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Einführung in:

Johannes Mattes

Bewusstseinskultur und Gesundheit, page 13 - 32

Eine prospektive, randomisierte und kontrollierte Studie zur spirituellen Praxis von Brustkrebspatientinnen

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3907-6, ISBN online: 978-3-8288-6664-5, https://doi.org/10.5771/9783828866645-13

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 72

Tectum, Baden-Baden
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Einführung In dieser Arbeit geht es um die Frage, inwieweit der Mensch als geistbegabtes Wesen in der Lage ist, sein Leben so zu gestalten, dass es ihm in all seinen Lebensvollzügen wohlergeht und er gesund zu leben vermag! Welche Hilfestellungen bietet ihm dabei die Kultur, die er hervorgebracht hat, in ihren vielfältigen Erscheinungsweisen? Welchen Stellenwert haben die Wissenschaften, so die Humanmedizin und die Naturwissenschaften? Genau dies ist die Situation zum Beispiel von Krebspatienten. Welche Hilfestellung ist von der Medizinwissenschaft zu erwarten? Auf welche eigenen Ressourcen vermag ein leidender Mensch zurückzugreifen? Exemplarisch soll dieser Zusammenhang im dritten Teil dieser Arbeit an der spezifischen Fragestellung dargestellt werden, inwieweit eine bewusste Selbstreflexion im Rahmen eines Meditationstrainings von 8 Wochen Dauer geeignet ist, bei Frauen mit Brustkrebs, die sich einer nebenwirkungsbehafteten, langjährigen antihormonellen Therapie unterziehen müssen, lebensverändernd und gesundheitsfördernd zu sein. Erreicht werden soll dies durch eine mithilfe des Meditationsprozesses angestoßene Veränderung der Betrachtungsperspektive in Bezug auf die eigene Gesundheit und die konkreten Lebensumstände. Gesundsein und Wohlergehen haben keinen fest umgrenzten Bedeutungsgehalt, sondern sind das Ergebnis einer jahrhundertealten Entwicklung von Wissenschaft, Philosophie und Kultur. Diese Elemente beeinflussen sich ständig, so dass sich der Bedeutungsgehalt von gesund und krank in unterschiedlichen Kontexten ändern kann. Heilkundige inkludieren Vorstellungen von gesund und krank. Diese unterliegen wissenschaftlicher Überprüfung. Das individuelle Gefühl von Ganzheitlichkeit (Vollständigkeit) kann sich aber nicht nur aus „positiven“ Bildern und Vorstellungen von Gesundheit, Schönheit und Glück materialisieren, sondern eben auch aus „negativen“ Bildern, wie z.B. aus Enttäuschungen, Widersprüchen und Krankheiten. Dies setzt einen bewussten Prozess der Selbstreflexion und Auseinandersetzung mit den eigenen Bildern von „gesund“ und „krank“ sowie „positiv“ und „negativ“ voraus. Hieraus ergibt sich die konkrete Fragestellung dieser Arbeit, inwieweit eine bewusste Selbstreflexion über eine Änderung des Denkens, Fühlens und Handelns dazu beitragen kann, Ganzheitlichkeit jenseits von wissenschaftlichen Konventionen von gesund und krank zu erfahren. 14 Einführung Zunächst sollen als Grundlage für die weitere Arbeit und die weitere inhaltliche Auseinandersetzung fünf wesentliche Begriffe definiert werden. Diese Definitionen erheben nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, sondern sind als Definitionsvorschlag des Autors zu verstehen. Sie sollen einen Hinweis geben, auf welcher Grundlage die weitere wissenschaftliche Diskussion in dieser Arbeit geführt werden soll: Bewusstsein Das Bewusstsein soll hier verstanden werden als die erkannte Verschiedenheit von Beobachtetem und Beobachter. Der Beobachter erkennt sich selbst in dem Beobachteten wieder, weil der dem Beobachteten zugewiesene Bedeutungsgehalt nicht ohne Selbstreflexion möglich ist. Bewusstsein ist der Inbegriff des sich ständig In-Beziehung-Setzens des Beobachters zum Beobachteten. Die Definition von Bewusstsein sollte in Bezug auf jegliche Erfahrung widerspruchsfrei sein. Da aber jede Erfahrung in Raum und Zeit stattfindet, so muss die gewählte Definition von Bewusstsein Merkmale von Raum und Zeit aufweisen, und zwar als äußerste Grenze der Erfahrung. Raum und Zeit haben als gemeinsames Merkmal die erkannte Verschiedenheit von Beobachtetem und Beobachter. Damit wäre diese Definition von Bewusstsein innerhalb von Raum und Zeit zutreffend. Gesundheit Die Gesundheit wird in der Verfassung der Weltgesundheitsorganisation WHO vom 22. Juli 1946 folgendermaßen definiert: „Die Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen“1. Wenn das Leben als Wechselspiel zwischen Aufbau und Zerfall verstanden wird, kann es keinen vollständigen und dauerhaften Zustand geben. Deshalb ist Gesundheit, wie sie in der WHO-Definition definiert wird, ein nicht erreichbarer Zustand. Das menschliche Leben erfordert daher einen kreativen Umgang mit Unvollständigkeit. Gesundheit ist gekennzeichnet durch einen unterschiedlichen 1 Vgl.: http://www.admin.ch/opc/de/classifiedcompilation/19460131/201405080000/0.810.1.pdf Einführung 15 Grad an Vollständigkeit und Unvollständigkeit auf der körperlichen, geistigen und sozialen Ebene. Bewusstseinskultur Bewusstseinskultur beinhaltet alle kreativen Möglichkeiten des Menschen zur Selbstreflexion. Reflexion soll hierbei im Sinne von Jean-Paul Sartre verstanden werden, als „eine permanente Möglichkeit des Für-sich als Versuch einer Übernahme von Sein2“. Die Menschen besitzen die Fähigkeit, das eigene Denken zu denken, das eigene Erkennen zu erkennen. In der Einsamkeit der Selbstreflexion erkennt der Mensch sich selbst. Indem der Mensch sich selbst zum Objekt seiner Betrachtung macht, reflektiert er sich selbst. An dieser Schwelle des nicht mehr Vorstellbaren droht sich der in den Kategorien von Raum und Zeit denkende Mensch zu verlieren. Je tiefer die Selbstreflexion dringt, umso mehr lösen sich sozusagen von innen heraus alle vertrauten Strukturen auf: „So ist das Reflexionsphänomen eine Nichtung des Für-sich, die ihm nicht von außen geschieht, sondern die es zu sein hat3.“ Die Unendlichkeit macht die Begrenztheit des Endlichen sinnlos. Diese Grenzerfahrung ist angsteinflößend. Der Mensch beschäftigt sich täglich mit den Fragen der Endlichkeit, mit Fragen der Unendlichkeit dagegen selten. Durch die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod ist der Mensch aber zwangsläufig gezwungen, sich mit der eigenen Endlichkeit auseinanderzusetzen, und vor die Frage gestellt, ob Endlichkeit Sinnlosigkeit bedeutet oder einen darüber hinausreichenden Sinngehalt besitzt. Durch das beschränkte menschliche Wahrnehmungsvermögen, das durch den Tod drastisch in Erscheinung tritt, sind wir darauf angewiesen, die Unendlichkeit anhand von Merkmalen der Endlichkeit zu beschreiben und zu begreifen, also dessen, was am Rand unserer Erfahrung liegt. Wir beschreiben also die Unendlichkeit mit Merkmalen der Endlichkeit. Hierin liegt die Schwierigkeit der sprachlichen und künstlerischen Darstellung. Bewusstseinskultur ist eine gezielte und bewusste Beschäftigung mit dem eigenen Bewusstsein. Bewusstseinskultur kann auf verschiedenste und vielfältige Weise zum Ausdruck gebracht werden, zum Beispiel in Form der Meditation oder Kontemplation, aber auch auf völlig andere Weise, wie zum Beispiel durch Kunst, Literatur, Musik oder Bewegung (z.B. Wüstenwanderung als Selbsterfahrung oder eine religiöse Pilgererfahrung). Der Begriff Bewusstseinskultur ist ein Schlüssel zum Thema dieser Arbeit. Hierbei erscheint es wichtig, von der Ebene der bloßen Selbstreflexion zu einer 2 Sartre, J.P., „Das Sein und das Nichts“, S. 293. 3 Sartre, J.P., ebd., S. 292. 16 Einführung Ebene der kulturellen Ausgestaltung von Bewusstsein zu gelangen. Wie kann eine intentionale Gestaltung von Bewusstsein verstanden werden? Bewusstseinskultur ist ein zusammengesetzter Begriff aus Bewusstsein und Kultur. Dabei erscheint es falsch, Bewusstsein und Kultur in Bezug auf ihre Selbstständigkeit als Begriffe zu betonen. Bewusstsein und Kultur bedingen einander vielmehr gegenseitig. Unserer Kultur entspricht es, dem Bewusstsein als Eigenschaft von Individualität einen Wert beizumessen. Dieser Wert besteht in der generellen rechtfertigungslosen Berechtigung von Selbstbetrachtung. Diese Selbstverständlichkeit ist der prägende Faktor westlicher Kultur. Selbstbestimmung und Individualismus sind sowohl ein Massenphänomen als auch die individuelle Erfahrung dieser Masse. Dies ist die Definition von Bewusstseinskultur in dem hier vertretenen Sinne. Bewusstseinskultur soll hierbei zu einem ständigen kritischen Diskurs führen. Kritischer Diskurs ist dabei zu verstehen als die ständige Hinterfragung der eigenen Individualität und der vom Individuum wahrgenommenen Umgebung. Der kritische Diskurs dient dem Erkenntnisgewinn und schafft die Möglichkeit, das eigene Leben neu auszurichten mit der Aussicht (z.B. durch eine veränderte Betrachtungsperspektive auch in einer aussichtslos erscheinenden Situation) auf Verbesserung. Der kritische Diskurs ist grundsätzlich offen für den Gegenstand der Betrachtung. Dies gilt für die freie Auswahl seines Betrachtungsgegenstandes, insbesondere auch für zu betrachtende Religionen oder Weltanschauungssysteme. Der kritische Diskurs ist insofern mehr ein Verfahren als ein Inhalt. Säkularisierte Meditationsformen können als Prototyp von Bewusstseinskultur verstanden werden. Glaube Glaube ist in erster Linie eine Haltung des Vertrauens als Form der Anpassung an die Lebenswirklichkeit. Hierbei soll auf die Definitionen von Pierre Janet zurückgegriffen werden: „Der Glaube ist nicht auf religiöse Überzeugungen beschränkt, […]. Wie alles menschliche Verhalten ist der Glaube ein Versuch der Anpassung, der unser Handeln wirksamer gestalten soll. […] Diese Art des Sprechens – durch Befehle und entsprechende Versprechen – setzt uns in die Lage, über die derzeit möglichen Handlungen hinauszugehen und unser Verhalten anhand von Dingen zu regulieren, die derzeit noch nicht wahrnehmbar sind.“4 Glaube ist nach Pierre 4 Janet, P., „Die Psychologie des Glaubens und die Mystik“, S. 7ff. Einführung 17 Janet ein Anpassungsphänomen und eine Art des Sprechens, die lebensnotwendig ist: „Diese Glaubensakte sind für die Entwicklung der Lebewesen von großer Wichtigkeit. Sie organisieren nämlich die Reaktion auf das, was man nicht sieht: auf Gefühle, auf Absichten, auf Gedanken. Diese Glaubensakte sind auch Vorbereitung für die Vorstellung von Macht und Gewalt.“5 Es kann keine Menschen geben, die nicht glauben, da Glauben ein evolutionsgeschichtlich entstandener Überlebensmechanismus ist, der Lebensvollzug überhaupt erst möglich macht. Ein Demenzforscher glaubt zum Beispiel an die Amyloidhypothese der Alzheimer-Demenz und sucht nach Möglichkeiten, die Amyloidablagerungen zu unterbinden. Inzwischen legen neueste empirische Untersuchungen nahe, dass die bisher seit Jahren angenommene Amyloidhypothese falsch sein könnte. Pierre Janet betont, dass ein Glaube, […], um akzeptiert zu werden, einen Anteil, und sei er noch so klein, an etwas enthalten müsse, das von allen überprüft werden könne6. In diesem Beispiel wäre dies die Tatsache, dass bei den betroffenen Patienten tatsächlich Amyloid-Plaques im Gehirn nachgewiesen werden konnten. Glaubensphänomene sind ein menschlicher Anpassungsmechanismus an der Grenze von Wissen und Unwissenheit. Spiritualität Spiritualität ist eine alle Lebensbereiche durchdringende Lebenseinstellung. Hierbei möchte ich die Definition von Harald Walach heranziehen: „Unter Spiritualität wollen wir ein explizites Bezogensein auf eine über das eigene Ich und seine Ziele hinausreichende Wirklichkeit verstehen. Da sie das eigene Ich übersteigt, ist sie zugleich eine transzendente Wirklichkeit. […] Auch hier wollen wir davon ausgehen, dass wir nur dann von Spiritualität sprechen, wenn sie ganzheitlich Erkennen, Affekt und Emotion, Motivation und Handeln durchdringt.“ 7 Im Weiteren verweist Walach darauf, dass eine spirituellphilosophische Einsicht in dieser Terminologie keineswegs einen spirituellen Menschen ausmache, wenn sich diese Einsicht nicht im Fühlen und Handeln niederschlage. Entscheidend ist die Erkenntnis einer Wirklichkeit, die über das eigene Ich hinausgeht: „Unter spiritueller Erfahrung wollen wir eine direkte, unmittelbare Erfahrung einer über das eigene Ich hinausgehenden, größeren Wirklichkeit verstehen.“8 5 Janet, P., ebd., S. 12. 6 Janet, P., „Die Psychologie des Glaubens und die Mystik“, S. 17. 7 Walach, H., „Spiritualität“, S. 23. 8 Walach, H., ebd., S. 25. 18 Einführung Eine spirituelle Erfahrung kann auch im religiösen Kontext erfolgen und wäre dann eine religiöse Erfahrung. Spiritualität ist aber nicht an Religion und einen bestimmten Glauben gebunden. Im Nachfolgenden möchte ich zwei zentrale Thesen darstellen, zum einen die These, dass die in der Aufklärung errungene Selbstbestimmung in den neuesten Erkenntnissen der Neurowissenschaften in Frage gestellt wird, zum anderen, dass das „biochemische Diktat“ durch Spiritualität überwunden werden kann. Von der Befreiung des Geistes in der Aufklärung zum biochemischen Diktat René Descartes (1596 – 1650) war aus dem Zweifel heraus zur Schlussfolgerung gelangt: „je pense, donc je suis (Ich denke, also bin ich)“9. Für das neuzeitliche Denken war dies eine spektakuläre These und letztlich der Ausgangspunkt für unser heutiges systematisch und naturwissenschaftlich geprägtes Denken. Descartes gestand dem denkenden Menschen zu, durch sein eigenes Denken die Sinnfrage des Lebens zu beantworten, und zwar unabhängig von der göttlichen Existenz. Damit wurde die Deutungshoheit der Kirche über die Sinnfrage des Lebens in Frage gestellt. Der denkende Mensch war demzufolge auch ohne die göttliche Existenz in der Lage, die Wahrheit zu finden und sich selbst zu erkennen. Descartes wird als Philosoph der Aufklärung verstanden, obwohl er dies nie selbst von sich behauptet hatte. Wenn man unter Aufklärung die Definition von Immanuel Kant (1724 – 1804) versteht, nämlich die Befreiung des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit10, so war Descartes sicher ein Aufklärer, denn seine Erkenntnis eines Menschen, der sich durch sein eigenes Denken selbst erkannte und fähig war, dadurch die Wahrheit zu finden, konnte ihm und der Welt allein durch sein eigenes Nachdenken einen Sinn verleihen, ohne seine Existenz insgesamt von einem höheren Schöpfungsakt, nämlich der Existenz Gottes, ableiten zu müssen. Diese in der Aufklärung geborene selbst-bewusste Geisteshaltung prägte fortan die abendländische Philosophie und wurde zum Grundgerüst der beeindruckenden wissenschaftlichen Fortschritte seit Beginn der Neuzeit. René Descartes unterschied zwischen materiellen (körperlichen) und immateriellen (geistigen) Dingen. Dies machte die Forschung zum Teil der Selbsterkenntnis eines Menschen, der fähig war, durch sein eigenes Denken sich selbst (Subjekt) und die Welt (Objekt) als sinnhaft zu erkennen. Warum auch 9 Descartes, R., “Disours de la méthode”, 1637; dt.: Descartes, R., “Abhandlung über die Methode des richtigen Vernunftgebrauchs”, Reclam, Nr. 3767, S. 31. 10 Kant, I., „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“, Berlinische Monatsschrift, 1784, 2, S. 481ff. Einführung 19 sollte dieser Mensch auf Erkenntnisse der Wissenschaft verzichten? Dies führte zur Emanzipation der Wissenschaft, die nun ihren Selbstzweck in sich selbst fand. Der Selbstzweck wurde nun die Forschung an sich und nicht mehr das Dienen der Religion. Zivilisatorische Reife ist eingetreten, um Forschung zuzulassen, die sich allein damit rechtfertigte, die menschliche Existenz zu verlängern, zu verstehen und angenehmer zu machen. Fortschritte auf dem Gebiet der Neurobiologie und Hirnforschung lassen dualistische Erklärungsmodelle11 im Sinne von Descartes, die seit der Neuzeit die abendländische Geistesgeschichte geprägt haben, in einem neuen Licht erscheinen. Der dualistisch philosophische Ansatz unterscheidet zwischen Leib und Seele des Menschen als etwas Verschiedenem, wobei die Seele für unsterblich gehalten wurde, weil diese mit dem Körper nicht alterte. Descartes nahm dies als Indiz für die Unsterblichkeit der Seele. Dank neuester neurobiologischer Erkenntnisse können heute komplexe kognitive Prozesse bildlich (z.B. mittels der neueren bildgebenden Verfahren wie Magnetresonanztomografie = MRT oder Positronen-Emissions-Tomografie = PET) als auch laborchemisch (z.B. Bestimmung der Neurotransmitter = Botenstoffe und Hormonspiegel) sowie molekularbiologisch (Untersuchungen am Erbgut) aufgeschlüsselt werden. So kommt es, dass gerade durch die neuesten wissenschaftlichen Entwicklungen archaische Vorstellungen vom steten Ineinandergreifen geistiger und körperlicher Vorgänge in ein neues Licht gerückt werden. So können wir nicht mehr zwischen rein „geistigen“ und „körperlichen“ Vorgängen unterscheiden. Das materielle (biochemische, neurophysiologische, neuroendokrinologische und molekulargenetische) Substrat des Denkens kann jetzt sichtbar, das heißt erkennbar gemacht werden. Die von René Descartes auf die geistige Ebene bezogene Selbsterkenntnis wird durch die neueste neurowissenschaftliche Forschung an eine materielle Basis gekoppelt. Dies führt zu neuen Erkenntnissen über unser Bewusstsein und die Zusammenhänge zwischen Bewusstsein und Körper. Eine strikte Unterscheidung zwischen geistiger und körperlicher Gesundheit erscheint angesichts dieser Erkenntnisse als nicht mehr sinnvoll. Geist und Körper sind insofern eins, als die einzelnen Systeme (Nervensystem, Immunsystem, Hormonsystem) eng miteinander verwoben sind und sowohl scheinbar rein geistige Vorgänge als auch scheinbar rein körperliche Vorgänge stets eine komplexe Interaktion dieser drei Systeme darstellen. Die Psychoneuroimmunologie befasst sich mit den Wechselwirkungen zwischen Psyche, Nervensystem und Immunsystem. Das Immunsystem wird hierbei als Ganzes verstanden und als ein ständiges Ineinandergreifen verschiedener Systeme (Hormonsystem, Nervensystem) 11 Annahme von materiellen und immateriellen („geistigen“) Entitäten. 20 Einführung begriffen. Im Grunde genommen zwingen uns auf diese Weise gerade die biowissenschaftlichen Forschungsergebnisse zu einer ganzheitlichen Betrachtungsweise. Tatsächlich erweist sich der als frei und unabhängig geglaubte Geist als ein Gebilde, hinter dem sich größtenteils autonom agierende neuronale Netzwerke, biochemische Reaktionsketten und genetische Determinanten verbergen. Inzwischen ist es möglich, nicht nur die morphologischen (z.B. konkrete Hirnareale), sondern auch die molekularbiologischen Grundlagen des Bewusstseins besser zu verstehen. Das Bewusstsein ist hierbei nicht vom Rest des Körpers abgetrennt. Es gibt keinen intracerebralen12 Ort des Übergangs von materiellen und immateriellen Vorgängen. Es sind dieselben Signal- und Transportwege, die sowohl Bewusstseinsvorgänge als auch Körperfunktionen steuern. Die einzelnen Hirnareale befinden sich mit dem Hormonsystem und dem Immunsystem in ständigem Kontakt. Höher gelegene, stammesgeschichtlich jüngere Hirnareale befinden sich in ständiger Rückkoppelung mit tieferen stammesgeschichtlich älteren Hirnarealen. Sinneseindrücke aus dem Körperinneren und den Sinnesorgangen werden zunächst im Zwischenhirn, dem Thalamus, verarbeitet. Dort werden die Sinnesreize „gefühlsmäßig eingefärbt“. Im Thalamus „entscheidet“ sich, welche Reize an die höheren Hirnareale der Großhirnrinde weitergeleitet und somit unserem Bewusstsein zugeführt werden. Der Thalamus wird daher auch das „Tor zum Bewusstsein“ genannt. Bisher war es schwierig, schädigende Einflüsse auf unsere Gefühlswelt und unser Bewusstsein als Auslöser von körperlichen, das heißt somatischen Krankheiten zu erfassen. Die Selbsterkenntnis des Geistes erhält auf diese Weise durch die Ergebnisse der neuesten Forschung ein materielles, organisches Korrelat. Die Tätigkeit bestimmter Hirnregionen und die Reaktion auf innere oder äußere Reize kann nun erfasst werden. Die Philosophen der Aufklärung hatten sich vom Diktat der Religion gelöst, indem sie selbstbewusst den eigenen Geist als Maßstab nahmen. Nach über 300 Jahren führt nun die biowissenschaftliche Forschung die klassischen Geisteswissenschaften zurück zu den Anfängen, nunmehr dem scheinbaren Diktat biochemischer Prozesse auf der Ebene von Rezeptoren, Botenstoffen, Nervenzellen und Immunzellen. Infolge der Möglichkeiten der modernen Bildgebung können inzwischen verschiedene Bewusstseinszustände, wie z.B. Angst/Erregung, Entspannung, Meditation/Kontemplation oder Schlaf, mittels der funktionellen Magnetresonanztomographie dargestellt werden. Mithilfe der Magnetresonanztomographie und der Elektroenzephalographie (EEG) ist es möglich, aktive Hirnareale zu 12 Innerhalb des Gehirns. Einführung 21 lokalisieren und diese bestimmten Bewusstseinszuständen zuzuordnen. Dies geschieht entweder über die Erfassung von Hirnströmen (bei der EEG), der unterschiedlichen Durchblutung bestimmter Hirnareale mit sauerstoffreichem oder sauerstoffarmem Blut (bei der funktionellen Magnetresonanztomografie) oder über die bildliche Darstellung der intracerebralen Verteilung von radioaktiv markierten Stoffen (bei der Positronenemissionstomografie = PET). Zusätzlich können die Ergebnisse der Bildgebung mit laborchemischen Messungen (Blutspiegel von Stresshormonen oder von Immunzellen) korreliert werden. Auf diese Weise ist es möglich, die Tätigkeit bestimmter Hirnregionen und deren Interaktion mit anderen Organsystemen zu messen. Die Philosophie der Aufklärung, die über die Selbsterkenntnis des Geistes und Loslösung von der Fremdbestimmung durch die Religion zur Emanzipation der Naturwissenschaften führte, droht nun paradoxerweise gerade durch die phänomenalen Errungenschaften der Biowissenschaften die einst der Religion abgetrotzte Selbstbestimmung neuen Göttern zu opfern. Die gewonnene Freiheit des Geistes scheint nun an biowissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten verloren gegangen zu sein. Die klassische Philosophie und mit ihr auch die Religion und Spiritualität wurden von den fundamentalen biowissenschaftlichen Erkenntnissen überrannt. Hier stellt sich die Frage, ob Adorno und Horkheimer mit ihrer Kritik an der Philosophie der Aufklärung Recht hatten.13 Hat der in der Philosophie der Aufklärung erwachsende Glaube an die rationale Vernunft schließlich zur Entmenschlichung geführt? Sind Gedanken nichts weiter als biochemische Stoffwechselvorgänge? Derartige Diskussionen führten die den Aufklärern folgenden Generationen im 19. Jahrhundert (z.B. Materialismusstreit). Das naturwissenschaftliche Verständnis von Gesundheit und Krankheit ergab sich aus der naturwissenschaftlichen Pathogenese. Die naturwissenschaftlichen Herangehensweisen und Erklärungsmodelle schufen die Voraussetzung für die ab dem 19. Jahrhundert einsetzenden beeindruckenden medizinischen Fortschritte. Wissenschaftliche Neubewertung von Spiritualität Im Verlauf des 20. Jahrhunderts zeichneten sich die zunehmend auch negativen Folgen des technischen und zivilisatorischen Fortschritts ab. Obwohl vor allem der in der westlichen Zivilisation lebende Mensch im 20. Jahrhundert von diesen gewaltigen Fortschritten profitiert hat, scheinen Angst und Sorge keinesfalls weniger geworden zu sein als in früheren Jahrhunderten. Die Verbannung des 13 Vgl. Horkheimer M., Adorno T.W., “Dialektik der Aufklärung – philosophische Fragmente”. 22 Einführung Religiösen, Transzendenten und Spirituellen hat nicht zu einem aufgeklärteren Menschen geführt. In den modernen Humanwissenschaften zeichnet sich in den vergangenen Jahrzehnten eine Trendwende ab, insofern, als ganzheitliche Sichtund Herangehensweisen, die über die Pathomechanismen einzelner Krankheitsbilder hinausgehen, zu einer Abnahme von Angst und Sorge führen können. Indem es möglich geworden ist, die Hirnareale für Empathie und Mitgefühl zu bestimmen, können die positiven Effekte spiritueller und religiöser Erfahrungen hirnmorphologisch beschrieben werden. So konnte gezeigt werden, dass regelmäßige Meditationspraktiken zu einer Zunahme der für Empathie und Mitgefühl zuständigen Hirnareale führen.14 Zahlreiche Studien konnten belegen, dass Religiosität und Spiritualität einen positiven Einfluss auf die Erkrankungshäufigkeit an Krebs oder kardiovaskulären Erkrankungen sowie die Mortalität (Sterberate) haben.15 16 Die Bedeutung religiöser und spiritueller Praxis konnte eine Metaanalyse Lucchettis17 aufzeigen. Verglichen wurden 25 verschiedene gesundheitsfördernde Interventionen in Bezug auf die Mortalität. Zusätzlich wurden Studien zur spirituellen und religiösen Praxis ebenfalls in Bezug auf die Mortalität analysiert. Es ergab sich, dass Personen mit regelmäßiger spiritueller und religiöser Praxis eine um 18 % reduzierte Mortalität aufwiesen. Somit können bewusstseinsver- ändernde Praktiken und Lebenseinstellungen einen erheblichen Einfluss auf das körperliche Wohlbefinden und damit die Gesundheit haben. Eine japanische Studie konnte zeigen, dass bei Personen mit einem hohen Level an Rationalität und Antiemotionalität ein erhöhtes Risiko besteht, an einer Krebserkrankung oder einer kardiovaskulären Erkrankung (z.B. Herzinfarkt) zu versterben.18 Interessant ist in diesem Zusammenhang auch das Ergebnis der französischen GAZEL Studie. An dieser Studie hatten ca. 20.000 Angestellte der französischen Gas- und Elektrizitätskompanie teilgenommen. Untersucht wurde der Zusammenhang zwischen depressiver Stimmung und Mortalität (Sterberate). 14 Vgl. Esch, T., “The Neurobiology of Meditation and Mindfulness” S. 153ff in Schmidt S. and Walach H. (eds), “Meditation – Neuroscientific Approaches and Philosophical Implications”, Studies in Neuroscience, Consciousness and Spirituality 2, DOI 10.1007/978-3-319-01634- 4_9, Springer 2014. 15 Kim J et al., „Religious Affiliation, Religious Service Attendance, and Mortality“, J Relig Health. 2014 Jun 18. 16 Lucchetti G et al., “Impact of spirituality/religiosity on mortality: comparison with other health interventions”., Explore (NY), 2011 Jul-Aug; 7(4): 234-8. 17 Luchhetti G et. al., ebd. 18 Hirokawa K, Nagata C, Takatsuka N, Shimizu H; 2004. Einführung 23 Es zeigte sich, dass insbesondere das Vorhandensein von feindseligen Gedanken mit einer höheren Sterberate assoziiert war.19 In Deutschland untersuchte Maennig die Daten der größten deutschen Längsschnittstudie (sozioökonomisches Panel, hierbei wurden 12.000 Privathaushalte befragt) und stellte fest, dass speziell der Sonntag mit einer Verminderung des Glückempfindens einhergehen kann.20 Als Hypothesen kommen Angst vor dem Stress der kommenden Woche und der Gedanke an noch zu erledigende Dinge in Frage. Die Studien und Erhebungen aus den drei Industrienationen Japan, Frankreich und Deutschland geben somit Hinweise, dass nur an Leistung und Effizienz orientierte, rationale, antiemotionale, aggressive und areligiöse Lebensweisen mit einer Abnahme an Glück und vermehrten gesundheitlichen Risiken verbunden sind. Im Weltglücksreport der UNO gehören der familiäre und soziale Rückhalt sowie die Entscheidungs-und Wahlfreiheit neben Gesundheit und Großzügigkeit/Freigiebigkeit zu wichtigen Glücksfaktoren. Im Weltglücksreport 2013 stehen die skandinavischen Länder (Dänemark, Schweden, Norwegen, Island) neben Nordamerika und Lateinamerika an der Spitze.21 Interessanterweise gehören auch viele latein- und südamerikanische Länder zur Spitzengruppe. Für die lateinamerikanischen Länder dürfte insbesondere die soziale Einbindung der Menschen, sicherlich aber auch die Religion, eine Rolle spielen. In Zusammenschau der verschiedenen Studien zum Glücksempfinden lässt sich annehmen, dass für das Glück des Menschen einerseits das Gefühl, geborgen und geliebt zu sein, andererseits das Gefühl, selbstbestimmt und frei zu sein, wachsen zu können, entscheidende Größen sind. Pharmakologisches Targeting oder neue Bewusstseinsethik? Nachdem die Rezeptoren und Zielstrukturen für das Glücksempfinden im Gehirn entdeckt sind, ist es naheliegend, Zielstrukturen für die Gewährleistung einer intrapsychischen Balance zu detektieren und gegebenenfalls auf pharmakologischem Weg zu beeinflussen. Diese Zielstrukturen („targets“) im menschlichen Gehirn sind Ansatzpunkte für zu konzipierende Medikamente. Auf diese Weise wurden bereits zahlreiche wichtige Medikamente für die Behandlung schwerwiegender Krankheiten, wie Multiple Sklerose, Morbus Parkinson, Schizophrenie oder malignen Raumforderungen, entwickelt. Dieselben Techniken, die ge- 19 Lemogne C et al., 2010. 20 Maennig W et al., 2014. 21 Vgl. Helliwell J., Layard R and Sachs J, eds., World Happiness Report 2013. 24 Einführung eignet sind, schwerwiegende Krankheiten zu erforschen und zu behandeln, können aber auch herangezogen werden, um eigentlich Gesunden zu einem besseren Lebensgefühl zu verhelfen. Eine breite ethische Bewertung und Diskussion ist oftmals schwierig, da die Naturwissenschaften in immer komplexere intrazelluläre und genetische Dimensionen vordringen und die politischen oder gesellschaftlichen Entscheidungsträger mit der Folgenabschätzung überfordert sind. Unabhängig von den Entwicklungen in den kommerziell ausgerichteten Forschungseinrichtungen multinationaler Konzerne sind wir schon jetzt infolge der Globalisierung und des rasanten Fortschrittes der Kommunikationstechnologie in Gefahr, fremdbestimmt und manipuliert zu sein, ohne die Verursacher zu bemerken. Das, was gewünscht wird, ist eventuell nur noch das, was von der Kommunikationsindustrie zum Wunsch gemacht wird. Die Unterscheidung, welche Träume und Sehnsüchte die eigenen sind und welche eventuell nur von außen erzeugt sind, kann nur durch Selbstreflexion getroffen werden. Wenn diese unterbleibt, besteht aber die Gefahr, den größten Teil des Lebens manipuliert zu werden, ohne dies zu merken. Durch Reizüberflutung und immer schnellere Signalfolgen unterbleiben innerpsychische Regenerationsprozesse. Die Aufarbeitung und Bewertung des Erlebten kann nicht mehr in ausreichendem Maß erfolgen. Dies kann zu einem Gefühl des Ausgebranntseins („Burn out“) führen. So wird verständlich, dass manche Menschen das Durchhaltevermögen des Bewusstseins durch Suchtstoffe und Lifestyle-Medikamente künstlich erweitern. Der Mainzer Philosoph Thomas Metzinger fordert in einem Thesenpapier zur Bewusstseinskultur22 eine „Bewusstseinsethik“ und „Bewusstseinskultur“, „um das so gering wie möglich zu halten, was ich [TM] den ‘gefühlsmäßigen Preis’ und den ‘soziokulturellen Preis’ der Entwicklung nennen will. Wir müssen den Gesamtpreis, den wir alle für den Fortschritt – zum Beispiel der Hirnforschung – bezahlen, so niedrig wie möglich halten. Diesen Preis zahlen wir in der Hauptsache auf emotionaler und auf soziokultureller Ebene.“23 Große Erhebungen in Japan, Frankreich und Deutschland deuten darauf hin, dass je höher das Maß an Rationalität und Antiemotionalität, an feindseligen Gedanken, Überforderung, Stress und Anspannung ist, desto höher ist auch das gesundheitliche Risiko und letztlich die Sterberate. Wieviel eigene Kreativität benötigt ein Mensch, um seine Träume und Sehnsüchte nicht absterben zu lassen? Es stellt sich die Frage, welcher Stellenwert im Umgang mit Gesundheit und Krankheit den verschiedenen Disziplinen wie Humanwissenschaften und 22 Metzinger T., „Der Begriff einer Bewusstseinskultur“ (S. 1-19). 23 Metzinger T., ebd., Seite 8. Einführung 25 Naturwissenschaften zukommen sollte? Welche Bedeutung hat hierbei der kulturelle Kontext? Wie wird dem einzelnen Menschen gerade auch in einer technischen Hochleistungsmedizin ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht? Welche Faktoren sind wichtig, damit ein Mensch ein Gefühl von Vollständigkeit bewahren oder entwickeln kann? Selbstbestimmung Es ist völlig selbstverständlich, dass gewinnorientierte Unternehmen Angebote erzeugen wollen. Somit besteht die Gefahr, dass im Gesundheitsbereich Vorstellungen von Vollständigkeit erzeugt werden könnten, die wenig mit der Realität zu tun haben, z.B. strahlendweiße Zähne, faltenfreies Gesicht, definierte Muskeln, flacher Bauch oder die sexuelle Leistungsfähigkeit. Wenn nun Zweifel an diesen Bildern aufkommen und sich die Sehnsucht nach Ganzheitlichkeit und Geborgenheit trotz des Überangebotes an Zerstreuung nicht stillen lässt, gibt es auch in Sachen Ruhe, Entspannung und ganzheitlicher Heilkunde zahlreiche kommerzielle Angebote. So besteht die Gefahr, dass emotionale und spirituelle Lücken nicht durch eine Rückbesinnung auf die eigene emotionale oder spirituelle Kreativität, sondern passiv durch Konsum entsprechender verheißungsvoller Angebote geschlossen werden sollen. Dies verläuft ebenfalls nach den ökonomischen Gesetzen von Angebot und Nachfrage. Fernöstliche Spiritualität und Heilsmethoden sind auf diese Weise zu einem Angebot kommerzieller Anbieter geworden. So entsteht das Missverständnis, dass es sich bei Spiritualität um ein von außen dem Ich hinzufügbares Gut handeln könnte. Tatsächlich bedeutet Spiritualität die Überwindung von Ich-Bezogenheit. In der Hoffnung, gesünder (vollständiger) und glücklicher zu werden, wird das von Ängsten und Sorgen getriebene Ich gelockt. Dieses Ich ist in seinen Wünschen und Sehnsüchten gefangen und nicht mehr in der Lage, seine Ich-Bezogenheit zu überwinden. Spiritualität ist ohne Selbstbestimmung nicht vorstellbar. Nur so lässt sich eine innere Distanz zu den eigenen Wünschen erreichen, die erst Möglichkeit für Freiräume schafft. Bedeutung von Philosophie und Selbstreflexion Die Philosophie scheint mit der rasanten Entwicklung der naturwissenschaftlichen Forschung nicht standhalten zu können. Dabei hat die Philosophie gegen- über der von Drittmitteln abhängigen Naturwissenschaft den Vorteil, eine Kunst 26 Einführung zu sein, die in ihrer Ausrichtung nicht in erster Linie nach dem Brot geht. Genau darin könnte die Stärke der Philosophie liegen. Die philosophische Diskussion erreicht aber die Menschen nicht mehr. Der Faden zum Lebensalltag der Menschen scheint abgerissen. Die (neuro)pharmakologische Forschung dagegen ist patentorientiert und lebt davon, den Kunden oder dessen Zielstruktur im Gehirn zu erreichen. Es wäre vorstellbar, dass ein befriedigendes Glücksempfinden, Selbstvertrauen, Mut und Tatkraft durch anwendungsfreundliche (z.B. transdermale Applikation über ein Gel oder Pflaster), gut verträgliche, nebenwirkungsarme neuropharmakologische Produkte sichergestellt werden können. Ist es dann noch notwendig, sich mit philosophischen Fragen oder Selbstreflexion auseinanderzusetzen? Wenn selbst Lebenskrisen pharmakologisch gemeistert werden könnten, könnte ein weitgehend sorgenfreies Leben in Aussicht gestellt werden. Dies könnte dazu führen, dass die Menschen nicht mehr imstande sind, das Menschsein ohne Stimulanzien und damit sich selbst auszuhalten. Dadurch aber, dass jeder Mensch sterblich ist und alles Unterfangen an Raum und Zeit gebunden ist, lassen sich Momente der Selbstreflexion nicht gänzlich auslöschen. Wenn die Lebensumstände dann ein Umdenken erzwingen, können bisherige Zwecke und Absichten ihre Bedeutung verlieren. So kann es sein, dass Menschen spätestens dann sich selbst zum Gegenstand der Betrachtung machen. Sich selbst auszuhalten und den eigenen Mangel, die eigene Unvollständigkeit, die eigene Einsamkeit zuzulassen, bedarf der lebenslangen Übung. Metzinger schlägt vor, die Menschen zu trainieren, die Begrenztheit der eigenen Aufmerksamkeit wahrzunehmen und Techniken zu erlernen, diese zu maximieren.24 Hierbei befürchtet er eine Indoktrination durch Ideologien und plädiert dafür, den Meditationsunterricht auf keinen Fall in die Hände von Religionslehrern zu legen: „Wichtig scheint mir [TM] hier, dass Meditationsunterricht in einem weltanschaulich neutralen Raum stattfindet, also ohne Kerzen, Glöckchen und Räucherstäbchen. Meditationsunterricht sollte deshalb auch auf keinen Fall in die Hände von Religionslehrern gelegt werden – ich stelle mir hier eher den Sportlehrer als natürlichen Ansprechpartner vor.“25 In dem Vorschlag von Metzinger drückt sich ein gewisser Vorbehalt gegen- über Religion aus, der sicherlich weiterer Diskussion bedürfte. Nichtsdestotrotz 24 Metzinger T., ebd., Seite 14. 25 Metzinger T., „Der Begriff einer ´Bewusstseinskultur´“, S. 14. Einführung 27 ist die Idee, Selbstreflexion im Schulunterricht zu trainieren, ein Gegengewicht zu den äußeren Einflüssen. Der Vorschlag, möglichst früh (im Schulunterricht) anzusetzen ist vielversprechend, um präventiv der schleichenden Fremdbestimmung und Überflutung durch zahllose Unterhaltungsangebote und vermeintliche äußere Glücksbringer ein durch Annahme seiner selbst gestärktes Selbstbewusstsein entgegenzusetzen. Dann könnte das Ich mehr sein als in Wirklichkeit von außen generierte Vorstellungen. Grenzerfahrungen Durch Lebenskrisen und schwere Krankheiten können Lebenskonzepte, Träume, Bilder und Vorstellungen zerbrechen. Wenn erstmals in dieser Situation durch äußere Umstände ein Selbstreflexionsprozess erzwungen wird, kann dies dazu führen, dass keine Idee vorhanden ist, welche Ressourcen sich auch aus negativen Bildern ergeben können. Deshalb ist es sinnvoll, diese Fähigkeit zu entfalten, wenn noch kein „Ernstfall“ vorliegt. Der Umgang mit Mangel, Einsamkeit und Unvollständigkeit ist schmerzhaft, im Lebensverlauf aber unumgänglich. Das Gefühl, „vollständig zu leben“, dürfte am ehesten mit dem Vermögen zusammenhängen, Unangenehmes akzeptieren und Angenehmes loslassen zu können. Im Folgenden soll dargelegt werden, wie sich die weitere Arbeit gliedert. Die Grundfrage ist, inwieweit der Mensch als geistbegabtes Wesen in der Lage ist, sein Leben so zu gestalten, dass es ihm in all seinen Lebensvollzügen wohlergeht und er gesund zu leben vermag. Die Humanwissenschaften und Naturwissenschaften haben große Verdienste um die Gesundheit und das Wohlergehen der Menschen erworben. Angst und Sorge begleiten nach wie vor das menschliche Leben. Deshalb ist es sinnvoll, zu fragen, welche Gestaltungsmöglichkeiten sich in jedem einzelnen Menschen verbergen. Der erste Schritt hierzu ist die Selbstreflexion. Die weitere Arbeit gliedert sich in die Kapitel: (1) Bewusstseinskultur im Licht der abendländischen Philosophie der Aufklärung (2) Bewusstseinskultur im Licht der psychoanalytischen Theorie und des Buddhismus (3) Bewusstseinskultur in einer Situation heilkundlicher Vielfalt, Vorstellung einer Patientenstudie (4) Diskussion 28 Einführung Betrachtung der Gedanken Der erste Teil dieser Arbeit soll sich zunächst mit der Selbsterkenntnis, dem menschlichen Verstand und der menschlichen Vernunft befassen, wie sie von den Philosophen der Aufklärung gesehen wurden. Haben die Philosophen der Aufklärung zu einer Entwicklung beigetragen, die keinen Platz mehr zu lassen vermag für individuelle Emotionalität und Kreativität? Ist die Dominanz der Naturwissenschaften über die Geisteswissenschaften das Ergebnis dieser Entwicklung? Führt der Glaube an die Überlegenheit der rationalen Vernunft heute dazu, dass wir nur noch Gegenstand bio- und neurowissenschaftlicher Forschung sind und der Einzelne diesem Diktat nichts entgegenzusetzen vermag? Es stellt sich die Frage, welche Bedeutung die Beschäftigung mit dem eigenen Bewusstsein für die menschliche Existenz hat? Es war viele Jahrhunderte die Aufgabe der Philosophie, die für die menschliche Existenz bedeutsamen Fragen zu stellen. Die Philosophie der Aufklärung befreite den Menschen von äußeren Rechtfertigungen und verhalf den Menschen dazu, den Mut aufzubringen, ihr Leben selbst zu bestimmen. Welche Bedeutung haben philosophische Überlegungen, wenn naturwissenschaftliche Erkenntnisse nahelegen, dass dem Bewusstsein noch allenfalls ein Vetorecht zukommt und viele Handlungen längst unbewusst entschieden sind? Studien belegen, dass sich Religiosität und Spiritualität lebensverlängernd auswirken können. Die Erweiterung der erlebten Wirklichkeit über das eigene Ich hinaus kann innere Räume schaffen, die sich naturwissenschaftlichen Messmethoden entziehen. Ausgangspunkt der Philosophie der Aufklärung war die Lösung vom Primat der Religion. Im ersten Teil dieser Arbeit soll der Frage nachgegangen werden, welche Schlussfolgerungen aus der Philosophie der Aufklärung abzuleiten sind. Das von religiösen Vorstellungen und Rechtfertigungen befreite Denken ermöglichte den heutigen zivilisatorischen und technischen Fortschritt. Die Aufklärung stand im Zeichen der Wahrheitssuche, wobei die menschliche Emotionalität erst im 19. Jahrhundert Gegenstand rationaler Betrachtung wurde. Die Ausblendung von Religion, Sehnsüchten, Gefühlen und Träumen durch die Hinwendung zur rationalen menschlichen Vernunft sind nicht folgenlos geblieben. Deshalb soll im ersten Teil explizit auch auf die schon zu Zeiten der Aufklärung und bis heute anhaltende Kritik an der Philosophie der Aufklärung eingegangen werden. Einführung 29 Betrachtung der Gefühle Im zweiten Teil dieser Arbeit soll die Bedeutung der Gefühle im Rahmen einer bewussten Selbstreflexion untersucht werden. Die Gefühle waren nicht Gegenstand der Betrachtung der Aufklärer. Schopenhauer bezeichnete sich selbst als Erbe Kants. Sein Verdienst ist die Annahme eines blinden Willens, der unbewusst hinter dem menschlichen Wollen und Handeln steht. Wenn es gelinge, diesen Willen selbst zum Gegenstand zur Betrachtung zu machen, könne dieser und das daraus resultierende Leid überwunden werden. Der Wissenschaftler und Arzt Sigmund Freud unterzog im 19. Jahrhundert die Gefühle einer rationalen Betrachtung. In seiner Intention stand er in Bezug auf die Wahrheitssuche in der Tradition der Aufklärer. Er versuchte mit hypothetischen Erklärungsmodellen (psychoanalytisches Strukturmodell, Trieblehre) die menschliche Gefühlswelt nach objektivierbaren Kriterien zu ordnen. Hierbei war er auch von den philosophischen Ideen Arthur Schopenhauers beeinflusst und dessen Postulat von einem blinden Willen. Trotz der westlichen Philosophie der Aufklärung und des wissenschaftlichen Fortschritts scheinen die Menschen seit der Zeit der Aufklärung nicht weniger spirituell oder religiös zu sein. Im Rahmen der Globalisierung stehen zahllose religiöse Überzeugungen und Lebensmodelle zur Auswahl. Trotz der Erkenntnisse der Naturwissenschaften über den Mikrokosmos und den Makrokosmos, der Molekularbiologie und der Astrophysik, fragen Menschen weiterhin über das sinnlich Erfahrbare hinaus. Im zweiten Teil soll anhand der psychoanalytischen Theorie eine Entwicklung aufgezeigt werden, die im Verlauf eines Jahrhunderts dem Ich den Begriff des Selbst gegenüberstellt. Das Selbst ist ein Begriff, den der amerikanische Psychologe William James (1842 – 1910) erstmals in die westliche Psychologie einbrachte. In der psychoanalytischen Theorie erkannten erst die Erben von Freud, dass die bisherigen Modelle nicht vollumfänglich geeignet sind, das Phänomen des menschlichen Bewusstseins zu charakterisieren. In dieser Arbeit soll untersucht werden, inwieweit spirituelle Praktiken geeignet sind, die Ich-Bezogenheit zu überwinden. Dies kann geschehen, indem weniger das Ich als vielmehr das Selbst in den Mittelpunkt der Betrachtung gerückt wird. Die Hinwendung vom Ich zum Selbst findet sich in den Denktraditionen der Upanischaden bereits ab dem 7. Jahrhundert v. Chr. Deshalb soll der westlichen „Selbst“-Findung innerhalb der modernen Psychologie eine jahrtausendealte fernöstliche Denktradition gegenübergestellt werden. 30 Einführung Als Bindeglied zwischen der westlichen Philosophie der Aufklärung und östlichen Denkvorstellungen soll auf die Philosophie Arthur Schopenhauers (1788 – 1860) näher eingegangen werden. Schopenhauer setzte sich mit den philosophischen Positionen des Hinduismus und Buddhismus auseinander. Schopenhauer sah Auswege aus der „Ich-Falle“ des blinden Willens in der Askese, im Mitgefühl sowie der Kreativität (Kunst). Auf diese Weise könne der blinde Wille in Form eines „Haben Wollen“ sichtbar (objektiviert) und letztendlich auch überwunden werden. Mittlerweile ergeben sich in der neurowissenschaftlichen Forschung Hinweise, dass regelmäßige Meditationspraxis gerade jene Areale des Gehirns ver- ändert, die für Empathie und Mitgefühl bedeutsam sind. Die bewusste Selbstreflexion in einem ganzheitlichen Rahmen scheint geeignet zu sein, Lebensvollzüge in der Weise zu beeinflussen, dass der Umgang mit Leid und Vergänglichkeit weniger mit Angst und Sorge behaftet ist. Anhand zahlreicher Beispiele soll gezeigt werden, dass Bewusstseinskultur auf sehr vielfältige Weise geschehen kann und keineswegs an bestimmte religiöse oder traditionelle Vorgaben gebunden sein muss. Die verschiedenen geistigen und künstlerischen Ansätze sollen hierbei nebeneinander gestellt werden, um zu zeigen, auf welch vielfältige Weise ganzheitliche bzw. spirituelle Lebensbezüge hergestellt werden können. Diese müssen hierbei nicht im Widerspruch zu modernsten wissenschaftlichen Erkenntnissen stehen. Bezüge zu Erkenntnissen der Neurobiologie und Medizinwissenschaft sollen bewusst einfließen und gleichberechtigt neben künstlerischen, spirituellen, philosophischen und literarischen Textbeispielen erörtert werden. Im dritten Teil dieser Arbeit soll nun prospektiv untersucht werden, ob sich bei Frauen nach einer Brustkrebserkrankung, die medizinisch geheilt sind, sich aber im Rahmen der Nachsorge weiterhin einer mehrjährigen antihormonellen Therapie unterziehen müssen, die Lebensqualität und chronifizierte Beschwerden durch eine Meditation oder regelmäßige Bewegung verbessern lassen. Verglichen werden sollen 10 Frauen, die sich einem 8-wöchigen Meditations- und Achtsamkeitstraining (Gruppentraining) unterziehen, mit 15 Frauen, die angehalten waren, sich wenigstens einmal in der Woche alleine, in einer Selbsthilfegruppe oder mit der Familie zu bewegen (moderates Lauftraining). Es soll gezeigt werden, auf welche Weise eine bewusste Selbstreflexion lebensverändernd und gesundheitsfördernd wirken kann. Einführung 31 Dualismus Im vierten Teil der Arbeit wird eine Synthese entworfen, die das dualistische Modell von Leib und Seele mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Neurowissenschaften in Einklang bringen soll. Durch die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse scheinen sich dualistische Vorstellungen und Modelle von Leib und Seele bzw. Körper und Geist zu erübrigen. In dem letzten Teil dieser Arbeit soll dargelegt werden, warum das dualistische Modell weiterhin Gültigkeit beanspruchen darf. Einführende Erläuterung zum gewählten Ansatz der Untersuchung Die Untersuchung wählt einen breiten Ansatz, um von unterschiedlichsten Ansatzpunkten ausgehend überraschende Parallelwertungen zu entdecken. Dadurch wird durch Anschaulichkeit, die aus nebeneinandergestellten Assoziationen entsteht, ein abstrakter Erkenntnisgewinn mit seinen Quellen verbunden. Assoziation ist die zweckfreie Betrachtung des Erlebten, um sie als wertvollen Vorrat für weitere Erkenntnisse aufzuheben. Der assoziativ denkende Betrachter befreit sich hierbei von reinen Nützlichkeitserwägungen im Sinne von „Was kann es mir nützen?“ und öffnet sich damit den Blick. Durch diese Unvoreingenommenheit soll das zunächst zweckfrei Betrachtete in einen neuen und anderen Zusammenhang gestellt werden. Der Ansatz „Was kann es mir nützen?“ würde nur zu Zirkelschlüssen innerhalb der vorausgedachten Zweckverfolgung führen. Damit würde ein solcher (rein zweckorientierter) Ansatz seine Begrenzung von Anfang an in sich tragen. Assoziation ist daher kein Mangel, sondern die Voraussetzung für weiter reichende Erkenntnis.

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Zusammenfassung

Gesundsein und Wohlergehen haben keinen fest umgrenzten Bedeutungsgehalt, sondern sind das Ergebnis einer jahrhundertealten Entwicklung von Wissenschaft, Philosophie und Kultur. Johannes Friedrich Mattes geht der Frage nach, inwieweit der Mensch als geistbegabtes Wesen durch bewusste Selbstreflexion und damit durch die Veränderung seines Denkens, Fühlens und Handelns selbst dazu beitragen kann, jenseits von wissenschaftlichen Konventionen Ganzheitlichkeit zu erfahren.

Eine hierzu durchgeführte Studie soll zeigen, inwiefern sich bei Frauen, die sich krebsbedingt einer langjährigen antihormonellen Therapie unterziehen müssen, erstarrte Gedanken- und Verhaltensmuster durch Meditation positiv beeinflussen lassen. Durch die mithilfe des Meditationsprozesses angestoßenen Veränderungen der Betrachtungsperspektive in Bezug auf die eigene Gesundheit und die konkreten Lebensumstände sollen die Patientinnen in die Lage versetzt werden, die körpereigenen Ressourcen zu aktivieren, das eigene Schicksal zu erkennen und selbstbestimmt zu gestalten.