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7 Jia Pingwa und sein Roman Verrottete Hauptstadt in:

Thomas Zimmer

Erwachen aus dem Koma?, page 87 - 112

Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3911-3, ISBN online: 978-3-8288-6659-1, https://doi.org/10.5771/9783828866591-87

Tectum, Baden-Baden
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87 7 Jia Pingwa und sein Roman Verrottete Hauptstadt 7 Jia Pingwa und sein Roman ‚Verrottete Hauptstadt‘ Literarisch beschritt man mit dem Beginn der 1990er-Jahre neue Wege. Die Frage, welche Entwicklung China und zumal seine Literatur genommen hätten, wenn es nicht zu dem Massaker vom Platz des Himmlischen Friedens gekommen wäre, erscheint müßig. Da sich jedoch auch die Literatur nicht unbeeinflusst von den politischen Umständen im Lande entwickelt und es früher oder später möglicherweise ohnehin zu einer Konfrontation mit der Partei und ihrem Machtapparat gekommen wäre, darf man annehmen, dass die Literatur auch im Falle eines Ausbleibens des Massakers in vieler Hinsicht eine ganz ähnliche Entwicklung durchlaufen hätte, wie sie dies de facto getan hat. Vermutlich hätten die Autoren der Avantgarde aus den 1980ern weiter mit aus der westlichen und südamerikanischen Literatur übernommenen Formen experimentiert und sich nicht so abrupt dem Markt zugewandt, aber eine stärkere kommerzielle Ausrichtung wäre auf Dauer wohl in jedem Falle schwer zu vermeiden gewesen. Ökonomisch gesehen verfiel China nicht in Lethargie. Als die Parole „mehr Markt wagen“ einmal ausgegeben war, setzte ein Prozess ein, der in seiner Radikalität, ja Brutalität auch viel über die Enttäuschung und den heimlichen Selbsthass gerade der Intellektuellen aussagte. Die angesichts der heutzutage zunehmend schlimmer werdenden Umweltkatastrophen nur noch bedingt als erfolgreich zu bewertende Politik der „Modernisierung“ im Licht der Hinterlassenschaft des staatlichen Auftrags von 1989 – Gewalt und Zerstörung – zu analysieren, wäre sicher eine lohnenswerte Arbeit. Aus den Fragen nach den Gründen für das Scheitern der politisch-gesellschaftlichen Reformanstrengungen der späten 1980er und aus den neuen Spielräumen, die die von höchster Stelle genehmigte Kommerzialisierung eröffnete, entstand eine ganz eigene Atmosphäre des Infragestellens, des Zweifelns und der Suche, die die Schriftsteller und Künstler auf ihre Weise nutzten. „Umbruch“ und „Wandel“ treffen zwar den Kern, umschreiben das Phänomen aber letztlich nur vage. Sensible Autoren wie Jia Pingwa (ein anderes Beispiel wäre Wang Shuo 王朔 mit seiner herausfordernden „Rüpelliteratur“ 痞子文学) müssen den Zwiespalt gespürt haben, der sich auftat zwischen dem Verlust und einem Abschiednehmen von alten Gewohnheiten auf der einen und neuen Herausforderungen auf der anderen Seite. Jias 1993 erschienener Roman Verrottete Hauptstadt 废都 lebt von diesem Zwiespalt und geht dabei noch weit über die eigene Zeit hinaus.270 Es handelt sich um ein Buch gegen den süßlich-klebrigen Hoffnungsrausch, in den sich die chinesischen Propagandamedien regelmäßig hineinsteigern. Die Beliebtheit des Werkes auch zwanzig Jahre nach seinem Erscheinen – die Neuauflagen, literaturwissenschaftlichen Abhandlungen und Würdigungen vor allem in chinesischen Arbeiten der Literaturgeschichte weisen darauf hin – ist grob gesehen mit der auch heute bei Weitem nicht beantworteten Statusfrage Chinas zu erklären. Verspielt und im Tone nostalgisch beschäftigt 270 Vgl. Jia Pingwa 2003, zum ersten Mal in China veröffentlicht im Jahr 1993. Die folgenden Seitenangaben für Zitate und Übersetzungen beziehen sich – soweit nicht anders vermerkt – immer auf die chinesische Textfassung der vorgenannten Quelle. 88 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas sich Jia Pingwa in Verrottete Hauptstadt mit nichts Geringerem als der Frage, wo China am Ende des 20. Jahrhunderts steht und ob es nicht letzten Endes doch viel stärker als weithin angenommen (und zugegeben) immer noch gefangen ist in seinen Traditionen und Überlieferungen. Der Roman besitzt etwas Zeitloses, da sich sein Charakter wechselnden Aktualitäten anzupassen können scheint. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass das Buch sich immer wieder neu lesen lasse. Vor mehr als zwanzig Jahren hielt Jia seinen Lesern einen Spiegel vor, in dem er ihnen zeigte, wie es tatsächlich um sie bestellt war und dass sie auch nach eineinhalb Jahrzehnten der Modernisierung und nach nahezu einem Jahrhundert der „Erneuerung“ nicht wirklich damit rechnen durften, die Last der Vergangenheit abgeschüttelt zu haben. Heute, in Zeiten riesiger Umweltprobleme, ist nicht nur die „Hauptstadt“ verrottet, die Zerstörung greift weiter um sich. Doch lebt Jia Pingwas Roman zunächst einmal ganz von dem Zeitgeist, wie er zu Beginn der 1990er geherrscht hatte. Man hört in das Buch hinein und erfährt etwas über die verbreiteten Sorgen und Stimmungen der Menschen. Dieser Zeitgeist ist gekennzeichnet durch das hier zunächst nur ganz vage mit den Begriffen „Niedergang“ oder „Verfall“ beschriebene Phänomen. Der im Romantitel verwendete Begriff fei 废 – hier in der Übersetzung mit „verrottet“ wiedergegeben – trägt ganz unterschiedliche Bedeutungen: Gemeint sein kann zum Beispiel ein von den Menschen verlassener, aufgegebener Ort. Genauso gut kann fei aber auch im Sinne der „Nutz- oder Zwecklosigkeit“ einer einstmals vorhandenen Moral- und Gesellschaftsordnung verstanden werden, welche sich nach einer längeren Zeit des Niedergangs im rapiden Verfall befindet und auf die Auflösung zusteuert. Dass Jia Pingwa jedoch viel weiter ausgreift und nicht allein auf eine identifizierbare Gesellschaft in der Gegenwart abhebt, sondern vielmehr einen zeit- und ortsübergreifenden Zustand beschreibt, der etwas vom kulturellen Wesen des Landes und seiner Menschen erfasst, wird mit dem zweiten Terminus, du 都, deutlich, der die Hauptstadt meint.271 Der Titel Verrottete Hauptstadt ist damit als eine raum-zeitliche Metapher für Chinas kulturelle Vergangenheit und Gegenwart zu verstehen. Aus den Erläuterungen Jia Pingwas zum Titel und zum Begriff Feidu geht hervor, dass er das Buch als eine Parodie auf Xi’an, die Wiege der chinesischen Kultur, verstanden wissen wollte und der Ort pars pro toto für ganz China steht – das „Reich der Mitte“ mithin als verrottetes Zentrum der Welt zu betrachten ist.272 Dass Jia Pingwa literarisch nicht allein die Gegenwart im Blick hat, sondern Spuren legt, die in die Vergangenheit weisen, zeigen auch die vielfältigen Anspielungen auf eine weit zurückliegende Vergangenheit. Stilistisch knüpft Jia mit Verrotteter Hauptstadt – vor allem mit Blick auf seine Erzählfreude, die Unbekümmertheit, die Offenheit des Vortrags sowie die Nonchalance – in vielerlei Hinsicht an die zahlreichen großen und kleinen Romane jener Epoche in der chinesischen Geschichte an, die ebenfalls als eine Zeit des Niedergangs und Verfalls gilt. Ich spreche vom späten 16. Jahrhundert und den letzten Jahrzehnten der Ming-Dynastie (1368 – 1644). Fasst man dagegen die 271 Handlungsort des Romans ist Xijing, die „westliche Hauptstadt“, mit der die historische Stadt Xi’an bezeichnet wurde, die grob gesehen zwischen 200 v. Chr. und 900 n. Chr. und meist unter anderen Namen Hauptstadt des chinesischen Kaiserreiches gewesen ist. 272 Vgl. dazu die Bemerkungen bei Wang 2006, S. 52. 89 7 Jia Pingwa und sein Roman ‚Verrottete Hauptstadt‘ Veränderungen in China während der zurückliegenden Jahrzehnte stärker ins Auge, so könnte man im Falle von Verrotteter Hauptstadt von einem chinesischen „Wenderoman“ sprechen: Das Werk reflektiert den Wandel und die dramatischen Veränderungen in der Gesellschaft Chinas an der Wende von den 1980ern zu den 1990ern. 7.1 Leben und Werk Bei allem Ansehen, das Jia Pingwa und sein Werk heute in China genießen, ist er in vieler Hinsicht ein Außenseiter geblieben. Indem Jia auch in seiner Heimatregion (wohnhaft ist er in Xi’an) verblieb, distanzierte er sich von Chinas politischen und kosmopolitischen Zentren wie Peking, Shanghai sowie Kanton und verhielt sich insofern anders als Yu Hua und Mo Yan, die ebenfalls aus entlegenen Provinzgegenden stammen, jedoch im großstädtischen Kulturbetrieb weit präsenter sind als Jia Pingwa. Im Leben und Werk von Jia Pingwa spiegelt sich zudem auf eine faszinierende Weise eine Mischung von lokaler Populär- und chinesischer Hochkultur. Da ist auf der einen Seite Jia als Gegenwartsautor der nordwestchinesischen Provinz Shaanxi, dessen Romane und Erzählungen die Hoffnungen und Ansprüche der lokalen Einwohner unter Berücksichtigung der Landschaft und Folklore beschreiben. Auf der anderen Seite gibt es den „Literaten“, „Gelehrten“ Jia Pingwa, dessen Imagination über die Grenzen seiner Heimatprovinz weit hinaus geht, der ganz China im Blick hat und mit den traditionellen Ausdrucksmitteln der Literaten, also Dichtung, Essay, Tusche-Malerei und Kalligrafie, nach einem eigenen künstlerischen Stil sucht.273 Abgerundet wird dies durch einen ebenfalls am Vorbild von traditionellen Literaten ausgerichteten zurückgezogenen Lebensstil und eine bewusst gepflegte „Provinzialität“.274 Leben und Karriere von Jia Pingwa sind mittlerweile gut dokumentiert, von ihm liegen mehrere übersichtsartige autobiografische Zusammenfassungen vor, dazu Essays, die Auskunft über sein Leben geben.275 Geboren wurde Jia Pingwa 1952 im Dorf Dihua, Kreis Danfeng der Provinz Shaanxi in Nordwestchina. Heute lebt Jia in der alten Kaiserstadt Xi’an, die – in anderen Bezeichnungen – auch das historisch-kulturelle Kolorit für viele seiner Romane bildet.276 Im Gegensatz zu vielen anderen Angehörigen seiner Generation lässt sich Jia durchaus als Nutznießer der Kulturrevolution bezeichnen, denn ohne die vorübergehend abgeschaffte Aufnahmeprüfung für ein Hochschulstudium wurde Jia 1972 als ein Vertreter der Gruppe der Bauern, Arbeiter und Soldaten zum Studium an der Nordwestuniversität in Xi’an zugelassen.277 Seine 273 Vgl. ebd., S. 23. 274 Dazu passt, dass Jia Pingwa trotz erheblicher internationaler Bekanntheit so gut wie nicht ins Ausland reist. Bis zum Ende des Jahres 2013 war Jia nach eigenen Angaben erst zweimal im Ausland. Vgl. das Interview in Zhang Ying 2013. 275 Vgl. Jia Pingwa 2000; es handelt sich um einen autobiografischen Band von Jia Pingwa mit Anmerkungen zu Herkunft, Familienhintergrund, Arbeit, Schulbesuch, erster Liebe etc. 276 Eine gut recherchierte Biografie zu Jia findet sich bei Wang 2006, siehe Anhang 2, S. 241 – 273. 277 Zu den hier und im Folgenden gemachten biografischen Angaben vgl. ebd., S. 29 – 33. 90 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas persönlichen Erlebnisse und die Erinnerungsberichte darüber vermitteln allerdings einen zwiespältigen Eindruck. Die Möglichkeit, sich kurz nach dem Beginn der Kulturrevolution zusammen mit den anderen Jugendlichen im Land umzusehen und den Erfahrungshorizont zu erweitern (die Phase des sog. da chuanlian 大串联 1966/67), scheint Jia Pingwa wie viele seiner Altersgenossen geschätzt zu haben. Eine Katastrophe brach über die Familie herein, als der Vater, ein Lehrer, als Konterrevolutionär in sein Dorf zurückgebracht wurde und bis zu seiner Rehabilitierung zwei Jahre später so gut wie alle sozialen Kontakte abbrachen.278 Bereits in der Studienzeit fertigte Jia Pingwa mehr als zwei Dutzend literarische Werke an, die überwiegend in der lokalen Presse und in Zeitschriften aus dem Umfeld der Universität erschienen. Zentral bei Jia ist immer wieder die Selbstbezeichnung als Bauer. Damit zusammen hängt auch die Bekundung eines Unterlegenheitsgefühls. Dies geht so weit, dass er von sich als einem hässlichen Menschen spricht. Bestätigung fand und findet Jia den biografischen Untersuchungen zufolge allerdings in der Verbreitung und Bekanntheit seines Werks. Hierbei ist interessant, dass Jia darauf besteht, keiner der gängigen literarischen Strömungen in China anzugehören und literarisch keinerlei Protektion zu besitzen, da er nicht über die Grenzen seiner Heimatprovinz hinausgekommen sei. Er sieht sich als weitgehend isoliert und unbeeinflusst von den Diskussionen in den Metro polen Chinas. Tatsache ist, dass sich Jia Pingwa immer eher am Rande der zeitgenössischen Literaturströmungen wie der Wundenliteratur 伤痕文学 oder der Literatur der Wurzelsuche 寻根文学 in den 1980er-Jahren bewegte. Sein Ansehen im Kulturbetrieb lag geraume Zeit weniger in seinen Romanen und Erzählungen als vielmehr in seinen Prosatexten und Essays begründet, die angesichts ihres vorbildlichen Stils Aufnahme in Anthologien und Schulbücher fanden.279 Gegenüber der Öffentlichkeit legt sich Jia meist Zurückhaltung auf, seine Äußerungen bleiben vorsichtig und distanziert, selbst wenn er mit Literaturwissenschaftlern spricht, die nicht aus der Volksrepublik stammen.280 Insgesamt ergibt sich das Bild eines tief in seiner Heimat – nicht unbedingt im „System“ – verwurzelten Schriftstellers, der, um auch weiterhin schaffen 278 Vgl. dazu die Darstellungen in dem Text „Autobiographie – die 19 Jahre auf dem Lande“ 自传 - 在乡间的十九年, in: Jia Pingwa 2013, S. 185 – 198. Über die Umstände der Kulturrevolution in der ländlichen Umgebung seiner Heimat, das Verhalten der Opfer und Täter und den „dörflichen Charakter“ der Kulturrevolution hat sich Jia geäußert in: „Nachbemerkungen zu Gulu“ 《古炉》后记, in: ebd., S. 26 – 42. 279 Vgl. den Hinweis in dem Essay von Xing Ye 1993, S. 160. 280 Als ein interessantes Beispiel lässt sich hier die Unterhaltung zwischen Jia Pingwa und einem Literaturwissenschaftler aus Hongkong anführen, in der es u. a. um das von Günter Grass 2006 vorgelegte autobiografische Werk Beim Häuten der Zwiebel geht. Grass erwähnte darin erstmals seine Zugehörigkeit zur Waffen-SS. Übertragen auf die Verhältnisse in China, stellt Jia fest, dass es auch unter den chinesischen Autoren solche geben dürfte, die in der Vergangenheit einer nicht ehrenhaften Organisation angehörten oder sich unehrenhaften Verhaltens schuldig gemacht haben. Jia nennt keine Namen, spielt aber auf die schmerzvolle und wechselvolle Situation in China zur Mitte des 20. Jahrhunderts an. Viele chinesische Autoren verfügten als Täter wie als Opfer über einen großen Fundus an nicht mitteilbaren Erfahrungen. Bedauerlicherweise – so Jia in dem Interview – sei eine öffentliche Debatte über dieses Verhalten in China bislang weiterhin nicht möglich. Vgl. Lin Xingjian 2009, S. 234. 91 7 Jia Pingwa und sein Roman ‚Verrottete Hauptstadt‘ zu können, Kompromisse eingeht und Probleme nicht auf die Spitze treibt, den Konflikt nicht von sich aus sucht. Dieses Pochen auf Selbstständigkeit spiegelt sich auch bis zu einem gewissen Maße in Jia Pingwas Werk, das ein hohes Maß an Kreativität aufweist. Die Fachwelt hat sich über sein erzählerisches Werk zumeist anerkennend geäußert. Den künstlerischen Entfaltungsmöglichkeiten sind freilich in China bis in die Gegenwart oft Grenzen gesetzt worden. Jia selbst sagt von sich, vielfach „am Rande der Legalität“ geschrieben und regelmäßig Schwierigkeiten mit den Zensurbehörden bekommen zu haben. So etwa bei der Kampagne gegen „Geistige Verschmutzung“ zu Beginn der 1980er, während deren er auch kritisiert wurde.281 Eine besonders wichtige Phase für sein Schaffen gab es zwischen 1983 und 1986, als Jia umfassende Experimente zur Anfertigung von Erzählungen mit lokalem Charakter vornahm. Die zehn Erzählungen, die 1985 erschienen, sind in ihrer Mischung aus Folklore und Ethnografie beispielhaft für diese Form der chinesischen Heimatliteratur geworden und haben Jia einen Platz in der chinesischen Literaturgeschichte gesichert. Sein Roman Turbulence 浮躁 war ein enormer Erfolg und brachte ihm 1988 den amerikanischen „Pegasus Prize for Literature“ ein.282 Auch im französischen Sprachraum ist Jia durch Übersetzungen und Preise kein Unbekannter.283 Die Zeit zwischen 1983 und 1992 gilt bislang als Jias produktivste Zeit, zwischen 1979 und 1992 erhielt er wenigstens 45 literarische Auszeichnungen von einer Reihe von Organisationen in den Provinzen und auf nationaler Ebene – wohlgemerkt nicht für die Verrottete Hauptstadt, dieser Roman schien sich im Ausland einer weit größeren Beliebtheit zu erfreuen als in China.284 Jia Pingwas literarische Schaffenskraft ist allerdings bis in die Gegenwart ungebrochen. Über die Jahre machte sich Jia nicht nur als Roman- und Kurzgeschichtenautor, sondern ebenfalls als Essayist einen Namen.285 Die Veröffentlichung seiner Werke in zahlreichen Sammlungen ist kaum noch überschaubar. Bis 2005 hatte Jia allein zehn zumeist sehr umfangreiche Romane publiziert (angefangen mit Shangzhou 商州 1984 bis Qinqiang 秦腔 2005). Im Jahr 2007 kam Jias stark autobiografische Züge tragender Roman Gaoxing 高兴 heraus,286 2010 erschien der Roman Gulu 古炉, in dem Jia Pingwa am Beispiel eines Dorfes die gesellschaftlichen 281 Vgl. Wang 2006, S. 36 ff. 282 Vgl. ebd., S. 41. Der „Pegasus Prize for Literature“ wurde 1977 von der amerikanischen Mobil Corporation (heute Exxon Mobil) ins Leben gerufen als Preis für die Literatur von Autoren aus solchen Ländern, die selten ins Englische übertragen wird. Neben einem Preisgeld wurde auch die Übersetzung und Veröffentlichung finanziert. Vgl. dazu Jiang Zhiqin 2011, S. 157. 283 1997 erhielt Jia für seinen im selben Jahr unter dem Titel La Capitale Déchue ins Französische übertragenen Roman Verrottete Hauptstadt den französischen Literaturpreis „Prix Femina“, der jährlich von einer exklusiv weiblichen Jury vergeben wird – ein pikantes Missverständnis, wenn man bedenkt, dass den Frauen im Roman eher eine untergeordnete Rolle zukommt. Vgl. ebd., S. 157 f. 284 Vgl. ebd., S. 168 f. 285 Vgl. zu einer Sammlung seiner Prosaschriften Jia Pingwa 2012a. 286 Vgl. meine Besprechung zu dem Roman in Zimmer 2009e. Siehe auch Jia Pingwas eigene umfangreiche Anmerkungen zur Entstehung des Romans in „Nachbemerkungen zu Gaoxing – ich und Gaoxing“《高兴》后记-我和高兴, in: Jia Pingwa 2013, S. 43 – 81. 92 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas Entwicklungen kurz vor dem Ausbruch der Kulturrevolution bis zu den stürmischen Ereignissen von 1967 verfolgt. Bringe ein Licht 带灯 folgte zwei Jahre später als die Erzählung über das Schicksal einer Frau auf dem Lande, die am Ende verrückt wird.287 Ein beeindruckendes erzählerisches Experiment, das sich am chinesischen Klassiker der Berge und Meere orientiert, legte Jia Pingwa 2014 mit dem Buch Laosheng 老生 vor, das von den Entwicklungen in einem Dorf während der zurückliegenden hundert Jahre erzählt.288 Sein bislang letzter Roman, Winterblume 极花, der im Frühjahr 2016 erschien, setzt sich mit den seit Längerem brisanten Themen Menschenhandel und Zwangsheirat in China auseinander. Es geht darin um die Entführung einer jungen Frau, die in ein abgelegenes Dorf verschleppt wird, um den Weiterbestand der Familie des ihr zugedachten Mannes zu garantieren.289 7.2 Reaktion. Lesernachfrage und Zensur Bevor ich im Folgenden auf den Umgang mit dem Roman Verrottete Hauptstadt, die Reaktionen der Leser und die Kernanliegen des Werks – nämlich der Frage nach dem moralischen Verfall und der Auflösung der Werteordnung – näher eingehe, will ich zum besseren Verständnis an dieser Stelle zunächst einmal ganz grob die wichtigsten Romanfiguren vorstellen und den Handlungsrahmen umreißen. Hauptfigur ist der Schriftsteller Zhuang Zhidie in der fiktiven Stadt Xijing. Er lernt nach kurzer Zeit Zhou Min kennen, einen ehrgeizigen jungen Mann, der in der Stadt ein ebenso bekannter Autor werden möchte wie Zhuang. In der Umgebung Zhous taucht alsbald Tang Wan’er auf, die Freundin Zhous, mit dem sie vor ihrem Mann geflüchtet ist. Impulsgeberin für entscheidende Entwicklungen und die den Niedergang Zhuangs einleitende Gestalt ist Jing Xueyin, eine ehemalige Freundin von Zhuang, die gegen diesen ein Gerichtsverfahren einleitet, nachdem Zhou einen Artikel über Zhuang veröffentlicht hat, in dem auch Jing vorkommt. Weitere Frauengestalten in der Umgebung Zhuangs sind seine Frau Niu Yueqing, welche die traditionellen Moralvorstellungen verkörpert, sowie das Hausmädchen Liu Yue. Nach Zhuangs Niedergang, seiner Ächtung und Isolation, beschließt er, die Stadt zu verlassen. Auf dem Bahnhof ereilt ihn ein Schlaganfall, er verliert das Bewusstsein. Zhuangs Ende bleibt so unklar wie seine Herkunft, über die man außer dem Hinweis auf den Ort Tongguan nicht viel erfährt. Verrottete Hauptstadt war zu Beginn der 1990er-Jahre fraglos das literarische Ereignis in China. Das Buch wurde nach seinem Erscheinen 1993 innerhalb kurzer Zeit zu Hunderttausenden offiziell verkauft, hinzu kamen in die Millionen gehende Raubdrucke (Schätzungen belaufen sich auf bis zu zehn Millionen Bücher), nachdem das Verbot in Kraft getreten war. Es entbrannten heiße Debatten um Chinas kulturelle Verfassung.290 Ab 1994 wurde das Buch verboten, Jia schrieb und publizierte weiter, war 287 Vgl. Jia Pingwa 2012b. 288 Vgl. Jia Pingwa 2014. 289 Vgl. Jia Pingwa 2016. 290 Zu den zahlreichen Veröffentlichungen s. die Angaben bei Zheng 2004, S. 8 f. 93 7 Jia Pingwa und sein Roman ‚Verrottete Hauptstadt‘ jedoch anhaltender literarischer und persönlicher Kritik ausgesetzt. Offiziell wurde das Verbot erst im Jahre 2009 wieder aufgehoben,291 doch erhielt man Nachdrucke in den Buchläden bereits früher. Das einst ausgesprochene Verbot mag wenigstens aus heutiger Sicht – d. h. mehr als zwanzig Jahre nach der Veröffentlichung – einigermaßen unverständlich sein, wenigstens wenn man politische Maßstäbe anlegt. Verrottete Hauptstadt ist vollkommen unpolitisch, der Roman geht auf keine bestimmten historischen oder in der Gegenwart konkret identifizierbaren Ereignisse ein. Das „Politische“ lässt sich allenfalls festmachen an kleinen Szenen und Begriffen aus den 1980ern, die auf die „Entstaatlichung“ und die Entwicklungen in der Privatindustrie hinweisen. Aber das sind nur ganz vage Hinweise, die große Geschichte des Umbruchs wummert wie ein lautes Motorengeräusch im Hintergrund. Der große Schock, den der Roman bei seiner Ver- öffentlichung auslöste, die Skandale, die heftigen und sehr polemisch vorgetragenen Reaktionen bis hin zum Verbot kurze Zeit nach der Veröffentlichung sind nur mit der Fähigkeit Jia Pingwas zu erklären, der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten. Schuld an der chinesischen Misere ist demnach nicht das „System“, sondern jeder einzelne, vor allem die hoch geschätzte Gruppe der „Intellektuellen“. Verrottete Hauptstadt ist ein Werk größter Illusionslosigkeit und erklärt den endgültigen Abschied von Idealen und dem, was von der Propaganda bis dahin immer beschworen wurde (und oftmals immer noch wird). Der nach 1978 mit großem Aufwand erfolgte Aufruf zum Wandel, der endlos beschworene angebliche „Fortschritt“ – all dem versetzte Jia mit seinem Buch einen Dämpfer. Jia Pingwas Roman mag in gewisser Hinsicht einseitig sein, wenn er beschreibt, in welchem Maße die Menschen in ihren alten Sitten und Konventionen gefangen sind. Der komplexen Wirklichkeit wurde Verrottete Hauptstadt aber wohl in weit größerem Maße gerecht als ein großer Teil der nach 1949 entstandenen Literatur. Der nach dem Massaker vom Platz des Himmlischen Friedens auf staatliche Weisung hin zu Beginn der 1990er wieder mühsam unter Einschaltung der Akademien und Universitäten in Gang gebrachte Prozess, die verbliebene Schicht der Intellektuellen für die Belange der Nation einzunehmen und sich mit der „Essenz der chinesischen Kultur“ (guocui 国粹, so der Terminus für eine umfassende Kulturkampagne jener Zeit) zu beschäftigen, drohte auf einen Schlag zunichte gemacht zu werden. Von was für einer „Essenz“ konnte noch die Rede sein, wenn Jia in der Verrotteten Hauptstadt ein Klagelied auf die Kultur und ihre Träger anstimmte? Es entflammte eine Kontroverse, wie sie die chinesische Literaturgeschichte im 20. Jahrhundert bis dahin selten erlebt hatte. „Kritik“ an einem literarischen Werk war bis zu jenem Zeitpunkt weitgehend ein Vorrecht der staatlichen Institutionen und Medien gewesen. Mit dem, was sich da auf einmal um Jia Pingwas Roman abzuspielen begann, traten in Form des Marktes neue und bis dahin weitgehend unbekannte Kräfte in Erscheinung. Der Umgang mit dem Roman seitens der Leser, der Kritik und der Zensur bietet allerdings gerade auch ein schönes Beispiel dafür, wie unberechenbar „der Markt“ letzten Endes bleibt, wenn der Staat es nicht schafft, einen angestrebten geistigen Neubeginn auch institutionell glaubwürdig zu verankern. Kurz gesagt, hatte man in China den Versuch unternommen, den Ende der 1980er-Jahre unterdrückten politischen Leidenschaften mittels des Marktes 291 Vgl. die Angaben bei Jiang Zhiqin 2011, S. 169. 94 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas ein neues Betätigungsfeld zu eröffnen. Dem „Markt“ wurde hierbei ein ganz neues – und für China unbekanntes – Moment der „Freiheit“ zugesprochen. Freiheit sollte sich demnach nicht im politischen System, sondern im Gebaren des Marktes äußern. In den Sog nach „gewinnorientiertem“ Schreiben gerieten auch die Schriftsteller. Es war eben Jia Pingwa, dem man unterstellte, mit seinem Buch Verrottete Hauptstadt allein den „Gesetzen des Marktes“ zu gehorchen. Chinesische Literatursoziologen sehen Jias Roman gerne als Beispiel für das frühe Kräftemessen zwischen „dem System“ und „dem Markt“. Das Bestreben des „Systems“, gegen Verrottete Hauptstadt einzuschreiten, wurde als Versuch gedeutet, die vom Markt eroberten (ökonomischen) „Freiheiten“ wieder zu beschneiden. Hierbei sei der Staat gescheitert, wie die Entwicklungen auf dem Schwarzmarkt zeigten.292 Der Vorwurf, Jias Verrottete Hauptstadt sei nur mit Blick auf den Markt und die Verkäuflichkeit geschrieben, sein einziges Interesse habe darin bestanden, einen Medienrummel aufzuführen, war freilich platt, blieb aber nicht ohne Wirkung.293 Die fraglos gesteuerte Kritik kam von mehreren Seiten und konzentrierte sich vor allem darauf, Jia Pingwa einerseits ideologisches Sektierertum zu unterstellen und ihn andererseits als geldgierigen Schreiberling zu desavouieren, dem nichts an anspruchsvoller Literatur liege. Als ausgesprochen hilflos muss man insbesondere die Versuche chinesischer Literaturkritiker von damals ansehen, die von Mao in Yan’an-Reden zur Kunst und Literatur von 1942 formulierte „Literaturtheorie“ wiederzubeleben, um den „nihilistischen Geist“ in Jias Verrotteter Hauptstadt zu attackieren und dem Autor ein „resignatives Bewusstsein“ zu unterstellen.294 Mittels derart formelhafter Kritik war es ein Leichtes, dem Roman jeden Wert abzusprechen, anstatt ihn in einem neuen Licht und mit frischem, unvoreingenommenem Blick zu betrachten. Dass Verrottete Hauptstadt 1993 überhaupt so hohe Wellen schlagen konnte, hatte außer dem vom Verlag absichtlich entfachten Rummel und der zum Beginn der 1990er-Jahre zustande gekommenen Entfaltung des „Narrativs vom städtischen Erzählen“ 都市欲望叙事 und der Schaffung einer „narrativen Form der urbanen Lust und Emotionalität“ 都市情欲的叙事模式 freilich ganz besonders mit dem institutionellen Wandel der Massenmedien zu tun.295 Die dem Marktbetrieb ausgesetzten Medien suchten praktisch nach einem aufsehenerregenden Thema und fanden es in ebendie- 292 „Am Beispiel der Verrotteten Hauptstadt prallten Markt und System frontal aufeinander. Das System spielte seine Macht aus, um dem Markt die Flügel zu brechen, doch der Markt umging das System, indem er den illegal operierenden Verlegern eine Seitentür eröffnete. Die schwarz gedruckten Versionen von Verrotteter Hauptstadt erhielten Gelegenheit, auf dem illegalen Markt mit dem Leser zusammenzutreffen.“ Zit. aus dem Abschnitt „Die literarische Produktion in der Konsumgesellschaft“ 消费社会的文学生产, Kapitel 7 in: Shen 2011, S. 216 f. 293 Vgl. dazu die Bemerkung in einer frühen Quelle unmittelbar nach dem Erscheinen des Buches Lu Yang 1993, S. 57. 294 Zu den Zitaten vgl. ebd., S. 171 u. 27. Im Gegensatz zu Jia wurde der chinesische Autor Shen Congwen 沈从文 (1902 – 1988) für seine literarischen Anstrengungen gelobt, die traditionelle chinesische Kultur wiederzubeleben. Vgl. ebd., S. 23. 295 Die folgenden Ausführungen folgen Angaben in Kapitel 7 („Die literarische Produktion in der Konsumgesellschaft“ 消费社会的文学生产), in: Shen 2011, S. 214 f. 95 7 Jia Pingwa und sein Roman ‚Verrottete Hauptstadt‘ sem Roman. Hatten die Medien in der Vergangenheit vor allem als Sprachrohr der Propaganda gedient, so fanden sie jetzt eine neue Rolle, die darin bestand, Anleitung im Bereich des Konsums zu bieten. Den literarischen Wert von Jia Pingwas Roman weitgehend außer Acht lassend, erschien unmittelbar nach der Veröffentlichung eine Reihe von aufsehenerregenden Artikeln. Es scheint so, als testeten die Medien damals ihre Wirksamkeit und Möglichkeiten der Einflussnahme, auch so etwas wie ihre „Kreativität“, indem sie zum Beispiel Berichte über die Verkaufszahlen des Romans lieferten, Angaben über die Leserzahlen thematisierten und einer Bewertung unterzogen.296 Die langfristigen Folgen dieser Orientierung am Markt für die chinesische Literatur sind bekannt: Es wurde vor allem über das erzählt, was gut konsumierbar war, neue Formen der Vermarktung wurden getestet. Im Falle Jia Pingwas hieß das etwa, dass der Verlag das Werk in die Reihe der großen Klassiker traditioneller chinesischer Erzählliteratur einordnete. Verrottete Hauptstadt wurde zu einem neuen Traum der Roten Kammer erklärt, oder man sprach vom „Jin Ping Mei der 1990er Jahre“.297 Es kursierten die abstrusesten Gerüchte über enorme Honorarzahlungen an den Autor, die das Inte resse der Leserkundschaft weiter beeinflussten. In den Massenmedien war die Rede von 600.000 RMB. All dies waren Ankündigungen und Gerüchte mit dem Ziel, noch weit höhere Verkaufszahlen zu erzielen.298 Es waren also vor allem die Berichte in den Medien und die Reaktionen in einer breiten Öffentlichkeit, die Verrottete Hauptstadt von einem ernstzunehmenden Werk der Literatur zu einem „Ereignis“ herabstuften. Jia Pingwas Roman bildete einen Wendepunkt insofern, als sich chinesische „Literatur“ ab diesem Zeitpunkt nicht mehr ausschließlich entweder in den vom Staat gesteuerten Verlagen, Verbänden usw. oder den der Öffentlichkeit weitgehend verschlossen bleibenden Zirkeln „obskurer“ Dichter abspielte, sondern in eine diffuse, sich erst langsam herausbildende Quasi-Öffentlichkeit gelangte. Es ist Liu Xiaobo also durchaus zuzustimmen, wenn er zu Erscheinungen in Chinas Literatur und Film während der frühen 1990er schrieb, dass „die ernste Literatur zu einem Katalysator für die ‚Orgien‘ einer kommerzialisierten Kultur“ wurde.299 Allerdings sollte man der Erzählliteratur dieser Zeit nicht pauschal unterstellen, sie habe sich den Gesetzen und dem Geschmack des Marktes unterworfen, im Falle von Jia Pingwas Verrotteter Hauptstadt wird dadurch der Blick auf den Wert des Buches verstellt.300 296 Die Bekanntmachung des Romanverbots Januar 1994 fachte das Leserinteresse noch weiter an. 297 Shen 2011, S. 210 f. 298 Laut ebd., S. 212, betrug die Erstauflage 370.000 Exemplare. Zu den Konsequenzen dieser Erscheinungen und Jia Pingwas Kritik vgl. Lin Xingjian 2009, S. 231. 299 Vgl. dazu das Kapitel „Der Genuss der Erotik in den 90er Jahren“ aus einem 2004 verfassten Text (hier „Die Orgie“, S. 211 – 242) in: Liu 2011, S. 219. 300 Stellvertretend für derart einseitige Analysen sei hier angeführt Kong 2005, S. 30 f. 96 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas 7.3 Ruinen. Zur Dynamik der Dekadenz „Verfall“ hat im China der Gegenwart eine ganze Reihe unterschiedlicher Dimensionen. Der von Jia Pingwa thematisierte Verfall kommt auf vielfältige Weise zum Ausdruck. Die „verrottete“ Hauptstadt ist ein Ort im Niedergang, äußerlich erkennbar an den Ruinen der für den Abriss vorbereiteten Wohngebäude. Das Bild von China als einem vorübergehenden Ruinenfeld, stets in Erwartung des Wiederaufstiegs, durchzieht weite Teile des Romans.301 Anders als dieser äußerlich sichtbare Verfall bleiben die Verkommenheit und der Verfall von Werten in Jia Pingwas Verroteter Hauptstadt meist nicht konkret fassbar, alles besteht nur aus falschen Worten, falschen Gefühlen, falschen Vorstellungen und Lügen. „Verfall“ ist zweifelsohne auch ein Bewusstwerden dieses Verlustes: wenn die Vergangenheit plötzlich keinen sicheren Bestand mehr hat, man sich in Klagen und Erinnerungen erschöpft, ein nostalgisches Gefühl um sich greift, Trauer angesichts der eingetretenen Veränderungen spürbar wird. Der materielle Wohlstand ist eingekehrt, doch verloren gegangen ist offensichtlich ein Gefühl für Zeit und Unbeschwertheit. Das vielfach müßige und genussvolle Leben der Figuren im Roman, die Gemeinschaft mit Freunden, das hinterlässt einen seltsam unzeitgemä- ßen Eindruck und hat etwas Bedrohliches. Es sind nur kleine, scheinbar nebensächliche Hinweise am Rande, die den Wandel ankündigen – geschäftliche Aktivitäten von Freunden aus dem engen Kreis; der Abbruch alter Wohnungen. Den Roman durchzieht eine Form von Trauer über das Verlorene; Trauer auch vor dem Hintergrund der Erkenntnis, dass die in Gang gekommenen Prozesse nicht mehr rückgängig zu machen sind, dass die Zeit, die man so müßig noch miteinander verbringt, begrenzt sein wird. Die Frage „Und was kommt dann?“ vernimmt man, doch eine Antwort ist nicht zu finden. Es gelingt Jia Pingwa auf wundervolle Art, diese Atmosphäre des Verfalls spürbar zu machen. Der Autor zeigt dem Leser, wie es hinter den Kulissen wirklich aussieht. Mitunter sehr kunstvoll verbindet er dabei das Thema des Verfalls und Untergangs mit der Tradition und der Moderne, verknüpft die Geschichte vom Untergang der letzten Dynastie mit dem Niedergang einer Familie und schlägt die Brücke bis in die Gegenwart. Im Zentrum des personalisierten Kulturverfalls steht das Leben einer Gruppe von „kulturellen Nichtsnutzen“ (im Text 文化闲人 genannt) um Zhuang Zhidie. Da ist zunächst Wang Ximian, Künstler und Spezialist für chinesische Pinselmalerei sowie Fälscher berühmter Meisterwerke. Wangs Fälschungen, die ihn wohlhabend gemacht haben, ziehen schließlich die Aufmerksamkeit der Polizei auf sich. Sodann gibt es den Kalligrafen Gong Jingyuan, dessen Kunst im ganzen Ort gefragt ist. Er gilt als Feinschmecker, hat eine Vorliebe für Frauen und verbringt viel Zeit mit dem Glücksspiel. Dabei gerät er regelmäßig in Konflikt mit dem Gesetz, mithin ist er des Öfteren unfreiwillig Gast der Polizei. Zu schaffen macht Gong sein süchtiger Sohn, der die Kalligrafien seines Vaters verkauft, um seinen Drogenkonsum zu finanzieren. Gong begeht am Ende Selbstmord. Dritter im Bunde ist Ruan Zhifei, ursprünglich ein Spezialist der lokalen Oper. Im Ort bringt er es als Betreiber eines Bordells zu fragwürdigem Wohlstand. Man neidet ihm seinen Erfolg, er wird Opfer eines Überfalls. Vierte Figur ist 301 Vgl. dazu Jia Pingwa 2003, S. 44 f. 97 7 Jia Pingwa und sein Roman ‚Verrottete Hauptstadt‘ Zhao Jingwu, Freund und Geschäftspartner von Zhuang. Auf Zhaos Herkunft wird im Roman näher eingegangen. Die Geschichte seiner einst mächtigen und wohlhabenden Familie reicht zurück bis in das frühe 20. Jahrhundert, doch ist der Ruhm der Vorfahren lange vergangen. Im Schicksal des Zhao-Clans wird die Degeneration der Aristokraten zu ganz gewöhnlichen Menschen gespiegelt, im materiellen Niedergang deuten sich der Verlust der chinesischen Gelehrtentradition und ein dramatischer Wandel an: Das Erbe Zhaos verkommt zur Handelsware, alles wird verramscht, die stolze Tradition kommt zum Erliegen. Damit wird eine weitere Dimension des Verfalls sichtbar. Gemeinsam ist den Männern um Zhuang nämlich, dass sie aus ihrem „kulturellen Kapital“ nur begrenzt Nutzen ziehen. Hinter dem zunächst harmlos erscheinenden, aus Freude am Spiel und dem Schönen entwickelten Kulturleben taucht mit der Zeit die hässliche Fratze des Kapitalismus im kommerzialisierten Kulturbetrieb auf, zum Beispiel in Form von Verlagsarbeit, dem Handel mit Kulturgütern usw. Für Anstoß sorgte nach der Veröffentlichung des Romans vor allem der Umstand, dass die „kulturellen Nichtsnutze“ in der Präsentation durch Jia Pingwa aufgrund ihrer Bildung und Vorlieben zwar noch deutliche Verbindungen mit den klassischen Gelehrten (den sogenannten wenren 文人) aufweisen, in der Folge des sozialen Wandels der Gegenwart jedoch zu Träumern, zweifelhaften Müßiggängern, Bummlern und Faulenzern herabsinken und damit den Niedergang von Künstlern, Sängern, Schauspielern und Schriftstellern zu Spielern, Fälschern sowie Betreibern zwielichtiger Geschäfte konnotieren. Auf einer tieferen Ebene kann man Jia Pingwas Roman fraglos als Kritik an den frühkapitalistischen Zuständen in seiner Heimat verstehen. Was genau ist nun mit den oben angeführten Begriffen „Dekadenz“, „Verfall“ und „Verkommenheit“ als Kennzeichen einer Zeit gemeint? Ich will darunter zunächst ein schwer zu beschreibendes gesellschaftliches Phänomen der mehr oder weniger unbewusst erfolgten Infragestellung von Sitte und Moral verstehen. Es handelt sich um einen Auflösungsprozess, den Rückzug des Verbindlichen und Verbindenden ins Beliebige und den Verlust einer tragenden Ordnung. Dekadenz lässt sich damit als ein Phänomen verstehen, gegen das man sich nicht wehren kann, das etwas vom Wesen einer grassierenden Krankheit hat und zum Vorschein kommt in dem „Erschlaffen der Strukturen“ und der „Zersetzung des Gewebes der Gesellschaft.“302 Es drückt sich aus im süßen Zustand einer inneren Zufriedenheit des Einzelnen mit sich und der Welt; Dekadenz, das ist ein Gefangensein im eigenen Tun, das man genießt und dessen negative Folgen man nur vage ahnt. Es kommt einem unbewussten Dahinschweben gleich, unhinterfragt und gelebt durch die Hingabe an ein geliebtes Schwachsein. Die Furcht vor Strafen und Verboten wird verdrängt, ja, das Verbotene übt einen ganz eigenen Reiz aus, dem man sich hingibt und den man genießt. Verheerende Ausmaße nimmt dieses Tun an, wenn plötzlich alle in diesen Zustand des Genusses des Verbotenen verfallen. In diesem Sinne ist Verrottete Hauptstadt also ein „Gesellschaftsroman“, getragen von der Stimmung einer in vielen Facetten zum Ausdruck gebrachten Dekadenz.303 302 Vgl. den Essay über Dekadenz in: Chargaff 2000, S. 35 – 42, hier S. 36. 303 Zu dem für die Literaturwissenschaft fruchtbar gemachten Begriff der „Stimmung“ vgl. das großartige Buch von Gumbrecht 2011. 98 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas Das Problem der Dekadenz lässt sich von mehreren Seiten aus beschreiben. Wichtig dürfte sein, dass es sich bei dieser Wesenszuschreibung an eine Zeit um eine Objektivität beanspruchende Wahrnehmung von außen handelt, die letzten Endes aber sehr subjektiv angelegt ist. Von einer höheren Warte aus gibt der Urteilende eine Wertung ab über den Zustand einer Zeit, wobei er einen Entwicklungsprozess beschreibt, in dessen Verlauf es zu Verlusten gekommen ist. Die Wahrnehmung einer Epoche als „dekadent“ ist daher zwangsläufig verbunden mit dem Gefühl der Wehmut, das sich ergibt aus der Spannung zwischen dem Wissen um eine große kulturelle Vergangenheit und der Ahnung, dass diese Vergangenheit kraftlos geworden ist, dass von ihr aus keine Brücke in die Gegenwart gebaut werden kann. Wehmut herrscht also auch darüber, dass bestimmte kulturelle Fähigkeiten nicht mehr beherrscht werden. Die gelebte Gegenwart, aus der heraus wehmütig erinnert wird, stellt sich aber nur vordergründig dar als eine vielseitigere, anspruchsvollere, komplexere Zeit. Es setzt irgendwann das Bewusstsein ein, dass die vermeintliche „Kreativität“ und „Einzigartigkeit“, die vorübergehend in politischer Kraft, künstlerischer Vielfalt, Unverfälschtheit usw. zum Ausdruck kam, sehr schnell begonnen hat, sich in einem merkantil orientierten Prozess der Nachahmung des Großartig-Authentischen aus der Vergangenheit zu erschöpfen. Es dürfte vor allem dieses den offiziell verordneten Fortschrittsglauben zutiefst infrage stellende Zweifeln sein, das die Zensoren bei der Lektüre von Jia Pingwas Roman aufhorchen ließ. Die „Dekadenz“ taucht auf als eine Art von Protest zu Beginn der 1990er gegen den befohlenen Fortschrittsoptimismus der Partei, sie ist ein Widerspruch zum verheißenen Wiederaufstieg und der zunehmenden Stärke Chinas, selbst wenn sich vielfach erst im Rückblick die Mechanismen einer prozesshaften und systembedingten Schwäche zeigen.304 Verfall und Niedergang werden nun auch in Jia Pingwas Roman ausführlich und in unterschiedlichen Zusammenhängen beschrieben. Die Phänomene ähneln denen, die Chargaff nennt, und doch besitzen sie einen eigenen Hintergrund, den man verstehen sollte, wenn man von den Tendenzen der „Dekadenz“ in der Gesellschaft Chinas heute und während der vergangenen Jahrzehnte spricht. Es geht hierbei um eine Eigenheit der chinesischen Kultur sowie den Umgang mit ihr. Im Grunde beschreibt Jia Pingwa auf eine eigene Art und Weise das zentrale Dilemma der chinesischen Modernisierung bis heute. Es lässt sich in der Frage bündeln, woher die Kraft zur Erneuerung und zum nationalem Wiederaufstieg denn letzten Endes kommen soll, nachdem die traditionellen Kulturformen zerstört und ersetzt worden sind, ohne dass aus eigener Kraft bereits etwas Neues geschaffen worden wäre, das die gleiche kulturelle Tiefe und Bedeutung aufweist wie die zurückliegende Tradition. Die Beschäftigung mit dem Thema „Kultur“ – verursacht vor allem durch die Begegnung mit dem Westen – war im China des 20. Jahrhunderts immer sehr intensiv und dauert im Grunde genommen bis in unsere Tage an.305 Die entsprechenden Diskurse besaßen zwangsläufig einen starken politi- 304 Interessant ist, dass Chargaff einen beschleunigten Niedergang in den am höchsten entwickelten westlichen Ländern konstatiert, doch sind ihm zufolge auch sozialistische Staaten nicht ausgenommen. Vgl. Chargaff 2000, S. 39 f. 305 Man rufe sich nur die Diskussionen zur Zeit des Vierten Mai 1919, die Kulturrevolution (1966 – 1976) sowie die Kulturdiskussionen in den 1980ern in Erinnerung. 99 7 Jia Pingwa und sein Roman ‚Verrottete Hauptstadt‘ schen Charakter, insbesondere dann, wenn während der „Kulturkampagnen“ in den 1950er- und 1960er-Jahren ermittelt werden sollte, inwieweit die alte, als „feudalistisch“ eingestufte Kultur bereits „überwunden“ war und der neuen sozialistischen Aufbruchskultur Platz gemacht hatte. „Kulturdiskussionen“ besitzen im China der Gegenwart – zumal dann, wenn sie nicht abstrakt, sondern mit Blick auf das Schicksal ihrer (in den zurückliegenden Jahrzehnten zumeist politisch verfolgten) Vertreter geführt werden – einen höchst politischen Charakter.306 Jia Pingwa schafft nun in Verrottete Hauptstadt eine eigene „Verfallsterminologie“, deren Dimensionen hier näher erörtert werden sollen. Zentraler Begriff ist dabei der chinesische Terminus duoluo 堕落, der zunächst einmal nur so viel wie „niederfallen“, „stürzen“ bzw. „zu Boden fallen“ bedeutet und im Text an mehreren Stellen in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen auftaucht, die im Wesentlichen vor allem eines gemeinsam haben: die Nichterfüllung bestimmter gesellschaftlich-normativer Erwartungen in der Gegenwart bzw. die Abkehr von bestimmten moralischen Regeln.307 Jia Pingwa bedient sich der zahlreichen Schattierungen des Begriffs für eine vielfältige Verwendung in seinem Werk. Das Faszinierende an Verrottete Hauptstadt ist das riesige Angebot an Verfallserscheinungen und die freie Assoziation durch den Leser. „Verfall“ ist Leitmotiv und Gemütsverfassung. Der Roman lebt von seiner erzählerischen Brillanz, den kleinen Episoden, welche klug und ausdrucksvoll ausgeführt sind und eine Atmosphäre der Verspieltheit schaffen, die den idealen Nährboden für eine satte Verkommenheit bereitet.308 In einer wunderbaren Ausdifferenzierung lotet der Autor die Dimensionen des Niedergangs aus. Interessant ist etwa eine Stelle, die die Unsicherheit bei der Bewertung des müßigen Treibens von Zhuang Zhidie und seinen Freunden zum Thema hat. Immer wieder werden Szenen beschrieben, in denen Zhuang und seine Kumpane sich zum Essen zusammenfinden, angeregt vom Schnaps Trinkspiele machen und beim Leser das Bild der müßiggängerischen Literatenkultur aus der Vergangenheit heraufbeschwören, als man sich etwa zu Ausflügen in die Natur 306 Dies musste auch Zhang Yihe 章诒和, Tochter des chinesischen Politikers und Verkehrsministers Zhang Bojun (章伯鈞, 1895 – 1969), erfahren, als sie vor einigen Jahren ihre Erinnerungen an die Verfolgung ihres Vaters zur Zeit der Anti-Rechts-Bewegung Ende der 1950er-Jahre veröffentlichte. Vgl. Zhang Yihe 2004. Die chinesische Originalversion 往事并不如烟 (erschienen 2004 in Peking: Renmin wenxue) wurde kurze Zeit nach der Veröffentlichung verboten. In ihren Berichten – besonders eindrucksvoll in unserem Zusammenhang hier der Abschnitt „Der letzte Adel“ – über das Leben der berühmten Künstler und Intellektuellen in den 1950er-Jahren unter Mao Zedong erzählt Zhang von Zusammenkünften einer Gruppe Gelehrter und Künstler der alten Zeit in den 1950er- und 1960er-Jahren, der Pflege der Dichtkunst und Malerei, vom Teetrinken, dem Gartenbau und dem Verlust. Vgl. Zhang Yihe 2004, (nach d. dt. Fassung) S. 179 – 269. 307 Die Übersetzungen des Begriffes in westliche Sprachen sind zum Teil hilflos bzw. einseitig. „Herabwürdigung“ ist die deutsche Variante eines elektronischen Wörterbuchs. Das online einsehbare MDBG Chinese-English Dictionary (http://www.mdbg.net) bietet unter dem Eintrag für duoluo schon weit treffender die Entsprechungen „to degrade / to degenerate / to become depraved / corrupt / a fall from grace“. 308 Ein schönes Beispiel ist eine kleine, scheinbar bedeutungslose Szene mit einer Fliege, in der sich die künftigen Beziehungskonstellationen der Protagonisten andeuten. Siehe Jia Pingwa 2006, S. 96. 100 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas zusammenfand und die Schönheit der Landschaft in Gedichten besang. Doch dieses scheinbare „nutzlose“ In-den-Tag-hinein-Leben kann nicht mehr Teil einer dem „Aufbau“ einer sozialistischen Idealgesellschaft verpflichteten Zeit sein, die gerade den „Müßiggang“ als Faulenzertum und Ausbeutung definierte und das an der betreffenden Stelle thematisierte Glücksspiel Mahjong lange Zeit mit einem Verbot belegte. Die folgende Stelle thematisiert den Zwiespalt zwischen einem traditionellen Ideal der Gelehrten- und Literatenkultur und der strengen, spießig-trockenen Moral, die der Sozialismus predigte. Deutlich wird damit, dass „Dekadenz“ vor dem Hintergrund wechselnder gesellschaftlicher Ansprüche und Veränderungen immer wieder neu zu formulieren ist: Zhuang Zhidie und seine Kumpane haben beschlossen, den Abend mit dem Mahjong-Spiel zu verbringen. Seine Geliebte Tang Wan’er nimmt dies zum Anlass, um sich über die Verkommenheit (eben duoluo 堕落) der Literaten lustig zu machen. Zuerst habe man sich treffen wollen, um über die Literatur zu sprechen und dann ende alles beim Mahjong. Zhuangs Freund Meng Yunfang verteidigt sich und die anderen daraufhin mit den folgenden Worten und dem Anspruch auf Zerstreuung anlässlich einer unangenehmen Affäre im Schriftstellerverband: „Wieso soll es dekadent sein, wenn man Mahjong spielt? Hu Shi hat einmal gesagt: Beim Lesen vergisst man das Mahjong-Spielen und beim Mahjong-Spielen vergisst man das Lesen. Meiner Meinung nach kann man beim Mahjong-Spielen und beim Lesen vor allem eines vergessen: die Sorgen.“309 Das „gefährliche“ Glücksspiel taucht hier als dekadent-widerständische Betätigung auf, um sich angesichts des vom Kollektiv (in Form des Schriftstellerverbands) aufgebauten Drucks Raum für Entlastungen zu schaffen. Dem Spiel wird damit der dekadente Charakter abgesprochen. Erst ganz am Ende, nach wiederholtem Scheitern, beginnt Zhuang damit, sich und sein Tun zu hinterfragen. Deutlich spürt er den Verfall um sich herum: Freunde sterben, mit seiner Schriftstellerei geht es bergab, Beziehungen zerbrechen. Im Prozess des Niedergangs, wenn alles außer Kontrolle gerät, entwickelt sich eine eigene Dynamik. Zhuang Zhidies Ende wird eingeleitet mit der Offenbarung, als Schriftsteller keine Vitalität mehr zu besitzen. Zhuang weigert sich, ein vor langer Zeit begonnenes Romanprojekt weiterzuführen, vielmehr verfasst er eine Art Nachruf, indem er ankündigt, angesichts eines schweren Augenleidens nichts mehr schreiben zu können. Unter falschem Namen schickt er den Text an eine Zeitschrift in Peking. Nach einer Woche findet die Nachricht auch in Xijing Verbreitung.310 Sozial isoliert, zeigt Zhuang immer stärker die Züge eines Sonderlings.311 309 Jia Pingwa 2003, S. 313. 310 Vgl. ebd., S. 508 ff. 311 Vgl. zu diesen Szenen im Roman ebd., S. 512 – 518. 101 7 Jia Pingwa und sein Roman ‚Verrottete Hauptstadt‘ 7.3.1 Sex und Freizügigkeit Angelagert an die Beschäftigung mit dem durch systemische Zwänge hervorgerufenen Verfall von Kulturtechniken, sind Sex und Freizügigkeit weitere Dimensionen der im Roman untersuchten Verkommenheit. Die chinesische Kultur- und Literaturwissenschaft hat Verrottete Hauptstadt als ein Werk gelesen, mit dem in den frühen 1990er-Jahren der erste Ruf nach einer Befreiung der Lust und nach einem Rebellieren gegen die Moral erklingt und mit dem die „Unterleibsliteratur“ zu blühen beginnt. Zhou Weihuis 周卫慧 Shanghai Baby 上海宝贝 setzte hier wenige Jahre später einen „Höhepunkt“. Doch Verrottete Hauptstadt ist noch durchwirkt von der traditionellen Melancholie der Macho-Gelehrten und der Unterdrückung der Gefühle. In der Person Zhuang Zhidies werden Zhu Dake zufolge „die moralischen Freizügigkeiten der Bauern und die Gefühlsunterdrückung der Gentry miteinander verwoben“. Mit Bedacht, so Zhu, ziele Jia Pingwa auf die Verkündigung der „Schädlichkeit der Lust“ und lasse auf der Bühne, „die die Geschichte der Schwanzbefreiung schildert, den Vorhang der Melancholie herabsinken“.312 Von den chinesischen Marxisten wurde der Dekadenz immer eine quasi naturgesetzliche Eigenschaft zugeschrieben, die gemeinsam mit bestimmten Produktionsverhältnissen auftrete. Dies machte es einfach, ein bestimmtes Verhalten zu kategorisieren und zu „bekämpfen“, ließ jedoch auf der anderen Seite wenig Spielräume für die Bewertung persönlicher Motive und Gefühle. Zhuangs Geliebte Tang Wan’er, eine der kompliziertesten und interessantesten Frauenfiguren im Roman (sie hat ihren gewalttätigen Mann samt einem Kind sitzengelassen, ist mit Zhou Min durchgebrannt und lotet mit ihm neue Spielräume der Liebe aus, erlebt die wirkliche und echte Liebe – in emotional-seelischem wie körperlichem Sinne – aber erst mit Zhuang Zhidie),313 stellt ihren eigenen möglichen Verfall (eben das o. g. duoluo) als ein bewusstes Übertreten von Regeln folgendermaßen in Aussicht. Wieder einmal hat sich das Paar im gemeinsamen Liebesnest, der „Kammer der Erfüllung“ 求缺屋, getroffen. Tang ist nach dem Beisammensein mit Zhuang erneut hin und her gerissen zwischen der Liebe zu Zhuang und der Freundschaft zu seiner Frau: „[…] sie vermochte nicht zu sagen, ob sie eine gute oder eine schlechte Frau war. Aber sie war eine Frau. Sollte einmal der Tag kommen, an dem Zhuang sie nicht mehr liebte, dann würde sie jede Zurückhaltung aufgeben und verfallen [kursiv von mir]. Sie würde mit allen Männern schlafen, gleich ob verrückt oder dumm, Räuber oder Dieb […]“.314 312 Zhu Dake 2006, S. 260 f. 313 Vgl. etwa die Sexszene mit Zhuang und dessen „Kopfkino“ bei Jia Pingwa 2006, S. 259. 314 Jia Pingwa 2003, S. 400. 102 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas 7.3.2 Stadt und Land Eine ganz neue „Verfallsdimension“ taucht schließlich im Roman mit dem Hinweis auf die Unterschiede zwischen Stadt und Land auf, als versucht wird, die „gefährlichen“ Verlockungen der Stadt in einen Gegensatz zu der idealisierten Verfassung auf dem Land zu bringen.315 Jia Pingwa greift hier auf Diskussionen unter den chinesischen Schriftstellern und Intellektuellen während der 1980er-Jahre zurück, die ihren stärksten Ausdruck in der Filmserie Flusselegie 河殇 fanden. An einer wichtigen Stelle gegen Ende des Buches wird der Protagonist Zhuang Zhidie von seiner Frau und einem Freund als „herunterkommen“ (wiederum duoluo) charakterisiert, wobei dieser „Verfall“ ausdrücklich der Stadtkultur zugeschrieben wird. Die Stadt lasse Ablenkung zu, überall werde Zerstreuung geboten, niemand liebe dort ernsthaft, meist gehe es um Gefühlsgeplänkel.316 7.3.3 Korruption Das mit dem Phänomen des gesellschaftlichen Verfalls in Verbindung gebrachte Thema „Korruption“ taucht im Roman ebenfalls auf. Es wird besonders festgemacht an einer wichtigen gerichtlichen Auseinandersetzung. Dafür, dass ein Mitarbeiter des Gerichts seine Verbindungen spielen lässt, soll Zhuang Zhidie dabei helfen, für den Sohn des Mitarbeiters einen Artikel publikationsreif zu machen.317 Vom Korruptionsfall wird sodann übergeleitet zur wohl erschütterndsten Verfallserscheinung, dem Opiumrauchen. Im Mittelpunkt des Wiederauflebens dieser verheerenden Tradition, die in China düstere Assoziationen an die Kolonialzeit und die Opiumkriege zur Mitte des 19. Jahrhunderts weckt, steht Gong Xiaoyi, Sohn ebendes stadtbekannten Kunstexperten namens Gong Jingyuan. An einer Stelle im Roman gibt Xiaoyi eine Erklärung zum Glück des Opiumgenusses ab – ein eindrucksvolles Zeugnis des Zustands der Verkommenheit und des Gefangenseins darin. Verehrter Onkel, ich vermute, das Wunderbare des Opiumrauchens ist euch gar nicht bekannt, nicht wahr? Im Opiumrausch erfüllen sich alle Wünsche, wird die Phantasie zur Realität. Wenn ich ehrlich sein soll, dann hasse ich meinen Vater. Er besitzt Geld wie Heu, gerne verspielt er nachts schon mal 2000 bis 3000 beim Mahjong, doch für mich hat er nicht mal das Kleingeld übrig. Ich hasse Xiaoli, fünf Jahre war ich mit ihr zusammen, habe sogar mit ihr geschlafen, doch dann hat sie mich einfach verlassen. Ich hasse den Leiter an meiner Arbeitsstelle, überall hat er mich schlecht gemacht. Zehn Kalligrafien hat er von meinem Vater bekom- 315 Es ist vermutlich dieser Umstand, der Jia Pingwa von der chinesischen Literaturwissenschaft die Zuordnung zu den „Heimatschriftstellern“ 乡土作家 brachte. Vgl. das Vorwort, S. vii, zu Wang 2006. 316 Vgl. Jia Pingwa 2003, S. 481. 317 Vgl. ebd., S. 276 ff. 103 7 Jia Pingwa und sein Roman ‚Verrottete Hauptstadt‘ men, damit ich diesen Arbeitsplatz behalte, und trotzdem hat er mich am Ende mir nichts dir nichts vor die Tür gesetzt. Ich weiß auch, dass die Sucht umso grö- ßer wird, je mehr ich rauche, doch alle meine Ziele und Ideale sind eben nur mit Hilfe des Opiums zu verwirklichen! Gebt euch also keine Mühe, mich zu überzeugen, lieber Onkel, ihr habt euren Stil zu leben und ich habe meinen. Ihr habt die gleiche Furcht wie mein Vater, immer geht es dabei um das unerschütterliche Ansehen, doch dabei lebt ihr bei Weitem nicht so zwanglos wie ich. Eines darf ich euch versichern, ich werde niemals zu einem Parasiten der Gesellschaft werden. Ich bestehle niemanden, bin kein Räuber, Vergewaltiger und Mörder, auch stehe ich niemandem im Weg. Ich weiß, wer mein Vater ist, und er mag mich noch so sehr ablehnen, ich bleibe dennoch sein Sohn. Die Kalligrafien und Bilder meines Vaters reichen aus, um mich bis an mein Lebensende ausreichend mit Opium zu versorgen!318 Der ungebremste Genuss von Opium lässt Gong Xiaoyi in perversen Allmachtsfantasien versinken, Träume von herrlichem Sex mit seiner ehemaligen Freundin wechseln ab mit schlimmsten Rachegedanken. Das Auftreten von Gewalt- und Sexfantasien im Drogenrausch wiederholt sich. Nur im Rausch ist die Welt erträglich für Gong, hierher flüchtet er vor all den Hässlichkeiten und Gemeinheiten im richtigen Leben. Jia Pingwa lässt die Fantasien seiner Romanfigur kulminieren in Szenen des Größenwahns, als sich Xiaoyi zu den Kaisergräbern außerhalb der Stadt laufen sieht, um dort die noch junge Tang-Kaiserin Wu Zetian zu vergewaltigen. Allmachtsgefühle überkommen Gong, die Stadt gehöre ihm ebenso wie alle Frauen und alles Geld.319 7.4 Idealwelt in Gefahr An mehreren Stellen in seinem Buch thematisiert Jia Pingwa den Gegensatz zwischen Stadt und Land. An der Art, wie er das tut, wird deutlich, dass das Land für ihn den Status einer idealen Gegenwelt besitzt: Eine Welt, die viele Elemente der chinesischen Tradition bewahrt hat und zur gleichen Zeit eine Welt, die China immer mehr zu verlieren droht.320 Eine wichtige Figur der Beschäftigung mit dem Stadt-Land-Gegensatz ist die Schwägerin Liu, eine entfernte Verwandte Zhuang Zhidies. Sie funktioniert als ein Bindeglied zwischen der Stadt, in der Zhuang wohnt, und der ländlichen Umgebung. Frau Liu wohnt in einem der ländlichen Vororte und bringt jeden Morgen in Begleitung ihrer Kuh frische Milch in die Stadt. Ihre Figur gewinnt erst nach und nach genauere Konturen. Liu vertritt die Rolle der Gegnerin des Stadtlebens, durch sie wird die Mär- 318 Ebd., S. 281. 319 Vgl. ebd., S. 283 – 289. 320 Man denke dabei nur an die anhaltende Abwanderung der Landbevölkerung in die Städte und das erklärte Ziel der im Frühjahr 2013 eingesetzten Regierung von Li Keqiang, die Urbanisierung voranzutreiben. 104 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas chengestalt einer denkenden Kuh eingeführt, die sich intensiv mit dem Leben zwischen Stadt und Land beschäftigt. Die Distanz zwischen der Welt der Kuh und der der Menschen schärft den Blick für das Andere, Fremde, Neue.321 Die Kuh ist im Roman eine der interessantesten Erzählfiguren. Als Außenstehende wirft sie aufschlussreiche Blicke auf das Leben der Menschen, sie spricht als Ich-Erzählerin, sodass ihre Wahrnehmung der sozialen und materiellen Entfremdung der Menschen und Tiere als Gedanken vermittelt werden. Das Leben in der Stadt und in der Umgebung der Menschen wird der Kuh am Schluss selbst zum Verhängnis. Jia verleiht der Kuh eine übernatürliche Stimme als Teil seines Experiments mit dem „magischen Realismus“. Mittels der Kuh kann die Geschichte von einem ganz anderen Winkel aus erzählt werden, und es lassen sich übernatürliche Aspekte des Lebens in China hervorheben, wie sie in der Folklore und der Volksreligion vorkommen.322 Die Figur der Kuh als Philosophin, die sich über das Leben und die „Sünden“ der chinesischen Kultur Gedanken macht, ist kulturell und politisch begründet. Die Distanz der Kuh zu politischen Interessen erlaubt es dem Autor, frei jeden Aspekt des menschlichen Lebens zu kommentieren. Als chinesisches Kultursymbol verbreitet die Kuh eine Fin-de-siècle- Stimmung aus der Perspektive des Gegensatzes von Kultur und Natur. Dadurch werden ideologische Fragen, die die Partei und den Staat betreffen, ausgeschlossen.323 An einer zentralen Stelle im Buch reflektiert die Kuh über ihre verschiedenen Wiedergeburten und die Formen des Daseins. Die Kuh erinnert sich – offenbar beeinflusst vom Buddhismus – an ihr Vorleben in einer früheren Existenz, als sie, ebenfalls Kuh, gemeinsam mit einem Dutzend anderer Kühe ein Wasserrad antrieb. Das Wiederkäuen der Kuh war wie eine Form des Grübelns, doch unterschied sich dieses Grübeln von dem der Menschen; es konnte sich gegen die Ströme und Richtungen von Zeit und Raum bewegen und sich, mal mehr und mal weniger klar, Bilder aus lange zurückliegenden Zeiten ins Bewusstsein rufen. Dieser Unterschied der Kuh gegenüber den Menschen versetzte die Kuh in die Lage, viel mehr zu wissen als die Menschen, daher war auch ein Studium für sie nicht notwendig. Der Mensch befand sich von Geburt an in einem Zustand der Ignoranz, allein die Fähigkeit zu essen und zu trinken war ihm gegeben. Bis er dank langen Schulbesuchs und Studiums endlich einmal so weit war, dass man von einem Menschen sagen konnte, er besitze Verstand, war es fast schon wieder vorbei mit seinem Leben. Dann begann eine neue Generation wiederum im Zustand der Ignoranz diese Welt zu betreten, um schließlich ebenso wie alle Generationen zuvor durch 321 Der Vollständigkeit halber sei hier darauf hingewiesen, dass der Autor den Stadt-Land-Gegensatz in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen problematisiert. Besonders eindrucksvoll wird das am Beispiel Liu Yues behandelt, die in der Stadt nie eine richtige Arbeit findet und schließlich als Prostituierte ausländische Kunden bedienen muss. Vgl. dazu ihre Rede in: Jia Pingwa 2003, S. 460. 322 In der chinesischen Volkskultur spielte die Kuh eine wichtige Rolle, etwa als Hüterin der chinesischen Hölle (sichtbar z. B. in Wendungen, die auf dämonische Gestalten hinweisen wie „Ochsenköpfe und Pferdegesichter“ 牛头马面 oder „Ochsenköpfe und Schlangengeister“ 牛鬼蛇神). 323 Vgl. Wang 2006, S. 70. 105 7 Jia Pingwa und sein Roman ‚Verrottete Hauptstadt‘ Schulbesuch auf Aufklärung zu hoffen, und dies war der Grund dafür, warum die Menschen nicht zu großer und mächtiger Gestalt heranwuchsen. Wie gerne hätte die Kuh den Menschen von dem Vergangenen erzählt, doch leider sprach sie nicht die Sprache der Menschen. Und wenn dann die Menschen, wie es zumeist geschah, das Vergangene vergaßen und alles noch einmal passierte, wenn die Menschen dann in ihren fadengehefteten Geschichtsklassikern blätterten und seufzten „Ach, wie sehr sich die Zeiten doch ähneln“, dann konnte die Kuh nicht anders, als sich innerlich über den bemitleidenswerten Zustand der Menschen zu amüsieren.324 Angesichts ihrer buddhistisch grundierten Lebensphilosophie wird der Kuh nach und nach bewusst, wie fremd ihr das Leben in der Stadt erscheint. In der Wahrnehmung durch die Kuh ist die Stadt der Ort der „Unnatürlichkeit“ schlechthin („ein Haufen Zement“), der Seelenlosigkeit und Unverbundenheit („in den Kino- und Theatersälen kauerten die Menschen eng aneinander, fremd starrte einer den anderen an und blickte doch durch ihn hindurch. Alles glich einem Haufen lockeren Sandes“), der Klaustrophilie („Menschen lebten in den eckigen und runden Betonburgen und Türmen inmitten der auf allen vier Seiten von hohen Mauern umgebenen Stadt“) und der Krankheit („und waren doch fast alle krank: Herzleiden, Magen- und Darmentzündungen, Lungenkrankheiten, Hepatitis, Nervenschwäche“). In seinem stadtgebundenen Zivilisierungswahn hat der Mensch ebenjenen „Urzustand der Wildheit“ eingebüßt, der allein das harmonische Miteinander von Himmel, Erde und allen Lebewesen garantiert. Die Stadt bedeutet demnach also nicht Fort- sondern Rückschritt („es herrschte Egoismus unter den Menschen, die Grenzen der Toleranz waren eng, die Fingernägel schwach, sie reichten gerade mal zum Auskratzen von Ohrenschmalz“). Im Widerstreit mit der Natur („schweigend beobachtet von den Tieren in den Bergen und Wäldern und an den Seen und Flüssen“) ist der Untergang der Stadt für die Kuh zwangsläufig („In der Stille der Nacht hatte sie entdeckt, dass die Stadt dabei war zu versinken. Das lag daran, dass tagtäglich das Grundwasser unter der Stadt herausgesogen wurde und dass die Erdkruste der Last immer neuer Gebäude nicht mehr standhielt“).325 In der Wahrnehmung durch die Kuh ist Urbanität ebenso bedrohlich wie nutzlos. Der befürchteten Naturzerstörung geht die kulturell-körperliche Degeneration des Stadtmenschen vo raus, denn dieser pflegt höchst zweifelhafte Schönheitsvorstellungen (der Kuh fallen die Stöckelschuhe an den Füßen der Frauen besonders auf) und verliert durch den Gebrauch neuer technischer Errungenschaften (Autos und Aufzüge) seine natürliche Kraft. Kurzum: Materielle Entwicklung und sozialer Fortschritt haben den Menschen geschwächt und seiner – im Buddhismus angelegten – Fähigkeiten beraubt, weiterhin ein Leben im Einklang mit der Natur und im Zustand transzendenter Geborgenheit zu leben.326 Am Beispiel der Kuh artikuliert Jia Pingwa auf subtile Art und Weise seine Form der Kritik am – wie man zweieinhalb Jahrzehnte später angesichts der großen Umweltschäden weiß – rigoros durchgeführten und mit großen sowie kaum wiedergutzumachenden Schäden an der Natur verbundenen Weg Chinas in die Moderne. Jias 324 Jia Pingwa 2003, S. 140. 325 Vgl. den längeren Abschnitt ebd., S. 140 ff. 326 Vgl. dazu den längeren Abschnitt ebd., S. 253 f. 106 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas Verrottete Hauptstadt, erschienen kurze Zeit nach Deng Xiaopings legendärer Reise in den Süden Chinas 1992, mit der dem Reformprozess neuer Schwung verliehen wurde, hat etwas zurückhaltend Anti-Visionäres, verglichen mit dem patriotischen Erfolgsgeschrei der chinesischen Propaganda. Mit dem Bild der mehr und mehr dahinsiechenden Kuh, die sich bei jedem Besuch der Stadt kraftloser fühlt, schafft Jia Pingwa ein eindringliches Bild, mit dem der staatliche Aufbau- und Entwicklungsdiskurs unterlaufen wird. Es ist die Unnatürlichkeit des Lebens in der Stadt, die zum Verlust der eigenen Existenz und zur Einbuße der Identität führen, so das Fazit, das man aus der resignativen Reflexion der Kuh kurz vor ihrem Tod („Nicht nur, dass sie nicht in der Lage war, die Menschen dieser Stadt zu verändern, die Umgebung und das Klima unter den Menschen der Stadt führten nach und nach dazu, dass sie keine Kuh mehr war“) ziehen muss.327 Die Stellen im Buch, an denen Jia Pingwa das komplexe Verhältnis zwischen Land und Stadt thematisiert, führen das „chinesische Drama“ der Entwicklung vor Augen: Materieller Reichtum und ein Leben in „besseren“ Verhältnissen sind oft nur auf Kosten von Würde und unter Einbuße des mühsam erworbenen Selbstverständnisses zu erlangen. Klug gesetzte Details deuten an, provozieren Bilder und Assoziationen beim Leser, führen jedoch nicht in die Tiefe und schon gar nicht zu einer „Lösung“. Jia hat die Gesellschaft als Ganzes im Blick.328 Steht das Land für Vitalität und ursprüngliche Kraft, so symbolisiert die Stadt zwar Verderbnis und Niedergang, hat jedoch auch ganz neue Erfahrungen wie Raffinesse und Verfeinerung in der Lebensführung zu bieten. Man sieht an Schilderungen wie denen über die Kuh und einige der Figuren im Roman, dass sich Jia Pingwa der zunehmend komplexer werdenden Verhältnisse durchaus bewusst ist und dass Schwarz-Weiß-Malerei – hier das ideale Landleben und dort die Verkommenheit in den Städten – nichts bringt. Die Verhältnisse sind diffuser, Grenzen unklarer geworden. Wo Stadt aufhört und Land beginnt, ist heute vielerorts in China nicht mehr klar zu sagen, zumal mehr als zweihundert Millionen vom Lande stammende Wanderarbeiter selbst Mega-Cities wie Peking oder Shanghai durchaus eine bäuerliche Note verleihen. Jia Pingwa entwirft in Verrotteter Hauptstadt weitere Refugien für ein Leben jenseits der alltäglichen Zwänge (als Beispiel sei hier nur die Nonne Huiming im örtlichen Kloster Qingxuan angeführt), doch bleiben auch diese Ideale letzten Endes zwiespältig.329 327 Vgl. zu der längeren hier zitierten Passage ebd., S. 348 f. Nach ihrem Tod führt die Kuh eine karmische Existenz in Form einer Kuhhaut im Haushalt des im Niedergang befindlichen Zhuang Zhidie. 328 Der Gestalt des sich im städtischen Leben behauptenden Landbewohners hat Jia Pingwa vor einigen Jahren mit der Hauptfigur in seinem Roman Gaoxing über einen Müllsammler ein eindrucksvolles Denkmal gesetzt. Vgl. dazu Zimmer 2009e. 329 Als bekannt wird, dass die Nonne nach einer Affäre eine Abtreibung vornehmen musste, fragt man sich: „[…] auch die Nonne Huiming hatte abgetrieben, was gab es denn überhaupt noch Echtes auf der Welt? Was gab es, das man glauben, das man verehren und das man anbeten konnte?“ Jia Pingwa 2003, S. 486. 107 7 Jia Pingwa und sein Roman ‚Verrottete Hauptstadt‘ 7.5 Endzeit, literarisches Credo und Zweifel an der Kultur Über dem gesamten Buch schwebt eine Atmosphäre des süßen Verfalls, gegen Ende kommt eine ausgesprochen endzeitliche Stimmung auf. Ein ausgelassenes Fest im Kreis von Zhuang Zhidie und den Freunden wird gefeiert, als die Nachricht vom Mittleren Gerichtshof der Stadt eintrifft, dass Zhuang einen wichtigen Fall am Gericht gewonnen habe. Die Glückwünsche nehmen kein Ende, überall wird Fröhlichkeit demonstriert, man frönt der Trunkenheit, gibt sich den sinnlichen Genüssen hin. Kurze Zeit später stellt sich jedoch heraus, dass man sich zu früh gefreut hat, der Niedergang ist nicht mehr aufzuhalten.330 Indem Entscheidungsgrößen wie „Schicksal“ und „Zufall“ Raum gegeben wird, gewinnt der Roman an verschiedenen Stellen sogar eine Spur des Überzeitlich-Prophetischen. Jia Pingwa bedient sich dabei der Figur des Mahners in Gestalt eines bereits im Vorwort auftauchenden Müllsammlers (auch Gaoxing in dem gleichnamigen späteren Roman Jia Pingwas ist Müllsammler und bringt den Verfall in einen Zusammenhang mit dem Abfall). Der Müllsammler in der Verrotteten Hauptstadt tritt als Begleiter und Kommentator auf und erhält immer wieder seine Szene. Seine sarkastischen Kommentare, dargeboten aus der Sicht „von ganz unten“ und damit von jemandem, der nicht mehr tiefer fallen kann, verleihen dem Buch noch eine besonders ironische Note. Gegen Ende des Buches findet sich eine Stelle, an der der Müllsammler sich reimend über die verschiedenen Schriftstellertypen lustig macht. Hier nimmt Jia Pingwa sich und seinesgleichen aufs Korn. Die gereimte Passage liest sich in grober Übersetzung folgendermaßen: Schriftsteller der ersten Kategorie stützen sich auf die Politiker, als graue Eminenzen sitzen sie in den Büros der Beamten. Die Schriftsteller der zweiten Kategorie haben umgesattelt, sie helfen Unternehmen bei dem Verfassen von Werbespots. Schriftsteller der dritten Kategorie gehen dunklen Machenschaften nach, sie scheffeln Geld mit der Übersetzung und dem Druck pornographischer Werke. Eine vierte Sorte Schriftsteller fertigt Manuskripte an, mit knurrendem Magen tun sie wichtig. Die fünfte Form Autoren ist total heruntergekommen, sie sitzt in der Gosse und macht sich Sorgen um sich selbst.331 Jia Pingwa nimmt hier und an weiteren Stellen im Buch das Schicksal vieler seiner Zunft vorweg, die die Schriftstellerei in den 1990er-Jahren an den Nagel hängten, um einträglicheren Beschäftigungen nachzugehen. Die über den Müllsammler angesprochenen Fragen führen schließlich weiter zu einem wichtigen Themengebiet, das die chinesische Literaten- und Geisteswelt ab der Mitte der 1980er-Jahre intensiv beschäftigt hat. Der Vorgang – in dem der weiter oben bereits angeführte Film Heshang eine zentrale Rolle spielte, ist in der Fachwelt mit dem Begriff der „Kulturdiskussion“ umschrieben. Im Wesentlichen ging es damals darum, die Besonderheiten, Schwächen ebenso wie Stärken, der chinesischen Kultur insbesondere von solchen Erscheinungen abzugrenzen, die pauschal als „Kultur des Westens“ 330 Vgl. ebd., S. 448 ff. 331 Ebd., S. 437. 108 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas umschrieben wurden. Im Mittelpunkt der Erörterungen in Verrottete Hauptstadt stehen hier nun vor allem Probleme der Kulturpolitik sowie der oft nicht anders als nichtig und belanglos zu nennenden Bemühungen gerade der Behörden, „kulturfördernd“ zu wirken. „Kultur“ im China nach 1949 war und ist ein extrem sensibler Sektor. In der Vergangenheit vor allem das Feld zahlreicher politischer Kampagnen, tat sich zur Mitte der 1980er vorübergehend ein Feld der freieren Betätigung auf. Nach 1989 war es vor allem die Aufgabe der Wirtschaft, dem Kulturbetrieb neue Impulse zu geben, doch ließ man die politisch-ideologischen Zügel nie locker. Kultur war in der Folge also ideologischem und wirtschaftlichem Druck ausgesetzt. Beides wird in Verrottete Hauptstadt immer wieder zum Thema gemacht. So hat die Gruppe von Männern um Zhuang Zhidie gute Verbindungen zum Bürgermeister, der sich „kulturfreundlich“ gibt und sich nicht nur für die Wirtschaft einsetzt, sondern auch für die „Kultur“ etwas tun möchte. Die Hinweise auf Anstrengungen seitens der Politik und Verwaltung bleiben freilich ebenso leeres Gerede wie das Lob der Politik auf die Errungenschaften der Künstler, dass ihre Werke nicht vergingen und etwas für die Ewigkeit darstellten. Diese Aussage ist denn auch blanke Ironie, lernt der Leser doch Zhuang und seine Freunde nur als Berühmtheiten unter den örtlichen Künstlern kennen und erfährt nichts Konkretes über ihre Kunst. Zhuangs Status als Schriftsteller ist nämlich höchst fragwürdig: Er zehrt vom Ruhme der Vergangenheit, seine Werke sind in aller Munde. Doch in der Gegenwart? Da wird er vorgestellt als ein Mann, der um seine Kreativität ringt, der eine Schreibhemmung hat und sein literarisches Talent als bezahlter Schreiber von Lobreden auf aufstrebende Unternehmer verschwendet! Auch um die Unabhängigkeit als Schriftsteller und Intellektueller ist es – wie sich am Ende herausstellt – bei Zhuang nicht gut bestellt. Hier wird die gefährliche Nähe von Politik und Literatur in China ironisch infrage gestellt. Als der Bürgermeister lang und breit von seinen Verdiensten erzählt, die er sich bei der Versorgung eines Stadtteils mit Wasser erworben hat, bedankt sich Zhuang für diese Anregung und kündigt an, den Schriftstellerverband zu aktivieren, damit sich jemand dieses angeblich so wertvollen Stoffes annehme und daraus eine Geschichte mache.332 Das Thema dieser Sorte von Auftragsliteratur taucht im Roman immer wieder auf, es klingt etwas an vom verblassenden Pathos der sozialistischen Planwirtschaft und der Fantasielosigkeit verordneter Literaturproduktion. 7.6 In der Tradition der Erzählkunst Verrottete Hauptstadt von Jia Pingwa knüpft auf unterschiedliche Weise an die Tradition der chinesischen Erzählung an, der Roman schlägt eine Brücke zurück bis in das späte 16. Jahrhundert. Die letzten etwa einhundert Jahre der Ming-Dynastie (1368 – 1644) boten der Erzählkunst breiten Raum, insbesondere erotische Werke erschienen in gro- ßer Fülle. Bereits von der Textmenge her lassen sich Verbindungen zu den umfangreichen frühen Erzählwerken der chinesischen Literatur herstellen – dort der traditionelle Kapitelroman, hier der dahinfließende, äußerlich nicht strukturierte Text, nicht weniger umfangreich als die Klassiker, dabei aber insgesamt fast noch wuchtiger wirkend: 332 Vgl. ebd., S. 129 f. 109 7 Jia Pingwa und sein Roman ‚Verrottete Hauptstadt‘ Auf mehr als fünfhundert eng bedruckten Seiten – nahezu vierhunderttausend chinesische Zeichen umfassend – entfaltet sich das Panorama des Niedergangs und der Verkommenheit. Auf die sonst in chinesischen Gegenwartsromanen solchen Umfangs durchaus übliche Einteilung in Kapitel hat Jia Pingwa vermutlich bewusst verzichtet. Geschickt versteht er es, den Leser in seinen Bann zu ziehen. Szene reiht sich an Szene, mittels Erzählerkommentaren atmosphärisch gerundet und offenbar einem Rhythmus folgend. Dieser Rhythmus von regelmäßigen Wiederholungen, erzählerischen Klammern, spiegelbildlichen Episoden usw. ist ein Struktur- und Stilmerkmal der umfangreichen klassischen Romane Chinas gewesen und wurde von den frühen Kommentatoren der Werke in sogenannten „Leseanweisungen“ (dufa-Essays) unter Zuhilfenahme von ebender Kapitelnummerierung beschrieben. Die Kunst Jia Pingwas ist es, beim Leser das Gefühl für diesen Rhythmus hervorzurufen, die eigentliche Struktur jedoch hinter der schieren Textmenge zu verbergen. Verrottete Hauptstadt ist, das lässt sich nicht anders sagen, ein Werk, das seine Zeit benötigt – und zwar nicht nur, was die erforderliche Dauer der Lektüre betrifft, sondern genauso, was die Wirkung anbelangt. Auch nach zwanzig Jahren hat der Roman kaum etwas von seiner Bedeutung verloren. Visionär werden vom Autor die Merkmale des Umbruchs ins Auge genommen: Der Abschied von den Traditionen wird gespiegelt in der Ahnung des Neuen mit all seinen Veränderungen. Die strikte Erzählung in der Gegenwart mit nur ganz gelegentlichen Rückblicken auf das frühere Leben der Helden verleiht dem Buch den starken Charakter des nahezu Zeitlosen und allgemein Verbindlichen. Was Jia Pingwas Roman seine Kraft gibt, das ist vor allem die historische Tiefe und eine in die Zukunft weisende Sicht. Wie viele ähnliche Werke – und hier müsste man Verrottete Hauptstadt womöglich in der Tradition von Cao Xueqins Traum der Roten Kammer aus dem 18. Jahrhundert und Qian Zhongshus 钱钟书 Umzingelte Festung 围城 aus den 1940er-Jahren sehen – gibt Jia Pingwas Buch etwas vom zeitlosen Wesen der Menschen preis. Das „Schockierende“ des Romans, das, was seine inneren Spannungen hervorbringt und die Kontroversen unter den Lesern ausgelöst hat, ist das Zeit- und Grenzenlose. Was heißt das? Mit der klassischen chinesischen Romanlektüre vertraute Leser – und das werden vor allem Chinesen sein – werden darin eine Atmosphäre wiedererkennen, die zum Ende der Ming-Zeit in China herrschte. Die Anleihen, die Jia Pingwa bei der klassischen chinesischen Romanliteratur macht, sind vielfältig und reichen von der Figurenbeschreibung bis hin zu ästhetischen Konzepten. In der modernen Romanfigur Zhuang Zhidie leben verschiedene Figuren aus der Frühzeit des chinesischen Romans wieder auf. Im Mittelpunkt stehen dabei Ximen Qing aus dem Jin Ping Mei und Jia Baoyu aus dem Traum der Roten Kammer. Mit Ximen Qing teilt Zhuang Zhi die Freude am Sex und eine Aufgeschlossenheit gegenüber dem Körperlichen. Doch bleiben auch große Unterschiede zwischen beiden Figuren: Ximen Qing ist ein Kaufmann ohne soziales Bewusstsein, seine Attraktivität wird durch Geld und sexuelle Kraft ausgedrückt. Er verfasst keine Gedichte, singt „nur“ Volkslieder und ist bestimmt kein angesehener Vertreter der später in zahlreichen chinesischen Romanen auftauchenden „Talente“ (caizi).333 Weiter sollte man vielleicht bei der Suche nach Gemeinsamkeiten gar nicht gehen, denn die Anspielungen auf das Jin Ping Mei dürften vor allem als Hinweise auf atmosphärische und soziale Ähnlichkeiten 333 Vgl. hierzu auch die Bemerkung bei Wang 2006, S. 85. 110 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas zu verstehen sein. Damals wie heute drängt sich einem das Gefühl für „Endzeit“ und „Wandel“ auf. Mit Jia Baoyu wiederum verbindet Zhuang Zhidie die Larmoyanz, die Wehmut über den Verlust, den die menschliche Existenz zwangsläufig mit sich bringt. Insgesamt ist die Figur des Zhuang Zhidie freilich komplexer als die seiner Vorbilder in der klassischen chinesischen Romanliteratur. Die Anspielungen auf und Zitate aus den Erzählklassikern sind jedoch mehr als ein eitles Getue um Bildung und Wissen. Jia Pingwa baut eine Brücke zur Gefühlskultur (qing 情) der späten Ming-Dynastie. Die klassischen Romane dienen ihm dazu, die Leser der Gegenwart zu stimulieren.334 Geschickt arbeitet der Autor mit dem poetologischen Konzept der „Leere“, gerade wenn es um die Schilderung der Sexszenen geht. Es wird bis zu einem bestimmten Punkt angedeutet, für den Leser bleibt Raum, Bilder selbst zu formen. Stil und Aufbau des Vortrags der Sexszenen erinnern an Vorbilder der erotischen Literatur aus der Ming-Zeit. Der Kenner dieser Werke weiß, was an den von Jia gelassenen Lücken im Text folgt: Klassiker wie das Jin Ping Mei etc. führen an den entsprechenden Stellen detailliert aus, in welchen Stellungen sich die Partner liebten, wie viele Stöße die Frau empfangen hat und wie viel Samen und „Lusttau“ geflossen ist. Diese technischen Mengenangaben ersetzt Jia durch Hinweise auf die Zahl der von ihm in einem Akt der Selbstzensur fortgelassenen Zeichen. Jia Pingwa trifft mit Verrotteter Hauptstadt also einen beinahe zeit- und ortlosen Ton. Dem westlichen Leser ist das zum Ausdruck gebrachte Lebensgefühl ebenfalls vertraut, sei es aufgrund der Lektüre von Werken moderner Autoren oder aus eigener Erfahrung. Die Ziellosigkeit des Helden Zhuang Zhidie im Roman zeigt – um ein aktuelles Beispiel anzuführen – Ähnlichkeiten mit der Lethargie von Genazinos Romanhelden in seinem 2011 erschienenen Roman Wenn wir Tiere wären. Schockiert sind vor allem jene Zeitgenossen, die der geltenden Doktrin vertrauen; die Spießer, die die Sicherheit lieben und bei den Konventionen verharren. Hier wie dort dürfte dieser Typ in den Gesellschaften die Mehrheit darstellen. Doch selbst in der verbreiteten Empörung über das Werk steckt das Dekadente. Die vehement vorgetragene Kritik kann angesichts des millionenfachen geheimen Nachdrucks des Werks nur als geheuchelt angesehen werden. Verrottete Hauptstadt traf den Nerv der chinesischen Gesellschaft, indem der Autor den Menschen einen Spiegel vorhielt und somit eine echte Befindlichkeit ausdrückte. 334 Konkrete Werke der klassischen Erzählkunst werden – soweit sie in den Kontext passen – über das ganze Buch hinweg immer wieder angeführt: Auf Seite 144 liest sich Tang Wan’er in Stimmung, angeregt durch Werke Li Yus 李漁 (1610 – 1680), die Sechs Aufzeichnungen von einem ausschweifenden Leben (Fusheng li ji 浮生六记) des Shen Fu 沈复 (1763 – 1825) und eine Erzählung, die den Titel „Cuixiao’an ji“ 翠潇庵记 trägt und bei der es sich um die Aufzeichnungen des Literaten Mao Rang 冒襄 (1611 – 1693) über seine Beziehung zu Dong Xiaoyuan 董小宛, einer berühmten Kurtisane aus dem Lustviertel Qinhuai in Nanking, handelt. Die Lektüre ist so anregend, dass sich Tang an einer Stelle mit der Heldin vergleicht und in Zhuang einen jungen Gelehrten in der Erzählung ausmacht. 111 7 Jia Pingwa und sein Roman ‚Verrottete Hauptstadt‘ 7.7 Fazit Fassen wir zum Schluss dieses Abschnitts noch einmal kurz zusammen, worum es in dem Roman geht. Im Zentrum steht das Leben und Wirken einer Gruppe von „kulturellen Müßiggängern“ um den prominenten Schriftsteller Zhuang Zhidie in einer Zeit des Umbruchs. Eingeflochten in den künstlerischen Verfallsprozess Zhuangs, der die kreative Dichtkunst einträglichen Auftragsarbeiten ohne jeden literarischen Wert opfert, dessen Ansehen am Ort schwindet und der am Ende in der Namenlosigkeit versinkt, ist die Schilderung einer ins Wanken geratenen Moralordnung: Zhuangs Ehe scheitert nach zahllosen Affären und nie endenden Lügen; in den Familien der Freunde Zhuangs herrschen Neid und Missgunst; die Gesellschaft am Ort ist geprägt von Affären und Intrigen. Über das persönliche Schicksal seiner Hauptfiguren weitet Jia Pingwa schließlich den Blick auf den grandiosen Verfall einer ganzen Kultur. Mit ihrer Freude an Gesellschaftsspielen, Dichtung und Malerei zunächst noch stark in den Bräuchen der traditionellen Gelehrtenkultur verhaftet, verlieren Zhuang und seine Freunde mit der Zeit ihre kulturelle Unschuld, indem sie ihre klassische Bildung in den Dienst des Geschäftemachens stellen und etwa als Berater und Mittelsmänner beim Verschachern von Kulturgütern auftreten. Mit sanfter Ironie wird dem Leser ein Panorama scheinbar lässlicher Sünden durch eine narzisstische Elite dargeboten, die ein großartiges kulturelles Erbe leichtfertig den eigenen Interessen und Vorlieben opfert und sich damit bereits weit von den idealen Vorbildern der chinesischen Gelehrten aus der Vergangenheit entfernt hat, deren Lebensaufgabe immer der Dienst gegenüber dem Kaiser und dem Reich gewesen ist. Freilich – und das macht den Reiz des Buches aus – belässt es Jia nicht bei dem Eindruck von Trübsal und Kummer, vielmehr versteht er deutlich zu machen, dass selbst im Niedergang noch Süße ist – Blüte und Verfall wohnen dicht beieinander. Verrottete Hauptstadt, das ist ein herrliches, rhythmisches Schwingen zwischen Vergangenheit und Zukunft, Alter und Jugend, Zerstörung und Pracht und bleibt damit zutiefst der chinesischen Ästhetik des Wandels verpflichtet.

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Zusammenfassung

Die Frankfurter Buchmesse von 2009 liegt einige Jahre zurück. Damals war China Gastland und hat sich von seiner besten Seite gezeigt. Warum also heute ein Buch über die chinesische Gegenwartsliteratur schreiben? Die Antwort darauf fällt kurz aus: Weil 2009 viel zu wenig gesagt wurde. China ist ein Land der Widersprüche, und noch immer spielen Zensur, Verschweigen und Beschönigungen eine große Rolle. Wer das Land aber verstehen will, der tut gut daran, auch seine Literatur zu verstehen und die Bedingungen, unter denen sie heute existiert: Wie stark ist die offizielle Gängelung – gibt es Zensur, und wie funktioniert sie? Wie steht es um die Verlage – sind sie noch fest im Griff der Partei? Und wie funktioniert die Interaktion zwischen Autoren, Verlagen und Lesern? Anhand namhafter älterer und jüngerer Autoren aus der Volksrepublik unternimmt der Sinologe Thomas Zimmer erstmals den Versuch, die Spielräume von Literatur, Kunst und Kultur im Spannungsfeld staatlicher Kontrolle, Zwängen des Marktes und zunehmender internationaler Vernetzung im China der Gegenwart zu erörtern.