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ENDNOTEN in:

Theodoros Ioannidis

Wohnen und Zusammenleben, page 366 - 408

in den europäischen Metropolregionen Athen und Berlin

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3904-5, ISBN online: 978-3-8288-6663-8, https://doi.org/10.5771/9783828866638-366

Tectum, Baden-Baden
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366 ENDNOTEN Aus Datenschutzgründen wurden die in der Arbeit erwähnten Namen der Gesprächspartner und die Namen der Athener und Berliner Untersuchungsorte verfremdet. 1 »Wohnen und Zusammenleben« bedeutet keineswegs Zusammenwohnen i. e. S. oder falls doch so gemeint ist, dann im Sinne von: Wohnen auch außerhalb des Hauses in der Straße, im Wohnviertel oder in der Gemeindegrenze und sogar in der Gesamtregion. 2 Dieses Wort wird gern etwas scherzhaft für das wachsende Umland von Großstädten verwendet, allerdings in dieser Arbeit vermieden. 3 Postsuburbia ist ein sachdienlicher Begriff, eine Art Brücke zwischen dem Suburbanisierungsprozess der 1960er-/1970er-Jahre und dem tiefgreifenden Wandel. 4 Die Ausführungen über Global Cities usw. (vgl. HALL, 1966; FRIEDMANN/ WOLFF, 1982; FRIEDMANN, 1986; SASSEN, 1991 und 2000) berichten genauer über entsprechende Vorgänge in den letzten 40 Jahren. Diese neue globale Städtehierarchie beruht auf dem „aufgewärmten und vorschnell generalisierenden Zentrale- Orte-Denken“ (HAMM, 1999, S. 43) und entspricht sehr fordistischen Denkmustern und Machtstrukturen. 5 Zum ursprünglichen Grundgedanken der „école de la régulation“ und der Regulationisten gehörte die Herausarbeitung eines zeitgemäßen Analyseinstrumentariums für die Entwicklungs- und Transformationsmechanismen der kapitalistischen Gesellschaft, weniger stringent als ALTHUSSERs Strukturalismus und MARX’ Werttheorie. Die Veröffentlichung Michel AGLIETTAs „Régulation et crises du capitalisme: l’expérience des Etats-Unis“ (1976) über eine kleinere Krise Ende der 1960er-Jahre in den USA, die in erster Linie Lohnverhältnisse und Produktionsgesetzmäßigkeiten der damals im Höhenpunkt der globalen Hegemonie befindenden USamerikanischen Ökonomie untersuchte, verhalf zur Popularität der Regulationsschule. Zentrale Themen waren auch die Beschreibung und Analyse von Zustand und Entwicklung der kapitalistischen Ökonomie, u. a. ausgerichtet an die von KOND- RATIEFF-Zyklen basierte Abfolge von Krisen- und Stabilitätsperioden. Die über längere Zeit hergestellten Gleichgewichte, Gesetzmäßigkeiten und Reproduktionen der sozialen Verhältnisse führte Begriffe wie Akkumulationsregime und Regulationsweise ein (mehr darüber ebd.; BOYER, 1994, S. 107; LIPIETZ, 1985, S. 20; ders. 367 1998, S. 161). Über den Aufbau, Struktur und Logik des Nachkriegs-Fordismus siehe auch BENKO/LIPIETZ, 1998, S. 276. 6 Während sich die „Längsschnittperspektive“ mit den „veränderten Entsprechungen von Akkumulationsregimes und wohlfahrtstaatlichen Modellen“ auseinandersetzt; darunter die Verwandlung des „atlantischen Fordismus“ hin zu einem „postfordistischen, neoliberalen Akkumulationsregime“ (WEISCHER, 2011, S. 168). 7 Hierin gibt es die folgenden Hauptkonfigurationen (WEISCHER, 2011, S. 168, zitiert BOYER, 2005, S. 259): • marktorientierter Kapitalismus (u. a. USA, England, Australien, Kanada). • meso-korporatistischer Kapitalismus (Japan, Südkorea). • staats-interventionistischer Kapitalismus (u. a. Deutschland, Frankreich, Niederlande). • sozialdemokratisch regulierter Kapitalismus (u. a. Finnland, Norwegen, Schweden). 8 Andere Synonyme: „peripherer Kapitalismus“, „peripherer Fordismus“, „unvollständiger Fordismus“, „semi-fordistische Ökonomie“ usw. Oder Begriffe: „nachholende Modernisierung“, „unvollständige Modernisierung“. Die meisten lassen jedoch die „Funktionsweise dieser Länder schwerlich begreifen“ (CHTOURIS/HEI- DENREICH/IPSEN, 1994, S. 19), lange Zeit auch der Unterbelichtung der Peripherie und ihrer Eigenlogik geschuldet. Erst in den 1980er-Jahren begann LIPIETZ die Entwicklung peripherkapitalistischer Staaten wie Brasilien oder der europäischen Mittelmeerstaaten Portugal, Spanien und Griechenland sowie der „Dritten Welt“(im Sinne von tiers monde) zu untersuchen. 9 Peripherie ist andererseits als Metapher zu verstehen. An und für sich handelt es sich um einen relationalen Begriff, der weder messbar noch per natura erklärbar ist, sondern nur in Abhängigkeit zu einer (eben zentralen) Lage, Wahrnehmung oder Deutung herangezogen werden kann. 10 Die erzielten „Zahlungsbilanzüberschüsse“ üben „zugleich [...] Druck gegenüber dem Rest von Europa aus [...], damit diese Staaten bzw. Ökonomie eine positive Bilanz gegenüber dem Rest der Welt erzielen, um für die eigenen Importe aus Deutschland bezahlen zu können“ (vgl. LIPIETZ, 1998, S. 147f.). Wie auch die Schulden- und Währungskrise offenbart, geht jedoch dieser Plan nicht ganz auf, zumal die schwächsten europäischen Ökonomien erst mithilfe von Krediten importfähig wurden. Als sie nicht mehr in der Lage waren neue Kredite anzuschaffen bzw. die alten zu bedienen, musste ihnen mit sogenannten Rettungsmaßnahmen geholfen werden. 11 Die genannten Interessen sind sicherlich in der kapitalistischen Ökonomie nicht neu, aber die versprochene zügellose Freiheitsform der neoliberalen Logik scheint sie zusätzlich beflügelt zu haben. 12 Die Restrukturierung der post-fordistischen Phase setzt auf Beziehungs- bzw. Kooperationsformen, in Form von „Verhandlungen und Verhältnissen von Angesicht zu Angesicht und Nähe“, also in großstädtischen Agglomerationen. In einer „organisierten Mobilisierung des Territoriums“, die nun „in der Form einer Metropolisierung“ erfolgt und „hauptsächlich aus gegliederten Netzen kleiner lokaler Produktionssysteme“ besteht (LIPIETZ, 1991, S. 133) bilden sich entsprechend neue Hierarchien, deren Ergebnis ein organisiertes Netz einerseits mittelgroßer Städte, andererseits einiger wichtiger Metropolen ist. 13 Der Wechsel zwischen internationaler und supranationaler zu nationalstaatlicher oder (stadt-)regionaler Regulation ist hinsichtlich der Reterritorialisierung mit eini- 368 gen Konventionen verbunden. Eine scharfe Trennung zwischen den Ebenen ist nicht immer möglich. Räumliche Schwerpunktverschiebungen und neue Standortkonstellationen sind Teil eines fortwährenden und immer mehr schnelllebig angelegten Prozesses, wobei vor allem Städtisches nicht nur an Wichtigkeit, sondern auch an Komplexität gewonnen hat. Laut LÄPPLE: „Je mehr man über Region und Stadt nachdenkt, desto mehr Probleme und Fragen tauchen auf“ (im Rahmen eines Kongresses 2004 in Berlin). 14 In GRAMSCIs Zivilgesellschaft-Definition vom Ende der 1960er-Jahre umfasst sie „das institutionelle Gefüge, das aus Familie, Religion, kulturellen Traditionen, geschlechtsspezifischen und ethnischen Identitäten [...]“ besteht und sich historisch (unter Hilfestellung der „organischen Intellektuellen“) immer wieder neu formiert, insbesondere wenn sie für die Existenz und Permanenz des gesellschaftlichen Gleichgewichts kämpfen muss. „Der Ort der Konstitution und des Kampfes der Hegemonie, besteht aus kulturellen Institutionen und Praxen und umfasst Parteien, Verbände, Gewerkschaften, Medien, die Kirchen, Vereine etc.“ (GRAMSCI, 1967). 15 Im Deutschen Reich setzte eine starke Land-Stadt-Wanderung erst nach Abschaffung von Regelungen zur Mobilität und Niederlassungsfreiheit ein. 16 Friedrich ENGELS bereiste als 24-Jähriger zwei Jahre lang (1841-1843) mehrere britische Städte, darunter London, Manchester, Liverpool, Nottingham. Anschlie- ßend publizierte er die Schrift „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ (1972 [Orig. 1845]), die die neue Realität der industriekapitalistischen Stadt darstellte. 17 KERN (1982, zitiert von LINDNER, 2004, S. 28) sieht als Geburtsstunde der Sozialforschung die vom Bürgertum gewünschte und geforderte Kontrolle, Beobachtung und Registrierung der Arbeiter- und Armenviertel. 18 Auch Städtebau und Stadtplanung waren „berufspraktische und auch gesetzlichbürokratische Aufgabe“ des Staates (SCHÄFERS, 2006, S. 189). 19 Charles DICKENSs Elendsgeschichten schildern plastisch die Großstadtwerdung Londons und die Umstände in den industrialisierten Räumen. Der im „Oliver Twist“ vorkommende Satz „Every man for himself“ steht für den damaligen Zeitgeist. Ebenso die Pariser Milieustudien Honoré de BALZACs (v. a. der Stadtflaneur in „Scènes de la vie parisienne“) und Werke von Victor HUGO, später Emil ZOLA beschreiben sehr detailreich die neue Lebensweise in den wachsenden Städten und übten Kritik am Elend in den Armen- und Arbeitervierteln. Der „Flaneur“ von Walter BENJAMIN oder „Mrs. Dalloway“ von Virginia WOOLFE u. v. a. erhalten unzählige Hinweise auf die damalig neuartige großstädtische Lebensweise. 20 Der französische Publizist, Politiker und Historiker Alexis de TOCQUEVILLE verfasste nach seiner USA-Reise einen Bericht über Freiheit und Bürgergesellschaft („Über die Demokratie in Amerika“, 1835/40, frz.). Auch aus seiner England-Reise (1835) berichtete er detailreich über Missstände und den „Pauperismus“ (vgl. „Das Elend der Armut. Über den Pauperismus“; die Übersetzung und eine Veröffentlichung im deutschsprachigen Raum erfolgten viel später). TOCQUEVILLEs Werke stellen Vorläufer politischer und soziologischer Vergleichsstudien dar. Seine „Freiheit als Menschenwürde“ wird oft von neoliberalen Rezipienten instrumentalisiert. Es wird jedoch übersehen, dass viele seiner Begriffe nicht zu Ende gedacht waren und heute viel Spielraum für Interpretation bieten. Die zwei engagierten Chronisten Henry 369 MAYHIEW und Charles BOOTH aus Großbritannien gehören ebenfalls zu den Pionieren der Stadtethnographie und Sozialforschung (LINDNER, 2004). 21 Bereits 1826 erschien das Werk „Der isoli[e]rte Staat in Beziehung auf Landwirtschaft und Nationalökonomie“ von Johann Heinrich von THÜNEN. Friedrich LISTs (1841) „Nationales System der Politischen Ökonomie“ behandelte den großen Nationalstaat (hier die deutsche Zollunion) als Integrationsträger produktiver Kräfte und Macht. Die im selben Jahr veröffentlichten „Reiseberichte“ (1841) von Johann Georg KOHL thematisieren „vertikale und laterale Strukturen der Sozialklassen in der Stadt“. 22 Der Schüler von Claude-Henri de SAINT-SIMON, Auguste COMTE, taucht als Erfinder des Namens (lat. socius: Formen des Zusammenlebens und gr. Logos: Lehre) für die neue Wissenschaft um das Jahr 1835 auf (SCHÄFERS, 2006, S. 16). 23 Hier in Verbindung mit dem „Pauperismus“ (lat. „pauper“: arm). Er beschreibt, die „extreme physisch und psychische Verelendung von Teilen der Arbeiterklasse, die durch die kapitalistische Entwicklung aus dem Produktionsprozess herausgeworfen werden, indem sie sich den wandelnden Arbeitsanforderungen nicht anpassen könne, aufgrund ihres Alters keine Anstellung mehr finden oder durch Arbeitsunfälle verstümmelt worden sind.“ Diese seit der Frühindustrialisierung entstandenen prekären Lebensverhältnisse und die grassierende Armut, in der es trotz Arbeit in der Industrie (und teilweise im Handwerk) den Arbeitenden nicht möglich war, für sich und ihre Familien zu sorgen (Lexikon zur Soziologie, 2011, S. 502). 24 Edward BELLAMYs „Looking Backward“ (1888 dt. „Das Jahr 2000 - Ein Rückblick auf das Jahr 1887“), John RUSKINs „From here to Nowhere“ (1896) oder Ebenezer HOWA- RDs „Tomorrow. A Peaceful Path to Real Reform“ (entstanden 1880, veröffentlicht 1898) waren einige dieser Utopien und Reformbewegungen. 25 Letchworth war 1903 die erste Gartenstadt, die etwa 36 km von London entstand. Erst viele Jahre später wurde auch die zweite HOWARD’sche Gartenstadt Welwyn Garden City realisiert. Der Gartenstadtidee folgten die »New Towns« um London und die »Villes Nouvelles« um Paris. Auch die Siedlungen des Neuen Bauens im Berlin der Mietskasernen und „Licht, Luft und Sonne“ waren Nachläufer dieser Ideen. Radikaler waren die Vorschläge und Konzepte, die einem endgültigen Bruch mit althergebrachten städtebaulichen Strukturen folgten wie die »Citè Radieuse« von Le CORBUSIER und die 1933 verabschiedete CHARTA VON ATHEN. 26 Der Begriff der Arbeitsteilung ist bei DURKHEIM auch auf nicht-ökonomische Bereiche ausgeweitet (vgl. LUHMANN, 1992). 27 Damit verbunden auch Sanktionen, Repressionen, Rachegedanken. 28 Moderne, komplexe Gesellschaften setzen Individualisierung frei, zumal eine Gleichgewichtsregulierung beinah reaktiv auf die zunehmende Abhängigkeit der Menschen wirkt. Der Übergang von der „mechanischen Solidarität“ zum andersgearteten „sozialen Band“ der (reinen, theoretischen) „organischen Solidarität“ ermöglicht „jedem Organ“ eine eigene Physiognomie und Autonomie. Diese Individualisierungsstufe schwächt zwar das »Kollektivbewusstsein«, lässt jedoch gleichzeitig ein neues gemeinsames Bewusstsein entstehen (DURKHEIM, 1999 [Orig. 1893]). 29 Eine vergleichbare Herangehensweise ist an LEFEBVREs Raumforschungen (siehe später) zu erkennen. Es geht nicht um die Untersuchung des Raums als solchem, sondern um seine „Produktion“ (1974, S. 465). Auch WEBER hat nicht den modernen Kapitalismus und seine Gesellschaft als solche untersucht, sondern ihre besonderen 370 sowohl sozialräumlichen als auch historischen Entstehungsgründe. Hierbei gehörte neben der „historischen Analyse der okzidentalen Rationalisierung“ die praktischrationale Lebensführung, die von der Religion durch produzierte Weltbilder, Pflichtvorstellungen und Machtkräfte mitgeformt wurden. 30 Der essayistisch-prosaische Charakter dieser Beobachtungen stellt eine Vorlage für entsprechende Beobachtungen und Explorationen auch in der Gegenwart dar. 31 Auch die Austauschformen veränderten sich in der Großstadt. Nun erfolgte beispielsweise die Produktion für den abstrakten Markt. Produzent und Kunde kannten sich nicht. Der Produzent erfüllte immer weniger die Bedürfnisse der potenziellen Konsumenten, sondern begann immer mehr Bedürfnisse zu produzieren. 32 London galt als das exemplarische „Viktorianische Babylon“ (ebd.). Methodisch und moralisch passt es zum protestantischen Bild des „Victorian Evangelical discourse“ (HERBERT, 1991, zitiert nach LINDNER, 2004, S. 12). 33 Begründer und Leitfiguren der Chicagoer Schule waren neben den mit zahlreichen empirischen Studien auch weltweit bekannten Ezra PARK, Ernest W. BURGESS und Roderick D. McKENZIE auch John DEWEY und William Isaac THOMAS. 34 Chicago wurde erst 1840 Stadt. Damals lebten hier 4.470, keine 40 Jahre später waren es bereits 503.185 Einwohner. Kurz vor 1890 wurde die Millionenmarke überschritten: 1890 1,1 Mio. Einwohner, womit Chicago nach New York zur zweitgrößten Stadt der USA avancierte. Die Entwicklung bis zum Zweiten Weltkrieg: 1910 2,2 Mio., 1930 3,4 Mio. Einwohner (U.S. BUREAU OF THE CENSUS, 1998). 35 Die „Big C-Sociology” hatte als Hauptfelder „Charity, Crime and Correction” (vgl. LINDNER, 2004). 36 Anknüpfend an SIMMELs „Wechselwirkungen“: „The city is rather a state of mind, a body of customs and traditions, and of the organized sentiments that inhere in these customs and transmitted with this tradition…“ (PARK, 1925, Einleitung). 37 Dieser galt als Vertreter des „symbolischen Interaktionismus“, der neben Kritik, auch eine neue Denkweise verbindet. Handlungen von heute stehen in der Zukunft als Geschichte, die unter anderem durch die gemeinsame Erfahrungsgrundlage mehr lokale Integration fördern (vgl. MEAD, 1969). 38 Seine Kritik an innerstädtischen Lebensformen thematisiert das Fehlen primärer Kontakte, Hindern von Verwandtschaftsbanden bzw. die Bedeutungsabnahme der Familie und echter Nachbarschaftsformen als Verlust der Basis für Solidarität u. a. Aus diesen Gründen werden das Ländliche bzw. solche Urbanisierungsformen wie die damals ausgelöste Suburbanisierung befürwortet. 39 Wohnen am äußeren Rand ging mit Massenproduktion, Massenkonsumption und Massenmotorisierung einher. Die Ausstattung der Haushalte mit industriell hergestellten Konsumgütern (z. B. Kühlschrank, Waschmaschine, Elektroherd) verknüpft das Produktions- mit dem Lohnmodell. Aus dem Pioniergedanken, aber auch der Konformität und optimalen Einheit setzte sich die Sozialform Kernfamilie durch. 40 Damals wie heute oft ist die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Suburbanisierung gewisser Kritik ausgesetzt. Sie „räumt oft der Erkundung der strukturellen und materiellen Ergebnisse der Suburbanisierung Vorrang gegenüber den verborgenen Ursachen und Effekten ein, und sie neigt dazu, Werthintergründe und Verhaltensweisen der Menschen zu vernachlässigen“ (WEICHHART, 1986, S. 70f.). Beteilig- 371 te Akteure (Politiker, Parteien, Betriebe, Eigentümer und Massenmedien) und ihre vorgelagerten Ideologien, Interessen, Ziele und Bedürfnisse werden außer Acht gelassen und kommen als Aktions- und Forschungsfelder kaum zum Vorschein. Weitere Akteure des Suburbanisierungsprozesses in den USA werden nicht mal erwähnt. Dass Motorisierung und Siegeszug des Autos reziprok zum suburbanen Traum und zu suburbanen Lifestyles (und Wohnstilen) stehen und große Synergieeffekte für Automobilindustrie, Mineralölgesellschaften, Bauunternehmen und Hypothekenbanken bedeutet, wird völlig verdrängt. Dieses Suburbane Projekt brachte enorme Gewinne (LICHTENBERGER, 1986, S. 158) zuerst in den USA, später in Europa und auf der ganzen Welt. 41 Die Mehrzahl der Entscheidungen und Handlungen resultierte aus soziologische Merkmalen, darunter (sozioökonomische und kulturelle) Klasse oder Lebenszyklusphase. Ebenso Nachbarschaftsbeziehung- bzw. „Community“-Ideale (Gemeinschaften) beeinflussten in der Regel die Entscheidungen (FAVA, 1956, S. 36): „[...] those who were psychologically oriented toward neighboring, engaged in neighboring soon after establishing residence, while those who were not so oriented, never took up neighboring despite the number of years of residence“. 42 Den starken Bewohnerverlust in europäischen Kernstädten konnte die Migration aus dem Ausland aufhalten; auch umzugsunwillige z. T. immobile Alteingesessene. Veraltete Infrastruktur und niedrige Mietpreise machten zudem diese Stadtgebiete für weniger bemittelte Bevölkerungsgruppen (Künstler, Studierende u. a.) attraktiv. 43 In diesem Bezug siehe auch Diskussionen über die Aktivierung der „Rückwärtsutopie“ der europäischen Stadt und ihren normativen Charakter (SIEBEL, 2000). 44 Sein Werk erlangte vor allem ab etwa Ende der 1980er-Jahre Aufmerksamkeit, nachdem seine Schriften in US-amerikanischen Universitäten ins Englische übersetzt wurden (SHIELDS, 1999, S. 143f.). Erst nach mehreren englischsprachigen Rezensionen stiegen sie in (Rest-)Europa zur Pflichtlektüre auf. In Deutschland fanden sie ein breites Echo unter den neomarxistischen oder postmodernen Humangeografen. 45 Die Normierung der Lebensweise und die ausgeklügelten Ausbeutungspraktiken im Erwerbsleben gingen mit der systematisch überwachten Passivität, Entfremdung, Individualisierung und Partikularisierung einher (vgl. LEFEBVRE, 1977). Die vorherrschende kapitalistische Produktionsweise strebte eine weitgehende Kolonisation und Kontrolle der Räume an; vom Kapital beansprucht, aber auch von den Staaten. Entsprechend einem Containerverständnis „Leeres muss gefüllt werden“ wurden sie verplant, aufgeteilt, homogenisiert, verbaut, fragmentiert und vermarktet (LEFEBV- RE, 1991, S. 320). 46 LEFEBVRE war Mitglied der Kommunistischen Partei Frankreichs, sah sich jedoch der humanistischen näher als der marxistischen Denkweise verbunden. 47 LÖW/STEETS/STOETZER (2007, S. 53) nennen es „Raum-Triade“ und GÜNZEL (2010, S. 92) eine „Dreiheit räumlicher Begriffe“. Je nach Originalsprache Französisch oder Englisch wird unterschieden in (LEFEBVRE, 1991, S. 38 [Orig. 1974]): (1) „la practique spatiale“/“spatial practice“/„die räumliche Praxis“, d. h. Produktion und Reproduktion von Raum, basierend auf einer nicht-reflexiven Alltäglichkeit (éspace perçu/perceived space/erfahrener bzw. erlittener Raum). (2) „les représentations de l’éspace“/„representations of space“/„Repräsentationen des Raums“, d. h. der kognitiv entwickelte Raum, z. B. durch Mathematiker, Philosophen, 372 aber auch Kartenzeichner, Architekten, Planer oder Technokraten (éspace conçu/conceived space/erdachter Raum). (3) „les éspaces de représentation“/„space of representation“ oder „representational space“/„Räume der Repräsentation“ mit ihren komplexen Symbolisierungen (éspace vécu/lived spaces/Räume des Ausdrucks bzw. gelebter Raum). 48 So die industrielle Produktion und im großen Maße die aus der fordistischen Phase stark expandierten Großunternehmen der Mineralöl-, Automobil-, Elektronik- bzw. Textilindustrie. Die Notwendigkeit nach Wachstum, Umsatzsteigerung und Gewinnmaximierung wäre nur mithilfe von Strategien der internationalen Expansion erreichbar. Die Produktionsverlagerung verfolgte alsbald ein Doppelziel, einerseits die Erschließung neuer Absatzmärkte, andererseits die Senkung der Produktionsbzw. Lohnkosten. In den meisten Fällen handelte es sich um Produktionsverlagerungen in Länder mit niedrigeren Löhnen und kaum vorhandenen sozialen oder ökologischen Standards. Mit jedem Auslagerungserfolg wurde die Flucht aus den mit Lohn- und Tarifregulationen belasteten westlichen Staaten stärker. Primär in den USA und sekundär in Großbritannien setzte eine massive Deindustrialisierung ein. Die Verlagerungen der Produktion und internationale Expansion erforderten neue Organisations-, Steuerungs- und Koordinationsstrukturen. Die daraus entstandenen multinationalen Unternehmen verschafften sich damit einen vorzeitigen Marktvorteil, der ihnen unter anderem den Aufkauf von Konkurrenten ermöglichte. 49 HARVEY (2005, S. 2) definiert Neoliberalismus so: „theory of political economic practices that proposes that human wellbeing can best be advanced by liberating individual entrepreneurial freedoms and skills within an institutional framework characterized by strong private property rights, free markets and free trade [...] The role of the state is to create and preserve an institutional framework appropriate to such practices.“ 50 Vgl. „Raum ist nicht eine Wiederspiegelung der Gesellschaft, sondern er ist die Gesellschaft“ (CASTELLS, 1983, S. 4). 51 Im Original (HARVEY, 2008, S. 315): „The question of what kind of city we want cannot be divorced from that of what kind of social ties, relationship to nature, lifestyles, technologies and aesthetic values we desire.“ 52 Diese vorerst „lokale“, lose Wissenschaftlergruppe in der University of California in Los Angeles (UCLA) und University of South California (USC) hat sich durch eine Fülle von provokanten Arbeiten hervorgetan. Dem ersten Werk von Allen J. SCOTT, Michael STORPER und Richard WALKER zur industriellen Organisation im Großraum Los Angeles folgten, um nur einige exemplarisch aufzuführen, SCOTTs „Metropolis. From the Division of Labor to Urban Form“, „New Industrial Spaces“, „Technopolis. High-Technology Industry and Regional Development in Southern California“, Edward SOJAs „Postmodern Geographies“, „Thirdspace“, „Postmetropolis“, Mike DAVIS’ „City of Quartz“, „Planet of Slums“, Michael DEARs „From Chicago to L. A.”, „The Postmodern Urban Condition“ und mit Steve FLUSTY „The Spaces of Postmodernity“. 53 Die Auswahl des Titels „From Chicago to L. A.” (DEAR, 2002) ist alles andere als zufällig. Als Teil einer Trilogie wird eine Assoziation zur Chicago School hergestellt und für die Beispielhaftigkeit der postmodernen Metropole L. A. argumentiert. 54 Für viele „die amerikanischste aller amerikanischen Städte“ (STARR, 2007) und ein arrivierter „Prototyp der postmodernen Megastadt“. 373 55 Die lukrative und höchst professionalisierte Schlüsselindustrie Kultur schafft milliardenschweren Mehrwert und Akkumulation (Kultur ist neben Luftfahrterzeugnissen das wichtigste Exportgut der USA). Die Traumfabrik Hollywood, globale Medienund Unterhaltungsgiganten sowie einflussreiche pop- und postkulturelle Institutionen exportieren alltäglich Lebensstile und Lebensanschauungen. 56 In vielen Metaphern stellt diese „Postmetropolis“ die „Verwirklichung einer Art urbaner Utopie und des amerikanischen Traumes“ (SOJA/SCOTT, 2006, S. 263) dar und ist Prototyp für die „Edgeless Cities [und] Noncentered Metropolis“ (LANG/LEFURGY, 2003); überspitzt zudem geziert mit Beinamen wie „Interdictory Space“, „Privatopia“, „Cultures of Heteropolis“, „City as a Theme Park“, „Fortified City“, „Politics of Nature“ (DEAR, 2002, S. 64). 57 Sie erstreckte sich von High-Tech-Regionen (siehe Orange County, San Fernando Valley oder Airport Area) bis zu den altindustrialisierten Stadtgebieten (Downtown und Long Beach) (FRÖHLICH, 2004, S. 195). 58 Los Angeles widerspricht völlig dem europäischen Verständnis von „Urbanität“ als gewachsene Stadtstruktur, aber auch als Lebensweise. Oft wird jedoch eine Angleichung der Lebensverhältnisse zu vorschnell und polemisch verneint. Aus einer prozessorientierten Perspektive wird das Augenmerk weniger auf eine direkte Vergleichbarkeit spezifischer Entwicklungen oder Fakten gerichtet. Dafür sind Stadtstrukturen und Rahmenbedingungen zu unterschiedlich. Dennoch bewirken globale Entwicklungsprozesse Transformationen mit identischen Auswirkungen. 59 Inzwischen ist sogar die Rede von der „Hollywoodisierung von Hollywood“ (DAVIS, 2004, S. 446), obwohl das „flüchtig und dehnbar zugleich“ Originale (ebd., S. 445) selbst ein Simulacrum ist. 60 Zum Beispiel die Instrumentalisierung der hohen Verschuldung für die Einleitung einer rigiden Austeritätspolitik und allumfassender Privatisierungsregimes, auf Kosten von Kommunen, Bürgern oder Beschäftigten und zugunsten von Anteilseignern, Kapitalanlegern, Arbeitgebern und Wohlhabenden (Gewinn, Steuern usw.). 61 So die unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelte „Transatlantische Handelsund Investitionspartnerschaft“ („Transatlantic Trade and Investment Partnership“ - TTIP) zwischen Nordamerika und der EU. Seine Durchsetzung wird noch mehr Deregulierung und Aushöhlung der Staatsgewalt bewirken. Dagegen werden für transnationale Konzerne und Investoren enorme Vorteile geschaffen und ihnen eine rechtliche Gleichstellung zu Staaten und gewählten Regierungen eingeräumt. 62 Methodologisch ist der Habitus auch deswegen interessant, weil er weder eine Tatsache noch einen Wunsch oder eine Willensbekundung darstellt. Vielmehr lässt er sich wie eine „Verkettung der Ereignisse“, also eine „spezifische Logik“ verstehen (LIPPUNER, 2012, S. 130ff.). 63 Definition aus: „Lexikon der Soziologie“, FUCHS-HEINRITZ u. a., 2011, S. 735. 64 Der sog. Verfassungsersatz der Europäischen Union pflichtet zwar dem „Recht auf eine soziale Unterstützung und eine Unterstützung für die Wohnung, die allen, die nicht über ausreichende Mittel verfügen“ bei (CHARTA DER GRUNDRECHTE DER EUROPÄISCHEN UNION, 2010/C 83/02), als Grundrecht wird er jedoch nicht anerkannt. Moderne Wohlfahrtsstaaten verpflichteten sich lange Zeit auf die Versorgung mit Wohnraum. 374 65 Die beiden WEBER’schen Begriffe sind hier leitführend (2002, S. 694f.): „Vergemeinschaftung soll eine soziale Beziehung heißen, wenn und soweit die Einstellung des sozialen Handelns [...] auf subjektiv gefühlter (affektueller oder traditionaler) Zusammengehörigkeit der Beteiligten beruht. Vergesellschaftung soll eine soziale Beziehung heißen, wenn und soweit die Einstellung des sozialen Handelns auf rational (wert- oder zweckrational) motiviertem Interessenausgleich oder auf ebenso motivierter Interessenverbindung besteht.“ 66 Wobei HASSE die andere Akzentuierung der Begriffe „Heimat“ oder „Ortlosigkeit“ bemerkt, zumal mit dem in der Soziologie oft angeführten „Körper-Paradigma“ keine Implikationen des Wohnens oder symboltheoretische Analysen über Wohnquartiere und die Situation des Wohnens oder über Kommunikationsprozesse und Distinktionen in gelebten Räumen zu finden sind (vgl. 2012, S. 495f.). 67 Um nur einige Beispiele zu nennen (ohne Angaben der Autorenschaft): „Brückenhof: Zusammenleben in einer Großsiedlung am Stadtrand“, „Kulturelle Vielfalt in Deutschland: Empfehlungen für das Zusammenleben in den deutschen Städten“, „Die Krise der Städte: Analysen zu den Folgen desintegrativer Stadtentwicklung für das ethnisch-kulturelle Zusammenleben“, „Religionen in der Stadt: Chancen für das urbane Zusammenleben“, „Kulturelle Vielfalt leben: Chancen und Herausforderungen interkultureller Bildung“, „Urbanes Zusammenleben: zum Umgang mit Migration und Mobilität in europäischen Stadtgesellschaften“ u. v. a. 68 „Das Leben bzw. die soziale Realität sollte unter den jeweiligen globalen Zuständen beschrieben und interpretiert werden.“ (ALBROW, 1998, S. 243) „Auf welcher Weisen sich die Erfahrungen von Menschen in der globalisierten Welt in erkennbare soziale Formen niederschlagen und wie sie sich auf kulturelle Prozesse auswirken“ (HÜLSMANN, 2000, S. 16). 69 Sowohl sein Vortrag „Bauen Wohnen Denken“, abgehalten während der Darmstädter Gespräche des Deutschen Werkbundes 1951 (2004) als auch sein Buch „Was heißt Denken?“ (1992) in dem sich HEIDEGGER mit Wohnen, Leben und Denken auseinandersetzte, werden rezipiert, wenn es um die Sinnsuche des Wohnens geht (vgl. HASSE, 2008 und 2009; HAHN, 2012 und 2009; u. v. a.). 70 Interessanterweise gibt es im Englischen diese Unterscheidung nicht. Es heißt „live“ und damit wird angenommen, dass Leben und Wohnen zusammengehören. 71 Auch SCHMITZ erkennt im Sitzen in einem Sessel, der als Schale diese Sicherheit und Geborgenheit bietet, ein Urphänomen des Wohnens (vgl. FROMM, 2008, S. 89, in Anlehnung an SCHMITZ, 1977). 72 Hier und im Folgenden wird in erster Linie auf den indoeuropäischen Kulturkreis Bezug genommen, sicherlich sind Entwicklungen in anderen Erdteilen ähnlich oder ganz anders verlaufen. 73 Die erste Haut ist die des Körpers, die künstlich durch die Bekleidung von einer zweiten Haut bedeckt wird. Sie erfährt eine Erweiterung „in Form von Wänden, Decken und Böden in den Raum der Kultur“, also durch eine „dritte Haut“, die „Teil unseres Körpers und unseres Ich und gleichzeitig Teil der Außenwelt“ ist (ebd.). 74 HASSE (2012) unterscheidet Körperlichkeit von Leiblichkeit, die oft gleichgesetzt werden. In der Soziologie findet erstere stärker Beachtung. 75 Das moderne Wohnen lässt sich symbolisch in drei menschlichen Grundbedürfnissen zusammenfassen (GUDERIAN, 2004, S. 64): 375 • die Rückkehr an einen sicheren Ort (nach Hause kommen), • das Verweilen im Schutz von Grenzen (zu Hause sein) und • das Verlassen von vertrauter Sicherheit (von zu Hause weggehen). 76 Im Subjektivierungsprozess sollen zudem die qualifizierten Arbeitskräfte Erwerbsarbeit als Mittel der Sinngebung und Selbstverwirklichung begreifen und nötigenfalls ihre Qualifikations- und Kompetenzanforderungen umdisponieren (WEI- SCHER, 2011, S. 96, in Anlehnung an KRATZER/SAUER, 2005, S. 128f.). 77 Hyperrationalisierte und hocheffiziente Organisationsprinzipien werden von metaprotestantischen Arbeitsethiken, fortwährender und bedingungsloser Zwangsflexibilisierung sowie orts- und zeitunabhängiger Disponiertheit begleitet. Durch totalitäre Kontrolle werden Menschen und Maschinen (darunter Roboter) in den Dienst der neuen Kapitalakkumulation gestellt. 78 Auf der einen Seite Reallohnverluste und Anstieg der realen Arbeitszeit insbesondere für Normal- und Geringverdiener, andererseits selektiv eine bessere Belohnung bzw. Gratifikation von Spitzenverdienern. Die Zunahme prekärer und irregulärer Arbeitsverhältnisse mit extrem niedrigen bzw. nicht existenzsichernden Einkommen und die einseitige Belastung der lohnabhängige Normalverdiener, z. B. durch erhöhte Sozialbeiträge, bringen vor allem Nachteile für Berufseinsteiger. 79 Der Begriff „Cocooning“ (entsprechend im Deutschen: Einigeln und Wohnwabe) stammt von der Trendforscherin Faith POPCORN und beschreibt den Trend vom Rückzug in die eigenen vier Wände. Später wurden damit auch die Introversion und der – vorübergehende – Ausstieg aus der Welt (und dem Konsum) gemeint. 80 „Homing“ war der Nachfolgebegriff von „Cocooning“, wobei das Zuhause immer noch eine wichtige Bedeutung hat, in dem jedoch auch Anderen eine Teilnahme an der individuell gestalteten Zuhause-Welt erlaubt wird. 81 Die Wortkombination Kultur-Industrie soll auf der einen Seite bewusst Bezug zu industriellen Produktionsunternehmen herstellen, zumal sich dahinter eindeutig Fabrikate, Produktionsstätten sowie Arbeiter und Produktionsbedingungen verbergen, auf der anderen Seite jedoch auch den Wandel dieser Produktionsunternehmen zum Entwickler, Verwerter bzw. nur Absatzvermittler dieser Fabrikate und deren Etikett ausdrucken. Durch Outsourcing betragen die Produktionskosten der Fabrikate von SONY oder Apple o. a. nur einen Bruchteil vom Umsatz, während andere Posten und Aufgaben im Unternehmen weit ausschlaggebender sind. 82 Zu Beginn haben zwei oder drei staatliche Fernsehsender eine gewisse Konformität und damit ein Gemeinsamkeitsgefühl gefördert. Nach dem Aufkommen des Privatfernsehens ab Mitte der 1980er-Jahre nahm das Angebot zu. Kein anderes Medium hat dermaßen das Alltagsverhalten, die Häuslichkeit und selbst die Wohnraumgestaltung beeinflusst wie das Fernsehen. Die amphitheatralisch auf das Fernsehgerät ausgerichtete Ordnung im Wohnzimmer ist das beste Beispiel dafür. 83 PRIGGE verwendet den Begriff für einen kulturräumlichen Prozess: „Walkman in der Straßenbahn mediatisiert das Konzert, die Talk-Show das Kaffeehaus-Gespräch, der Bild-Raum die hermeneutische Schriftkultur, die Videothek das Kino, die Artothek den Galeriebesuch, das Internet die Bibliothek, die Fachzeitschrift und die Konferenz“ (1998, S. 8). 84 Im Jahr 1900 lag im Deutschen Reich die Durchschnittszahl der Haushaltsmitglieder bei 4,5 Personen pro Haushalt, 2008 waren es 2,1. Der Anteil der Einpersonen- 376 haushalte stieg von 7,1%, auf 39,4%, der Zweipersonenhaushalte von 14,7% auf 34% und der Haushalte mit fünf Personen und mehr sank von 44,4% auf 3,6% (STATISTI- SCHES BUNDESAMT, 2009). Laut Mikrozensus 2011 liegt die Zahl der Alleinlebenden in Deutschland bei 15,9 Mio., d. h. 20% der Gesamtbevölkerung. Im Jahr 1991 waren es noch 11,4 Mio. (14%) (STATISTISCHES BUNDESAMT, 2012). 85 In den 1950er-/1960er-Jahren war 95% der „heiratsfähigen“ Altersgruppen auch tatsächlich verheiratet und 90% davon hatten Kinder. Damit ist unmissverständlich klar, weshalb hier von einem gesellschaftlichen Standard gesprochen wird. 86 Diesem „Wertewandel“ wird ein Gegenwandel gegenübergestellt. In Untersuchungen wünschen immer mehr junge Menschen die „Rückkehr in die Zweiheit und die Gemeinschaft“ (SHELL, 2000). Grund für die „Familienorientierung der Jugendlichen“ ist der Glaube darin „wirklich glücklich leben zu können“ (SHELL, 2010). 87 In polarisierten Haltungen werden auf der einen Seite die Zunahme von Alleinstehenden- und Kinderlosen-Haushalten angeprangert und dabei ein unsichtbarer Zeigefinger auf kinderlose, gebärfähige Frauen („geringe Reproduktionsrate deutscher Frauen“) gerichtet, denen der Wunsch nach Berufskarriere wichtiger als die Mutterrolle ist, auf der anderen Seite die gesellschaftliche Vielfalt und neue Formen des Beieinanderwohnens zelebriert. 88 Zusammenleben kann gute, schlechte oder andere Formen aufweisen. Der programmatisch-explorative Ansatz sieht vor, Formen und Merkmale herauszustellen, die jenseits von gut oder weniger gut liegen, wobei durchaus Idealvorstellungen von einem stimmigen Zusammenleben nicht auszuschließen sind. 89 Das Politische führt logischerweise auf die Polis (Stadt) zurück und m. E. auf die Metropole, die komplexer ist, zumal in ihrer Funktion und in ihren Beziehungen neben Innen (Stadtviertel, Kernstadt, Subzentren usw.) auch ein Außen (Nation, Europa, Welt) existiert. 90 Anders als eine Gesellschaftsform, die Zweckdenken fördert oder artifiziell Einheit und Gemeinsamkeit herstellt. Für ARENDT ist es das Erkennen als menschliche Grundhaltung und Orientierung in der Welt (GUTSCHKER, 2002, S. 139). So kann auch das Politische seine Würde und Bedeutung zurückbekommen, wenn die Perspektive nicht vom Standpunkt des Philosophen, sondern vom Standpunkt der Welt und der Pluralität erfolgt (ebd., S. 140). 91 Die aus Erscheinungen bestehende Welt, die von allen Menschen gemeinsam sinnlich wahrgenommen, empfunden und geteilt wird, führt zum „Gemeinsinn“ bzw. den sensus communis. Darin fließen „alle privaten Wahrnehmungen in die gemeinsame Welt“ ein (vgl. ARENDT, 2003). 92 „Das Ziel der Verbesserung sollte nicht allein darin bestehen, menschliche Wesen in eine Lage zu versetzen, wo sie ohne einander fertigwerden können, sondern sie zu befähigen, mit und füreinander unter Verhältnissen zu arbeiten, welche Abhängigkeit nicht bedingen“ (MILL in „Grundsätze der Politischen Ökonomie“, 1869 dt.). 93 Verwandtschaft, Nachbarschaft und Freundschaft stellen Bluts-, Orts- und Geistesgemeinschaften dar, also haben im Gegensatz zur Gesellschaft und den maschinell-künstlichen Beziehungen einen natürlich-ideellen Charakter. Verwandtschaft, Nachbarschaft und Freundschaft werden resp. durch das Haus, das Dorf, die Stadt verräumlicht („Gemeinschaft und Gesellschaft - Abhandlung des Communismus und des Socialismus als empirische Culturformen“, 2005 [Orig. 1887]). In Gesellschaft sah TÖN- 377 NIES, ein Kritiker des kapitalistischen Wirtschaftssystems, wiederum einen Verbund von einzelnen Individuen, deren Handeln von Eigeninteresse und nur von Verträgen, Regeln und Höflichkeit oder Konventionen bestimmt war. Helmuth PLESSNER kritisierte diese Sichtweise und zog das gesellschaftliche dem gemeinschaftlich organisierten Konzept vor. Zusammenleben soll unvermittelt durch die Beziehung zwischen Menschen und nicht durch völkisch oder internationalistisch verklärte Bilder definiert werden. Nur gesellschaftliche Strukturen ermöglichten Öffentlichkeit und Schutz von Individualität und Menschenwürde („Grenzen der Gemeinschaft. Eine Kritik des sozialen Radikalismus“, 1924). 94 SCHROER/WILDE (2013, S. 78) zeigen die recht unterschiedliche Begriffsfassung von Gemeinschaft bei TÖNNIES und DURKHEIM auf. 95 Der allgemeine Bezug auf Nachbarschaften versucht mehr auf Nachbarschaften in der Suburbia bzw. Postsuburbia einzugehen. GANS’ Arbeiten haben suburbane Lebensweise umgehend dokumentiert und klassifiziert. Die Großzahl der Suburbaniten suchte teilweise nach „quasi-primären“ Lebensweisen, d. h. alltägliche Kontakte mit anderen Menschen in der Umgebung (vgl. GANS, 1974). Eine Gegenthese stellt HAMMs Nachbarschaftsbegriff, der keinen Unterschied zwischen Großstadt und Dorf und beide Typen nach denselben Grundprinzipien funktionieren sieht. Großstadtkritiker zweifelten dies in den 1960er/1970er-Jahren an, da für sie Großstadt mit Anonymität und Fehlen von „quasi-primären“ Lebensweisen verbunden ist. 96 Die mangelnden Finanzmittel zwingen Kommunen und Lokalitäten dazu, lokalpolitische und planerische Instrumente zu adaptieren, die nach dem gängigen Gesellschaftsmodell Selbstorganisation und zivilgesellschaftliches Engagement stärken sollen, so Initiativen zur Wiederbelebung von Nachbarschaft, Quartiersmanagement oder Zivilschutz (Bürgerpolizei, Feuerwehr usw.) usw. Während auf der einen Seite die öffentliche Daseinsvorsorge (darunter Polizei, Krankenhaus, Schule) auf einen Standard reduziert wird oder sogar lokal ausbleibt, können sich auf der anderen Seite finanziell potente Bewohner bzw. Viertel hochwertige privat-kommerzielle Angebote wie Sicherheitsdienste, Kliniken, Privatschulen u. a. leisten. 97 Eine Definition vom konservativen Denken versteht darunter: „... all forms of human relationship which are characterized by a high degree of intimacy, emotional depth, moral commitment, social cohesion and continuity in time. Community is founded on man conceived in his wholeness rather than in one or another of the roles, taken separately, that he may hold in a social order“ (NISBET, 1993, S. 47). 98 In der Einleitung wurden die Occupy-Bewegung in New York oder die Indignados in spanischen Städten erwähnt, die durchaus sehr wirksam das Gemeinsamkeitsbzw. Bürgergefühl gesteigert haben. 99 Auch Wohnorte werden zu „Leibfestungen“, wenn Veränderungen in als privat empfundenen und angeeigneten Räumen, wie im Bereich der Wohnumfelds oder in der eigenen Stadt, mit einer Bedrohung und einem Eingriff in die Privatsphäre einhergehen (vgl. JANSON/WOLFRUM, 2008, S. 98). 100 Das Aufkommen des Zivilgesellschaftskonzepts und der Selbstregierungsformen kann schwer getrennt betrachtet werden vom neoliberalen Ethos und den damit verbundenen Spitzensteuersenkungen oder -freiheit sowie den Gewinnmaximierungen. 378 101 Aus dem neugriechischen Συν-οικία (Synökia – Viertel, aber wortwörtlich Mit- Haus). In diesem Konzept sollen „die ökonomischen und ökologischen Wechselwirkungen sowie die kreativen – einschließlich der gelegentlichen destruktiven – Synergien“ hervorgehoben werden. Diese können „von der zweckmäßigen Bündelung“ und das „gemeinsame Zusammenleben von Menschen im Raum, in einem Haus- Lebensraum“ erreicht werden (mehr darüber SOJA, 2000, S. 12). 102 Schon Anfang der 1960er-Jahre plädierte Jane JACOBS für die Stärkung der innenstädtischen Nachbarschaften als „Organe der städtischen Selbstverwaltung“, um dadurch „sowohl die inoffizielle als auch die offizielle Selbstverwaltung einer Gesellschaft“ berücksichtigt zu haben (1963, S. 80 dt. [Orig. 1961]). 103 Mehr darüber Online unter: www.ecogood.org (Zugriff erfolgte am 26.02.2015). 104 Eine Synthese zweier biografischer Interviewverfahren: „problemzentrierte Interviews“ (WITZEL, 1985) und „episodische Interviews“ (FLICK, 1996). Diese beiden Interviewvarianten weisen den großen Vorteil auf weder ein künstliches Ganzes zu erzeugen noch zu einem „erzählbaren Ganzen“ zu stilisieren (FLICK, 2009, S. 238). 105 Die wissenschaftstheoretische Grundlage der Phänomenologie (kurz: die Lehre von den Erscheinungen) lenkt die suchende Blickrichtung auf das, was vor uns liegt. In den Sozialwissenschaften besteht die Tradition die soziale Wirklichkeit möglichst vorurteilsfrei zu erfassen. Wichtig für die vorurteilsfreie Einstellung ist die erhöhte Sensibilität für Menschen und ihre Gefühle. Auch für den Forscher selber, der damit die Selbstbeobachtung und seine Gefühle und Einstellungen kontrolliert und ein gewisses Maß an Selbsterkenntnis und Selbstkritik freiräumt. 106 Die Hermeneutik (von altgriechisch ἑρµηνεύειν, erminévin hermēneuein‚ erklären, auslegen, aussagen) befasst sich (in ihrer aktuellen Auffassung) mit der Auslegung/Interpretation von Reden, Äußerungen (darunter Texte bzw. verschriftlichte Sprache), Handlungen und Produktionen sowie anderen menschlichen Schöpfungen. Bei der „sozialwissenschaftlichen Hermeneutik“ entwirft der Wissenschaftler Konstruktionen „zweiter Ordnung“, d. h. „kontrollierte, methodisch überprüfte und überprüfbare, verstehende Rekonstruktionen der Konstruktionen erster Ordnung“ (LAMNEK, 2005, S. 220f., in Anlehnung an SOEFFNER, 2000, S. 167). SOEFFNER definiert „Hermeneutik als Lehre vom interpretativen Vorgehen“ (ebd., S. 223), während FLICK, KARDORFF und STEINKE ihre Definition auf wissenssoziologische-, objektive- und Tiefenhermeneutik reduzieren (ebd.; FLICK u. a., 2012). 107 Dies betrifft sowohl den Forscher als auch die Gesprächspartner. Was den Forscher betrifft, bringt die eigene Biografie (im Falle des Verfassers der vorliegenden Arbeit mehr als 30 Jahre in Deutschland, davon zwölf in Berlin [Stand 2015], und 15 Jahre in Griechenland, davon fünf in Athen) greifbare Vorteile wie Vertrautheit mit „einfachen Handlungen“ und sozialen Umgangsformen. Sie erlauben ein höheres Maß von Tiefen-Interpretation (im Sinne RICŒURs). Neben Sprache, Alltagssprache gehören auch Volkswitz und subtile Ausdrucksweisen dazu. Auch Alter und breites Allgemeinwissen sind für besseres Menschenverständnis hilfreich. 108 Der Leitfragen-Katalog stellt lediglich einen Leitfaden für das Interview dar, zumal explorativ-interpretierende Forschungsvorhaben eher Flexibilität, Reaktionsfähigkeit, Mitdenken und Empathie in Bezug auf das Erzählte und den Gesprächspartner verlangen. Forscher sollten in der Lage sein die Fähigkeit zu entwickeln auf spontane Inhalte und Aussagen zu reagieren. 379 109 Alfred SCHUTZ’ (1899-1959) Soziologie identifiziert die intersubjektiven Merkmale der Akteure/Handelnden. Sie sind für die Organisation des Alltags relevant und Bestandteil der Formung eines gesellschaftsrelevanten Wissensvorrats. 110 Noch genauer untergliedert: 1. Wohnbiografie/Wohnerfahrungen (Vergangenheit) a. Bisherige Wohnstationen, Lebens- und Wohnbedingungen, Sozialformen b. Einzug in den jetzigen Wohnort, Planung und Realisierung (evtl. Finanzierung) 2. Das derzeitige Wohnen (Gegenwart) c. Unmittelbare Veränderungen d. Charakterisierungen: über Wohntyp und Wohnform, Wohnort und Wohnlage e. Langfristige Veränderungen, Erwartungen (Zukunft) 3. Das derzeitige Zusammenleben (Gegenwart) f. Formen des Zusammenlebens z. B. Grundstück, Straße, Nachbarschaft oder Gemeinde, Gemeinschaft und lokale Gesellschaft g. Charakterisierungen: Distinktionen, Separationen bzw. Integrationen h. Wünsche und Erwartungen 4. Orientierungen und Beziehungen: Umfeld und Kernstadt i. Beziehung zum weiteren Umfeld und andere Anziehungsorte j. Beziehung/Haltung zur Kernstadt k. (stattgefundene oder erwartete) Veränderungen 111 Davon waren elf Interviews doppelt besetzt, darunter neun Interviews mit einem Ehepaar, sowie jeweils einem mit zwei jüngeren Frauen bzw. mit einer Mutter und deren Tochter. 112 „Metropolregionen sind NUTS-3-Regionen oder Zusammenschlüsse von NUTS-3- Regionen, die alle Ballungsräume mit mindestens 250.000 Einwohnern repräsentieren. Diese Ballungsräume werden anhand des Urban Audit für Stadtregionen (LUZ=Larger Urban Zone – ungefähre Entsprechung des funktional abgegrenzten städtischen Gebiets im Umkreis der Stadt) ermittelt“ Nach dieser Definition lag die Einwohnerzahl der NUTS3-Region Attikí 2011 bei 4,18 Mio. und 2012 bei 4,11 Mio. (EUROSTAT, 2013). 113 Instrumente des Akkumulationsregimes und der Regulationsweise sind nur zum Teil in der Lage das Entwicklungsmodell und die Gesellschaftsformation widerzugeben. Eher muss entweder nach Abweichungen gesucht oder eine eigene Beschreibung nach anderer Logik und anderen Kriterien versucht werden. Eine solche Darlegung verlangt jedoch eine umfassende Umkodierung bisheriger Verständnisse von Entwicklung, Modernisierung oder auch Verstädterung (hierzu mehr bei CHTOU- RIS/HEIDENREICH/IPSEN, 1994). 114 Während der Befreiungskriege Anfang des 19. Jhs. war Athen ein Provinzstädtchen mit etwa 8.000 Einwohnern. Nach der Befreiung vom Osmanischen Reich zählte der Raum konzentriert um den Hügel der Akropolis gerade mal 1.800 Einwohner und ca. 300 Häuser, davon waren nur 34 unzerstört (KERN, 2004, S. 10). 115 Die absolute Monarchie zu Beginn sowie die spätere konstitutive Demokratie und „nach britischem Muster funktionierende parlamentarische Mehrheitsdemokratie“ (MOUZELIS, 1995, S. 20). 116 Historiker (WURNAS, 2011; der Kapodístrias-Forscher Andreas KOUKOS) vertreten die Position, dass die endgültige Auswahl Athens nicht nur der romantischen, philhellenischen Haltung des bayerischen Königs Ludwig I. geschuldet war, viel- 380 mehr lagen strategische Überlegungen zugrunde, d. h. außerhalb des Machtbereichs der Widerstandskämpfer und einflussreicher Familien (wie auf dem Peloponnes). 117 Letzterer wurde nach einem großen Militär- und Volksaufstand 1843 gezwungen, eine Verfassung und die Umwandlung des politischen Systems in eine parlamentarische Monarchie zuzustimmen (LIVIERATOS, 2013). 118 Daher kommt der Name des Stadtviertels Metaxourgíon (Μεταξουργείον) im Zentrum Athens. In der Seidenweberei waren 400 Arbeiter, davon 90% Frauen beschäftigt. Sein Besitzer war ein Diaspora-Grieche aus Ancona, der unmittelbar noch eine Fabrik für Holzverarbeitung, eine Mühle für Mehlproduktion und eine Ölpresse, aber auch seine Residenz errichtete (LIVIERATOS, Dimitris. Online unter: www.dlivieratos.gr/uncategorized/η-δηµιουργία-του-ελληνικού-κράτους-µε; Zugriff erfolgte am 20.10.2014). 119 Erst 1882 als die Regierung von Harílaos Trikoúpis (Gründer der Neuen Reformpartei – Νεωτεριστικόν Κόµµα) – eine der wenigen Regierungen mit mehr als drei Jahren Regierungszeit! – das erste großangelegte staatliche Investitionsprogramm in der Geschichte Griechenlands einleitete, erfolgten landesweit Ausbau und Modernisierung der Infrastruktur (Kanal von Korinth, Eisenbahn, Häfen, Straßenbau usw.). Zudem sollten Maßnahmen wie die Stärkung vom Export und Außenhandel, die Gründung von Universitäten und Bildungsinstitutionen (z. B. Handels- und Industrieschulen) zur ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklung beitragen. Finanziert wurde dies einerseits mithilfe einer koordinierten Steuerpolitik (u. a. höhere Steuern), andererseits durch Auslandskredite. Meinungsverschiedenheiten mit dem Palast und kontroverse politische Auseinandersetzungen (u. a. aufgrund der Steuererhebung bzw. Steuererhöhungen) destabilisierten die Lage. Hinzu kamen Kriegshandlungen gegen die Osmanen und Reparationen für die Befreiung Kretas. So war im Jahr 1893 der Staat zahlungsunfähig. Die Ablehnung der Forderung der Kreditgeber, die Kontrolle der Staatseinnahmen an sie zu übergeben, führte zum Sturz der Regierung (KORDATOS, 1957). Weitere Kredite der Konservativen für die Kriegsfinanzierung führten 1898 zur Unterstellung Griechenland unter eine „Internationale Finanzkontrolle“, die offiziell bis 1978 anhielt (!). 120 Sie besetzten Gebiete, wie in der Nähe der Steinbrüche am Hügel von Stréfi, und bauten dort ihre Wohnhäuser und Viertel (Parikía) auf. Eine solche Parikía und die erste Vorstadt (Proástion) ist das inzwischen innenstädtische Viertel Exárchia, das von Bauhandwerkern und Steinmetzen aus Tínos und Ándros entstand (CHTOU- RIS/HEIDENREICH/IPSEN, 1994, S. 103). 121 Das umherziehende und flexible Baugewerbe setzte bereits in byzantinischer Zeit an und wurde in der osmanischen Zeit zur Tradition. Eine typische Organisationsform war im Grunde das Unternehmen, welches in der Regel aus Familienmitgliedern und Verwandten bestand und je nach Einsatzort umherzog. 122 Eine Bezeichnung für die alliierten Großmächte Großbritannien, Frankreich und Russland. Sie erzwangen den Beitritt Griechenlands in den Ersten Weltkrieg mit dem sie die Wiederkehr Venisélos’ an die Macht und die Absetzung des den Mittelmächten nahestehenden Königs herbeiführten. 123 Mit etwa 550.000 Toten beklagt das Land eine der höchsten Totenzahl pro Einwohner (7% der Bevölkerung) (POLITI, o. J., S. 2). 381 124 Dem von der Kommunistischen Partei Griechenlands gebildeten „Nationaler Befreiungsfront“ (EAM) und ihrem militärischen Zweig „Nationale Volksbefreiungsarmee“ (ELAS) folgte die rechte „Nationaldemokratische Liga Griechenlands“ (EDES), die wesentlich kleiner war und nur kleinere Gebiete kontrollierte. 125 Die Zahl der Toten wird zwischen 40.000 und 158.000 geschätzt. Weitere 80.000 bis 100.000 Menschen flüchteten über die nördlichen Nachbarländer (TSOUKALAS, 1981, S. 102). 126 Der zitierte Historiker Jon KOFAS (1989) bezeichnet dies als Übergang von „Agglokratia ... to Amerikanokratia” (von der Anglokratie zur Americanokratie). Nach der Truman-Doktrin von 1947 (mehr darüber: „The Truman Doctrine“ President Harry S. Truman’s Address before a Joint Session of Congress. March 12, 1947. Online unter: www.yale.edu/lawweb/avalon/trudoc.htm. Zugriff erfolgte am 03.11.2014) ging die Finanzhilfe aus dem Marshall-Fonds „from a focus on primarily economic aid to a military and political strategy“ über (POLITI, o. J., S. 3ff., zitiert von WOODHOUSE, 1968, S. 257). Die US-amerikanische Finanzhilfe war an der Installation der „American Mission for Aid to Greece“ (AMAG) gebunden, die nicht nur deren Verteilung kontrollierte, sondern sich aktiv in der Staatspolitik einmischte (POLITI, o. J., S. 8). Die NEW YORK TIMES titulierte den AMAG-Chef Gouverneur Dwight Griswold als den „Most Powerful Man in Greece“ (NEW YORK TIMES SUNDAY MAGAZINE vom 12.10.1947; Online unter: www.query.nytimes.com/gst/abstract.html?res=9F01E7D- 9123AE233A25751C1A9669D946693D6CF. Zugriff erfolgte am 03.11.2014). 127 Eine kurze Bürgerkrieg-Chronik siehe auch: KOGELFRANZ, 1985. 128 Innerhalb von Militär, Polizei und Informationsdiensten agierten extreme paramilitärische Gruppen – teilweise mit Unterstützung der CIA. Ihr Ziel war die Neutralisierung der „roten Gefahr“ (Kommunisten und sozialistische Reformer). Eine Eskalation kam mit der (in Übereinstimmung mit dem Palast) Ablehnung der Besetzung des Verteidigungsministerpostens durch die regierende Zentrumspartei (Énosi Kéntrou). 129 Die Dominanz und Machtstellung der Parteien reflektiert sich auch in der (De-) Formation des Marktse. Sie sind Teil eines Apparats mit Kopplungen zu Marktinteressen und Massenmedien. Letztere fungieren als Bindeglied zwischen Staat und Ökonomie bzw. seit geraumer Zeit verfolgen sie primär Eigen- und Partikularinteressen. Der radikale Wandel der privaten Rundfunk- und Fernsehsender seit ihrer Gründung Ende der 1980er-Jahre – Ende des parteistaatlichen Monopols und der einseitigen Berichterstattung durch Polyphonie und qualitätsvolle, vielseitige journalistische Information – zog auch die Form der politischen Kommunikation in ihrem Bann (GEORGAKIS, 2009, S. 177). Über die Medienanstalten stiegen im Grunde inländische ökonomische Oligarchen zur vierten Staatsgewalt auf. Die Seilschaft zwischen Medien und Bau-, Energieunternehmern oder Reedern ist inzwischen signifikant gestiegen (vgl. ZERI, 2009, S. 326). Mehr als ein Viertel (27,92%) des größten Privatsenders MEGA gehört heute der Pégasos Ekdotikí (Πήγασος Εκδοτική Α. Ε.) – u. a. Herausgeber der Tageszeitung Éthnos und zahlreicher Zeitschriften –, ein Unternehmen des Baumoguls Bóbolas. Die Reeder-Familie Kiriakoú besitzt 98% vom zweitgrößten Sender Ant1. Ebenso gehört der Sender Skai dem Reeder Alafoúzos bzw. der Boulevard-Sender STAR der Vardinogiánnis-Gruppe (ebd.). 382 130 Finanzierungsmaßnahmen und Regelungen des Diktaturregimes führten zur Ausweitung und Popularisierung dieses Systems (vgl. CHTOURIS/HEIDEN- REICH/IPSEN, 1993, S. 146f.). 131 Auch das „Blaue-Banane-Modell“ stellt nichts anderes als die Verstärkung der ohnehin starken zentralen Strukturen bzw. Peripherisierung in der Europäischen Union dar. So forcieren die Transeuropäischen Netze die Erschließung der peripheren Räume an die Zentren, damit die Zentren ihre Waren an die peripheren Märkte transportieren bzw. ihre Produktion in meist billigere osteuropäische Staaten auslagern können, um damit Transportkosten und -zeiten zu minimieren. Ebenso der Finanzsektor und neue Suprastrukturen in den großen Zentren (Frankfurt/Main oder London). 132 Die Finanzierung der Ausbau- und Infrastrukturmaßnahmen konnten zum allergrößten Teil nur mithilfe europäischer Sozial- und Strukturfonds erfolgen, die jedoch auch mit einer Eigenbeteiligung verknüpft waren. Hatte ein Staat nicht die erforderlichen Finanzmittel hierfür, musste ein Teil über Kredite (teils bei der Europäischen Entwicklungsbank, teils über Privatkreditinstitute) finanziert werden. Ein weiteres von der EU favorisiertes und stets propagiertes Wundermittel waren Öffentlich- Privat-Initiativen. So wurde zum Beispiel der internationale Flughafen »Elefthérios Venisélos« im Built-Own-Operate-Transfer-Verfahren (BOOT) errichtet (mehr dar- über IOANNIDIS, 2004, S. 18). 133 Zum Beispiel tritt der Bürgermeister als Dienstherr der Kommunalbehörde und Vorgesetzter des Personals sowie als Repräsentant und Rechtsvertreter der Kommune, also „eine Art Chief Executive Officer (CEO)“ auf (HLEPAS, 2009, S. 250). 134 Der alte Glaube des Wertzuwachses durch Immobilien ist in Griechenland besonders vorherrschend. Diesmal betraf es vor allem den Küstenbereich. 135 Die staatliche Verschuldung erhöhte sich von den etwa 152 Mrd. im Jahr 2002 (Jahr der Einführung des Euro) auf etwa 330 Mrd. Euro im Jahr 2010. Entsprechend drastisch war die Verschuldung der privaten Haushalte. 136 Nach dem Regierungswechsel im Herbst 2009 flog plötzlich (sic!) diese Datenmanipulation auf. 137 Die Schulden an Banken aus Frankreich beliefen auf 92 Mrd. Euro, an deutsche Banken 70 Mrd. Euro und an US-amerikanische Banken auf 43 Mrd. Euro (Quelle: BANK FÜR INTERNATIONALEN AUSGLEICH – BIS. Online unter: www.tagesschau.de/wirtschaft/griechenland1066.html; Zugriff erfolgte am 24.09.2013). 138 Im Jahr 2010 wurde durch Verabschiedung des (temporären) »European Financial Stability Facility« (EFSF) ein Rahmen für die Unterstützung der durch hohe Haushaltsdefiziten in Krise geratenden Länder geschaffen. Die 2012 geschaffene Institution »European Stability Mechanism« (ESM) soll ab Mitte 2013 dauerhaft als einzige Institution „die finanzielle Stabilität im Euroraum gewährleisten“ (Quelle: EURO- PEAN STABILITY MECHANISM. Online unter: www.esm.europa.eu/about/index. htm; Zugriff erfolgte am 24.09.2013). In dessen Rahmen erfolgte ein zweites Hilfspaket mit einem Volumen von 109 Mrd. Euro. Eine weitere Maßnahme war die Verpflichtung privater Gläubiger und internationaler Kapitalgeber, darunter Kreditinstitute und Private Equities auf einen Teil ihrer Forderungen zu verzichten (Schuldenschnitt) sowie der Rückkauf eines Teils der Schulden. 383 139 Die Dimension dieses Eingriffs stellt möglicherweise die nächste Stufe der hegemonialen Funktion neoimperialer Globalkapitalzentralen, die unter dem Primat der Mehrwertschaffung neue Ausbeutungsformen in der Peripherie entwickeln. Souveräne Staaten müssen dem Primat der Finanzregimes und der neugeschaffenen Organe (siehe Troika) folgen. Das Parlament muss die diktierten Gesetze bzw. Dekrete lediglich anhören und verabschieden. Zudem werden die Abwicklung und der Ausverkauf von öffentlicher Daseinsvorsorge und Infrastruktur (Wasser, Elektrizität, Müllversorgung, Krankenhäuser, Flughäfen, Bahn u. a.) erzwungen. Auch neuralgische Unternehmen hauptsächlich für die Eigenversorgung darunter Rüstung (Elliniká Amintiká Sistímata – EAS), Metallverarbeitung (LARKO) und Automobilproduktion (Ellinikí Viomichanía Ochimáton – ELVO) sollen abgewickelt werden; einige davon sind nicht mal defizitär. Kritiker sehen darin den Versuch der Verdrängung von Marktkonkurrenten und Begünstigung der TNUs aus kapitalstarken Ökonomien (LE MONDE DIPLOMATIQUE vom 10.04.2014). Ebenfalls vom genötigten Verkauf von Immobilien-Filets (Insel und Küstenbereiche) profitieren ausschließlich globale Investoren bzw. in- und ausländische Oligarchen. 140 Im Vergleich zur Metropolregion bzw. Hauptstadtregion Berlin-Brandenburg wäre dies eine 80-Kilometer-Luftlinie von etwa einer Fahrstunde bis Frankfurt/Oder und eine Fahrzeit von 1 Stunde und 20 Minuten bis Schwedt. 141 In dieser Hinsicht erscheint also der Begriff „Metropolregion“ als geläufige Raumeinheit angebracht. 142 Ein Kämpfer im Unabhängigkeitskrieg und einer der ersten Bürgermeister von Athen Dimítrios Kallifronás taucht als Großbesitzer über ganz Attikí auf. Später war er Mitglied der Ersten Nationalversammlung und Minister für Kirchenangelegenheiten. Sein Sohn Lámpros folgte seine Spuren und wurde ebenfalls zum Bürgermeister und später zum Abgeordneten gewählt. Andere Großgrundbesitzer waren wohlhabende und politisch einflussreiche Personen wie Singrós, Skousés, Merkátis, Kambás, Soútsos, Benákis, Iliópoulos u. a., die vor der Neugründung in der Diaspora lebten oder Amtsträger im Osmanischen Reich waren. Schrittweise kamen sie nach Griechenland und bekleideten hier nun hochrangige Ämter oder nahmen wichtige Funktionen wahr (Minister, Abgeordnete, Bürgermeister, Bankier usw.). 143 Nach dem Londoner Protokoll zu Griechenland von 1830, das die Unabhängigkeit des Staates Griechenland besiegelte, durften diese nicht anerkannt werden, da es sich um Titel aus einer Herrschaftszeit handelt. 144 Im Artikel 24 GG vom 27. Mai 2008 werden Pflichte und Rechte des Staates in Bezug auf die physische und kulturelle Umwelt festgesetzt. Explizit wird auf konkrete Gesetze zum Schutz von Wald und Waldflächen sowie den Verbot der Umwandlung ihrer Bestimmung hingewiesen (Punkt 1). Zudem findet sich darin die Zuordnung der Raumordnungs- und Städtebaupolitik zur staatlichen regulierenden Zuständigkeit und Kontrolle (Punkt 2). Für diese Ziele verpflichtet sich der Staat Forstkarten und ein nationales Kataster zu erstellen und Voraussetzungen für Siedlungen und Regelungen zur Bereitstellung von Flächen für die Infrastruktur und die öffentlichen Plätzen zu sorgen (Punkte 3 bis 6). In einem Zusatz werden die Begriffe Wald und Wald-Ökosystem genauer erläutert (ELLINIKI VOULI – Griechisches Parlament. Online unter: www.hellenicparliament.gr/UserFiles/8c3e9046-78fb-48f4-bd82bbba2 8ca1ef5/SYNTAGMA.pdf; Zugriff erfolgte am 28.10.2013. 384 145 Die hohe Bautätigkeit hatte einen großen Anteil der besonders bauhandwerklich versierten Inselbevölkerung in die Hauptstadt gezogen. Die Namen der Viertel und Siedlungen verraten die Ursprungsgebiete der Flüchtlinge (Anafiótika, Psirí u. a.). Sie durften außerhalb des offiziellen Plans ihre Unterkünfte einrichten und dort für den Eigenbedarf anbauen (BIRIS, 1987, S. 17). 146 1922 lebten in Athen 459.211 Personen, davon 131.810 waren Einheimische, 129.380 Flüchtlinge und 198.021 Binnenmigranten (KARADIMOU-GEROLIMPOU, 2003, S. 64). 147 Der Anteil der Kleinasien-Flüchtlinge war von Ort zu Ort unterschiedlich. Während er in größeren Gemeinden wie Athen bei etwa 26% (zwischen 117.000 und 132.000 Flüchtlinge) oder in Piräus bei etwa 40% (etwa 100.000) lag, wiesen viele kleinere Gemeinden weit über 50% auf (Kessarianí 82%, Néa Philadélphia 75%, Néa Ionía 72%, Víronas und Táwros jeweils 71%, Imittós, 61%, Peristéri 60%, Néa Smírni 58%). 148 Mithilfe des vom Völkerbund gegründeten »Komitee für die Versorgung der Flüchtlinge« (Επιτροπή Αποκαταστάσεως Προσφύγων – ΕΑΠ) konnten weitere 27.000 Wohneinheiten gebaut werden, allerdings mehrheitlich im ländlichen Raum. 149 Nach dieser Studie wohnten 1971 10% der höheren Einkommensklassen in den sozioökonomisch besser gestellten nordöstlichen und südlichen Vorstädten, 1991 jedoch bereits 30%. Im selben Zeitraum nahm in der Kernstadt die Zahl der Einwohner mit höherem Einkommen von 62% auf 27% ab (MALOUTAS, 1997, S. 3). 150 Stadtteile und Nachbarschaften in Patíssia, Kipséli, Pangráti, Gísi, (Athen), Zéa (Piräus) oder in Zográfou u. a. weisen eine Bevölkerungsdichte von mehr als 40.000 Einwohnern pro Hektar auf (EKKE, 2000, S. 44). 151 Pressebilder eines Schiffs mit 20.000 albanischen Flüchtlingen am Bord (Metapher vom vollen Boot) waren Anfang der 1990er-Jahre massenmedial wirksam. Berichterstattung über Migration in der Postwendezeit verwendete Begriffe, wie „flutartig“, „Exodus“ und „Ansturm vom Balkan“ u. a. (DER SPIEGEL vom 27.07.1992). 152 Schizophren deswegen, weil zum Einen durchaus eine formelle und strikte Politik existiert, wie z. B. die restriktive Regulierung der Stadterweiterung und die sparsame, sehr reglementierte Genehmigung von Städtebaulichen Plänen (»Plan«). Zum Anderen ist die Praxis durch Unterwanderung von Regulierungen gekennzeichnet, wobei sukzessiv die Nebeneffekten sogar die Regeln bilden. 153 Darunter fallen sicherlich auch: „Steuererleichterung oder Toleranz von Steuerflucht, über das Angebot an Arbeitsplätzen im öffentlichen Sektor, oft unabhängig vom Bedarf der Behörden, Toleranz der kostenneutralen Umwandlung – allerdings auch ohne Infrastruktur – von agrarischem Land in städtisches Grundstück, Toleranz der illegalen Bebauung sowie Stärkung und Reproduktion dieser durch Legalisierungstaktiken, Aufhebung von Baubestimmungen ohne Gegenforderungen an die Profiteure, Toleranz der privaten Entnahme von natürlichen Baumaterialen etc.“ (MALOUTAS, 2009, S. 34). 154 Vor allem in der frühen Phase erreichen die geteilten Grundstücke, sehr oft nur eine Größe von etwa 120, aber meistens zwischen 150 und 250 qm, nur für ein Kleinsthaus mit einem oder zwei Räumen, was dem allgemeinen Verständnis des Avthéreto entspricht. 385 155 Polikatikía ist die griechische Umsetzung des Maison Dom-ino (Wortkonstrukt „domus“ für Haus und „ino“ für Innovation) von Le Corbusier aus 1914, das ein Selbsthilfe Bausystem aus einfacher Betonkonstruktion sowie schneller, günstiger und massenhafter Produktion von Wohnraum sein sollte (WODITSCH, 2014, S. 15). 156 Dies hat zum Teil auch mit dem klientelistischen Charakter des politischen Systems Griechenlands zu tun. Die Aufrechthaltung der Verbindung zum Ursprungsort war vor allem mit dem dortigem Beziehungsnetz und dem Kontakt zum lokalen Abgeordneten verbunden. Ein beträchtlicher Teil der Bewohner der Hauptstadt war nicht nur statistisch in ihren Herkunftsorten erfasst, sondern wählte auch dort (MA- LOUTAS u. a., 2007, S. 25). 157 Hier vorangestellt einige Beispiele für das Muster Innenstadt-suburbane Vorstadt eventuell eine weiter entfernte (exurbane) Vorstadt: Ágios Páwlos (Innenstadt)à Maroússià Plataniá; Kipséli (Innenstadt)à Filothéià (Kifissiá)à Plataniá; Innenstadt (Ágios Nikólaos) à Oreólofos. 158 Diese Begriffe weisen zwar funktionell unterschiedliche Bedeutungen auf, werden jedoch in den Statistiken der ESYE (heute ELSTAT) nicht wesentlich differenziert. Da es auch hier nicht um deren genaue statistische Erfassung, sondern lediglich um den konkreten Vorgang einer tendierten Umwandlungspraxis geht, wird sie im Rahmen dieser Arbeit nur im Kontext der artikulierten Fälle betrachtet. Diesbezüglich wären spezifische Untersuchungen sinnvoller und aufschlussreicher. 159 Forschungsprojekte des EKKE zeigen eine Entwicklungsdynamik und signifikante Zunahme der Verlagerung vom Hauptwohnsitz in Mesógia-Gemeinden wie Artémida, Kalívia Thorikoú, Paleá Fókea u. a. 160 Auf Luftbildern und Karten von Google sind solche weitläufigen Gebiete an der Küste von Évia, Viotía oder Korinthía erkennbar. Ein charakteristisches Beispiel ist der Ort Erodiós in Évia. Online unter: www.google.de/maps/place/Erodios+340+ 01,+Griechenland. Zugriff erfolgte am 28.06.2015. 161 Das Baugenossenschaftsmodell spielte schon davor eine wichtige Rolle, gewann jedoch vor allem während der Diktatur von 1967 an Bedeutung, da er naheliegende ideologische Motive und Lebensvorstellungen bediente. Die Gründe für das Präferieren dieses Modell lassen sich wie folgt zusammenfassen: • Die Wertvorstellungen der Militärs standen traditionell konservativen, patriarchalischen, militaristischen und autoritären Regimes nahe. • Ihr Gesellschaftsbild nach dem Motto „Vaterland, Religion, Familie“ konnte idealerweise im Dorfleben und kleinen Haus erreicht werden. Sicherheitspolitisch betrachtet, dichtbesiedelte Gebiete wie Großstädte erschwerten eine soziale und politische Kontrolle. Mit der Entdichtung und der Förderung kleinerer, homogener Siedlungsformen wurde eine Gegenmaßnahme verfolgt. • Mangels einer aktiven Wohnpolitik aus Loyalitätsmotiven und im Interesse Militärangehöriger, wie auch Staatsdiener, wurden effektive Subventionierungsinstrumente für die Versorgung mit Ferienhäusern oder Wohnraum für bestimmte Berufsgruppen geschaffen. • Der Populismus und die Rhetorik über das Volk bzw. den kleinen Mann zielten auch auf deren Umerziehung zu einem gesitteten und intakten Leben. 162 Neben der AOOA gibt es eine Vielzahl von weiteren Bau- und Siedlungsgenossenschaften, die nun über ganz Attikí toben. Ihre Konzentrierung in Wachstumsregionen mit erhöhtem Zuwanderungsdruck verstärkt die ohnehin hochdynamischen 386 Entwicklungsprozesse. Zwar könnten die Siedlungsgenossenschaften durch die in ihren Statuten berufsspezifische Zweckmäßigkeit ein hohes Fragmentierungs- und Exklusionspotenzial bergen, dies wird jedoch durch das Abweichen von diesen Zielen abgemildert. 163 Einen Eindruck der gesellschaftlichen und sozioökonomischen Vielfalt vermitteln Bau- und Siedlungsgenossenschaften wie: »Verein der Angestellten bei der griechischen Zentralbank« (Σύλλογος Εργαζοµένων Τράπεζας Ελλάδας), »Verein der Angestellten und Versicherten IKA« (Σύλλογος Εργαζοµένων και Ασφαλισµένων στο ΙΚΑ), »Verein von Journalisten und Angestellten« (Σύλλογος Δηµοσιογράφων και Εργαζοµένων), »Höhere Polizeioffiziere« (Αξιωµατικοί Χωροφυλακής), »Rechtsanwälte von Piräus« (Δικηγόροι Πειραιώς), »Reserve-Offiziere Anagénissi« (Εφέδρων Αξιωµατικών Αναγέννη- ση), »Handwerkarbeiter der Marmorbetriebe« (Εργατοτεχνιτών Μαρµάρων), »Forstamtbeamten« (Δασικών Υπαλλήλων), aber auch Angestellte von Privatunternehmen wie »Tekton« (Τέκτων), »Rossólimos« (Ροσόλυµος) u. v. a. 164 Die Zahl der registrierten Baugenossenschaften in Attikí wird auf 226 (41,6% Gesamtgriechenlands) geschätzt. Sie besitzen bzw. beanspruchen etwa 115.000 ha Land (d. h. 1.150 km2 von den 3.808 km2 der ganzen Region Attikí!?). Auf den zweiten und dritten Plätzen und mit großem Abstand tauchen andere Regionalbezirke, darunter das benachbarten Korinthía (54 bzw. 9%) und Évia (44 bzw. 8%) auf (PET- ROPOULOS, 2009, S. 48). 165 Die »Städtische und Ferien-Baugenossenschaft landwirtschaftlicher Angestellte PAN Genossenschafts-GmbH« (Αστικός και Παραθεριστικός Οικοδοµικός Συνεται- ρισµός Γεωργικών Υπαλλήλων «Ο ΠΑΝ» Σ.Π.Ε.) wurde im Jahr 1962 gegründet. Die Rechtsform Ν. Π. Δ. Δ. gilt für „juristische Personen des privaten Rechts ohne Gewinnanspruch“. In den Jahren 1964 und 1966 hat sie zwei große Areale (laut Statut „Landgüter“) erworben, mit dem Ziel Bauland für seine Mitglieder aufzubereiten. Ein Teil des Areals, etwa 4.600 ha wurde durch ein präsidentielles Dekret im April 1974 (ΦΕΚ 126/11-5-74/Heft Δ vom 29.04.1974) genehmigt und in den »Plan« der Landgemeinde Pikérmi aufgenommen. Dieses Dekret erfolgte nur wenige Monate vor dem Fall der Militärdiktatur am 29. Juli 1974, was keinen Einzelfall bildet. Die Überprüfung oder Infragestellung analoger präsidentieller Dekrete oder Gesetze blieb auch nach der Metapolítefsi aus. 166 Die beabsichtigte Aufnahme der Siedlung Dióni in den »Plan« konnte nur durch eine zweifache Ablehnung des Obersten Gerichts (2000 und 2006) gestoppt werden. Andauernd wird Druck auf die zuständigen Ministerien (Landwirtschaft, Umwelt und/oder Bau) ausgeübt mit dem Ziel eine endgültige Lösung zu erreichen. 167 Das heißt vergleichbar mit der noblen Villengemeinde Ekáli, eine der teuersten Vorstädte in der Agglomeration, wo Reiche und Prominente wohnen. Ekáli wurde ebenfalls in Form einer privaten Initiative als Gartenvorstadt im Jahr 1928 gegründet. 168 Das Dokument liegt auf den Seiten des Europäischen Parlaments (EP) in griechischer Sprache vor. Online unter: www.europarl.europa.eu/meetdocs/2004_2009/ documents/dt/606/606198/606198el.pdf; Zugriff erfolgte am 25.10.13). 169 Auch aus diesem Grund wurde sie später per Gesetz im Jahr 1934 zum Aufforstungsgebiet deklariert. Illegal besetzte Flächen sollten wieder in den Besitz des Staates überführt und im Fall von ehemaligen Waldflächen aufgeforstet werden. Das alte Gesetz gilt heute noch und ihm wird von einigen Forstämtern und Behörden wie ein 387 Kanon Folge geleistet. Die unklaren Verhältnisse, das Fehlen von Kataster und Forstkarten in Verbindung mit der lückenhaften und oft widersprechenden Gesetzgebung haben die illegale Besiedlung und die Bodenbesitznahem in der Region begünstigt. Die wiederholt gelegten Waldbrände sollen den Waldbewuchs verhindern und Stück für Stück die Umwandlung der Wald- und Freiflächen zu Bauland vorantreiben. 170 Für das Befreiungsprotokoll von Attika wurde in London 1830 ein nach internationalem Recht gültiges Abkommen beschlossen, das den abziehenden Osmanen das Recht zugestand, ihren Grundbesitz zu veräußern (TOUNTA, 1998, S. 48). 171 Staatlichen Behörden war die Situation in Oreólofos aus Gutachten der Regionalen Forstdirektion für Attikí und des Agrarministeriums bereits bekannt (1991, gr.): • Die Gesamtlage vermittelt den Eindruck einer Stadt mit dynamischer Bauentwicklung. • Die Flächen sind angelegt, parzelliert und stellenweise dicht bebaut. Grundstücksgrö- ße 250-300 qm [...] • Bei Anerkennung wird die Situation irreversibel sein, da die Gemeinde als Lebensraum eine Tatsache ist. • Die Verewigung der Situation begünstigt lediglich diejenigen, die den illegalen Bau ausnutzen und schlimmstenfalls diejenigen, die davon parasitär profitieren. Prominente sind dabei nicht auszuschließen. 172 Er blieb bis 1998 – insgesamt 16 Jahre – Gemeindevorsteher von Oreólofos. 173 Hauptgrund war der politische Druck kurz vor den Parlamentswahlen. Da sich ein Regierungswechsel andeutete, hat die damals regierende »Néa Dimokratía« alles Erdenkliche getan, um dies abzuwenden. In der Gemeinde lebten zu dieser Zeit inoffiziell etwa 3.000 Einwohner bzw. etwa 2.200 Wähler. Die stark gestiegene Zahl schulpflichtiger Kinder machte zum Beispiel den Bau einer zweiten Schule notwendig. Aus wahltaktischen Gründen wurden jedes Mal die Erwartungen der Bewohner in kleinen Raten, von Wahl zur Wahl erfüllt. 174 DIMOS [LAKKÓNAS]: Kataster-, Städtebau-Studie und Gebietsentwicklungspraxis für das Gebiet der ehemaligen Gemeinde Oreólofos, 2012 (gr.). 175 Zum Beispiel der lokale Immobilien-Anbieter Zirogiánnis, der ein modernisiertes Einfamilienhaus (gebaut im Jahr 1983) mit 170 qm für 155.000 Euro anbietet (Stand: Februar 2014), d. h. für etwa 45.000 Euro weniger als vor einem Jahr und offenbar noch weniger als vor dem Ausbruch der Krise. Die Preise für neuere Haustypen wie Maisonetten liegen in der Regel etwa 25% höher als für ältere Haustypen. 176 Insgesamt nahm die Bevölkerungszahl in der Gemeinde Lakkóna zwischen 2001 und 2011 um 61% zu von 33.611 auf 54.390 Einwohner zu (ELSTAT, 2012). 177 Anmerkung: Aus der Beschreibung wird mit Zweizimmerwohnung eine aus zwei Schlafzimmern bestehende Wohnung gemeint, die zusätzlich über einen gemeinsamen Raum verfügte mit der Funktion eines Wohn- und Kinderzimmers: „[...] in einem Zimmer waren die Großeltern, im anderen Zimmer unsere Eltern und im anderen schliefen wir, die drei Geschwister.“ 178 Vorio-Ipirótes d. h. sogenannte Omogenís aus Nord-Epirus. 178 Omogénia (omo- für homo-, selbst- und –genia für Stamm, Geschlecht, also vom selben Stamm). Blutrecht und Religionszugehörigkeit sind unter dem „Hellenismus“ und der „hellenochristlichen Zivilisation“ knüpft. Ursprünglich bezog sich das Wort nur auf ethnische Abstammung und Zugehörigkeit. Seit Staatsgründung kamen byzantinischund griechisch-orthodoxer Glaube dazu (ZELEPOS, 2009). 388 179 Auch er ist ausgewandert und lebt heute in den USA. 180 Gemeint ist hier der sog. Lotterieaufstand vom Frühjahr 1997, entstanden nach dem Kollaps eines betrügerischen Geldanlagen- bzw. Pyramiden-Systems, der die Spareinlagen vieler im Ausland arbeitender Albaner vernichtete. Es kam zu Protesten und Gewaltexzessen, Plünderungen (inoffiziellen Angaben zufolge gab es mehr als 2.000 Tote). Staat und Wirtschaft brachen zusammen. Erst durch eine ausländische Militärintervention konnte die Ruhe wiederhergestellt werden. Die Neuwahlen im Herbst 1997 brachten die Abwahl des damaligen Präsident Salih Berisha, der aufgrund „seiner undemokratischen und autoritären Regierungseise“ den Aufstand mit verursacht haben soll (vgl. INTERNATIONAL CRISIS GROUP – ICG, 1997). 181 Die Bargeldzahlung bedeutet für den Verkäufer folgenden Vorteil: Sie ermöglichte ihm als vereinbarten Verkaufspreis den niedrigsten Preis aus dem Preisspiegel des objektiven Immobilienwertes anzugeben. Dadurch ist die zu errichtende Erlössteuer niedriger. Bei einem kreditfinanzierten Kauf wäre dies nicht möglich gewesen, da für die Kreditbewilligung durch eine Bank der tatsächliche Kaufpreis angegeben werden muss, wodurch der Verkauf steuerlich nachweisbar ist. 182 Die Dreizimmerwohnung wurde von Áris’ Bruder und seine Frau übernommen. 183 Zuvor gab es während der osmanischen Herrschaft wiederholt Einwanderungen aus Albanien und anderen Balkanländern. Viele davon fanden auf Einladung der örtlichen Herrscher ab dem 13. und dann v. a. im 14. und bis in das 15. Jh. statt. Die albanischsprachigen Arvaniten gelten heute als assimiliert. In Attika waren Arvaniten und ihre Dörfer besonders stark vertreten. Selbstbewusste Arvaniten sehen sich sowohl als Griechen als auch als Arvaniten. In diesem Sinne gibt es die oft für politische Zwecke instrumentalisierte ethnische Identität nicht (vgl. CLEWING, 2001). 184 Später beim Bau des eigenen Hauses und einem eingetretenen finanziellen Engpass hat sogar der zehnjährige Sohn durch einen Ferienjob einen kleinen Obolus leisten müssen (siehe „Organische Solidarität“ innerhalb der Familie). 185 Wohl offenbart jedoch die gängige Praxis der Nachregulation und v. a. gesetzliche Regelungen kurz vor Wahlen Persistenz. Das Gesetz wurde am 24.12.2003 verabschiedet und trat mit der Veröffentlichung im Blatt der Parlamentszeitung (ΦΕΚ vom 31.12.2003) in Kraft, etwa zwei Monate vor der vorgezogenen Parlamentswahl im Februar 2004. 186 Der Heimat-Begriff in seiner programmatischen Version wurde bewusst nicht definiert, damit ihn die Gesprächspartner nacherzählen. Die Heimatfrage wird generell nicht als Ortsfrage, wie „Wo ist deine Heimat?“, „Wo ist dein zu Hause?“, „Woher kommst du?“ verstanden (vgl. WALDENFELS, 1985, S. 195). Allerdings lassen sich anhand der Antworten und der Erzählungen Heimaten (re-)konstruieren, obwohl keine Absicht besteht, explizit auf eine solche Thematik einzugehen. Aufgrund der Thematisierung und Beimessung von Bedeutung durch die Gesprächspartner gab es jedoch eine Reaktion, auch wenn kein Versuch gemacht wurde, nach einem Begriff „Heimat“ zu suchen. Viel wichtiger war es ihn als Attribut von Identität, Sehnsuchtsort oder -alter bzw. – in Bezug auf Bewohnen (von Raum) – „Szenerie“ zu verstehen: „Mensch und Dinge sind nicht nur in Geschichten verstrickt, sondern auch in Szenerien und nur so gewinnen sie ihre Identität“ (ebd., S. 197). 187 Solche Distinktionsmomente und der Versuch der Abgrenzung von Anderen, hier vor allem von anderen Zugewanderten kommen regelmäßig zur Sprache. 389 188 Im Zeitpunkt des Interviews fanden in der Athener Innenstadt massive Proteste, Streiks und teilweise Unruhen gegen Kürzungen und Sparmaßnahmen statt. Es mag durchaus sein, dass das zur negativen Ausmalung beigetragen hat. Während in der Athener Innenstadt also täglich demonstriert wurde oder es in Medien Berichte über Kriminalität gab, war es abseits davon in Oreólofos immer ruhig und friedlich. 189 Anfang der 1960er-Jahre kam ihr Vater als Gastarbeiter für drei Jahre nach Westdeutschland. Vom verdienten und ersparten Geld kaufte er Land in dem nur einige Jahre zuvor neu erschlossenen Ort Avlóna (heute Oreólofos). Der Preis war auch für damalige Verhältnisse sehr niedrig. Ein Grund war die Lage am äußersten Rand des neu parzellierten Gebiets und die große Entfernung vom Siedlungskern. Auch das Athener Zentrum und die umliegenden Gemeinden waren extrem weit bzw. schlecht erreichbar. Es gab weder asphaltierte Straßen noch Strom und Wasser in der Gegend. 190 Gemeint ist ein Verein für die Bekämpfung von Drogensucht bzw. eine Selbsthilfegruppe für Drogenabhängige. 191 Die vier jüngsten Gesprächspartner (Alter zwischen 20-30) aus Oreólofos wohnen bei ihren Eltern; das trifft auch auf die erwachsenen Kinder eines anderen Gesprächspartners zu. 192 Siehe: „Die geografischen Entfernungen können nach einer räumlichen, oder besser gesagt, zeitlichen Metrik gemessen werden, insofern ein Ortswechsel, je nach Zugang zu öffentlichen oder privaten Verkehrsmitteln, einen mehr oder weniger langen Zeitaufwand erfordert. Die Macht über den Raum, die vom Kapital in seinen verschiedenen Formen verliehen wird, ist dementsprechend immer zugleich auch Macht über die Zeit.“ (BOURDIEU, 1997, S. 163). 193 Einige wichtige Einzelheiten und persönliche Implikationen wurden bewusst ausblendet bzw. nur angedeutet. Nach Gesprächsende wurde z. B. die politische Situation in seinem Heimatdorf erwähnt, ein umkämpftes Gebiet während des Bürgerskriegs. In der Zeit danach wurden vorbeugende Maßnahmen getroffen, darunter die Unterbringung verwaister Kinder in sog. Waisenhäusern bzw. Waisenlagern. 194 Als Musterbeispiel nennt Aléxis ein von der Bauindustrie ausgedachtes und bei der Regierung eingereichtes Straßenbaugroßprojekt: die Verlängerung der Peripheriakí Imittoú, die auch die Untertunnelung des Imittós-Massivs vorsieht. Die Regierung und das Bauministerium übernahmen sie in den Raumordnungsplan für die Region Attikí (siehe RAUMORDUNGSPLAN, 2007). Aléxis hält jedoch ökonomischer und ökologischer mit der veranschlagten Geldsumme „15 Metrolinien und 15 Tramlinien zu bauen [...] und 100 Busse rum herum“ fahren zu lassen. Auch in diesem Fall kommt der in den Medien engagierte Baumogul zur Sprache. Sein zuschauerstarker Privatsender hat stets dieses Projekt forciert. 195 Der inzwischen vormalige Gemeindevorsitzende zog etwa zeitgleich mit Aléxis nach Oreólofos’ und hat ähnliche Erfahrungen machen müssen. 196 Fünf weitere Gesprächspartner sind oder waren in der Vergangenheit von solchen Arbeitsverhältnissen betroffen. Finanziert werden diese Programme in der Regel von der EU und den Europäischen Sozialfonds (ESF). Seit der Schulden- und Haushaltskrise sind für die Bekämpfung der mancherorts über 60% liegenden Jugendarbeitslosigkeit weitere Finanzmittel vorgesehen. 197 In der hiesigen Voruntersuchung gibt es Interviews mit Zeitzeugen. Ein 96jähriger Flüchtling berichtet: „Wir haben uns hier in Plataniá installiert, wo der alte 390 Venizélos uns 4.000 ha vom königlichem Anwesen schenkte, um so eine Siedlung zu bauen und dort zu wohnen. So haben wir das Dorf gegründet, die Grundstücke geteilt und an 50 Losgewinnern verteilt“ (GEMEINDE [PLATANIAS], S. 20). 198 Dieser Kollege kaufte nach Kímons Auszug das kleine Ferienhaus in Kinéta. 199 Kléa verdeutlicht dies anhand eines charakteristischen Beispiels: „Also, als wir uns hier niedergelassen haben, kam diese Frau vorbei. Sie wohnte seit fünf Jahren in einem der Häuser in der Gegend. Als ich ihr das Gefühl vermittelte, „ich bin neu hier und nicht integriert“, kam sie mit einem Geschenk vorbei. Sie fragte, ob sie zum Kaffee kommen dürfe, damit wir uns kennenzulernen. Leider hatte ich zwei Stunden später eine Prüfung abzulegen, also habe ich mich tausendmal entschuldigt, dass ich keine Zeit hatte, mich jedoch bei ihr melden würde, wann sie zu mir kommen könne. Ähm, ich habe ... ich weiß nicht mehr, wie lange ich gebraucht habe, um sie anzurufen. Und natürlich, weißt du, dann war das Band hin. [...] Ich habe es versucht ... Sie hat den Schritt gemacht und ich [...] Ich erinnere mich deutlich, was sie gesagt hat: „wir sind nun mal Nachbarn, sollen wir nicht wissen, wer und was wir sind? Also, ich persönlich habe überhaupt keinen Schritt zu den neuen Nachbarn gemacht. Ich habe sehr oft daran denken müssen.“ 200 »Zentrum zum offenen Schutz von Senioren« – KAPI (Κέντρα Ανοιχτής Προστασίας Ηλικιωµένων – ΚΑΠΗ). 201 Sie wurde in die »Staatliche Schule für Öffentliche Verwaltung und Kommunale Selbstverwaltung« (Εθνική Σχολή Δηµόσιας Διοίκησης & Αυτοδιοίκησης) aufgenommen, womit sie den Beamtenstatus bekommt und nach der 18-monatigen Ausbildung eine Anstellung im höheren Verwaltungsdienst sicher hat. 202 Dieser stammt zwar aus einer Nachbargemeinde, hat sich jedoch hier eingeheiratet. Zudem hat er einen kleinasiatischen Hintergrund, da seine Vorfahren Flüchtlinge aus Kleinasien sind. 203 Wohl kam in den Gesprächen mit anderen Bewohnern und Bewohnerinnen die Distinktion zwischen Neu- und Altbewohnern oft zur Sprache: von heftiger Kritik eines eingeheirateten Bewohners bis zu subtileren Andeutungen über das Desinteresse am Ort seitens vieler Neubewohner. 204 Die »Deutsche Schule Athen« wurde 1896 gegründet. Sie ist heute eine von Deutschland personell und finanziell geförderte Schule, die in Griechenland nach dem Status einer Privatschule betrieben wird. Sie kombiniert alle Klassen des deutschen und des griechischen Schulsystems. 205 Der Kaufpreis lag bei etwa 2.000 Euro pro qm. Zwei Drittel davon wurden mithilfe eines Baukredits finanziert. Laut Kosmás hätten sie für denselben Preis in Kifissiá etwa ein Drittel weniger Fläche bekommen bzw. entsprechend mehr bezahlen müssen. In Politía und Ekáli wäre mit dem doppelten Preis zu rechnen. 206 Kosmás’ Ehefrau arbeitet seit etwa acht Monaten im Flughafen Elefthérios Venizélos und hat regelmäßig Schichtdienste. 207 Im Interview wurde dies nicht erwähnt. Tatsächlich war jedoch während des Interviews eine weitere Person im Haus – Haushalthilfe? –, die zuerst auf die kleine Tochter aufgepasst hat und später die Gartenarbeit erledigt hat. In den meisten Häusern in Plataniá arbeiten stunden- und tageweise viele Migranten als Haushaltshilfen und/oder Kinderpflegerinnen. Das konnte auch aus eigenen Beobachtungen 391 festgestellt werden. Interessanterweise steht hinter mancher vergrößerter Bauausführung die Schaffung von Raum für die Unterbringung solcher gehaltenen Hilfskräfte. 208 Selbst Kosmás’ Erwerbsbiografie – von der Aufgabe der Textilfabrik bis zur Selbstständigkeit – lässt sich im Kontext der Umstrukturierungsprozesse betrachten (Deindustrialisierung vs. flexible Arbeitsmodelle). Diese globalen, neoliberalen Rahmenbedingungen bestimmen auch hier zunehmend die Lebenswelt. 209 Nach BOURDIEU „nichts ist unerträglicher als die als Promiskuität empfundene physische Nähe sozial fernstehender Personen“ (BOURDIEU, 1997, S. 165). 210 Bei Kaufinteressenten aus den nördlichen und östlichen Vorstädten war es fast jeder Zweite (KATHIMERINI vom 28.04.2007). 211 Verdoppelung! »Maisonette« (aus dem Französischen) bedeutet ursprünglich kleines Haus bzw. Häuschen und wird außerhalb Frankreichs oft für mehrgeschossige (meistens zwei) Wohnungen bzw. über mehreren Ebenen verwendet, die über eine Innentreppe verbunden sind als Teil eines Mehrfamilienhauses. Auch im angelsächsischen Raum werden damit in der Regel Wohnungen und selten Häuser gemeint. In Griechenland wird der Begriff für einen Haustyp verwendet, der freistehend oder in einem Reihenhaus sein kann. Auf dem griechischen Immobilienmarkt und -zeitungen tauchte die Mesonéta vermehrt in den 1990er-Jahren auf und stieg seitdem zum Inbegriff modernen Wohnens meist in dezentralen Lagen auf. 212 Im Vergleich: Die höchsten Preise sind mit weit mehr als 2.500 Euro pro qm in Ekáli, Filothéi und Paleó Psychikó, während in Mesógeia, z. B. in Peanía sie bei 1.700- 1.800 Euro pro qm und in Ániksi, Diónisos und Stamáta meist unter 2.000 Euro pro qm liegen (KATHIMERINI vom 28.04.2007). 213 Die nördlichen Gemeinden weisen zum Beispiel eine hohe Dichte an privaten und renommierten Schuleinrichtungen auf. Yannákis’ Ausbildung ist von Kosmás minutiös geplant. Nach der sechsjährigen Grundschule soll die Aufnahme in die »Deutsche Schule« in Maroússi erfolgen. Die erhöhte Konkurrenz erfordert besonders gute Leistungen und allem voran sehr gute Deutschkenntnisse. Yannákis hatte zuvor eine private griechisch-deutsche Grundschule in Vrilíssia besucht, die unweit von Kifissiá lag und täglich mit einem eigenen Schulbus erreichbar war. Mit dem Wegzug fiel diese Möglichkeit weg. Die tägliche Hinfahrt (etwa 20 km) konnten weder Kosmás noch seine Frau bewältigen. Eine andere private Grundschule in der Nähe lag dafür etwas näher (13 km). Da dort das Pflichtfach Englisch und nicht Deutsch ist, muss Yannákis für den Deutschunterricht ein Frontistírion in einer 4 km entfernten Nachbargemeinde besuchen. 214 In aller Regel werden die meisten von ihnen niedriger entlohnt als einheimische Arbeitskräfte. 215 Die drei Brüder der Mutter sollten in Athen bessere Chancen auf ein Studium haben; dieser Grund für den Zuzug in die Stadt wurde öfters aufgeführt. 216 Es ist selbstverständlich, dass bei einer spontanen Erzählung das Datum eines mehr als 50 Jahre zurückliegenden Ereignisses nicht so genau wiedergegeben werden kann. Hier eine kleine dennoch wesentliche Richtigstellung nach eigenen Nachforschungen: In der Erzählung sagt Katerína, dass sie fünfeinhalb Jahre alt war, als dieses Ereignis stattfand. Das starke Erdbeben in Sofádes bei Vólos und die darauffolgende Überflutung ereigneten sich jedoch am 19. und 21. April des Jahres 1955. Zu dieser Zeit war sie etwa neun Jahre alt. Wenn es stimmt, dass sie das erste und zwei- 392 te Grundschuljahr bei ihrem Vater und ihrer Stiefmutter verbracht hat, dann könnte dies ungefähr zum benannten Zeitraum gewesen sein. Unstimmig und gegen die obere Annahme spricht jedoch die spätere Bemerkung Katerínas, ihren Vater zum letzten Mal im Alter von sieben Jahren gesehen zu haben. 217 Der Großvater zog vor, sie als Mädchen zur „Schneiderin oder Friseuse“ ausbilden zu lassen. Die Jahresgebühr für eine solche Schule käme nach Angaben des Großvaters dem Kaufpreis einer Mitgift-Wohnung gleich. 218 Scherzhaft zieht Katerína Parallelen zur Fernsehseifenoper aus den 1980er-Jahren »Dinastía« (in Deutschland »Denver-Klan«), die fiktiv das Leben und die Machenschaften einer reichen Familie zum Thema hat. 219 Die Wohnung in der Kapodistríoustrasse lag etwa 400 m vom Politechníon. 220 Wie bereits erläutert, wurden die Themenauswahl und Einzelaspekten aus der gesamten Themenmatrix (ALLE, auch hier nicht präsentierte Gespräche) getroffen. 221 Es ist auch diese Überbewertung, die zur dauerhaften Parzellierung von Agrar-, Frei- und sogar Waldflächen, also Zersiedelung und Phänomene der Landbesetzung durch Ökopädofágoi (Οικοπεδοφάγοι, wortwörtlich Grundstückfresser) führt. 222 In der von europäischen Institutionen favorisierten Stärkung von Öffentlich- Privaten-Formationen (ÖPI) und hinsichtlich Flexibilisierung und Privatisierung werden auch über solche Allianzen Druckkulissen für die Aufnahme in den »Plan« sowie die regionalen und kommunalen Politik gebaut. 223 Das Geschäft nimmt seinen Lauf bei der Formierung von Interessengemeinschaften aus Konsortien und Ko-Profiteuren, die nun auch Aktionäre und Anleger an Land ziehen. Dabei ist der Verkauf von Grundstücken oder Wohnhäusern nur ein Teil des Geschäfts. Inzwischen sind das Hypothekengeschäft und der daraus entwickelte sekundäre (oder tertiäre) Markt ausschlaggebend. 224 Kostas Skandalídis bei einer Rede als Agrarminister im Jahr 2012. 225 Laut Gesetz 4046/12 bzw. dem Sparpaketmaßnahmenprogramm Memorandum (Μνηµονίο Οικονοµικής και Χρηµατοπιστωτικής Πολιτικής) wurde sie liquidiert. 226 Die nicht explizite gesetzliche Regelung der Stellplatz-Optionen schafft jene Hintertür, die in Verbindung mit den fehlenden Kontrollen oder Ahndungsmechanismen des Städtebauamtes sie zur gängigen Praktik macht. Damit die Gemeinde dem Rechtverstoß nachgehen kann, sind namentliche Fallanzeigen notwendig. Wenn fast jeder zweite Bauherr selbst umstritten handelt oder die Gesetzeslage nicht kennt, scheut er diesen Schritt. Zum Mythos der griechischen Kultur gehört die Missbilligung des Denunzierens. Eine weitere wichtige Facette ist in den erweiterten Befugnissen und Ermessungsspielräumen von Bauingenieuren zu sehen, die kaum kontrolliert und sanktionslos mit ihrer Unterschrift eine Rechtmäßigkeit vortäuschen. Dazu kommt die Geiselnahme der Gemeinde und des Bürgermeisters, die gerade in kleineren Gemeinden ihre Wiederwahl aufs Spiel setzen würden und deshalb Kontrollen unterlassen. 227 Wie in der Vergangenheit nahm deren Rolle wieder zu. In den Jahren 2013 und 2014 stammten 41% der Kredite aus der Elternbank; 14% ging in die Finanzierung von Hypotheken, 3% für Gesundheitsausgaben und nur 1% für die Bildung (siehe WORLD BANK, 2014). 393 228 Nach einer EKKE-Studie ist „Vertrauen in andere Menschen“ in Griechenland am niedrigsten ausgeprägt (AUERNHEIMER, 2009, S. 101). 229 Oft herrschte in den dörflichen Gesellschaften ein recht zwiespältiges Verhältnis zur Nachbarschaft. Zwistigkeit und Streit, sehr oft über Land- und Bodenfragen. Erst bei äußeren Gefahren wird lokale Verbundenheit und Eintracht demonstriert (Anm. TI: eine antike Reminiszenz an die »Gefahr vor Barbaren«?). 230 Auffällig in Oreólofos war die Häufigkeit ehemaliger Armee- oder Polizei- Angehörige: Drei Interviewpartner waren frühere Angehörige der Armee, weitere zwei Gesprächspartner sind Kinder von der Polizeioffizieren. Ferner wurden andere im Ort wohnenden Kollegen oder Nachbarn erwähnt. Vielleicht ein Zufall und bedingt repräsentativ, es muss jedoch zur Kenntnis genommen werden angesichts der Baugenossenschaften und der weit verbreiteten informellen Netze Berufsangehöriger und/oder Wertegemeinschaften. Ein ausgelassener Fall (Gesprächspartner A9) war von Mitte der 1970er-Jahre bis etwa 2000 als Bauhandwerker im Avthéreto-Bausystem tätig. Heute ist er Vorsteher eines Ortsteils von Oreólofos. Unwillkürlich wurden im Gespräch mit ihm allzu häufig Namen von Diktatoren erwähnt, da sie die Entstehung der Siedlung gefördert haben sollen. Aus diesem Grund ist nicht auszuschlie- ßen, dass Armee- oder Polizei-Angehörige Hauptnutznießer davon sein könnten. 231 Die soll in die dörflichen Verhältnisse der Parikías von Migranten gleicher Herkunft mitgewandert sein: unter Handwerkern in Anafiótika, im Proástion in Athen oder Maniátika, Kritiká und Idréika in Piräus bzw. bei den Flüchtlingen in Kesiarianí, Néa Smírni, Néa Erithréa, Plataniá u. a. Die jeweils tradierten Werte und Normen von Familiarität oder Solidarität waren damals selbstverständlich. 232 Im Fall von Oreólofos war weniger eine gegenseitige Hilfe sondern die professionalisierte Avthéreto-Baupraxis verbreitet, gekennzeichnet durch eine regelrechte Arbeitsteilung unter den lokalen Bauhandwerkern. Beinahe bestimmten sie allein, wer bauen und wer nicht bauen durfte. Auftraggeber hatten jedenfalls einen Vorteil. 233 Nicht auszuschließen, dass zum Teil Einkommensverluste der Haushalte auf die Schulter der migrantischen Hausangestellten übertragen werden. 234 In nicht wenigen Fällen taucht die Überqualifizierung der Migranten auf. Trotz universitärer Bildung können sie nicht mal ansatzweise den erlernten bzw. lang praktizierenden Beruf ausüben (die Tätigkeit als Albanisch-Lehrerin an der Technischen Hochschule bildet eine große Ausnahme). In Griechenland, aber im Grunde in den meisten Empfangsländern ist die Nutzbarmachung des in den Herkunftsländern erworbenen Wissens und der gemachten Erfahrungen gering. Stattdessen werden wiederholt prekäre Beschäftigungsformen dokumentiert, sogar bei hochqualifizierten Zuwanderern: Frauen meistens als Reinigungs- oder Pflegekräfte, Männer als Bau- oder Lagerarbeiter (vgl. MALLIOU, Zentrum für Migrationsstudien). 235 Nach einer Studie einer Zeitung (KATHIMERINI vom 20.04.2008) mehr als jeder Dritte Athener (39%) hält den starken Verkehr für das dringlichste Problem. Erst mit Abstand folgen Hygiene- und Müllprobleme (25%) sowie Verunreinigung insgesamt (17%). Weitere 15% halten Luftverunreinigung, Emissionen und Néfos, also weitere Verkehrsursachen, ebenso für hoch problematisch. Generell haben Verkehrsauswirkungen zwischen 1998 und 2008 aufgrund der starken Suburbanisierung und Motorisierung erheblich zugenommen, trotz Ausweitung des ÖPNV-Netzes. Die Innenstadt bleibt weiterhin attraktiv aufgrund der besseren Berufschancen (28%), der 394 Dichte an medizinischer Versorgung, Krankenhäusern und Ärzten (13%), der Ausgehmöglichkeiten (11%) sowie der Vielzahl an Möglichkeiten generell (11%). 236 Vor Ausbruch der Krise zog fast jeder Zweite Athener (49%) in Erwägung, Attikí zu verlassen (KATHIMERINI vom 20.04.2008). Eine nach Ausbruch der Krise im Auftrag des griechischen Agrarministeriums erstellte Studie unter Großstadtbewohnern Athens und Thessalonikis, die zeigt, dass 68,2% der Befragten bereit wären, die Agglomeration zu verlassen und in die Provinz zu ziehen. Knapp die Hälfte davon hat einen Hochschulabschluss und interessiert sich für ökologische Anbaumethoden (IPOURGIO AGROTIKIS ANAPTIKSIS KAI TROFIMON, 2012). 237 EU-finanzierte Regierungsprogramme (»ΝΕΟΙ ΑΓΡΟΤΕΣ«) fördern den Neubeginn auf dem Land für junge Menschen, i. V. mit dem Anbau exportfähiger ökologischer Produkte. So kamen im Jahr 2013 37% der neuen Bauern aus Athen (weitere 9% aus Attikí) (KATHIMERINI vom 13.04.2014). 238 Im Raumordnungskonzept der Europäischen Metropolregionen (EMR) wird die zukünftige Entwicklung der Metropolregion Berlin-Brandenburg an die „Wettbewerbsfähigkeit sowohl Deutschlands (in Europa) als auch Europas insgesamt in der globalisierten Wirtschaft“ angeknüpft (BLOTEVOGEL, 2000, S. 163). 239 Die Umbenennung zu „Hauptstadtregion Berlin-Brandenburg“ wurde erst 2006 von den beiden Bundesländern Berlin und Brandenburg beschlossen (GEMEINSA- ME LANDESPLANUNGSABTEILUNG DER LÄNDER BERLIN UND BRANDEN- BURG, 2013). Sie umfasst eine Gesamtfläche von 30.376 km2 (Berlin 892 km2, Brandenburg 29.484 km2) mit einer Gesamtbevölkerungszahl von knapp 6 Mio. Einwohnern (davon 3,5 Mio. in Berlin und 2,5 Mio. in Brandenburg). 240 Die engere Metropole Berlin umfasst neben dem Land Berlin die anliegenden Gemeinden der Landkreise Teltow-Fläming, Dahme-Spreewald, Oberspree, Märkisches Oderland, Barnim, Oberhavel, Havelland, Potsdam-Mittelmark und Potsdam. 241 Mehr darüber: „Verfassungsgesetz zur Bildung von Ländern in der Deutschen Demokratischen Republik“ (Ländereinführungsgesetz) 1990. 242 Einleuchtend in diesem Zusammenhang ist der Begriff „Mark und Metropole“ (MATTHIESEN, 2002). Die unterschiedlichen Entwicklungsvorstellungen tauchen in den jeweiligen Nomenklaturen auf. So stammt der Begriff »Metropole« aus dem westlichen und vor allem US-amerikanischen Fachjargon und wurde bereits sehr früh für West-Berlin verwendet, während in der DDR mehr die neue und funktionalistische Gebietskategorie »Stadt-Umland-Region« im Gebrauch war. Wobei viele Berliner und Berlinerinnen ausschließlich das Wort Speckgürtel verwenden. 243 Auch im Kalten Krieg war hier einer der wichtigsten Schauplätze der konkurrierenden Großmächte und Systeme. Beide Teile stellen somit historisch, politisch, sozioökonomisch und kulturell Sonderfälle dar. 244 Brandenburg-Preußen nahm etwa 20.000 Hugenotten auf. Dadurch waren um 1700 von den 56.000 Einwohnern Berlins etwa 11.000, also fast jeder fünfte Bewohner, französische Réfugiés (MURET, 1885). Sie wurden von der Mehrheit der lokalen Bevölkerung und den Zünften abgelehnt. 245 Die erste Berliner Stadtverordnetenversammlung war von Haus- und Grundbesitzern dominiert, die hier ihre partikularen Interessen in die Kommunalplanung und städtebauliche Gestaltung durchzusetzen versuchten (ZIMM, 1990, S. 35). 395 246 Dafür wurde lediglich das Dreiklassenwahlrecht eingeführt, d. h. Unterteilung der Wähler in drei Klassen, je nach Höhe ihrer Steuerleistung. Dieses Wahlsystem war bis zum Ende der Kaiserzeit (1918) gültig. 247 Insbesondere wurde die Aufnahme jener Forderungen in die Konstitution abgelehnt, die die Schwächung der hegemonialen Macht der besitzenden Klassen, des Königs und des Adels herbeiführen könnten. 248 Anders als in Großbritannien hat hier die Baumwollspinnerei nur eine geringe Rolle gespielt (vgl. OSTERHAMMEL, 2012, S. 11f.). 249 Dieser bezweckte durch eine Reihe von Anordnungen und Gesetzen zwischen 1871 und 1878 die Macht der katholischen Kirche zu begrenzen, und setzte die Trennung von Staat und Kirche durch. Die Zivilehe, der Schulunterricht unter Staats- und nicht Kirchenaufsicht, die Verwaltung von Vermögen durch gewählte Gemeindevertreter und der Entzug staatlicher Förderung gehörten zu den sachlichen Änderungen, während Verbote von Einmischung Geistlicher in „öffentlichen Themen“ oder des Jesuitenordens eher repressive Züge besaßen. 250 Im Jahr 1878 wurde das „Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“ eingebracht, das Verbot, Verfolgung und Verhaftung der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) und ihr nahestehender Organisationen, vor allem Gewerkschaften, einführte. Abgeschafft wurden die Gesetze 1890, weitere kleinere Gesetze hielten jedoch die Repressionen aufrecht (OSTERROT/SCHUSTER, 1975). 251 Die eingeführten Maßnahmen steigerten den Anteil der Staatsquote am Bruttoinlandsprodukt von 3% auf 15% und nahmen durch die spätere Übernahme von weiteren Aufgaben oder ganzer Korporationen, wie der Eisenbahn, weiter zu. 252 Von 1871 bis 1905 betrug die Zunahme 147%; übertroffen nur von Hamburg mit +158%. Die Zunahme im gesamten Deutschen Reich lag bei +47% (STATISTISCHES JAHRBUCH FÜR DAS DEUTSCHE REICH, 1910). 253 Weitere propagierte Ziele wie Einrichtung von Rätesystemen, Sozialisierung der Schlüsselindustrien, Verbesserung der Arbeitsbedingungen und gerechtere Löhne, Demokratisierung des Heeres bzw. Zerschlagung einflussreicher reaktionärer, kaisertreuer Kreise in Militär und Verwaltung sind nicht angegangen worden. Der Gegenwind aus dem reaktionären und monarchistischen Lager kam prompt. Heftige Polemik gegen politische und soziale Reformvorhaben kam auch aus dem Lager der kaisertreuen, antidemokratischen Kräfte und Großindustriellen und Großagrariern. Dabei gab es auch Versuche die demokratisch gewählte Regierung zu stürzen und die erste Republik zu beenden. Zusätzlich machte der »Versailler Vertrag« die Stabilisierung der politischen und ökonomischen Verhältnisse unmöglich. Der Schock über die Kriegsniederlage und die erzwungenen Reparationszahlungen waren idealer Nährboden für nationalistische Tendenzen. Das Volk fiel in die Hände konservativer und rechtsradikaler Gegner der Republik. Politisch motivierte Attentate sowie die Ermordung von Regierungsmitgliedern und politischen Gegnern kennzeichnet diese turbulente Zeit (STURM, 2011). 254 Auch die Abschaffung des Dreiklassenwahlrechts, die Einführung des Frauenwahlrechts und die Senkung des Wahlalters, die die Zahl der Wahlberechtigten verdoppelten und 1919 zur ersten vom ganzen Volk gewählten demokratischen Regierung führten, gehörten zu den einscheindenden Reformen dieser Zeit. Bei dieser ersten Wahl kam die »Weimarer Koalition« zustande, die aus der Moderaten 396 Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (MSPD), der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) und der Deutschen Zentrumspartei bestand. Gemeinsam erreichten sie 76,1% der Wahlstimmen (STURM, 2011, S. 17). 255 Ob damals Berlin eine Weltmetropole war, sei dahingestellt. In zahlreichen wissenschaftlichen und literarischen Werken, aber auch in Pressematerialen der Kreditwirtschaft oder der Interessenverbände lassen sich Gegenbehauptungen finden (BRIESEN, 1992; THAMER, 2000; u. a.). THAMERs Untersuchungen zum Beispiel überprüfen es nur anhand der Wirtschaftssektoren und ihres nationalen Anteils. In einem direkten Vergleich mit Paris wies Berlin einen viel geringeren Anteil an Industriebeschäftigten auf (Paris: 1896 15,93%, 1936 22,06%; Berlin: 1895 8,05%, 1933 9,88%), allerdings eine höhere Konzentration von Verlagen und Banken. Bereits 1849 war knapp ein Viertel der preußischen Banken in Berlin (ebd., S. 136). Zahlreiche Studien sind jedoch empirisch unzulänglich (KIECOL, 2001, S. 96). Es ist wohl fragwürdig, ob Mythen und Legenden befriedigend mit Zahlen belegt werden können, evtl. nur durch empirische Überprüfung ihres Realitätsgehalts. 256 Der Historiker Ludolf HERBST stellt sogar fest: „Das Gesamtsystem ist daher gerade nicht von dem einen Führer her zu verstehen, sondern von der Vielzahl der Führer und Unterführer her, die an allen Knotenpunkten platziert waren“ (FRANK- FURTER ALLGEMEINE ZEITUNG vom 20.07.2011). 257 »Volksgemeinschaft« und die Sozialutopie gingen zudem mit propagierten Zielen, darunter „Modernitätsappeal“ und „Mobilisierungsschub“, einher (vgl. WEHLER, 2003). Hauptadressat war die Jugend, die an soziale Mobilität, gestiegene Karrierechancen und verbesserte Lebensbedingungen glauben sollte, was gewiss für die Mitläufer auch geschah. 258 Insgesamt wurde die Rüstungsindustrie mithilfe von Krediten finanziert. Hier wurde im Grunde Vollbeschäftigung erreicht. Die Rüstungsunternehmen gehörten zu den wenigen Industrien, die nach Facharbeitern suchten. Die Lohnsteigerungen erfolgten nicht nach Tarif, sondern durch das binäre Lohnmodell aus Tariflohn und ungleich höherem Effektivlohn (BILDT, 2012, S. 55). 259 Hier war die Spaltung zwischen Kommunisten (KPD) und Nationalsozialisten (NSDAP) am größten. In Berlin lag die KPD über dem Durchschnitt des Deutschen Reichs, während umgekehrt die NSDAP unter dem Durchschnitt lag. Bei der Reichstagswahl vom 5. März 1933 erreichte die NSDP in den bürgerlichen Stadtteilen und den Villenvierteln sowie in den Außerbezirken ihre besten Ergebnisse in Groß-Berlin (in Steglitz 45,2%, Spandau, 41,6%, Schöneberg 39,8%), während sie in den Arbeitervierteln in der Regel weit drunter lag (Wedding 25,9%, Friedrichshain 28,8%, Neukölln 29,7%) (HAMILTON, 1982, S. 78). 260 Nie zuvor war Berlin als Reichshauptstadt stärker mit dem Deutschen Reich und der deutschen Geschichte verbunden als in der Zeit zwischen 1933 und 1945. Die Reichshauptstadt und Metropole Berlin war sowohl nach innen als auch nach außen Inszenierungsort und Schauplatz; von der Machtergreifung bis zur Verfestigung dieser Macht. Die Nationalsozialisten machten sich den Metropolen-Mythus und seine weltbeherrschende Komponente zunutze. 261 Von den 4,23 Mio. Einwohnern im Mai 1939 wurden im August 1945 knapp 2,81 Mio. und im Oktober 1946 nur 3,19 Mio. Einwohner gezählt. Davon waren lediglich 397 2,99 Mio. auch vor dem Krieg in Berlin wohnhaft (HAUPTAMT FÜR STATISTIK UND WAHLEN DES MAGISTRATS VON GROSS-BERLIN, 1949). 262 Der spätere Eintritt Frankreichs führte zur Neuaufteilung, allerdings nur der Westsektoren, da die Sowjetische Besatzungszone unverändert blieb. 263 Zuerst sollte die Währungsreform durch die Einführung der Deutschen Mark den florierenden Schwarzmarkt eindämmen und zur Stabilität beitragen. Die Reaktion der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) war unmittelbar. Ebenso wurde ein Jahr später die Gründung der BRD mit der Gründung der DDR und die Blockade der West-Alliierten-Zonen beantwortet. 264 Das traditionsträchtige Offizierskorps, das „ausschließlich aus den »erwünschten Kreisen« des Adels und des gehobenen Bürgertums“ stammte, behielt seine Funktion als Reservoir für höhere Offiziere weiter. Noch im Jahr 1967 kamen 80% der Generäle und die Hälfte der Leutnants aus seinem Kreis (WEHLER, 2012, S. 307) und erst ab 1969 konnten die Reformkräfte aus dem Schatten der Wehrmacht heraustreten. Allerdings gewannen in den 1980er-Jahren die Traditionalisten erneut die Oberhand, wobei es immer wieder zu Interessenskonflikten zwischen den beiden kam. Ein ehemaliger Verteidigungsminister verwendete Bezeichnungen wie „Schlangengrube“ und „ein Sack voller Minen“ oder nannte den Verteidigungsposten einen „Schleudersitz“ (DEUTSCHE WELLE, 26.06.2013). Generell wurde jedoch der Offizierskorps pluralisiert, inzwischen kommt nur ein marginaler Teil aus den vormals erwünschten Kreisen (WEHLER, 2012, S. 308ff.). 265 Er stellte bis 1952 14 Mrd. US-$ (grob geschätzt, entspricht diese Summe heute 200 Mrd. Euro!) für die ökonomische Entwicklung und den Wiederaufbau im kriegsgeschädigten West- und Südeuropa zur Verfügung. 266 In der Nachkriegszeit wanderten etwa 900 Unternehmen nach Westdeutschland, darunter große Unternehmen wie Siemens & Halske nach München, Siemens- Schuckert nach Nürnberg, SEG und Lorenz nach Stuttgart sowie AEG nach Frankfurt/Main. 267 Einerseits begünstigten die steuerliche Subventionierung und Abzugsmöglichkeit in der Einkommens- und Unternehmenssteuer, andererseits die Verteuerung der öffentlichen Verkehrsmittel (vor allem Bahn) und die Demontage der Straßenbahnen in zahlreichen Großstädten den Umstieg auf den MIV. Der Verkehrsinfarkt in den Städten wurde darauf mit dem propagierten und von der öffentlichen Stadtplanung verinnerlichten Konzept der „autogerechten Stadt“ vollzogen (REICHOW, 1959). 268 Der „automobile Habitus“ war eine Denk- und Lebensweise, die über die materielle und nützliche Dimension hinausging (WELZER, 2010, S. 51). Als Symbol ist das Automobil nicht nur ein Produkt des materiellen Wohlstands, das Gesellschaften als „Habitus konservieren, der in ihrer besten Zeit entwickelt worden ist“ (ebd., S. 50), sondern immer mehr zum öffentlich aufgeführten Artefakt des beruflichen und gesellschaftlichen Erfolges wurde. Marke und Größe werden zum exklusiven Distinktionsmerkmal (Sozialstatus, Individualität). So wuchsen die Beschäftigtenzahlen im Automobilbau und in seinen Zulieferindustrien weiter, während die anderer Industriezweige (Textilindustrie, Bergbau u. a.) zu schrumpfen begannen. 269 In Berlin genossen sie einen besonderen Status. Sie hatten seit den 1950er-Jahren die Möglichkeit nach Deutschland zurückzukehren. Eine große Anzahl kam damals nach Westberlin und bekam automatisch die deutsche Staatsangehörigkeit. Die 398 weitgehenden Integrationsmaßnahmen sahen neben Sprachkursen auch die Möglichkeit zinsloser Kredite und Sozialwohnungen vor. 270 Zusammen mit den nachgezogenen und den in der BRD geborenen Familienmitgliedern sowie anderen Migrationszugängen wuchs die Zahl der ausländischen Bevölkerung auf knapp 4 Mio., etwa 6,8% der Bevölkerung an (STATISTISCHES BUNDESAMT, 2012). Ab etwa Mitte 1975 bis 1990 erfolgte hauptsächlich der Familiennachzug aus der Türkei, sodass diese „zur größten Minderheit“ aufstieg (1,7 von insgesamt 6,8 Mio. Ausländern) (WEHLER, 2008, S. 42). 271 Vor dem Krieg lebten in der SBZ etwa 15 Mio. Menschen. Nach der Ankunft vieler Vertriebener und Flüchtlinge stieg die Bevölkerungszahl (1949 19,1 Mio.). Für viele war es jedoch nur eine Zwischenstation und bis zum Mauerbau verließen etwa 3,5 Mio. die DDR; bis 1989 folgten weitere 625.000. Vor der Wiedervereinigung lag die Bevölkerungszahl bei 16,5 Mio. und einige Jahre später durch die Abwanderung in die ABL fiel sie auf unter 13,5 Mio. (STATISTISCHE JAHRBÜCHER DER DDR, o. J.). 272 Im Jahr 1950 haben sich im Ostteil der Stadt etwa 1,19 Mio. aufgehalten. Ein Jahr vor dem Mauerbau 1960 waren es 120.000 weniger; die Bevölkerungszahl lag unter 1,07 Mio. Einwohnern. Ab 1970 stieg sie leicht an, von 1,08 Mio. auf 1,15 Mio. 1980 bzw. 1,28 Mio. Einwohner 1989 (STATISTISCHES AMT DER DDR, 1990). 273 Das war de facto eine entschädigungslose Enteignung von Großgrundbesitz, Grundbesitz des ehemaligen Deutschen Reiches, der NSDAP, der Wehrmacht sowie der großer Industrie- und Handelsunternehmen (SCHÄFERS, 2012, S. 40). 274 Es existierten folgende drei Eigentumsformen: (1) Volkseigene Betriebe und Unternehmen = Staatseigentum, (2) Genossenschaftliche Betriebe (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften, Produktionsgenossenschaften des Handwerks); Genossenschaftseigentum, in der Praxis weitgehend staatlichem Einfluss unterworfen, (3) Eigentum gesellschaftlicher Organisationen (ebd., S. 21). 275 „Richtlinie für das neue ökonomische System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft“, Beschluss des Präsidiums des Ministerrates vom 11. Juli 1963 (NEUES DEUTSCHLAND vom 16.07.1963). 276 Im Grunde handelt es sich hierbei um eine Form des damals modernen Managements. Die entsprechende Management-Literatur wurde auf der Leipziger Buchmesse zusammengestellt und „streng intern“ gehandelt (KRÖMKE, 2001, S. 48 Fußnote). 277 Gewissermaßen vergleichbar mit dem Konformitätsanspruch der fordistischen Gesellschaft. 278 Die Flucht vieler Urlaubsreisender über diese Grenze (bis Ende September sollen es etwa 30.000 und bis zum Ende der ersten Novemberwoche 225.000 gewesen sein) sowie die Besetzung von BRD-Botschaften in Ungarn, Tschechoslowakei und Polen, aber auch der Ständigen Vertretung Bonns in Ostberlin beschleunigen zusätzlich den Fall des Regimes. • 279 Den Absturz der Industrie für die verschiedenen Sektoren verdeutlicht die Beschäftigtenentwicklung zwischen 1989 (=100) und 1993 (Zahl in Klammern) (SÖSTRA, 1996): • starke Zunahme der Beschäftigung im Baugewerbe (138), Kredit und Versicherung (166), Persönliche Dienste (150); • leichte Zunahme in der Öffentlichen Verwaltung (108); • leichte Abnahme im Gesundheitswesen (93); 399 • stärkere Abnahme der Beschäftigung im Handel (80) und Sonstige Dienstleistungen (80,5) sowie in Verkehr und Nachrichten sowie Bildung und Wissenschaft (jeweils 68); • starke Einbrüche in der Land- und Forstwirtschaft (25) sowie im traditionell zahlstarken und prestigeträchtigen Verarbeitenden Gewerbe, Energie und Bergbau (34); zwei Drittel der etwa 3,8 Mio. Stellen fielen weg. Hinzu kommen etwa 0,7 Mio. Arbeitsplätze im sog. X-Bereich, d. h. bewaffneten Organe wie NVA, Volkspolizei und Grenztruppen sowie Beschäftigte in der Partei und der Massenorganisationen (LUTZ/GRÜNERT, 2001, S. 139). Fast gänzlich „vernichtet“ wegen „gescheiterter Privatisierung“ wurde die Textil- und Bekleidungsindustrie (1993=15), Gummi und Kunststoff (23), Feinmechanik, Elektroindustrie (30). Aus strukturpolitischen Gründen erfolgte die Erhaltung von Industriestandorten allen voran in den Bereichen Energie und Bergbau (41), Chemie (38), Metallerzeugung (47), Maschinenbau (36) (ebd.). 280 WAGENER und Experten errechneten einen Richtungskoeffizienten von 4,4:1. Auf dieser Grundlage wurden „die impliziten Preise der DDR-Produkte in DDR- Mark relativ zu den DM-Preisen mehr als vervierfacht“ (2007, S. 125; 1996). 281 Der DDR-Ministerrat beschloss am 1. März 1990 die Einrichtung einer „Anstalt zur treuhänderischen Verwaltung von Volkseigentum“ (Treuhand). Ihre Hauptaufgabe war die Umwandlung der Kombinate und VEBs in Kapitalgesellschaften. 282 Das erste umgewandelte Kombinat war das Dresdner Kombinat VEB „Elektromaschinenbau“, das zur Aktiengesellschaft „VEM-Antriebstechnik“ umgewandelt wurde. Im Geschäftsjahr 1989 erwirtschaftete das mit 28.500 Beschäftigten starke Kombinat einen Umsatz von 3,7 Mrd. DDR-Mark und einem Gewinn von knapp 400 Mio. Mark. Mit dem Beitritt in die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion im Juli 1990 kam es zu massiven Liquiditätsschwierigkeiten. Die Absatzmärkte Osteuropas fielen weg und das ostdeutsche Management war unzureichend für die globale Marktwirtschaft gewappnet. Zwei Jahre später mit nur einem Drittel der Belegschaft wurde es zum Problemfall und häufte pro Jahr gut 160 Mio. D-Mark Verluste an (mehr Informationen unter: www.friedlicherevolution.de/index.php?id=49&tx_com arevolution_pi4%5Bcontribid%5D=681; Zugriff erfolgte am: 24.01.2014). 283 Modelle der Flexibilisierung von Arbeitsformen und -zeiten tauchten im größeren Umfang Anfang der 1990er-Jahre in der vom globalen Konkurrenzdruck erfassten Automobilindustrie auf. Die „atmende Fabrik“, ein flexibles Arbeitszeitmodell von Volkswagen, sollte als vorläufiges Modell bei der Überwindung einer großen Absatzkrise helfen. Ausgerechnet ein VW-Manager (Peter Hartz) leitete später eine nach ihm benannte Kommission, die im Jahr 2002 Empfehlungen für die Reform des Arbeitsmarktes erarbeitete (siehe sog. Hartz-Gesetze I bis IV). 284 In weiteren Fällen mussten Staat und Arbeitsagenturen (z. B. für Hartz-IV- Empfänger) aufstocken, im Grunde verborgener Lohnzuschuss bzw. Subventionierung von Arbeitsleistung durch den Staat. 285 Gewiss hat der Schuldenschnitt von 2012 (Verzicht auf etwa 9 Mrd. Euro) langfristig deutschen Interessen entsprochen, zumal ein Staatsbankrott noch teurer wäre. 286 Die Wohndichte stieg von 57,9 Bewohnern pro Grundstück in den 1870er-Jahren auf 77 um die Jahrhundertwende an (1910: 76; 1917: 63). Die Wohndichte außerhalb der Tore war entsprechend hoch und in manchen Gebieten sogar viel höher: z. B. in der östlichen Luisenstadt (120), im Stralauer Viertel (103) oder in der Rosenthaler 400 Vorstadt (114). Alt-Berlin erfuhr eine Entdichtung aufgrund seiner Reichshauptstadtfunktion und der damit verbundenen Umbaumaßnahmen und Umwidmung von Wohngebieten zu Standorten für Verwaltungsgebäude oder kommerzielle Einrichtungen. Grund war die liberale Gesetzgebung, die eine sehr dichte Bauweise bzw. die Überbauung von Grundstücken erlaubte. Zum Beispiel war die innere Erschlie- ßung der relativ großen Baugrundstücke nicht vorgeschrieben, sodass hinter einem Vorderhaus gleich mehrere Hinterhäuser gebaut werden durften, die entsprechend schlechte Licht- und Luftbedingungen aufwiesen. 287 Was in den Jahrzehnten davor aufgrund von Zwistigkeiten und Egoismen unrealisierbar schien, wurde unter einer bestimmten Konstellation von Parteien, Personen und parlamentarischen Mehrheiten durchführbar (KÖHLER, 2002, S. 814f.). 288 Charlottenburg hatte inzwischen 322.792, Rixdorf/Neukölln 262.128, Schöneberg 175.093, Lichtenberg 144.662, Wilmersdorf 139.406, Spandau 95.513 und Steglitz 83.366 Einwohner (STATISTISCHES JAHRBUCH DER STADT BERLIN, 1920). 289 Bus, Straßen-, Untergrund- und Vorortbahn machten etwa 90% des Verkehrsaufkommens aus. 290 Der Zuzug zu den Gemeinden außerhalb Großberlins und die Förderung der „vorstädtischen Kleinsiedlung“ oder der „Reichheimstätten“ nach dem Leitsatz „Luft und Sonne“ sowie „Schutz vor Unsicherheit“ prägte die Stadterweiterung der Zwischenkriegszeit (MATTHIESEN/NUISSL, 2002, S. 79f.). Die beiden Untersuchungsgebiete (Villenort) und (Genossenschaftssiedlung) entstammen dieser Zeit. 291 Im Jahr 1925 wurden 8.439 Neubauwohnungen fertiggestellt, danach zwischen 14.576 und 24.079. Der Höchststand wurde 1930 erreicht mit 43.854 Neubauwohnungen. 1931 waren es 31.026 bzw. 1932 9.357 (STATISTISCHES JAHRBUCH BERLIN, 1927-1939). 292 Die Bevölkerungsentwicklung der Bezirke Kreuzberg und Reinickendorf im Vergleich: 211.154 bzw. 205.930 (1950), 191.898 bzw. 215.892 (1961), 158.445 bzw. 238.736 (1970) und 140.938 bzw. 238.671 (1987) (STATISTISCHE JAHRBÜCHER VON BERLIN, m. J.). 293 Im Westen sprach man von einer Annexion und die BRD hatte ohnehin – wie davor auch den Staat DDR– seine Hauptstadt Berlin nicht anerkannt. 294 Hierzu gehören in erster Linie Marzahn, Hellersdorf und Hohenschönhausen, vereinzelt jedoch auch Spandau, Reinickendorf und Neukölln. Der 2001 fusionierte Bezirk Marzahn-Hellersdorf verlor seit der Wende ein Sechstel seiner Einwohner, bereinigt von der gelenkten Zuwanderung von Spätaussiedlern aus der ehemaligen Sowjetunion (Russland, Kasachstan und Ukraine) waren die Verluste sogar mehr. Von etwa 290.000 Einwohnern im Jahr 1990 und vorläufig 297.000 Einwohnern im Jahr 1994 sank die Bevölkerungszahl und erreichte 2009 etwa 244.000 Einwohner. Daraus stabilisierte sie sich und erst in den letzten Jahren verzeichnete sie sogar einen leichten Anstieg auf 249.000 EW (BEZIRKSAMT MARZAHN-HELLERSDORF VON BERLIN, 2012). 295 Hauptfinanzierungs- bzw. Subventionierungsform für den Wohnungsbau der Nachwendezeit (Wohnungsbauförderung für die Neuen Länder) war die von 1991 bis 1998 gültige Sonder-AfA. Sie war im Grunde ein Konjunkturprogramm für den Mietwohnungsneubau und – sekundär – für Sanierungen im Bestand. Der Anteil der Sonderabschreibungen konnte bis zu 50% des Investitionsaufwandes betragen. Die 401 Förderprogramme zur Wohnraummodernisierung sahen günstige Kredite vor und wurden von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) gewährt. Eine weitere Finanzierungsform war die von Bund und Ländern finanzierte Städtebauförderung, die in der Regel große Sanierungsvorhaben in Alt- und Innenstädten bezuschusste. 296 Trotz des Bevölkerungszuwachses in der Umgebung von Berlin verlor seit der Wende Brandenburg massiv an Bevölkerung. Reell verlief die Bevölkerungsentwicklung innerhalb der Hauptstadtregion Berlin-Brandenburg höchst unterschiedlich. In Brandenburg ist insgesamt die Bevölkerungszahl seit 2000 rückläufig. Zwischen 1990 und 2005 nahm sie im „äußeren Entwicklungsraum“ (Gemeinden der umliegenden Kreise) um knapp 220.000 ab, während sie zur selben Zeit im „engeren Verflechtungsraum“ um mehr als 220.000 Einwohner – meistens aus Berlin – zunahm (AMT FÜR STATISTIK BERLIN-BRANDENBURG, 2007, S. 35). 297 Vor 1972 wurden in der DDR weniger als 2.500 individuelle Häuser pro Jahr gebaut, aber ab 1975 erhöhte sich die Zahl auf mehr als 11.000 pro Jahr und bis zur Wende auf durchschnittlich 12.000 Wohneinheiten pro Jahr (Höchststand von 15.636 im Jahr 1981), wobei die allerwenigsten (unter 2%) davon in Ostberlin waren (STA- TISTISCHES AMT DER DDR, 1990). 298 Die Fortzüge von Berlin nach Brandenburg lagen 2003 bei 33.456, 2005 bei 32.226, 2009 bei 27.121 und 2012 bei 26.903 Personen (STATISTICHES LANDESAMT BER- LIN, m. J.; seit 2009: AMT FÜR STATISTIK BERLIN-BRANDENBURG, m. J.). 299 So hat Berlin „durch die Wanderung knapp 150.000 deutsche Staatsangehörige verloren und gleichzeitig rund 180.000 Personen nicht deutscher Staatsangehörigkeit hinzugewonnen“ (PROGNOS, 2010, S. 13). 300 Im Jahr 1996 stimmte eine Zweidrittelmehrheit in Brandenburg und knapp über die Hälfte der Berliner Ostbezirke gegen die Fusion der Länder Berlin und Brandenburg. Brandenburg verfehlte sogar das erforderliche Zustimmungsquorum (25%). 301 Auch wenn vergleichsweise München und sein Umland in relativen und absoluten Zahlen mehr wächst, international gefragter ist und insgesamt wirtschaftlich besser dasteht. 302 Im ökonomischen Diskurs sind Flows von Menschen und Kapital, von Erwerbstätigen und Investitionen usw. zum A und O geworden. Die Ökonomie hat das Aufkommen einer neuen Mentalität entsprechend einer global gesinnten Gesellschaft positiv beeinflusst, auch wenn es in erster Linie den Eliten des Weltsystems zugute kommt, während es die Ärmsten sogar noch mehr benachteiligt (SASSEN, 2000). 303 Das Wortspiel stammt aus dem Forschungsschwerpunkt Stadterneuerung „Mietropolis – Lagebesprechung zur Mietpreisbindung“ von der Hochschule der Künste Berlin in Zusammenarbeit mit dem Berliner Mieterverein e. V., der am Oktober 1985 seine Ergebnisse veröffentlichte. Mehr darüber bei BORST/HENTSCHEL, 1986). 304 Im Vergleich dazu ist die Stadt Wien und die städtische Gesellschaft »Wiener Wohnen« mit 220.000 Gemeindewohnungen die größte kommunale Wohnungsbaugesellschaft in Europa (WIENER WOHNEN, 2014). 305 Zum Beispiel favorisieren neoliberale Ökonomen und Politiker die Erhöhung der Eigentumsquote. Das wirkt vorerst deswegen irritierend, weil damit das Gros des Wohnungsstocks und der private Wohnungsmarkt heruntergespielt werden. Die Produktion von privaten Wohnungen, sei es als Einkommen durch Vermietung oder als Kapitalanlageform, stellt bereits die Regel dar. Forderungen nach Privatisierung 402 landeseigener oder kommunaler Wohnungsgesellschaften bezwecken letztendlich nichts anderes als das Einstellen preisregulierender Mechanismen, die als Hindernis für höhere Gewinnmargen auf dem Wohnungsmarkt gesehen werden. 306 Siehe auch: KASTORFF-VIEHMAN, 1979. 307 Das „Gesetz betreffend die Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften“ von 1889 schaffte eine wichtige Grundlage für die Entstehung von Wohnungsbaugenossenschaften, wobei ausschlaggebend die Haftungsklausel (beschränkte Haftung auf das Gesellschaftskapital), die Steuerbegünstigungen und vor allem die Finanzierungsform zum Beispiel über Darlehen aus der zu dieser Zeit erweiterten Sozialversicherungsgesetzgebung (Invaliditäts- und Altersversicherungsgesetzgebung) waren. In der Folgezeit erfuhren sie große Beliebtheit von 38 Baugenossenschaften im Jahr 1889 stieg ihre Zahl auf über 385 in 1900, sogar auf 1.402 im Jahr 1914 an. Berlin wurde damit zu einer „Hochburg der Wohnreform“ (NOVY, 1986). 308 In der ersten Phase, 1918 kam es zur Gründung der Gemeinnützigen Aktien- Gesellschaft für Angestellten-Heimstätten (GAGFAH) und ein Jahr später der Gemeinnützigen Wohnung- und Heimstätten-Gesellschaft für Arbeiter, Angestellte und Beamte m. b. H. (GEWOBAG). Während der Inflation 1923 entstand aus dem Umfunktionieren der Eisenbahnunternehmen die Gesellschaft für sozialen Wohnungsbau gemeinnützige Aktiengesellschaft (GESOBAU) und im Jahr darauf nach Einführung der »Hauszinssteuer« folgte eine breite Gründungswelle: u. a. die Wohnungsfürsorgegesellschaft Berlin mbH (WFG, später GSW), die Gemeinnützige Heimstätten-, Spar- und Bau-Aktiengesellschaft (GEHAG), die Deutsche Gesellschaft zur Förderung des Wohnungsbaues (degewo), die STADT UND LAND usw. 309 Zahlreiche Projekte mit privaten Bauunternehmen als Bauherren scheiterten zuvor an der zu hoch beurteilten Kosten- und Mietkalkulation (BERNHARDT, 1999, S. 70). 310 So änderte sich auch das Verhältnis von Kleinhaus zu Mehrfamilienhaus in Groß- Berlin. Zwischen 1919 und 1923 lag es noch bei 81:19 mit dem Ansetzen der Weimarer Wohnpolitik kehrte es sich 1924/1925 schlagartig auf 22:78 und nach 1926 nochmals auf 10:90 um. Auch damals widersprach es den herrschenden Wohnidealen, d. h. das „Einfamilienhaus mit Garten“ (BERNHARDT, 1999, S. 66). 311 Etwa 58% (zeitweise drei Viertel) waren öffentliche Mittel, größtenteils Bundesmittel sowie US-amerikanische (12%) oder Lastenausgleichsmittel (11%). 18% waren Mittel aus dem Kapitalmarkt und der Rest Eigenkapital (ebd., S. 97). 312 Ab 1965 Anstalt des öffentlichen Rechts, selbständiges Kreditinstitut mit eigener Rechtpersönlichkeit und Kapitalsammelstelle für steuerbegünstigte BHG-Darlehen (JUCKEL, 1999, S. 316). 313 Obwohl Walter Gropius sich von der Umsetzung des Projekts distanzierte. 314 In der SBZ war fast ein Drittel der Wohnungen (583.000) völlig zerstört. Weitere 871.000 (47,2%) wiesen mehr oder minder starke Beschädigungen auf, während nur 391.000 (21,2%) den Krieg ohne Schaden überstanden hatten (PETERS, 1992, S. 56). 315 Das Zitat stammt ursprünglich von Nikita Chruschtschow auf der Moskauer „Allunionsbaukonferenz“ im Dezember 1954 (GENTNER, 2007, S. 44) und wurde von Walter Ulbricht in seiner programmatischen Erklärungen auf der Baukonferenz der DDR in Leipzig im April 1955 übernommen. 403 316 Rechtsträger des volkseigenen Wohnungsbaues sind die kommunalen Wohnungsund Grundstückverwaltungen (vgl. DIW, 1983, S. 16). 317 In der Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik von 1962, Artikel 26, heißt es: „Jedem Bürger und jeder Familie ist eine gesunde und ihren Bedürfnissen entsprechende Wohnung zu sichern“. 318 Der Städtebau und insgesamt die Siedlungsentwicklung in der DDR waren Teil der Generalbebauungs- und Generalverkehrsplanung, die der Wirtschafts- und Territorialplanung unterstanden. Der Generalbebauungsplan von 1968 formulierte eine Entwicklung in zwei Richtungen auf der einen Seite kompaktere Stadtgebiete und auf der anderen Neubaugebiete in kleineren und bisher unerschlossenen Standorten (SCHWENK, 2002). 319 Referat von Wolfgang JUNKER, Mitglied des ZK, Minister für Bauwesen auf der 10. Tagung des Zentralkomitees der SED (NEUES DEUTSCHLAND vom 04.10.1973). 320 1985 waren 83% des Wohnungsbestands Wohnungen in industrieller Bauweise (GENTNER, 2007, S. 45). 321 Während für Andere darin Schnarchsilos und Arbeiterschließfächer sahen. 322 Wochenendhäuser und Datschen standen in der Tradition der reformistischen Ansätze bzw. der infolge der Industrialisierung und Verstädterung in der Vor- und Zwischenkriegszeit entstandenen Laubenkolonien und Kleingärten. 323 Nach der Wende wurde das Altschuldenhilfegesetz (AltSchG) verabschiedet, das 1993 in Kraft trat und den Wohnungsunternehmen aus der ehemaligen DDR etwa die Hälfte ihrer Altschulden erlassen hat. In einigen Fällen waren jedoch die restlichen Altschulden sehr hoch bzw. auch die Neuverschuldung nahm zu. Eine Gesetzesänderung im Jahr 2001 verpflichtete Wohnungsunternehmen mit einem Leerstand von über 15 Prozent Altschulden anhand von abgerissenen Gebäuden zu begleichen. Diese Altschuldenentlastungs-Regelung, die zu umfassenden Abrissmaßnahmen geführt hat, ist Ende 2013 ausgelaufen. 324 Die Vernichtung von Wohnraum an der Peripherie fand synchron zur intensivierten Suburbanisierung und Reurbanisierung statt. In den letzten Jahrzehnten beschönigte der Berliner Senat den punktuellen Leerstand (in Plattenbauten bis zu 16%) um seinen Rückzug aus dem Wohnungsneubau zu rechtfertigen. In dieser Bilanz lag die Leerstand-Quote berlinweit bei 5-6% (BERLINER MIETERZEITUNG, 7/8 2010). 325 Hier sind auch solche Formationen wie die Immobilien-Management- und Asset- Management-Gesellschaft Colonia Real Estate gemeint, die nun der TAG Immobilien gehören; die US-amerikanische Lone Star Funds, die im Jahr 2000 für 250 Mio. Euro insgesamt 5.500 Wohnungen in Hellersdorf kaufte oder die Cerberus Capital Management, die als Käufer und nach Umstrukturierungsmaßnahmen, d. h. teure Modernisierungen und Kündigungen, Mieterhöhungen, usw. durchsetzte und als Wiederverkäufer der ehemals kommunalen GSW Immobilien AG (60.000 Wohnungen) an die Deutsche Wohnen einen zweistelligen Gewinn verbuchte (vgl. BERLINER MIE- TERVEREIN, 01/02 2006). 326 Insgesamt wurde in diesem Konzept durch die Erweiterung des Kreises der Akteure (Architekten, Baugesellschaften, Eigentümer u. a.) ein klarer Bruch zur damaligen gemeinnützigen bzw. öffentlich geförderten Wohnungsbaus vollzogen. Auch die Gründung einer eigenen GmbH setzte einen neuen Trend. In Karow wurde ein städtebaulicher Vertrag mit der Arge Karow-Nord GbR (Groth + Graalfs und GE- 404 HAG) geschlossen. Neu-Karow zählte zu den größten privaten Bauvorhaben in den NBL (KUHN, 1999, S. 145). 327 Online unter: www.berlin.de/rbmskzl/regierender-buergermeister/senat/richtlinien-der-politik/; Zugriff erfolgte am 14.10.2014. 328 Kleinerer Haushalt bedeutet bessere Ausschöpfungsrate. Solche Angebote lassen höhere Mieteinnahmen erzielen, zumal das Mietpreisniveau für kleinere Wohnungen aktuell im Durchschnitt 20% höher als für mittlere und größere Wohnungen liegt. Hauptsächlich in einer angespannten Wohnungsmarktsituation treibt der Mangel an kleinerer Wohnungen den Preis in die Höhe. Einige Wohnungsunternehmen nutzen dies aus, mit dem sie ganze Wohngebäude (darunter Plattenbauten) umrüsten, um kleinere, also ertragsreichere Wohneinheiten anzubieten; nicht selten All-Exklusiv- Wohnungen für ein bestimmtes Klientel (globale Nomaden, Studierende). Entsprechend den marktradikalen Prinzipien werden Wohnungen in Ferienwohnungen umgewandelt. Lange Zeit sah die Berliner Politik solchen Phänomenen tatenlos zu und erst seit einigen Jahren (Stand 2015) versucht sie das zu unterbinden (LAND BERLIN: „Gesetz über das Verbot der Zweckentfremdung von Wohnraum – Zweckentfremdungsverbot-Gesetz – ZwVbG“ vom 29. November 2013). 329 An dieser Stelle zwischen den Stationen Eschenhof und Mahlsdorf fuhr die Vorortbahn Berlin-Strausberg. 330 Da sie von der Sozialdemokratischen Partei unterstützt wurden, bekamen von den Bewohnern der benachbarten Gemeinden „die, die hinter der Zoche wohnten“ den Beinamen „die Roten“. 331 Angesichts der allgemeinen Bevölkerungsabnahme erarbeitet die Landesregierung eine weitere Zusammenlegung der Brandenburgischen Kreisen und Gemeinden. Ein Konzept soll im Jahr 2014 vorliegen (LAND BRANDENBURG, 2012). 332 Die Verdreifachung der Bevölkerungszahl gilt nur für die alte Siedlung. Nach groben eigenen Berechnungen dürften etwa weitere 500 Einwohner in Neu- Lindenthal dazu gezählt werden (Stand Sommer 2010). 333 Die BVVG wurde 1992 gegründet. Als Gesellschaft bekam sie den „gesetzlichen Auftrag, in den Bundesländern Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen ehemals volkseigene land- und forstwirtschaftliche Flächen zu privatisieren“ (Mehr Informationen unter: www.bvvg.de/INTERNET/ internet.nsf/HTMLST/UNTERNEHMEN; Zugriff erfolgte am 30.06.2013). Die Gemeinde tritt gegenüber der BVVG stellvertretend für den privaten Investor ein und verhandelt den Kauf des Restareals zu einem vernünftigen Preis. 334 Es war die Zeit als die Entscheidung für Berlin als Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschlands getroffen wurde. Zudem die Bewerbung für die Ausrichtung der Olympischen Spiele von 2000 (April 1992-September 1993) und das Schmieden großflächiger Pläne lösten eine euphorische Stimmung aus über die ökonomische Entwicklung. 335 Einziger Wehrmutstropfen in dieser Episode ist die lebensweltliche Funktion dieses Hauses bzw. Ortes. Für viele Alteingesessene blieb es weiterhin eine Markierungsstelle: „bei [Barbaras] Haus“. 336 Solche Ansprüche der Distanzierung von der DDR-Vergangenheit wurden nicht nur von Arbeitgebern oder westdeutschen Politikern gestellt, sondern stell(t)en für die Mehrzahl der ehemaligen BRD-Bürger eine Selbstverständlichkeit dar. 405 337 „Viele aus der zweiten DDR-Generation, der Elterngeneration, sahen dagegen mit der Einheit ihr komplettes Leben entwertet, verzweifelten schier an der neuen Welt.“ (ZEIT vom 19.05.2014). 338 Oikodespoten aus Oikos (Οίκος) und Despotis (Δεσπότης), d. h. der empfangende Gastgeber (in seinem Haus). Im Sinne von einer Gastfreundschaft sollen Einheimischen Zugezogene mit Geduld und Wohlwollen behandeln. Es wurde vermieden den Begriff als Ökodespoten widerzugeben, um Verwechselungen mit Ökodiktatoren und Desgleichen vermieden werden. 339 Dieses Interview fand zu der Zeit der Fußballweltmeisterschaft statt. Im Hof waren unter einem Zelt Sitzbänke, Tische und eine Leinwand aufgestellt, wo geschätzter Weise mindestens 15 Leute Platz finden könnten. Auch der Keller ist als Feier- und Spielsaal gestaltet und könnte etwa 40 Menschen beherbergen. 340 Eine der wenigen gewerblichen Nutzungen innerhalb Alt-Lindenthals ist das Hotel, das auch eine Gaststätte betrieben hat. Nach einer Anzeige eines anliegenden Nachbarn wurde es dem Hotel untersagt alkoholische Getränke auszuschenken. 341 Es gab wohl Interviewpartner, die sich eindeutig von der Integration in eine Gemeinde distanzierten. 342 Auch wenn Sony Kommunikationsmedien herstellt oder die Berliner Filmfestspiele zehn Tage mehr Glamour und nur light politics bieten. 343 Die Fakten über die tatsächlichen Standorte sagen jedoch etwas anderes aus. Das Verhältnis West:Ost liegt bei 4:11 (Stand 2010). Während Kanzleramt, Verteidigungsministerium, Innenministerium und Entwicklungsministerium sich im ehemaligen West-Berlin befinden (4), sind alle anderen Bundesministerien, einschließlich Nebenstellen im ehemaligen Ostterritorium zu finden (11). 344 Durch die Auslagerung von Sektionen des systemtreuen SC Dynamo Berlin nach Eschenhof entstand hier im Jahr 1963 ein Leistungszentrum für Judo. In den Folgejahren gewannen seine Athleten mehrfach Medaillen auf internationalen Meisterschaften oder Olympischen Spielen. Nach Ende der DDR kam es zur Auflösung der Sportvereinigung Dynamo Berlin, aufgrund ihrer direkten Zugehörigkeit zum Ministerium für Staatssicherheit. Nach der Neugründung im Jahre 1990 wurde der neue Träger zu SC Berlin umbenannt. Die Abteilung Judo blieb weiterhin in Eschenhof. Daraus ist 1996 der eigenständige Sportverein Budo Dynamo Eschenhof entstanden, der im selben Jahr aufgelöst wurde bzw. nach Berlin-Weißensee zurückkehrte. 345 Sie stellt die kürzeste Verbindung nach Eschenhof und Neuenhagen. 346 Bastians Zitat: „Ich hab ja so auch ein, zwei Freunde, die halt den Kapitalismus nicht so mögen, wie wir. Wir lieben ihn ja nicht wirklich, aber wir sagen ja auch nicht »nein« zu ihm.“ 347 Mit Finca (spanisch = Grundstück) wird ein Wohntypus gemeint, der einem Landgut oder Kotten angleicht, d. h. eventuell mit einer landwirtschaftlichen Nutzung verbunden ist. Neuere Formen, allen voran in stark frequentierten Fremdenverkehrsgebieten, werden Finca-Häuser als Ferienwohnungen auf größeren Grundstücken mit Swimming-Pool und/oder Wellnesseinrichtungen angeboten. 348 Über diese Generation wird in den letzten Jahren öfters in Presse und Medien berichtet. Sie umfasst die Nachfolge-Generation der X-er, also Personen, die zwischen 1980 und 1995 - oder 1976 und 1998 - geboren wurden und aktuell „massenhaft 406 auf den Arbeitsmarkt strömen“. Ein wesentliches Merkmal von ihr soll das Hinterfragen der ökonomischen Förderungen in der Berufswelt und im Leben insgesamt (mehr darüber: SPIEGEL ONLINE vom 09.08.2012. Online unter: www.spiegel.de/ karriere/berufsstart/generation-y-audi-personalvorstand-thomas-sigi-im-interviewa-848764.html Zugriff erfolgte: 24.04.2014; DIE ZEIT vom 26.02.2014). Inwieweit Bastian als Vertreter der „Generation Y“ gesehen werden kann, wird hier nicht näher behandelt, sicherlich sind einige wesentliche Parallelen und Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede vorhanden, z. B. in der Leistungsorientierung. 349 Sein vollständiger Satz lautet: „Ich habe ja so auch ein, zwei Freunde, die halt den Kapitalismus nicht so mögen, wie wir. Wir lieben ihn ja nicht wirklich, aber wir sagen ja auch nicht „nein“ zu ihm.“ 350 Berechnung anhand der Wahl für den Deutschen Bundestag am 22. September 2013. Nach der 3.610 von den 19.717 Personen in gesamten Vogelweide (ohne Briefwähler) wählten in Meisenhof, gesetzt in Relation zur Vogelweider Gesamteinwohnerzahl von 42.502 Personen am 02.12.2013 (Quelle: STADT [VOGELWEIDE]: “Zahlen-Daten-Fakten“. Online unter: www.[vogelweide].de/seite/13490/zahlen-datenfakten.html; Zugriff erfolgte am 26.05.2014). Der Bürgerverein gibt eine Einwohnerzahl von ca. 8.500 Personen an (siehe dort 2012). 351 Der erste Umzug erfolgte mit zwölf Jahren und der nächste etwa sechs Jahre später. Zwei Jahre vor München zog sie mit ihrer Familie erneut um. Nach eineinhalb Jahren in München zog sie vorläufig in das Elternhaus zurück, und danach für zwei Jahre in die Mietwohnung in Schöneberg, bis zum Einzug in die mit ihrem späteren Ehemann gemeinsame Wohnung in Zehlendorf. Drei Jahren später folgte der Umzug nach Bamberg und nach wieder drei Jahre in die USA. Nach wieder drei Jahren kamen sie nach Bamberg zurück, das sie 2006 verließen. Neun Monate wohnten sie in einem Reihenhaus in der Parkstadt bis sie im September 2007 in das eigene Haus in Meisenhof einzogen. 352 Für Franziska ist es „ein ganz feiner Mann, ganz aufrecht, ganz sauber“. Sie findet auch „nichts Anstößiges an ihm“ und „[e]r sieht ganz ordentlich aus, er ist völlig unaufdringlich“. 353 Der Weiher ist ein Teich, der bereits in der Entstehungsphase als landschaftliches Element, aber auch als Badeanstalt für die Bewohner angelegt wurde. In der Nachkriegszeit verschüttete und verschlammte er, bis 1992 er unter Naturschutz gestellt wurde. In den Jahren 2004/2005 fand eine Renaturierung und Sanierung statt und er wurde zu seinem ursprünglichen Zustand und Umfang zurückgesetzt. Er dient heute nicht nur als Erholungsort, sondern auch als Naturpfad oder Nistplatz für Vögel. Diese Maßnahmen erfolgten über eine Bürgerinitiative und wurden von der Stadt, aber auch von der Lessingschule sowie vielen Anwohnern unterstützt. 354 Eine stark ästhetisierende und visuelle Erzählung steckt zum Beispiel hier: „mein Mann hat alleine jetzt 500 Tulpen gepflanzt und so, und das grünt und blüht, das ist fantastisch. Und das ist also im Sommer dann auch... auch, wenn ich ganz früh dann aufstehe, und geh dann mit einer Tasse Tee, schlapp ich mit meinem Bademantel durch den Garten, das ist mit das Schönste, was ich mir vorstellen kann.“ 355 Im Rahmen seiner Funktion im Bürgerverein war er an der Erstellung der „Gestaltungssatzung“ (darunter standen Forderungen u. a. Schinkellampen, Vorschriften für Dachziegel, Zäune, Eingänge usw.; vgl. urban codes im New Urbanism) für Meisenhof 407 von 2006 beteiligt. Der Bürgerverein und lokale private Akteure unternahmen den Versuch ein Instrument für die Kommunalplanung durchzusetzen, die teilweise über die Köpfe der Mehrheit der Bewohner hinweg setzte und als „Reichen-Satzung“ tituliert (Märkische Allgemeine vom 18. Januar 2012) es eine heftige Kritik und Proteste auslöste. Darauf haben Gemeinde und Stadtrat sie einstimmig abgelehnt. Teilweise wird jedoch dieses Ziel unter dem Etikett »Gestaltung des öffentlichen Raums« noch weiterverfolgt. 356 Da sowohl Sohn als auch Vater interviewt wurden, bekamen sie jeweils die Bezeichnung Felix der Jüngere bzw. der Ältere. Nach der Auswahl des Gesprächs mit dem Jüngeren wird anfangs der Name Felix der Jüngere beibehalten bzw. weiter nur als Felix vorkommen. 357 Nach dem Recht der DDR war die bauliche Nutzung eines Grundstücks nicht an das Grundeigentum geknüpft. Nach dem BGB ist jedoch ein Eigentum auf das Gebäude an ein Eigentum an das Grundstück geknüpft. Das Gesetz räumte dem Nutzer ein Vorkaufsrecht beim Kauf des Grundstücks und gewährleistete ihm eine günstigere Wertermittlung (die eine Hälfte für den vollen und die andere zum halben Verkehrswert). 358 Sie ist in der Winterzeit wirklich extrem menschenleer und bietet viel Einsamkeit und Ruhe. In Sommer sähe es selbstverständlich anders aus. 359 Vogelweide-Meisenhof und Lindenthal befinden sich im Land Brandenburg, so besteht der Hauptteil der Gesprächspartner aus ehemaligen DDR-BürgerInnen. 360 Andere im Sinne von differenziert von der oft als allgemein bekannte und breit akzeptierte BRD-zentrierte Geschichte und Gesellschaftsentwicklung. 361 In vieler Hinsicht ist auch der westdeutsche Traum der Nachkriegszeit und dar- über hinaus nichts anderes als eine Variante des »amerikanischen Traums«, das teilweise mit der Globalisierung intensiviert wurde. 362 Dabei fallen vor allem der Coca-Cola-Weihnachtsmann, Halloween, Valentinstag, Western-Tanzevents, Gospel- oder Country-Konzerte aber auch Tracker-Rennen in brandenburgischen Dörfern u. a. auf, die große Beliebtheit erfahren. 363 Genauere Fälle siehe BERLINER MIETERVEREIN: „Schwarzbuch Privatisierung”, Pressemitteilung Nr. 2/06; „Die verkaufte Stadt“ MIETERMAGAZIN 4/08; „Mietanstieg nach GSW-Privatisierung – Die Heuschrecke grast ab“, MIETERMAGAZIN 7+8/08. 364 Es fanden drei Interviews mit vier BewohnerInnen Neu-Lindenthals statt. Drei davon wohnten früher in Hellersdorf oder Marzahn, einer in Mitte. 365 Auch wenn Fertighäuser ihren Marktanteil Jahr für Jahr steigern, ist nur jeder sechste Neubau in der Berliner Metropolregion (in Baden-Württemberg jedes vierte) ein Fertighaus. Allerdings dies könnte sich aus sozioökonomischen und ökologischen Gründen in der Zukunft ändern. In den USA sind 90% bzw. in Schweden 60% Fertighäuser (DER BAU, 2013). 366 Vor allem eine aktive Mittelschicht bzw. einzelne und mehrere Bildungsbürger, die die eigenen Interesse verfolgen und durchzusetzen versuchen. Siehe auch Bahn- AG (bzw. Anti-S-Bahn-Aktionen). 367 Auch in Presseberichten wird Vogelweide das Synonym »Schlafstadt« angehängt (u. a. TAGESSPIEGEL vom 13.01.2015; TAZ vom 05.09.2008). 368 Für reaktionäre Eschenhofer war Lindenthal eine „Kommunistensiedlung“. 408 369 Berlin: Umsatz 2012: 3,6 Mrd., 2013: 4,28 Mrd. Euro; München: 2012: 3,8 Mrd., 2013: 3,77 Mrd. Euro (ACCENTRO: „Wohneigentums-Report“, 2014). 370 München weist die höchsten Raten unter den deutschen Großstädten auf, sowohl bei 50- bis 60-Jährigen als auch bei den über 65-Jährigen. Ein Wohnortwechsel wird jedoch erst dann relevant, wenn in einem fortgeschrittenen Alter die Mobilität abnimmt und starke gesundheitliche Einschränkungen eintreten. Die Bereitschaft den Wohnort zu verlassen und ins unmittelbare Umland zu ziehen, erhöht sich, wenn keine bezahlbaren Altenheim- und Pflegeplätze vorhanden sind (ebd., S. 84f.). 371 Die Vielzahl der in den letzten Jahrzehnten sanierten, aber zum Teil immer noch schrumpfenden Klein- und Mittelstädte oder die Seelandschaft Brandenburgs stellen heute noch stille Reserven für Exurbanisierungsprozesse dar. Orte wie Brandenburg an der Havel, Bad Saarow, Beeskow, Neuruppin, Templin, Spremberg u.v.a. bergen enorme Ausbaupotenziale. 372 Imaginationen über „polnische Autoschieber“, „türkische Ehrenmörder“, „moslemische Gotteskrieger“ oder „rumänische Sozialhilfe-Touristen“ kommen reflexartig in der Berichterstattung vor. 373 Polizeistellen: 2005: 9.881, 2007: 9.565, 2010: 8.873, 2014: 7.937. Lehrerstellen: 2005: 21.128, 2007: 18.255, 2010: 16.633, 2014: 16.353 (LAND BRANDENBURG, 2010). 374 Viele sind da, die allermeisten werden hier bleiben und noch mehr kommen. 375 Vgl. Entbettung bzw. „Ver-Räumlichung“ und „Ent-Ortung“ durch Mediatisierung (GIDDENS, 1990). 376 Über Idiozentrismus-Allozentrismus in unterschiedlichen Kulturkreisen siehe TRIANDIS, 2001. 377 Vergleichbares gilt auch für das Phänomen des Public Viewing, das in den Kafeníons und Cafés in Griechenland auch deswegen eine lange Tradition hat, weil die teureren Fernsehgeräte zuhause fehlten. 378 Hier sollte vorerst nochmals zwischen einigen osteuropäischen und mitteleuropäischen Metropolregionen differenziert werden. Solche Phänomene lassen sich wohl in Moskau häufig antreffen, aber in Paris, Berlin oder Wien nur vereinzelt. 379 „Governing through Crime: How the War on Crime Transformed American Democracy and Created a Culture of Fear" von Jonathan SIMON (2007) setzt sich unter anderem mit der Dramatisierung der Kriminalität, die von der Ordnungsmacht Staat (und seinen dazugehörigen Behörden) instrumentalisiert wird und die damit ihre Legitimität für die Gewährleistung der Herrschaftsverhältnisse ausbaut, auseinander.

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References

Zusammenfassung

Das vorliegende Werk umfasst die Untersuchungsergebnisse einer umfassenden, explorativen Studie mit dem Ziel, sich dem modernen Zeitgeist städtischen Zusammenlebens sowie den Begrifflichkeiten von Urbanität und Metropolitanität anzunähern und deren Beziehungsgefüge zueinander zu erforschen. Auf der Suche nach realen und lebensweltlichen Formen des Wohnens und Zusammenlebens wurden Expertengespräche mit Wohnenden zweier Metropolregionen geführt und zu insgesamt zwölf Lebens- und Wohngeschichten in vier metropolitanen Teilräumen Athens und Berlins versammelt.

Diese Episoden aus realen Lebens- und Wohngeschichten bieten lehrreiche Informationen über die zeitgenössischen Formen des Wohn- und Sozialalltags vieler Menschen und gewähren zudem Einblicke in das vorherrschende Verständnis von Stadt- und Lebensräumen.