9 Schlussbetrachtung in:

Philip Weissermel

Terrorismus als Kommunikationsstrategie, page 117 - 120

Ein Vergleich der Roten Armee Fraktion und des Islamischen Staates

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3916-8, ISBN online: 978-3-8288-6666-9, https://doi.org/10.5771/9783828866669-117

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Politikwissenschaften, vol. 71

Tectum, Baden-Baden
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117 9 Schlussbetrachtung Die vorliegende Arbeit hat deutliche Parallelen zwischen den Kommunikationsstrategien der RAF und des „IS“ nachgewiesen. Doch dem „IS“ sind mit der gewandelten Informations- und Medientechnologie des 21. Jahrhunderts Kommunikationsmittel verfügbar, die sich gravierend von denen der RAF unterscheiden. So kann der „IS“ seine avisierten Ziele wesentlich effektiver und effizienter umsetzen. Jedoch darf nicht außer Acht bleiben, dass die RAF die in ihrem historischen Kontext verfügbaren Kommunikationsmittel ebenso ambitioniert und mit ähnlichen kommunikationsstrategischen Zielen eingesetzt hat. Beiden Organisationen ist daher eine überdurchschnittlich hohe Medienaffinität gemein, die ihnen eine überproportionale mediale Prominenz verschafft hat. Diese hat dazu geführt, dass die Namen beider Gruppierungen zu Markensynonymen für den Terrorismus ihrer Zeit geworden sind. Die Kommunikationsstrategien des Terrorismus basieren heute mehr denn je, ähnlich der modernen Kriegsführung, auf dem Überraschungsmoment gepaart mit dem Erregen maximaler Aufmerksamkeit – um möglichst große Teile der Zivilbevölkerung in Angst und Schrecken zu versetzen. Zugleich hat die Terrorismusberichterstattung seit dem 11. September 2001 eine völlig neue Qualität erhalten, die sich im unverhältnismäßig hohen Aufkommen von Breaking-News-Elementen, den teilweise übertrieben wirkenden TV-Inszenierungen und der ressortähnlichen Etablierung eines Krisenjournalismus mit eigener redaktioneller Infrastruktur widerspiegelt. Dementsprechend sind ernsthafte Vorkehrungen für Terrorereignisse jedweder Art in vielen Nachrichtenredaktionen erst seit der spektakulären Live-Übertragung des einstürzenden World Trade Centers zu beobachten. Denn solange es Terroristen gibt, werden sie versuchen, Fernsehen und Radio, aber auch Zeitungen und das Internet als Stellschrauben und Resonanzkörper für ihre Botschaften zu missbrauchen. Die globalisierte Medienlandschaft hat somit eine Entwicklung beschleunigt, welche sich tref- 118 Philip Weissermel: Terrorismus als Kommunikationsstrategie fend mit Georg Francks 1998 entworfenem Grundriss als „Ökonomie der Aufmerksamkeit“ beschreiben lässt. Es ist notwendig zu wiederholen: Terrorismus ist eine Form der gewaltsamen Aggression, in der das unmittelbare Ergebnis der Gewaltanwendung (Tod eines bestimmten Menschen, Zerstörung eines Gebäudes usw.) nicht das erste Ziel ist, sondern nur die Stufe auf dem Weg zur Besetzung des Denkens, nur der Hebel, mit dem das „normale“ Verhalten der Angegriffenen aus seinen festen Verankerungen gehoben werden soll (vgl. Funke, 1977, 153). Der Terrorismus verwendet das „Prinzip Angst“ als ein Hauptelement. Das Ziel der Täter ist die Produktion und Verbreitung von Furcht und Schrecken, einer tiefgreifenden und weitreichenden Gefühlslage, die sich weit über den eigentlichen Tatort und die Zahl der Opfer und ihrer Angehörigen hinaus auf ein größeres Publikum auswirken soll. Dabei ist es unerheblich, ob es sich um eine politisch oder religiös organisierte und motivierte Gruppe handelt. Anders als der gewöhnliche Mörder oder Verbrecher will der Terrorist nicht nur sein unmittelbares, in das Tatgeschehen einbezogenes Opfer schädigen oder zu etwas zwingen, sondern wendet sich an ein größeres Publikum: an die eigene Klientel, also an potentielle Unterstützer und Sympathisanten und an die als Feind betrachteten „Anderen“, egal, ob das eine Klasse, Religionsgruppe, Volk, Ethnie oder Herrschaftsclique ist. In den Bekennerschreiben, Grundsatzerklärungen oder Memoiren von Terroristen aller Schattierungen finden sich deshalb immer wieder Begriffe wie „Fanal“, „Message“ oder „Lektion erteilen“, mit denen Anschläge als Kommunikation verstanden sein wollen. Während frühere Generationen noch Flugblätter druckten oder Pamphlete verteilten, bedient sich der moderne Terrorismus vornehmlich der Massenmedien zur Verbreitung nicht nur der ideologischen Message, sondern auch des Faktors Angst, mit dem er operiert. Diese Arbeit beschäftigte sich mit der Frage ob und in welchem Maße Terrorismus als Kommunikationsstrategie nach Waldmann verstanden werden muss. Dabei wurde unabhängig von zeitlichen, räumlichen und ideologischen Faktoren Terrorismus als Kommunikationsstrategie untersucht. Der in dieser Arbeit aufgeführte Vergleich der Terrororganisationen RAF und „IS“ zeigte dabei, dass unabhängig von ideologischen Unterschieden und jeweils spezifischen histo- 1199 Schlussbetrachtung rischen Bedingungen terroristische Gewalttaten zur Kommunikation nach außen und innen eingesetzt wurden. Dabei wurde deutlich, dass sowohl die gleichen Rezipienten (Staat, Bevölkerung, Sympathisanten, Medien) als auch hohe Übereinstimmungen in den zu vermittelnden Botschaften zu finden ist. Massenmedien sind dabei tragende und unverzichtbare Akteure für die Übermittlung der Botschaften. Der eingangs aufgeführten Definition von Waldmann, Terrorismus solle primär als Kommunikationsstrategie verstanden werden, kann hinzugefügt werden, dass wegen der Entwicklungen der Medienlandschaft der Terrorismus seit den Terroranschlägen des 11. Septembers 2001 in den USA vollständig als Kommunikationsstrategie begriffen werden sollte. Voraussetzung für diese Aussage ist eine hohe Übereinstimmung der in dieser Arbeit aufgeführten Kategorien. Die in dieser Arbeit aufgestellten Kategorien (Kapitel 4) sollten aufzeigen, dass eine terroristische Kommunikationsstrategie vorliegt, sofern diese Kategorien erfüllt sind. Sie können somit als feste Bestandteile terroristischer Kommunikationsstrategien verstanden werden und können bei beliebigen terroristischen Organisationen angewendet werden. Erfüllt eine terroristische Organisation somit diese Kriterien, können die Gewalttaten als Kommunikationsstrategie verstanden werden. Ideologische und historische Bedingungen spielen dabei, wie in dieser Arbeit aufgezeigt, eine nur untergeordnete Rolle. Die Forschungsfrage ist somit wie folgt zu beantworten. Beide untersuchten Akteure zeigen eine hohe Übereinstimmung in den Punkten: Verbreitung von Angst und Schrecken, Provokation, Rekrutierung und strategischen Vorgehen. Die terroristischen Taten dieser Akteure müssen daher unter dem Gesichtspunkt der terroristischen Kommunikationsstrategie betrachtet werden. Der aufgezeigte Vergleich der Terrororganisationen RAF und „IS“ als auch die Symbiose zwischen Terrorismus von Massenmedien lassen daher den Schluss zu, dass terroristische Anschläge jeglicher Art der Vermittlung von Botschaften dienen. Dabei ist die Ideologie lediglich als Träger für Rechtfertigungen, Rekrutierung und für die Sinnaufladung der Gewalttaten zu verstehen. Terrorismus bedient sich einer Taktik des Unvorhersehbaren, was den Schockeffekt und die Aufmerksamkeit der Gesellschaft als auch der Medien auf sich zieht. Mit dem Einsetzen jeweils der modernsten Kommunikationstechnologien 120 Philip Weissermel: Terrorismus als Kommunikationsstrategie haben beide Akteure bei ihrer Propaganda der Tat innovative Wege bestritten. Dabei agieren sie als lernende Terrornetzwerke, welche die Medien- und Rezipientenwirkung ihrer Gewaltakte und Publikationen genau beobachten, Bilanz aus Erfolgen und Misserfolgen ziehen und ihr künftiges Vorgehen anpassen. Ihren Gegnern sind sie kommunikationsstrategisch daher häufig einen Schritt voraus (vgl. Waldmann, 2005, 156). Ein möglicher Erklärungsansatz für die hohe Aufmerksamkeit, welche sowohl die RAF als auch der „IS“ in den Medien, Öffentlichkeit und Politik entgegengebracht wurde bzw. wird, könnte daher auf eine erfolgreiche strategische Kommunikation durch terroristische Gewalttaten zurückgeführt werden. Dies bedeutet im Umkehrschluss, dass Anti-Terror-Maßnahmen nur erfolgreich sein können, wenn sie nicht einseitig auf die militärischen Aspekte von Terrorismus fokussiert bleiben, sondern auch aktiv in das Geschehen auf dem medialen und kommunikativen Schlachtfeld eingreifen. Ausgehend von dieser Situation scheint es dringend notwendig dem Thema „Terrorismus als Kommunikationsstrategie“ mehr wissenschaftliche Aufmerksamkeit zu widmen. Denn sicherlich werden auch in Zukunft terroristische Organisationen versuchen, durch Anschläge das öffentliche Interesse zu bestimmen. Diese Arbeit sollte daher dazu beitragen, Terrorismus nicht lediglich als Gewaltaus- übung zu deuten, sondern vielmehr als eine Art der Kommunikation auf Grundlage von Gewalt.

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Zusammenfassung

Terroristische Anschläge und Gewalttaten verfolgen in aller Regel ein gemeinsames Ziel: Sie wollen aufrütteln, schockieren und einschüchtern. Terrorismus sucht die Öffentlichkeit. Folgerichtig begreift dieses Buch Terrorismus als Kommunikationsstrategie. Hierzu vergleicht Philip Weissermel die ganz unterschiedlichen Terrororganisationen Rote Armee Fraktion (RAF) und Islamischer Staat (IS) und untersucht dabei die Schlüsselfrage, ob und welche Gemeinsamkeiten zwischen den Kommunikationsstrategien beider terroristischer Organisationen unabhängig ihrer Ideologien bestehen. Darüber hinaus wird die Symbiose von Terrorismus und Massenmedien aufgezeigt. Durch den Einsatz modernster Technologien haben Terroristen innovative Kommunikationswege beschritten. Dabei agieren sie als lernende Terrornetzwerke, welche die Medien- und Rezipientenwirkung ihrer Gewaltakte und Publikationen genau beobachten, analysieren und ihr künftiges Vorgehen anpassen. Eine erfolgsversprechende Anti-Terror-Strategie darf daher neben militärischem Engagement keinesfalls das mediale Schlachtfeld aus den Augen lassen.