. Crenshaw, 1983). Terrorismus vs. Krieg Vom klassischen Krieg unterscheidet Terrorismus sich zunächst ganz formal dadurch, dass er durch nicht-staatliche Einheiten geplant und ausgeführt wird. Sicherlich gibt es auch staatlich ausgeübten Terror. Dieser Regimeterror, der ein Merkmal vor allem totalitärer politischer Systeme ist, ist aber vom Terrorismus nicht-staatlicher Gruppen, um den es hier ausschließlich geht, prinzipiell zu unterscheiden (vgl. Berger, 2008 145 ff.). Die Unterscheidung zwischen Terrorismus und Krieg stellt die sozial wissenschaftliche Begriffsbildung zu Beginn des 21. Jahrhunderts vor Probleme. Denn in den neuen oder asymmetrischen Kriegen manifestieren sich viele verschiedene und komplexe Gewaltformen. Neben der Frage nach der Definition von Terrorismus stellt sich auch die Frage nach einer neuen Definition des Krieges. Wer, wie der amerikanische Militärhistoriker Caleb Carr, Terrorismus weitläufig 273 Terrorismus – Versuche, ein dynamisches Phänomen zu definieren „als Krieg gegen Zivilisten“ definiert, wird der Dichotomie Terrorismus vs. Krieg nicht zustimmen können (vgl. Carr, 2003, 22). Der Definition Carrs widerspricht Bruce Hoffman deutlich: „Letztlich ist Terrorismus eine Taktik und einer Taktik kann man schlecht den Krieg erklären“ (Interview mit Bruce Hoffman in: „Süddeutsche Zeitung Magazin“ vom 12.11.2004, S. 15). In die gleiche Richtung argumentiert Charles Townshend, wenn er den „War on Terror“ der USA unter der Bush- Administration als Krieg gegen einen abstrakten Begriff bezeichnet (vgl. Townshend, 2005, 77). Die Frage nach einer Definition des Krieges würde den Rahmen der vorliegenden Arbeit sprengen. Hoffmans These erlaubt jedoch den Versuch einer Unterscheidung: Während Terrorismus eine Strategie oder Taktik zur Durchsetzung politischer Ziele ist, kann Krieg -minimalistisch betrachtet- als Summe der physischen Gewaltanwendungen in einem Konflikt bezeichnet werden (Hoffman, 2002, 14). Die freie Vermischung von Begriffen wie Terrorismus und Krieg oder auch Terrorismus und Kriminalität wird bereits seit Jahren von der wissenschaftlichen Forschung beklagt. Doch alle Versuche, strukturelle Gemeinsamkeiten aus der empirischen Vielfalt der Gewalthandlungen herauszudestillieren, um sie als Wesensmerkmale des Terrorismus zu fixieren und von anderen Gewaltphänomenen abzugrenzen, sind bislang gescheitert. Bedeutet jedoch die Tatsache, dass bislang weder eine einheitliche Definition noch eine begrifflich eindeutige Trennlinie zwischen den verschiedenen Gewaltphänomenen gezogen werden konnten, auch, dass sowohl die Komplexität des Gegenstands als auch die dynamische Realität moderner Gewaltkonflikte sich der definitorischen Subsumierung für immer entziehen werden? Die Schwierigkeit, Terrorismus und Krieg voneinander abzugrenzen, liegt jedoch weniger in der Komplexität des Gegenstands selbst begründet als vielmehr in der Tatsache, dass erstens die Begriffe Krieg und Terrorismus sich auf unterschiedliche Abstraktionsebenen beziehen und dass zweitens in die Bezeichnung eines Gewaltaktes als terroristisch strategischpolitische Interessen und normative Grundpositionen einfließen (vgl. Ba konyi, 2001, 7). Ausgehend von den hier aufgeführten verschiedenen Herangehensweisen einer allumfassenden Definition des Phänomens Terrorismus sowie die Abgrenzung zu anderen Gewaltformen wird für das Fol- 28 Philip Weissermel: Terrorismus als Kommunikationsstrategie gende diese Arbeitsdefinition festgelegt: Terrorismus (von lat. terror: „Furcht, Schrecken“) ist: a. eine kalkuliert inszenierte gewalttätige Kommunikationsstrategie, b. mit der (nichtstaatliche) Akteure versuchen, die Gesellschaft, Staaten, deren Institutionen oder bestimmte gesellschaftliche Gruppen zu schädigen c. und/oder in Angst und Schrecken zu versetzen, d. um auf diese Weise politische Ziele zu erreichen und e. Unterstützer für ihre Sache zu rekrutieren. 3.2 Theorien Sprechen wir von Terrorismus, so kann dieser Begriff nicht allumfassend verstanden werden. Es gibt viele verschiedene theoretische Ansätze von Terrorismus. Im Folgenden sollen die für diese Arbeit wichtigsten erläutert werden. Bei dem Versuch, die unterschiedlichen Erscheinungsformen des Terrorismus in eine Systematik zu bringen, müssen aufgrund der Komplexität dieser Materie sehr bald Grenzen gesetzt werden. Betrachten wir die Formen des Terrorismus aus räumlicher Sicht, so werden in der Literatur vorwiegend drei Arten unterschieden: nationaler, internationaler und transnationaler Terrorismus. Eine Sonderform ist der Cyberterrorismus. 3.2.1 Nationaler Terrorismus Bei nationalem Terrorismus handelt es sich um eine Form des Terrorismus, welcher seine Zielen und Aktivitäten auf das Territorium eines Staates beschränkt. Beispiele finden wir etwa in Bangladesch, Nepal, auf den Philippinen, Spanien (ETA), Italien (Rote Brigaden) oder auch in Deutschland (RAF), wobei jedoch bei letztgenanntem zum Teil internationale Verbindungen und Kooperationen ebenso einen gewissen Einfluss ausübten (vgl. Schröder, 1986, 41 ff.). 293 Terrorismus – Versuche, ein dynamisches Phänomen zu definieren 3.3.2 Internationaler Terrorismus Internationaler Terrorismus zeichnet sich durch das Ziel, den Operationsbereich weit über die Grenzen eines Landes hinaus zu legen, aus und bezieht oftmals die Bewohner unbeteiligter Staaten als Opfer in die Aktionen ein. Unter anderem geht es den Terroristen darum, die Weltöffentlichkeit auf innerstaatliche Probleme aufmerksam zu machen. Beispiele für diese Form des Terrorismus finden wir bei der ehemaligen PLO, der palästinensischen Hamas oder der philippinischen Abu-Sayaff-Organisation (vgl. Kreis, 1977, 160). 3.2.3 Transnationaler Terrorismus Transnationaler Terrorismus hat weite Teile der Welt als Ziele im Visier und will die Änderung der internationalen (Wirtschafts- oder Herrschafts-)Ordnung erreichen. Das Terrornetzwerk Al-Qaida gilt als erste Vereinigung, auf die das zutrifft. Der transnationale Terrorismus wird oft auch als internationaler Terrorismus bezeichnet. Inwieweit der sogenannte „Islamische Staat“ dieser Form angehört wird im weiteren Verlauf dieser Arbeit genauer erläutert werden. Generell lässt sich transnationaler Terrorismus als Terrorismusform beschreiben, die sich ökonomisch über transnational verbundene „Gewaltmärkte“ und globale Finanznetzwerke reproduziert und ihre Akteure in vielen unterschiedlichen Ländern rekrutiert (vgl. Schneckener, 2006, 10). Kennzeichen des transnationalen Terrorismus sind die länderübergreifende Vernetzung terroristischer Gruppen auf substaatlicher Ebene. Die Beschaffung von Waffen und Geld wird in der Regel durch private Unterstützung oder durch den Aufbau eigener, substaatlicher Finanzierungs- und Logistiknetzwerke gesichert (vgl. Steinberg, 2015, 1). 3.2.4 Sonderform „Cyberterrorismus“ Als vierte und neueste Form des Terrorismus gilt der weltweite Cyberterrorismus. Terroristen nutzen hierbei den Cyberspace und die zunehmende Abhängigkeit unserer vernetzten Gesellschaft von den 30 Philip Weissermel: Terrorismus als Kommunikationsstrategie Informations- und Kommunikationskanälen zur Durchsetzung bzw. Verbreitung ihrer Ziele. Kaum ein terroristisches Instrument ist so kostengünstig und so effizient wie die zielgerichtete Nutzung des Internets (vgl. Schneider, 2008, 36). Besonders der „ Islamische Staat“ ist im Internet sehr aktiv, wie diese Arbeit erläutert (siehe Kapitel 7.3) 3.3 Erscheinungsformen des Terrorismus Terrorismus entsteht aus unterschiedlichen Motiven. Anhand dieser Unterschiede lassen sich seine verschiedenen Formen definieren. Eine Zuordnung ist jedoch nie eindeutig möglich, da sich die Ziele häufig überschneiden oder ineinander übergehen. Die vorgenommene Einteilung nach Waldmann basiert auf der Annahme, dass eine terroristische Gruppe samt ihrer ideologischen Rechtfertigungen und Ziele nicht ohne Grund entsteht, sondern ihren bestimmten gesellschaftlich-historischen Nährboden hat, der wiederum auch durch ihr Vorgehen spezifisch aktiviert wird (vgl. Waldmann, 2005, 111 ff.). Allgemein wird zwischen vier Motivlagen in der Wissenschaft unterschieden: sozialrevolutionärer Terrorismus, ethnisch-nationalistischer Terrorismus, religiöser Terrorismus und vigilantistischer Terrorismus. Letzterer bezeichnet Terrorismus im Sinn des Staates oder der etablierten Ordnung. Diese Gruppen glauben entweder mit Duldung des Staates oder im Sinn der Bevölkerungsmehrheit zu kämpfen. Sie wollen entweder gesellschaftliche Änderungen verhindern oder gegen eine angebliche Bedrohung durch Kriminelle vorgehen. Vigilantistische Terroristen halten den Staat und seine bestehenden Gesetze für zu schwach, um die herrschende Ordnung zu schützen. Als Beispiel ist hier die Ku-Klux-Klan-Bewegung in den USA zu nennen (vgl. Arslan, 2010, 75). Beim ethno-nationalen Terrorismus wird die Anwendung von Gewalt nicht durch eine Weltanschauung oder Ideologie begründet. Vielmehr geht es um regionale, separatistische Forderungen, die von bestimmten Autonomierechten bis hin zu einem eigenen Staat reichen können. Beispiele sind bzw. waren die nordirische IRA (bis zur „Beendigung des Kampfes“ 2005), die baskische ETA (bis zur „Beendigung des Kampfes“ 2006), die palästinensische PLO (bis Mitte der 1980er- 313 Terrorismus – Versuche, ein dynamisches Phänomen zu definieren Jahre), die kurdische PKK oder die tamilischen „Tamil Tigers“ (vgl. Bechmann, 2002, 177). Im Folgenden werden besonders die Formen des sozialrevolutionären Terrorismus und des religiösen/fundamentalistischen Terrorismus akzentuiert. Deshalb werden sie genauer skizziert. 3.3.1 Sozialrevolutionärer Terrorismus Sozialrevolutionärer Terrorismus speist sich aus dem unbedingten Wunsch nach einer ideologischen Neuausrichtung der Gesellschaft, wie sie das linksextreme Spektrum der „Post-1968er- Bewegung“ vertrat (vgl. Hirschmann, 2009, 64). Der sozialrevolutionäre Terrorismus zielt auf die Errichtung einer klassenlosen sozialistischen/kommunistischen Gesellschaft. Er bekämpft den demokratischen Verfassungsstaat als Garant eines kapitalistischen Systems und wegen seines vermeintlich repressiven Charakters. Demnach unterscheidet sich der sozialrevolutionäre Terrorismus vom ethnisch-nationalistischen Terrorismus durch den Adressaten und durch sein Ziel. Der zu „interessierende Dritte“ (Berger/Weber, 2008, 59) ist keine Nation im Werden und auch keine nach Autonomie strebende separatistische Bewegung, sondern eine bestimmte soziale Klasse. Den ideologischen Hintergrund bietet dabei meistens der Marxismus. Zu beachten sei aber, so Berger und Weber (2009), dass die Verbindung, die Marxismus und Gewalt im sozialrevolutionären Terrorismus eingehen, einer Erklärung bedürfe. Marx selber hatte in den Schriften hauptsächlich die ökonomische Dynamik kapitalistischer Gesellschaften analysiert und deren Widersprüchlichkeiten herausgearbeitet. Dabei hatte er sich entschieden gegen Überschätzung des Einflusses der Gewalt gestellt und die Hoffnung geäußert, die Ablösung der bürgerlichen Gesellschaft möge auf friedlichem Weg vor sich gehen. Der politisch entscheidenden Frage, wie der Übergang von der kapitalistischen zur sozialistischen Gesellschaftsordnung geregelt werden soll, war Marx somit ausgewichen (vgl. Berger/Weber, 2009, 59). 32 Philip Weissermel: Terrorismus als Kommunikationsstrategie 3.3.2 Religiöser/fundamentalistischer Terrorismus In jüngster Zeit hat der religiös motivierte, vor allem der islamistische Terrorismus wachsende Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Während in den 1960er-, 1970er- und frühen 1980er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts der sozialrevolutionäre und der ethnisch-nationalistische Terrorismus für Aufmerksamkeit sorgten, hat seitdem die Zahl von Anschlägen aus religiösen Motiven stetig zugenommen (vgl. Waldmann, 2009, 135). Der Beginn wird im Zusammenhang mit der Iranischen Revolution im Jahr 1979 gesehen. Ziel dieser Revolution war die Transformation des Iran in einen islamischen Staat mit der Schari’a4 als Gesetzesgrundlage. Das amerikanische Forschungsinstitut RAND5 beschäftigt sich u. a. mit dem Thema Terrorismus und führt Statistiken zu den bisher bekannten Gruppen und Anschlägen. So zeigt sich, dass zwischen 1968 (Beginn der Zählung) und 1980 insgesamt 62 Anschläge von religiösen Terrorgruppen verübt wurden, die Zahl stieg bereits auf 179 für die Jahre von 1991 bis 1995 an, und zwischen 2001 und 2005 lag sie bei 1495 Anschlägen (Jones, 2008, 22). Ideologisch lässt sich der Anstieg des religiös inspirierten Terrorismus bis zur sogenannten „religiösen Wiederbelebung“ (Neumann, 2009, 5) zurückverfolgen, die in den 1970er-Jahren begann. Demnach lässt sich argumentieren, das neuerliche Interesse an Religion sei eine mehr oder weniger konsequente Reaktion auf Empfindungen wie Unsicherheit und Ungewissheit infolge der Begegnung mit der späten Moderne und dann der Globalisierung. Religiös motivierter Terrorismus wird nach Hirschmann von zwei zentralen Leitgedanken geprägt: Zum einen wird der globale Modernisierungs- und Säkularisierungsdruck abgelehnt, und außerdem existiert eine Sehnsucht nach 4 Der Begriff wird im heutigen Sprachgebrauch für „islam. Recht“ verwendet, bedeutet im engeren Sinne jedoch die von Gott gesetzte Ordnung im Sinne einer Islam. Normativität. 5 Die RAND Corporation („Research ANd Development“) ist eine Denkbank in den USA, die nach Ende des Zweiten Weltkriegs gegründet wurde, um die Streitkräfte der USA zu beraten. Zu den von RAND bearbeiteten Themen gehörten in den letzten Jahren unter anderem die wachsende Fettleibigkeit der Amerikaner, zukünftige Anforderungen für den militärischen Flugzeugbau, das Problem des Drogenmissbrauchs an amerikanischen High Schools oder Schutzmöglichkeiten gegen terroristische Angriffe. (http://www.rand.org/about/organization.html) 333 Terrorismus – Versuche, ein dynamisches Phänomen zu definieren Rückkehr zu einer Gesellschaft, die sich ausschließlich auf religiöse Grundlagen stützt (vgl. Hirschmann, 2009, 41). Problematisch hierbei sind der daraus resultierende totalitäre Anspruch und die Zusammenführung der religiösen und politischen Einstellung. In diesem Sinn nennt Hirschmann für den religiös motivierten Terrorismus mehrere Ursachen: Als erstes führt er den Dualismus an, der die Welt in Gut und Böse aufgeteilt. Weitere Gründe seien Determinismus, Mitgliederkontrolle bzw. totalitäre Strukturen sowie fehlende Hemmschwellen (ebd., 22). Doch die Beweggründe für religiös motivierte Gewalt und ihre Besonderheiten bleiben schwer durchschaubar. Laut Waldmann ist im Rahmen bestimmter Religionen und religiöser Praktiken Gewalt weder ein Fremdkörper noch eine Form abweichenden Verhaltens, sondern ihnen gewissermaßen immanent. Es sei jedoch nicht sinnvoll, zwischen mehr oder weniger friedlichen Religionen zu unterscheiden, da alle ein hohes Maß an Gewaltpotential aufweisen. Allerdings komme dieses Potential nicht immer mit der gleichen Stärke zum Ausdruck (Waldmann, 2005, 136 ff.). Ausgehend von dieser Annahme ließe sich schließen, dass das Christentum – von einzelnen fundamentalistischen Absplitterungen abgesehen – eine vergleichsweise gewaltarme Phase erlebe, während beim Islam militante Tendenzen, bis hin zum Terrorismus in den Vordergrund treten.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Terroristische Anschläge und Gewalttaten verfolgen in aller Regel ein gemeinsames Ziel: Sie wollen aufrütteln, schockieren und einschüchtern. Terrorismus sucht die Öffentlichkeit. Folgerichtig begreift dieses Buch Terrorismus als Kommunikationsstrategie. Hierzu vergleicht Philip Weissermel die ganz unterschiedlichen Terrororganisationen Rote Armee Fraktion (RAF) und Islamischer Staat (IS) und untersucht dabei die Schlüsselfrage, ob und welche Gemeinsamkeiten zwischen den Kommunikationsstrategien beider terroristischer Organisationen unabhängig ihrer Ideologien bestehen. Darüber hinaus wird die Symbiose von Terrorismus und Massenmedien aufgezeigt. Durch den Einsatz modernster Technologien haben Terroristen innovative Kommunikationswege beschritten. Dabei agieren sie als lernende Terrornetzwerke, welche die Medien- und Rezipientenwirkung ihrer Gewaltakte und Publikationen genau beobachten, analysieren und ihr künftiges Vorgehen anpassen. Eine erfolgsversprechende Anti-Terror-Strategie darf daher neben militärischem Engagement keinesfalls das mediale Schlachtfeld aus den Augen lassen.