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I Einleitung in:

Matthias Bengtson-Krallert

Die DDR und der internationale Terrorismus, page 11 - 34

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3899-4, ISBN online: 978-3-8288-6662-1, https://doi.org/10.5771/9783828866621-11

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Politikwissenschaften, vol. 69

Tectum, Baden-Baden
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11 I Einleitung Die bis zur politischen Wende in Osteuropa von westlichen Medien öffentlich gemachten Vermutungen oder sogar ersten vagen Beweise, welche die DDR mit dem internationalen Terrorismus in Verbindung brachten, verwandelten sich bereits unmittelbar nach dem Mauerfall in bestätigende Fakten. Reagierte nun die Gruppe der „Thematikfremden“ auf das in diesem Zusammenhang Berichtete mit großem Erstaunen, so zeigte sich selbst die Gruppe der „Thematikexperten“ über das Ausmaß der Verwicklungen der DDR in terroristische Aktionen überrascht. Dies gilt im Besonderen für die Fälle, in denen der Tenor der ersten Nachwendeveröffentli chungen beiden Gruppen als Grundlage für ihr Wissen diente, wie zum Beispiel in den Rechercheergebnissen von Manfred Schell und Werner Kalinka in ihrem im Jahr 1991 erschienenen Buch Stasi und kein Ende. Die Personen und Fakten. Hierzu formulieren die Autoren: „RAF und PLO, die international gesuchten Terroristen Carlos und Abu Daud swie die Abu-Nidal-Gruppe, Geheimdienste und Kommandos aus Südjemen, Libyen, Äthiopien, Libanon und Syrien – alles was im weltweiten Terrorismus einen Namen hatte, genoß im SED-Regime Schutz und Unterstützung.“1 Selbst Skeptiker dieses Zitats horchten auf, als nun auch Wortbeiträge an die Öffentlichkeit gelangten, wie zum Beispiel jener Erich Honeckers vom 9. März 1982. Demzufolge soll der erste Mann des SED-Staates bei seinem Zusammentreffen mit Palästinenserführer Jassir Arafat in Ost-Berlin zum Thema der militärischen Kooperation zwischen DDR und PLO ge äußert haben: „Man berichtet heute in der Westpresse sowieso schon sehr viel über unsere militärischen Vereinbarungen. Es tut mir leid, daß wir 1 Schell, Manfred/Kalinka, Werner: Stasi und kein Ende. Die Personen und Fakten, Berlin 1991, S. 239. 12 MatthIas Bengtson-Krallert: DIe DDr unD Der InternatIonale terrorIsMus nicht so viel helfen können, wie man dort schreibt.“2 Lösten diese Worte laut Übermittlungen bei dem kleinen Kreis der damals im Raum Anwesenden Heiterkeit aus, bekräftigten sie den 25 Jahre später darauf sto- ßenden Leser in seinem ernsten Entschluss, fortan nun in einer eigenen Arbeit solch brisante Zeilen auf ihren Wahrheitsgehalt zu untersuchen und daraus resultierende Fragen zu stellen. Nachdem aus Geheimhaltungsgründen Gesprächsinhalte dieser Art vor dem Jahr 1989 nicht einmal „die vier Wände“ verlassen durften stellt sich einem folgende Frage: Warum nahm es der SED-Staat scheinbar dennoch in Kauf, infolge des mitunter offiziellen Charakters der DDR-Besuche der PLO mit dieser in Verbindung gebracht zu werden? Schließlich handelte es sich hierbei um eine über Jahrzehnte – vor allem in der westlichen Welt – mit dem Stempel einer terroristischen Vereinigung behaftete Gruppierung. Dies lässt sich auch im Zusammenhang mit der Gewährung einer PLO- Vertretung in Ost-Berlin durch die DDR in den Siebzigerjahren (einer Dekade terroristischer Hoch-Zeit) hinterfragen. Umfangreiches Nachhaken lohnt um so mehr, werden diesen Punkten Bekundungen gegen- übergestellt, wie jene einer ostdeutschen Delegation auf der „Europäischen Regionalkonferenz zur Vorbereitung des VIII. UNO-Kongresses über Kriminalitätsvorbeugung und Behandlung von Strafrechtsverletzern“ vom April 1989: „Die Deutsche Demokratische Republik verurteilt ebenso vorbehaltlos den internationalen Terrorismus in allen seinen Erscheinungsformen, wo und von wem terroristische Handlungen auch immer verübt werden und mit welchen Motiven auch immer sie erklärt werden.“3 2 Staadt, Jochen: Auf höchster Stufe. Gespräche mit Erich Honecker, Berlin 1995, S. 124. 3 Auszüge aus der Rede einer DDR-Delegation auf der „Europäischen Regionalkonferenz zur Vorbereitung des VIII. UNO-Kongresses über Kriminalitätsvorbeugung und die Behandlung von Strafrechtsverletzern“ (24. bis 28.04.1989) zum Thema „Wirksame nationale und internationale Maßnahmen gegen das organisierte Verbrechen und verbrecherische terroristische Handlungen“, vgl. SAPMO-BArch, DP 3/545, S. 1. Demnach stand die DDR „für eine wirksame Zusammenarbeit aller Staaten bei der Ausarbeitung effektiver Methoden zur Verhinderung des Terrorismus ein“, war diese für sie „eine der prinzipiellen Grundlagen eines umfassenden Herangehens an die Probleme des Friedens und der Sicherheit“, vgl. SAPMO-BArch, DP 3/545, S. 2. Die Ablehnung des internationalen Terrorismus demonstrierten die DDR und ihre Verbündeten auch schon am 11./12.06.1986 in Budapest auf einer 13 eInleItung Zur Klärung zuvor erwähnter Bekundungen und Fragen, zu Form und Ausmaß etwaiger Verflechtungen der DDR mit dem arabischen Terrorismus soll nun folgende Untersuchung mit dem Titel „Die Zusammenarbeit zwischen der DDR und der PLO – unter besonderer Berücksichtigung der politischen und militärischen Unterstützung palästinensischer und arabischer Terrorgruppen und -organisationen“ beitragen. So gilt es unter anderem aufzuzeigen, ob der SED-Staat durch seine Verquickung mit den im Arbeitstitel benannten Akteuren verschiedene Anschläge und Attentäter unterstützte oder ob Ost-Berlin auf diese vielmehr einen von dem ehemaligen Diplomaten und Generalsekretär des Solidaritätskomitees der DDR Achim Reichardt wahrgenommenen „guten Einfluss“ ausübte? Demnach hatte Reichardt, der im Rahmen seiner Tätigkeiten auch mehrmals mit Arafat, der PLO und einzelnen ihrer Untergruppen zusammengetroffen war, im Jahr 2015 in einem Gespräch angeführt: „Irgendwie hatten meine Kollegen und ich den Eindruck, dass wir als DDR positiv auf diese Gruppen eingewirkt haben, nicht den Konflikt zu suchen, sondern den Konsens, um zu einer Lösung zu kommen.“4 Um dies zu untersuchen, sollen in den nun folgenden Kapiteln auch die offiziellen und inoffiziellen Beziehungen und Kontakte der DDR zu den Palästinensern eine nähere Betrachtung finden. Ebenso zu Ländern des arabischen Raums, wie Syrien oder Libyen, welche vor allem in den Augen der USA über einen großen Zeitraum als „Exporteure des Terrorismus“ galten. Schon hier sei ein kurzer Exkurs zu der nun noch häufiger gewählten Bezeichnung „arabischer Raum“ unternommen. Orientiert wird sich dabei, der regionalen Einteilung vieler internationaler Organisationen und Veröffentlichungen gleich, sowohl an dem Gebiet „Tagung des Politischen Beratenden Ausschusses der Teilnehmerstaaten des Warschauer Vertrages über Freundschaft, Zusammenarbeit und gegenseitigen Beistand“. Das SED-Blatt Neues Deutschland dazu: „Als prinzipielle Gegner jedweden Terrorismus, vor allem des Staatsterrorismus, der die internatio nalen Beziehungen zu zerrütten droht, sind die auf der Tagung vertretenen Länder bereit, mit allen Staaten konstruktiv zusammenzuarbeiten, um diese gefährliche Erscheinung aus dem Leben der Weltgemeinschaft zu verbannen.“ Neues Deutschland: Kommuniqué der Tagung des Politischen Beratenden Ausschusses der Teilnehmerstaaten des Warschauer Vertrages, 12.06.1986, S. 2. 4 Interview vom 26.01.2015 mit Achim Reichardt, ehemaliger Diplomat und Generalsekretär des Solidaritätskomitees der DDR, vgl. Archiv des Verfassers. 14 MatthIas Bengtson-Krallert: DIe DDr unD Der InternatIonale terrorIsMus südlich des Mittelmeers – mit nordafrikanischen Ländern wie Libyen und Ägypten – als auch an dem Gebiet östlich des Mittelmeers, welches sich vom Jemen über die Länder der arabischen Halbinsel bis hin zum vorderasiatischen Syrien erstreckt.5 Die Erwähnung einiger dieser Länder macht zwangsläufig das partielle Involvieren des Nahostkonfliktes und mit Israel einen der diesbezüglich wichtigsten Hauptfiguren in die Untersuchung notwendig. Das schwierige Definieren dieser über Jahrzehnte durch Kriege, Gewalt, Flucht und Vertreibung geprägten komplexen Auseinandersetzung gilt ebenfalls für den in diesem Zusammenhang häufig angewandten Begriff des „Terrorismus“. So bemerkt dem entsprechend der Terrorismusexperte Walter Laqueur in seiner Ver- öffentlichung aus dem Jahr 1987, Terrorismus. Die globale Herausforderung: „In jüngster Zeit wird der Begriff ‚Terrorismus‘ (wie ‚Guerilla‘) in so vielen verschiedenen Bedeutungen benutzt, daß er fast völlig seinen Sinn verloren hat. Fast jede, nicht unbedingt nur politische Art der Gewalt wird so beschrieben.“6 Knapp eineinhalb Jahrzehnte später resümiert Holger Nitsch in Terrorismus und Internationale Politik am Ende des 20. Jahrhunderts (2001) die sich für das 21. Jahrhundert daraus ergebene schwierige Ausgangsposition und Herausforderung: „Die Diskussion über eine Definition und das Phänomen Terrorismus hat bis jetzt noch zu keinem einheitlichen Ergebnis geführt.“7 Dies bekräftigend sei 5 Noch vereinfachter ließe sich für die „arabische Welt“ auch die grobe Fläche nehmen, welche die Mitgliedsstaaten der Arabischen Liga zusammenfasst. Die Dachorganisation der arabischen Staaten wurde am 07.10.1944 in Alexandria von Ägypten, dem Libanon, dem Irak, Syrien und Transjordanien gegründet. Die Charta-Unterzeichnung erfolgte am 22.03.1945 in Kairo, dem Sitz der Organisation. Zu den Mitgliedern gehören neben „Palästina“, vertreten durch die PLO, folgende Länder (Stand: 2012): Ägypten, Algerien, Bahrain, Dschibuti, Irak, Jemen, Jordanien, Komoren, Kuwait, Libanon, Libyen, Marokko, Mauretanien, Oman, Katar, Saudi-Arabien, Somalia, Sudan, Syrien, Tunesien und die Vereinigten Arabischen Emirate. Vgl. Rotter, Gernot/ Fathi, Schirin: Nahostlexikon. Der israelisch-palästinensische Konflikt von A–Z, Heidelberg 2001, S. 56 ff. Vgl. auch Fürtig, Henner: Zwischen Kolonialismus und Nationenbildung, in: Informationen zur politischen Bildung. Naher Osten. Nachbarregion im Wandel, Heft 317, Bonn 2012, S. 25 f. 6 Laqueur, Walter: Terrorismus. Die globale Herausforderung, Frankfurt/Main 1987, S. 19. 7 Nitsch, Holger: Terrorismus und Internationale Politik am Ende des 20. Jahrhunderts. Vergleichende Studie über Gemeinsamkeiten und Unterschiede 15 eInleItung allein auf die über hundert Definitionen für diesen Begriff im 20. Jahrhundert verwiesen, ebenso auf Formulierungen wie „des einen Terrorist ist des anderen Freiheitskämpfer“ sowie die vielen zusätzlichen Bezeichnungen für die sich im „verdeckten Kampf “ Befindenden, wie zum Beispiel Partisan, Freischärler, Widerstandskämpfer oder Rebell.8 Welche Einschätzung nun unter anderem der palästinensische Anführer Jassir Arafat und dessen Dachorganisation PLO sowie einzelne ihrer Untergruppen im Rahmen des Nahostkonflikts erfuhren, wird genauso Teil der Analyse sein wie die diesbezügliche Positionierung der DDR gegenüber den unterschiedlichen Protagonisten dieser Konfrontation. Begonnen werden soll zunächst mit einigen Anmerkungen zur Arbeitsproblematik, genauer zu deren Aufbau, zur Quellenlage und zum bisherigen Forschungsstand sowie den Beweggründen für Themenwahl und Forschungsinteresse. 1 . Beweggründe für Themenwahl und Forschungsinteresse Vor dem Beginn der Analyse sollen hier zunächst einige mögliche Beweggründe für das Entstehen eines Interesses bzw. Forschungsinteresses an dieser Thematik genannt werden. Zudem soll untersucht werden, in welch unterschiedlicher Art und Weise sich dieser genähert werden kann. Ein erster Beweggrund, sich für ein bestimmtes Thema zu interessieren, kann aus der Biografie, genauer noch, der Herkunft eines Menschen resultieren. Dies gilt im Besonderen für die Fälle, in denen zu einer bestimmten Frage, einem bestimmten Problem oder Vorgang von Staat, Gesellschaft und Familie entsprechende Informationen oder Antworten nur spärlich bis gar nicht zu erwarten waren. So verhielt es sich verschiedener Ansätze und Definitionen von Terrorismus – insbesondere in seiner internationalen Ausprägung – und extremistischer Organisationen in Struktur, Entwicklung und Arbeitsweise anhand ausgewählter Beispiele und Vereinigungen, mit dem Ziel einer Typologie des Phänomens, Diss., München 2001, S. 84. 8 Vgl. Linde, Gerd: Mittelost-Terrorismus: Indigen oder fremdgesteuert?, Berichte des Bundesinstituts für ostwissen schaftliche und internationale Studien (16–30, 1989), Köln 1989a, S. 44. Vgl. auch Eiselt, Andreas Björn: Guerillas, Partisanen, Terroristen: In Sprache und Konfliktvölkerrecht, Diss., Oberkirch 2011, S. 11. 16 MatthIas Bengtson-Krallert: DIe DDr unD Der InternatIonale terrorIsMus auch bei dem 1975 in der DDR geborenen Verfasser dieser Arbeit, der sich noch bis ins 14. Lebensjahr den täglichen Mängeln, Tücken und Schikanen des SED-Unrechtsstaates ausgesetzt sah. Was Anfang der Achtzigerjahre mit ersten kindlich-naiv gestellten Fragen begann, die zum Beispiel auf die monatelangen beruflichen Auslandsaufent halte großelterlicher Nachbarn im Nahen Osten zielten, mündete knapp drei Jahrzehnte später in das konkrete Vorhaben, die Verbindung „DDR und arabischer Terrorismus“ untersuchen zu wollen. Bis zum Zusammenbruch des „Arbeiter- und Bauernstaates“ war eine diesbezügliche öffentliche Betrachtung und Diskussion nicht möglich. Die SED-Führung erlaubte keine Debatte, da diese die von ihr propagierte Positionierung der DDR – als der „Friedensstaat“ auf deutschem Boden – hätte infrage stellen können. Gleiches galt für den Punkt, die DDR könnte mit der prinzipiell den individuellen Terror ablehnenden Staatsphilosophie des Marxismus-Leninismus brechen.9 Heute ist ein Zweifeln an der vermeintlich „reinen Weste“ des SED- Staats möglich, wie auch ein entsprechender Diskurs, der – allen voran von den Medien – in den vergangenen Jahren betrieben wurde. Sie präsentierten der Öffentlichkeit in Form von Fernsehdokumentationen sowie Print- und Online-Artikeln diverser Tageszeitungen, Nachrichtenmagazine und Boulevardblätter immer wieder neue Erkenntnisse über Terroranschläge der Achtzigerjahre und schürten das thematische Inter esse mit Artikelüberschriften wie zum Beispiel: „Stasi wusste von Anschlagsplänen auf Disco ‚La Belle‘“ (stern.de, 2014). Auch die Filmindustrie trug ihren Teil dazu bei, im Besonderen mit dem Thriller 9 Laut einiger Veröffentlichungen positionierten sich Karl Marx und Friedrich Engels hingegen nicht eindeutig zu Begriffen wie „Terror“ und „Gewalt“. Vgl. Zeitler, Benjamin: Terrorismus als Revolutionshindernis: Karl Marx und Friedrich Engels, in: Straßner, Alexander (Hrsg.): Sozialrevolutionärer Terrorismus. Theorie, Ideologie, Fallbeispiele, Zukunftsszenarien, Wiesbaden 2008, S. 39. Wladimir I. Lenin lehnte den Terror grundsätzlich nicht ab, sah er ihn als „Kampfhandlung“, der zu einem Zeitpunkt der „Schlacht“, unter bestimmten Bedingungen nicht nur angebracht, sondern notwendig war. Dem „roten Terror“ Josef Stalins sollen laut Schätzungen 40 Millionen Menschen zum Opfer gefallen sein. Vgl. Voslensky, Michael S.: Sterbliche Götter: Die Lehrmeister der Nomenklatura, Erlangen, Bonn, Berlin 1989, S. 49, 55 ff. und 128 f. Vgl. auch Baberowski, Jörg: Der rote Terror. Die Geschichte des Stalinismus, München 2003, S. 7. 17 eInleItung „ Carlos – Der Schakal“ (2010).10 Dieser im deutschen Kino und Fernsehen ausgestrahlte Film über das Leben des venezolanischen Top-Terroristen Ilich Ramirez Sánchez (alias „Carlos“) und die Beiträge des Fernseh-, Print- und Onlinejournalismus dokumentierten in ihrer Gesamtheit nicht nur eindrucksvoll verschiedene terroristische Ereignisse, deren Hintergründe und Verantwortlichkeiten. Gleichzeitig wurde den Interessierten auch vergegenwärtigt, welch umfangreiche gemeinsame Schnittstellen es zwischen der DDR und palästinensischen, arabischen und bundesdeutschen Terroristen gegeben hatte. Neben vorangestellten Beispielen ließe sich die Thematik ebenfalls im Zusammenhang mit den wohl größten geschichtlichen Umwälzungen der letzten Jahre erschließen. Gemeint sind die Ereignisse rund um die Demonstrationen und Proteste in der arabischen Welt seit Ende des Jahres 2010, welche sich – in dem sogenannten Arabischen Frühling – von Tunesien ausgehend auf einige Länder Nordafrikas und des Nahen Ostens ausdehnten.11 Vielen Beobachtern stellten sich in diesem Zusammenhang Fragen, die auf die internationalen Verbündeten zielten, die mit den über Jahrzehnte in diesen Ländern gewaltsam regierenden 10 Vgl.  stern.de: „Stasi wusste von Anschlagsplänen auf Disco ‚La Belle‘“: http://www.stern.de/politik/deutschland/ddr-spionage-stasi-wusste-von-anschlagsplaenen-auf-disco-la-belle-2115325.html, Artikel vom 04.06.2014 (abgerufen am 11.04.2015). Carlos – Der Schakal, Spielfilm, Frankreich/ Deutschland 2010, 180 und 330 Minuten, FSK ab 16, Regie: Olivier Assayas, Darsteller: Édgar Ramírez, Nora von Waldstätten, Alexander Scheer u.a., Produktion: Film En Stock und Egoli Tossell Film. 11 Arabischer Frühling – Der Tunesier Mohamed Bouazizi zündete sich am 17.12.2010 nach einer wiederholt abgelehnten Audienz beim Bürgermeister der Stadt Sidi Bouzid vor dem Rathaus an. Er hatte dort wegen der Schließung seines Gemüsestandes aufgrund einer fehlenden Genehmigung vorsprechen wollen. Die Bilder von Bouazizi, der schließlich im Januar 2011 den Folgen seiner versuchten Selbstverbrennung erlag, hatten in der ganzen Welt für Aufsehen gesorgt. Bouazizi wurde zu einem der Auslöser der Revolution in Tunesien. Hier gingen die Menschen zuerst im Jahr 2011 auf die Straße, womit Bouazizi zum Aus- und Umbruch – mit Namen Arabischer Frühling – beigetragen hatte. Auch die Menschen in Ägypten, Libyen, dem Jemen und Syrien begehrten nun gegen die in ihren Ländern regierenden Regime, die mit Mitteln wie Korruption und Unterdrückung über Jahrzehnte gewaltsam geherrscht hatten, auf. Vgl. Ben Jelloun, Tahar: Arabischer Frühling. Vom Wiedererlangen der arabischen Würde, Bonn 2011, S. 116 ff. 18 MatthIas Bengtson-Krallert: DIe DDr unD Der InternatIonale terrorIsMus Despoten kooperiert und so teilweise deren Machterhalt gesichert hatten. Musste sich nun der Westen den Vorwurf einer offenen wie auch geheimen Unterstützung dieser Gewaltherrscher gefallen lassen, so rückte auch die Hilfe des ehemaligen sozialistischen Lagers in den Fokus des Interesses. Allen voran fiel so auch immer wieder der Name DDR. So wurde die bundesdeutsche Öffentlichkeit auf Film- und Bildaufnahmen aufmerksam, die nun wieder aus Archiven zutage traten. Diese zeigten die einstige SED-Führungsriege in Zeiten des Kalten Krieges Arm in Arm mit Sponsoren des internationalen Terrorismus, wie zum Beispiel dem infolge der aufständischen Wirren des Arabischen Frühlings in Libyen gestürzten Despoten Muammar al- Gaddafi. Neben diesen älteren Aufnahmen gab es jedoch auch neuere Be iträge, die anhand einzelner Reaktionen auf die politischen Umwälzungen des arabischen Raums bis in die heutige Zeit währende Überbleibsel der einstigen Nahostpolitik der DDR ausmachten. So beschrieb der von Christian Bommarius verfasste Leitartikel „Damals wie heute“ der Frankfurter Rundschau (Dezember 2011) die öffentliche Solidarisierung einiger Bundestagsabgeordneter der SED-Nachfolgepartei Die Linke mit seit Jahren als terroristisch geltenden Organisationen, wie zum Beispiel der Hamas beziehungsweise Ländern wie Syrien. Den Lesern wurde darin die „Herüberrettung“ einstiger antiisraelischer, proarabischer und propalästinensischer Positionen der DDR-Führung in das 21. Jahr nach der Vereinigung beider deutscher Staaten verdeutlicht.12 Nicht nur, dass dies die thematische Neugier in puncto der tatsächlichen Positionierung der einstigen DDR gegenüber Israel, PLO und arabischen Ländern wecken könnte, wird hiermit – darauf aufbauend – bereits ein weiterer Stein des Interesses angestoßen. Musste der SED-Staat aufgrund des gemeinsamen ideologischen Feindes, dem für Imperialismus stehenden Westen, 12 Vgl.  Bommarius, Christian: Damals wie heute, Frankfurter Rundschau, http://www.fr-online.de/meinung/leitartikel-syrien-und-den-linken-damalswie-heute,1472602,11445142.html (abgerufen am 15.08.2014). Zu den in dem Artikel vom 13.12.2011 aufgeführten Vorfällen gehörte unter anderem, dass drei Abgeordnete der Bundestagsfraktion Die Linke am 27.01.2010 im Rahmen des Holocaust-Gedenktages im Deutschen Bundestag bei der Begrü- ßung des israelischen Präsidenten Shimon Peres demonstrativ sitzenblieben. Zudem weigerten sich im Juni 2011 Abgeordnete der gleichen Bundestagsfraktion, einer Erklärung der eigenen Fraktion gegen Antisemitismus zuzustimmen. 19 eInleItung nicht zwangsläufig mit linksextremen Kräften des westdeutschen und arabischen Terrorismus sympathisieren beziehungsweise zusammenarbeiten? Oder galt hier für Ost-Berlin vielmehr die noch einfachere Maxime „der Feind meines Feindes ist mein Freund“? Nach dem Stellen dieser Fragen und dem Aufzeigen einer Auswahl verschiedenartigster Gründe, auf denen eine gesteigerte Aufmerksamkeit für diese Thematik basieren kann, sollen nun einige Details zum Aufbau der Arbeit genannt werden. 2 . Aufbau der Arbeit Im Folgenden wird nun die konkrete Herangehensweise beschrieben, mit der die im Forschungsinteresse der Arbeit liegenden Fragen, Behauptungen und Thesen beantwortet werden sollen. Auf dieses „Aufbaukapitel“ folgt der Punkt mit dem Titel Quellenlage, Rechercheinstrumente, Publikationen und Forschungsstand. Hier werden die thematische Ausgangssituation sowie die vom Verfasser identifizierten ersten Unwägbarkeiten und schließlich realisierten Möglichkeiten der Recherche aufgeführt. Was eröffnet sich also dem Interessierten, der mit der Eingabe von Begriffen wie „DDR“, „PLO“ und „Terrorismus“ in Bibliotheken und Online-Archiven hofft, einen gelungenen Einstieg in die Analyse zu finden? Welche Quellen brachten Licht ins thematische Dunkel? Abschließend wird hier beschrieben, wie sich eine Auswahl von Kritikern und Experten sowie einstigen Verantwortlichen der DDR- Geschichte in einigen ihrer Anmerkungen und Veröffentlichungen der Forschungsproblematik näherten und positionierten. Beschäftigten sie sich hiermit überhaupt ausführlicher oder taten sie dies eher am Rande, als Teilaspekt einer ganz anderen Fragestellung? Eingeleitet wird die Hauptuntersuchung durch den Abschnitt Die Jahre 1945 bis 1969 – Konstituierung, historische Einflussfaktoren, Nahostpolitik sowie erste Kontakte der Untersuchungsakteure DDR und PLO. Dieser hat einen erklärenden und die Hauptakteure DDR (SBZ) und PLO (Palästinenser) vorstellenden Charakter. Mit den hier beschriebenen jeweiligen Konstituierungsprozessen und der jungen Geschichte beider Hauptakteure nach ihren Gründungen soll veranschaulicht werden, wie sie sich schließlich zu dem entwickelten, wie sie noch heute zu 20 MatthIas Bengtson-Krallert: DIe DDr unD Der InternatIonale terrorIsMus einem Großteil beschrieben, wahrgenommen beziehungsweise eingeschätzt werden. Auf welcher Ideologie, auf welche Personen, Ereignisse oder Ziele basierte ihr Handeln der späteren Jahre? Im Falle des palästinensischen Volkes und der PLO ist dieser Abschnitt verknüpft mit einem weiten Blick zurück in die Vergangenheit, hin zu einigen prägnanten Geschehnissen einer jahrtausendelangen Geschichte, aber auch zu zeitlich näheren Ereignissen und Einflüssen aus dem 20. Jahrhundert, wie der Gründung des Staates Israel (1948), der Suezkrise (1956), dem Sechstagekrieg (1967) oder der „Schlacht um Karame“ (1968). Diese zeigen in ihrer Gesamtheit die Hintergründe und vor allem Komplexität der Nahost-Dauer konfrontation zwischen dem Staat Israel und den arabischen Ländern inklusive der PLO. Zudem geben die in diesem Abschnitt ebenfalls beschriebenen Machtkämpfe innerhalb der palästinensischen Dachorganisation sowie ihrer Untergruppen, vor allem Fatah und PFLP, einen ersten Aufschluss über die palästinensischen Strömungen bezüglich der Gestaltung der Nahostregion sowie der variierenden Bereitschaft der Terrorausübung gegen Israel und seine westlichen Verbündeten. Mit dem Versuch, demgegenüber die Verbündeten der arabisch-palästinensischen Seite zu benennen, ist somit schon der Bogen zur DDR gespannt. Warum war die SED-Führung gerade an dieser Seite interessiert? Was waren die Ziele der DDR und welche Faktoren beeinflussten ihre ersten außenpolitischen Schritte in der Krisenregion? Schon an dieser Stelle sei angemerkt, dass der SED-Staat im kommunistischen Block nicht autark agieren konnte, spielten die Beziehungen zum „großen Bruder“ UdSSR auch in Fragen der ostdeutschen Außenpolitik eine nicht unerhebliche Rolle. Neben der Klärung entsprechender Einflusssphären auf die ostdeutsche Nahostpolitik vonseiten der UdSSR, aber auch von Warschauer Pakt und der bundesdeutschen Hallstein-Doktrin, wird Moskaus Gesamteinfluss auf die vielfältigsten Bereiche des SED-Staates noch ausführlicher beschrieben werden. Standen nun die diplomatische Anerkennung und die außenpolitische Auseinandersetzung mit der BRD im Rahmen der Hallstein-Doktrin über allen anderen Zielen der SED-Führung? So wird es ebenfalls interessant sein aufzuzeigen, ob sich in der ostdeutschen und sowjetischen Haltung zu den Palästinensern, der PLO, zu Israel oder einzelnen arabischen Ländern in den ersten zwei Jahrzehnten der DDR-Existenz Unterschiede ausmachen lassen. Das verlangt eine entsprechende umfassende Überprüfung der ostdeutschen Beziehungen (im Besonderen zu 21 eInleItung den Palästinensern und der PLO) anhand des Konflikts im Nahen Osten, beginnend mit dem Beispiel des Sechstagekrieges (1967). Wie sind zum Beispiel die Äußerungen des DDR-Friedensrates an die „Palästinensische Friedensbewegung“ aus dem Jahr 1969 zu bewerten? Hier hieß es: „Sie dürfen versichert sein, daß wir uns eng mit dem Kampf der arabischen Völker für die Beseitigung der israelischen imperialistischen Aggression verbunden fühlen und alles in unseren Kräften Stehende tun, um das Recht des arabischen Volkes von Palästina durchsetzen zu helfen.“13 Solidaritätsbekundungen dieser Art werden nun im ersten Abschnitt bezüglich des Maßes der tatsächlichen ostdeutschen Unterstützung für den „gerechten Kampf des palästinensischen Volkes“ untersucht werden. Der zweite Abschnitt der Untersuchung trägt die Überschrift Die Siebzigerjahre: DDR, PLO und internationaler Terrorismus – Positionen, Ereignisse, Verflechtungen. Gemäß diesem Jahrzehnt terroristischer Hochkonjunktur wird die Betrachtung von terroristischen Gruppen des arabischen Raumes und eine etwaige Verflechtung dieser mit der DDR konkretisiert werden. Änderte sich das außenpolitische Vorgehen Ost- Berlins in der Region mit der allmählich einsetzenden Anerkennungswelle für den SED-Staat? Wie verhielt sich die DDR gegenüber den Palästinensern und der PLO im Zusammenhang mit fernen Kriegen im Nahen Osten, wie dem Jom-Kippur-Krieg (1973) oder den in unmittelbarer ostdeutscher Nachbarschaft geschehenen Anschlägen, wie der tödlichen Olympia-Geiselnahme von München (1972)? Hier soll aufgezeigt werden, welche Verbindungen die DDR zu palästinensischen Drahtziehern solcher Terroraktionen, wie dem Top-Terroristen Abu Daud, unterhielt und wie sie im Hinblick auf die eigene Sicherheits lage der 1973 in Ost-Berlin stattfindenden „X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten“ reagierte. Gleichzeitig gilt es das Vertrauen der DDR gegen- über der PLO zu betrachten. War die Freundschaft bloß Schein oder steckte hier eine wahre Sympathie hinter den Bekundungen beider Seiten? Zur näheren Betrachtung dieses Teilaspektes sollen offizielle Abkommen und Vereinbarungen beider Akteure näher beleuchtet werden. 13 Bator, Wolfgang: Die DDR und die arabischen Staaten. Dokumente 1956– 1982, Berlin 1984, S. 145, „Grußbotschaft des Friedensrates der DDR an die Palästinensische Friedensbewegung“ vom 08.04.1969. 22 MatthIas Bengtson-Krallert: DIe DDr unD Der InternatIonale terrorIsMus Auch das erste „Abtasten“ zwischen dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) und der „PLO-Sicherheit“ bezüglich einer zukünftigen Zusammenarbeit soll nicht ausgespart bleiben. Aufgrund der engen Verbindungslinien zwischen einigen PLO-Untergruppen und der in den Siebzigerjahren besonders terroristisch aktiven Roten Armee Fraktion (RAF), wird Letztgenannte ebenfalls in den Gesamtkontext der Untersuchung einfließen. Hier sollen etwaige Kooperationsbeziehungen dargestellt werden, wie zum Beispiel jene, die die militärische Ausbildung der RAF-Generationen durch Vertreter des ostdeutschen Staates sowie der PLO nebst Untergruppen betreffen. Im dritten Abschnitt unter der Überschrift Die Achtzigerjahre – Formen der Unterstützung, Haltung und Zusammenarbeit seitens der DDR in Richtung der PLO und des arabischen Terrorismus werden für das letzte Jahrzehnt des Bestehens des SED-Staates, die verschiedenartigen Bezieh ungen der DDR zur PLO sowie zu einigen arabischen Terroristen und deren Unterstützern an Einzelbeispielen dokumentiert. Zum besseren Verständnis des Gesamtkontextes sollen diesen Abschnitt Kapitel einleiten, welche die Ausgangssituation beider Akteure zu Beginn dieses Jahrzehnts sowie die Positionierung des „sozialistischen Lagers“ gegen- über den Terroristen dieser Zeit demonstrieren. Spielte die DDR eine Rolle bei den West-Berliner Anschlägen auf das Maison de France (1983) und die Diskothek La Belle (1986) oder bei der Explo sion an Bord einer Maschine der US-amerikanischen Fluglinie PanAm über der schottischen Ortschaft Lockerbie (1988)? Anhand terroristischer Aktionen vor allem dieses Ausmaßes wird das ostdeutsche Vorgehen im Zusammenhang mit weltweit gesuchten Terroristen des Kalibers „ Carlos“ vollzogen werden. Wie verhielt sich die DDR gegenüber ihm und anderen Terroristen dieser Zeit, wie z. B. Abu Nidal? Warum sah sich Ost-Berlin gerade in dieser Epoche des Kalten Krieges dem Verdacht der Kollaboration mit internationalen Terroristen ausgesetzt? So muss zwangsläufig auch ein Schwenk auf die guten Beziehungen der DDR nach Libyen und Syrien folgen, wo die despotischen Führer Muammar al- Gaddafi und Hafiz al-Assad jahrelang palästinensische und arabische Terroristen auf vielfältige Weise förderten. Hier rückt auch die Ausbildung der unterschiedlichsten Militärkader aus dem arabischen Raum an Einrichtungen der Nationalen Volksarmee (NVA), des ostdeutschen Ministerium des Innern und des MfS in den Mittelpunkt. Für die NVA und 23 eInleItung ihre Einrichtungen erfolgt hier eine gesonderte Betrachtung, nach Ländern wie Syrien, Libyen, dem Nord jemen, dem Südjemen und den unter „Palästina“ kämpfenden verschiedenen Gruppen unter dem Dach der PLO. Wie verhielt es sich mit den ostdeutschen Waffenlieferungen an die PLO und die Länder des Nahen Ostens? Hier wird – neben der Rolle des Internationalen Handelszentrums in Ost-Berlin und den „offiziellen“ Lieferungen des Ingenieur-Technischen Außenhandels der DDR – im Besonderen die Rolle des ostdeutschen Devisenbeschaffers Alexander Schalck-Golodkowski mit seinem Bereich „Kommerzielle Koordinierung“ und deren für die geheimen Waffentransfers zuständige IMES GmbH einer kritischen Untersuchung unterzogen. Abschließen wird die Arbeit ein Kapitel, das die letzten Jahre der DDR zum Inhalt hat. Wirkte sich der Prozess des allmählichen Endes des „Arbeiter- und Bauernstaates“, der Wechsel zur Regierung Modrow und vor allem zur ersten demokratisch gewählten Regierung der DDR unter Lothar de Maizière, in den letzten Monaten auch auf die Beziehungen zur PLO aus? 3 . Quellenlage, Rechercheinstrumente, Publikationen und Forschungsstand Dem anfänglichen Versuch, die wissenschaftliche Recherche gemäß dem Arbeitstitel erfolgreich mit Hilfe der gemeinsamen Eingabe der Schlagworte „DDR“, „PLO“ und „Terrorismus“ in Suchmaschinen der verschiedensten Online-Kataloge universitärer Bibliotheken zu starten, wurden schon früh Grenzen gesetzt. So hatten sich in Kategorien wie „Buchtitel“, „Zeitschriften“ oder „sonstige Veröffentlichungen“ keine nennenswerten Treffer ergeben. Die gleiche Vorgehensweise weniger wissenschaftlicher Art, nämlich durch Nutzung „normaler“ Suchmaschinen des „World Wide Web“, erbrachte ein ähnliches Ergebnis. Daraufh in wurde umgehend deutlicher, dass neben der Hinzunahme weiterer Begriffe wie „MfS“ beziehungsweise Wortgruppen, wie „DDR und RAF“, „DDR und Naher Osten“, „DDR und Dritte Welt“ oder ganz allgemein „Außenpolitik der DDR“, eine intensive Recherche in Archiven sowie die Nutzung anderer Quellen notwendig sein würde. Die somit zunächst einmal erzielte zufriedenstellende Trefferausbeute bekräftigte den Fakt, dass die Thematik nur in einem engen Zusammenhang mit den 24 MatthIas Bengtson-Krallert: DIe DDr unD Der InternatIonale terrorIsMus Prämissen ostdeutscher Außenpolitik und den diesbezüglichen Ambitionen der SED-Führung gesehen werden kann. Neben der in diesem Zusammenhang erschienenen Expertenliteratur aus allgemeinen und universitären Bibliotheksbeständen flossen bei der Recherche in die Arbeit auch identifizierte Akten, Texte, Schriften und Dokumente aus der DDR ein, wobei die folgenden besonders hilfreich waren: die des Bundesamtes für Verfassungsschutz, des Politischen Archivs des Auswärtigen Amts, der Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik, der Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv in Berlin und des Militärarchives in Freiburg. Kommentare des SED-Zentralorgans Neues Deutschland fanden ebenso Verwendung wie westdeutsche Veröffentlichungen, allen voran jene des Nachrichtenmagazins Der Spiegel, welches sich seit Jahrzehnten mit dem internationalen Terrorismus auseinandersetzt. Die Zeit nach dem Zusammenbruch der DDR betrachtend, floss so in die Untersuchung auch eine Quelle erster umfangreicher Beweiserhebung ein. Es handelt sich dabei um den „Bericht des 1. Untersuchungsausschusses nach Artikel 44 des Grundgesetzes“ des 12. Deutschen Bundestages aus dem Jahr 1994 (Bundestags-Drucksache 12/7600), der unter anderem das für die vorliegende Arbeit wichtige Geschäftsgebaren der DDR gegenüber internationalen Terrorländern und Waffenhändlern zum Untersuchungsgegenstand hatte, in Zusammenhang mit dem für Ost-Berlin eminent wichtigen Erwerb von Devisen.14 Zudem fanden Veröffentlichungen ehemaliger westdeutscher Terroristen, die in unterschiedlichster Weise mit arabischen und palästinensischen Terroristen zusammengearbeitet hatten, in der Untersuchung zitierend Verwendung. Gleiches gilt für Publikationen ehemaliger ostdeutscher Politiker und Diplomaten, wie auch Kommentare aus TV-Dokumentationen und Interviews mit Zeitzeugen und Experten der Geschichte der DDR. Welcher Forschungsstand und welche Positionen sind nun charakteristisch für das Gros der bisherigen Veröffentlichungen? Unabhängig von der Herangehensweise an diese Problematik stoßen die Betrachter 14 Der 1. Untersuchungsausschuss wurde am 06.06.1991 per Beschluss des Deutschen Bundestages (Bundestags-Drucksachen 12/654 und 12/662) eingesetzt und legte seinen Bericht am 27.05.1994 vor. 25 eInleItung unverzüglich auf Kommentare und Veröffentlichungen des BStU-Mitarbeiters Tobias Wunschik, der sich mit dem Thema „Staatssicherheit und internationaler Terrorismus“ einen seiner Forschungsschwerpunkte gesetzt hat. So gibt es in Wunschiks Veröffentlichungen nicht nur Schnittmengen zu einigen Teilbereichen der hier gewählten Aufgabenstellung. Er geht darin ebenso auf die sich bei der Recherche ergebenden Schwierigkeiten ein. So fügt Wunschik unter dem Titel „Abwehr“ und Unterstützung des internationalen Terrorismus – Die Hauptabteilung XXII, in Hubertus Knabes West-Arbeit des MfS. Das Zusammenspiel von „Aufklärung“ und „Abwehr“ die gezielte Vernichtung von MfS-Akten an, die er als große Erschwernis bei der Aufklärung der Beziehungen zwischen dem MfS und internationalen Terroristen bezeichnet. Als eine der letzten im Spätherbst 1989 durchgeführten Aktionen hatten das MfS beziehungsweise dessen Nachfolger – das „Amt für Nationale Sicherheit“ der DDR – bestimmte Dokumente verschwinden lassen, was diesen Unterlagen somit den Stempel einer besonderen politischen Brisanz verleiht.15 In Einzelfällen gibt es jedoch auch noch Unterlagen wie jene von der einst für den „ausländischen Terror“ zuständigen Abteilung XXII („Terrorabwehr“), die zur Aufklärung der Problematik herangezogen werden können. Die Struktur und die Arbeitsweise der „Terrorabwehr“ sind für die Erkenntnisgewinnung der Terrorismus-Problematik von großer Bedeutung, überliefern sie doch wichtige Zusammenhänge zwischen der DDR und den palästinensischen Terroristen. Doch lassen diese Unterlagen auch keine unerschöpfliche Wissensgewinnung zu. Hier führt Wunschik zum einen an: „Die Ursachen des oftmals geringen Erkenntniswertes der Akten liegen in der MfS-typischen Konspiration, welche in dieser mit einer politisch heiklen Thematik befaßten Abteilung besonders streng beachtet wurde. Die Abteilung XXII legendierte ihre Aufgaben teilweise sogar gegen- über anderen Diensteinheiten des MfS.“16 Zum anderen kommt bei der Abteilung XXII erschwerend hinzu, dass diese in ihren „Operativen Vorgängen“ (die zu einem späteren Zeitpunkt noch ausführlicher beschrieben werden sollen), entgegen der sonstigen Arbeitsweise der 15 Vgl. Wunschik, Tobias: „Abwehr“ und Unterstützung des internationalen Terrorismus. Die Hauptabteilung XXII, in: Knabe, Hubertus: West-Arbeit des MfS. Das Zusammenspiel von „Aufklärung“ und „Abwehr“, Berlin 1999, S. 264. 16 Ebd., S. 263. 26 MatthIas Bengtson-Krallert: DIe DDr unD Der InternatIonale terrorIsMus MfS-Diensteinheiten, ganze „Feindobjekte“ in den zu untersuchenden Fokus des Interesses stellte. Die Größe der „Feindobjekte“ beeinträchtigt in starkem Maße die Übersichtlichkeit des Materials, setzten sich die westlichen Terrorgruppen doch mitunter aus hunderten von Mitgliedern zusammen.17 Daher sieht es Wunschik in Die Hauptabteilung XXII. „Terrorabwehr“ (1995) anhand der zugänglichen Unterlagen für die wissenschaftliche Forschung als schwierig beziehungsweise nur eingeschränkt möglich an, die Unterstützung seitens des MfS für den internationalen Terrorismus zu rekonstruieren.18 Andere Autoren gehen nur am Rande einer anderen Hauptthematik auf die DDR und deren terroristische Verflechtungen ein. So nähert sich der Journalist und Geschichtswissenschaftler Daniel Gerlach in einem Kapitel seiner Veröffentlichung Die doppelte Front. Die Bundesrepublik Deutschland und der Nahostkonflikt 1967–1973 (2006) – deren Hauptaugenmerk auf der Politik des westdeutschen Staates in jenem Zeitraum in der Region liegt – der DDR und ihrem Agieren im Nahen Osten lediglich in dem Punkt, dass er sie als „zähen Gegenspieler“ der BRD darstellt. Er beschreibt zudem den hier von den Sowjets ausgeübten Einfluss auf die Politik der DDR und die ersten Versuche der Kontaktaufnahme der PLO sowie einiger ausgewählter palästinensischer Gruppen mit den Ostdeutschen. Neben der anfangs noch reservierten Position vonseiten der DDR gegenüber der PLO wegen ihrer antizionistischen Haltung gegenüber Israel, erwähnt Gerlach auch die ostdeutsche Ablehnung radikaler Positionen einzelner palästinensischer Gruppen, welche die Zerstörung des jüdischen Staates zum Inhalt hatten.19 Auch der Nahost-Experte Kinan Jaeger betrachtet in seiner Veröffentlichung Der „Staat Palästina“. Herausforderung deutscher Außenpolitik (2000) Teile der Problemstellung im Zusammenhang mit der jeweiligen Positionierung beider deutscher Staaten in der Region, wie zum Beispiel in Bezug auf die Haltung zu einem noch zu gründenden Staat mit Namen „Palästina“. Auf die 17 Vgl. ebd., S. 263 f. 18 Vgl. Wunschik, Tobias: Die Hauptabteilung XXII: „Terrorabwehr“, MfS- Handbuch III/16, Anatomie der Staatssicherheit. Geschichte, Struktur, Methoden, Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik, Abt. Bildung und Forschung, Berlin 1995, S. 5. 19 Vgl. Gerlach, Daniel: Die doppelte Front. Die Bundesrepublik und der Nahostkonflikt 1967–1973, Berlin 2006, S. 65 ff. und 119 ff. 27 eInleItung Geschichte beider deutscher Staaten hinweisend, führt Jaeger die dem Kalten Krieg geschuldeten „Merkwürdigkeiten“ auf, wie den schon im Jahr 1982 in Ost-Berlin residierenden und mit allen diplomatischen Rechten ausgestatteten Botschafter der PLO, während sich das vereinigte Deutschland seit jeher mit der Aufwertung einer palästinensischen Vertretung schwertut.20 Der Historiker und Journalist Martin Jander sprach in seinem Vortrag des Jahres 2007 im Berliner Centrum Judaicum unter dem Titel „Vereint gegen Israel?“ über die „unheilige Allianz“ zwischen der DDR und dem westdeutschen Linksterrorismus. Er ging dabei auch auf die guten Beziehungen zwischen dem SED-Staat und palästinensischen Terrorgruppen ein. Die hier beschriebene Duldung und Unterstützung für diese vonseiten der DDR wertete Jander gleichzeitig als Unterstützung der RAF-Terroristen.21 Auf diese Unterstützung und Beziehung wird in vielen Veröffentlichungen eingegangen. Die Autoren Michael Müller und Andreas Kanonenberg betiteln diese zum Beispiel als „RAF-Stasi-Connection“.22 Tobias Wunschik schreibt in Abwehr und Unterstützung des internationalen Terrorismus. Die Hauptabteilung XXII (1999) von einer „unübersehbaren Geistesverwandtschaft“ des SED- Regimes mit der RAF, im Besonderen in dem Punkt der gemeinsamen Frontstellung gegenüber dem „Imperialismus“, auch wenn Ost-Berlin offiziell den Terrorismus der RAF ablehnte.23 Auch der Journalist und Buchautor Butz Peters greift in seiner Veröffentlichung Tödlicher Irrtum.  Die Geschichte der RAF (2007) das Agieren der MfS-Abteilung XXII und deren Beziehung zur RAF auf. Er skizziert das Paradoxon der ostdeutschen MfS-„Terrorabwehr“. Anstatt die DDR vor Terroristen zu 20 Vgl. Jaeger, Kinan: Der „Staat Palästina“. Herausforderung für die deutsche Außenpolitik, in: Aus Politik und Zeitgeschichte Nr. 49, Bonn 2000, S. 31 ff. 21 Vgl. Jander, Martin: „Vereint gegen Israel?“, Rede vom 22.10.2007 im Centrum Judaicum, Internetauftritt der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG), unter http://www.digberlin.de/SEITE/ bericht_jander.php (abgerufen am 02.10.2011). Die DDR sollte im Zusammenhang mit der PLO neben der Bezeichnung „Befreiungsbewegung“, oft auch noch Adjektive wie „progressiv“ und „national“ wählen. Vgl. Storkmann, Klaus: Geheime Solidarität. Militärbeziehungen und Militärhilfen der DDR in die „Dritte Welt“, Berlin 2012, S. 7. 22 Vgl. Müller, Michael/Kanonenberg, Andreas: Die RAF-Stasi-Connection, Berlin 1992, S. 10 ff. 23 Vgl. Wunschik 1999: a. a. O., S. 271. 28 MatthIas Bengtson-Krallert: DIe DDr unD Der InternatIonale terrorIsMus schützen, hatte diese vielmehr Terroristen ausgebildet.24 Oftmals gehen Veröffentlichungen, wie jene des Politikwissenschaftlers Christopher Daase mit dem Titel Die RAF und der internationale Terrorismus. Zur transnationalen Kooperation klandestiner Organisationen (2008), welche die Verbindung der drei RAF-Generationen zum internationalen Terrorismus untersuchen, am Rande dieses Hauptbetrachtungsfeldes auch auf das Verhältnis von PLO und DDR ein. So wird hier auf die Aufnahme von RAF-Terroristen in der DDR eingegangen, die zuvor mitunter mit der PLO kooperiert hatten.25 Die Autoren Hans Siegfried Lamm und Siegfried Kupper beleuchteten schon im Jahr 1976 in ihrer Veröffentlichung DDR und Dritte Welt die Rolle des SED-Regimes im Zusammenhang mit Waffenlieferungen an die PLO, wonach die DDR diesbezüglich eine „Patenrolle“ für das gesamte sozialistische Lager übernommen hatte.26 Zwanzig Jahre später bewertet die Nahostwissenschaftlerin Angelika Timm in ihrer Veröffentlichung Hammer, Zirkel, Davidstern. Das gestörte Verhältnis der DDR zu Zionismus und Staat Israel (1997) das Handeln der DDR gegenüber palästinensischen Gruppen im Rahmen des sozialistischen Bündnisses mit einer gewissen Eigenständigkeit, vor allem gegenüber dem „großen Bruder“ UdSSR. So fügt Timm an: „Die DDR folgte der lange zurückhaltenden und abwartenden Linie der Großmacht Sowjetunion nicht, sondern war in ihrer Unterstützung der palästinensischen Nationalbewegung innerhalb der Sozialistischen Staatengemeinschaft nicht selten als Vorreiterin tätig.“27 Das „problematische Dreieck“ aus DDR, PLO und Israel beschreibend, attestiert Timm so bezüglich des Verhältnisses der DDR zur PLO und deren Führer Arafat, trotz eines die außenpolitische Grundlinie vorgebenden „engen sozialistischen Korsetts“, dem SED-Staat politische Spielräume, begründet durch die persönlichen Ambitionen von 24 Vgl. Peters, Butz E.: Tödlicher Irrtum.  Die Geschichte der RAF,  Frankfurt/ Main 2007, S. 581. 25 Vgl. Daase, Christopher: Die RAF und der internationale Terrorismus. Zur transnationalen Kooperation klandestiner Organisationen, in: Kraushaar, Wolfgang (Hrsg.): Die RAF. Entmythologisierung einer terroristischen Organisation, Bonn 2008, S. 257 ff. 26 Vgl. Lamm, Hans Siegfried/Kupper, Siegfried: DDR und Dritte Welt, München 1976, S. 146. 27 Timm, Angelika: Hammer, Zirkel, Davidstern. Das gestörte Verhältnis der DDR zu Zionismus und Staat Israel, Bonn 1997, S. 270. 29 eInleItung Staatschef Erich Honecker.28 Der Autor Bernard von Plate will der DDR in seiner Veröffentlichung Der Nahe und Mittlere Osten sowie der Maghreb (1979) nicht nur eine Vorreiterrolle attestieren. Demnach entwickelte sich aufgrund der frühen Verbindungsaufnahme der Ostdeutschen zur PLO, im Rahmen einer „koordiniert betriebenen Außenpolitik der sozialistischen Staaten“, sogar eine gewisse Führungsrolle in der Region. Von Plate begründet dies mit einem bewussten Zurückhalten der UdSSR. Diese hatte im Nahen Osten durch den Machtwechsel in Ägypten an Einfluss verloren und hoffte, mit der DDR einen für die PLO und die arabischen Länder vertrauenswürdigen kommunistischen Einflussfaktor in der Region platzieren zu können.29 Der bereits genannte Daniel Gerlach will hingegen in seiner Veröffentlichung Die doppelte Front (2006) nicht die DDR als den ersten kommunistischen Staat ausmachen, der in Zeiten des Nahostkonflikts die Palästinenser für sich entdeckte. Doch hebt er auch hervor, begründet durch die sich für die Ostdeutschen in der Region entwickelnden Beziehungen, dass der SED-Staat für die Palästinenser in Bereichen wie dem Paramilitarismus oder den Geheimdiensten zu einem ihrer zuverlässigsten Partner avancierte. Mit Beginn der Siebzigerjahre, infolge Moskaus Strategiewechsel bezüglich der PLO, sieht Gerlach demnach ein „revolutionäres Dreieck“ zwischen Moskau, Ost-Berlin und den Palästinensern geboren.30 Der Nahost-Korrespondent Ulrich W. Sahm geht sogar noch weiter und schreibt in Alltag im Gelobten Land (2010) von Arafats politischer und militärischer Abhängigkeit von UdSSR und DDR.31 Auf die Zusammenarbeit der Geheimdienste von DDR und UdSSR konzentriert sich der Politikwissenschaftler Jürgen Borchert in seiner Veröffentlichung Die Zusammenarbeit des MfS mit dem sowjetischen KGB in den 70er und 80er Jahren (2006). Doch greift Borchert hier auch die DDR-PLO-Problematik am Rande auf und versucht sich an einem ausführlichen Skizzieren von Lieferungen der DDR in Richtung PLO, zum Beispiel in Form von Maschinenpistolen, Schützenwaffen und Munition. 28 Vgl. ebd., S. 285. 29 Vgl. Plate, Bernard von: Der Nahe und Mittlere Osten sowie der Maghreb, in: Jacobsen, Hans-Adolf (Hrsg.)/Leptin, Gert/Scheuner, Ulrich/Schulz, Eberhard: Drei Jahrzehnte Außenpolitik der DDR. Bestimmungsfaktoren, Instrumente, Aktionsfelder, München, Wien 1979, S. 679. 30 Vgl. Gerlach: a. a. O., S. 122 ff. 31 Vgl. Sahm, Ulrich W.: Alltag im Gelobten Land, Göttingen 2010, S. 52. 30 MatthIas Bengtson-Krallert: DIe DDr unD Der InternatIonale terrorIsMus Er wagt sich zudem an eine Auflistung bezüglich der Ausbildung ausländischer Kader heran.32 Borchert kommt schließlich zu dem Schluss: „Das MfS war der Dreh- und Angelpunkt in allen operativen Fragen bei der Behandlung des ‚Internationalen Terrorismus‘ und des Waffenhandels.“33 Auch die Autoren Manfred Schell und Werner Kalinka nehmen das MfS ins Visier ihrer Veröffentlichung Stasi und kein Ende. Die Personen und Fakten (1991). Darin gehen sie ebenfalls hart mit der Beziehung der DDR zum internationalen Terrorismus ins Gericht. Sie sehen das SED-Regime in Zeiten des Kalten Krieges als ein Zentrum des libyschen Staatsterrorismus und begründen dies mit dem Aspekt, dass libysche Terroristen unter Billigung von Honecker und MfS-Chef Erich Mielke von Ost-Berlin aus gen Westen ausgerichtete Sprengstoffanschläge und Morde vorbereiten und durchführen konnten.34 Laut Schell und Kalinka kam dabei dem MfS eine besondere Bedeutung zu, seien hier allein die zuspitzenden Überschriften der Autoren betrachtet, wie „Stasi – Spinne im Netz des internationalen Terrorismus“. Die Autoren benennen die aktive Rolle des MfS beim Aufbau arabischer Geheimdienste und gehen dabei auf die Ausbildung von Terroristen durch die DDR ein.35 Auch Thomas Kunze greift in seinem Buch Staatschef a. D. Die letzten Jahre des Erich Honecker (2001) die Form der Zuständigkeiten in Bezug auf die Unterstützung für die „palästinensischen Freunde“ auf: „Palästinenser wurden in der DDR in vielen Bereichen ausgebildet: bei der Staatssicherheit, bei der NVA und im Hochschulwesen.“36 Eine entsprechende Ausbildung ausländischer Militärkader an Einrichtungen der NVA sowie spezifische Waffenlieferungen beschreibt der Militärhistoriker Klaus Storkmann in seiner im Jahr 2012 erschienenen Veröffentlichung Geheime Solidarität. Militärbeziehungen und Militärhilfen der DDR in die „Dritte Welt“. Storkmann geht in seiner Analyse auf diesbezügliche Unterstützungsleistungen für die PLO und für Länder wie Syrien und Libyen ein, die während des 32 Vgl. Borchert, Jürgen: Die Zusammenarbeit des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) mit dem sowjetischen KGB in den 70er und 80er Jahren. Ein Kapitel aus der Geschichte der SED-Herrschaft, Berlin 2006, S. 189 ff. 33 Ebd., S. 189. 34 Vgl. Schell/Kalinka: a. a. O., S. 231. 35 Vgl. Schell/Kalinka: a. a. O., S. 239. 36 Kunze, Thomas: Staatschef a. D. Die letzten Jahre des Erich Honecker, Berlin 2001, S. 80 f. 31 eInleItung Kalten Krieges in Teilen der westlichen Welt unter ständigem Terrorverdacht standen.37 Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel hatte schon im Jahr 1980 mit dem Bild rennender NVA-Soldaten auf seinem Deckblatt und unter dem Titel „Honeckers Afrika-Korps“ über die Ausbildung libyscher Kader an NVA-Offiziershochschulen berichtet.38 Im Jahr 1992 griff Der Spiegel die Thematik des weltweiten Waffenhandels der DDR erneut auf. In dem Artikel „Gute Kunden von der CIA“ beschreibt das Blatt, dass der Waffenhandel eines der wenigen Gebiete war, auf denen die DDR jemals Bedeutung erlangen sollte. Demzufolge zeichnete sich der SED-Staat bis zu seinem Ende als Drehscheibe des weltweiten Waffenhandels aus. Zum Erlangen der für die DDR äußerst wichtigen Devisen seien ihr jegliche Kunden recht gewesen, ob nun westliche Geheimdienste oder Terroristen aus dem Nahen Osten.39 Der ehemalige Redakteur des Nachrichtenmagazins Der Spiegel Hans-Ferdinand Koch wurde in seiner Veröffentlichung Das Schalck-Imperium lebt. Deutschland wird gekauft (1992) noch konkreter. Er beschreibt darin, dass die DDR bis zu ihrem letzten Tag vor dem Beitritt zur BRD mit Hilfe des ostdeutschen Ministeriums für Abrüstung und Verteidigung (MfAV) unter anderem noch Panzer, Kanonen oder Lenkraketen verkaufte. Zudem fügt Koch in Bezug auf das Verhältnis des SED-Staates zu Terroristen am Beispiel Abu Nidals an, dass sich dieser bei allen Problemen stets auf die DDR habe verlassen können.40 In dem Bestreben, dieses gute Verhältnis von Abu Nidal zur DDR und vor allem deren Wichtigkeit für internationale Terroristen zu demonstrieren, versucht sich der britische Journalist und Nahost-Experte Patrick Seale in seinem Buch Abu Nidal. Der Händler des Todes. Die Wahrheit über den palästinensischen Terror (1992) nun in die Gemütslage der Terroristen nach dem Zusammenbruch des SED-Staats zu versetzen: „Deshalb war der Sturz des SED-Regimes sowohl für die PLO als auch für ihren Erzrivalen Abu Nidal ein schwerer Schlag.“41 Die Autorin Regine Igel beschreibt in 37 Vgl. Storkmann: a. a. O., S. 588. 38 Vgl. Der Spiegel 10/1980: Honeckers Afrika-Korps. „Wir haben euch Waffen und Brot geschickt“, S. 45. 39 Vgl. Der Spiegel 19/1992: Gute Kunden von der CIA, S. 66. 40 Vgl. Koch, Peter-Ferdinand: Das Schalck-Imperium lebt. Deutschland wird gekauft, München 1992, S. 137 ff. 41 Seale, Patrick: Abu Nidal – der Händler des Todes. Die Wahrheit über den palästinensischen Terror, München 1992, S. 343. 32 MatthIas Bengtson-Krallert: DIe DDr unD Der InternatIonale terrorIsMus ihrem Buch Terrorismus-Lügen. Wie die Stasi im Untergrund agierte (2012) die Beziehungen der DDR zu Abu Nidal weitaus umfassender am Beispiel des MfS und geht darin zudem auf weitere Kontakte der Ostdeutschen zu anderen international agierenden Terroristen ein, wie zum Beispiel Abu Daud und Wadi Haddad.42 Resümiert vorangestellte Autorenauswahl in unterschiedlicher Intensität, Präzision und auf kritische Weise die Zusammenarbeit der DDR mit der PLO und anderen palästinensischen und arabischen Terrorgruppen und -organisationen sowie Terrorregimen, so gibt es auch andere Stimmen beziehungsweise Veröffentlichungen. Hier werden die DDR und ihre einstige Führungsriege von jeder diesbezüglichen Verwicklung freigesprochen, entsprechende Beziehungen relativiert oder es wird lediglich der humanitäre Aspekt in den Vordergrund gestellt. Das überrascht nicht, waren die betreffenden Autoren doch in unterschiedlichen Funktionen mit dem SED-Staat eng verknüpft. Ein Beispiel für eine selbstkritischere Ausnahme stellt das ehemalige Mitglied des ZK der SED Günter Schabowski dar. Er schreibt in seinen Erinnerungen „Wir haben fast alles falsch gemacht“. Die letzten Tage der DDR (2009) bezüglich der terroristischen Aktivitäten des SED-Staates: „Bis zum Ende der DDR haben Elite-Einheiten des MfS etwa 1.900 Aktivisten im Ausland, und zwar im Jemen und in Palästinenser-Lagern, für Flugzeugentführungen, Bombenattentate und andere Anschläge ausgebildet.“43 In anderen Veröffentlichungen von ehemals wichtige Positionen im SED- Regime bekleidenden Personen dominiert nun vielmehr der Tenor, der eine solche Zusammenarbeit der DDR negiert oder herunterspielt. So fügt der ehemalige Spionagechef der DDR Markus Wolf in seinem Buch Spionagechef im geheimen Krieg. Erinnerungen (1997) bezüglich der libyschen Anfrage nach technischen Ausrüstungsartikeln an: „Gewiß wäre mein Dienst aktiv geworden, wenn sich interessante Perspektiven ergeben hätten, aber Libyen war durch seine westdeutschen Partner 42 Vgl. Igel, Regine: Terrorismus-Lügen. Wie die Stasi im Untergrund agierte, München 2012, S. 144 ff. 43 Schabowski, Günter: „Wir haben fast alles falsch gemacht“. Die letzten Tage der DDR, Berlin 2009, S. 135. 33 eInleItung bereits bestens versorgt und zufrieden.“44 Die verschiedenartigen Formen der nichtmilitärischen Ausbildung, zum Beispiel die ostdeutsche Bereitstellung von Lehrstellen und Studienplätzen im SED-Staat für die Palästinenser sowie die humanitäre Hilfe für die palästinensischen Flüchtlingslager, hebt der ehemalige Botschafter im Libanon und Generalsekretär des Solidaritätskomitees der DDR Achim Reichardt in seinem Buch Nie vergessen – Solidarität üben! (2006) hervor.45 Der für Markus Wolfs Auslandsnachrichtendienst in Ägypten als Resident tätige Bernd Fischer führt in seiner Veröffentlichung Als Diplomat mit zwei Berufen. Die DDR-Aufklärung in der Dritten Welt (2009) die positive Einwirkung der DDR auf die Politik und das Vorgehen der Palästinenser an: „Nicht zuletzt mit unserer Einflussnahme entwickelte sich bei den Palästinensern im Laufe der Jahre ein anderes Verhältnis zum Terror, was letztlich bis zur Verleihung des Friedensnobelpreises 1994 an PLO-Chef Yassir Arafat führte.“46 Wolfgang Bator, unter anderem ehemaliger Botschafter der DDR in Libyen und dem Iran, hebt in seiner Veröffentlichung Die DDR im arabischen Raum (2004) die guten Beziehungen zur israelischen Friedensbewegung hervor. Demnach hat Ost-Berlin die gewonnenen Erkenntnisse über das Land Israel auch für seine Politik gegenüber den Arabern genutzt. Auch hätten bei den Gesprächen zwischen dem Zentralkomitee der SED und den arabischen Delegierten die Ostdeutschen immer wieder auf das Existenzrechts Israels verwiesen und sich gegen jede Art von Terror positioniert.47 Auch Heinz-Dieter Winter, ehemaliger Botschafter der DDR in Syrien und Jordanien sowie Leiter der Abteilung Naher und Mittlerer Osten, spricht sich in seiner Veröffentlichung Konfliktregion Naher und Mittlerer Osten (2005) gegen den Vorwurf aus, die DDR habe Terroristen unterstützt: „Richtig ist, daß die offiziellen Vertreter der DDR in ihren Kontakten mit der PLO und ihren Teilorganisationen sich immer gegen Terrorismus gewandt haben und terroristische Anschläge auf 44 Wolf, Markus: Spionagechef im geheimen Krieg. Erinnerungen, München 1997, S. 378. 45 Vgl. Reichardt, Achim: Nie vergessen – Solidarität üben!, Berlin 2006, S. 83 f. 46 Fischer, Bernd: Als Diplomat mit zwei Berufen. Die DDR-Aufklärung in der Dritten Welt, Berlin 2009, S. 33 f. 47 Vgl. Bator, Wolfgang: Die DDR im arabischen Raum, in: Bock, Siegfried/ Muth, Ingrid/Schwiesau, Hermann (Hrsg.): DDR-Außenpolitik im Rückspiegel. Diplomaten im Gespräch, Münster 2004, S. 275. 34 MatthIas Bengtson-Krallert: DIe DDr unD Der InternatIonale terrorIsMus Zivilbevölkerung oder zivile Objekte entschieden abgelehnt haben.“48 Winter weiter zum Umgang der DDR mit der Begrifflichkeit „Terrorismus“: „Nach dem Verständnis der DDR wie vieler anderer UNO-Mitglieder wurden allerdings bewaffnete Aktionen der von der UNO anerkannten Befreiungsorganisationen (ANC, SWAPO, PLO u. a.) gegen koloniale Unterdrückung und bewaffnete Okkupation, wenn sie sich gegen Militärs oder militärische Einrichtungen richteten, nicht als Terrorismus bezeichnet.“49 Günter Engmann kommt in seiner Veröffentlichung Spannungsherd Nahost – Kriege zwischen Israel und den Arabern (1984) zur gleichen Bewertung des militärischen Vorgehens der PLO: „Dieser Kampf war völlig gerechtfertigt. Er entsprach dem in der UNO- Charta verankerten Recht jedes Volkes auf Selbstbestimmung.“50 48 Winter, Heinz-Dieter: Konfliktregion Naher Osten und Mittlerer Osten, Berlin 2005, S. 18 f. 49 Ebd., S. 19. 50 Engmann, Günter: Spannungsherd Nahost Kriege zwischen Israel und den Arabern, Berlin 1984, S.48.

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References

Zusammenfassung

Die schon lange Zeit von westlichen Medien und Politikern vermutete Verbindung zwischen der DDR und dem internationalen Terrorismus wurde unmittelbar nach dem Mauerfall zu einer traurigen Gewissheit, deren tatsächliches Ausmaß selbst Experten überraschte. Doch der Kampf gegen den Imperialismus und die westliche Welt vereinte, und so unterstützte der SED-Staat nicht nur vermeintlich „fortschrittliche Kräfte“ oder „Befreiungsbewegungen“ wie die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO), sondern hatte auch Kontakt zu Terrorgrößen wie Wadi Haddad, Abu Daud, Abu Nidal oder dem international gesuchten Top-Terroristen „Carlos“.

Matthias Bengtson-Krallert beschreibt die engen Kontakte zwischen der DDR-Führung und den Terrorgruppen ihrer Zeit und bezieht dabei auch die Möglichkeiten einer terroristischen Mitverantwortung der DDR bei den West-Berliner Anschlägen auf das französische Kulturzentrum Maison de France (1983) und die Diskothek La Belle (1986) mit ein. Stimmt die These, wonach sich arabische und palästinensische „Terrorgäste“ ebenso wie deren Unterstützer einer ostdeutschen Hilfe stets sicher sein durften?