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8 Die Welt als Wörterbuch. Han Shaogong und sein Roman Das Wörterbuch von Maqiao in:

Thomas Zimmer

Erwachen aus dem Koma?, page 113 - 146

Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3911-3, ISBN online: 978-3-8288-6659-1, https://doi.org/10.5771/9783828866591-113

Tectum, Baden-Baden
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113 8 Die Welt als Wörterbuch. Han Shaogong und sein Roman Das Wörterbuch von Maqiao 8 Die Welt als Wörterbuch. Han Shaogong und sein Roman ‚Das Wörterbuch von Maqiao‘ Wörterbücher können ein Mittel sein, die Welt, die Geschichte, die Gegenwart zu entschlüsseln. Die Verfasser von Wörterbüchern (z. B. die Brüder Grimm) treibt i. d. R. der Wunsch, eine bestimmte Zeit oder ein bestimmtes Thema für sich und andere fassbar und verständlich zu machen. Ein Wörterbuch soll Halt bieten in einer weitgehend unverstandenen und niemals ganz verstehbaren Welt. Die Definitionen in einem Wörterbuch besitzen etwas Verbindliches, man beruft sich gerne auf ihre Autorität. Der Leser sucht und blättert, versteht das Beschriebene anfangs vielleicht nur halb, er vergewissert sich der neu gefundenen Welt mithilfe eines Raunens fremder Wörter. In Wörterbüchern geht es oftmals um eine Codierung des konkreten Wissens einer Zeit, um eine Bestandsaufnahme und Sortierung von Weltvielfalt. Die Definitionen werden auf der Grundlage eines bestimmten Verständnisses von der Welt vorgenommen. Weitet man den Blick, so lassen sich auch aus den großen mythischen und religiösen Erzählungen wörterbuchartige Erklärungen ableiten, die die „Codes einer Zivilisation“ offenlegen. Diesen Status hat Northrop Frye etwa der Bibel zugestanden, nicht nur wegen des Reichtums an Symbolen, Figuren, Bildern und Geschichten, mit dem sie aufwartet und den sie durch die Jahrhunderte hindurch tradiert hat und weiter tradiert, „sondern weil sie in episch-sinnlicher Weise ganz konkrete Begebenheiten von Menschen und einem Volk erzählt, die fundamentalen Themen eines jeden – individuellen wie kollektiven – Lebens: geboren werden, begehren, irren, eine Heimat gründen, sie zerstören und verlieren, den Bruder lieben und hassen, das Leben intensiv und mit allen Sinnen erleben, seinen Glanz und seine Nichtigkeit, sich aufrichten an der Ahnung und an der Offenbarung dessen, was über die Zeit, das Leben, die erschaffenen Dinge hinausgeht […].“335 Die Literatur hat dieses Potenzial von Wörterbüchern wohl immer schon erkannt und genutzt. Annette Pehnts Lexikon der Angst etwa ähnelt dem gleich näher zu untersuchenden Wörterbuch von Maqiao 马桥词典 von Han Shaogong insofern, als um die einzelnen Einträge Geschichten entwickelt werden, die den Eintrag beschreiben, veranschaulichen, atmosphärisch untermalen.336 Jenseits dieser „ernsthaften“ Bemühungen, die Welt zu erklären, gibt es freilich früh bereits Fälle, in denen der Benutzer eines „Wörterbuchs“ aufs Glatteis geführt werden soll. Man denke etwa an Gustave Flauberts Wörterbuch der Gemeinplätze. Wie man Äußerungen von Flaubert entnehmen kann, wollte er sein Wörterbuch als ein subversives Projekt verstanden wissen – nämlich so tun, als würde man die Leser zurückführen zu den Traditionen, zu einer Ordnung und allgemeinen Konventionen, um sie am Ende hinters Licht zu führen. Entsprechend ist Flauberts Stil voller Ironie und Sarkasmus. Flaubert wendet sich gegen das „Gemeine“, „Verbindliche“, wohl weil diesem das 335 Claudio Magris: „Das Alphabet der Welt“, in: Magris 2011, S. 16 f. 336 Vgl. Pehnt 2013. 114 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas Große fehlt.337 Flauberts Anliegen war es – und hier scheint er sich mit Han Shaogong zu treffen –, der Frage nachzugehen, wie ein Schriftsteller der Dummheit seiner Zeit begegnen könne. Flaubert plädierte dabei wie andere auch für die Form der Satire. Der Welt solle Vernunft eingebläut, die Torheit lächerlich gemacht werden. Die Welt möge verlacht werden, ohne dass der Lachende selbst dabei zu laut und damit sichtbar und angreifbar würde. Flaubert griff im Wörterbuch das dumme Gerede der Welt auf, ihr oberflächlich bleibendes Wissen, er stimmte der Welt zu und machte sich lustig. In seinem Wörterbuch erreichte Flaubert das Maximum an Unsichtbarkeit. Seine Abwesenheit als Autor ist so total, dass man fast sagen könnte, das Wörterbuch sei die Arbeit von anderen.338 Es ist unklar, ob und inwieweit Han Shaogong mit dem Werk Flauberts vertraut gewesen ist bei der Abfassung seines Wörterbuchs, doch lassen Vorarbeiten Han Shaogongs aus früheren Jahren und erste essayistische Versuche zu seinem späteren Wörterbuch von Maqiao durchaus erstaunliche Ähnlichkeiten erkennen. So besitzen die etwas mehr als zwei Dutzend „Neuen Erklärungen zu Wörtern“ 词语新解 den gleichen ironischen und subversiven Ton wie bei Han Shaogongs Vorgänger Flaubert.339 Han Shaogong befindet sich also in einer würdevollen Tradition der Nutzung einer auch weiterhin gepflegten Erzählform eines Wörterbuches,340 doch musste gerade er sich kurz nach dem Erscheinen von Wörterbuch gegen Plagiatsvorwürfe wehren. Kritiker hielten Han vor, er habe sich am Wörterbuchroman Das Chasarische Wörterbuch des serbischen Schriftstellers Milorad Pavić (1929 – 2009) orientiert. Han strengte da raufhin eine Verleumdungsklage an und gewann den Prozess.341 Im Unterschied 337 Vgl. dazu die Ausführungen Flauberts über seine Pläne zur Abfassung des Wörterbuchs, in: Flaubert 1998, S. 151. 338 Julian Barnes schreibt dazu im Nachwort: „Er hat bloß den Stimmen der rechtdenkenden Leute gelauscht und aufgeschrieben, was sie sagten; er hat ihre Äußerungen weder geändert noch übertrieben, sondern sie bloß mit der Pinzette […] aufgesammelt und für uns in einem Sammelalbum alphabetisch geordnet. Sie möchten wissen, was Flaubert gedacht hat? Was er ‚wirklich’ gedacht hat? Das ist nirgendwo sichtbar und überall gegenwärtig.“ Flaubert 1998, S. 154. 339 Etwa wenn er Begriffe erklärt wie „Abteilungsleiter“ (kezhang 科长): „besitzt mehr Gelegenheiten und mehr Pflichten als ein stellvertretender Abteilungsleiter, lacht lauthals selbst wenn es nichts zu lachen gibt“. Oder „Schriftstellerverband“ (zuojia xiehui 作家协会): „Sofern nicht außergewöhnliche Umstände vorliegen, repräsentieren Leute, die ansonsten nicht großartig schreiben, die Gesamtheit der Schriftsteller in dem Bemühen, von Regierung und Gesellschaft Geld zu bekommen und auszugeben“. Insgesamt finden sich 28 Einträge in dem Essay. Vgl. dazu Chen Jianhui 1994. 340 Ein vielleicht eher weniger kreativer Versuch ist der Roman des kanadischen Designers und Autoren CS Richardson, in seinem Roman The End of the Alphabet (Doubleday Canada 2007) die hastige Reise eines Ehepaares in dem letzten Lebensmonat des Mannes zu beschreiben: eine Städtereise von A-Z, d. h. von Amsterdam bis Zanzibar. Zu philosophischen Überlegungen anhand von Vokabeln, in die gerade geistesgeschichtliche Erscheinungen in China einfließen siehe den dafür gefundenen Begriff der „Etymosophie“ von Roland R. Ropers und die im Februar 2012 eingerichtete Kolumne in der „Epoch Times Deutschland“ (www.epochtimes.de/Etymosophie_thema.html). 341 Vgl. die Fassung Pavić 1991. Der Roman – 1984 abgefasst als eine Auseinandersetzung zwischen Vertretern des jüdischen, christlichen und islamischen Glaubens – besteht aus ein- 115 8 Die Welt als Wörterbuch. Han Shaogong und sein Roman ‚Das Wörterbuch von Maqiao‘ zu Han Shaogongs Wörterbuch von Maqiao, wo der kulturellen Diversität des Lokalen hohe Beachtung geschenkt wird, spielt das Lokale bei Pavić eine weitaus geringere Rolle. Das in den einleitenden Abschnitten dieses Buches erwähnte Subversive und Widerspenstige in der Literatur Chinas zum Beginn und zur Mitte der 1990er-Jahre spiegelt sich auch in Han Shaogongs Buch. Der 1996 veröffentlichte Roman Das Wörterbuch von Maqiao ist in der Zwischenzeit zu einem Klassiker der Gegenwartsliteratur geworden und fehlt in keiner Übersicht über die chinesische Literatur der vergangenen beiden Jahrzehnte.342 Entlang der Geschichten von 115 landläufigen Begriffen der Menschen von Maqiao im Kreis Miluo 汨罗 der Provinz Hu’nan berichtet der Ich-Erzähler von seinen Erlebnissen und Beobachtungen zu der Zeit, da er während der Kulturrevolution als „jugendlicher Intellektueller“ 知青 nach Südchina verschickt wurde. Hier wird eine autobiografische Dimension im Wörterbuch deutlich, verstreut über das ganze Werk tauchen immer wieder Hinweise Han Shaogongs bzw. seines Erzählers auf die Zeit auf, die er auf dem Land verbracht hat. Wenn man diesen Gedanken nicht zu stark betont, dann kann man Wörterbuch durchaus als einen frühen Vorläufer der heute sehr populär gewordenen „Erinnerungsliteratur“ der jugendlichen Intellektuellen betrachten, die damit ihrer Zeit auf dem Lande gedenken. Dies wird vor allem deutlich in den letzten Abschnitten des Buches, in denen der Erzähler über eine spätere Rückkehr nach Maqiao berichtet, wo sich kaum noch jemand an ihn erinnern mag. Sechs Jahre, so der Erzähler, habe er am Ort verbracht, und doch gebe es kaum Spuren, kaum eine Erinnerung an ihn.343 Hans Schilderungen hinterlassen den Eindruck, dass er und die Bauern sich letzten Endes fremd geblieben seien. 8.1 Leben und Werk Obwohl er in der chinesischen Literatur starke und eindeutige Spuren hinterlassen hat und auch literaturpolitisch über viele Jahre hinweg sehr aktiv gewesen ist, gehört Han Shaogong nicht zu den produktiven Romanschriftstellern. Nach Wörterbuch und dem 2002 veröffentlichten Roman Andeutung 暗示 erschien in der ersten Jahreshälfte 2013 erst sein dritter Roman unter dem Titel Buch für Tag und Nacht 日夜书. Durch Übersetzungen und Preise ist Han Shaogong zumindest in der englischsprachigen Welt mittlerweile einer größeren Öffentlichkeit bekannt.344 Innerhalb Chinas hat sich Han mit zelnen Artikeln, die durch Querverweise miteinander verknüpft sind. 342 Hier bearbeitet nach der Langzeichen-Ausgabe Han Shaogong 2011. 343 Vgl. ebd., S. 336. 344 Zur Rezeption des Werkes von Han Shaogong im Westen vgl. die Angaben bei Jiang Zhiqin 2011, S. 192 – 215. Dort wird auch auf den starken Einfluss von Milan Kundera auf Han hingewiesen. Wie intensiv sich Han mit Kundera auseinandergesetzt hat, geht aus der Übersetzung von Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins hervor (Hinweis ebd., S. 212). Im Jahr 2012 wurde Han Shaogong der mit 10.000 US-Dollar dotierte und zum 2. Mal vergebene „2011 Newman Prize for Chinese Literature“ zugesprochen (vgl. dazu http://www. 116 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas einer größeren Zahl von seit den frühen 1980er-Jahren herausgekommenen Bänden mit Erzählungen einen Namen gemacht. Eine satirisch-kritische Auseinandersetzung mit der erlebten Vergangenheit und den gescheiterten Versuchen, mit falschen Idealen und dem Beharren auf einem „Sozialistischen Neuen China“ in die Moderne einzutreten, findet sich bereits in Han Shaogongs längerer Erzählung Ba Ba Ba (爸爸爸, 1985). Autoren der Avantgardeliteratur jener Zeit – allen voran eben Han Shaogong und Yu Hua – schufen mit ihren Figuren, bei denen es sich vielmals um kunstvoll konstruierte Figuren wie Blinde, Stumme, Krüppel, Impotente usw. handelte, ein Panoptikum von Sinnbildern für die zunehmend als belastend und hohl empfundene, kaum hinterfragte und fälschlicherweise jedoch immer wieder idealisierte Vergangenheit.345 Zum offiziellen Literaturbetrieb in China pflegt Han Shaogong dem Anschein nach ein eher ambivalentes Verhältnis. Seit 1988 lebt Han Shaogong auf der südchinesischen Insel Hainan und betätigte sich u. a. als Herausgeber von Zeitschriften. Zwischen 1996 und 2011 hatte er den Posten des Vorsitzenden des Schriftstellerverbandes von Hainan inne und fungierte ab 2000 als Mitglied der Politischen Konsultativkonferenz von Hainan sowie als Mitglied des Ständigen Volkskongressausschusses Hainan. Diese erkennbare Einbindung in das System macht Han Shaogong freilich nicht zum schlichten Mitläufer, vielmehr nutzt er die dadurch zur Verfügung stehenden Spielräume in einem eher kreativen Sinne. Ein Umstand, der Han Shaogong sowohl künstlerisch wie intellektuell sympathisch erscheinen lässt, ist, dass er zu den zeitgenössischen literarischen Trends immer auf eine gewisse Distanz gegangen ist, sich nicht von Strömungen vereinnahmen ließ. In seinem auch durch Übersetzungen gewürdigten und mittlerweile ebenso inhaltlich beachtlichen wie umfangreichen essayistischen Werk hat sich Han Shaogong als einer der wenigen Intellektuellen aus China auch international einen Ruf erarbeitet.346 Da er sich zudem nie besonders enthusiastisch in Bezug auf die Postou.edu/uschina/newman/winners.html, eingesehen am 30.8.2012). Auffällig ist das breite Zeitspektrum von 17 Jahren für die fünf nominierten Schriftsteller: Han Shaogongs A Dictionary of Maqiao (Maqiao cidian, 1996), Ge Feis Peach Blossom Beauty (Renmian taohua, 2004), Li Angs Garden of Labyrinths (Miyuan, 1991), Yu Huas Chronicle of a Blood Merchant (Xu Sanguan mai xue ji,1996) und Su Tongs The Boat to Redemption (He’an, 2008). 345 Vgl. zu diesem Aspekt in Han Shaogongs frühem Werk ausführlich Lau 1993. 346 Vgl. dazu seine Ausführungen zur vorgespiegelten Intellektualität aufgrund der Theoriesucht in dem Essay Han Shaogong 2004. So schreibt Han über die theorieverliebten Zeitgenossen: „They’re also fond of quoting Barthes, Derrida and post-modernism, throwing around terms such as ‚différance‘, ‚deconstruction‘, ‚subversion‘, in order to intimidate the norms of civilization and restore humanity to its natural state. They remain oblivious (or unwilling to admit) the fact that it is precisely against this notion of ‚natural state‘ that Barthes and company launched their dissection of culture […] Everything is a text; nothing human is free from the taint of culture. It is from this point that Barthes et al. broke with traditional humanism and humanitarianism, and began their prodigious revolt. What sense is there in using their work to advocate ‚natural state‘ or ‚an essential humanity‘? There are those who have never grasped the difference between Freud and Barthes, between Nietzsche and Sartre, between Confucius and Mao Zedong. Their greatest skill consists in recognizing the difference between celebrity and non-celebrity, the trendy and the non-trendy.“ Zit. nach ebd., S. 76. Zu einer neueren Auswahl von Han Shaogongs 117 8 Die Welt als Wörterbuch. Han Shaogong und sein Roman ‚Das Wörterbuch von Maqiao‘ moderne geäußert hat, gilt er mit seinem Werk als nicht sonderlich trendy 不够时髦. Verwunderlich sei dies nicht – so die Beurteilung seitens der zeitgenössischen Literaturkritik Chinas –, denn der Haupthintergrund von Han sei eben nicht der Markt, nicht die schnelle Datenautobahn. Vielmehr seien in seinem Gedächtnis Bilder vom einfachen und kummervollen Leben der Menschen auf dem Lande gespeichert, eingebettet in die politische Phraseologie der Zeit im China nach der Machteroberung. Gerade diese aus tiefen historischen Wurzeln emporgewachsenen Erinnerungen verweigerten sich einer Plattform wie der des Postmodernismus. Angesichts morbiden und auffälligen Personals in Han Shaogongs erzählerischem Werk konnte selbst die chinesische Literaturwissenschaft nicht anders, als ihm die Rolle des gnadenlosen Diagnostikers zuzubilligen, der in seinen Erzählungen immer wieder die „psychischen Schäden“ 后遗症 thematisiert, welche die Schrecken der Zeit hinterlassen haben.347 Han Shaogongs eigene Einschätzungen – dokumentiert durch Erläuterungen in der Öffentlichkeit und in diversen Essays – klingen erstaunlich zeitbewusst und kritisch. So sprach Han angesichts einer Preisverleihung vor wenigen Jahren von der unbegrenzten Artikulationsfähigkeit in der Gegenwart dank des Internets. Daraus formulierte Han die These, dass die Literatur womöglich die demokratischste und freieste Form unter den Künsten geworden sei. Doch eben aus diesem Umfang der Verbreitung erwachse auch die Gefahr, dass nämlich zeitgenössische Literaten sich nur an den Maßstäben der modischen Trends orientierten, Ansprüche gesenkt würden.348 Han Shaogongs wiederholtes Plädoyer für Tiefe und Ernsthaftigkeit in der Literatur ist auf jeden Fall Balsam auf die Wunden der kritischen Leser chinesischer Gegenwartsliteratur. Werfen wir an diesem Punkt kurz einen Blick auf die literarische Entwicklung, die Han Shaogong durchgemacht hat. Zur Mitte der 1980er-Jahre wurde der Autor zu einem der wichtigen Mitbegründer und einem der prominentesten Vertreter der sogenannten „Wurzelliteratur“ 寻根文学.349 In seinem Essay „Die Wurzeln der Literatur“ 文学的根 aus dem Jahr 1985 führte Han ein kulturelles Schichtmodell ein, angefangen Reflexionen und Essays aus den zurückliegenden Jahrzehnten vgl. Han Shaogong 2012. Vgl. dort im Anhang in Nan Fans 南帆 (Pseudonym für eigentlich Zhang Fan 张帆) Essay „Zur poetischen Qualität im postrevolutionären Zeitalter“ 后革命时代的诗意 die Hinweise auf die literarischen Spielräume und Möglichkeiten, die sich Han Shaogong mittels seiner Essaykunst erschlossen hat. Konkret bei Han Shaogong 2012, S. 316. 347 Vgl. zur angeführten Bewertung Hans und den Ausführungen über die „psychischen Schäden” Nan Fan 1994, S. 10. Es sei an dieser Stelle generell angemerkt, dass es sich die Literaturkritik in China oftmals sehr einfach gemacht hat mit der Einordnung der Werke Han Shaogongs. Die Terminologie wirkt sehr oft stumpf, um nicht zu sagen einseitig und einfältig. Dieses Phänomen ist auch im Beitrag von Nan Fan festzustellen. Vgl. etwa ebd., S. 8. 348 Vgl. dazu Han Shaogongs Dankesrede für die Verleihung des 5. „Großen Chinesischen Medienpreises“ im Jahre 2007 für sein Buch Südlich der Berge, nördlich der Gewässer 山南水北, hier in: Dangdai zuojia pinglun 当代作家评论 2007/3, S. 113 – 115. 349 Die Literatur der Wurzelsuche lässt sich, vereinfacht gesprochen, als eine Form der literarischen Identitätssuche in den 1980er Jahren beschreiben, in der man sich durch Abgrenzung von dem offiziellen Diskurs um die Schaffung neuer Spielräume bemühte. Themen und Sprache dieser Literatur sind sehr oft im Kontext kultureller Randregionen angesiedelt. Vgl. einführend dazu Yeh 2001; Leenhouts 2003. 118 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas bei den Charakteristika einer Person (Gewohnheiten, Gedanken, Gefühle), die großem Wechsel unterworfen seien. Darunter nahm er eine weitere Schicht stabilerer Ansichten und Stimmungen an, gefolgt von teilweise Generationen überdauernden Bräuchen, die selbst gegenüber gewaltsam erfolgten Veränderungen resistent blieben. Als weitere Ebene nannte Han die „nationalen Instinkte und Fähigkeiten“, philosophische und soziale Tendenzen, moralische Ansichten etc., die oft nur mittels Eroberung durch eine andere Nation zu verändern seien.350 Thematisch kommt der 1953 in Changsha, der Hauptstadt der Provinz Hu’nan, geborene Han Shaogong bis heute immer wieder auf das Schicksal der oben bereits angeführten „jugendlichen Intellektuellen“ zurück. Han Shaogong, der zum Ende der 1960er-Jahre aufs Land verschickt wurde und mehrere Jahre im hunanesischen Miluo verbrachte, geht auch in seinem neuesten Buch auf die Lebensumstände seiner Zeitgenossen ein. In seinem 2013 erschienenen Buch für Tag und Nacht eröffnet Han dem bereits oft behandelten Thema der „jugendlichen Intellektuellen“ neue Spielräume, indem er sich von der traditionell stark vertretenen Opferrolle abwendet und am Beispiel eines halben Dutzends von Protagonisten die komplizierte Situation von Vertretern dieser Generation sowie ihre schwierige Gefühlslage bis hinein in unsere Tage beschreibt.351 8.2 Subversion Han Shaogongs Wörterbuch lässt sich streng genommen nicht im landläufigen Sinne als „Roman“ bezeichnen. Vielmehr stellt sein Werk eine einzigartige Mischung aus traditioneller Erzählung, Essayistik und Tagebucheinträgen dar und schafft somit Raum sowohl für Handlung und Erlebnisberichte wie auch für Reflexionen über die unterschiedlichsten Themen.352 Geboten wird damit ein Blick auf China, seine Kultur und Geschichte mittels der Sprache. Wörterbuch ist also, wenn man so will, ein Ortsroman in Vokabeln, die Geschichte selbst ist ebenso wie das Dorf Maqiao in Hu’nan und viele der 115 behandelten Begriffe erfunden. Han Shaogong nutzt hier auf besondere Weise den im Chinesischen ohnehin vorhandenen sprachlichen Anspielungsreichtum. 350 Zu dem Essay vgl. die Übersetzung Han Shaogong 2010. 351 Zu dem Werk Buch für Tag und Nacht vgl. Han Shaogong 2013. Zum Buch vgl. auch die Internetquellen http://www.chinanews.com/cul/2013/05-29/4870777.shtml und http://timeweek ly.com/story/2013-05-23/129808.html (eingesehen am 20.6.2013). Vgl. auch den Text eines Interviews mit Han Shaogong, in dem Han ausführlicher auf die Entstehung des Romans eingeht in dem Bemühen, der historischen Komplexität der Kulturrevolution gerecht zu werden. Zur Quelle des Interviews siehe Zhu Youke 2014. 352 Vgl. den Abschnitt „Wiederauferstehung und Verbreitung des Wortes – über Das Wörter buch von Maqiao“ 词语的复活与散发-论《马桥词典》, in: Zhang Ning 2013, S. 116 – 129. Auf S. 128 f. erläutert Zhang ausführlicher den zyklischen Charakter im Wörterbuch, der durch die lockere Verbindung einer Handlung mittels mehrerer Wörterbucheinträge entsteht. Zhang stellt hierbei Einflüsse durch die Hexagramme im Buch der Wandlungen 易经 fest. 119 8 Die Welt als Wörterbuch. Han Shaogong und sein Roman ‚Das Wörterbuch von Maqiao‘ Die gesamte Struktur des Buches bleibt dabei naturgemäß locker, was durchaus an die klassischen chinesischen Romane erinnert, in denen am Ende eines Kapitels die Aufmerksamkeit des Lesers auf das nächste Kapitel gelenkt wurde, und wo am Beginn des Kapitels noch einmal kurz auf den vorangehenden Kapitelschluss hingewiesen wurde, sodass eine erzählerische Klammer entstand. Han bedient sich in einigen Kapiteln dieses Verfahrens wenigstens zum Teil. Zu knapperen Einträgen gesellen sich längere Passagen, Han verbindet die Vielfältigkeit einer Kurzgeschichtensammlung mit der Dynamik einer guten Erzählung. In der Bewegung der „Arbeit mit dem Wörterbuch“ – dem Hin-und-her-Blättern, dem Nachschlagen und der Suche nach Verweisen – wird vor allem „Geschichte“ (nicht nur die Erzählung, sondern auch die Zeit- und Ereignisgeschichte) gleichsam sowohl dekonstruiert als auch neu konstruiert. Indem Han Shaogong also die Erzählung in kürzere Episoden und Beobachtungen unterteilt, greift er die beliebte Tradition früherer literarischer Genres wie der „Notizen“ (biji 笔记) und kleiner Essays auf. Allgemein gesprochen handelt es sich bei Han Shaogongs Wörterbuch demnach um ein reflektierendes Werk, wenig handlungsbetont und daher in seiner Handlungsentwicklung schwierig zu beschreiben.353 Ganz deutlich geht es Han Shaogong darum, eine „objektive“ Ethnografie hervorzubringen, indem er ein Wörterbuch anlegt mit dokumentarischen Einträgen über Aspekte des Dorflebens auf der Grundlage von Schlüsselbegriffen im Dorf.354 Zumal durch die Verlagerung nach Südchina der Roman einen subversiven Charakter erhält, denn er wendet sich ab von dem durch die KPCh nach 1949 angelegten nationalen Mythos, demzufolge der Ursprung der chinesischen Nation im zentralchinesischen Hochland zu suchen ist. Auch die Gegenwartsliteratur hat diesen Mythos weiterhin gepflegt.355 Das Subversive kommt aber noch anderweitig zum Ausdruck, nämlich in den essayistischen Erörterungen. Nicht allein der Ort in Südchina, sondern die dorthin verlagerten Betrachtungen verleihen dem Buch einen Charakter des Widerständischen, des Infragestellens. Dabei geht es gar nicht einmal um die ethnografische Korrektheit der Einträge, deren Auswahl allein schon willkürlich ist und keinem Kanon folgt. Es geht vielmehr um die Offenlegung von neuen, anderen Sichtweisen jenseits einer Norm, die „man“ (d. h. der Leser und der Stichwortgeber, auf die sich Han Shaogong bei seinen Erörterungen beruft) kennt. Diese „Norm“ muss einem Leser nicht ausdrücklich genannt werden, sie ist ihm durch die vagen Hinweise, die der Erzähler gibt, bekannt, zum Beispiel, wenn er immer wieder auf „die Revolution“, „die Geschichtsschreibung“ u. Ä. zu sprechen kommt und dann besondere Vorkommnisse am Ort nennt, ein besonderes Verhalten der Menschen anführt, das so gar nicht einem von „der Geschichtsschreibung“ entworfenen Bild zu folgen scheint. Geschichte und Sprache – dies teilt Han Shaogong dem Leser immer wieder zwischen den Zeilen mit 353 Bei der Bearbeitung wurde Wert gelegt auf die lineare Lektüre, d. h. nicht in der Form einer „Konsultation“ eines „Wörterbuchs“. Der „Wörterbuchcharakter“, wie er sich in der Inhaltsübersicht andeutet, wird im chinesischen Original durch die Ordnung der Einträge nach der Anzahl ihrer Striche (wie in chinesischen Wörterbüchern gebräuchlich) herbeigeführt. 354 Vgl. zu dem Begriff und den Ausführungen dazu bei Wang 2006, S. 16. 355 Vgl. dazu etwa Chen Zhongshis Roman Ebene des Weißen Hirsches 白鹿原 1993. 120 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas – seien zu keiner Zeit einer vollkommenen Kontrolle unterworfen. Der Autor/Erzähler spielt ganz offensichtlich mit „der Norm“, dem offiziellen Diskurs. Mit seinem ganz persönlichen Wörterbuch versucht Han Shaogong, die Literatur und den Roman zurück auf den Weg der Kunst und der Fantasie zu führen. In der Abgrenzung vom „Mao-Stil“ der zurückliegenden Jahrzehnte – dies sind die großen und wichtigen Vorgaben, von denen sich Han Shaogong abgrenzen möchte – will sich Han der Sprache neu versichern.356 8.3 Literarisches Neuland. „Realismus“ und Han Shaogongs Wörterbuch in der Weltliteratur Weltliteratur ist ein großes Wort. Im besten Sinne dürfte man darunter wohl ein wichtiges Werk verstehen, das Strahlkraft besitzt, indem es geistige Tendenzen und ästhetische Strömungen bündelt sowie Hinweise gibt auf die sozialen Veränderungen. Doch darüber hinaus zeichnet Weltliteratur aus, dass sie über eine kulturelle Anschlussfähigkeit verfügt, dass sie in der Lage ist, den humanistischen Nektar aus den eigenen wie den fremden Traditionen zu saugen, um „der Welt“ etwas Neues zu schenken. In diesem Sinne lässt sich Han Shaogongs Roman sehr wohl als Weltliteratur auffassen, indem er das Universelle mit dem Lokalen verbindet und dabei immer wieder erkennbar wird, dass er das Buch unter den verschiedensten Einflüssen angefertigt hat: Konfuzius und Freud, Tendenzen der modernen Kunst, die Verknüpfung des Philosophierens mit der Freude am Geschichtenerzählen – all das findet sich bei Han. Han Shaogongs Werk lässt sich nicht auf eine Tradition festlegen. Weder geht es ihm um eine einfache Rückkehr zu den chinesischen Traditionen noch möchte er die Tendenzen der westlichen Moderne von Grund auf hinterfragen. Vielmehr bemüht er sich darum, die Elemente aus dem Westen und aus China auf schöpferische Weise miteinander zu verknüpfen. In dieser Verknüpfung ist auch Hans besondere Rolle innerhalb der chinesischen Literatur zu sehen. Mit dem Wörterbuch hat er sich aus dem Kreise der Autoren der Wurzelliteratur verabschiedet, auch wenn, wie wir weiter unten im Zusammenhang mit seiner Ästhetik sehen werden, gerade dieses Werk ohne die Berücksichtigung seiner kulturellen Verortung im Lokalen nicht zu verstehen ist. Der wohl stärkste Einfluss auf Han Shaogongs Roman ist immer wieder dem „Magischen Realismus“ und hier insbesondere Márquez’ Hundert Jahre Einsamkeit nachgesagt worden. In der Tat lassen sich große Ähnlichkeiten mit dem 1967 erstmals veröffentlichten Roman des Kolumbianers Gabriel García Márquez aufzeigen. In beiden Werken wird das „wirkliche Leben“ in fiktiven Welten beschrieben – hier der Welt in Maqiao,357 dort die Welt im ebenso erfundenen Macondo. Auffällig in beiden Roma- 356 Vgl. dazu auch die Interpretationen von Julia Lovell im Vorwort zur englischen Ausgabe von Han Shaogong: A Dictionary of Maqiao, S. viii. 357 Bei dem Maqiao 马桥 im Roman von Han Shaogong, was wörtlich so viel wie „Pferdebrücke(n)“ heißt, handelt es sich nach Angaben des Autors um die verkürzte Bezeichnung des eigentlich „Pferdebrückenbogen“ 马桥弓 zu nennenden Ortes, für den es auch einen ei- 121 8 Die Welt als Wörterbuch. Han Shaogong und sein Roman ‚Das Wörterbuch von Maqiao‘ nen ist auch, dass es keinen klar erkennbaren chronologischen Ablauf gibt. Márquez bedient sich des Stilmittels der Ana- und Prolepsen, beim Lesen entsteht der Eindruck, es handele sich um ein wildes Durcheinander von Episoden aus dem Leben der Protagonisten. Auch bei Han Shaogong findet dieses Mittel Anwendung, doch wird das den Handlungsfluss der „Erzählung“ Unterbrechende noch stärker akzentuiert durch den Charakter als Wörterbuchroman.358 Selbstverständlich lassen sich die hier nur in knapper Form anzuführenden Einflüsse des magischen Realismus – wenn auch noch in stark experimenteller Form – bereits zum Beginn der chinesischen Reformperiode ab 1978 anführen. Zu nennen sind hier vor allem einige zur Mitte der 1980er-Jahre erschienene Erzählungen von Yu Hua. Zu einer kraftvollen Strömung ist der Stil des magischen Realismus in der chinesischen Literatur trotz dieser interessanten Experimente dagegen nicht geworden. Die Gründe hierfür sind sicherlich vielfältig. Auf ideologischem Gebiet (die Intensität der Kampagnen mag über die Jahre nachgelassen haben, doch in den 1980er-Jahren besaßen sie noch erhebliches Gewicht) musste sich ein neuer Stil wie der magische Realismus stets gegenüber dem seit den 1940er-Jahren propagierten „sozialistischen Realismus“ behaupten. Gerade mit der Kunst der magisch-realistischen Autoren, bei der der Leser nicht einfach oberflächlich mit Ängsten, Zweifeln und anderen Emotio nen befrachtet wird, sondern in der es einen spannungsvollen Ausgleich zwischen dem bewusst Erlebten (in Form der Empfindungen) und dem mit betont distanzierten Mitteln dargestellten Realen gibt, haben sich chinesische Autoren oft schwergetan. So ist es immer nur ausnahmsweise gelungen, in den literarischen Kunstwerken eine Welt zu erschaffen, in der der Leser keine strikte Trennung mehr zwischen Intellekt und Empfindung erlebt. Viel eher scheint man sich auf die „einfacheren“ und leichter zu erkundenden Fantasy-Welten eingelassen zu haben. Chinesischen Erzählern – und dies trifft in hohem Maße auch auf Han Shaogong zu – ist die Kunst, die Welt ins „Überwirkliche“ zu heben, eher fremd: nämlich die „Bannung“ durch ein „höheres Gesetz“ nur anzudeuten (wie dies sehr schön bei Márquez der Fall ist), ohne dabei die Wirklichkeit aus dem Blick zu verlieren. Das „Magische“ – nicht einfach auf Träume und Legenden reduziert, sondern vielleicht auch als unsichtbare, starke, alles beherrschende „Kraft“ verstanden – bedarf vielleicht in der Tat religiöser Wurzeln, wie sie im Christentum anzutreffen sind, von dem Südamerika anders als China stark geprägt genen Eintrag im Wörterbuch gibt. „Pferdebrücken“ ist eine rhetorische Figur, eine Metapher für das ländliche und die „echte“ Kultur Chinas bewahrende Hinterland jenseits der großen Städte, also ein China in nuce, wenn man so will. 358 Grundsätzlich muss man wohl sagen, dass der Begriff des „Magischen Realismus“ sicher nicht vollständig auf die chinesische Literatur und auf Han Shaogong zu übertragen ist. Beeinflussungen hat es sicherlich gegeben, doch gilt es, den chinesischen Kontext stärker zu berücksichtigen. Dies ist gerade bei Literaturwissenschaftlern aus den USA oftmals unterblieben. Vgl. dazu die zu einseitig bleibenden Begründungen bei Lee 2002, S.  147. Als Gegenstück zum „Magischen Realismus“ wird gerne der „soziale Realismus“ angeführt. Vgl. dazu weiterführend Scheffel 1990 und Reeds 1990. Zum Realismusdiskurs in der chinesischen Literatur vgl. den Abschnitt zu Mo Yan. S. auch die Arbeiten von Yan Lianke 2010b und den Abschnitt „Räume und Grenzen der Wirklichkeit im Realismus“ 现实主义之真实境层, in: Yan Lianke 2011, S. 12 – 60 122 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas ist. So drückt sich das höchstens vage fühlbare „Magische“ bei Márquez und seinem Buch Hundert Jahre Einsamkeit in der Form des Fluchs der Schlaflosigkeit aus, der die Menschen Macondos plagt. Zu konstatieren ist eine „Gier nach dem Vergessen“ – etwa im Zusammenhang mit dem furchtbaren Massaker, das die Behörden und nach und nach auch die Menschen von Macondo leugnen. Einen ähnlichen Umgang mit den Ereignissen in China 1989 findet man in gewissem Maße noch in dem eingangs angeführten Roman Beijing Coma von Ma Jian, nicht aber bei Han Shaogong. Eine magisch anmutende Kraft verbirgt sich womöglich auch hinter Macondos Dauerregen – vielleicht zu lesen als ein Bedürfnis nach (Fort-)Spülung, „Klärung“, nach zwanghaftem Reinigen usw. Was die Frage des konkreten Ortes betrifft – Macondo vs. Maqiao –, so ist ein Unterschied durchaus auffällig: Schildert Márquez eher „atmosphärisch“ – Häuser, Klima, Hitze, Sintflut, Natur (Ameisen), Tropen –, so bleibt dies bei Han Shaogong nahezu unausgeführt. Es muss also eine Reihe von Faktoren dabei berücksichtigt werden, wenn man sich mit dem schwierigen Feld des „Realismus“ in der chinesischen Literatur beschäftigt. Gerade im Fall des „Magischen Realismus“ kann man bestenfalls von einigen überaus interessanten Versuchen sprechen. Han Shaogong hat sich auf jeden Fall bereits sehr früh von der Vereinnahmung durch modische Trends in der Literatur wie den „Magischen Realismus“ befreit.359 Er war vielmehr darum bemüht, in Chinas eigener Tradition die Ursprünge eines kulturellen Seins ausfindig zu machen, sie erneut fruchtbar werden zu lassen und mehr auf die „Intuition“ zu achten. Wie die Vergleiche zeigen, kennt sich Han Shaogong in der westlichen Fachliteratur gut aus.360 8.4 Sprache und Welt „Der Mensch ist ein der Sprache fähiges Lebewesen, aber es fällt dem Menschen dennoch schwer, zu sprechen.“ Dies schreibt Han Shaogong am Beginn seines Nachworts zum Wörterbuch.361 Ausführlicher geht er im Weiteren ein auf die Schwierigkeiten und Besonderheiten, die sich im sprachlichen Zugehen auf die Welt ergeben. So weist er zunächst auf den Ortszusammenhang von Sprache (Stichwort Dialekt) hin und macht den Zeitzusammenhang klar: Die Menschen auf der Welt mögen sich aufgrund der Kommunikationsmöglichkeiten nähergekommen sein, einander besser verstehen, aber „Welt“ in einer bestimmten Zeit wird nach Han eben auch immer durch die Sprache 359 Zu dieser Abgrenzung und Hans Plädoyer, „dass die chinesische Literatur mit der Literatur anderer Völker ‚auf getrennten Wegen gemeinsam gehen’ sollte“ vgl. Han Shaogong 1993, S. 163 360 Han geht näher auf die Bedeutung der Intuition als der Grundeigenschaft des literarischen Wesens ein und grenzt sie vom Rationalismus ab. In der chinesischen Literaturtradition erkennt er früh die Verbindung zwischen Literatur und Wein, Traum, Wahnsinn und kindlicher Einfalt. An westlichen Quellen führt er u. a. Levy-Brühls Untersuchungen primitiver Denkformen, Piagets Forschungen über kindliches Denken und Freuds Studien des Unterbewusstseins an. Vgl. ebd., S. 168 f. 361 Das auf Dezember 1995 datierte Nachwort findet sich in der zugrunde gelegten taiwanesischen Ausgabe Han Shaogong 2011 auf den Seiten 443 – 446, hier zitiert nach S. 443. 123 8 Die Welt als Wörterbuch. Han Shaogong und sein Roman ‚Das Wörterbuch von Maqiao‘ der betreffenden Zeit verstanden. Die Sprache unterliegt ständigen Veränderungen, einzelne Wörter verändern sich, im Laufe sozialer und technischer Entwicklungen entsteht ein neuer Wortschatz, an aus der Vergangenheit übernommene Wörter werden neue Bedeutungen angelagert. Welche Assoziationen rufen diese neuen Bedeutungen hervor, was ist schließlich das „Neue“, wie wirkt es und was spielt sich ab, wenn bestimmte Äußerungen anderer nicht mehr mit dem eigenen Wörterbuch übereinstimmen? Es setzt ein Vorgang des Überprüfens ein. Die Veränderung, die ein einfacher Begriff wie „Faulheit“ bzw. „faul“ (lan 懒) durchgemacht hat, kann womöglich zur Überprüfung eines ganzen sprachlich fundierten Wertekodex führen. Verwundert stellt der Erzähler im Zusammenhang mit den angeführten Begriffen für „faul“ im Gespräch mit einem Bewohner aus Maqiao fest, dass sich Einstellungen geändert haben. Der Bewohner brüstet sich nämlich damit, sich der Faulheit hinzugeben, keiner geregelten Arbeit nachzugehen, zu spielen, herumzufahren, in den Tag hineinzuleben. Diese Angaben stimmen nicht mit den gewohnten Einschätzungen des Erzählers überein, für den „Faulheit“ immer ein Makel gewesen ist. Auf einmal stimmen die Definitionen im Wörterbuch des Erzählers nicht mehr. Wenn „faul“ solch einen Wandel durchgemacht hat, was ist dann mit Begriffen wie „Betrug“, „Ausbeutung“, „Korruption“, „Diebstahl“ usw.? Wie lässt sich – so die weitere Überlegung des Erzählers – überhaupt noch eine erfolgreiche Kommunikation bewerkstelligen, wenn es im Unterbewusstsein der Menschen eine vollkommen andere Einschätzung und Bewertung der „Wörterbuch einträge“ gibt?362 Han Shaogong zufolge besitzt also jeder sein eigenes inneres Wörterbuch zur sprachlichen Entschlüsselung der Welt. Indem er auf den politischen Charakter von Sprache zu sprechen kommt und Mechanismen anführt, die die Sprache einer Zeit bestimmen, unterstellt er ihr eine Kraft zum Wandel der Verhältnisse, die sie fraglos besitzt. Inwieweit es aber möglich und überhaupt wünschenswert ist, als fernes Ziel der Menschheit die Entstehung einer „gemeinsamen Sprache“ 共同的语言 anzustreben, muss wohl dahingestellt bleiben.363 Möglicherweise hat Han Shaogong hier weniger einen normativen Aspekt im Blick als vielmehr eine Vorstellung von „Sprachregelungen“, wie sie unter internationalen Partnern zur Verständigung üblich sind. Überzeugender vor allem im Hinblick auf die Befreiung von den starken ideologischen Fesseln, die der chinesischen Sprache während der vergangenen Jahrzehnte angelegt worden sind, ist dagegen Han Shaogongs Plädoyer für einen seriösen und skrupulösen Umgang mit Sprache. Wenn Kommunikation nicht zur gegenseitigen Anpassung oder Vernichtung dienen soll, so Han, so muss im Kommunikationsvorgang auf Sorgfalt und Widersetzlichkeit Wert gelegt werden, um einen individuellen und persönlichen Ausdruck weiterhin zu ermöglichen. Es geht in der gelungenen Kommunikation nach Han also zunächst einmal um Selbstbewahrung. Die Wahl der richtigen Sprache, 362 Vgl. zu diesen Überlegungen ebd., S. 376 f. Mit Hilfe von fremden Sprachen erläutert der Erzähler das weiter: Er habe 1986 in den USA eine „Künstlerkolonie“ besucht. Dies habe ihn befremdet, war doch der Begriff „Kolonie“ für ihn mit einem ganz anderen (negativen) Wert versehen. Es habe gedauert, bis er herausfand, dass die „Kolonie“ u. U. auch für ein bewohnbares Gebiet unabhängig vom ursprünglichen Koloniebegriff zu verstehen sei. Vgl. ebd., S. 378. 363 Vgl. ebd., S. 445. 124 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas so kann man Han interpretieren, dient dabei vor allem der Selbstbehauptung. Insbesondere der Sprache im Roman kommt viel mehr als nur eine „Kommunikationsfunktion“ zu. Sie besitzt einen ganz eigenen Charakter, der für jeden Menschen individuell verschieden ist und weit über das „Allgemeine“ hinausgeht. Das Wörterbuch von Maqiao versteht Han Shaogong dabei als sein Wörterbuch, das für andere keinerlei Verbindlichkeit besitzt. Eine Art „fiktive Autobiografie“ in Vokabeln. Der Autor sieht sich als „Lehrer“, der den „Schülern“ (Lesern) einen Test anbietet, den sie nach dem Unterricht (Lektüre) vergessen können. In einem ganz allgemeinen Sinne lässt sich Han Shaogongs Wörterbuch also als ein eigenwilliger Roman mit Erklärungen zu den Menschen und der Zeit in China lesen. Han Shaogongs immer wieder aufkommende Gedanken, dass es unmöglich sei, Sprache und Wahrheit universell zu verstehen und sie dauerhaft auf etwas Bestimmtes, Konkretes festzulegen, lassen einen Anklang an den Taoismus erkennen. Man denke insbesondere an den Satz im Daodejing, dass der Weg, das Dao, welches einmal benannt werden kann, nicht der beständige Weg ist.364 Welche Spielräume für Geist, Gefühl und Wahrnehmung gibt die Sprache den Menschen bei ihrer Begegnung mit der Welt? Im Eintrag „Auto fahren“ 打车子, eine Bezeichnung für den Liebesakt, kommt der Erzähler auf das Problem der Weltwortung und die Wortfeldproblematik zu sprechen, um freilich auch gleich die vermeintliche Sicherheit, die man durch Beherrschung einer Sprache zu gewinnen glaubt, zu hinterfragen. Eine Welt, die nur schwer in Worte zu fassen sei (Han stellt hier als Beispiel das im Chinesischen riesige Wortfeld für Speise und Essen der geringe Wortmenge zum Sex gegenüber), bleibe diffus, fremd und nicht kontrollierbar.365 Bezogen auf den Sex, rufe Sprachlosigkeit ein Schamgefühl hervor. Gedanklich gesehen übertreibt Han Shaogong womöglich, wenn er der Sprache eine ganze eigene und scheinbar nur ihr innewohnende – auch zerstörerische – Macht zuschreibt. Doch wird man diese große Sensibilität gegenüber der Sprache wohl aus der in den einleitenden Abschnitten über die anhaltende Kontrolle der Sprache in China erwachsenen Skepsis gut ableiten können. So führt Han zum Beispiel die an Zerstörungskraft beispiellosen Kriege des 20. Jahrhunderts, die sozialen und kulturellen Veränderungen in dieser Zeit an – also Akte der physischen Gewalt, die sich angesichts der medialen Entwicklung auch in zahllosen verrückten, wild ins Kraut geschossenen sprachlichen Ausdrücken spiegelten. Han spricht hier von einer „sprachlichen Explosion“ 语言爆炸. Sprache wird bei Han Shaogong zu etwas organisch Wucherndem, zu einem „zähen Film, der die Erdoberfläche überzieht“ 形成对地球表面厚厚的覆盖. Wer, so fragt Han, garantiere denn, dass aus Teilen dieses Sprachgewimmels nicht neue Kriege entstünden?366 Han beschreibt hier – womöglich zurückgehend auf eigene Erfahrungen in der Kulturrevolution – die Macht, die Sprache über Menschen gewinnen kann. Er weist hin auf die Totalität, mit der Sprache nach der Macht über die Menschen, ihre Gefühle, ihr Verhalten greift: 364 Vgl. das Vorwort von Julia Lovell in Han Shaogong: A Dictionary of Maqiao, S. x. 365 Vgl. Han Shaogong 2011, S. 271. 366 Vgl. ebd., S. 410. 125 8 Die Welt als Wörterbuch. Han Shaogong und sein Roman ‚Das Wörterbuch von Maqiao‘ Die sprachliche Verwirrung ist eine Krankheit der Zivilisation [语言迷狂是一种 文明病], es ist die häufigste Gefahr, in der sich Sprache befindet. Dass ich auf diese Umstände hinweise, hindert mich nicht daran, jeden Tag auch weiterhin die Sprache einzuatmen, mich ein Leben lang im Meer der Sprache zu bewegen.367 Gefahr drohe, sobald die Sprache erstarre und kein Mittel mehr darstelle, um nach der Wahrheit (und Klarheit) zu suchen, sondern selbst zur Wahrheit werde. Von der Sprache zur Gewalt sei es nur ein kleiner Schritt, wenn ein „Kampf um Begriffe“ entbrenne und Gewaltkonflikte ausbrechen würden aufgrund verschiedener sprachlicher Auslegungen bestimmter politischer und religiöser Begriffe. Han veranschaulicht das zunächst wiederum an einem Beispiel der Kulturrevolution,368 wobei diese Betrachtung aus der zeitlichen Distanz heraus die Unverständlichkeit des Vorgangs unterstreicht: Gruppen, die sich die Selbstbezeichnung „Rote“ 红司 gegeben hatten, bekämpften 1968 Gruppen mit der Bezeichnung „Revolutionäre“ 革司; Anhänger der „Gedanken Mao Zedongs“ 毛泽东思想 umzingelten damals die Parteigänger des „Maoismus“ 毛泽东主义.369 Im Grunde habe es kaum Unterschiede zwischen den Gruppen gegeben, denn alle hätten dieselben Ideen vertreten, denselben Geschmack besessen, dieselbe Kleidung getragen usw. Was sie in der Zeit trennte, seien allein Worte gewesen. Man spürt bei dieser sprachlichen Beschäftigung mit politisch schwierigen Zeiten der chinesischen Gegenwartsgeschichte etwas von der Brisanz der Wörterbucheinträge Han Shaogongs, auch wenn er es – anders etwa als die deutschen Verfasser von Wörterbuch des Unmenschen – weitgehend den Lesern überlässt, die Verbindung zur Gegenwart herzustellen. Dolf Sternberger und seine Co-Autoren bemühten sich nach 1945 darum zu zeigen, inwiefern das Erbe des totalitären Sprachgebrauchs das Bewusstsein der Menschen auch nach dem Untergang des Dritten Reiches beeinflusste.370 So entschiedene Folgerungen wie im Wörterbuch des Unmenschen, dass der „Verderb der Sprache der Verderb des Menschen“ sei,371 sollte man in Han Shaogongs Wörterbuch nicht erwarten, auch wenn der Schluss anhand der geschilderten Erfahrungen stellenweise durchaus zulässig ist und das Aufkommen von Sprache schlechthin in einen direkten Zusammenhang mit den Konflikten unter den Menschen gestellt wird. Als Grund für dieses „unausgesetzte Vorkommen von Bluttaten mit sprachlichem Hintergrund“ führt Han interessanterweise keine „der Sprache innewohnende Magie [魔力]“ an, die zerstörerische Macht 367 Ebd., S. 410. 368 Die Konfliktträchtigkeit religiöser Begriff betreffend, führt Han die mittelalterlichen Kreuzzüge an, stellt „Bibel“ und „Koran“, „Gott“ und „Allah“ als konträre Begriffe gegen- über und reduziert das Religiöse auf einen Konflikt zwischen unterschiedlichen Wörtern. Der Geschichte wird damit eine eigene Dynamik verliehen („Entstehen Feuerfunken, wenn Wortbedeutungen aufeinandertreffen? […] Wird mit dem frischen Blut, das aus der Satzsyntax fließt, das Kamelgras der Steppen gedüngt?“). Ebd., S. 409. 369 Vgl. ebd., S. 409 f. 370 Vgl. die Vorbemerkungen aus den Jahren 1945 und 1957 in: Sternberger 1962, S. 9 f. 371 Vgl. ebd., S. 9 aus dem Vorwort von 1945. In sehr grundsätzlichem Ton, idealistisch und voller Sensibilität für die gemachten Erfahrungen und die Gegebenheiten der Zeit formulierten die Verfasser an der Stelle ihren Wunsch, die noch vom Denken der Nazis durchtränkte Sprache den Lesern fremd zu machen. Vgl. ebd., S. 10. 126 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas über den Menschen gewinne, sondern erklärt vielmehr: „Sobald es einigen [einzelnen] Wörtern und Wendungen gelingt, eine unantastbare göttliche Stellung einzunehmen [ 不可冒犯的神位], dann verlieren sie augenblicklich die enge Verbindung mit der Realität, die sie ursprünglich besaßen.“ Reduziert zu einer „Hülle der Macht“, ihrer einstigen Kraft zur Beförderung des kulturellen Fortschritts beraubt, zeigten Wörter auf einmal ihre ganze Unversöhnlichkeit.372 Das quasireligiöse Wort gewinne damit eine Aura des Heiligen und Unantastbaren, und jeder Versuch einer Veränderung führe zwangsläufig zu ernsten kulturellen und politischen Konflikten. Aber nicht nur das: In solch einem starren und von der Ideologie beherrschten Kontext wird generell alles, was mit Sprache zu tun hat, schnell zu etwas Politischem.373 Seine Gedanken zum Machtgewinn mittels der Sprache lässt Han Shaogong schließlich in einen Abschnitt einfließen, der wörtlich den Titel „Sprachanteil“ 话份 trägt und im Sinne von Diskursmacht zu verstehen ist: Worte von Gewicht, die den Ton angeben, weithin Beachtung finden und Verbindlichkeit ausdrücken. Eine starke und reife politische Gewalt bzw. eine gesellschaftliche Gruppe – so Han Shaogongs These – verfüge immer über ein starkes sprachliches System, angereichert um überzeugende Kräfte der „Vernunft“.374 Aus diesem System folgten Rituale, Reden, Formen der Benennung, der Kanonbildung, Parolen usw., mit denen in der Gesellschaft ein eigener Raum besetzt werde. Umgekehrt ergibt sich daraus, dass der Machthaber einer ihm nicht vertrauten Sprache mit einer Form natürlichen Misstrauens, wenn nicht sogar Feindschaft begegnet. Der Erzähler erläutert das wiederum anhand eines Beispiels aus der Kulturrevolution, als er – Karl Marx lesend – bei den Dorfkadern Misstrauen hervorrief, denen wohl „Marx“ als gut und wichtig im Ohr klang, denen aber bestimmte Schriften von Marx fremd und unheimlich anmuteten und daher Vorsicht zu gebieten schienen. Aus Gründen der Gewohnheit und der ideologischen Absicherung berief man sich lieber auf die bekannten Texte Maos. Han Shaogong beschreibt hier am Beispiel des schwierigen Verhältnisses zwischen dem Chinesischen und anderen Sprachen, wie aus Fremdsprachen stammende Begriffe und Ideen so wiederzugeben sind, dass sie auf der einen Seite noch klar die Botschaft der Ausgangssprache vermitteln, andererseits jedoch schon so „chinesisch“ sind, dass sie nicht als „fremd“ abgelehnt werden. Unabhängig von dem jeweiligen Bezeichnungsgegenstand (der Erzähler schlägt den Bogen zu den ungewohnten neuen sprachlichen und künstlerischen Formen in der Musik und Kunst insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg) entstehe durch sprachliche Fremd- 372 Vgl. Han Shaogong 2011, S. 409 f. 373 Vgl. Lee 2002, S. 157. 374 Han Shaogong geht der Frage, inwiefern rationale Erklärungen die Diskursgewalt beeinflussen und „Stärke“ vermitteln, weiter nach in dem Eintrag des Zustimmung signalisierenden Maqiao-Dialektbegriffs ken 肯. Seine These lautet, dass rationale Erklärungen Stärke verleihen, womit für ihn die Frage aufkommt, ob die Gedanken und Überlegungen des Starken auch zwangsläufig korrekt sind. Interessant ist, wie das Problem des ratio nalen Argumentes und seiner „Richtigkeit“ an die Frage der konkreten Machtausübung gebunden wird. Der Eintrag ist ein weiteres Beispiel für Einträge im Wörterbuch mit einem hohen Maß an politischer Brisanz. Vgl. Han Shaogong 2011, S. 96. Die Sprachkritik in Wörterbuch ist immer auch so angelegt, dass sich Bezüge zur Herrschaftsausübung in China herstellen lassen. 127 8 Die Welt als Wörterbuch. Han Shaogong und sein Roman ‚Das Wörterbuch von Maqiao‘ heit und das Unverstandensein quasi von allein eine ideologische Gegnerschaft. Lange habe man der abstrakten Kunst, dem absurden Drama, dem Bewusstseinsroman und weiteren Formen der Avantgardekunst eine zerstörerische, die eigene Ideologie und Wahrheit bedrohende Kraft unterstellt, die als eine Dekadenzerscheinung des kapitalistischen Westens verstanden wurde und einem Verbot unterlag. Erst der Konsum habe es ermöglicht, starren ideologischen Vorgaben ein Schnippchen zu schlagen. Sprache verfüge über eine Doppelnatur mit der Folge, dass sie ganz gleich wie ihre oberflächlichen politischen Merkmale aussehen würden, doch weiterhin etwas Fremdes, innere Nähe Entbehrendes behalte. Das habe zur Folge, „dass die Sprachmacht der politischen Machthaber in unterschiedlichem Maße geschwächt und zersetzt“ werde.375 Der sprachlich verarmte politische Machthaber – sei es eine einzelne Person, eine Gruppe oder ein Apparat – erschöpfe sich schließlich in einem Monolog.376 Monologisch-autoritär angelegt ist auch die gesteuerte Verbindung zwischen Bild und Sprache. Han Shaogong nimmt diese Erscheinung in einem ironisch-prägnant gehaltenen Eintrag mit dem Titel „Der ganze Himmel ist rot“ 满天红 aufs Korn, womit eine bestimmte Lampe gemeint ist, die in den 1960er-Jahren angefertigt wurde und offenbar die Allmacht Maos und seiner Ideologie symbolisieren sollte. Selbstverständlich verbirgt sich hinter dem Begriff auch eine Anspielung auf die Politik. Der Erzähler macht das Thema an den zahlreichen während seiner Zeit in Maqiao in Umlauf befindlichen Parolen fest. Den leitenden Dorfkadern sei es damals zur Gewohnheit geworden, nach verrichtetem Tagwerk auf dem Feld gegenüber dem Mao-Bild an der Wand Bericht zu erstatten – eine weitere Form des übertriebenen Personenkults. Die Bemerkungen erfolgten zunächst im Ton der Anteilnahme, unterstellend, dass Mao sich von früh bis spät für das Wohl des Volkes aufopfere und nun beruhigt schlafen könne („Verehrter Alter, Du kannst nun gut schlafen“ oder „Heute hat es geschneit, mach dir nur genügend Feuer, damit dir warm bleibt“377). Doch der Kult habe noch weitaus groteskere Formen angenommen und eine bizarre Abhängigkeit von Autoritäten an den Tag gelegt.378 In allen möglichen Lebenslagen und Unterhaltungen über die verschiedensten Themen berief man sich auf Mao; die Formulierung „Mao hat gesagt …“ rundete somit Argumente ab, ohne dass jemand ihre Richtigkeit überprüfte. Zum Ausdruck kam damit die totale Zuständigkeit Maos bis hin zum kleinsten Detail im Leben der Menschen. Weit davon entfernt, einer politisch korrekten „harmonischen“ Gesellschaft in China das Wort zu reden, wie man das heute gerne tut, deckt Han Shaogong mittels seiner (politisch „unkorrekten“) Wörterbucheinträge Nuancen der Disharmonie auf. Wenigstens dem historisch informierten Leser dürften die Zusammenhänge vertraut sein. Es ist das Besondere an Han Shaogongs Wörterbuch, dass er dem Leser bei der 375 Ebd., S. 204. Der Abschnitt „Sprachanteil“ beginnt auf Seite 201. 376 Weitere der über das Buch verteilten Ausführungen zum Thema Sprache und Macht finden sich in dem Eintrag „Kleiner Bruder“ (xiaoge 小哥), vgl. ebd. ab S. 45. 377 Ebd., S. 210. 378 Der Erzähler schlägt an der Stelle den Bogen zur überlieferten Abhängigkeit der chinesischen Denker von den Heroen des Altertums: Je nachdem welcher Schule einer angehörte, berief er sich stets auf Konfuzius oder Laotse. 128 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas Lektüre Raum gibt für eigene Spekulationen. Han drängt sich niemandem mit seinen Interpretationen und Definitionsvorschlägen auf. Was assoziierte wohl ein zeitgenössischer Leser, wenn er den Eintrag yuantou 冤头 las, was nicht nur so viel heißen kann wie Gegner oder Feind, sondern – vor allem in Maqiao – eben einen Gegner bezeichnet, mit dem man im Hass auf innige Weise verbunden bleibt und dem man am ehesten dadurch schadet, dass man ihn preist anstatt zu verleumden. Auch yuantou ist einer jener politisch stark aufgeladenen Begriffe der vorangegangenen Jahrzehnte.379 Ein Wort wie yuantou ist ein recht gutes Beispiel dafür, wie sich in bestimmten sprachlichen Formulierungen Zwiespältigkeit äußerte, wenn Politik und Ideologie tief in Lebenszusammenhänge eingriffen. Wie viel Feindschaft und Gegnerschaft ist der Einzelne bereit aufzubringen, wenn sich der Gegner in der eigenen Familie befindet? Dem Diktum eines Diktators, dass Konterrevolutionäre zu hassen seien, mag man sich zwangsläufig fügen müssen, doch wie viel Hass ist – auf ideologische Gegnerschaft ausgerichtet – im Falle von Konterrevolutionären unter den eigenen Familienangehörigen, den Eltern und Geschwistern, wirklich möglich? Die Geschichte um Yanzao, einen „Verräter der Chinesen“, der verfolgt und geschmäht wird, weil er der Sohn eines Grundbesitzers ist, veranschaulicht diese Form der zwiespältigen Gegnerschaft sehr schön. Der Erzähler kommt nach seinen einführenden Bemerkungen über den inneren Bedeutungswandel von Wörtern im Zusammenhang mit der „Liebe“ 爱 („Und wie stand es nun mit der Liebe des Yanzao zu seiner Großmutter? Schimmerte auch hier eine weitere Bedeutung hinter diesem Begriff durch? Was war das für eine erschreckende Hinterlassenschaft, die blieb, wenn das Gefühl der Liebe einmal verflossen war?“380) auf die besondere Bedeutung des Begriffs yuantou-„Feind“ in Maqiao zu sprechen: ein (un)geliebter „Gegner“, den man gleichermaßen liebt wie hasst. Das beide Hassliebenden Verbindende ist nicht mehr ein inniges Gefühl der Liebe und Zuneigung, sondern ein auf Vernunft basiertes Erdulden, ein leidvolles Hinnehmen. Zurück bleibt nur die Hülle einer Liebe, ein Zustand voller Bitternis, der zermürbt, da nichts erwidert wird.381 379 Man darf wohl zurecht vermuten, dass Han mit seinem Eintrag auf eine wichtige Schrift („Über die zehn wichtigen Beziehungen“《论十大关系》) des zentralen politischen Stichwortgebers im Gegenwartschina – Mao Zedong (ebenfalls aus Hu’nan stammend) – anspielt, in der es heißt: „Da es sich bei den Konterrevolutionären in der Gesellschaft um die direkten Gegner des Volkes handelt, Gegner, die vom Volk zutiefst gehasst werden, muss man eine Minderheit von ihnen töten [社会上的反革命因为是老百姓的直接冤头,老百姓恨透了, 所以少数人还是要杀].“ Vgl. dazu die Angaben im Online-Wörterbuch http://www. zdic.net zum Eintrag für yuantou. Die Kursivierung stammt von mir. Im Begriff yuantou schwingt fraglos eine Reihe von südchinesischen und zumal huna nesischen Konnotationen mit. Eine landläufige, über die Provinzgrenzen hinaus gehende und bereits in der älteren Literatur nachzuweisende Redewendung lautet „so wie es für die Feindschaft einen Ursprung gibt, gibt es auch für jede Schuld einen Gläubiger“ 冤有头债有主. Was mitschwingt und auch beim Eintrag in Han Shaogongs Wörterbuch mit zu berücksichtigen ist, ist die ursächliche Verknüpfung und damit die Aufforderung, den Dingen auf den Grund zu gehen. 380 Han Shaogong 2011, S. 177. 381 „Ein nur aus Gewohnheit, aber nicht mehr von innen heraus wirklich Liebe und Gefühl Zeigender bekommt dagegen keinerlei Belohnung, und es bleibt ihm auch nichts zurück.“ 129 8 Die Welt als Wörterbuch. Han Shaogong und sein Roman ‚Das Wörterbuch von Maqiao‘ Man muss die altbekannte Sapir/Whorff-These nicht so weit treiben und die Grenzen, die Sprache aufzeigt, auf die Handlungs- und Wahrnehmungsfähigkeiten reduzieren. Im physiologischen Sinne heißt das Nichtvorhandensein eines Begriffs wie „süß“ nicht, dass jemand das Süße nicht schmecken könnte. Er bezeichnet es ggf. nur anders, und es steht ihm offen, zu neuen Differenzierungen zu gelangen. Etwas anderes ist es freilich, wenn man sich mit den Grenzen der Wahrnehmung, die Sprache setzt, einfach zufriedengibt, anstatt weiterhin nach neuen Erfahrungen zu suchen. In dem Eintrag für die Vokabel „süß“ 甜 erläutert Han ebendiese Grenzen der Weltwahrnehmung, die sich im Zusammenhang mit der Sprache unter Umständen auftun. So kenne man in Maqiao für viele verschiedene Geschmacksvarianten nur den Ausdruck „süß“ – Bonbons schmeckten ebenso „süß“ wie Fisch oder Fleisch, Reis oder Bittergurke. Daran knüpft Han ein mangelndes Differenzierungsvermögen an, etwa wenn den Chinesen die Fähigkeit fehle, bei aus Europa stammenden Menschen aufgrund ihrer verschiedenen Sitten, der Sprache, des Aussehens usw. zwischen Spaniern, Norwegern, Polen usw. zu unterscheiden, und sie diese nur als „Westler“ 西方人 oder „Ausländer“ 老外 bezeichneten. Han findet diese geringe Differenzierung lächerlich. Er plädiert also für mehr „kulturelle Differenzierung“, seine – nicht immer abstrakt formulierte – These lautet, dass man von Allgemeinplätzen absehen sollte. Er führt die (freilich rhetorisch und unbeantwortet bleibende) Frage an, ob es angehe, nur von dem Kapitalismus zu sprechen und ob man nicht Unterscheidungen anstreben müsse, je nachdem, ob sich der Kapitalismus in den USA oder in Ländern Westeuropas bzw. in Schweden oder Japan entwickelt habe. Auch die Zeit könne eine Rolle spielen, je nachdem, ob man vom Kapitalismus des 19. oder des 20. Jahrhunderts, der Zeit vor oder nach dem Zweiten Weltkrieg usw. spreche. „In den Augen vieler Chinesen ist es ausreichend, von ‚dem Kapitalismus‘ zu sprechen, um damit ihre Vorliebe oder Abneigung zu begründen.“382 Mit dieser kulturellen Relativierung einher geht freilich auch (von Han hier aber nicht genannt), dass es gerade einem Land wie China möglich wird, fremde, nicht aus der eigenen Geschichte und Kultur entwickelte Konzepte für sich zu vereinnahmen und mit vertrauten eigenen Merkmalen auszustatten („Sozialismus chinesischer Prägung“). Aufgrund seiner Erfahrung bei Besuchen und Aufenthalten im Ausland kommt Han zu dem Schluss, dass der Zusammenhang zwischen sprachlichen Ausdrucksformen und gedanklicher Enge ein weltweites Phänomen darstellt.383 Sprache ist ein wichtiges Mittel für jeden, der eigenen Gefühlswelt Ausdruck zu verleihen. Am Beispiel des im Buch spät auftauchenden Eintrags „jemandem die Wiedergeburt ermöglichen“ 放转生 erläutert Han etwa den der Sprache innewohnenden Hang zum Euphemismus. Die Wendung, so seine Vorbemerkung, diene den Bewohnern von Maqiao dazu, dem Vorgang der Schlachtung von Schweinen oder Rindern den blutigen Charakter zu nehmen. Der Euphemismus helfe einerseits dem Schlachter: Das zu schlachtende Tier habe gemäß dem der Vorstellung von Wiedergeburt innewohnenden Konzept in seiner vorangegangenen Existenz gesündigt 作孽, im jetzigen Leben erwarte es daher seine gerechte Strafe. Die Schlachtung ermögliche ihm die Ebd. S. 179. 382 Ebd., S. 30. 383 Zu den Ausführungen insgesamt vgl. ebd., S. 29 ff. 130 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas frühe Wiedergeburt und stelle (für den Schlachter) einen tugendhaften Vorgang dar. Auf der anderen Seite werde das Gewissen der Speisenden beruhigt. Mit der beruhigenden Redewendung auf den Lippen könnten sie guten Gewissens ihre Mahlzeit einnehmen. Han Shaogongs Kommentar an der Stelle: „Sprache ist in der Lage, die Gefühlswahrnehmung der Menschen zu verändern. Tauscht man bestimmte Wörter aus, so ist man in der Lage, die Betroffenheit 悲悯 von Menschen auf dem Schlachtplatz zu verringern oder gar zu beseitigen.“384 Mit Euphemismus, aber selbstverständlich auch durch Ironie, Sarkasmus – ja, durch das Spiel mit der Sprache überhaupt lassen sich Gefühlsräume erkunden. Doch das ist freilich nur die eine Seite. Kulturelle Starre und beengende Traditionen sowie die über eine Unverrückbarkeit von Bezeichnungen ausgelöste Furcht können durchaus zu Tragödien im Leben des Sprachnutzers führen. Immer wieder greift Han in seiner Erzählung auf historische Erscheinungen oder auf eigene Erlebnisse in der Kulturrevolution zurück, um die individuell-emotionale Ebene von „Sprache“ in politisch unruhigen Zeiten zu verdeutlichen. Da gewinnen selbst scheinbar nichtige Vorfälle eine bedrohliche Dimension.385 Mit einigen argumentativen Kniffen formuliert Han Shaogong im Anschluss die These, dass es sich bei der Namensgebung um ein Privileg der Mächtigen und der den Diskurs bestimmenden Gewalten handele und somit soziale Realität gespiegelt werde. Umgekehrt bedeutet Namenlosigkeit so viel wie soziale Deprivation. Der Ich-Erzähler verdeutlicht das am Beispiel der Frauen und insbesondere dem Fehlen eigener Verwandtschaftsbezeichnungen. Frauen, so die Ableitung aus den Bezeichnungen, sind nur durch die Zugehörigkeit zu einem Mann sozial und verwandtschaftlich verortbar, etwa indem man einen männlichen Verwandten anführt und ein diminutives „klein“ davorstellt. So ist mit dem in der Kapitelüberschrift angeführten Begriff für xiaoge 小哥 (xiaoge bedeutet wörtlich „kleiner älterer Bruder“) im Sprachgebrauch von Maqiao die ältere Schwester gemeint, entsprechend meint xiaodi 小弟 (wörtlich „kleiner jüngerer Bruder“) die jüngere Schwester. Ähnliches findet sich 384 Ebd., S. 403. An anderer Stelle, nämlich unter dem Eintrag für einen „Mann in den besten Jahren“ (manzi 蛮子) findet sich ein interessanter Hinweis auf die Beziehung zwischen Mensch und Masse: „Jeder Mensch vereint auf sich das Erbe von Dutzenden Generationen der Menschheit. Ist der Mensch damit etwas wie ‚Mensch’ im allgemeinen Sinne oder ist er nur als einzelner er selber?“ Interessant an der Stelle, wie problematisch es offenbar für das Chinesische – wenigstens so, wie es Han benutzt – ist, diese Abgrenzung des allgemeinen vom einzelnen, individuellen Menschen sprachlich auszudrücken: „那么一个人还是 一个人吗?还仅仅是一个人吗?“ Vgl. ebd., S. 17. Jeder Mensch, so Hans knappe These, ist ebenso einzelner wie Masse. 385 Aufgezeigt mit der Vokabel „Kuiyuan“ 亏元, die in Maqiao soviel bedeuten kann wie „Schulden haben“ oder evtl. auch „ein armer Schlucker sein“. Die Bedeutung geht auf eine Person am Ort zurück, die eigentlich Hu heißt. Eine Affäre wird daraus, als ein am Ort lebender Hu Kuiyuan 胡魁元 die schriftliche Einladung zu einer Beerdigungsfeier erhält, auf der sein Name falsch „Hu Kuiyuan“ 胡亏元 geschrieben ist. Hu empfindet das als tiefe Kränkung und zerreißt die Einladung. Der reale Vorfall, auf den Han an der Stelle abhebt, ist der eines bekannten Nachrichtensprechers, der in den frühen Jahren der VR die ähnlich geschriebenen Namen eines KP-Funktionärs und einer prominenten Persönlichkeit der besiegten Kuomintang falsch las und für seinen vermeintlich „subversiven Akt“ eine hohe Strafe erhielt. Vgl. ebd., S. 408. 131 8 Die Welt als Wörterbuch. Han Shaogong und sein Roman ‚Das Wörterbuch von Maqiao‘ bei der Bezeichnung für Tanten. Der Ich-Erzähler stellt die Vermutung an, dass dieser Mangel mit der konfuzianischen Lehre zu tun haben könnte, und kommt folglich zu dem Schluss: Sprache ist nicht absolut objektiv, nicht neutral und wertfrei. Sprachlicher Raum wird unter dem Einfluss von Vorstellungen verzerrt. Der Umstand, dass Frauen nicht namentlich genannt werden [女人无名化], gibt Aufschluss über den Status und die Situation der hiesigen Frauen. Es leuchtet ebenso ein, warum die Frauen ihre Brüste ganz flach abbinden, warum sie die Beine eng umwickeln, warum sie immer mit ängstlichen Blicken und eingezogenen Köpfen umherlaufen. Der Status der Frauen ist erschreckend und erweckt Bedauern und Mitleid. Was Respektspersonen betrifft, so wird eine Benennung vermieden. Kaiser und Könige etwa genossen das Privileg des Namenstabus [讳名]. Eine andere Seite des sprachlichen Aspekts dieses Tabus besteht darin, dass der Gemeine, keinen Respekt Genießende namenlos bleibt. Die Menschen geben ihren Haustieren und den Dingen, die sie lieben und schätzen, Namen wie etwa xiaomi 小咪, lulu 露露 oder Pierre 比尔. Nur bei Verbrechern legen die Menschen keinen Wert auf ihre Namen, sondern geben ihnen Nummern, so wie bei der Inventur in einem Lager. Lediglich bei Menschen also, die wir zutiefst verabscheuen, messen wir der namentlichen Nennung keinerlei Bedeutung zu, indem wir dann etwa von diesem Ding, diesem Typen usw. sprechen. Damit rauben wir ihnen ihre Stellung innerhalb der Sprache. […] Es ist wie zu den Zeiten der Kulturrevolution, als man Bezeichnungen wie Professor, Ingenieur, Doktor und Künstler abschaffte. Den Behörden ging es gar nicht darum, diese Berufe und Positionen abzuschaffen, auch hatten sie nicht die Absicht, die entsprechenden Personen zu vernichten. Ihnen lag vor allem daran, dass sich jeder Beruf im Namen der Revolution rasch entwickelte. Die Behörden waren beseelt von dem Wunsch, den betroffenen Menschen ihre Benennungshoheit [名谓权] zu nehmen oder sie zumindest zu schwächen. Denn jede Form der Benennung konnte zum Ausgangspunkt eines Denkens oder eines ganzen Systems von Ideen und Vorstellungen [整套观念体系] werden.386 Inwieweit nun diese an der Männermacht orientierte Form der Namensgebung in Maqiao Auswirkungen auf die Psyche der einzelnen Frau dort hat, kann der Erzähler nur vermuten. Jedoch führt er Beispiele dafür an, dass in Bezug auf vieles, was eben „die Frau“ betrifft (z. B. die Menstruation oder die Verwendung von Schminke) eine Tendenz der Vermeidung besteht. Die Unerwünschtheit drückt sich in der fehlenden sprachlichen Benennung aus. Was daraus folgt, ist eine Form der „Selbstauslöschung“ durch sprachliche Tabus bis hin zur Aufgabe der eigenen Körperlichkeit.387 386 Ebd., S. 45. Han führt an der Stelle auch die Namensschule (名理学) an, eine wichtige Strömung innerhalb der antiken chinesischen Philosophie. Als Beleg dafür, dass die männliche Dominanz bei den Benennungen nichts Außergewöhnliches darstellt und nicht allein für die namenlosen Frauen von Maqiao gilt, führt der Erzähler Beispiele aus dem Englischen an (z. B. „chairman“). 387 Vgl. ebd., S. 46. 132 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas Die Sprache setzt auf die verschiedensten Weisen Grenzen, sie öffnet Räume ebenso, wie sie sie eingrenzt. Auf eine Besonderheit dieser Grenzziehung durch Sprache in der Kommunikation geht Han Shaogong im Eintrag „Sich den Mund verbrennen“ (嘴煞) ein.388 Er macht das am Beispiel des Buchhalters Fucha klar, der nach einem Streit mit Onkel Luo (dem angesehenen früheren Dorfchef und ältesten Kader im Ort) diesem ein schlimmes Schimpfwort an den Kopf wirft. Fucha versäumt es, sich gegenüber der sein Fehlverhalten anprangernden Gerüchteküche zur Wehr zu setzen, er wird daraufhin von den Bewohnern gemieden und gerät in Not. In den Reflexionen des Erzählers geht es an der Stelle um Tabusprache, mit der im sozialen Kontakt auf ähnliche Weise Grenzen abgesteckt werden, wie das bestimmte Bräuche leisten.389 Sind diese dinglich-sprachlich fixierten Symbole und das an sie geknüpfte Brauchtum einmal akzeptiert, stellen sie etwas dar, das nicht verletzt werden darf. Jeder Angriff, jede Beschmutzung dieses Symbols wird nicht mehr als Angriff auf ein Stück Metall (Ring), ein Stück Stoff (Flagge), einen Stein (Idol) verstanden, sondern als ein Angriff auf die Gefühle, die Menschen mit diesen Gegenständen verbinden. Diese Symbole mögen in den Augen eines kritischen Betrachters etwas Leeres, Hohles, Wertloses darstellen, doch ohne sie würde wohl etwas im Leben fehlen. 8.5 Han Shaogongs Ästhetik Der Aufhänger für Han Shaogongs Ästhetik ist zunächst seine Unzufriedenheit mit den seiner Meinung nach nur unzureichend weiterentwickelten Möglichkeiten der chinesischen Erzählkunst. Freimütig berichtet der Autor, wie wenig inspirierend er die Erzählungen und Romane gefunden habe, sodass er immer weniger gerne gelesen und auch immer weniger gerne geschrieben habe. Gestört habe ihn vor allem die traditionelle Form der Erzählungen, die mit ihren weitgehend vorgegebenen Figuren, Motiven und Anspielungen auf bestimmte Stimmungen den Blick des Lesers von vornherein in eine vorgegebene Richtung gelenkt hätten. Han führt das zurück auf eine an der Chronologie des Lebens ausgerichtete Form des Realismus, deren sich die Romane bedienten. Allerdings, so sein Einwand, sei das tatsächliche Leben doch eigentlich ganz anders und entspreche ganz und gar nicht dieser vom Prinzip der Ursache und Wirkung 因果 gesteuerten gradlinigen Entwicklung. Vielmehr sei es doch so, dass der Mensch immer wieder am Kreuzungspunkt vieler Entwicklungen stehe, die alle auf ganz unterschiedliche Ursachen zurückgingen. Die komplexe Wirklichkeit – so Hans Schluss – auf eine Leitfigur oder ein Leitmotiv in der Erzählung zu reduzieren, sei nicht angemessen. Han plädiert vielmehr für eine „freiere“, zusammenhanglosere Form des Romans, um Assoziationen Raum zu bieten und dem Streit darüber, was angeblich bedeutsam und was uninteressant ist, aus dem Weg zu gehen, denn Bewertungen dieser Art seien immer 388 Vgl. ebd., S. 312. 389 Etwa wenn Paare eine Heirat mit Ringen besiegeln oder Nationen mittels Flaggen ein Antlitz gegeben wird bzw. Religionen sich in Bildern und Statuen ihrer Idole eine Möglichkeit des Anblicks verschaffen. 133 8 Die Welt als Wörterbuch. Han Shaogong und sein Roman ‚Das Wörterbuch von Maqiao‘ abhängig von den Gegebenheiten einer Zeit und dem sich verändernden Aufmerksamkeitsfokus eines Autors.390 Es mag an den anhaltenden Beschränkungen, Vorschriften und Eingriffen der offiziellen Stellen und den vor allem ideologisch motivierten sprachplanerischen Aktivitäten der zurückliegenden Jahrzehnte gelegen haben, dass Han Shaogong eine derart starke Sensibilität für die Sprache, ihre Grenzen und Möglichkeiten entwickelt hat. Man spürt, wie sehr Han mit dem Medium ringt, das ihm zur Verfügung steht. Relativ spät im Werk bringt ihn das zu dem Zwittermedium der sogenannten baihua, der „verschrifteten Umgangssprache“, auf deren Entwicklung und Probleme im 20. Jahrhundert bereits in der Einleitung eingegangen wurde. Auch in seinen Ausführungen zur baihua in Maqiao mag der Erzähler/Autor dem Medium neben dem Zugeständnis einiger positiver Veränderungen im Laufe der Jahrzehnte und einer „Reifung“ keinen ästhetischen Durchbruch in der Gegenwart zugestehen, vielmehr habe sich die abschätzige Haltung gegenüber der baihua nicht verändert. Interessanterweise wird hier der baihua (aus der Sicht der Menschen in Maqiao) die ihr im Vergleich mit der traditionellen Schriftsprache zugesprochene „Helle“ und „Klarheit“ negativ ausgelegt. Beides sei nicht als Fortschritt zu verstehen, sondern deute Verfall und Verkommenheit an. Bedeutsames Wissen ist nach Ansicht der Leute aus Maqiao mit Tiefgründigkeit und einer Bedeutungsvielfalt verbunden, die den Blick freigebe auf das Geheimnisvolle – Attribute eben, die mit der Sprache der Vergangenheit verbunden werden.391 Die daran angeknüpfte Aussage des Erzähler-Autors, dass seine Romane nichts bewirkten, ist freilich eher selbstironisch-kokett zu verstehen, denn zumindest mit seinem Wörterbuch legt er eine künstlerische Orientierungshilfe vor. Das ästhetisch Besondere am Wörterbuch von Han Shaogong ist nun, dass er nicht einfach einen neuen Roman schreibt, nicht konstruiert, sondern die Welt, von der er berichtet, in ihre erzählerischen Bestandteile (nämlich einzelne Wörter) zerlegt, deren Wirkung er nachspürt. Han wendet dabei für seine Zeit literarische Mechanismen an, deren Grundlagen in der chinesischen Ästhetik bereits frühzeitig formuliert worden sind. Der „Nachklang“ von Reimen in der Dichtung war bereits Thema der ästhetischen Überlegungen in verschiedenen Phasen der chinesischen Dichtkunst.392 Han Shaogongs Wörterbuch besteht also vor allem aus Erzählungen und Episoden um Worte. Die Handlungszeit wird immer nur vage angedeutet, dem Werk haftet etwas Zeitloses an. Han Shaogong bemüht sich in seinen Wörterbucheinträgen um eine lokal-historische Verdichtung mittels einer Art biografischer Konkretisierung.393 Formuliert wird eine historische, sozio-dynamische Wortästhetik des Lokalen. 390 Vgl. ebd., S. 89 f. 391 Dem liegt die idealisierende Vorstellung zugrunde, dass Dinge wie „Wahrheit“ und „Tiefe“ sich nur in der verloren gegangenen Sprache der Alten und Weisen haben ausdrücken lassen und heute nicht mehr verständlich sind. Vgl. zu den Gedanken über die baihua ebd., S. 436 f. 392 Vgl. dazu ausführlicher Pohl 2006, S. 386 – 390. 393 Vgl. Han Shaogong 2011, S. 89 f. An eben der Stelle im Eintrag zu „Ahorngeist“ fenggui 枫鬼 erzählt Han, welche Motive ihn bei der Abfassung des Buches geleitet haben – nämlich dass er beabsichtigte, jedem Gegenstand (mei yi jian dongxi 每一间东西) von Maqiao eine Erzählung / Biographie zu widmen (li zhuan 立传). 134 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas Han Shaogong erreicht diese Verdichtung nun mittels des Dialekts, wobei er die Eigenschaft von Mundarten in der Literatur nutzt, um abzugrenzen und den Charakter des Subjektiven und Widerständischen zu stärken.394 Die „Dialekt-Auffassung“ in Han Shaogongs Wörterbuch ist vielfältig und erschöpft sich, vor allem auf sprachlicher Ebene, beileibe nicht in der Schilderung lokaler Besonderheiten. „Sprache“ und „Maqiao“ sind konstruierte Größen, mit denen ein neuer Raum jenseits der allgemeinen, staatlich kontrollierten Welt geschaffen werden soll. Dies schließt – wie ich noch zeigen werde – ebenso historisches wie charakterliches „Anderssein“ und sogar politisches „Andersverstehen“ mit ein. Wenn oben von einem „ethnografischen Versuch“ die Rede war, dann ist dabei beileibe nicht „Authentizität“ im strengen Sinne gemeint, sondern vielmehr so etwas wie ein konstruiertes Lokales. Geografischer Raum und Lokales speziell in der Literatur sind für Han Shaogong die Mittel zur kulturellen Selbstversicherung, wobei er – da die Städte in China (abgesehen von wenigen alten Metropolen) eine eher junge Erscheinung darstellen – vor allem die Bedeutung des Ländlich-Dörflichen betont,395 um ein neues Bewusstsein der Ethnizität herauszubilden.396 Lebendig bleiben kann solch eine neue Kultur, die ihre Wurzeln im Alten findet, aber nur, wenn sie eine „gesunde“ Offenheit für die Welt und die Veränderungen bewahrt. Auf den Punkt gebracht, würde das aus heutiger Sicht heißen, dass eine Kultur in der Gegenwart vor allem dann „lebendig“ und „vielfältig“ ist, wenn sie sich der Spannungen zwischen Tradition und Moderne, Eigenem und Fremdem bewusst bleibt und darin weiterlebt.397 Die „Wurzelsuche“, die Han Shaogong im Wörterbuch betreibt, ist also breit angelegt und eröffnet eine ganze Reihe von Spannungsfeldern: Von der Suche nach den Wortursprüngen treibt es ihn weiter zur Ergründung kultureller Bräuche, und es wird den Wandlungen im Strome der Zeit nachgespürt mit der Frage, was die möglichen Antriebskräfte dieser Veränderungen gewesen sein mögen. Gerade die Dialektfrage bietet den Aufhänger für eine breite Palette von Themen, die sich durch die gesamte chinesische Geschichte bis hinein in die Gegenwart ziehen, man denke etwa an die 394 Gemäß der Mundarten eigenen Logik wehren sie sich gegen totalitäre Zugriffe und die Uniformierung des Sprechens und beanspruchen eine Mündigkeit gegenüber der Bevormundung. Vgl. zu diesen Bemerkungen „Könich Ludwich lebt hier nich – mehr Linguistik als Heimatkunde: Der galoppierende Verfall der gesprochenen Sprache scheint niemanden zu kümmern. Eine Polemik“ von Reinhard Wittmann, in: FAZ vom 5.9.2012. Auch in China wurden die Dialekte und Sprachen der nationalen Minderheiten nach 1949 misstrauisch betrachtet. Man unterstellte dabei schnell einen Versuch, sich abzugrenzen, sich nicht den großen nationalen Anliegen zu unterwerfen und separatistische Agitation zu betreiben. Die wichtige Pflege kultureller Besonderheit, die sich auch im Dialekt und dem Dialekt angenäherter Literatur ausdrückt, wurde dabei vernachlässigt. 395 Vgl. Han Shaogong 2010, S. 26. 396 Han steht dem Verfahren etwa Wang Anyis und anderer Autoren, sich auf das Stadtleben zu konzentrieren und anhand des Lebens in den verwinkelten Gassen und Wohngebieten das „Dorf in den Städten“ zu thematisieren, eher kritisch gegenüber, akzeptiert dies aber als Mischung von Geschichte und Realität und Mittel zur Vermittlung von mehr kultureller Tiefe. Vgl. dazu Han Shaogong 1993, S. 24 ff. 397 Vgl. ebd., S. 28 f. 135 8 Die Welt als Wörterbuch. Han Shaogong und sein Roman ‚Das Wörterbuch von Maqiao‘ Beziehung zwischen Zentrale und Peripherie im staatlichen Gefüge.398 Han Shaogong jedoch verfährt anders, indem er vor allem die konnotativen Momente der Dialektsprache in den Mittelpunkt stellt: Dialekt besitzt für Han Shaogong und seinen Erzähler oft mehr „Geschmack“ und „Farbe“. Außerdem drückt erst der Dialekt bestimmte soziale Besonderheiten aus.399 So findet Han zum Beispiel, dass die Sprache im Süden Chinas der Frau (d. h. ihrer körperlichen und seelischen Verfassung) in hohem Maße gerecht werde. Das von ihm ausgewählte Zeichen, das aus dem Dialekt stammt, existiert angeblich in vielen Wörterbüchern nicht, es wird „nian“ gelesen und 嬲 (男+女+男, d. h. das Zeichen für „Frau“ zwischen zwei Zeichen für „Mann“) geschrieben und drückt mit der Bedeutung „verwickelt sein“ nur vage das aus, was Han sagen möchte.400 Der Dialekt kann zu bestimmten Zeiten aber auch ein soziales Stigma sein, wie Han Shaogong am Beispiel des Begriffs für „Dialekt“ 乡气 zeigt, mit dem er einen Rückblick in die Geschichte seit dem Ende der 1940er-Jahre unternimmt. Seine Beispielfigur ist ein Fremder aus einem fernen Landesteil, der nach Maqiao kommt und dort ein Außenseiter bleibt, da er als Sprecher eines fremden Dialekts kaum verstanden wird und über eine Reihe von Gewohnheiten (etwa beim Essen) verfügt, die er am Ort mit niemand anderem teilt. Seine sprachliche Unangepasstheit bringt ihm Unglück, als man ihn nach der Ankunft der Kommunisten im Dorf zunächst zum „Ausbeuter“ und später zum Konterrevolutionär erklärt und zu zwei Jahren Arbeitslager verurteilt.401 Han nutzt zur Anführung von Kulturspezifika in Maqiao – die z. T. auf „China“ an sich angewendet werden können – immer wieder die Sprachbesonderheiten und dialektalen Abweichungen, so etwa, wenn er auf die Zeichen für „Beginn/beginnen“ (元 yuan) und „Abschluss/Ende; abschließen/beenden“ (完 wan) eingeht, die in Maqiao auf dieselbe Art und Weise – nämlich „yuan“ – ausgesprochen werden (vgl. den Eintrag 归元/归完). Dieselbe Aussprache für vollkommen gegenteilige Begriffe veranlasst Han zu Fragen nach der Vorstellung von Zeitabläufen, der Auffassung von Vor- und Nacheinander usw. Wie versteht man etwas also, wenn von „guiyuan“ (归元) die Rede ist? Ist damit gemeint, zu einem Ende zu kommen, oder meint man vielmehr, an den Beginn einer Sache zurückzukehren? Han stellt die Eigenheiten von linearem und nicht linearem Zeitbegriff gegenüber; das direkte Zusteuern auf ein Ziel im Gegensatz zu dem Voranschreiten in wiederholten Etappen.402 Verstärkt wird dies noch durch die eigene 398 Han Shaogong wendet sich dieser Frage in dem einen oder anderen Eintrag seines Wörterbuches zu. Der Eintrag „Tor des Himmlischen Friedens“ 天安门 führt vom abgelegenen Maqiao direkt ins Herz der Hauptstadt. „Tor des Himmlischen Friedens“ bezeichnet einen recht weitläufigen Wohnhof an der Grenze von Maqiao, weshalb die Anwohner es noch dem Ort zuschreiben. Der Begriff bezeichnet daneben bestimmte Tore und Gebäudeteile, die dem Stil des Namensgebers in Peking nachempfunden sind. Vgl. Han Shaogong 2011, S. 390 ff. 399 Vgl. den längeren Eintrag ebd., S. 110 ff. 400 Das Zeichen kann auch „nia“ oder „niao“ gelesen werden und enthält Angaben der chinesischen Linguisten zufolge bisexuelle Komponenten, die erläutert werden bei Zhang Ning 2013, S. 122 f. 401 Vgl. Han Shaogong 2011, S. 39. 402 Vgl. ebd., S. 433 f. 136 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas Dynamik, die den Roman durch seine Anlage als Wörterbuch auszeichnet: das Nachschlagen, ein Hin-und-her-Blättern, unterbrochene, nie zu Ende geführte Geschichte(n) und eine Offenheit, die bleibt.403 Es fällt nun auf, dass Han Shaogongs Roman Wörterbuch von einem zutiefst desillusionierten Ton durchzogen ist, mit tiefen Zweifeln an den „Leistungen“ der Kultur und ihren erzwungenen „Neuerungen“. Die Reflexionen über das „Bedrohliche“ der Schönheit (hier speziell von Frauen, um nur einen Aspekt zu nennen, allerdings nennt Han noch weitere)404 lesen sich wie eine visionäre Vorwegnahme der wenige Jahre nach dem Erscheinen des Wörterbuchs in China propagierten „harmonischen Gesellschaft“ 和谐社会. Haben die Bewohner von Maqiao bereits die kommenden Lügen durchschaut, wenn sie das Schöne bzw. die Schönheit eben mit dem Begriff bu heqi 不和气 umschreiben, was so viel heißen kann wie „unharmonisch“, aber auch „unfriedlich“?405 Der Erzähler schenkt der sich hinter dem Wort verbergenden Legende keinen großen Glauben: Ein hässliches Mädchen stürzte sich einst in den Fluss, und ihre nicht zur Ruhe gekommene Seele bedrohte all jene Schiffe mit hohem Wellengang, auf denen sie schöne Frauen wahrnahm. Verschont wurden die Boote nur, wenn die Frauen ihr Antlitz unansehnlich machten. Auch der Frage, inwieweit Schönheit und Unglück in einem Zusammenhang stehen (etwa wenn jemand von der Schönheit eines Menschen betört wird und seine Aufmerksamkeit für andere Menschen und Dinge verliert), geht der Erzähler nicht weiter nach. Vielmehr beschäftigt ihn der Begriff des „Unharmonischen“, des drohenden Unfriedens angesichts einer überragenden Schönheit. „Im Schönen steckt etwas Böses, Schlechtes, das Gute ist ein Risiko. Schönes und Gutes bringt immer Disharmonie unter Mitgliedern einer Gruppe hervor, es führt zu Unruhe, Missklang sowie zu Streit und Hass“.406 403 Vgl. dazu auch die Überlegungen bei Lee 2002, S. 172. 404 Han Shaogong beschreibt das Phänomen „Schönheit“ und damit im Zusammenhang stehende Fragen an verschiedenen Stellen im Buch. Das Besondere an Maqiao sei, dass es dort keinen Begriff meili 美丽 gebe, wie er sonst im Chinesischen für „Schönheit“ Verwendung finde. Er führt dagegen das Wort lianxiang 怜相 (ab S. 358) an, was übersetzt so viel heißt wie „von einer mitleidserregenden Erscheinung sein“. Dies führt ihn zu Spekulationen über einen Zusammenhang von Schönheit und Mitleid in China: Dass Schönheit auch Schmerz verursache (tengai 疼爱) und Mitleid hervorrufe (lian’ai 恋爱). Alles Schöne sei in China – so die These – von einem Gefühl von Traurigkeit umweht. Am Schluss konstruiert der Erzähler daraus eine Ästhetik der Moderne: lianxiang ist die „tränenreiche“ Reaktion des Dorfbewohners auf den Anblick der modernen Errungenschaften in den Städten. Vgl. Han Shaogong 2011, S. 359. 405 Vgl. ebd., S. 246 f. 406 Ebd., S. 247. Der Erzähler erinnert sich am gleichen Ort an den Zusammenhang zwischen der Schönheit Helenas und dem Ausbruch des Trojanischen Krieges in der griechischen Mythologie. Er führt die Geschichte um die Schönheit in dem nächsten Eintrag („Götter“ oder „göttlich“ shen 神) noch weiter, vgl. ebd., S. 248 – 253. Was der Erzähler nun mit dem Begriff „Götter“ bzw. „göttlich“ sagen will, ist, dass die Menschen von Maqiao damit ein Verhalten umschreiben, mit dem gegen das Normale, Gewöhnliche verstoßen wird. Die einzige dem Menschsein gerecht werdenden Rolle sei jedoch, gewöhnlich, „mittelmäßig“ 庸常 zu bleiben und nicht aus der Rolle zu fallen. Der Mensch dürfe nur innerhalb eines vorgegebenen Rahmens existieren. 137 8 Die Welt als Wörterbuch. Han Shaogong und sein Roman ‚Das Wörterbuch von Maqiao‘ 8.6 Sprache und Zeit. Erinnerung und die Angst vor Verlusten Han Shaogong arbeitet in seinem Roman nicht mit klaren Zeitgrenzen, „heute“ und „früher“ bleiben offenbar ganz bewusst unausgeführt und eher vage. Bei fortschreitender Lektüre wird allerdings irgendwann doch ein „Vorher“ und „Nachher“ erkennbar – die Zeit vor und nach der „Befreiung“ im Jahre 1949. Der Autor veranschaulicht dieses zeitbedingte Anderssein in seinem Roman immer wieder mithilfe bestimmter Figuren und ihrer Biografie – ihr Leben ist geprägt durch die Geburt in der „alten“ und die Entwicklung in der „neuen“ Zeit. Das Motiv der „Anderssitte“ taucht ständig auf im Roman, Maqiao ist der gesellschaftliche Gegenentwurf zur restlichen Gesellschaft schlechthin. Ma Ming – eben so ein „ganz anderer“ – ist ein Herumtreiber, ein Faulpelz, der keiner geregelten Tätigkeit nachgeht. Ma ist der Bewohner des „Hauses der Unsterblichen“ 神仙府. Auf diese Bezeichnung des Anwesens geht auch die Überschrift des Eintrags zurück. Han entwirft so etwas wie einen Mikrokosmos innerhalb der mikrokosmischen Anlage von Maqiao. Zur Verdeutlichung dieser unsichtbaren Zeitabgrenzung schafft Han Shaogong die Welten „vor“ und „nach“ der „Befreiung“, „vor“ und „nach“ der Übernahme der Herrschaft durch die KPCh. Der „Systemwechsel“ selbst bleibt aber ungenannt und unausgeführt, es ist meistens nur ganz allgemein von „früher“ 以前 die Rede, woraufhin dann eine Beschreibung der Sitten und Bräuche aus früherer Zeit erfolgt, die aber wohlgemerkt noch nachwirken. Es geht nicht um eine ferne, nur aus stummen Zeugnissen überlieferte Vergangenheit, sondern um eine „erlebte“ Vergangenheit, über die die betroffenen „Erlebenden“ weiterhin verfügen. Die Figur des Ma Ming ist eben ein solches Zeugnis dieses sowohl „Anderen“ wie „Früheren“. In der Beschreibung Ma Mings als eines Mannes, der in der Natur und mit der Natur lebt, der träumt und auf seinem träumerischen Zustand besteht, taucht das Bild von alten taoistischen, weltabgewandten Eremiten auf. Wenn er seine „Lehre“ im Dorf verbreitet, wird er für einen Verrückten gehalten, man macht sich über ihn lustig; Ma Ming wiederum reagiert feindlich auf das ablehnende Verhalten der Menschen, er umgibt sich mit einer Mauer des Schweigens und sendet wütende Blicke aus. Seine „Beziehungslosigkeit“ zu allem und jedem unterstreicht das Zeitlose seiner Existenz: Genau gesagt, war er jemand, der mit der Allgemeinheit [公众] nichts zu tun hatte, jemand, der mit den Gesetzen von Maqiao, der Moral des Ortes und den politischen Veränderungen in keinerlei Beziehung stand. Dinge wie die Bodenreform, die Kampagnen gegen Räuber und Despoten auf dem Lande, die Genossenschaften, die Kooperativen, die Volkskommunen, die Kampagnen zur sozialistischen Erziehung und zur politischen, wirtschaftlichen, gedanklichen und organisatorischen Ausrichtung [gemeint ist ebendie Kampagne der sog. shejiao siqing 社教四清] und die Kulturrevolution – dies alles war ohne den geringsten Einfluss auf ihn, es war nicht seine Geschichte. Es war nur eine Art Komödie, die er aus der Entfernung wahrnahm und die nicht den geringsten Einfluss auf ihn hatte.407 407 Ebd., S. 53. 138 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas Zwar ist Ma immer wieder schweren Repressalien ausgesetzt, doch widersteht er Prügel und Misshandlung. Da ihm nichts daran liegt, „wie ein [gewöhnlicher] Mensch zu leben [不打算做人]“, trägt er am Ende auch den Sieg über die Obrigkeit davon, indem er sich durch sein Außenseitertum, seine Unangepasstheit schlicht der Aufmerksamkeit entzieht, sodass er als nicht existent gilt mit der Folge: Ganz offensichtlich hatte er sich in etwas nicht-Menschliches entwickelt [他已经不成其为人]. Doch was war er dann, wenn er nicht mehr als Mensch galt? Die Gesellschaft war der einzelne Mensch im Großen [社会是人的大写]. Er hatte die Gesellschaft zurückgewiesen, folglich hatte die Gesellschaft ihm die Legitimation zum Menschsein entzogen – er hatte schlussendlich einen Zustand erreicht – so vermute ich – der es ihm wunschgemäß ermöglichte, ein Unsterblicher zu werden.408 Han Shaogong spielt hier an auf die entmenschlichte „neue“ Gesellschaft nach 1949, in der der Einzelne sich stets nach dem Kollektiv zu richten hatte, um in der anonymen Masse seinen Beitrag zum „Fortschritt“ zu leisten. Dass aber Fortschritt Zeit benötigt, immer wieder Konflikte mit den Traditionen und Überlieferungen auftreten, ist ein Problem, vor dem alle „Nachzügler“ der Modernisierung stehen. Die Frage, wie man eine oftmals als fremd und aufgezwungene Modernisierung mit den eigenen Traditionen in Übereinstimmung bringt, ihr das Bedrohliche nimmt, ist bis heute auch in China ungeklärt. Han Shaogong hat der Frage einen eigenen kleinen Eintrag mit dem Titel „Wissenschaft“ 科学 gewidmet, in dem es vor allem um die Zweifel an der Natur des wissenschaftlichen Fortschritts geht.409 Auch die im Entstehen der Moderne eine zentrale Rolle spielende Aufklärung ist Thema in Wörterbuch, wenngleich der Autor diesen aus der europäischen Geistesgeschichte stammenden Prozess in einen ganz neuen Zusammenhang einordnet. Han will „Aufklärung“ als ein Sich-bewusst-Werden über den Lauf der Geschichte verstanden wissen und bettet den Vorgang in die Beschreibung der uralten Dichtergestalt Qu Yuan (屈原, ca. 340 – 278 v. Chr.) ein, einer Art Lokalheld aus der Gegend von Maqiao. Der Eintrag xing 醒 steht im Wörterbuch für „erwachen, aufklären, bewusst machen“ – ein Wort, das die Menschen von Maqiao allerdings auch negativ unterlegen und im Sinne von „einfältig“ (hier wird etwa der treffende Begriff yumei 愚昧 genannt) verstanden wissen wollen.410 Gerade am Schicksal von Qu Yuan, so Han Shaogong, finden die beiden so unterschiedlichen Definitionen von xing zusammen. Qu, der zurückgezogen 408 Ebd., S. 53. 409 Han spricht von einer unterschwelligen, den Menschen von Maqiao selbst nicht bewussten Form von Hass und Abscheu gegenüber den Errungenschaften der Wissenschaft und den vermeintlichen Verbesserungen, die die Urbanisierung mit sich bringt. Vgl. ebd., S. 57. 410 Vgl. ebd., S. 61. Dem Eintrag zu xing folgt das eine gewisse Entsprechung dazu andeutende Wort jue 觉, dem das erleuternde juewu 觉悟 (i. S. v. „wach“, „bewusst“ werden, S. 63) beigefügt ist. Han spielt hier mit einer Besonderheit des Chinesischen – der Polyphonie – denn jue kann auch jiao gelesen werden und ist dann eben als „Schlaf “ zu verstehen. Eben darauf geht Han dann auch weiter ein und nennt als weitere – Maqiao-spezifische – Bedeutung von jue auch „dumm“, „dumpf “, „wirr“ wie eben im shuijiao 睡觉 für „schlafen“. 139 8 Die Welt als Wörterbuch. Han Shaogong und sein Roman ‚Das Wörterbuch von Maqiao‘ am Miluo-Fluß lebte, befand sich einerseits im Zustand geistiger Verwirrung (negative Bedeutung des Erweckens), doch stellte diese Verfassung gleichzeitig so etwas wie eine Bewusstwerdung in der bestehenden Seinsdunkelheit (eben das xing der Wachheit) dar. Am Ufer des Miluo-Flusses nun sei sich Qu Yuan vor seinem Selbstmord offenbar mit Schrecken darüber klar geworden, dass außerhalb des eigenen Lebens ein noch stärkeres Lebensprinzip vorhanden und dass die dem Menschen zugängliche Geschichte Eingriffen vonseiten noch weitaus stärkerer Mechanismen unterworfen sei, denen man sich nicht entziehen könne.411 Reduziert auf diesen Aspekt, erscheint „Aufklärung“ in einem resignativen Licht, ihr Wesen bleibt unsicher, jedenfalls alles andere als „klar“. Was „Aufklärung“ und was ihr Gegenteil, also ein Zustand der Umnachtung und anhaltenden Bevormundung, bedeuten könnten, so Han, sei abhängig von den Umständen, da die Maßstäbe einer Beurteilung unterschiedlich seien.412 Die aus dem diffusen Strom der Geschichte auftauchenden Gestalten und Ereignisse lassen denn auch „falsch“ und „richtig“ in einem neuen Licht erscheinen, dem individuellen Verlust des Menschseins folgt die gesellschaftsbedrohende Katastrophe („wenn man an die zahlreichen erschöpfenden Possen aus der Vergangenheit denkt wie den Großen Sprung, die Anti-Rechts-Bewegung, die Kulturrevolution … wie viel Talent und Begabung wurde da lächerlich vergeudet, mit welchem Eifer ging man in die Irre und aus wie viel Begeisterung gingen schließlich Verbrechen hervor“413). Hinter der Aufforderung, zu „erwachen“, sich von dem Alten ab- und dem Neuen zuzuwenden, steht selbstverständlich immer eine Form des ideologischen Zwangs, der sich aus dem Anspruch ergibt, als Neuerer aufzutreten. Dass die Veränderungen nicht einfach angenommen werden können, sondern immer zu einem – teils ganz unbewussten – Vergleich mit der Vergangenheit führen, führt Han im Weiteren am Beispiel eines Handwerkers aus, der sich zum Künstler mausert und ins Visier der kommunistischen Kulturpropaganda gerät, die sich seiner Fähigkeiten bedienen möchte.414 Die Zeitenwende, das neue Wissen, die Veränderungen allerorten, all das wird am Ende einfach mit dem Hinweis abgetan, es handele sich um Verrücktheiten. Auch der Marxismus ist somit eine Verrücktheit, die Gedanken des Handwerkers/Künstlers sind vollkommen auf die alte Welt fixiert, in ihnen gibt es keinen Platz für Neues. Auf die Frage, wo nun im Wandel der Zeiten das „historische Gedächtnis“ gespeichert sei, kommt Han Shaogong im Eintrag zum örtlichen Liedgut 发歌 zu sprechen.415 Es wird heimlich und mit versteckten Gesten gesungen. Han vermutete zunächst die Sorge wegen möglicher Anzüglichkeit oder Kritik an der Regierung, doch scheint es sich um ein bereits tradiertes Verhalten zu handeln, das ihm am Schluss unerklärlich bleibt. Die Gesangsinhalte sind unterschiedlich, es geht um die politische Führung – eine Art Gedächtnistraining des „Who’s who“ – doch finden sich auch spaßige, vulgäre Inhalte und Reime auf den Gattenmord, die Liebesnot oder den Sex.416 411 Vgl. ebd., S. 60. 412 Vgl. ebd., S. 63. 413 Ebd., S. 63 f. 414 Vgl. ebd., S. 231. 415 Hier kommt etwas vom Reichtum zum Ausdruck, wie er sich schon in dem von Feng Menglong (冯梦龙, 1574 – 1645) gesammelten Liedgut seiner Berglieder 山歌 findet. 416 Vgl. Han Shaogong 2011, S. 67 ff. 140 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas Dort, wo der Erzähler noch Ausführungen zu bestimmten Sitten aus der Vergangenheit macht, wird ihr Verlust besonders deutlich. Auf den ersten Eintrag zum Drachen folgt unmittelbar eine Fortsetzung (long 龙 [xu 续]). Es gibt einige Hinweise auf die Symbolik des Drachen, dann kommt der Erzähler auf das Drachenbootrennen zu sprechen. Er erwähnt, dass das Rennen in den Zeiten, zu denen er mit den übrigen „jugendlichen Intellektuellen“ in Maqiao war, bereits als ein aus der alten Tradition stammendes Relikt angesehen und abgeschafft worden sei. In der Erinnerung der Menschen lebt die Tradition jedoch fort, die Bewohner von Maqiao informieren den Erzähler über die Form und Besonderheit des Rennens in ihrer Gegend.417 Hier entsteht das Bild einer mit reichen, durchaus auch schon mal brutalen, skurrilen Traditionen angefüllten Vergangenheit, der als Einschnitt die Zeit nach 1949 und vor allem die Kulturrevolution entgegensteht. Die erzählte Gegenwart – also die Zeit, aus der der Erzähler heraus seine Geschichte vorträgt – bleibt seltsam unausgeführt, fast leer. Selbst dort, wo ein „übler“, die Würde der Menschen oder ihnen sonst wie zusetzender Brauch nach dem Einzug der Kommunisten abgeschafft worden ist, kommt nicht der Eindruck einer „Verbesserung“ auf. Der Roman ist als besondere Form der Kulturkritik aufzufassen – eine umfassende Kritik an den verloren gegangenen Traditionen, die nicht auf „natürliche“ Weise im Laufe bestimmter sozialer Veränderungen eingetreten sind, sondern auf brutale Art und Weise nach der „Befreiung“ und der „revolutionären“ Erneuerung zustande kamen. 8.7 Zur Hinterfragung von Mythen Es ist ein besonderes Merkmal der chinesischen Geschichtsschreibung, dass alle Dynastiewechsel von den Historikern im Nachhinein in einen mythisch-übernatürlichen Kontext gesetzt wurden, um die aus zumeist ganz „weltlichen“ Anlässen entstandenen Veränderungen zu erklären und den Eroberern eine besondere Legitimation zu verleihen. Nicht unbedingt um „Mythen“ im wörtlichen Sinne, wohl aber um eine mythenähnliche Verklärung handelt es sich bei den Erzählungen über die politische Zeitenwende in China am Ende der 1940er-Jahre. Das Jahr 1949 – so die offizielle Behauptung – stelle einen Neubeginn für China dar. Ein neues Zeitalter habe damals begonnen, vorbei sei die Zeit der Ausbeutung und Unterdrückung. Dass Menschen und soziale Organisationen sich nicht von dem einen auf den anderen Tag „erneuern“, ist selbstverständlich. Die chinesischen Machthaber haben in den Jahrzehnten nach der Gründung der Volksrepublik alles Mögliche unternommen, um die alten „Lasten“ zu beseitigen, Menschen und Organisationen zur Annahme und Umsetzung der Ideologie zu veranlassen. Han Shaogong geht in seinem Buch immer wieder auf die in der Geschichtsschreibung unberücksichtigt bleibende Phase des Wandels ein. Mit welcher Veränderung beginnt eine Revolution, wann ist der Sturz des alten Systems wirklich abgeschlossen und wie findet man einen Weg zum alltäglichen Geschäft? Sind Mord und Zerstörung im Namen einer Revolution notwendig? Bis zu welchem Maße lassen 417 Vgl. ebd., S. 87. 141 8 Die Welt als Wörterbuch. Han Shaogong und sein Roman ‚Das Wörterbuch von Maqiao‘ sie sich rechtfertigen? Han Shaogong gibt auf solche Fragen nicht unbedingt Antworten, aber er lädt dazu ein, sich stärker damit auseinanderzusetzen. Er wählt dazu das unterschiedlichste historische Personal. So beschreibt er zum Beispiel den angesprochenen Wandel in der chinesischen Gesellschaft zur Mitte des 20. Jahrhunderts am Beispiel der Bettler am Ort, indem er auf ihre Struktur und Hierarchie hinweist. Han geht im Abschnitt „Neunsack“ (九袋, ein Begriff für die Führungsebene unter den Bettlern) darauf ein, wie sich Bettler in der Vergangenheit in Maqiao organisiert haben und in welcher Beziehung sie zu den Händlern standen. Am Ende des Berichts über einen wohlhabenden Bettler mit dem Spitznamen „Neunsackopa“ (Jiu Daiye 九袋爷), der eigentlich Dai Shiqing heißt, zugewandert ist und zu einem örtlichen Bettlerkönig avancierte, heißt es lakonisch: Dass er später von der Kommunistischen Partei zu einem „reichen Bettlerbauern“ [乞丐富农] erklärt wurde, hat damit zu tun, dass er sowohl ein Ausbeuter war (die ausgebeuteten Bettler unterhalb der Kategorie „Siebensack“ wurden „arme Bettler“ huazi 花子 genannt) und zur gleichen Zeit ein Bettler durch und durch […], sodass man sich nicht anders als mit solch einer wirren und uneinheitlichen Zuordnung helfen konnte. Es war nun mal eine Tatsache, dass er auf der einen Seite eine Ziegelbrennerei samt vier Ehefrauen besaß und auf der anderen Seite doch des Öfteren barfuß und mit zerschlissenem Hemd herumlief.418 Am Beispiel des Bettlers wird versucht klarzumachen, mit welcher Willkür die Politik damals verfuhr. So mag sich „Neunsackopa“ nicht mit der Einordnung als „reicher Bettlerbauer“ zufrieden geben, er protestiert, hält der Kommunistischen Partei entgegen, dass die Partei offenbar ihre Wurzeln vergessen habe, schließlich war sie doch damals, als sie am Ort erschienen war, auf seine Hilfe angewiesen gewesen. Zur Zeit des Kampfes gegen die Banditen und gegen lokale Despoten seien einzelne Banditen geflüchtet, er, Dai Shiqing, habe mit KP-Vertretern kooperiert, als man ihn aufgefordert habe, auf verdächtige Personen auf den Straßen ein Auge zu haben. Niemals habe Dai Shiqing gedacht, dass die Revolution ihn am Ende selbst als Bettler treffen könne, man ihm gar ans Leder wolle (schönes Wortspiel im Chinesischen: „geming zui zhong ye ge jiao huazi de ming“ 革命最终也革叫花子的命419). Dai wird also zu einem Despoten erklärt und kommt in Haft, um durch „richtige Arbeit“ umerzogen zu werden, doch stirbt er, seiner Identität als Bettler beraubt, aufgrund der rigorosen Maßnahmen der „neuen Gesellschaft“ 新社会, Gestalten wie ihn auf den rechten Weg zu bringen. Interessant ist, wie Han Shaogong diese Zeit des Umbruchs atmosphärisch einfängt. Die Willkür der Partei wird nicht angeklagt, mit einer Gestalt wie dem Bettlerkönig kommt zwar kein rechtes Mitleid auf, doch der Leser spürt in der Art und Weise, wie die Fakten vermittelt werden, dass etwas nicht „richtig“ gewesen ist damals. Angeregt wird damit zu einem neuen, frischen Blick auf die Vergangenheit, verbunden mit dem Wunsch, eine neue Erklärung der Gegenwart zu formulieren. 418 Ebd., S. 123. 419 Ebd., S. 124. 142 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas Mit seiner einzigartigen Mischung aus Geschichte und Elementen der chinesischen Religion – vor allem den Vorstellungen von der Wiedergeburt – gelingt es Han Shaogong, den Revolutionsmythenkomplex in einem ganz neuen Licht zu zeigen. Dabei greift der Erzähler tief in die Mentalitätsgeschichte der Menschen am Ort zurück.420 Eingewoben in die Erzählung über die Veränderungen in Maqiao sind jedoch auch allgemeinere, nicht weniger poetische Erläuterungen zum Werden und Vergehen und zum Wesen des Seins.421 Han Shaogong gelingt es an diesen Stellen auf eine in der chinesischen Gegenwartsliteratur leider nur selten mit so großer Virtuosität zustande gebrachten Weise, die Brücke zwischen den geschichtlichen Abläufen des Wechsels von der Blüte zum Verfall im Konkreten und den höheren, sinnlich fassbaren „Seinsbefindlichkeiten“ zu schlagen. Es entsteht ein Bild von Weite, Helligkeit und Sonnenschein, Geräusche erklingen, man nimmt Gerüche wahr. „In der Abenddämmerung wabert der goldene Glanz in einer Mischung von heraufziehender Kühle und Feuchtigkeit. […] Wir wissen, dass dem Leben [生命] etwas von den zahllosen Menschen aus der Vergangenheit innewohnt – nur kennen wir ihre Namen nicht.“422 Der Autor reißt hier das Bild einer von der Seele der Verstorbenen belebten Natur an, Ausgangspunkt ist für ihn der Begriff des „sich Auflösens“ und „Verteilens“. Er bleibt dabei aber im Geistig-Atmosphärischen, weniger dem Körperlich-Konkreten, an das man bei einer „Beseelung“ auch denken könnte. Denn er schreibt weiter über die Toten: Ab dem Augenblick, da ihr Puls stillsteht, da ihr Name und ihre Geschichte sich auflösen und zunächst noch als ein Fragment in die Erinnerungen und die Erzählungen der Menschen eingehen, dauert es meist nur wenige Jahre, bis sie sich vollkommen in der Menschheit [人海] aufgelöst haben und eine Rückkehr zu den Ursprüngen unmöglich geworden ist. Die vier Jahreszeiten kehren im Wechsel wieder, der Zeiger einer Uhr dreht sich unablässig im Kreis, es ist nur die Linearität der Vergänglichkeit aller körperlichen [物体] Gegenstände, die sich nicht rückgängig machen lässt und die Absolutheit der Zeit verdeutlicht.423 420 Der Eintrag „Boss Hong“ 洪老板 etwa erzählt von einer Kuh, bei der es sich um die Wiedergeburt eines ehemaligen reichen Großgrundbesitzers (also einen Klassenfeind) aus einem Nachbardorf handeln soll. Vgl. ebd., S. 234 f. 421 So bringen das Schicksal des Neunsackopas Dai Shiqing und sein Tod den Erzähler zu einem seiner Lieblingswörter, wie er es nennt: „hinscheiden“ – sanfa 散发. „Sanfa“ kann in der Hochsprache so viel wie „etwas ausströmen“ oder „sich verteilen“ heißen. Vgl. ebd., S. 126. Etwas weiter im Text geht Han auf das Gegenteil vom „Dahinscheiden“ ein, nämlich dem „Sich-Zusammenfügen“ (lianjie 敛结 und juhe 聚合), das das Wesen der Existenz ausmache. Aus dem Zusammenstrom von Sperma und Blut sei der Mensch entstanden, ballten sich Wolken, werde Leben bringender Regen gespendet; aus Sandkörnern formte sich Stein und aus Worten entstünden Ideen usw. Sinke die Kraft des Zusammenschlusses, so setze der Tod ein. Manchmal aber, so Han Shaogong bzw. sein Erzähler, komme es dazu, dass die übermäßige Blüte und Verbreitung von etwas das notwendige Maß an Vitalität übersteige und dass die innere Kraft des Zusammenhalts darunter leide, sodass Schwäche (衰) die Folge sei. Vgl. ebd., S. 127. 422 Ebd., S. 126. 423 Ebd., S. 126 f. 143 8 Die Welt als Wörterbuch. Han Shaogong und sein Roman ‚Das Wörterbuch von Maqiao‘ „Geschichte“ als Wort für im Fluss der Zeiten aufgetretene Ereignisse ist zu abstrakt und als Hilfsmittel denen überlassen, die später unter Umständen darüber schreiben. Was „Geschichte“ nicht erfasst, das ist die Betroffenheit, das Erleben für jeden Einzelnen, ebenjenes, dem die Menschen konkret ausgesetzt sind. Gewöhnlich blickt der Erlebende, der „Betroffene“ nicht hinauf auf die Ebene der „Geschichte“, auf der sich die größeren Zusammenhänge andeuten, die ggf. in einer Nachbetrachtung durch den Historiker zu zeigen sind. Hierum geht es Han Shaogong in einem weiteren schönen Abschnitt über Zeitwahrnehmung und „Vergangenheit“ mit der Überschrift „Der pockennarbige Ma und das Jahr 1948“ 马疤子以及一九四八年. Vor dem Hintergrund der Entstehung seines Wissens über die Geschichte von Maqiao und seiner Menschen stellt der Erzähler Überlegungen zur Relativität und Subjektivität des Historischen an. Geschichte müsse erst in Form von Erzählungen wieder zum Leben erweckt werden, ansonsten habe es sie nicht gegeben. Daraus leitet der Erzähler ein extrem subjektives Geschichtsverständnis ab, das sich der Möglichkeiten von Gesetzmäßigkeiten entzieht, er kommt zu dieser Schlussfolgerung: Über die Existenz von Dingen, die uns unbekannt sind, lässt sich nichts sagen. Zumindest haben wir nicht ausreichenden Grund dazu, ihre Existenz zu konstatieren. Vor dem Jahr 1982 war daher das Jahr 1948 des Ma Wenjie für mich nur eine große Leere. Diesem Prinzip zufolge ist das Jahr 1948 von Ma Wenjie und das Jahr 1948 der Menschen von Ma Qiao nicht das 1948, das sich in vielen Geschichtsbüchern findet.424 Zugespitzt bedeutet dies dann freilich auch, dass man am Ort die dem westlichen Kalender entnommene Bezeichnung „1948“ nicht gekannt hat, sondern sich mit den in der Gegend gewohnten Beschreibungen behalf. Ihre „Unwissenheit“ schützte die Bewohner von Maqiao freilich am Ende nicht vor den Umbrüchen, die eintraten, als die historischen Ereignisse und Veränderungen sich 1948 nach und nach weiter im Süden ausbreiteten. Dennoch gilt auch hier zunächst die „Unbetroffenheit“.425 Han spricht an der Stelle die Macht der Geschichtsschreibung an und die Frage danach, was wie und in welchem Maße erinnert wird. Er dekonstruiert quasi die offizielle Geschichtsschreibung und die Erinnerung, indem er alles relativiert und ins Subjektive überführt. Am Beispiel der Romangestalt des Pockennarbigen Ma und seines Schicksals beschreibt Han sehr schön in wenigen Szenen und Bildern die Atmosphäre in der Zeit des „Machtwechsels“ an so einem kleinen Ort wie Maqiao, der für zahllose andere Orte zu der Zeit in China steht. Wie plötzlich Banner mit politischen Parolen die Stra- ßen schmücken, wie Gerüchte aufkommen, die Bauern aus den umliegenden Ortschaf- 424 Ebd., S. 131. Im Jahr 1982 wurde die Romanfigur Ma offiziell rehabilitiert, vorher galt Ma aufgrund seiner machtvollen Stellung am Ort in der Zeit vor 1949 als „großer Bandit“. Eingeflochten in die Erzählung über Ma und seine einstige Verwicklung in ein Massaker ist ein aufschlussreicher Komplex, in dem es um die Vergangenheitsbewältigung in China geht. Aus dem Massakerort der Vergangenheit wird nach einer Umbenennung eine „Goldgrube“ – möglicherweise ein Hinweis auf die seit geraumer Zeit in China betriebene „Ökonomisierung“ der Erinnerung. Vgl. ebd., S. 149. 425 Vgl. ebd., S. 136. 144 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas ten ständig neue Seile herbeischaffen, um Opfer zu fesseln; wie sich Gerüchte verbreiten, denen zufolge täglich Menschen aus dem Kreisgefängnis in die Dörfer gebracht werden, um hingerichtet zu werden. Es entsteht eine Atmosphäre der Unsicherheit, und schließlich beginnen sich die Gerüchte auch gegen Ma selbst zu richten, dem vorgeworfen wird, er richte sein Fähnchen nach dem Wind der neuen Machthaber.426 Zeit ist also nicht einfach „objektiv“ messbar, sie bleibt abhängig von der einzelnen, subjektiven Wahrnehmung 感知. Dabei gibt es nichts einfach „Einheitliches“ und „Wahres“, vielmehr können bisweilen bestimmte Gegenstände oder gar Pflanzen beim Einzelnen konkrete Erinnerungen und Gefühle auslösen, wobei jeder Mensch über andere Erinnerungsbilder verfügt.427 Ebenso gut möglich ist freilich, dass bestimmte, fest im Ablauf der Geschichte verankerte Ereignisse sich einer positiven emotionalen Akzeptanz entziehen und der Eindruck des Verlustes vorherrschend bleibt.428 Geschichte im Sinne einer an die Vergangenheit verlorenen Zeit kann also im wahrsten Sinne des Wortes „schmerzhaft“ sein, Geschichte wird erlitten – körperlich ebenso wie seelisch und geistig. Zentrale Figur im Roman ist sicherlich der Erzähler selbst, der mittels der Wörterbucheinträge auch seine ganz persönliche Geschichte entwirft, sich womöglich auch schreibend innerlich befreit. Dass historische Entwicklungen im Prozess von Werden und Vergehen ablaufen, dass das Neue auf Zerstörungen beruht und Ruinen die Fundamente einer Erneuerung zu sein haben, entspricht nicht nur einer ungefähren und fernen geschichtsschreiberischen Logik, sondern wird vom Erzähler tatsächlich so erlebt. Den Hintergrund des Eintrags zu wowei 莴瑋 bildet das Geständnis des Erzählers, in seiner Zeit als jugendlicher Intellektueller in Maqiao an Leichenschändungen teilgenommen zu haben und in späterer Zeit von seinem Gewissen geplagt zu werden. Wowei steht für einen leuchtend roten pflanzenähnlichen Belag, der Toten im Mund wächst. Er soll sehr nahrhaft sein und lebensfördernde Kraft besitzen. Bei ihrer Suche nach Erdhöhlen zur Lagerung von Lebensmitteln, so das Geständnis, seien die jungen Leute immer wieder auf beerdigte Leichen in unterschiedlichen Verwesungszuständen gestoßen. Gewitzte Ortsansässige unter ihnen hätten dann gezielt in den Mündern der Verstorbenen nach ebendem wowei gesucht als einer beliebten und teuren Medizin.429 426 Vgl. ebd., S. 143. 427 Vgl. ebd., S. 154. 428 Im Eintrag „Gemeinschaftseigentum“公家 geht es um die Kollektivierung des ursprünglich im Privatbesitz befindlichen Bodens im Dorf. Doch selbst ein Jahrzehnt nach der Kollektivierung identifizieren die Menschen sich immer noch mit dem einst ihnen gehörenden Land. Die Kollektivierung ist ein System, aber sie ist noch kein Gefühl geworden. Vgl. ebd., S. 158 f. 429 Vgl. ebd. ab S. 338. 145 8 Die Welt als Wörterbuch. Han Shaogong und sein Roman ‚Das Wörterbuch von Maqiao‘ 8.8 Fazit Wie sehr es Han Shaogong immer wieder gelingt, mit den Einträgen in seinem Wörterbuch die Diskrepanzen unserer Zeit eine sinnliche Würde zu verleihen, soll zum Schluss an zwei Einträgen aufgezeigt werden. Der Mensch lebt in zeit- und raumbegrifflichen Verhältnissen. Gedanken und Gefühle mögen schweifen, sich in Vergangenheit und Zukunft verlieren, aber ein Dasein ist nur im Hier und Jetzt möglich. Es ist unser Körper, der uns in diese Zeit und in diesen Raum zwingt. Wie geht ein Schriftsteller wie Han Shaogong mit diesem Problem um, wie stellt er sich diesem Problem des „Jetzt“? In einem eigenen Eintrag, der die Überschrift „Jetzt“ (xian 现) trägt, schreibt Han: Immer wieder blicken Autoren hinter sich, schreiben über die Gegenwart und sprechen mit den Worten des Jetzt. Jedes Wort, jeder Satz ist eine Intervention für das Hier und Jetzt, empor quellen die Gedanken und Gefühle in eben diesem einen Moment. Immer geht es um das Jetzt. Autoren sind überaus stark damit vertraut, im Vergangenen das Heute zu suchen und das Heute im Vergangenen. Ewig leben sie in dem doppelten Schatten der Zeit. Der Widerspruch bei all dem besteht in dem Wunsch, sowohl die Zeit zu entdecken als die Zeit von Grund auf zu verneinen.430 Die Zeit besteht in einer eigenartigen Mischung von Konkretem und Abstraktem, sie ist ein Raum, der durch- und erlebt und dabei auch erfühlt werden muss. In diesem Erfühlten werden plötzlich Brüche deutlich, der Mensch spürt, dass etwas nicht mehr so ist, wie es einmal war. Er tritt heraus aus dieser Zeit, beginnt damit, sie zu charakterisieren und ist damit auf einmal mitten drin in der Moderne. In dem eigenen Eintrag namens „Flamme“ 火焰 geht der Erzähler näher ein auf wenigstens einen Teilaspekt dieser Zeitfrage, indem er auf den für die Moderne zentralen Spannungsbogen zwischen Aberglauben und Vernunft zu sprechen kommt. „Flamme“ bezeichnet dann einen schwer beschreibbaren Zustand der Moderne, der in etwa der Vorstellung von Sättigung, Zufriedenheit, überheblichem Denken, vielleicht auch einer Illusion entspricht – etwas, das entsteht, weil sich Menschen aufgrund ihres Wissens und ihrer Bildung im Besitz einer Wahrheit glauben und doch am Ende spüren, dass das nicht alles ist und etwas unerklärt bleibt. Es ist die Erscheinung, die in der modernen Philosophie umschrieben wird mit der von vielen empfunden „Kühle“ der Modernität, da man auf der Rationalität beharrte und viele dazu veranlasste, das „Andere der Vernunft“ zu suchen.431 Die These des Erzählers in Wörterbuch lautet: Aberglaube und Geisterglaube leben wieder auf, sobald die Vernunft der Menschen außerstande ist, Dinge wie Krieg, Armut, Verschmutzung, Gefühlskälte usw. tatsächlich zu überwinden; wenn also die tiefen inneren Zweifel nicht ausgeräumt werden können. 430 Ebd., S. 311. 431 Vgl. dazu den Abschnitt „Vernunft“ in Schnädelbach 2012, S. 200 f. 146 Thomas Zimmer: Erwachen aus dem Koma? Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas Bei den Menschen, die in der von Wissen durchdrungenen Zeit der Moderne leben, gibt es womöglich Formen des Teufels (bitte denken Sie an Bilder der Moderne); vielleicht gibt es Stimmen des Teufels (bitte denken Sie an die Musik der Moderne); vielleicht gibt es eine teuflische Logik (bitte denken Sie an die metarealistischen Gedichte und Erzählungen) … in einem gewissen Sinne ist die modernistische Kultur der größte im Verborgenen entstandene Komplex des Teuflisch-Geisterhaften in diesem, dem 20. Jahrhundert. […] Ihre Herkunft speist sich aus der Gesellschaft jener in der Moderne, die über das geringste Maß an Überheblichkeit [niedrigste Flammenhöhe] verfügen: die Menschen vom Lande, die Menschen mit wenig Bildung, die Armen, Frauen, Kinder und Alte, Kranke; Menschen, die Katastrophen erlebten […] einschließlich jener, die an Geister glauben.432 Der Geisterglaube ist also von den Menschen selbst gemacht, er beruht auf Träumen, entfaltet wird eine Wirkung, wie sie nach der Einnahme von Drogen oder dem Genuss von Alkohol entsteht.433 Das Fazit des Erzählers: Wenn die Menschen etwas zu sehen wünschen, dann wird dieses Etwas auch eines Tages zum Vorschein kommen. Die Menschen haben dann zwei Mittel, es Wirklichkeit werden zu lassen: In Zeiten, da die Sättigung, Überheblichkeit groß ist [hohe Flamme], bedient man sich zur Verwirklichung der Revolution, der Wissenschaft und der wirtschaftlichen Entwicklung; ist dies nicht so [d. h., ist die Flamme niedrig], so bedient man sich der Illusion [menghuan 梦幻].434 In dem Begriff der Flamme verbirgt sich also auch ein Zusammenhang von Vernunft und Gefühl, d. h. der inneren Bereitschaft, sich auf etwas Neues, Veränderungen und also „das Moderne“ einzulassen. 432 Han Shaogong 2011, S. 286. 433 Han Shaogong thematisiert Dinge aus dem Bereich des Übersinnlichen an verschiedenen Stellen in seinem Buch und berücksichtigt dabei die unterschiedlichsten Kontexte. So geht es im Eintrag „Todesomen“ 飘魂 um den Tod des am Ort für seinen Geiz bekannten Zhaoqing (ab S. 364). Die Bereitschaft zum Aberglauben und dazu, auch abwegige, unwissenschaftlich erscheinende Dinge als „rationale“ Erklärungen für nicht erklärbare Ereignisse heranzuziehen, entsteht (so muss man Han wohl an der Stelle verstehen), wenn nicht streng und nüchtern und nur der „Wahrheit“ gemäß verfahren wird. Der „Aberglaube“ als Form einer vereinfachenden, aber nicht zwangsläufigen Welterklärung. Todesomen können sich nach den Vorstellungen in Maqiao ganz unterschiedlich ausdrücken. Sie können eine Geste ebenso sein wie ein Hinweis im Traum. 434 Ebd., S. 288.

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References

Zusammenfassung

Die Frankfurter Buchmesse von 2009 liegt einige Jahre zurück. Damals war China Gastland und hat sich von seiner besten Seite gezeigt. Warum also heute ein Buch über die chinesische Gegenwartsliteratur schreiben? Die Antwort darauf fällt kurz aus: Weil 2009 viel zu wenig gesagt wurde. China ist ein Land der Widersprüche, und noch immer spielen Zensur, Verschweigen und Beschönigungen eine große Rolle. Wer das Land aber verstehen will, der tut gut daran, auch seine Literatur zu verstehen und die Bedingungen, unter denen sie heute existiert: Wie stark ist die offizielle Gängelung – gibt es Zensur, und wie funktioniert sie? Wie steht es um die Verlage – sind sie noch fest im Griff der Partei? Und wie funktioniert die Interaktion zwischen Autoren, Verlagen und Lesern? Anhand namhafter älterer und jüngerer Autoren aus der Volksrepublik unternimmt der Sinologe Thomas Zimmer erstmals den Versuch, die Spielräume von Literatur, Kunst und Kultur im Spannungsfeld staatlicher Kontrolle, Zwängen des Marktes und zunehmender internationaler Vernetzung im China der Gegenwart zu erörtern.