2 Methodischer Analyserahmen in:

Philip Weissermel

Terrorismus als Kommunikationsstrategie, page 17 - 20

Ein Vergleich der Roten Armee Fraktion und des Islamischen Staates

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3916-8, ISBN online: 978-3-8288-6666-9, https://doi.org/10.5771/9783828866669-17

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Politikwissenschaften, vol. 71

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
17 2 Methodischer Analyserahmen Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Phänomen Terrorismus unter dem Aspekt der Kommunikationsstrategie und analysiert diesbezüglich terroristische Taten. Zur Verdeutlichung werden die Terrororganisationen RAF und „IS“ miteinander verglichen. Trotz der auf den ersten Blick deutlichen Unterschiede beider Gruppierungen besitzen ihre Kommunikationsstrategien viele Übereinstimmungen. Die Herausarbeitung dieser Gemeinsamkeiten, unabhängig von Ideologie, Zeit und Raum, soll verdeutlichen, dass terroristische Taten auch als Kommunikationsstrategie verstanden werden müssen. Die Fallauswahl von RAF und „IS“ ergibt sich wegen der hohen Aufmerksamkeit, welche beide Gruppen zu ihrer jeweiligen Zeit erzeugten. Kaum eine andere terroristische Gruppierung hat in der Bundesrepublik Deutschland so viel Aufmerksamkeit von den Medien, der Politik und der Gesellschaft erhalten wie die RAF in den siebziger Jahren. Das gilt weltweit ebenso für den „IS“ seit 2012. Inwieweit die terroristische Kommunikationsstrategie der jeweiligen Organisationen dazu beigetragen hat, soll diese Arbeit klären helfen. Hierzu werden sowohl wissenschaftliche Studien und Arbeiten als auch Erkenntnisse von Polizei und Sicherheitsbehörden als Quelle ausgewertet. Die Untersuchungsmethode besteht dabei in der Analyse zentraler Ereignisse. Diese werden nach kommunikativen Gesichtspunkten und der Art der kalkulierten Inszenierung ausgesucht und analysiert. Die Inszenierung eines terroristischen Anschlags mit dem Ziel der Erzeugung von Angst und Schrecken sowie der Provokation des Feindes und der Rekrutierung möglicher Mitglieder werden dabei als zentrale kommunikative Botschaften gedeutet. Die aufgeführten Beispiele werden unter anderem anhand dieser Kategorien untersucht. Dieses Vergleichsmuster soll dazu beitragen, terroristische Organisationen, die in ihren Zielen und ihren historischen Bedingungen sich grundsätzlich voneinander unterscheiden, vergleichbar gemacht werden. 18 Philip Weissermel: Terrorismus als Kommunikationsstrategie Wegen der Masse der möglichen Beispiele werden lediglich die prägnantesten der jeweiligen terroristischen Organisation untersucht, also solche, die viel mediale Aufmerksamkeit erhalten haben. Dies bedeutet jedoch nicht, dass kleinere oder weniger „spektakuläre“ Terrorakte nicht als Kommunikationsstrategie gesehen werden dürfen. Die aufgezeigten Beispiele sollen ein deutliches Bild des terroristischen Kalküls ergeben. Hierbei spielen die Terrorakte an sich, aber auch deren Nachbereitung durch die Medien tragende Rollen. Massenmedien wie Fernsehen, Radio, Zeitungen und auch das Internet können daher als „Vermittler“ oder „Transporteure“ von terroristischen Botschaften begriffen werden. Diese Arbeit wird kommunikationswissenschaftliche, politikwissenschaftliche und medienwissenschaftliche Aspekte diskutieren. Die methodischen Herausforderungen, denen jeder begegnet, der sich wissenschaftlich mit Terrorgruppen wie der RAF und dem „IS“ beschäftigt, sind vielfältig. Prinzipiell gibt es mindestens zwei Möglichkeiten, sich dem Thema zu nähern: entweder durch die Untersuchung von Aussagen und Taten der Terroristen oder aber durch die Literatur und die Berichterstattung über sie. Da Kommunikation jedoch keine Einbahnstraße ist, werden in dieser Arbeit beide Herangehensweisen miteinander verknüpft. Grundsätzlich bieten Analysen des Terrorismus immer Spielraum für Interpretationen, es dürfen daher keine endgültigen Wahrheiten erwartet werden. Besonders die Kommunikationsstrategie des „IS“, welche entscheidend mit Hilfe des Internets verbreitet wird, erschwert die Überprüfung der Echtheit von Videos, Beiträgen und Websites. Ebenso sind sozialtheoretisch informierte Analysen zu diesem Themenkomplex eher die Ausnahme. Die aufgezeigten Herausforderungen bei der Bearbeitung dieses Themas liegen somit in der Aktualität der Informationen, als auch in deren Überprüfung. Dennoch finden sich viele fundierte Beispiele, um zu belegen, dass sowohl die RAF in ihrer aktiven Zeit als auch der „Islamische Staat“ die kommunikative Dimension des Terrorismus gezielt genutzt haben bzw. nutzen. Auf die Frage nach der Notwendigkeit, dieses Thema zu untersuchen, findet sich im Hinblick der heutigen Situation durch den „IS“, aber auch mit den Erkenntnissen aus der Zeit des Terrors durch die RAF, eine große Aktualität. Die politikwissenschaftliche Relevanz die- 192 Methodischer Analyserahmen ser Untersuchung ist vor allem im Kontext der großen Forschungslücken zum Thema Terrorismus als Kommunikationsstrategie zu finden. Trotz wichtiger Erkenntnisse in der sozial- und kulturgeschichtlichen Terrorismusforschung der letzten Jahre existieren weiterhin viele Forschungslücken. Wenngleich es nach wie vor schwierig ist, Terrorismus so zu definieren, dass der Begriff analytisch problemlos verwendbar ist, gewinnt es derzeit immer mehr an Plausibilität, Terrorismus als Form der Gewalt zu deuten, die über die Zerstörung- bzw. Tötungsabsicht hinaus Botschaften aussenden und eine möglichst große Aufmerksamkeit erreichen will. Dieser Zusammenhang wird in der Literatur, insbesondere zum Linksterrorismus der 1960er/70er Jahre wie auch zum religiösen Terrorismus der 2000er Jahre, seit einiger Zeit zwar zunehmend erkannt, ist aber erst in Ansätzen untersucht worden. Insbesondere die Bedeutung der Medien ist nur lückenhaft erforscht. Zwar wird die Bedeutung der Medien mit ihrer Macht, Bilder und Interpretationen terroristischer Anschläge zu liefern und zu erzeugen, in einer Reihe von Autoren betont und genauer herausgearbeitet. Doch die Komplexität der Kommunikationsstrategien terroristischer Organisationen wird zumeist wenig beleuchtet. Generell kann daher gesagt werden, dass die Forschung wie auch die Informationslage als durchaus lückenhaft zu beschreiben ist. Es gibt nur wenige methodisch fundierte Arbeiten zum kommunikativen Wechselspiel zwischen terroristischen Organisationen und Medien bzw. zur Mediennutzung oder zur Kommunikationsstrategie terroristischer Organisationen. Das Analysematerial für diese Arbeit besteht deshalb vor allem aus Bekennerschreiben, Aussteigerinterviews, Video- Botschaften, Flugblättern, Zeitschriften, Berichten von Sicherheitsorganen und aus wissenschaftlichen Arbeiten. Das nachfolgende Kapitel beschäftigt sich mit der Suche nach einer Arbeitsdefinition des dynamischen Phänomens Terrorismus. Hierzu wird zunächst der aktuelle Forschungsstand referiert und das Phänomen von anderen Gewaltformen abgegrenzt. Es werden verschiedene Terrorismus-Definitionen vorgestellt und aufeinander bezogen.

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Zusammenfassung

Terroristische Anschläge und Gewalttaten verfolgen in aller Regel ein gemeinsames Ziel: Sie wollen aufrütteln, schockieren und einschüchtern. Terrorismus sucht die Öffentlichkeit. Folgerichtig begreift dieses Buch Terrorismus als Kommunikationsstrategie. Hierzu vergleicht Philip Weissermel die ganz unterschiedlichen Terrororganisationen Rote Armee Fraktion (RAF) und Islamischer Staat (IS) und untersucht dabei die Schlüsselfrage, ob und welche Gemeinsamkeiten zwischen den Kommunikationsstrategien beider terroristischer Organisationen unabhängig ihrer Ideologien bestehen. Darüber hinaus wird die Symbiose von Terrorismus und Massenmedien aufgezeigt. Durch den Einsatz modernster Technologien haben Terroristen innovative Kommunikationswege beschritten. Dabei agieren sie als lernende Terrornetzwerke, welche die Medien- und Rezipientenwirkung ihrer Gewaltakte und Publikationen genau beobachten, analysieren und ihr künftiges Vorgehen anpassen. Eine erfolgsversprechende Anti-Terror-Strategie darf daher neben militärischem Engagement keinesfalls das mediale Schlachtfeld aus den Augen lassen.