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3 RESÜMEE(S) in:

Theodoros Ioannidis

Wohnen und Zusammenleben, page 351 - 365

in den europäischen Metropolregionen Athen und Berlin

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3904-5, ISBN online: 978-3-8288-6663-8, https://doi.org/10.5771/9783828866638-351

Tectum, Baden-Baden
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351 3 RESÜMEE(S) In dieser Arbeit wurde versucht, gesellschaftshistorische und sozialräumliche Kontexte nachzuzeichnen und ansatzweise weiterzudenken. Ziel war es, neue Kenntnisse zu generieren und Denkweisen über »Wohnen und Zusammenleben« auf den neuesten Stand zu bringen. Ein Teil dieser Suche konzentrierte sich auf das Metropolitane, vorgestellt als eine steigende Form des Urbanen (samt Suburbanen), die für mich obsolete Denkkategorien darstellen. Die vorliegende Untersuchung zum »Wohnen und Zusammenleben« der Athener und Berliner metropolitanen Bewohnerinnen und Bewohner, wie auch ihre Positionierung in den entsprechenden Lebens-, Denk- und Identitätsräumen haben dies meines Erachtens bestätigt. Die Arbeit versteht sich als eine solitäre Momentaufnahme, die im bestehenden Werten- und Traditionen-System nach Konstanten des metropolitanen Lebens und Wohnens mitsamt seiner Modifikation, Persistenz und Resilienz forscht. So hat dieses Forschungsvorhaben seine bezweckte Programmatik erfüllt und sogar übertroffen, was die Fülle und Komplexität der extrahierten Erkenntnisse betrifft. Nachdem die wichtigsten Erkenntnisse sowohl innerhalb der Interpretation als auch in den jeweiligen Schlussfolgerungen präsentiert wurden, werden hier auf der Grundlage der beiden Paradigmen einige wichtige allgegenwärtige Prozesse und Phänomene der zeitgenössischen Metropolregionen zusammentragen und abstrahieren. Ein kurzer Rückblick Die Lebenswelt der Gesprächspartner verdeutlicht die anwachsende Involvierung, aber auch die Revokation des Staates. Der systematisch und selektiv stattfindende Umbau des modernen Staates und seiner Apparate betrifft an vorderster Stelle unmittelbare lebensweltliche Bereiche. Während Entscheidungs-, Organisations- und Kontrollinstanzen ihre 352 Macht und Etats ausbauen, geraten immer mehr lebensnahe Aufgaben in Bereichen wie Wohnen, Soziales, Bildung, aber auch der lokale Polizeischutz und das Gesundheitswesen unter die Wegstreichwut und werden an private Interessen weitergereicht. Dadurch schreitet nicht nur der Auszug des Staates aus lebensweltlichen Kontexten fort, sondern erleidet unweigerlich seine Legitimation. Die entfallende Wohnungsversorgung und überhaupt das Vernachlässigen wohn- und sozialpolitischer Ziele, darunter die Gewährleistung von guten Wohnbedingungen für möglichst alle, sind mit gesellschaftlichen Gefahren verbunden, langfristig aber auch mit höheren Kosten. Im peripheren Metropolparadigma Athen war die staatliche Wohnraumversorgung ohnehin marginal und nur einer bestimmten Klientel (z. B. Staatsbedienstete) vorenthalten. Die schuldenbedingte Laisser-faire-Haltung in Berlin und die jahrelange beschönigende Einschätzung des absehbaren Problems im Wohnungsmarkt durch Politik und Verwaltung zeigen in welche Richtung es geht. Die in letzter Zeit angekündigten Wohnprogramme (Stand 2015) sind lediglich ein Tropfen auf den heißen Stein. Eine Reihe weiterer Zuständigkeitsbereiche wird z. T. der dezidierten regionalen/kommunalen Ebene aufgebürdet, ohne dieser eine entsprechende finanzielle Autonomie und einen rechtlichen Rahmen einzuräumen. Generell werden die Handlungsspielräume immer enger. Auch für die Lebenswelt (die Bürgerschaft) und den Dritten Sektor (die Zivilgesellschaft), die aufgefordert werden, mehr Aufgaben zu übernehmen, nicht wegen des Ausbaus von Demokratie und Freiheiten, sondern aus Kostenminimierungsgründen, so wie es die neoliberalen Rezepte der Entstaatlichung und Privatisierung vorschreiben. Im Namen von Generationengerechtigkeit, Haushaltssolidität und Kreditwürdigkeit wird ein alternativloses Austeritätsregime durchgesetzt, während zur selben Zeit Kapitalgewinne und hohe bis extrem hohe Einkommen sich der Staatskasse entziehen. Verblüffend ist, dass ein entsprechendes Regime über Jahrzehnte in Semiperipherie wie Griechenland waltete. Hausgemachte und in der globalisierten Ökonomie zunehmend von außen herbeigeführte Krisen bewirken überdies, dass Staaten wie auch Regionen und Kommunen auf das Instrument der Privatisierung von weiteren Lebensbereichen zurückgreifen. So müssen sie möglichst zügig angeblich defizitäre lokale und regionale Institutionen einstellen und öffentliche Güter und die öffentliche Daseinsvorsorge privatisieren. Dies fing bei den Wasserversorgungs- und Abfallentsorgungsbetrieben und Wohnungsgesellschaften an und greift auf Stadtviertel, Gewässer und ganze Landstriche über. In welche Richtung dies geschieht und wie 353 entschlossen bzw. verzweifelt die Kommunen sind, zeigen die zahlreichen Beispiele in durch Krisen finanziell ruinierten Regionen, was sowohl auf Athen als auch auf Berlin zutrifft. Die kritische Haltung der Öffentlichkeit und die Sorgen der Bürgerschaft wachsen und treten immer mehr diesem neoliberalen Privatisierungsmonolith entgegen. Widerstandsformen gegen Privatisierung sind nicht nur an der Tagesordnung, sondern deuten auf einen Richtungswechsel hin (siehe Rekommunalisierung wie der Rückkauf von Wasserbetrieben u. a.). Eine weitere Beobachtung in den untersuchten Lebens- und Aktionsräumen sind reaktive Ansätze bzw. eine restaurative Haltung, die in Verbindung sowohl mit den Effekten der ökonomischen und kulturellen Globalisierung als auch mit der Öffnung bzw. dem Fallen diesmal unsichtbarer Stadtmauern und der räumlicher Restrukturierungen steht. Neotraditionalistische Akteure und Wächter von Gesellschaftsnormen, darunter auch tradierte Sozialformen wie die Kernfamilie« treten zunehmend in den Vordergrund. Die Re-Traditionalisierung – zum Teil gepaart mit Re-Religionalisierung – wurde deutlich in der »Mythologisierung von Familie«. Ihre wiederholte Erklärung zur Keimzelle der Gesellschaft stellte eine neue Dialektik auf, die mit alten Schlagwörtern wie »Familientradition«, »Familienerbe«, »Familienehre« und selbst »Familienunternehmen« (usw.) einhergeht. Ganz gleich, ob das damit verbundene fordistische Modell der Kernfamilie – insbesondere das gängige Muster-Konzept des männlichen Ernährers – in der lebensweltlichen Praxis und in den Lebensanschauungen ein Auslaufmodell darstellt. Die westliche Welt – und nicht nur sie – zehrt nur noch vom umworbenen „amerikanischem Traum“ und versucht das zu retten, was im neoliberalen Zeitalter obsolet geworden ist. Die Abnahme des Bindungsgrades der Menschen – auch innerhalb der Familienhaushalte – und die übertrumpfende Monadisierung deuten eher auf andere Formen des Zusammenlebens an, z. B. »living-together-apart«-/»livingapart-together«-Konzepte oder die Selbstpaarung SLOTERDIJKs. Diese wird als die „Symbiose des alleinlebenden Individuums mit sich selbst und seinem Environment“ verstanden und konstatiert zudem den „Übergang zum zeitgenössischen monadischen Wohnen“. „Veränderte Selbstkonzepte und Strategien von Individuen und Haushalten hinterlassen Spuren“ nicht nur auf Beziehungen (WEISCHER, 2011, S. 169), sondern auch auf die Sozialformen des Wohnens. Letztendlich verdeutlicht die lebensweltliche Realität – nochmals – die Korrektur, aber vor allem die berechtigte Pluralisierung des Familienbegriffs. So sollen metropolitane – und darunter fallen ja auch postsuburbane – Lebensräume endlich von tradierten und antiquierten Familienformaten und -images 354 befreit werden. Die Zunahme der Einpersonenhaushalte und der alleinerziehenden Personen, die Aufschiebung der Heirat und der Familienbildung usw. – mehrfach in der empirischen Arbeit manifestiert – ergeben neue Soziologien, die nun in die alte Gesellschaft hinzukommen. Dies – gleich ob Peripherie oder Kernraum – kann auch als Konvergenz für die sonst nur bedingt konvergierenden Paradigmen gesehen werden. Wohnen wird in seiner Funktion als Refugium vor der fordernden und belastenden Arbeitswelt (Funktionsgesellschaft 2.0) gestärkt. Immer mehr werden Wohnformen entsprechend wahrgenommen und eingerichtet. Die neue (postindustrielle) Organisation der Erwerbsarbeit wirkt sich auf die individuelle Ebene aus. Hochleistungsanforderungen und permanenter Wettbewerb sind für körperliche und mentale Ermüdung verantwortlich; Fahr- und Pendelregimes verschärfen dies. Am Ende des Tages bleibt nur ein Bedürfnis nach Ruhe und Rückzug – evtl. auch Rausch. Hierbei dient vor allem das Einzelhaus mit größerem oder kleinerem Garten als Quell- und Regenerationsraum (siehe Fluchtoase, sicherer Hafen u. ä.). Die neuen globalen Karrieren schlagen sich unverkennbar auf den entstandenen Flows in den Lebensräumen und Wohnorten nieder. Die Lebens- und Karriereentwürfe des globalen Nomadentums, allem voran in Metropolregionen, erfordern Flexibilität, Mobilität und Transitorität. Ihr Kontakt zu anderen Räumen schwächt die Kommunikation im und Bindung an den Wohnort. Veränderliche Lebensund Wirkungsorte verwandeln somit das Wohnen und Zusammenleben im Haus, Viertel und in der Stadt, aber auch die metropolitanen Wohnungsmärkte. Part-time-Residences und saisonale Metropolenbewohner bewirken in diesem Zusammenhang neue ephemere, eher konsumtive und nicht-partizipative Lebens- und Wohnstile. Wohnen-All-Inclusive ist keine Ausnahme-Wohnform mehr und wird in internationalisierten Metropolen – in Berlin mehr als Athen – immer relevanter. Die bisher engste Form des häuslichen Zusammenlebens – von Tagesbettenmiete abgesehen – war in den großstädtischen Mehrfamilienhäusern und den Polikatikíes zu finden. Sie stellen den Urbanitätsindikator par excellence, wenn Urbanität auf die urbane Dichte und Nähe reduziert würde. Nicht die Wohnqualität, sondern andere Gründe, darunter in erster Linie die teilweise schlechte bauliche Ausführung und die Verschlechterung des Stadtklimas und des Stadtraums aufgrund des durch die Suburbanisierungsmaschinerie zunehmenden städtischem Verkehrs (fließender oder ruhender), diskreditierten das Wohnen in den innerstädtischen Mehrfamilienhäusern. Dabei sind die baulichen und sozialräumlichen Qualitäten der Moderne größtenteils noch resilient. Gerade 355 Polikatikíes stellen durch das Verhältnis von privat-halböffentlich- öffentlich eine optimierte Form von Wohnen und Zusammenleben dar. Die heute völlig vergessene Flexibilität ihres Bauskeletts böte unglaublich viele Gestaltungsmöglichkeiten. Zirkulierende Moden und die angesprochenen gesellschaftliche Wandlungen haben jedoch zu einer Unstimmigkeit bzw. Umcodierung im Öffentlich-halböffentlich-Verhältnis geführt, sodass sie vorläufig als Kollektivwohnform obsolet zu sein scheinen. Der Wohnarchetyp »Haus mit Garten« prägt unmissverständlich das Wohnbild. Nicht mehr der Balkon oder die Terrasse, sondern der Garten könnte der neue halböffentliche Raum sein, wenn er nicht allzu oft hinter Hecken und Absperrungen – oft ja Mauern – zur exklusiven Grünfläche verwandelt wird. Solche Phänomene zeigen gerade das Ausmaß der Privat-Öffentlich-Polarisierung in den Athener Wohnorten. Die vorliegende Arbeit hat zudem gezeigt, auf welche Weise inzwischen Wohnen und Wohnorte zunehmend zu einer konsumierenden Angelegenheit verkommen, indem Ästhetik und Stil – von Wohnform und Wohnort – zu identitätsstiftenden Erkennungszeichen erhoben werden. Die transformierende Konsumgesellschaft zwingt beinahe zu einem Wohnen als Identifikationsbestandteil. Dies geschieht sowohl über die Platzierung von Wohnstilen und Wohnimages als auch über die Generierung von Wohnbedürfnissen und Wohnzweckmäßigkeiten. So werden heterogene Prozesse und Tendenzen beobachtet: hier die Erlösung aus alten Wohnformen und -traditionen, dort die Rückbesinnung auf regressive Wohnmuster. Letzteres könnte wieder wie eine Form von Korrektur der Moderne verstanden werden, zumal sie mit Heim- und Heimatsansprüchen einhergeht und generell ein „pathisches Aufgehen im gelebten Raum“ ersehnt (HASSE, 2009, S. 221). Die Intensivierung der Suche nach Bedürfnis- und Wunschgemeinschaften ist auf einmal allerorten. Heimat, Gemeinschafts- und Religionszugehörigkeit, nicht selten am besten alles zusammen, nehmen in mancher Hinsicht abstruse Züge an: Seien es die privaten Kirchlein in den Gärten, die Pflege von Klosterruinen, die Missionierungsabsichten aktiver Bewohner oder das Hissen von Flaggen zur territorialen Zugehörigkeit. Innere Prozesse, wie die kirchliche Lokalgemeinschaft oder die politische Lokalgesellschaft, scheinen einen Bedeutungszuwachs unter dem Aspekt der Gemeindeneubildung zu erfahren. Der Wechsel der Betrachtungsebene und die Fokussierung auf den Bereich des Wohnumfelds und des Zusammenlebens in den Wohnorten, bestätigt durch die vorliegende Empirie die tiefgreifende Transformation der Sozialpraxis und der sozialen Beziehungen. Die Raumpsychologie 356 und die Mikrophysiken der Macht (JESSOP, 2005, S. 22 in Anlehnung an FOUCAULT, 1977, S. 114f.) in den metropolitanen Wohn- und Lebensräumen wird von einer Vielzahl an Veränderungen in den alltäglichen und quasi-primären sozialen Beziehungen und Interaktionen geprägt. Das empirische Datenmaterial, als Verdachts- und Beweismaterial zugleich, zeigt, wie unabweislich andersartige Vorgehensweisen (ergo qualitative Methoden) bei der Erforschung tiefergehender Psychologien und Physiken sind, zumal mit dem angereicherten Vorrat an Aspekten ganz neue Perspektiven geöffnet werden. Nicht alles ist auf andere Teilräume oder die gesamte Metropolregion übertragbar (mehr darüber gleich), aber prinzipiell gilt, dass dadurch die Perspektive erweitert wird und neue Diskussionsgrundlagen oder Raum für Stochastik (in seiner klassischen Bedeutung als »Kunst des Vermutens«) entstehen. In der Auseinandersetzung mit sozialen Beziehungen in metropolitanen Lebensräumen wird unverhofft auf neue Muster und Praktiken gestoßen. Die Postsuburbia ist heute pulsierender und bunter, als es allgemein angenommen wird und hat kaum etwas mit der Suburbia der 1960erund 1970er-Jahre gemein; das trifft zumindest auf alle vier hier behandelten Teilräume zu. Die durcheinandergewürfelten Milieus und Gesellschaften – ausgedrückt im Zusammentreffen unterschiedlicher Sozialisationen, Bildungen und Kulturen sowie im breiten Spektrum an Erwartungen – befinden sich in einer Coming-Of-Age-Phase. Die vermutete vorstädtische nivellierende Einheitsgesellschaft oder soziale Monostrukturen sind zwar erkennbar, allerdings schreitet die Ausdifferenzierung noch weiter voran. Teile der Kleingesellschaft fügen sich in die lokalen Sozialstrukturen ein oder wünschen sich die Aufnahme in gemeinschaftliche Formen, andere Teile wiederum sehen den Wohnstandort nur als Kulisse und sind mehr in nicht-lokale soziale Netzwerke und Strukturen eingebunden, ggf. halten sich bewusst fern von der lokalen Folklore. Allgemein könnte in Bezug auf das Zusammenleben von einem Selbstfindungsprozess gesprochen werden, der im vollen Gange ist und aus dem sukzessiv neue Formen des Gemeinsamen entstehen werden. Katalytisch auf Aktionen und Interaktionen in den Orten wirken bekanntermaßen die mehrfach thematisierte Beschleunigung des Alltags und die gestiegenen Anforderungen im Erwerbsleben sowie die Mediatisierung (vom Telefon bis zum Internet) und Motorisierung. Sie verlagern den Mittelpunkt bzw. verkürzen die Zeiten der Interaktionen.375 Die Betrachtung gängiger Kommunikationsformen unter dem Gesichtspunkt der Förderung oder Hinderung sozialer Opportunitäten impliziert vor allem die Frage der Medienwirkung auf Territorialität. Hörfunk und 357 Fernsehen haben früher gewissermaßen zur Entstehung von Gemeinsamkeiten geführt, die in der Regel das nationale oder lokale Gemeinschaftsgefühl (und die Identität) gestärkt haben. Nun findet dies nur bedingt statt, zumal die Internettechnologien a-lokale, interessenorientierte, reziproke und flexibilisierte Kommunikationsformen ermöglichen. Dadurch werden Gemeinsamkeiten und Gemeinsinn entterritorialisiert. Es treten immer mehr scheinbare, a-physische, noetische und teilweise selbstreferenzielle Beziehungen zur Welt auf, indem sich viel im Kopf abspielt. Die Sozialisation des Realen, Unmittelbaren nimmt ab und die des Entfernten mittels technischer Geräte und Medien zu. Anstelle der Rezeptivität (Zuhörer, Zuschauer) tritt Interkommunikation (z. B. Chatten, Mails, Social Media, Dating usw.) ein. Generell treten klassische Medien, die den Rückzug in die eigenen vier Wände brachten, in den Hintergrund und werden durch mobile Rechner, Smartphones usw. ersetzt. Sie ermöglichen Formen wie Co-Working (oder Co-Gaming). Inwieweit dadurch lokale soziale Potenziale entstehen,376 bleibt ungewiss. Wohl sind in letzter Zeit „neue Formen sozialer Bindewirkungen“ erkennbar,377 die tiefgreifend auf sozialräumliche Praktiken einwirken. Neben der Mediatisierung des Sozialen bekräftigt die Empirie das Phänomen der Juridifizierung des Sozialen. Wenn Fähigkeiten der Interaktion und Kommunikation ausfallen oder ggf. Ent-Täuschungen auftauchen, müssen Gerichte und das Nachbarschaftsrecht entscheiden. Juristisch vorgegangen wird nicht nur untereinander, sondern auch gegen die Kommunen. Die Zunahme solcher Un-Kommunikationen ist der ökonomischen Rationalisierung und generell Verbetrieblichung der Gesellschaft, der Nachbarschaft, des Haushaltes und der menschlichen Beziehungen generell zuzuschreiben. Für die Gründe müsst nicht nur lokal, sondern vielmehr überlokal und global gesucht werden, denn von dort sind sie auch zu steuern (vgl. HAMM, 2000, S.177). Staaten, Rechtsysteme bis zu einzelnen kommunalen Instanzen sind in der Abgrenzung der Menschen impliziert. Die Unterlassung der zuvor institutionalisieren sozialen Kontrolle hat zum Beispiel ein Vakuum entstehen lassen. Die nun geschwächten staatlichen Instanzen (früher z. T. repressiv) und die neue Laissez-faire-Haltung des Staates sind weniger den liberalen Prinzipien als den Einsparungen und dem Personalmangel geschuldet. Nachgeahmte liberal-individualisierende auf Recht und Verträge setzende Modelle versetzen zwar die Monade in die Lage, sich zur Wehr zu setzen, lösen jedoch kaum das entstandene Kommunikationsdefizit. Damit wird das Feld rechthaberischen Individualisten überlassen und nur bedingt Handlungsraum für die Selbstverantwortung der vom Kollektivbewusstsein geprägten Bürgerschaft geschaffen. Juridifizierungsphäno- 358 mene sind in solch professionalisiertem Ausmaß relativ punktuell, deuten aber schon auf eine nicht zu vernachlässigende Tendenz hin. Nachbarschaftsstreitigkeiten existierten in Griechenland und womöglich anderswo bereits seitdem es Fluren gibt. Der schwache, (semi-)periphere Staat mischte sich allzu ungern in derartige heikle Angelegenheit ein, obwohl er eifrig ein Rechtssystem gebastelt hat, meist adaptierte er jedoch französisches oder deutsches Recht, wodurch ein unübersichtliches Labyrinth an Gesetzen entstand, sodass am Ende immer neu und für „jeden Fall eine Einzelentscheidung“ nötig war (CHTOURIS/HEIDEN- REICH/IPSEN, 1994). Die Untersuchung der Lokalitäten und Mikrogesellschaften offenbarte auch die von den Subjekten erlebte und wahrgenommene sozioökonomische oder soziokulturelle Differenzierung, in der Aspekte wie Zusammenhalt und Zusammengehörigkeit, aber auch Antagonismen und Distinktionen innerhalb der Ortschaften auftauchen. Besonders auffällig, und in allen Fällen vertreten, ist die Dualität zwischen Neu- und Altbewohnern sowie je nach Fall zwischen Ost- und Westbürgern bzw. Mikrasiaten und Nicht-Mikrasiaten. Eine monokausale Erklärung – im Sinne von „alle Raumfragen sind Machtfragen“ und umgekehrt – wäre sicherlich einleuchtend. Sie ließe sich zuerst in der Aneignung und Erfahrung von Raum stellen, die von den Altbewohnern wie eine Verletzung der vertrauten Sphäre und sogar wie eine Invasion empfunden wird; nicht nur baulich-physisch, sondern auch sinnhaft. Dies tritt besonders stark dort hervor, wo alte, durchwachsene Strukturen eine starke raumprägende Wirkung entfalten. Integrationswillige Neubewohner verhalten sich sowohl konformistisch als auch konfrontativ. Der Umgang untereinander ist nicht immer behutsam. Der Mangel an Fingerspitzengefühl und ungeduldiges Verhalten können Neubewohner angreifbar machen oder von der Gemeinde ächten. Mangelt es an Respekt und Akzeptanz, eskaliert die Situation und verhärten sich die Fronten. Hauptsächlich Zuzügler müssen sich im neuen Wohnort einleben und pragmatisch den Anspruch der Alt-Bewohner auf Vorrechte anerkennen. Schließlich sind sie Teil des Vorgefundenen und ihre unhinterfragte Identifikation damit lässt jegliche Einmischung oder Kritikform zu einer subjektiven Verletzung ausarten. Zweck-Wohngemeinschaft wie auch Zwecknachbarschaft kommen also in allen Orten und auf unterschiedliche Weisen vor, wobei die traditionellen Formen weniger auf Distinktionen ausgerichtet und mehr an Konformitätsmuster geknüpft sind als die modernen interessen-, funktions- und werteorientierten Beziehungsund Kontaktformen. In drei Fällen glaubten die Bewohner im untersuchten Raum, ein Endstadium in der Entwicklung erreicht zu haben (selbst- 359 verständlich nicht im fluxusartigen Oreólofos). Der erwartete Konsolidierungsprozess wird mit großer Sicherheit Beziehungen und Kommunikationen in allen Lebensräumen vertiefen und aller Voraussicht nach die Trennlinien zwischen Alt- und Neubewohnern usw. einebnen, wobei lokale Dissidenten nie auszuschließen sind. Eine weitere Tendenz wird in der Konstituierung von ritualisierten Ordnungsstrukturen festgestellt. Die Rationalisierung der Gemeinschaftsund Nachbarschaftsprinzipien führt auch in den Untersuchungsräumen zu Verschlossenheits- und Exklusionsphänomenen. Zwar unterscheiden sie sich diese eindeutig von Gated Communities und Defended Neighborhoods, weisen jedoch eine gewisse Analogie auf. Was auf der Ebene des Wohnhauses als Verinselungs- und Einkerkerungstrend gilt, greift auf die Ebene des Wohnortes über. Eklektische Vergemeinschaftungsund Vergesellschaftungsformen implizieren, anders als die vorher thematisierten lokalen Distinktionsformen, semantisch und diffus Aufwertungsverhalten in Bezug auf das Ich und die moralischen Vorstellungen sowie auf den Lebens- und Wohnstil. Tendenzen der Formierung und (Re-)Kultivierung kollektiver und kommunitaristischer Identitäten sind keineswegs neu in Europa. Wenn über postmoderne Utopien debattiert wird, dann muss auch vor Augen geführt werden, wie sehr Lebens- und Wohnvorstellungen von Trends und Befindlichkeiten abhängig sind. Der Übergang von der Suburbia zur Postsuburbia berechtigt jedenfalls, Fragen über mögliche Tendenzen in der Stadtentwicklung und Metropolisierung zu stellen. Allem voran über Exurbanisierung oder die Entstehung einer Suburbia der Postsuburbia. Bereits genannte Gründe wie Nobilisierung der Kernstadt, Globalisierung des Wohnungsmarkts, Nachverdichtung der bisherigen Suburbia und dadurch Entstehung von »Lebensräumen der kurzen Wege« u. a. sprechen jedenfalls dafür. Die Mehrzahl der postsuburbanen Gesprächspartner thematisierte den Wunsch zwischen Land und Stadt zu leben. Zwar wird die Nähe zur Stadt beteuert, die Mehrzahl der Gesprächspartner bevorzugt jedoch den Rand. Für einige wenige ist perspektivisch die Rückkehr in innerstädtische Gebiete vorstellbar, wobei derzeitige Entwicklungen (in Athen: ökonomische Krise und Migration; in Berlin: Verknappung und Verteuerung von Wohnraum) hinderlich wirken. Damit wird kritisch hinterfragt, ob nicht eine echte Reurbanisierung gleich die Möglichkeit eines Umzugs von Lindenthal oder Plataniá nach Friedrichshain oder Thissíon bedeuten müsste. Vorerst trifft dies nur für junge Menschen zu, obwohl nach ihren Aussagen nur vorläufig. Dem Tauziehen um Wohnen und Wohnvorstellungen kann durch ihre 360 Kommodifizierung eine lange Zukunft vorausgesagt werden. Nur eins ist sicher: die begrenzen Ressourcen in der Kernstadt. Außer es entstehen neue Wohnformen, bisher nur aus der Science-Fiction oder ostasiatischen Städten (Hongkong, Singapur) bekannt. Auf der Ebene der Metropolregion gibt es hingegen unbegrenzte Ausweichmöglichkeiten. Würde die Politik Entwicklungen freien Lauf lassen, dann wäre es eine Frage der Zeit bis sich in Europa Auslese- und Polarisierungsprozesse noch weiter verstärken. Beanstandung von Kunden über obdachlose Zeitungsverkäufer vor dem Eingang von Lebensmittelmärkten oder Störempfinden gegenüber Autoscheibenputzern an Ampeln sind keine Einzelphänomene. Es stellt sich nur die Frage, ob Angstmacherei und subjektive Unsicherheit entsprechende Denkweisen fördern. Gleichen also Athener, Berliner und europäische Verhältnisse immer mehr US-amerikanischen? Der beschriebene Postmetropolis- Diskurs ist weder nur L. A.-typisch noch einzig auf US-amerikanische Metropolen anzuwenden. Auch wenn „ummauerte von bewaffnetem Sicherheitspersonal beschützte Grundstücke“ oder Warnungen wie „Bei widerrechtlichem Betreten wird geschossen!“ (SOJA, 2000) eher eine Seltenheit in Europa darstellen, dringt immer mehr davon in den Alltag der im Vergleich dazu beschaulichen europäischen Metropolen ein.378 Und hiesige politische, ökonomische und gesellschaftliche Vorgänge mehren entsprechende Phänomene. Kamera- und Videoüberwachung von Einkaufszentren, Bürokomplexen und immer mehr öffentlichen Plätzen – bis vor 20 Jahren ein Tabu – gehören inzwischen auch zum europäischen Alltag. Jeder neue Vorfall lässt zudem die Akzeptanz von Raumüberwachung und harten „Null-Toleranz-Lösungen“ erhöhen. In der Tradition der Großstadtkritik werden Drohkulissen und Angstbilder generiert, wobei die „vier Ps (Polizei, Politik, Publizistik und Private Sicherheitsdienste; ein fünftes könnte die Planung sein)“ zu den „wichtigsten Akteuren mit Interesse an Unsicherheit“ gehören. Heute stellt „Sicherheit einen veritablen Markt“ dar, nicht nur Personal, allem voran Technik soll Menschen, Gebäude oder ganze Stadtviertel hermetisch abschirmen (Ausstellungskatalog „Revisiting Home“, Berlin 2006)379. Manche lokalen Phänomene lassen sich auf die metropolitane oder staatliche Ebene übertragen, zumal Lebensgeschichten nur bedingt geografisch eingrenzen lassen. Zwischenidentitäten sind ubiquitär, wobei historisch betrachtet, nirgendwo so häufig anzutreffen, wie in der Peripherie, die mehrfach gesellschaftliche und ökonomische Umbrüche als der bürgerliche Staat aufweist, der Sicherungsmechanismen entwickeln wusste, um Krisen zu unterzubinden oder zumindest schneller zu über- 361 brücken bzw. auch der Peripherie aufzubürden. Nach Krisen leiden in erster Linie die Identität, die in einem Teufelskreis von Redefinition und Bewahrung gerät. Wenn die aus eigener Kraft und Erkenntnis angesto- ßene Modernisierungs- und Reformmuße fehlen oder defekt sind, wird auf Altem beharrt und selektiv auf historisch positiven Momenten für Selbstinitiation zurückgegriffen. Gerade periphere Identitäten tendieren dazu, quasi Gelungenes zu adaptieren oder nachzuahmen, trotz Inkongruenzen und Stilbrüchen, die irgendwann zutage treten, spätestens dann, wenn die nächste Krise vor der Tür steht. Dieses ständige „Dazwischen“ ist für die Peripherie im Grunde ein Dauerzustand. Die Entwicklungen in den Berliner und Athener Metropolregionen müssen zudem wie ein politischer Prozess begriffen werden, getragen von der Re-Territorialisierung, die längst das Verhältnis von Kernstadt, Suburbia und Rand umgekehrt hat. Das Umland hat nicht nur demographisch, sondern auch ökonomisch und politisch aufgeholt und ist autark geworden. Das betrifft vor allem das schrumpfende Athen, da in Berlin durch den Reurbanisierungsprozess nicht nur das Umland, sondern auch die Kernstadt wächst. Die zunehmende Eigenständigkeit der Postsuburbia ändert auch die politischen Geografien. Prioritäten und Finanzmitteln werden umgewidmet, übersetzt zum Beispiel im Infrastrukturausbau am Rande (Straßen-, Glasfasernetz, Schulen u. a.). Steuerliche Vergünstigungen wie Pendlerpauschale, Wohnzulagen u. a. bleiben auf Druck der suburbanen Wähler bestehen. West-Berliner oder Nord- Athener treten beinahe als Lobby auf und üben enormen Einfluss auf politische Entscheidungen aus. Vor allem in Athen hat die Zunahme der Bevölkerung (und der Wählerschaft) in den umliegenden Gemeinden erkennbar die Agenda und politische Prioritäten verlagert. An allerletzter Stelle müssen bei Krisen meines Erachtens Ansätze zu ihrer Lösung, Überwindung oder Transformation angesprochen werden. Zudem lassen sich diesbezüglich starke Berührungspunkte zwischen Athen und Berlin finden. Der Untergang des DDR-Staates ging mit der Demontage einer personen- und kostenintensiven Wirtschaftsweise einher, die nach einem sozioökonomischen Gleichgewicht oder Loyalität zum Staat (bzw. Partei) strebte. Wirtschaftlichkeitsfragen und harte betriebswirtschaftliche Kriterien geleiteten die Transformation. Diese Zäsur kam für die DDR von außen (BRD). Ihre Rigorosität und ihr Gleichmut vermittelten ein Gefühl von Fremde-im-eigenen-Land-Sein. Gleichartige Erfahrungen erfuhr in den letzten fünf Jahren Griechenland nach dem Diktat eines der härtesten neoliberalen Austeritätsregimes. Einziger Unterschied war: Die Maßnahmen kamen von EU, EZB und IWF, wobei 362 auch hier das Bundesfinanzministerium federführend war. Die Konsequenzen auf die Lebenswelt waren bzw. sind in beiden Fällen enorm. Die massiven Einsparungen im Gesundheitssektor oder Bildungsbereich entscheiden zudem über Leben und Tod (amtlich: Geburt- und Sterberaten) resp. über zukünftiges gesellschaftliches und ökonomisches Rückgrat. Dadurch wird nicht nur die bestehende Wirtschaftsordnung aufrechterhalten, sondern sogar die Zentralisierung bzw. Peripherisierung verstärkt. Provokant ausgedrückt: diesmal nicht durch Waffen und Okkupation, sondern durch Kredite und Verträge. Die Suche geht weiter… Die explorative Herangehensweise ergab eine Vielzahl an Fragenstellungen, die Gegenstand weiterer sowohl disziplinspezifischer als auch disziplinübergreifender Untersuchungen sein könnten. Es stellt sich wohl die Frage, inwieweit die hier explorierten metropolitanen Aspekte eine Generalisierbarkeit und Validität von Prozessen in anderen urbanen/suburbanen/postsuburbanen Lebensräumen erlauben. Zukünftige Untersuchungen könnten daher mehr und präziser an raumspezifische Auswirkungen in Verbindung mit Motiven und Handlungsmöglichkeiten von Individuen und Haushalten ansetzen. Eine Frage, die diese Arbeit nicht klären konnte und vielleicht für eine weitere empirische Untersuchung interessant wäre, ist zum Beispiel die der (zunehmenden) Distinktionen und – wohl bewusst negativ konnotierten – Diskriminierungen aus ethnographischer und kulturrelevanter Perspektive. Die Unterschiede zwischen den Bewohnern Athens und Berlins, wie sie Andere/Fremde sehen oder über sie sprechen, sind durchaus groß. Selbst zwischen West- und Ostdeutschen gibt es signifikante Unterschiede. Mit der Darstellung einer Vielzahl historischer Beispiele, auch wenn stellenweise vereinfacht, sind auch einige weniger prominente Aspekte der Stadtentwicklung verbunden. So die veränderte Psychologie durch die Vergroßstädterung, Agglomerationsbildung und die nunmehr metropolitanen Ausmaße und Auffassungen nehmende Entwicklung. Ob darin ein Evolutionsschub geleistet wird oder irgendwelche zeittypischen ideologischen Prämissen verbunden sind, könnten ebenso genauer ergründet werden. Aus der Erforschung individueller Wanderungslinien und der Schwerpunktsetzung auf Lebens- und Wohnbiografien, die entsprechende Wanderungskarten innerhalb und außerhalb der metropolitanen Räume ergeben, könnten einige neue Ansätze resultieren. 363 Trotz geografischer und historischer Ungleichheiten offenbaren sich einige Gemeinsamkeiten für periphere und zentrale Metropolregionen. Für die in den Gründerjahren orgastisch gewachsene Großstadt Berlin war anfangs auch der kleingewerblich von Bauherren und Kleinbauunternehmern organisierte Wohnungsbau systemtragend. Sogar in der DDR gab es Formen der illegalen Nutzungsumwandlung (Laubenhäuser zu Wohnhäusern), sowohl zur Eigennutzung als auch zum Zwecke der Vermietung. Ähnliche Praktiken mit ähnlich knappen Finanzressourcen und im entsprechend Kleinumfang (ein oder zwei Bauprojekte pro Jahr), wendeten nur ein halbes Jahrhundert später die Kleinbauunternehmer im rapide wachsenden Athen an. Gewiss hat in beiden Fällen während einer extrem hohen baulichen Konjunkturphase das Fehlen einer staatlichen Wohnungspolitik Nebensysteme hervorgerufen. Dies ist nach Meinung des Verfassers dieser Arbeit für alle o. g. Fälle von der Forschung nur ungenügend behandelt worden. Entsprechendes trifft auf Untersuchungen über die Gesamtwirkung kleingewerblicher Ökonomien im neoliberalen Regime zu. Interessant wäre auch die Überprüfung der Fortschritte in der Integration der Neubewohner und der Vertiefung der sozialen Beziehungen zu einem späteren Zeitpunkt. Ebenso die Untersuchung der Veränderungen in den Verständnissen von Siedlern in Neusiedlungen wie Neu- Lindenthal. Generell wären solche Siedlungen von Interesse, wenn es um Fragen über Veränderungen, Vergesellschaftungsformen und Milieubildung oder um lokalspezifische Orientierungen, Konsum- und Lebensmustern geht. Die Kommodifizierung macht nicht halt vor der Gestaltung der Umgebung. Hier könnten in GANS’ Manier der Wille und die Absicht zu „quasi-primären“ Kontakten der Neubewohner und Neubewohnerinnen untersucht werden. Was ist, wenn die erste Generation mit solcher Absicht kam, aber diese von den Orten nicht erfüllt werden konnte? Landflüchtlinge kamen in die Stadt und waren mit anderen Formen konfrontiert. Sie haben beide Formen erlebt und waren in der Lage auch in der Suburbia Fuß zu fassen. Was passiert jedoch, wenn jemand aus der Innenstadt oder aus dem Plattenbau kommt und so auf wenig Kontakt zu seiner Umgebung konditioniert ist? Das Schlusswort Als Schlusswort wird die abstrakte Frage behandelt, ob sich aus all diesen beobachteten und erzählten Praktiken und Phänomenen ansatzweise eine (Vor-)Definition der Neourbanität oder Metropolitanität abzeichnet. Auch für den Metropolitanitätsbegriff und seine Ingredienzen bedarf es 364 thematisch präziserer Untersuchungen. Lässt sich zum Beispiel ein neues Referenzsystem erkennen, z. B. ein Metrozentrismus, der allgemein zur äußeren und inneren Orientierung dient? Die Mehrzahl der Gesprächspartner sah tendenziell ein Entweder-Oder. Und generell soll nicht aus der Sicht der medialen Politik und Ökonomie, sondern aus dem Alltag und der chaotischen Lebenswelt, also den Bewohnern, Erwerbspersonen, Verkehrsteilnehmern und sozialen Akteure herausentwickelt werden. Es war deutlich genug, dass es die lebensweltlichen Individuen und Kollektive sind, die das Kreativitäts-, Innovations-, aber auch Improvisationspotenzial haben und durch Ent-Mainstreamisierung das Besondere kreieren. Das Massenkraftwerk Metropole verdankt den Ghettos, dem Unbeständigen und Durcheinander sowie den Parallelgesellschaften seinen Glanz – wie auch seinen Verruf. Der politische und ökonomische Betrieb, die Strategien und die Planung stellen lediglich technisch optimierte Verfahren, die den (r)evolutionären ökonomisch-rationellen Prinzipien von Industrialisierung und Technologisierung ent-sprechen und weniger organischen Lebens- und Überlebensprinzipien. Trotz ständiger Prekarisierung, Bändigung und Ausbeutung bilden Letztere die eigentlichen Kräfte des Urbanen bzw. Metropolitanen. Außerdem sind europäische Metropolregionen, und Athen und Berlin am allermeisten, Produkte von Wanderung und Migration. Ohne Zuwanderung wird es, angesichts der alternden Bevölkerung, kein Stadtwachstum geben. Heute mehr denn je, tragen globale Wanderung und Migration zum Wesen postmoderner Metropolen bei. In beiden Fällen fallen hier die stattfindenden sozialräumlichen Prozesse, bekannt aus dem Diskurs der World-City und Postmetropolis, kleiner aus. Nirgendwo weisen jedoch die periphere und zentrale Metropolregion so große Unterschiede auf, wie im Umgang mit Zuwanderung. Athen und der griechische Staat generell sind auch in dieser Hinsicht davon überfordert, wobei es wieder einmal die Lebenswelt selbst besser zu bewältigen scheint. Beide Stadtregionen werden jedoch ihrer Metropolitanität gerecht, auch wenn auf verschiedene Weise. Es kann eindeutig nicht mehr von einer gewachsenen Kernstadt gesprochen werden, sondern nur über ein regionales Geflecht von unterschiedlichen Teilräumen und Entwicklungen. Zwar ist das Zentrum der Kulminationspunkt, der der Region Namen und Identität verleiht, aber die Neigung immer, alle Entwicklungen von innen nach außen zu betrachten, ist zu persistent. Obwohl allmählich die Zeit gekommen ist, es andersherum zu betrachten bzw. untersuchen. Wenn eine pointierte Erkenntnis aus diesem Forschungsvorhaben ausgedrückt werden soll, dann eben diese: Die Suche von Metropolitanität bedarf einer Perspektive von außen nach innen und nicht andersherum. 365

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Zusammenfassung

Das vorliegende Werk umfasst die Untersuchungsergebnisse einer umfassenden, explorativen Studie mit dem Ziel, sich dem modernen Zeitgeist städtischen Zusammenlebens sowie den Begrifflichkeiten von Urbanität und Metropolitanität anzunähern und deren Beziehungsgefüge zueinander zu erforschen. Auf der Suche nach realen und lebensweltlichen Formen des Wohnens und Zusammenlebens wurden Expertengespräche mit Wohnenden zweier Metropolregionen geführt und zu insgesamt zwölf Lebens- und Wohngeschichten in vier metropolitanen Teilräumen Athens und Berlins versammelt.

Diese Episoden aus realen Lebens- und Wohngeschichten bieten lehrreiche Informationen über die zeitgenössischen Formen des Wohn- und Sozialalltags vieler Menschen und gewähren zudem Einblicke in das vorherrschende Verständnis von Stadt- und Lebensräumen.