1 Einleitung in:

Philip Weissermel

Terrorismus als Kommunikationsstrategie, page 11 - 16

Ein Vergleich der Roten Armee Fraktion und des Islamischen Staates

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3916-8, ISBN online: 978-3-8288-6666-9, https://doi.org/10.5771/9783828866669-11

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Politikwissenschaften, vol. 71

Tectum, Baden-Baden
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11 1 Einleitung Längst ist Terrorismus ein Modewort geworden, zugleich aber auch ein Kampfbegriff. Die Aufmerksamkeit gegenüber dem Phänomen des Terrorismus hat sich durch die Anschläge vom 11. September 2001 in den USA zwar verstärkt, aber nicht erweitert, sondern eher auf eine bestimmte Spielart und das damit verbundene Bedrohungspotential beschränkt. Unmittelbar nach dem Ereignis sicherten nahezu alle Staaten der US-Regierung ihre Unterstützung im war against terrorism zu. In der Welle der Solidaritätsbekundungen ging jedoch unter, dass keine Einigkeit darüber herrschte, was unter dem Begriff genau zu verstehen sei. Schon in den USA gab es verschiedene Sichtweisen: So erkannte ein Bericht des Außenministeriums an, dass es momentan keine weltweit akzeptierte Definition des Terrorismusbegriffs gebe (vgl. Elter, 2008 12) Nahezu jeder Staat, jede Organisation und viele Wissenschaftler1 haben ein je eigenes Verständnis von Terrorismus. Sowohl in den Medien, als auch in den politischen Debatten zeigt sich immer wieder, dass Terroristen als „Wahnsinnige“, von blindem Hass zerfressen und rationalen Argumenten nicht zugänglich beschrieben werden (vgl. Peters, 2015,2). Diese Perspektive übersieht jedoch, dass Terrorismus eine zielgerichtete Strategie ist, die rational gut zu beschreiben und inhaltlich nachvollziehbar ist – genauer gesagt, eine Kommunikationsstrategie, die ebenso wie Werbung versucht, bestimmte Zielgruppen durch ihre Botschaften zu Verhaltensänderungen zu bewegen. Zum Verständnis der terroristischen Vorgehensweise soll die vorliegende Arbeit insofern beitragen, als sie Terrorismus als eine Kommunikationsstrategie begreift. Denn terroristische Taten werden nicht ohne Grund begangen. Terroristen wollen durch ihre Taten Botschaf- 1 Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in dieser Arbeit die Sprachform des generischen Maskulinums angewendet. Es wird an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass die ausschließliche Verwendung der männlichen Form geschlechtsunabhängig verstanden werden soll. 12 Philip Weissermel: Terrorismus als Kommunikationsstrategie ten übermitteln, sie wollen aufrütteln und ebenso auch einschüchtern. Festzustellen ist dabei, dass Terrorismus die Öffentlichkeit sucht. Kommunikation ist daher unerlässlicher Bestandteil jeder terroristischen Gewalttat: „Der Terrorist bewirkt für sich allein nichts, die Publizität hingegen alles“ (Beyer, 2008, 6). Ausgehend von dieser Annahme ergibt sich folgende Forschungsfrage: Können die Kommunikationsstrategien terroristischer Organisationen unabhängig von der Ideologie betrachtet werden? Oder anders aus gedrückt: Kann Terrorismus unabhängig von der Ideologie, Zeit und räumlichen Ausprägung als reine Kommunikationsstrategie begriffen werden? Betrachten wir terroristische Gewalttaten als Kommunikation nach außen, unter der Annahme, dass Botschaften an den Staat, die Gesellschaft sowie an Sympathisanten gesendet werden, so stellt sich die Frage, wie sich diese Kommunikation unabhängig von Ideologie, Zeit, Größe und räumlicher Ausprägung der Gruppe äußert. Daraus ergeben sich einige Folgefragen: Wie agieren Terroristen auf der Bühne der Öffentlichkeit? Welche Kommunikationsstrategien verfolgen sie? Wie haben sich diese Strategien im Lauf der Zeit verändert? Haben sie sich lediglich weiterentwickelt, oder gibt es Innovationen? Ab wann muss von einer terroristischen Kommunikationsstrategie gesprochen werden? Es sei jedoch angemerkt, dass die jeweilige Ideologie einer terroristischen Organisation bei der Identifikation, Rechtfertigung von Gewaltakten sowie dem Transportieren inhaltlicher Botschaften zwar einen großen Stellenwert einnimmt. Übergeordnete Kommunikationsbotschaften sind andererseits jedoch unabhängig von der jeweiligen Ideologie die Verbreitung von Angst, die Provokation des Feindes und die Erzeugung und Rekrutierung von Sympathisanten. Diese Arbeit soll vor allem aufzeigen, dass Terrorismus nicht als willkürliche Handlung gedeutet werden sollte, sondern vielmehr als eine bewusste und indizierte Art der Kommunikation. Adressaten sind dabei sowohl Staat, Gesellschaft als auch mögliche Sympathisanten. Die Arbeit soll 131 Einleitung somit dazu beitragen, Terrorismus unabhängig von der Ideologie als Kommunikationsstrategie zu verstehen. Trotz einer wachsenden Anzahl von Publikationen zum Thema „Terrorismus“ gibt es bislang kaum ein Werk, das sich sowohl aus historischer als auch aus medien- und kommunikationswissenschaftlicher Perspektive mit Kommunikationsstrategien von Terrororganisationen auseinandergesetzt hat. Diese Arbeit begibt sich daher auf die Suche nach möglichen Antworten, ohne dabei den Anspruch zu erheben, sie endgültig gefunden zu haben. Zur Beantwortung der aufgezeigten Forschungsfrage, wird die Arbeit die Kommunikationsstrategien der Roten Armee Fraktion (RAF) und des sogenannten „Islamischen Staates“ („IS“2) vergleichen. Die genannten terroristischen Organisationen wurden ausgewählt wegen der sowohl räumlichen, ideologischen und zeitlichen Unterschiede zwischen beiden Gruppen. Sollte hier eine hohe Übereinstimmung in den Kommunikationsstrategien erkennbar sein, dann ließe sich Terrorismus womöglich als Kommunikationsstrategie ganzheitlich begreifen. Die am Ende des Kapitels 4 erarbeiteten Charakteristika terroristischer Kommunikationsstrategien dienen für die anschlie- ßende Analyse der Kommunikationsstrategien von RAF und „IS“. Die RAF war im Zeitraum von 1970 bis 1998 in der Bundesrepublik Deutschland aktiv. Über die Jahre wurde sie eine terroristische Organisation für den Aufbau einer revolutionären Gegenmacht, um ein ‚menschenwürdiges selbstbestimmtes Leben entgegen der großdeutschen und westeuropäischen Pläne zur Unterwerfung und Ausbeutung‘ (Rote Armee Fraktion Kommando Ulrich Wessel) zu führen. Ziel der RAF war es, die Gesellschaft durch das Einsetzen von Gewalt zu einer Revolution zu bewegen. Hingegen kann das Ziel der Terrororganisation „Islamischer Staat“ in dem Errichten eines sunnitischen Kalifats mit alleiniger Herrschaft 2 In dieser Arbeit wird der Name der Terrororganisation „Islamischer Staat“ ausschließlich in Anführungszeichen gesetzt. Gründe hierfür liegen in der irreführenden Eigenbezeichnung des „IS“, welcher sich als Staat mit Islamischen Grundsätzen definiert. Der Name suggeriert, der „IS“ habe etwas mit einer gemäßigten Auslegung des Islam zu tun, wie sie von den meisten Muslimen vertreten werden. Um klar zu machen, dass es sich um eine Selbstbezeichnung handelt wird diese Arbeit den „Islamischen Staat“ ausschließlich in Anführungszeichen aufführen. 14 Philip Weissermel: Terrorismus als Kommunikationsstrategie im arabischen Raum und dem Anspruch, das Herrschaftsgebiet auf die gesamte Welt auszudehnen, beschrieben werden. Beim „IS“ handelt es sich um eine im Jahr 1999 gegründete Terrororganisation, die aus dem irakischen Ableger des Terrornetzwerks Al-Qaida hervorgegangen ist. Anders als die RAF ist der „IS“ als globale terroristische Organisation zu betrachten. Unter globalem Terrorismus wird im Allgemeinen Terrorismus verstanden, der Landesgrenzen ignoriert und international agiert. Als großer Vorteil von global operierenden Terrororganisationen erweisen sich die dezentralen Strukturen. Generell unterscheiden sich somit beide Akteure grundlegend in den ideologischen, zeitlichen und räumlichen Gegebenheiten. Während die Aktionen der RAF sozialrevolutionär motiviert waren, ist beim „IS“ eine religiöse Ideologie die Grundlage. Der deutsche Jurist, Soziologe und Gewalt- und Terrorismusexperte Peter Waldmann beschrieb als einer der ersten Wissenschaftler Terrorismus als Kommunikationsstrategie. Er deutet terroristische Taten primär als Kommunikationsstrategie: „Dem Terroristen geht es weniger um den eigentlichen Zerstörungs effekt seiner Aktionen. Diese sind nur ein Mittel, eine Art Signal, um einer Vielzahl von Menschen etwas mitzuteilen. Terrorismus, das gilt festzuhalten, ist primär eine Kommunikationsstrategie.“ (Waldmann, 2011, 17.) Dabei ist die terroristische Tat an sich schon eine Form der Kommunikation und also der erste Schritt der genannten Strategie. Waldmann rückt in seiner Definition die Dominanz des indirekten kommunikativen Einsatzes von Gewalt über deren direkten instrumentellen ins Blickfeld, indem er explizit zwei kommunikative Ziele differenziert: die Verbreitung von Furcht und Schrecken auf der einen und die Werbung von Sympathisanten auf der anderen Seite. Hier spielen die Massenmedien eine entscheidende Rolle. Sie dienen den Terroristen zunächst einmal als Kanäle für die Kommunikation ihrer Schreckensbotschaft und verschaffen ihnen so die Aufmerksamkeit, die ihnen als Beweis der eigenen Stärke gilt. Terroristische Taten bezwecken eine Verunsicherung in der Bevölkerung, gleichermaßen fordern sie aber auch den angegriffenen Staat zu einer Reaktion heraus (vgl. Wald- 151 Einleitung mann, 2006, 12). Auf Waldmann gestützt und seine Überlegungen zuspitzend, ist davon auszugehen, dass die Frage nach der Wahrnehmung der Zustände in der Gesellschaft durch die potentiellen Gewalttäter auf der einen sowie die Wahrnehmung und Interpretation der terroristischen Gewaltakte durch die staatlichen Institutionen und die gesellschaftlichen Gruppierungen auf der anderen Seite das Agieren und Reagieren im Bereich des Terrorismus maßgeblich bestimmt haben. Als einen weiteren Akteur sind ebenfalls die Massenmedien zu nennen. Die Untersuchung der kommunikativen Aspekte des Terrorismus ist dabei darauf ausgerichtet, das Spezifikum der terroristischen Gewaltakte, welches nach Waldmanns Definition in ihren kommunikativen Aspekten besteht, schärfer herauszuarbeiten und analytisch nutzbar zu machen. Der Ansatz, Terrorismus als Kommunikationsstrategie zu verstehen, sollte dabei nicht da Halt machen, wo es gilt, die Botschaft der einzelnen terroristischen Akte zu entschlüsseln und nach den genauen Motiven der Täter zu fragen. Sicherlich finden sich eine Vielzahl an ideologischen, zeitlichen und räumlichen Unterschieden zwischen den hier aufgeführten Beispielen, dennoch verbindet beide die Nutzung von Terrorismus als Kommunikation. Eine mögliche Hypothese lautet daher, dass die Untersuchung der Fallbeispiele (RAF und „IS“) aufzeigen wird, dass trotz der genannten Unterschiede eine Vielzahl an gemeinsamen Strategien zu erkennen ist. Ebenso wie die RAF bedient sich der „IS“ demnach der Propaganda der Tat3 sowie der verfügbaren Kommunikationstechnologien. Auch wenn die Islamisten des „IS“ dabei vor allem auf äußerst rücksichtslosen Handlungsterrorismus setzen, der sich gezielt gegen Unbeteiligte richtet, bedeutet dies nicht, dass die Täter dabei nicht ähnliche Kommunikationsstrategien verwenden wie vor 40 Jahren die RAF. Beginnen wird die Arbeit mit dem Aufzeigen des methodischen Analyserahmens. Anschließend wird die Definition von Terrorismus problematisiert. Hierbei werden sowohl in der Geschichte ältere 3 Historisch betrachtet geht diese Strategie auf den Sozialrevolutionär Michail Alexandrowitsch Bakunin (1814 – 1876) und dessen Schüler Sergej Gennadjevich Netschajew (1847 – 1882) zurück, die zuerst den Kampfbegriff „Propaganda der Tat“ prägten (Glaab, 2012 88). 16 Philip Weissermel: Terrorismus als Kommunikationsstrategie Ansätze sowie neuere Ansätze der Begriffsbestimmung des dynamischen Phänomens Terrorismus skizziert. Wichtig für diese Arbeit ist eine klare Begriffsabgrenzung zu anderen Gewaltformen wie Freiheitskampf, Krieg, Guerilla, Staatsterror. Im weiteren Verlauf werden verschiedene Terrorismustheorien sowie deren Formen näher beleuchtet. Bei letzterem wird sowohl der sozialrevolutionäre Terrorismus als auch der religiöse Terrorismus im Fokus stehen, um die nachfolgenden aufgeführten Beispiele (RAF und „IS“) aus ideologischer Sicht unterscheiden und bewerten zu können. Nachdem in den Kapiteln 3 und 4 allgemeine Terrorismusdefinitionen und Ausprägungen untersucht werden, werden die folgenden Kapitel Terrorismus unter dem Gesichtspunkt der Kommunikationsstrategie betrachten. Hierbei werden sowohl die Basiselemente von terroristischen Kommunikationsstrategien untersucht, als auch auf das terroristische Kalkül bezogen. Für die analytische Untersuchung werden in Kapitel 4 Kategorien entwickelt, um terroristische Organisationen in Bezug auf ihre Kommunikationsstrategien zu untersuchen. Eine tragende Rolle bei der Kommunikation von terroristischen Taten haben die Medien. Nachdem die Symbiose zwischen Terrorismus und Medien im Kapitel 5 erläutert wurde, werden die Fallbeispiele RAF und „IS“ auf ihre Kommunikationsstrategien untersucht. Ersterer Punkt scheint besonders im Zeitalter des Internets eine besondere Rolle einzunehmen. Aber schon in Zeiten der Print- und Fernsehmedien hatten diese Medien eine wichtige Rolle in der Kommunikation terroristischer Taten. Es wird zu untersuchen sein, inwieweit Medien diesen Prozess lenken bzw. beeinflussen konnten und können und ebenso der Umgang terroristischer Gruppen mit den Medien. Ein weiterer wichtiger Punkt betrifft Veränderungen in der Berichterstattung in den Medien. Kapitel 5 erörtert die Frage, inwieweit die Medienberichterstattung sich in den letzten Jahren, insbesondere seit der Etablierung des Internets, verändert hat und wie sich diese Veränderung auf die Kommunikationsstrategien von terroristischen Organisationen ausgewirkt hat. Abschließend wird diese Arbeit die Kommunikationsstrategien von RAF und „IS“ vergleichen. Dieser soll zeigen, dass auf Basis der in Kapitel 4 erstellten Kategorien eine klare terroristisch-strategische Kommunikation bei beiden Gruppierungen erkennbar ist.

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Zusammenfassung

Terroristische Anschläge und Gewalttaten verfolgen in aller Regel ein gemeinsames Ziel: Sie wollen aufrütteln, schockieren und einschüchtern. Terrorismus sucht die Öffentlichkeit. Folgerichtig begreift dieses Buch Terrorismus als Kommunikationsstrategie. Hierzu vergleicht Philip Weissermel die ganz unterschiedlichen Terrororganisationen Rote Armee Fraktion (RAF) und Islamischer Staat (IS) und untersucht dabei die Schlüsselfrage, ob und welche Gemeinsamkeiten zwischen den Kommunikationsstrategien beider terroristischer Organisationen unabhängig ihrer Ideologien bestehen. Darüber hinaus wird die Symbiose von Terrorismus und Massenmedien aufgezeigt. Durch den Einsatz modernster Technologien haben Terroristen innovative Kommunikationswege beschritten. Dabei agieren sie als lernende Terrornetzwerke, welche die Medien- und Rezipientenwirkung ihrer Gewaltakte und Publikationen genau beobachten, analysieren und ihr künftiges Vorgehen anpassen. Eine erfolgsversprechende Anti-Terror-Strategie darf daher neben militärischem Engagement keinesfalls das mediale Schlachtfeld aus den Augen lassen.