8 Vergleich der Kommunikationsstrategien in:

Philip Weissermel

Terrorismus als Kommunikationsstrategie, page 105 - 116

Ein Vergleich der Roten Armee Fraktion und des Islamischen Staates

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3916-8, ISBN online: 978-3-8288-6666-9, https://doi.org/10.5771/9783828866669-105

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Politikwissenschaften, vol. 71

Tectum, Baden-Baden
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105 8 Vergleich der Kommunikations strategien Nachdem diese Arbeit die Kommunikationsstrategien der RAF und des „Islamischen Staates“ analysiert hat, vergleicht dieses Kapitel diese Strategien miteinander. Ausgehend von der Forschungsfrage, inwieweit Terrorismus als reine Kommunikationsstrategie verstanden werden sollte, geben die hier diskutierten Beispiele einen guten Einblick in die terroristische Kommunikation. Der Vergleich der Kommunikationsstrategien von RAF und „IS“ zeigt, dass trotz gravierender ideologischer Unterschiede auch Ähnlichkeiten bestehen. Denn sowohl die islamistischen Terroristen als auch die Mitglieder der RAF bedienen bzw. bedienten sich der Propaganda der Tat, des Wortes sowie moderner Kommunikationstechnologien. Zwar setzen die Islamisten vor allem auf äußerst rücksichtslosen Handlungsterrorismus (bspw. Verfolgung der Jesidinnen, oder auch Anschläge auf Bahnhöfe, Cafés oder öffentliche Gebäude), der sich gezielt gegen Unbeteiligte richtet. Dies bedeutet aber nicht, dass sie dabei gänzlich andere Kommunikationsstrategien verfolgen als die RAF. Im Folgenden sollen daher die im Kapitel 4 erarbeiteten Kategorien auf die beiden Akteure angewendet werden. Trotz zahlreicher Unterschiede existieren auch Gemeinsamkeiten zwischen „altem“ (RAF) und „neuem“ Terrorismus („Islamischer Staat“). Auch wenn beide Organisationen das erklärte Ziel verfolgen, das bestehende gesellschaftlich-politischen Ordnungsgefüge umzustürzen, werden sowohl die ideologischen Unterschiede als auch die zeitlichen Unterschiede bei Betrachtung der Kommunikationsstrategien nicht berücksichtigt. Terrorismus als Kommunikationsstrategie zu verstehen, bedeutet demnach, die terroristische Tat als eine kalkulierte Methode der Kommunikation einzusetzen. Besonders die gravierenden Veränderungen unseres Informationsraums, bedingt durch das Aufkommen der neuen Medien (vornehmlich des Internets) haben 106 Philip Weissermel: Terrorismus als Kommunikationsstrategie den Eindruck entstehen lassen, der „IS“ verwende neue Kommunikationsstrategien. Jedoch findet sich trotz dieser Annahme eine Vielzahl an Ähnlichkeiten in der kommunikativen Strategie zwischen RAF und „IS“. Besonderen Stellenwert haben die Symbolkraft und die Medienwirksamkeit eines Anschlags. Die eingangs aufgezeigten Eckpfeiler terroristischer Kommunikationsstrategien (Verbreitung von Angst und Schrecken, Rekrutierung und Bildung von Sympathisanten sowie die Provokation des Feindes) sind bei beiden Akteuren deutlich erkennbar. Das Kalkül beider Organisationen zeigt darüber hinaus den Fokus auf die mediale Verwertbarkeit der Taten. Die RAF wie auch der „IS“ hat die Wichtigkeit einer Rezipientenanalyse verinnerlicht und ihre Kommunikationsstrategie an dieser Erkenntnis ausgerichtet. Wie in den Kapiteln 6.3 und 7.2 aufgezeigt, gehen bzw. gingen „IS“ und RAF bewusst strategisch vor. So ist beispielsweise die schnelle Anpassung an die erreichbaren Rezipienten ein deutliches Merkmal beider Akteure. Anschlagsziele und das gezielte Hinauszögern der Veröffentlichung von Videomaterial (Erklärungen und Botschaften werden bei beiden Akteuren meistens zeitlich zur Tat versetzt veröffentlicht) zeigt ebenso klar strategisches Vorgehen. Des Weiteren zeigte sich, dass Attentate, deren Botschaften sich rückblickend nur schlecht vermitteln ließen (Anschlag auf das Axel Springer Haus (RAF) oder die Verfolgung der Jesidinnen („IS“)), von den jeweiligen Akteuren nicht in die Kommunikationsstrategie integriert wurden. Die mediale Präsentation der Tat wurde somit auf die Rezipienten angepasst, im Vorfeld akribisch geplant und bei Misserfolg verändert. Es kann daher bei beiden Akteuren von einer bewussten strategischen Kommunikation gesprochen werden. Weitere Beispiele für dieses Vorgehen bieten die zahlreichen Entführungen durch die „RAF und den „IS“ zu finden. Die Inszenierung von Entführungen in Medien zeigt die strategische Ausrichtung deutlich. Die Entführungen von Hans Martin Schleyer (RAF) und James Foley („IS“) verraten das Kalkül bei Opferauswahl und Präsentation der Opfer. Die Untersuchung von RAF und „IS“ konnte zeigen, dass die zu vermittelnden Botschaften folgenden Grundinhalt teilen: Die Botschaften sollen auf als Missstände gedeutete Verhältnisse aufmerksam machen. Im Fall der RAF war dies die die ungebremste Ausdehnung des Kapitalismus qua Imperialismus, während der „IS“ gegen die welt- 1078 Vergleich der Kommunikationsstrategien weit als Unterdrückung wahrgenommene Lage der Muslime aufmerksam machen will. Beide wollen durch terroristische Gewalt die jeweils zu befreienden Massen aufrütteln. Wichtiger Bestandteil der Kommunikationsstrategien von RAF und „IS“ besteht in der Erzeugung von Unsicherheit und Angst in der Bevölkerung. Dieser Effekt ist der wichtigste und effektivste. Die unvorhersehbaren Anschläge beider Terrororganisationen sollten das Sicherheitsversagen des Staates und die Botschaft der absoluten Überzeugung der Täter widerspiegeln. Die allgemeine Verunsicherung und übertriebene Sicherheitsmaßnahmen von staatlicher Seite sind gewollte Reaktionen. Die Beispiele zeigen, dass RAF und „IS“ einen der drei hauptkommunikativen Effekte von terroristischen Taten, die Erzeugung von Angst und Schrecken, beabsichtigen. Den größten Wirkungskreis, um Menschen einzuschüchtern, erreichen Terroristen durch Verbreitung von Videos, Fotos und die Berichterstattung ihrer Taten in den Massenmedien. Daher werden Anschläge häufig auch im Hinblick auf ihre Verwertbarkeit als Inszenierung geplant. Wäre es beispielsweise den Terroristen des „IS“ am 13. November 2015 in Paris gelungen, mit ihren Bomben in den Zuschauerraum des Stade de France35 zu kommen, hätten Millionen Menschen vor den TV-Geräten einem Massenmord live zugesehen. Auch das zeigt, wie sehr der Terrorismus auf Medien abzielt. Terroristisches Kalkül ist ein vielschichtiges Phänomen. Trotz grundlegender Unterschiede im Hinblick auf Ideologien und historische Bedingungen haben die Aktivitäten von RAF und „IS“ klar formale Gemeinsamkeiten. Ein Hauptkriterium des terroristischen Kalküls ist bei beiden Akteuren Provokation des Feindes. Dieses Prinzip zeigte sich bereits in den Anfangszeiten der Roten Armee Fraktion, zu deren wichtigsten Zielen der Wille zählte, dem Rechtsstaat „die Maske herunterzureißen“ und ihn durch neuartige Kampfmethoden zu zwingen, gegen sein eigenes Recht zu handeln. 35 Im Stade de France fand am 13. November 2015 vor rund 80.000 Zuschauern das Freundschaftsspiel zwischen der französischen und der deutschen Fußballnationalmannschaft statt. Bei der Sportveranstaltung, die per Direktübertragung in 66 Ländern ausgestrahlt wurde, waren Staatspräsident François Hollande und der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier anwesend. 108 Philip Weissermel: Terrorismus als Kommunikationsstrategie Der demokratisch verfasste Rechtsstaat sollte als der alte, autoritäre und letztlich entfesselte Staat „entlarvt“ werden (vgl. Gusy, 2007). Die Provokation soll den Feind entlarven. Dieser soll sich durch seine Reaktion desavouieren und als maßlos, ungerecht, brutal – kurzum als der eigentliche Angreifer – erscheinen. Der tiefere Sinn der Provokation und des Terrorismus als eine ihrer Spezialformen liegt darin, für das Publikum einen Rollenwechsel zu inszenieren: vom Angreifer zum Angegriffenen zu werden und den Angegriffenen als den Angreifer hinzustellen. Wenngleich diese Absicht durchsichtig erscheinen mag, ist sie doch nicht leicht zu durchkreuzen. Denn reagiert der Provozierte nicht, so riskiert er, sein Gesicht zu verlieren und der Schwäche bezichtigt zu werden; umgekehrt wird rasch der Vorwurf unverhältnismäßiger Härte gegen ihn erhoben, wenn er zu energischen Gegenmaßnahmen greift (vgl. Waldmann, 2002, 17). Der offensive Normbruch, der als Übergriff die Gegenseite verletzt, bloßstellt und damit die Situation für alle Beteiligten, also auch die Zuschauer, emotional auflädt, findet sich sowohl in den Aktionen des „IS“ als auch denen der RAF. Direkte Schuldzuweisungen an den jeweiligen Staat sind gezielte Provokationen. Beispiele sind hierfür die zahlreichen vom „IS“ entführten westlichen Journalisten und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen. Aber auch die RAF erkannte schnell, dass der kommunikative Effekt einer Entführung sowohl langanhaltend als auch stark provozierend gegenüber dem verfeindeten Staat ist. Die öffentliche Zurschaustellung von Entführungsopfern garantiert zuverlässig überdurchschnittliches Medieninteresse. Die Berichterstattung bietet Terroristen dauerhaft eine kommunikative Bühne, die sich durch Lancieren von neuem Videomaterial beliebig lange bespielen ließ. Die kommunikative Strategie, Geiseln zu instrumentalisieren, um Druck auf die Erpressungsopfer auszuüben, zeigten beide Akteure. Entführungen bieten neben der nachhaltigen Demütigung von Opfer und erpresstem Gegner auch Gelegenheit zum zynischen Vorwurf, der Staat hätte die Geisel im Stich gelassen. Die dritte von beiden Organisationen genutzte Kategorie der Kommunikationsstrategien betrifft die Rekrutierung von Sympathisanten durch Anschläge. Rückblickend zeigt sich, dass die RAF kaum Erfolg bei der Rekrutierung durch Terroranschläge hatte. Diese Arbeit argumentiert, das habe vor allem an diesbezüglich mangelnder Kommu- 1098 Vergleich der Kommunikationsstrategien nikation und der Selbstbezogenheit der Gruppen gelegen. Dennoch belegen Schriften und Briefverkehr der RAF-Mitglieder, dass Terroranschläge auch zur Rekrutierung und Mobilisierung der Masse eingesetzt werden sollten, um das ausgegebene Ziel zu erreichen. Die RAF wollte durch gezielte Anschläge der zu befreienden Masse den Anstoß zur Selbstbestimmung geben. Als durchaus erfolgreich und durchsetzungsfähig zeigt sich indes die Kommunikationsstrategie des „IS“ in puncto Rekrutierung. Anders als zu Zeiten der RAF erhalten die Taten und die damit verknüpften Aufrufe des „IS“ viel Zustimmung in den jeweiligen Sympathisantenszenen. Der Erfolg der Propaganda und die damit einhergehende Rekrutierung von Kämpfern geht aus einem Bericht hervor, den die in den Vereinigten Staaten ansässige „Soufan Group“ veröffentlicht hat. Danach wird eine Zahl von ca. 20.000 bis 32.000 „IS“-Kämpfern angenommen (Stand Dezember 2015). Knapp die Hälfte davon seien Iraker oder Syrer, die andere Hälfte komme aus Drittländern (vgl. Barrett, 2015, 14). Die Zuverlässigkeit dieser Zahlen lässt sich nur schwer abschätzen, doch andererseits verfügt der „IS“ im Gegensatz zu vergleichbaren Terrororganisationen über eine überdurchschnittlich hohe Zahl rekrutierter Kämpfer. Die Gründe der aktiven Teilnahme beim „IS“ sind vielfältig und in dieser Arbeit nicht zu erfassen. Es zeigen sich somit zusammenfassend eine hohe Übereinstimmung in der Kommunikationsstrategie des „IS“ und der RAF in den Punkten: Verbreitung von Angst und Schrecken, Provokation des Feindes und Rekrutierung. Terroristische Attentate sind Mittel zum Zweck der Aufmerksamkeitserzeugung. Dennoch finden sich noch weitere Parallelen zwischen den genannten Akteuren in den Punkten: Botschaften, Umgang und Nutzung der Medien sowie in den Rezipienten. In der Kommunikationsstrategie des Terrorismus reicht der Anschlag in Isolation nicht aus, um Botschaften zu übermitteln. Kampagnen sind im Sinn der terroristischen Logik erst dann erfolgreich, wenn bekannt wird, wer dafür verantwortlich ist. Deshalb ist die Propaganda der Tat stets durch die Propaganda des Wortes zu ergänzen. Sowohl die RAF als auch der „IS“ haben viele Bekennerschreiben, theoretische Abhandlungen und multimediale Artefakte veröffentlicht, in denen sie nicht nur die Verantwortung für ihre Anschläge übernehmen, sondern auch ihre Beweggründe legitimieren und ihre 110 Philip Weissermel: Terrorismus als Kommunikationsstrategie Ziele offenlegen. Zwar verfassten auch die Mitglieder des „IS“ Bekennerschreiben, vor allem setzten sie jedoch auf bildmächtigere Mittel. Eine große Rolle spielt hier die Eigendarstellung der Akteure, die sich und ihr Handeln – im Sinn der klassischen „PR“ – in möglichst günstigem Licht präsentieren wollen. Ein zentrales rhetorisches Konzept, mit dem sich beide Akteure in ihren Verlautbarungen in Szene setzten, ist das der revolutionären Avantgarde. Sie präsentieren sich als „Macher“, die nicht länger bereit sind, bestehende „Missverhältnisse“ hinzunehmen und daher uneigennützig für die Masse eintreten, von der sie sich dadurch abheben, dass sie zum aktivem Handeln bereit sind, bis hin zu einer Anwendung von Gewalt (vgl. Tinnes 2012, 6). Die Gewalt, die sie anwenden, stellen beide Akteure als Mittel zum Zweck dar, das ihnen von ihren Gegnern aufgezwungen wird. Sowohl die RAF als auch der „IS“ porträtieren sich als Sprachrohr der Unterdrückten, die von Staatssystemen verfolgt, gefoltert und ermordet werden. Angesichts der Übermacht des Gegners bleibt ihnen zur Verteidigung lediglich die terroristische Gewalt. Aus diesem Konzept der Selbstviktimisierung leiten beide Organisationen positive konnotierte Begriffe ab. Die RAF instrumentalisierte den Begriff des „Widerstandskämpfers“ dabei im gleichen Maß wie der „Islamische Staat“. Darüber hinaus zeigen sich bei „IS“ und bei der RAF hohe Übereinstimmungen im Ablauf der Kommunikationsstrategie. Bei beiden Akteuren ist zunächst eine im Vorfeld stattfindende Drohkommunikation (Drohungen und Ankündigungen von Anschlägen) festzustellen. Diese dient auf der einen Seite zur Interessengewinnung der medialen Aufmerksamkeit, aber auch zur Erzeugung von Angst und Schrecken in der Zivilbevölkerung. Dann folgt die Gewalttat selbst, die laut Definition von Waldmann selbst bereits ein Kommunikationsakt ist. Sinn erhält die Tat jedoch erst durch die die Bekennerkommunikation (Erklärung und Rechtfertigung der Tat). Die zu vermittelnden Botschaften werden sorgfältig auf ihre Rezipientenkreise zugeschnitten. Die Kanäle zur Übermittlung der Propaganda des Worts wurden bzw. werden von RAF und „IS“ sorgfältig gewählt. Der „IS“ sucht stärker als die RAF seine Botschaften nach dem Prinzip des kleinsten gemeinsamen Nenners zu formulieren und 1118 Vergleich der Kommunikationsstrategien einfache Lösungen für komplexe politische und soziale Fragestellungen anzubieten, um möglichst viele Adressaten zu erreichen. Terroristische Attentate sowohl der RAF als auch des „IS“ zeigen eine klare strategische Kommunikation. Das Prinzip, Terrorismus als Kommunikation einzusetzen, ist nur erfolgreich, wenn die Gewalttaten der Akteure möglichst weit bekannt werden. Wegen der Fülle der Ereignisse in einer globalen Medienwelt können Mainstream-Medien nicht über alles berichten, sondern müssen durch Editionsprozesse einzelne Themen selektieren (Agenda Setting). Deshalb wurde die gezielte Vor-Informierung der Presse fester Bestandteil der Kommunikationsstrategie beider Organisationen. Durch Zuspielen von Bekennerschreiben, Audio- oder Videobotschaften konnten sowohl der RAF als „IS“ vielfach die ausschnittsweise oder gar vollständige weitere Ver- öffentlichung ihrer Publikationen in den Mainstream-Medien erreichen. Auch der Symbolwert eines Terroraktes beeinflusst, wie gezeigt, die Wahrscheinlichkeit massenmedialer Berichterstattung. Unter diesem Gesichtspunkt zeigte sich, dass sowohl die RAF als auch der „IS“ immer möglichst symbolträchtige Ziele für ihre Anschläge aussuchten. Als Beispiele wäre hier der Anschlag auf das Axel-Springer-Haus zu nennen oder auch der Anschlag auf die Redaktionsräume von Charlie Hebdo in Paris. Eine weitere wichtige Kategorie erfüllen beide Akteure mit der Nutzung neuster Medien: Videotechnologie/Polaroid- und VHS Technologie im Fall der RAF und Internet und soziale Medien beim „IS“. Technische Innovationen werden schnell in die jeweiligen Kommunikationsstrategien integriert. Videoaufnahmen ließen sich von der RAF hervorragend für Propaganda und Rekrutierungszwecke verwenden. Dass die RAF und auch der „IS“ mediale Revolutionen für ihre Zwecke genutzt haben, zeigt, dass Innovationen ein inhärenter Bestandteil der Kommunikationsstrategien von Terroristen sein können. Ein Vergleich der Kommunikationsstrategien, der nur konkrete Kommunikationstechnologien gegenüberstellt, greift daher zu kurz. Um eine belastbare Vergleichsgrundlage zu schaffen, die von historischen, geografischen und kulturellen Kontexten unabhängig ist, müssen die Kommunikationsmuster untersucht werden. 112 Philip Weissermel: Terrorismus als Kommunikationsstrategie Eine weitere Übereinstimmung in den Kommunikationsstrategien von RAF und „IS“ ist tatsächlich die Affinität zu technologischen Innovationen (vgl. Elter, 2008, 169). Trotz der problematischen Forschungslage lassen sich im Hinblick auf untersuchte symbolische Dimension des Terrorismus zusammenfassend einige Gemeinsamkeiten festhalten. Terroristische Anschläge der RAF als auch des „IS“ richten sich auf symbolträchtige Ziele, um eine politische Botschaft zu vermitteln und den Gegner durch die Verbreitung von Angst und Schrecken psychisch zu destabilisieren. Die Kommunikationsstrategie von beiden Organisationen wendet sich zudem an einen „interessierten Dritten“, der durch die Inszenierung des Terroraktes von den Zielen der Terroristen überzeugt werden soll. Dabei konnten sich weder die Mitglieder der RAF als auch die des „IS“ auf die Sympathien einer bereits staatsfeindlichen Bevölkerung stützen, sondern mussten diese erst gegen den bekämpften Staat aufwiegeln, weshalb sie eine große Öffentlichkeit benötigen, der sie ihre Anliegen mitteilen können. Ausschlaggebend für die Übermittlung der Botschaften sind die Massenmedien. Wie diese Arbeit zeigt, dienen diese als „Transporteur“ der terroristischen Botschaft. Ohne die flächendeckende Berichterstattung der Massenmedien wäre der Effekt eines Terroraktes als Kommunikationsstrategie auf die lokale Zerstörung begrenzt. Die Kommunikationsstrategien von „IS“ und RAF kommt nur zur vollen Entfaltung, wenn die psychologische Wirkung des Terrors durch die Massenmedien verbreitet wird. Die Entwicklung der modernen Massenmedien hat eine bis dato nie dagewesene Qualität und Quantität (vgl. Waldmann, 2005). Dennoch fanden sich bei der Untersuchung der aufgeführten Akteure auch deutliche Unterschiede in der terroristischen Kommunikationsstrategie. Nicht nur die Ursprünge des „alten“ und des „neuen“ Terrorismus sind verschieden, auch die Erkenntnisse über die Ursprünge sind als grundlegend verschieden zu interpretieren. Während die Wurzeln des Terrorismus der siebziger Jahre gut aufgearbeitet sind, liegen zum „IS“ nur wenige verlässliche Informationen vor, und die Wissenschaft ist hinsichtlich der Bedeutung einzelner Aspekte gespalten. 1138 Vergleich der Kommunikationsstrategien Sicher schaffen vor allem die technischen Möglichkeiten Unterschiede. Durch Internet und soziale Medien können neue kommunikative Wege eingeschlagen werden. Zwar haben die klassischen Massenmedien (Print, Fernsehen und Radio) weiterhin einen hohen Stellenwert. Doch das Internet bietet die Möglichkeit zu schnellerer und weniger gefilterter Kommunikation. Die Kommunikationsstrategie des „IS“ ist dank der neuen Medien schneller und direkter. Auch in der Bandbreite der Möglichkeiten (Videos hochladen, Bilder Bearbeitung, Audiodateien zum Runterladen) zeigt das Internet hervorragende kommunikative Eigenschaften. Die mediale Inszenierung terroristischer Aktionen sind im „alten“ Terrorismus in erster Linie im Kontext von Flugzeugentführungen und Kommando-Aktion wie Entführungen (Schleyer-Entführung) bekannt. Heute stehen wir dagegen vor einer globalen Ausweitung medialer Multiplikatoren des Terrorismus. So kann der 11. September 2001 nicht als Flugzeugentführung, Erpressungsversuch, Gefangenenbefreiungsversuch, räuberischer oder kriegerischer Akt im Sinne des „alten“ Terrorismus verstanden werden, sondern zudem als ein Krieg der Bilder (vgl. Kraushaar, 2006). Darüber hinaus zeigte sich bei der Betrachtung der Kommunikationsstrategien der beiden Akteure in Bezug auf die Adressaten ein deutlicher Unterschied. Während die Taten der RAF auf einen kleinen Teil der Bevölkerung ausgelegt waren36, ist der Rezipientenkreis des „IS“ globaler und dadurch größer. Herausforderungen liegen dabei vor allem im Überwinden von Sprachbarrieren zur Übermittlung von Botschaften. Um einen möglichst großen Sympathisantenkreis aufzubauen, untertitelt oder übersetzt der „IS“ daher viele seiner Bekennervideos, Bekennerschreiben oder Verlautbarungen. Sicherlich ist aber der größte Unterschied der terroristischen Kommunikationsstrategien von RAF und „IS“ in der Durchführung und Planung von Anschlägen zu finden. Während die RAF stets darauf bedacht war, dass Anschläge einen höchstmöglichen Symbolcharakter besitzen, sowie möglichst keine „Unschuldigen“ zu Schaden kommen, wohnt den Terroranschlägen des „IS“ sehr viel Unberechenbarkeit inne. Seine Anschläge treffen völlig willkürlich und zufällig 36 Anschläge sollten hauptsächlich die deutsche Bevölkerung erreichen. 114 Philip Weissermel: Terrorismus als Kommunikationsstrategie seine Opfer und verstärken dadurch Unsicherheit und Angst in der Zivilbevölkerung. Das terroristische Kalkül des „IS“ beinhaltet somit viel mehr Unberechenbarkeit, die auch zu mehr Aufmerksamkeit von Seiten der Öffentlichkeit führt. Wolfgang Kraushaar bezeichnet die Zielrichtung des neuen Terrorismus mit dem Begriff „Ubiquität der Opferziele“ (Kraushaar, 2006, 52). Der alte Terrorismus habe die spezifische Auswahl der Opfer gekannt. „Unschuldige“ durften nicht getroffen werden. Ziele waren Militär, Polizei, Justiz, Repräsentanten des Staates, Wirtschaft und Finanzen. Beim neuen Terrorismus fielen die Opferziele wahllos aus, so Wolfgang Kraushaar, weil kaum einer der genannten Adressaten wie „die Juden“, „die Israelis“, „die Amerikaner“, „der Westen“ oder „die Feinde des Islams“ gezielt getroffen werden könne (ebd., 57). Auch in der taktischen Ausführung der Taten bestehen deutliche Unterschiede. So ist eine zentrale Figur des „IS“-Terrors der Selbstmordattentäter37 (vgl. Kraushaar, 2006, 78). Die Absicht des „alten“ Terroristen war es dagegen, sich möglichst geringen Risiken auszusetzen und sich dem Zugriff von Polizei und Justiz zu entziehen. Entsprechend stoßen heute die „alten“ staatlichen Sanktionsdrohungen bis hin zur Todesstrafe ins Leere. Die kommunikative Wirkung von Suiziden kann dagegen als durchaus durchsetzungsfähig beschrieben werden. Es existiert somit eine hohe Übereinstimmung in der Nutzung von Terrorismus als Kommunikationsstrategie zwischen RAF und „IS“. Grundlegende Eigenschaften terroristischer Kommunikationsstrategien, welche sich bei beiden Organisationen finden, haben aufgezeigt, dass trotz der unterschiedlichen Rahmenbedingungen beide Akteure Terrorismus zur Kommunikation eingesetzt haben. Die in Kapitel 4 erarbeiteten Kategorien: Provokation, Verbreitung von Angst und Schrecken, Rekrutierung und die strategische Mediennutzung lassen sich sowohl beim „IS“ also auch bei der RAF nachweisen. Es kann somit abschließend durchaus von einer hohen Übereinstimmung in 37 Unter Selbstmordattentaten sind Anschläge zu verstehen, bei denen sich der Attentäter auf eine Weise tötet, dass möglichst andere Personen mit in den Tod gerissen werden. Darunter fallen nicht nur Selbst-Sprengungen mit Autobomben oder Bombengürteln, sondern auch Kamikaze-Aktionen, die nur dann ihre Wirkung entfalten, wenn die Angreifer ihren sicheren Tod bewusst in Kauf nehmen. 1158 Vergleich der Kommunikationsstrategien puncto terroristischer Kommunikationsstrategie gesprochen werden. Die Beispiele in den Kapiteln 6 und 7 zeigen, dass unabhängig von der Ideologie beide Akteure versucht haben, durch gezielte Gewalt bestimmte Rezipienten zu erreichen.

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References

Zusammenfassung

Terroristische Anschläge und Gewalttaten verfolgen in aller Regel ein gemeinsames Ziel: Sie wollen aufrütteln, schockieren und einschüchtern. Terrorismus sucht die Öffentlichkeit. Folgerichtig begreift dieses Buch Terrorismus als Kommunikationsstrategie. Hierzu vergleicht Philip Weissermel die ganz unterschiedlichen Terrororganisationen Rote Armee Fraktion (RAF) und Islamischer Staat (IS) und untersucht dabei die Schlüsselfrage, ob und welche Gemeinsamkeiten zwischen den Kommunikationsstrategien beider terroristischer Organisationen unabhängig ihrer Ideologien bestehen. Darüber hinaus wird die Symbiose von Terrorismus und Massenmedien aufgezeigt. Durch den Einsatz modernster Technologien haben Terroristen innovative Kommunikationswege beschritten. Dabei agieren sie als lernende Terrornetzwerke, welche die Medien- und Rezipientenwirkung ihrer Gewaltakte und Publikationen genau beobachten, analysieren und ihr künftiges Vorgehen anpassen. Eine erfolgsversprechende Anti-Terror-Strategie darf daher neben militärischem Engagement keinesfalls das mediale Schlachtfeld aus den Augen lassen.