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15 Die Gegenwart der Vergangenheit. Literatur der Beschäftigung mit der Vergangenheit und Yan Liankes Vier Bücher in:

Thomas Zimmer

Erwachen aus dem Koma?, page 377 - 458

Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3911-3, ISBN online: 978-3-8288-6659-1, https://doi.org/10.5771/9783828866591-377

Tectum, Baden-Baden
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377 15 Die Gegenwart der Vergangenheit. Literatur der Beschäftigung mit der Vergangenheit und Yan Liankes Vier Bücher 15 Literatur der Beschäftigung mit der Vergangenheit und Yan Liankes ‚Vier Bücher‘ Mit dem letzten Abschnitt dieses Buches soll versucht werden, eine Brücke zurück zum Anfang schlagen. Das erste Literaturkapitel beschäftigte sich mit dem gesteuerten Vergessen am Beispiel von Ma Jians Roman Beijing Coma, in dem es um die literarische Aufarbeitung des Massakers vom 4. Juni 1989 geht. Wie aktuell die Problematik der verordneten Amnesie in diesem Zusammenhang weiterhin ist, hat Louisa Lim, die ehemalige Korrespondentin der BBC in Peking, in dem 2014 erschienenen Buch The People’s Republic of Amnesia verdeutlicht, in dem auf der Grundlage von Gesprächen und Interviews mit ehemaligen Soldaten, Studentenführern, Politikern und Hinterbliebenen auf die Nachwirkungen der Ereignisse auf dem Tian’anmen in Peking im Frühjahr 1989 eingegangen wird.1192 Es gibt aber in der Geschichte der VR China nach 1949 noch eine Anzahl weiterer Ereignisse, die aufgrund der zunehmenden zeitlichen Distanz noch viel stärker vom Vergessen bedroht sind. Welche Möglichkeiten der Literatur zur Verfügung stehen, ein Bild von der Vergangenheit zu bewahren, soll Thema dieses Abschnitts sein. 15.1 Vergangenheit, Gedächtnis und Erinnerung Zwischen den im privaten Raum von Zeitzeugen gelegentlich geäußerten Sorgen, Ängsten und Nöten und dem im amtlich-öffentlichen Raum präsentierten Bild der Vergangenheit gibt es in China weiterhin eine große Diskrepanz. Bevor ich also auf die Leistungen der Literatur bei ihrer Beschäftigung mit der Vergangenheit eingehe, zunächst einführend wieder in knapper Form eine Reihe von grundsätzlichen methodischen und terminologischen Überlegungen, wie sie in den Kulturwissenschaften zu dem Thema entwickelt worden sind.1193 Einiges wird sich auch für die Diskussion der Literatur in China fruchtbar machen lassen. 1192 Vgl. Lim 2014. So zutreffend die Feststellungen von Lim größtenteils sind, wird man bezüglich der in Vergessenheit geratenen Vorgänge von 1989 stärker zu differenzieren haben. Beschränkungen der Informationsfreiheit in China gibt es ohne Zweifel, aber Reisen ins Ausland sind möglich, und wer will, der kann sich dort informieren. Man trifft – zumal bei jungen Leuten – auf beides: sowohl Apathie und Desinteresse als auch eine vermutlich gerade durch die Informationsknappheit und Bevormundung erwachte Neugier. 1193 Kulturwissenschaftliche Theorien des Gedächtnisses verstehen sich als „soziale, historische, philosophische, künstlerische usw. – Aspekte des Phänomens ‚Gedächtnis‘“ und grenzen sich somit von psychologischen oder neurologischen Beschreibungen von Erinnerungsprozessen ab. Vgl. Pethes 2008, S. 9. 378 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas Kulturwissenschaftlich wird zumindest im Deutschen zunächst von einer Unterscheidung zwischen dem Begriff „Erinnerung“ mit ihrem individuellen Träger und Nutzer und dem Begriff „Gedächtnis“ ausgegangen, welcher einerseits auf (externe) Speichermedien sowie auf deren kollektiven Abruf andererseits zielt.1194 Wenn sie als Machtinstrument eingesetzt wird, unterliegt Gedächtnisbildung mitunter einem „interessengesteuerten Selektionsprozess von Erinnerungskonstruktionen“ und ist dann eng mit dem Vergessen verknüpft.1195 Mündliche biografische Erinnerungen formen ein Generationengedächtnis, doch durch den Tod von Zeitzeugen beginnen Ereignisse im Laufe der Zeit aus dem Generationengedächtnis zu verschwinden. Sofern sich als bewahrenswert erachtete Inhalte in eine generationenübergreifend zugängliche Speicherstruktur überführen lassen, wird ein kulturelles Gedächtnis etabliert. Allgemein trifft zu, dass das kulturelle Gedächtnis all diejenigen Bezüge einer Gemeinschaft auf die Vergangenheit umfasst, „die sich diese Gemeinschaft in personenunabhängiger Form zur Verfügung hält“.1196 Dass aber vor allem mit der Konstruktion des kulturellen Gedächtnisses massive ideologische und politische Zielsetzungen verbunden sein können, werden wir weiter unten am Beispiel der bis heute heftigen Debatten in China über die Hungerkatastrophe zum Ende der 1950er-Jahre sehen. Wo also Vergangenheit „perspektiviert“ wird, um einer „gegenwärtigen Gruppenidentität“ eher gerecht zu werden als den Ansprüchen einer „historischen Objektivität“,1197 bleiben Fragen der „Wahrheit“ und „Moral“ vollkommen ausgeblendet. „Gedächtnis“ ist dann gemäß der Systemtheorie Luhmanns nur als gegenwärtiger Akt der Kommunikation zu beobachten.1198 Kommunikativ muss dann also jedes Mal neu entschieden werden, „ob Kommunikation sich auf Vergangenheit beziehen soll oder nicht, und wenn ja, auf welche“.1199 Es erfolgt eine systemgewünschte Verlagerung von „Gedächtnis“ ins Operative, wenn „Gedächtnis“ nicht mehr als „Speicher von Vergessenem, sondern als Operation des Unterscheidens von Erinnern und Vergessen“ verstanden wird, um mittels des Vergessens die „Selbstblockierung des Systems durch ein Gerinnen der Resultate früherer Beobachtungen“ zu verhindern.1200 In diesem Sinne kann es also ein erlaubtes Vergessen geben,1201 hierfür bietet die aktuelle Praxis der Zensur in China den besten Beweis. 1194 Vgl. ebd., S. 10 f. 1195 Zitat unter Hinweis auf die Arbeiten von Maurice Halbwachs zum kollektiven Gedächtnis nach ebd., S. 57. Auf die sprachlich begründeten Nuancen, dem Vergessen „eine gewisse Wahrheit zuzubilligen“, geht Weinrich (1997, S. 16) ein. 1196 Pethes 2008, S. 64. Von dem Einfluss der Perspektive auf die Konstruktion von Erinnerungen (Sieger/Verlierer, Täter/Opfer) vgl. ausführlicher Assmann 2006. 1197 Vgl. zu den zitierten Punkten Pethes 2008, S. 72. 1198 Luhmann schreibt dem Gedächtnis unterschiedliche Funktionen zu, wobei die wichtigste ist, die Lernfähigkeit zu unterstützen. Vgl. Luhmann 1991, S. 504. Nicht zu unterschätzen ist freilich auch die systemtheoretisch positiv bewertete Funktion des Vergessens, die das Korrektiv einer durch Lernvorgänge komplexer werdenden Welt darstellt. Vgl. ebd., S. 448. 1199 Pethes 2008, S. 73 f. 1200 Vgl. ebd., S. 75. 1201 Vgl. Braun 2013, S. 33 f. 379 15 Literatur der Beschäftigung mit der Vergangenheit und Yan Liankes ‚Vier Bücher‘ Als einer kulturellen Praxis bei der Gedächtnisbildung kommt nun Schriftlichkeit und Literatur eine zentrale Rolle zu. Die „Vielstimmigkeit“ romanhaften Erzählens, wie sie Bachtin ansprach, steht der „Intertextualität“ Kristevas gegenüber, wonach die Bedeutung eines Textes nicht auf ein einheitliches Sinnzentrum festzulegen ist.1202 Wir werden gerade bei Yan Lianke und seinem Roman Vier Bücher einen in der chinesischen Gegenwartsliteratur herausragenden Versuch kennenlernen, sich jenseits der Extreme des Verschweigens und der mittels Sprachformeln vorkonstruierten Vergangenheitsversion kreative Räume zu schaffen, die weder einen Anspruch auf Wahrheit erheben noch einfach relativieren. Zweifel an der Erinnerungsarbeit von Literatur und den ästhetischen Möglichkeiten mögen ihre Berechtigung haben. Fraglos stößt man an Grenzen, wenn es darum geht, die narrativen Gegebenheiten methodisch im Rahmen von Tatsachen, Erinnerungen, Berichten von Tätern und Opfern, Moral und Ästhetik deutlich zu machen und etwas wie eine „Poetik der Erinnerung“ zu definieren.1203 Doch gerade wenn es um die Geschichte der Opfer der Geschichte geht und den „Verrat am Erlebten“, haben sicher jene Versuche ihre Berechtigung, die unternommen werden, um einen „impliziten Nachklang der Vergangenheit“ vernehmbar zu machen.1204 Die Literatur ist wie Film und Kunst auch im Zusammenhang mit dem Thema Gedächtnis/Erinnerung zunächst einmal als ein besonderes Medium zu verstehen, mit dem bestimmte historische Stoffe aus dem Speicher- in das Funktionsgedächtnis überführt werden. Im Unterschied zur Politik sowie zur Soziologie und der Geschichtswissenschaft verfügt die Literatur über eine besondere Fähigkeit zur Behandlung und Ausdeutung der von ihr transportierten Stoffe. Die Erinnerung wird damit nicht einfach archiviert, sondern vielmehr funktionalisiert. Durch die Verknüpfung faktischer Zeugnisse mit künstlerischen Fiktionen lässt sich Geschichte nicht nur rekonstruieren, sondern geradezu inszenieren und wird damit zu einem Stoff des Nachdenkens und Neubedenkens.1205 Mit der Konzentration auf Nachwirkungen von Geschichte bezieht sich Erinnerungsliteratur daher stärker auf die Gegenwart als auf die Vergangenheit.1206 Die Ausgestaltung der Vergangenheit liegt damit weitgehend in der Macht der Vorstellungskraft eines Verfassers, auch kontrafaktische Szenarien zu entwerfen.1207 Dass sich die kontrafaktische Erzählung gerade in der Literatur Chinas nach 1949 (abgesehen von seltenen Ausnahmen) so schwertat, hat mit der ideologisch motivierten Geschichtsauffassung zu tun. Schließlich „ist die Linke traditionell davon überzeugt, dass der Strom der Geschichte langfristig in eine für sie günstige Richtung fließe. Warum sollten linke 1202 Vgl. Pethes 2008, S. 101 f. 1203 Vgl. zu einem Versuch, eine derartige Poetik für die „deutsche Vergangenheit“ zu formulieren, Zangl 2009. Auch dort wird – wie vorhersehbar – eher ein aktueller Zustandsbericht gegeben und die Aufgabe der Schaffung einer derartigen Poetik der künftigen Literaturwissenschaft überlassen. 1204 Vgl. zu entsprechenden Positionen und Zitaten Pethes 2008, S. 148. 1205 Vgl. ebd., S. 9 f. 1206 Vgl. ebd., S. 10. 1207 Vgl. Evans 2014, S. 11. 380 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas Historiker dem nachtrauern, was in der Vergangenheit nicht geschehen ist, wenn ihnen ohnehin die Zukunft gehört?“1208 Verantwortung in der Erfindungsfreiheit der Literatur und Glaubwürdigkeit des literarischen Gedächtnisses sind freilich nur dann in gewissem Maße zu gewährleisten, wenn Auskunft darüber gegeben wird, wie erinnert worden ist.1209 Die Freude, Auskunft zu geben über konsultierte Quellen und Belegbarkeit der (re)konstruierten historischen „Atmosphäre“ sind letzten Endes aber immer noch kein Garant für literarische Güte, wie man, mit Verlaub, recht gut an Martin Amis’ The Zone of Interest sieht, der eine Liebesgeschichte innerhalb eines Konzentrationslagers der Nazis ansiedelt.1210 Weit entscheidender dürfte vielmehr sein, dass mit der Inszenierung von Vergangenheit durch die Literatur künstlerische Struktur und Ästhetik einen entscheidenden Stellenwert gewinnen. Herta Müller hat anhand ihres eigenen und des Werk-Schicksals ihres Freundes Oskar Pastior diesen Vorgang des literarischen Abgleichens von Biografisch-Dokumentarischem und Literarisch-Poetischem mittels der „Sprachakrobatik“ zuletzt auf wunderbare Weise in Mein Vaterland war ein Apfelkern beschrieben.1211 Welch sprachliche Wucht die dramaturgische Bearbeitung eines dokumentarischen Zeitzeugnisses erzeugen kann – wohlgemerkt als „Antwort auf die Fiktion“ – hat der Schweizer Jürg Amann mit seinem „Monodrama“ Der Kommandant über Rudolf Höß, den Kommandanten von Auschwitz, gezeigt.1212 15.2 Räume für historische Erinnerung in China Die chinesische Erinnerungskultur in der Gegenwart ist von überlieferten Traditionen und aktuellen Zwängen geprägt.1213 In China gedenkt man heute weiterhin vor allem der eigenen Opfer fremder Aggression. Immer wieder beschwört man die großen Leistungen einer Jahrtausende alten Kultur herauf in der Hoffnung, daran auch in der Gegenwart wieder anzuknüpfen zu können. Aber was wird wirklich erinnert, wie wird erinnert? Im Mittelpunkt des Gedenkens und dessen, was dann ins kollektive Gedächtnis übergeführt wird, stehen die Feier, der Triumph, die Schmach, ein Ereignis, ein Augen- 1208 Ebd., S. 62. Vgl. zur Brisanz der literarischen Verwendung historischer Figuren in China auch Zimmer 2006. 1209 Vgl. Braun 2013, S. 27 f. und 33. 1210 Vgl. Amis 2014. Seine Quellen führt Amis brav im Nachwort („That Which Happened“, S.  299 – 306) an, darunter auch eher Belangloses. Für den des Deutschen nicht mächtigen Leser des Buches mögen die vielen „originalsprachlichen“ Einsprengsel ihren „atmosphärischen“ Reiz haben, auf den deutschen Leser wirkt es zum Teil ausgesprochen peinlich, wenn sich sprachliche Schnitzer der folgenden Art einstellen: „Angelus Thomsen was born with a silver Schwanz in his mouth! Nicht wahr?“ Ebd., S. 72. 1211 Siehe Müller 2014. 1212 Vgl. die „Editorischen Notizen“ in: Amann 2011, S. 107 f. 1213 Zur Rolle der Geschichtsschreibung, der Kultur der Erinnerung und den Räumen für die Literatur im China der Kaiserzeit vgl. Zimmer 2002b, S. 73 – 82. 381 15 Literatur der Beschäftigung mit der Vergangenheit und Yan Liankes ‚Vier Bücher‘ blick, der nur durch stetes Wiederholen zu einem dauerhaften Stolz oder Schmerz gerinnt. Die Zeit ist in China heute noch nicht reif, dass man sich frei vom amtlich verordneten Pathos und jenseits der in einem selbst gefangenen Bilder erinnern und dies mitteilen könnte, um ebendiese Erinnerungen auch mit anderen zu teilen. Sie zu erinnern, ja, darüber hinaus gar die Vergangenheit zu verarbeiten, zu bewältigen, heißt, wenn man sie aus dem rein persönlichen Raum heraus- und in einen geschichtlichen Raum hineinhebt, neben der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Ereignissen auch die emotionale Hinwendung zur Geschichte und ihre Vergegenwärtigung in der Kunst.1214 Vergangenheitsbewältigung ist auch in der Literatur stets ein Produkt der Bedingungen der Gegenwart, aus der heraus sie entsteht. Möchte man danach fragen, was in chinesischen Romanen erinnert wird und wer sich erinnert, gilt es, sowohl die Entstehungsvoraussetzungen zu berücksichtigen als auch Entwicklungen in der Literatur und die Bedeutung geschichtlicher Ereignisse. In China, wo die Vergangenheitsbewältigung und damit die gesamte Erinnerungskultur vom Staat gelenkt wird, lässt sich immer kritisch die Frage stellen, warum etwas Bestimmtes erinnert wird oder vergessen werden soll. Es gibt in der chinesischen Gegenwartsgeschichte eine Reihe von unvollständig erzählten Themen und Ereignissen, deren sich bislang vor allem die „offizielle“ chinesische Geschichtsschreibung angenommen hat. Oftmals handelt es sich bei diesen Ereignissen um einschneidende politisch motivierte Vorfälle mit enormer Tragweite, deren Aufarbeitung, Bewertung und Einordnung geraume Zeit in Anspruch nahm. Falsch wäre es, würde man von einer totalen Vertuschung vergangener Geschehnisse seitens der Partei und der Regierung in China reden und ihr jede Anstrengung der „Bewältigung“ eigener Lasten aus der Vergangenheit absprechen. So ist etwa eine Wiedergutmachung von Unrecht, das es während der Kulturrevolution gegeben hat, in den Jahren nach 1976 zum Teil erfolgt, verfolgte Personen wurden politisch rehabilitiert (pingfan 平反). Es dürfte an den seit Jahrzehnten strukturell-systemisch weitgehend unverändert gebliebenen politischen Verhältnissen in China und der Aufrechterhaltung der Herrschaft durch die KPCh liegen, dass sich dort nur in sehr unvollständiger Weise eine Kultur des Gedenkens und Erinnerns entwickeln konnte.1215 Wenn überhaupt, dann lässt sich allerhöchstens von einer sehr einseitigen „Gedenkkultur“ in China sprechen. Inszeniert wird vor allem die eigene Opferrolle, im Zentrum stehen dabei stets der Überfall Japans in den 1930er-Jahren und das Massaker von Nanking 1937. Die Verwicklung eigener Politiker und Kader in die politischen Katastrophen der Zeit nach 1949 wird in keiner öffentlichen Form thematisiert und sichtbar gemacht, auch der Opfer eigener politischer Verfehlungen wird nicht gedacht. Über die Ereignisse auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking vom Juni 1989 spricht man, wenn überhaupt, nach wie vor nur hinter vorgehaltener Hand. 1214 Zu den zeitlichen, thematischen und geografischen Räumen, die sich bei der literarischen Beschäftigung mit der Vergangenheit in China zwischen 1979 und 1997 aufgetan haben, vgl. Choy 2008. 1215 Einführend siehe zum Thema „Erinnerung“ u. a. Assmann/Frevert 1999. Zum Problem der Vergangenheitsbewältigung in China vgl. Wang/Liu 2006. 382 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas Als ein historisches Ereignis, dessen Auswirkungen bis in die Gegenwart spürbar sind, möchte ich zunächst auf den Umgang mit der „Kulturrevolution“ (1966 – 1976) eingehen.1216 Am 40. Jahrestag des Ausbruchs der Kulturrevolution 2006 war in der breiteren Öffentlichkeit in Peking davon nirgendwo die Rede, und auch zehn Jahre später (im Frühjahr 2016) hatte es nicht den Anschein, als würde man sich im Laufe des Jahres öffentlich mit den Ereignissen vor einem halben Jahrhundert auseinandersetzen wollen. Zunächst soll am Beispiel der Kulturrevolution erörtert werden, auf welche Schwierigkeiten ein Erinnern in China bisher gestoßen ist und welche Rolle vor allem die Literatur bei dem Versuch, Raum für ein Erinnern zu bieten, einnimmt. Hierbei interessiert u. a. die Frage, innerhalb welcher Spielräume die Literatur sich bewegt und welche Verfahren des Erinnerns es für sie gibt. Anschließend soll die Zeit der 1950er-Jahre eingehender untersucht werden. 15.3 Literarische Werke über die Kulturrevolution Allgemein lässt sich zunächst sagen, dass die öffentliche und verbindliche Erinnerung an die Kulturrevolution bislang weitgehend „amtlich“ vorgegeben ist. Das überlieferte Geschichtsbild wird etwa dokumentiert in Geschichtsbüchern, Lehrwerken für die Schulen u. Ä. Ein öffentlicher Dokumentationsraum an prominenter Stelle, wie er von dem Schriftsteller Ba Jin (1904 – 2005) Mitte der 1980er-Jahre gefordert worden ist, hat nie die Befürwortung durch die Machthaber gefunden. Ba Jin war dafür eingetreten, auf dem Platz des Himmlischen Friedens ein Museum zur Erinnerung an die Gräuel der Kulturrevolution zu errichten.1217 Die im „amtlichen“ Geschichtsbild ausgedrückten Sichtweisen und Fakten entsprechen nur sehr begrenzt den individuellen Erfahrungen der Betroffenen, wurden jedoch lange Zeit so gut wie nicht hinterfragt. Dennoch finden sich mittlerweile auch Abweichungen von den Versionen des offiziell Erinnerten, wie das Beispiel des Kulturwissenschaftlers Zhu Dake in seinen Erinnerungen an das Buch mit dem roten Einband zeigt.1218 1216 Zur frühen Beschäftigung mit einem Aspekt der Kulturrevolution vgl. Zimmer 2000. Teile der Ausführungen zur Kulturrevolution und der Literatur darüber sind meinem noch einmal überarbeiteten Beitrag mit dem Titel „Die Kulturrevolution als literarischer Stoff in der chinesischen Gegenwartsliteratur. Die neuesten Entwicklungen im Lichte der frühen Beispiele“ entnommen, der 2010 den Herausgebern der Festschrift für Karl-Heinz Pohl (Universität Trier) zugesandt wurde. Eine Publikation steht auch weiterhin aus (Stand Winter 2016/2017). 1217 2005 wurde in der südchinesischen Hafenstadt Shantou (Provinz Kanton), weitab von der chinesischen Hauptstadt, auf private Initiative hin über den Gräbern einiger Dutzend Opfer ein Museum zur Erinnerung an die Kulturrevolution eingerichtet. 1218 Vgl. die Darstellungen in: Zhu Dake 2008, S.  67 – 139. Hierbei handelt es sich um zwischen 2000 und 2006 erschienene Erinnerungen Zhus an seine Kindheit und Jugend während der Kulturrevolution, denen Fotos von sich, seiner Familie und den Zeitereignissen in Shanghai beigefügt sind. In fast kindlich-trotzigem Widerspruch zur allgemeinen 383 15 Literatur der Beschäftigung mit der Vergangenheit und Yan Liankes ‚Vier Bücher‘ Als ein Medium, das in China nach 1949 große Bedeutung für die Meinungsbildung besessen hat, war die Literatur bereits frühzeitig an der Aufarbeitung eines Ereignisses wie der Kulturrevolution beteiligt. Es liegt an der Diktaturen eigentümlichen Instrumentalisierung von Literatur, dass die in den Jahren unmittelbar nach dem Ende der Kulturrevolution entstandenen literarischen Werke zum Thema künstlerisch oft nur mit Einschränkungen zu überzeugen vermögen. Dies wird noch näher zu erläutern sein. Dennoch sei bereits an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass die sich den Literaten bietenden Spielräume in den letzten Jahren kreativ genutzt wurden. Auffällig ist dabei zuerst einmal, mit welcher Häufigkeit und auf welch vielfältige Weise die Kulturrevolution thematisiert wurde. Warum, so fragt man sich, die Kulturrevolution und nicht andere Perioden der chinesischen Gegenwartsgeschichte? Handelt es sich lediglich um einen Trend, eine Mode oder um eine begründete Notwendigkeit? Was reizt die Autoren an dieser Zeit, die sich durch den Widerspruch zwischen Grausamkeit und Terror auf der einen Seite und Freiheit durch die Auflösung der sozialen Strukturen auf der anderen Seite auszeichnet? Ich werde weiter unten versuchen, Antworten auf diese Fragen zu formulieren. Nur eines bereits vorneweg: Ich bin nicht der Auffassung des Exildichters Yang Lian, der den Verfassern von Erzählungen zur Kulturrevolution allgemein unterstellt, sie pflegten lediglich einen „Mythos der Politik“, betrieben einen Pakt mit der chinesischen Staatsmacht und täten besser daran, zu schweigen.1219 Die literarischen Werke –  so Yang Lians Argument weiter  – könnten schließlich keine Antwort sein auf die vielen noch unbeantworteten Fragen. An dieser Meinung mag einiges richtig sein, vor allem, wenn man bedenkt, dass auch Werken zur Kulturrevolution oft eine gewisse Gefälligkeit anzumerken ist, die auf den Markt zielt. Dennoch sollte man sich davor hüten, das Schweigen, welches schnell umschlägt in ein Verschweigen, zur Pose zu machen und so zu tun, als komme dem Schweigen aus der Distanz etwas „Weises“, ja „Edles“ und Überlegenes zu, wenn man nicht in der Lage ist, die ganze Wahrheit ans Licht zu bringen. Damit macht man sich letzten Endes schnell zum Büttel der Macht. Wer schweigt, der beugt sich den Wünschen der Staatsmacht, der es letztendlich um das Verschweigen geht. Auch ein unvollkommenes Erinnern ist immer noch besser, als die Vergangenheit vollkommen dem Vergessen zu überlassen. Einschätzung dieser beschriebenen Zeit als „chaotisch“ und „kulturlos“ entsteht bei Zhu ein Gegenbild. Der Autor zeigt auf, wie groß die Sehnsucht nach Kultur, Musik, Literatur und anspruchsvoller Lektüre war, und kann sich so ein ganz neues Urteil erlauben: „Die Kulturrevolution“, schreibt er, „hat überhaupt nicht alles zerstört. Im Gegenteil: Als die ultralinken Erschütterungen 1967 vorüber waren, begann in den westlichen Bezirken Shanghais eine versteckte kleinbürgerliche Kultur aufzublühen“ (S. 75). Es ist an Stellen wie diesen, an denen der Leser erkennt, dass die viel gefeierten Neuerungen nach 1976 ihren Anfang nicht erst im Anschluss an die Kulturrevolution nahmen, sondern bereits auf dem Höhepunkt der Katastrophe! Ein ungeheures Urteil, wenn man bedenkt, mit welcher Entschiedenheit die Kulturrevolution durch Staat und Partei nach 1976 verurteilt wurde. 1219 Zu dem Thema vgl. Yang Lians Essay „Vom politischen Mythos in der chinesischen Literatur. Über den Transformationsprozess der traditionellen chinesischen Kultur und seine Probleme“, in: Yang 2009, S. 175. 384 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas Als das Trauma der chinesischen Gegenwartsgeschichte stellte die Kulturrevolution ein Thema dar, das die chinesischen Literaten bereits wenige Jahre nach ihrem offiziellen Ende 1976 zu beschäftigen begann. Es war gerade die früh konstatierte Monstrosität des Ereignisses, die immer wieder Bezüge zur deutschen Geschichte in den 1930er- und 1940er-Jahren zeigte. So ist die Kulturrevolution in der Literaturwissenschaft gelegentlich mit dem Holocaust verglichen worden, da sie wie dieser den Glauben an eine „rationale, fortschrittliche Weltgeschichte“ erschüttert habe. Beide Katastrophen entzogen sich einer rationalen Interpretation, denn es wurden „grandiose Diskurse“ und „grausame Wahrheiten“ überblendet, die weit über das Verständliche hinausreichten.1220 Die chinesische Literatur nach 1976 ist zunächst einmal gekennzeichnet durch eine bewusste Abgrenzung von der Literatur aus dem kulturrevolutionären Jahrzehnt. Es entstand so etwas wie die „Kontinuität des Widerspruchs“. Motive, die während der Kulturrevolution vermieden worden waren, traten in der Literatur danach deutlich wieder in Erscheinung. Zeichnete sich die Literatur zwischen 1966 und 1976 durch eine Idealisierung und Standardisierung aus, so zielte sie später auf Authentizität in der Repräsentation und Diversifizierung von Inhalt und Form. Die Freude vieler chinesischer Autoren zum Ende der 1980er-Jahre am Experimentieren mit nicht linearen Plots, mehreren Erzählebenen, der Metafiktion, dem Stream of Consciousness und Formen des Magischen Realismus wären ohne die bewusste Abgrenzung von dem auf eine Idealisierung hin ausgerichteten literarischen „Realismus“ zur Zeit der Kulturrevolution nicht vorstellbar.1221 Das „Neue“ äußerte sich also in einer Widerlegung des Vergangenen, und wo das nicht möglich war, in der Setzung neuer Akzente. Hatten die Romane zuvor vor allem die Arbeiter, Bauern und Soldaten der Gegenwart gefeiert, so fehlten diese Helden plötzlich. Das eben noch beliebte Motiv, die persönlichen Wünsche und Ziele zugunsten der Vorgaben der Partei zurückzustellen, wurde ebenfalls aufgegeben. Ehemals unmögliche Themen wie Sex und Liebe gewannen dagegen im Laufe der Zeit ein hohes Maß an Popularität.1222 Kurzum: Hier wurde eine neue literarische Identität auf dem Wege der Unterscheidung hergestellt. Darüber hinaus kam es jedoch auch zu Übereinstimmungen zwischen der Literatur vor und nach 1976. Vor allem, was Stil und Sprache betrifft, ist, abgesehen von einigen Ausnahmen, ein hohes Maß an Kontinuität festzustellen, das überrascht.1223 Der Wert dieser frühen Auseinandersetzung mit der Kulturrevolution durch die Literatur nach 1976 ist nur richtig einzuschätzen, wenn man sich klarmacht, dass die literarische Abgrenzung von der Vergangenheit nicht einfach und ungehindert auf künstlerischem Wege erfolgte, sondern stets mit Blick auf den laufenden politisch-historischen Diskurs. Sowohl die „Wundenliteratur“ wie auch die „Literatur der Vergangenheitsbewältigung“ waren inhaltlich so angelegt, dass auf vereinfachte Weise der Sieg des Gerechten über das Ungerechte dargestellt 1220 Vgl. Yang 2005, S. 81. 1221 Vgl. Yang 1998, S. 220. Zur literarischen Experimentierfreude der Autoren am Ende der 1980er und zur Motivation durch die Stereotypie der Kulturrevolution siehe die Einführung des Herausgebers in Duke 1991, S. X. 1222 Vgl. Yang 1998, S. 225. 1223 Vgl. bezüglich Abgrenzung und Kontinuität ebd., S. 226. 385 15 Literatur der Beschäftigung mit der Vergangenheit und Yan Liankes ‚Vier Bücher‘ werden sollte.1224 In der Literatur dieser Zeit lebte die Überzeugung weiter, dass sie die Funktion erzieherischer Aufklärung in dem von der Partei vorgegebenen Rahmen erfüllen müsse.1225 Abfällig und nicht ganz unzutreffend ist in dem Zusammenhang von „Lobbyliteratur“ gesprochen worden.1226 Zwangsläufig kam es bei dem Versuch, mit der Vergangenheit abzurechnen und durch Leitbilder eine neue Orientierung vorzugeben, zu starken Vereinfachungen.1227 Diese seinerzeit in China in verschiedenen Formen als Romane, Erzählungen oder Reportagen auftretende Erinnerungsliteratur setzte sich somit ständig der Gefahr aus, dass die „Erinnerungen“, in denen persönliche Erlebnisse durch eine kollektive Anstrengung verarbeitet wurden, den maoistischen Diskurs („Zurücksetzung individueller Wünsche gegenüber staatlichen Interessen“) mit denselben rhetorischen Mitteln fortzusetzen drohten, die sie eigentlich zurückgewiesen hatten.1228 Hierzu nur ein Beispiel: Das frühe Werk eines Autors wie Feng Jicai 冯骥才 orientierte sich weder an der „Wahrheit“ noch war es der Versuch einer Erklärung historischer Zusammenhänge, sondern es wollte vor allem das Vergessen verhindern. Fengs zahlreiche seit 1978 erschienenen literarischen Arbeiten mit Bezügen zur Kulturrevolution bewegten sich dabei stets in dem politisch zulässigen Rahmen und können kaum als selbstständige Kunstwerke gelesen werden. Seine „Adelung“ mittels der Wahl 1224 Vgl. Kubin 2005, S. 342. Abhängig vom vermuteten Stand des aktuellen Heilungsprozesses ist bei shanghen wenxue in der Übersetzung auch von „Narbenliteratur“ die Rede. Von mir werden die Begriffe synonym verwendet und im breiteren Kontext der literarischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit in China betrachtet. 1225 Neben dieser politisch-instrumentellen Ausrichtung gab es recht deutliche Unterschiede zwischen den Autoren dieser beiden Richtungen, die verschiedenen Generationen zugerechnet wurden: Autoren der Wundenliteratur waren Jugendliche mit Schulbildung, die man Ende der 1960er-Jahre aufs Land verschickte und die Rotgardisten wurden. Autoren der Literatur zur Vergangenheitsbewältigung gehörten zur mittleren Generation, hatten in den 1950er- oder 1960er-Jahren zu schreiben begonnen und an den politischen Bewegungen teilgenommen. Die Katastrophen der Kulturrevolution hatten für sie bereits in den 1950er-Jahren begonnen, sodass die zehn Jahre zwischen 1966 und 1976 für sie nur ein Glied in einer ganzen Kette von Ereignissen darstellten. Literaturhistorisch gilt die Wundenliteratur als bedeutsamer, weil sie sich bei der Auseinandersetzung mit der Kulturrevolution nicht nur auf die Erzählkunst der späten 1970er-Jahre beschränkte. Vielmehr hat sie in der ersten Hälfte der 1980er-Jahre Spuren auch in der Lyrik, in der Filmkunst und der Essayistik hinterlassen. Vgl. dazu Chen 2008, S. 79 – 85. 1226 Zu dem von dem Sinologen Rudolf Wagner stammenden Zitat vgl. den Hinweis bei Kubin 2005, S. 343. 1227 Gegen diese auch in der Gegenwart zum Teil noch anzutreffende Tendenz der Simplifizierung in der Literatur und Geschichtswissenschaft hat sich Han Shaogong vor einiger Zeit (2005) in einem Aufsatz mit dem Titel „Warum die Kulturrevolution vorbei ist“ „文革“ 为何结束 geäußert, in: Han Shaogong 2012, S. 193 – 204. Han plädiert in dem Aufsatz für einen differenzierten Umgang mit der Kulturrevolution und wendet sich gegen einseitige Bewertungen. Der Autor tritt freilich auch dafür ein, sich nicht allein auf die zehn Jahre der Kulturrevolution zu beschränken, sondern ebenso darüber nachzudenken, wie sie entstanden ist und wohin sie führte. 1228 Vgl. dazu Yang 2002, S. 53 f. 386 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas in die Politische Konsultativkonferenz im Jahr 1983 ist weniger Ausdruck der Anerkennung seiner Kunst als ein Beleg für Fengs künstlerische Nähe zur Politik.1229 Aus heutiger Sicht erscheint also vor allem die frühe literarische Aufarbeitung der Kulturrevolution insofern als ungenügend, als sich gerade die Wundenliteratur noch stark einer „sozialen Funktion“ verpflichtet fühlte. Obwohl in der Wundenliteratur anfangs ein weit breiteres Spektrum an Darstellungsmöglichkeiten und atmosphärischer Vielfalt angelegt gewesen zu sein schien – als Beispiel sei auf die Erzählungen von Cao Guanlong 曹冠龙 (geb. 1945) hingewiesen – setzte sich am Schluss das staatlich erwünschte Modell durch. Für den Literatur- und Kulturkritiker Zhu Dake ist die Wundenliteratur damit zu einem Werkzeug im Dienste der amtlich verordneten Moral und Ästhetik verkommen („Literatur der Dankbarkeit“ 感恩文学) und hat bereits früh ihre Unabhängigkeit und die Fähigkeit zur Kritik eingebüßt.1230 15.3.1 Anweisungen zum Umgang mit der Kulturrevolution Wie sahen diese Vorgaben im Hinblick auf die künstlerische Verarbeitung der Kulturrevolution nun aus? Ich will den Prozess, der sich über mehrere Jahre hinzog und eine Form der chinesischen Vergangenheitsbewältigung darstellte, kurz unter Bezugnahme auf die offiziellen Dokumente skizzieren. Die mühevolle ideologische Aufarbeitung der Kulturrevolution nahm nach 1976 nur langsam Gestalt an. Für unsere Belange von Bedeutung war zunächst ein grundlegender „Beschluss über eine Reihe von historischen Problemen der Partei seit der Gründung der VR“ 关于建国以来党的若干历史问题决议 aus dem Jahr 1981.1231 Der Beschluss bedeutete eine Distanzierung von Mao, da diesem eine fehlerhafte Politik in Bezug auf die Kulturrevolution vorgeworfen wurde. Diese Einschätzung war bedeutsam, denn sie legte fest, dass in späteren Veröffentlichungen zum Thema keine Idealisierung zum Ausdruck kommen durfte. Festgeschrieben wurden ebenfalls die von der Partei, Mao, Lin Biao und der „Viererbande“ ausgeübten Rollen, sodass für spätere Interpretationen nur geringe Spielräume zur Verfügung standen. Machtlogisch ist dies durchaus nachvollziehbar, denn nur indem die Partei enge ideologische Grenzen zog, 1229 Den literarischen Werdegang Feng Jicais hat Gänssbauer (2002, S. 319 – 344) sehr gründlich beschrieben. 1230 Es handelt sich um Caos 1979 publizierte Erzählungen Feuer 火, Schloss 锁 und Katzen 猫. Vgl. dazu und zu den weiteren Hinweisen die Bemerkungen, die Zhu Dake am 16.11.2008 in einem Interview mit der Xinxi shibao machte und die in Zhu Dakes Blog http://zhudak e. 521shu.com, eingesehen am 31.1.2010, zu finden sind. Zhu hebt hervor, dass sich für ihn nach der Lektüre von Caos Werken der Eindruck eingestellt habe, das Zeitalter einer neuen Sprache sei angebrochen. Cao habe sich mit seinem dunklen und zweiflerischen Ton freilich stark von der Hauptströmung der Wundenliteratur abgegrenzt. 1231 Der „Beschluss“ stammt vom 27.6.1981. Als Quelle siehe: „Datenbank aller nationalen Parteitage der KPCh“ 中国共产党历次全国代表大会数据库: http:://cpc.people.com.cn, eingesehen am 26.3.2015. 387 15 Literatur der Beschäftigung mit der Vergangenheit und Yan Liankes ‚Vier Bücher‘ ließen sich historische Rekonstruktionen innerhalb der politischen Diskurse im Sinne der Herrschaft nutzen.1232 Die vagen Formulierungen im „Beschluss“ von 1981 hatten freilich Auswirkungen auf die Entwicklungen in Kunst und Kultur und zogen seitens der zuständigen Behörden immer wieder Konkretisierungen nach sich. Das Augenmerk wurde dabei auf die Literatur gelegt, wie ein Dokument aus dem Jahr 1986 zu erkennen gibt.1233 Der Tenor des Dokuments lautete, keine „rückwärtsgewandte“ Aufarbeitung von Problemen in der Vergangenheit zu betreiben, sondern den Blick in die Zukunft zu richten. Entsprechende Publikationen waren einem strengen Katalog von Zensurmaßnahmen zu unterwerfen. Zwei Jahre später gab es im Licht der bis dahin stattgefundenen Entwicklungen noch einmal eine Präzisierung.1234 Allgemein hat man bei der Lektüre des Papiers den Eindruck, dass im Zusammenhang mit der Kulturrevolution auf keinen Fall etwas festgeschrieben werden soll, das vorher nicht die Billigung von höchster Stelle erhalten hat. Lediglich im Falle von „wertvollen Auswahlthemen“ 有价值的选题 sei ein Genehmigungsverfahren über die zuständigen Propagandabehörden in Gang zu setzen.1235 Wie stand es mit der Umsetzung all dieser Beschlüsse? Ein Blick auf die zahlreichen Veröffentlichungen zum Thema Kulturrevolution auch nach 1988 zeigt, dass sich die Zensur nicht immer streng und umfassend auf diese Vorgaben der Partei berufen hat und Werke zum Thema weiterhin erscheinen konnten. Freilich bedeutete dies nicht die bewusste Gewährung von Freiheiten und Spielräumen. Es ist davon auszugehen, 1232 Vgl. Dittmer 2002, S. 20. 1233 Vgl. dazu das „Rundschreiben des Propagandaamtes des ZK der KPCh bezüglich des sorgfältigen Umgangs mit der Geschichte der Kulturrevolution bei der erzählerischen Umsetzung in Monographien und Abhandlungen“ 中央宣传部关于慎重对待专门叙述„文革“ 历史的专著和文章的通知 vom 18.11.1986 (Dok. Prop. Amt. 86 Nr. 17), in: The Chinese Cultural Revolution Database CD-ROM, Edited & Compiled by The Editorial Board of The Cultural Revolution CD-ROM Database in the US and Universities Service Centre for China Studies at The Chinese University of Hong Kong. In dem Rundschreiben werden Schriftsteller, die über diese Periode schreiben, aus Gründen der Staatsraison zur Vorsicht ermahnt. Wichtig sei es, ein „politisches Klima der stabilen Einheit und eine Atmosphäre von demokratischer Harmonie“ zu bewahren. 1234 Vgl. dazu „Einige Bestimmungen des Propagandaamtes des ZK der KPCh zur Veröffentlichung von Büchern mit Themen zur Kulturrevolution“ 中共中央宣传部关于出版 „文化大革命“图书问题的若干规定 vom 10.12.1988 (Dok. Prop. Amt 1988 Nr. 31 u. Dok. Nr. 8 in 1988 für Nachrichten und Publikationen), enthalten ebenfalls in der vorstehend angeführten Datenbank. In dem Bewusstsein, dass die in der Vergangenheit erlassenen Beschlüsse offenbar nicht in ausreichendem Maße berücksichtigt worden seien, wurden nunmehr konkrete Anweisungen gegeben, wie sich vor allem die Verlage und ihnen angeschlossene Schriftsteller bezüglich des Themas „Kulturrevolution“ zu verhalten hätten. 1235 Offenbar hatten Verlage – eines regen Leserinteresses gewiss – Lücken in der Auslegung, was der „Literatur“ zuzurechnen sei, ausgemacht. So wird nämlich festgestellt, dass es in der Vergangenheit zahlreiche Veröffentlichungen von „Erinnerungen“ 回忆录, „Biografien“ 专辑 und „Tatsachenliteratur“ 纪实文学 gegeben habe. Hier wird abwertend von Werken gesprochen, die von „weit Hergeholtem“ redeten 扑风捉影, „willkürlich fiktionalisierten“ 私意虚构 und „historische Tatsachen aufblähten“ 夸大事实. 388 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas dass Autoren wie Verlagen aufgrund der Bestimmungen und Diskussionen immer klar war, welche Linie die Partei vorgab. Aus Sicht der historischen Legitimation ihrer Herrschaft musste der Partei an einer vorsichtigen Haltung gelegen sein, eine umfassende Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte kam daher kaum infrage. Die angeführten Dokumente veranschaulichen diese zurückhaltende Einstellung sehr wohl. Diese Vorsicht drückt sich auch in der eng geführten ideologischen Debatte zur Einschätzung der Kulturrevolution nach 1976 aus. In der offiziellen Politik ist die Kulturrevolution seit dem Tod Maos abgelehnt und als „zehn Jahre währende Katastrophe“ 十年浩劫 verurteilt worden. Doch reicht diese einseitige Sichtweise wohl kaum aus, um den komplexen Tatsachen der Kulturrevolution gerecht zu werden.1236 Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass die Kulturrevolution in der politischen Landschaft Chinas nach 1976 für nahezu eineinhalb Jahrzehnte ein zentrales Thema darstellte, auch wenn das nicht immer offen dargelegt wurde. Die Kulturrevolution war dabei immer historischer Bezugspunkt und diente gleichzeitig zur Legitimation der Tagespolitik,1237 auch wenn es keine Anstrengungen zu einer Aufarbeitung oder einer Suche nach den Ursachen in einem größeren gesellschaftlichen Kontext gab.1238 Für die Literatur erwuchsen aus diesem zwiespältigen Zustand weitreichende Folgen: Werke, die trotz der anders lautenden Verfügungen zum Thema Kulturrevolution geschrieben wurden, fielen entweder unter ein Verbot, erhielten eine andere als die ursprünglich geplante Konzeption oder erschienen in Erwartung auftretender Probleme gleich im Ausland.1239 Ein besonders heikles Kapitel stellte der Umgang mit den Vertretern der ehemaligen Roten Garden dar, die sich innerhalb der Intellektuellen während der 1980er-Jahre zu einem eigenen Zirkel formierten, als Akteure in den politischen Diskursen auftraten und als eine unbequeme Klientel galten.1240 Die literarischen Werke, 1236 Gao Mobo setzt sich kritisch mit der offiziellen Beurteilung der Kulturrevolution durch die chinesische Führung und chinesische Intellektuelle auseinander. In der umfassenden Verurteilung der Kulturrevolution sieht er eine einseitige Sichtweise, die den komplexen Tatsachen nicht gerecht werde. Durchaus überzeugend ist seine Annahme, dass die Schmähung der „zehn Jahre währenden Katastrophe“ als das „dunkelste Kapitel chinesischer Geschichte“ von offizieller Seite her besonders dem Zweck gedient habe, die übrigen Jahre seit Gründung der Volksrepublik in einem positiveren Licht erscheinen zu lassen. Vgl. Gao 2008, S. 13. 1237 Vgl. Dittmer 1991, S. 21. 1238 Anders dagegen verhielt es sich mit den weitgehend ideologiefreien Zonen der chinesischen Gesellschaft. So bekundete etwa die Popkultur immer wieder ein Interesse an materiellen Zeugnissen aus der Kulturrevolution in Form von Plakaten, Devotionalien usw. Vgl. Dittmer 2002, S. 5 1239 Verboten wurde etwa Yan Liankes Roman Dem Volke dienen kurz nach seinem Erscheinen 2005. Dass Wang Gang (2004) seinen Roman English gerne anders geschrieben hätte, geht aus dem Nachwort zur englischen Ausgabe hervor. Wang schrieb demnach ganz bewusst einen Roman über das Erwachsenwerden und kein Werk, in dessen Mittelpunkt die Kulturrevolution steht. 1240 Vgl. zur Rolle der Roten Garden und ihrer Behandlung durch die Politik nach 1976 Goldman 2002. 389 15 Literatur der Beschäftigung mit der Vergangenheit und Yan Liankes ‚Vier Bücher‘ die im Kontext der Roten Garden erschienen, wurden zwiespältig aufgenommen und mussten immer mit einem Verbot rechnen.1241 Kritik an der Kulturrevolution in einem bestimmten Rahmen war dennoch in gewissem Maße zulässig und wurde unter Umständen sogar politisch gefördert, solange sie sich am Individuum orientierte und nicht das „System“ oder die Partei als solche angriff. Perry Link stellte fest, dass viele Schriftsteller, als sie 1978 ermutigt wurden, über die Kulturrevolution zu schreiben, bereits darauf beharrten, dass die Aufarbeitung mit dem Jahr 1957 beginnen müsse – eine zeitliche Akzentuierung, die nicht zum Kurs der Parteiführung passte, deren inhaltliche Zusammenhänge aber auch nicht geleugnet werden konnten.1242 15.3.2 Auf der Suche nach einer neuen Form des Umgangs mit Geschichte Die Literatur suchte also neue Wege nicht zuletzt deshalb, weil es anscheinend so schwer war, überhaupt eine auch nur annähernd angemessene Antwort auf viele offene Fragen im Zusammenhang mit der Kulturrevolution zu bekommen. Den literarischen Wert der innerhalb der beiden frühen oben genannten Richtungen – also der „Wundenliteratur“ und der „Literatur der Vergangenheitsbewältigung“ – entstandenen Werke einmal außer Acht lassend, ist anzumerken, dass mit ihnen einige Fragen gar nicht oder nur ungenügend beantwortet wurden. Wie war zum Beispiel mit dem Problem einer „verspäteten Zeugenschaft“ umzugehen, wenn man annahm, dass sich 1241 So ist etwa Zhang Chengzhis Meine Zeit als Rotgardist (Zhang 1992) ein frühes Beispiel für die bevorzugte Veröffentlichung eines Buches zum Thema im Ausland. Wie aus den Darstellungen zu seiner Zeit als Rotgardist klar wird, war Zhang der Kulturrevolution gegen- über immer sehr positiv eingestellt und hat diese Lebensphase nie wirklich bereut. Damit stand er zweifellos im Gegensatz zu der offiziellen Politik einer Verurteilung der Kulturrevolution. Vgl. Wang-Riese 2004, S. 55 ff. Ein eher harmloser Roman von Liang Xiaosheng mit dem Titel Geständnisse eines Rotgardisten 一个红卫兵的自白 erfreute sich nach seinem ersten Erscheinen 1987 offenbar so großer Beliebtheit, dass er ca. alle fünf Jahre wieder neu aufgelegt wurde. Vgl. dazu Zimmer 2000. Ein besonderer Aspekt des Schicksals von Rotgardisten rückte vor einigen Jahren in das Bewusstsein der chinesischen Öffentlichkeit, als Ma Yunlongs 马云龙 (Journalist und Zeitungsverleger aus der nordchinesischen Provinz Hebei) Erinnerungen an das Leben in den Gefängnissen zur Zeit der Kulturrevolution in Form einer lockeren Serie von Artikeln seit 2012 in der Wochenzeitung Nanfang zhoumo erschienen. Die Artikel kamen größtenteils unter der Rubrik „Vermischte Aufzeichnungen aus dem Gefängnis“ 狱中杂记 (vgl. etwa die Nanfang Zhoumo vom 8. März 2012, vom 27. Juni 2013 und vom 25. Juli 2013) heraus. Ma gehörte am Beginn der Kulturrevolution zu den studentischen Wortführern an der Universität Peking, schloss sich den Roten Garden an und wurde 1974 als Konterrevolutionär gebrandmarkt. Es folgten Verhaftung und Gefängnisaufenthalt bis 1979. Die Erinnerungen in Form von Anekdoten und Briefen aus der Zeit stammen größtenteils aus den ersten zwei Haftjahren, die zugleich das Ende der Kulturrevolution einleiteten. 1242 Siehe Link 1984, S. 11. 390 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas die zurückliegende Erfahrung eines Schriftstellers angesichts einer absichtlichen oder unbewusst erfolgten Verdrängung oder eines Vergessens wandelte? Wie beteiligte man sich an einem bestehenden Diskurs, wenn die eigene Identität noch an den Traumata der Vergangenheit litt? Wie verband sich die Literatur mit persönlichen Erfahrungen und repräsentierte zur gleichen Zeit eine kollektive Erinnerung?1243 Der Versuch einer Antwort auf die Frage der angemessenen Repräsentation eines historischen Ereignisses wie der Kulturrevolution waren die Werke einiger chinesischer Autoren Mitte der 1980er-Jahre. Der Avantgarde-Schriftsteller Yu Hua zum Beispiel drückte mit Erzählungen wie „1986“ (一九八六年, 1987) oder „Vergangenheit und Strafe“ (往事与刑法, 1989) die Unfähigkeit des Autors aus, Zeugnis abzulegen und seine Erfahrungen der Vergangenheit vollständig mitzuteilen. Yu Huas Werk stellt damit die Krise der Repräsentation dar, in der „Geschichte“ folglich unverständlich wird.1244 Man kann einige der frühen literarischen Arbeiten Yu Huas, die einen Bezug zur Kulturrevolution aufweisen, als eine Art „Gegennostalgie“ auffassen, mit der er versuchte, das Scheitern der nicht eingelösten, im Namen der Geschichte gemachten Versprechen zu erklären. Mittels des Absurden vermittelte Yu Hua damals eine Sicht der durch die Geschichte erzählten Geschichten und relativierte damit die Bedeutung von „Geschichte“ überhaupt.1245 Die einflussreichsten der Erzählungen Yu Huas aus dem Ende der 1980er-Jahre sind Belege dafür, dass der Autor nicht in der Lage ist, Zeugnis über all seine Erfahrungen in der Vergangenheit abzulegen. Nicht die Erfahrung, die „Geschichte“, sondern vielmehr die Traumatisierung durch historische Ereignisse wurde künstlerisch umzusetzen versucht.1246 Autoren wie Yu Hua oder Can Xue widmeten sich in ihren Werken nicht dem konkreten Ausdruck von Gewalt und Leid,1247 sie verdeutlichten vielmehr die Schwierigkeiten bei dem Versuch, das Unmenschliche 1243 Vgl. zu diesen und weiteren Fragen die Ausführungen bei Braester 2003, S. 147. Braester thematisiert den Aspekt des „Restgiftes“ aus der Kulturrevolution am Beispiel von Ji Xianlins 季羡林 Erinnerungen aus dem Kuhstall 牛棚杂忆, die erst Jahrzehnte nach den Erlebnissen Jis erschienen. 1244 Zu Yu Hua und seinem frühen Werk vgl. die Übersicht bei Zimmer 2002a. 1245 Vgl. Braester 2003, S. 177 f. 1246 Die Technik, Geschichte nicht im Zusammenhang zu erzählen, um auf diese Weise den Verlust der Ganzheit und die Zweifel an der Kontinuität von Erfahrungen zu artikulieren, wurde in der Folge immer wieder von chinesischen Autoren angewandt, wenn es darum ging, die Vergangenheit zu beschreiben. Ein Beispiel ist etwa der 1994 erschienene Roman Mein Bodhi-Baum 我的菩提树 von Zhang Xianliang, der den Untertitel „nichtfiktionaler Roman in Form eines Tagebuchs“ trägt. Mit dieser Form wird auf die Schwierigkeit eingegangen, wie man mit seiner Stimme aus der Gegenwart in der Retrospektive schreibt und über die Traumata der Vergangenheit berichtet. Geschrieben ist der Roman an zwei unterschiedlichen Punkten in der Geschichte, in zwei unterschiedlichen Idiomen von zwei unterschiedlichen Verfassern. Vgl. Braester 2003, S. 148 und 157. 1247 Gerade Can Xues Stil bei der Darstellung der Kulturrevolution ist als einzigartig eingeschätzt worden. Im Gegensatz zu den realistischen Werken, die schnell in den individuellen Tragödien stecken blieben oder die Zensur herausforderten, musste sich Can Xue mit ihrer Mischung aus Abstraktion, Expressionismus und Allegorie keine Zurückhaltung auferlegen. Siehe Wu 2000, S. 130. 391 15 Literatur der Beschäftigung mit der Vergangenheit und Yan Liankes ‚Vier Bücher‘ darstellbar zu machen und dem unerinnerbaren Trauma innerhalb des Unbewussten eine Form zu geben.1248 Die Werke der Avantgarde-Literatur bildeten einen möglichen literarischen Ansatz zum Umgang mit Themen wie der Kulturrevolution.1249 Zeitgleich, d. h. ebenfalls in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre, gab es innerhalb der aufkommenden literarischen Wellen die Tendenz zur „alternativen Geschichtsschreibung“ in den Werken der „neo-historischen Erzählliteratur“. Die Werke von Autoren wie Zhang Wei 张伟, Mo Yan, Li Rui, Liu Zhenyun, Ge Fei, Ye Zhaoyan 叶兆言 usw. forderten dabei die offizielle Revolutionsgeschichte heraus. Sie hinterfragten die Rolle des Klassenkampfes als der Hauptkraft historischer Ereignisse nach Auffassung des orthodoxen Marxismus ebenso wie den „wissenschaftlichen“ Status der Geschichtsschreibung und boten damit eine alternative Geschichtsschreibung. Gemeinsam war vielen Autoren, dass sie einen dekonstruktivistischen Ansatz in ihren Erzählungen über die Geschichte wählten.1250 Ein einflussreicher Autor, der quasi am Ende dieser Epoche, zu Beginn der 1990er-Jahre, auftrat, war Wang Xiaobo (1952 – 1997), der den literarischen Umgang mit der Kulturrevolution auf eine neue Ebene hob. Wang gelangte quasi über Nacht zu Ruhm, als 1992 seine Novelle „Goldenes Zeitalter“ 黄金时代 erschien, in der er die Erinnerung an eine Liebesgeschichte zur Zeit der Kulturrevolution wachrief und erstmals sexuelle Motive berücksichtigte.1251 Wangs Werk war keiner bestimmten Botschaft verpflichtet. Worum es ihm ging, das war eine neue und bis dahin unbekannte Form des Umgangs mit der von der „Wundenliteratur“ zehn Jahre zuvor beschriebenen Opferrolle der Menschen in der Kulturrevolution: darzulegen, wie die zentralen Dinge des Lebens wie etwa Intellektualität und erotische Liebe den Helden und Heldinnen vorenthalten blieben. Indem er die bis dahin üblichen Liebesgeschichten parodierte, die den Sexualtrieb stets der Moral und der politischen Korrektheit geopfert hatten, wurde Sex in Wang Xiaobos Geschichten zu einer subversiven Kraft, die die herrschende Ideologie unterwanderte.1252 1248 Vgl. Yang 2002, S. 55. 1249 Die der Avantgarde zugerechneten Autoren wandten sich später durchaus weiteren Themen zu, vgl. Wu 2000, S. 135. Wie das Beispiel Yu Hua und sein 2005 fast zwei Jahrzehnte nach den ersten literarischen Arbeiten zum Thema Kulturrevolution vorgelegtes Buch Brüder 兄弟 jedoch zeigt, scheint die Kulturrevolution einen Teil der Avantgarde-Autoren nicht loszulassen. 1250 Vgl. die Ausführungen dazu bei Lin 2005, wo auf den Seiten 16 bis 24 die neuen literarischen Entwicklungen vor dem Hintergrund der Zeitumstände betrachtet werden. 1251 Das Werk war Teil von Wangs Trilogie des Zeitalters (时代三步曲 d. h. Goldenes Zeit alter, Silbernes Zeitalter 白银时代 und Bronzezeitalter 青铜时代), die wiederum jeweils aus drei einzelnen Werken bestanden. Die Werke der Trilogie beschäftigen sich mit der jüngeren Vergangenheit (d. h. der Kulturrevolution), der Zukunft und der Mischung von Gegenwart und Vergangenheit. Ein Kapitel des Abschnitts „Liebe in den Zeiten der Revolution“ aus Goldenes Zeitalter findet sich als „Love in the Age of Revolution“ (transl. by Wang Dun and Michael Rodriguez) unter http://mclc.osu.edu (eingesehen am 4.2.2010) als Teil des MCLC Ressource Center 2009. 1252 Vgl. dazu auch Lin 2005, S. 175 – 182. 392 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas Rückblickend wird also deutlich, dass sich die chinesische Literatur zum Stoff der Kulturrevolution in den 15 bis 20 Jahren nach 1976 mit einer ganz zentralen Frage beschäftigte: der Darstellbarkeit von Geschichte und Erlebtem. Anders als in Deutschland freilich, wo sich Schriftsteller nach 1945 immer wieder auf die unterschiedlichste Weise mit Fragen aus der Zeit des „Dritten Reichs“ oder zum Holocaust auseinandergesetzt haben, herrschte in China meist angeordnete Verdrängung vor. Die Literatur gelangte folglich – politisch durchaus erwünscht und künstlerisch notwendigerweise  – weit schneller an die „Grenzen ihrer Darstellungsfähigkeit“.1253 Doch war die Faszination über die „verlorenen zehn Jahre“ keineswegs erloschen, sie ergab sich vielmehr aus der „emotionalen Ambivalenz“ der Betroffenen, sowohl angezogen wie abgesto- ßen zu werden.1254 Die Anziehungskraft des „Phänomens“ Kulturrevolution ging dabei weit über die Literatur hinaus. So erklärte der bekannte chinesische Regisseur Zhang Yimou vor einigen Jahren in einem Interview, dass die Kulturrevolution für Künstler und Filmemacher einen ungemein reizvollen Stoff darstelle, da „die menschliche Natur in solch turbulenten Zeiten schärfer zutage trete als in friedlichen Zeiten“ und die Geschichten aus der Kulturrevolution daher viel spannender seien als Geschichten aus der Gegenwart.1255 Von der Literaturwissenschaft wird diese Ansicht mittlerweile bestätigt. Der bekannte Literaturwissenschaftler Chen Sihe von der Fudan-Universität spricht von der Kulturrevolution als „nicht wegzudenkendem Thema in der chinesischen Gegenwartsliteratur“ und als einem „reichen Themenschatz“. Doch muss auch Chen eingestehen, dass bestimmte Themen dieser Zeit immer noch tabu seien und eine ernsthafte historische Auseinandersetzung daher behindert werde. Zwar ließen Autoren persönliche Erfahrungen und Erlebnisse in ihre Werke einfließen, doch hätten „die damaligen Jahre noch keinen angemessenen künstlerischen Ausdruck gefunden.“1256 Uns wird also im weiteren Verlauf dieser Betrachtungen u. a. die Frage beschäftigen, ob dieser angesprochene Mangel nur politische Ursachen hat oder ob nicht auch künstlerische Schwächen festzustellen sind. 1253 Yang 2002, S. 42. 1254 Vgl. Yang 2005, S. 81. Zu einer differenzierten Einschätzung der Kulturrevolution aus der Sicht eines Betroffenen vgl. den Aufsatz von Hu 2007. 1255 Vgl. das Interview Lorenz 2002. Zhang bedauerte in dem Interview ausdrücklich, dass der künstlerischen Umsetzung der Kulturrevolution aufgrund der Zensur in China Grenzen gesetzt seien. Zu einer Reihe von chinesischen Filmen zum Thema Kulturrevolution von Regisseuren wie Chen Kaige und Zhang Yimou siehe das Material, das online unter http://www.de-cn.net/dis/dem/zhindex.htm (eingesehen am 29.1.2010) zu finden ist. Vgl. zu einer recht gut gelungenen Beschäftigung mit der Kulturrevolution den im Mai 2014 auch bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes gezeigten Film Rückkehr 归来 von Zhang Yimou, in dem es um die sich viele Jahre hinziehende Rückkehr eines verfolgten Intellektuellen zu seiner Familie geht. 1256 Chen 2008, S. 157. 393 15 Literatur der Beschäftigung mit der Vergangenheit und Yan Liankes ‚Vier Bücher‘ 15.3.3 Die Möglichkeiten einer neuen Kunst Es dürfte angesichts der in den oben angeführten Künstlerzitaten zum Ausdruck gebrachten Wichtigkeit des Stoffes kein Zufall sein, dass das Interesse an der Kulturrevolution seit einiger Zeit wieder hervorbricht, und zwar zu einem Zeitpunkt, da das Ereignis selber aus dem allgemeinen Gedächtnis zu verschwinden beginnt. Tatsache ist: Für die nachrückenden jüngeren Generationen der in den späten 1970ern oder 1980er-Jahren Geborenen stellt die Kulturrevolution kein fassbares Ereignis mehr dar. Wenn sich die Nachgeborenen von einem Ereignis wie der Kulturrevolution noch auf die eine oder andere Weise angesprochen fühlen, dann hat das möglicherweise vor allem mit der Aura des Geheimnisvollen und Verbotenen zu tun, die dieses Ereignis immer noch umgibt. Wie grenzt sich nun die Literatur des zurückliegenden Jahrzehnts von der davor ab? Wie aus den Darstellungen klar geworden sein dürfte, hat man sich bisher jedenfalls mit künstlerischen Nuancierungen bei der Darstellung der Kulturrevolution schwergetan. Trotz der durchaus beeindruckenden Vielfalt,1257 mit der die Literatur zu unserem Thema weiterhin in Erscheinung tritt, und obgleich die Kulturrevolution sich mit wachsender zeitlicher Distanz aus den bisherigen Diskurszusammenhängen wenigstens zum Teil gelöst hat, ist sie nur begrenzt zu einem Stoff gereift, dessen man sich auf kreative Weise bedient. So ist es durchaus zutreffend, wenn Chen Sihe sagt, dass nach der „Groteske der Erinnerung“ und dem „Mangel an Authentizität“ in den Werken Ende der 1980er bzw. Anfang der 1990er sowie den Anstrengungen knapp zehn Jahre später, „ernster“ und über das Satanische im Menschen zu schreiben sowie einen „grotesken Realismus“ zu pflegen, nunmehr das „einfache Erzählen“ wiedergeboren worden ist.1258 Die Form der einst von der Avantgardeliteratur vor drei Jahrzehnten gepflegten komplexen Erzählung ist die Sache der Literatur aus unseren Tagen 1257 Über die umfangreiche Literatur, die die Zeit der Kulturrevolution als Hintergrund hat und in den letzten Jahren entstanden ist, kann hier nur ein grober Überblick gegeben werden. Grundsätzlich gilt, dass mit der Wiederkehr bestimmter Jahrestage die Kulturrevolution in verschiedenen Kontexten literarisiert wird. Eine Besonderheit stellt seit einiger Zeit die Literatur über das Schicksal der „Jugendlichen Intellektuellen“ 知青 dar, die seit Ende 1967 aufs Land verschickt wurden und vor einigen Jahren die vierzigjährige Wiederkehr dieses Ereignisses feierten. Als Beispiel sei der Titel Jahre voller Träume 多梦年华 von Guo Lin 果林 angeführt, der 2009 erschien. Doch ist die in den vergangenen mehr als zwanzig Jahren entstandene Literatur zum Schicksal dieser wohl mehr als 14 Millionen während der Kulturrevolution verschickten Jugendlichen weit umfangreicher und dürfte einige Hundert Bücher in Form von Romanen, Erinnerungen, wissenschaftlichen Monografien umfassen. Vgl. dazu den Artikel von Liu Xiaomeng 2006. Daneben gibt es immer wieder Bücher, in denen die Kulturrevolution nur einen Teil der Betrachtungen zu politischen Ereignissen in China nach 1949 bildet. Hier sorgte 2008 das zweibändige Buch Ich bin mein Gott 我是我的神 von Deng Yiguang 邓一光 für Aufsehen, das im Milieu der Militärs angesiedelt ist. Vor einem eher dörflichen Hintergrund spielt bei ähnlichem Zeithintergrund Liu Shis 刘石 2009 veröffentlichtes Buch Menschen aus den Bergen 山洼里的人家. 1258 Vgl. Chen 2008, S. 157. Zu den Anstrengungen in der chinesischen Literaturwissenschaft vgl. die Studie von Xu Zidong 2000. 394 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas nicht. Auch die neueren Spielarten der Wundenliteratur sind – wie der vor einiger Zeit erschienene halbbiografische Roman Liebe unter dem Weißdornbaum 山楂树之恋 von Aimi 艾米 – weniger als „Wiedergeburt“ zu verstehen. Vielmehr hat es den Anschein, als ob gerade in der chinesischen Trivialliteratur die Bereitschaft, Bedürfnisse der Leser nach sentimentalen Schnulzen zu bedienen, einfach nicht totzukriegen ist.1259 Ich übertreibe also nicht, wenn ich einleitend zu dem folgenden Überblick sage, dass der Roman zur Kulturrevolution auch unter Berücksichtigung der Werke aus den letzten Jahren noch nicht geschrieben worden ist. Ein möglicher Grund dafür könnte sein, dass die Zeit trotz der vielversprechenden Versuche immer noch nicht reif ist. Hohe literarische Kunst benötigt mehr als die Gewissheit, dass ein Thema marktgängig ist, sie ist ebenso angewiesen auf ein hohes Maß an gedanklicher Freiheit und an Freiheit des Ausdrucks. Beides ist in China bislang nicht vorhanden. Nicht jede Empfehlung der chinesischen Buchkritik gewährleistet zudem eine hohe Qualität des besprochenen Werkes. So erweist sich das von Rezensenten als epische Satire gefeierte Buch Die Macht in den Händen 一朝权在手 von Nan Tai 南台 (geb. 1945) als ausgesprochen träge, es fesselt den Leser nicht.1260 Nan Tais Buch „lebt“ nicht, der Zeitgeschmack bleibt zu wenig ausgeprägt. Die „Satire“ – festgemacht an der endlosen Verstrickung der Figuren im Machtkampf, dem Postengeschachere, dem Hintertüren-Benutzen usw. – bleibt vordergründig und könnte in jeder Phase der chinesischen Geschichte nach 1949 spielen. Am Beispiel von Nan Tai wird deutlich, dass man zwar gelegentlich vorgibt, einen neuen Zugang zur literarischen Auseinandersetzung mit der Kulturrevolution gefunden zu haben, ohne freilich am Ende wirklich etwas Neues gesagt zu haben. Die vorstehende Kritik soll freilich nicht bedeuten, dass es nicht durchaus interessante Neuerungen in der chinesischen Gegenwartsliteratur gibt. Zunächst ist in diesem Zusammenhang einmal festzuhalten, dass bei einer Reihe jüngerer Autoren wie Dong Xi 东西 (geb. 1966), die die Kulturrevolution während der letzten Jahre thematisierten oder wenigstens die Handlung ihrer Werke in den Zeitraum zwischen 1966 und 1976 legten, die Kulturrevolution nicht mehr oder höchstens zum Teil der eigenen Erlebniswelt entstammt. Die Distanz zum Ereignis eröffnet einen – verglichen mit den Werken der Wundenliteratur – freieren Blick. So steht der 2005 erschienene Roman Aufzeichnungen des Bedauerns 后悔录 von Dong Xi möglicherweise am Beginn einer neuen Literatur des Fragens und Nachdenkens in China, die sich durch die Jugend des Verfassers und eine gewisse Verspieltheit von der Erinnerungsliteratur der Vorgänger unterscheidet.1261 Der Autor relativiert das simple, Distanz schaffende Urteil der Nachwelt, die das Jahrzehnt der Kulturrevolution als „verloren“ abgetan hat, so, als ob nicht viele Zeitgenossen ihren Anteil auch an dieser Katastrophe besessen hätten. 1259 Vgl. Aimi 2007. Auf eine im Vergleich mit der frühen Wundenliteratur subtile Weise schildert die seit 2005 publizierende junge Autorin Aimi 艾米 das traurige Schicksal eines jungen Liebespaares zum Ende der Kulturrevolution. Dass Gefühle lange Zeit unartikuliert bleiben, zahlreiche Missverständnisse die Verwirklichung der Liebe verhindern, wird nicht auf konkrete Zeitumstände, Gewalt und Terror zurückgeführt, sondern vielmehr auf den von der Gesellschaft der damaligen Zeit ausgeübten Zwang, Gefühle nicht zu zeigen. 1260 Vgl. Nan Tai 2009. Siehe die begeisterte Rezension von Wang Chunlin 2009. 1261 Vgl. Dong Xi 2005 und Zimmer 2009 f. 395 15 Literatur der Beschäftigung mit der Vergangenheit und Yan Liankes ‚Vier Bücher‘ Dass die neuen Spielräume nicht nur etwas mit einer späteren Geburt des Verfassers zu tun haben, zeigt das zweite Beispiel. Utopische Romane sind in China eine eher unbekannte Gattung, sie passten bisher nicht in die politische Landschaft, lassen sie sich doch auch immer als eine Kritik am bestehenden System auffassen. Wang Jinkang 王晋康 (geb. 1948), in China einer der bekannteren Science-Fiction-Autoren, hat mit Formicibrosia 蚁生 einen ganz beachtlichen antiutopischen Roman vorgelegt, der schwerlich seinesgleichen in der chinesischen Gegenwartsliteratur hat.1262 Unweigerlich denkt man bei der Lektüre an die großen Dystopien der westlichen Literatur wie Huxleys Brave New World und Orwells 1984. Doch wo Orwells Roman aus der sicheren räumlichen und zeitlichen Distanz auf die Erfahrungen mit den Diktaturen unter Stalin und Hitler zielte, verdient allein schon Wangs Verfahren, mit Formicibrosia auf ein bereits gescheitertes Gesellschaftsexperiment der chinesischen Vergangenheit abzuheben, Beachtung. Wangs Roman spielt in den frühen 1970er-Jahren, zur Zeit der Kulturrevolution, der Handlungsort ist eine Farm, auf der zusammen mit den ortsansässigen Bauern eine größere Anzahl Jugendlicher aus der Stadt lebt. Ein berühmter Ameisenforscher hat seinem nunmehr auf der Farm tätigen Sohn Yan Zhe die Rezeptur für eine Flüssigkeit vererbt, die aus Ameisen extrahiert wird. Die mit dem Extrakt besprühten Menschen verwandeln sich in zahme, arbeitswillige Zeitgenossen, die keinen anderen Wunsch mehr zu verspüren scheinen, als selbstlos dem Wohle der Gemeinschaft zu dienen. Das Experiment zur künstlichen Erschaffung einer Idealgesellschaft am Ort mittels einer Droge endet schließlich tödlich. Die Abrechnung mit dem gescheiterten Gesellschaftsexperiment „Kulturrevolution“ liegt auf der Hand. Formicibrosia ist der Versuch, Parallelen und Kontinuitäten zwischen Vergangenheit und Gegenwart anzudeuten. Die „Einmaligkeit“ der Kulturrevolution lässt sich durch ihre Vorstellung als Utopie plötzlich hinterfragen. Es taucht für den Leser auf einmal eine neue Dimension aus der Vergangenheit auf, die man vielleicht immer vage gespürt, aber nie klar gesehen hat. Wangs Roman steht für das sensible Bemühen, die Mär vom radikalen Neubeginn nach 1976 zu hinterfragen und bewusst zu machen, dass man auch heute in China noch weit davon entfernt ist, sein Leben in Freiheit und Selbstbestimmtheit zu führen. Die Kulturrevolution wird damit zu einem Paradigma für eine Bedrohung, die nicht nachgelassen hat. Welches Ausmaß der gesellschaftlichen Strukturiertheit ist notwendig und zulässig? Wo beginnt und wo endet der „Zwang zum Glück“? Und wie echt kann die Begeisterung für eine Sache sein, wenn man auch heute immer noch zu hören bekommt, dass Partei und Nation unbedingt zu lieben seien? Die Droge im Buch, eben besagtes Formicibrosia, steht für die permanente Indoktrination, die Parolen mit den Anweisungen zum Fühlen und Handeln. Indem Wang die Handlung ins Utopische hebt, macht er Erscheinungen aus der Vergangenheit verständlich, die auch für die Gegenwart weiterhin Bedeutung besitzen. Eine Besonderheit, die die beiden angeführten Romane mit einer Reihe weiterer teilen, ist ihre Freude am realistischen Erzählen, am Spiel mit den Oberflächen. In der Sprache und den mit ihr gelieferten Bildern dieser Werke spiegeln die Autoren die von ihnen imaginierte Atmosphäre der betreffenden kulturrevolutionären Zeit. Die vielen faszinierenden Details aus dem prallen Leben, präsentiert in nahezu filmhaften Bil- 1262 Vgl. Wang Jinkang 2007 und Zimmer 2009g. 396 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas dern, sind großartig vorgetragen und werden immer wieder zu spannenden Erzählungen verknüpft. Doch es fehlt am Schluss der Blick auf das Hintergründige, es fehlen die wirkliche Reflexion, ernsthafte Gedanken und letztlich kühne und ganz neue Inhalte. Die bekannte Schriftstellerin Wang Anyi (geb. 1954) hat mit ihrem 2007 erschienenen Roman Zeit der Aufklärung 启蒙时代 einen stilleren Weg als die bereits genannten Autoren gewählt.1263 Mit Zeit der Aufklärung hat Wang Anyi großen Mut bewiesen. Es hat, möchte man sagen, fast etwas Unanständiges, über die „heißeste“ Zeit der Kulturrevolution (1966 – 1968) so zu schreiben, wie Wang das tut. Wie viele Menschen sind damals in den Tod getrieben worden, wie viele Familien waren betroffen, haben gelitten, Angst um ihre Angehörigen ausgestanden, wie viel ist damals blindlings zerstört worden?1264 Der Buchtitel von Wang Anyis Roman, Zeit der Aufklärung, ist durchaus in einem mehrfachen Sinne zu verstehen: Einmal verbirgt sich dahinter selbstverständlich eine Anspielung auf die historische Epoche im Europa des 18. Jahrhunderts – im Roman besetzt durch die Auseinandersetzung der jugendlichen Chinesen mit den europäischen Geistesgrößen und ihren Werken, um zweihundert Jahre später ihren Weg zur „Befreiung“ zu finden. Der Buchtitel Zeit der Aufklärung konnotiert jedoch auch den Begriff der Pubertät: Nanchang, die Hauptfigur im Roman, und seine Freunde „Xiaotuzi“, Chen Zhuoran usw., sie alle wachsen in einer ganz besonderen Zeit heran, müssen sich mit den politischen Parolen herumschlagen, ihre Gedanken, ihre Taten und die Gefühle werden in hohem Maße nicht von ihnen selber, sondern vom Staat, der Gruppe usw. bestimmt, viel Auswahl gibt es nicht. Wang Anyis Roman handelt von dem Bruch, dem tiefen Spalt, der sich plötzlich in Familien, unter Freunden auftut, wenn ein Vater zum „rechten Element“ gestempelt wird, wenn der „schändliche“ Selbstmord der Mutter keine Trauer auslösen darf, wenn der Bruder oder eine Freundin auf einmal als vollkommen Fremde dastehen, seit sie einer feindlichen Fraktion der Roten Garden angehören. Aber da ist mehr, Gefühle zu bestimmten Personen sind nicht einfach weg, schlagen nicht ins Gegenteil um, sie suchen sich nur neue Menschen, Ziele, denen sie sich zuwenden möchten. Das Schöne an Wangs Buch ist, dass es diese wunderbare Kraft von Furcht und Liebe im Leben zeigt. Zeit der Aufklärung ist Wangs Angebot eines anderen Bildes von der Kulturrevolution, es ist radikal anders als das, was die meisten chinesischen Leser an Bildern über 1263 Vgl. Wang Anyi 2007. Zu den folgenden Ausführungen vgl. die Besprechung des Romans durch Zimmer 2008. Siehe auch die Magisterarbeit von Simone Glasl an der Universität München zum Thema „Vergangenheitsbewältigung in der chinesischen Gegenwartsliteratur am Beispiel ausgewählter Autoren“ aus dem Jahr 2010. 1264 Auf die Hintergründe bei der Abfassung des Romans befragt, hat Wang Anyi hervorgehoben, dass jeder eine eigene Auffassung bezüglich der Kulturrevolution habe. Ziele und Charakter der Kulturrevolution seien ihr selbst nach umfangreicher Lektüre immer noch unklar: „Die Französische Revolution hatte ein Programm, aber auf was für einer Idee wollte die Kulturrevolution den Staat aufbauen? Wie wollte man Fortschritt erreichen? Ich verstehe es nicht […].“ Die Suche nach den Fehlern in der Kulturrevolution sei bislang nur ungenügend betrieben worden, so Wang weiter, wertvolle Erkenntnisse habe man aus den Erfahrungen der Vergangenheit bislang nicht gewonnen. Vgl. Zhang Chunhong 2008, S. 10. 397 15 Literatur der Beschäftigung mit der Vergangenheit und Yan Liankes ‚Vier Bücher‘ diese Zeit im Kopf haben. Wang Gang (geb. 1960) mit English (英格力士, 2004) und He Liwei 何立伟 (geb. 1954) mit Wie die Sonne um 8, 9 Uhr morgens (像那八九点钟的太阳, 2006) mögen spannender,1265 lebendiger, aufregender über ihre Sicht auf die Ereignisse der Kulturrevolution geschrieben haben, Wang Anyis Werk aber ist literarisch zweifellos dichter, anspruchsvoller. Ja, scheinbar „unerhört“ auch dies: So traurig vieles von dem ist, was Wang Anyi da beschreibt, mit ihrem verschachtelten Stil, dem Sich-Verlieren in Details, mit dieser fast melancholischen Schönheit ihrer Sprache vermag sie auch dieser Zeit einen seltsamen Zauber zu verleihen. Wodurch sich Zeit der Aufklärung am meisten von anderen zeitgenössischen Romanen über die Kulturrevolution unterscheidet, das ist das Fehlen von Stereotypen und Klischees bei der Zeichnung der Figuren. In Yu Huas Roman Brüder 兄弟 zum Beispiel verschmelzen,1266 von den Protagonisten einmal abgesehen, die übrigen Figuren zu einem Einheitstyp, der sich auszeichnet durch Gewissenlosigkeit, Egoismus, Schadenfreude am Leid der Mitmenschen und vor allem durch ein völliges Fehlen von Mitleid. Wang Anyi hingegen zeichnet Charakter, Herkunft und Eigenheit jeder einzelnen Romanfigur mit so viel Feinheit und Genauigkeit nach, dass jede von ihnen individuell wirkt. Sie vermittelt dadurch den Eindruck einer Vielfalt von Persönlichkeiten und Lebensumständen auch noch zu einer Zeit, in der die Individualität unterdrückt wurde. Die literarischen Jugendimaginationen und -inszenierungen in vielen chinesischen Romanen der letzten Jahre zur Kulturrevolution sind – so mein Schluss in der Gesamtinterpretation – nicht zufällig entstanden. Es widerstrebt mir, hierin lediglich ein Indiz für die „Marktgängigkeit“ dieses Themas zu sehen. Vielmehr handelt es sich ihrer Logik und ihrer Erscheinungsform nach um Effekte eines weitläufigen kultursemiotischen Diskursfeldes. Der Grund für diesen „Jugendenthusiasmus“ könnte in der auch in China überlieferten Auffassung von der Kindheit und Jugend als defizitären Übergangsstadien zum Erwachsensein zu suchen sein und eine literarische Erwiderung auf den von dem großen chinesischen Schriftsteller Lu Xun (1881 – 1936) aus seinem Werk (Tagebuch eines Verrückten 狂人日记, 1918) her klingenden Aufruf „Rettet die Kinder!“ darstellen. Auch der hierzulande recht bekannte Su Tong (geb. 1963) bedient sich in seinem 2010 erschienenen Roman Flussufer 河岸 – dessen Handlung vollständig zur Zeit der Kulturrevolution spielt – der „Jugend“-Thematik, stellt sie aber in den größeren Zusammenhang der Generationenfolge.1267 Mit grimmigem, ja derb anmutendem Humor stellt der Verfasser immer wieder die Frage nach dem Ich-Wert der Menschen zu jener Zeit, wenn die unerschütterliche Abstammungsgewissheit plötzlich zu existieren aufhört. Der Dorfvorsteher Ku Wenxuan, einst hochgeschätzter Nachfahre einer lokalen Märtyrerin, verliert mit den Ereignissen im Verlaufe der Kulturrevolution zuerst die 1265 Vgl. Wang Gang 2004 und dazu die Besprechung Zimmer 2005 sowie He Liwei 2006 und Zimmer 2007d. Besonders bei He Liwei ist der Versuch hervorzuheben, der Kulturrevolution eine eigene Identität zu verleihen, indem er die Ereignisse in der Sprache der damaligen Generation beschreibt. Dadurch bricht eine weitere Ebene von Geschichte hervor. 1266 Vgl. dazu den Werkartikel Zimmer 2010a. 1267 Vgl. Su Tong 2009. 398 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas Frau, dann sein Geschlechtsorgan, die Herkunftsgewissheit und schließlich sein Leben. Die von Ku vorgenommene Selbstverstümmelung als Akt der revolutionären Selbstreinigung führt nur zur eigenen seelischen Verkümmerung. Der nächste Schritt – Kus Selbstversenkung im Fluss zusammen mit dem Grabstein der Ahnin – ist die Flucht in die Selbstzerstörung. Dies mag vielleicht eine „Erlösung“ für den Betroffenen sein, eine Lösung für die Nachwelt und das Ich des Sohnes und Erzählers ist es nicht. Auch Su Tongs Roman haftet ähnlich wie vielen anderen Werken zu dem Thema etwas Grobes, Burleskes an. Die Drastik und Ausdruckskraft der Bilder gerade bei Su Tong erinnert von Ferne an Rabelais. Doch Su Tong steht noch für mehr. Wo groteske Verzerrungen und realistische Details keine ausreichenden Erklärungen mehr anbieten, ist der Umschwung ins Allegorische nahezu zwangsläufig. Der Untergang von Su Tongs Romanheld in Flussufer findet eine meisterhafte Ergänzung in dem Buch von Cao Guanlong mit dem Titel Versinken 沉.1268 Cao, der, wie weiter oben bereits angegeben, der frühen Wundenliteratur Ende der 1970er versucht hatte eine eigene Note zu geben, verließ 1987 China, nahm die amerikanische Staatsbürgerschaft an und lebt heute in Florida. Das dem Stil des „Magischen Realismus“ zugerechnete Buch Versinken bedient sich eingängiger Bilder und Symbole wie dem des „Volksdörrfleisches“ 人民肉松 und des „Volksknochenweins“ 人民骨酒, um auf eine neue Dimension der Gewalt und des Zynismus in den Jahren der Kulturrevolution hinzuweisen.1269 Caos Erzählung vom verführten, unbedarften Volk, das seine Menschlichkeit in den Wirren politischer Kampagnen verliert, im Kannibalismus eine neue Form von „Kultur“ zu schaffen glaubt und am Schluss in den Fluten versinkt, ist nicht zuletzt wegen seiner gehobenen Sprache ein Epos von biblischem Charakter.1270 Zerstörung, Auflösung und vollkommenes Verschwinden sind bei aller Vagheit eines offen bleibenden Ausgangs der Handlung möglicherweise auch in Caos Versinken ein Ausdruck der Hoffnung auf einen Neuanfang. Bei der Kulturrevolution handelt es sich fraglos um einen vielseitigen und auch unterhaltsamen Stoff mit genügend kritischen Bezügen zu gesellschaftlichen Entwicklungen in der Gegenwart. Was die vorstehend angeführten Romane verbindet, ist die Vielfalt bei der Ausdeutung historischer Räume. Die Zeitbezüge sind vielfach unsicher, nur hin und wieder findet sich eine Jahreszahl zur Verdeutlichung des Zeithintergrundes. Der insgesamt vage bleibenden Deutung entspricht der gelegentliche Übergang ins Allegorische. Die mit dem Thema befassten Autoren lassen zwar die Vermutung zu, dass sich der Umgang mit der Kulturrevolution noch nicht ganz aus dem biografischen Kontext gelöst habe, doch bieten sie genügend neue und kreative Ansätze. So hat etwa 1268 Vgl. Cao Guanlong 2009. 1269 Zur literarischen Einordnung vgl. die dem Roman vorangestellten Einführungen von David Der-Wei Wang (S. 2 – 6) und Li Jie (S. 8 – 14). 1270 Auch wenn sich eine „christliche“ Lesart hier weitgehend verbietet, drängt sie sich durch Ton und Bilder gelegentlich auf. Ansonsten greift Cao in starkem Maße auf Motive der neueren chinesischen Literatur zurück. Kannibalismus ist bereits bei Lu Xun thematisiert worden, Belege über den Kannibalismus der Roten Garden in der südchinesischen Provinz Guangxi gibt es seit der von Zheng Yi 郑义 1993 vorgelegten Studie Roter Gedenkstein 红色纪念碑. 399 15 Literatur der Beschäftigung mit der Vergangenheit und Yan Liankes ‚Vier Bücher‘ der aus Nanjing stammende Schriftsteller Ge Liang 葛亮 (geb. 1978) mit seinem Buch Dompfaff 朱雀 (2010) einen breit angelegten Roman vorgelegt, der vor dem Hintergrund der Geschichte Nankings im 20. Jahrhundert eine Brücke von dem Massaker der Japaner 1937 über die Kulturrevolution bis hin zum Jahr 1989 schlägt.1271 Ähnlich angelegt ist der 2014 erschienene, sehr umfangreiche Roman Baumringe 年轮 von Liang Xiaosheng.1272 Die Literatur der letzten Jahre zur Kulturrevolution ist also gekennzeichnet durch eine persönlichere Sicht der Autoren, die nicht mehr vornehmlich der offiziellen Sicht verpflichtet ist. Man ist in einen literarischen Diskurs getreten, will weg von der Vereinfachung und hin zu authentischeren, lebensechteren Darstellungen. Gerade durch ihre Verselbstständigung und Unabhängigkeit von den offiziellen Auslegungen der Kulturrevolution hat sich die Literatur einen neuen „Bezugsrahmen“ geschaffen, der ein endgültiges Vergessen bisher verhindert hat.1273 Die von mir vorstehend angeführten Romane bilden insgesamt nur eine kleine Auswahl von Werken, die in den letzten Jahren zur Kulturrevolution erschienen sind. Zu den wichtigsten Romanen dürften darüber hinaus neben Ma Yuans 2012 unter dem Titel Ochsenkopfdämonen und Schlangengeister 牛鬼蛇神 erschienen Buch,1274 das die Kulturrevolution als Anlass nimmt, über Leben und Menschsein zu reflektieren, vor allem Han Shaogongs romanhafte Verarbeitung von Erlebnissen als „jugendlicher Intellektueller“ in der Zeit (Buch von Tag und Nacht 日夜书, 2013) und Hu Fayuns auf drei Bände hin angelegtes Werk gehören, dessen erster Teil 2012 unter dem Titel Winterwirrnis. Fröhlichkeit und Fegefeuer der Jugend 迷冬.青春的狂欢与炼狱 erschienen ist.1275 Diese innerhalb des zurückliegenden Jahrzehnts festzustellende „Schreibwut“, die Sebastian Veg in seinem Artikel leider nicht erkannt hat,1276 dürfte verschiedene Gründe haben. Zum einen werden die Mitglieder der Generation, die die Kulturrevolution bewusst miterlebt haben – seien es Täter, Opfer oder unbeteiligte Betrachter – nicht jünger. Dies hat in der jüngeren Vergangenheit in der Literatur der Beschäftigung mit der Kulturrevolution zu interessanten Perspektivwechseln (oder sollte man sagen Perspektiverweiterungen?) geführt. Es teilt sich gelegentlich durchaus der Wunsch mit, mit seinem Gewissen ins Reine zu kommen. Liang Xiaoshengs weiter oben in einer Fußnote genannter Roman Geständnisse eines Rotgardisten (1987) erschöpfte sich noch in vagen Andeutungen, blieb ein spielerischer Umgang mit Vergangenheit und jedenfalls weit hinter den Erwartungen an die Geständnisse eines Täters zurück. Dies ist mittlerweile anders, wie der vor nicht langer Zeit erschienene Band unter dem Titel Wir bedauern 我们忏悔 mit Erzählungen von Leuten zeigt, die an der Verfolgung 1271 Vgl. Ge Liang 2010. 1272 Vgl. Liang Xiaosheng 2014. 1273 Zur Bedeutung von „Bezugsrahmen“ in einer Gesellschaft, die das Vergessen verhindern siehe Assmann 2005, S. 36. 1274 Vgl. Ma Yuan 2012. 1275 Vgl. Han Shaogong 2013 und Hu Fayun 2012. 1276 Vgl. die knappe Übersicht Veg 2014, S. 9, die sich neben einigen allgemeineren Bemerkungen auf die längst nicht mehr aktuellen Erzählungen aus den 1980er-Jahren bezieht. 400 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas anderer und sogar an Mord und Totschlag beteiligt waren.1277 Durchaus auch das kein Einzelfall, denn in der chinesischen Presse finden sich seit einiger Zeit immer wieder ähnliche Beispiele.1278 15.4 Maos Frühstück. Zu den Fehlern der Führer und dem Leiden der Geführten in den 1950er-Jahren Verglichen mit der Kulturrevolution, haben die politischen und gesellschaftlichen Erschütterungen in China während der 1950er-Jahre in der chinesischen Literatur bis heute weit weniger Beachtung gefunden. Ein besonders verheerendes Ereignis stellte dabei die Hungerkatastrophe dar, die am Ende des Jahrzehnts in China wütete und Millionen von Menschen das Leben kostete. Anders als die Parteibeschlüsse von 1981, die der Politik, den Historikern und der Literatur einen gewissen Rahmen setzten, sind die Verfolgungen, Kampagnen und Katastrophen aus den Fünfzigerjahren politisch weniger abgesichert. Das macht die Beschäftigung mit dieser Zeit freilich nicht weniger brisant, denn die politischen und wirtschaftlichen Vorkommnisse folgten zeitlich unmittelbar auf die Gründung der Volksrepublik 1949 und lassen sich daher direkt mit der Legitimität der Herrschaft der KPCh in Verbindung bringen. Es ist davon auszugehen, dass der Mythos der „Befreiung“, der mit 1949 geschaffen wurde, erschüttert würde, wenn zu viel von dem, was sich in den eineinhalb Jahrzehnten, die folgten, an Verfolgung und Katastrophen ereignete, in den Geschichtsbüchern und Werken der Literatur und Kunst ausführlicher thematisiert würde. In den für die breite Masse angefertigten Materialien, Lehrbüchern usw. wird daher auch kein Aufwand gescheut, die Politik der Kommunistischen Partei zu jener Zeit in ein möglichst günstiges Licht zu rücken. Ein gutes Beispiel ist etwa ein handliches Büchlein, das 2011 von einem Historiker an der Zentralen Hochschule der Partei zum 90. Jahrestag der Gründung der KPCh vorgelegt wurde und im englischen Nebentitel die nach Legitimation heischende Formulierung Why and How the CPC Works in China? trägt.1279 Das Buch beschäftigt sich mit zentralen Problemen der Entwicklung von 1949 bis in die Gegenwart und ist aufgrund seiner Anlage als Propagandaschrift darum bemüht, die Vorzüge der Einparteienherrschaft ebenso aufzuzeigen, wie darum, das harmonische Zusammenleben der Nationalitäten zu preisen. Mit Blick auf die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist nun vor allem ein Abschnitt im Buch interessant, in dem versucht wird, eine Antwort auf die Frage zu geben, wie 1277 Vgl. Wang/Song 2014. 1278 Vgl. z. B. den Artikel von Jiang Haofeng 2013 über das Geständnis eines Rotgardisten, für den Tod seiner Mutter verantwortlich zu sein. Über einen Bericht in der deutschen Presse zum Thema Reue ehemaliger Rotgardisten in China vgl. Kolonko 2014. Dass unabhängig von der Artikulation des Bedauerns womöglich ein neuer – wünschenswerter – Diskurs über die Kulturrevolution entsteht, erwähnt Zhu Dake in seinem Aufsatz „Reue und Wiedergutmachung – Moralische Reinwaschung in der Literaturszene Chinas“ 忏悔与救赎 – 中国文坛的道德清洗运动, siehe Zhu Dake 2012a, S. 142 ff. 1279 Vgl. Xie Chuntao 2012. 401 15 Literatur der Beschäftigung mit der Vergangenheit und Yan Liankes ‚Vier Bücher‘ es der Partei trotz schwerwiegender Fehler in der Zeit zwischen 1957 und 1976 gelang, weiterhin die Unterstützung der Bevölkerung zu erhalten.1280 Zwar werden „Fehler“ genannt, doch ihre konkreten Folgen werden eher vage umschrieben unter Berufung auf „Erklärungen“, die Mitglieder der obersten Führung wie Deng Xiaoping immer wieder gegeben haben. Zur wirtschaftlichen Katastrophe am Ende der 1950er-Jahre heißt es, die Einkommen der Arbeiter und Bauern in der Zeit seien ebenso wie der Lebensstandard gering gewesen und die Produktionskraft habe sich kaum entwickelt. Als Auslöser der Hungerkatastrophe in der Folge des „Großen Sprungs“ 1958 werden die „aus dem Gefühl des Sieges gespeiste Überheblichkeit und Selbstzufriedenheit“ Maos, der Führung in Peking und der Kader vor Ort sowie eine „übertriebene Selbsteinschätzung“ und ein „Mangel an ausreichenden Untersuchungen“ angeführt. Es folgt sodann ein längeres Zitat aus den Schriften Deng Xiaopings, in dem der Zusammenhang zwischen den Entwicklungen Ende der 1950er und dem späteren Ausbruch der Kulturrevolution hergestellt wird. Immer wieder sichert sich der Verfasser, ein auf die Beschäftigung mit der Parteigeschichte spezialisierter Historiker, ab durch die Berufung auf Autoritäten und offizielle Sprachregelungen, anstatt seinen Thesen die Ergebnisse aus Forschungsarbeiten zugrunde zu legen: In einem Satz und nur in allgemeiner Form wird auf die wirtschaftlichen Schwierigkeiten in den Jahren 1959, 1960 und 1961 hingewiesen. Zwar sei es ab 1962 zu Verbesserungen gekommen, doch da die „geistigen Probleme nicht gelöst worden seien“ 思想上没有解决问题, sei kurz darauf, eben 1966, die Kulturrevolution ausgebrochen, die zehn Jahre gewährt habe und eine „große Katastrophe“ 大灾难 darstelle. Weiter wird im Zusammenhang mit diesen beiden Ereignissen von „enorm großen Verlusten“ 巨大损失 und „tiefen Lehren“ gesprochen, die man daraus gezogen habe 教训是深刻的. Es folgt nur ein lapidarer allgemeiner Hinweis auf mögliche, sich aus der Forschungsarbeit ergebende abweichende Ansichten über Ursprünge und Ergebnisse der Katastrophen, um sogleich auf die Haltung der Partei einzuschwenken.1281 Nachdem Fehler also eingestanden und umrissen worden sind, führt der Verfasser – quasi zur Verteidigung – eine Reihe von Erfolgen an, die es zur fraglichen Zeit ebenfalls gegeben habe. Man habe die Grundlagen für die späteren Entwicklungen in Wissenschaft und Technik gelegt, die erfolgreiche Gewinnung von Erdöl falle ebenso in die Krisenzeit wie die Erfolge bei der Herstellung der Atombombe. Die große Opferbereitschaft der Menschen wird ebenso hervorgehoben wie ihr heldenhafter Einsatz bei der Bewältigung von Problemen, der Sicherstellung der nationalen Unabhängigkeit usw.1282 In schon fast peinlicher Manier wird beim Thema Lebensmittelzuteilung an Kader und Massen während der Hungerszeit sodann die Solidarität von Führern und Massen gerade in den Krisenzeiten besprochen. Ausführliche Würdigung findet der Speiseplan Maos, der – wie hinterlassene Unterlagen erkennen lassen – selbst an seinen drei Geburtstagen in der Zeit der Hungersnot vergleichsweise einfache Kost zu sich genommen habe: keinen Kuchen, keinen Alkohol. An seinem 69. Geburtstag am 1280 Vgl. Abschnitt 3 in: ebd., S. 43 – 62. 1281 Zu den Ausführungen und Zitaten vgl. Xie Chuntao 2012, S. 46 f. 1282 Vgl. zu dem diesbezüglich angeführten Zitat aus dem Werk Deng Xiaopings die Angaben ebd., S. 51. 402 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas 26. Dezember 1962 habe Mao seine engsten Mitarbeiter zum Frühstück eingeladen, fünf einfache Gerichte fanden sich auf der Speisekarte.1283 Seitenweise finden sich „Belege“ für die Opfer und die Solidarität der Führer, die Ausführlichkeit dieser Darstellungen mutet angesichts der bekannt gewordenen Leiden der Bevölkerung pervers an! Schließlich folgt der Hinweis auf den Umgang der Partei mit ihren Fehlern, ihr vorbehaltloses Eingeständnis, „das offene, feierliche Eingeständnis und das Überdenken der Fehler“ 公开郑重地承认并反思错误, die dann korrigiert worden seien. In völkerpsychologischer Manier wird „dem“ chinesischen Volk die Bereitschaft unterstellt, zu verzeihen.1284 Der Hinweis auf die Bedeutung, bei der Beschäftigung mit den Fehlern der Vergangenheit durch die Führung immer die „Interessen der Partei und der Nation“ im Blick zu haben,1285 liest sich wie die Relativierung von Fehlern und die Verdummung der eigenen Bevölkerung.1286 Das vorstehend angeführte Publikationsbeispiel ist für die breite Masse gemacht und bietet inhaltlich wenig. Mit ein wenig Mühe findet man freilich selbst innerhalb Chinas Foren, in denen mit faktisch erhärteten Materialien und harten Bandagen ein Kampf um die Vergangenheit ausgefochten wird. Zu nennen ist hier vor allem das seit 1991 in Peking erscheinende Monatsmagazin Yanhuang chunqiu 炎黄春秋 mit seinen politisch-historisch auf das 20. Jahrhundert hin ausgerichteten Beiträgen, die gelegentlich in einem sehr kritisch-liberalen Geist abgefasst sind und den Unwillen der chinesischen Staats- und Parteiführung erregen.1287 Es ist angesichts vieler weiterhin nicht zugänglicher Archive und der geringer werdenden Zahl von Zeitzeugen freilich ein Kampf gegen das System und die Zeit. Der radikale und leidenschaftliche Ton, mit dem man dabei vorgeht, ist durchaus faszinierend und verdeutlicht letztlich nur den sensiblen Charakter, den der Umgang mit der Vergangenheit besitzt und das Ringen um die Wahrheit zu solch einer Herausforderung macht. Dazu im Folgenden ein knapper Abriss über die vorhandenen Materialien und den Umgang damit. 1283 Vgl. ebd., S. 56 f. 1284 Dieses Urteil findet sich bereits ganz am Beginn des Abschnitts, vgl. ebd., S. 44. 1285 Vgl. dazu ebd., S. 60. 1286 In ähnlich verklausulierter Form ist im Buch von dem Umgang mit 1989 in Abschnitt 4 die Rede. Vgl. dazu ebd., S. 76. Über die politischen Ereignisse heißt es nur vage: Aufgrund des politischen Klimas in China und auf der Welt sei es im Frühjahr und Sommer des Jahres in Peking zu „politischen Unruhen“ 政治风波 gekommen mit der Folge von „großen Verwerfungen“ 很大波折. 1287 Aufgrund strenger gewordener Zensurmaßnahmen in den zurückliegenden Jahren wurden Redaktion und Herausgebergremium der Zeitschrift im Sommer 2016 komplett ausgetauscht. Der ehemalige Verleger Du Daozheng veröffentlichte daraufhin eine Erklärung. Auf der chinesischen Webseite von Voice of America findet sich ein ausführlicher Bericht zu den Vorgängen, vgl. www.voachinese.com/a/news-outspoken-chinese-political-magazine-20160718/3423011.html, eingesehen am 14.8.2016. Das Magazin erscheint weiterhin monatlich, allerdings sind die Beiträge weit weniger kritisch abgefasst als in der Vergangenheit. Auffällig ist vor allem, dass die Debatte über eine „Systemreform“ (体制改革) erloschen ist. 403 15 Literatur der Beschäftigung mit der Vergangenheit und Yan Liankes ‚Vier Bücher‘ 15.5 Was nicht erinnert wird, verschwindet … Forschungen und Berichte aus der jüngeren Vergangenheit über die Hungerkatastrophe Es beginnt schon bei der Bezeichnung für das, was sich zum Ende der 1950er- und während der frühen 1960er-Jahre in China zugetragen hat. Durchaus nicht einheitlich ist dabei von einer „Hungerkatastrophe“ die Rede, vielmehr spricht man oft auch in euphemistischer Manier und sehr vereinfachend von den „drei schwierigen Jahren“ 三年困难时期 (d. h. die Jahre 1959, 1960 und 1961) oder nutzt weitere Umschreibungen.1288 Entsprechend wird auch nicht gerne schlechthin von „Hungertoten“ geredet, sondern von „Toten, die aufgrund außergewöhnlicher Umstände ums Leben kamen“ 非正常死亡人数.1289 Als mehr oder weniger konkrete Todesursachen, die aber doch ungenau blieben, wurden in Dokumenten für gewöhnlich Naturkatastrophen, Selbstmord, Mord, Ödeme und Austrocknung angeführt, vom „Tod durch Verhungern“ 饿死 wurde dagegen nur selten gesprochen.1290 Die Forschung zu dem Thema kann bis heute nur in einem unzureichenden Maße durchgeführt werden, da ein freier Zugang zu den Akten nicht möglich ist und wichtige Zahlen gerade in den von der Hungersnot besonders stark betroffenen Provinzen weiterhin nicht zur Verfügung stehen.1291 In den Blickpunkt einer größeren Öffentlichkeit rückte die Hungerkatastrophe spätestens mit dem Zensus von 1982 und der Veröffentlichung des Statistischen Jahrbuchs im Jahr 1983. Anhand der dort dokumentierten Zahlen ergab sich zwischen den Jahren 1959 und 1960 ein Bevölkerungsrückgang von zehn Millionen Menschen.1292 Eine wichtige Quelle für die Forschung stellen deshalb die Lokalchroniken dar, deren Anfertigung zu Beginn der 1980er-Jahre von der damaligen chinesischen Führung in Auftrag gegeben worden ist, wobei man allerdings den begrenzten Wert dieser Quellen herausstreichen muss.1293 Findige Forscher in China scheuen angesichts der voranschreitenden Zeit und der weiterhin ungünstigen Quellenlage keine Mühe, um doch noch ein wenig mehr von der Wahrheit ans Licht zu bringen. Da die Zahl der nützlichen Zeitzeugen geringer wird, gewinnt die Auswertung von mündlichen Erzählungen 口述 zunehmend an Bedeutung.1294 Gestritten wird innerhalb der Wissenschaft auf das Heftigste über die Zahl der Toten, die Todesursachen sowie den großen politischen, sozialen und ökologischen 1288 Die Eingrenzung auf die drei angeführten Jahre 1959 bis 1961 verstellt auch hier wieder den Blick darauf, dass es nach der Ausrufung der VR China zeitlich weit vor der eigentlichen Katastrophe Fälle von Hungertod in ganz beträchtlichem Ausmaße gegeben hat, wie die jüngere Forschung belegt. So wurde in offiziellen Presseberichten aus dem Jahr 1957 von Hungertoten im südchinesischen Guangxi 1956 berichtet, wonach dort mehr als 500 Menschen umgekommen seien. Vgl. Lu Shangwen 2014, S. 56. 1289 Zu dem Versuch einer Definition dieses Begriffs vgl. Hong Zhenkuai 2014a, S.  12, und Chun Shihua 2014, S. 31 f. 1290 Vgl. Chun Shihua 2014, S. 32. 1291 Vgl. dazu Hong Zhenkuai 2014c, S. 9. 1292 Vgl. dazu ebd. 1293 Vgl. dazu Hong Zhenkuai 2014a, S. 13 f., wo der Verfasser nach der Lektüre mehrerer Hundert Lokalchroniken auf die dort anzutreffenden Falschangaben hinweist. 1294 Vgl. dazu den aufschlussreichen Beitrag von Li Suli 2015, S. 52. 404 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas Gesamtrahmen zum Ende der Fünfziger und in den frühen Sechzigern – ein Indiz dafür, dass es sich um ein besonders brisantes Thema auch für die Gegenwart handelt.1295 Es ist zwar richtig, wie Osterhammel in der Besprechung von Dikötters Buch anmerkt,1296 dass die am häufigsten für China genannten Zahlen in der Größenordnung zwischen 32 und 36 Millionen liegen, doch es gibt freilich auch extreme Ausschläge in die eine oder andere Richtung. So ist mal von „nur“ zwei Millionen Opfern oder gar noch weniger die Rede, mal wird von bis zu 50 Millionen gesprochen.1297 Als quasi systembedingte Ursache für die Katastrophe werden die aufgrund zu optimistischer Schätzungen enorm hoch ausfallenden Ablieferungsquoten der Kommunen an die übergeordneten Instanzen genannt, die zu einer dramatischen Verringerung des dringend vor Ort benötigten Getreides führten.1298 Angeheizt wurde die Lage durch ein letzten Endes hohles Wettbewerbssystem, bei dem die Kommunen mit Parolen wie „Zehntausend Pfund pro mu“ usw. um die Gunst und die Auszeichnungen der Obrigkeit rangen. Die nüchterne Schlussfolgerung: „Grund für den Hungertod der Menschen waren nicht die Naturkatastrophen, sondern die Politik der hohen Ablieferungsquoten, also von der Führung vor Ort verursachte ‚menschliche Katastrophen‘ 人祸.“1299 Konkrete Schuldeingeständnisse seitens hoher Kader, die im Nachhinein zugaben, das Leben von Menschen durch falsche Entscheidungen leichtfertig aufs Spiel gesetzt zu haben,1300 lassen freilich tiefe Einblicke in das besessene planerische Verhalten der chinesischen „Sozialingenieure“ auch in der Gegenwart zu und zeigen hinter der gesamten Debatte um die Vergangenheit eine Dimension, die leicht aus dem Blick gerät: ob nämlich für das Wohl aller fundamental wichtige Entscheidungen einem Einzelnen oder nur einer ausgewählten kleinen Gruppe vorbehalten sein dürfen, oder ob nicht für ein komplexer werdendes staatliches Gefüge und die sich wandelnden Ansprüche die aktive Einbindung einer möglichst großen Mehrzahl von (hoffentlich) mündigen Bürgern notwendig ist. Mit der Aufarbeitung der Katastrophe und ihrer Bewertung tat man sich lange Zeit über angesichts der behaupteten Verbindlichkeit der Glaubenssätze des Sozialis- 1295 Vgl. dazu den Hinweis im Artikel von Yang Jisheng (2014, S. 83) auf eine Konferenz im Juli 2014 in Wuhan über die Veränderungen bei der Bodenverwaltung und die Gründe für die Hungersnot. 1296 Vgl. Osterhammel 2014. 1297 Vgl. zu dieser enormen Bandbreite die Angaben bei Yang Jisheng (2014, S. 81), wo er auch auf die Auseinandersetzung innerhalb der chinesischen Führung 1962 (Liu Shaoqi vs. Mao Zedong) eingeht. Yang, der mit seiner Veröffentlichung Grabstein (2008) als der chinesische Experte für die Untersuchung der Hungersnot gilt, schätzt die Zahl der Opfer auf 36 Millionen. Mitunter werden auch die Ungeborenen zu den Opfern addiert, sodass der „Gesamtverlust“ 76 Mio. ausmacht. Vgl. Chen Guohe 2014, S. 6. 1298 Auf die wesentlich für die Katastrophe mitverantwortlichen administrativen Details geht Yang Jisheng (2014, S. 80 f.) ein: Entscheidend war dabei der Modus der Getreideabgaben und der Verteilung an Bedürftige in den 1950er-Jahren. 1299 Lu Shangwen 2014, S. 60. Vgl. dazu auch ein Zitat von Liu Shaoqi, der über die Hungerkatastrophe sagte, es handele sich zu drei Teilen um durch die Natur verursachtes Unglück, zu sieben Teilen sei das Unheil Menschen anzulasten. Nachzulesen bei Li Suli 2015, S. 51. 1300 Vgl. Dazu Hong Zhenkuai 2014c, S. 17. 405 15 Literatur der Beschäftigung mit der Vergangenheit und Yan Liankes ‚Vier Bücher‘ mus sowie der vermeintlichen Überlegenheit des Sozialismus gegenüber dem Kapitalismus entsprechend schwer. Die beim Großen Sprung gemachten Fehler wurden dabei einem fehlerhaften Verständnis des „Sozialismus“ zu der Zeit zugeschrieben. Es war Lin Biao, der schließlich zu Beginn der 1960er die damals weithin akzeptierte Devise ausgab: Fehler machen bedeutet, dass man nicht ordnungsgemäß die Weisungen Maos umgesetzt hat; Erfolg heißt, die Weisungen Maos ordnungsgemäß umzusetzen.1301 Der Sozialismus trat zudem mit dem Anspruch auf, auf wissenschaftlichen Erkenntnissen zu beruhen, die Glaubenssätze gewannen religiösen Charakter und waren als solche nicht mehr zu hinterfragen, sodass es zu einer absurden Situation kam, wie ein chinesischer Wissenschaftler das heute nüchtern beurteilt: „Konkrete Fakten und Erfahrungen mochten eine auf dem Glaubenssatz beruhende Annahme durchaus klar widerlegen, doch dies gestattete dennoch keine Zweifel am Glaubenssatz.“1302 Es handelte sich also um ein Machtkalkül: Die Infragestellung, die Zweifel an einem Teil des Glaubens bedrohten das ganze System mit der Konsequenz, dass man in einen blindwütigen Aktionismus verfiel, um die Gunst der Führung zu erlangen. Es sei zu einer „politischen Blase“ gekommen, Führer und Geführte hätten sich in einem Akt der gegenseitigen Täuschung befunden.1303 Es fehlt also weniger an Urteilen und Interpretationen, als an nachprüfbaren Fakten. Auffällig ist jedenfalls und die historische Arbeit wesentlich erschwerend, dass schriftliche Zeugnisse von Zeitzeugen aus der betreffenden Zeit offenbar nur in äußerst beschränktem Maße vorliegen. Eines der wichtigsten Dokumente sind die Aufzeichnungen von Gu Zhun 顾准 (1915 – 1974), einem Rechtsabweichler, der über die zentralen Jahre der Hungersnot 1959 und 1960 ein Tagebuch verfasste, das 1997 veröffentlicht wurde. Hierbei soll es sich, glaubt man den chinesischen Experten, um das bislang einzige in Festlandchina publizierte Tagebuch eines Zeitzeugen über die Ende der 1950er-Jahre einsetzende Hungerkatastrophe handeln.1304 Ein freilich nur kursorisch bleibender Überblick über die wachsende Tagebuchliteratur in den letzten Jahren über den betreffenden Zeitraum bestätigt interessanterweise den brisanten Charakter der Erinnerungen an die Hungersnot. Die Einträge zu den beiden zentralen Hungerjahren 1959 und 1960 werden weitgehend schlicht fortgelassen.1305 1301 Vgl. Tao Dongfeng 2015, S. 45. 1302 Ebd., S. 44. 1303 Vgl. zu dieser Einschätzung bezüglich der Katastrophe im China zum Ende der Fünfziger eine der neuesten Veröffentlichungen von Han Shaogong (2014, S. 92 f.). Das Buch befasst sich allerdings, das muss an der Stelle deutlich gemacht werden, vor allem mit dem Thema der Kulturrevolution. 1304 Vgl. Li/Wang 2014, S. 55. Hingewiesen wird an der Stelle auf Auslassungen bei der Veröffentlichung des Tagebuchs, da die betreffenden Stellen einer größeren Leserschaft nicht zuzumuten gewesen seien. Im Tagebuch wird ebenfalls ausführlicher auf Erkrankungen, Hungerödeme, Kannibalismus und den Umgang damit eingegangen. So wurden wohl Morde mit anschließendem Verzehr zwar geahndet, der Verzehr von Toten allerdings blieb unbestraft. Vgl. ebd., S. 56. 1305 Vgl. dazu etwa Zhu Weibo 2013. In den Tagebüchern von Zhu (geboren 1935 in Nordchina und später Professor an der Pädagogischen Hochschule von Hebei) wird folgendermaßen Auskunft gegeben über die entsprechenden Zeiträume: 1.) Großer Sprung und Kommune- 406 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas Angesichts dieser weitgehend unbefriedigend bleibenden Lage, soweit sie die Dokumentation der Vorgänge betrifft, ist es erstaunlich, wie viele Details über die Hungerjahre an die Öffentlichkeit gelangen konnten, selbst wenn der Kreis der Leser nach wie vor überschaubar sein dürfte. Als besonders verdienstvoll werden in diesem Zusammenhang die weiter unten in diesem Abschnitt noch zu erwähnenden Veröffentlichungen von Yang Xianhui aus den letzten Jahren angeführt. Was für starke Auswirkungen die Zustände der Hungerkatastrophe vor allem auf das Selbstverständnis von Mitgliedern der KPCh haben und hatten, belegt eine ganze Reihe von Zeugnissen und Untersuchungen aus der jüngeren Vergangenheit, in denen nicht nur auf die auslösenden Faktoren der Hungersnot eingegangen wurde, sondern auch auf deren Verlauf und Charakter. Man spürt bei der Lektüre deutlich den Zwiespalt, in dem sich die Verfasser befinden: einerseits die lange Zeit verborgenen Fakten ans Licht zu bringen und andererseits nicht in einen absoluten Gegensatz zur eigenen Partei zu geraten. Die bei den hitzig geführten Debatten sichtbar werdende Kultur zeigt wenig Anzeichen von „Harmonie“. Verschiedene Aspekte sind dabei in den Vordergrund gerückt, die dem Bild der späten 1950er eine größere Klarheit verschaffen. Am Beginn der Beschäftigung mit den einzelnen Fragenkomplexen musste seitens der Forscher – so viel wird deutlich – immer auch erst eine philologische Untersuchung stehen. So etwa, wenn man der Frage nachging, worum es sich bei den „Sonderfällen“ 特殊案件 gehandelt haben mochte, von denen bei vielen Hungertoten die Rede gewesen ist. Das Ergebnis ist ernüchternd, gerade für die Parteimitglieder. Nachdem mit dem Einsetzen der Hungersnot verschiedene Formen des Kannibalismus festgestellt worden waren (angefangen bei den Grabschändungen über den Verzehr des Fleisches verstorbener Kinder durch die eigenen Eltern oder umgekehrt des Fleisches verstorbener Eltern durch die Kinder bis hin zum Mord an Verwandten, um sie zu verspeisen), fand zunächst der Begriff der „Leichenschändung“ 破尸 Verwendung, um später im Rahmen der verordneten Sprachregelung dem schlichten Terminus der „Sonderfälle“ Platz zu machen. Nicht nur die lokal sicher sehr unterschiedlichen Ausmaße des Kannibalismus (bis hin zu Märkten für Menschenfleisch) sind schlichtweg erschütternd, sondern auch das in der Zeit vorhandene Wissen darüber: „[…] bei dem Kannibalismus handelte sich um ein Phänomen, das mehr oder weniger bekannt war 半公开, jeder wusste, wer Menschenfleisch verzehrte, doch man sprach nicht darüber.“1306 bewegung (TB Oktober 1957 bis Dezember 1958); 2.) Ausrichtungsbewegung Kader und Kommunen 整风整社 (TB November 1959 bis Februar 1961); 3.) Erziehungsbewegung der „Vier Reinigungen“ (四清, in Politik, Wirtschaft, Ideen und Organisation, im Zeitraum TB Oktober 1964 bis Juli 1965). Es finden sich lediglich rückblickend Hinweise auf das, was im Zusammenhang mit der Hungersnot vorgefallen ist. Vgl. etwa den Eintrag vom 29.1.1961 auf S. 214. 1306 Liang Zhiyuan 2014, S. 40. Den Ausführungen des Verfassers liegen eigene Aufzeichnungen über seine Arbeit vor Ort aus der Zeit und die Lektüre von historischem Material zugrunde. In einem Dorf mit 40 Haushalten wurden 1960 bei zehn Haushalten Fälle von „Leichenschändung“ festgestellt. Hingewiesen wird auf Kampagnen der Dorfkader in der Hungerszeit 1960, um dem überhand nehmenden Phänomen des Kannibalismus Einhalt zu gebieten. Man führte damals – mit einigem Erfolg, wie es an der Stelle heißt – öffentliche „Musterprozesse“ durch, bei denen Täter auf öffentlichen Kampfsitzungen vorge- 407 15 Literatur der Beschäftigung mit der Vergangenheit und Yan Liankes ‚Vier Bücher‘ Es scheint nicht zuletzt der Versuch einer Leugnung der historischen Gegebenheiten und ihres Ausmaßes gewesen zu sein, der Forscher in China immer wieder dabei anspornte, in bestimmte Detailfragen tiefer einzudringen. So lautete eine Frage der Zweifler stets: Angenommen, es habe eine Katastrophe gegeben, wie konnte es sein, dass seitens der Bauern kein Widerstand geleistet wurde? Dies sei ein vollkommen untypisches Verhalten, schließlich seien aus der chinesischen Geschichte zahllose Fälle von Aufständen und Unruhen gerade zu Zeiten von Hungersnöten überliefert. Tatsächlich gibt es auch in den konsultierten Quellen Andeutungen und Anführungen von Unruhen bzw. unruheähnlichen Zuständen.1307 Die vielfältigen Formen, die der Widerstand dabei angenommen hat, sind auch hier wieder erstaunlich. Er reicht vom Selbstmord und der Flucht über simple Lebensmitteldiebstähle und Plünderungen bis hin zu Aufständen. Interessant ist der Eintrag zu den Unruhen, die von den Behördenvertretern seinerzeit und in vielen Geschichtsquellen als „konterrevolutionäre Unruhen“ 反革命暴乱 bezeichnet wurden.1308 Das vom Verfasser des Artikels gezogene Fazit ist ein Schlag ins Gesicht jener Historiker, die die Vergangenheit im Auftrag der Partei schönschreiben: „[…] nur wenn man der Geschichte direkt gegenübertritt und sie richtig betrachtet, lassen sich Erfahrungen zusammenfassen und Lehren ziehen, damit sich Tragödien nicht wiederholen.“1309 Auf die Umstände der Hungerkatastrophe wurde auf den vorstehenden Seiten näher eingegangen, um den faktischen und atmosphärischen Hintergrund des weiter unten näher zu untersuchenden Romans von Yan Lianke zu verdeutlichen und sein wohl im Bereich der Vergangenheitsliteratur epochemachendes Werk insgesamt besser einordnen zu können. 15.6 Hunger, Lager und Verfolgung in den Fünfzigerjahren und später. Literarische Konstruktionen von Erinnerungsräumen Insgesamt nimmt der Erinnerungsraum dadurch, dass aufgrund des mittlerweile gro- ßen zeitlichen Abstandes von sechs Jahrzehnten oder mehr die Zahl der Zeitzeugen geringer wird, die noch direkt Auskunft geben können, eine andere Struktur und Bedeutung an. Es tun sich einerseits literarische Räume auf für neue Themen und führt und mit dem Vorwurf konfrontiert wurden, sie hätten zerstörerisch gehandelt, gegen das Gesetz verstoßen und das Ansehen der Regierung beschmutzt. Aufschlussreich ist, dass Liang seine Angaben „gemäß dem Wesen der Partei [党性] und der Menschlichkeit [人性]“ macht in dem Versuch, „weiterhin die Wahrheit aus den Tatsachen abzuleiten“ (ebd., S. 39). 1307 Vgl. Hong Zhenkuai 2014b, S. 19. 1308 Vgl. die Ausführungen ebd., S. 23 – 25. Die in die Berichte eingefügten Zitate, die die „konterrevolutionäre“ Gesinnung belegen sollen und mit der die Anführer um Anhänger warben, lassen einen klaren Bezug zur Hungersnot erkennen. 1309 Ebd., S. 26. Das Fazit – basierend auf dem Anspruch, Lehren aus der Geschichte zu ziehen – findet sich in ähnlicher und ergänzter Form auch bei anderen Forschern, die über das Thema gearbeitet haben. Vgl. etwa Chun Shihua 2014, S. 37. 408 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas Schwerpunkte, andererseits reichen die Geschehnisse auch aus Sicht der in der Gegenwart politisch Herrschenden so weit in die Vergangenheit zurück, dass gelegentlich eine wissenschaftliche Beschäftigung mit den Quellen möglich wird. Auffällig – wenngleich auch nicht verwunderlich – bleibt, dass trotz des beachtlichen Umfangs und der Qualität der fiktionalen und nicht fiktionalen Literatur über diese Zeit die Zahl der Schriftsteller überschaubar bleibt. Als Beispiel für den kreativen Umgang mit den Ereignissen jener Zeit und die Nutzung der sich bietenden Räume sei das Beispiel des 2009 erschienenen Romans Unerhört! 不成样子 des Schriftstellers Hu Yinqiang 胡尹强 (geb. 1937) angeführt.1310 Zu dem starken Reiz, den Unerhört! auf den Leser ausübt, gehört fraglos auch, dass man den Roman auf unterschiedliche Weise lesen kann. Wollte man unbedingt eine Kategorisierung vornehmen, dann könnte man von einem „politischen Liebesroman“ sprechen. Hu klagt nicht an, er stellt nicht die „Systemfrage“. Aber mit der Darstellung jener diffus bleibenden Mischung aus der Liebe zu Partei und Vaterland, zur Mutter und zu einem Freund aus Jugendzeiten, der schmerzhaften Läuterung, die der Protagonistin am Ende bewusst macht, was wirklich wichtig ist und wem ihre Gefühle wirklich gehören, wird Unerhört! zu einem beeindruckenden Entwicklungsroman, der wie selten ein anderes Werk der chinesischen Gegenwartsliteratur die tiefen Widersprüche zwischen Selbstopferung und Selbstverwirklichung im politisch-historischen Kontext der 1950er-Jahre thematisiert. Um die Komplexität einer vergangenen Zeit wirklich zu verdeutlichen, sie spürbar und nachfühlbar zu machen, geht es nicht allein um Fakten, Verbürgtes und konkret Nachweisbares, sondern darum, der Vergangenheit ihre dürren und starren Bilder zu rauben, sie dann auch mit neuen Bildern anzureichern. Hus Buch liest sich insofern wie etwas ganz Neues, als er sich für ein neues Schreiben und Fühlen einsetzt. Unerhört! ist das Plädoyer für eine Literatur des neuen Fühlens vor dem Hintergrund der Erkenntnis, dass viele Kapitel der chinesischen Gegenwartsgeschichte erst einmal wieder neu gefühlt werden müssen, bevor sie wirklich beschreibbar sind. Gefühl, Körper und Politik sind die zentralen Begriffe im Werk, selbstverständlich kann man Hus Roman daher auch systemkritisch lesen. In der Zeit der Unterdrückung verliert der Mensch nicht nur die Freiheit, viel schlimmer, er büßt das Gefühl für Echtheit und das Wahre ein, wird sich selber und der Welt gegenüber ein Fremder.1311 Einen ganz anderen Ansatz, der sich an der Reportageliteratur orientierte, wählte Zhang Yihe (geb. 1942) bei der Abfassung des Buches Vergangenheit geht nicht dahin 往事并不如烟 über die Lage der Intellektuellen zur Zeit der Verfolgung Ende der 1950er-Jahre und ihren Vater Zhang Bojun 章伯鈞 (1895 – 1969).1312 Ihre Erinnerungen 1310 Vgl. Hu Yinqiang 2009. 1311 Um die literarische Beschäftigung mit „Gefühlen“ (renqing 人情) in der Epoche ging es 1957 auch Autoren wie Baren 巴人 (orig. Wang Renshu 王任叔, 1901 – 1972) bei dem Versuch, die Literatur wieder zu „humanisieren“. Vgl. Zimmer 2011c, S. 101. 1312 Vgl. Zhang Yihe 2004. Zhang Yihes Vater, ein prominenter Intellektueller und hoher Funktionär der Demokratischen Liga, war von 1954 bis 1958 Transportminister unter Mao Zedong und wurde als „Rechtsabweichler Nummer 1“ 1958 der wichtigsten politischen Ämter enthoben. Zhang Yihe ist Forscherin am Chinesischen Institut für Kunstforschung 中国艺术研究院 und Spezialistin für Oper und Drama. Nach dem Verbot ihres Buches wurde Zhang von der Schriftstellervereinigung Pen eine Auszeichnung zugesprochen. 409 15 Literatur der Beschäftigung mit der Vergangenheit und Yan Liankes ‚Vier Bücher‘ an die nahezu ein Jahrzehnt (1970 – 1979) umfassende Haft im Lager hat Zhang Yihe in den vergangenen Jahren mit einer Reihe höchst bemerkenswerter Erzählungen über die Schicksale von während der 1960er-Jahre inhaftierten Frauen zu Papier gebracht.1313 Erwähnenswert ist ebenfalls der eigenwillige, kreative Bogen, den der Schriftsteller Zhang Xianliang (1936 – 2014) kurz vor seinem Tod von seinen Erinnerungen an die Lagerhaft und den Hunger zum aktuellen „Chinesischen Traum“ schlug.1314 Nahezu zeitgleich haben sich in China zwei Publizisten und Schriftsteller mit der furchtbaren Hungerkatastrophe auseinanderzusetzen begonnen, die China Ende der 1950er-Jahre, zehn Jahre nach der Gründung der Volksrepublik, heimgesucht hat. Yang Jisheng 杨继绳 (geb. 1940), ein ehemaliger Journalist der Nachrichtenagentur Xinhua, legte 2008 mit seinem wegweisenden Buch Grabstein 墓碑 das ganze Ausmaß der Hungersnot offen.1315 Auf Yangs Buch wird zwar auch in der VR-chinesischen Geschichtswissenschaft wie selbstverständlich zurückgegriffen, doch erscheinen musste Grabstein in Hongkong. Es hat daher selbst innerhalb des chinesischen Verlagswesens für Erstaunen gesorgt, dass die der Reportageliteratur zuzurechnenden Bücher Yang Xianhuis 杨贤惠 (geb. 1947) aus den Jahren 2007 und 2008 nach einer einigermaßen prominenten Ankündigung erscheinen konnten und nicht sogleich wieder unter ein Verbot fielen. Beide Titel – sowohl Aufzeichnungen über das Waisenhaus in Dingxi 定西孤儿院纪事 (2007) als auch Aufzeichnungen aus Jiabiangou 夹边沟记事 (2008) – thematisieren die politische Verfolgung und die Hungerkatastrophe am Ende der 1950er-Jahre.1316 Vorgetragen in nüchternem Ton, entstehen mittels der Reportagen Yang Xianhuis vor den Augen des Lesers eindringliche Bilder des Grauens – eine wichtige Ergänzung zu dem eher stilistisch trocken angelegten und statistisch überprüfbaren Buch von Yang Ji sheng. Beide Werke von Yang Xianhui kommen weitgehend ohne Zahlen, Erklärungen und Hinweise auf Zusammenhänge aus und führen dem Leser vielmehr die ganze Welt des Leidens und des Grauens plastisch vor Augen. Yang Xianhui fügt Dutzende von Erinnerungsberichten von Zeitzeugen aneinander 1313 Vgl. Zhang Yihe 2011, Zhang Yihe 2012 und Zhang Yihe 2013. Die aus den Jahren 2012 und 2013 stammenden Romane liegen in der Zwischenzeit in französischer Übersetzung vor: Madame Yang (2014) berichtet über das Schicksal der Inhaftierten, die für einen Mord aus Liebesmotiven ins Lager kam, Madame Zou (2015) hat das Schicksal von Lesben im Lager zum Thema. Zhang Yihes erstes Werk in dieser Reihe, Frau Liu beschäftigt sich mit einer Frau, die ihren epileptischen Mann auf grausame Weise ermordet hat. 1314 Vgl. den Artikel von Zhang 2013. Zhang hatte Ende der 1950er-Jahre nach der Veröffentlichung eines Langgedichts Missfallen erregt, wurde zum Rechtsabweichler erklärt und in ein Arbeitslager gesteckt. In dem Artikel bietet Zhang seine in hohem Alter und kurz vor dem Tod gegebene Vorstellung vom „Chinesischen Traum“. Er schildert, wie er in der Zeit im Lager die Lektüre von Marx’ Buch Das Kapital genoss und daraus Kraft schöpfte. Seine Zitate aus dem Buch sind mit durchaus kritischen Empfehlungen versehen, die in dem marxistischen Klassiker angeführten Ideale im „Traum“ endlich zu verwirklichen. 1315 Vgl. Yang Jisheng 2008. 1316 Vgl. Yang Xianhui 2007 und Yang Xianhui 2008. Vgl. außerdem die Aufzeichnungen aus Gannan (Yang Xianhui 2011) über das Leben der Menschen in Gannan, einer Region im Südwesten der Provinz Gansu, die der Selbstverwaltung durch die Nationalität der Tibeter unterliegt. Vgl. die Besprechungen Zimmer 2009b und Zimmer 2009c. 410 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas und schafft damit ein Panorama der Zeit. Es ist die Perspektive auf die Opfer, die den beiden Büchern ihre Brisanz gibt, ohne daraus gleich eine politische Anklageschrift zu machen. In jeder Geschichte kommt das Schicksal einer Generation zum Ausdruck. Was daraus entsteht, das kann kein Sachbuch intensiver deutlich machen: aus welch teilweise nichtigen Gründen die „Rechtsabweichler“ in das Lager von Jiabiangou kamen. Um die literarischen Dimensio nen und die Vielschichtigkeit von Yang Xianhuis Aufzeichnungen aus Jiabiangou ganz erfassen zu können, muss man das Buch wohl mit Werken wie Solschenizyns Archipel Gulag und Tadeusz Borowskis Bei uns in Auschwitz vergleichen. Die Frage ist, welche Art von Literatur ist das? Es ist eine historisierende Literatur als eine Kunst, aus (wie man anhand des Vergleichs mit anderen Quellen sieht) manchmal trockenen und dürren Erinnerungen der Zeitgenossen lebendige und schillernde Erzählungen gemacht zu haben. Diese Literatur lebt aus ihrer strengen Bindung an ein durch die Zeit gegebenes Thema, doch sie besitzt genug Raum, um durch ihre Form und Sprache zu etwas sehr Eigenem zu werden. Sowohl bei Yang Xianhui wie in den Büchern Zhang Yihes wird der Erinnerung mittels der eigenen „Lagersprache“, des tastenden Erklärens der Räume, die Wörter innerhalb des Lagers und des Lebens dort eingenommen haben, eine ganz eigene Welt geschaffen. 15.7 Yan Lianke – Leben und Werk Ich lernte Yan Lianke 阎连科 während einer mehrtägigen Veranstaltung im März 2012 an der Baptist Universität in Hongkong endlich auch einmal persönlich kennen. Yan hatte eine Einladung zur Teilnahme an einem Workshop zum creative writing angenommen, um mit jungen Autoren die Schriftstellerei zu besprechen.1317 Bis zum Frühjahr 2012 war mir Yan Lianke nur über die Lektüre seiner Werke der vergangenen Jahre bekannt, die ich gelesen und für literarische Zeitschriften besprochen hatte. Mir imponierte sein Mut, mit dem er in seinen Büchern immer wieder gegen das von der Partei geforderte Harmonie-Gebot verstieß. Seine kritischen Betrachtungen zur politischen und gesellschaftlichen Entwicklung in China seit 1949 präsentiert Yan in diversen Stilen und Tonlagen: mal nüchtern-ernst, mal ironisch-hyperbolisch. Kein Buch gleicht dem anderen, Yan ist ein Künstler, der auf der Suche ist, immer wieder erneut um seinen Stil ringt, den Leser und dessen Gewohnheiten herausfordert. Hierzu nutzt Yan Lianke in seinem Werk die Macht der 1317 Hongkong ist in dieser Hinsicht aufgrund seiner Situation besonders attraktiv: ein Teil Chinas und dennoch weit genug vom politischen Establishment in Peking entfernt, um der direkten Kontrolle zu entgehen. Bekannte Festlandsautoren arbeiten mittlerweile als Lehrer an Hongkonger Hochschulen oder verbringen hier längere Zeit als writers in residence. Das Chinese Department der Baptist University in Hongkong hat sich in den letzten Jahren zu einem Zentrum für die literarische Nachwuchsförderung gemausert. Autoren, die man durch ihre Übersetzungen auch im Westen kennt, wie etwa Mo Yan waren bereits zu Gast, um während eines mehrmonatigen Seminars ihre Sicht auf die chinesische Literatur darzulegen, die Besonderheiten ihres eigenen Schreibstils zu erläutern und dem interessierten Nachwuchs Fertigkeiten zu vermitteln. 411 15 Literatur der Beschäftigung mit der Vergangenheit und Yan Liankes ‚Vier Bücher‘ Fiktion. Ein „böser“ Roman, schreibt Yan in einer knappen poetologischen Skizze mit dem Titel „Als guter Mensch ‚böse‘ Romane schreiben“ 做好人,写‚坏‘小说“, müsse „zerstörerisch sein“ 有破坏性 in dem Sinne, dass er traditionell überlieferte ebenso wie in der gegebenen Gesellschaft herausgebildete Maßstäbe aufbreche. Ein Roman habe nicht nur „betrügerisch“ 背叛性 zu sein in dem Sinne, dass die eigenen Formen und Sitten des Schreibens, die man sich angeeignet habe, infrage gestellt würden. Er müsse vielmehr auch absolute Zerstörungskraft 摧毁性 besitzen, mit der die Überlieferungen der Lektüre vernichtet und solche Mechanismen hinterfragt würden, mit denen die Leser Forderungen an den Autoren stellten und von diesem erfüllt würden.1318 Yan Liankes Herkunft und beruflicher Werdegang weisen einige Parallelen zu Mo Yan auf. Wie der Nobelpreisträger stammt Yan Lianke vom Land, seine Heimat liegt in der Kreisstadt Song nahe Luoyang in der zentralchinesischen Provinz He’nan. Auch für Yan Lianke bildete der Eintritt in die Armee – ein Schritt, den er 1978 unternahm – eine Möglichkeit, der Armut auf dem Lande zu entkommen, ab 1982 war seine Karriere als Parteikader gesichert. Das Politikstudium an der Universität He’nan in Kaifeng, das er 1985 abschloss, bot eine zusätzliche Qualifikation für die sich abzeichnende Laufbahn, die im Kulturbereich des Militärs begann. Yan Lianke nahm weitere Gelegenheiten zur akademischen Ausbildung wahr, 1991 schloss er das Literaturstudium an der Kunsthochschule der Volksbefreiungsarmee in Peking ab. Im Jahr 2005 verließ Yan Lianke schließlich die Armee, wurde zum angestellten Schriftsteller 专业作家 des Schriftstellerverbandes in Peking und arbeitet seither zudem als Professor für chinesische Literatur an der Renmin-Universität in Peking. Rückblickend auf die zweieinhalb Jahrzehnte Dienst in der Armee lautet die nüchterne Feststellung Yans in der Gegenwart, er sei kein herausragender Soldat und nie ein guter Militär gewesen, das Geschäft des Krieges habe ihm nie am Herzen gelegen.1319 Unabhängig von diesen dürren Fakten weiß man aufgrund von Yans emsiger Arbeit als Schriftsteller und Essayschreiber recht gut über sein bisheriges Leben Bescheid. Sein 2009 erschienenes Buch Ich und die Elterngeneration 我与父辈 – sein bisher auf dem chinesischen Markt erfolgreichstes Buch – gibt, wie eine Reihe weiterer biografischer Schriften, Aufschluss über zentrale Ereignisse in Yans Leben.1320 Kleine Anekdoten wie die über den Eintritt in die Armee mit einem gefälschten Abiturzeugnis, zeichnen ein lebendiges Bild von dem Versuch, für sich und die große Familie aus einer armen Gegend seiner Heimatprovinz He’nan eine gewisse Sicherheit zu erlangen. Die Familie und die Heimatprovinz sind ihm wichtig, Yan schätzt die Nähe zur Verwandtschaft und das vertraute Umfeld der Sprache und Kultur. Ein längeres Kapitel in dem 2012 herausgebrachten Buch Drei Flüsse eines Menschen 一个人的三条河 enthält Essays über seine Familienangehörigen, dazu Fotos von sich, seiner Mutter und weiteren Verwandten.1321 Die Spannungen zwischen Stadt und Land, das Ländliche in den Städten und das große Entwicklungsprojekt der nächsten Jahrzehnte – die Urbanisierung Chinas  –, 1318 Vgl. zu dem Essay und den Zitaten die Quelle in: Yan Lianke 2014a, S. 154 f. 1319 Vgl. Yan Lianke 2012b, S. 34. 1320 Vgl. Yan Lianke 2009. 1321 Vgl. Yan Lianke 2012b, S. 1 – 97. Der längste Text widmet sich dem Andenken an den Vater („Sehnsucht nach dem Vater“ 想念父亲, S. 1 – 55). 412 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas solche Themen beschäftigen Yan Lianke nicht zuletzt aufgrund seiner Herkunft auch in seinem umfangreichen und bislang nur unvollständig untersuchten Prosawerk. Der ebenfalls 2012 erschienene Titel Park Nummer 711. Allerletzte Andenken an Peking 711 号园。北京最后的最后纪念 zum Beispiel zeigt – ausgehend von den Betrachtungen zu einem prächtigen Privatpark im Südwesten Pekings, der einem später in der VR in Ungnade gefallenen Politiker als Rückzugsort diente – die Veränderungen in den Megastädten Chinas auf.1322 Die ersten literarischen Veröffentlichungen Yan Liankes erschienen in den 1980er-Jahren, blieben aber zunächst weitgehend unbeachtet. Innerhalb des chinesischen Literaturbetriebs wurde man ab Mitte der 1990er-Jahre stärker auf ihn aufmerksam, insbesondere nach dem Erscheinen seiner Novelle Jahr Monat Tag 年月日. Seine mittlerweile literarisch gefestigte Position spiegelt sich u. a. in der Verleihung von bislang knapp zwei Dutzend nationalen Auszeichnungen (darunter in China zweimal der Lu Xun-Preis und einmal der Lao She-Preis). Doch haben seine Bücher in zunehmendem Maße auch international Beachtung gefunden. Im Oktober 2014 wurde Yan Lianke als erstem chinesischen Schriftsteller kurze Zeit nach dem Erscheinen der tschechischen Ausgabe von Vier Bücher in Prag der Franz-Kafka-Literaturpreis verliehen, mit dem zuvor u. a. Schriftsteller wie Elfriede Jelinek, Harold Pinter und Haruki Murakami ausgezeichnet worden waren.1323 Yan Lianke ist ein kritischer Autor, der regelmäßig heikle Themen wie die Kulturrevolution oder die Aids-Seuche auf dem Lande zum Gegenstand seiner Werke macht. Armut, Elend, Heimat und Familie sind zentrale Begriffe einer Poetik, aus der Yan Lianke die Kraft für sein Schaffen schöpft. Was ihn und – so darf man annehmen – auch andere chinesische Schriftsteller der Gegenwart grundsätzlich antreibt, hat Yan Lianke am Beispiel einiger zugegebenermaßen postkolonialistisch angehauchter rhetorischer Fragen in der Einleitung zu einem seiner neueren Bücher so formuliert: Wie sich von der Tradition befreien? Wie sich aus dem geheimen Studium der westlichen Literatur befreien, um auf die westliche Literatur hinabblicken zu können [俯视]? […] Wie gelingt es, die Literatur stärker werden zu lassen, sie oberhalb von Macht, Politik, Staat, Nation und politischen Gruppen anzusiedeln? […] Die Literatur wirklich und vollkommen in eine Form des Verständnisses und des Respekts gegenüber den Menschen, der Menschlichkeit und der Liebe zurückzuverwandeln, um auf diese Art und Weise eine wirkliche Modernität der chinesischen Literatur herbeizuführen [完成一种真真正正的中国文学的现代性]? Eine „orientalistische“ Weltliteratur zu schaffen oder einen „Orientalismus im Weltmaßstab“ [东方主义的世界性]?1324 1322 Vgl. Yan Lianke 2012c. 1323 Zur Preisverleihung in Prag vgl. den Artikel von Jiang Fangzhou 2014, der auch das an gleicher Stelle zu findende Interview mit Yan Lianke führte. Im Frühjahr 2016 stand Yans Vier Bücher auf der Shortlist für den Man Booker International Prize 2016 (Verleihung im Mai 2016), vgl. die Notiz in der Global Times vom 15.4.2016. 1324 Yan Lianke 2011, S. 9. In dem hier angeführten Band sind viele Essays zur Literatur angeführt, erkennbar ist dabei eine intensive Auseinandersetzung mit Kafka und der Erzäh- 413 15 Literatur der Beschäftigung mit der Vergangenheit und Yan Liankes ‚Vier Bücher‘ 15.7.1 Der „Tanz im eisernen Käfig“. Yan Liankes Poetik des beschränkten Raums In Aussagen wie der soeben zitierten und zahlreichen weit verstreuten Essays über die Literatur und ihr Wesen teilt sich ein hoher moralischer und künstlerischer Anspruch mit. Ich will mithilfe der in diversen Sammlungen enthaltenen Aufsätze Yan Liankes zur Literatur versuchen, die dort erkennbaren Grundzüge einer Poetik im Folgenden zu umreißen. Die Ausführungen kreisen im Wesentlichen um Fragen der Realität, d. h. um die ganz spezifischen Lebensbedingungen des Schriftstellers und seiner Zeitgenossen. Diese Realität führt, folgt man Yan, zur Entwicklung eines speziellen künstlerisch-literarischen Umgangs mit der Wirklichkeit, nämlich einer besonderen Form des Realismus. Zum Abschluss ist noch näher auf die für diesen Abschnitt wichtigen Auffassungen zum Umgang mit der Vergangenheit einzugehen. Schreiben ist für Yan der Versuch, eine Utopie 乌托邦 hervorzubringen in der Hoffnung, aus der Realität kommend in einen Idealzustand hineinzugelangen und also das mit der Literatur zu schaffen, was in der Realität nicht anzutreffen ist. Wie hoch Yan Lianke bei seinen Utopien ansetzt, zeigt die Auskunft über Träume von früher, als er in seiner Jugend öfters davon träumt, mit Mao (chinesisches) Schach zu spielen. Nach seinem erträumten Sieg über Mao sei ihm die Macht im Land überlassen worden.1325 Wo Träume und utopische Vorstellungen auf das Große zielen, ergibt sich schnell ein Konflikt der individuellen mit der vom Staat vorgegebenen Utopie. In seiner Heimat China, so Yan, habe sich eine individuelle Utopie über lange Zeit hinweg nur im Rahmen der Verwirklichung der staatlichen Utopie umsetzen lassen. Die vom Staat über Jahrzehnte hinweg propagierte soziale Utopie sei die Verwirklichung des Kommunismus gewesen, dafür hätten die Menschen in China während der Kampagnen und politischen Kämpfe einen hohen Preis gezahlt. Schließlich sei man in China aus dem Utopie-Traum erwacht, habe die Politik der Reform und Öffnung betrieben, die Wirtschaft entwickelt und sich auf den Weg hin zur Utopie des Kapitalismus gemacht.1326 Anzeichen für neue Katastrophen, die diese neue Utopie mit sich bringt, treten in der Gesellschaft Chinas mittlerweile in Erscheinung (in Form bleibender Umweltschäden), Yan Lianke nennt hier etwa die Sandstürme und Taifune der letzten Jahre. An diesen Ausführungen zeigt sich bereits der breite Widerspruch zwischen dem vermeintlich ideal-utopischen System und dem Anspruch des Autors, schreibend über diese Utopie hinauszuwachsen, ihre Fehler hervorzukehren, um einen neuen Idealzustand zu erreichen. Diese spannungsgeladene Konstellation zwischen Autor, Realität, Sprache und lung „Die Verwandlung“. Großen Einfluss haben auch die russischen Autoren auf Yan ausgeübt, immer wieder führt er Tolstoi und Dostojewski an. 1325 Vgl. Yan Lianke 2012d, S. 2 f. In diesem zum Verständnis von Yans Literaturauffassung sehr wichtigen Band finden sich zwanzig Texte von Reden mit Angaben über das eigene Schreiben, die Yan in den zurückliegenden Jahren bei Besuchen im Ausland gemacht hat. Die hier erwähnte Rede wurde 2008 in Südkorea gehalten. 1326 Vgl. ebd., S. 5. 414 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas Stoff beschreibt Yan Lianke an einer Stelle als den Versuch, ein „individuelles Schreiben in der Umhüllung durch die Utopie“ 乌托邦笼罩下的个人书写 hervorzubringen.1327 Yan Lianke fasst seine Anschauungen zum Verhältnis zwischen Realität und Literatur in China immer wieder in einige anschauliche Bilder, zum Teil unter Verwendung einer eigenen Tiersymbolik. Die nüchterne Diagnose, der zufolge sich China und seine Gesellschaft im Krankenstand befinden, stellt dabei einen nahezu unerhörten Rückgriff auf eine Floskel der Imperialisten aus der Kolonialzeit dar, die China als den „kranken Mann Ostasiens“ dongya bingfu 东亚病夫 beschrieben. Doch anders als die Krankheitsmetapher aus dem Ende der Kaiserzeit, die auf eine zivilisatorische Schwäche des Landes abhob, erkennt Yan im Schicksal der Menschen und der Literatur innerhalb der heutigen Realität seiner Heimat eine Ähnlichkeit zu „Spatzen mit gebrochenen Flügeln, die auf dem Erdboden um das Überleben kämpfen“.1328 Seine Rolle als Schriftsteller sieht er darin, dem „hässlichen Spatzen mit den gebrochenen Flügeln bei der Genesung zu helfen“.1329 Wie aber geht ein Schriftsteller in China angesichts der problematischen Realität konkret mit dieser um? Jedenfalls sieht sich Yan nicht als Vertreter jener Spezies von Literaten, die stets nur über die „hellen Seiten“ der Realität sprächen und die düsteren fortließen.1330 In seinen Erläuterungen zur Frage, warum seine Werke in der Heimat so umstritten sind, macht Yan klar, dass er anders als viele andere Autoren die Realität, über die er schreibe, nicht wähle, sondern von der intensiven Realität, der er ausgesetzt sei, etwas verliehen bekomme (赋予), mit dem er schreibend umgehen müsse – eine Absage an die jahresplanerische Literaturproduktion.1331 Man wird in Yans Auffassung ein hohes Maß an Verantwortung, Menschenliebe, gesellschaftlichen Visionen und eine tiefe ethische Pflicht annehmen dürfen, ohne dass er das selber ausdrücklich betont. Entscheidend sind für ihn bei der Auseinandersetzung mit der Realität vielmehr Individualität 个性 und Instinkt 本能. Die „Persönlichkeit des Schriftstellers“ 作家的人格 formt sich Yan zufolge aus einer „alltäglichen Individualität“ 日常性格 und einer „kulturellen Individualität beim Schreiben“ 写作中的文化性格.1332 Auch wenn Yan an der Stelle von sich als einem empfindsamen, 1327 Vgl. ebd., S. 7. 1328 Vgl. dazu Yan in einer Rede, die er 2011 im australischen Perth hielt. Ebd., S. 96. 1329 Ebd., S. 99. Das Bild von den „Deformationen“, die bei den Menschen in China durch die politischen Kampagnen in der Vergangenheit aufgetreten sind, führt Yan immer wieder an. Die Kulturrevolution und ihre Folgen in einem Bild von Yan: „Als ein wilder Tiger aus einer Herde Schafe zahme Häschen gemacht hatte, verloren die früheren Schafe auch ihre Seele. Sie wurden zu einem Spielzeug unter den Pranken des Tigers, der sich satt gefressen hatte. Heute betreibt man in China Reform und Öffnung. Eine der Aufgaben dabei ist es, die Hasen wieder in den Status von Schafen zurückzuversetzen. Dies mag noch der einfache Teil sein. Doch aus den zu hölzernem Spielzeug verformten Seelen wieder lebende und aktive Seelen zu machen, ist sehr schwierig.“ Vgl. dazu seine Rede in Cambridge 2008, ebd., S. 31. 1330 Vgl. zu dieser Lichtmetaphorik Yan in einer Rede, die er im November 2011 in den USA hielt. Ebd., S. 143. 1331 Aus einer in Rom gehaltenen Rede, vgl. ebd., S. 156. 1332 Vgl. ebd., S. 157. 415 15 Literatur der Beschäftigung mit der Vergangenheit und Yan Liankes ‚Vier Bücher‘ einfühlsamen, sensiblen 敏感 und sturen, starrsinnigen Menschen 固执 voller Leidenschaft und Enthusiasmus 激情 spricht,1333 wird man ihm – gemessen an westlichen Kriterien – nicht schlechthin den Status eines eigenwilligen auffälligen Exzentrikers zubilligen. Auch in Yans Werk spürt man mitunter etwas Vages, Unfestgelegtes, nicht Schwarz noch Weiß, „graue Literatur“, wenn man so will, den „Mittelweg“, den Yan Lianke ansonsten für sich ablehnt.1334 Wo aber sind nun die von Yan Lianke beschriebenen Räume für den Umgang der Literatur mit der Realität und wie sind sie beschaffen? In eher allgemeiner Form führt Yan dazu aus, dass es zwar für die Literatur eine Abhängigkeit von der Politik gebe, doch gesteht er zu, dass die Literatur „unterhalb der politischen Sphären 在政治的天空下“ über „einen freien Raum und eine Bühne 空间和舞台“ verfüge,1335 diesen Raum auch nutze und der Realität nicht ausweiche.1336 Den Wert dieser Realität sieht Yan in den gesellschaftlichen Verhältnissen Chinas, die quasi das „Material“ für den Schriftsteller seien – ein undurchschaubarer und nicht zu ordnender Wust von Stimmungen und Gegebenheiten in der Gesellschaft.1337 Im Spannungsfeld von Realität und den vorhandenen Einschränkungen formuliert Yan Lianke schließlich seinen Realismus, dessen Grundzüge bereits im Kapitel über Mo Yan aufgezeigt wurden und hier ergänzt werden sollen.1338 Zunächst sollte man wohl 1333 Vgl. ebd., S. 158. 1334 Vgl. dazu Ausführungen in einer im Dezember 2011 in Mailand gehaltenen Rede, in der Yan u. a. von der zentralen Position der Mitte in Chinas Kultur (zurückgehend auf die Vorstellung von zhongyong 中庸) spricht, die der individuellen Ausprägung wenig Raum lasse. Doch für die Literatur fordert Yan Lianke Individualität, nicht Mitte. Er weist dabei auf den Widerspruch zu dieser Position bei allen heute in China lebenden Schriftstellern und der gesamten chinesischen Gegenwartskultur und Literatur hin, ohne sich selbst ausdrücklich auszunehmen. Ebd., S. 151. 1335 Ausgeführt während einer Rede in New York Ende April 2011, vgl. ebd., S. 116. 1336 Vgl. zu dieser Bemerkung den Hinweis während einer Rede, die Yan in Taiwan hielt, vgl. ebd., S. 56. 1337 Siehe dazu die Rede in Taiwan im April 2010, vgl. ebd., S. 52. Yan geht bezüglich der Zusammensetzung der von ihm als postsozialistisch bezeichneten Gesellschaft von einer sichtbaren Gesellschaft 显社会 (in der die Regierung den Ton angibt) und einer unsichtbaren Gesellschaft 被显社会 aus, die sich vornehmlich in den Städten und Dörfern findet – eine verborgene, zivile Gesellschaft, in der Anarchismus und Liberalismus anzutreffen seien. Beide würden in der Gesellschaft heute etwas wie eine Koexistenz führen. In der VR-Literatur werde dieser komplexe Zustand nur zum Teil reflektiert, die Folge seien sensationsheischende „Literaturblasen“ 文学泡沫. Vgl. ebd., S.  54 f. Bei dem Workshop 2012 in Hongkong wies Yan bezüglich des Materials, das aufgrund der Lebensrealitäten in China vorliege, auf die Bedeutung von konkreten Erfahrungen durch Schriftsteller hin. Nebenbei ließ er einfließen, dass die chinesische Politik nach 1949 angesichts der Einschränkung der Bewegungsfreiheit und des Zwangs, sich in ihren Werken der offiziellen Sichtweise anzuschließen, die Schriftsteller schlichtweg vieler Erfahrungsmöglichkeiten beraubt habe. Bei aller mitunter anzutreffenden sprachlichen Kunstfertigkeit wohne daher vielen literarischen Werken der Zeit nach 1949 etwas Starres, Eintöniges inne. 1338 Der in dem Abschnitt zitierte Essay über den märchenhaft-mythologischen Realismus 神实主义 findet sich in abgewandelter Form auch in der Ausgabe Yan Lianke 2011, 416 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas anführen, wie Yan den märchenhaft-mythologischen Realismus 神实主义 versteht, für den sich als Begriff die Übersetzung als „transzendentaler Realismus“ anbietet. Es geht ihm zufolge nicht darum, wie „übernatürlich-göttlich“ shen 神 ein Autor schreibt – also wie „wunderbar“ shenqi 神奇, „geheimnisvoll“ shenmi 神秘 und „innerlich beseelt“ shenjing 神经 –, sondern wie sehr er es versteht, mittels einer „seelischen Verbindung“ 神的桥梁 eine Brücke zur Realität zu schlagen. Diese „neue Realität“ und eine „neue Wahrheit“ seien mit der heutzutage geläufigen Form des Realismus nicht zu erreichen und nicht zu verdeutlichen. Die Kunst beim Schreiben ist es laut Yan, an die geistig-seelisch-emotionalen Substanzen heranzugelangen, die unter der sinnlich-erkennbaren Weltoberfläche verborgen sind,1339 um „Wahrheit“ hervorzubringen. „Wahrheit“ sei demzufolge „die Seele des Realismus“ 真实,是现实主义的灵魂, doch echte Wahrheit 真正的真实 finde sich nicht im alltäglichen Leben, sondern in der inneren Welt des Schriftstellers 在作家的内心世界里 und im Geist des Romans 小说的精神里.1340 Diese „innere“ Form von Wahrheit sei insofern etwas Besonderes, als man nicht sagen kann, sie existiere nicht, vielmehr gebe es weder eine empirisch-wissenschaftliche Form des Nachweises noch eine einfache Möglichkeit, sie zu entdecken. Dass man sie nicht entdecke, heiße aber nicht, dass es sie nicht gebe. Die Literatur breite nicht das „wahre Leben“ 真实的生活 vor dem Leser aus, da jeder Anspruch auf „Wahrheit“ nach der Filterung im Kopf des Autors unecht und falsch sei. Yan Liankes entscheidende Empfehlung lautet daher: „Literatur sollte nicht nach der Realität streben, die die Menschen sehen, sondern nach jener, die man nicht sieht und von der deshalb fälschlicherweise angenommen wird, es gebe sie nicht.“1341 Eine entscheidende Rolle spielt dabei auch die Emotionalität, also sowohl eine innere Beteiligung durch den Schriftsteller als auch über den Text vermittelte Gefühle.1342 Von sich selbst hat Yan an anderer Stelle als einem „pietätlosen Abkömmling des Realismus“ gesprochen, der dem Realismus in der chinesischen Gegenwartsliteratur voll Hass und Abscheu gegenüberstehe.1343 Yan Lianke führt im Weiteren vier Stufen des Realismus an, zurückgehend auf vier Formen des Umgangs mit der Wahrheit: 1.) Gesellschaftlich konstruierte Wahrheit führt zum konstruierten Realismus; 2.) profane Erfahrungen der Wahrheit führen zu profanem Realismus; 3.) Wahrheit und Lebenserfahrung führen zum lebensbezogenen Realismus; 4.) tiefe seelische Wahrheit S. 171 – 207. Hinzuweisen ist an der Stelle noch auf eine deutsche zusammenfassende Übersetzung eines Essays von Yan über den märchenhaft-mythologischen Realismus in minima sinica 2/2011, S.  155 – 160. Dort wird der o. g. Begriff vereinfachend mit „magische Schreibe“ wiedergegeben. 1339 Vgl. Yan Lianke 2011, S. 185. 1340 Vgl. Vgl. dazu den Aufsatz „Realismus ist nicht alles“ 现实主义不是唯一的, in: Yan Lianke 2014a, S. 114 – 122, hier zitiert nach S. 114 f. 1341 Ebd., S. 116. 1342 Auf die in der chinesischen Literatur insbesondere in den 1950er- und 1960er-Jahren vorherrschende einseitige Emotionalität in Form des Pathos mit der Folge, dass die eigenen Gefühle nicht mehr einem selbst gehörten, sondern „der Revolution“, „der Gemeinschaft“, „der Klasse“ weist Yan hin in: Yan Lianke 2010b, S. 81. 1343 Vgl. dazu die Angaben Yans in dem Essay „Wirkliche Räume und Abschnitte des Realismus“ 现实主义之真实境层, in: Yan Lianke 2011, S. 11 – 65, besonders S. 14. 417 15 Literatur der Beschäftigung mit der Vergangenheit und Yan Liankes ‚Vier Bücher‘ führt zu seelischem Realismus 灵魂现实主义.1344 Yan wendet sich insbesondere gegen die ersten drei Formen, die zum Teil durch die Politik und die Gesellschaft gesteuert würden und oberflächlich blieben, nur mittels des „seelischen Realismus“ (als ein Vertreter wird u. a. Dostojewski genannt) werde Tiefe erreicht. In der sozialistischen Gegenwart Chinas gebe es bei der Verwendung dieser Realismen vor allem aufgrund der Interessensteuerung Sieger und Verlierer: Sieger seien i. d. R. die Autoren, Verlage und Kritiker, Verlierer die betrogenen Leser.1345 Die geistige Selbsteinschnürung durch die Schriftsteller, verursacht durch jahrzehntelange Unterdrückung, führe, so Yan weiter, langfristig zum Ich-Verlust, dem Verlust der Fähigkeit, selbstständig der eigenen Individualität Ausdruck zu verleihen, selbstständig zu denken. Bei sich selber stellte Yan Willenlosigkeit und Anpassung fest. Nicht nur über den Inhalt und die Gedanken eines Textes mache man sich einschnürende Gedanken, auch der Wunsch nach künstlerischer Weiterentwicklung und Kreativität lasse nach. Dies habe Auswirkungen auf die gedankliche Beschäftigung der Schriftsteller mit der Realität in China, der freie und unbehinderte Ausdruck gehe verloren. Langfristig führe das zum „vollständigen Verlust der aus der Seele kommenden Explosivkraft 来自灵魂的爆发力 und der Vorstellungskraft 想象力“.1346 Die Besonderheiten der Selbstzensur von Schriftstellern in China mit der jahrzehntelangen Orientierung an politischen Vorgaben gleichen Yan zufolge „dem Tanz in einem eisernen Käfig“ mit der Folge, dass, wer „aus dem Käfig entlassen wird, nicht mehr richtig gehen, laufen und tanzen kann“.1347 In dem Glauben, frei zu sein, verfielen Autoren dann gelegentlich auf die Verwendung erzählerischer Kniffe und Techniken sowie fremder Ismen mit dem Anspruch, sich von den Hauptströmungen entfernt zu haben.1348 Nur wer es schaffe, die Kunst wahrhaftig als Grund für die eigene Existenz zu betrachten, der sei auch imstande, „den Glauben daran zu bewahren, dass die Politik zwar mächtig ist, aber dass sie nicht alles ist. Die Politik kann einen Schriftsteller umbringen, aber die Literatur kann einen Schriftsteller wieder zum Leben erwecken – das ist der Unterschied zwischen Literatur und Politik.“1349 1344 Vgl. ebd., S. 16. 1345 Vgl. ebd., S. 54. Auf anders gelagerte Fälle weist Yan freilich an gleicher Stelle ebenfalls hin, indem er auf die Auswirkungen der Zensurmaßnahmen gegenüber seinem Roman Dem Volke dienen 为人民服务 zu sprechen kommt. Den Zeitschriftenverlag Huacheng traf damals eine hohe Strafzahlung. 1346 Vgl. die Ausführungen dazu während einer 2008 in England gehaltenen Rede bei Yan Lianke 2012d, S. 10 ff. Es ist diese intensive Reflexion Yan Liankes über sich und die Situation des Schriftstellers im China der Gegenwart, durch die er vermutlich aktuell zu der Figur innerhalb der chinesischen Literaturlandschaft wird, die auf eindrucksvolle Weise die in einem der einführenden Abschnitte von Juri Lotman angeführten Thesen über die explosive Kraft der Literatur zu verkörpern scheint, freilich, wie wir anhand des Hinweises auf die Verluste gesehen haben, in einem negativen Sinne. Vgl. dazu den Essay „Zur Selbstbeschränkung des Schriftstellers und der seelischen Explosionskraft“ 作家的自我约束与灵魂爆发, in: Yan Lianke 2014a, S. 135 – 140. 1347 Yan Lianke 2012d, S. 41. 1348 Vgl. ebd., S. 42. 1349 Ebd., S.  44. An anderer Stelle, in einer Rede in Norwegen im September 2011, spricht Yan vom Schreiben, das mit Blick eben auf Geld, Ruhm, Ansehen, den Erwerb von Prei- 418 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas In diesem schwierigen Rahmen aus starren ideologisch-unterdrückerischen Vorgaben und dem Anspruch, eine künstlerische Form der Wahrheit und Echtheit zu finden, weist Yan Lianke sich und seinesgleichen einen Weg, indem er den „Zwang zur Fiktion“ folgendermaßen umreißt: Der grundlegende Charakter eines Schriftstellers besteht darin, die Wahrheit mittels ursprünglich falscher und betrügerischer Absicht ans Licht bringen [弄假成真]. Wenn wir, die Schriftsteller, die Wahrheit noch wahrer machen wollen, als sie ohnehin schon erscheint [弄真成真], dann machen sich Geschichte und Realität über uns lustig. Sobald jedoch die Wahrheit verfälscht wird [弄真成假], verpassen uns Geschichte und Realität eine Ohrfeige.1350 Die Pflicht des Schriftstellers ist es demnach, „mittels einer glaubhaft wirkenden Fiktion 弄假成真 sein Talent unter Beweis zu stellen und mittels der rekonstruierten Geschichte 再造历史 sowie der rekonstruierten Realität 再造现实 an die Quellen des Lebens, des Bewusstseins und der Gefühle der Menschheit zu gelangen“.1351 In Yan Liankes Äußerungen über seine Heimat und die Literatur mischen sich ernste Kritik mit aufrichtiger Liebe und Respekt. Die Literatur in China, so Yans Fazit, befinde sich in einer Sackgasse. Gerade in dieser Zeit des gesellschaftlichen Wandels 社会转型期 und des sozialen Umbruchs plädiert er dafür, dass die Literatur eine Haltung formuliert, nicht gedankenlos bleibt, sondern in der Zeit der allgemeinen Orientierungslosigkeit eine Orientierung anbietet.1352 15.7.2 Yan Liankes Werke nach dem Jahr 2000 Die von Yan Lianke in seinen Büchern angesprochenen Themen umfassen eine sehr breite Palette, deren Vielfalt jener seiner sprachlichen Tonlagen in nichts nachsteht. Nicht nur als Schriftsteller, sondern auch als Essayist und Intellektueller hat Yan dabei das Thema des literarischen Umgangs mit der Geschichte nach 1949 immer wieder behandelt, indem er etwa bemängelt, die Literatur in seiner Heimat leide unter einer kollektiven Amnesie 文学有了集体的失忆症 und bleibe daher „lau“ und „fassadenhaft“.1353 In einem Essay, der auch international Beachtung gefunden hat, spricht Yan von der Verantwortung der chinesischen Schriftsteller in der Gegenwart, gegen das Vergessen anzuschreiben, und er prangert die „Lügenproduktion“ vieler chinesischer sen oder um den Machthabern zu gefallen erfolgt, von einem „korrupten Schreiben“ 腐败写作. Vgl. ebd., S. 130. 1350 Vgl. den Aufsatz „Die Lüge in der Wahrheit“ 谎言中的真实, in: Yan Lianke 2014a, S. 142 – 145, hier zitiert S. 142. 1351 Ebd. 1352 Vgl. Yan Lianke 2010b, S. 63. Es handelt sich hierbei um einen Band mit themenbezogenen Dialogen, am Schluss des Buches ist eine Reihe von Yan Liankes Essays zu finden. 1353 Vgl. ebd., S. 58 f. 419 15 Literatur der Beschäftigung mit der Vergangenheit und Yan Liankes ‚Vier Bücher‘ Autoren und ihre Anbiederung an den Staat an.1354 Gnadenlos beschreibt Yan Lianke das so: Thirty years ago, the instruments used against people who resisted state-sponsored amnesia were ropes and chains. Now, as China’s economy grows and the state has an enormous amount of money at its disposal, it skillfully uses financial incentives to entice people into giving up their memories and to compromise with the state. In this country money now has an almighty power that can seal people’s lips and dry writers’ pens. It can also force literary imagination to fly in the opposite direction of truth and conscience. It doesn’t matter whether you are a writer, a historian or social scientist. You will be awarded power, fame and money as long as you are willing to see what is allowed to be seen, and look away from what is not allowed to be looked at; as long as you are willing to sing the praises of what needs to be praised and ignore what needs to be blanked out. In other words, our amnesia is a state-sponsored sport.1355 Solche Positionen kennzeichnen Yan Liankes Ausnahmestellung innerhalb der Schriftstellergemeinde Chinas.1356 Nachdem sich Yan in China einen Ruf als ernst zu nehmender, aber unbequemer Schriftsteller erworben hatte, begann man auch im Ausland auf ihn aufmerksam zu werden. Dem Volke dienen (2005) ist vielleicht nicht Yans stärkstes Buch, doch es lässt den Wunsch erkennen, sich einen neuen literarischen Zugang zu einem problematischen Abschnitt in der Geschichte Chinas nach 1949 zu erarbeiten.1357 Der Autor erzählt darin die zur Zeit der Kulturrevolution spielende Liebesgeschichte zwischen dem im Dienste der Armee stehenden Hausgehilfen Wu Darong, 28 Jahre alt, und der 32-jährigen Liu Lian, Gattin des bereits betagten örtlichen Kommandeurs. Wu, ein einfacher Mann vom Lande, ist erfüllt von dem Wunsch, seinen Vorgesetzten zu dienen, seine Richtschnur sind die zu jener Zeit gepredigten Glaubenssätze. Durch die Intensität der Beschreibungen in Verbindung mit den Parolen rückt der Autor die Sexualität im Zusammenhang mit der Kulturrevolution in den Mittelpunkt. Mittels eines höchst eigenwilligen Emanzipationsprozesses konterkariert er eine Kernaussage der chinesischen Sozialwissenschaftlerin Li Yinhe 李银河 („Die Kultur der Kulturrevolution war eine sexlose Kultur“).1358 Bereits ein Jahr zuvor, 2004, war Yans ambitionierter Roman Shouhuo 受活 erschienen, der eine Reihe von Interpretationsmöglichkeiten anbietet und politische Bezüge zu erkennen gibt.1359 Welche literarischen Ansprüche Yan erhebt, macht er in seinem in streitbarem Ton verfassten Nachwort klar, in dem er die seit Maos Kampag- 1354 Vgl. Yan Lianke 2013b. 1355 Ebd.. 1356 Zur Stellung ausgewählter Autoren (Wang Meng, Zhang Xianliang und Wang Xiaobo) im chinesischen System vgl. Chen Guohe 2014, S. 4. 1357 Vgl. Yan Lianke 2005 und Zimmer 2007e. 1358 Vgl. dazu das Interview mit ihr in Nanfang zhoumo vom 9.11.2006. 1359 Vgl. die Besprechung bei Zimmer 2007a. 420 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas nen in Yan’an entstandene Literatur des Realismus an den Pranger stellt und als inhaltsleer, phrasenhaft und verlogen bezeichnet. Kunst, Literatur und Leser seien durch den Realismus vergewaltigt worden. Der 2005 mit dem Mao Dun-Preis ausgezeichnete Roman Shouhuo geht bis tief in die chinesische Kultur und Sprache hinab und bildet eine Parabel auf das China der Gegenwart. Shouhuo ist ein Roman über die falschen Paradiese, ein seelenloses China vermarktet die letzten sozialistischen Heiligtümer, nur in der Verkrüppelung lässt sich ein „normales“ Leben in Glück und Freiheit führen – oder anders herum: Der Preis für Glück und Freiheit besteht in der Verkrüppelung. In dem 2006 erschienenen Roman Der Traum von Ding-Weiler 丁庄梦 nahm sich Yan Lianke des in China zunehmend aktuellen Aids-Problems an.1360 Setzte sich Yu Hua in seinem Roman Der Mann, der sein Blut verkaufte (1995) noch mit der Frage des unseligen Handels mit Blut von Spendern auseinander, so stehen für Yan Lianke die Folgen des Handels – ebendie Infektion mit HI-Viren und die Ausbreitung von Aids – im Vordergrund. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive eines Ich-Erzählers, sozusagen aus dem Jenseits, denn der Erzähler ist, wie er auf den ersten Seiten wissen lässt, bereits vor zehn Jahren verstorben. Die Botschaft von Dingzhuang meng lautet: Das Elend hat immer einen wirtschaftlichen Bezug – nämlich den Traum vom schnellen Geld und die Gier nach Reichtum. Es folgte 2008 mit Ode an die Liebe und Gelehrsamkeit 风雅颂 eine besondere Form der Elitenschelte,1361 erwidert von einem empörten Aufschrei der Intellektuellen und Gelehrten nach dem Erscheinen des Buches. Yang Ke, der Protagonist des Buches, ist sicherlich keine Romanfigur, mit der sich der Leser identifiziert, doch sie trägt Züge, die verbreitet sind. Ein schroffer Gegensatz ist zu erkennen zwischen dem nüchternen, von Dynamik und Veränderlichkeit geprägten Leben in der äußeren Welt der Universität und der inneren Vorstellungswelt des Professors Yang. Yang Ke ist ein Mensch, der sich voller Hingabe ganz in eine abseitige Aufgabe seiner Wissenschaft vertieft, der schwach und unbeholfen wirkt, wenn ihn „das Leben“ plötzlich fordert, der sich den Herausforderungen nicht offen stellt, nicht kämpft, sondern sich treiben lässt, der sich der Verantwortung entzieht, flüchtet, und dessen Bild mit der Zeit immer hässlicher wird, geprägt von Eitelkeit, Ruhmsucht und Lüge. Verblendet, wie er ist, gefangen in seiner eigenen Welt, erreicht er, wie man bei der Lektüre erfährt, bald niemanden mehr. Yan Lianke drückt diese „Sprachlosigkeit“ des Professors durch die wiederkehrenden Monologe aus, mit denen Yang Ke auf seine Mitmenschen zugeht und doch nicht gehört wird. Vom „System“ ob seines bizarren Auftretens zum Verrückten gestempelt und in eine universitäre Nervenheilanstalt eingeliefert, kann sich Yang nur durch Flucht in seine dörfliche Heimat befreien, wo man ihn für eine Weile als Berühmtheit und großen Gelehrten verehrt, bevor er sich in ein Netz aus Lügen und Einbildung verstrickt und schließlich – durch einen Gewaltakt zum Verbrecher geworden – zu einer weiteren Flucht an einen abgelegenen Ort in den Bergen gezwungen wird. Dort schafft er zusammen mit ebenfalls düpierten Gelehrten aus der Hauptstadt eine Idealgesellschaft. 1360 Vgl. die Besprechung bei Zimmer 2010b. 1361 Vgl. die Besprechung bei Zimmer 2009d. 421 15 Literatur der Beschäftigung mit der Vergangenheit und Yan Liankes ‚Vier Bücher‘ Seit dem aufsehenerregenden Verbot seines Romans Dem Volke dienen schaut die chinesische Zensur sehr genau auf das, was Yan publizieren möchte. Seine Werke finden sich nur zum Teil in den großen Buchläden der Volksrepublik, vieles kann (und möchte) er nur noch jenseits der Grenzen veröffentlichen.1362 Auf der Frankfurter Buchmesse 2009 – damals war China das Gastland – hätte man Yan als einen sicherlich wichtigen Vertreter der chinesischen Gegenwartsliteratur gerne begrüßt, doch wurde ihm die Aufnahme in die offizielle Delegation der Autoren verweigert. 15.8 „Ein mörderisches Verbrechen, bei dem sich Täter die Hände nicht mit Blut befleckten“.1363 Yan Liankes Roman Vier Bücher Als ich mit Yan Lianke im Frühjahr 2012 in Hongkong über sein bis dahin vorliegendes Werk sprach, mischte sich in seinem Rückblick Stolz mit Skepsis. Er saß damals jeden Vormittag für mehrere Stunden an seinem 2013 erschienenen Roman Aufzeichnung einer Explosion 炸裂志 über den Irrsinn der Geschäftswelt in einem kleinen Ort in Südchina.1364 Während sich Yan ohne jede Spur von Koketterie distanziert und kritisch über dieses oder jenes seiner Bücher aus der Vergangenheit äußerte, erfüllte ihn sein 2010 erschienenes Werk Vier Bücher 四书 mit Zufriedenheit über das erreichte Niveau.1365 Immer wieder sprach er von der Komplexität der Verhältnisse in seiner Heimat, den vielschichtigen Problemen, denen die Menschen ausgesetzt seien. Hierfür gebe es keine einfachen Erklärungen, man könne nicht schlicht nur „das System“ anführen. Literatur war und ist für Yan Lianke – so viel wurde deutlich – ein Mittel, andere und vielleicht tiefere Erklärungen anzubieten. Im Zusammenhang mit Vier 1362 Der Roman wurde kurze Zeit nach der Veröffentlichung verboten. Das Verbot sorgte erst recht für ein großes Interesse bei den Lesern, eine elektronische Fassung des Buches erregte im Internet großes Aufsehen. Yans Traum von Dingzhuang kam aufgrund des Vorwurfs, eine zu düstere Atmosphäre bezüglich der Aids-Problematik zu verbreiten, ebenfalls sofort auf den Index. 1363 Zu dem abgewandelten Zitat siehe Zhu Weibo 2013, S. 214. 1364 Vgl. Yan Lianke 2013a. Thema des Romans ist in einem weiteren Sinne die Verstädterung in China, abgefasst in Form einer Lokalchronik. Wie bei anderen Werken Yans, so wird auch hier ein anspruchsvolles Thema in einem grotesken Ton dargeboten. „Realismus“ i. S. v. Faktentreue wird dem Wahnsinn der Gegenwart in China nicht gerecht, so der erkennbare Ansatz Yans, der auch in seinem bisher letzten Roman Anwendung findet. Yan wählt – anders als zum Beispiel Liao Yiwu – nicht die Form der Kritik, sondern „verpackt“ die Realität im Übertriebenen. Es ist seine Art, auf den alltäglichen Wahnsinn und Unsinn zu reagieren. 1365 Der Bearbeitung lag hier die Ausgabe Yan Lianke 2010a zugrunde. Angaben in Aufsätzen chinesischer Literaturwissenschaftler (Wang Binbin 2011, S. 19) ist zu entnehmen, dass es möglicherweise eine speziell für die Publikation in der VR China zurechtgemachte Ausgabe des Romans gibt, bei der Kürzungen vorgenommen wurden. In der Ausgabe soll sich ein Nachwort von Yan Lianke finden mit dem Titel „Schreibender Verräter“ (shuxie de pantu 书写的叛徒). Über eine solche Ausgabe konnte nichts weiter herausgefunden werden. 422 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas Bücher trat Yan in Hongkong dafür ein, mit Blick auf die Hungerkatastrophe Ende der 1950er-Jahre in China umzudenken. Nicht die Naturkatastrophe sei entscheidend gewesen, sondern falsche Politik sei die Ursache gewesen, so sein entschiedenes Urteil im März 2012. Für den Großen Sprung nach vorne gebe es keine simplen Erklärungen, die Verwicklung der Intellektuellen in die Ereignisse sei höchst komplex, die Menschen hätten damals verrückte Dinge getan, um der Führung zu gefallen. Der Stoff des Romans, so lässt sich Hinweisen aus anderen Quellen entnehmen, scheint Yan Lianke lange Zeit beschäftigt zu haben und ist eng mit seiner früheren Laufbahn im Militär verknüpft.1366 Herausgekommen ist bei dem Versuch, einen neuen literarischen Zugang zu dem schwierigen Abschnitt in der chinesischen Geschichte zu finden, Yan Liankes bisher wohl reifster Roman.1367 Dieser Ansicht sind auch die wohlmeinenden unter den chinesischen Literaturwissenschaftlern, die sich bisher über das Buch geäußert haben, wenngleich nicht zu übersehen ist, dass bezüglich der Thematik des Buches und des Umgangs mit der Vergangenheit durch Yan ein erheblicher Dissens herrscht. Ich will die grundsätzlich hierzu gemachten kritischen Bemerkungen, die sich zum Teil wiederholen, kurz anführen. So wird Vier Bücher von Teilen der chinesischen Kritik – bei allem Respekt, den man Yan Lianke für die Themenwahl und die kreative Umsetzung zollt – vor allem noch historisch-faktisch gelesen. Yans Roman, so heißt es dann schlicht, biete keine neuen historischen Einsichten. Es werde vielmehr eine Aura des Geheimnisvollen entworfen, die den Gegebenheiten nicht angemessen sei. Yan Lianke wird sodann weiter vorgeworfen, er habe nicht mehr den chinesischen Leser im Blick, sondern schiele vielmehr auf ein ausländisches Publikum, das mit Blick auf China „sensationslüstern“ und „ahnungslos“ sei.1368 Kritisiert wird außerdem, dass Yans Buch weit weniger erschreckend sei als Yang Xianhuis Jiabiangou und dass der Grund für eine fehlende Publikation in China nicht der Stoff, sondern mangelnde Aufrichtigkeit 1366 Vgl. das Interview mit Yan Lianke in Jiang Fangzhou 2014. Yan Lianke geht dort näher darauf ein, wie er bereits während des Studiums 1990 von den Zuständen zur Zeit der Hungersnot in Gansu erfuhr und seitdem nicht von dem Gedanken loskam, aus dem Stoff ein Buch zu machen. 1367 In seinen Essays ging Yang gelegentlich auf seine innere Verfassung bei der Anfertigung des Buches ein (vgl. vor allem Yan Lianke 2011, S. 11 – 65). Yan hebt dort hervor, dass er „einfach“ und befreit geschrieben habe, ohne an eine Veröffentlichung zu denken. Er habe sich sprachlich und erzählerisch keinerlei Beschränkungen auferlegt. Angesichts des Buch inhalts verwundert die Aussage: „Ich habe die Anfertigung von Vier Bücher als eine schöne Urlaubszeit in meinem Leben betrachtet. In dieser freien Zeit gehörte alles mir. Ich fühlte mich zu dieser Zeit wie ein Kaiser des Schreibens 写作的皇帝 und absolut nicht wie ein Sklave des Pinsels“ (ebd., S. 13). 1368 Yan Lianke hat sich mit dieser Frage selber an anderer Stelle beschäftigt. So trat er entschieden dafür ein, dass ein Autor um der Qualität des Werkes willen niemals die Übersetzung im Blick haben dürfe. Dennoch treibt Yan in diesem Zusammenhang freilich die Frage um, warum der Status der chinesischen Literatur international eher gering ist. Als ein möglicher Grund wird angeführt, dass die chinesische Kultur international noch keine Leitkultur darstelle, verbunden mit der Hoffnung, dass mit der internationalen Stärkung Chinas auch das Ansehen chinesischer Autoren wachsen werde. Vgl. Yan Lianke 2010b, S. 174 f. 423 15 Literatur der Beschäftigung mit der Vergangenheit und Yan Liankes ‚Vier Bücher‘ seitens des Autors sei.1369 Der innovative Umgang mit der Sprache durch Yan Lianke wird dementsprechend oftmals nicht goutiert. Der zum Teil knappe, auf den Wechsel zwischen gesprochenen und gesungenen Textpassagen zurückgehende Stil stößt dann ebenso auf Kritik wie die Entlehnung von Floskeln aus der Bibel, Yan wird „Affektiertheit“ 矫揉造作 vorgeworfen.1370 Doch es gibt auch Beiträge, in denen man genau das Gegenteil behauptet: Es sei gerade die holprige und abrupte Sprache der Erzählung mit ihrer fremden Kraft gewesen, die mittels oft nur extrem kurzer Sätze von drei Zeichen und den vielen monosyllabischen Begriffen einen Angriff auf ästhetische Gewohnheiten darstelle und dem Buch Dynamik verleihe.1371 Auch inhaltlich wird Vier Bücher der Zuspruch nicht vorenthalten. Yans Roman erweitere den Blick auf Geschichte,1372 oder – für chinesische Verhältnisse noch etwas entschiedener formuliert – es handele sich um den Versuch, die politische Geschichte Chinas aus einem neuen Blickwinkel zu beschreiben. Mit Vier Bücher gehe Yan dabei an Radikalität noch über seinen Roman Shouhuo hinaus. Das anspruchsvolle und schwierige Werk „verstoße“ in einem positiv gemeinten Sinne gegen die literarischen Traditionen Chinas, es handele sich um die Beschreibung einer „chinesischsprachigen Sündenkultur“ 罪感文化的汉语书写.1373 Auch sprachlich attestiert man Yan Lianke mit Vier Bücher eine Weiterentwicklung.1374 Generell zeigt sich, dass die chinesische Literaturwissenschaft mit einem komplizierten und anspruchsvollen Werk wie Yan Liankes Vier Bücher methodisch und fachlich an ihre Grenzen stößt, wobei nicht in jedem Fall klar auszumachen ist, ob Vier Bücher willentlich falsch gelesen wurde oder unverstanden geblieben ist. Sicher lässt sich aber sagen, dass die Tiefe des Werks letztlich nicht ausgeleuchtet worden ist, auch wenn es, wie ich weiter unten zeigen werde, durchaus die eine oder andere Ausnahme gibt. Wissenschaftlich verstörend bleibt auf jeden Fall, dass Yan Liankes Roman zwar kurzzeitig in China ein Strohfeuer entfachen konnte, auf lange Sicht jedoch unbeachtet blieb und voraussichtlich bleiben wird. Es spricht einiges dafür, dass nicht nur mangelnde wissenschaftliche Sorgfalt ein Grund für die fehlende „Nachhaltigkeit“ in der Wirkung des Buches auf die Entwicklung der Literatur in China ist, sondern dass Vier Bücher wenigstens zum Teil ganz bewusst keine Beachtung geschenkt wird. Wenn im Jahr 2015 (!) ein Artikel erscheint, der vorgibt, sich mit dem Thema „Hunger“ im Werk der Autoren Mo Yan und Yan Lianke zu beschäftigen, Vier Bücher dann jedoch mit keiner Silbe Erwähnung findet, dann darf man wohl – in „guter“ Tradition der chinesischen Geschichtsschreibung – ideologisch motiviertes Verschweigen annehmen.1375 1369 Vgl. dazu Zhang Dinghao 2012, S. 8. 1370 Vgl. ebd., S. 10. 1371 Vgl. Wang Binbin 2011, S. 19. 1372 Vgl. Jin Li 2012, S. 90 f. Allerdings stößt sich der Kritiker an den „Übertreibungen“ Yan Liankes in Szenen voll körperlicher Gewalt und verurteilt sie schlicht als „krank“. Vgl. ebd. 1373 Vgl. Cheng Guangwei 2011, S. 53 f. 1374 Vgl. Liu Didi 2014, S. 22. 1375 Vgl. den Artikel von Gao Luyang 2015. Nur sehr allgemein heißt es: „[…] Yan Lianke versetzt die Menschheit in eine tragische Welt, bestehend aus Hunger und Zerstörung. Die Menschen sind in einen tödlichen Kampf mit dem Hunger verwickelt, was das Leuchten und die Größe der Humanität des Menschen zum Ausdruck bringt“ (ebd., S 70). Angeführt werden in der Folge frühere Werke Yan Liankes, aber eben nicht Vier Bücher. 424 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas Um eine ebenso willentliche Vernachlässigung dürfte es sich handeln, wenn bei der rezenten Beschäftigung mit einem speziellen Begriff zum literarischen Umgang mit der Erinnerung zwar Yan Liankes Erzählungen als wichtige Quellen angeführt werden, der Roman Vier Bücher aber ungenannt bleibt.1376 Man wird dem äußerst dichten und komplexen Roman Yans vermutlich am ehesten gerecht, wenn man die diversen Codierungen als den Versuch versteht, eine Kultur- und Systemkritik im weltliterarischen Maßstab vorzulegen.1377 Dazu gibt bereits der Titel des Buches Anlass, der sich als Anspielung auf die vier konfuzianischen Klassiker Lunyu, Mengzi, Daxue, Zhongyong verstehen lässt. Tatsächlich sind damit aber die vier Bücher gemeint, aus denen der Roman besteht, oder, um genauer zu sein, die als „Berichte“ vorgelegten fiktiven Texte, jeweils versehen mit präzisen Quellenangaben, sodass der Eindruck hervorgerufen wird, reale Begebenheiten zu präsentieren. Dieses sehr „formal“ wirkende Verfahren schafft den Eindruck einer historischen Verbindlichkeit und Authentizität. Es gibt keine übergeordnete „Erzählerinstanz“, keinen fassbaren Herausgeber, der durch seinen Kommentar den Eindruck einer Ordnung schafft. Die vier Bücher werden als Quellen nebeneinandergestellt, der Leser schafft sich damit „seine“ Geschichte selber, es ist „unkommentiertes“ Material, das ihm die Gelegenheit bietet, den Inhalt mit dem bei ihm (d. h. dem Leser) vorausgesetzten Geschichtswissen abzugleichen. „Geschichte“ wird damit zu einem Mosaik, polyfon vorgetragen unter Verwendung von vier durchaus voneinander zu trennenden Stilen in den einzelnen Teilen. Die Palette reicht vom Episch-Bibelhaften bis zum Anklagend-Provokativen.1378 Im Einzelnen handelt es sich bei den Texten zunächst um Himmelskind (oder auch als „himmlisches Kind“ zu verstehen 天的孩子) und Alte Wege 故道, die beide den größten Raum einnehmen und jeweils insgesamt 26-mal angeführt werden. Hinzu kommen außerdem das insgesamt achtmal zitierte Sündenregister 罪人录 sowie das kurze Schlusskapitel mit dem Titel Neuer Mythos von Sisyphus 新西西弗斯神话. Am Beginn dieses letzten knappen Kapitels gibt der anonym bleibende Verfasser bzw. Herausgeber einen kurzen fiktiven Bericht über die Entstehung von Vier Bücher. Sündenregister wurde demnach in den 1980er-Jahren als historisches Material herausgebracht, Alte Wege erschien angeblich 2002. Zu Himmelskind heißt es: „Was das Buch Himmelskind betrifft, so habe ich es vor einigen Jahren an einem Stand mit antiquarischen Büchern erworben. Als Verfasserangabe fand sich nur die Angabe ‚anonym‘ 佚名. Veröffent- 1376 Siehe Wang Yulin 2014. Der fragliche Begriff ist yiyu 忆语 als Form einer Prosaliteratur, mit der man vor allem in der Qing-Dynastie und noch während der Republik-Zeit der Toten gedachte. Der Verfasser versteht yiyu darüber hinaus als eine literarische Methode, dem bereits verloschenen Subjekt ein neues Bewusstsein zu verleihen, und weist auf Beispiele in der Literaturtradition Chinas hin (z. B. den „Schmetterlingstraum“ im Zhuangzi oder Erzählungen von Pu Songling im Liaozhai zhiyi). Auch in den Erzählungen von Yan Lianke lassen sich zahlreiche Beispiele für die Methode anführen, allerdings fehlt wieder ausgerechnet die Beschäftigung mit Vier Bücher. Dabei hätte sich der Terminus vermutlich gerade hier gut einsetzen lassen, da yiyu in Verbindung mit solchen Erzählungen gebracht wird, in denen Tote die Hauptrolle spielen. Vgl. ebd., S. 9. 1377 Diese Ansicht wird zumindest von einigen Vertretern der Yan wohlmeinend gegenüberstehenden Literaturwissenschaftler in China geteilt. Vgl. Cheng Guangwei 2011, S. 56. 1378 Vgl. zu dieser Unterscheidung Liu Xi 2012, S. 125. 425 15 Literatur der Beschäftigung mit der Vergangenheit und Yan Liankes ‚Vier Bücher‘ licht wurde es in Chinas Verlag für alte Mythen.“1379 Allein unveröffentlicht geblieben sei der unvollendete Text Neuer Mythos von Sisyphus aus der Feder des Gelehrten. Es handele sich um eine philosophische Schrift in drei Kapiteln und elf Abschnitten. Der Herausgeber gibt an, das Manuskript in einer Bibliothek entdeckt zu haben, und führt als Grund dafür, dass das Manuskript noch nicht veröffentlicht worden sei, die Tiefe seiner Gedanken an. Am verständlichsten sei der dann folgende mehrere Tausend Zeichen umfassende Abschnitt.1380 Ein weiterer wichtiger Aspekt bei der Beschäftigung mit Chinas Geschichte der letzten Jahrzehnte wird in diesem Zusammenhang deutlich – die erzwungenermaßen anonyme Anfertigung von Zeitzeugnissen, die eine historische Gedächtnisbildung bislang weiterhin unmöglich macht und über die man meist nur über große Umwege etwas in Erfahrung bringt.1381 Nicht nur inhaltlich, sondern auch in ihrer Sprache weichen die vier Texte stark voneinander ab, Himmelskind etwa ist um einen Stil im Ton der Bibel bemüht, in Alte Wege pflegt der Erzähler Eleganz, Genauigkeit und einen bildhaften Stil,1382 wohingegen es sich bei Sündenregister um ausgesprochene Kassiber, die Angaben eines Spitzels, handelt, der den Menschen im Lager nachstellt, sie verrät, um selber daraus einen Vorteil ziehen zu können. Der Stil und der Inhalt erinnern hier sehr stark an „Aktenberichte“ der Stasi und Personenakten der rumänischen Securitate, von denen auch Herta Müller berichtete. Es entsteht dadurch eine – wie es Lotman nannte – „Text-im-Text-Situation“: Der „Text im Text“ ist eine spezifische rhetorische Konstruktion, bei der die unterschiedliche Kodierung der verschiedenen Textteile sichtbarer Faktor des Autors und der Rezeption durch den Leser ist. […] Diese Konstruktion verstärkt im Text vor allem das Moment des Spiels: Aus der Sicht einer anderen Kodierung gewinnt der Text an Bedingtheit und unterstreicht seinen spielerischen Charakter, sei es ironisch, parodistisch oder beispielsweise theatralisiert. Zugleich wird die Rolle der Grenzen des Textes betont – die der äußeren Grenzen, die ihn vom Nicht- Text trennen, ebenso wie die inneren Grenzen, die die unterschiedlich kodierten Abschnitte trennen.1383 Jeder Text-im-Text-Situation ist das Spiel mit der Gegenüberstellung von „Realem“ und „Bedingtem“ eigen. Die mit künstlerischer Bedingtheit identifizierte doppelte Codierung bestimmter Textabschnitte führt – so Lotman weiter – dazu, dass der Kernraum des Textes als „real“ rezipiert wird.1384 Mittels des historisch wahren Kerns in Yan Lian- 1379 Yan Lianke 2010a, S. 382. 1380 Vgl. dazu ebd. 1381 Vgl. bezüglich der Hungersnot das Interview mit dem chinesischen Künstler und Filmemacher Hu Jie, in: Johnson 2015. 1382 Vgl. Wang Binbin 2011, S. 21. 1383 Lotman 2010, S. 92. 1384 Vgl. ebd., S. 93. Lotman erläutert diese Form der Codierung am Beispiel von Bulgakovs Meister und Margarita: die Konstruktion des Romans als Verflechtung zweier eigenständiger Texte, von denen der eine im zeitgenössischen Moskau und der andere im alten jüdischen Jerusalem spielt. 426 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas kes Vier Bücher (d. h. Hungersnot, Verfolgung von Intellektuellen und das Bestreben, sie durch gedankliche Umpolung zu willigen Werkzeugen des Systems zu machen, sowie die Ausführungen zur Lagersituation) und der entsprechenden Codierung gelingt es dem Autor, einen Bogen von der Vergangenheit bis zur Gegenwart und vom Zeit- und Kulturspezifischen zum weltverbindend Allgemeinen zu spannen. Es handelt sich um einen neuen und künstlerisch hoch anspruchsvollen Umgang mit Geschichte, bei dem verschiedene Stoffe aus den großen Erzählungen über die ersten Jahrzehnte nach der Gründung der VR miteinander verschmelzen.1385 Sehen wir uns die grundlegenden Elemente, mit denen Yan Lianke dies zustande bringt, genauer an. Da sind zunächst Zeit und Raum: Die Zeitbezüge werden angedeutet, jedoch nicht klar und eindeutig benannt, sondern auf kunstvolle Weise in einen kulturell und historisch-politisch verschlüsselten Kontext eingebettet. So ist der Romanbeginn mit der Nachahmung des biblischen Tons zu verstehen als „Schöpfungsbericht“. Auf den ersten Seiten von Himmelskind ist die Rede von einem Gott shen 神,1386 der Licht und Dunkelheit trennt und zunächst die Zeit ordnet, später Wasser und Luft im Raum verteilt, dem Menschen die Erde als Wohngebiet zuteilt.1387 Man wird diesen Auftakt als Anspielung auf die Gründung der VR China unter der Herrschaft des göttergleich wirkenden Mao Zedong verstehen dürfen. Mittels verschiedener Schlagwörter aus jener Zeit, die in der chinesischen Geschichtsschreibung heute noch in Gebrauch sind, wird dieser Verweis auf den staatlichen „Neuanfang“ nach 1949 zum einen konkretisiert und zum anderen für die Gegenwart nutzbar gemacht. Der Kernbegriff dabei ist xin 新, wie er von der chinesischen Propaganda über die Jahrzehnte in den verschiedensten Kontexten verwendet wurde, man denke nur an das nach 1949 entstandene „neue China“ 新中国 oder den Anbruch einer „neuen Epoche“ 新时期 nach dem Ende der Kulturrevolution 1976. Unterstützt wird dies weiter durch den ins religiös Mythische verlegten Neubeginn. Es liegt eine gegebene Natur vor, die neu geordnet wird. Ort der auf den folgenden mehreren Hundert Seiten beschriebenen 1385 Zu einem ausdrücklichen Lob dieses Verfahrens siehe Liu Xi 2012, S. 128. 1386 Vgl. dazu Yan Lianke 2010a, S. 2 – 6. Im Roman wird begrifflich nicht zwischen der Figur des göttergleichen Menschen und dem christlichen Gott unterschieden. Verwendet werden sowohl das meist Gottheiten und Geisterwesen in einem allgemeineren Sinne bezeichnende shen als auch das heutzutage für den Gott der Christen gebrauchte shangdi 上帝. Von shen als dem strafenden biblischen Gott ist z. B. an folgender Stelle die Rede ist: „Gott sah dies alles, und ihm missfiel die große Anmaßung, mit der die Menschen auftraten. Er ließ einen großen Regen kommen und verursachte damit eine Überschwemmung“ (ebd., S. 261). 1387 Im weiteren Verlauf des Romans wird die Verbindung von der Bibel mit Vier Bücher extrem eng. Die Erzählungen gehen stellenweise ineinander über, etwa als Yan Lianke zunächst aus der chinesischen Ausgabe des 1. Buch Mose mit dem Bericht über die Sintflut und den Bau der Arche durch Noah zitiert („Da kam die Sintflut vierzig Tage auf Erden, und die Wasser wuchsen“ [1. Moses, Kap. 7]) und es dann, frei nach Yan, weiter heißt: „Noah baute ein Schiff und rettete damit die Menschen und Tiere“, um unmittelbar darauf das biblische Untergangsszenario in einen chinesischen Kontext zu heben: Der Gelbe Fluss tritt über die Ufer, verlässt sein altes Flussbett, Felder werden überschwemmt, die Ernte vernichtet. Auf den Fluten treiben Schuhe und Bücher, später, nach dem Ende des Regens, außerdem Getreide, Dachbalken und Tierkadaver. Vgl. ebd., S. 263. 427 15 Literatur der Beschäftigung mit der Vergangenheit und Yan Liankes ‚Vier Bücher‘ Vorgänge ist das „neue Erziehungsgebiet“ 育新区, das man auch verstehen kann als „Gebiet zur Erziehung zum Neuen hin“ oder – wohl treffender – als „Umerziehungslager“ (eigentlich laojiao 劳教), in die politisch und gesellschaftlich unerwünschte Personen ab den 1950er-Jahren zur „Rehabilitation“ verschickt wurden. Im Mittelpunkt der eigentlichen Entwicklung der Vorgänge im Buch steht das Scheitern des Versuchs, den „neuen Menschen“ 新人 hervorzubringen. Der Autor macht deutlich, dass Charakter und Bildung beim Menschen sich nur langsam formen, wohingegen ein schicksalhafter Wandel ganz plötzlich und unerwartet eintreten kann. Nach drei bis fünf Tagen des Hungers kann es etwa vorkommen, dass sich ein Mensch bereits in sein Gegenteil verkehrt hat. Die These, die chinesische Literaturwissenschaftler, welche sich eingehender mit Vier Bücher beschäftigt haben, formuliert haben, lautet, dass die „menschliche Natur“ sich zwar nicht verändert habe, doch habe sich ihr Ausdruck in Form der „Kultiviertheit“ gewandelt. Der Mensch sei nicht „tierisch“ geworden, sondern vielmehr teuflisch 魔性. Dabei enthalte auch das Teuflische etwas „Göttliches“, sichtbar werdend vor allem in der Gestalt des Schriftstellers, der den verhungernden Gelehrten mit seinem eigenen Fleisch nährt und auf eine Selbstrettung hofft.1388 Wichtigster Handlungsort für das Geschehen um die mehr als hundert Lagerinsassen im Buch ist „Distrikt 99“ innerhalb eines weitläufigen Lagerkomplexes, ein Ort, der mit Auschwitz verglichen worden ist und für eine von den Menschen geschaffene Hölle steht.1389 Die homofone Lesung der beiden Zahlen als jiujiu 久久 lässt sich im Sinne von „über lange Zeit hinweg“ und „dauerhaft“ interpretieren.1390 An späterer Stelle deutet sich durch die Nennung des in der näheren Umgebung des Lagers befindlichen Gelben Flusses eine weitere wichtige Dimension des Buches an, mit der Yan an die große Diskussion, die 1987 durch den Film „Flusselegie“ 河殇 entfacht wurde, anknüpft. Damals wurde die rückständige „gelbe“ chinesische Erdkultur mit ihren Wurzeln entlang des Ufers des Gelben Flusses der fortschrittlichen „blauen“ westlichen Maritimkultur gegenübergestellt. Als Nächstes sind die im Roman vorkommenden Personen vorzustellen. Keine einzige der Figuren wird bei ihrem Namen genannt, es gibt lediglich allgemeine Titel und Bezeichnungen, die auf die Profession der Bezeichneten wie „Musikerin“, „Professor“ und „Schriftsteller“ oder auf die gesellschaftliche Rolle der Gemeinten hinweisen, wie zum Beispiel bei „Kind“ oder der allgemein angeführten „Obrigkeit“ 上边. Yan Lianke arbeitet hier mit der rhetorischen Stilfigur des Pars pro Toto und speziell der Synekdoche. Die einzelnen Figuren bleiben zwar namen-, aber nicht schicksalslos, der Leser erfährt über die wichtigsten Personen im Buch durchaus persönliche Details. „Schriftsteller“, „Gelehrter“, „Religion“, „Musik“ usw. sind einzelne Repräsentanten ihres Faches – also der Literatur, der Wissenschaft, der Spiritualität und der Kunst – und sie stehen in der Gesamtheit für das Geistes- und Kulturleben der Nation. „Dieses Buch ist der vergessenen [被忘却] Geschichte und den unzähligen Toten sowie den lebenden Lesern gewidmet“, so lautet der Text der kurzen Widmung, die dem Roman vorangestellt ist. In der Namenlosigkeit der Personen spiegeln sich die namenlosen 1388 Vgl. Wang Binbin 2011, S. 22 f. 1389 Vgl. Cheng Guangwei 2012, S. 94. 1390 Vgl. Veg 2014, S. 11. 428 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas Toten, die es mit dem Einsetzen der Hungerkatastrophe in unvorstellbar großer Zahl gegeben hat. Hier bieten sich, wie wir noch sehen werden, interessante und auch höchst brisante Interpretationsmöglichkeiten. Das ganze Figurentableau, die Namenlosigkeit der Handelnden deuten auf ein wohl durchdachtes „Rollenspiel“ hin, das Yan Lianke in seinem Roman entworfen hat. Die Namen- und Ortlosigkeit der eigentlichen Handlung stellt eine Ausgewogenheit her, angereichert um zentrale Begriffe – „das Lager“, „die Oberen“, „Peking“ sind zentrale Elemente, um die alles zu kreisen scheint. Der Autor arbeitet mit einem bestimmten Raum, angefüllt mit nur wenigen, dafür aber umso bedeutungsvolleren Elementen. Assoziiert man zu den namenlosen Vertretern der Berufsgruppen die Gesamtheit der „Hundert Namen“ baixing 百姓, die im modernen Chinesisch für „das Volk“ steht, so ergibt sich eine aufschlussreiche Dichotomie aus der Gegenüberstellung von Volk auf der einen und Herrschern auf der anderen Seite samt den dazukommenden hierarchischen Implikationen. Yan Lianke schafft angesichts der bis in die Gegenwart anzutreffenden Vorbehalte, negative Gefühle gegenüber Autoritäten entstehen zu lassen, auf seine Weise eine „Märchenwelt, in der es Helden, finstere Verbrecher, Imperialisten – nur keine Menschen gibt“.1391 Ein weiteres wichtiges Mittel zur Kennzeichnung der Anfänglichkeit ist die Sprache, in der die Abschnitte von Himmelskind geschrieben sind. Der rhythmische, an vielen Stellen altertümliche Ton orientiert sich deutlich am Stil der Bibel und flicht vor allem zu Beginn des Buches typische Formeln wie „Gott sprach“ sowie dem Schöpfungsbericht der Genesis entnommene Passagen wie „den Menschen nach dem Vorbild Gottes schaffen“ ein,1392 wobei die Formel „und so kam es“ 事就成了 durchgängig bis zum Schluss der Himmelskind-Abschnitte verwendet wird.1393 Die sprachliche Experimentierfreude von Yan Lianke in seinem Roman ist faszinierend und Beweis genug für seine zuletzt noch formulierte Forderung, die Neuerungen innerhalb der chinesische Sprache zu nutzen und künstlerisch umzusetzen.1394 Die Bibel ist freilich weit mehr als nur Quelle bedeutsamer Zitate. Sie ist einerseits zu verstehen als das ungenannt bleibende fünfte Buch in Vier Bücher, das große Buch der Bücher als Symbol für ein Gegenangebot, eine andere Form von Kultur und Geschichte. Andererseits und auf einer tieferen Ebene ist sie natürlich auch als eine Andeutung von Kulturkritik zu verstehen, die wiederum den Bogen zur Gegenwart spannt. Es entsteht das Bild eines „gottlosen“ Chinas, das von den in ihren Fünfjahresplänen verstrickten Visionären und Ingenieuren in die Moderne gejagt wird, ohne Rücksicht auf die „wahren“ Bedürfnisse der Menschen und der Natur zu nehmen. Man wird also den gesamten Bibelkontext in Vier 1391 Mitscherlich 1990, S. 378. 1392 Vgl. dazu Yan Lianke 2010a, S. 3. 1393 Zu einem der ersten Beispiele vgl. Yan Lianke 2010a, S. 6. 1394 Vgl. dazu Yans Aufsatz „Nach einer Sprache des Schreibens streben“ 追寻写作语言, in: Yan Lianke 2014a, S. 146 – 153. Das Krisengerede, in dem von der großen Satzlänge des Chinesischen und einer Europäisierung des Chinesischen die Rede ist, lehnt Yan ab. Vielmehr vertritt er die These, dass die chinesische Sprache durch die Begegnung mit anderen Sprachen eine Anreicherung durchgemacht habe und plädiert für eine schöpferische Anwendung der Neuerungen. 429 15 Literatur der Beschäftigung mit der Vergangenheit und Yan Liankes ‚Vier Bücher‘ Bücher von einer höheren Ebene aus betrachten müssen.1395 Vor dem Hintergrund des Paradiesverlustes und der Errichtung der Herrschaft durch den Menschen auf Erden ist immer von der Bestrafung des unbotmäßigen Menschen durch Gott die Rede: Gott sendet Strafen wie Überschwemmung und Dürre, um die Menschheit zu vernichten und nur einige Auserwählte vor dem Tod zu bewahren. In ähnlicher Verblendung vernichten auch die Kader in Yans Buch die Lebensgrundlagen der Menschen. Von der erzählerischen Seite aus betrachtet, kann man Vier Bücher als Anspielung auf die vier Evangelien des Matthäus, Markus, Lukas und Johannes im Neuen Testament sehen, mit denen sich insofern eine Ähnlichkeit zu Yan Lianke ergibt, als auch dort die eine Geschichte in vier unterschiedlichen Fassungen vorgetragen wird.1396 An einigen Stellen gibt es sprachlich und inhaltlich stark an den epischen Stil der großen Bibelerzählungen angelehnte Stellen, besonders eindrucksvoll die folgende: Mittlerweile hat man mit der Errichtung der Stahlöfen begonnen, es gibt aufwendige Transporte vom Lager ans Ufer des Flusses und zurück. So führt Kind eines Tages einen Zug von sieben Wagen auf dem Rückweg vom Ufer des Gelben Flusses an, es ist eine mühsame Wanderung durch den Schnee. Bei der Ablieferung der Fracht an der Wiegestation wird ein behördliches Lob für die hundert Tonnen Stahl erteilt, man lädt Kind und seine Mannschaft zum Essen ein. Die erschöpfte Transportmannschaft, die sich die Füße blutig gelaufen hat, gibt sich freudig überrascht, es folgt eine bibelartige Beschreibung, bei der es Yan Lianke zum Teil auch gelingt – in der Übersetzung freilich kaum zu reproduzierenden –, einen rhythmischen Ton zu treffen. Die Welt war von Beginn an voller Licht. Der Herr sprach vom Licht und es wurde das Licht. Der Herr sah, dass das Licht gut war, und er trennte das Licht von der Dunkelheit. Er sah, dass die Menschen leicht ermüdeten, und er machte, dass die Menschen bei Tagesanbruch zur Arbeit zogen und nach der Abenddämmerung ruhten. Die Dämmerung brach herein, die untergehende Sonne schimmerte goldrot. […] Jetzt wurden die Dattelbäume für die Herstellung von Stahl benötigt, alle Bäume waren in die Öfen gewandert. Die Welt war leer und kahl. Ein heller Schimmer breitete sich überall aus, der rötliche Glanz der Sonne floss wie Blut über die Erde.1397 Die neben Kind (als Repräsentant der lokalen Obrigkeit) wichtigste Figur in Vier Bücher ist der Schriftsteller. Auf ihn gehen die umfangreichsten Passagen zurück. Bereits zu 1395 Bezüge zur Bibel sind bereits in früheren Romanen Yan Liankes nachgewiesen worden, vgl. dazu Bai Ye 1999. Die Teilnehmer an der in dem Aufsatz dokumentierten Diskussion weisen mehrmals auf Motive aus der Bibel hin, insbesondere führen sie Szenen in Yan Lian kes besprochenem Roman Sonnenlicht und Fluss der Zeit 日光流年 an, die an den Auszug aus Ägypten erinnern. Beschrieben wird im Roman die abgeschiedene Welt in einem kleinen Dorf in China nach 1949, dessen Bewohner verzweifelt ums Überleben kämpfen. 1396 Ich entnehme diesen Hinweis Tsai 2011. 1397 Yan Lianke 2010a, S. 145. Der letzte Satz verdeutlicht Reim und Rhythmik sehr schön und sei daher hier in Umschrift und Zeichen angeführt: „liang de guang, wu zhe wu dang, pu tian gai di … 亮的光,无遮无挡,铺天盖地 …“. 430 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas Beginn des Buches erscheint er als überaus zwielichtige Figur und fragwürdiges Alter Ego des Autors Yan. Zwei Szenen auf den ersten Seiten des Romans sind bezeichnend und verdeutlichen das ambivalente Verhältnis zwischen der Intelligenz und der Obrigkeit, das es in China bis heute – wenn auch in abgewandelter Form – gibt. Schicksal und Entwicklung von Schriftsteller und Kind sind auf komplizierteste Art und Weise miteinander verknüpft. Professoren, Kader, Gelehrte, Lehrer, Maler befinden sich mittlerweile vor Ort, um mittels der Arbeit auf den Feldern, in der Wildnis „zu neuen Menschen erzogen zu werden“ 育培新人. Die Menschen arbeiten in langen Reihen auf dem Gelände. Gegen Mittag erscheint Kind, die erschöpften Arbeitenden, die ihn rechtzeitig sehen, erheben sich und schuften weiter. Vor einem, der sich nicht schnell genug erhebt, baut sich Kind auf, es handelt sich um einen Schriftsteller. „Deine Werke sind Hundescheiße.“ Der Schriftsteller starrte mit leerem Blick vor sich hin, nickte und sagte: „Meine Werke sind Hundescheiße.“ „Dreimal aufsagen.“ Der Schriftsteller sagte dreimal „Meine Werke sind Hundescheiße.“ Kind lachte. Der Schriftsteller lachte ebenfalls und machte sich dann wieder daran, den Boden umzugraben.1398 Es handelt sich um den ersten Versuch seitens der von Kind repräsentierten Staatsmacht, sich den Gebildeten gefügig zu machen. Die nächste Begegnung der beiden Figuren kurze Zeit darauf findet statt, nachdem Kind dem Schriftsteller von den Lagerinsassen konfiszierte gewöhnliche Gegenstände des – wohlgemerkt – „Intellektuellenalltags“, wie Bilder, Notizbücher, Feuerzeuge, Stifte usw., zeigt und um Auskunft über deren Natur und Zweck bittet. Als jungem und unerfahrenen Büttel der Macht sind Kind die Sachen unbekannt. Schließlich überlässt Kind dem Schriftsteller Papier mit dem Hinweis, dass der Schriftsteller sich jetzt seine Wünsche erfüllen und Bücher schreiben könne. „Von oben“ stamme der Auftrag, dass der Schriftsteller ein Verzeichnis mit den Sünden und Vergehen der übrigen Lagerinsassen erstellen solle, abzuliefern in Portionen von jeweils fünfzig Seiten. Angeblich – so Kind – genießt der Schriftsteller das Vertrauen von oben. Der Schriftsteller „bedankt“ sich – mitläuferisch und anpasserisch – beflissen mit einer Korrektur seiner Erntemeldung und gibt eine Rekordzahl an.1399 Das Sündenregister ist also Auftragsliteratur, mit der sich der Schriftsteller die Gunst der Obrigkeit sichert, dazu erhält er bestimmte Privilegien, die ihm – ausgestattet mit den streng rationierten Zuteilungen von Papier und Schreibutensilien – die Möglichkeit zu weiterem Schaffen bieten. Und so entsteht parallel zum Sündenregister das geheime Buch des Schriftstellers mit dem Titel Alte Wege; auch dieser Titel ist mehrdeutig.1400 Bei Alte Wege handelt es sich um die Ich-Erzählung des mit der Abfassung des Buches Aufzeichnungen der Sünder beauftragten Schriftstellers, der Auskunft darüber gibt, aus heiterem Himmel damit beauftragt worden zu sein, ein Register der Sünden aller Insassen von Lager 99 anzufertigen. Er gesteht, sehr wohl und 1398 Ebd., S. 8. 1399 Vgl. ebd., S. 14. 1400 Veg 2014 bietet in Anlehnung an die örtliche Nähe des Lagers zum Gelben Fluss als Alternative „Old Bed“ – „das alte Flussbett“ oder „der alte Lauf “ – an. 431 15 Literatur der Beschäftigung mit der Vergangenheit und Yan Liankes ‚Vier Bücher‘ sehr gerne ein Buch verfassen zu wollen, aber eben nicht eines von der Sorte, wie man sie ihm vorgeschrieben habe.1401 Alte Wege ist also eine Art Tagebuch oder Gedächtnisstütze, es ist noch nicht das einzige und „wahre“ Buch, das der Schriftsteller einst schreiben möchte, es ist halb offen und halb verborgen und enthält – das wird an einer Stelle besonders deutlich – solche Passagen, die der Schriftsteller den Oberen preisgibt und solche, die er ausschließlich für sich schreibt. Yan Lianke verdeutlicht damit die große Not, die während der politischen Kampagnen in den zweieinhalb Jahrzehnten nach der Gründung der Volksrepublik vor allem darin bestand, keinen wirklich geschützten privaten Raum nur für sich zu haben, selbst dem Tagebuch anvertraute Details ggf. preisgeben zu müssen und dem Zwang ausgesetzt zu sein, mit jeder Äußerung Konformität zu bekunden.1402 Dieser komplizierte Vertextungsprozess ist offenbar die einzige Möglichkeit für den Schriftsteller, um im Lager sowohl überleben zu können wie weiterhin schriftstellerisch tätig sein zu dürfen. Dazu muss er sich verschiedene Persönlichkeiten zulegen. An einer frühen Stelle in Alte Wege beschreibt er diese schwierige Gratwanderung folgendermaßen: Die Obrigkeit hat mich damit beauftragt, das Sündenregister anzufertigen, in dem ich alle Worte und Taten der Mitgefangenen des Bezirks 99 vollständig aufliste, die der Obrigkeit nicht bekannt sind. Dies ist die Voraussetzung dafür, dass ich ein 1401 Um die für die Arbeitseinheiten im Lande vorgeschriebenen Quoten einzuhalten, nach denen eine bestimmte Zahl von Mitarbeitern zur „Erneuerung“ geschickt werden muss, ist der Schriftsteller trotz seiner großen Erfolge im In- und Ausland von seinem Verband in der Hauptstadt damit beauftragt worden, vor Ort in der Region der Umerziehung ein „wahrhaft revolutionäres Werk der Literatur“ anzufertigen. Vgl. dazu Yan Lianke 2010a, S. 23. Ähnlich zynisch ist der Wunsch, der dem Schriftsteller zum groß aufgemachten Abschied von den Kollegen mit auf den Weg gegeben wird: „Du bist der Einzige, der aufgrund seines Ansehens, Erfolges und Ruhmes dazu in der Lage ist, der Umformung zu widerstehen 抵抗改造.“ Ebd., S. 24. 1402 Der Vorgang fällt nur auf, wenn man den Fortgang der zitierten Seiten aus den vier Büchern genau verfolgt. An der betreffenden Stelle von Alte Wege (durchgehend bei Yan Lianke 2010a, S. 217 – 230) folgt auf den ersten Abschnitt (S. 386 – 411) der Abschnitt von Seite 392 bis Seite 400, d. h., es handelt sich um einen Teil des ersten Abschnitts. In der schriftstellerisch intimen Passage bestätigt der Schreiber, dass er als Titel des geplanten Buches Alte Wege gewählt hat, und kündet an, sich bald ans Werk machen zu müssen, um nicht die Inspiration zu verlieren. Schließlich sucht er sich einen ruhigen Ort, dann schreibt er mit zitternder Hand folgenden Satz: „Die Region zur Umerziehung ist eine einzigartige Landschaft, [wir befinden uns in einer] ganz besonderen Phase in der Geschichte der Nation. Sie ist wie die Narbe an einem alten Baum, zum Schluss wird daraus ein Auge zum Blick auf die Welt“ (Yan Lianke 2010a, S. 225). Ein Stück weiter folgt die Erklärung, dass der Schriftsteller die verordneten und von der Obrigkeit gewünschten Passagen herausgibt, „seinen“ Teil des Berichts, aus dem das Buch Alte Wege hervorgehen soll, aufbewahrt und unter seinem Kopfkissen versteckt. Das heißt, es gibt in der Tat zwei Berichtsversionen. Weiterhin ist zu erfahren, dass der Schriftsteller „für sich“ schon einige Dutzend Seiten geschrieben hat. Diese Form der Trennung von „seiner“ und der „anderen“ Geschichte erscheint ihm immer klarer vor Augen. Vgl. ebd., S. 228. 432 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas neuer Mensch werden [成为新人] und heimkehren kann. Also notiere ich alles, was ich zu sehen und zu hören bekomme, einige Auszüge bewahre ich in meiner Schublade auf. Das Material, das ich abliefere, steht für meine Verdienste und meine Loyalität, das, was ich zurückbehalte, soll mir als Material und Gedächtnisstütze für die Anfertigung eines Romans dienen, den ich schreiben möchte, wenn ich ein neuer Mensch geworden bin. Ich weiß nicht, was von beidem wichtiger für mich ist, ebenso wenig wie ich weiß, was mir wichtiger erscheint, das Leben eines Schriftstellers oder die Existenz seines Werkes. Auf jeden Fall kann ich schreiben. Anstelle von allen Sündern, die selber weder über Füller noch Tinte verfügen, kann ich, indem ich angeblich den ruhmvollen Auftrag erfülle und einen revolutionären Roman anfertige, das Sündenregister anfertigen, das für die Obrigkeit bestimmt ist. Und indem ich gegenüber der Obrigkeit angebe, mich der verdienstvollen Aufgabe zu widmen und das Sündenregister anzufertigen, bin ich in der Lage, für meinen künftigen Roman Aufzeichnungen zu machen, Material zu sammeln und nachzudenken.1403 Es ist also weder Treue gegenüber der Partei noch Pflichtbewusstsein im Spiel, die übernommene Aufgabe ordnungsgemäß auszuführen, vielmehr beansprucht der Schriftsteller für sich, allein der Literatur gegenüber verpflichtet zu sein. Über die Konsequenzen, die seine Spitzelarbeit für die Betroffenen hat, macht er sich keine Gedanken, das Gewissen bleibt unbelastet. Einen Rest von Anstand gesteht der Autor Yan Lianke seinem Alter Ego dann aber doch zu, denn der Schriftsteller bringt es zumindest in einigen Fällen nicht fertig, die Opfer seiner Offenbarungen bedingungslos ans Messer zu liefern. Vielmehr warnt er sie, was seinem Verhalten nun doch noch ein gewisses Maß an Anständigkeit verleiht. Der (westliche) Leser bleibt letztlich aber im Zwiespalt: Ist der Schriftsteller am Ende vielleicht nur eine Karikatur seiner selbst und „zu schwach“, um „richtig“ bösartig zu sein? Im konkreten Fall geht es um Folgendes: Ein „Tester“, bei dem es sich offenbar um einen Testlaboranten handelt und der ansonsten im Buch keine weitere Rolle spielt, hat dem Schriftsteller erzählt, wie eine junge und schöne Pianistin, die den Namen „Musik“ trägt, ihrem geheimen Geliebten – dem Gelehrten – während des gemeinsamen Essens eine gegrillte Kartoffel zugesteckt habe.1404 Eine kurze Überprüfung der Feststellung durch den Schriftsteller bestätigt die Angabe. Schriftsteller und Testlaborant unterhalten sich in der Folge über die Belohnung, die auf den Verrat eines geheimen Liebespaares steht. Der Laborant drängt zum Verrat und will sich andernfalls einen anderen Komplizen suchen, woraufhin der Schriftsteller seine Zusage gibt, den Gelehrten aber warnt und ihm rät, sich am Abend nicht von Musik besuchen zu lassen. In dem unmittelbar folgenden Bericht des Sündenregisters, 1403 Ebd., S. 29. 1404 Die Musikerin ist die traurigste Figur im Buch. Nach ihrer Ankunft im Lager berichtet sie dem Schriftsteller über sich und ihre Arbeit, ist stolz darauf, zur ersten Generation der in den Zeiten der Volksrepublik ausgebildeten Pianisten zu gehören. Am Tag nach einer erfolgreichen Aufführung, bei der sie den „Republikmarsch“ nach einer Melodie von Liszt gespielt und alle Zuhörer verzaubert hat, wird sie plötzlich mit dem Befehl konfrontiert, innerhalb von drei Tagen die Stadt zu verlassen und sich in die Umerziehungsregion am Gelben Fluss zu begeben. Vgl. den Abschnitt ebd., S. 81 – 88. 433 15 Literatur der Beschäftigung mit der Vergangenheit und Yan Liankes ‚Vier Bücher‘ den der Schriftsteller mit der Anrede „Liebe Organisation“ beginnt, gibt der Schriftsteller Auskunft über die Entdeckung der Liebesaffäre. Der um seinen Lohn gebrachte Laborant bleibt ahnungslos. Die halbherzige Warnung durch den Schriftsteller, der dennoch seinen Eintrag ins Register vornimmt, bleibt letzten Endes ohne Wirkung, denn mit der offenbarten „Sünde“ hat die Lagerleitung die Täter in der Hand und stellt sie in der ganzen Region an den Pranger. Der Schriftsteller hat die Psyche eines zutiefst kranken Menschen, dem gegenüber man zwischen Abscheu und Mitleid schwankt, wenn er sich selbst schlimmste Demütigungen noch schönredet, etwa nachdem man ihm ins Gesicht gepinkelt hat („Doch ich fühlte nicht die geringste Traurigkeit, keine Spur von Bedauern. Vielmehr fühlte ich mich erleichtert und unaussprechlich frei. Das kam mir seltsam vor, und ich vermochte nicht zu sagen, woher diese Erleichterung und Freiheit kam“).1405 Nachdem der Schriftsteller die für den Zug in die Freiheit erforderliche Menge an Auszeichnungen – rote Papierblumen – zusammenhat, beginnt er damit, Pläne zu schmieden. Am Herzen liegen ihm vor allem seine Buchpläne („Ich will ein wahrhaft ehrliches Buch schreiben, nicht für Kind, nicht für den Staat, nicht für die Nation und die Leser, sondern ganz alleine für mich“).1406 Das Vorhaben, ein „echtes“ Buch zu schreiben, taucht freilich immer wieder in den Ausführungen des Schriftstellers auf, ohne jedoch konkret in die Tat umgesetzt zu werden.1407 In immer wieder auftretenden Schüben von Arbeitseifer und Schöpferglauben vereint der Schriftsteller in sich die Figuren des Literaten, Erneuerers und Innovators und repräsentiert damit die bis in die Gegenwart anzutreffende Haltung, nicht „nur“ künstlerisch schöpferisch zu wirken, sondern mittels der eigenen Kräfte an der Schaffung des irdischen Paradieses mitzuwirken. Von der Literaturkritik ist gerade diese Haltung als besonders abstoßend gegeißelt worden. Der Schriftsteller sei ein blinder Unterstützer der Utopie, der ehrlos den Verkauf der menschlichen Pflicht betreibe, seine geistige Selbstständigkeit 主体意识 und seinen kritischen Geist aufgegeben habe und die menschliche Würde dem angestrebten vermeintlichen großen Ziel unterwerfe. Dies gelte auch noch für den Akt der Buße und Selbstopferung, indem er sein eigenes Körperfleisch anderen gibt.1408 Im Buch lässt sich der Schriftsteller ein etwas abseits des übrigen Lagers gelegenes Gelände zuweisen, auf dem er mit der Zucht eines ergiebigeren Weizens experimentiert. Dabei verwendet er einen besonderen „Dünger“: Alle zwei bis drei Tage schneidet sich der Schriftsteller in den Finger, sammelt das Blut in einer Schale und düngt damit das Feld.1409 Yan Lianke malt diese wichtige Stelle magisch-realistisch aus: Eines Nachts vernimmt der Schriftsteller seltsame Geräusche, 1405 Ebd., S. 210. 1406 Ebd., S. 201. 1407 Vgl. dazu die Stelle: „Ich möchte dieses Papier und die Tinte nutzen, um wirklich etwas zu schreiben, an dem mir etwas liegt. Ich möchte an diesen Tagen, an denen ich alleine Ackerbau betreibe, ein wirkliches Buch verfassen. Ich weiß nicht, was dieses wirkliche Buch dann ist, doch ich bin fest entschlossen, ein wirkliches Buch zu verfassen“ (ebd., S. 220). 1408 Vgl. Long Huiping 2014, S. 79 f. 1409 Yan Lianke hat das Motiv der Blutdüngung bereits in einem früheren Werk verwendet. In seiner Novelle mit dem Titel Jahr Monat Tag 年月日, für die er im Jahr 2000 mit dem Lu 434 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas er hört buchstäblich „das Gras wachsen“. Das von ihm gedüngte Getreide hat offenbar damit angefangen, im Boden zu arbeiten, die Keime scheinen unterirdisch miteinander zu ringen, in einen Wettbewerb miteinander zu treten. Später stellt er fest, dass das mit seinem Blut gedüngte Getreide sich besser entwickelt hat als das nicht gedüngte.1410 Der Druck auf den Schriftsteller wächst schließlich weiter, als Kind das Testfeld besichtigt hat, zufrieden ist mit dem guten Wachstum und Pläne für eine Präsentation in der Hauptstadt schmiedet. Da der Blutweizen jedoch angesichts der Witterung zu verdorren droht, muss der Schriftsteller weiterhin die aufwendige Düngung betreiben. Aus allen zehn Fingern tropft schließlich Blut wie Regen in eine Schale, wo es aufgefangen wird. Die Tüftelei in der Zurückgezogenheit führt zu nahezu wahnhaften Zuständen. Aus Mangel an Lebensmitteln verzehrt der Schriftsteller schließlich einen Teil des Weizens, wobei sich bei ihm Freude, Taumel und Visionen mischen und er sogar einen Gesang auf die bevorstehende Freiheit anstimmt. Als er endlich ins Lager zu den anderen Insassen zurückkehrt, kommt es zu einer bezeichnenden Begegnung mit Religion: Als er auf mich zukam, hielt er plötzlich inne. Er tastete mit seinen Augen mein Gesicht ab, stieß erschrocken einen seltsamen Satz aus: „Du meine Güte, was ist denn mit dir passiert, bist du krank geworden? Du bist ja leichenblass.“ Lachend erwiderte ich: „Ich habe Getreide produziert mit Weizenähren größer als Maiskörner.“ Er musterte mich weiterhin: „Was ist mit deinen Händen und den Armen? Du bist vollkommen abgemagert, gleichst kaum noch einem Menschen.“ „Schau, mein Weizen“, sagte ich und trat auf ihn zu und streckte die Arme zu ihm hin. Die erbsengrünen, erdnussförmigen Weizenkörner in meiner Hand waren vom Schweiß durchtränkt. Als ich die Hand öffnete, pappten sie in kleinen Klumpen zusammen. Mit einer steifen Bewegung hielt er die Hand, mit der er die Hose zusammendrückte, vor sich, öffnete den Mund, wie als ob er etwas sagen wollte, brach ab, ließ den Mund geöffnet, als sei es ihm nach einem großen Schrecken niemals mehr möglich, je wieder den Mund zu schließen.1411 Der Schriftsteller erholt sich, er weiß, dass er als ein Handlanger des Systems überleben wird. Allerdings ist die Arbeit zur Anfertigung des Sündenregisters schwieriger geworden, da er nicht mehr so viel zu sehen und zu hören bekommt, nachdem die Menschen weniger Zeit im Lager verbringen, sondern sich viel auf der Suche nach Nahrung außerhalb des Lagers aufhalten, denn „der Tod kam herbei wie ein Windzug, er traf ein, wann immer er wollte“.1412 Die Menschen verwahrlosen, nur Musik scheint auf ihr Äußeres zu achten. Diese außergewöhnliche Erscheinung weckt den Verdacht des Schriftstellers, er macht sich an die Verfolgung von Musik. Bei Einbruch der Dunkelheit verlässt die Frau das Lager, begibt sich in Richtung der etwas abseits liegenden Öfen. Sie wartet vor einem der Öfen, schließlich kommt ein fremder Mann, in der Xun-Preis ausgezeichnet wurde, ist von einem alten Mann die Rede, der seinen Körper zur Düngung verwendet. Ich entnehme diesen Hinweis Chen Sihe 2013, S. 11. 1410 Vgl. dazu Yan Lianke 2010a, S. 227 – 230. 1411 Ebd., S. 247. 1412 Ebd., S. 289. 435 15 Literatur der Beschäftigung mit der Vergangenheit und Yan Liankes ‚Vier Bücher‘ Hand einen Beutel. Sie kriechen in den Ofen, Schriftsteller legt sich auf die Lauer, sieht ihnen beim Liebesakt zu. Der Mann, offenbar jemand vom Militär (wie man an seiner Kleidung sieht) und aus der Richtung des benachbarten Lagers 98 kommend, verfährt dabei sehr geschickt. Er hat Musik mehrere Dampfbrötchen mitgebracht, die er um das gemeinsame Lager platziert. Während er in mehreren Stellungen seinen Akt mit Musik verrichtet, starrt sie nur mit hungrigem Blick auf die Nahrung. Die Brötchen dienen als Lockmittel, um sich Musik für bestimmte Liebesspiele gefügig zu machen. Mit einem spitzen Schrei lässt er schließlich von ihr ab, setzt sich ermattet auf das Bett, sagt zu sich selbst: „Was für ein Vergnügen, und das alles habe ich der Hungersnot zu verdanken.“1413 Wie aus der folgenden Unterhaltung klar wird, hat das Stelldichein offenbar zuletzt täglich stattgefunden, doch muss der Mann angesichts der schlechter werdenden Versorgung jetzt vorschlagen, dass sie sich nur noch alle zwei Tage treffen. Dem Schriftsteller brennt es auf den Nägeln, seine Entdeckung bekannt zu machen, doch er weiß, dass er sich in Geduld üben muss, um am Ende selber von der Lage zu profitieren, ebenfalls auf dem Weg an Nahrung zu kommen. Geblendet von Eifersucht, Neid und offenbar der Gier nach Freiheit verrennt sich der Schriftsteller in Mutmaßungen und Verdächtigungen. Als er bei seinen weiteren Nachforschungen herausfindet, dass Musik nicht mehr jeden Tag zu den Treffen geht, hegt er den Verdacht, sie sei schwanger. Schließlich vermutet er sogar, Musik würde Kind für ihre Zwecke einsetzen. Eines Tages sieht er, wie plötzlich Musik aus der Hütte von Kind tritt, in der Hand einen Beutel, aus dem Brötchenduft strömt. Nach dem, was er am Ofen gesehen hat, geht er jetzt auch von einem Wandel bei Kind aus: „Ich fürchte, Kind ist nicht mehr das Kind aus der Vergangenheit. Er wird erwachsen geworden sein, der schwarze Flaum auf seinen Lippen wirkt dunkler und härter als früher. Vermutlich hat dieses teuflische Weib Musik aus ihm einen Mann gemacht. Ich weiß nicht, ob das Hass ist, mit dem ich kämpfe, oder ob es sich um Neid auf ihre verführerische Jugend handelt und darauf, dass sie immer etwas zu essen zur Verfügung hat.“1414 Doch er täuscht sich. Tatsächlich entdeckt er bei einer weiteren Verfolgung, wie Musik nachts noch einmal zu Kinds Hütte schleicht, um Einlass bittet, denn sie habe ihm etwas Wichtiges mitzuteilen. Der Schriftsteller hört das Gespräch mit, Kind hat ihr wohl umsonst Essen gegeben, und sie bietet ihm als Gegenleistung unverblümt Liebesdienste an. Doch lehnt er dies ab, vielmehr verlangt er von ihr, dass sie ihn umbringen möge – es ist Kinds erster Versuch, seinem Leben ein Ende zu setzen. Musiks Leben endet grausam. Sie verblutet nach einem Liebesakt mit dem Kader aus Lager 98 (wie sich herausstellt ein mordlustiger Militär), der sich als mitleidsloser Hasser der privilegierten urbanen Bevölkerung erweist und mit dessen Figur das sozialistische Heldenbild der Arbeiter, Bauern und Soldaten hinterfragt wird.1415 Für einen Beutel mit Nahrung lässt sich der Schriftsteller dazu überreden, die Tote zu bestatten, es kommt zu einem düsteren Zwiegespräch, das aus dem Bericht des Schriftstellers 1413 Ebd., S. 293. 1414 Ebd., S. 301. 1415 Vgl. dazu die Stelle, an der der Kader den Schriftsteller fragt, ob er nicht Lust habe, dabei zuzusehen, wie er sich wieder über die „gebildete Frau hermacht, die eine von euch Städtern ist“ (ebd., S. 320). 436 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas folgendermaßen klingt: „Jetzt endlich las ich aus ihrem Gesicht viel an Bedauern und Vorwurfsvollem. Es wirkte so, als gebe es für sie viel, was sie nicht verstanden hatte. Etwas, was sie zu Lebzeiten nicht in Worte gefasst hatte und was ihr jetzt, nach ihrem Tod, wie auf das Gesicht geschrieben war.“1416 Als der Schriftsteller später unter Musiks Kleidern mehrere Seiten des von ihm angefertigten Sündenregisters findet, löst das einen Schock bei ihm aus. Stets war er in dem Glauben gewesen, nur Kind kenne die Kassiber, nun muss er davon ausgehen, dass der Kreis der Leser viel größer als gedacht ist. Er wird sich seiner Schuld bewusst und gibt einem Impuls tiefster Reue nach, indem er sich schließlich tatsächlich Fleisch aus dem Bein schneidet, kocht, woraufhin ihn ein Glücksgefühl und Erleichterung überkommen: „Ich fühlte, dass ich der Welt endlich wieder gegenübertreten konnte.“1417 Es bleibt allerdings nicht bei salbungsvollen Worten und einer Selbstzerfleischung durch den Schriftsteller. Als die Not wächst, die Zahl der Verhungerten in die Höhe schnellt und die Aussicht auf Rettung von außen schwindet, kündigt der Schriftsteller an, die verbleibenden Menschen aus dem Lager zu führen. Für ihn ist es, wie er dem Gelehrten gegenüber ganz offen erklärt, eine Form der Abbitte, die er leistet, weil er in dem Sündenregister viel über sie festgehalten hat.1418 Der Plan des Schriftstellers geht nicht auf, sein guter Wille ist umsonst, es ist ein gutes Maß an Naivität mit im Spiel. Man kann die vorstehenden Ausführungen zu der Entwicklung des Schriftstellers ergänzen um sein im offiziellen Auftrag verfasstes Werk, ebendas Sündenregister. Verglichen mit dem Umfang der restlichen Werke, aus denen sich Yan Liankes Vier Bücher zusammensetzt, sind die Einträge in Sündenregister äußerst knapp und machen insgesamt nur wenige Seiten aus. Gleichwohl ändert das kaum etwas an der moralischen Schuld, die der Schriftsteller durch seine Berichte auf sich lädt, denn er untermauert die Berichterstattung noch weiter durch Inspektorendienste, bei denen er etwa das geringe Hab und Gut der Insassen auf das Vorhandensein verbotener und trotz Anweisung durch den Lagerleiter nicht ausgehändigter Bücher hin überprüft. Die Spitzelarbeit wird also durch eine ebenso schäbige, eigenmächtige „Beweisermittlung“ ergänzt. Als besonders perfide kann man freilich den Versuch des Schriftstellers verstehen, sich gegenüber dem Lagerleiter Kind als Ratgeber aufzuspielen und seinen Berichten damit noch mehr Nachdruck zu verleihen. Er weiß, dass die Entscheidung für die Anwendung von Sanktionen letzten Endes von der Lagerleitung getroffen wird, mit seinen Empfehlungen drängt der Schriftsteller Kind also zu einem bestimmten Handeln. Angedeutet wird damit selbstverständlich ebenfalls, dass auch der Lagerleiter nicht fehlerlos ist und sich für sein Vergehen verantworten muss, daher die Aufnahme seiner Taten in das Register. Hier die zentrale Passage der Ermahnung: Meistens weiß man nicht, was im Inneren eines Menschen vor sich geht, ist doch vieles nicht klar und ist niemand vollkommen selbstlos. Kind, Du solltest auf mich hören, es geht wirklich nicht, Musik und den Gelehrten derart mit roten Blumen zu überschwemmen. Du bist gutherzig und großzügig, liebst die beiden, doch 1416 Ebd., S. 330. 1417 Ebd., S. 338. 1418 Vgl. ebd., S. 361. 437 15 Literatur der Beschäftigung mit der Vergangenheit und Yan Liankes ‚Vier Bücher‘ weißt Du mit Sicherheit zu sagen, was im Inneren des Gelehrten vor sich geht? […] Machst Du es den beiden nicht ein wenig zu einfach? Kind, hör auf mich, hör bloß auf mich. In den nächsten Tagen solltest Du nach einer Gelegenheit suchen und von den beiden zehn oder zwanzig Blumen konfiszieren. Es geht nicht an, dass ausgerechnet sie – die schließlich eine verbrecherische Liebesbeziehung eingegangen sind – mit zu den Ersten gehören, die als neue Menschen das Lager verlassen. Ein großes Verbrechen lastet auf ihren Schultern. Nur so wird es Dir gelingen, die Massen zu überzeugen, dass niemand an Deinem Respekt zweifelt und die Macht weiter unangefochten in Deinen Händen bleibt.1419 Damit sind wir bei der wohl wichtigsten Figur im Roman angelangt, der Gestalt des Lagerleiters unter der Bezeichnung „Kind“ – dem haizi 孩子. Befragt zu seiner Konzeption der Gestalt, führte Yan Lianke bei einer Veranstaltung am 21. März 2012 an der Baptist University in Hongkong allgemein dazu aus, die Figur sei zu Beginn des Romans etwa neun bis zehn Jahre alt und kontrolliere die „ehrwürdigen“ Intellektuellen. Zwangsläufig ergebe sich dadurch die Assoziation von „kindischem Verhalten“, „Kinderkram“ und einer insgesamt unglaubwürdig umgesetzten Politik. Dem Leser steht es frei, weitere Zusammenhänge herzustellen, schließlich ist das „Kindverhalten“ im Lager, das bei Yan beschrieben wird, eine verkehrte Welt: Die unbedarfte Figur Kind tritt auf als Lagerleiter, schreibt vor, verleiht Preise usw., ohne es intellektuell mit den Gelenkten aufnehmen zu können, die seine Eltern sein könnten. Nach der Systemlogik ist Kind der „neue Mensch“, ein durch die Ereignisse der Zeit nach oben gespülter Handlanger der Machthaber und damit eine Figur, die keinen Anlass zur Hoffnung gibt. Kind ist der Stellvertreter einer neuen Klasse. In Lu Xuns Ruf „Rettet die Kinder“ erscholl noch Hoffnung auf Freiheit in der nächsten Generation. Jahrzehnte nach Lu Xun nun sind die „Kinder“ an der Macht, und das Unglück nimmt kein Ende.1420 Man wird bei der Kind-Figur viel aus dem zeitgenössischen und historischen Kontext in China mitlesen können. Von haizi, dem allmächtigen „Kind“ (das anfangs und vor allem im ersten Teil als „himmlisches Kind“ [天的孩子] angeführt wird), ist es nicht schwer, eine Verbindung zum tianzi 天子 herzustellen, dem „Sohn des Himmels“ 天子 als Synonym für den Kaiser im klassischen China, unter dessen Aufgaben es eine besonders wichtige war, sich und dem Reich durch ganz bestimmte, allein vom Himmelssohn zu verrichtende Riten die Gunst des Himmels zu sichern. Stellvertretend steht die Romangestalt aber selbstverständlich für eine lange Tradition von „Kindkaisern“, die jung auf den Thron gelangten, um den Bestand einer Dynastie zu sichern, umgeben von Beratern und Hofschranzen. Mitzudenken sind darüber hinaus auch die Millionen von Mao angestachelten jungen Rotgardisten in der Kulturrevolution, 1419 Ebd., S. 141 f. 1420 Chen Guohe (2014, S. 5) erkennt hier bei Yan Lianke den Wunsch, in einen überzeitlichen Dialog mit Lu Xun und seinem Tagebuch einzutreten: Lu Xun werbe für Hoffnung, Yan Lian ke für innere Läuterung und Opferung. 438 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas die in den Kampf gegen die „Klassenfeinde“ zogen.1421 Bezogen auf den Roman, stellt die Figur ganz klar eine Anspielung auf die kleinen mitläuferischen Kader im System dar, die blindlings nach Vorschrift handeln und – hier wieder die Brücke zur Gegenwart – selbst schwierige Zeiten durch Anpassung und Vermeidung von Konflikten mit Vorgesetzten am ehesten überdauern. Yan Lianke nimmt am Beispiel von Kind im Roman das Kindische bzw. Kindliche der weiterhin bestehenden Kaderkultur ins Visier. Im politischen System Chinas und in Diktaturen schlechthin ist jeder Kader auf jeder Ebene unterhalb des „obersten Oberen“, des „Großen Vorsitzenden“ oder des „Führers“ an der Spitze ein Kind – der devote Lagerleiter, der diensteifrige Bürgermeister, selbst der Provinzchef muss kindliche Unterwürfigkeit an den Tag legen, Diener machen, wenn er hohen Besuch aus der Hauptstadt erwartet. Unterhalb des Führers gibt es nur die homogenisierte Masse, in der alle gezwungen sind, „sich als seine [d. h. des Führers] Kinder zu fühlen und sich gegenseitig in dieser Rolle zu bestärken und zu überwachen […]“.1422 Gerade das Staunen und Unverständnis, das in vielen Beiträgen der chinesischen Literaturwissenschaftler der Figur Kind gegenüber zum Ausdruck kommt, ist aufschlussreich: Hier deutet sich eine „Systemblindheit“ an, denn der Autor hält den Kadern und Zeitgenossen einen Spiegel vor. Es ist nicht auszumachen, wie gut sich Yan Lianke mit den psychologischen Klassikern in der westlichen Totalitarismusforschung auskennt. Die Figur Kind in Yans Roman Vier Bücher entspricht jedenfalls sehr stark dem, was die Mitscherlichs in ihrer Studie über Die Unfähigkeit zu trauern unter Bezugnahme auf die ihnen vor fünfzig Jahren zugänglichen Informationen über die in China im Jahrzehnt nach der Gründung der Volksrepublik vorgenommenen Maßnahmen zur – wie sie es nennen – „thought reform“ über die Problematik der Beziehung zwischen persönlichem und sozialen Ich festgestellt haben: dass sich nämlich die soziale Persönlichkeit eines Menschen unter Zwang ändere und dass dies auch Rückwirkungen auf sein persönliches Ich habe: Die Praxis der Persönlichkeitsveränderung, wie sie die Chinesen betrieben haben, läuft auf eine erzwungene Regression hinaus.1423 Der Gefangene (oder der zu Erziehende überhaupt) sieht sich einer ihm physisch unendlich überlegenen, an kein Recht, keine gewohnte Sitte gebundenen Macht gegenüber; er befindet sich vollkommen in ihrer Hand. Das ist eine Lage, die der des Kleinkindes durchaus entspricht […].1424 1421 Vgl. Cheng Guangwei 2011, S. 53. Im Aufsatz findet sich ein Hinweis darauf, dass er auf der Grundlage eines Workshops verfasst wurde, bei dem man sich speziell mit Yan Liankes Vier Bücher und seiner Erzählkunst beschäftigt hat. 1422 Mitscherlich 1990, S. 380. 1423 Also eine – nach Freud – kürzere oder längere Unterdrückung des Ego bzw. eine Rückentwicklung des Ego auf ein früheres Entwicklungsniveau i. S. v. „Kindlichkeit“ als Schutzmechanismus. 1424 Mitscherlich 1990, S. 314. 439 15 Literatur der Beschäftigung mit der Vergangenheit und Yan Liankes ‚Vier Bücher‘ Sehen wir uns zum besseren Verständnis zunächst Erscheinung, Auftreten und Entwicklung von Kind im Roman an. Ganz zu Beginn kommt das Himmelskind „von oben“, wie es sagt, aus der Kreisstadt. Gemeint ist hier und an den folgenden Stellen, an denen im Buch von shangbian 上边 die Rede ist, die „Obrigkeit“, also vorgesetzte Behörden, leitende Kader usw. Über Kinds Herkunft erfährt man anders als wenigstens zum Teil bei den übrigen Figuren nichts, Kind ist einfach da. Himmelskind verkündet in der Folge zehn Verbote – wie die feierliche Sprache im Buch eine Anspielung auf die christliche Bibel und die zehn Gebote. Es handelt sich um Verhaltensregeln, angeführt werden die Pflicht zur Arbeit, das Streben nach Rekordernten, dies alles in Verbindung mit dem Hinweis auf die Vermeidung von Aufruhr, unrechten Worten, unrechtem Denken usw. Zum Ausdruck kommt an der Stelle autoritäres Staatsdenken. Kind spricht nicht, sondern er ordnet an. Es handelt sich nicht um einen Dialog, sondern die Verkündung von Regeln und Weisungen, die – auch das die Forderung – durch ständiges Aufsagen auswendig gelernt werden müssen. Weitergegeben werden die Anweisungen und Parolen „von oben“, die zu verstärkter Produktion aufrufen, es wird der Befehl erteilt, „zu England aufzuschließen und Amerika zu überholen“ (Originalton 1950er-Jahre) usw. Kind lockt und fordert Hingabe, droht denen, die an Flucht und Nichterfüllung des Plans denken, dass man ihn dann am besten gleich umbringen möge. Kind ist also ein Repräsentant des Systems, im großen regionalen und nationalen Systemzusammenhang ein Opfer, im kleinen Lagerkontext ein Täter. Entfernt wird man an Eichmann’sche Normalität und banal Böses erinnert – auch ein überzeugter Christ konnte im Betrieb der Konzentrationslager zu einer Bestie werden. Yan Lianke entwirft den Rahmen in den ersten Abschnitten des Buches, etwa als über den Besuch von Kind in der Kreisstadt erzählt wird und wie man ihn lobt angesichts der hohen gemeldeten Ablieferungsquoten. Die Führung stellt daraufhin hohe Belohnungen für noch höhere Quoten in Aussicht, Kind fühlt sich geehrt, als er die Gelegenheit zur Teilnahme an einer Versammlung der Leitung bekommt. Unmittelbar an diese Szenen schließt sich ein Abschnitt an, der über die stolze Rückkehr von Kind ins Lager berichtet, in den Händen eine rote Blume als Auszeichnung. Angeregt von den Erfolgen der Scheinwelt in der Stadt, hält Kind daraufhin eine Versammlung ab und kündigt die Einführung des „Systems der roten Blume und der fünf Sterne“ an und erläutert, wie mit den Auszeichnungen (die es für Gehorsam gibt), umzugehen ist. Zu den zu vergebenden Sternen erläutert Kind: „Fünf große Sterne bedeuten, dass jemand bereits ein neuer Mensch geworden ist und den Wandel vom Sünder zum Neuen Menschen geschafft hat – das bedeutet, man ist frei!“1425 Damit wird die perfide Vorstellung von „Freiheit“ klar, die letzten Endes nur eine erfolgreiche Umerziehung darstellt, welche zu einem inneren Wandel des Individuums führt und innere Unfreiheit hervorbringt. Nur der kommt frei, der seine innere Selbstständigkeit aufgegeben hat. Die Befreiung 1425 Yan Lianke 2010a, S.  47. Die ins Groteske gesteigerte Überzeichnung dieses absurden Preis- und Prämienwesens durch Yan Lianke ist eine fundamentale Kritik an einem aufgeblähten und letzten Endes hohl und substanzlos bleibenden Belobigungssystem gerade deshalb, weil sich zwischen der Realität und den „Werten“ eine am Schluss tödlich wirkende Lücke auftut. 440 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas aus der Gefangenschaft ist nur durch Anpassung und innere Unterwerfung zu schaffen.1426 Kind, anfangs noch naiv und unreif, entpuppt sich mit der Zeit als geschickter Seelenkäufer und Demagoge. Bei einer Versammlung unter freiem Himmel lockt Kind die Teilnehmer mit der Verteilung von Blumen an jene, die den Mut haben, für eine Quote von fünftausend Pfund Ernte pro mu Landfläche einzutreten. Einige lassen sich schließlich zu wahnsinnig erscheinenden Quoten hinreißen. Als sich auf die verrückt klingende Quotenzahl von fünfzehntausend Pfund niemand bereit erklärt, will Kind seine Untergebenen zu einer Erklärung zwingen, indem er ihnen damit droht, dass sie ihn dann umbringen sollten. „Schneidet mir den Kopf ab! Schneidet mir den Kopf ab!“, rief Kind in einem fort. „Religion, Gelehrter – ich flehe euch an, kommt her und hackt meinen Kopf ab!“1427 Eine Drohung, die Kind erst ganz am Ende und dann in anderer Form wahr machen wird. In seinem Verhalten legt Kind die Dichotomie von Buckeln und Treten an den Tag – hier einerseits die Bereitschaft zu Liebedienerei, Hektik und Nervosität, wenn „hoher“ Besuch ins Lager kommt, um die Verhältnisse vor Ort zu inspizieren, dort Drohungen und Gewalt gegenüber ihm unterstellten Lagerinsassen.1428 Das Verhalten der Figuren verändert sich selbstverständlich, ganz abhängig von der jeweiligen Perspektive. Dem devot auftretenden Kind stehen die herablassenden Vertreter der Obrigkeit gegenüber. Wer wie ein Kind auftritt, der wird auch nicht anders behandelt, etwa als es um die Herstellung guten Stahls geht. Die Obrigkeit gibt sich väterlich, man greift zu ermunternden Gesten und Worten, hier ein Streicheln über den Kopf, dort ein Schulterklopfen und dann in einer Mischung aus Ermunterung und Drohung die Worte: „In drei bis fünf Tagen hast Du Stahl herzustellen, der so hart 1426 Yan Lianke veranschaulicht diesen seelischen Vorgang anschaulich am Beispiel inszenierter Hinrichtungen nicht linientreuer Intellektueller. Vgl. ebd., S. 62. Mittels Einschüchterung werden die Menschen des Lagers dazu gebracht, sich der verordneten Aufgabe zu widmen mit der Folge, dass ein sinn- und planloser Aktionismus einsetzt. Gefühle werden aufgepeitscht, bedingungslose Einsatzbereitschaft für „die Sache“ gefordert. Yan Lianke schafft eine Atmosphäre, die auch von den Zeitgenossen so überliefert ist. Vgl. dazu die Schilderungen in den Tagebüchern von Zhu Weibo 2013, die ein hervorragendes Stimmungsbild aus der Zeit darstellen und etwas von der echt wirkenden Begeisterung aufgrund der Mitwirkung am Aufbau in den 1950ern zum Ausdruck bringen, die innere Anpassung ebenso beschreiben wie das Ringen mit sich, das Streben nach innerer Reinigung usw. Hierzu nur zwei Auszüge, der erste vom 1.11.1957 zur Freude des Verfassers über die ihm entgegengebrachte Kritik: „Ach, wie sehr ich Kritik von diesen Leuten und die Kontrolle durch sie benötige! Ich spüre auch das neue demokratische Klima in der Politik in dieser Zeit. Der Dogmatismus ist ein ernstes Problem von mir, er hat ständig schädigenden Einfluss auf die Arbeit“ (S. 32). Wenige Tage später, am 9.11.1957, die Freude über die Aufnahme in die Partei: „Das ist ein unvergesslicher Tag für mich: Wie wichtig es ist für mich, zu einem echten Mitglied der Kommunistischen Partei zu werden! Ich kann es nicht in Worte fassen, ich werde meine Arbeit verbessern, mein Lernen verbessern, dem Aufruf der Partei folgen, um zu einem Menschen zu werden, bei dem sich die richtige Gesinnung mit höchstem fachlichen Wissen und Fertigkeiten verbindet. Ich werde noch fleißiger und bescheidener werden“ (S. 37 f.). 1427 Yan Lianke 2010a, S. 52. 1428 Vgl. dazu als Kontraste die beiden Stellen ebd., S. 78 f. und 111 ff. 441 15 Literatur der Beschäftigung mit der Vergangenheit und Yan Liankes ‚Vier Bücher‘ und blank ist wie die Klinge dieses Messers, um in die Provinzhauptstadt zu reisen, ansonsten vergiss es.“1429 Mit der Zeit reift Kind, nicht nur sein Äußeres verändert sich, auch das Gefühl für die Verantwortung, die er hat, nimmt zu, und angesichts der größer werdenden Not setzen die weit gebildeteren und erfahreneren Insassen mehr und mehr Hoffnung auf ihn. Tatsächlich macht sich Kind dann auf den Weg in die Hauptstadt Peking. An zentralen Stellen des Buches, die einen Übergangsritus darstellen, verklärt Yan Lianke die Szenen atmosphärisch zum Teil ins Mystisch-Religiöse. Bei Kinds Aufbruch aus dem Lager gibt es plötzlich ein helles, weißes, gleißendes Licht. Der Gelehrte winkt Kind zu, Kind dem Gelehrten, dann wendet sich Kind ab und seine Gestalt verschwindet im Glanz, wird undeutlicher und undeutlicher. Tage nach dem Aufbruch von Kind kommt der Frühling ins Lager, Leben sprießt aus der Erde. Die Menschen gehen in die Natur, essen Gras mit der Folge, dass sie aufgrund des ungezügelten Verzehrs Durchfall bekommen und sterben. Die Zeit vergeht, Kind kommt nicht wieder, man spekuliert über seinen Tod, macht sich Gedanken darüber, jetzt, da man „führerlos“ ist, in die Freiheit zu ziehen. Der Ton dieser im Buch kommentarlos aneinandergereihten Passagen klingt nüchtern, es spricht der „Volksmund“.1430 Doch gerade diese Nüchternheit ist es, in der zusammen mit der davor eingesetzten „Licht-Symbolik“ Kritik am besonderen „Führerkult“ in China anklingt, der in dem bis heute nicht totzukriegenden Glauben der Menschen besteht, auf einen „guten“, „erleuchteten“ 开明 Herrscher zu warten, unter dem dann der große Wandel eintritt.1431 Endlich entschließt man sich zur kollektiven Flucht, doch der vermeintliche Weg in die Freiheit ist kurz. Von den 52 Menschen, die aufgebrochen sind, kehren 43 zurück, die neun anderen haben ihr Leben unterwegs verloren. Niemand spricht über den Fortzug, doch immer wieder richten sich die Blicke der Menschen auf die Straße, man hofft, dass Kind oder die Oberen erscheinen. Still und unbemerkt kehrt Kind eines Tages ins Lager zurück, es sieht aus, als sei er gewachsen, reifer geworden. Sein Auftreten wirkt zunächst sicher, als er darüber berichtet, dass im Regierungsbezirk Zhongnanhai in Peking ebenfalls Öfen zur Stahlgewinnung stünden und auf dem Platz des Himmlischen Friedens Versuchsfelder angelegt worden seien, um Ernten von zehntausend Pfund pro mu einzufahren. Doch als er zum Schrecken der Lagerinsassen verkündet, dass alle jetzt heimkehren oder sich auch an jedem anderen Ort ihrer Wahl niederlassen könnten, weicht jede Form der Zuversicht auf einmal. Die letzten Szenen mit Kind werden von Yan Lianke in einem starken religiös-ideologischen Kontext dargeboten. Nachdem sich Kind zurückgezogen hat und die Insassen am nächsten Morgen ihre Kammern verlassen, sehen sie am Himmel Wolken in der Gestalt von Engeln vorüberziehen. Die Luft strahlt hell, doch es weht kein Wind. Vor der Hütte von Kind ist ein Kreuz sicher und fest in die Erde eingelassen worden, um den Pfahlboden liegen Hunderte der roten Blumen und Aus- 1429 Ebd., S. 146. 1430 Yan thematisiert die emotionale Abhängigkeit der Geführten von den Führern mit Blick auf die breite Masse, „das Volk“, an verschiedenen Stellen im Buch und spricht von einer „undurch sichtigen 白茫茫 Form von Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit“, die nach der Abreise eines hohen Führers im Lager einsetzt. Vgl. ebd., S. 280. 1431 Vgl. zu diesen Szenen ebd., S. 358 – 362. 442 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas zeichnungen von Kind und erstrahlen in einem roten Glanz. Eine Erscheinung aus der abendländischen Tradition des Christentums (das Bild des gekreuzigten Jesus) wird verknüpft mit der Farbsymbolik im Sozialismus (rot): An das Kreuz genagelt, um die Hüften ein Tuch gewickelt, ist Kind. Hinter dem Kreuz sind Bretter, die es Kind ermöglicht haben, auf das Kreuz zu steigen und sich selbst festzunageln. Auf Kinds Gesicht, angestrahlt vom Licht der soeben aufgehenden Sonne, ist die Unterdrückung eines enormen Schmerzes zu erkennen, in die sich Zufriedenheit und ein leichtes Lächeln mischen. Kind hat sich selber in der Dämmerung ans Kreuz genagelt, doch „niemand wusste, was Kind in dem Monat in Peking gesehen hatte, was er angetroffen hatte und was geschehen war“.1432 Im Unterschied zu dem ans Kreuz genagelten Christus hat sich Kind selbst bestraft. Die Tat gewährt ihm innere Ruhe, die Erscheinung des sterbenden Kind, sein Gesichtsausdruck: gefasst, ruhig, in sich gekehrt, friedlich. Unter dem Kreuz befinden sich Säcke mit Nahrung, die Kind den Insassen als Verpflegung zurückgelassen hat, dazu sind rote Sterne vorhanden, die die Heimreise ermöglichen, nur eine Person wird aus Mangel an Sternen zurückbleiben müssen. Mit schwächer werdender Stimme trägt Kind seine letzte Bitte vor, nicht vom Kreuz abgenommen werden zu wollen, er wünscht sich, von der Sonne verbrannt 暴晒 zu werden. Kind ist die Figur im Buch, welche die zentrale Botschaft des Buches transportiert und daher in der chinesischen Gegenwartsliteratur eine besondere Stellung einnimmt. Mit Kind wird angeknüpft an die historische literarische Tradition des Entwurfs von Märtyrerfiguren im Kontext des „Sterbens für die Revolution“. Aus der Selbstkreuzigung lässt sich zweierlei herauslesen: zum einen der Wunsch nach Erlösung mittels der Selbstbestrafung, zum anderen das Gefühl der Enttäuschung darüber, dass das Paradies nicht zu erschaffen ist. Geschickt vermischt Yan Lianke in Vier Bücher Elemente einer sadomasochistisch geprägten Politik-Kultur in China mit solchen einer fremden religiösen Kultur. Das Kind bzw. der Jugendliche als Idealgestalt der Intellektuellen und Symbol für die nationale Erneuerung am Ende des chinesischen Kaiserreichs verliert dabei deutlich an Glanz, aber nicht, ohne auch etwas zu gewinnen. Bei Yan Lianke ist die Figur nicht wie in der Wundenliteratur Opfer der Machenschaften der Viererbande, sondern „reift“ sozusagen im Kontext der christlichen Kultur des Westens. Das Verhalten von Himmelskind im Roman und die Besonderheiten seiner Seele besitzen vor allem deshalb für das chinesische Lesepublikum einen Reiz, weil es sich um eine Figur handelt, in der sich „auf erschreckende Art und Weise“ die naive Aufbruchsstimmung in den Jahren nach der Gründung der VR, die seinerzeit herrschende Unwissenheit und Hingabe spiegeln.1433 Im Gegensatz zu dem Personal in anderen Werken Yan Liankes bleibt die Figur allerdings weitgehend unpolitisch, der Systemanhänger und leidenschaftliche Aktivist wird zum Schluss „Befreier“ (der Insassen) und Selbstzerstörer. Kinds innerer Wandel wird dabei durchaus überzeugend dargestellt. Als Vorbild 1432 Vgl. ebd., S. 373 f. Auf S. 374 wird der Vorgang der Selbstkreuzigung beschrieben. Nachdem Kind zunächst die linke Hand ans Kreuz genagelt hat, sorgt er mit einem starken Schwung der Schulter dafür, dass die Spitze eines zuvor durch das Holz getriebenen Nagels durch den Handteller fährt. 1433 Vgl. Long Huiping 2014, S. 82. 443 15 Literatur der Beschäftigung mit der Vergangenheit und Yan Liankes ‚Vier Bücher‘ für grundlegende Veränderungen taugt die Figur freilich nicht, sodass Wang Binbin in einem bedauernden Ton feststellt, er hätte sich am Ende einen rebellischeren Lagerleiter Kind gewünscht, jemanden, der die anderen Opfer aus dem Lager führt und im Kugelhagel der Unterdrücker stirbt.1434 Die Entwicklung und das Ende von Kind stehen in einem direkten Verhältnis zu dem religiösen Glauben und der diesen im Roman verkörpernden Figur mit der Bezeichnung „Religion“. Yan Lianke, in dessen früheren Erzählungen und Romanen sich immer wieder Spuren des Umgangs mit westlicher Religion gefunden haben, wagt in Vier Bücher etwas Unerhörtes: Er verlagert die sich in einer extremen Lage befindliche menschliche Existenz in einen christlichen Kontext. Dabei versucht Yan, dessen Werk starke Einflüsse von christlich geprägten russischen Schriftstellern wie Tolstoi und Dostojewski aufweist,1435 der Religion schreibend gegenüberzutreten. Die hierfür vorhandenen Spielräume sind bekanntlich extrem eng.1436 Da es nun in China – hier bezieht sich ein Literaturwissenschaftler auf eine Äußerung von Yan Lianke aus dem Jahr 2011 – keine Religion gebe, könne man „schreibend der Religion gegenübertreten“. In ebendiesem Sinne sei Yan Liankes Interesse an der westlichen Religion zu verstehen. Der Religion „gegenüberzutreten“ bedeute nicht, die Bedeutung von Religion zu negieren, sondern außerhalb des westlichen Komplexes von Ursünde und Erlösung Überlegungen zur Frage der Menschlichkeit anzustellen.1437 Chinesische Religionswissenschaftler wie Liu Xiaofeng 刘小枫, Autoren wie Bei Cun usw. hätten bereits viele Anstrengungen unternommen, die religiöse Kultur des Westens zu untersuchen.1438 Die erste in diesem Zusammenhang bedeutende Szene zeigt Kind bei der Inspektion des Lagers. In der kleinen, leuchtenden Höhle am Boden eines Baumes befindet sich das alte und schmutzige Bild der heiligen Mutter Maria, die Kind aber nicht kennt. Kind lacht und wendet sich abschätzig und kalt an Religion, den Besitzer des Bildes, dem er den Satz „Ich bin ein Herumtreiber“ zum dreimaligen Aufsagen aufgibt. Der Angesprochene antwortet nicht, woraufhin Kind sich über das Bild stellt, die Hose öffnet, um darauf zu pinkeln. Erst jetzt ruft er eine panische Reaktion des Mannes hervor, der sich niederkniet und darum fleht, nicht auf das Bild zu urinieren. Wie befohlen, 1434 Vgl. Wang Binbin 2011, S. 23. 1435 Zu einem Überblick über die reiche Lektüre von Yan Lianke vgl. Yan Lianke 2012a, eine Sammlung mit seinen Rezensionen aus der Vergangenheit. 1436 Man rufe sich diesbezüglich nur die Äußerungen der chinesischen Staatsführung aus der Vergangenheit (Frühjahr 2015) in Erinnerung, in denen darauf hingewiesen wurde, dass Religion(en) in China frei zu sein hätte(n) von fremden Einflüssen und sich in die „sozialistische Gesellschaft“ einfügen müsste(n). Vgl. den Artikel „China’s President Xi Jinping Says Religions Must Be Free From Foreign Influence“, Quelle im Anhang unter „China’s President“ 2015. 1437 Vgl. Long Huiping 2014, S. 78. 1438 Vgl. zu einem Überblick zur chinesischen Literatur, die sich in den zurückliegenden Jahren mit dem Thema der Religion (insbesondere mit dem Christentum) beschäftigt hat, den Beitrag Zimmer 2015. 444 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas sagt der Mann den Satz.1439 Mehr und mehr passt sich Religion dem Druck der Lagerleitung an, so etwa bei der Vernichtung „konterrevolutionärer“ Lektüre.1440 Auch wenn sich Religion darum bemüht, mit der Vernichtung unerwünschter Schriften den Anordnungen von oben zu entsprechen, scheint ihm daran zu liegen, einen Weg zu finden, um sein körperliches und geistiges Leben zu bewahren.1441 Geduldig befriedigt Religion mit Erzählungen aus der Bibel die wachsende Neugier Kinds an dem Stoff, auch wenn es zunächst keine erfolgreiche „Bekehrung“ gibt. Vielmehr lässt der Autor ein Wunder geschehen: Ein Karren rollt ohne viel Krafteinsatz einen sanften Hügel hoch. Von der Spitze des Hügels aus sehen sie auf das alte Bett des Gelben Flusses unter sich. Seltsam: Während sich der Karren ohne viel Mühe den Hügel hinaufrollen ließ, ist der Weg nach unten viel mühsamer, es sind große Anstrengungen erforderlich.1442 Zwar ist Kind auch damit (noch) nicht für den christlichen Glauben gewonnen, aber ihm wird durch die Begegnung mit Religion eine andere Daseinsdimension bewusst, von der er im Folgenden teilweise auch etwas auf die Verhältnisse in seiner Umgebung anwenden kann. Nach ihrem Eintreffen in der Provinzhauptstadt werden die Mitbewerber um den Preis für den besten Stahl im selben Gebäude untergebracht. Kind staunt über das vielfältige Angebot im Warenhaus, über die Sitzungen und die Verehrung Maos, des Obersten der Oberen. Der Anblick der Bilder Maos, die vielen Sprüche und Parolen erinnern Kind an die Schilderungen von Religion über Jesus Christus. Die Anbetung Jesu durch Religion und Maos durch die Kader besitzen große Ähnlichkeit – ein Gefühl für den sakralen Charakter in der Führerverehrung ist entstanden.1443 An einer weiteren zentralen Stelle im Buch tritt Gott schließlich direkt in Erscheinung. Das Projekt, die versprochenen riesigen Erntemengen abzuliefern, ist mittlerweile zum Scheitern verurteilt, die Ernte im Herbst fällt nicht so aus wie „geplant“ und „verkündet“. Es wird im großen Maßstab zur „Blutdüngung“ aufgefordert, der Schriftsteller hat den Erfolg schließlich mit seinem Testfeld unter Beweis gestellt. Doch eine Reihe von Insassen entzieht sich dem blutigen Bewässerungsgebot, woraufhin Kind mit dem Gelehrten über dessen Gründe für seine Weigerung spricht. Der Gelehrte zitiert in seiner Antwort Gott (hier shangdi), der seinen Blick auf die Menschen und ihr Tun richte. Hier wird ein Dialog zwischen Gott und den Menschen 1439 Vgl. zu der Szene Yan Lianke 2010a, S. 9 f. 1440 Vgl. ebd., S.  16 – 20. Vgl. zur Bedeutung der Bücherverbrennung in Vier Bücher auch Cheng Guangwei 2012, S. 90 1441 Vgl. Yan Lianke 2010a, S. 120. An der Stelle wird aus einem Bericht des Schriftstellers zitiert, der ein Geheimnis des Geistlichen preisgibt. Dieser hat in die dickleibige Ausgabe von Das Kapital ein quadratisches Loch geschnitten, um darin die kleine Ausgabe der Bibel zu verstecken. Indem er vorgibt, sich eifrig der marxistischen Pflichtlektüre zu widmen, vertieft er sich in Wahrheit, kaum hat er Das Kapital aufgeschlagen, in die Lektüre der Bibel. Die Szene hat ihren eigenen symbolischen Reiz. 1442 Vgl. ebd., S. 167. Yan Lianke nimmt hier eine Erscheinung, die wider die Naturgesetze verstößt, voraus, welche in abgewandelter Form im letzten Abschnitt des Buches – dem Neuen Mythos von Sisyphus – noch einmal vorkommt und ein Beispiel für die dialogische Struktur von Vier Bücher darstellt. 1443 Vgl. ebd., S. 172. 445 15 Literatur der Beschäftigung mit der Vergangenheit und Yan Liankes ‚Vier Bücher‘ angedeutet: „Gott sprach: ‚Die Menschen sind überheblich, man lässt sie für nichts und wieder nichts Blut verspritzen und schuften.‘“1444 Mit der schließlich einsetzenden Hungerkatastrophe tritt der Wandel bei Religion und Kind gegenüber dem Glauben ein. Während Religion sich von seinem Glauben abwendet, wird er für Kind zur Zuflucht. Schließlich stirbt Religion, in der Tasche des Toten entdeckt man ein von ihm zerstörtes Marienbild, die Augen der Maria fehlen. Oben auf dem Bild in handschriftlicher Notiz der Satz: „Ich hasse Dich – Du bist es, die aus mir einen Verbrecher gemacht hat!“1445 Die Not hat offenbar verhindert, dass Religion weiterhin seinen Glauben behalten konnte, in ihm hat sich ein totaler Wandel vollzogen. Als man seinen Besitz erforscht, findet sich darunter eine Mao-Bibel. Das Christentum wird in Vier Bücher nicht gepriesen, es ist als ein Angebot zu verstehen, das man annehmen oder ablehnen kann. Religion und Kind bewegen sich in einer besonderen Parallelität: hier der hungernde echte Christ, der die Zeugnisse seines Glaubens wegen des Hungers zerstört; dort der satte und falsch-gläubige Atheist, der keine Erlösung findet und sich selbst zerstört. Der „Wandel“ in den Figuren Kind und Religion hat etwas Schablonenhaftes, doch gelingt es dem Autor durch die geschickte Gegenüberstellung, den angeblich „richtigen“ Glauben zu hinterfragen. Soll Wahrheit wirklich noch zu finden sein in einem vorgeblich gut gemeinten, doch so viel Hass und Zerstörung verursachenden Fortschrittsglauben, der zu unmenschlichen Verhältnissen in dem Jahrzehnt nach der Gründung der Volksrepublik führte? Während Kind, Schriftsteller und Religion einen zwiespältigen Eindruck beim Leser erwecken, auch wenn sie am Ende eine Entwicklung hin zum „vermeintlich Besseren“ (und freilich nutzlos Bleibenden) durchmachen, erscheint der Gelehrte als aufrichtig und geradlinig, wobei ihn vor allem die Liebesbeziehung zu Musik in ein menschliches Licht rückt. Über das Wesen und die Haltung des Gelehrten erfahren wir nach und nach einiges; auf das Angebot, sich anzupassen, um damit Vorteile zu erlangen, reagiert er abweisend, stolz und arrogant und bekundet, zum Sterben im Lager bereit zu sein.1446 Es ist vor allem die Liebe zu Musik, die dazu führt, dass der Gelehrte immer wieder Kompromisse eingeht. Dabei sind die Angriffe vor Ort, denen der Gelehrte und Musik als Paar ausgesetzt sind, besonders grausam. Musik und Gelehrter schaffen es – ständig bekämpft und kritisiert – hundert Tonnen Stahl zu produzieren. Ein eindrucksvolles Bild: Der Gelehrte kniet auf der Spitze eines abgekühlten Ofens, auf dem Kopf die Papiermütze. Neben dem ursprünglichen „Verbrechen“ der Unzucht werden auf der Mütze noch mehr als ein zwei Dutzend weiterer „Verbrechen“ angeführt wie „Widerstand gegenüber der Partei“, „Landesverrat“, „Missbrauch von alten Leuten und kleinen Kindern“, „Ablehnung der Menschheit“ usw.1447 Der Gelehrte ist ein hartnäckiger Verfechter seiner Prinzipien, der für sich und Musik um die Freiheit kämpft, und doch niemanden verraten möchte. Bei aller Einsicht, die der Gelehrte in die Lage vor Ort hat (ihm ist der Zusammenhang zwischen der verordneten Stahlproduktion und der Naturkatastrophe klar), bleibt er gegenüber Kind jedoch machtlos. Als 1444 Ebd., S. 259. 1445 Ebd., S. 314. 1446 Vgl. ebd., S. 134 f. 1447 Vgl. ebd., S. 138. 446 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas im Laufe der zunehmenden Not die ursprüngliche Ration von etwas mehr als einem Pfund auf unter ein Pfund und die täglichen drei Mahlzeiten auf zwei reduziert werden, die Lage sich bei Anbruch des Winters weiter verschlechtert, die Obrigkeit weitere Kürzungen ankündigt und die Menschen Hungerödeme bekommen, Kind weitere Rationskürzungen verkündet, Kantinen aufgelöst werden, damit jeder sich selber um Nahrung kümmert, holt Gelehrter eine Karte hervor, tritt vor Kind und verlangt von ihm Auskunft darüber, ob die Hungersnot nur an den Ufern des Gelben Flusses aufgetreten ist oder sich in der Provinz oder der ganzen Nation ausgebreitet hat. Damit deutet er an, dass man nach einem Ausweg suchen sollte. Kind erwidert schlicht, dass alle vorschriftsgemäß am Ort zu bleiben hätten, Zuwiderhandlung sei ein Verrat gegen die Nation.1448 Immer wieder ist es der Gelehrte, der den Menschen Mut macht. Seine Zuversicht speist sich bis zuletzt aus einer (von der chinesischen Herrschaftspraxis letztlich bis in die Gegenwart immer wieder hinterfragten) Logik, wonach die Obrigkeit die Vertreter der Intelligenz nicht verhungern lassen werde, da dies das Ende der Nation überhaupt darstelle. Eine anerkannte Autorität auch im Lager ist der Gelehrte nicht zuletzt deshalb, weil es sich bei ihm um ein wichtiges Verbindungsglied zur Obrigkeit handelt.1449 Mit der zunehmenden Not vor Ort gewinnen die Unterhaltungen zwischen Kind und Gelehrtem eine grundsätzliche Bedeutung, in der ein aufschlussreicher Diskurswandel zum Ausdruck kommt. Als Kind gesprächsweise ein weiteres Mal da rauf beharrt, den Ort nicht zu verlassen, hält ihm der Gelehrte die Realität vor Augen, erwähnt den mittlerweile nicht mehr zu verbergenden Kannibalismus, es klingt an, dass die verordnete Immobilität und die Hörigkeit gegenüber der Obrigkeit mit ein zwingender Grund dafür sind, dass die Hungernden selbst vor dem Verzehr von Menschenfleisch nicht mehr zurückschrecken.1450 Der Gelehrte sowie die ebenfalls anwesenden Schriftsteller, Musik und Religion „treten aus dem Roten des Kindes heraus“ 从孩子的红里走出来,1451 das zum ersten Mal nicht mehr durch den Stolz auf die Anerkennung durch die Führung, das aufgesetzte Wichtigtun verursacht worden ist. Vielmehr handelt es sich um neues „inneres Leuchten“, das zumindest vorübergehend hervorgebracht worden ist durch Einsicht in die Notwendigkeit der Humanität. Mit der Farbe Rot und Kinds Rötungen sowie den Orden in derselben Farbe schafft Yan Lianke zudem eine eigene Farbsymbolik. Geraume Zeit korrespondieren der pralle rote Glanz in der Erscheinung von Kind und die verliehenen roten Preise mit den glühenden Hochöfen, bis am Ende Kind und Öfen erlöschen. In dieser Symbolik spiegelt sich Yan Liankes absolut desillusionierter Blick auf das Scheitern eines Systems aus Lüge, Selbstbetrug und Eitelkeit, dessen Kraft nie echt gewesen zu sein scheint. 1448 Vgl. ebd., S. 264. 1449 So war er z. B. als Ghostwriter für die politische Führung in der Hauptstadt tätig. Vgl. ebd., S. 275. 1450 Yan hat den Kannibalismus schon früher gelegentlich in seinen Büchern thematisiert. Vgl. dazu Tsai 2011. 1451 Vgl. Yan Lianke 2010a, S. 286. 447 15 Literatur der Beschäftigung mit der Vergangenheit und Yan Liankes ‚Vier Bücher‘ Der Gelehrte gibt bis zuletzt das Bild eines aufrichtig an den Auftrag der Wissenschaft glaubenden Mannes ab,1452 der trotz aller Mühsal und Verfolgung dem Leben und der Liebe gegenüber eine positive Einstellung bewahrt. Es kann sein, dass Yan Lianke bei der Figur des Gelehrten beeindruckende zeitgenössische Persönlichkeiten wie der in den 1980er-Jahren hoch angesehene Physiker Fang Lizhi 方励之 vor Augen standen. Fang, der in der Zeit der politischen Kampagnen der 1950er- und 1960er-Jahre immer wieder Verfolgung zu erleiden hatte und es nach der Rehabilitierung 1984 bis zum Vizepräsidenten der Elite-Universität in Hefei brachte, hatte sich unter den Intellektuellen Chinas durch seine Kritik an Staat und Partei Respekt erworben. Für großes internationales Aufsehen sorgten im ersten Halbjahr 1989 sein Brief an Deng Xiaoping mit der Bitte um die Freilassung Wei Jingshengs 魏京生 und weiterer Dissidenten sowie seine Flucht in die US-Botschaft kurz nach dem Massaker vom 4. Juni.1453 Es ist der Gelehrte, der Vorschläge zur Vermeidung von Kälte macht und empfiehlt, dass die Menschen paarweise zusammen schlafen sollen. Gleichzeitig weist er auf die gesundheitlichen Gefahren hin und warnt davor, Menschenfleisch zu verzehren. Der Gelehrte versteht die Zeichen der Zeit und die Nöte der Menschen, die jedes Beharren auf verbindlichen Maßstäben für „moralisches“ und „angemessenes“ Verhalten der Menschen sinnlos erscheinen lassen („In Zeiten wie diesen geht es nur darum, nicht zu verhungern. Egal, was jemand dafür macht, es ist nachvollziehbar“).1454 Bestürzend ist allein, wie blind selbst der Gelehrte bis zum Schluss gegenüber dem wahren Charakter der Macht und der Obrigkeit im Staat bleibt, indem er davon ausgeht, dass Rettung organisiert wird. Bezeichnend für dieses autoritätsgebundene Denken der Intellektuellen in China ist ein Dialog zwischen dem Schriftsteller und dem Gelehrten (hier beschrieben in einer der in Ich-Form abgefassten Passagen des Schriftstellers): In einem beiläufigen Ton fragte mich der Gelehrte „Wie schätzt Du die Lage Deiner Erfahrung nach ein, handelt es sich bei dieser Hungersnot um eine regionale Katastrophe oder ist es eine landesweite Erscheinung?“ Ich dachte einen Moment nach, bevor ich erwiderte: „Vermutlich ist wenigstens die Hälfte des Landes davon betroffen, andernfalls ist es nicht nachzuvollziehen, warum wir von oben nicht die geringste Menge an Nahrungsmitteln erhalten.“ „Womöglich sind wir für diesen Staat vollkommen bedeutungslos“, sagte der Gelehrte mit gesenktem Kopf. Dann hob er den Kopf und sagte mit zweifelnder Stimme: „Vermutlich muss erst jemand sterben, dann wird man oben bestimmt zuallererst an uns denken.“1455 1452 Der Vorgang der schleichenden Herabwürdigung einer um Wahrheit und Exaktheit bemühten Wissenschaft wird bereits früh im Buch in einem Bericht des Schriftstellers so beschrieben: „Niemand behauptet mehr, die Quote von sechshundert Pfund pro mu sei nicht zu erfüllen, niemand reißt mehr intellektuell-besserwisserisch sein Maul auf und spricht von einem Unsinn wie falschen Mengenmeldungen, Übertreibungssucht [fukua 浮夸], Verstößen gegen die Wissenschaft und so weiter. Vielmehr lautet es nun aus aller Munde: ‚Wissenschaft ist Scheiße, tritt man in Scheiße, findet man das schmutzig. Am besten, man begräbt die Scheiße auf dem Feld‘“ (ebd., S. 29). 1453 Vgl. dazu und zu den Zeitzusammenhängen Bögeholz 1989, S. 92 ff. 1454 Vgl. Yan Lianke 2010a, S. 312. 1455 Ebd., S. 323. 448 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas Es ist kurz nach dieser Szene, als der Gelehrte – nachdem er (unwissendlich) die mit dem Fleisch des Schriftstellers zubereitete Mahlzeit zu sich genommen hat – vom Tode seiner Geliebten erfährt, die noch einmal von dem Militärkader aus dem Nachbarcamp vergewaltigt worden ist und dann an Hunger und Schwäche starb. Hier endlich, am Schluss von Yan Liankes Roman, scheinen die Figur des Gelehrten und des Schriftstellers ineinander aufzugehen, vorgetragen in einem durch alle Zeiten der chinesischen Geschichte weitergetragenen Schrei. Nachdem die beiden Männer Musik beerdigt haben, scheint dem Gelehrten angesichts der letzten Erlebnisse ein Licht aufzugehen. Er inspiziert die Gestalt des Schriftstellers, sieht die Wunden an den Waden des Mannes, das von der Kälte zu Eis gefrorene Blut, schweigt zunächst, erhebt dann einen klagenden, weinenden Schrei: „Intellektuelle[r] …, ach, Intellektuelle[r] [读书人]!“1456 Werfen wir zum Schluss dieses Abschnitts zur beeindruckenden Gestalt des Gelehrten einen Blick auf dessen Hinterlassenschaft, den Neuen Mythos von Sisyphus. Die Geschichte ist zu verstehen als ein Gleichnis für die Gewöhnung des Menschen an die Fügungen des Schicksals im Gefüge der Zeiten und die Bedeutung, die dem Prozess der Erinnerung dabei zukommt. Yan Lianke knüpft hier – ob wissentlich oder nicht, das lässt sich an dieser Stelle nicht sagen – an eine im 20. Jahrhundert vor allem im Westen durch Albert Camus und andere entwickelte literarische Neuinterpretation des klassischen Mythos an. Es ist, als habe Yan Lianke die letzten Sätze von Camus’ Essay über den Mythos des Sisyphos verwendet, nach denen der Kampf gegen den Gipfel ein Menschenherz auszufüllen vermag und wir uns Sisyphus als einen glücklichen Menschen vorzustellen haben. Für Schriftsteller aus den sozialistischen Ländern Osteuropas und speziell der DDR besaß Sisyphus immer einen ganz besonderen Reiz, wenn es darum ging, daraus eine Parabel auf den Umgang mit dem Sozialismus und die Lösung seiner Probleme zu formen.1457 Es ist gut möglich, dass die Gestalt des den Felsen bewegenden Sisyphus gerade für Vertreter jener Literaturen, die ideologisch dem klassischen sozialistischen Ideal des Werktätigen verbunden sind, ein hohes Maß an Attraktivität besitzt. In seinem Roman Vier Bücher hat Yan Lianke gekonnt ein neues Umfeld geschaffen: Das Unwissen über die Zukunft führt zu Vermutungen. Bei Sisyphus ruft die Regelhaftigkeit des Steintransports eine Gewöhnung hervor, er empfindet die Vergeblichkeit nicht als Strafe. Sisyphus wird als Held betrachtet, der seine Leiden und die Strafe klaglos erduldet. Die Menschen sind innerlich bewegt, fühlen die Tragik, betrachten die Duldung der Leiden durch Sisyphus als Schlüssel zum Umgang der Menschen mit der Realität. Doch bedeutet das ein Missverständnis, denn auch Sisyphus hat in seiner Entwicklung und dem Umgang mit seinem Schicksal innere Unruhe und Verwirrung durchgemacht. Es ist die Kraft der Zeit, die ihn zur Anpassung bringt, Anpassung ist der Feind der Zeit und die Waffe, mit der der Zeit gegenüber Widerstand geleistet und ein Kampf mit ihr ausgefochten wird. Ein Wechsel des Rhythmus würde 1456 Ebd., S.  345. Hier ist zwar nicht klar, ob er sich an den Schriftsteller wendet oder das Schicksal der Gelehrten allgemein beklagt, doch es klingt nach einem Urteil, das sich nicht streng zeitlich einordnen lässt. 1457 Vgl. etwa Günter Kunerts Gedicht „Sisyphos 1982“ und Volker Brauns Verse in „Das Vogtland“. 449 15 Literatur der Beschäftigung mit der Vergangenheit und Yan Liankes ‚Vier Bücher‘ für Sisyphus den Verlust von Lebenssinn bedeuten. Er lebt unbetroffen vom Wandel der Zeit und von Jugend und Alter. Doch eines Tages, Sisyphus folgt soeben dem vom Berg hinabrollenden Stein, um sich auf das Werk des nächsten Tages vorzubereiten, geschieht etwas Neues: Er sieht ein Kind. Das Kind wirkt aufgeschlossen, brav und interessiert. Als Sisyphus am nächsten Tag den Stein wieder den Berg hinaufrollt, sieht er das Kind nicht, allerdings bemerkt er es wieder, als er dem den Berg hinabrollenden Stein in der Abenddämmerung folgt. Sisyphus durchbricht das bisher von ihm eingehaltene Schweigen und verliebt sich in das Kind. Damit entdeckt er auch in der Strafe einen neuen Sinn. Ohne den Rhythmus des mühevollen Steinerollens würde er des hellen, freundlichen, strahlenden Kindes nicht gewahr. Dies löst in Sisyphus eine neue Leidenschaft für die Vorgänge in seinem Leben aus, auf seinem Gesicht werden neue Gefühle wie Milde und Freundlichkeit sichtbar. Doch Gott duldet es nicht, dass Sisyphus sein Schicksal so klaglos hinnimmt und eine neue Bedeutung darin findet. Gott verlegt den Ort des Steinebewegens auf die andere Seite des Bergs mit der Folge, dass der Stein nun von allein den Berg hinauf rollt, jedoch nur mit großer Mühe den Berg hinabgestoßen werden kann. Dieser Wandel führt zu neuer Strafe und zu neuen Verboten. Sisyphus sieht das Kind nicht mehr, damit kommt zu der körperlichen eine seelische Strafe. Gewöhnung und Desinteresse führen zum Verlust des Sinns von Strafe („Apathie und das Sich-mit-den-Dingen-Abfinden führen zu einem bedeutungsvollen Widerstand und bringen eine bedeutsame Kraft hervor. Apathie schafft Anpassung, in der Anpassung liegt Stärke. Auf der einen Seite des Berges lebt der Sisyphus des Westens, auf der anderen Seite des Berges lebt der des Ostens“).1458 Am Vorgang des vergeblichen Bemühens um ein Wiedersehen mit dem Kind bleibt Sisyphus verständnislos, immer kontrolliert von dem schweigend aus der Ferne auf ihn blickenden Gott. Sisyphus spürt angesichts der neuen Strafe, die Gott über ihn verhängt hat, den Zorn und Hass Gottes gegenüber seiner Person, er hat Mühe, das zu akzeptieren. Dies hat zum Teil damit zu tun, dass die Last schwerer geworden ist. Früher lief er dem von allein den Berg hinabrollenden Felsen hinterher, es gab eine Phase der Erholung. Nun ist nach dem neuen Modus zwar der Aufstieg leichter, doch er folgt auf den beschwerlicher gewordenen Abstieg, und Sisyphus muss beim Aufstieg zwar nicht mehr den Felsen, jedoch seine eigene Person auf den Berg hinaufbefördern. Es gibt also keine Pause mehr von der Erschöpfung, die Last hat zugenommen. Viel schlimmer ist aber noch, dass sich der Charakter des Wegs verändert hat. Früher schob er den Felsen mit gekrümmtem Rücken den Berg hinauf, dem Gipfel näher kommend, den Blick auf die Helligkeit des Himmels gerichtet und in dem Gefühl der Nähe zum Himmel und zu Gott. Für die Mühe beim Aufstieg schien ein Lohn zu winken. Jetzt gibt es diesen Lohn nicht mehr, da sich Himmel, Gott und Helligkeit auf dem mühsamen Weg nach unten in seinem Rücken befinden. Nach dem neuen Modus spürt er weit stärker die seelischen und körperlichen Dimensionen der Strafe, außerdem kommt hinzu, dass er die neuen Mechanismen nicht begreift, das Wirken der Kräfte nicht versteht, die den Felsen zwar problemlos den Berg hinauf-, jedoch nur mit Mühe hinabbefördern lassen. Die Folge ist ein großes Unverständnis gegenüber dem Sein: „Gott sprach zu ihm: ‚Du musst Gott die Prinzipien erklären, die an diesem seltsamen [guai 1458 Vgl. Yan Lianke 2010a, S. 386. 450 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas 怪] Abhang jene seltsamen Kräfte bewirken. Bist Du dazu nicht in der Lage, so wirst Du bis in alle Ewigkeit den Felsen nach unten schieben müssen.‘“1459 Sisyphus beginnt, sich über die geheimnisvolle Kraft hinter den Abläufen Gedanken zu machen („Doch was er nicht wusste, war, dass die Seltsamkeit [guai] des Nachdenkens, welches zu keinem Verstehen führte, eine neue Form der Strafe war, die Gott über ihn verhängt hatte und mit der er ihn ermahnen [戒处] wollte“).1460 Das ergebnislose Nachdenken verursacht ihm Kopfschmerzen und Kummer, er beginnt, seine einstige Liebe gegenüber Kind zu bedauern, wird unruhig, friedlos. In ihm kommt Groll auf, und es entsteht der Wunsch, Gott zu befragen, mit ihm zu disputieren („Doch er wusste, dass Gott, wenn er mit ihm diskutieren würde, noch größere Strafen über ihn verhängen und ihn mit weiteren Verboten heimsuchen würde“).1461 Die mühevolle Arbeit führt schließlich zu einem Prozess der Gewöhnung, der auch das Grübeln und Nachdenken beendet. Er akzeptiert die widersinnigen Abläufe, nimmt die Strafe an, welche zu einem Teil seiner selbst wird, im Einklang mit seinen körperlichen und seelischen Abläufen. Es kommt zu einem Wandel in der Beurteilung von Strafe, Kälte, Verbrechen und Hoffnungslosigkeit, in der Überwindung der göttlichen Strafe beginnt er, „den menschlichen Alltag zu lieben“.1462 In dem Vorgang des mühevollen Grübelns denkt er nicht mehr über die Probleme nach, die Gott ihm bereitet hat. Auch steht ihm nicht mehr der Sinn danach, die seltsamen Fragen zu lösen, ein setzt Gelassenheit („Die neue Form der Anpassung gab ihm neue Seinsgründe und Kraft. Nachdem er aufgehört hatte nachzudenken, wurde er ruhiger und ausgeglichener, er fühlte eine angenehme Gelassenheit“).1463 Doch er fürchtet, dass Gott seine Gelassenheit und das Nachlassen des Grübelns über die Dinge, wie sie sind, herausfinden könnte, entdecken könnte, dass er sich mit dieser neuen Form der Strafe zurechtgefunden hat. Damit scheint die Strafe für Sisyphus einen Sinn bekommen zu haben. Die Sorge in ihm kommt auf, dass Gott im Falle der Entdeckung die Strafe ein weiteres Mal abändern könnte, etwa indem er dem Felsen eine unförmige Struktur verliehe, weder rund noch eckig, und dass er den Felsen dann womöglich über einen Weg gerade immer um den Berg herum befördern müsste, immer auf einer bestimmten Linie. Dann wäre es ihm unmöglich, die Strafe, so wie sie jetzt ist und wie er sich daran angepasst hat, weiter fortzuführen. Um also einen Wandel zu verhindern und alles so zu belassen, wie es ist, liegt Sisyphus daran, sich bei seinem Tun eine Maske aufzusetzen, indem er vorgibt, die Welt nicht zu sehen und weiter zu grübeln. Damit überlistet Sisyphus am Ende Gott, dieser merkt nichts von seinen Wünschen und Hoffnungen. Der (westlichen) Religion aus der Position der kulturell in China gegebenen Religionslosigkeit gegenüberzutreten – wie Yan, wie ich weiter oben angeführt habe, das tut –, heißt freilich auch, der Religion einen ganz maßgeblichen Einfluss zuzugeste- 1459 Ebd., S. 387. 1460 Ebd. 1461 Ebd. 1462 Ebd., S. 388. 1463 Ebd. 451 15 Literatur der Beschäftigung mit der Vergangenheit und Yan Liankes ‚Vier Bücher‘ hen.1464 Die „Erlösung“ des Gelehrten, wie sie im letzten Romanabschnitt über Sisyphus von Yan ausgearbeitet wird und deren Hauptmerkmal darin besteht, auf keine Hilfe Gottes angewiesen zu sein, unterstützt den Charakter des „Homozentrismus“ 人本主义, der zufolge der Mensch das Maß aller Dinge darstellt.1465 Von einer höheren Abstraktionsebene aus betrachtet, handelt es sich bei Yan Liankes Vier Bücher um eine zutiefst pessimistische Kulturkritik.1466 Der Lagerkomplex nahe den Ufern des Gelben Flusses an einer der Quellen der chinesischen Kultur ist das Symbol für die todbringende, in regelmäßigen Abständen immer wiederkehrende Einwärtswendung der Politik und Kultur einer ganzen Nation. 15.9 Fazit. Anstatt eines Nachworts Man sollte Yan Liankes Vier Bücher nicht als „historischen“ Roman lesen, es geht darin nicht im strikten Sinne um Aufarbeitung von Vergangenheit. Dem Autor sind die in China – wie oben gesehen – immer noch heftig geführten Debatten der Historiker über die Hungerkatastrophe bekannt, die weiterhin vorgenommene Leugnung ist zum Teil grotesk, hohe Kader, die damals, Ende der 1950er bzw. Anfang der 1960er ihre Schuld eingestanden haben, mitverantwortlich für die Zustände gewesen zu sein, haben zugegeben, mit Menschenleben „gespielt“ zu haben. Yan Lianke geht es vielmehr darum, aus dem breiten Strom des Vergessens elementar Wichtiges an Erinnernswertem zu schöpfen und literarisch so umzugestalten, dass daraus auch der Gegenwart noch etwas Bedeutsames mitzuteilen ist. In Vier Bücher entwickelt Yan Lianke sein Konzept des „transzendentalen Realismus“ 神实主义 weiter. Er schafft mit Vier Bücher eine transzendente Form der Wissensstruktur, mit der das, „was im tatsächlichen Leben unmöglich realistisch wiederzugeben ist, mittels illusorischer Fragmente zusammengefügt wird“.1467 Der Leser wird nicht zur faktenbasierten Geschichte hingeleitet, mittels der eingesetzten Symbolik führt der Autor den Leser vielmehr von den Fakten fort. Was der Verfasser Yan mit seinem Umgang mit Geschichte im Sinn hat: In einer Zeit, in der die Alltagslogik vollkommen außer Kraft gesetzt ist, gibt es für den Autor keine Verbindlichkeit mehr, im historischen Sinne authentisch und „wahr“ zu schreiben. Er kann die „normale“ Logik kippen, um sie hernach neu zu erschaffen.1468 1464 Man kann Yan Liankes Roman Vier Bücher daher auch sehr gut als den Versuch verstehen, seiner an anderer Stelle formulierten Ansicht über die Religionslosigkeit in China, das Fehlen religiöser Anteilnahme 宗教情怀 und die Problematik eines Mangels an Mitleid sowie der diesbezüglich Yan zufolge vorhandenen Kraftlosigkeit der Literatur auf neuartige und kreative Weise literarisch Ausdruck zu geben. Vgl. Yan Lianke 2010b, S. 65. 1465 Vgl. Long Huiping 2014, S. 79. 1466 Auch in chinesischen Untersuchungen zum Buch wird – wenn auch umständlich verbrämt – klargemacht, dass es schlechterdings unmöglich ist, Vier Bücher vollkommen unpolitisch zu lesen. Vgl. Long Huiping 2014, S. 80. 1467 Zit. nach Cheng Guangwei 2012, S. 95. 1468 Vgl. ebd., S. 89. 452 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas Vier Bücher ist dabei unter anderem eine Absage an jeden Versuch des utopischen Denkens, es ist eine an zahlreichen Stellen voll bewusster Redundanzen und Übertreibungen traurige Satire auf den „neuen Menschen“: der Mensch als „schuldbelastetes Wesen, das der Erneuerung bedarf “ 罪人要育新者,1469 um eine Stelle aus dem Text zu zitieren, mit der immer auch der Leser in der Gegenwart angesprochen wird. Yan bietet also ein „Schauspiel“. Mit der Namenlosigkeit seiner Protagonisten gelingt es Yan Lianke darüber hinaus, den Roman auf ein weltliterarisches Niveau zu heben.1470 Die Dürre der offiziellen Erinnerungen an die Katastrophen in den 1950er-Jahren und die fehlenden Quellen stellt für die Literatur wie die von Yan Lianke eine große Herausforderung dar, bietet aber auch Vorzüge. Das Holzschnittartige der Figurenbeschreibung in Vier Bücher dürfte auch damit zusammenhängen, dass über das Leben der Menschen in jenen Zeiten, so, wie es „wirklich“ war, immer noch recht wenig bekannt ist und vielleicht auch nie mehr bekannt werden wird. Yan Lianke hält sich im Großen und Ganzen an die bekannten Fakten.1471 Dies ermöglicht es dem Autor, die Geschichte vom historisch-faktischen in einen allgemeinen Deutungsraum zu heben, der überzeitlich und übernational ist. In Yan Liankes Vier Bücher wird parallel zur Entwicklung hin zur Hungerkatastrophe die geistige, seelische und moralische Dürre aufgezeigt, zu der es kommt, wenn die Politik den Menschen keine Räume lässt. Auch von hier aus lässt sich eine Brücke zur Gegenwart schlagen: Yan Lianke beschäftigt sich mit der Katastrophe vor Jahrzehnten und übt gleichzeitig fundamentale Systemkritik. In den Namenlosen aus Vier Bücher spiegeln sich die Schicksale der Opfer von staatlicher Willkür, Ignoranz und brutaler Gewalt auf der Welt. Yan Lianke beschreibt keine Einzel-, sondern Weltschicksale. Er gibt den Millionen vergessenen Opfern von Hunger und Unterdrückung in China ihre Schicksale und Namen nicht zurück, aber er hat ein Buch gegen das Vergessen geschrieben, sein Vier Bücher ist ein zweiter, ein literarischer Gedenkstein neben Yang Jishengs Grabstein. Ob bewusst oder unbewusst, die mit Vergangenheit und Erinnerung beschäftigten Autoren im China unserer Zeit stehen in der Tradition ihrer Vorgänger, wenn sie Geschichte ergänzen oder gegen die bestehenden Geschichtsbilder anschreiben. Sie zu erinnern, ja, darüber hinaus gar die Vergangenheit zu verarbeiten, zu bewältigen, bedeutet, wenn man sie aus dem rein persönlichen Raum heraus- und in einen geschichtlichen Raum hineinhebt, neben der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Ereignissen auch die emotionale Hinwendung zur Geschichte und ihre Vergegenwärtigung in der Kunst. 1469 Vgl. Yan Lianke 2010a, S. 26. 1470 Mit der Frage nach dem Charakter von Weltliteratur, ihrer Wirkung und den angelegten Maßstäben hat sich Yan Lianke in seinen Schriften zur Literatur immer wieder beschäftigt. Hierauf kann an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden, es sei verwiesen auf die eingehenden Erörterungen des Thema in dem Band Yan Lianke 2010b, in dem sich Yan Lianke gesprächsweise zur Weltliteratur, der Bedeutung der südamerikanischen Vertreter des Magischen Realismus usw. äußert. 1471 Vergleiche hierzu auch die weiter oben genannte Kritik durch einige chinesische Literaturwissenschaftler. 453 15 Literatur der Beschäftigung mit der Vergangenheit und Yan Liankes ‚Vier Bücher‘ Im Gegensatz zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zeichnet sich die künstlerische durch einen mehr emotionalen und persönlichen Zugang aus. Da sie sich nicht zwangsläufig an Fakten und allgemein akzeptierten Wahrheitsvorstellungen orientiert, ist die Abwägung von Authentizität, künstlerischer Freiheit und Darstellbarkeit stets gegenwärtig. Die Verbindung von Geschichte und Fiktion geht dabei weit über das bloße Erinnern und Sich-Vergegenwärtigen hinaus. Verinnerlichte – und genau das heißt erinnerte – Vergangenheit findet ihre Form in der Erzählung. Diese Erzählung hat eine Funktion. Entweder wird sie zum „Motor der Entwicklung“, oder sie wird zum Fundament der Kontinuität. In keinem Falle aber wird die Vergangenheit „um ihrer selbst willen“ erinnert. In vieler Hinsicht präsentiert sich die chinesische Literatur bei der Auseinandersetzung mit „Geschichte“ in verschlüsselter Form. Ein Schlüssel zum Verständnis – dies meine These – ist das Bewusstsein der bestehenden Spannung zwischen der offiziellen Geschichtsschreibung und der Notwendigkeit der Literatur, ihre Lücke zu finden. Der Schlüssel besteht nun darin, zu erkennen, dass es die chinesischen Literaten immer wieder verstanden haben, zwischen den Zeilen zu schreiben. Viele Werke der chinesischen Literatur sind im Lichte dieser Vermutung wohl ganz neu zu lesen. Man ist als Deutscher angesichts der Geschichte des eigenen Landes im zurückliegenden 20. Jahrhundert vielleicht in besonderer Weise sensibel geworden im Umgang mit Fragen zum Thema „Vergangenheit“. Auch in Deutschland hat zu einer Zeit, da die Zahl der Zeugen von Verbrechen aus den 1930er- und 1940er-Jahren und zu Zeiten der DDR von Tag zu Tag weniger werden, die Vergangenheit nicht mehr denselben Stellenwert wie – sagen wir – in den 1960er- oder 1970er-Jahren. Daran ändert sich auch nichts, wenn heute noch einmal die Gerichte bemüht werden, um Täter für ihre jahrzehntelang unbestraft gebliebenen Taten zur Rechenschaft zu ziehen. Die Welt hat sich weiterentwickelt, der Blick ist nach vorne gerichtet. Es hat, so kann man das vielleicht nennen, ein eher natürlicher Prozess des Vergessens eingesetzt, nicht allein, weil es lästig wäre, die Erinnerungen stets wieder hervorzuholen oder mit erhobenem Finger an die Vergangenheit erinnert zu werden. Die Zahl der echten Leugner deutscher Verbrechen aus der Vergangenheit dürfte stark zurückgegangen sein, es geht nicht mehr darum zu verhindern, dass jemand „aus der Geschichte aussteigt“. Wer will, dem stehen über die staatlich und privat organisierte Erinnerungskultur jederzeit die Möglichkeiten einer Beschäftigung mit der Vergangenheit zur Verfügung. Doch gibt es hier vor allem bei den bestehenden Möglichkeiten des Erinnerns einen erheblichen Unterschied zu China: Dort hat nicht das bewusste Erinnern, sondern ein mit großem Aufwand betriebenes Vergessen den Vorrang.1472 Ich will mich am Schluss dieses längeren Abschnitts daher noch kurz – und wieder mit Blick auf die „eigene“ Geschichte – mit der Frage beschäftigen, welche Auswirkungen dieses bewusste Vergessen hat. 1472 Yan Lianke beschreibt diesen Vorgang des bewusst betriebenen Vergessens in seinem schönen Essay so: „The amnesia I’m talking about is the act of deleting memories rather than merely a natural process of forgetting. Forgetting can result from the passage of time. The act of deleting memories, however, is about actively winnowing out people’s memories of the present and the past“ (vgl. Yan Lianke 2013b). 454 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas Es gibt im China unserer Tage weder den gesicherten politisch-gesellschaftlichen Raum noch den erkennbaren und artikulierten Wunsch nach einer umfassenden Aufarbeitung der Ereignisse und Erlebnisse aus der Vergangenheit, die auch psychosozialen Fragen Beachtung schenkt, um die Gegenwart erträglicher zu gestalten. Woran es China mangelt, das sind u. a. verlässliche und angemessene Zeitdiagnosen. Eine Arbeit, wie sie Alexander Mitscherlich (1908 – 1982) und Margarete Mitscherlich (1917 – 2012) 1967 mit Die Unfähigkeit zu trauern vorlegten, scheint in China noch in weiter Ferne zu liegen. Forschungen zu den Folgen der Jahrzehnte zurückliegenden politischen Verfolgung sind offensichtlich weiterhin nicht erwünscht, Therapien dementsprechend so gut wie nicht vorhanden. Wenn man den Angaben in der Presse glauben kann, dann gibt es in China nur eine Handvoll von Forschern, die sich – quasi im „wissenschaftlichen Untergrund“ arbeitend – mit dem brisanten Thema beschäftigen, mit ihren Ergebnissen aber nicht an die Öffentlichkeit heranzutreten wagen, da „die Zeit noch nicht reif sei“ 还不是时候.1473 Häufiger finden sich dagegen richtungsweisende Kommentare von zumeist hochbetagten Zeitgenossen, die es nicht nötig haben, in der kurzen ihnen noch zur Verfügung stehenden Zeit noch ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Erkennbar wird dann an der einen oder anderen Äußerung, die sich aus der Erinnerung an durchgemachte politische Verfolgung speist, der Wunsch, die Vergangenheit nicht nur als „Lehrmeister“ anzusehen, um die Wiederholung von früher gemachten Fehlern zu vermeiden, sondern aus ebendem Umgang mit der Vergangenheit auch für die Gegenwart und erst recht für die Zukunft jenes Maß an Zuversicht und Selbstvertrauen zu schöpfen, das ein Staat und eine Gesellschaft für die Bewältigung der Anforderungen in der „Moderne“ benötigen. Derartige Äußerungen sind dann immer auch im Kontext 1473 Zitat von einem namentlich nicht genannten Wissenschaftler aus dem Artikel von Fan Chenggang 2013. Einer der offenbar führenden Experten auf dem Gebiet, ein Psychologe namens Shi, Leiter der Psychologischen Forschungsstelle der südchinesischen Stadt Wuhan, gibt in dem Artikel Einblick in seine Arbeit und die gesammelten Erfahrungen. In dem Artikel findet sich der Hinweis, dass es mit deutschen Experten seit den 1980er-Jahren eine enge Zusammenarbeit und die Durchführung von Projekten gebe, aus Deutschland komme die einzige substanzielle Unterstützung. Deutsche Namen, die im Text genannt werden, sind Alf Gerlach, Antje Haag, Margarete Haaß-Wiesegart. Auch die Arbeit von Herrn Shi wird, so ist dem Artikel zu entnehmen, weitgehend im Verborgenen durchgeführt, Publikationen zum Thema seien kaum möglich, öffentliche Konferenzen eine Rarität. Gemeinsam mit den deutschen Experten ist in der Vergangenheit eine Reihe von Untersuchungen durchgeführt worden, die Aufschluss über die drastischen psychischen Folgen der Jahrzehnte zurückliegenden Ereignisse lieferten (etwa als Augenzeugen von Selbstmorden, Opfer von Überfällen der Roten Garden in den eigenen vier Wänden, öffentliche Bloßstellungen usw.). Festgestellte Krankheiten sind u. a.: übersensible Reaktion, Depression, Bindungsangst und Wahnzustände. Shi führt seit 1996 therapeutische Behandlungen durch. Wichtig ist der Hinweis, dass die direkt betroffenen Opfer ihre Traumata vor allem in Form von Gewalt an die nächste Generation überliefern: „Kollektive Verletzungen haben nicht nur Auswirkungen auf den direkt Betroffenen, sondern werden weitergegeben an die Generation der Söhne und Töchter und möglicherweise noch weitere Generationen.“ Der Großteil der Betroffenen gab an, Opfer gewesen zu sein, nur eine Person sagte von sich, als Täter anderen geschadet zu haben. 455 15 Literatur der Beschäftigung mit der Vergangenheit und Yan Liankes ‚Vier Bücher‘ von Diskussionen zu verstehen, bei denen es um Veränderungen des politischen Systems in China geht (Stichwort „Verfassungsdiskussion“).1474 Solange in dieser Hinsicht keine konkreten Maßnahmen eingeleitet werden, wird weiterhin ein echtes Selbstbewusstsein verhinderndes Schuldbewusstsein vorherrschen, wofür es im Englischen die Umschreibung default position gibt.1475 Der feste Zugriff chinesischer Zensoren auch auf schwierige Themen aus der Vergangenheit gewährt für den Augenblick den positiven Eindruck des organisierten Verschweigens und Verdrängens im Gefühl der Machtbeherrschung und Kontrolle. Unberücksichtigt bleibt dabei, dass der etwas Verschweigende sich letztlich in falscher Sicherheit wiegt, das „System“, für das er steht, beweist mit jeder neuen Maßnahme der Unterdrückung, dass es dem, der etwas verschweigt, zutiefst misstraut und dass einst aus Wissen Empörung aufkommen und Widerstand erwachen könnte. Die Folgen des Schweigens und Verschweigens sind nicht leicht konkret zu benennen, und es wäre sicher einseitig, würde man bestimmte gesellschaftliche Aberrationen oder gar persönliche „Entgleisungen“ auf diesen Punkt reduzieren wollen.1476 Bei dem Versuch, individualpsychologische Kategorien und Einsichten auf Gesellschaften oder Völker zu übertragen, setzt man sich – wie Richard Schröder mit Bezug auf den Umgang mit Erfahrungen in der ehemaligen DDR festgestellt hat – zudem schnell dem Verdacht aus, „pseudowissenschaftliche Plausibilitätserschleichung“ zu betreiben.1477 Dennoch gibt es unabhängig von der subjektiven Wahrnehmung Zeugnisse dafür, dass 1474 Ich führe hier die Ausführungen Sechs Aufzeichnungen über mein Leben des kürzlich verstorbenen Zeng Yanxiu (2014) an. Zeng (1919 – 2015), hatte in den 1940er- und 1950er-Jahren auf hohen Posten im Propaganda- und Verlagswesen gearbeitet, bevor er 1957 zum Rechtsabweichler erklärt wurde. In den Aufzeichnungen arbeitet er das auf, was ihm seit den 1950er-Jahren widerfahren ist. Sein Fazit, aus dem Schlussfolgerungen über die weiterhin bestehenden Mängel im System und im Umgang mit der Vergangenheit zu ziehen sind, lautet: „Wir sollten jedem Menschen ein hohes Maß an Selbstrespekt zugestehen, es ist unzulässig, von den Menschen über Jahrzehnte hinweg täglich Selbstkritik und Selbstbeschmutzung zu fordern und den Respekt gegenüber sich selbst aufzugeben. […] Die Selbstverkrüppelung [自我削弱] der Menschen einer Nation hat meist vollkommen mit inneren Faktoren und nicht mit Kräften zu tun, die von außen wirken. […] Man merke sich: Der Mensch kann ebenso wenig ständig bei Hunger leben wie er ein Leben im Zustand der dauerhaften Erniedrigung zu fristen im Stande ist. Wo bleibt die Würde einer Nation, wenn sich daran nichts ändert? Man präge sich weiterhin ein: Ohne den individuellen Respekt kann es nationalen Respekt nicht geben“ (ebd., S. 165 f.). 1475 Ich entnehme den Terminus der Arbeit von Lim 2014, wo es bezüglich des 4. Juni 1989 heißt: „The students had lost out in every way. Their intentions had been good, but their actions might have unleashed unthinkable chaos on the country. The government had done what was necessary to regain order, and the winners had been the ordinary people who kept their heads down, followed the rules, and were now enjoying the fruits of their hard work. Such had become the default position in today’s China“ (ebd., S. 57). 1476 Die Mitscherlichs (1990) sprachen bei ihrer Analyse von Krankengeschichten von der Notwendigkeit, sich aus den Vorurteilstypen der eigenen Geschichte zu lösen, andernfalls „werden wir an unseren psychosozialen Immobilismus wie an eine Krankheit mit schweren Lähmungserscheinungen gekettet bleiben“ (ebd., S. 91). 1477 Vgl. den Artikel Schröder 2014. 456 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas die unverarbeitete Vergangenheit, der Umstand, dass man von Themen weiß, über die aber nicht gesprochen werden darf, zu Zynismus, Lähmung und Desinteresse führen kann.1478 Eine Gesellschaft wird von innen her gelähmt, wenn trotz besseren Wissens eine allgemeine Gleichgültigkeit aufkommt und eine Form des – wie ich es nennen möchte – „verschmutzten Denkens“ um sich greift. Yan Lianke hat diesen schleichend verlaufenden Vorgang des Selbstvergessens folgendermaßen beschrieben, wenn selbst das Vergessen zur Gewohnheit wird: Gradually we become accustomed to amnesia and we question people who ask questions. Gradually we lose our memories of what happened to our nation in the past, then we lose the sense of what’s happening in our nation at present, and, finally, we run the risk of losing memories about ourselves, about our childhood, our love, our happiness and pain.1479 Dass auch für das System selbst, das auf ein totales Vergessen setzt, eine Bedrohung erwachsen kann, wenn junge Menschen in China, die mit dem „4. Juni“ nichts anfangen können, damit zusammenhängendes Material nicht erkennen und es ggf. online stellen (anstatt es wie gewünscht zu zensieren), zeigen Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit.1480 Bemerkenswerterweise scheint ein politisches System, das wie in China das Vergessen bestimmter Themen in nahezu exzesshaftem Ausmaß betreibt, von etwas wie einer „Auto-Amnesie“ befallen werden zu können, wenn selbst bekannte Namen von Systemvertretern nicht mehr präsent sind.1481 Langfristig gesehen wäre es aufschlussreich, anhand von belastbarem Material mehr über die sozialen Folgen der jahrzehntelang praktizierten Verdrängung und Verleugnung von Verbrechen in der Vergangenheit und der Unterdrückung von Informationen in China herauszufinden sowie die Besonderheiten von anderswo im Rahmen von postdiktatorischen Traumatisierungen festgestellten Phänomenen wie plötzlichen „Flashbacks“, Erscheinungen des kollektiven Stockholm-Syndroms u. Ä. in der volksrepublikanischen Gesellschaft der Gegenwart nachzuweisen.1482 Nicht verwunderlich ist jedenfalls, dass die Aussagen von Interviewpartnern zu ihrer Vergangenheit und dem Erleben des Kommunismus in der in der vorstehenden Fußnote angeführten Arbeit von Wambach in starkem Maße den Selbstauskünften in ausgewählten Texten der weiter oben erwähnten chinesischen Memoiren-Literatur (Zhu Weibo [2013], Zeng Yanxiu [2014]) ähneln. 1478 Vgl. das Zitat eines Soldaten, dessen Verbände im Frühjahr 1989 auf dem Tian’anmen eingesetzt waren, in: Lim 2014, S. 28. 1479 Yan Lianke 2013b. 1480 Vgl. Lim 2014, S. 96 f. 1481 Nach dem Vortrag des ehemaligen deutschen Generalkonsuls Leonberger 2013 an der USST in Shanghai, in dem kurz auf den 4. Juni 1989 und den ehemaligen Ministerpräsidenten Li Peng eingegangen wurde, fragte ein Student, wer Li Peng sei. 1482 Vgl. dazu die auf der Grundlage von Zeitzeugnissen und Interviews mit älteren Bürgern der ehemaligen Tschechoslowakei an der Universität Wien angefertigte Dissertation von Wambach 2010, zu den vorgenannten Begriffen siehe vor allem die Seiten 26 („Flashbacks“) und 191 f. (Stockholm-Syndrom). 457 15 Literatur der Beschäftigung mit der Vergangenheit und Yan Liankes ‚Vier Bücher‘ Die Grenzen zu einer umfassenden Aufarbeitung von „Vergangenheit“ in einem nicht überwundenen politischen System wie in China liegen auf der Hand: Die Vergangenheit, wie ich sie in diesem Abschnitt behandelt habe, ist in den Gefühlen der Menschen (noch) nicht angekommen, was fehlt, das ist eine Bewusstheit. Von Gier und Konsumwunsch getrieben, an Unterdrückung und Bevormundung gewöhnt, von zahllosen politischen Kampagnen erschöpft, ist echte Trauer, wie sie die Mitscherlichs forderten, nach wie vor nicht möglich. Es liegt damit an der Literatur, die Pathologien von Unterdrückern und Unterdrückten offenzulegen. Ist China samt seiner Literatur, um zum Schluss den Bogen wieder zum Anfangskapitel zu spannen, aus dem Koma erwacht? Man wird das bezweifeln müssen. Die Beschäftigung mit der Vergangenheit im Sinne einer politischen, rechtlichen und künstlerischen Auf- und Bearbeitung ist immer – nicht nur in China – work in progress. Da problematische Vergangenheit in China weitgehend schlecht dokumentiert und weder politisch noch rechtlich ausreichend aufgearbeitet ist, kommt der Literatur eine besondere Rolle zu, um die Erinnerung wach zu halten. Dieser Anspruch ist zum Teil auf sehr beeindruckende Weise erfüllt und bei Weitem nicht abgeschlossen. Abzuwarten bleibt, was die nächste, die jüngere Autorengeneration aus dem Thema macht. Die hier vorgelegte Arbeit stellt den Versuch dar, die Geschichte Chinas während der vergangenen knapp drei Jahrzehnte mithilfe der Literatur zu deuten. Die beschriebene Auslotung geistig-künstlerischer Räume will aber freilich mehr, als nur Auskunft darüber geben, was sich literarisch getan hat. Diese Arbeit versteht sich auch als Material, die tiefe geistige Krise zu veranschaulichen, die – sollte sie längere Zeit anhalten – zu einer kulturellen ebenso wie einer sozialen, politischen und wirtschaftlichen Lethargie führen wird, eine Gefahr, über die man im Westen angesichts einträglicher Geschäfte im Reich der Mitte nicht gerne spricht. Recht und Freiheit sind keine auf den Westen beschränkbaren Werte, sondern stellen eine Notwendigkeit in der Entwicklung dar, auf die man auch in China bei der Herausbildung eines modernen Staats- und Gesellschaftswesens nicht wird verzichten können. Wirtschaftlich gesehen hat sich China bereits wenige Jahre, nachdem es in der Folge des Massakers vom 4.  Juni 1989 vorübergehend in einen komatösen Zustand geraten war, fraglos „erholt“. Kulturell und literarisch gesehen allerdings steht ein endgültiges „Erwachen“ nach wie vor aus. Der komatöse Riese hat sich bewegt, das Laufen schnell wieder erlernt, doch sein Bewusstsein nach wie vor nicht ganz zurückerlangt – die aktuelle Propaganda-Metapher vom „Chinesischen Traum“ ließe sich hier herrlich persiflieren. Dies liegt zum Teil fraglos auch am Umgang mit der Vergangenheit. Die KPCh hat ihr Erbe, die Politik nach 1949, nicht vollständig aufgearbeitet, um die Legitimität der eigenen Herrschaft in der Gegenwart weiter unangefochten beanspruchen zu können, die sich aktuell vor allem auf wirtschaftliche „Erfolge“ beruft. Zur Bewahrung seiner Stabilität kauft sich China Zeit, was vorübergehend angemessen sein mag, langfristig jedoch zu einem geistig-moralisch-kulturellen Vakuum führt.1483 Kulturentwicklung, das wissen wir seit den Arbeiten Freuds, hängt stark von einem Schuldgefühl ab, auch wenn der Preis dafür die Glückseinbuße ist.1484 Nur durch Schuldgefühle, bei 1483 Zur Frage des moralischen Vakuums siehe auch das Nachwort in: Lim 2014, S. 211. 1484 Vgl. Mitscherlich 1990, S. 377. denen das andere (der Mensch, die Geschichte usw.) eine wirkliche Erfahrung darstellt, gezeigt und gelebt wird, kann sich „Kultur“ entwickeln. Chinas Literatur der vergangenen knapp drei Jahrzehnte hat – zum Glück, muss man sagen – zum Teil Räume gefunden, doch den einen, schützenden Raum, in dem sich kreative Energie unbehindert entfalten kann, gibt es weiterhin nicht.

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References

Zusammenfassung

Die Frankfurter Buchmesse von 2009 liegt einige Jahre zurück. Damals war China Gastland und hat sich von seiner besten Seite gezeigt. Warum also heute ein Buch über die chinesische Gegenwartsliteratur schreiben? Die Antwort darauf fällt kurz aus: Weil 2009 viel zu wenig gesagt wurde. China ist ein Land der Widersprüche, und noch immer spielen Zensur, Verschweigen und Beschönigungen eine große Rolle. Wer das Land aber verstehen will, der tut gut daran, auch seine Literatur zu verstehen und die Bedingungen, unter denen sie heute existiert: Wie stark ist die offizielle Gängelung – gibt es Zensur, und wie funktioniert sie? Wie steht es um die Verlage – sind sie noch fest im Griff der Partei? Und wie funktioniert die Interaktion zwischen Autoren, Verlagen und Lesern? Anhand namhafter älterer und jüngerer Autoren aus der Volksrepublik unternimmt der Sinologe Thomas Zimmer erstmals den Versuch, die Spielräume von Literatur, Kunst und Kultur im Spannungsfeld staatlicher Kontrolle, Zwängen des Marktes und zunehmender internationaler Vernetzung im China der Gegenwart zu erörtern.