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2 Einleitung in:

Thomas Zimmer

Erwachen aus dem Koma?, page 13 - 20

Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3911-3, ISBN online: 978-3-8288-6659-1, https://doi.org/10.5771/9783828866591-13

Tectum, Baden-Baden
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13 2 Einleitung 2 Einleitung Die Frankfurter Buchmesse von 2009 mit China als Gastland liegt schon wieder einige Jahre zurück, warum also heute ein Buch über die chinesische Gegenwartsliteratur? Die Antwort darauf könnte kurz und bündig folgendermaßen ausfallen: weil 2009 viel zu wenig gesagt wurde. Die große Aufmerksamkeit, die die Ereignisse um die Buchmesse in der Öffentlichkeit genossen, führte zwangsläufig zu Verkürzungen, Vereinfachungen, Entstellungen und Missverständnissen. Wer ehrlich zurückblickt, wird sich an kaum mehr erinnern als an den Ärger mit den als Mitveranstalter (und nicht zuletzt als großzügige Sponsoren) auftretenden Chinesen. Am wenigsten im Gedächtnis geblieben ist die damals präsentierte Literatur. Das hat zum einen mit den damals vorgestellten Publikationen zu tun, auf die ich noch ausführlicher zu sprechen komme. Ganz besonders aber lag es an dem Ereignis selbst und an seiner Aufmachung. Die Neugier hier in Deutschland speiste sich aus dem verständlichen Wunsch der literarisch Interessierten, etwas über das Land und seine Literatur zu erfahren. China seinerseits hatte – wenigstens war das den Eingeweihten klar – dagegen ganz andere Ziele: Auf der Buchmesse sollte es weniger um Literatur als darum gehen, sich der Welt von seiner kulturellen Seite zu zeigen. Auch dieser Wunsch ist legitim, führt aber im Falle eines gesichtsbesessenen Landes wie China schnell zu Beschönigungen. Auf der bereitgestellten Bühne gibt es dann kaum Austausch, sondern nur eine Show, die der Zuschauer goutiert oder auch nicht – so auch in Frankfurt im Herbst 2009. Natürlich hatte man Foren geschaffen, auf denen eifrig über diese und jene Frage der chinesischen Literatur diskutiert wurde, zu einer echten Begegnung zwischen Autoren und Lesern kam es dagegen nicht. Mit ein wenig Abstand zur Buchmesse und zu der seinerzeit in den Medien geschürten Hysterie findet man auch wieder einen unverkrampfteren Zugang zur Literatur. Denn es verhält sich doch so: In den Medien ist China mittlerweile eine Dauerpräsenz gesichert. Doch hat das, was da über China berichtet wird, meistens nur wenig mit seiner Kultur im weiteren und der Literatur im engeren Sinne zu tun. Wir sehen, lesen und hören viel über politische Ereignisse, den Wirtschaftsboom, Menschenrechtsverletzungen, die Umweltverschmutzung – doch wenn es nicht gerade um den inhaftierten Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo 刘晓波 und sein Schaffen oder den im Sommer 2011 nach Deutschland geflüchteten Dissidenten Liao Yiwu 廖亦武 geht, lesen wir so gut wie nie etwas über die aktuelle Literatur. Das ist umso bedauerlicher, als sich in China – von weiten Teilen der Welt unbemerkt – auch literarisch in den vergangenen 20 Jahren jede Menge getan hat. Ein ganz wesentliches Ziel dieses Buches, das von einem Literaturbegeisterten stammt, ist es daher, die bestehenden Lücken zu füllen und zu erklären, wo die Literatur Chinas heute steht, welche Probleme es gibt und unter welchen Voraussetzungen sie sich entwickelt. Angesprochen werden sollen mit diesem Buch all jene, die sich für China, seine rasante Entwicklung und natürlich seine Literatur interessieren, denn Gesellschaft und Literatur sind nicht voneinander zu trennen. Ich werde also versuchen, die Entwicklung der Literatur Chinas während der vergangenen 20 Jahre unter Berücksichtigung der politischen, kulturellen, gesell- 14 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas schaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu erklären. Chinas Literatur hat Impulse empfangen und Impulse gegeben, sie steht nicht im luftleeren Raum. Wer China heute verstehen will, der tut gut daran, auch seine Literatur zu verstehen, sie bietet eine gute Orientierung. Das Feld, auf dem man sich dabei bewegt, ist weit: Die behandelten literarischen Themen spielen selbstverständlich eine wichtige Rolle, uns interessieren die Autoren, ihr Stil, überhaupt die Sprache, mit der sie operieren. Aber das ist nicht alles, denn ebenso muss man klären, unter welchen Bedingungen die Literatur heute existiert. Wie stark ist die offizielle Gängelung noch, gibt es Zensur, und wie funktioniert sie? Welche Rolle spielt der chinesische Schriftstellerverband heute noch in einer Zeit, in der Literatur nicht mehr einfach „produziert“ wird, sondern (idealerweise) aus einem kreativen Interesse der Verfasser heraus entsteht. Wie steht es um die Verlage, sind sie noch fest im Griff der Partei, und wie viel Freiheit haben sie, um sich im Markt zu behaupten? Wie lebendig ist der chinesische Literaturbetrieb, gibt es eine Öffentlichkeit? Wie funktioniert die Interaktion zwischen Autoren, Verlagen und Lesern? Was sagen die chinesischen Literaturpreise über die Qualität der Werke aus? Man sieht, um die Literatur Chinas heute zu verstehen, gilt es, eine Vielzahl von Fragen zu klären. Nicht auf alles, um dies gleich vorwegzunehmen, wird hier eine befriedigende und vollständige Antwort zu geben sein, dazu sind die Ereignisse oft noch viel zu sehr ihm Fluss. Aber es gibt genügend Material – und sei es auf Chinesisch –, um die Grundtendenzen in der Entwicklung aufzuzeigen und Schlüsse zu ziehen, wie es möglicherweise weitergeht. Die vorstehenden Bemerkungen machen deutlich, worin sich diese Studie von den Büchern unterscheidet, die in den zurückliegenden Jahren und vor allem im Zusammenhang mit der Buchmesse 2009 veröffentlicht wurden. In Deutschland erschien damals neben den ohnehin übersetzten Romanen eine Reihe von Anthologien mit Kurzgeschichten, in denen die Auswahl vor allem mit dem Argument erklärt wurde, einen möglichst breiten Einblick in das Leben in China zu geben: die Literatur als Spiegel aktueller Entwicklungen im Lande.2 So anschaulich und instruktiv das sein kann, die Vielfalt allein erklärt letzten Endes nicht genug. Und nebenbei bemerkt können die vorgelegten Übersetzungen nicht immer durch Qualität überzeugen, vor allem aber sind sie nicht in der Lage, etwas über ganz grundlegende Dinge der chinesischen Literatur unserer Zeit auszusagen. Das auf diese Weise vermittelte Bild der Literatur bleibt trotz einiger Anleitungen im Vor- oder Nachwort zu den Anthologien schlichtweg zu vage.3 Auch ich will die Literatur weitgehend selbst sprechen lassen, doch darüber hinaus geht es darum, so anschaulich wie möglich über die Literatur zu sprechen. Aber was heißt nun Literatur? Schließlich ist es unmöglich, auch nur einen ernst zu nehmenden Bruchteil der gesamten Literatur in dem Zeitraum seit 1989 zu berücksichtigen. Meine Wahl fällt – wie ich den Ausführungen im nächsten Kapitel zur Methode, die beim Abfassen dieser Studie zugrunde gelegt wurde, voranschicken möchte – auf 2 Als Beispiele seien hier angeführt Henningsen 2009; Li/Bartz 2009; Hasselblatt/Buchta 2009; Meinshausen 2003; Meinshausen/Rademacher 2009. 3 Neben Bemerkungen in den vorstehend angeführten Anthologien seien hier noch einige Bücher aus den zurückliegenden Jahren angeführt, in denen sich Hinweise auf die literarischen Entwicklungen im China der Gegenwart finden: Hermann/Kubin 2009; Woesler 2010; Diefenbach 2005; Winter 2010. 15 2 Einleitung den Roman (abgesehen von Ausnahmen, anhand deren bestimmte sprachliche, stilistische oder thematische Probleme am Beispiel von Kurzgeschichten, Novellen oder Essays deutlich gemacht werden). Der Roman in seiner Eingängigkeit, der Fähigkeit zu veranschaulichen, spiegelt womöglich wie keine andere literarische Gattung die ganze Problematik der chinesischen Literatur nicht nur unserer Zeit, sondern des ganzen letzten Jahrhunderts. Um einige der bis in die Gegenwart wirksamen Erscheinungen verständlich zu machen, werde ich bis in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts zurückgehen müssen. Keine der literarischen Gattungen im China des 20. Jahrhunderts dürfte größeren Veränderungen und Herausforderungen gegenübergestanden haben als die „Erzählkunst“. Dies begann schon mit ihrer sprachlichen Emanzipation. Der Roman (eine in China vergleichseiweise recht junge Gattung) stand seit jeher im Spannungsverhältnis zwischen der ehrwürdigen Schriftsprache der Antike und der der gesprochenen Sprache der jeweiligen Zeit angenäherten Schriftsprache. Vor allem künstlerisch musste der chinesische Roman aus der Zeit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert erst einmal seinen Platz finden. Damals gab es die ersten Versuche, den Roman aus den Niederungen der reinen Unterhaltung zu befreien und ihn zum Medium gesellschaftlicher Veränderungen zu erheben. Ein Versuch, der, wie zu zeigen sein wird, die Romankunst zwangsläufig und über lange Zeit hinweg zum Werkzeug der Politik und Propaganda machte und ihr das freie Künstlertum versagte. Die Sichtbarkeit, Vordergründigkeit und Verständlichkeit der Romankunst waren für sie lange Zeit Besonderheit und Fluch gleichermaßen. Freilich blieb auch die Dichtung von den Veränderungen und den Einflüssen der Zeit nicht unberührt, doch führte sie ein weit stilleres Dasein, war sich als reine Kunst genug und setzte damit die ihr von der Tradition her zukommende Rolle fort, weiterhin Ausdrucksmittel höchster Kunst und Gelehrsamkeit zu sein. Im Biotop der Künstler und Intellektuellen war es der Dichtung gegeben, eine weit unbeschadetere Existenz zu führen als die Romane und Erzählungen. Die Dichtung verlor nicht etwa an Bedeutung, vielmehr gewann der Roman aufgrund veränderter Bildungsansprüche sowie daran anknüpfender sozialer Veränderungen an Ansehen. Auch wenn sich für die Dichtung insgesamt viel veränderte, stellte sie immer noch das wichtigste Verbindungsglied zur klassischen chinesischen Literaturtradition dar. Die Werke der Dichtung bilden den Ursprung der chinesischen Literatur, viele Beispiele wurden in den Kanon der Gebildeten aufgenommen und überdauerten die Zeiten. Anders verhielt es sich mit den Werken der Erzählkunst, die ebenfalls – wenn auch nicht ganz so früh wie die Dichtung – seit frühester Zeit vorgelegen haben dürften. Erzählungen galten als abseitig, zweitklassig und hatten Glück, wenn sie – oft „getarnt“ als historische Quellen – in Sammlungen überlebten. Literatur im alten China war gleichzusetzen mit Dichtung – vor allem im Bewusstsein der gebildeten Schichten. Sie war fassbar, in intellektuellen Diskursen stets präsent und dazu in Verbindung zu bringen mit den Namen großer Dichter aus den zurückliegenden Jahrtausenden. Anders die frühen Erzählungen und die Romane aus späterer Zeit, die meistens anonym erschienen.4 Selbst die vermeintlichen Verfasser einiger der großen klassischen Romane lassen sich oft nur vage ausmachen; ihr Anteil an der Erschaffung 4 Zur klassischen Dichtung, den traditionellen Erzählungen und Romanen vgl. die einzelnen Bände der von Wolfgang Kubin herausgegebenen Geschichte der chinesischen Literatur und die Nennung im Literaturverzeichnis. 16 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas der umfangreichen Bücher ist in vielen Fällen unklar. Viele der hier angeführten Spannungen, die den „Status“ der Literatur im allgemeinen Sinne und ihre Verbindung mit der Sprache betreffen, sind bis heute nicht aufgelöst, wie noch zu zeigen sein wird. Warum beginnt diese Geschichte der chinesischen Literatur mit 1989? Weil in diesem Jahr – wohlgemerkt nicht zum ersten Mal in der Entwicklung der chinesischen Literatur des 20. Jahrhunderts – ein Bruch eingetreten ist. Nicht alle, die sich mit der chinesischen Literatur unserer Zeit beschäftigen, wollen (oder können?) das Jahr 1989 als Wendepunkt in der Entwicklung der chinesischen Literatur begreifen. Gerade die chinesische Literaturwissenschaft tut sich naturgemäß schwer damit, ausgerechnet 1989 als Zäsur zu erkennen, die Ereignisse vom Juni jenes Jahres sind immer noch ein Tabu. Ich werde darauf bei den Ausführungen in diesem Buch noch näher eingehen. Wolfgang Kubin, eigentlich einer der besten Kenner nicht nur der chinesischen Literatur des 20. Jahrhunderts, hat immer wieder die viel größere Bedeutung der Kommerzialisierung des Literaturbetriebes für den angenommenen „Verfall“ der Literatur konstatiert und die These vom „Verrat“ der Autoren an der Literatur in den Raum gestellt  – immer unterstellend,5 dass sich Literatur ja selbst in Zeiten der Unterdrückung problemlos weiterproduzieren lasse. Dies ist oberflächlich gesehen richtig, doch sollten wir uns die Alternativen, die ein Schriftsteller in einer Diktatur hat, kurz vor Augen halten: Was bleibt ihm anderes übrig als Anpassung, Schweigen, Flucht, die innere Emigration oder das „Schreiben für die Schublade“? Eigenartigerweise ist Kubin nirgendwo auf den Einfluss der Diktatur auf das Denken und Schreiben eingegangen. An dieser Stelle sei nur kurz die Zurückhaltung aufgezeigt, die sich bei Kubin an verschiedenen Stellen in seinem Band Die chinesische Literatur des 20. Jahrhunderts findet. Etwa wenn er behauptet, „dass nach 1992 der Markt schließlich die Kontrolle der Literatur aus den Händen der Politik weitgehend übernommen hat“. Kubin erwähnt an der Stelle zwar „Wendepunkte in der Literaturgeschichte“, führt aber weiter in der Vergangenheit zurückliegende Ereignisse an und eben nicht 1989.6 Hier bewegt sich Kubin in gefährlicher Nähe zur Meinung der chinesischen Literaturwissenschaftler, etwa wenn er sagt: „Die chinesische Literaturkritik hält das Jahr 1985 viel eher als das Jahr 1989 für den Wendepunkt in der chinesischen Gegenwartsliteratur. Die finanzielle Unterstützung der Verlage durch den Staat findet langsam ein Ende, auf dem Buchmarkt setzt nach und nach ein marktwirtschaftliches Denken ein.“7 Auf die fraglos wichtige Rolle „des Marktes“ für die Entwicklung der Literatur wird noch einzugehen sein, doch auf jeden Fall macht man es chinesischen 5 Die Beispiele sind zu zahlreich, um alle angeführt zu werden, ein „Verratskriterium“ von Kubin stellt jedenfalls der Abschied aus dem Bereich der Literatur und die Hinwendung zu anderen (einträglicheren?) Kunstformen wie dem Film dar. Vgl. Kubin 2005, S. 399, und das dort angeführte Beispiel von Zhu Wen. 6 Vgl. Kubin 2005, S. 347. Vgl. zu einer ähnlichen Feststellung aus neuerer Zeit Kubin 2010, S. 113. Einschneidender als 1989 sei 1992 für die chinesische Literatur gewesen, nachdem Deng Xiaoping durch seine eben 1992 erfolgte Reise in den Süden Chinas die wirtschaftliche Öffnung vorangetrieben habe. 7 Kubin 2005, S. 382. 17 2 Einleitung Literaturwissenschaftlern leicht, die dann ähnlich argumentieren und nicht 1989, sondern Umstände aus der Zeit davor als Ausgangspunkt für Veränderungen sehen.8 Meine These, und daher spreche ich vom „Bruch“, lautet: Die Ereignisse von 1989 in China und insbesondere das Massaker vom 4. Juni auf dem Platz des Himmlischen Friedens haben bei den Künstlern und Denkern verheerende Spuren hinterlassen. Die unmittelbar nach dem Massaker einsetzenden Verhaftungen und Verfolgungen, denen Intellektuelle zum Opfer fielen, waren ein erster Schritt, um den Machterhalt der Partei sicherzustellen. Kaum weniger schlimm aber war das von der Niederschlagung ausgehende Signal an Künstler, Schriftsteller und Intellektuelle, mit dem ihnen die Grenzen für ihr Denken, ihr Fragen und Zweifeln aufgezeigt wurden. Natürlich kann die Kommerzialisierung der Literatur seit dem Ende der 1980er-Jahre schon auf dem Weg gewesen sein, aber nicht sie war der Auslöser der Qualitätseinbuße der Literatur und der geringer werdenden Bereitschaft zum Experimentieren, sondern die Ereignisse vom Platz des Himmlischen Friedens im Juni 1989. Welche Einflüsse die Unterdrückung im Zusammenspiel mit der Kommerzialisierung auf die Entwicklung der Literatur in China nahmen, wird noch darzulegen sein. Im Laufe der Darstellung werde ich die komplexe Problematik von Kunst und Kommerz eingehend beleuchten. Bleibt noch zu klären, auf welcher Grundlage die im Folgenden vorzustellende Literatur ausgewählt wurde und mit welcher literarischen Qualität wir es dabei zu tun haben. Hier ist es schwierig, nachvollziehbare Maßstäbe anzulegen, daher muss ein wenig weiter ausgeholt werden. Eine gute Gelegenheit, sich mit der neueren Literatur nach dem Jahr 2000 zu beschäftigen, bot mein mehrjähriger China-Aufenthalt zwischen 2003 und 2009. Empfehlungen von chinesischen Freunden, der Versuch, die Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt mittels Einsicht in die regelmäßig publizierten literarischen Fachzeitungen im Blick zu behalten, das Stöbern in den Buchläden, Ausflüge in die hervorragend bestückten Buchläden Hongkongs – all das ergab mit der Zeit ein faszinierendes Bild von den rasanten Entwicklungen innerhalb der chinesischen Literatur. Die Lektüre konnte freilich nicht mit dem Erwerb immer neuer Empfehlungen mithalten, und so ist auch jetzt, da das Buch vorgelegt wird, nur schwer von einem „Abschluss“ zu sprechen. Nicht jede Lektüre war lohnend, was freilich aufgrund der großen Menge nicht verwundert. Doch immer wieder gab es beglückende Erlebnisse, die in vollkommen neuen Sichtweisen auf bereits bekannte Probleme, der Begegnung mit einem ganz neuen Stil, einer kreativen Sprache bestehen konnten und dem Leser eine faszinierende und vollkommen neue Welt erschlossen. Will man das wohl wichtigste Auswahlkriterium benennen, dann dürfte es in dem Neuen bestehen, das immer auch eine Befreiung von Traditionen (Sprache, Stile, Themen usw.) bedeutet.9 In Chinas Literatur aus den vergangenen Jahren drückt sich das hohe Maß der Veränderlichkeit alles Gegenwärtigen aus – die Gegenwart als ewiges „Jetzt“ dauert immer nur einen kurzen Augenblick; dazu mehr im nächsten Abschnitt. Viele Werke der chinesischen Literatur unserer Tage wirken für sich genommen „vergänglich“, d. h., sie drücken vielleicht einen einzelnen 8 Vgl. z. B. Han Han 2011, S. 88, wo Han auf die Neuerungen im chinesischen Verlagswesen hinweist. 9 Vgl. Stangl 2014, S. 132 u. 139. 18 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas Aspekt aus, beschreiben Vorgänge, die nur für kurze Zeit bedeutsam sind, erschöpfen sich in nur leicht abgewandelten Themen, ohne – z. B. sprachlich – an Eindringlichkeit zu gewinnen.10 Es mag noch nicht den einen großen Roman in China geben, der den Wandel in all seiner Dramatik und Tiefe erfasst, doch ist es sehr gut möglich, aus den vielen verschiedenen Welten, die die Romane bieten, ein anschauliches Bild zu formen, das Aussagekraft, Deutlichkeit und Wahrheit beanspruchen kann und die komplexe Wirklichkeit erfasst. Aber darf Neues allein das Merkmal literarischer Qualität sein? Darüber mag man streiten. Im Falle Chinas gilt auf jeden Fall, dass sich die Literatur eben auf der Suche nach etwas Neuem befindet und daher auch viel über das Land an sich aussagt. Die Gegenwartsliteratur ist wichtig, eben weil sich angesichts des schwierigen Lavierens zwischen staatlicher Kontrolle, Markterfordernissen, Publikumsgeschmack und internationaler Sichtbarkeit eine vielsagende Realitätsebene auftut, die den Blick öffnet für eines der faszinierendsten Experimente in der Geschichte der Moderne: die Suche nach Themen, nach einem Stil, nach einer Botschaft. Der Anspruch auf Erneuerung treibt die Suche voran und ist getragen von dem Wunsch, eine Abgrenzung von der eigenen Tradition und dem, was es anderswo auf der Welt schon gibt, vorzunehmen. Es mag absurd klingen, doch China ist im Sinne des Wortes literarisch gesehen noch ein „Entwicklungsland“. Einige der im Folgenden besprochenen Schriftsteller (z. B. Yan Lianke 阎连科) weisen ausdrücklich darauf hin. China befindet sich politisch, kulturell und selbstverständlich auch literarisch an einem Scheideweg. Das Spektrum der Möglichkeiten ist breit, viele Tonlagen sind vorhanden. Chinesische Literatur lebt sich bisher im Probieren aus, was ihre Kurzlebigkeit erklärt. Die in China unablässig propagierte Wandlungsthese, der zufolge man sich in einer ständigen Entwicklung hin zum Besseren befinde, ist gerade in der Literatur ein Irrtum: Keine Schöpfung ist erzwingbar, Meisterhaftes lässt sich nicht planen. Wenn man heute nach „guter“ Literatur aus China fragt, dann findet man sie am ehesten dort, wo man die Suche spürt, die an Grenzen führt; wo China am ehesten die Chance hat, bei sich selbst zu sein, wo Markt und Moden nicht den Ton angeben.11 Was also macht Chinas Literatur von heute lesenswert? Sie stellt, auf den Punkt gebracht, ein riesiges Experiment dar. Was China bisher fehlt, ist eine literarische Stimme, die der Welt etwas zu sagen hat. In der Gegenwart mangelt es China nicht an ökonomischer Kraft, sondern an kultureller Nachhaltigkeit. Alles scheint im Moment des Entstehens zu verpuffen. In seiner Selbstwahrnehmung ist China ein altes Kulturland. Aber heute? Was es gibt, sind Eintagsfliegen. Kulturell und literarisch prägt China die Welt derzeit nicht; das Land weiß nicht, wo es steht. Jahrzehntelange Propaganda und Zensur haben die Kulturszene und insbesondere die Literatur verunsichert. China ist also nicht mit der Welt, sondern vielmehr mit sich selbst beschäftigt. Aber nur wenn 10 Vgl. den Artikel des Schriftstellers Zhang Wei 2013, der die Überschrift „Wiederholung“ trägt, mit seiner Kritik an der kommerziell ausgerichteten Populärliteratur in der Gegenwart. An Schwierigkeiten, die Neuerungen erschweren, führt Zhang neben der Erstarrung von Gedanken auch eine altertümliche Sprache an, die es schwer mache, den menschlichen Erfahrungsraum sprachlich zu erweitern. 11 Siehe dazu ausführlicher den Artikel Zimmer 2009. 19 2 Einleitung Autoren ehrlich Innerlichkeit verspüren und ohne Angst schreiben, gewinnen ihre Bücher Unverwechselbarkeit als Kunstwerke. Kreativität und Ethos als Künstler – nicht dem „System“, der Eitelkeit oder der Gier verpflichtet – das ist es, was die Künstler und Literaten in China brauchen.

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Zusammenfassung

Die Frankfurter Buchmesse von 2009 liegt einige Jahre zurück. Damals war China Gastland und hat sich von seiner besten Seite gezeigt. Warum also heute ein Buch über die chinesische Gegenwartsliteratur schreiben? Die Antwort darauf fällt kurz aus: Weil 2009 viel zu wenig gesagt wurde. China ist ein Land der Widersprüche, und noch immer spielen Zensur, Verschweigen und Beschönigungen eine große Rolle. Wer das Land aber verstehen will, der tut gut daran, auch seine Literatur zu verstehen und die Bedingungen, unter denen sie heute existiert: Wie stark ist die offizielle Gängelung – gibt es Zensur, und wie funktioniert sie? Wie steht es um die Verlage – sind sie noch fest im Griff der Partei? Und wie funktioniert die Interaktion zwischen Autoren, Verlagen und Lesern? Anhand namhafter älterer und jüngerer Autoren aus der Volksrepublik unternimmt der Sinologe Thomas Zimmer erstmals den Versuch, die Spielräume von Literatur, Kunst und Kultur im Spannungsfeld staatlicher Kontrolle, Zwängen des Marktes und zunehmender internationaler Vernetzung im China der Gegenwart zu erörtern.