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5 Probleme der modernen chinesischen Literatursprache in:

Thomas Zimmer

Erwachen aus dem Koma?, page 71 - 80

Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3911-3, ISBN online: 978-3-8288-6659-1, https://doi.org/10.5771/9783828866591-71

Tectum, Baden-Baden
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71 5 Probleme der modernen chinesischen Literatursprache 5 Probleme der modernen chinesischen Literatursprache Die chinesische Literatursprache, die ihre Stärken vor allem in der Dichtkunst und in einzelnen Gattungen der Prosa entwickelt hat, zeichnete sich über Jahrtausende hinweg durch ein hohes Maß an Dichte und Eleganz aus. Angelagerte Bedeutungen, konzentriert in einzelnen Zeichen, eröffneten Anspielungen und Interpretationen ein weites Feld. Vor allem die Dichtkunst lebte vom Zauber des Ahnens, des Rhythmus und des Klangs. Sie erlangte dabei über die Jahrhunderte etwas Dunkles, oft nur noch schwer Deutbares.219 5.1 Wandel eines Mediums Historisch betrachtet existierten im China der Kaiserzeit über viele Jahrhunderte hinweg zwei Formen der Schriftsprache. Eine ältere Variante unter dem Begriff wenyan 文言 hatte ihren Ursprung in den angesehenen Klassikern der Dichtkunst, Philosophie und Geschichtsschreibung aus der antiken vorchristlichen Zeit. Sie wurde zur Grundlage für den gesamten verbindlichen Kulturkanon. Diese antike Schriftsprache war Norm und Vorbild bis in die ersten Jahre des 20. Jahrhunderts hinein, gelegentlich um einige Bilder und Variationen angereichert, aber doch nie grundlegend den jeweiligen sprachlichen Neuerungen und Kommunikationsbedürfnissen angepasst. Unter dem Einfluss des Sprachwandels, der Übersetzungstätigkeit (vor allem Schriften aus dem Buddhismus) und der Verbreitung neuer literarischer Formen entstand etwa um die Mitte des nachchristlichen Jahrtausends eine stärker der gesprochenen Sprache angenäherte Form der Schriftsprache, die später die Bezeichnung baihua 白话 erhielt.220 Die baihua war immer ein Zwitter: Elemente der gesprochenen Sprache in sich aufnehmend, ohne diese freilich vollständig zu verschriften, machte sie immer wieder sprachliche Anleihen bei der wenyan, ohne freilich deren verbindlichen Status zu erlangen. Das geringere Ansehen, das dieses schriftsprachliche Zwitter-Medium genoss, drückte sich darin aus, dass es weitgehend der neueren fiktionalen Erzählung – also den Romanen und Geschichten der xiaoshuo 小说 seit dem 13./14. Jahrhundert – und ggf. dem volkstümlichen Liedgut vorbehalten blieb. Nur sehr wenige Werke dieser frühen baihua-Literatur, wie etwa der aus dem 18. Jahrhundert stammende Roman Traum der Roten Kammer 红楼梦 von Cao Xueqin 曹雪芹, erreichten überhaupt den Status, um einen neuen Kanon der Literatur in ebendieser viel späteren schriftsprachlichen Variante zu schaffen.221 219 Zu den Möglichkeiten der Weltdeutung von Sprachen vgl. u. a. Deutscher 2010. 220 Vgl. Zimmer 1999a. 221 Vgl. Zimmer 1999b. 72 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas Über einen langen Zeitraum hinweg herrschte eine seltsam statische Situation, die sich erst zu verändern begann, als die Träger der Sprache – Gelehrte, Dichter, Beamte und Schriftsteller (oft alles in einer Person) – gerade die Variante der wenyan nicht mehr als ausdrucksadäquat zu empfinden begannen.222 Von außen her angeregt wurde der Wandel vor allem durch Konflikte mit den Staaten des Westens und politische sowie soziale Veränderungen im 19. Jahrhundert.223 Eine der treibenden Kräfte hinter den nun einsetzenden Entwicklungen war der Schriftsteller, Intellektuelle und Politiker Liang Qichao 梁啟超 (1873 – 1929), der zu einer „Revolution in der Erzählkunst“ aufrief und in diesem Zusammenhang den Begriff der „Neuen Erzählkunst“ 新小说 prägte. Alle Neuerungen – angefangen von der Religion, der Moral, der Politik, den Sitten und Bräuchen sowie der Kunst bis hin zu einer neuen Persönlichkeit der Menschen und einem neuen Gewissen – waren Liang zufolge an die Erneuerung der Erzählliteratur geknüpft. Allein ihr, der Erzählliteratur, maß Liang die Fähigkeit zu, den Menschen in seiner Humanität anzuleiten.224 Im Rahmen der umfassenden Reform anstrengungen am Ende der Kaiserzeit und während der beginnenden Republikzeit setzten zudem – unterstützt von dem Aufruf nach einer Reform der Literatur – auch erste sprachplanerische Aktivitäten ein, um der neuen Schriftsprache größere Geltung zu verschaffen.225 Ein Blick in Texte jener Zeit zeigt sehr schnell, dass die neue Schriftsprache auch weiterhin ein Zwittermedium blieb – eine seltsame Mischung aus klassischer Schriftsprache, der gesprochenen Sprache angenäherten Varianten einer sich herausbildenden Hochsprache, angereichert mit Dialektismen und neuen Fremdwörtern, für die sich erst mit der Zeit verbindliche Formen fanden.226 Es bedurfte der jüngeren Generation von Literaten aus der Zeit um die „Bewegung vom 4. Mai 1919“, um eine gerade auch künstlerisch überzeugende Schrift- und Literatursprache zu entwickeln. Glanzleistungen in dem neuen Medium waren freilich die Ausnahme.227 Die in der folgenden Zeit unternommenen Versuche seitens der Schriftsteller, Sprachwissenschaftler und Politiker, China eine neue, eine „moderne“ und den Erfordernissen der Zeit entsprechende Sprache (nämlich eine landesweit verstandene 222 Vgl. dazu u. a. Han Shaogong 2012, S. 111. 223 Vgl. dazu u. a. Wang 1997. 224 Siehe dazu Liang Qichaos richtungsweisenden Artikel „Über das Verhältnis des Romans und die Befindlichkeit der Massen“ 论小说与群治的关系, der 1902 in der Zeitschrift Xin xiaoshuo von Yokohama erschien. Zur englischen Übersetzung des gesamten Textes siehe Kockum 1990, S. 104 – 109. 225 Zu einer Übersicht vgl. Martin 1982. Zur Problematik einer frühen Systematik bei der Beschreibung des Chinesischen vgl. Xu Liejiong 2008, S. 273 f. 226 Zum Problem der Konkurrenz baihua/wenyan vor allem mit Blick auf die wichtige Rolle der Übersetzungstätigkeit vgl. den Überblick bei Milena Doleželová-Velingerová: „The Origins of Modern Chinese Literature“, in: Goldman 1977, S. 18 – 25 bzw. 33 – 35. Gao Xingjian hat die seinerzeit angefertigten Übersetzungen aus den westlichen Sprachen als „grob und willkürlich“ 粗燥的硬译 bezeichnet. Vgl. dazu seinen Aufsatz „Das moderne Chinesisch und das Schreiben von Literatur“ 现代汉语与文学写作, in: Gao Xingjian 2008, S. 98 – 110. Vgl. als Überblick zur Frage der Lehnwortbildung im Chinesischen den Aufsatz von Lai/Zimmer 1993. 227 Vgl. Li Tuo 1993, S. 70. 73 5 Probleme der modernen chinesischen Literatursprache Hochsprache und eine Schriftsprache) zu geben, bewegten sich in dem schwierigen Spannungsfeld zwischen Modernisierung und Traditionsbewahrung, nationalsprachlicher Einheit und dialektaler Vielfalt, Eigenem und Fremden sowie den Bemühungen, sich dabei eine eigene Identität zu schaffen.228 Dennoch besteht weitgehend Konsens darüber, dass die neue Schriftsprache in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts weitgehend ein Zwitter blieb, keine „natürliche“ Entwicklung durchmachen konnte, sondern ganz bewusst für politische und kulturplanerische Zwecke eingesetzt wurde.229 5.2 Das Ringen um Innovation. Sprachplanung und Spielräume Die Vieldeutigkeit der chinesischen Schriftsprache – ein Kennzeichen der klassischen Dichtkunst und von Freunden der Poesie ebenso geschätzt wie von Übersetzern gefürchtet – verlieh der Literatur in China seit jeher etwas Flirrendes. Auch chinesische Dichter der Moderne schätzen am klassischen Idiom die seltsame Spannung, die sich aufgrund einer vorgegebenen Zahl von Silben, dem lautlichen Rhythmus und der eigentümlichen den Zeichen mitgegebenen Bildhaftigkeit entwickelt. Das Chinesische – so sagen dann die Kenner – zeichne sich nicht durch Stringenz aus, sondern durch einen sprachlichen Raum 语言的空间, Flexibilität und Sprunghaftigkeit.230 Trotz aller Veränderungen, die die chinesische Sprache vor allem in dem zurückliegenden Jahrhundert durchgemacht hat, gibt es nicht zuletzt aufgrund der Schriftzeichen eine eigene Bruchlosigkeit, die selbst von der Reform der Schriftzeichen nach 1949 nicht gänzlich abgeschafft wurde, zumal die Durchsetzung eines vollständigen Ersatzes der Zeichen durch die Pinyin-Umschrift scheiterte.231 Das Problem ist freilich nun auch hier, dass sich die moderne chinesische Sprache nach der Gründung der Volksrepublik nur zum Teil „natürlich“ entwickelt hat. Eine ganz neue und bis heute bedeutsame Dimension erhielten die sprachplanerischen Maßnahmen in den Massenkampagnen zur Förderung der Bildung und Durchsetzung der Propaganda: Vereinfachung der Schriftzeichen, Festlegung der Aussprachekonventionen und Einführung einer verbindlichen lateinischen Umschrift sind hierbei als Kernpunkte anzuführen.232 Hinter den euphemistisch als „Sprachplanung“ ausgegebenen Anstrengungen, die dem „Fortschritt“ und der „Entwicklung“ Chinas dienen sollten, verbarg sich selbstverständlich ein höchst effizienter Kontrollmechanismus, Sloganisierung und Normierung von Sprache behinderten den souveränen Umgang des Einzelnen mit der Welt auf das Massivste. Es lässt sich nicht leugnen, dass die 228 Vgl. zu den Entwicklungen und Problemen bis in die späten 1930er-Jahre hinein die Untersuchungen von Tsu 2005. 229 Vgl. das Interview mit dem bekannten chinesische Künstler und Kunstkritiker Chen Danqing 陈丹青 bei Xu Zidong 2011, S. 270 – 282. 230 Vgl. Xi Chuan 2013, S. 166. 231 Vgl. Gedicht 2013. Der Artikel entstand auf der Grundlage eines Gesprächs mit dem Dichter Yu Jian 于坚. 232 Zu den auch während des Modernisierungsprozesses nach dem Ende der Kulturrevolution anhaltenden Bemühungen vgl. Geduhn 1985. 74 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas normierte Sprache für das Denken wie eine „Leitplanke“ wirkte.233 Sprache entfaltete sich nicht mehr frei, individuelle Stile wurden weitgehend unmöglich gemacht. Die Sprache diente – wie Victor Klemperer (1881 – 1960) dies sehr anschaulich am Beispiel der Sprache des Dritten Reiches verdeutlicht hat – vor allem der „Beschwörung“. Der Einzelne wurde um sein individuelles Wesen gebracht, seine Persönlichkeit wurde betäubt, ideologisch gefärbte Klischeesprache führte zu „verklebtem“ Denken.234 Angelegt in dieser umfassenden Instrumentalisierung der Sprache war sogleich auch eine Ausdrucks armut.235 Die chinesische Sprache war in den 1950er- und 1960er- Jahren das, was Roland Barthes in seinen Mythen des Alltags als „Objektsprache“ bezeichnet. Das heißt, das Chinesische war weitgehend eine politische Sprache und als solche war sie direkt mit dem Objekt (in Form der zeitgenössischen Gesellschaft), auf das sie handelnd einwirkte, verbunden.236 Insbesondere das offizielle Vokabular nahm einen axiomatischen Charakter an, die Sprache funktionierte weitgehend nur noch als Code.237 Die „ideologische Sprache“ besaß dabei ihre eigene Komplexität. Einerseits gab es die konkreten Termini und politische Phrasen mit relativ klarem politisch-ideologischen Bedeutungshintergrund wie Sozialismus (shehuizhuyi 社会主义), Gedanken Mao Zedongs (Mao Zedong sixiang 毛泽东思想), Revolution (geming 革命) etc. Relativ klar waren auch die Namen politischer Organisationen wie Jugendliga (gongqingtuan 共青团), Kommunistische Partei (gongchandang 共产党) oder die Namen politischer Kampagnen wie Landreform (tugai 土改), Kooperativenbewegung (hezuohua 合作化) usw. In die gleiche Kategorie fielen Begriffe, die Klassenstatus andeuten, wie arme Bauern (pinnong 贫农), Landlord (dizhu 地主) etc. oder die Zitate von Marx, Lenin, Stalin und Mao. Dem gegenüber standen Wörter, die ursprünglich konkret und im wörtlichen Sinne keine politische oder ideologische Färbung besaßen, die jedoch im Laufe der Propaganda eine metaphorische Bedeutung annahmen mit Bezug zur Politik und Ideologie, z. B. Weg/Straße (daolu 道路), Gedanke (sixiang 思想), lernen (xuexi 学习), kritisieren (pipan 批判) oder Kampf (douzheng 斗争). Ihr Höchstmaß an ideologischer Prägung erreichte die chinesische Sprache in den intensiven Kampagnen der Kulturrevolution 1966 bis 1976. Im Mittelpunkt stand die korrekte Botschaft, die klare, unzweideutige Mitteilung, die keinerlei Zweifel – auch an der Richtigkeit der Äußerungen – zuließ. Wenn man – um mit den Argumenten der modernen Literaturphilosophen (wenigstens denen im Westen) zu sprechen – als ein wesentliches Merk- 233 Vgl. dazu die Bemerkungen bei Ralf Moritz: „Denkstrukturen, Sachzwänge, Handlungsspielräume: Die chinesische Intelligenz im Konflikt der Ordnungsmuster“, in: Pohl/Wacker/Liu (1993), S. 59 – 108, hier S. 84 234 Vgl. Klemperer 1975. 235 Zum anhaltenden Mangel an literarischer Ausdrucksfähigkeit der chinesischen Autoren vgl. die Dankesrede des Exilschriftstellers Ma Jian 马建 für die Verleihung des freien chinesischen Kulturpreises in der Kategorie „Fiktionale Erzählung“, in: Bei Ling 2009, S. 404 – 406. 236 Zum Wesen der revolutionären Sprache und der Entwicklung zur mythischen Sprache vgl. Barthes 2010, S. 300. Was Barthes über die Geburt des „Stalinschen Mythos“ aus dem Sozialismus heraus sagt (vgl. ebd., S. 301), lässt sich fraglos auch auf den Mythos von Mao übertragen. 237 Vgl. den Abschnitt „Afrikanische Grammatik“, in: ebd., S. 178. 75 5 Probleme der modernen chinesischen Literatursprache mal für Literatur den Reichtum an Anspielungen und Vieldeutigkeit annimmt, dann ist der literarische Charakter vieler Werke aus der Zeit der Kulturrevolution grundsätzlich anzuzweifeln.238 Die Literatursprache nach der Kulturrevolution bemühte sich im Gegensatz darum, mehr Umgangssprache zu wagen. Sie trat ein für den Nicht-Standard, gefiel sich in Mehrdeutigem. Vor allem die sprachkünstlerischen Versuche der Dichter der „hermetischen Lyrik“ seit den späten 1970er-Jahren galten als subversive Akte, mit denen die Eindeutigkeit und der „maoistische Sprachstil“ der Prosa aus der Zeit davor dichterisch-künstlerisch untergraben werden sollte.239 Die Zeiten des starren „Parteichinesisch“ 党八股, der Formelsprache der Partei, sind jedoch auch heute längst nicht überwunden. Das anhaltende Leiden der Dichter wird nachvollziehbar, wenn sie wie Xi Chuan 西川 den schwierigen sprachlichen Entwicklungsprozess bei der Suche nach einer Sprache für ihre Dichtung beschreiben und die Probleme mit den „Sprachhülsen“ anführen. Xi Chuan hat für das Phänomen den schönen Begriff einer „Rhetorik der Diskrepanz“ 矛盾修辞 geprägt, der man sich bedient, wenn die Sprache nicht mehr authentisch ist, wenn also nicht mehr „wahr“ gesprochen wird.240 Die Sprache verkommt dann zu einem, wie Adorno es nannte, „Jargon“. Sie wird ein Sprachmedium mit einem hohen Maß an formalem Charakter, dema gogische Zwecke begünstigend, fester Bestandteil jeder Kaderkultur. Dieser Jargon ist somit die „zweite Sprache der Sprachfremden und Sprachlosen.“241 Konkrete Beispiele für leere, nichtssagende, von der Partei und Propaganda vorgestanzte Begriffe lassen sich auch heutzutage in China noch zuhauf finden, wohingegen traditionelle Verwendungen und an die Zeichen angelagerte Bedeutungen aus dem Altertum, mit denen ebenfalls wunderbare Differenzierungen möglich sind, zum größten Teil verlorengegangen sind.242 Eine denkbare Erneuerung könnte in einer stärkeren Verschriftlichung der Dialekte bestehen, doch sind hier politische Grenzen vorhanden. Die chinesische Literaturwissenschaft bestätigt weisungsgemäß diese Verhinderung von Vielfalt durchaus, jedenfalls bietet die Förderung der Dialektliteratur für sie keine 238 Vgl. hierzu die Ausführungen bei Eagleton (2012, S.  83), wo er u. a. auf Derrida Bezug nimmt. 239 Zu diesem Begriff, der in der englischen Fassung als „Maoist language“ bezeichnet wird, siehe Li Tuo 1993, S. 73 f. 240 Vgl. Xi Chuan 2013, S. 168. Xi Chuan weist hier ähnlich wie weiter unten Perry Link auf eine nicht zu fassende Ebene der Realität hin, die es in China gebe. Verwirrung wird hervorgerufen angesichts der Diskrepanzen zwischen dem, was gesagt oder geschrieben, und dem, was gemacht wird bzw. was tatsächlich vorhanden ist. Als Beispiel führt Xi Chuan den Begriff „Sozialismus chinesischer Prägung“ an und kommt zu dem Schluss, dass es sich ganz offenbar nicht um den ursprünglichen Sozialismus, sondern um einen rhetorisch verbrämten handelt. Der Sprache mangelt es dadurch am Ende an Sicherheit und Verbindlichkeit. Xi Chuans Fazit: „Die chinesische Gesellschaft ist gekennzeichnet durch eine riesenhafte widersprüchliche Umschreibung“ 中国社会是一场巨大的矛盾修辞. Ebd., S. 168. 241 Zusammengefasst nach dem Zitat bei Adorno 1969, S. 69. 242 Zum Beispiel, wenn von der Errichtung einer „Plattform“ (pingtai 平台), der Schaffung eines „Mechanismus“ (jizhi 机制) oder der Fertigung eines „dynamischen Musters“ (dongtai moxing 动态模型) etc. die Rede ist. Vgl. Han Shaogong 2012, S. 114 f. 76 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas Perspektive. In dürren Worten heißt es dann zum Beispiel: „Das moderne Chinesische ist das gegebene Medium der modernen chinesischen Literatur. […] Die Schriftsteller der nationalen Minderheiten, die ihre Werke in der Schriftsprache des modernen Chinesisch abfassen, finden Eingang in die Geschichte.“243 5.3 Tendenzen des Wandels In welchem Zustand zeigt sich nun die chinesische Sprache und insbesondere die chinesische Schrift- und Literatursprache in unserer Zeit? Ist man in China angesichts von Globalisierung, Internet und anderen internen und externen Zwängen tatsächlich bereits in einem Zustand der „Sprachlosigkeit“ angelangt, wie das Bei Dao vor wenigen Jahren beklagte, als er von der „Vereinfachung der sprachlichen Ausdruckskraft der Menschheit“ sprach.244 Um abzuschätzen, in welchem Umfeld sich solch ein Plädoyer wie das von Bei Dao überhaupt abspielt, ist es notwendig, sich kurz die neuesten Entwicklungen in der chinesischen Sprache zu vergegenwärtigen.245 In China besteht auch weiterhin keine Kongruenz zwischen der in vielerlei Hinsicht künstlichen offiziellen und der nicht offiziellen Sprache.246 Es handelt sich um zwei verschiedene Arten des Sprechens. Die Lexik und Metaphorik der offiziellen Sprache ist gekennzeichnet durch eine Starrheit und Strenge, gleichzeitig einschüchternd und ausweichend.247 Grammatik und Rhythmus der offiziellen Sprache, die beide ebenfalls stark von westlichen Einflüssen geprägt sind, machen Formulierungen scheinbar klarer, geben ihnen den Anschein von mehr Wissenschaftlichkeit und statten sie mit größerer Autorität aus.248 All diese Manipulationen verleihen der öffentlich sichtbaren offiziellen Sprache – z. B. in Zeitungen, amtlichen Publikationen und Propagandaslo- 243 Cao Wansheng 2010, S. 7. 244 Vgl. den Artikel von Bei Dao 2011. 245 Den chinesischen Sprachplanern und Literaturwissenschaftlern dürfte heutzutage bewusst sein, dass die moderne chinesische Schriftsprache weiterhin kein ideales Medium darstellt. So haben sich die Diskussionen darüber zum Teil auf ein Feld verlagert, das zeigen soll, dass Sprache und Literatur in China heute vor allem Zeit und Ruhe für eine weitere Reifung benötigen. Den bei dem Thema zwangsläufig aufkommenden politischen und ideologischen Fragen wird damit ausgewichen. Vgl. z. B. Wu Jun 2011. 246 Link nennt diese offizielle Sprache schlicht und einfach „colorless and boring“. Vgl. Link 2013, S.  241. Ausgewertet wurde hier vor allem der Abschnitt „Politics“ (S.  234 – 348) in Links Buch. Zu beachten ist, dass sich Link nicht speziell – und wenn, dann nur am Rande – mit dem Phänomen der Literatursprache auseinandersetzt. Ihm geht es vielmehr darum, die allgemeinen Entwicklungslinien, die Einflüsse und Mechanismen sprachlicher Veränderungen im China der Gegenwart zu verdeutlichen. 247 Vgl. ebd., S. 245. Link führt dies auf die o. g. Lehnwortproblematik zurück. 248 Auswirkungen hat das z. B. auf Verben, die zu Nomen werden, so etwa wenn man aus tigao 提高 („steigern“) „Steigerung“ macht. Diese Änderung der Wortart verleiht der offiziellen Sprache einen starren „Befehlston“. Vgl. ebd., S. 261 ff. 77 5 Probleme der modernen chinesischen Literatursprache gans auf Spruchbannern – durch Übertreibungen weiteres moralisches Gewicht mit dem Ziel der Machtsicherung.249 Macht- und herrschaftssichernde Umgangs- und Kommunikationsformen, die darauf zielen, sensible Themen zu vermeiden, um die eigene Macht nicht zu gefährden, werden auch auf der sprachlichen Ebene widergespiegelt, indem man Dinge nicht direkt benennt, sondern in andere sprachliche Begriffe fasst. Es entsteht somit eine Tendenz zu Indirektheit, Lüge und Euphemismus.250 Eine derart stark der ideologischen Kontrolle ausgesetzte Sprache durchdringt am Ende die gesamte Kultur und macht selbstverständlich auch vor der Literatur nicht Halt. Die von der Partei eingeforderte Konformität zwingt die Menschen vor jeder öffentlichen Äußerung dazu, sich genau zu überlegen, „what to say, what not to say, how to put things, and what vocabulary to use“.251 Einen guten Überblick über die aktuellen und künftigen Entwicklungen geben die jährlichen Berichte zur chinesischen Sprache, die die Sprachkommission des Chinesischen Erziehungsministeriums veröffentlicht.252 Von eher harmloser „Sprachpflege“ wird man im Falle Chinas nicht sprechen dürfen, da Verlage und Medien weiterhin unter einer starken staatlichen Kontrolle stehen. Ausdrücklich weist der Bericht da rauf hin, dass der Schrift- und Sprachpflege 语言文字事业 von staatlicher Seite aus strategische Bedeutung zukommt. Hervorgehoben wird beim Sprachwandel die „Versachlichung“ 事件化 der Sprache und die „Verdichtung“ 浓缩化 von Nachrichten. Ein Resultat daraus sei, dass zwar ständig und aus zahllosen Anlässen neue Begriffe entstünden, die jedoch ebenso schnell wieder verschwänden. Nur am Rande erwähnt wird in dem soeben angeführten amtlichen Bericht die eigentlich viel bedeutsamere Tatsache, dass nämlich Internet-, Blogger- und Twitter-Dienste neue Spielräume geschaffen haben, die subversiv genutzt werden können und einer kritischen Öffentlichkeit Plattformen bieten – selbst wenn das in den meisten Fällen nur vorübergehend der Fall ist. Zwei Beispiele aus den vergangenen Jahren mögen zeigen, wie kreativ der homophone Charakter des Chinesischen genutzt werden kann. In der Debatte um den „Flusskrebs“ (héxiè 河蟹) wurde auf die von der Regierung propagierte Schaffung einer „harmonischen“ (héxié 和谐) Gesellschaft angespielt. Das starke staatliche Pressing zur „Harmonisierung“ kam auch in neuen Wortschöpfungen wie dem „Harmonisiertwerden“ (bei hexie 被和谐) zum Ausdruck und spiegelte den Zwangscharakter dieser Maßnahmen wider. Ein weiteres schönes, noch komplexeres 249 Vgl. dazu auch ebd., S. 267 – 277. 250 Vgl. zu diesem Urteil ebd., S. 309 f. 251 Ebd., S. 296. Link führt bezüglich des Einflusses der ideologisierten Sprache auch auf die literarischen Werke insbesondere die „Wundenliteratur“ der Post-Mao-Ära an. Zu seinen Vorwürfen, dass diese Literatur die Sprache und literarischen Formen der Mao-Zeit übernommen habe, vgl. ebd., S. 302. 252 Für den folgenden Überblick wurde der „Bericht zur Lage der chinesischen Sprache 2010“ 2010年中国语言生活状况报告 konsultiert, der u. a. deshalb interessant ist, weil von der chinesischen Regierung Ende Juli 2010 die „Staatlichen Pläne und Richtlinien für die mittel- und langfristigen Reformen und Entwicklungen im Erziehungswesen (2010 – 2020)“ 《国家中长期教育改革和发展规划纲要 (2010 – 2020年)》veröffentlicht wurden. Online zu finden unter http://edu.people.com.cn/GB/14620075.html, eingesehen am 11.8.2015. 78 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas Beispiel ist die sprachspielerisch und multimedial vorgetragene Kritik des Künstlers Ai Weiwei, die unter der Bezeichnung „Grasschlammpferd“ (căonímă 草泥马) bekannt geworden ist und homophon (mit leichter tonaler Veränderung) ein schlimmes Schimpfwort darstellt: càonĭmā 操你妈 (fuck your mother). Ai Weiwei machte aus dem äußerlich selbstironisch gegebenen Bild von sich – nackt umgeben von einer Reihe nackter Frauen – unter dem Titel „Das Grasschlammpferd im Zentrum“ (căonímă dāng zhōngyāng 草泥马当中央) eine ätzende Kritik an der Kommunistischen Partei, die sich „Verdammtes Zentralkomitee“ (càonĭmā dăngzhōngyāng 操你妈党中央) liest.253 Durch neue Wortschöpfungen lassen sich die amtlichen Sprachregelungen dekonstruieren, mit Verstößen gegen die Regeln der Grammatik ist der offizielle Duktus zu unterwandern, die Zivilgesellschaft schafft sich somit gelegentlich neue Räume.254 Welche Auswirkungen diese Formen des Sprachgebrauchs auf die Werke in der Literatur der Gegenwart haben, wird in den folgenden Kapiteln herausgearbeitet werden. Trotz all des Lamentos lässt sich nicht generell von einer Stagnation oder gar einem Sprachverfall in China reden. Doch nützt es freilich wenig, wenn sich Entwicklungen wie die im Falle des o. g. „Grasschlammpferdes“ nur in kleinen abgeschiedenen Foren und in den Nischen des Internets abspielen. Wenn sich Sprache allgemein und auf breiter Ebene entwickeln soll, wenn die moderne chinesische Schriftsprache auch literarisch den Anforderungen der Zeit gewachsen sein soll, wenn also die offiziell immer wieder geforderte „Innovation“ und „Kreativität“ zustande gebracht werden sollen, dann muss es zu einer „Befreiung des Denkens“ unter Einbezug der Sprache auf breiter Ebene kommen. Es bedarf neuer Wege und eines neuen Denkens, um die Probleme in einer komplexer werdenden Gesellschaft zu bewältigen. Wenn der vorherrschende Sprachgebrauch inkompatibel mit der „normalen“ Lebenswelt bleibt, ja, „Normalität“ angesichts der Affektiertheit und Falschheit weiterhin unmöglich ist, dann ist auf lange Sicht eine Bewusstseinsspaltung zu befürchten. Dies dürfte insbesondere dann der Fall sein, wenn das „Sprachspiel“ von allen Menschen als „normal“ angesehen wird.255 In der Zwischenzeit dämmert es nämlich auch dem einen oder anderen, dass Lippenbekenntnisse zu „mehr Kreativität“ nicht mehr ausreichend sind. Kreativität lässt sich nicht verordnen und nicht als Ziel in einem weiteren Fünfjahresplan ansteuern. Für Kreativität und Innovation müssen Freiräume geschaffen werden, in denen unbehindert nachgedacht und ausprobiert werden darf. Diese Erkenntnis scheint unangenehm zu sein, rüttelt sie doch an den Grundfesten der staatlichen Herrschaft über die Bildungslandschaft in China. Das Denken lässt sich nur befreien und eine gestalterische Kraft gewinnen (so eine vor einiger Zeit geäußerte These eines Professors der renommierten Universität Peking mit Namen Zheng Yefu 郑也夫), wenn man bereits in der Sprach- und Literaturerziehung endlich neue Wege beschreitet, den Unterricht 253 Zum Komplex betreffend das „Grasschlammpferd“ vgl. die folgenden Quellen: die Artikel von Martin-Liao 2011 bzw. Bei Ling 2011 sowie den Video-Clip des „Song of the Grass- Mud Horse“ (Cao ni ma) (chinesisch mit englischer Übersetzung), online: https://www. youtube.com/watch?v=wKx1aenJK08, eingesehen am 11.8.2015. 254 Vgl. dazu Zhu Dake 2012a, S. 95 – 105. 255 Vgl. ebd., S. 347 f. Zu dem von Link an der Stelle ebenfalls angeführten Begriff der „Schizophrenie“ und seiner Verwendung, die nicht im streng medizinischen Sinne zu verstehen ist, war in der Einführung weiter oben bereits etwas gesagt worden. 79 5 Probleme der modernen chinesischen Literatursprache von der politischen Steuerung befreit. Gerade die Aufgabe der Geisteswissenschaften (Zheng führt insbesondere die Geschichts- und die Literaturwissenschaft an) müsse es sein, Möglichkeiten für die Fantasie und Vorstellungskraft bereitzustellen, sich zu entfalten.256 Das ist, knapp ausgedrückt, ein eindeutiges Plädoyer für endlich mehr Vielfalt. Eine herausragende Rolle spielen bei der Schaffung von mehr Vielfalt fraglos die Dichter und Schriftsteller, die das Potenzial der Ausdrucksfähigkeit von Sprache entdecken und entwickeln können. Der Autor – so Gao Xingjian – kann die Welt nicht neu erschaffen, er produziert keine neuen Ideale. Was ihm offensteht, das ist die Möglichkeit zu einem neuen Ausdruck.257 256 Vgl. den Artikel von Zheng Yefu 2013. 257 Vgl. Gao Xingjian 2008, S. 13.

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Zusammenfassung

Die Frankfurter Buchmesse von 2009 liegt einige Jahre zurück. Damals war China Gastland und hat sich von seiner besten Seite gezeigt. Warum also heute ein Buch über die chinesische Gegenwartsliteratur schreiben? Die Antwort darauf fällt kurz aus: Weil 2009 viel zu wenig gesagt wurde. China ist ein Land der Widersprüche, und noch immer spielen Zensur, Verschweigen und Beschönigungen eine große Rolle. Wer das Land aber verstehen will, der tut gut daran, auch seine Literatur zu verstehen und die Bedingungen, unter denen sie heute existiert: Wie stark ist die offizielle Gängelung – gibt es Zensur, und wie funktioniert sie? Wie steht es um die Verlage – sind sie noch fest im Griff der Partei? Und wie funktioniert die Interaktion zwischen Autoren, Verlagen und Lesern? Anhand namhafter älterer und jüngerer Autoren aus der Volksrepublik unternimmt der Sinologe Thomas Zimmer erstmals den Versuch, die Spielräume von Literatur, Kunst und Kultur im Spannungsfeld staatlicher Kontrolle, Zwängen des Marktes und zunehmender internationaler Vernetzung im China der Gegenwart zu erörtern.