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6 Erwachen? in:

Thomas Zimmer

Erwachen aus dem Koma?, page 81 - 86

Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3911-3, ISBN online: 978-3-8288-6659-1, https://doi.org/10.5771/9783828866591-81

Tectum, Baden-Baden
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81 6 Erwachen? 6 Erwachen? Die Metapher vom schlafenden Drachen China, mit der der Zustand des Reiches über einen langen Zeitraum der vergangenen zwei Jahrhunderte bezeichnet wurde, ist eigentlich schon zu abgenutzt, um sie noch weiterhin zu verwenden. Außerdem ist sie nicht zutreffend, denn in China haben während dieser Zeit durchaus zahlreiche und sehr dramatische historische Veränderungen stattgefunden, die der Vorstellung vom schlummernden Untier ganz und gar nicht entsprechen. Dieses Sprachbild benutzten eher Vertreter der westlichen Kolonialmächte, die China gerne als „starr“, in seinen Traditionen gefangen und insofern als „schlafend“ charakterisierten. Allenfalls der bedenkliche Zustand der Opiumraucher seit der Mitte des 19. Jahrhunderts bringt noch das Bild vom Schlaf mit der Realität in Deckung. Es gibt keinen Zweifel, dass China spätestens mit dem Beginn der Öffnung nach dem Ende der Kulturrevolution Ende der 1970er-Jahre aus seinem Schlaf erwacht ist. Die Kapitelüberschrift meint jedoch nicht dieses Erwachen. Vielmehr handelt es sich um das Wiederzusichkommen aus der Ohnmacht, die große Teile Chinas und zumal seine Schriftsteller und Intellektuellen nach der Niederschlagung des Protestes auf dem Platz des Himmlischen Friedens am 4.  Juni 1989 erfasste. Es wurde nie offen ausgesprochen, aber jedem kritischen Menschen in China war nach dem Ausgang der Proteste klar, wo künftig die Grenze sein würde. Viele, die konnten, verließen das Land oder kehrten nicht mehr in die Heimat zurück, wenn sie schon vorher von der großen Reisewelle seit der Mitte der 1980er erfasst worden waren und sich in der Fremde eingerichtet hatten. Bei denen, die blieben, war die Kreativität nicht verflogen, doch sie schrieben nun unter neuen Bedingungen oder wandten sich neuen Tätigkeitsfeldern zu. Mit der Zeit konnte man über alles Mögliche schreiben, nur nicht über die Ereignisse vom Juni 1989. Es ist dieses eigenartige und nachhaltig wirksame Schweigen, das seitdem auf dem Denken und Schreiben in China lastet, wenn man über 1989 spricht, auch wenn man richtigerweise sagen muss, dass eine bestimmte Form des kulturellen Protests bereits etwas mehr als zwei Jahre nach dem Massaker in Peking zum Ausdruck gebracht wurde.258 258 Gemeint ist hier die sog. „Affäre um die Kulturhemden“ 文化衫事件,zu der es im Sommer 1991 in Peking kam. Der Maler Kong Yongqian 孔永谦 hatte T-Shirts entworfen mit Aufschriften wie „Lasst mich doch in Ruhe“ (别理我,烦着呐). Die T-Shirts fanden landesweit großen Absatz, doch gingen die Behörden gegen eine Verbreitung vor. Vgl. Zhu Dake 2006, S. 245. Zhu betrachtet diese „Strolch-Kultur“ (liumang 流氓) als Form des Widerstands und des Protests „aus dem Volk“ 民间 gegen „die da oben“. Allerdings handelt es sich eher um eine schwache Form des Protests, die jederzeit den Rückzug zulässt. Es ist nicht angebracht, die damit zum Ausdruck gebrachte Haltung zu idealisieren. Vielmehr muss festgestellt werden, dass liumang nicht nur ein robuster Ausdruck des Widerstandes „von unten“ ist, sondern auch einen Verlust von Umgangsformen darstellt, den Verlust von Rücksichtnahme aufeinander im Alltag, im Straßenverkehr usw. Der Intellektuelle mag darin eine verblasste Form des Widerstands sehen, im gelebten Alltag ist die Begegnung mit einem liumang zumeist unerfreulich. 82 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas Auch in den mit inzwischen beachtlicher Genauigkeit angefertigten Literaturgeschichten der chinesischen Literaturwissenschaftler geht man eingehenden Auseinandersetzungen mit dem 4. Juni und seinen verheerenden Nachwirkungen auf das chinesische Geistesleben bislang aus dem Weg. Die wohl gängigste Formulierung ist, vage auf die „politischen Unruhen im Sommer 1989 in Peking“ (1989 年夏北京发生政治风波) hinzuweisen, die zu einem „Umdenken“ der Intellektuellen geführt und die innovativen und vielversprechenden literarischen Entwicklungen zum Erliegen gebracht hätten.259 Jüngere VR-chinesische Literaturwissenschaftler wie der 1985 geborene Han Han 韩晗 erwähnen zwar die Ereignisse von 1989, wehren sich aber gegen eine (wie unterstellt wird) durch die USA, Hongkong und Taiwan vorgenommene Periodisierung der Literaturgeschichte aus politischen Motiven. Der Ton in Literaturgeschichten wie der von Han ist zugegebenermaßen freimütiger, doch der tiefe Einschnitt, den die Ereignisse von 1989 und der Umgang mit ihnen in der Literatur und dem Geistesleben Chinas hinterlassen haben, wird in trotzig-selbstbewusster Art und Weise geleugnet. Das klingt dann so: Nach den politischen Unruhen vom „4.  Juni“ des Jahres 1989 wurden von der Regierung in der Politik zu Kunst und Literatur Anpassungen vorgenommen, ein neuer Slogan gab von offizieller Seite die grundsätzliche Entwicklungstendenz für Kunst und Literatur vor, nämlich „das verordnete Leitmotiv zu fördern und die Vielfalt zu unterstützen“ [弘扬主旋律,提倡多样化]. Doch führte das die chinesische Literatur nicht zurück in die Mao-Zeit, in der niemand wagte, den Mund aufzumachen [但这并未让中国当代文学退回至万马齐喑的毛泽东时代].260 Von Aufarbeitung keine Rede. Vielmehr wird unterstellt, die Literatur habe sich nach 1989 sehr wohl nach ihrer Orientierung an den politischen Vorgaben in aller Vielfalt entwickelt. Was an der Aussage frappiert, ist ihre Kaltschnäuzigkeit. Selbstverständlich hat es „Vielfalt“ (wie immer man das definieren mag, darauf wird noch einzugehen sein) auch nach 1989 gegeben, und der Umgang mit kritischen Stimmen in der Literatur ist nicht mehr derartig einseitig und repressiv wie noch zu Maos Zeiten. Wenigstens müssen sich „kaltgestellte“ Autoren oder solche, deren Werke verboten werden, nicht mehr unisono um ihre Existenz sorgen. Gleichwohl wäre es naiv – wie in dem Zitat Hans unterstellt – anzunehmen, in China habe nach 1989 so etwas wie Meinungsfreiheit geherrscht. Eine erkennbare Meinungsvielfalt ist dagegen nicht zu leugnen, auch wenn die Propagandaorgane nach wie vor nichts unversucht lassen, wenigstens nach außen hin ein einheitliches Meinungsbild zu vermitteln und ideologische Geschlossenheit erkennen zu lassen. Doch von diesen durchaus als positiv zu vermerkenden Feststellungen einmal abgesehen, bleibt festzuhalten, dass die Ereignisse von 1989 und der Umgang mit ihnen den chinesischen Schriftstellern sehr wohl gezeigt haben, wo ihre Grenzen sind. Welche Auswirkungen das auf die Literatur, die Autoren und ihr Denken hat, das wurde in dem betreffenden Abschnitt zu den Intellektuellen im einführenden Kapitel dargelegt. 259 Vgl. Chen Sihe 1999, S. 309. 260 Han Han 2011, S. 88. 83 6 Erwachen? In den literaturgeschichtlichen Darstellungen – einerlei, ob in China oder Deutschland – hat das Massaker vom 4.  Juni 1989 noch keinen angemessenen Platz gefunden. Im Falle Chinas ist das angesichts der anhaltenden Unterdrückung zumindest verständlich, wenn auch nicht gutzuheißen. Doch eine seriöse Beschäftigung mit der chinesischen Gegenwartsliteratur muss dem Umstand Rechnung tragen, dass die Ereignisse im Frühjahr 1989 in Peking einen Wendepunkt darstellten. Das Massaker ist Ende und Neubeginn in einem: Hoffnungen sterben, doch nur vorübergehend. Für die Literatur bieten gerade so unerhörte Ereignisse wie das Massaker vom Juni 1989 die Gelegenheit, ihre Stärke unter Beweis zu stellen. Das Erinnern ist dabei nur eine der wichtigen naheliegenden Funktionen, doch es gibt weitere. Starke Literatur erst ist in der Lage, das Unerhörte zu bündeln, in Worte zu fassen, zu veranschaulichen und aus den diffusen Ereignissen eine Geschichte zu formen, die zum besseren Verstehen führt. Liao Yiwu tat das am Tag des Geschehens mit seinem Gedicht „Massaker“, das auf Band gesprochen wurde und innerhalb kürzester Zeit Verbreitung fand. Später folgte „Requiem“, aus welchem wiederum ein Film entstand, der zu seiner Verhaftung führte. Noch später suchte sich die Erinnerung Wege in der Kunst. Zum 20. Jahrestag veröffentlichte Liao Tagebucheinträge, die jeweils das festhielten, was jährlich am 4.  Juni nach 1989 in seinem Leben geschah – die Staatsmacht hat ebenso wenig vergessen wie Liao, manchmal ist sie es selber, die den Dichter an den Tag bewusst erinnert.261 Dennoch ist die literarische Ausbeute der Auseinandersetzung mit dem 4. Juni 1989 in China und anderen Teilen der Welt nicht anders als gering zu bezeichnen. Inhaltlich ist das meiste zu plakativ, ein Spiel mit dem unerhörten geschichtlichen Ereignis, bei dem zudem wenig von den Auswirkungen auf die Zeit danach erfasst wird.262 Erst die räumliche und zeitliche Distanz ermöglichten eine angemessene Umsetzung des Stoffes, und so ist es nicht verwunderlich, dass das bisher eindrucksvollste Buch zum 4. Juni im Exil entstanden ist. In seinem 2008 zunächst auf Englisch und ein Jahr später auf Chinesisch erschienenen Roman Beijing Coma thematisierte der heute in London lebende Autor Ma Jian (geb. 1953) die Ereignisse,263 die 1989 zur blutigen Niederschlagung der studentischen Proteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking führten.264 Der ursprünglich aus Qingdao stammende Ma Jian soll noch während der Kulturrevolution zu einer Künstlergruppe gehört haben, die in Propaganda-Shows auftrat. Nach seiner Übersiedlung nach Peking zu Beginn der 1980er-Jahre fand er Anschluss an die im Untergrund agierende Künstlerszene und wurde, wie andere Künstler zu jener Zeit auch, zum Ziel von Attacken seitens der staatlichen Institutionen, die 1983 261 Vgl. Liao Yiwu 2009. 262 Angeführt werden sollen hier nur die vielleicht bekannteren Beispiele, deren wichtigster Verdienst gewesen sein dürfte, mittels der Literatur das Ereignis in der Erinnerung zu behalten: Hong 2005, das englische Original erschien 1995; Bell 1990; Zimmer 1998. 263 Umfassendere biografische Angaben zu Ma Jian liegen bislang nicht vor, als Quellen stehen diverse Interviews, Bemerkungen in seinen ins Englische übertragenen Werken u. Ä. zur Verfügung. Vgl. etwa das Nachwort zu der Erzählsammlung Ma 2006, S. 82 – 90. Einen guten biografischen Überblick samt im Internet und anderweitig vorhandener Quellen bietet die Diplomarbeit von Breetzke 2010. 264 Zu den Ausgaben des Romans siehe Ma Jian 2009. 84 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas die „Kampagne gegen geistige Verschmutzung“ in Gang gesetzt hatten. Im Jahr darauf brach Ma zu einer mehrjährigen Reise durch China auf, die ihn bis nach Tibet führte. Auf dieser Reise beruhten eine ganze Reihe von frühen Erzählungen sowie der später verfasste und 1999 erstmals erschienene autobiografische Reisebericht Roter Staub.265 Die im Anschluss an die Reise 1987 erfolgte Publikation von fünf Erzählungen, in denen ein kritisches Tibet-Bild geboten wurde, sorgte für einen Eklat in der VR China und veranlasste Ma zur Übersiedlung nach Hongkong, wo er in den folgenden Jahren weitere literarische Werke veröffentlichte und im Verlagswesen tätig war. In der VR China wird Mas Werk seither mit Publikationsverbot belegt, es sei denn, er unterwirft sich der Zensur oder veröffentlicht unter einem anderen Namen. An den Protesten auf dem Platz des Himmlischen Friedens im Frühjahr 1989 war Ma ebenfalls beteiligt, verließ die Hauptstadt aber einige Tage vor dem Massaker und kehrte in seine Heimatstadt zurück, wo sein Bruder nach einem Unfall ins Koma gefallen war. Im deutschen Sprachraum wurde Ma vor allem durch eine Reihe von Übersetzungen bekannt, zumal er vorübergehend als Dozent in Bochum tätig war. Seit Ende der 1990er-Jahre lebt Ma, der mit seiner Übersetzerin Flora Drew verheiratet ist, in London. Zwar ist Ma Jian seit den 1980er-Jahren einem Kreis von Liebhabern chinesischer Literatur bekannt, doch hat sein Werk nur begrenzt das Interesse der Wissenschaft geweckt.266 Schon Ma Jians frühes Werk ist geprägt von einem gesellschaftskritischen Ton, der mit der Zeit an Stärke und Deutlichkeit gewann. Seine Bücher reflektieren die wachsenden gesellschaftlichen Widersprüche und Spannungen als eine Folge der Ende der 1970er-Jahre eingeleiteten Reformpolitik und der seitdem auftretenden politischen Ereignisse. Schon in Nudelmacher 拉面者, einer 1991 in Hongkong erschienenen Sammlung von zusammenhängenden Erzählungen,267 thematisierte Ma die später in Beijing Coma so brillant wieder aufgegriffene Taubheit im Sinne einer Verunsicherung und Orientierungslosigkeit. Ma beschränkte sich dabei nicht auf die Gewaltereignisse vom 4.  Juni 1989 als Verursacher dieser Taubheit. Vielmehr stellte er einen Zusammenhang mit den negativen Auswirkungen der Reformen her. Der Mangel an echter Freiheit ist gepaart mit der Unfähigkeit der Menschen, mit zahlreichen neuen Möglichkeiten umzugehen. („Wie kann eine Gesellschaft, die von der Diktatur betäubt worden ist, jemals ihren Weg in der modernen Welt von heute finden? Wir sind nicht in der Lage, etwas nur für uns zu denken.“268) Ma Jians Œuvre liest sich wie eine Warnung vor den verheerenden Folgen des „chinesischen Sonderweges“ der Modernisierung. Eine Politik, die einzig auf das wirtschaftliche Wachstum, den vermeintlichen Fortschritt und materiellen Wohlstand ausgerichtet ist, muss ohne geeignete politische Freiheiten zur Zerstörung aus Habgier und Korruption führen. 265 Zu der engl. Übertragung siehe Ma Jian 2002. 266 Eine der bislang wichtigsten Arbeiten zu Ma, die sich aber nur mit dessen frühem Werk befasst, liegt vor mit Kojima 1994. Das Frühwerk wird allgemein der in den 1980er-Jahren in China verbreiteten „Literatur der Wurzelsuche“ zugeschrieben. 267 Zur engl. Fassung vgl. Ma Jian 2004. 268 Ebd., S. 67. 85 6 Erwachen? Mas bisher imposantestes Werk, in dem seine Kritik gebündelt wird, ist Beijing Coma. Den zeitlichen Rahmen der Handlung bildet das Jahrzehnt zwischen den Ereignissen vom 4. Juni 1989 und den Angriffen auf die Falungong-Sekte 1999. Dai Wei, der Ich-Erzähler des Romans, liegt seit zehn Jahren im Koma. Als Student einer Pekinger Eliteuniversität hat er schon kurz nach dem Beginn der Proteste eine herausragende Stellung eingenommen. Als das Militär am 4. Juni auf Befehl der Regierung mit der gewaltsamen Auflösung der Demonstrationen beginnt, wird Dai Wei angeschossen. Eine Kugel dringt in seinen Kopf. Taubstumm und gelähmt, wird Dai Wei von nun an von seiner Mutter gepflegt, bevor er nach Jahren das Bewusstsein zurückerlangt. Allerdings hat sein Verstand die Zeit über nicht stillgestanden. Bewegungslos und gefangen in seinem Körper, registriert Dai Wei die Veränderungen um sich herum sehr genau und wird angesichts der grassierenden Geldgier und des Konsumverhaltens ein zweites Mal zum Opfer. Wehrlos, doch bei vollem Bewusstsein, muss Dai Wei miterleben, wie selbst die eigene Mutter seinen Körper missbraucht und eine seiner Nieren verkauft. Sein langes Überleben im Zustand des Komas beschert Dai Wei den Status eines Helden und Medizinwunders. Auch sein von Zeit zu Zeit erigiertes Glied – einzig sichtbarer Hinweis auf Dai Weis anhaltendes Leben und Fühlen – wird in schockierenden Szenen von Freunden und Fremden zum eigenen Lustgewinn ausgenutzt. Der Aufbau des Buches überzeugt. Obwohl der mit den Zeitereignissen vertraute Leser weiß, was kommen wird, gelingt es Ma auf eindrucksvolle Weise, die Spannung zu steigern. In dichten Szenen werden Ereignisse und Atmosphäre auf dem Platz während der Wochen vor dem Massaker beschrieben: der Enthusiasmus der Studenten und ihre Naivität; das Vertrauen in die eigene Stärke, wenn sie geeint auftreten; die vermeintliche Gewissheit, sich auf dem Weg des Fortschritts zu befinden, die Öffnung zu wagen und bei ihrem Tun von den Reformkräften in der Partei unterstützt zu werden. Es wird aber nicht idealisiert, im Gegenteil – die ganze Komplexität der Entwicklung findet Berücksichtigung. Ma Jian beschreibt in nüchternem Ton die Grabenkämpfe zwischen sich herausbildenden Fraktionen, nennt ganz praktische Dinge der Organisation des Lagerlebens auf dem Platz und erzählt von den Liebesbeziehungen der jungen Leute. Die sich immer wieder verbreitenden Gerüchte, die die Studenten zum Weitermachen veranlassen, auch wenn die Unsicherheit wächst, besitzen von Beginn an einen bedrohlichen Charakter. Dadurch entsteht eine dichte Atmosphäre aus Hoffnungen, Gefühlen, politischem Anspruch, aber auch Unwissenheit. Ma Jian verwendet große Anstrengungen auf die Beschreibung dieser Atmosphäre. Umso größer ist der Kontrast, der durch die Konfrontation mit den Szenen der Gewalt und Zerstörung am Ende des Buches entsteht. Ma hätte das brutale Massaker am 4. Juni 1989 viel drastischer ausmalen können. Doch die Bilder, die die Zeugen dieser Zeitereignisse im Kopf haben, sind bekannt. Mit der Beschränkung auf wenige, eindrucksvolle Szenen, in denen die gerade noch ganz dem Leben zugewandten jungen Leute verkündeten, für die große Sache zu sterben ohne eine Vorstellung vom Tod zu haben und plötzlich als zerfetzte Leichen auf dem Platz des Himmlischen Friedens liegen, schreibt Ma Jian gegen das verordnete Vergessen an und schafft ein Epos, das vom Drama Chinas in unserer Zeit handelt. Indem er den langen Weg der von Mord, Gewalt und Zerstörung begleiteten Machtübernahme durch die Kommunisten 1949 ins Bewusstsein ruft, macht er klar, dass es ohne Erinnerung keine Zukunft geben kann. Dieses so entstandene Bild einer 86 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas nicht enden wollenden Gewalt rundet er ab mit Szenen am Schluss des Buches, die auch für die Gegenwart den Eindruck von Krieg und Zerstörung hinterlassen. Noch bevor Dai Wei aus dem Koma erwacht, wird der Gebäudekomplex, in dem er mit der Mutter lebt, an einen Investor verkauft und soll einem kommerziellen Zweck zugeführt werden. Doch die Mutter weigert sich bis zum Schluss, auszuziehen, und verbringt die letzten Tage vor der endgültigen Zerstörung des Heims in Ruinen. So wird Dai Weis lebloser Körper zur Metapher für ein China, das zwar wirtschaftlich prosperiert, dessen Bürger aber weiterhin Denk- und Erinnerungsverboten unterliegen. Betäubt von Konsum, Besitz, Wohlstand, Parolen und Versprechungen sind die Wünsche, Fantasien, Träume und Gedanken in einem unklaren Dahindämmern versunken. Der Koma-Patient Dai Wei nimmt das folgendermaßen wahr: Hörend nehme ich wahr, wie sich die Gesellschaft verändert, unentwegt entstehen neue Wörter: man spricht von Saunabesuchen, dem privaten Besitz von Autos, Immobilienmaklern und Ratenkrediten. Ich höre, dass in der Nähe der Universität ein Mediamarkt entstanden sein soll, in jedem Unternehmen soll es mittlerweile Computer geben. Niemand spricht mehr von der Bewegung des 4. Juni oder von Unterschlagung und Korruption. Die Chinesen sind Meister darin, aus großen Problemen kleine zu machen und kleine Probleme am Ende ganz zum Verschwinden zu bringen.269 Bei seinem Erwachen nach mehr als zehn Jahren findet sich Dai Wei in einer von Werte-, Moral- und Erinnerungsverlust geprägten Gesellschaft wieder. Dem möglichen Verdacht, er rede mit seinem Koma-Bild den Vorzügen einer inneren Freiheit das Wort, die der äußeren vorzuziehen sei, entgeht Ma Jian, indem er das Gefangensein im nur Körperlichen und Materiellen nicht als Glück, sondern als Zustand der Qual beschreibt. Versteht man Ma richtig, so ist volle geistige Freiheit ein unverzichtbarer Bestandteil von Glück – nach Lage der Dinge ein Zustand, der den Menschen in China weiterhin vorenthalten bleibt. 269 Vgl. die chinesische Romanfassung Ma Jian 2009, S. 410.

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References

Zusammenfassung

Die Frankfurter Buchmesse von 2009 liegt einige Jahre zurück. Damals war China Gastland und hat sich von seiner besten Seite gezeigt. Warum also heute ein Buch über die chinesische Gegenwartsliteratur schreiben? Die Antwort darauf fällt kurz aus: Weil 2009 viel zu wenig gesagt wurde. China ist ein Land der Widersprüche, und noch immer spielen Zensur, Verschweigen und Beschönigungen eine große Rolle. Wer das Land aber verstehen will, der tut gut daran, auch seine Literatur zu verstehen und die Bedingungen, unter denen sie heute existiert: Wie stark ist die offizielle Gängelung – gibt es Zensur, und wie funktioniert sie? Wie steht es um die Verlage – sind sie noch fest im Griff der Partei? Und wie funktioniert die Interaktion zwischen Autoren, Verlagen und Lesern? Anhand namhafter älterer und jüngerer Autoren aus der Volksrepublik unternimmt der Sinologe Thomas Zimmer erstmals den Versuch, die Spielräume von Literatur, Kunst und Kultur im Spannungsfeld staatlicher Kontrolle, Zwängen des Marktes und zunehmender internationaler Vernetzung im China der Gegenwart zu erörtern.