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Krisen und Kritik in:

Björn Hayer

Melancholie und Hoffnung, page 11 - 66

Essays zu Gesellschaft und Kultur

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3915-1, ISBN online: 978-3-8288-6661-4, https://doi.org/10.5771/9783828866614-11

Tectum, Baden-Baden
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11 Krisen und Kritik Die Skandalgesellschaft Derber, härter, grotesker: Die Maschinerie der Empörung braucht Opfer, um ihre Leere zu kaschieren Die spätmoderne Gesellschaft nährt sich vom Skandal. Kaum eine Woche vergeht, ohne dass Boulevardblätter und soziale Netzwerke nicht neue Eklats ans Tageslicht bringen. Statt politische Visionen in der Zivilgesellschaft aktiv zu entwickeln, hat sich in den letzten Jahrzehnten im Zuge der Ausdifferenzierung der Medienlandschaft ein Klima des permanenten Reagierens von allen Seiten entwickelt. Der Leser und Nachrichtenzuschauer ist zum passiven Informationskonsumenten geriert, dessen Hirn indes auf ständige neue Aufreger gepolt ist. Gleiches gilt für die Produzentenseite, wo der zunehmende Konkurrenzdruck unter den Bewerbern im Fernseh- und Printsegment verzweifelte Suchbewegungen nach immer drastischeren Skandalen erzwingt. Doch wie erklärt sich dieser stets brutaler und hemmungsloser werdende Kreislauf? Dass möglicherweise schon im Menschen an sich eine gewisse Lust an Erregung und – wie man neudeutsch nun so intelligent zu sagen weiß – am „Fremdschämen“ angelegt sein könnte, mag sein. Doch vor allem die Herausbildung der allseits präsenten, audiovisuellen Medien veränderte in den letzten Dekaden auf einschneidende Weise das Blickdispositiv sowie die Schaulust der Mediennutzer. Weder der Text noch Bild und Ton allein erzeugen nur annähernd dieselbe emotionale Wirkung wie alle drei Komponenten gemeinsam. Erst die Mixturen, allen voran filmische Formate, bereiten einer Gesellschaft des Voyeurismus den Weg und geben das Gefühl, bei allen Ereignissen unmittelbar nah am Geschehen zu sein. Indem das Skandalon – ob in Debatten über Steuerhinterzieher, Datenmissbrauch oder moralische Tiefbohrungen im Dschungelcamp – dadurch zur leicht bekömmlichen Ware erklärt wurde, dürfte zwar zunächst das Bedürfnis der breiten Bevölkerung mit altrömischen Mitteln aus Brot und Spielen befriedigt worden sein. Doch wer einmal Lunte gerochen hat, will mehr. So gerät die immer weiter gesättigte Skandalgesellschaft in einen Leerlauf. Wo hingegen das eigentliche Ziel von Aufmerksamkeitserzeugung schon seit jeher darin besteht, die Wertegrundlage einer Gesellschaft entweder zu bestätigen oder gegebenenfalls auch zu überdenken, versinken die Eklats der Gegenwart in der Bedeutungslosigkeit. Auf kurze neuralgische Reizungen beim schaulustigen Infotainment-Konsumenten folgen Apathie und Vergessenheit. Um dem entgegenzuwirken, fährt die Adornosche Kulturindustrie immer härtete Geschütze 12 auf. Die Intervalle der Erregungen schrumpfen, die Härte der Bilder nimmt zu, um Einschaltquoten, Klicks oder Auflagenzahlen zumindest konstant zu halten. Die wirtschaftliche Ressource „Skandal“ führt somit zum moralischen Ausverkauf, bis am Ende alle Hemmschwellen gefallen sind. Doch was kommt danach? Dass die sittliche Empörung auf die Moden des Zeitgeistes kaum ein nachhaltiges Echo in den Weiten unserer multimedialen Kanäle findet, zeigt eindrucksvoll die Krise von Institutionen wie Parteien und Gewerkschaften. Während diese unter schwindenden Mitgliederzahlen um ihre Legitimität ringen müssen, gewinnt vor allem der personalisierte Skandal immer mehr an Strahlkraft. Dessen Fähigkeit, die Aufmerksamkeit der Menschen zu gewinnen, erweckt geradezu den Eindruck, als würde das Skandalon indes eine quasireligiöse Position in der Gesellschaft einnehmen. Offenbar scheint ihm dabei eine Ritualität innezuwohnen, die durchaus auf Opfermythen verschiedener Kulturkreise verweist. Denn was passiert, wenn, wie vor nicht allzu langer Zeit, eine moralische Figur wie Alice Schwarzer im Zusammenhang mit Steuerhinterziehungen von einem nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung frohlockend und unter Häme in den Orkus gestürzt wird? Wahrscheinlich mag ein ähnlicher Mechanismus am Werk sein, wenn wir das nachmittägliche Skandalprogramm im sogenannten „Unterschichten-TV“ konsumieren. Diese Formate halten uns im Besonderen dazu an, uns über ethische Verwerfungen der Protagonisten, die von un- überdachten Kindesschwangerschaften bis hin zu Vergewaltigungen und anderen Verbrechen reichen, zu erheben. Der Reflex bei der Zurschaustellung von Prominenten ist derselbe. Ob Schwarzer, Hoeneß oder anonyme Irrläufer im Fernsehen – der Zuschauer opfert öffentliche Figuren, um sich seiner eigenen Integrität gewahr zu werden. Und zwar in zweierlei Hinsicht: Zum einen in Gestalt einer heimlichen Identifikation mit dem Skandalopfer. So sollen in Fragen des manchem noch immer als Kavaliersdelikt und Volkssport geltenden Steuerbetrugs beispielsweise die in den Zeitungen geschlachteten Sündenböcke die kollektive Schuld jener auf sich nehmen, die gern dasselbe tun würden, es aber nicht können. Zum zweiten kann der Zuschauer eine Bestärkung verspüren, weil er sich ganz offensichtlich gegen vom Weg abgekommene Subjekte abgrenzen kann. Dass die Causa Sebastian Edathy beispielsweise ein derartiges Aufmerksamkeitsgebaren erfuhr, ist der Tatsache geschuldet, dass sich der Zuschauer durch die Empörung über den SPD-Politiker und seine möglichen pädophilen Neigungen selbst moralisch aufzuwerten vermochte. Die medienbetriebene Empörungsmaschinerie der Gegenwart soll uns von der eigenen Negativität befreien, soll durch das Opfer ausgewählter Sünder einen kathartischen Effekt bedingen. Nichtsdestoweniger scheint die Gesellschaft mit dieser Praxis im Ganzen keineswegs klüger, reifer oder tugendhafter zu werden. 13 Denn die erhoffte Reinigung gleicht nicht jener, die optimalerweise dem Besucher der griechischen Tragödie zuteilwird. Zwar mag auch diesen Urtypus des Schaulustigen ein Erlaben am Untergang anderer fesseln; der Zweck ist jedoch, schenkt man Aristoteles’ Dramentheorie Glauben, ein anderer gewesen. Indem das Publikum das Leiden des Helden aktiv miterlebt und dessen schicksalshafte Katastrophe innerlich nachvollzieht, verlässt es das Theater geläutert. Der Zuschauer der Tragödie soll durch das internalisierende Sehen ein besserer Mensch werden. Statt Abgrenzung, begleitet von Spott und Scheinheiligkeit, wie die aktuelle Skandalgesellschaft Wertestabilisierung zu erzeugen sucht, wirbt man hierin um das Gegenteil. Der Mensch muss sich gerade auf die Verfehlung gänzlich einlassen und sie im besten Falle noch seelisch mittragen. Im Programm der griechischen Tragödie lässt sich indes ein zutiefst christlicher Grundgedanke identifizieren: Leiden wird erträglich, wenn es gemeinsam erlebt und getragen wird. Dies dient jedoch keinem dämonischen Voyeurismus. Vielmehr gehen die Gläubigen wie auch der (zumindest aristotelisch gepolte) Zuschauer der antiken Tragödien als geläuterte Subjekte aus künstlerischen und religiösen Identifikations-Prozessen hervor. Beiden wohnt jene Katharsis inne, die uns all der Verwerfungen, Widrigkeiten und Aufschürfungen der alltäglichen Existenz enthebt. Doch wo derlei nötige Rituale verloren gehen, sucht die schwache Seele nach Ersatz. Vor allem die Verlockungen der Bilderwelten gaukeln ein breites Sortiment an „Sinnangeboten“ vor. Als heiße Ware, geradezu als ein Dauerbrenner im Sortiment des digitalen Schlaraffenlands wird das Skandalon gehandelt. In einer Zeit, in der die Masse nichts mehr von innerer religiöser Erhebung (und Erleichterung) weiß, determinieren uns TV und Netz auf Empörung und Erregung. Wer sich über die Fehler anderer stellt, glaubt sich damit seiner moralischen Insel sicher, wird jedoch nur durch den eigenen Spott und Hohn betrogen. Fest steht: Die heutige Skandalgesellschaft bringt weder neue Werte noch neue Menschen hervor. Ihre Rituale der sich stets selbst inflationierenden Erregungszirkulationen berauben uns unserer Integrität und Sicherheit. Bedenklich ist, dass die heutigen Medieneklats nicht nur zur Droge einer ansonsten von Überbelastung wie Ermüdung gleichermaßen gezeichneten Gemeinschaft geworden sind, sondern ebenfalls den Stellenwert einer Religion eingenommen haben. Statt Messen, Theater und Parlamentsdebatten zu besuchen, sind Talkshows und nahezu regellose Shit-Storm-Chats zu jenen Foren herangereift, wo vermeintlich über das, was die Welt im Innersten zusammenhält, gequasselt wird. Im Rahmen dessen Werte kundzutun, meint aber lediglich, Abgrenzungsformeln zu entwickeln, Es gibt keinen Wert mehr an sich, im Koordinatensystem der Denunziation gibt es nur eine Währung: Das Negativum. Die Gesellschaft demaskiert sich als eine der Destruktivität. Prägnant mutet in diesem Zusammenhang die schon lange anhaltende Hexenjagd auf fehlerhafte Dissertationen an. Es ist nur allzu offensichtlich, dass es den wütigen 14 Fehlersuchern weniger um Urheberrecht oder den wissenschaftlichen Ethos mit seinen Tugenden wie Ehrlichkeit und Sorgsamkeit geht. Vielmehr scheint es deren Ziel zu sein, politische Akteure bewusst zu kompromittieren. Natürlich, Guttenberg und Schavan mussten zurecht die Konsequenzen aus ihren zumindest schlampigen Doktorarbeiten ziehen. Unterstützt durch den skandaltriefenden Druck der Medienlandschaft, wurden sie aber auch regelrecht gestürzt und für eine erregungslustige Öffentlichkeit wie ein Opfer geschlachtet. So fühlten sich nicht nur all jene, die sich über die „Betrüger“ und heuchlerischen „Saubermänner/-frauen“ echauffierten, in ihrer eigenen Musterhaftigkeit bestärkt. Entscheidender mag unterdessen die Erkenntnis sein, wie wenig solcherlei Affären zu gesellschaftlichen Erneuerungen beitragen. Denn abgesehen von einigen universitären Verschärfungen der Überprüfung von Promotionsschriften zog der allgemeine Aufschrei keinerlei produktive Debatte nach sich. Dadurch stellt sich ein umfassender Mangel an Grundsätzlichkeit und Kritikmüdigkeit ein. Da die Frequenz der Eklats ständig zunimmt, um die Öffentlichkeit bei der Stange zu halten, verkürzen sich zumindest aufkeimende Diskussionen zu polemischen Schlagabtauschen. In flimmernden Arenen gängiger Talkrunden werden sie von verfeindeten Erzkontrahenten ausgetragen, damit es natürlich richtig zur Sache geht. In aktuellen Auseinandersetzungen um Einwanderung, Sterbehilfe oder Verschärfung der Prostitutionsgesetze sitzen sich zumeist Links und Rechts gegen- über. Um das Publikum nicht zu überfordern, wird auf jegliche Grautöne in sensibelsten Themenfeldern verzichtet. Dies hat zur Folge, dass auch die Gemeinschaft, der im Übrigen die Meinungsbildung gänzlich durch die scharfzüngigen TV- und Netz-Zerfleischungen abgenommen wird, mehr und mehr auch in Extreme zerfällt. Denn dem Skandal inhäriert prinzipiell, dass er nur funktionieren kann, wenn es enorme Fallhöhen und große Diskrepanzen gibt. Was verhandelbar ist oder einer weichen Ermessungssache gleicht, genügt nicht zur Erhitzung. Es braucht ein klares Opfer auf den Altären der Empörung, ansonsten bleibt die nötige Abgrenzung der Mehrheit aus. Doch wie stabil ist eine Gesellschaft permanenter Aufregung? Was kommt nach dem völligen Höhepunkt (oder sollte man besser Tiefpunkt sagen)? Gehen letztlich alle Maßstäbe in einem Klima der Enthemmung, Denunziation und des Spotts unter, bleibt nur noch der Nihilismus. Von der großen Öffentlichkeit die Anstrengung zu einer neuen Ethik zu erhoffen, dürfte wohl utopische Naivität sein. Zumindest bedarf es aber eines Aufstands der intellektuellen Elite. Die Heilspredigten von einem „Mehr an Bildung“ können nur erfolgreich sein, wenn auch die Medienproduzenten, übrigens ihrerseits Teil dieser Elite, auch jenseits der Quoten und Auflagenzahlen sich ihrer Verantwortung für den sozialen Fortschritt bewusst werden. Es bedarf eines gemeinsam unter Politik, Kirche, Verbänden und Medienakteuren ausgehandelten Kodexes zur Wahrung der Würde des Menschen – unter allen, wenn auch noch so verurteilenswerten 15 Bedingungen. Aber Vorsicht: Wer darin schon einen Eingriff in die Pressefreiheit wittert, geht bereits dem nächsten, überflüssigen Skandalon in die Falle. Die Gewalt der Transparenz Überall ertönen die Rufe nach Transparenz. Doch die politische Salonvokabel muss spätestens seit „Prism“ und dem NSA-Skandal auf den Prüfstand Gläsern soll die neue Welt sein, ein Paradies, wo jeder mit jedem vernetzt ist. Im Internet scheint der lange gehegte Traum von der offenen Menschheitsfamilie lebbar. Einst beschworen Skeptiker noch den Schutz der Privatsphäre, heutzutage werden fleißig Profile gepflegt. Mit allerhand persönlichen Fundus nährt der Homo Cyber das große Google. Der moderne Online-Mensch ist eben transparent und – wie man ihm vermittelt – damit der Vorzeigedemokrat der Zukunft. Bis zuletzt kam dabei auch keine Partei mehr umhin, sich das Primat der umfassenden Transparenz nicht in irgendeiner Form auf die Fahnen zu schreiben. Die Apologeten der Demokratie 2.0 predigten euphorisch: Transparenz sei ein Bürgerrecht. Erst die Debatte um „Prism“, abgehörte Regierungschefs und die Sammelwut der Black Box NSA und Internetriesen ließen die Unkenrufe nach Transparenz ein wenig leiser werden. Denn zu viel des Guten kann, so zeigen die zahlreichen Datenaffären, vom Ziel der Grundrechtswahrung schnell ins Gegenteil umschlagen. Zwar mag man den amerikanischen Geheimdiensten bestenfalls noch zugutehalten, dass sie Informationen sammeln, um wiederum ihre nötigen Pflichten zu erfüllen – nämlich Terrorismus und Sicherheitslücken vorzubeugen. Aber nicht jeder Zweck heiligt bekanntermaßen alle Mittel. Und selbst die scharfzüngigen Ankläger der Datenkrake, die ansonsten stets auf mehr Transparenz in allen Fragen politischer Prozesse pochen, um dem Bürger zu seiner Kontrollfähigkeit gegenüber dem Staat zu verhelfen, geraten nun in die Defensive. Die Forderungen nach umfassender Einsicht in sämtliche Winkel des politischen Alltags dürften sich nun als Vorstufe der weltweiten Ausspähungen entpuppen. Erst allmählich scheint sich zu bewahrheiten: Jedem Ruf nach Transparenz haftet – selbst in Demokratien – ein diktatorischer Unterton an. Wer auf Durchsichtigkeit in allen politischen und sozialen Kontexten insistiert, der strebt – gewollt oder ungewollt – eine Gesellschaftsform allseitiger Observation an. Denn auch eine strengere Überwachung, wie sie doch oftmals vehement für Gehaltslisten von Parteifunktionären und Abgeordneten eingefordert wird, schlägt potenziell in eine Atmosphäre der Denunziation um. Gleichzeitig bilden 16 sich aus der Blickdisposition des bürgerlichen Wächters Kategorien heraus, welche letztlich zur Einebnung von Individualität beitragen. Wenn wir auf Missstände ein Auge werfen wollen, so doch nur, um zu prüfen, ob die Geschehnisse tatsächlich unserem Wertekanon entsprechen. Was sich in diesem Regime des permanenten medialen Beobachtens und Beobachtetwerdens außerhalb der von der Öffentlichkeit getragenen Norm bewegt, fällt nicht nur auf, sondern wird gleichsam zur Anpassung, ja Uniformisierung gezwungen. So benötigt und produziert die Transparenzlogik unentwegt objektive Kriterien, anhand deren sie uns vorspiegelt, die Wirklichkeit messen zu können. Aber wer soll sie bestimmen? Und was folgt daraus beispielsweise für das hohe Prinzip des freien Mandats des Abgeordneten? Natürlich, jeder gewählte Parlamentarier ist dem Souverän Rechenschaft schuldig. Dennoch ist er kein bloßer Prozessor, dessen Verhalten technisch determiniert wird, sondern ein Subjekt mit persönlichen Einstellungen, die gerade in Gewissensfragen keiner Kontrolle unterliegen. Die Durchsichtigkeit aller Lebensbereiche, wie sie mit Facebook, aber auch etwa mit dem Programm der Piratenpartei verbunden ist, schafft keine schöne, neue Epoche der Freiheit. Indem manch einer für allumfassende Transparenz der Emanzipation wegen plädiert, errichtet er in dieser Rigorosität zugleich, wie der viel gelobte Band „Transparenzgesellschaft“ (2012) von Byung-Chul Han eindrucksvoll belegt, ein neues Gefängnis. Dieses ist ein äußeres, das zu einem inneren wird, eine Druckkonstruktion, die uns allzeit die Keule eines Rousseauschen Volonté générale vor Augen führt. Von der offensichtlichen, durch einen klaren Sittenkodex charakterisierten Überwachungsgesellschaft Foucaultschen Ausmaßes ist nichts mehr zu spüren. Die sozialen Hierarchien, die einst mit dem Hegelschen Gegensatzpaar aus Herr und Knecht funktionierten, gehören der Vergangenheit an. Durch die Gewalt der Transparenz hat sich der gegenwärtige Homo Cyber vielmehr einer selbstgesteuerten Knechtschaft unterworfen. Die externe Überwachungsmaschinerie, die allen voran durch soziale Netzwerke und deren selbsternannte Cyber-Utopisten in Gang gehalten wird, zieht sodann in unseren Denkkosmos ein und kristallisiert sich in einer inneren Stasi, in der Obsession, uns ständig selbst kontrollieren zu müssen, heraus. Einerseits fühlen wir uns zwar ausgehorcht, durchleuchtet, fragen uns, ob nicht doch jemand bei unseren Einkäufen im Netz oder dem Online-Banking zusieht. Andererseits – und darin tritt das fatale Paradox zutage – sind wir selbst zu Komplizen einer neuen Aufmerksamkeitsgesellschaft geworden. Indem der suggestive Druck der Transparenz auf uns einwirkt, sehen wir uns dazu berufen, sämtliche Daten zu veräußern. Urlaubsbilder, Beziehungsstatus, Launen und Eskapaden – all dies findet sich auf Facebook-Pinnwänden wieder. Ordnet man sich diesem Trend der dauerhaften, persönlichen Veröffentlichung nicht unter, so gerät man ins Abseits. Die schlimmste Strafe besteht heute darin, nicht 17 dazuzugehören, nicht im Lichtkegel der medialen Personeninszenierung zu stehen. Jene Affinität zur Selbstausstellung geht sogar so weit, dass sie indes von existenzieller Bedeutung zu sein scheint. Da sich ein Großteil des menschlichen Lebens inzwischen in virtuelle Weiten verlagert hat, ist auch das Menschenbild längst an eine Präsenz auf dem Bildschirm gebunden. Sich nicht in einschlägigen sozialen Foren zu bewegen, nicht selbst Teil der Darstellungsgemeinde zu sein, ist mit dem Verlust des Menschseins an sich verbunden. Die mediale Zeichenwelt hat die Realität gemäß Jean Baudrillard ersetzt. Wer demzufolge nicht den Übergang in die Cyberparadiese vollzogen hat respektive dort nicht ständig erreicht werden kann, ist schlichtweg nicht existent. Byung-Chul Han sieht hierin insbesondere das ökonomische Diktat der Verwertbarkeit wirken. Gerade die großen Online-Konzerne, die uns scheinbar alles zum Nulltarif bieten – Nachrichten, Spiele und Unmengen an Kontakten – laden en passent zu ständigen Meinungskundgebungen ein. Die Surfer von heute „liken“ alle möglichen Produkte und liefern damit unbemerkt das Material zur Erstellung spezifischer Konsumprofile. Von der ursprünglichen Idee, durch umfassende Transparenz Freiheit zu ermöglichen, ist nichts geblieben. Stattdessen ziert die üble Fratze einer wirtschaftlichen Nutzbarmachung von Gedanken, Einstellungen und überhaupt jeglichem Seelengut die Paläste der Transparenzgesellschaft. Aufgrund des Interesses an leicht auswertbaren Informationsströmen arbeiten die Datenmogule an der Bildung von Mainstream und Norm mit, indem sie beispielsweise die Ergebnisse von Umfragen aus den „Like-Buttons“ öffentlich machen. Kein Zweifel: Die Transparenz kennt weder Ecken noch Kanten. Sie ist nur dort effektiv, wo keine Unebenheiten vorkommen. Zur Wahrung unserer Autonomie bedarf es daher des Mutes zum Widerstand und einer inzwischen überfälligen Hinterfragung der Salonvokabel. Erst der Umkehrschluss aus einer wünschenswerten Transparenzskepsis läuft auf eine Gesellschaft mit Schattierungen und bewussten Graubereichen hinaus. Diese Diversität kann eine neue Stärke sein. Sie beherbergt Freigeister, Provokateure wie Opportunisten gleichermaßen. Nur dort, wo auch im Stillen – das gilt für das politische, wirtschaftliche wie private Leben unisono – noch Gedankengänge erprobt werden können, ohne sofort durch die Evaluierungsscanner von „Like-“ oder „Dislike-Buttons“ genudelt und abgeschliffen worden zu sein, kann Innovation entstehen. Ohne die Möglichkeit eines privaten Rückzugs hätten Garagentüftler und öffentlichkeitsscheue Genies wohl nie eine Chance gehabt. Die Transparenz bedingt Stillstand, sie leuchtet in unser Innerstes, bis wir völlig durchsichtig sind und nur noch das Nichts sich offenbart. Im Verborgenen lag und liegt dem gegenüber immer schon der Inspirationsquell, weil es Melancholie und Aktivismus gleichermaßen beherbergt. Ein wenig Intransparenz macht das Leben also überhaupt erst spannend und vielschichtig. 18 Gleichzeitig bietet sie eine geschützte Zone des Austestens jenseits von Sanktion und Ausschluss. Selbst wenn wir es nicht gern hören, aber auch für die Politik erscheint ein solches Terrain trotz des NSA-Schocks unumgänglich. Insbesondere die Diplomatie und die bilateralen Staatenbeziehungen sind auf Verhandlungsspielräume angewiesen. Im Angesicht einer stets beäugenden Öffentlichkeit würde jeder politische Gesprächspartner alles dafür tun, sich keine Blöße zu geben. Die Fronten wären damit verhärtet und unbeweglich. Die Transparenz würde nichts außer dauerhafte Entwicklungslosigkeit hervorrufen. Je mehr sich aber auch der Fortschritt unter der Maske von Fürsorge und Prävention der Idee der omnipräsenten Anwesenheit des Überwachers und der Nachvollziehbarkeit von Wegen und Handlungen des Überwachten verschreibt, desto enger wächst ein Korsett um unsere Entfaltung. Zu viel Transparenz verschließt die Türen nötiger Ab- und Umwege. Irgendwann werden Kinder, die in ihren Mini-Handys GPS-Chips haben werden, wohlmöglich keine Suchen nach Piratenschätzen oder geheimen Indianersiedlungen mehr unternehmen können. Denn Big Brother is watching you und weiß über ihre transportablen Flachbildschirme oder bald vielleicht schon durch die GoogleGlass-Brille verbotene Abbiegungen frühzeitig zu erkennen. Klar, auch die Verheimlichung von Affären und sonstigen Tabus wird schwieriger, wenn alle Wege allen bekannt sind. Aber wollen wir das tatsächlich? Dass wir mehr Transparenz in einigen demokratischen Strukturen, allen voran, was die Entscheidungsgänge auf der EU-Ebene anbelangt, brauchen, ist unbestritten. Doch um welchen Preis fordern dies die Anwälte der Transparenzgesellschaft ein? In jedem Fall um den des Geheimnisses – ein Wert, den gerade die digitale Revolution aus unserem Gedächtnis verschwinden lässt. Die sich immer weiter ausbreitende Pornografie im Internet mag dafür ein Indikator sein. Denn das Dispositiv der Transparenz, welches das Private zunächst inflationiert und dann auslöscht, entpuppt sich als pornoider Blick. Er stellt um der Entblößung selbst aus, er ist ein Blick, der allein die Oberfläche feiert und keinen tieferen Wert hervorbringt. Angesichts solcher Erkenntnisse sollten wir beginnen, nachzudenken. Doch einige und insbesondere aus den Lobbygruppen um Google, Amazon und Facebook wollen derzeit nicht nur reines – und zwar astreines – Wissen über uns, sondern sie streben danach, es völlig zu kontrollieren. Trotz „Prism“ klingt Transparenz für manche noch immer zu verlockend. Aus deren Sicht darf niemand sich dem die Gesellschaft vor Heimlichtuerei schützenden Drang der Offenbarung widersetzen. Transparenz gilt für alle oder keinen, für alles oder nichts. Sich dem zu entziehen, heißt zukünftig schlimmstenfalls, das Misstrauen anderer auf sich zu ziehen. Das Netz hat schon vieles in dieser Hinsicht möglich gemacht und es wird auch morgen die Welt noch gläserner machen, als sie ohnehin schon geworden ist. Dagegen kleine Inseln der Intransparenz zu fordern, bedeutet somit wohl zunehmend, das Attribut des Kulturpessimisten mit sich 19 herumzutragen. Doch diese Haltung ist keine genuin reaktionäre. Denn sie verurteilt keinen Fortschritt in welcher Hinsicht auch immer. Im Gegenteil: Sie weiß um die Bedingungen, die Fortschritt überhaupt erst möglich machen. Im Fieber der Perfektion Votings, Objektivierungswahn und Like-Fetisch: Eine Introspektion in die Bewertungsgesellschaft Eigentlich kann nichts mehr schiefgehen. Wir kennen die schönsten Hotels, die besten Restaurants, die besten Airlines und Handcremes. Denn alles, was uns umtreibt und bewegt, ist hundertfach geprüft und evaluiert. Wer sich durch das Netz klickt, trifft auf Bestenlisten von Blumenläden über Orthopäden bis hin zu Finanzprodukten. Und selbst was der Deutsche denkt, isst, ist im digitalen Archiv zahlloser Statistiken für jedermann erfahrbar. Meinungen machen Geld und bringen noch dazu Transparenz. Denn aus der Masse all der Guten ragen die schwarzen Schafe heraus, da die Überwachungsmaschinerie der Masse jedwedem Defizit genauestens auf der Spur ist. Das System der Bewertungsgesellschaft entpuppt sich somit als eine Gemeinschaft größtmöglicher Risikovermeidung. Dass wir in schäbigen Eckkneipen mit abgeranzter Küche landen, schlechte Kinofilme schauen, im Urlaub zwielichtigen Autovermietern auf den Leim gehen oder die angeblich idyllisch gelegene Pension buchen, die sich bei Ankunft als Bruchbude mit Baustelle erweist, wird immer unwahrscheinlicher. Sich zu verirren oder die eigene knappe Zeit in einer ohnehin beschleunigten Epoche falsch einzusetzen, gilt es in jedem Fall zu verhindern. Die Verfügbarkeit der Perfektion lässt den spätmodernen Mensch gegenüber allen Hindernissen und Ärgernissen erhaben sein. Doch macht uns eine solch durchevaluierte Gesellschaft der Fragebögen, Telefoninterviews und ständigen Auswertung unserer Daten wirklich reicher, genussvoller, empfänglicher? Müssten wir unser Leben angesichts der Destillationen des Bestmöglichen in allen Bereichen nicht als viel vollkommener empfinden? Das ehrliche Zugeständnis weiß um die Fatalität der Perfektion: Kein Dasein ist ärmer, das nur auf Glück und vermeintliche Fehlerlosigkeit gebaut ist. Denn nur, weil der Gaumen Geschmacksverirrungen bereits erlebt hat, kann er die kulinarische Auslese schätzen lernen. Doch derartige Umwege sind heute nicht mehr gewollt. Die Leistungsgesellschaft trimmt auf unmittelbare, schrankenlose Kommunikation, heiligt strikte Karrierelinien und erhebt das Optimum zum Maß aller Dinge. Das beste Bildungssystem mit der höchsten Lese- und Mathematikkompetenz dürfte nach jahrlangen Testreihen gerade gut genug sein, um den Vorstellungen einer maximal durchorganisierten Gesellschaft Rechnung zu tragen. 20 Aber wie zutreffend sind die Gütesiegel, die sämtlichen Bereichen unserer Existenz nach unzähligen Bewertungsrunden verliehen werden, wirklich? Oder anders gesagt: Wie perfekt ist eigentlich die Perfektion? Das Alpha und Omega der kollektiven Kür der Besten bilden Umfragen. Sie ermitteln, was uns guttut, ermitteln den Volonté générale. Wenn die große Mehrheit Conchita Wurst zur größten Sängerin beim Eurovision Song-Contest wählt, muss am Trans-Gender-Pop schon etwas dran sein. Und selbst im Urwald gilt das statistische Mittel: Pornosternchen, Busenwunder und Ex-Bachelor-Kandidatin Melanie Müller als Königin des Dschungelcamp 2014 ist das Resultat eines Entscheidungsprozesses, der am Ende die Grande Bellezza auserkoren haben soll. Jenseits der medialen Amüsements geht der Statistik- und Abstimmungsfetisch unserer Tage aber bei politischen Entscheidungen mit bedenklichen Implikationen einher. Statt Werten folgen Merkel-Pragmatismus und Kulissendemokratie mehr und mehr kurzfristigen Meinungsbildern. Etwaige Positionen der Abgeordneten verwaschen sich in Moden und Trends. Dabei steht unzweifelhaft fest, dass all die Barometer, die Mehrheiten von Splittergruppen separieren und uns eine simple Welt aus einer komplizierten Problemlage herausfiltern, nicht mehr als ein Mittelmaß bieten. Und selbst die „DSDS“-Stimmwunder und gewählten Sieger der sogenannten Check-Sendungen, die Supermärkte und Labels auf den Prüfstand stellen, entsprechen selten der optimalen Wahl, sondern verkörpern den Konsens, die mediokre Farblosigkeit, die auf niemanden zu grell wirkt. Was wir von solchen Selektionen erhoffen, ist eine Objektivität in Zeiten, wo jedwede Sicherheit verloren gegangen ist. All die geadelten Pop-Eintagsfliegen und Infotainment-Formate über aus Umfragen gewonnene Ergebnisse zur besten Partnerschaftspraxis oder klügsten Kindererziehung suggerieren uns feste Wissenssubstanz und demonstrieren, was die unangefochtenen Sublimate der menschlichen Existenz ausmachen. Doch das Optimum ist nicht mehr als eine biedere Norm. Votings küren nicht, sie verflachen und desensibilisieren. Sie kristallisieren nicht das Besondere heraus, sie verhindern Innovation und Kreation, wo sie diese doch zu fördern suchen. Unpopuläre Haltungen widersprechen dem Gros der Masse und bringen die Bedrohung mit sich, das Gleichgewicht zu stören. Und das Schlimmste daran: Zu wenige merken den Betrug. Denn nie wurde mehr gewählt. Die neuen Medien sorgen dafür, dass jeder überall partizipieren kann. Per SMS und Netz-Votings bestimmen wir, welche Visage hübsch und welches Wissen nützlich ist. Auch das umfragentreue Berlin weiß nebulöse Meinungsbilder gern in direkte Schaupolitik umzusetzen. Wer braucht schon noch Parlamentswahlen, wenn die Meinungsforschungsinstitute unlängst eine sowieso schnellere und effektivere Ersatzdemokratie entworfen haben? Es spielt schlichtweg keine Rolle, welchen Wissens- und Erfahrungshintergrund die Befragten mit sich bringen, ob sie über nötige Expertisen oder Ressourcen zur Meinungsbildung verfügen. Wer Teenies in den Olymp der Musikindustrie 21 wählt, der kann auch Gastro-Guide und Außenpolitik. Demokratie hat die Reifung zugunsten eines umfassenden Abstimmungsmarathons aufgeopfert. Schnelligkeit substituiert Konzentration. Im Sat.1-Talk „Eins gegen Eins“, einem harten Rede-Wettstreit zweier oppositioneller Politiker, lässt man das Publikum sogar mehrfach innerhalb einer Sendung seine Überzeugung kundgeben. Statt die potenziellen Wähler mit Argumenten zu überzeugen, müssen die Rhetoriker auf Unterhaltung und scharfzüngige Parolen setzten. Entscheidend sind weniger Stichhaltigkeit als Sticheleien, weniger Diskurs als Zahlenwerte. So verliert die Debatte an Substanz und das Wissen, das nunmehr allein in kleinen, verträglichen Häppchen konsumierbar wird, an Dichte. Zwar werben die Meinungsforschungsinstitute stets damit, durch ihre Erhebungen dem gesellschaftlichen Innenleben auf die Spur zu kommen, ja, Soziologie auf eine sichere Basis zu stellen. Kritisch muss man jedoch die Frage stellen, ob die Bewertungsgesellschaft am Ende wirklich auch ein Surplus an Wissen erzeugt. Lesen wir etwa die Ergebnisse aus Studien, welche Verbraucherverhalten oder Gesundheitszustand der Bevölkerung erfassen, lernen wir den Menschen an sich nicht besser kennen. Im Gegenteil: Die Welt der Statistik ist ein Kosmos der Aufspaltung, der Zerkleinerung und Segregation. Während die Ganzheitlichkeit aus dem Blick verschwindet, nimmt die Bedeutung von einzelnen Datensätzen zu. Es entstehen Halbwissen und Informationsgebirge, ohne daraus tiefere Einsichten über den eigentlichen Gegenstand zu generieren. Gleichzeitig leuchtet die Demoskopie nach und nach alle Geheimratsecken des menschlichen Daseins aus. Ob ästhetische Empfindungen im Anblick eines Gemäldes oder beim Lauschen von Musik, ob sexuelle Vorlieben oder individuelle Glaubensfragen – der Evaluationssog nährt sich aus Intimitätsfeindlichkeit und schrankenloser Sichtbarkeit. Das Cyberkollektiv ergeht sich in Likes, fühlt sich stark als vermeintlich unabhängiger Meinungsapparat und erweist sich doch als Geißel der Netzmonopolisten. Mit seinen flexiblen Votings trägt es weder zu mehr demokratischem Geist noch zu irgendeiner Veränderung der gesellschaftlichen Realität bei. Seine Äußerungen geraten vielmehr direkt in die Tentakel der Big Data-Kraken, deren einziges Bemühen auf eine ökonomische Verwertung der persönlichen Ansichten ausgerichtet ist. Aber auch die Nutzer selbst riskieren mit ihrer unbedarften Mentalität als Hans- Dampf-in-alle-Gassen-Wähler eine Abstumpfung in Sachen Meinungsbildung. Zwischen Gefällt-mir-Exzessen über die schrägsten Videos über tierische Tollpatsche auf YouTube und mal jux organisierten Positionsbestimmungen zu Auslandseinsätzen der Bundeswehr haben wir offensichtlich die Sensibilität für das Wesentliche verloren. Wir ermüden zusehends an immer neuen Ergebnissen über unsere angeblichen Ansichten, ermüden daran, dass die Befragungswut nur selten noch Neues hervorbringt und ermüden an der faktischen Nichtigkeit des Statistik-Zirkus‘. Klar, die Politik reagiert in ihrer Anpassungsfähigkeit inzwischen recht kurzlebig auf fixe Befragungen zu Einstellungen und 22 Wünschen. Doch langfristige Konzeptionen bleiben aus. Und ob die ganzen TV-Checks von Großfirmen und Modeherstellern, die trotz skandaltriefender Enthüllungen nur selten ihre schwarzen Schafe im Regen stehen lassen, tatsächlich das weitläufige Konsumverhalten beeinflussen, dürfte mehr als skeptisch stimmen. Darunter leiden dann zumeist die durchaus wichtigen Projekte: Petitionen im Tierschutzbereich, Bürgerbegehren und Parlamentseinreichungen. Nachdem die Spam-Ordner von Umfrageeinladungen nur so überquellen, beziehen viele eine Blockadehaltung, üben sich zurecht im Netzasketismus, verpassen aber manchenteils die Chance, wenn es denn dann einmal um wirkliche Mitspracherechte geht, sich mit ihrem Elan und ihren Kenntnissen einzubringen. Dagegen verspricht wohl nur noch eine Renaissance des Individuums Abhilfe, und zwar eines auch mit all seinen Fehlern und Geheimnissen geachteten Subjekts. Der Wissensgesellschaft stünde es gut zu Gesicht, wenn sie den Mehrwert von Grau- und Schattenzonen wieder zu schätzen wüsste, nicht mehr dem Fluch erliege, alles in Zahlen und Dauer-Befragungen objektivieren zu wollen. Nur so könnte sie zu echtem sozialen Fortschritt gelangen, insofern der Schwerpunkt der Demoskopie sich wieder auf relevante Fragen des gesellschaftlichen Lebens – so zumindest die idealistische Hoffnung – rückbesinnen könnte. Zudem schafft dies auch gegenüber Expertisen neue Aufmerksamkeit. Da sich inzwischen jeder Hanswurst zum Filmkritiker, Profi-Koch und politischem Weltstrategen berufen sieht und dann noch glaubt, die Welt mit seinen Halbergüssen beglücken zu müssen, geraten in den letzten Jahren professionelle Beobachter und Spezialisten ins Hintertreffen. Gerade das Feuilleton leidet unter Legitimationsdruck, weil der ehrenvollen Aufgabe kenntnisreicher Rezensenten durch einschlägige offene Plattformen im Netz oder Massenumfragen kaum mehr die nötige Achtung zukommt. Indem die ohnehin durch die Print- Markt-Krise gebeutelten Zeitungsverlage verstärkt ihre erfahrenen Fachleute im festen Redaktionsstamm reduzieren, leisten sie sukzessive dem Trend zur Entprofessionalisierung der Kulturkritik Vorschub, wodurch auch grundsätzlichere Debatten, getragen von Geist und Tiefe, seltener werden. Die Bewertungsgesellschaft verkürzt somit unser Denken auf allen Ebenen und setzt uns zurück in frühinfantile Affirmationsbekundungen. Bauch und Laune mangelt es an der Konzentration, die eine immer komplexer werdende Welt eigentlich einfordert. Doch der Weg aus dem Baby-Dada-, Like- und Gefälltmir-Rondell kann am Ende auch leichter als gedacht sein. Wer der Norm der Assimilation und dem steten Schauen auf sich täglich ändernde Windverhältnisse überdrüssig geworden ist, dem sei empfohlen, doch schlichtweg wieder dem eigenen Befinden Gehör zu schenken, einem Befinden der Reflexion, frei von Geplapper und Tagesaktualität, ein Befinden, das so mutig ist, dass es zur Selbstvergewisserung keinen ständigen Abgleich mit dem Strom der Masse bedarf. Dies wäre wirkliche Reife und mag zugegebenermaßen für den eingefleischten Homo Cyber derzeit noch ein beschwerlicher Pfad sein. Doch der 23 Gedanke lohnt: Enthaltung versteht sich nicht als Entmachtung, sondern birgt das Gegenteil in sich. Erst aus der Zurücknahme entstehen Konsistenz und Überzeugungen. Die ewige Schönheit Harmonie und Vollkommenheit – ein Uranliegen des Menschen, dessen ethische Dimension es in der Gegenwart neu auszuloten gilt Es sind jene Momente, in denen wir uns selbst wie die Hauptfigur eines Hollywoodfilms vorkommen, jene Augenblicke, welche wir etwa unter dem himmlischen Gefilde der Sixtinischen Kapelle, im Angesicht eines liebevollen Menschen oder schlichtweg eines Abendrotes verspüren: Wem die große Schönheit begegnet, wird sie nie vergessen. Einmal von diesem Aphrodisiakum gekostet, nehmen wir die Welt mit neuen, sehnsuchtsvollen Augen wahr. Wir streben nach Harmonie und Ebenmaß, weil wir mit dem attraktiven Körper oder dem formvollendeten Gemälde so viel mehr verbinden als bloße Oberfläche. Bereits in der Antike wurde die Verschwisterung des Schönen mit dem Guten vorgenommen. Wirkt ersteres, so stellte sich – gemäß der Vorstellung der Kalokagathia nach Philebos – zugleich die Erkenntnis von Wahrheit ein. Ästhetik und Ethik waren eins und im christlichen Abendland in einer göttlichen Lichtmetaphorik aufgehoben. Schiller sah später in ihr „nichts anderes als Freiheit in der Erscheinung“, Schopenhauer fand in ihrer künstlerischen Ausprägung hingegen die Möglichkeit, sich versenkend von den negativen Mächten des Kosmos loszulösen. Kurzum: Je länger die Menschen über Schönheit nachdachten, desto eher bildete sich ein subjektives Bewusstsein von ihr heraus. Bekanntermaßen liegt sie ja im Auge des Betrachters. Gilt dieses einfache Credo auch heute noch? Wie hält es der spätmoderne Mensch mit dem optischen Ideal? Body-Modification und Chirurgie, Kosmetikindustrie und Werbeplakate mit vollkommenen Körpern vermitteln uns die Verheißung, dass jeder schön sein kann und sogar sein muss. Wer es sich leisten kann, vermag sich selbst zu kreieren. Schönheit bedeutet Renommee und Status wie Macht und Reichtum gleichermaßen. Die armen, wie sie das nachmittägliche Reality TV gern mit fettigen Haaren und adipöser Statur in Szene setzt, erscheinen im Kontrast dazu als die Unflätigen und Minderbemittelten. Der Philosoph Konrad Paul Liesemann bemerkt hierin eine bedenkliche Verschiebung. So sei zu konstatieren, dass man heutzutage „das Strahlen der äußeren Schönheit nicht aus der Arbeit am moralischen Subjekt, sondern umgekehrt die moralische Qualität aus einem Erscheinungsbild ableitet, das zunehmend der 24 Machbarkeit und damit der Verantwortung der Menschen zugewiesen wird.“ (Liesemann, Schönheit, 2009) Schön wird man nicht aufgrund seiner so oft gepriesenen inneren Werte, sondern erst die äußere Perfektion lässt auf einen guten – das heißt nach gegenwärtiger Ideologie intelligenten und erfolgreichen – Menschen schließen. Aufgrund dieser sozialen Bedeutung des Aussehens kommt es Nancy Etcoff zufolge zu einem regelrechten „survival of the prettiest“ (Etcoff, Nur die Schönsten überleben, 2001). Dass die Optimierung des Körpers gar in ihr Gegenteil umschlagen kann und geradezu perverse Effekte zeitigt, offenbart die Modellbranche mehr denn je. Magerkeitswahn und der permanente Widerstand gegen das Altern bringen, wie der bildgewaltige Psychothriller „The Neon Demon“ von Nicolas Winding Refn veranschaulicht, Untote hervor. Im erbitterten Konkurrenzkampf um Fotoshootings gerieren junge Frauen zu seelenlosen Mannequins. Tritt Schönheit jenseits der bröckelnden Oberfläche als Hässlichkeit zutage, mag man sich unversehens an die Literatur und Kunst des Fin de Siècle erinnert fühlen. Dem ästhetischen Schein wohnt in Gedichten von Georg Trakl, Charles Baudellaire oder August Graf von Platen stets ein morbider Grundzug inne. Vom Hässlichen, das ja immerhin noch das Schöne im Mangel erahnen lässt, ist indessen Leere übrig geblieben. Gemäß dem Kulturkritiker Byung-Chul Han gehe diese Reduzierung im 21. Jahrhundert vor allem auf das Fehlen des Anderen zurück. Die Allgegenwart der Smartphones und Tabletts führten zur Egozentrierung der Individuen. Als digitale Zombies hätten wir uns vom Gegen- über gelöst und von den virtuellen Paradiesen verführen lassen. Es gibt niemanden mehr, an dem wir uns reiben würden. Stattdessen kommt der Philosoph in seinem Essays „Die Errettung des Schönen“ zum grundlegenden Befund: „Das Glatte ist die Signatur der Gegenwart“. Allen Widerständen enthoben, surfen wir durch die realen und digitalen, immerzu weichen und seicht ausgekleideten Räume des Life Style. Zwischen Glashausfassaden, den Kitschskulpturen Jeff Coons und dem Dogma ebener Schamlippen entpuppt sich die „Schönheit der Uniformität“ (Gabriele Mentges / Birgit Richard, Schönheit der Uniformität, 2005) als ein Maximum an Widerstandslosigkeit. Ist alle Hoffnung somit vergebens? Versteht sich Schönheit nur noch als ein Rest in Warenästhetik und Hochglanzmagazinen? Im Populären wie in der Hochkunst trifft man derzeit ebenfalls auf subversive Gegenbewegung. Sidecut-, Bop- oder Undone-Frisur beschwören die emanzipative Kraft der Mode herauf. Auch die Rückkehr des Parka und des Street-Styles setzt auf Brechung statt bloßer Oberflächenharmonie. Im Film üben sich Regisseure wie Paolo Sorrentino oder Wim Wenders in der Rehabilitierung eines Pathos‘, das erneut als Medium des Schönen und Wahren dient. Und nachdem auch ein Teil der Literatur der Moderne Schönheit zu einem raren Gut erklärt hat, ringt gerade 25 die Gegenwartslyrik – zu denken wäre an Ulrike Almut Sandig, Nadja Küchenmeister oder Tom Schulz – um die Verlusterfahrung von Glanz und Bellezza vergangener Tage. Der Glätte und dem Statuskult heutiger Schönheitsvorstellungen setzten sie das Verständnis von Schönheit unter Vorbehalt entgegen. Ihre Fragilität und Patina steht im Zeichen der Akzeptanz des Fehlers und natürlicher Vergänglichkeit. Schon einer der berühmtesten Sätze aus Rainer Maria Rilkes „Duineser Elegien“ bringt dies klar auf den Punkt: „Denn das Schöne ist nichts / als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen, / und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, uns zu zerstören.“ Kaum erfasst, droht sie uns schon wieder zu entgleiten. Aber wird uns nicht dadurch erst deutlich, welche Bedeutung das Schöne wirklich besitzt? Nicht das Vollendete erfasst den Betrachter, Leser und Hörer, sondern die Ästhetik des Gebrochenen. Für Hans- Georg Gadamer ist es in der Wunde anzutreffen, für Adorno gerade im Gegenbild zum Makellosen: „Das Wuchernde des Gesunden ist als solches immer zugleich die Krankheit. Ihr Gegengift ist Krankheit als ihrer bewußte, die Einschränkung von Leben selbst. Solche heilsame Krankheit ist das Schöne.“ (Adorno, Minima Moralia, 1980) Letzteres führt uns an einen Urgrund zurück und erlaubt tiefere Einsichten in die Begrenztheit unserer Existenz. Die ewige Schönheit – nach ihr zu streben, ist dem Mensch offensichtlich ein inneres Anliegen. Nur welche Erkenntnisse er aus deren Suche zieht, scheint sich von Zeit zu Zeit zu verändern. Dass sie auch in einer Spätmoderne, in der sich Kategorien und Sicherheiten auflösen, uneingeschränkt von großem Wert sein kann, zeigt ihre ordnende Funktion. In ihrer sublimsten Form bietet sie eine Harmonisierung von Gegensetzen. Sie stellt ein Gleichgewicht her, das durchaus zu ethischen Qualitäten gelangen könnte. Was eint etwa die Schönheitsbegriffe von Islamischer und christlicher Kultur? Oder von östlicher und westlicher Hemisphäre? Auf welche Weise kann das Ästhetische ins Politische umschlagen? Schönheit äußert sich als ein Angebot und erfordert immerzu ein Gegenüber. Ein bisschen idealistisch gedacht, aber keineswegs naiv wäre daher die These: In einer von Konflikten zerrissenen, multipolaren Welt könnte die Frage nach dem Ästhetischen daher ein erster Schritt zu einer gemeinsamen Wahrnehmungsbasis sein. 26 Der Tod der Fotografie? Noch nie waren Bilder so gegenwärtig wie heute. Und doch geht ihnen Aura und Würde abhanden. Zum Status quo einer inflationierten Kunst Es kann eine verlassene Kirche irgendwo in einer toskanischen Landschaft sein, ein Café in den Gassen von Paris, der Blick einer schönen Frau. Oder einfach nur ein Blatt, das im Herbst vom Baum herabgleitet – die Fotografie hält fest, was wir ansonsten allzu schnell vergessen würden. Sie friert einen wirkungsvollen Moment ein, der im Strom der Zeit zu verschwinden droht. Sehen wir uns etwa Jahre danach noch einmal Bilder aus dem Urlaub oder einer vergangenen Liebe an, entsteht erneut eine existenzielle Erfahrung des Menschseins: Man erlebt eine Beziehung. Ein Foto anzufertigen, heißt, sich selbst in ein Verhältnis zum anderen zu setzen, eine gemeinsame Verbindung im Augenkontakt oder in der Körpersprache herzustellen. Obgleich die meisten Bilder zunächst der Bewahrung von Erinnerung dienen sollen, erzählen sie doch so viel mehr über die Personen vor und hinter der Kamera: Sie loten Distanz und Nähe, Öffentlichkeit und Intimität aus. Und fast immer geht es dabei um Würdigung und Anerkennung. Wir fotografieren, was uns bewegt, was uns traurig oder glücklich macht. In jedem Fall birgt das Foto einen Akzent in sich, gibt etwas Besonderes preis. Die einzige Grundbedingung für ein gelingendes Festhalten, ist ein Minimum an Abstand. Die absolute Nähe lässt keine Position des Betrachters jenseits der Schaulust zu. Denn wie in einem Museum erkennen wir ein Gemälde erst in seiner wahren Tiefe, wenn wir einen Schritt zurücktreten. Das Detail bleibt ohne Leben, ohne Kraft, wenn wir nicht den Blick auf das Ganze werfen. Kein Backstein fasst unsere Aufmerksamkeit. Erst in einer Wand und dann in einem Gebäude erfüllt er seinen Zweck. Zugegeben: Eine Liebeserklärung an Kamera und Fotografie läuft schnell Gefahr, den Gegenstand nostalgisch zu verklären. Aber genau das suchen wir in der schönen und wahren Fotografie, das Berührende und Wesenhafte. Man denke nur an Wim Wenders wundervolle Filmhommage an den brasilianischen Fotografen Sebastiao Sagaldo. Darin begegnen wir einer Persönlichkeit, die ihr Leben voll und ganz der Kamera verschreibt. Ob als Kriegsdokumentarist (mit gebrochener Seele) oder als feinsinniger Beobachter von Landschaften, wie er sie auf so suggestive wie inbrünstige Weise in dem Monumentalband „Genesis“ festhält – seine Werke sind Ausweis einer Kunst im steten Ringen um Wahrhaftigkeit. Salgado will erzählen, uns die Menschen in Extremsituationen wie Vertreibung und Sklaverei näherbringen sowie unser Bewusstsein für den Zustand einer fragilen Welt schärfen. 27 Fotografie kann also das ganz Große und ganz Kleine umfassen. In beidem sucht sie nach Sinn, indem sie bestenfalls die Oberfläche des Sichtbaren durchdringt und uns durch den perfekten Moment Einblick in das Innerste eines Menschen ermöglicht. Ein solches Wunderwerk hat die zu Lebzeiten verkannte und erst vor wenigen Jahren entdeckte Straßenfotografin Vivian Maier, welche 2009 verstarb, hinterlassen. Immerzu in Bereitschaft, irgendwo in Chicagos Straßentrubel einen günstigen Schnappschuss mit ihrer Rolleiflex-Kamera einzufangen, setzte sie Menschen in alltäglichen und bisweilen skurrilen Situationen ins Bild: Das verträumte Antlitz einer Frau vor einem Schaufenster, ein Vater mit seinen beiden Kindern, deren Umrisse sich in einer herbstlichen Regenpfütze spiegeln, eine verlassene Braut bei Nacht, ein reitender Afroamerikaner mitten auf einer menschenleeren Straße, viele Selbstporträts und stets auch Personen am Rande der Gesellschaft: Obdachlose, verhärmte Fabrikarbeiter, Bettler in den Slums. Das alles grundsätzlich in suggestiver Schwarz-Weiss-Ästhetik. Doch die Bewunderung von manch einem dafür rührt heute vom Bewusstsein einer Leerstelle her. Denn obwohl aktuell so viele Bilder wie nie zuvor auf Handys, Tablets und Digitalkameras hergestellt werden, scheint die Bedeutung der Fotografie geradezu inflationär zu werden. Im Netz erfassen uns Fluten von Aufnahmen: Obskurer Kitsch und Partyschnappschüsse, Selfies und Copy- Shop-Montagen. Wir sind immer mehr überwältigt, aber nur noch selten berührt. Woher kommt das? Eine mögliche Erklärung fußt auf dem, was Fotografie eigentlich ausmacht. Sie verleiht einem Menschen Würde, zeigt einen besonderen Ausschnitt seiner Persönlichkeit, macht ihn erhaben und einzigartig. Es kann ein Grübchen sein, ein Wimpernschlag, aber ebenso gut ein Moment der Trauer und des Leidens. Fotografie war demzufolge noch nie ein rein technisches Unterfangen: Vielmehr wohnt ihr ein sakraler Zug inne, der nicht zuletzt auf die Ikonografie verweist. Indem wir beispielsweise Porträts von Heiligen bestaunen, stellen wir einen Bezug zu unserem Leben her. Das Gute und Wahre geht visuell in uns über, regt unsere Mitleidsfähigkeit an. Kunst wirkt direkt auf das Menschsein. Dass Kirchen zu gemeinschaftsstiftenden Foren avancieren, verdankt sich nicht zuletzt der pikturalen Kraft ihrer künstlerischen Werke. Denn die Gläubigen sind nicht nur untereinander ein Kollektiv ähnlich denkender in der Jetztzeit. Mittels des Bildes wird der Brückenschlag in die Vergangenheit, ja, ins Überzeitliche möglich. Wir spiegeln uns im Hier und Jetzt mit all dem, was unsere Geschichte und Identität ausmacht. Die Darstellungen weihen und verewigen, bezeugen und beschützen, vertiefen und verbinden. Demgegenüber steht eine gegenwärtige Fotografie der Isolation und Egozentrik. Allen voran das Selfie mag als Sinnbild unserer Zeit gelten, welche das Ich vor das Wir setzt. Wo die Ära der Daguerrotypie noch die strenge Einheit aus 28 Fotograf und Fotografiertem und darin ein so basales wie persönliches Zusammenspiel zweier Menschen einforderte, gibt das mit Handy oder Smartphone erstellte Selbstbild lediglich die Einsamkeit und den bis ins Absude übersteigerten Narzissmus unserer Tage preis. Der virtuelle Zeitgenosse des 21. Jahrhunderts entzieht sich dem Anderen, um selbst voll und ganz Herr seiner Außenwirkung zu sein. Dies schließt im Übrigen häufig auch den Zufallscharakter des Bildes aus. Wenn der Amateur-Charme eines Selfies nicht gewollt ist, helfen Programme zur Bildbearbeitung nach, bis die erwünschte Perfektion erreicht ist. Statt Hommage oder Dokumentation steht allein die Inszenierung im Vordergrund – und damit auch ein Voyeurismus, der Fotografie ausschließlich als Mittel zum Zweck degradiert. Denken wir nur an all die Paparazzi-Aufnahmen, die unendliche Anzahl an Schnappschüssen von Prominenten in jedweder Alltagssituation: Sex-Rausch- und Toilettenbilder haben das Porträt verdrängt. Sie zeugen nicht von Intimität, sondern von pornografischer Transparenz. Damit schwindet jede Scham, die noch Erkenntnis bringt. Das verinnerlichende Schauen ist einem bloßen Sehen gewichen. Die klassische Fotografie zeigt im Gegensatz dazu etwas, ohne sogleich alles zu verraten. Man könnte sogar sagen: Das Nicht-Sichtbare macht die Bildkunst gerade erst aus. Die Gegenwart hingegen enthüllt alles, entblößt ihr Objekt, bis nur noch das Nichts, die Maskerade, das Konterfei ohne Rätsel und Aura, übrigen bleiben. Dass sich darin längst kein Geheimnis mehr manifestiert, merken wir ebenso am Wertverlust von Alben. Ohne eingängige Prüfung laden Nutzer sämtliche Aufnahmen von Reisen, Clubs und Knutschereien auf Facebook hoch. Was zuvor noch der Erinnerung diente, soll nun der reine Ausstellung Vorschub leisten. Hinzu kommt das geringe Verfallsdatum der Schnappschüsse. Unzählige erneuern tagtäglich ihre Profilbilder in den sozialen Netzwerken. Es gilt, dass man nur ist, was man abbildet. Oder noch genauer: Man ist nur wer, wenn man sich abbildet. Das schiere Volumen an Bilddokumenten ergibt sich dabei möglicherweise auch aus dem Medium selbst, das nicht mehr so richtig in die gegenwärtige Epoche passt. Film und Installation sind die Insignien spätmoderner Beschleunigung, nicht das eingefrorene Fotodokument. Die Informationsgesellschaft basiert auf unentwegtem Datenaustausch. Unsere digitalen Kanäle glühen unentwegt. Und wir konsumieren, rezipieren und produzieren in demselben Tempo, wie Zeichen über unsere Bildschirme flimmern. Die Fotografie mit ihrer Augenblicklichkeit, Statik und Einmaligkeit kann der Sequenz nicht Rechnung tragen. Nur indem sie permanent erzeugt wird, findet eine Annäherung statt, welche jedoch ihrer ursprünglichen Idee zuwiderläuft. Nichts vermissen Liebhaber der Fotografie im Tränental ihrer Entzauberung so sehr wie Liebe und Wahrheit. Indem das Bild immer mehr Amüsement und Voyeurismus anheimfällt, verliert es seine Zweckfreiheit. Die Ära der l‘ Art pour l‘ art ist, so muss man sagen, konsequent in die der Kulturindustrie Adornos übergegangen. Medienkonsumenten wollen unterhalten werden, ohne 29 dass sie dabei bemerken, wie sehr die zumeist emotionalisieren Bilderwellen sie untergründig manipulieren. Selbst wo dokumentarische Aufnahmen einen scheinbaren Informationsgehalt aufweisen – etwa wenn sie Krisen- und Kriegsgebieten entstammen – befriedigen sie primär die Lust am Schauen. Mitleid kommt hierbei selten auf, weil die Beziehung verloren gegangen ist. Das dargestellte Sterben wird objekthaft, persönliche Geschichten sind kaum mehr gefragt. Noch tragischer erscheint die politische Instrumentalisierung von Fotografie und Film: Immer wieder ereilen uns in den vergangenen Monaten Zeugnisse islamistischer Hinrichtungen, grausam und ungeschönt in Szene gesetzt. Erklären Terroristen die Kamera zu ihrer Waffe, wissen sie ihr stärkstes Mittel zu nutzen: Die Abschreckung. Mehr als jedes Selfie oder sonstige Amateurkoketterie zerstört eine solche Bildmacht jedwedes Verhältnis zwischen Produzenten, Fotografierten und Betrachter. Doch den Untergang des Abendlandes herbeizureden, würde der Gemengelage nicht gerecht werden. Denn aus der Masse kristallisieren sich zumeist auch kleine Gegenbewegungen heraus. So ebenfalls in der Fotografie, die mehr denn je ihre Liebe zur Schwarz-weiß-Ästhetik wiederentdeckt. Einigen sagt der bunte Trubel um Glamour und Funkelei nicht mehr zu. Desto mehr wenden sie sich einer zeitlosen Romantik zu. Selbst manch ein Vielfotografierer stellt inzwischen auf seinen mobilen Geräten liebliche Sepia-Töne ein. Aber selbst diese Nostalgie dürfte bald wieder zur Mode werden. Die Zeit lässt sich nun einmal nicht zurückdrehen. Eines wird aber die allgemeine Inflation der Fotografie sicherlich bewirken: In naher Zukunft könnte die klassische, inzwischen schon längst für den Großteil der Digitalkameranutzer nicht mehr richtig verfügbare Fotografenkunst wieder zum Status einer wahren Kunst gelangen. Sie entwickelt sich derzeit schon zu einem Nischenartefakt inmitten einer zwar florierenden, aber sinnentleerenden Bildkultur. Da gibt es einen nicht zu unterschätzenden Trost, nämlich eine erhoffte Aufwertung. Woran man sich vielleicht in hundert Jahren erinnern wird, sind nicht die Selfies, peinlichen Tierpannen- und Sexbilder, wie sie haufenweise in den digitalen Weiten zu finden sind. Am Ende hält sich der Rest des Besonderen, die wenigen Aufnahmen, die Bedeutung konservieren. Die Kunst ist stärker als jeder Zeitgeist. Aus dem Inneren der Projektgesellschaft Arbeiten von zuhause aus. Ist der Kapitalismus so zahm geworden? Nein, er lebt jetzt in uns und schafft ein neues Sklaventum Freitagabend 18:00 Uhr Dienstschluss, ein gemütlicher Ausklang mit Feierabendbierchen in der Kneipe am Eck, dann am Wochenende die Füße hochlegen und, wie man neuerdings sagt, einfach nur „chillen“ – dieser angenehmen 30 Vorstellung begegnet man heute fast nur noch in Film und Fernsehen. Denn die westlichen Wohlstandsgesellschaften fordern dem Individuum vieles ab, um dessen Lebensstandard zu erhalten. Immerhin: die Werbung erzählt uns, wie erfüllt wir sein müssten, muntere Ratgeberliteratur verkauft uns ein Quäntchen Glück zum kleinen Preis. Doch inzwischen ist der umtriebige und immer innovative Homo oeconomicus im Hier und Heute in eine Sackgasse geraten. Er ist müde und ausgelaugt und doch tritt er noch immer mit letzter Kraft in die Speichen seines Hamsterrads. Dann sieht man wiederum die Bilder der alten Fabriken, wo noch mit der Hände Arbeit produziert wurde, bevor die Männer mit rußigem Gesicht nach Hause kamen und uns wird bewusst: So frei wie heute war diese Gesellschaft noch nie. Eigentlich. Denn obwohl es uns gut gehen sollte, spüren wir permanent ein Kribbeln in uns. Es wirkt ein geheimer Antrieb, der nie zu stillen ist und im Grunde genommen ein ganz neues Bild von Gesellschaft entwirft. Während die meisten Arbeitsplätze früher noch in klaren Hierarchien geordnet schienen, in denen jedes Klientel, jede Schicht und jeder klassische Beruf noch seinen Platz hatte, ist der Mensch des 21. Jahrhunderts, insbesondere der Akademiker und Denker, mehr und mehr sein eigener Chef. Statt Stunden in irgendwelchen Bürohinterzimmern zu klopfen, arbeiten gegenwärtig viele schon im Homeoffice. Freiberufler, darunter etwa Journalisten, joblose Geisteswissenschaftler, aber auch IT-Fachleute, bilden das Ensemble der „Projektgesellschaft“. Und sie alle wissen: es zählt weder der Fleiß noch die Arbeitsstunden, die man investiert. Den Auftraggeber interessiert nur das Resultat. Die Wertschätzung für den Weg dahin geht in dieser auf Erfolg getrimmten Gesellschaft aus Ich-AGen verloren. Mehr noch: Arbeit soll erst gar nicht mehr als solche begriffen werden. Wie der mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete Dokumentarfilm „Work Hard – Play Hard“ (2011) in imposanter Weise darlegt, dokumentieren bereits innovative Konzernarchitekturen, wie Tätigkeits- und Privatsphäre schleichend ineinander übergehen. Am Beispiel der neuen Unilever-Zentrale in der schicken Hamburger Hafencity führt uns die Regisseurin Carmen Losmann das neue, offene Raumgefühl der schillernden Denkfabriken heutiger Weltkonzerne vor Augen. Darin sollen Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz, der nun nettes Ikea-Wohn-Feeling verbreitet, nicht mehr als solchen wahrnehmen. Beruf ist Berufung und füllt den Arbeitnehmer oder Projektjobber voll und ganz aus. Zwar vermitteln solcherlei Firmenkonstruktionen den Eindruck, einzig und allein am Wohl der Angestellten orientiert zu sein. Gleichwohl tut sich dahinter die Perfidität eines neu maskierten Kapitalismus auf. Ziel ist es, durch ein wohliges Umfeld Kommunikation unter den Mitarbeitern zu schaffen und deren Ideenproduktion anzuregen. Trugen einstmals noch klare Führungsstruktur und Anweisungen ein Unternehmen, wirken nunmehr subtile Steuerungen, deren Drastik jedoch weitaus 31 verheerender zu sein scheint. Die Zunahme von Burnout und allerhand psychischer Ausfallerscheinungen gibt zu erkennen: Das Leistungsdenken ist buchstäblich in einem Großteil der Köpfe angekommen. Es braucht nicht mehr die Weisung von oben, die uns in hektische Alarmbereitschaft und Arbeitswut versetzt. Wir haben indes eine innere Stasi entwickelt. Wir sind zu Sklaven unserer selbst geworden. Allseits machen wir uns, angestachelt durch den harten Konkurrenzdruck, bewusst: Du gibst viel. Aber das ist nicht genug. Nachtarbeit und Wochenenden am Schreibtisch sind kein Tabu mehr, sondern Usus der Arbeitskultur 2.0. Indem Gerhard Schröder und Tony Blair in den 00er Jahren als erste Regierungschefs umfassend eine Epoche der Deregulierung einleiteten und Tür und Tor für prekäre Beschäftigungsverhältnisse öffneten, wurde die Eigeninitiative politisch zum Primat des neuen Leistungssubjekts erhoben. Nicht nur der Ein- Euro-Jobber ist eine Erfindung dieses Programms, auch den arbeitslosen Akademiker kann manch Unheil erreichen: Vom befristeten Wissenschaftlichen Mitarbeiter ist es durch die herabgesetzten Zumutbarkeitsregelungen nicht mehr weit bis zum Straßenkehrer. Die Atypisierung des Arbeitsmarktes sorgt für eine alle Schichten erfassende Verunsicherung, die uns selbst in Geiselhaft nimmt. Jeder will den eigenen Abstieg verhindern, beutet sich selbst aus und wird damit zum Komplizen des Systems. Damit sich kein Widerstand formiert, baut die Projektgesellschaft auf das Prinzip „Divide et impera“. Sieht man von schönen Kommunikationsfluren etwa bei Unilever, die ja ihrerseits der Effizienzsteigerung dienen, ab, leben und wirken immer mehr dieser scheinfreien Mitarbeiter als Solitäre. Kurzfristige Aufträge fordern uns unter Umständen situative Kooperationen ab. Danach ist man aber wieder auf sich selbst verwiesen. Da sich der Einzelne, darunter kreative Fachkräfte vom Auftragsschreiber bis zum Grafikdesigner, oftmals nur von einem befristeten Auftrag zum nächsten hangelt, bleiben Kontinuität und Konzentration aus. Doch eine Gesellschaft, die innovativ sein will, braucht Verinnerlichung und vor allem Zeit. Ideen können nur dort gedeihen, wo Freiraum oder Muse möglich sind. Doch Letztere ist nicht messbar und daher für das System nicht existent. So mangelt es dem Projektarbeiter an der nötigen Zeit, sich in klassischer Form zu bilden. Stattdessen ist er in einem Kreislauf der Informationssammlung, -umformung und -wiedergabe gefangen. Eine Gesellschaft, die keinen Raum für persönliche Weiterentwicklung außerhalb der ökonomischen und damit verwertbaren Existenz bietet, wird geistig verarmen. Sie nutzt Menschen als Gedankenmaschinen ab und beraubt sie der Fähigkeit, immer auch zeitweise zu sich zurückkommen zu können. Vermag das neue Leistungssubjekt dabei Beruf und Privatheit nicht mehr zu trennen, entsteht ein Menschenbild im Widerspruch. Man fühlt sich gespalten und aufgezehrt. Einerseits sollen junge Akademiker früh Karriere machen, um Wohlstandswachstum zu generieren, andererseits sind sie dazu angehalten, Familien zu gründen und damit dem demografischen Wandel entgegenzuwirken. Max Weber sprach 32 schon früh vom sogenannten „Widerspruch der Wertsphären“, womit er nicht nur die frühe Moderne trefflich charakterisierte, sondern auch unsere Gegenwart. Wie viel Freiheit kann ein Mensch also vertragen? Welche Leistung ist ihm zuzumuten? Bislang liefert zumindest die Politik keine hinreichenden Antworten dafür. Dass sich das Menschenbild geändert hat, ist nur ein Merkmal eines sich wandelnden Marktes. Es fehlt an Visionen, die wieder Zuversicht und Stabilität versprechen. Das bedingungslose Grundeinkommen wäre eine pekuniäre Lösung, die zumindest eine finanzielle Abfederung für all jene darstellt, die sich tagtäglich auf neue Geschäftsbeziehungen und Auftraggeber einlassen müssen. Doch es bedarf auch des Nachdenkens über einen neuen Begriff von Arbeit selbst. Solange die Projektgesellschaft nur auf Ergebnisse fixiert ist und nur diese honoriert, bleibt die Zeit, um dies zu erreichen, immer ein Hemmnis. Doch die daraus erwachsende Verknappung bringt längerfristig keine guten Resultate mehr zustande. Auch der Arbeitsprozess mit all seinen Umwegen, Abwegen und Gedankenblitzen muss uns wieder ein Wert sein – und wie schrieb doch Oscar Wilde einmal so pointiert: „Heute kennt man von allem den Preis, von nichts den Wert.“ Die Schattenwesen der Konsumparadiese Tiere sind die namenlosen Opfer einer industrialisierten Mast. Sie sind Waren und haben demzufolge keine Lobby. Ein Plädoyer für Achtsamkeit und Achtung Die Regale der Wohlstandsgesellschaft sind reich bestückt. Es glänzen die Paletten endloser Auswahlmöglichkeiten. Das Fleisch der Theken, kompakt in allerlei Stückelung und Zubereitung, lockt den Verbraucher mit günstigen Preisen. Wer heute durch die Supermärkte flaniert, erhält eine Ahnung vom Schlaraffenland. Erst in den letzten Jahren stellen sich Verbraucher verstärkt die Frage nach den Quellen allen Überflusses. Die Schreckensbilder im Fernsehen über industrielle Mastaufzucht von Tieren, die als zumeist mit unzähligen, toll klingenden Zertifikaten versehene Waren im Einkaufskorb landen, bewirken allmählich ein Umdenken. Dass die Forderungen nach adäquater Haltung jenseits der Zirkel von Tierschutzverbänden zum Gegenstand der politischen Grundsatzdebatten werden, scheint daher dringend geboten. Just trafen sich die Landwirtschaftsminister der Bundesländer, um eine bedenkliche Fehlentwicklung in absehbarer Zeit zu beenden: Auf Basis jüngerer Erhebungen werden jährlich über 300 Millionen männliche Küken direkt nach dem Schlüpfen entweder geschreddert oder mit Giftgas getötet. Das Licht der Welt, das all jene, die nicht als Legehenne zu „gebrauchen“ sind, zum ersten Mal erblicken, ist nur die Kulisse für eine alltägliche Todesmaschinerie. 33 Nun denken die Experten über eine Hormonprüfung des Eis vor der Schlüpfung oder eine etwaig kostspieligere Aufzucht der männlichen Küken zur Fleischproduktion nach. Doch die ordnungspolitischen Maßnahmen verdecken nur den Abgrund, dessen existenzielle Dimension vielen noch immer nicht recht vor Augen sein mag. Nicht zuletzt der Bestseller „Tiere essen“ (2010) von Jonathan Safran Foer dokumentiert die umfassenden Folgen eines noch immer wachsenden Fleischkonsums für Mensch und Umwelt: Gülleseen in den USA so groß wie manch ein westdeutsches Provinzdorf, Kohlenstoffdioxidausstoß durch umständliche und für Tiere quälende Transportstrecken, Regenwaldabholzung zum Bau neuer Zuchtstätten – all dies zugunsten der Expansion industrieller Agrarwirtschaft, die, während sich die Politik an Windparkkonzepten und Energieeinsparungsprogrammen verzettelt, mit einer höheren Treibhausbelastung als der globale Verkehr zu Buche schlägt. Dagegen tut sich diesbezüglich immerhin einiges in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Die „Animal Studies“ befassen sich mit der literarischen Reflexion über das Verhältnis vom Menschen zu seinem Vieh, die Politologen und Juristen entdecken zunehmend das Tierrecht als neues Forschungsfeld und die Philosophie leistet wichtige Grundlagenarbeit. Die Disziplinen suchen die Beziehung neu auszuloten. Die Ideen reichen von Ansätzen einer Mitleidsethik bis zur bewussten Anerkennung des Fremden. Beides klingt durchaus logisch, um dem Tier einen legitimen Eigenwert und damit ein Recht auf ein besseres Dasein zu ermöglichen. Wohingegen den einen die Menschenähnlichkeit im Sinne eines schmerz- und leidempfindlichen Wesens als Begründung für Achtung und Schutz gilt, wählen andere eine entgegengesetzte Argumentation. Statt verkrampfter Spekulationen über etwaige Gemeinsamkeiten scheint Letzteren eben das Mysterium, ja das Nicht-Wissen über das, was das Tier ausmacht, Ausgangspunkt einer Tierethik zu sein. Gerade weil wir eben nicht über genügend Kenntnisse über die Mitgeschöpfe verfügen, ist es geboten, über ein respektvolles Verhältnis zu ihnen nachzudenken. Doch was bleibt von den akademischen Diskursen? Zwar ringt man in den wissenschaftlichen Kreisen um eine Herleitung der Stellung von Tieren zu Rechtssubjekten. Die Realität scheint davon aber unberührt. Im Zivilrecht gelten die haarigen Begleiter als Sache, im Supermarkt als Konsumartikel, auf dessen Verpackung uns grotesk ein lachendes Schwein mit Schürze und Grillgabel entgegengrinst, und in der Pharmaindustrie als Rohmaterial für allerlei, natürlich dem menschlichen Wohl dienende Experimente. Man fühlt sich erinnert an René Descartes mechanistisches Weltbild. Ob Fuchs oder Kuh, Schwein oder Elefant – was in der Fauna keucht und fleucht, ist ihm ein Nervenhaufen, ja eine seelenlose Maschine. Tiere bewegen sich „wie eine Uhr, die nur aus Rädern und Federn gebaut ist.“ Selbst „ihre Schmerzensschreie bedeuten nicht mehr als das Quietschen eines Rades!“. Indem sie der Philosoph in seinem technisierten Kosmos sowohl ihres Gefühls- als auch jedweden Reflexionsvermögens beraubt, ebnet er den Weg zu einer Industrialisierung des Lebens. Im 20. und 21. 34 Jahrhundert ist das Tier Teil einer auf Effizienz und Wachstum errichteten Produktionskette. Plante Henry Ford seinen arbeitsteiligen Laufbandbetrieb noch ursprünglich für das Auto, wurde die vertaktete Massenproduktion nach dem Krieg auch auf den Agrarsektor ausgedehnt. Es setzte sich die Devise durch: Nie wieder Hunger auf deutschem Boden. Eine Landwirtschaft, gebaut auf der Sicherheit durch Fortschritt, versprach eine kontinuierliche Versorgung. Nachdem diese Ambition inzwischen perverse Züge angenommen hat, geht nicht zuletzt mit der Bio-Bewegung und der teils sanften Re-Regionalisierung landwirtschaftlicher Erzeugung ein Bewusstseinswandel einher. Alltäglicher Einkauf und Ethik gehören heute mehr denn je zusammen. In einer Welt, deren Ressourcen knapper und immer umkämpfter werden, müssen wir allen voran auch an der Aldi- und Rewekasse ein Bekenntnis zu unseren Werten kundtun. Dies bedeutet, endlich alte Denkstrukturen und Gewohnheiten zu hinterfragen. So gehört noch für viele das Fleisch zur Norm der täglichen Mahlzeit. Würden wir uns alle etwas mehr mäßigen und nur ein bis zweimal pro Woche darauf zugreifen, wäre es wieder etwas Besonderes. Die Ware Tier erhielte dadurch jenseits von kompakter McDrive-Geschmacksbombe zumindest ein wenig ihre Würde zurück. Dasselbe betrifft im Übrigen auch die Menschen, die ebenfalls Teil der unermüdlichen Schlachtmaschinerie sind. Unzählige Billigkräfte aus Osteuropa übernehmen an den Förderbändern der Großschlachtereien die groben Aufgaben, welche die sanfte deutsche Seele nur allzu gern aus dem Wahrnehmungsfeld verdrängt. Allein die Ausbeutung jener modernen Arbeitssklaven ermöglicht den Fastfood-Ketten Preise, die zwar günstig wirken, es aber nicht sind. Der radikale Raubbau an der Umwelt (Wasserverbrauch, Pestizide, Tierfutterproduktion) birgt immense Folgekosten in sich, die sicherlich nicht der gegenwärtige Burger King-Kunde zahlt, dafür hingegen in der Zukunft wahrscheinlich seine Kinder. Die nötige Renaturierung ist eine der größten Schulden leichtfertigen Konsumverhaltens von heute. Die globalen Spottpreisfleischketten schaden Mensch und Tier gleichermaßen. So belegen indes mehrere Studien einen signifikanten Zusammenhang zwischen Beschäftigungsbedingungen und systematischem Sadismus an den hilflosen Lebewesen. Je unfairer die Behandlung der Arbeitnehmer, desto höher ist der Grad an frustrationsabbauender Gewalt an den Schlachttieren. Zudem förderten Recherchen von Journalisten just immer wieder zutage, dass unter ihnen nicht wenige am Fließband aufgrund von Zeitnot oder Schlamperei bei vollem Bewusstsein getötet werden. Die behördlichen Kontrollen kommen den tausendfachen Rechtsverletzungen kaum nach – ein Riss geht durch die Gesellschaft, den inzwischen auch der noch so Unachtsame bemerkt haben sollten. Was also tun? Um von der Industrialisierung wieder zur Feldarbeit vor Ort zurückzukehren, wo der Verbraucher auch noch dem Tier als Wesen gewahr wird, braucht es sowohl den überzeugten Konsumenten als auch den nachhaltig denkenden Politiker. Seit Jahren schon plädieren Verbände und Parteien dafür, die 35 EU-Subventionen nicht mehr für bloße Flächen, sondern gezielt für ökologische Bewirtschaftungen zu vergeben. Wer vorbildlich wirtschaftet, kommt zum Zug. Aber auch der Verbraucher muss dazu bereit sein, gutes Fleisch zu einem fairen und wertschätzenden Preis erstatten zu wollen. Doch bis die Gesellschaft so weit ist, bedarf es einer starken Lobby für Tiere. Sensibilisierungen müssen hierzu auch von den Schulen kommen. Couragiert schreibt sich der Verein „Schüler für Tiere e.V.“ die Vermittlung von Tierschutz in Bildungseinrichtungen auf die Fahnen. Was anfangs wenige Pädagogen begannen, ist nun zum deutschlandweiten Projekt, mehrfach prämiert mit Auszeichnungen, darunter auch der UNESCO-Preis für Nachhaltigkeit, avanciert. Schüler lehren Schüler unter Anleitung, dass jedes Leben – eben auch das eines Tieres – einen Wert an sich hat. Und auch die Gesellschaft gewinnt dadurch an Zusammenhalt und Verständnis. Sich in die Position des Tieres einzufühlen, schult uns darin, auch unseren Mitmenschen mit mehr Empathie und Zugewandtheit zu begegnen. Wenn die Bildungspolitiker den Tierschutz in die Bildungspläne aufnähmen, was sich als Querschnittsthema in Ernährungskunde, Biologie und Ethik anböte, könnte dies zukünftig für das reale wie auch soziale Klima positiv sein. Pythagoras sagte einmal: „Alles, was der Mensch den Tieren antut, kommt auf den Menschen wieder zurück. “. Und auch Mahatma Gandhi stellte einmal klug fest: „Die Größe einer Nation und ihre moralische Reife lassen sich daran bemessen, wie sie ihre Tiere behandeln.” Doch die Achtung des Tieres muss ihm uneigennützig zukommen. Es bedarf im Land der Dichter und Denker, wo sich schon Autoren wie Arthur Schopenhauer, Jean Paul, Wilhelm Busch, Christian Morgenstern, Franz Kafka oder Luise Rinser ganz gegen das Töten von Tieren aussprachen, einer neuen, moralischen Geisteshaltung. Wir sollten weniger fragen, was artgerecht sein kann, sondern, was dem Leben als solchem angemessen ist. Wo sind die Grenzen unseres Mitgefühls und wo sind wir inkonsequent oder bisweilen kurzsichtig? Warum steht uns der Hamster im Kinderzimmer näher als jener, der im Versuchslabor verendet? Wahrscheinlich gibt es derzeit kaum ein anderes Staatsziel im Grundgesetz, dessen innere Aussage derzeit mehr im Widerspruch zur Realität steht als der Tierschutz. Ein erster Schritt zur Verbesserung mag die Möglichkeit eines Verbandsklagerechts für Tier- und Naturschutzverbände sein, was immerhin schon in einigen Bundesländern eingeführt wurde. Kühe und Mastkaninchen können bekanntermaßen nicht klagen, da sie keine Rechtssubjekte sind. Würden Institutionen flächendeckend stellvertretend für sie vor Gericht ziehen können, wäre zumindest gegen den Missbrauch einiges zu erreichen. Aber jeder Einzelne kann die Welt etwas besser machen. Vor den Regalen der Discounter sind wir alle frei. Es bleibt also nur die Frage, wie viel Freiheit wir bereit sind, abzugeben, um sie dem fremden Leben zu gewähren. 36 Das große Fressen Ernährung artet derzeit im Glaubenskrieg aus. Vor allem zulasten derer, denen Tier und Klima am Herzen liegen. Ein Plädoyer für Verantwortung Glaubenskrieg über dem Teller, Genussverfechter und Biedermänner. Und alle reden über das Essen, das längst kein Privatvergnügen mehr ist, sondern Gegenstand einer aufgeladenen und erhitzten Debatte. Auf der einen Seite die Steakliebhaber, Grillkönige und Jäger, auf der anderen die Tierethiker, Vegetarier und Veganer. Zwischen den Fronten herrscht ein inzwischen bösartiger Ton, der bisweilen vor keinem Tabu mehr zurückschreckt. Erst neulich verglich der vom ZDF als Ernährungsexperte angepriesene Gunter Frank im Mittagsmagazin Veganer und Vegetarier mit Nazis und IS-Terroristen. Abgesehen von der Drastik der Behauptung scheint sie auch inhaltlich schief: Denn wer würde wohl mehr das Töten vermeiden, wenn nicht Fleischverweigerer. Wiewohl in den meisten gesellschaftlichen Debatten solcherlei Analogien sofort als Tabu verworfen werden, lässt die Moderatorin Christina von Ungern-Sternberg ihren Gast jedoch munter weiter seine kruden Thesen verbreiten: Eine aktuelle Studie der Universität Oxford, die eine Korrelation zwischen exzessivem Fleischkonsum und Klimawandel belegt, was in weiten Kreisen der Forschung längst als Usus gilt, wird per se als „ideologisch“ bezeichnet, ohne überhaupt nur ansatzweise diese Ansicht zu begründen. Was man am Stammtisch noch als bornierte Phrasendrescherei abtun könnte, gebärdet sich hier – und darin besteht die eigentliche Unfassbarkeit dieses Interviews – als unbezweifelbare wissenschaftliche Wahrheit. Manch einem dürfte diese befremdliche Szene im öffentlich-rechtlichen Rundfunk als kleiner Zwischenfall, als Fauxpas und Ausrutscher in Sachen Qualitätsjournalismus vorkommen. Gleichwohl offenbart sich hierin ein weitaus größerer Brandherd: Wer was warum essen kann, soll und darf, ist inzwischen zu einer grundlegenden Gesellschaftsdebatte herangewachsen, die sämtliche Formen von Stilisierungen und Zuspitzungen angenommen hat. Nachdem immer mehr Menschen aus ethischen oder umweltspezifischen Gründen das Töten bzw. die Haltung von Tieren ablehnen, scheint sich in der Rhetorik aufseiten der Vertreter konventioneller Ernährung ein immer offensiverer Ton bemerkbar zu machen. Galten Tierschützer und -rechtler lange Zeit als Musterbeispiele für moralische Integrität, werden sie heute nicht selten belächelt oder gar als Gefährder der öffentlichen Ordnung diffamiert. Im Netz vermeinen einschlägige Seiten, im Veganismus ein Sektenprogramm zu identifizieren. Gesunde und bewusste Lebenshaltung wird zum religiösen Mantra aufgebauscht. Ein neuer Dämonismus zeigt sich am Werk. 37 Dahinter tut sich das Unbehagen derer auf, die Angst vor Veränderungen haben. Sie halten an der althergebrachten Auffassung fest, dass Essen eine bloße Privatangelegenheit darstellt. Sobald allerdings die Zulieferer von McDonalds, KFC und anderer global agierender Fast-Food-Giganten in Dritte-Welt-Ländern riesige Flächen für Futtermittelpflanzen und Mastanlagen aufkaufen und dadurch sowohl die örtliche Bevölkerung oftmals um das letzte Hab und Gut bringen wie auch das gesamte Klima belasten (Methanausstoß, enormer Wasserverbrauch, Monokulturen), ergeben sich Umweltfolgekosten. Manche davon sind bereits heute für Überflutungen und Dürren zu bezahlen, andere werden sich in die Zukunft potenzieren. Eine Studie des Worldwatch-Instituts aus dem Jahr 2009 kommt sogar zu dem Ergebnis, dass 51 Prozent der schädlichen Klimaemissionen auf die Viehhaltung (inkl. Transport) zurückgehen. Was für eine Hausnummer, wenn man bedenkt, dass gerade Umweltpolitiker glauben, allein mit Windrädern und Photovoltaik die Probleme unserer Zeit zu lösen! Obgleich ein Großteil der Parteien die großräumige Diskussion zur nötigen Umstellung der Agrarwirtschaft und weltweiten Nahrungsversorgung scheut (oder verschlafen hat), ist längst klar: Ernährung avanciert mehr und mehr zum Politikum. Wer sein Billigschnitzel konsumiert, muss bei allem schmerzlichen Eingeständnis wissen, dass er anderswo auf der Welt den Hunger indirekt verstärkt. Wie der „Compassion in World Farming Trust“ in seiner bereits 2004 veröffentlichten Studie belegt, müssen manche sogenannte Nutztiere im Laufe ihres ohnehin zu kurzen Lebens bis zu 16 kg Getreide verzehren, um 1 kg Fleisch herzugeben. Der Welthunger könnte erheblich minimiert werden, wenn die pflanzlichen Ressourcen direkt von den Menschen verzehrt würden. Sind solcherlei Zusammenhänge nun Ideologie oder Logik? Gerade angesichts akut steigender Nachfrage nach Fleisch in Asien und aufstrebenden Schwellenländern ist die Lage durchaus ernst und sollte eine ehrliche Auseinandersetzung in der Politik bedingen. Im Zentrum steht ein impliziter Generationenvertrag, demzufolge die Erde unseren Kindern in einem ähnlichen Zustand zu hinterlassen sei, wie wir sie vorgefunden haben. Veganer und Vegetarier, Bioladen- Verfechter und Öko-Landwirte sind weder Nazis noch Fanatiker. Im Gegenteil: Sie sind wachsam und höchst reflexiv. Doch weiterhin nur auf den Verbraucher zu setzen und den Markt sich selbst regulieren zu lassen, wird zu keiner nachhaltigen Lösung führen. Auch staatliches Handeln muss auf eine Konversion der Verhältnisse ausgerichtet sein. Nur einige Beispiele: Sofort könnten die EU-Agrarsubventionen an die ökologische Fortschrittlichkeit eines Betriebs, an Energieverbrauch und an Tierschutzstandards gebunden werden. Dies fördert neue Wirtschaftsformen und zugleich bessere Bedingungen für Mensch und Vieh. In öffentlichen Kantinen könnte sofort und problemlos mehr auf alternative und gesündere Ernährungsweise umgestellt werden. Obgleich die Widerstände dagegen enorm sein dürften, wäre 38 ebenso über eine Steuer für Billigfleisch nachzudenken, um die besagten Umweltfolgekosten abzudecken. Ähnliches hat die Politik mit der Ökosteuer auf Benzin auch in die Tat umsetzen können. Tabus müssen gebrochen werden, allein der Zukunft wegen. An der Frage der Ernährung scheiden sich die Geister und wird der Wert unserer westlichen Moral zu messen sein, auch jenseits klimapolitischer Relevanz. Denn wie human sich eine Gesellschaft zeigt, äußert sich nicht allein in ihrem Umgang mit dem Menschen, sondern insbesondere mit ihren Mitwesen. Solange der Mensch sich noch als Krone der Schöpfung begreift, kommt seine Position ausschließlich der des Herrschers gleich. Aber sollte die Differenz, was Intelligenz und Fortschrittlichkeit anbetrifft, wirklich maßgeblich dafür sein, welche Bedeutung oder eben fehlende Bedeutung wir einem anderen Geschöpf zuweisen? Ist das Leben nicht ein Wert an sich? Sind wir jenen Tieren, die wir für unseren Genuss töten, nicht einmal eine Erklärung für ihr Schicksal schuldig? Und wie gehen wir mit dem Missverhältnis um, das zwischen unserem Einkaufkorb und der empathischen Rührung im Anblick von Küken entsteht? Das Andere Europas Ein Ventil verschafft sich Luft: Die Flüchtlinge als Opfer unserer Verdrängungen und Projektionen Identität ist Heimat in der Sprache. Demjenigen, dem sie gehört, ist sie ein absteckbares Land, das trotz Anglifizierung und Internationalisierung noch immer das höchste Gut eines jeden Volkes darstellt. Traurig nur, dass sie sich selbst nicht wehren kann. Gegen all die Versuche, sie gewaltsam abzuschirmen und eine Mauer um sie zu errichten. Wenn wir die allwöchentlichen Pegida-Märsche und ihre Ableger in anderen Städten verfolgen, erleben wir stets aufs Neue die fast schon kriegerische Verteidigung einer vermeintlich statischen Sprachidentität. Eine krude Mixtur aus Neofaschisten, Brüll- und Stammtisch-Opportunisten, naiven Besorgnisträgern, Verirrten und Verlierern am unteren Rand der Gesellschaft sieht im Zustrom der Balkanroute den Kern dessen bedroht, was die deutsche Seele und die deutsche Nation noch kennzeichnet. Es ist die Rede von Parasiten, Vergewaltigern, Kriminellen und immer wieder von Sozialschmarotzern. Die inzwischen unverstellt offene Fremdenfeindlichkeit scheint dabei verstärkt an eine sozialpolitische Panikmache gekoppelt. Selbst der letzte Multikulti-Träumer soll nun aus der Perspektive der völkischen Mitte der Gemeinschaft einsehen: Die Flüchtlinge, die es bequemerweise ohnehin nur im Plural und in Massen gibt, nehmen uns nicht nur Frauen und Sicherheit, sondern auch 39 den Wohlstand und die Jobs weg. Eindrucksvoll hat der Literaturwissenschaftler Klaus-Michael Bogdal in seiner Mammutstudie „Europa erfindet die Zigeuner: Eine Geschichte von Faszination und Verachtung“ (2011) nachgewiesen, wie sich exemplarisch der Stereotyp von Sinti und Roma, die in literaturgeschichtlichen Meisterwerken von Hugo bis Goethe mal als Kesselflicker, mal als Wilde und dann wieder als Räuber, Häretiker und Teufelsbündner herhalten mussten, über Jahrhunderte hinweg verfestigen konnte und in das kollektive Gedächtnis eingeschrieben hat. Erneut zeigt sich in der virulenten Flüchtlingskrise, dass der Fremde wenig über sich, aber umso mehr über uns verrät. Er dient Demagogen als Projektionsfläche bislang im sozialen Unbewussten modernder Ängste und Unsicherheiten. Dass die Asylsuchenden von einigen Rädelsführern gern wieder hinter Grenzzäunen und Stacheldrähten gesehen würden, ist die eine Schmähung und Unmenschlichkeit. Die andere ist die aktiv betriebene Entmündigung. Statt den von Krieg und Vertreibung Gebeutelten Gehör zu verschaffen und Raum zu geben, sich mit der eigenen Stimme zu Wort zu melden, wird ihnen von Agitatoren ein Bild aufoktroyiert. Sie tragen per se ein Stigma mit sich herum, das nur das Stumme kennt. Mehr denn je erfahren wir, welche große Macht in der Sprache liegt. Manch einer bedient sich ihrer zur Abwägung, andere nutzen sie frank und frei als Waffe. Desto mehr sind Wissenschaft, Diskursanalytiker und Künstler gefragt, den humanitären Ansatz auch intellektuell zu retten. Nicolas Stemann hat mit seiner grandios-bissigen Uraufführung von Elfriede Jelineks polyphonem Flüchtlingsdrama „Die Schutzbefohlenen“ den Unterdrückten auf der Bühne ein Rederecht zuerkannt – wirksam, aber begleitet von scharfen Kontroversen. Zukünftig könnte der politisch Verfolgte zur zentralen Figur der Kunst im 21. Jahrhundert avancieren. Nicht nur Neues dürfte über sein Schicksal verfasst werden. Auch Kanonwerke wie Arthur Millers gerade wieder in Mannheim aufgeführtes Drama „Blick von der Brücke“ werden sicherlich wiederentdeckt. Die Kultur in diesem Kontext stark zu machen, ist nicht mit einer feigen Flucht in einen Ästhetizismus zu verwechseln. Nein, in ihr kann eine Rückeroberung von Sprache vonstattengehen: Ein Ausloten von Multiperspektivität und Empathie für den anderen. Ziel sind kreative Vorstellungen von Heimat, die nicht ausschließt, sondern integriert, ohne das Eigene dabei aufzugeben. Das Aushalten von Spannungen erzeugt wichtige Energien, die derzeit allerdings nicht positiv genutzt werden. Statt für Erwartung steht die derzeitige Offenheit allein für Bedrohung. Fasst man die Ängste der fiebrigen Massen auf den Straßen zusammen, so tut sich in den sprachlichen und symbolische Abschottungsgebärden vor allem eine verdrängte Frage kund, deren Beantwortung die Politik der letzten Dekade schuldig geblieben ist: Wieviel Globalisierung kann eine Gesellschaft aushalten? Obgleich heute niemand mehr über „Heuschrecken“, Kapitalwanderungen und Firmenverlagerungen spricht, sind solche 40 Phänomene für das untere Drittel der Bevölkerung alltägliche Realität. Ihre Arbeitskraft, Würde und Teilhabe wurden wegmodernisiert, ohne dass sie zur Gegenwehr hätten antreten können. Denn die ökonomische Globalisierung wirkt im Abstrakten, was gerade Verantwortlichkeiten so schwer fassbar macht. Nun erlebt der Westen das Zusammenwachsen einer Welt in Form massiver Migrationsströme. Deren Instrumentalisierung offenbart nunmehr eine tiefe und ungestillte Wunde. Ein schwelender Druck harrt seiner Entladung. Indem Prekariat und politische Enttäuschte die Fremden dämonisieren und deren Ausgrenzung mit pervertierten Solidargesängen wie „Wir sind das Volk!“ fordern, suchen sie nach einem Ventil für die Wut über soziale Ungerechtigkeit und ein System, das seine eigenen Schwachen längst aufgegeben hat. Der verhinderte oder unterdrückte Diskurs über die sozioökonomischen Folgen der Entfesselung der Märkte wird nun nachträglich auf die Flüchtlingskrise übertragen. Die „Volksfront“ hat somit augenscheinlich ihre Schuldigen gefunden. Die Flüchtlinge sind das Andere Europas und damit ein Teil unserer selbst. Wir haben ihn abgestoßen und sehen, wie er nun nicht als Geist, sondern als Schock des Realen zurückschlägt. Die Straßenrevolten erweisen sich als Stellvertreterkonflikt um die wirtschaftlichen und politischen Makrokrisen unserer Tage. Die nötige Werbung für Toleranz und Humanität, Merkels freundliches Gesicht, ja, und nicht einmal mehr die ehrenamtlichen Helfer werden genügen, um den kaum noch schließbaren Riss durch Deutschland zu kitten. Eine ernsthafte Lösung des Problems erfordert jenseits kurzfristiger Maßnahmen vor allem eine Änderung des politischen Kurses. Die Aufnahmebereitschaft der Menschen zu fördern, heißt zugleich, soziale Integration der Abgehängten zu betreiben. Nur wenn all die Randgruppen wieder das Gefühl erhalten, Teil eines funktionierenden Ganzen zu sein, scheint seitens dieser wachsenden Gruppierung überhaupt erst ein Mentalitätswechsel denkbar. Ein starker Staat ist also gefragt. Er muss seine Verantwortung und Steuerung wahrnehmen. Und zwar für alle. Der Triumph des Pragmatismus Staatsräson nach Moden und Sachzwängen: Eine Politik ohne Wertemaßstab schwächt die Demokratie und stärkt die extremen Ränder Deutschland im Winterschlaf. Wie selig schlummerte das Volk der Dichter und Denker, Fleißigen und Ordentlichen in den letzten Jahren. Kein Wunder: Eine unaufgeregte Mutter der Nation wiegte es in ihren Armen. Und wo sich doch hin und wieder die Äuglein zu öffnen drohten, griff Angela Merkel, diese ikonische Sandfrau, in ihren Sack mit Sternenstaub, streute ihn in die Winde und ließ die Erwachten umgehend wieder in sich zurücksinken. „Ihr braucht euch um nichts sorgen“, so die Devise jener fürsorglichen Gouvernante, die, wie es 41 Roger Willemsen zuletzt einmal sagte, ganze Betäubungszonen über das Land ausgebreitet habe. In der Tat: Ob Eurokrise, Spionageaffären, Haushaltskonsolidierung oder Mautdesaster – die Regentin der nüchternen Analytik weiß stets den Eindruck von Ruhe und Klarsicht zu vermitteln. Um sie entfaltet sich eine Aura der Beschwichtigung. Ihr erfolgsversprechendes Rezept lässt sich unter dem Begriff des politischen Pragmatismus subsumieren. Statt kantigem Profil steht sie für einen Kurs der Umstandsabwägung. Um dem Kreuzfeuer der Kritik zu entgehen, sitzt sie Entscheidungen so lange aus, bis sich deutliche Verhältnisse herauskristallisiert haben. Dieses Verfahren ist sicher, verspricht den kleinstmöglichen Widerstand, aber ist es auch einem demokratischen Gebilde angemessen? Wer noch einmal die deutsche und europäische Demokratiegeschichte Revue passieren lässt, mag erkennen: Nur die Kontroverse und der Streit in der Sache haben zu einem gelingenden Gemeinwohl beigetragen. Die Adenauersche Westintegration gegen Brandts Öffnung gen Osten, die Anti-AKW-Proteste, der Nato-Doppelbeschluss und das Nein zum Irakkrieg waren politische Bekenntnisse, die letztlich allesamt mehr oder weniger zum Fortschritt der Gesellschaft beitrugen, aber zuvor immer in vehementen Debatten erkämpft worden. Unter der Ägide Merkels verflüchtigte sich allmählich der partizipative Geist. Da der Pragmatismus per se eher technisch, bürokratisch und an Mehrheiten orientiert ist, liegt er im politischen Spektrum vor allem in der goldenen Mitte. Irgendwie kann jeder mit den Beschlüssen der Regierung leben. Aber wann wurde zuletzt um etwas existenziell gerungen? Die Passion ist einer kühlen Vernunft gewichen. Inzwischen glauben wir schon selbst daran, dass jedwede Entscheidung aus Berlin in Zeiten der Krisen und internationalen Verunsicherungen „alternativlos“ sei. Doch wo die Streitkultur verlorengeht, ist der Abgrund der Demokratie nicht weit. Dies wussten auch die Denker hinter dem Grundgesetz, die statt bloßer Maxime insbesondere auf den Konflikt von Rechtsgütern geachtet haben. Freiheit und Gleichheit, Länderstruktur und Bundestag bilden oppositionelle Felder, worin Diskussion gedeihen und in das Volk getragen werden soll. Inzwischen gelten die Bürger aber als Black Box. Sie stellen einen unbelehrbaren Störfaktor dar. Auch im übrigen Europa, wo Expertenregierungen und Bürokraten Staaten mehr als Krisenverwalter denn als Entscheidungsträger zu lenken verstehen. All die Samaras, Montis und Rajoys sind Insolvenzverwalter, welche ihrem Volk mit leeren Händen und scheinbar unumkehrbaren Reformpaketen in der Tasche zurufen: Rien ne va plus. Die Schätze sind aufgebraucht, der Spaß vorbei. Aber bleibt uns gewogen und friedlich. Die augenscheinliche Basta-und Sackgassen-Politik repräsentiert aber nur eine Seite des Pragmatismus. Denn abseits der scheinbaren Notwendigkeitsphrasen saugt er sich voll wie ein Schwamm. Indem Merkel, diese Strategin der Macht und diese zweckorientierte 42 Volksdienerin, ihre Partei mehr und linker, grüner und sozialdemokratischer machte – man denke nur an den Ausstieg aus der Atomkraft, den Mindestlohn oder die in vielerlei Hinsicht progressive Familien- und Flüchtlingspolitik –, nahm sie nicht nur ihren Konkurrenten den Wind aus den Segeln, sondern machte die CDU zum stimmenstärksten Bollwerk. Eine unbekämpfbare Festung, gebaut um ein Volk, das inzwischen froh ist, nicht mehr selbst über die Mauern schauen zu müssen. Die Feld- und Burgherrin der Nation wird das Übel der Welt schon abhalten. Allem Zweifel erhaben, nur irgendwelcher Ideologie zu erliegen, konnte die wohltemperierte Konsenstaktik Merkel schon über zwei Legislaturen hinweg die Macht sichern. Entgegen der landläufigen Meinung offenbart sich augenscheinlich nicht der starke, wertbewusste Fürst als dauerhaftes Machtzentrum, sondern die Staatsfrau, deren Entscheidungen auf rein aktuellem Kalkül beruhen. Dabei firmiert Niccolò Machiavellis frühutilitaristisches Prinzip „Der Zweck heiligt die Mittel“ als Leitsatz zur Machtstabilität. Nur jener Regent, der sich nicht durch eigene, verkopfte Meinungen angreifbar macht und mehr aus Sachverstand denn aus Überzeugung handelt, kann seine Position dauerhaft halten. Obgleich die Politik der letzten Jahre durchaus auch einschneidende Maßnahmen verabschiedete, kann kaum von einem starken, von einer Sicherheitsarchitektur gezeichneten Staat die Rede sein – zumindest, wenn man mit Carl Schmitt argumentiert. Gemäß seiner Auslegung von Thomas Hobbes‘ „Der Leviathan“ braucht es, um auch Gefahren von rechts und links abzuwehren, eine Ordnung, die durch einen klaren, unangreifbaren Wertekanon geprägt ist. Was der Staatsrechtler 1938 Jahren schrieb, wirkt heute aktueller denn je – denn der Gestus der Pragmatik führt nur scheinbar zum Frieden. In Griechenland, Belgien und immer stärker auch in Frankreich, wo nun Schröders Agendapolitik erneut als alternativloses Modell gepriesen wird, mobilisieren zunehmend die Rechten und machen sich den Unmut der Benachteiligten zu Nutze. Braunes Gedankengut kleidet sich im Mantel von Bürgerfreundlichkeit und zieht nun just in der Pegida-Bewegung eine bizarre Mixtur aus Modernisierungsverlierern, Stammtischrednern und Rechtspopulisten auf die Straße. Dass es in Deutschland schon seit Jahrzehnten an einer einheitlichen Asylpolitik oder einer mutigen Vorstellung für das Europa der Zukunft zwischen Staatenbund und Bundesstaat mangelt, rächt sich nun in den Aufmärschen all jener, welche die politische Elite über ganze Dekaden hinweg hat im Regen stehen lassen. Wie es das Enfant terrible der französischen Literatur, Michel Houellebecq, in seinem kontrovers diskutierten Neuling „Unterwerfung“ skizziert, ernten die Volksverhetzer die Früchte aus Furcht und Schrecken. Hierin erzählt der Autor von der Wahl eines islamistischen Präsidenten im Frankreich im Jahr 2022 und malt das Schreckensgespinst muslimischer Universitäten und des mohammedanischen Patriarchats an die Wand. Schlagwörter wie Überfremdung und Sozialabbau sprechen vielen, die sich nach einheitlichen Weltbildern zurücksehnen, aus dem Herzen. Die etablieren 43 Parteien haben kaum noch Bindekraft; Parolen und simple Botschaften stehen jedoch bei den Abgehängten hoch im Kurs. Der als Mob beschimpfte Volksprotest taumelt im weiten Raum des politischen Alls, ohne seinen Planeten finden zu können. Da die Akteure im politischen Berlin zunehmend ihr Profil aufgegeben haben, damit sie ein Stück von der Mitte – was sie im Konkreten auch immer sei – ergattern, gingen Identifikationspotenziale verloren. Die Folge: Die Ränder werden stärker, profitieren von der Durchschnittlichkeit und Nebulosität der einstigen Volksparteien und stellen ein Sammelbecken für Glücklose, Wutbürger und Neofaschisten dar. Somit liegen derzeit Entpolitisierung und Mobilisierung enger denn je beieinander. Während die einen in Merkels Sternenstaub schlafen oder schlichtweg resigniert haben, hat sich bei anderen das Ventil gelöst, sodass sich all die verdrängte Enttäuschung Raum bahnt. Dabei täte beiden Extremen das gut, was der ehemalige Fraktionsvorsitzende der Grünen im EU-Parlament, Daniel Cohn-Bendit, schon vor Jahren gefordert hat, als er die politischen Akteure dazu aufrief, sich wieder auf die eigenen Wurzen zu besinnen, ja sich zu radikalisieren. Dies meint wohlgemerkt keine Fanatisierung, aber eine Fundamentalisierung. Wenn die Parteien wieder hellsichtiger ihre Standpunkte nach außen vertreten würden, wäre allen Seiten ein Dienst getan. Einer wahrhaft konservativen Union würde es möglicherweise gelingen, die AFD auf diese Weise wieder aus dem Rennen zu nehmen und die Missmutigen am rechten Rand der Bevölkerung zu reintegrieren. Ja, es könnte sein, dass so etwas wie eine politische Kultur zurückkäme, ein gesunder Widerstreit von Argumenten und bissigen Bundestagsreden. Ja, auch das Parlament, das längst ein Schattendasein im Flimmermeer der Talkshows fristet, könnte wieder zu Rang und Namen gelangen. Und ja, auch dem Land würde es guttun, weil Politik im Wettbewerb der Ideen den Aufbruch zu neuen Visionen wagen könnte. Nachdem jedoch jedwede Haltung inzwischen sofort unter Ideologieverdacht steht, ist es mau geworden an Rhetorikern, mit denen sich Ideale verbinden. Stattdessen bestimmen Moden den Alltag des politischen Pragmatismus. Man arbeitet Fragen und Probleme ab, doktert an Symptomen herum, was sich auf beklemmende Weise an Europas Außengrenzen zeigt. Man baut die Zäune noch höher, ohne aber auf die ökonomischen und klimatischen Ursachen der Flüchtlingsströme einzugehen. Erst die Abkehr von der Verzweckmäßigung staatlichen Handelns wäre dazu imstande, wieder Utopie zu entwickeln. Die großen Entwürfe benötigen Konzentration und einen langen Atem. Nunmehr sind echte Demokraten gefragt, Denker mit Rückgrat und Verantwortungsbewusstsein. Scheint der Pragmatiker zumeist kaum über Folgen seiner Entscheidungen rechenschaftspflichtig zu sein, zumal er alle Schuld den äußeren Umständen wie der Lage der Weltwirtschaft oder – noch besser – der Finanzkrise zuschieben kann, muss sich der Visionär im Gegensatz dazu auch den Konsequenzen seiner Pläne stellen. Dies fordert auch von uns die Toleranz 44 für eine verlorengegangene Fehlerkultur ein. Zu lange schon huldigen wir der Political Correctness, ächten seitens der Medien Individualisten mit Ecken und Kanten. Für seine flotten Sprüche und sein großmännisches Getue wird Gerhard Schröder heute noch belächelt. Aber vielleicht war er trotz aller Kritik an den Hartz IV-Gesetzen eine der letzten gestandenen Persönlichkeiten, angreifbar, aber ein Macher, der zu seinem Wort stand. An ihm zeigt sich sehr gut, dass selbst die politischen Kommentatoren dem Pragmatismus auf zynische Weise zum Siegeszug verholfen. Der Basta-Kanzler, aber auch andere politische Akteure wurden und werden aufs Härteste karikiert, sobald sie für eine Position einstehen. Wenn Parteien gegenwärtig doch einmal Haltung beziehen, sich einem Veggie-Day, dem strikten Nein zu jeglichem Waffenexport oder einer Mütterrente verschreiben, werden sie zumeist der Lächerlichkeit preisgegeben. Am schwersten wiegt angesichts dessen ein inflationärer Freiheitsbegriff. Er entzieht sich jeder Moral und verwirft jede Ethik als dogmatisches Korsett. Die Freiheit, welche der politische Pragmatismus bar jeder Wertebasis propagiert, meint allen voran eine Freiheit von etwas, eine Freiheit zur Beliebigkeit, austauschbar und stets von den sich ändernden Windrichtungen geprägt. So bleibt am Ende nur das Prinzip Hoffnung auf die Einsicht, dass Pegida und anderen Extremgruppen nur mit ebenso unverkennbaren Positionen zu begegnen ist. Es bedarf der Vorstellung einer Freiheit zu etwas, z. B. zu Toleranz, Humanismus und sozialer Verantwortung für alle, die in unserem Land leben. Um jedem Verdacht der Träumerei am Schluss noch zuvorzukommen, sei darauf hingewiesen: Zum neuen Jahr sind alle Wünsche und guten Vorsätze legitim. Utopia in weiter Ferne? Die Gegenwart verharrt in lähmender Statik. Wo bleiben also die großen Visionen? Überlegungen zu einem neuen Perspektivismus „Nicht er ist der Weltfremde, sondern die Welt ist ihm fremd geworden“. Was angesichts einer solchen Diagnose noch Heil verspricht, lässt sich nur noch in der Ferne vermuten. Am besten auf einem versteckten Eiland, irgendwo in der Südsee. Ganz im Eroberungseifer des Kolonialismus beschließt August Engelhard daher Anfang des 20. Jahrhunderts, auf der Insel Kabakon, heute Papua- Neuguinea, eine Kokosnussplantage zu errichten, um dort ganz seine Utopie eines veganen Asketenlebens zu verwirklichen. Auch Jünger des sogenannten Kokovorismus lassen nicht lange auf sich warten, dem heheren Orden beizutreten. Dass dieser karikaturistischen Zeichnung visionärer Daseinsentwürfe zu Beginn der von Erneuerungsgeist nur so taumelnden Frühmoderne wohl kein glückliches Ende beschieden sein wird, mag der Leser von Christian Krachts 45 satirischem Roman „Imperium“ (2012) schon früh erahnen. Denn aller Isolationismus und noch so gefestigter Idealismus scheitern spätestens dort, wo sie von der Realität eingeholt werden. Mehr oder weniger abgemagert hält der fundamentale Protagonist zwar erbittert alle Widrigkeiten aus. Als jedoch mit dem Ausbruch des ersten Weltkrieges das Robinson-Paradies einfallenden Kriegstruppen anheimfällt und Engelhard, ein frühsozialistischer Gegner des Kapitals, enteignet wird, kippt die Utopie in ein amüsantes und zugleich tragisches Possenspiel. Doch was soll uns dieses Satyrspiel sagen? Verfasst Kracht nur einen ohnehin überflüssigen Abgesang auf die Epoche des Imperialismus oder steckt nicht doch mehr dahinter? Erzählt sein Buch oberflächlich von längst vergangenen Schlachten, erweist es sich bei genauer Lektüre als ungemein brisantes Zeitzeugnis. In ihm wirkt ein Sensorium für den Zustand unserer Gegenwart: polemisch, postmodern, lachhaft und gleichsam zutiefst ernüchternd bildet sich das Bild einer Welt heraus, welcher der Horizont abhandengekommen ist. Seither hält sie verzweifelt Ausschau nach neuen Werten. Im eigentlichen Sinne kreist „Imperium“ daher um die Frage, welchen Bestand Utopien allen voran in unserer Zeit noch haben und stellt fest: Keine existenzielle Konzeption währt ewig und ist schon gar nicht widerspruchsfrei. Für das Hier und Heute gilt dies im besonderen Maße: Nachdem die Moderatorin Merkel (zumindest vor dem Imagewechsel zur Flüchtlingskanzlerin), wie Roger Willemsen es jüngst beschrieb, „Betäubungszonen“ über das Land ausbreite und den demokratischen Streit inzwischen durch eine Politik des leidenschaftslosen Pragmatismus ersetzt hat, ist es für Träumer schwer geworden. Große Visionen haben ausgedient. Es gilt stattdessen, der Komplexität einer globalen und vernetzten Gesellschaft mit kleinteiligen Antworten und bedachtsamer Vorsicht Rechnung zu tragen. Überhaupt klingt allseits die Parole: Man darf niemanden überfordern. Allzu starke Leitthemen und Zukunftspläne schrecken ohnehin nur ab. Hinzu kommt, dass sich bindende Milieus auflösen. Parteien und Kirchen müssen zunehmend um Mitglieder bangen, während die Autonomie des Subjekts als die neue Erlösungsformel gepriesen wird. Jeder ist sein eigener Herr. Desto weniger mag es überraschen, angesichts der Ausdifferenzierung der Gesellschaft auch einen Boom zahlloser Kleinstesoteriken auszumachen. Schamanismus und Okkultismus breiten sich aus. Angeblich fernöstliche Traditionsmedizin, erstrahlend in ganzheitlicher Aura, verspricht das innere Glück in Reinkarnationen des Geistes. Wer es nicht ganz so zartfrömmelnd wünscht, flüchtet möglicherweise in den Konsum mit seiner Verheißung, durch Mode und Kauf Individualismus zu erhalten, oder sucht in Fitness und Sport eine Neugeburt des Körpers hervorzurufen. Andere reizen die virtuellen Verlockungen, hoffen auf eine bessere Welt im Kokon der Internetgemeinde. Doch längst nicht jeder weiß, was er will und was er kann. Nicht unmittelbar in Handlungszwang durch Lebensnot versetzt, trifft der gesättigte Mensch der Spätmoderne auf ein breites Spektrum an Zerstreuung und Unterhaltung. 46 Dschungel-Duell und Shopping-Queen holen ins Heim, was wir dort nicht haben. Spannung, Sehnsucht, Amüsement oder vielleicht einfach nur Langeweile? In unserer Zeit aufzugeben, ja gänzlich abzuschalten und in den Tag hineinzuleben – dazu braucht es nicht viel. Entweder erübrigen sich Utopien in fragwürdigen Erneuerungsgeschäften, die schandhaft das Blaue vom Himmel versprechen, oder sie schlagen sich in Zweckpragmatismus nieder. Veganismus und Klimaschutz sind heute eine Notwendigkeit, aber das Faszinosum, das Gewicht eines unbekannten, uns fesselnden Plans von morgen fehlt einer Politik, welche nur noch das Gegebene, die Ruinen einer verirrten Marktgesellschaft irgendwie zu bewahren glaubt. Die politischen Akteure tun dafür ihr Bestes. Reformen sind allenfalls noch auf vier Jahre angelegt. Nachdem mit dem Fall des Eisernen Vorhangs längst alle Ideologie und Gegensetze verworfen wurden, sich der Pluralismus als das kompromisshafte System erwies, gewann der Gestus nüchterner Weltbetrachtung an Bedeutung. Alles andere wäre nur Gefahr und Trug gewesen. Heute regieren Verwaltung und Bürokratie statt Debatte und Konfrontation. Man streitet lediglich über Kopfbahnhöfe, Maut- Ordnungen und Betreuungsgeld – Symboldiskussionen, die einzig die leere Mitte einer ideenängstlichen Gegenwart verwalten. Gibt es in solch ermüdender Schwerfälligkeit noch Rettung? Durchaus. Jedwede Utopie beginnt mit dem Staunen und bedarf eines adäquaten Biotops, um darin zu wachsen. In einigen Zeilen ein neues Weltsystem zu kreieren, wäre anmaßend. Desto mehr sollte uns zunächst am Herzen liegen, dass wir jene Bedingungen formulieren, die zum Entwickeln von Visionen nötig sind. Als erste wesentliche Notwendigkeit müssen wir einen Blick zurück wagen. Nur wenn eine geschichtsvergessene Gesellschaft ihr historisches Erbe kennt, soweit sinngemäß nach Aleida Assmann, ist sie dazu imstande, davon ausgehend Zukunftsentwürfe ins Auge zu fassen. Was uns derzeit konkret am meisten berührt, dürfte wohl die Krise der Freiheit sein. Sie gilt zweifelsohne als der bedrohteste Wert unserer Tage. Zunehmender Arbeitsdruck und immer neuere Technologien bringen uns an den Rand einer menschlichen Zeitökonomie; sie schaffen Abhängigkeitsverhältnisse und geistige Gefängnisse, wie sie dem Kapitalismus innewohnen. Individuelle Entgrenzung, maßloses Wachstum und Geld als das große Götzentum unserer Zeit passen nicht zueinander. Jedoch lehrt uns die Vergangenheit, nicht in einen bloß kommunistischen Reflex zu verfallen. Denn wer Realist ist, weiß: Ein Lebensraum ohne jedwede Währung würde andere Usurpationen und Befindlichkeiten wecken. Stattdessen sollte eine visionäre Politik darauf bedacht sein, den Einfluss des Geldes zu begrenzen. Immerhin scheint manches auf Wandel hinzudeuten, spricht doch der US-Ökonom Jeremy Rifkin in seinem Buch „Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft. Das Internet der Dinge, kollaboratives Gemeingut und der Rückzug des Kapitalismus“ (2014) von einem freien Markt, der zunehmend durch die neue Sharing-Kultur substituiert zu werden scheint. 47 Sprich: Das Geldgeschäft rückt in den Hinter-, das Kollektiv in den Vordergrund. Die junge Generation strebe nach nachhaltigem Wirtschaften. Wer nicht über so viel Besitz verfügt, braucht sich auch nicht um dessen Erhaltung mühen. Jeder zündende Funke erfordert Muse und das wichtigste Gut, nämlich Zeit. Viele Vordenker sprechen verstärkt über ein Grundeinkommen. Warum? Weil damit der Mensch selbst zum Herr seiner Zeit wird. Er muss gegebenenfalls nicht mehr mehreren Arbeitsstellen nachgehen, damit er seine Familie durchbringen kann. Nein, er kann sich, abgesichert durch ein geringfügiges Netz, das zugleich die völlige Macht des Kapitals bändigt, in Kreativität und Denken üben. Möglicherweise wäre eine solche Gesellschaft noch erfolgreicher als eine, die im Korsett der Effizienz unentwegt versucht, Ideen in Marketingund Werbeindustrie am Fließband zu erzeugen. Die Hoffnung weckt ungeahnte Geister. Mit dem Wiederfinden der verlorenen Zeit beginnt die Denkrepublik, wird Kommunikation jenseits einsilbiger Zweckmäßigkeiten, jenseits von E-Mail-Geschreibe und unternehmerischer Come-Togethers möglich. Darin fußt das geeignete Milieu für das Blochsche „Dunkel des gelebten Augenblicks“, einen innerlichen Raum erster sich herausbildender, freigeistiger Vorstellungskosmen. Kunst wie auch ein ganz pragmatisches, lebenslanges Lernen können hierin gründen. Gleichzeitig ist jenes Utopia keine esoterische Meditationsinsel, wo jeder auf stille Erleuchtung wartet. Auch die Utopie ist und darf kein spannungsfreies Gebilde sein. Im Gegenteil: Erst aus der richtig balancierten Widersetzlichkeit entstehen Energien. Ein kaum zu verachtendes Gegensatzpaar stellt die Achse zwischen Weltgemeinschaft und regionaler Verwurzelung dar. Während die Globalisierung trotz aller damit verbundenen ökonomischen Miseren ein dialogisches Zusammenrücken der Völker prinzipiell möglich machte und dem Kantschen Ideal eines Weltbürgers näherkam, ersinnt manch ein Denker wie beispielsweise der polnische Kulturphilosoph Andrzej Stasiuk wieder den Wert der behüteten Heimat. Glokalisierung nennt sich diese Richtung – ebenso berechtigt wie die weltweite Vernetzung. Im Einen wohnt potenziell die Chance auf mehr Frieden, im anderen jene auf mehr Einfluss. Beide sind geradezu Grundpfeiler einer Denk- oder Bildungsrepublik. Offene Grenzen lassen uns toleranter und empathischer werden, erweitern unser Erfahrungsspektrum. Ein Mehr an Demokratie auf unterster Ebene von Gemeinden und Kreisen würde einer Politisierung der Bevölkerung Rechnung tragen, insofern jeder unmittelbar die Früchte seines Engagements ernten könnte. Als nicht minder wichtig erweist sich die Spannung zwischen einem starken Staat und seinen Individuen. „Stark“ forciert hierbei keineswegs Kontrolle oder Interventionismus. Selbst wenn der tief im Katholizismus verankerte Karl Schmitt durch die Nazi-Zeit zum sicherlich umstrittensten Staatsrechtler des 20. Jahrhunderts avanciert, sagt seine Interpretation und Modernisierung von Thomas Hobbes „Der Leviathan“ noch heute viel Richtiges aus: Seine Hauptthese, ein schwacher Staat drohe im Relativismus der Werte unterzugehen, 48 scheint aktueller denn je. Denn das Fehlen einer Utopie gründet insbesondere im Zeitgeist eines postmodernen Relativismus, der im Übrigen selbst zur totalitären Ideologie geronnen ist. Aus der Angst vor jeglicher Verabsolutierung von Weltanschauungen eliminiert die Jeder-nach-seiner-Façon-Mentalität per se den Anfang großer Ideen. Das Ethos einer wahren und gelebten, christlichen wie zugleich auch aufgeklärten Mitleidsgesellschaft, wie sie etwa Gotthold Ephraim Lessing ersann, kann als Orientierung für einen in sich gefestigten, innovativen und ideenmutigen Staat dienen. Individuen finden darin Sicherheit und doch nie einen Käfig. Denn seine Freiheit ist zugleich Grundüberzeugung einer solchen Gemeinschaft. Stéphane Hessels „Empört euch!“ ist angesichts der statischen Gegenwart folglich noch immer ein guter Appell zum nötigen zivilen Ungehorsam. Allen voran die sich in die Elfenbeintürme geflüchteten Intellektuellen sollten nun mehr um Gehör ringen und im breiten Diskurs für einen neuen Perspektivismus in der Politik eintreten. Von ihnen kann eine Bewegung, ja sogar Leidenschaft ausgehen, die uns am Ende hoffentlich wieder für eines zu begeistern vermag: Für begeisterndes Staunen. Die fremden Horizonte Sommerzeit ist Reisezeit. Doch wo wir Vergnügen suchen, bedarf es auch einer Welthaltung – Gedanken zur offenherzigen Welterkundung Gibt es noch die Enden der Welt? Die unberührten Paradiese? Wohl kaum. Mit der Globalisierung schwindet der Raum zugunsten der Zeit. Wir überwinden nicht mehr Distanzen und überhaupt fremdes, unbekanntes Gebiet, sondern einzig und allein die Zeit. Statt in Kilometern rechnen wir mit Zeitverschiebungen. Es ist heute kaum mehr eine Herausforderung, mit einem Flieger von München nach Shang Hai oder von Oslo nach Brisbane zu gelangen, prinzipiell kann jeder Fleck auf der Landkarte zum wählbaren Zielort werden. Wo Grenzen mehr und mehr wegfallen, keimt das Potenzial zu Verständigung und Annäherung. Möglicherweise. Immerhin ist das globale Dorf Marshall McLuhans durch das digitale Netz und eine allseits mobile Welt längst Realität geworden. Doch wie ändert sich das Reisen in einer Gegenwart, wo alle Wege scheinbar offen und bereits bewandert worden sind? Verspüren wir noch ein Elektrisieren, eine spannungsvolle Erwartung, wenn wir etwa unseren Pauschalurlaub in den Arabischen Emiraten, Tunesien oder Kanada buchen? Natürlich, jede Reise beginnt auch heute noch mit der Vorfreude. Die Spannung der Ungewissheit, welche die großen Expediteure der Menschheitsgeschichte hinaus auf die Weltozeane trieb, mutet indes nur noch als Stoff für Erzählungen an. Man darf sich 49 nichts vormachen. Wer nicht gerade den unglaublichen Mut wie der Schriftsteller und Reiseautor Roger Willemsen besitzt, sich völlig offen in touristisch noch unattraktive Landstriche zu begeben oder gar die wirkliche Kultur eines Volkes – auch in dessen Schattenzonen und abschreckenden Randlagen – erfahren zu wollen, wählt die sichere Variante. Nicht selten zieht es uns daher zu Plätzen mit Sehenswürdigkeiten, um sie mit Fotoapparaten für das heimische Bilderalbum oder die Facebook-Pinnwand regelrecht zu sammeln. Der Moment des erhabenen Staunens verflüchtigt sich in der Obsession von Aneignung und Dokumentation. Viele genießen nicht mehr, sondern konsumieren. Die Londoner Tate Modern oder das Pariser Centre-Georges-Pompidou wirken angesichts der flimmernden Shoppingmeilen für viele nur noch als schickes Beiwerk für Postkarten. Big Ben und das Brandenburger Tor sind die Überbleibsel einer Ära der stolzen Kulturpflege, deren Umfeld zu uniformen Kaufkulissen ohne Charme und Charakter verkommen ist. Überhaupt mag auffallen, dass wir in der Fremde zumeist das Bekannte suchen. Ausgerüstet mit Reiseführer und Routenempfehlungen, folgen die meisten den zuverlässigen Spuren anerkannter Experten. Kaum lässt manch einer sich noch auf ein Verlaufen ein. Die kaum frequentierten Seitengassen jenseits der Hauptstraßen bergen vielmehr Gefahr in sich. Den Zufall gilt es, wo Zeit zum knappen Gut für den gewitzten Schnappschussjäger wird, mit allen Mitteln zu verhindern. So verbleibt man in den sicheren Fahrwassern. Obgleich den Reisenden von heute einerseits das Motiv vorantreibt, andere Kulturen kennen zu lernen, will er zugleich den misstrauischen Abstand zu ihnen wahren, damit er nicht mit unvorhersehbaren Unannehmlichkeiten konfrontiert wird. Wer schon einmal durch die Medinas in afrikanischen Staaten mit gewieften Händlern, unlauteren Angeboten auf der einen und traumhaften Gewürzdüften und erlesenen Kunsthandwerkerwaren auf der anderen Seite gelaufen ist, dürfte am Ende dieser Tour de Force zwar von Unmut und Fassungslosigkeit überwältigt sein. Doch auf diese Weise lässt sich die Mentalität dieser Länder vielleicht am besten verstehen. Man kommt um diese unvergessliche Lebenserfahrung nicht herum. Sie gibt uns Einblick in Esprit und Habitus jener Völker. Viele bringen danach Gusskannen oder Teppiche mit nach Hause. Humor macht dann manch eine Überteuerung wieder wett. Immerhin hat man danach amüsante Geschichten im Gepäck. Doch wie offen sind wir wirklich? Dass gerade der Pauschaltourismus mit Rundum-Sorglos-Paket im Mega-Hotel an Traumständen mit Sommer, Sonne und Cocktails am Pool boomt, zeugt vom Wunsch einer ausgebrannten Leistungsgesellschaft, servile Inseln der Entspannung finden zu wollen. Freizeitressorts an balearischen Küsten oder Urlaubsküsten, an denen sich täglich die Flüchtlingskatstrophe offenbart, erfreuen sich höchster Beliebtheit. All-inclusive-Paläste wirken mitunter wie Festungen. Luxuriöse Fassaden schirmen Touristen vor der unbeständigen Außenwelt ab. Klar, niemandem soll die nötige Ruhe abgesprochen werden. Doch fixieren solcherlei Urlaubsvorstellungen das 50 Fremde, um uns selbst und nicht das andere zu finden. Man bleibt egozentriert und bewegt sich in einem künstlichen Milieu, wo keinerlei unvorhergesehene Ereignisse drohen. Es ist nicht nötig, mit dem Einheimischen sprechen zu müssen und damit auf mögliche Verständigungsschwierigkeiten zu treffen. Der Aufenthalt in einem Ferienpark verspricht Sorglosigkeit, grenzenlos und bisweilen dekadent. Aus der Angst heraus, sich auf die Hemmschwelle fremder Kulturen einstellen zu müssen, bestechen die Kataloge der großen Reiseveranstalter inzwischen nicht selten durch Konformismus: Die Strände wirken uniform, überall ist – je nach Gusto – Spaß und Ruhe gleichermaßen anzutreffen. Und ob der Urlauber nun durch die Innenstädte von Palma de Mallorca oder Iraklion auf Kreta flaniert, mag der überwiegende Teil der Geschäfte und Shopping-Malls schon von denselben Marken dominiert sein, die er in unseren Hemisphären auch anzutreffen weiß. Schafft diese Ähnlichkeit zwar ein Gefühl der Geborgenheit, bleiben jedoch die Überwältigung und die Passion angesichts des Neuen aus. Da sich nur selten die Reverie von schillernden Sehnsuchtsorten erfüllt, verliert das Fremde seinen Reiz. Indem wir dabei unentwegt zum Fotoapparat greifen, suchen wir, dem Philosophen Byung-Chul Han (siehe: Im Schwarm. Ansichten des Digitalen) zufolge, den Schock der Wirklichkeit, die kaum an die imposanten Glanzbilder in Fernsehen, Internet und Katalogen anzuknüpfen weiß, zu verwinden. Das Reale wird in das Abbild überführt. Erst das Medium hilft, die Wirklichkeit wieder in Verzauberung wahrzunehmen. Aus der Retrospektive dürfte man daher wohl spekulieren, dass uns die globale Öffnung der Grenzen buchstäblich überrannt hat. Wo alles möglich im Sinne von ‚erreichbar‘ wird, verliert das Ferne seine Mystik. Was also tun? Kann es überhaupt in einer gänzlich erforschten Welt nochmals eine Rückkehr zu einem Reisen staunender Bewunderung geben? Humboldts und Marco Polos sind in heutiger Zeit zugegebenermaßen nicht mehr vorstellbar. Doch jeder kann sein eigener Expediteur sein, kann für sich die kleinen Seitenstraßen abseits der großen Einkaufsstraßen, entlegene Buchten und pittoreske Architektur in Bergdörfern aufsuchen. Selbst wenn jedermann nach den großen Attraktionen zu streben scheint, kann das eigene Reisen zur Insel werden. Den Anfang macht allen voran die Kontemplation: Wir können einsehen, dass es weniger darum geht, unzählige Schnappschüsse für unsere digitalen Pinnwände zu erstellen, als vielmehr, einen Raum tief in uns aufzunehmen. Wenn wir etwa allein in einer verlassenen Bergkirche auf Sizilien stehen, kann dieser Moment von höchster Heiligkeit gesegnet sein. Dass aber dazu nicht immer die Einsamkeit und Abgeschiedenheit notwendig sein muss, wird einem bewusst, wenn man sich schlichtweg in gezielter Aufmerksamkeit übt. Niemand scheint die melancholischen Chansoniere in der Pariser U-Bahn zu bemerken, während man selbst ihr gespanntester Zuhörer wird. Solche Augenblicke sind die wahren Introspektionen in das Andere, weil sie auf Beziehungen basieren. 51 Wir gehen über uns und damit auch über die Grenze zu anderen Kulturen hinaus. Diese Begegnungen bauen auf Offenheit und Generosität auf. Nachdem die außenpolitischen Erschütterungen, angefangen bei der Ukraine-Krise über den Isis-Terror im Irak bis hin zu den unstillbaren Bürgerkriegen in Afrika eher wieder auf nationalistische Bestrebungen hinauslaufen, erweist sich die Idee eines neuen Kosmopolitismus aktuell als nötiger denn je. Gerade die Jugend lehrt uns, die Hürden im Kopf zu durchbrechen. Selbst wenn der Bologna-Prozess den Universitäten zahllose Zumutungen bereitet hat, so geht von der Angleichung der Studienleistungen ein starker Impuls für akademischen und interkulturellen Austausch aus. Noch nie wurden – insbesondere mithilfe des Erasmus- Programms – die Möglichkeiten, ein Auslandssemester zu absolvieren, so häufig von Studenten genutzt wie heute. Obgleich in dieser Zeit alles scheinbar zu einer weltumspannenden Netzwerk- und Kommunikationsgesellschaft zusammenwächst und Distanzen schwinden, hat sich die Jugend die Fähigkeit zum Staunen offensichtlich bewahrt. Wir alle sollten uns daher bei jedem Urlaub fragen, wie jung im Geiste wir eigentlich sein wollen. Was uns der akademische Nachwuchs zeigt, ist die Idee eines geeinten Europas und vielleicht auch die Idee eines Weltbürgertums, wie es einst Lessing oder Kant in ihren Schriften noch visionär zu elaborieren wussten. Unsere Erkundungen fremder Länder sind unser Privatvergnügen, sie sind aber immer auch Politik. Denn unser Handeln und Verhalten gegenüber den Einheimischen geht auch auf Bilder zurück, die sich in unseren Köpfen bilden. Insbesondere die Mediengesellschaft ist affin für allerlei Mythen. Die Mären vom diebischen Polen, asozialen Sinti und Roma oder faulen Griechen schwirren noch immer durch eine Medienlandschaft. Man braucht gar nicht die Karikaturen zu bedienen, um die auch untergründige Polemik beispielsweise in alltäglichen Fernsehformaten zu erkennen. Sendungen wie „Urlaubsreporter“ oder Beiträge über miese Hotels gehen den Hygieneabgründen in bezeichnenderweise stets südländischen Touristengebieten nach. Statt Aufklärung, womit sich derartige Beiträge – in denen Biokulturen unter Matratzen und Schimmelwüchsen in Bädern bedrohlich mit greller Musik in Szene gesetzt werden – rühmen, werden alte Klischees weitertradiert. Das Misstrauen der Urlauber gegen- über den – so der Mythos – trägen und profitgeilen Italienern und Spaniern lässt ihn während seiner Ferien zu Lupe und Foto (als Beweismittel) greifen. Kaum einer bezweifelt: Wo in der schönsten Zeit des Jahres Missstände sind, sollte man diese benennen und strikt dagegen vorgehen. Doch geht manch einer indes schon mit Unbehagen in das Hotelzimmer, bevor sich überhaupt ein Urlaubsfeeling einstellt. Diese Skepsis durchzieht häufig den gesamten Aufenthalt in anderen Ländern. Man meidet das Gespräch, um nicht doch eine orientalische Teemischung aufgeschwatzt oder in irgendetwas hineingezogen zu werden. 52 Für das Reisen kann es keine einheitliche Ethik geben, weil sie jede Form individueller Begegnung per se untergraben und damit letztlich doch jenem Konformismus aufsitzen dürfte, den es eigentlich zu überwinden gelte. Wir sollten eben nicht über Regeln nachdenken, sondern gerade Gelassenheit wieder erlernen. Keine Frage: Es gibt die Lotsen, die uns auf merkwürdigen Umwegen durch Städte treiben, um danach ein hohes Trinkgeld einzufordern; es gibt die unlauteren Hoteliers und falschen Taxifahrer. Doch jeder Umweg kann auch neue Pfade eröffnen. Manchmal führen solcherlei zunächst ärgerliche Abzweigungen aber auch zum Eigentlichen und Unverklärten einer Kultur. Wer in Paris nur zum Eiffelturm stürmt, dem bleiben sowohl das anregende Leben der Afroamerikaner als auch deren noch immer problematisches Außenseitertum in der Metropole der Liebe versagt. Man bewegt sich auf einer Reise entweder auf der goldenen Fassade einer Gesellschaft oder man wird auch der Risse in der Patina gewahr und ist bereit, auch die dunklen Untergründe nicht zu verdrängen. Gleiches trifft auf Reisen nach Tunesien, Marokko oder Ägypten zu: Nur wenn wir dort die Ressorts auch einmal verlassen, werden wir der wahren Situation jener Völker samt ihrer Anmut und Armut gewahr. Für beide Seiten könnte daraus eine gewinnbringende Erkenntnis entstehen. Das Gegenüber dürfte unser Interesse zu schätzen wissen. Und wir sehen ein, dass offenherziges Reisen de facto ein Allheilrezept für Empathie darstellen kann. Für Entdecker wie Humboldt oder Kolumbus waren ihre Seereisen und späteren Entdeckungen im Übrigen nicht einfach nur Sammelwerk, sondern wichtige Stationen ihrer Persönlichkeitswerdung. Kolumbus kämpfte Zeit seines Lebens für die Anerkennung der Schwarzen, ließ sich auf ihre Kultur und Religion ein. Sein Weltbürgertum fasziniert noch heute, weil sich in ihm das Fremde und das Europäische zu einem wundervollen Ensemble zusammengefunden haben. Er schiffte einst das südamerikanische Gold nach Spanien. Doch den eigentlichen Wert, an dem man ihn heute misst, sind seine Achtung und Philosophie – der reichste Fundus, den er der westlichen Zivilisation wohl schenken konnte. Alles nur Theater!? Überlegungen zu einer trügerischen Metapher und die Profilierung einer aufrichtigen Ethik des Sehens Nur selten zuvor hatte der Kapitalismus etwas derart Theatralisches wie heute. Zur allgemeinen Strategie vieler Unternehmen gehört die Taktik dauerhaften Geheimhaltens. Während nach außen gründlich das Saubermann-Image gepflegt wird, die Werbung uns glückliche Konsumenten vorgaukelt, die durch Schleckeis und Tütensuppen sexy und frei werden, gilt nach innen das Prinzip 53 des geschlossenen Vorhangs. Jenseits der Mimikry schöner Bilder sind Bangladesch und asiatische Näherinnenslums zu den verdrängten Black-Boxes unserer Gegenwart geworden – und das Theater durch eine verunglückte Metaphorisierung zur Versinnbildlichung einer pervertierten Ökonomie. Ob Kinderarbeit, Ausbeuterlöhne, unhygienische Arbeitsbedingungen oder unzureichende Sicherheitsstandards, die schnell mal für einen Brand einer überfüllten Fabrikhalle verantwortlich sein können – die Akteure der globalen Wirtschaft wissen: The Show must go on. Wer in den Wetten um das beste Versteckspiel verliert, also von investigativen Reportern bei sittlichen oder rechtlichen Verstößen erwischt wird, heuchelt sogleich Reue. Dann wird das Theater plötzlich im Schillerschen Ursinne zur moralischen Anstalt. Als herauskam, dass der trendige Modehersteller H & M blutbefleckte Mulesing-Wolle (Verstümmelung von Schafen zur Wollgewinnung) aus Australien und Textilien aus bengalischen Billiglohnfirmen, wo Näherinnen kaum von ihrer Hände Arbeit leben können, bezog, schwor man schnell der dämonischen Laster ab. Der Vorhang fiel und wurde mit neuer Kulisse wieder geöffnet. Aber sicher: Ganz neu und für die menschliche Komödie ungewöhnlich ist dieses Verhalten nicht. Obgleich Unternehmen nicht erst seit gestern um ihr öffentliches Profil besorgt und für dessen Schutz bereit sind, alle Register zu ziehen, eröffnet jedoch die permanente Überwachungszirkularität der Medien eine neue Dimension. Es ist ein Gedankenspiel, die theatralische Bühne als Metapher eines modernen Wirtschaftssystems durchzuexerzieren. Allen voran die Börsenbranche weiß sich der Semantik gern zu bedienen. In den Nachrichten ist nicht nur alltäglich die offensichtliche Rede vom Frankfurter Börsenparkett, den Brettern, die inzwischen ganz die Welt bedeuten. Auch die virtuellen Abläufe sekundenschneller Geldtransfers werden nur noch als Spiegelreflexe, wenn überhaupt kinematographisches Momentum, erkennbar. Obgleich wir uns des Geldes, das als symbolische Wertmarke wohl die Urmetapher der menschlichen Zivilisation darstellt, insofern der Handel als Grundelement einer auf Kommunikation basierenden Gemeinschaft gilt, nicht mehr haptisch zu versichern imstande sind, besteht es als Dramaturgie, nach der sich die Akteure richten. Geld ist Text, ist Ritus, ist in materialistischen Zeiten sogar Identität voll und ganz. Auch das Theater kommt immer wieder auf dieses allmächtige Zivilisationsphänomen zu sprechen: Was Hugo von Hofmannsthal in seinem „Jedermann. Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes“, uraufgeführt von Max Reinhardt im Berliner Zirkus, schon 1911 in der Personifikation des Geldes durchspielte, spitzt sich in der Gegenwartsdramatik Elfriede Jelineks weiter zu. Hier höhlt das Geld die Menschen aus, wird selbst zum Lebenselixier, das ihren abgehalfterten Figuren ständig aus den Fingern gleitet. Alle Welt strebt nach dem neuen Götzen, während es jedem zugleich entrinnt. Nach der kapitalismuskritischen Farce „Die Kontrakte des Kaufmanns“ steigerte die „Winterreise“ von 2011 54 das groteske Szenario, indem darin die Übernahme der bankrotten Hypo Alpe Adria Bank durch die BayernLB in einem Brautkauf allegorisiert wird – einer schönen Wunderdame, um die sich die geilen Werber drängen. Wer das meiste zahlt, erhält den Zuschlag für Freud und Liebessegen – so die Hoffnung, die jedoch zerbricht, als das Brautkleid sich lüftet und das Nichts zutage tritt. Theater par excellance eben. Das gegenwärtige Kapitalsystem, das an der Schuldenkrise, den hemmungslosen Globalspekulationen und fehlenden weltweiten Spielregeln krankt, gleicht einer Simulation. Der Bühnenspuk geht in eine virtuelle Doppelwirklichkeit über. Eine Parallelrealität hat sich etabliert, deren Zeichen uns als Fakten entgegentreten wollen. Baudrillard spricht in Bezug auf den Realitätsverlust in der Moderne von der „Ära der Simulation durch Liquidierung aller Referentiale – schlimmer noch durch deren [der Wahrheit] künstliche Wiederauferstehung in verschiedenen Zeichensystemen, die ein viel geschmeidigeres Material abgeben als der Sinn. Diese künstliche Wiederauferstehung bedient sich aller möglichen Äquivalenzsysteme […] Es geht um die Substituierung des Realen durch Zeichen des Realen“ (Agonie des Realen, 1978). Der Kapitalismus mit all seinen Vorgängen hinter dem Vorhang – Ideenbildung, Erfindungsreichtum, Produktionen, Transport – all dies geht in der Struktur der miniaturisierten Datenübermittlung auf, wo in Sekundenschnelle ganze Firmenstandorte per Mausklick verlagert werden. „Im Zerfall in die Mikroprozesse wird die Welt gleichzeitig unitarisch, und auf ihnen müssen wir surfen. Wir können nicht mehr in die Tiefe dringen, sondern müssen uns auf der Oberfläche dieses einheitlichen Prozesses bewegen, eine Welle in der Welle sein“, so der französische Philosoph und Kulturkritiker in seinem epochalen Werk „Simulacra und Simulation” von 1995. Zurück bleibt eine theatrale Oberfläche, ein virtuelles Schauspielparkett, auf dem in scheinbaren Ordnungsmustern Wellen vorüberziehen. Doch hinter den schönen Bilanzbildern und den inszenierten Aufnahmen verantwortungsvoller Manager ist dem gegenwärtigen Wirtschaftssystem eine starre binäre Logik inhärent, die jener des traditionellen Dramas sehr verwandt scheint. Oscar Wilde schrieb schon seinerzeit den zur Redewendung avancierten Satz „Heutzutage kennen die Leute von allem den Preis und von nichts den Wert“ (Das Bildnis des Dorian Gray, 1890). Wird die Achtung des Wertes gegenüber einem Produkt inflationär, steht der Preis entkoppelt für sich. Er wird im Sinne Baudrillards zum Simulacrum, ohne noch auf seine eigentliche Referenzialität, eben den Wert, zu verweisen. Der Preis ist nicht mehr Mittlerfigur zwischen Wert und Käufer, sondern tritt als Zeichen ausschließlich dem Konsumenten gegen- über. Abgesehen von postdramatischen Theaterentwürfen rührt diese dichotomische Formation vom polaren Verhältnis zwischen Bühne und Publikum, zwischen Schauspieler und Zuschauer her. Diese Opposition impliziert eine Ambivalenz zwischen Innen-Sein und Außen-Sein. Wer die Fäden zieht und sich damit im übertragenen Sinne als Herr der Spekulationen wissen darf, ist Teil 55 eines geschlossenen Interieurs, von dem der Desintegrierte nur eine Fassade zu sehen bekommt. Die Ethik des Schauspiels, ob aristotelisch, brechtianisch oder eben postdramatisch, basiert auf dem Direktiv des Sehens. Empathie, Katharsis oder Distanzierung erweisen sich als erweiterte Akte der Visionierung. Je aufgeklärter sich dabei der Blick des Zuschauers zu verstehen gibt, desto mehr vermag er durch die Kulisse hindurch zu sehen. Jenes verstehende, völlig verinnerlichende Erschauen entspricht einer Transzendierung über die eigentlich feste Körperposition hinaus. Schopenhauer schrieb diesem zur Erhabenheit führenden Betrachten in seinem Standardwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ (1819) eine welthaltige Bedeutung zu: „Wir sind nicht mehr das Individuum, es ist vergessen, sondern nur noch da als das eine Weltauge, was aus allen erkennenden Wesen blickt“. Was der Philosoph als Überwindung der Individuation des Menschen versteht, läuft auf ein fast buddhistisches Aufgehen im Ganzen hinaus. Die Kunst lässt uns groß und verständig werden, wenn sie uns einen Zugang offeriert. Auch das Christentum bedient sich in seiner Ikonografie dieses Grundgedankens. Das Leiden Jesu am Kreuz und überhaupt jedwedes Heiligenmartyrium werden nicht verschleiert. Vielmehr erwirken sie eine Konfrontation durch das Sehen. Sie erzwingen das Hinsehen und damit eine Positionsfindung des Betrachters. Gottes Sohn lehrt: „Alles, was ihr von anderen erwartet, das tut auch ihnen“ (Mt 7, 12). Handel beruht auf einem Augenmaß, auf einem Vertrauen in den Anderen und in dessen Aufrichtigkeit. Entgegen dem neoliberalen Credo: „Jeder ist sich selbst am nächsten“ bedeutet christliches Handeln eines, dem das Denken und Bewusstsein der Nächstenliebe eingeschrieben sind. Der beiderseitigen Achtung zweier Handelspartner wohnt Fairness inne – und Letztere durchbricht jeden Trug, da sie sich ohne Inaugenscheinnahme oder kritische Prüfung ergibt. Man glaubt dem anderen, weil man ihm keine bösen Absichten unterstellt. Christliche Fairness ist ein Gebot von Maß und Ehrlichkeit. In diesem Kontext löst sich somit die Patina einer Ökonomie im Zeichen von Theatralität und Virtualität. Ohne die Entwicklungen der Finanzindustrie nachvollziehen zu können, bleibt das damit verbundene Geschehen für die Mehrheit der Gesellschaft hermetisch. Vertrauen ist einer blinden Auslieferung supra- ökonomischer Entwicklungen gewichen. Es gibt kein Sehen, das eine Grenze in der Vorstellung überschreitet, kein Sehen, das reflexiv den Gegenstand zu verarbeiten in der Lage wäre. Nein, es bleibt ein verwaistes Sehen und damit eine Außenseiterperspektive. Doch auch eine augenscheinlich geschlossene Kaste wie jene der in Verruf gekommenen Gruppe der Banker und Manager muss sich der öffentlichen Beobachtung stellen. Wenn ein Regisseur am Schauspiel scheitert, dann nur, wenn seine Inszenierung auf Unverständnis stößt. Theater basiert auf Vertrauen, einem unausgesprochenen Pakt zwischen Akteuren und Zuschauern. Dies gilt auch als ethische Notwendigkeit einer jeden 56 Wirtschaft, die auf dem Geld als Tauschmittel beruht. Nur solange der Glaube in eine Währung vorherrscht, ist das System als Ganzes funktionsfähig. Gleiches trifft für das Schauspiel zu: Nur solange das Spiel der Akteure dem Zuschauer als glaubwürdig erscheint, schenkt er ihm seine Aufmerksamkeit. Emphasisch sei betont: Es geht bei alledem nicht um einen platitüdenhaften Ruf nach Transparenz. Das natürlich auch, aber nicht allein. Transparenz für sich bleibt machtlos, wenn sie nicht hinterfragt wird. Eine neue Ethik des Sehens gegenüber einer sich abschottenden Wirtschaftselite muss erkämpft werden. Jeder Einzelne muss in den Zustand versetzt werden, hinter die Verpackungen schauen zu können. Und dies im wortwörtlichen Sinne: Produkte müssen für uns wieder einsichtig werden. Wir müssen ebenso gut verstehen, was es bedeutet, wenn wir bei einem Finanzfachmann bestimmte Geldanlagemodelle einschätzen oder wenn wir im Supermarkt die Liste von Zutaten bei Süßigkeiten und Fertigerzeugnissen prüfen möchten. Das Sehen muss dafür transzendent werden und darf nicht auf der Ebene einer bloßen Anschauung verharren. Dies geht so weit, dass der Sehende selbst zum Akteur werden muss. Die ambivalente Ordnung aus Spiel und passiver Anteilnahme kann nur durchbrochen werden, sofern ein Appell auf die Bühne übergeht. Denn eines steht fest: Jedes Theater braucht seine Besucher, die es tragen. Ein jedes Stück, das an deren Interessen vorbeigeht, liefert sich seiner eigenen Nichtigkeit aus. Übertragen auf die Kapitalmärkte muss der Kunde seinen Einfluss wieder buchstäblich kundgeben. Er muss Warenwege nachvollziehen und vielleicht sogar nur jene Produkte präferieren, deren Herstellung und Funktionsweise ihm vollständig bekannt sind. Die Virtualität endet an der Wirklichkeit und das Casino schließt, wenn seine Kunden seiner überdrüssig geworden sind. Zuletzt gilt: Wie jeder Theaterbesuch mit dem Sehen beginnt, endet er im besten Fall mit dem Verstehen. Die Finesse eines Bühnenarrangements liegt in einem brillanten Paradox begründet: Allein die Vorstellung von einer anderen Welt, die uns die Bühne suggeriert, lässt die reale im neuen Licht erscheinen. Die Agonie der Kultur Digitalisierung und Kommerzialisierung nehmen unsere Denkmäler und Jahrhundertbauten in Geiselhaft. Über Werte und Unwerte im Umgang mit dem kulturellen Erbe Wer einmal einer Messe in der Pariser Notre-Dame, dem spirituellen Herzen Frankreichs, beiwohnen durfte, wird vielleicht gespürt haben, was es bedeutet, von einer erneuernden Aura erfasst worden zu sein. Mehrmals täglich finden dort Gottesdienste für Besucher aus aller Welt statt. Begleitet von einer mit mehreren hundert Pfeifen ausgestatteten Orgel und ariosen Kantorengesängen 57 eint die dortige Begegnung mit dem Glauben die Gefühle von Weite und Schönheit – eine heilige Stätte, die uns an unser Menschsein sowie unsere Hoffnung auf eine kosmische Eingebundenheit erinnert. Vom Überkommen ähnlicher Emotionen berichten auch Besucher des Petersdoms, des Stonehenge oder des Mont Saint Michel. Immer ist dabei ein Maß an Asketismus nötig, um sich auf die Spannung zwischen dem Raum und dem Selbst einzulassen. Konzentration ist inmitten strömender Touristenmassen, japanischer Blitzlichtgewitter, der Souvenirstände mit bedruckten Porzellantellern, Kuckucksuhren und Aschenbechern mit Madonnenemblemen das höchste Gut. Denkmäler leiden unter der kapitalistischen Annexion durch Unterhaltungs- und Konsumindustrie. Was passiert also mit Orten der Kultur im kommerziellen Zeitalter? Wo zumeist so etwas wie ein Urgeist wohnte, überlagern inzwischen von Profitgeneratoren kreierte Sekundärmythen die imposanten Topografien. In Lourdes zählt schon die eigentliche Epiphanie weniger als das angebliche Heilwasser, das dort literweise an den Mann gebracht wird. Auch die eklektizistische Basilika Sacré-Cœur inmitten des französischen Szenequartiers Montmatre steht für die meisten Fotojäger kaum noch im Zeichen der Martyriumsgeschichte des ersten Bischofs von Paris, die dem unter ihr befindlichen Berg überhaupt erst den Namen gab. Stattdessen pflegt man dort noch immer die Klischees des seit dem 2. Weltkrieg nach Montparnasse umgesiedelten Künstlerviertels. Neben Straßenporträtisten machen hier vor allem Nippesbuden und fliegende Händler ihr Geschäft. Gleiches gilt für Museen und Kirchen. Nachdem dort über Jahrhunderte hinweg die Schätze des Wissens lagerten, macht sie unterdessen ebenfalls der wirtschaftliche Druck anfällig für „Zusatzeinkommen“. Vor den Altären wird vom Buch bis zur Heiligenfigur so manches feilgeboten. Spöttische Zeitgenossen werden wohl fragen: Gibt es die Oblate möglicherweise schon bald to go? Doch die Inflation kultureller Orte allein auf ökonomische Entwicklungen abzuwälzen, trägt der Gesamtdimension nicht Rechnung. Denn daneben trägt ebenso der digitale Wandel zur förmlichen Abschaffung der materiellen Lokalität bei. Wer muss heute schon noch ins Neue Museum zu Berlin fahren, um die Nofretete zu bestaunen? – zumal sie längst schon auf unzähligen Detailaufnahmen im Netz für jedermann verfügbar ist. Wer braucht schon den Reichstag zu besuchen, wenn er ohnehin virtuell begehbar ist? Mit der Ausbreitung des Internets erleben wir eine umfassende Phase der Immaterialisierung. Wissensgüter gerieren zu Daten, Substanzen zu Informationen. Immer abrufbar. Copyand-paste. Und das Schockierende besteht darin, dass sich jene, die gerade um den Schutz des kulturellen Erbes der Menschheit bedacht sein sollten, inzwischen zu den Handlangern der „Pixelisierung“ unserer Welt selbst erklärt haben. Das Innere der restaurierten Anna-Amalia-Bibliothek könnte in hundert Jahren eher noch ein Postkartenmotiv als ein wirklich erfahrenswertes Denkmal 58 sein. Kein Zweifel: Dass die Digitalisierung der Schriften schon vor dem Brand dazu verholfen hätte, vieles, was verloren ging, zu bewahren, steht außer Frage. Doch hierin äußert sich auch ein komplexes Symptom einer desensibilisierten Gesellschaft. Wir verlernen, ein Buch haptisch zu würdigen, einen Text in seiner geschriebenen Darbietung und all der ihm inhärierenden Mühe wertzuschätzen. Indem Bibliotheken an ihrem eigenen Ast sägen und alle Dokumente sukzessive ins Web stellen, sind die manchmal großartigen Zufallsfunde beim Stöbern zwischen den Bücherreihen bald ein Perdue. Es ändert sich grundsätzlich unser Verhältnis zum Wissen. Seines Standortes beraubt, entpuppt es sich als Ressource. Wir finden nur noch in den digitalen Katalogen, ohne suchen zu wollen. Wir konsumieren Daten und bemerken nicht mehr das Wissen, das darin steckt. Inwiefern die Gesellschaft Web 2.0 also tatsächlich auch der Wissensgesellschaft von morgen den Weg bereiten sollte, ist vor diesem Hintergrund kritisch zu hinterfragen. Ein Mehr an Transfer und Produktion verspricht eben nicht automatisch ein Mehr an Tiefe und Qualität. Nicht nur die wahren Kenntnisse und Fertigkeiten leiden unter dem Impuls der Immaterialisierung. Der Verlust des kulturellen Ortes geht auch mit Vereinzelungstendenzen einher. Insbesondere der Bedeutungsschwund des Kinos und dessen Ersetzung durch im Eigenheim empfangbare Streaming-Dienste firmieren als Menetekel einer sich individualisierenden Cybergemeinschaft. Ob Kinematografenkunst oder Blockbuster – bis Filme es in die Heimkinos schaffen, bedarf es bald nur noch weniger Klicks. Das Warten auf die Starttermine der Verleiher ist passé. Auch die TV-Sender haben die Zeichen der Zeit erkannt. Es wird nicht mehr lange dauern, bis der Abruf von Formaten via Mediathek das Modell der Einschaltquote revidiert hat. Schon in der Programmkonzeption zeichnet sich ein entsprechender Perspektivwechsel ab. Da Familienshows wie „Wetten, dass…“ nicht mehr ziehen, werden nun ständig neue Sendungsentwürfe (die eigentlich nur das Alte mit neuem Anstrich sind) erprobt. Einzig der Tatort gilt derzeit noch als eine von wenigen Bastionen, die das Ritual gemeinsamen Fernsehens jeden Sonntag um 20:15 tradieren. Mehr als das Fernsehen gerät aber tatsächlich das Kino in Legitimationsnöte: Die Konkurrenz unter den amerikanisierten Mainstream-Tempeln dürfte sich weiter verschärfen. Letztlich bleibt dabei nur zu hoffen, dass die kleineren Programmkinos mit ihren ausgewählten Arthaus-Reihen der virtuosen Filmkunst eine letzte Heimstätte geben und wahre Freunde der Kinematografie dort noch ihrer Leidenschaft frönen können. Was die traditionsreiche Rolle der Lichtspielhäuser anbetrifft, hat übrigens der Film „The Congress“ von Ari Folman als eines der ganz wenigen Meisterwerke, an die man sich noch nach Jahren erinnert, eine beeindruckende Dystopie entworfen. Durch das Einscannen der Schauspielerin Robin Wright, die sich selbst als einstige Hollywood-Diva verkörpert, wird sie für alle kommenden Filmpro- 59 duktionen zur frei einsetzbaren Avatarfigur. Als sie Jahre danach an dem „Futurologischen Kongress“ in einer gänzlich animierten Stadt teilnimmt, wird sie der nächsten Entwicklungsstufe gewahr. Inzwischen ist nicht mehr nur der Mensch ersetzbar, auch die Leinwand, auf der er bislang zu beschauen war, strebt die Pharmaindustrie durch eine Wunderdroge zu substituieren. Von nun an kann jeder mittels Pille in sein eigenes Bilderdelirium eintauchen, wo Kubrick und andere Helden der Filmgeschichte, wie das Werk wunderbar melancholisch entfaltet, nur noch als Zitate vorkommen. Unterdessen ist die Wirklichkeit zum rohen Durchgangsstadium verkommen. Denn als Robin dahin zurückkehren kann, entdeckt sie den Trug hinter den künstlichen Paradiesen. Der Geist ist scheinbar frei und doch nur in der Manipulation. Die Realität ist ein Nicht-Ort geworden, arm, wüstenartig, ohne Vision und Liebe. Kulturelle Orte, die gegenüber schnelllebigen Moden immer etwas konservieren, sind vor ungezügeltem Fortschritt nicht gefeit. Sie müssen bewusst verteidigt werden. Nur so können sie bestehen. Oftmals mangelt es aber schon an der politischen Einsicht. Noch immer monieren Kritiker die Sprengung des Palastes der Republik in Berlin als Geschichtsklitterung. Da der ehemalige DDR- Bau im Laufe der Jahre verfiel und man seitens der Entscheidungsträger darum bemüht war, jedwedes Denkmal der SED-Diktatur auszulöschen, wurde dessen Zerstörung und anschließende Ersetzung durch den Neubau des Berliner Stadtschlosses angeordnet – ein Millionenprojekt, bei dem fraglich ist, ob die Epoche der einstigen Fürstenresidenz wirklich auf ein politisch integreres Regime verweist als auf den vorigen unter sowjetischem Einfluss stehenden SED-Staatsapparat. Welche Sensibilität ein kulturelles Zentrum erfordert, belegt zudem das Holocaust-Denkmal für die Ermordung der Deutschen Juden im Nationalsozialismus im Herzen der Hauptstadt. Nachdem das beklemmende Feld schwarzer Stelen – Sinnbilder für die Millionen anonymer Toter – immer wieder Schmierereien und Vandalismus ausgesetzt war, gibt es Überlegungen bezüglich denkbarer Schutzmaßnahmen. Soll es nun am Ende doch einen Zaun oder Plexiglaswände geben? Verständlicherweise sind die Politiker mit dieser Frage überfordert, zumal das Monument eigentlich gerade aus seiner offenen Begehbarkeit heraus wirkt. Seine Schutzbedürftigkeit und Zielsetzung stehen einander gegenüber. Was sich hierzu sagen lässt, ist, dass dieser kulturelle Ort seine Unschuld wohl eingebüßt haben dürfte. Dennoch hat er sich trotz jahrelanger Kontroversen bewährt. Er markiert inmitten des metropolischen Treibens eine Leerstelle, einen Abgrund innerhalb unserer Zivilisation, der sich eben nicht problemlos in die angrenzende Architektur integriert. Angesichts der allgemeinen Bedrohung kultureller Erinnerungsräume sind es vielleicht jene Monumente, die Grenzen bewusst machen, uns ganz bewusst einem Erkenntnisschock aussetzen und sich dadurch auch als nicht substituierbar erweisen. Das Denkmal anlässlich des Mordfeldzuges Anders Breiviks auf 60 der Insel Utøya im Jahr 2011, bei dem 77 Menschen ums Leben kamen, ist dafür ein gutes Beispiel. Indem das Eiland durchschnitten werden soll, wollen die Künstler eine Spur in der Landschaft zurücklassen. Während auf der einen Seite die Namen der Getöteten abgedruckt sein sollen, stehen die Besucher auf dem Steg gegenüber. Es sind die Ferne und die sichtbarste Form des Verlusts, die sich hierin manifestieren. Und möglicherweise liegt in dieser Exklusivierung auch eine Strategie, die traditionellen Kulturplätze zu retten. Ein Stichwort lautet Entsagung, Verzicht auf kapitalistische Uniformisierung, Merchandising und bloße Vermarktung. Kirchen und Museen müssen ihren Eigenwert wieder behaupten und zu Gegen-Orten zwischen den Einheitsorten der Konsumparadiese werden. So gewinnen sie ihre Weihe zurück. Wer nun aber mit finanziellen Argumenten dagegenhält, dem sei gesagt: Denkmäler und Kulturschätze waren nie Säulenhallen des Profits. Sie wurden erst dazu erklärt und anschließen mit dem Mythos des alternativlosen Erhalts durch Vermarktung belegt. Aber – ehrlich gesagt – eine Gesellschaft, die den Wert ihres Erbes nicht ehrt, ist unwürdig, dessen Wert verteidigen. Zeiten ohne Kompass? Auf der Suche nach den Meistern ihres Faches – warum eine Diskussion über unseren literarischen Kanon längst überfällig ist Was ist uns lieb und teuer? Was erscheint uns von Dauer? Angesichts von allein im Jahr 2015 vom Börsenverein des deutschen Buchhandels knapp 90.000 vermeldeten Neuerscheinungen gleicht es einer kaum zu schaffenden Herkulesaufgabe, die Orientierung zu behalten. Kleinstverlage haben es da schwer, unbekannte Autoren ebenso. Und Literaturkritiker müssen sich in der Kunst des Marathonlesens bewähren. Obgleich derzeit kein Literaturpapst mehr jener Expertise ein Gesicht gibt und allseits die Rede vom Tod der großen Feuilletonikonen herrscht, ist jene kleine Intellektuellengruppe in Zeiten der Publikationsflut wichtiger denn je. Denn sie arbeiten an der Bildung eines Kanons im Hier und Jetzt mit, filtern aus den Textbergen das heraus, was möglicherweise die Pflichtlektüren der Schule in der Zukunft sein werden. Sie sind Vorkoster, Erinnerungsarbeiter und Zeitdiagnostiker in Personalunion. Doch wonach wählen sie aus? Worin besteht ihr Maßstab? Wo zehn Kritiker aufeinandertreffen, kann es gut zwanzig Meinungen geben, die allesamt berechtigt sein mögen. Denn spätestens die Postmoderne hat jedwede Norm über Bord geworfen. Stilpluralismus statt Poetik nach Regeln, Spiel mit klassischen Formen statt Berufung auf das klassische Ideal. Da nichts mehr verbindlich zu sein scheint, hat jeder seine Privatvorstellung dessen, was anspruchsvolle Kunst bedeutet. Unterhaltungswert, Originalität, politische Brisanz sind nur einige von 61 vielen Kriterien, die je nach Epoche mal mehr oder weniger eine Rolle spielen. Doch eine Kritik, die ihre Relevanz für die gesellschaftlichen Debatten, von denen Bücher ja erzählen, verteidigen möchte, muss mehr bieten als bloße Geschmacksurteile. Sie muss selbst über Normen sprechen, sie in ihren Argumentationen offenlegen. Denn das Konsumierbare findet der Leser heute auf unzähligen Seiten im Netz, wo sich „sapperlot“ und „Prombär“ per Kundenkommentar oder Like zum vermeintlichen Literatur- und Filmkritiker auserkoren fühlen können. Selbstreflexivität erweist sich wohl als die entscheidende Qualität und ist ein Ausweis für professionelle Begutachtung. Völlige Objektivität kann und soll es nicht geben, allein der Vielfalt des Marktes würde dies nicht Rechnung tragen. Vielmehr geht es um Intersubjektivität, was die Notwendigkeit einschließt, dem Leser klar verständlich zu machen, warum ein Buch oder ein Film als gut oder schlecht bewertet werden kann. Wer sich also als Beteiligter in der Kanonbeschreibung versteht, braucht einen Kompass. Er hilft bei der Navigation, ohne zu einer Richtung zu verpflichten. Klar ist, dass jede Entscheidung für einen Weg immer angreifbar sein wird. Anders kann es nicht sein. Um einen Hut in den Ring (einer orientierungslosen Gegenwart) zu werfen, sei auf eine Einteilung des Literaturwissenschaftlers Gunther Nickel hingewiesen. Während eine „Avantgarde-Ästhetik“ das Neue in den Blick nimmt, bemisst sich der Wert eines Werkes der „Kompensations- ästhetik“ an der Frage, inwiefern es gesellschaftliche Modernisierungserfahrungen und aufgreift und ausgleicht. Man denke etwa an Sibylle Lewitscharoffs „Das Pfingstwunder“, eine mirakulöse Geschichte über eine Dante-Tagung, die mit einer Himmelsfahrt endet. In der spirituellen Leere unserer Zeit kommt dies einer (ironisch inszenierten, aber erfrischenden) Epiphanie gleich. Thomas Meinecke gehört hingegen zu den „Avantgarde-Ästheten“ – wie ein DJ verbindet er erneut in seinem jüngsten Palimpsestroman „Selbst“ akademische Diskurse mit Phänomenen der Popkultur, ganz der Devise folgend: Postfeminismus trifft auf Lady Gaga. Manch ein Kritiker mag implizit mit diesen oder ähnlichen Schablonen loben und strafen. So formt sich ein diffuser, zugegeben, keineswegs schlechter Kanon der Gegenwart heraus. Schon heute lässt sich mit Bestimmtheit sagen, dass zukünftig Autoren wie Daniel Kehlmann, Botho Strauß oder Friederike Mayröcker darin ihren Platz haben werden. Eine souverän auftretende Kritik, die eine wichtige Rolle im gesellschaftlichen Dialog spielen will, braucht Biss. Das bloße Abarbeiten der Verlagskataloge genügt nicht. Es wäre zu fragen, welch einen Kanon eine jeweilige Zeit erfordert und wie jener für die nähere Zukunft aussehen könnte. Zurecht konstatiert der Literaturwissenschaftler Lothar Bluhm, dass der Kanon „in seinen bildungsbürgerlichen und nationalkulturellen Paradigmen bis heute im Kern doch unverändert geblieben“ ist. Und dies seit dem 19. Jahrhundert. Doch heute leben wir nicht 62 mehr in Kleinstaaten oder leiden an der fehlenden Einheit der Deutschen. Was unsere Tage bewegt, ist eine kontinentale Gemeinschaft, die zerfällt und nach einem Narrativ sucht. Daher schlägt Bluhm vor, den Kanon tendenziell an europäischen Fragen auszurichten. Schnell fallen einem Autorinnen wie Ilma Rakusa oder Dorothee Elmiger ein. Im essayistischen Bereich auch ein Robert Menasse. Ja, es geht dabei um Kompensation und Vision, um die Abfederung und Lösung einer politischen Krise durch Literatur und Sprache. Man könnte aber noch weiter als diese politische Fokussierung gehen. Es sei hier nicht die plumpe Forderung nach noch mehr Tabubrüchen erhoben. Es sei hier nicht der Gesang auf einen Gesang für ein Mehr an feucht-fröhlicher Skandalliteratur eingestimmt. Aber dass uns augenblicklich eine Richtschnur verloren gegangen ist, hängt auch mit der Minderwertung des Ästhetischen zusammen. Zum einen, weil wir mit einer Masse der Mittelmäßigkeit auf dem Buchmarkt konfrontiert sind. Was von großer Geisteskraft oder struktureller Raffinesse ist, muss oft bewusst gesucht werden. Zum anderen aber auch, weil ein Teil der Kritik zahnlos geworden ist und sich scheut, den Leser aufgrund des ästhetischen Wertes eines Buches mit einer gewissen Anstrengung zu überzeugen. Ein gutes Beispiel ist die weitestgehend positive Rezeption von Martin Mosebachs aktuellem Roman „Mogador“. Wäre das Augenmerk einiger Kritiker stärker auf die Machart des Werkes gerichtet, so könnte dieses wahrlich keinen Blumentopf gewinnen. Es sprießt nur so vor Schwulst und aufgesetzter Feinfabuliererei. Selbst wenn dies ironisch gemeint sein sollte, versetzt es einen in Kopfschütteln. Und dennoch wird der Autor munter gefeiert, weil jemand in der Flüchtlingskrise und sich verschärfender Konflikte zwischen Nord und Süd, Christentum und Islam, whatever, über den märchenumwogenden Orientraum (Klischee!) schreibt. Neben der europäischen Dimension – ergänzen ließe sich auch das ganze Feld der Digitalisierung unserer Welt – sollte uns letztlich auch wieder mehr an der Widerständigkeit künstlerischer Werke gelegen sein. Eine erhitzte Gesellschaft braucht eine starke Kultur der Irritation und Ungemütlichkeit. Wer beispielsweise nur vom Web 2.0 erzählt, hat noch lange nicht dessen Auswirkungen derart erfasst, dass sie spürbar werden. Anders etwa Eugen Ruges Sci-Fi-Roman „Follower“. Kaum einem anderen Buch gelingt es in diesem Jahr sprachgewaltiger die Beschleunigung der Kommunikation im 21. Jahrhundert zu erfassen. Geworfen in einen haltlosen Bewusstseinsstrom, einer Art bodenlosen Rausches, flottieren wir durch die digitalen Kanäle der Datenbrillen und Simulationen. Leicht liest sich diese Komposition nicht. Doch je sperriger Kunst ist, desto eher setzt sie in uns etwas frei. Eine reine „Avantgarde-Ästhetik“ kann und soll nicht allein einen Kanon ausmachen, weil dieser immer auch einen Konsens darstellen und eben Aussagen über Verbindlichkeit treffen soll. Weil allerdings das Konsumierbare mithin in jedem Onlinepost aufzufinden ist, sollte die Kritik 63 sich mehr auf solch komplexe Herausforderungen einlassen und ästhetischen Diskussionen nicht aus dem Weg gehen. Dies wäre dann großes Feuilleton und ein Leuchtturm unter allzu schnell in die Tastatur gehauenen Gefühlsbekenntnissen in den sozialen Netzwerken. Nur so kann und muss es den Kanon mitgestalten. Bedingung ist dabei stets, dass es seine Maßstäbe – im Gegensatz zur Hobbykritik – transparent macht. Dadurch wird es streitbar. Zum Glück. Eine Kritik ohne Gegenkritik wäre gefällig und nichts weiter als ermüdend. Das private Glück Ehe und Beständigkeit statt Revolution und Erneuerung: Eine Annäherung an die Generation der Mittzwanziger „Pommes als Nachschlag in der Mensa“ – so lautete neulich eine der Hauptforderungen einer Liste zur Wahl des neuen Studierendenparlaments an der Universität Koblenz-Landau. Wenn dies das einzige ist, was den jungen Menschen fehlt, so mag ein Außenstehender verwundert denken, dürfte es sonst wohl keine Probleme geben. Doch wo sind die großen Proteste gegen die noch immer zu schlechten Studienbedingungen? Wo der hörbare Aufschrei gegen die Verschulung der Universitäten? Nun ja, die hat es auch dort gegeben, bis man nach eineinhalb Wochen vereinzelter Raumbesetzungen und ein wenig anerkennendem Nicken der Bildungspolitiker wieder in Lethargie zurückgefallen ist. Ob humorige Pommespolitik oder ein bisschen Streikerei – dahinter verbergen sich ganz grundsätzliche Fragen: Wo steht (meine) Generation der Mitt- und Endzwanziger aktuell? Welches Bild hat sie von der Zukunft und der Welt, die sich rasant wandelt? Zugegeben, man findet darunter keine Revolutionäre, keine – sieht man von einer überschaubaren Gruppe engagierter Weltverbesserer etwa in Organisationen wie Greenpeace oder der Occupy-Bewegung ab – Che Guevaras, Dantons oder Trotzkis. Stattdessen schaut man zu, beäugt, verdrängt oder bringt sich im kleinen Rahmen ein. Viele Studierende und Auszubildende engagieren sich für Flüchtlinge, geben abends Sprachkurse oder helfen in Kleiderkammern. Hilfe muss nicht nach außen strahlen. Man geht es ruhig, aber mit dem richtigen Gemüt an. Dies gilt zumindest für einen Teil unserer Zukunftsträger, ein anderer wirkt gesättigt und verbringt sein Dasein, um es mit Heidegger zu sagen, in einer digitalen „Seinsvergessenheit“. Wo der „Like“- Button lockt, sind auch Surfer und Freundschaftssammler nicht weit, die das Netz und seine Datenkraken frank und frei mit immer neueren personenbezogenen Informationen füttern. Man glaubt sich, flottierend durch den unbegrenzten Raum des Cyberspace, so losgelöst und allem enthoben zu sein, ohne zu merken, dass man seine Freiheit Stück um Stück opfert. Weil die Konsequenzen unsichtbar und fern sind. 64 Die Generation der jungen Berufseinsteiger ist eine Generation, welche in Zeiten der Globalisierung und Unüberschaubarkeit, ganz auf Nähe setzt oder auf Sicht fährt. Nachdem das Abitur hinter ihnen lag, wollten die meisten ein Jahr nach Brasilien oder Peru. Nur weg, um anschließend voller Sehnsucht die Heimat wieder zu entdecken. Kaum zu glauben aber wahr: Die jungen Menschen stehen wieder auf Schwarzwald und Rheinland, lieben das Beschauliche und Private. In diesem neuen Biedermaier nur Verächtliches zu sehen, griffe allerdings zu kurz. Denn mehr denn je fühlen sich die Mittzwanziger traditionellen, gerade der westlichen Welt so wichtigen Idealen verbunden. Haben schon manche die Ehe zum Auslaufmodell erklärt, dient sie vielen erneut als der sinnstiftende Lebensentwurf. Weiterhin beinhaltet das Paket: Treue, Beständigkeit, Kinder, Haus, Bausparvertrag trotz Nullzins, ein erfüllender Beruf, der auch den nötigen Freiraum lässt. Statt um Progressivität geht es um Werterhaltung. Der Globalisierung tritt man mit Sicherheitsdenken entgegen. Allerdings nicht als eine geschlossene Masse, die Forderungen erhebt. Jeder ist seines Glückes Schmied, man ist vernetzt und trotzdem ein Kämpfer für die eigenen Belange. Es gilt die Devise: Mit Disziplin kann man es möglicherweise schaffen. Dies führt so weit, dass einige kaum den Unterschied zwischen Schule, Lehrbetrieb und Universität wahrnehmen, was als Fehler schon im System angelegt ist. Die Bildungseinrichtungen müssen durchschleusen, ohne zu eigenständigem Denken anzuhalten. Zu all den vielen ohnehin nicht welterklärenden Generationsverschlagwortungen wie „X“, „Porno“, „Irgendwas mit Medien“, „Ich studiere Lehramt“ ließe sich daher problemlos noch „Generation Powerpoint“ ergänzen. Wer braucht schon noch Bücher, wenn es Folien und Googlebooks liefern. Ja, man spürt diese Gefälligkeitshaltung und zugleich weiss man, dass hinter dieser Verunselbstständigung ein politischer Wille und ein großer Leistungsdruck hervorragen. Nicht wenigen der jungen Menschen eine apolitische Haltung und Passivität vorzuwerfen, mag zutreffend sein, aber fair wäre es anzuerkennen, dass die Zeit zur Reflexion und zum Engagement angesichts immer neuer Herausforderungen schwindet. Der Overflow ermüdet und macht gemütlich. Man ist übersättigt, von den Medien, all den digitalen Freundschaften, dem Zuviel an Konsum, dem Zuviel an Krisen und Katastrophen überall, dem Zuviel an Zuviel. Besinnung und Wertschätzung des nahen Umfeldes ist angesichts dessen nicht der falscheste Weg. Und dennoch darf uns das nicht ganz zufrieden stellen, weil die Entscheidungen der vor uns liegenden Dekade zu wesentlich sind, als dass wir sie von uns schieben könnten. Man denke nur an die Zukunft der EU oder die gesellschaftliche Ausgestaltung der Digitalisierung, die momentan wie ein zügelloses Pferd über die Welt herfällt. Und schließlich der demografische Wandel, dem wir uns stellen müssen, da er uns ansonsten zu überfordern droht. Kurzum: Wir dürfen uns nicht damit begnügen, eine Übergangsgeneration zu sein, sondern müssen 65 uns am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen, den Mut zum Wagnis, zu neuen Entwürfen fassen. Dass etwas passieren muss, ist nahezu allen Mittzwanzigern klar. Denn sie sehnen sich in einer Zeit, die Byung-Chul Han mit dem „Terror des Gleichen“ betitelt, durchaus nach dem Überwältigenden, nach Momenten der reinen, großen Schönheit, nach Erneuerung im umfassenden Sinne. Nur bedarf es dazu keiner Wartehaltung, sondern aktiver Einmischung. Dies schließt eine Solidarisierung jenseits medialer Vernetzung ein. Denn Fakt ist: Das Internet stabilisiert nicht die Beziehungen der Digital Natives. Vielmehr bewirkt es genau das Gegenteil: Nicht selten werden echte Freundschaften mit echten Konflikten zugunsten der digitalen Paradiese vernachlässigt. Also Mut zum Kennenlernen? Mut zur politischen Debatte von Angesicht zu Angesicht? Ja, in jedem Fall! Dürfte man sich etwas wünschen, wären es Intellektuelle jener Generation, die sich trotz eines allgemeinen Anpassungsdrucks artikulieren. Gesucht werden Vorbilder, Freidenker und Überzeugungstäter. Doch wo kein Raum dafür ist, kann niemand einen solchen Platz einnehmen. Denn zur Wahrheit der Ü20 gehört ebenso, dass viele Bereiche der beruflichen Selbstverwirklichung chancenlos verbaut sind. Glücklicherweise herrscht in der deutschsprachigen Hemisphäre nicht eine annähernde Jugendarbeitslosigkeit wie im Süden Europas vor. Allerdings wird es jenseits der von vielen derzeit so hoch geschätzten Beamtenund Lehramtskarriere schwieriger: Im Mediensektor ist es kaum noch möglich als kreativer Kopf Fuß zu fassen, wenn man nicht als unterbezahlte Trainee- Kraft für irgendein moralisch verwerfliches Unternehmen moralisch verwerfliche Werbebotschaften austüfteln will. Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz beutet gerade die klügsten unter den jungen Menschen aus. Außerdem versprechen unzählige Praktika- und Befristungsverhältnisse kaum Aussicht auf Erfolg. Man könnte diese Liste des Lamentierens und Resignierens beliebig erweitern um die Kulturbranche, den trotz aller Hoffnungen schmaler werdenden öffentlichen Dienst oder die teilweise fehlende politische Unterstützung für Unternehmensgründungen. Letztlich bleibt eine zentrale Frage, die es sich zu stellen gilt: Die nach dem Umgang mit der Freiheit. Welchen Weg wird unsere Generation einschlagen? Jenen, der Freiheit als Verlorenheit oder jenen, der Freiheit als Gestaltungsmöglichkeit begreift? Jenen der Angst oder der Hoffnung? Ein ungefähres Dazwischensein oder ein Sowohl-als-auch wird es nicht geben können. Sich für eine Richtung zu entscheiden, heißt, sich – so oder so – Konflikten zu stellen, etwa gegenüber den Eltern oder der Tradition im Allgemeinen. Obgleich unsere Generation harte Auseinandersetzungen eher scheut, kann daraus am Ende ein heilsamer Effekt hervorgehen. Denn bestenfalls verhelfen uns Konflikte dazu, Widersprüche, in denen wir uns momentan allzu bequemlich aufhalten, aufzulösen oder zumindest einen bewussten Umgang mit ihnen zu finden.

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References

Zusammenfassung

In über 50 Essays liefert Björn Hayer eine Gedankensammlung, die sich das Große und Ganze vornimmt und dabei tief in die Gründe von Kultur, Politik und Gesellschaft vordringt. Mit der Freude eines Schatzsuchers durchkämmt der Autor die Welt des Films und der Literatur, sucht, findet, trägt zusammen und offenbart ein viskoses, aber durchaus sichtbares Terrain, das Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vereint. Immer aus den Vollen schöpfend und dabei zutiefst ehrlich umfassen die hier versammelten Texte ein breites Spektrum zwischen nüchterner Diagnose und feierlichem Aufbruch, Skepsis und Hoffnung auf eine bessere Zukunft.