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Utopien und Umbrüche in:

Björn Hayer

Melancholie und Hoffnung, page 121 - 152

Essays zu Gesellschaft und Kultur

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3915-1, ISBN online: 978-3-8288-6661-4, https://doi.org/10.5771/9783828866614-121

Tectum, Baden-Baden
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121 Utopien und Umbrüche Saturns neue Kinder Was tut die Gegenwartskultur gegen die Krisen der Zeit? Sie ruft uns zu: Habt Mut zur Melancholie! In seinem Essayband „Unglücklich sein“ (2012) sagt der Philosoph Wilhelm Schmid eine „kommende Epoche der Melancholie“ voraus. Angesichts allgegenwärtiger Krisen scheint die Überforderungsgesellschaft offenbar am Abgrund angelangt zu sein. Wo „Burnout“ als stetiges Schreckensgespinst grassiert und der Staat im postnationalistischen Zeitalter mehr und mehr seine Visionen aufzugeben scheint, ist die Schwermut zur Signatur der Gegenwart geworden. Wilhelm Schmid, dessen Streitschrift sich vor allem gegen die „drohende Diktatur des Glücks“ der freudenbeschwipsten Ratgeberliteratur der letzten Jahre wendet, sieht in dieser Atmosphäre des Traurigseins allerdings keineswegs nur Ohnmacht und Aporie. Im Gegenteil: Wie schon die Romantiker wussten, liegen in dem verstimmten Typus Verzweiflung und Genie nah beieinander. Und auch die Gegenwartskultur scheint mitunter die produktive Qualität des in sich gekehrten Dauergrüblers zu entdecken. Selbstbewusst gehen Kunst, Literatur und Film dem dunklen Temperament auf den Grund und zeichnen dabei neue Kartografien ihrer Gegenwart. Wie geradezu bezaubernd Untergangsstimmung sein kann, zeigt Lars von Triers Weltepos „Melancholia“. Vor wagnerianischer Klangkulisse bebildert der Regisseur darin die scheiternde Hochzeit Justines (Kirsten Dunst) im Beisein ihrer Familie. Statt Euphorie beherrscht Depression die Braut, die sich den Feierlichkeiten samt ihrem Angetrauten entzieht. Dass nicht einmal mehr ihre lebenszugewandte Schwester Claire (Charlotte Gainsbourg) ihre verlorene Seele erreicht, hat einen Grund: Der mystische Planet „Melancholia“ steuert auf die Erde zu – für die gleichgültige Justine scheint dies im Gegensatz zu den anderen allerdings eher Erlösung als Katastrophe zu sein. Im hysterischen Gewimmel überzeugt deren traurige Anmut durch eine nicht zu unterschätzende Stärke: Immunität. Erweist sich die Melancholikerin als ein Kind ihrer Zeit, die offenbar keinerlei Versprechungen mehr hergibt, scheint sie an ihr nicht zugrunde zu gehen. Das Verkriechen in den Innenraum bewirkt, dass sich ein Schutzfilm gegen die äußere Tragik bildet. Die Schwarzmalerin mag letztlich zwar kein Vorbild für eine erfüllende Existenz sein, sie veranschaulicht aber, wie die Schwermut dazu verhelfen kann, die Krisen unserer Tage mit mehr Gelassenheit verwinden zu können – vielleicht weil selbst aus 122 der Apokalypse Neues hervorgeht. Bereits in seinen letzten Werken, insbesondere in „Antichrist“, thematisiert der zum Katholizismus konvertierte Regisseur immer wieder christlich-ikonografische Vexierbilder. Er sagte sogar einmal: „Alles in allem ist der Katholizismus für mich so etwas wie Wagner.“ – ein ekstatischer Opferkult in der Musik, den er in all den dunklen Frauenseelen seiner Filme der vergangenen Jahre durchexerziert, indem er diese als Märtyrerinnen aus dem Diesseits verweist. Die urchristliche Perspektive auf die Melancholie ist dem Filmemacher dabei stets bewusst. Mit der Melancholievokabel der „Acedia“ verbinden sich im Mittelalter Herzensträgheit, Antriebslosigkeit und damit Gottesferne. Wer sich in seiner Trauer verlor, galt demnach als Sünder. Im „Antichrist“ opfert der dominante Mann nach einem Machtkampf seine depressive Gefährtin. Gleichzeitig stirbt die Frau, die zudem immer wieder als Hexe dargestellt wird, nicht nur als Sünderin, sondern ebenso als eine Wissende. Sie weiß im Gegensatz zu ihrem Partner um die Wahrheit hinter dem verlorenen Paradies. Gleiches gilt für Justine, die als einzige die Gefahr der Kollision mit dem sich nähernden Planeten kommen sieht und ernst nimmt. Es ist die schwierige Balance zwischen Selbstfindung und Selbstlähmung, welche die Geschichte der Melancholie schon seit jeher in einen spannungsvollen Rahmen stellte. Nachdem sich das träge Gemüt bis ins 20. Jahrhundert hinein noch als Geisteshaltung behaupten konnte, entdeckte die Psychologie in ihm bald die Keimzellen von Krankheitsbildern. Dass die diffuse Traurigkeit – natürlich abgesehen von wirklich pathologischen Ausprägungen – aber auch längst dem Wesenskern des urbanen Menschen voll und ganz innewohnt, dokumentierte zuletzt die Ausstellung „Draußen im Dunkel“ (2013) im Frankfurter Museum für angewandte Kunst. Auch hier spürte man Schmids Prognose: Melancholie liegt allseits in der Luft – und insbesondere in der Mode: Unter den Installationen, die sich allesamt dem Wechselspiel zwischen Verdunkelung und Kleidung widmen, fällt das Video „Der Katalog“ von Julia Heuse ins Auge. Zu sehen ist ein Zimmer in Schwarz-Weiß-Ästhetik, in dessen Mittelpunkt ein verlassenes Mädchen steht. Aus den Modeutensilien an den Wänden, darunter Wolle, Nadeln und Stoffstücke ergibt sich ein Sammelsurium, das mittels Fäden im Raum zusammengehalten wird. Wo manch einer nur loses Stückwerk sieht, vermag der Melancholiker, dessen eigentliche Heimstätte seine Fantasie ist, nach Verbindungen zu suchen und die Vereinzelung der Dinge durch Gedankenkunst zu überwinden. Zu den Kindern des Saturns, jenem Patron aller Melancholiker, zu gehören, heißt auch über eine besondere Sensibilität zu verfügen, Seismograf für kleinste Erschütterungen und Instabilitäten zu sein. Davon zeugt ebenso die ganze zwei Wände beanspruchende Galerie mit Aufnahmen eines von den Gründerinnen des Rodarte-Labels gestalteten Modemagazins. Naturbilder wie das eines einsamen Bären in der kahlen Gebirgssteppe gesellen sich beispielsweise zu einem Porträt einer Dame in rotem Abendkleid, welche dahinsinnend seitlich ins Leere schaut. 123 Jener geschulte Blick für die Unwägbarkeiten könnte in einer Epoche allgegenwärtiger Reizüberflutung von großer Bewandtnis sein. Indem der auf Negativität und Verfinsterung gepolte Melancholiker schon minimale Fehlentwicklungen erkennt, leistet er gerade für krisengebeutelte Gesellschaften einen wichtigen Dienst. Er lehrt uns nicht nur, wie wir uns dagegen verwahren, sondern auch das hellsichtige Gespür, sie frühzeitig zu bemerken. Man könnte auch mit den Worten des Theologen Romano Guardini sagen: „Der Schwermütige hat wohl die tiefste Beziehung zur Fülle des Daseins. Ihm leuchtet heller die Farbigkeit der Welt; ihm tönt inner die Süße des inneren Klanges.“ (Vom Sinn der Schwermut, 1963). Wo wir uns heute allzu oft im Klein-Klein des Alltags verlieren, hat er ein Gespür für das Absolute, das Ganze und möglicherweise auch für das Göttliche. Die Kunst, die dafür augenscheinlich ein Medium bietet, liefert uns das traurige Temperament zugegebenermaßen nicht mehr im Spiegel des Geniekults des 19. Jahrhunderts dafür hingegen als einen offenen Reflexionsraum. Indem sie uns existenzielle Erfahrungen wie Finsternis und Einsamkeit vor Augen führt, wird auch das Licht erahnbar, in jenem wir uns selbst besser erkennen können. Die Literatur der letzten Jahre, darunter Werke von jungen Autoren wie Dorothee Elmiger, Marcel Maas bis hin zu Friederike Mayröcker oder Elfriede Jelinek, berichten eindrucksvoll vom neuen Gefallen an den dunklen Seelentiefen. Besonders sticht daraus Marion Poschmann hervor. Wendet sie sich bereits in ihrer Hundenovelle (2010) einer Stadtneurotikerin zu, die in verwitterte Brachflächen abseits der Plattensiedlung eine melancholische Seelenlandschaft hineinprojiziert, erzählt auch ihr just gefeierter Roman „Sonnenposition“ erneut von der schwermütigen Natur des Menschen. Nachdem ihr Protagonist Altfried Janich tagsüber als Psychiater seinen Patienten ihre dunkelsten Geheimnisse entlockt, wandelt der Somnambul des Nachts durch luzide Traumlandschaften. Die Anstalt, ein umfunktioniertes Barockschloss in der ostdeutschen Provinz, wirkt dabei wie eine aus der Zeit gefallene Kapsel. Indem sich darin Erinnerungsbilder des Protagonisten mit den Geschichten der Patienten zu einem poetischen Trancezustand vermischen, fallen Realität und Fiktion, Vergangenheit und Gegenwart zu einem poetischen Kosmos ineinander. Was ihn an seiner Zerrissenheit nicht verzweifeln lässt, scheint eben dieser Reichtum an innerer Existenz zu sein, die Poschmann im Kokon der Erzählung zu bewahren weiß. Nur mittels Sprache erfüllt sich letztlich dessen „Wunsch, sich in dieser Gegend zu entpositionieren“, sprich der faktischen Wirklichkeit eine zweite, vielleicht sogar sinnstiftendere zur Seite zu stellen. Auch Friederike Mayröckers 2012 erschienene Prosaschrift „Ich sitze nur so GRAUSAM da“ erschließt die Wirklichkeit in einer ganz eigenen Poesie des Tagebuchstils. Satzfragmente, Assoziationsketten und filigrane Momentaufnahmen zeichnen die Spuren einer vergangenen Liebe, eines einstigen Du nach. Von Krankheiten aus der inneren Balance geworfen, bemüht sich die Erzählerin, der inwendigen Vergangenheit mit dem aus dem Leben geschiedenen Ely, 124 erinnernd an ihren verstorbenen Lebensgefährten und den Dichter Ernst Jandl, gewahr zu werden. In den „Ruinen meines Gedächtnisses“ fußt ihr Dasein, das sie in der Gegenwart, jenem „(melancholischen) Zustand des Welkens“ nur im Schreiben erhalten kann. Denn das Gießen in Worte fördert Verstehen, zeugt von Bewegung und Erkenntnis. Das Instrumentarium der Sprache verhilft, die Unordnung der Gedanken so zu strukturieren, dass sie ihrer lähmenden Wirkung beraubt ist. Es setzt die Scherben, vor denen der Verzweifelte hilflos sitzt wieder zusammen und lässt vielleicht im besten Sinne etwas Neues daraus entstehen. Dafür erscheint der Gang durch ein Jammertal der Tränen, durch Finsternis und Abgründe zuvor oftmals kaum umgänglich. Aber gerade die Erfahrung tiefster Zerrüttung macht den Menschen und vor allem auch den Christen stark. Nachdem Letzterer dem Leiden in der Welt gewahr geworden ist, vermag er, sich diesem zu stellen. So konstatiert auch der Psychologe Arnold Retzer in seinem Buch „Miese Stimmung“ (2012), das sich ähnlich wie Schmids Essay gegen die allgegenwärtige Glückseuphorie wendet: „Der Weg durch die Angst hindurch, nicht der Weg von der Angst weg, ist der Weg der Kreativität“ und damit die vielversprechendste Wappnung für die rapiden Entwicklungen in unserem Alltag. Ob Film, Bilder oder Literatur – all diese künstlerischen Gebiete charakterisieren den Melancholiker als Antikrisentyp unserer Tage. Ohne auf die kurze Haltbarkeit politischer Lösungen einer ohnehin geschwächten Politik im Angesicht internationaler Umwälzungen zu hoffen, ermöglicht er Kontemplation und Inspiration. Sehen wir in dessen unentwegter Nachdenklichkeit nicht die Anlagen des Taugenichtses, sondern ein kreatives Potenzial, um die Welt in neuem Lichte zu betrachten, dann kommen wir vielleicht in den Genuss einer heilsamen keineswegs zerstörerischen Melancholie. Die Kunst vermittelt uns, um es mit Stefan George zu sagen, einen produktiven Umgang mit der Schwermut: „Suche und trage / Und über das leid / Siege das lied!“ In Letzterem schimmert die großartige Möglichkeit auf, uns durch den Prozess der Erschließung eines Textes oder Bildes schwermütiger Bildung nicht nur besser zu verstehen, sondern in der darin angelegten Ruhe und Meditation ein Refugium der Einkehr zu entdecken. Diese Stille kann im besten Fall heilsam wirken. Und was kann Melancholie schon mehr leisten als das schönste und wahrste Therapeutikum überhaupt zu sein? 125 Dürfen wir uns wieder wundern? Über das mirakulöse Ende einer Epoche und die neue Liebe zur Überschreitung in der jüngsten deutschsprachigen Literatur Als Goethe 1827 noch in der Letztfassung seines „Zauberlehrlings“ die Geister beschwor, die seinen Jungmagier in der Ballade nicht mehr loslassen sollten, konnte er wohl kaum erahnen, dass ein Jahrhundert der Entzauberung unmittelbar bevorstehen sollte. Auf den romantischen Glauben an das Unsichtbare folgte schon bald die Vergöttlichung objektiver Beweisführung. Denn im zwanzigsten Jahrhundert ist nur wenig Platz für das Wundersame. Die neuen Götzen tragen den Namen des technischen Fortschritts. Dass die Verehrung der maschinellen Zeugungskraft nicht zuletzt auch Pate für die unermesslichen Kriegskatastrophen eben jenes innovationsbesessenen Jahrhunderts stand, ist wohl bekannt. Und dennoch konnte sich der nahezu ungebremste Reiz am Maschinellen bis in die Postmoderne erhalten – wenn auch mit den immer selben, aber stets wenig beachteten sogenannten „Risikofolgenabschätzungen“ oder den Fragen über die Konkurrenz zwischen technischer und menschlicher Natur. Was interessieren auch schon solche philosophischen Salondiskussionen, wenn doch der Fortschritt so verführerisch jeden Abend zur Fernseh-Prime-Time in unseren tiefsten Privatraum reicht. Und was nutzen Debatten über die Willensfreiheit, wenn doch Apparaturen und Messungen die absolute Weisheit ohnehin schon im Vorfeld errechnet haben? Man wird wohl nicht bestreiten können, dass die neue, digitale Welt zu allem und für jeden eine passende Antwort bereithält. Wissen gibt es im Überfluss. Und tut sich tatsächlich eine Leerstelle auf, so werden Erklärungen direkt von göttlichen Weisheitsproduzenten wie „Wikipedia.de“ oder „Google.de“ gefüllt. Der spielfreudige Mensch kann derweil per Mausklick problemlos neue Identitäten kreieren. Alles ist machbar, nichts unmöglich – mit der richtigen Technik versteht sich. Was die Wirklichkeit so schleichend revolutionierte, machte auch vor der Kunst nicht halt: Als vor allem postmoderne Autoren in rebellischen Jubelekstasen den Möglichkeitsraum der neuen Medien und die damit verbundene Verlebendigung des Leblosen besangen, war der letzte Schritt nicht mehr weit: die Verschmelzung aus Mensch und Maschine. Seitdem tingeln Begriffe wie Humanoide, Cyborgs und Biokybernetik durch Alltagswelt und Wissenschaft. Und der Geist? Eine antiquierte Idee von vorgestern? Wohl kaum. Denn die Zeichen der Zeit stehen auf Wende. Zwar ist unklar, was wohl auf die eigentlich für tot erklärte, aber immer noch nachwirkende Postmoderne folgen soll, aber bestimmt nicht, soviel lässt sich sagen, eine Art Post-Postmoderne. Im Gegenteil: Autorengrößen wie Sibylle Lewitscharoff, Peter Handke, Botho Strauß und 126 sogar einer der letzten Grand Seigneurs der deutschen Literatur Martin Walser erschreiben derzeit neue Universen des Wundersamen. Sie suchen in ihren literarischen Novitäten einen Ort jenseits des Heiligtums von Technik, Objektivität und Berechenbarkeit auszuloten. Angestrebt wird das Vage, Uneinlösbare und Rätselhafte. Beinah wie eine bloße Zufälligkeit unterläuft etwa einer nicht näher bestimmten Frau in der Geschichte „Verkennung“, ein Text aus einem Konvolut mit gesammelten Erzählungen von Botho Strauß (2009), ein geradezu schicksalhafter Irrtum. Nach einem Streit mit ihrem Ehemann wandert sie „durch die Felder, auf dem Plattenweg von Gölßen zum Wald hin“. Auf dieser weiten Flur ereignet sich sodann das Unglaubliche: Als sie den Ich-Erzähler über weite Distanzen erblickt, stürzt sie im Glauben, ihren Ehemann zu erblicken, auf ihn zu: „Sie wollte, sie mußte mich umarmen und mich bis zuletzt verkennen.“ Sie erzählt von ihrem Beziehungskonflikt und windet sich in den Erinnerungen, bis die Realität gänzlich in einen Traumhorizont überführt ist: „Mit einem einzigen Augenaufschlag sah sie mich an, so dass ich niemand anderes als ihr Mann sein konnte […] Ihre Hände umgriffen meinen Nacken, wir küssten uns und gingen schnell auseinander.“ Was mag hier passiert sein? Wer befindet sich hier im Trugschluss über die eigene Wirklichkeit? Unklar bleibt, ob vielleicht nicht sogar der Mann seinen persönlichen Status des Ehegatten kurzzeitig außer Acht gelassen hat oder ob es sich einfach um einen fremden Seelenverwandten zur richtigen Zeit am richtigen Ort handelt? An diesen für Strauß geradezu typisch subtilen Verschiebungsprozessen von scheinbarer Gewissheit zum reinen Vorstellungsspiel zeigt sich, dass Kategorien der Rationalität oder Plausibilität ihre Bedeutungen einbüßen. Denn indem die Frau mit dem Erzähler die Übereinkunft zur Beilegung eines nicht mit ihm ausgetragenen Konflikts eingeht, formuliert die Geschichte ein Gleichnis auf einen Möglichkeitssinn. Die Zusammenkunft der beiden könnte so auf eine bevorstehende Wiederherstellung einer verlorenen Ordnung verweisen, die sich konkret in der erneuten Annäherung zu ihrem Mann veranschaulichen könnte. Botho Strauß’ Erzählung impliziert die ersehnte Chance, die Ebene der gegenständlichen Realität zu überschreiten. Das Potenzielle schleicht sich in die Wirklichkeit ein, es verlockt den Suchenden durch latente Lichtstrahlen hinter bislang verschlossen geglaubte Türen. Dass die Fantasie der Gegenwartsliteraten auf einen anderen Raum zustrebt, gibt in ähnlicher Weise Peter Handkes bei den Salzburger Festspielen 2011 uraufgeführtes Theaterstück „Immer noch Sturm“ zu erkennen. Unterdrückt von Redeverbot und Ausgrenzungsstrategie der Nazi-Diktatur und gesellschaftlicher Ächtung in den Nachkriegsjahren, flüchtet sich der Protagonist in erheiternde Traumséancen. Er imaginiert sich in die heile Welt seiner Vorfahren. Indem er sich so der Gegenwart entrückt, ergeht sich der nostalgische Eskapismus in einer neuen Subjektivität. Hinzu kommt die entgrenzende Macht des 127 Religiösen. Empirische Tektoniken drohen zu erodieren, wenn bizarre Gestalten aus dem Innersten menschlicher Vorstellungen emporsteigen. So entspinnen die 2010 erschienenen, mirakulös verklärten Gedichte der Huchelpreisträgerin Marion Poschmann einen mythischen Grund: In „Geistersehen“ scheinen Goethes fantasmatische Erben geradezu wieder neu und in verwegener Nebulösität zu erblühen. „Spiegelbilder“ durchziehen die labyrinthischen Sprachpal- äste; das lyrische Ich vermeint „eine Unschärfe um uns wissend, Schwärme von Vorgängen“ zu spüren. Und zwischen „Dämmerkleid“ und sagenhaften „Glücksfunde[n]“ sind die „Götter, flach aufgezogen über den ganzen Himmel“. Versucht man dieser luziden Atmosphäre des Ungreifbaren eine Richtung zu entlocken, so weisen eben erwähnte Götter auf ein religiöses Schimmern am fernen Horizont. In der Tat: Für eine Utopie zu wenig, aber für die Realität zweifelsohne zu viel. Transzendenzliebe liegt in der Luft. Dass schließlich Martin Walser wohl so ziemlich alles verkörpert, was die Beliebigkeitspostmoderne nicht sein möchte, dürfte keine Neuigkeit sein. Insbesondere sein Spätwerk mit „Mein Jenseits“ (2010) und aktuell mit „Muttersohn“ (2011) stimmt in das Konzert des sich ausbreitenden Mirakulismus ein. In einem von Arte 2011 aufgezeichneten Interview mit Thea Dorn entwirft er einen „Jenseitszustand, durch den das Diesseits erträglicher ist“. So ginge es in diesem Rückzugsraum um eine geheimnisvolle „Tendenz, die du nicht regieren kannst“. Statt in der irdischen Welt mit all ihrer Rationalisierungswucht zu verharren, erschreibt Walser das Irreale: „Glaube ist Berge besteigen, die es nicht gibt“. Und wer vermutet, all dies verbliebe nur in vagen Wortklaubereien, wird spätestens durch „Muttersohn“ gänzlich eines besseren belehrt. Hier stilisiert der Großmeister der deutschen Gegenwartsliteratur den Pfleger einer am Bodensee angesiedelten Psychiatrie zum schillernden Nachfolger Jesu. Von den Patienten geliebt und gehuldigt, steckt in ihm jedoch nicht die anachronistische Renaissance biblischer Figuren. Dass Glaube mehr ausdrückt, als eine Verpflichtung gegenüber Christentum und Evangelium, präzisiert Walser erneut in einer romantischen Botschaft: „Glauben heißt die Welt so schön machen, wie sie nicht ist.“ Den Autor reizen nicht die Dogmen oder die Verheißung eines unverrückbaren Wertekanons, ihn motiviert, den Glauben als eigene Kunstform zu begreifen. Wenn Fichte in seiner „Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre“ gegen Ende des 18. Jahrhunderts von der „Ich-Philosophie“ spricht und Schleiermacher das Unendliche im Glauben als Ausgangspunkt für die Fülle der Fantasie bedienenden Kunstreligion hält, dürfte Walsers künstlerischer Vorstoß zwar darin seine Vorbildlichkeit finden. Dennoch gehen seine späten Texte über altherrenhafte Romantizismen oder bloße Todesreflexionen hinaus. Nein, hier wird ein neuer Garten bestellt, hier wird in die Zukunft gedacht. Eine Frage aber drängt sich bei alledem immer wieder auf: Wieso kommt die neue Lust am Wundern wohl zur jetzigen Zeit? Vielleicht weil die Ruinen von Moderne und Postmoderne keinen Nährboden mehr zu liefern scheinen, auf 128 dem Utopien gedeihen können. In Zeiten der Europakrise und dem sich ausdehnenden Gefühl, abstrakten, globalen Entwicklungen nicht mehr Herr zu sein, ist keine Sehnsucht so existenziell geworden wie jene nach einer neuen Utopie. Ich gestehe: Der Mirakulismus von Lewitscharoff, Walser, Strauß, Handke und anderen Gegenwartsliteraten gibt keine umfassenden Antworten, und schon gar keine auf politische Schwierigkeiten. Aber sein programmatischer Ansatz ist der freigeistige Ausdruck eines längst überfälligen Epochenumbruchs. Die Deutungshoheit über Realität und das, was wir noch so schön nostalgisch als ‚unseren Lebensraum‘ bezeichnen, wird nicht mehr allein technischen oder digitalen Wirklichkeitsimitationen überlassen bleiben. Vorgefertigte Bilder und Parallelwelten unserer Medienzeit sind zwar raffiniert und strahlen fraglos einen kurzfristigen Reiz aus. Aber ist dieser von Dauer? Arkadien hingegen, wie Goethe es sich einst in seiner „Italienischen Reise“ erträumte, entstammt dem Denken selbst. Paradiesisch soll es gewesen sein und von unbegrenzter Schönheit. Heute bepflanzt eine neue Künstlergeneration ihre Gärten, erschafft sich eigene Wunderstätten. Sie zelebriert dabei frohen Mutes das Unsichtbare, wo Geisteskraft das Bild ersetzt. Die Welt wird grenzenlos und die virtuosesten unter unseren Schriftstellern sind gerade dabei, ihre Ränder neu zu bestimmen. Dies gilt im Besonderen auch für die Nachwuchsautoren, die ein weites symbolisches Universum erobern, um im Hier und Heute die mögliche Wende aufzuzeigen. Schon die Vorstellung eines fließenden Gewässers vermag ein transzendierendes Moment aufzuzeigen: Kann die Suche nach einem Fluss mit dem mythisch klingenden Namen Buenaventura zum Politikum werden? Und wie welthaltig kann eine Gegenwartsliteratur sein, die in ihrem künstlerischen Nukleus alle Vorzeichen des bewährten Realismus möglichst zu umgehen versucht? Dorothee Elmigers Debüt „Einladung an die Waghalsigen“ (2010) über die Geschichte zweier Schwestern, die in einem Wüstensektor am Ende der Welt den Entschluss fassen, alles hinter sich zu lassen und den Spuren eines längst vergessenen Gewässers folgen, besitzt die auratische Kraft zum Generationenroman. Er entwirft die Parabel über eine Jugend im Aufbruch in Zeiten der Dunkelheit und Aporie. Von ähnlichen Grenzüberschreitungen berichtet ebenso der zweite Roman der Kelag-Preisträgerin „Schlafgänger“ (2013). Philosophisch verlieren sich darin Lebenskünstler und allerhand skurrile Gestalten in Gesprächen über das Reisen und das Übersetzen. Was als bislang geografisch weit voneinander entfernt galt, wächst im Erzählen zusammen. Ohne angesichts der großen wirtschaftlichen und sozialen Erschütterungen der Gegenwart in Resignation zu verfallen, geht von der jüngeren, deutschen Gegenwartliteratur – Elmiger mag hierfür lediglich ein Aushängeschild sein – ein utopischer Impuls aus. In ihren Werken stimmen die jungen Wilden den Abgesang auf postmoderne Beliebigkeit an, die nicht mehr den tristen Überbau liefert, sondern vielmehr als trocken zu legender Morast in Erscheinung tritt. Sind es in Elmigers Erstling die rußigen Kohlenschächte unterhalb einer einstigen 129 Industrieregion, die dem Land darüber alles Leben entzogen haben, ist es in Marcel Maas’ Prosa-Set „Play. Repeat.“ (2010) die posthistorische Großstadt, die alles Dasein in eine künstliche Lichterkulisse verkehrt. Auch die darin verhandelte Flucht einer Gruppe juveniler Partynomaden aus dem Netz von Drogen, Alkohol und modernen Medien in die freie Natur zeigt ein ähnliches Szenario. Immer sind es die verzweifelten Herumtreiber, kaum im Erwachsenenalter, die der Blochschen Vorstellung des Schimmerns von Heimat in der Ferne nachgehen. Der Ausgangspunkt der heutigen Jugend ist dabei zumeist der Pessimismus, ihre Bewegung aber eine mutige Expedition ins Unbekannte. Am Horizont erstrahlt die Möglichkeit einer neuen Form für Existenz und Literatur gleichermaßen. Denn die luziden Versuche der Welteroberung ringen dabei stets um den Glutkern einer eigenen Sprache. Die künstlerische Autonomie feiernd, ergehen sich Aufrührer unter den Ü30-Autoren oftmals in peinturistischen Wortmalereien. Fee Karin Kanzlers funkelnde „Weltsinfonie“ und Debütroman „Die Schüchternheit der Pflaume“ (2012) erzählt von „Orangenklängen“, „Korianderparfum“, bildet synästhetische Wahrnehmungsfeuerwerke und spielt den Blues einer neuen Subjektivität. Im Zentrum steht eine pubertäre Nachwuchsmusikerin im Liebestaumel. Zwischen Bandproben und Tagträumen berichtet sie von ihrer Sehnsucht nach dem geheimnisvollen „Intimus“ und Traumprinzen Fender. Dass die sanfte Melancholie von Kanzlers Heldin stets aufs Neue in romantische Untergänge und Wiederauferstehungen in Tanznächten und Musik mündet, versteht sich als Volte gegenüber eines zermürbenden, ja visionslosen Außenkosmos. Wenn die Welt einzustürzen droht, Träume nur noch als Chimäre erahnbar werden, gewinnt das Ich in seiner Trauer um den Verlust an Bedeutung. Wohingegen mancher rebellisch neuen Ordnungen entgegensinniert, flüchten andere ins Schneckenhaus. So schreibt sich auch Saskia Hennig von Lange in ihrer Novelle „Alles, was draußen ist“ (2012) in den dunklen Seelenraum eines Schwermütigen ein. Ohne einen Kontakt zu den Menschen von außerhalb schließt sich der an einem Gehirntumor im Endstadium erkrankte Ich-Erzähler in seinem Anatomiemuseum ein, das er Jahre zuvor erworben hat. Im Schädelzimmer, umgeben von einer plastinierten Frauenleiche und Todesmasken, bringt er seine letzte Zeit buchstäblich mit dem Tod zu. Eine gescheiterte Liebe und die schwierigen Verhältnisse im Elternhaus treiben ihn einst in jenes morbide Refugium, das er in seinen Notaten nochmals für den Leser öffnet. Lotet das Buch allein dessen Gedankengänge in der Enge aus, wird die Einkehr in den egozentrischen Erzählraum zur poetischen Existenzmöglichkeit – eine magische Zone, wo die Sprache von heute mit jener voriger Generationen – anwesend in Form der Museumsrelikte – Brücken zu schlagen scheint: „Und wenn ich mit dieser Sprache, die ja letztlich meine nicht ist, etwas herstelle, das zuvor noch nicht da war oder noch nicht genau so, dann verwandele ich mit diesem Hergestellt-haben eines Gedankens diese mir zuvor fremde Sprache 130 doch in meine eigene […] Und indem diese Sprache dann eine solche Wirklichkeit schafft, dann birgt ein derartiges Schreiben letztlich auch etwas Politisches“, so die Autorin (Literaturzeitschrift „Allmende“). Das Museum des Ich-Erzählers ist ein Sinnbild für einen in sich geschlossenen Kosmos der Selbstverwahrung und -behauptung. Er erinnert in seiner klaustrophobischen Gestaltwerdung zwar an die beklemmenden Raumformationen Thomas Bernhards. Allerdings gebieten vier Wände ebenfalls Schutz vor dem unberechenbaren Terrain vague vor der Haustür. Während das gesellschaftliche Leben Anpassung, Effizienz und Leistungsbereitschaft einfordert, hält dieser Melancholiker an Objekten der Zeitlosigkeit fest. Der Todeskult grenzt an Selbstnegation und ist zugleich der Versuch, ein Sandkorn von Ewigkeit im dahinwehenden Strom unserer Gegenwart einzufangen. Mögen Kanzlers und Hennig von Langes einsame Gedankenflaneure damit zunächst der Gefahr eines Identitätsverlustes ausgesetzt sein, erweisen sich ihre Konzentrationen auf das eigene Selbst auf den zweiten Blick vielmehr als Therapeutika gegen einer von Dynamisierung und Entfremdung gekennzeichneten Außenwelt. Der Typus des Schwermütigen rettet sich in einen anarchischen Denkraum, einen krisensicheren Kokon. Er bewahrt seine Seele als sicheren Schatz, liefert sich keinem Zeitgeist aus, und bleibt damit völlig autonom. Gleiches gilt für den Utopisten: Er ist der Widerstandskämpfer par excellence. Gleichnishaft wenden sich heranwachsende, literarische Weltenbezwinger, darunter neben Maas und Elmiger auch Andreas Stichmann oder Ann Cotten, gegen eine biedere Basta- Gegenwart. Krisen über Krisen, Klimakollaps, Marktzusammenbrüche, Jugendarbeitslosigkeit in weiten Teilen Europas, geplatzte Träume, verhinderte Biografien. Und dies alles und was daraus folgt, so fragen sie, soll alternativlos sein? Eine emphatische wie politische Literatur muss den Mut zur Erneuerung und zur tatsächlichen Vertiefung aufbringen. Beides bedingt einander, sodass Melancholie nicht als Ende, sondern oftmals erst als Beginn jeder Utopie gedacht werden muss. Die jungen Wilden wählen die Mittel der Fantasie, um ihren Visionen Gestalt zu geben. Ihre Energie droht dabei keineswegs ein Umsturz ins Leere zu werden. Im Gegenteil: Sie mahnen gerade dazu, die Schöpfung und die Umwelt zu achten, damit auch die Menschen von morgen Chancen haben werden. Seien es etwa die digitalen Medien oder politische Altlasten der Elterngeneration – einzig im Erbauen neuer Sprachräume wird ein Neubeginn möglich sein. Ein Land, wo Gegenstände noch keine Namen besitzen, Worte noch rein, unerobert und wundersam schillernd sein sollen, zu diesem Ort gilt es aufzubrechen. Die alten Karten sind passé, neue Horizonte zehren an der Sehnsucht der Aufbrechenden. Schenken wir dem Trommelwirbel und der Passion kreativer Freidenker unsere Aufmerksamkeit! Dann können wir unmittelbar und voller Bewunderung erleben, wie die Welt neu vermessen wird. 131 Poesien der Verwandlung Mit ihrem Essayband „Und ich fragte den Vogel“ weist Silke Scheuermann der Gegenwartslyrik den Weg zum utopischen Denken Für Ernst Bloch macht die Kunst das Offene und Prozesshafte aus. Aus ihr entwindet sich der Vorschein des Künftigen, des Noch-Nicht-Gewordenen. Wer sich an den letzten Gedichtband der 1973 in Karlsruhe geborenen Silke Scheuermann erinnert, mag die Schönheit utopischen Denkens nachvollziehen können: Es ist die Rede von der „zweiten Schöpfung“, von ausgestorbenen Tieren der Urzeit, die wiederauferstehen. Führen uns Klimawandel, IS-Terror, Flüchtlingsdrama und sich verhärtende Fronten zwischen Osten und Westen tagtäglich die vermeintliche Begrenzung unserer Möglichkeiten vor Augen, vermag uns die Kunst der Droste- und Hölty-Preisträgerin offenbar ein neues Sehen zu vermitteln. ‚Möglichkeitsdenken Musilscher Provenienz‘ lautet das Stichwort einer jungen Lyrik, deren Geist Scheuermann in ihrem Essayband „Und ich fragte den Vogel. Lyrische Momente“ umreißt. Man liest dieses wunderbare Kompendium nicht als Manifest und doch wohnt ihm der proklamatorische Impuls inne, das Gedicht als das kraftvolle Medium zur Veränderung zu lesen – wenn vielleicht nicht sogleich die äußere, dann aber in jedem Fall die innere Welt. Dass man diesem Werk keinerlei didaktischen Übermut unterstellen kann, liegt an seiner Form. Statt Prophetie betreibt sie feinsinnige Interpretationskunst – und dies auf hohem Niveau: Wir rezipieren souverän intonierte Etüden über Nelly Sachs‘ jüdische Mystik, Carl Zuckmayers Oszillationen zwischen „Skepsis und Hoffnung“ im Angesicht des Faschismus oder über Friederike Mayröckers Existenz in Sprachbildern. Mit Hochachtung schreibt Scheuermann Letzterer zu, was zugleich ihre eigenen Essays charakterisiert: „Diese Dichterin operiert fortwährend dicht am eigenen Herzen“. Ja, wir vernehmen in diesem Deutungspotpourri, wie sich auch Scheuermann öffnet und einen vitalen Sound der Hingabe anstimmt. Eine besondere Bewunderung gilt dabei der sich bereits im Alter von 31 Jahren suizidierten Sylvia Plath. Indem sie eine Begegnung der US-Lyrikerin mit einem Tätowierer beschreibt, welche sich über mehrere Denkschritte in deren Text „Rand“ niederschlägt, vollzieht Scheuermann die Entwicklungsgeschichte ihres eigenen Gedichts „Der Tätowierte“ nach. Förmlich entstehen auf der Haut innere Landschaften mit Nixen, Kolibris und zukunftsfreudigen Kindern. Der Blick des lyrischen Ich auf den mit Bildern versehenen Anderen ruft ein Fantasiereich auf. Aus dem Miteinander geht intersubjektive Vervollkommnung hervor: „Wir bewegten uns/wir tätowierten uns/gegenseitig“. Zur Autorin gehört 132 also unabdingbar die Leserin Scheuermann, die nun zur Anwältin der poetischen Utopie avanciert. „Das Schreiben erscheint mir als eine perfekte Metapher für das, was ich im Sinn habe, wenn ich – ausgehend von Sylvia Plath – vom Schreiben als dem ‚Traum, einen anderen Körper zu haben‘, spreche.“ Das Gedicht muss also „einen Raum herstellen, in dem etwas geschieht, in dem das Ich sich bewegen, in dem es sehen kann. Dann sind Gedichte betretbare Bilder. So lese ich Lyrik, das ist mein Kriterium: Zeigt mir jenes Gedicht, wie ich in der Sprache sehen kann?“ Die Dichterin stellt sich damit sichtlich in die Tradition Rainer Maria Rilkes, dessen Lyrik von einem magisch-intuitiven Sehen zeugt. Seine Welt Ist nicht, sondern Wird, indem das Sehen zugleich Verzauberung bedeutet. Jedes Ding – ob Marienbild oder Apoll-Statue – wird im Inneren des erkennenden Ichs zu etwas Neuem. Diese Verschiebungen und Umformungen aufzuzeigen, die sich über alle Gesetze einer tristen Wirklichkeit hinwegsetzen, ist die künstlerische Ambition des noch immer bewunderten Jahrhundertwende-Autors. Die Kraft der Poesie macht alles Unmögliche möglich, indem sie es schlichtweg sprachlich realisiert. In seinen Duineser Elegien führt Rilke sein Programm in einem einzigen Vers eng: „Leben geht hin mit Verwandlung.“ Anhand von Gertrud Kolmars „Verwandlungen“, Inger Christensens lyrischen Paradiessuchen oder Helga Novaks geheimen Idyllen ihrer Liebesgedichte zeichnet Scheuermann eine Poetik der Metamorphosen nach. Darin fußt jene Utopie, an welcher es unserer Gegenwart mangelt: Den noch nicht gelungenen Wandel auszusprechen und dadurch in die Welt zu setzen, eben das ganz Große zu denken, ohne es sofort als Hirnspinnerei abzutun. Dem politischen Pragmatismus sowie dem monolithischen Sermon von der Alternativlosigkeit der Entscheidungen stellt Scheuermann einen Kunstbegriff gegenüber, der wieder den Mut zum Umdenken stärkt. Sie beschwört das „uralte Paradox der Dichtung […], das Unendliche zu zeigen – im Augenblick“ herauf, um uns das Licht in einer von Unsicherheit und Dunkelheit gezeichneten Gegenwart zu weisen. Entstanden ist ein gesellschaftliches Loblied auf die Lyrik. Selten zuvor waren Gedichte unterschiedlichster Autoren so stark von transzendierender Schubkraft durchdrungen wie in den letzten Jahren. Trotz und vielleicht gerade wegen der Legitimationskrise der Lyrik tasten sich WortkünstlerInnen wie Esther Kinsky („Aufbruch nach Patagonien“), Marion Poschmann („Geistersehen“) oder Julian Schutting („Der Schwan“) in vage Zwischenräume vor, indem sie das Konjunktivische mit der Wirklichkeit verweben. Dazu gehört auch eine auf den ersten Blick selbstzerstörerische Melancholie. Wenn wir etwa Nadja Küchenmeisters graziös-traurige Miniaturen „Unter dem Wacholder“ lesen, mögen wir zwar im ersten Moment Gefühle der Verzweiflung verspüren. Doch insbesondere im nostalgischen Erinnern, ja im Bewusstsein des schmerzlichen Verlusts scheint gemäß Ernst Bloch das Unausgegorene und Unabgegoltene 133 durch. Utopie entspringt ihm zufolge nie dem luftleeren Raum. Vielmehr denkt sie die nicht bewältigte Vergangenheit fort. Man könnte gar behaupten, dass der Schwermütige in ganz besonderer Weise zu mentalen Grenzüberschreitungen begabt ist. Schließlich weiß der Grübler genau, woran es der Welt fehlt und worin ihre Heilung bestehen könnte. Gleichzeitig offenbart sich bei aller Bewegung nach vorn und in die Windungen der Melancholie ebenfalls die erhaltende Funktion der Poesie, wie Scheuermann am Beispiel von Ursula Krechel hervorhebt. In dem Band „Stimmen aus dem harten Kern“ ruft die Trägerin des Deutschen Buchpreises vom Peloponnesischen Krieg bis zum Irakeinsatz ein polyphones Konzert aus Konflikten der Weltgeschichte auf und schält dadurch den überzeitlichen Kern von Gewalt und Zerstörung heraus. „Aufschreiben ist Bewahren, Aufsplittern ist Genauigkeit, Genauigkeit bedeutet Gelingen, so mag das poetische Programm dieser Dichterin lauten“, informiert Scheuermanns Resümee. Indem sich Letztere in einem Netz von Traditionen verwebt, gelingt ihr weitaus mehr als eine bloße Selbstverortung. Sie steckt ab, was Literatur und in entscheidendem Maße Lyrik ausmacht: Die Beweglichkeit in der Amivalenz, das Changieren zwischen Widersprüchen – die Quintessenzen des Möglichkeitsdenkens überhaupt. Wir haben es mit einer Entdeckerin des wahrhaftigen Tons, einer Verfechterin der Schönheit zu tun, die gerade in einer allzu ironieversessenen Zeit ein Gegenmodell der Aufrichtigkeit verspricht. Hinzu kommt ihr Wert für eine erneuernde Sprachkunst, welche sich derzeit zwar Raum bahnt, aber noch nicht in solcher Klarheit benannt worden ist. „Man kann sich die Arbeit eines Schriftstellers vielleicht als den Versuch vorstellen, seinem inneren Buch Gestalt zu geben, weil man es bisher nirgends gefunden hat.“ Sicher ist jedenfalls: Mit diesem verheißungsvollen Werk ist Scheuermann und sind auch wir diesem Geheimnis einen gewaltigen Schritt näher gekommen. Die manieristische Löwendompteurin Den Realismus gibt es nur, um ihn zu brechen: Die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff holt das göttliche Mirakulum in die Literatur Das Wunder ereignet sich in einer für Hans Blumenberg üblichen Arbeitsnacht. Gerade, als er hinter seinem Schreibtisch die Kassette seines Aufnahmegeräts wechseln möchte, geschieht das Ungeheuerliche und Unbegreifliche: Wie aus heiterem Himmel wird er eines stolzen Löwens gewahr, der majestätisch seinen Platz auf dem Teppich einnimmt. Weder Angst noch Unmut stellen sich bei dem Denker im Angesicht dieser geisterhaften Erscheinung ein. Vielmehr liegen Bewunderung und Faszination in der Luft – eine Stimmung, die Sibylle Lewitscharoffs gesamten Roman „Blumenberg“ durchzieht. Natürlich gilt für 134 die manieriert-erlesen verfasste Annäherung an eine der letzten großen Intellektuellenpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts: Dichtung heißt nicht Wahrheit, obgleich – so viel sei gesagt – die 1954 in Stuttgart geborene Schwäbin durchaus keine recht breit angelegte Recherche zur Vorbereitung ihres Romanprojektes gescheut hat. Dass die Autorin der Pong-Texte und des raffiniert komponierten Künstlerromans „Montgomery“ (2003) Blumenberg nicht einfach Blumenberg sein lässt, sondern ihn so liebevoll wie gemeinhin verschmitzt in einen literarischen Kosmos verschiebt, macht den fiktiven Reiz des Werkes aus. Schon in einer frühen Bemerkung des Protagonisten im nächtlichen Arbeitszimmer wird klar, wie Lewitscharoff den Hochschullehrer neu zu begreifen sucht: „Der Löwe ist zu mir gekommen, weil ich der letzte Philosoph bin, der ihn zu würdigen versteht“. Aber warum? Um dies zu beantworten, bedarf es zunächst eines Blickes auf den echten Gedankenakrobaten. Allen voran in dessen Hauptwerk „Arbeit am Mythos“ (1979) zeigt sich Blumenbergs Hinwendung zum Narrativen und Erfundenen. Da die Wirklichkeit den Menschen zu überfordern sucht, ihn mit Leid und Unglück konfrontiert, fungieren Mythen als Flucht- und Ausgleichssysteme. Wir schaffen uns seit jeher komische oder welterklärende Geschichten, damit wir uns besser mit der Realität zu arrangieren lernen. Auch Lewitscharoffs Löwe – ob als König der Tiere oder als der Heiligenbegleiter und Beschützer des Hieronymus im Gehäus – stammt aus jenem Zwischenreich biblischer und mythologischer Legenden. Er verleiht der ansonsten akademischen Existenz des fiktionalisierten Philosophen eine metaphysische Qualität, welche die profane Gegenwart in gänzlich neuem Licht erscheinen lässt. Mehr noch: Der Mythos heilt die verlorene Ganzheitlichkeit von Subjekt und Welt, löst die Brüche des Daseins und insbesondere der Moderne auf, indem er einen universalen Zusammenhang aller Dinge und Geschehnisse zu begründen sucht. Die Wahl des bis zuletzt an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster lehrenden Professors dürfte sicherlich kein Zufall gewesen sein. Sein Selbstbild als Agnostiker erscheint dazu prädestiniert, es für den Vorstellungsraum des Glaubens aufzuweiten. Eigentlich sah sich Blumenberg mehr oder weniger als Rationalist, den die studierte Religionswissenschaftlerin Lewitscharoff charmant katholiziert. Literarisch mag man ihr Verfahren der Irrealisierung und Irrationalisierung durch das Übersinnliche als magischen Realismus bzw. Miraculismus einordnen. In einer tieferen Dimension wird jedoch das Entstehen des Glaubens und dessen stabilisierende Wirkung nachvollzogen. Der Mythos wird für diesen halbbiografischen Blumenberg zum vitalen Erlebnis, spendet Trost und macht die Existenz durch die Anwesenheit eines quasigöttlichen Wesens reicher und intensiver. Die letzten Sätze des Buches schließen nicht nur ein Leben im Zeichen der Forschung und des Schreibens ab, sondern fungieren als Schleuse ins christliche Jenseits: „Königlich, königlich schollernden Klanges fuhr Blumenberg! Aus dem 135 Rachen des Löwen. War der Mann in der Höhle bisher nicht viel mehr gewesen als Luft an der Luft, schien auf den Namenszuruf hin eine andere Materie ihn zu befüllen. Lichtsendendes Blut zirkulierte in seinen Adern. Er strahlte und zitterte und hielt die schwankenden Arme weit ausgebreitet. Da hieb ihm der Löwe die Pranke vor die Brust und riß ihn in eine andere Welt.“ Es ist die Erlösung, das Aufgehen in höhere Gefilde, die den unermüdlichen Denker sein gesamtes Leben umtrieben. Versteht sich die Autorin damit als eine Missionarin im Mantel der Kunst? Das sicherlich weniger. Lewitscharoff möchte keine Heilsgeschichte verkaufen. Sie ist keine Gottes-Maklerin oder schreibende Wanderpredigerin, sondern zeigt auf höchst präzise Weise die Kraft des Metaphysischen in ihren Werken auf. Gemäß der biblischen oder auch der kabbalistischen Auffassung wirkt in der Schrift selbst das Überweltliche und Überzeitliche. Die Figuren der Schriftstellerin mögen modern erscheinen, ihre Ideen und Sehnsüchte, ihre Sinn-und Identitätssuchen sind aber von zeitloser Bewandtnis. „Blumenberg“ dürfte in dieser Hinsicht ihr hellsichtigstes und bislang einschlägigstes Werk mit christlicher Ambition sein. Ihr Mirakulismus trägt darin das Wunder wie einen himmlischen Sohn in das profane Dasein. Weniger plakativ, dafür aber nicht minder reizvoll ist ihr Roman „Apostoloff“ (2009). Bereits aus dem Titel ergibt sich die Nähe zum Evangelium. Die Handlung dieses rasant erzählten inneren Monologs mutet hingegen sehr banal an: Nach dem Tod ihres Vaters macht sich die Ich-Erzählerin gemeinsam mit ihrer Schwester auf den Weg nach Bulgarien, wo sie den Leichnam des Verstorbenen beisetzen wollen. Voll grotesk-amüsantem Hass zieht sie im Laufe des Road-Berichts über die zerfallene Ostblock-Landschaft her. Wo sie sich auf der Oberfläche ihrer Suade mit der familiären Vergangenheit wie auch ihrer kulturellen Identität auseinandersetzt, schimmert darunter immer wieder ein christlicher Subtext durch – etwa, wenn sie komödienhaft auf ihre Großmutter zu sprechen kommt: „Sie war die Himmelsgarantin, die mit Gesang und Gebetbuch das Unheimliche in Schach hielt. Sie wußte, an welcher Stelle Moses im Himmel saß, wo die Apostel, wo Jesus. Unser Vater saß etwas weiter entfernt und befaßte sich mit Jesus. Er war ja neu im Himmel und mußte warten und lernen. Wie lange dieser Wartezustand dauern würde, wußte die Großmutter nicht zu sagen, bei seinem Eifer und den guten Anlagen wohl nicht allzu lang. Nach einer Wartezeit würde er frei sein und käme in der Not, uns zu beschützen.“ Wer den ansonsten abgrundtiefen Hämen auf den Vater Glauben schenkt, wird spätestens an dieser anekdotischen Abschweifung die Reifung und Entwicklung zu einem guten Menschen (im Jenseits) begreifen. Diese Sätze klingen zugegeben kokett, witzig, aber sie implizieren keinen postmodernen Spott. Vielmehr bindet Lewitscharoff den moralischen Hintergrund mit großer Leichtigkeit in ihren Roman ein. Erneut ermöglicht sie uns durch 136 die Introspektive in die Charaktere eine unmittelbare Identifikation mit Glaubensidealen. Das Lesen gleicht einem Prozess der Verinnerlichung, hebt das Mediale und Gleichnishafte in einem Einswerden zwischen dem Rezipienten und buchstäblicher Offenbarung auf. Es gibt keine Grenze, sondern nur die Idee einer umfassenderen Wahrheit. So gesehen, könnte man die schwäbelnde Grand Dames der deutschen Prosa als die literarische Mystikerin unserer spätmodernen Epoche betrachten. Die Nähe zum Göttlichen demonstriert sich dabei nicht nur auf der Ebene ihres Kunstschaffens. Auch in der Gesellschaft bezieht Lewitscharoff immer wieder – wie zuletzt in der umstrittenen Dresdner Rede – (bio-)ethische Positionen und gibt sich gerade durch kontroverse Interventionen wie zur künstlichen Befruchtung oder zum rechten Umgang mit dem Tod als konservative Denkerin, angesiedelt im intellektuellen Dunstkreis von Martin Mosebach oder Botho Strauß, mit christlichen Hintergrund zu erkennen. Sowohl in ihren Äußerungen in der Öffentlichkeit wie gleichsam in ihrem Schreiben umkreist sie einen weltbildlichen Kern, den sie stets verdichtet und mit Substanz anreichert. Sie schärft es durch Bezüge zum Kanon (sie liebt Kafka!), durch eine immer feiner ausbalancierte Virtuosität ihrer Sprache, durch ein Spiel aus Ironie und Ernsthaftigkeit. Klar ist: Von der Büchnerpreisträgerin werden die deutschen Leser noch vieles erwarten können. Insbesondere ihr aktuelles schriftstellerisches Projekt zu Dante Alighieris Opus magnum „Die Göttliche Komödie“, dem Meisterwerk auf der Schwelle zur Neuzeit. Welche Aktualisierungen wird sie vornehmen? Wird sie ihre Zeitgenossen wie Dante satirisch auf die Schippe nehmen? Noch ist das ein Rätsel. Immerhin hat sie zuletzt in einem Radiointerview einen kleinen Einblick in ihr loderndes Dantefeuer gegeben: „Man muss vorsichtig sein: Also die ‚Commedia‘ hat drei Teile. Und der dritte Teil, der wird immer so gerne unterschlagen. Dabei ist das ein königlicher anderer Teil, wo es wirklich in die große Freiheit der Paradiessehnsucht geht. Man versteht die ‚Commedia‘ nicht, wenn man nur den ersten Teil immer vor Augen hat, wo es so drastisch zugeht. Es gibt wirklich diese ganz anderen Teile. Schon im Läuterungsberg wird es schon ein bisschen gemütlicher. Aber die Schönheit ist auserlesen, auch in den Versen, wenn es Richtung Paradiso geht. Wunderbar auch in der Rhythmik. Große Klasse.“ Dass sie angesichts dieser Vorlage ihre religiös-kultische Vertiefung fortsetzen wird, steht nun außer Frage. Man darf gespannt sein, welchen göttlichen Garten und sicherlich auch welche höllischen Sündensümpfe sie uns vorführen wird. 137 Schönheit in ewigen Worten Die Sprache verweigert das Flüchtigsein: Über zeitgenössische Lyrik, die uns Erinnerung schenkt Jede Erinnerung braucht ein Bild, einen Duft oder ein Ding. Manchmal genügen Zettel, eine Vase, oftmals eine alte Tapete, um in einer verlassenen Wohnung nochmals die Gegenwart eines geliebten Menschen zu spüren. In jedem Fall bedarf sie einer Form, worin sie sich vergegenständlicht. Ein Denkmal. Das muss nicht unbedingt ein Bauwerk sein. Wo Gebäude und Skulpturen ihre Grenzen haben, führt die Sprache darüber hinweg. Vor allem Lyrik und lyrisches Sprechen bilden in den letzten Jahren verstärkt die Architektur einer literarischen Erinnerungskultur. In beschleunigten Zeiten wie den unsrigen, im Wellengang von Krisen und Orientierungslosigkeit, stellt das Wort einen Anker dar, gibt Poesie eine Kontur, wo ansonsten alles mitgerissen werden könnte. Im Angesicht dessen überrascht es kaum, dass einige Gegenwartspoeten wieder bewusst an den Barock und dessen Vergänglichkeitsgesänge anknüpfen. So etwa in Marion Poschmanns „Geistersehen“ (2010) oder in Helmut Kraussers Band „Verstand und Kürzungen“ (2014). Es gilt, das Hier und Heute zu konservieren, damit es nicht verloren geht, wie Letzterer in einem Gedicht klar bekennt: „Was lebt, wird ohne Unterschied / verrotten und verschwinden bald. / Was bleibt? Vielleicht ein kleines Lied.“ Indem sich Orte und Personen gleichermaßen poetisieren lassen, wirkt Sprache wie ein Fotoapparat. Was ist, findet Platz auf Bildern, gesammelt und verwahrt in Lyrik, aufgehoben in einem Album der Worte. Auf diese Weise schenkt uns Lyrik Trost. Sie hilft uns, abzuschließen, ohne aber mit allen Banden zu brechen. Auch Elisabeth Plessens Gedichtband „an den fernen geliebten“ (2014) sucht im poetischen Ausdruck Halt. Geht sie in ihren Elegien berührende Zwiegespräche mit ihrem am 30. Juli 2009 verstorbenen Lebenspartner und dem Regisseur Peter Zadek ein, so mag trotz des Verlusts etwas Bleibendes geschaffen sein. „Ich nehme dich jetzt in meine Worte“. Diese stecken zu verewigende Räume ab: die gemeinsam erkundeten Urlaubsorte, Flaniermeilen, Hotelzimmer, Liebesnester. Es sind Aufnahmen wie in einem nostalgischen Schwarzweiß-Film à la Fellini: Toskana, Salzburg, Marokko. Goodbye my lover. Goodbye my friend. You have been the one. Auch Friederike Mayröckers Erscheinungen der letzten Jahre stehen allesamt im Zeichen eines virtuosen Abschieds von ihrem einstigen Gefährten und dem Autor Ernst Jandl. „études“ (2013), ein Buch aus wahrlich kunstseidenen, zumeist feinsten Notizen, beginnt schon auf der ersten Seite mit einer Gedächtnisspur vom 11.1.11: Man sieht „die verblühten Hyazinthen im Glas…… damals 54 in Salzburg als ich nach London aufbrach, 1 heftiger Frühling, fanden 138 wir 1 Hotelzimmer wo wir uns verabschieden konnten: meine Erinnerungen verblaszt, usw., […] Zusammengerollt die Schmutzwäsche auf dem Klavier, ach bin umhergeirrt während die belaubten Fluren : diese Verlorenheit meiner Augen, alles nur Bricolage.“ – ein Stückwerk aus der Vergangenheit, das immerhin noch schemenhaft zu Papier gebracht wurde. Über die Schwermut zu schreiben, heißt, sie im Schreiben zu verwinden, ihr einen Raum zu geben, ihr therapeutisches Potenzial in Kunst zu bannen. Dass Lyrik mit ihrer eigentümlichen Formsprache als Erinnerungsort taugt, ist in der Literaturgeschichte durchaus verankert. Es sind zumeist die großen Umbruchszeiten, in denen Dichter Zuflucht in der Sprache suchen. Droht die Au- ßenwelt aus ihren Fugen zu geraten, können Worte zu Tempeln der Hoffnung avancieren. So zeugt insbesondere das Fin de Siècle von zahlreichen Bemühungen, den Augenblick gegenüber dem eilenden Fortschritt der industriellen Revolution zu balsamieren und für die Zukunft aufzuheben. Stefan Georges berühmtes Gedicht „Komm in den totgesagten park und schau...“ liest sich wie ein Aufruf zum letzten Festhalten, ein Spaziergang durch eine Umgebung, die vor dem Hintergrund eines Endzeitgefühls zu verblassen droht. Der Leser soll die fast schon welken Rosen „erlese[n]“ und „küss[en]“, bevor noch das, „was übrig blieb von grünem leben“ dem Herbst ganz anheimfällt. Ähnliche Bemühungen finden sich bei Rainer Maria Rilke, Hermann Hesse oder Lulu von Strauss und Torney. Zu dieser Zeit mag es noch der zu schützende Rest von Seligkeit und Natur sein; in der Nachkriegslyrik ist es der Schrecken, den die Gesellschaft nicht vergessen darf. Bislang liest man die gesamte Moderne im Zeichen der Zerfaserung und Auflösung der Form. Denn richtig ist: Die Komplexität der Welt sprengt zum Ende des 19. Jahrhunderts alle festen Ordnungen, die Lyrik spiegelt das Chaos in Versen, die nur noch selten vom Guten und Wahren berichten. Aus Sicht einer Erinnerungspoetik darf dies jedoch zumindest in Teilen infrage gestellt werden. Wenn Gedichte als Rahmen des Erinnerns dienen, mögen sie bei aller Zerfurchung und oberflächlicher Strukturlosigkeit, wie sie sich gerade mit den hermetischen Texten Ingeborg Bachmanns oder Paul Celans verbinden, immer noch die Gattung sein, die qua Dichte, Kürze und gestalterischer Prägnanz am ehesten vor dem Vergessen und der persönlichen Zerrüttung schützt – zumindest trifft dies für einen Teil der zeitgenössischen Dichter zu. Sie liefern sich keinem alleinigen Ennui aus und tun sich nicht ausschließlich darin hervor, das Heute und Gestern im Wort zu retten. Im Gegenteil: Aus der Vergangenheit entspringt der Quell der Zukunft. Wie Aleida Assmann in ihrer Theorieschrift „Ist die Zeit aus den Fugen? Aufstieg und Fall des Zeitregimes der Moderne“ (2013) darlegt, fußt keine Utopie auf der bloßen Gegenwart. Sie braucht vielmehr das Wissen aus der Vergangenheit, greift auf Mythen, Träume und Wünsche der Menschheit zurück. Esther Kinskys „Aufbruch nach Patagonien“ (2012) geht genau jenem Vergangenem und Entlegenem nach, worin im längst vergessenen „Hinterland“ noch einmal die Jugend erwacht und eine neue 139 Vision vom Leben aus einem Gestern herrührt. In an Ernst Bloch anknüpfender utopischer Erinnerungsarbeit übt sich ebenso Silke Scheuermanns luzider Band „Skizzen vom Gras“ (2014). In einer „Zeit der Auflösung“, einer geschichtsvergessenen und ganz im Taumel neuer Medien und Konsum aufgehenden Gesellschaft, erinnert die Autorin an all das, was vermeintlich verloren ging: Darunter etwa der Säbelzahntiger, das Bison und überhaupt das Paradies. Das Lyrische Ich weiß sich im verblendeten Welttheater einer dekadenten Spätmoderne als „die letzte meiner Art“ auszuweisen, die aus ausgestorbenen Tierarten und all dem vergessenen Gut der Erde eine „zweite Schöpfung“ in der Poesie kreiert. Das Alte wird „wild überwuchert von etwas Neuem“. Im Gedicht ruht die pathetische Kraft, Eigenes zu vollbringen. „Dies ist die Freiheit der Liebe: neue Wesen schaffen, / sie uns zur Seite zu stellen“. Geradezu prophetisch wird dem Dodo eine Zukunft zugesagt: „Du wirst wiedergeboren wie am Tag / das Sonnenlicht. Ich verspreche es dir: / Du wirst unter den ersten sein, die wir machen.“ Um etwas lebendig zu halten, regen Gedichte zugleich mehrere Sinne gemeinsam an. Melodien erzeugen Stimmungen, Bilder Assoziationen. Man hört, was man sieht, spürt die Lektüre körperlich. Aus diesem synästhetischen Reichtum entstehen vitale Vermächtnisse aus alten, uns noch immer faszinierenden Epochen. Ob nun Gegenwartsautoren oder kanonische Edelfedern der Moderne – jedwede Erinnerungslyrik gewährt uns gerade am Wendepunkt zur digitalen Gesellschaft einen Augenblick des Innehaltens, ein Verweilen in der ansonsten so flüchtigen Zeit. Poesie gibt unserem Denken, welches sich heutzutage in unzähligen Projekten kristallisiert und dezentriert, wieder eine Form, ohne uns dabei statisch oder träge werden zu lassen. Nein, sie fordert unseren Geist in höchstem Maße heraus, kurz unser Hier und Heute zu überwinden. Indem wir Erinnerungsliteratur lesen und nur von wenigen Versen möglicherweise emotional erfasst werden, bleibt eine Tiefe, ein Nachsinnen und vielleicht ein Funken Erhabenheit in uns zurück. Statt einen fernen Ort aufsuchen zu müssen, ist ein solches Denkmal stets nah, ganz im Inneren errichtet. Es ist keines aus Stein, wiegt kaum einen Atemhauch und lässt doch ein Gefühl von Ewigkeit aufkommen. Die neuen Schöpfer Utopisch und wortgewaltig: Wie Phönix aus der Asche dringt die zeitgenössische Lyrik zu neuen Sphären vor. Ein Panorama über die Weiten einer vitalen Sprachlandschaft Immer wieder wurde sie für tot erklärt: Zwischen Dramatik und Epik hatte es die Lyrik schon seit jeher schwer sich zu bewähren. Sie war das Programm der Nischen, ein kläglicher Ladenhüter, Abschreckungserfahrung in der Schule und 140 zumeist die Sache einiger idealistischer Exoten. Vor allem war sie – gemessen an der Dominanz von Romanen und Novellen – aber eines: mit Ausnahme weniger Höhepunkte in der Literaturgeschichte kaum von gesellschaftspolitischer Relevanz. Doch während ein Großteil der Prosa der letzten Jahre in einem wohligen Realismus verharrt, zeugt die wie Phönix aus der Asche auferstandene Lyrik der jüngeren Gegenwart tatsächlich von neuem Wagemut. Sie findet sich nicht mit der Welt ab, wie sie ist, sondern zielt auf deren Veränderungspotenzial. Sie gibt unserem Denken Weite, lotet Möglichkeitsräume aus und fragt nach Visionen und Alternativen. Was an den Grenzen der Realität zu scheitern droht, erscheint in den aktuellen Poesien realisierbar. Die 1973 in Karlsruhe geborene Silke Scheuermann, die sich als eine der talentiertesten Stimmen ihrer Generation erweist, spricht in ihrem epochalen Band „Skizzen vom Gras“ (2014) von einer „zweite[n] Schöpfung“, lässt ausgestorbene Tierarten wie Mammuts, Säbelzahntiger oder den Dodo wieder ins Leben zurückkehren. Kurzum: Der Mensch avanciert zu einem Schöpfer, und kreiert eigenmächtig Paradiese. Kein Abklatsch von Eden, keine Epigonen. „Im Leeren / Den Sinn selbst erschaffen“ lautet das Credo einer Lyrik im Geist der Erneuerung. Noch deutlicher wird Marion Poschmann in ihrem virtuos komponierten Band „Geliehene Landschaften“ (2016), zuletzt nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse. „Sei der Traum und die Realität, / sei utopisches Potenzial“, ruft man uns in ihren luziden Texturen zu. Nur wo Spannungen vorherrschen, wo sich Wunsch und Wirklichkeit, Vergangenheit und Zukunft, nicht decken, können sich gestaltgebende Energien Raum bahnen. Ernst Bloch, der Großmeister der Utopie, sah gerade im dialektischen Prozess, worin sich Subjekt und Objekt elektrisierend aufeinander zubewegen, die Voraussetzung dafür, dass Neues entstehen kann. Im Text steckt eine funkelnde Anlage, die der Leser zu entfalten eingeladen ist. Es sind Schätze der Zukunft, einer oftmals noch nicht erdachten Welt, spielerisch und ungemein kraftvoll. Ohne sich dies plakativ auf die Fahne geschrieben zu haben, zeigt sich die Gegenwartslyrik gesellschaftlich relevanter denn je: Wohingegen auf der politischen Weltbühne Zweckrationalismus und Pragmatik den Ton angeben, offenbaren die zeitgenössischen Dichter eine Lust an der Metamorphose, eine Lust an, wie Julia Trompeter in ihrer Gedichtsammlung „Zum Begreifen nah“ (2016) schreibt, „verborgene[m] Wissen“, das auszuloten alles von einem auf den anderen Augenblick zum Kippen bringen könnte. Statt einer festen Einheit, gleicht das Ich in einer ihrer Miniaturen einem „fließende[m] Gewässer“, offen und erwartungsfroh für Verwandlungen. Sprache braucht keinen Fortschritt, sie fungiert selbst als Motor der Erneuerung. 141 Indem Lyrik immer wieder das Neue und Andere umreisst, verliert die Normalität ihre erschreckende Statik. In Jan Wagners preisgekröntem Band „Regentonnenvariationen“ (2014) stellt er vor allem die zivilisatorische Übermacht des Menschen infrage, indem er Pflanzen wie der beharrlichen Melde oder dem militant sich ausbreitenden Giersch, der beinah unbemerkt mitten in den Städten sein eigenes Reich errichtet und ausdehnt, eine Stimme gibt. Obgleich der Autor einen eher verspielten Ton anschlägt und unentwegt die scheinbaren Petitessen des Alltags veredelt, kommt in seinen Texten stets das Existenzielle zum Vorschein. Denn über die Dinge in der Natur zu schreiben, heißt in Abgrenzung dazu, auch nach der Stellung des Menschen zu fragen. Nur aus einem anderen Blickwinkel, der uns das eigene Verhalten kritisch hinterfragen lässt. Ob Utopie oder eine sich wieder selbst bemächtigende Flora und Fauna – deutlich klingt darin das Bewusstsein für die Endlichkeit des irdischen Daseins. Gerade das Über-sich-Hinauswachsen vermittelt ein Gespür für die Grenzen, die unser Leben bestimmen. „Wie still alles oxidiert“, konstatiert das lyrische Ich in Hendrik Rosts „Das Liebesleben der Stimmen“ (2016), einem faszinierenden Band, der in barocker Manier der Vergänglichkeit auf den Grund geht. In einem Gedicht über die römische Kapuzinergruft aus „Verstand & Kürzungen“ (2014) schreibt der in Rom und Potsdam lebende Helmut Krausser mit ähnlichem Impetus: „Gelobt sei die Klinge, die über uns schwebt. / Sie schärft Existenzen, macht glänzen, was lebt.“ Dass alles dem Verfall untersteht, eröffnet erst den Vorstellungskosmos nach einem Dahinter, nach einer besseren Welt. Der Impuls nach vorn gründet also durchaus auf der Erkenntnis einer in Teilen unerfüllten, ja traurigen Gegenwart. Die Melancholie bildet auf den ersten Blick die Kehrseite zur Utopie und doch scheinen sie einander erst zu bedingen. In Michel Houellebecqs „Gestalt des letzten Ufers“ (2013) oder Nadja Küchenmeisters berührendem Gedichtband „Unter dem Wacholder“ (2014) wird die Schwermut zu einer epochalen Grundstimmung erhoben. Teilsätze wie „führen wohl wege von hier in die irre“ oder „der schatten wächst sich aus […] und nimmt sich, wo er kann, vom licht“ deuten zwar auf Resignation hin. Gleichwohl lässt die Erfahrung der Tristesse manchmal auch Auswege zu: „rette, was es noch zu retten gibt, ich träume / sternen, träume von dir, wie von einer Wasserquelle.“ Indem der Schwermütige über die Sinnlosigkeit der Existenz grübelt und klagt, stellt sich ebenso das Bild eines alternativen Daseins ein, in dem das hier wahrscheinlich schon längst verloren geglaubte „Du“ doch in der Metapher einer Wasserquelle zurückzukehren vermag. Die Melancholie schließt Utopie nicht aus, sondern trägt deren Anlage in sich. Dies lässt sich auch in Anja Kampmanns „Proben von Stein und Licht“ (2016) beobachten. In der poetischen Abbreviatur „mitten“ ist die Rede von einem „labyrinth in dessen tiefstem dunkel / nur ein weiterer maßlos gebogener gang“ vorzufinden ist. Ein Leben in der Sackgasse. Möglicherweise. Dass über 142 dem Irrgarten Vögel fliegen, welche „kunde von den gängen“ geben, dass „die wände doch nicht / fest“ zu sein scheinen und die Lust „seltsam fließt / als ob sie traurig ist“, legt den Verdacht nahe, dass nicht alles in diesem Text so ist, wie es scheint. Die Melancholie entpuppt sich als eine besonders konzentrierte Form der Subjektivität. Obschon sie den Blick intuitiv verengt (auf das Negative und Dunkle), weitet sie ihn zugleich. Sie gibt die Schwelle zu einem neuen, von Imaginationskraft beschwingten Raum frei. Mehr noch: Sie verweist auf eine zentrale Wesensfunktion der Gegenwartslyrik, nämlich Trost zu spenden und das Leben mit all seinen Rissen leichter erträglich werden zu lassen. Einstmals galt die Schwermut noch als Überbringerin eines Musenkusses, der den empfindsamen Dichter zu wahren Höhenflügen stimulierte. Heute gehört sie nicht mehr ausschließlich zur schreibenden Zunft. Was die gegenwärtige Lyrik verdeutlicht, ist die Ankunft der Melancholie im Alltag, einer Verstimmung, die alle betreffen kann, aber nicht in den Abgrund führen muss. Die Gedichte analysieren das Biotop, in dem sie wachsen, ohne jedoch an Stelle und Ort zu bleiben. Ihre Sprachbewegungen schlagen Brücken und vereinen – in teils verwandtschaftlicher Nähe zu den Werken Rainer Maria Rilkes, Stefan Georges oder Hermann Hesses – vormals noch Fremdes zu einem gemeinsamen Resonanzraum. Sie stellen die Melancholie als Ausgangspunkt neuer Utopien heraus. Mehr noch: Sie sprengen sämtliche Grenzen und dringen gar in der Lyrik in eher unbekannte Gebiete vor. Forschen Naturwissenschaftler, welche Dana Ranga in ihrem aktuellen Band „Hauthaus“ (2016) als Diebe der Intimität“ geißelt, den Körper primär als Objekt aus, lässt die 1964 in Bukarest geborene Autorin ihm seine ureigensten Geheimnisse. Ihre graziösen Annäherungen erzählen von eigendynamischen Organen, die erst in ihrer Vielstimmigkeit ein vitales Konzert ergeben: Man trifft auf den „Spielverderber-Nerv“, auf die Lunge als „ein[em] Segel / im Wirbelkanal“, auf Leber, Magen und Eierstöcke. Der Körper geriert dabei zum Textkörper und umgekehrt. „Wer näht die Glieder wieder zusammen / welcher Satz passt zum anderen“, fragt sich ein lyrisches Ich, dem unlängst klar geworden ist: Im Gedicht gibt es kein Außerhalb der Sprache mehr. Körper, Natur, Geist – die Poesien der Gegenwart heben Entfremdungen auf. Die Wirklichkeit ist nur ein Zustand von vielen. Ob es einen Gott gibt oder anderes Leben im All, das vermag selbst die zeitgenössische Dichtung nicht zu klären. Allerdings kann sie uns ein Gefühl für jenseitige Räume geben, die wir uns selbst ausmalen können. Lyrik bedeutet in einer Zeit, in der der Mut zu Visionen zu einem so seltenen wie kostbaren Gut geworden ist, Hoffnung aufzuzeigen. Denn Letztere kann nur gedeihen, wenn es auch Möglichkeiten gibt. Neue Ufer oder dritte Wege. Was uns motiviert, ist nie das Fertige, sondern das Unvollendete, das uns Lyrik in all ihrer Offenheit und bisweilen schwierig zu entwirrenden Rätselhaftigkeit andeutet. Wie schön und faszinierend, dass sie kein Ende kennt. Sie hebt uns in eine Sphäre, wo die Welt leicht und zugleich ungemein klar erscheint. 143 Die Inseln der Heimat Frauenstaaten, Schiffsbrüchige und Barbarenklischees: Über Aktualität und Facettenreichtum der Robinsonade Nach ihm ist inzwischen ein ganzes Genre benannt: Robinson Crusoe – der schiffbrüchige Held aus Daniel Defoes gleichnamigen Roman von 1719. Nachdem der Protagonist auf einer einsamen Insel landet, beginnt die harte Wirklichkeit des Lebens. Von der Nahrungsbeschaffung, dem Bau einer Unterkunft bis hin zur späten Verteidigung gegen Barbarenstämme reicht das Spektrum der Anforderungen, denen er sich in der Isolation stellen muss. Seither gilt dieses Urwerk der Robinsonade als Referenzpunkt für Kulturkritik und utopische Gesellschaftsentwürfe, die bis in die Gegenwartsliteratur reichen. Nicht zuletzt der mit dem deutschen Buchpreis prämierte Roman „Kruso“ von Lutz Seiler gibt Anlass dazu, sich den historischen Variantenreichtum etwas näher anzuschauen. Wer dahinter nur Abenteuer- und Unterhaltungsliteratur vermutet, wird eines Besseren belehrt. Schon Defoes Klassiker hat es in sich, wie etwa Franco Morettis Werkinterpretation in „Der Bourgeois. Eine Schlüsselfigur der Moderne“ (2014) belegt. So stellt der Literaturwissenschaftler präzise den ökonomischen und politischen Subtext des fiktiven Reiseberichts heraus. Trotz widriger Umstände lässt sich der gestrandete Held aus seiner Sicht nicht unterkriegen und müht sich beständig für ein gutes Leben in der Ferne ab. Da er jedoch weitaus mehr als nötig arbeitet, lässt sich der „kapitalistische Abenteurer“ als früher Repräsentant einer nach Wachstum strebenden Marktwirtschaft verstehen. Aus Arbeit generiert sich Kapital und zugleich ein bürgerliches Selbstbewusstsein. Statt zum Wilden entwickelt sich Robinson in der Südsee zum geradezu preußischen Subjekt, das inmitten des Chaos ein menschliches Herrschaftssystem zu etablieren sucht. Aber wird jener, der gegenüber den indigenen, als Kannibalen beschriebenen Insulanern einen zutiefst kolonialen Standpunkt bezieht, wirklich zu einem besseren Menschen? Macht ihn die freie Natur reifer? Klar ist: Er wird dazu gezwungen, sich auf das Wesentliche des Menschseins zurückzubesinnen. Klar ist aber auch: Das utopisch Gute realisiert sich in ihm nicht. Dies bleibt vor allem den nachfolgenden Bearbeitungen des Robinson-Stoffs vorbehalten. Dass das Genre auch zu einer didaktischen Lehranstalt des Humanismus avanciert, verdankt sich insbesondere Joachim Heinrich Campes „Robinson der Jüngere“ (1780). Während hierin aus der Geschichte um den Inselbewohner Vernunft und Tugend gelehrt werden, setzt Johann Gottfried Schnabels Quatrologie „Die Insel Felsenburg“ (zwischen 1731-1743) einen weiteren Akzent in der 144 Eilandprosa: Vom Individualschicksal weitet sich der Blick auf eine idealtypische Gesellschaft. Fortan knüpft sich an die Robinsonade der Möglichkeitsraum der Utopie. Das unbekannte Land muss förmlich neu erschrieben werden und bietet die Folie –in Abgrenzung zu den jeweiligen politischen Verhältnissen einer Epoche – für alternative Formen des Zusammenlebens. Doch wie jede Perfektion auch die Imperfektion mit sich bringt, so folgt auf jeden ernsten Entwurf zugleich auch dessen Karikatur. Allen voran Gerhard Hauptmanns „Die Insel der großen Mutter oder Das Wunder von Île des Dames. Eine Geschichte aus dem utopischen Archipelagus“ (1924) liest sich als eine schelmische Persiflage auf das insulare und utopische Exil. Hierin landet eine Gruppe von Frauen auf einem Südseeidyll, frei von patriarchalem Hahnenkampf und abendländischer Geschlechterhierarchie. Obgleich der „Amazonenstaat“ schnell eine funktionierende Ordnung herstellt, wobei wiederum eine Institutionalisierung des bürgerlichen Lebens in der exotischen Fremde stattfindet, macht den Damen das Männerdefizit zu schaffen – bis eines Tages eine von ihnen einen Jungen aus vermeintlich unbefleckter Empfängnis gebiert und somit nicht nur die Fortpflanzungshoffnungen der Anwesenden wieder aufkeimen, sondern sich zugleich ein abstruser Gründungsmythos entwickelt, der heidnische Götter als Erzeuger des Lebens beschwört. Von ähnlicher Groteske erzählt ebenfalls Christian Krachts feixe Robinsonadenkoketterie „Imperium“ (2012). Aus der Suche nach der rechten Gesellschaft im insularen Experiment heraus stimmt die Spätmoderne mit ihm einen ins Lächerliche reichenden Abgesang auf die Utopie an. Zwar steht mit dem Aussteiger August Engelhardt ein Held des imperialen 19. Jahrhunderts im Zentrum des Werkes, gleichwohl belächelt der Autor vielmehr die Weltverbesserungsvisionen unserer Zeit. Unter dem Stichwort des „Kokovorismus“, der eine ausschließlich auf Kokosnüssen basierende Ernährung vorsieht, entwirft Kracht eine bestechende Persiflage auf Veganismus und Pazifismus und führt die Absolutheit einer jeden fixen Wertordnung ad absurdum. Dennoch machen Parodien und Satiren die Minderheit des Genres aus. Mit William Goldings Dystopie „Der Herr der Fliegen“ (1954) oder Marlen Haushofers teils surrealem Tagebuchroman „Die Wand“ (1963) vermag der Leser eine neue Tiefenspannung in der Robinsonade zu bemerken. Gerade Letzterer zeigt, wie sehr die utopischen Heilsvorstellungen ins Postapokalyptische kippen können. Nachdem die Protagonistin des Textes bei einem Ausflug in die Berge urplötzlich mit einer unsichtbaren Wand konfrontiert ist, die ihr die Heimkehr versagt, muss sie sich in einem Waldhaus eine Existenz in vorzivilisatorischer Umgebung schaffen. Was möglicherweise außerhalb der Käseglocke passiert sein könnte, lässt sich nur erahnen. Mehrere Andeutungen lassen die Vermutung einer Atomkatastrophe zu. Dem insularen Alpendasein, worin sich nun erneut eine Frau bewähren muss, wohnt die Stellvertreterauseinandersetzung mit der angespannten Weltlage des Kalten Krieges inne. Wiederum fungiert die Robinsonade als Austragungsort kulturkritischer und politischer Debatten. 145 Dass allen voran in Zeiten einer globalisierten Netzwerkgesellschaft, wo scheinbar kein Punkt auf der Erde nicht von den Satelliten oder den digitalen Sphären erfasst ist, die Suche nach dem unschuldigen, uneroberten Raum an ungemeiner Attraktivität gewinnt, begünstigt eine Renaissance des eremitischen Inselbewohners. Lutz Seilers Romandebüt „Kruso“ (2014) erzählt etwa von der eskapistischen Übersiedlung Edgar Bendlers auf das Ostsee-Refugium Hiddensee. Wohingegen auf dem Festland der totalitäre Staatsapparat der DDR keinerlei Visionen zulässt, keimt auf dem deutschen Eiland die Utopie eines freien Lebens – hier allerdings weniger aus der Isolation denn aus einer so zärtlichen wie einzigartigen Freundschaft zwischen dem Protagonisten und dem titelgebenden Insulaner Kruso. Das Paradox des Genres zeigt somit seine Wirkung. Indem sich die Werke der Fremde annähern, erzählen sie im Grunde genommen über uns. Die westlich-abendländische Welt projiziert Sehnsüchte und Ängste gleichermaßen in die Ferne, nutzt das Experimentierfeld des Unbekannten, um sich selbst besser verstehen zu können. Der Traum von der Insel ist und bleibt die Hoffnung auf Heimat und Selbstfindung. Die literarischen Atlanten Ist der Raum im Reisetaumel der Globalisierung noch zu retten? Schriftsteller üben sich in der Errettung des Ortes Die Bilderbücher der Globalisierung zeigen schöne Landschaften und exotische Inseln. In einer zusammenwachsenden Welt verlieren Entfernungen an Bedeutung. Das Reisen wird zum Spaziergang. In der Tat: Weltentdeckung ist heute ein leichtes Spiel. Und wer trotzdem nicht unbedingt selbst auf Expedition geht, dem trägt die Literatur die fernen Impressionen direkt nach Hause. Noch nie zuvor waren Schriftsteller so mobil und reisefreudig wie heute. Schon seit Jahren vermessen Kosmopoliten wie Roger Willemsen, Helmut Krausser oder Cees Nooteboom in zumeist literarischer Feinarbeit die Karten unserer Atlanten neu. Doch was reizt uns gegenwärtig überhaupt am Genre der Reiseliteratur? Möglicherweise zieht uns weniger der Ort als solcher in den Bann als vielmehr das, was Autoren mit ihren ganz persönlichen Perspektiven darin zu erkennen vermögen. Gerade Roger Willemsens Mammutwerk „Die Enden der Welt“ (2010), eine Kollektion aus Erkundungen in fünf Kontinenten, zeigt anschaulich, wie reale Topografien subtil zu inneren Schauplätzen werden. Es sind Begegnungen mit dem Fremden, die zum Teil des Eigenen werden. Wenn der Erzähler einem tumorkranken Jungen im Hospital von seinen Reiseerinnerungen berichtet, um ihm das beklemmende Warten auf den Tod zu erleichtern, dann werden die realen zu imaginären Landschaften. Die nur in der Geschichte aufkommenden 146 Orte werden mit Fantasie überschichtet. Mal ist es eine alte Frau auf unwirtlichen Gebirgshöhen, die trotz ihres rückständigen Lebens in der Einsamkeit noch zufrieden leben kann, mal ist es das malerische Island, dessen „kontemplative Gegenden zum Verschwinden einladen“. Während die touristische Erschließung heutzutage kein Fleckchen Erde mehr unerobert lässt, tritt Willemsens erfahrungsstarkes Dokument für eine Reise mit Bedachtsamkeit und Respekt ein. Nicht selten sind jene Städte, die er besucht, längst verkommen von Armut und Verrohung. Desto mehr gelingt es ihm, die Wirklichkeit der Slums und modernisierungsvergessenen Landstriche in Form seiner Texte nicht nur aufzuzeigen, sondern dem harten Leben der dortigen Bewohner eine Würdigung in der Kunst zu erweisen. Hierin wird die Kehrseite der Globalisierung samt ihren Verlierern und Widrigkeiten deutlich. Bewusst suchen solche Bücher unsere Sehgewohnheiten zu überfordern, um unser Bewusstsein für die globalen Prozesse zu schärfen. Sichtbarkeit erlangen so nicht nur die schillernden Panoramen ferner Länder, sondern auch die Abgründe einer immer komplexer werdenden Welt. Die Euphoriker des globalen Dorfes feiern den Wegfall von Grenzen als neue Freiheit; andere, wie der polnische Autor Andrzej Stasiuk sehen darin das Verdikt einer so noch nie gekannten Orientierungs- und Heimatlosigkeit. In seinem letzten Roman „Hinter der Blechwand“ (2012) über zwei Second-Hand-Händler, deren Marktstellung durch chinesische Billigware marginalisiert wird, beschreibt er die symbolische Ausradierung Polens aus dem Atlas. Ohne dem kommerziellen Druck der Globalökonomie standhalten zu können, geht es in Bedeutungslosigkeit und Identitätsverlust unter – ein proklamierter Kulturkonservatismus, der um eine strikte Rückkehr zu Regionalität und Überschaubarkeit bemüht ist. Für manch einen sind die Konflikte um Rückkehr zum oder Loslösung vom Realen Nebenschauplätze. Stattdessen geht es vielmehr um Seelenlandschaft, Orte, die an Subjektivität gewinnen. Allen voran das Buch „Aufgerissene Blicke. Berlin Journal“ (2013) aus der Feder der slowakisch-schweizerischen Autorin Ilma Rakusa über ihre Eindrücke in der deutschen Hauptstadt, lässt die inzwischen literarisch eigentlich bis zum Überdruss beweihräucherte Metropole an der Spree in neuem Glanz erscheinen. „Ich lese die Stadt wie ein Palimpsest, mit all ihren Leer- und Bruchstellen“. Dieses Berlin ist ein ganz eigenes Biotop, funkelnd und beseelt vom Odem einer eigentlich in Zürich lebenden Autorin, die die Alltäglichkeit der Großstadt in stilvolle Wortmalerei kleidet. Vor allem ist es der Blick der Zugereisten, welche für die einjährige Berufung zum Fellow am Wissenschaftskolleg den Blick der unvoreingenommenen Außenseiterin mitbringt. Im „Dünen-Berlin, prekär und ständig im Werden“, trifft sie sich mit Bekannten in Cafes, besucht türkische Märkte und lässt sich als Flaneuse treiben. Dabei bleibt diese nie das, was sie ist. Mit funkelnder Ingeniosität poetisieren Rakusas Tagebuchaufzeichnungen Berlin, bis daraus ein facettenreiches 147 Kunstwerk hervorgeht. Das Fremde verliert seine Andersartigkeit, weil es selbst Teil eines Integrationsbestrebens wird. Der Zerfaserung einer Weltgesellschaft, der in den Flugzeugen und digitalen Weiten gänzlich das Bewusstsein für Geografie abhanden zu kommen scheint, begegnet die schreibende Zunft mit der Energie des Schreibens, mit Geist und Vorstellungsvermögen. Zeugt beispielsweise noch Doron Rabinovicis Roman „Andernorts“ (2010) über das Schicksal eines jüdischen Wissenschaftlers, dessen Identität im permanenten Ortswechsel zwischen Tel Aviv und Wien zu verloren gehen droht, ist in Eugen Ruges luzidem Prosastück „Cabo de Gata“ (2013) völlig die Ruhe des Poeten eingekehrt. Nachdem der Ich-Erzähler darin blindlings den Zug Richtung Barcelona wählt, verschlägt es ihn bald an jenen titelgebenden, gespenstischen Meeresort in Südostspanien. Der dortige Menschenschlag ist verschlossen, wirkt wie aus einer anderen Zeit. Trotz anfänglicher Skepsis wird der Erzähler bleiben, für 120 Tage, um an einem Roman zu schreiben, der kaum mehr als die Ansammlung von Beobachtungen sein wird: Über das Spiel zwischen Wellengang und Möwen, Salzgruben und eine magische Katze, die ihm in ihrem zweckfreien Dasein zu einer ungeahnten Kontemplation verhelfen sollte. Immer wieder durchziehen die novellistische Geschichte Fragen über Realität und Traum, Personen tauchen aus dem Nichts auf und verschwinden wieder. Cabo de Gata ist dabei immer ein weltabstinenter Ort, die greifbare Utopie einer späten Selbsteinkehr, die einen wirklichen Punkt auf der Landkarte in eine tagtraumartige Kulisse verwandelt. All diese wertvollen Geschichten berichten vom Reisen in und durch die Sprache. Über sie geht das Fremde in das Vertraute über, sodass wir uns einen Begriff davon machen. Nur so sind wir auch dazu imstande, andere Länder nicht nur kennen zu lernen, sondern zugleich, wie Willemsen beweist, auch deren Schwierigkeiten innerhalb der Logik globaler Verwachsungen besser zu verstehen. Der entlegene Ort bleibt, wenn dies gelingt, kein Abseits. Wenn wir beginnen, mit und um ihn herum Geschichten zu erzählen, wird er nah und heimatlich – oder wie es John Burnside einmal treffend sagt: „Wherever we think of home / we come to this: the handful of birds and plants we know by name“. Die Reife im Leiden Am Ende des Schmerzes muss kein Abgrund sein: Gemeinsam stärkt er uns für die Herausforderungen des Lebens Der Schmerz ist unser lebenslanger Begleiter. Schon bei der Geburt erfasst er uns als erstes Trauma der Trennung, folgt uns fortan auf Schritt und Tritt. Wenn sich die ersten Milchzähne ihren Weg bahnen, wenn unser Körper das 148 rapide Wachstum durchlaufen muss und wenn wir alle erstmals erfahren, was es bedeutet, wenn wir lieben und diese Hingabe nicht erwidert wird. Das ist der Schmerz, der uns stets aufzwingt, uns zu wandeln, einen Umgang mit ihm zu finden. Dass er uns wie ein Motor antreibt, gibt ihm eine zeitliche Bewandtnis für unsere Biographie. Er zeichnet sie in Kontinuität mit Brüchen, strukturiert sie wellenförmig in ständig aufeinander folgenden Initiationsriten. Sei der Schmerz nun physiologischer oder psychischer Natur – er kann uns auf einer höheren geistigen Ebene bei all dem Grauen und Übel, das er uns abfordert, die menschliche Existenz als Möglichkeit aufzuzeigen. Indem er oftmals stichartig in unser Bewusstsein taucht, reißt er uns aus dem Trott der Alltäglichkeit und fordert Antworten. Er agiert als Anti-Verdrängungs-Vehikel, weil seine Anwesenheit immerzu den Mittelpunkt unseres geistigen Geschehens einnimmt. Damit beginnt die nötige Selbstreflexion. Wir müssen uns verorten, zu ihm, zur Welt mit ihren Heilern, Prognosen und mit der Unermüdlichkeit, die sich uns auferlegt. Wir müssen aufstehen, weil wir nicht mehr warten können, tief in uns selbst hören, nach der verlorenen inneren Stimme lauschen, um vielleicht dem näher zu kommen, was sich so brachial unserer Gegenwart bemächtigt. Es beginnt das Selbstgespräch. Die Not wird zur Tugend. Man überlegt, wo das unmittelbar auftretende Pochen seine Ursache haben könnte. Jenseits der Oberfläche medizinischer Behandlungen drängen sich manchem mitunter philosophische, metaphysische und ethische Fragen auf. Wer einmal eine schwere Krankheit überstehen musste, wird unversehens der Kontingenz allen Seins bewusst. Dieser gebrochene Mensch sieht Leidende oder gar Sterbende fortan anders und dürfte ein neues Gespür für den wirklichen Genuss jedes einzelnen Augenblicks erhalten. Unbestreitbar bleibt jedoch die Destruktion, die Magenkrämpfe oder Nervenreizungen etwa bewirken. Sie stürzen uns in endlose Zwiegespräche mit Seele und Gott. In uns zu zirkulieren, kann eine Chance sein. Ja, wir können uns neu finden, wir können den Entschluss fassen, dass wir unser Leben ändern müssen. Gleichzeitig droht auch die Gefahr des Selbstverlustes. Der Leidende ist manchmal kaum dazu imstande, einen Ausweg aus dem Irrgarten zu finden, ihm ist buchstäblich der Faden der Ariadne abhandengekommen Er fühlt sich in die Ungewissheit gestoßen, vermutet in jedem Gang die Aporie der immer gleichen Vanitas. Viele riechen in der Luft nur noch den Odem des Verderbens. Der Skeptizismus verdunkelt sich zum Nihilismus, die Melancholie kippt in die Depression. Doch gerade darin lehrt uns die Philosophie des Schmerzes, wie sehr der Einzelne auf ein Gegenüber angewiesen ist. Es zeigt sich: Seine Erfahrung mag subjektiv sein, seine Bewältigung ist selten eine individuelle. Dass Schmerz vereinsamen kann, wird uns deutlich, wenn wir des Scherbenhaufens gewahr werden, der sich chronischen Patienten ins Gesicht geschrieben hat. Sie sind enttäuscht von Ärzten, die keine Zeit mehr haben, von einer Gesellschaft, die im Zuge der harmonischen Uniformierung des öffentlichen Lebens keinen 149 Platz mehr für Krankheit und Unförmigkeit zulässt. Dass der Hilflose angesichts dessen irgendwann fragt, was ihm die Existenz, wenn sie ohnehin nur mit Zersetzung verbunden ist, überhaupt noch zu geben vermag, ist verständlich. Er gerät an eine Weggabelung. Der eine Pfad von beiden lanciert klar den Tod. Er verheißt Freiheit vom Schmerz, die ersehnte Ruhe, Erlösung vor der endlosen Müdigkeit. Der andere Weiser zeigt auf einen weiten Horizont, ist ähnlich ungewiss, aber er markiert den Pfad des Lebens. Letzterer fordert Mut ab – und die Kraft, sich aus der depressiven Isolation herauszuarbeiten. Fühlt der Leidende die Nähe seiner Angehörigen und nächsten Begleiter, erkennt er oftmals, dass auch er noch einen erfüllenden Dienst zu leisten hat. Wenn er geht, was würde er zurücklassen müssen? Die Gefahr bestünde, dass der Schmerz mit seinem Verscheiden kein Ende finden, sondern auf die Trauernden übergehen würde. Hierin liegt die Mahnung begründet, bei aller Egozentrierung, die eine Krankheit mit sich bringt, nicht unsere Verantwortung aus den Augen zu verlieren. Damit beflügelt er uns zwar nicht unbedingt, aber er trägt dazu bei, sich zu erdigen und wieder einen Grund zu sehen, weshalb wir bleiben sollten. Indem er uns zum Gegenüber führt, befreit er den Leidenden aus der Individuation und erweist sich als Nukleus gesellschaftlichen Zusammenlebens überhaupt. Körperliches und seelisches Leiden kann zwischen Ich und Du sowie Ich und Gott eine Beziehung entstehen lassen. Betrachtet man den Zivilisationsprozess vor dem Hintergrund von epochen- übergreifenden Bemühungen, den Schmerz einzudämmen, wird der Schmerz zum Motivator für Solidarisierung. Der Mensch fand sich immer schon in Gruppen zusammen, um gegen äußere Bedrohung gewappnet zu sein. Er bildete Kooperationen, um zunächst präventiv jedwedem möglichen Schmerz, der beispielsweise durch Kampf zustande kommen könnte, vorzubeugen. Im Rahmen der naturwissenschaftlichen Fortschrittsgeschichte entstand aus der rein präventiven Absicherung die Zielsetzung, auch kurativ dem Schmerz entgegenzutreten. Die Evolution der Menschheit kann damit durchaus als Schmerzüberwindungshistorie verstanden werden. Dass diese Gemeinschaftsstiftung bis in das Individuum vordringt, demonstriert die Suche eines jeden Menschen nach seinem Komplement. Jeder sehnt sich nach einem Partner, damit wir den Schmerz des Lebens von Liebeskummer über Tumorerkrankung bis hin zu unserer Einsamkeit und unserem existenzialistischen Geworfensein in die Welt gemeinsam verwinden. Wir verdanken diesem biologischen Warnapparat viel, und doch bleibt er auf immer unser größter Feind. Es ist ein Gegenspieler in uns selbst. Wer sich ihm stellt, muss es mit seinem eigenen Körper aufnehmen. Auch dies markiert ein weiteres Trauma, das sich dem Subjekt auferlegt. Es erkennt darin seine Entmachtung, indem es mit dem Objekt zusammenfällt. Im Ringen um unsere eigene Stabilität wandelt uns der Schmerz immerfort. 150 Weil wir durch ihn in das Dunkle gestoßen werden, weist er uns zugleich das Licht im Leben. Er ist körperlich, keine Frage. Und doch ist er auch metaphysisch: Er ist in das Dasein getreten, um daraus entfernt zu werden – ein Opfer, wie das Christentum es im Messias konzentriert. Jener ertrug das Martyrium, um den Schmerz der Schuld von der Menschheit zu nehmen. Aus seinem kathartischen Leiden heraus formte sich eine Jüngerschaft, die dessen Botschaft bis heute verbreitet. Der Schmerz ist nach wie vor geblieben, jedoch als eine durch seine physiologische Präsenz unterschätzte, transzendente Kraft. Der Sohn Gottes am Kreuz wurde zur Ikonographie einer doloristischen Kultur, die aus dem Mit-Leiden ihre kollektive Identität und Stärke gewinnt – die Vision eines Zusammenlebens im Geiste des bedingungslosen Teilens, jenseits von Wettbewerb und Konkurrenz. Damit dieses Modell aber Erfolg zeitigen kann, bedarf es einer moralischen Selbstverpflichtung zum Hinsehen. Eine durchaus christliche Verantwortung, wie C. S. Lewis 1954 noch in seinem Werk „Über den Schmerz“ schreibt: „Gott flüstert in unseren Freuden, er spricht in unserem Gewissen; in unseren Schmerzen aber ruft er laut. Sie sind sein Megaphon, eine taube Welt aufzuwecken.“ Nur wer bereit ist, dieses Monitum ernst zu nehmen und sich der Fratze des Schmerzes zu stellen, kann zu ihm ein Verhältnis aufbauen. Im Zuge der Technologisierung offenbaren sich hingegen momentan eher Tendenzen zur Abstraktifizierung und Verdrängung. Krankheiten werden von vielen Medizinern nur noch als Zeichen bildgebender Verfahren kategorisiert, Schmerzen in Amplituden zwar gemessen, aber nicht mehr empathisch geteilt. Der Mensch gilt in diesem System als Organismus, in dem verschiedene chemische Wechselwirkungen zu erhebbaren Symptomen und damit folgerichtig zu katalogisierbaren Diagnosen führen. Und wenn das Leiden technisch nicht zu bestimmen ist, kommt schnell der Rat auf, einen Psychologen zu konsultieren. Phantomschmerz. Dann beginnen für Leidende Phasen der Zerrüttung und Selbstzweifel. Doch eben jenen Verlassenen muss die Zivilgesellschaft mit einer Ethik der Aufmerksamkeit begegnen. Den Schmerz zu bekämpfen, sollte nicht nur Aufgabe des Leidenden sein, der ohnehin von der Kraftlosigkeit malträtiert ist. Vielmehr müssen offene Räume für dessen Integration sorgen. Krankenhäuser dürfen nicht dazu dienen, die Negativität unter Quarantäne zu stellen, Hospize nicht dazu, den baldigen Tod möglichst sicher von der Öffentlichkeit abzuschließen. Nein, gerade eine christliche Kultur muss den Schmerz als Herausforderung für die Gemeinschaft in den Mittelpunkt ihres Glaubens und Handelns stellen. Dazu gehört eine Enttabuisierung: Ein wahrhaftiges Sehenlernen, worin Leiden nicht nur zur allgemein messbaren körperlichen Reaktion schrumpft, sondern sich als individuelle und kollektiv zu bewältigende Erfahrung manifestiert. 151 Leider erscheint eine solche Gesellschaftsvorstellung derzeit eher fern. Nicht nur die technologische Nüchternheit einer körperfixierten Medizin legt diesen Eindruck nahe. Auch die Macht der Ökonomie zielt auf ein Menschenbild im Zeichen permanenter Selbstoptimierung. Tiefgreifende Leidenserlebnisse oder langwierige Therapien gelten als Makel, sofern sie Beschleunigung und Wachstum zu bremsen drohen. Aufgrund dessen gibt es schon die weitverbreite Angst vor den Folgen krankheitsbedingter Ausfälle. Berufstätige schleppen sich mit Grippe und Gebrechen zur Arbeitsstelle. Man will und muss funktionieren. Indem die Wächter und Produzenten des Kapitals uns somit zur Ächtung des eigenen wie auch fremden Schmerzes erziehen, steuern wir fortdauernd auf unsere Selbstausbeutung zu. Man betreibt solange Raubbau am Körper, bis entweder die physischen Kräfte irgendwann völlig erlahmen oder letztlich die Seele an der sich auftürmenden Zermürbung und Müdigkeit zerbricht. Eine Gesellschaft, die den Schmerz zu verachten lehrt, unterstützt jedoch im Gegenteil nur dessen Ausbreitung und Verfestigung. An diesem Punkt kommt ihm jedoch keine positive Qualität mehr zu, da die Genesung nicht mehr intrinsisch motiviert ist. Vielmehr wird sie getrieben von der steten Sorge, bald wieder für die Arbeitsmaschinerie bereitstehen zu müssen. Unterdessen mag auch die Medizin Gefahr laufen, sich selbst sukzessive als Handlanger einer schmerzausgrenzenden Gesellschaftsideologie vor den Karren spannen zu lassen. Statt zu heilen, muss sie optimieren. Eine Epoche, die darüber nachdenkt, Menschen höheren Alters die Einsetzung künstlicher Hüftgelenke zu verweigern, besiegelt ihr moralisches Todesurteil, das aus der Heiligsprechung des wirtschaftlichen Profits resultiert. Was also tun als Gemeinschaft, die in solcherlei Verblendung gegen die Mauer zu laufen scheint? Zwar beginnt der Wandel im Kopf jedes Einzelnen. Doch auch Politik und Wirtschaft müsste man zu neuen Wegen einladen. Alle sprechen von längeren Erziehungszeiten, auf die sich angehende Eltern freuen können. Vielleicht sollten wir auch über Zeiten sprechen, die Angehörige von chronisch Schmerzleidenden leichter in Anspruch nehmen könnten. Wer eine persönliche Krise gemeinsam durchstehen kann, wird daraus möglicherweise als ein besserer Mensch hervorgehen. Sowohl der Kranke als auch der ihm Beistehende werden danach sicherlich keine Motivationscoachings oder Lehrgänge in Sachen sozialer Kompetenz benötigen. Was der Schmerz uns aufbürdet und wie wir daran reifen, kann kein Trainer und schon gar keine Schulung leisten. Am Ende einer Krankheit hat man das Leben durchdrungen, mit all seiner Unerbittlichkeit, Tragik und vielleicht auch Gnade. Die Erfahrung von Schmerz, sei sie unmittelbar oder persönlich, macht unsere Gesellschaft nicht arm, sondern verleiht ihr Contenance und Reichtum: An Liebe, an Verständnis und an Glauben. 152

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Zusammenfassung

In über 50 Essays liefert Björn Hayer eine Gedankensammlung, die sich das Große und Ganze vornimmt und dabei tief in die Gründe von Kultur, Politik und Gesellschaft vordringt. Mit der Freude eines Schatzsuchers durchkämmt der Autor die Welt des Films und der Literatur, sucht, findet, trägt zusammen und offenbart ein viskoses, aber durchaus sichtbares Terrain, das Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vereint. Immer aus den Vollen schöpfend und dabei zutiefst ehrlich umfassen die hier versammelten Texte ein breites Spektrum zwischen nüchterner Diagnose und feierlichem Aufbruch, Skepsis und Hoffnung auf eine bessere Zukunft.