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3 Theoretische Fundierung in:

Anselm Geserer

Vom Erlebten zum Erlebnis, page 63 - 90

Eine Bestimmung des Außeralltäglichen durch Bungee

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3871-0, ISBN online: 978-3-8288-6652-2, https://doi.org/10.5771/9783828866522-63

Series: Studien zur Unterhaltungswissenschaft, vol. 11

Tectum, Baden-Baden
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Vom Erlebten zum Erlebnis Theoretische Fundierung 63 3 Theoretische Fundierung 3.1 Analytischer Unterbau – Begriff und Definition In diesem Teil der Arbeit werden die empirisch gewonnenen Aussagen einer theoretischen Analyse und Begriffsbildung unterworfen. Damit dies möglich ist, sind grundlegende Differenzierungen in dichotome Begriffe, zu theoretisch-analytischen Zwecken notwendig. Diese sind in der Realität größtenteils in Mischformen anzutreffen. Diesbezüglich weist Max Weber an einigen Stellen auf Idealtypen und deren Notwendigkeit hin: Die Soziologie bildet (…) Typen-Begriffe und sucht generelle Regeln des Geschehens. […] Wie bei jeder generalisierten Wissenschaft bedingt die Eigenart ihrer Abstraktionen es, daß ihre Begriffe gegenüber der konkreten Realität (…) relativ inhaltsleer sein müssen. Was sie dafür zu bieten hat, ist gesteigerte Eindeutigkeit der Begriffe.161 Diese eindeutigen Begriffsdefinitionen bergen bei einer Analyse der menschlichen Realität zwar die Gefahr der theoretischen Anpassung der betrachteten Wirklichkeit an die Definitionen, doch bieten sie hierfür auch ein Analysemuster, das es erst erlaubt, reale Erscheinungsformen des menschlichen Handelns erkenntnisgewinnend zu untersuchen. An anderer Stelle heißt es zum Thema der drei Typen der Herrschaft: Die Zweckmäßigkeit dieser Einteilung kann nur der dadurch erzielte Ertrag an der Systematik erweisen. […] Daß keiner der drei, im folgenden zunächst zu erörternden, Idealtypen historisch wirklich >>rein<< vorzukommen pflegt, darf natürlich hier sowenig wie sonst die begriffliche Fixierung in möglichst reiner Ausprägung hindern.162 Solche idealtypischen Kategorisierungen werden im Folgenden gebildet und in einem weiteren Schritt abstrahiert. Dies führt zu einem weiteren typisierten Begriff, für den dasselbe gelten wird. In differenter Weise wurde der Begriff Begriff im Theorem des Semiotischen Dreiecks163 definiert, demzufolge ein Begriff die mentale Repräsentation eines Sachverhaltes oder Objektes ist. Dies ist zu unterscheiden von der Beschreibung oder Darstellung 161 Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie. Frankfurt a.M, 3. Aufl. 2005, S. 14. 162 Ebd, S. 160. 163 Vgl. Lewandowski, Theodor: Linguistisches Wörtebuch 2. Heidelberg, Wiesbaden, 6. Aufl. 1994, S. 960, und dortige interne Verweise. 64 der Entität, dem Symbol. Wird diese Konzeption auf den hier angewendeten Analyseentwurf übertragen, lässt sich ein zweiwertiges Muster erkennen, das durch etwas Inneres und etwas Äußeres charakterisiert ist. Idealtypisch sind aber die konstruktiven Begriffe der Soziologie nicht nur äu- ßerlich, sondern auch innerlich. Das reale Handeln verläuft in der großen Masse seiner Fälle in dumpfer Halbbewusstheit oder Unbewusstheit seines >>gemeinten Sinns<<.164 Der Prozess der Sinnkonstruktion der kategorisch geprägten Begriffe und das Füllen und Interpretieren der inhärenten Semantik sind demzufolge die Aufgaben, - denen sich hier gewidmet wird. Die nachfolgenden theoretischen Erläuterungen entwickeln die empirisch fundierten Thesen weiter und führen letztlich zu einer abstrakten Konzeption von Erlebnis. Hierbei werden einige Begriffe, die in der Analyse aufgetaucht sind, expliziter erläutert und spezifiziert. Dieses Vorhaben bringt eine Begriffsdefinition mit sich, die – wie es bei solchen Definitionen üblich ist – Probleme in sich birgt.165 Diese Probleme sollen keineswegs übergangen werden, vielmehr soll hier versucht werden, eine Begriffsklärung zu vollziehen, die für Argumentationen und Analysen fruchtbar sein kann. In der Regel „versteht man unter einer Definition eine eindeutige Festlegung eines Begriffes“166, hinzu kommt eine strikte Abgrenzung zu anderen Elementen derselben Klasse167. Nach Karl Popper sind Definitionen weder wahr noch falsch, elementar ist die Bestimmung einer eindeutig zu verwendenden Terminologie. Eine Terminologie kann zweckmäßig oder unzweckmäßig sein, (…) sie kann vor allem anderen eindeutig sein oder widerspruchsvoll, aber sie kann nicht wahr oder falsch sein, denn sie ist, logisch betrachtet, (…) immer konventionell.168 Demzufolge soll sich hier auf einen Erlebnis-Begriff geeinigt werden und diesen wollen wir – im Kontext dieser Arbeit – als Konvention betrachten. Definitionen dieser Art sind, Popper zufolge, ohnehin nicht ohne Weiteres möglich, vielmehr ist 164 Weber: Wirtschaft und Gesellschaft, S. 15. 165 Vgl. Popper, Karl: die beiden Grundprobleme der Erkenntnistheorie. Aufgrund von Manuskripten aus den Jahren 1930-1933. Hrsg: Hansen, Troels Eggers. Tübingen, 2. Aufl. 1994. 166 Popper: Die beiden Grundprobleme der Erkenntnistheorie, S. 189. 167 Vgl. ebd, S. 189f. 168 Ebd, S. 177. Vom Erlebten zum Erlebnis Theoretische Fundierung 65 es für ihn sogar unmöglich Begriffe vollständig zu definieren, so dass eine Verwendung in empirischem Sinne eindeutig bestimmt ist169. Daher legt „die Verwendung des Begriffes (…) das fest, was man seine „Definition“ oder seine „Bedeutung“ nennt. Anders ausgedrückt: Es gibt nur Gebrauchsdefinitionen“170. Eine solche Gebrauchsdefinition soll hier erarbeitet werden. So wird in dieser Arbeit – nach einer distinktiven Beschreibung (Gebrauchsdefinition) – der Begriff des Erlebnisses mit einer eigenen Definition verwendet werden, sodass dieser auf das „Besondere“, das „Außergewöhnliche“, das „Transzendente“ und das „Fokussierte“ passt, das den Interviews mit den Bungeespringern zu entnehmen war. 3.2 „Erlebnis“ Der Philosoph und Pädagoge oder besser einer der großen Denker des 18. Jahrhunderts, Jean-Jacques Rousseau, rückte das Erleben ins Zentrum der Aufmerksamkeit mit und durch das Werk: „Emile oder über die Erziehung“171. „Der berühmte Satz von René Descartes „Ich denke, also bin ich“ wird [bei Rousseau] zu „ich erlebe, also bin ich““172. Innerhalb pädagogischer Aspekte nimmt erleben bei Rousseau einen nicht zu vernachlässigenden Stellenwert ein. Drei Unterrichtsprinzipien werden bei Rousseau zur Maxime erhoben: „Handlung, Erfahrung und Erlebnis“173. Erfahrung ist in diesem Falle erkenntnistheoretisch zu deuten, so eilt im Lernprozess „die Erfahrung (…) der Belehrung voraus“174. Anhand dieser epistemologischen Definition von Erfahrung lässt sich eine triviale Bestimmung von Erlebnis realisieren. Erlebnis grenzt sich folglich von Erfahrung ab und setzt eine spezifische Form von Wahrnehmungsschema voraus: „Leben heißt erleben175. Rousseau legte mit seinen Analysen den Grundstein für viele pädagogische Konzepte, die heute noch ihre Gültigkeit besitzen. Insbesondere die Erlebnispädagogik basiert auf diesen Gedanken; dennoch ist Erleben und insbesondere Erlebnis noch relativ unspezifisch definiert. Erst Wilhelm Dilthey wies 1905 dem Erlebnis eine begriffliche Definition zu176. 169 Popper: Die beiden Grundprobleme der Erkenntnistheorie, S. 366. 170 Ebd, S. 367. 171 Rousseau: Emil oder über die Erziehung. 172 Heckmair, Bernd; Michl, Werner: Erleben und Lernen. Einführung in die Erlebnispädagogik. München, 7. Aufl. 2012, S. 17. 173 Ebd, S. 19. 174 Rousseau: Emil oder über die Erziehung, S. 38. 175 Vgl. Heckmair; Michl: Erleben und Lernen, S. 20. Und: vgl. Opaschowski: Vom Versorgungs- zum Erlebniskonsum, S. 26 176 Vgl. Gadamer, Hans-Georg: Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik. Tübingen, 4. Aufl. 1975, S. 57f. 66 Das Bewusstsein von einem Erlebnis und seine Beschaffenheit, sein Fürmichdasein und was in ihm für mich da ist, sind eins: Das Erlebnis steht nicht als Objekt dem Auffassenden gegenüber, sondern sein Dasein für mich ist ununterschieden von dem, was in ihm für mich da ist.177 Für Dilthey ist Erlebnis ebenfalls in erkenntnistheoretischem Kontext zu verstehen. Die Transposition, das Hineinversetzen in einen Sachverhalt ist für ihn neben dem Erlebnismomentum zentral178. Essentiell ist ihm die Legitimation der Geisteswissenschaften, die seinem Motiv für eine Begriffsbildung zugrunde liegt179. „So bildet der Begriff des Erlebnisses die erkenntnistheoretische Grundlage für alle Erkenntnis von Objektivem.“180 Auch bei Husserl ist diese Art der Deutung zu finden, allerdings steht für diesen die intentionale Beziehung, wenn etwas Bestimmtes erlebt und gemeint ist (erkennbares Gegenüber), im Zentrum181. Gemein haben die Spezifikationen und Deutungen alle das „unmittelbare“182 Moment, das dem Erlebnis innezuwohnen scheint. „Jedes Erlebnis ist aus der Kontinuität des Lebens herausgehoben und ist zugleich auf das Ganze des eigenen Lebens bezogen.“183 Der Erlebnisbegriff diffundierte über die Pädagogik und über erkenntnistheoretische Aspekte hinaus und mündete schlussendlich in einer Renaissance seiner selbst, wobei der Begriff schließlich einen Stellenwert besaß, um einen von Gerhard Schulze Anfang der 90er diagnostizierten gesellschaftlichen Wandel zu indizieren184; die Erlebnisgesellschaft wurde verifiziert. Der Wandel, welcher mit der Erlebnisgesellschaft einhergeht charakterisiert sich in einer Reorientierung der Lebensauffassung; die gesellschaftliche Emanzipation von physischen Nöten fördert einen Wechsel der Handlungsmotive zutage. So werden äußere Handlungsmotive durch innere in den Hintergrund gedrängt185. Diese Innenorientierung wandelt, so Schulze, sowohl das individuelle, als auch das gesellschaftliche Leben ab186. In diesem Zuge wird eine Milieusegmentierung der Gesellschaft dargestellt und differente Reaktionen und Realisierungen einzelner Gruppen oder Milieus auf diese Innenorientierung aufgezeigt. Der In- 177 Dilthey, Wilhelm: Zitiert in: Lessing, Hans-Ulrich: Wilhelm Dilthey. Eine Einführung. Köln, Weimar, Wien 2011, S. 136. 178 Vgl. ebd, S. 120. 179 Vgl. Gadamer: Wahrheit und Methode, S. 60. 180 Ebd, S. 62. 181 Vgl. ebd. 182 Ebd, S. 63. 183 Ebd, S. 65. 184 Vgl. Schulze: Die Erlebnisgesellschaft. 185 Vgl. ebd., S. 37. 186 Vgl. ebd, S. 40. Vom Erlebten zum Erlebnis Theoretische Fundierung 67 nenorientierung wird von Schulze nun ein Erlebnischarakter zugeschrieben, der innerhalb dieses Werks keiner akribischen Spezifizierung unterliegt. „Erlebnisse haben psychophysischen Charakter. Reduziert man sie, wie es für die Soziologie kultureller Formen typisch ist, auf ihre kognitive Komponente, so bleibt die Analyse unvollständig.“187 Die Analyse selbst bleibt jedoch aus; für Schulze werden zwar äußere Situationen durch ihre Verarbeitung zum Erlebnis188, denn „Erlebnisse sind verknüpfte Prozesse in Körper und Bewusstsein“189, allerdings ist weder aus diesen, noch aus andern Thesen des Buches eine Konzeption von Erlebnis folgerbar und das, obwohl eben jenes Erlebnis die moderne Gesellschaft durchdringt und zum Teil bestimmt.190 187 Schulze: Die Erlebnisgesellschaft, S. 89. 188 Vgl. ebd, S. 43, 45. 189 Ebd. S, 47. 190 Die Liste der Literatur, die bezüglich „Erlebnis“ angeführt werden könnte, ist nahezu endlos. In dieser Arbeit soll es jedoch nicht um eine historische Deutung der Erlebenssemantik gehen, sondern um eine Präzisierung und Fixierung des Begriffes. Aus diesem Grunde werden an dieser Stelle lediglich die zentralen Arbeiten angeführt, die in der Regel den Sekundärtexten zugrunde liegen. 68 3.3 Charisma und Außeralltäglichkeit 3.3.1 Die Konzeption des Charismas Die erste theoretische Entsprechung wird aus der außergewöhnlichen Qualität entwickelt. Das Außergewöhnliche, so wurde gezeigt, ist dem Alltäglichen gegenüber gesetzt und verdrängt dieses sogar. Diese Eigenschaft findet in den Konzepten von Charisma und Außeralltäglichkeit bei Max Weber seine Entsprechung. Demnach soll der Begriff des Charismas und der Außeralltäglichkeit dezidiert untersucht werden. Weber handelt diese Konzepte größtenteils in Wirtschaft und Gesellschaft in den Kapiteln über Herrschaft bzw. über Herrschaftsformen ab. Die Ausführungen beginnen mit einer Differenzierung von Macht, Disziplin und Herrschaft, wobei Herrschaft und Macht der Disziplin entgegengesetzt sind: „Herrschaft soll heißen die Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden“191. Dieser Definition zu Folge ist Herrschaft zum einen durch den Willen (Befehl) des Herrschenden und zum anderen durch den essentielleren Punkt der Gehorsamkeit, also der mentalen Einstellung, die zu einem sozialen Handeln192 des Beherrschten führt, gekennzeichnet. Die Motive, die zu eben diesem Gehorsam führen, sind ungleich, doch wie auch immer sie geartet sein mögen, Legitimität ist von großer Bedeutung, da das Legitimitätskonstrukt als komplementäre Konstituente für Charisma angesehen werden kann. Jede [Herrschaft] sucht vielmehr den Glauben an ihre >>Legitimität<< zu erwecken und zu pflegen. Je nach der Art der beanspruchten Legitimität aber ist auch der Typus des Gehorchens (…) und der Charakter der Ausübung der Herrschaft grundverschieden.193 Die Legitimation der Herrschaft, bzw. der Glaube an das Konstrukt der Legitimation, wird nun – und genau an diesem Punkt werden die Ausführungen für unsere Thesen relevant – in drei Kategorien eingeordnet: die Legitimitätsgeltung rationalen Charakters, die traditionalen Charakters und die charismatischen Charakters194. Die rationale Form der Legitimität ist die legale Herrschaft (z.B. Demokratie). Die traditionale Form beruht auf dem Glauben an die Rechtmäßigkeit (bei Weber Heiligkeit) von Traditionen und schließlich: die charismatische Form der Legitimität, sie basiert „auf der 191 Weber: Wirtschaft und Gesellschaft, S. 38. 192 Soziales Handeln soll hier im weberschen Sinne verstanden werden: Ein Tun, das auf andere in seinem gemeinten Sinn bezogen ist. Vgl. Weber: Wirtschaft und Gesellschaft, S. 4. 193 Ebd, S. 157. 194 Ebd., S. 159f. Vom Erlebten zum Erlebnis Theoretische Fundierung 69 außeralltäglichen Hingabe an die Heiligkeit oder die Heldenkraft oder die Vorbildlichkeit einer Person und der durch sie offenbarten oder geschaffenen Ordnung“195. An diesem Punkt lässt sich erstmals Webers Interpretation von Charisma als Gnadengabe196 erkennen. Charisma äußert sich demnach in speziellen Fähigkeiten oder Eigenschaften, die ein spezifisches Subjekt in sich vereint und hierdurch Macht oder Herrschaft auf andere ausüben kann. Ebenfalls der Begriff des Außeralltäglichen ist hier in engem Verbund mit dem Charisma anzutreffen. Doch vorerst zurück zur charismatischen Herrschaft: Im Falle derselben „wird dem charismatisch qualifizierten Führer als solchem kraft persönlichen Vertrauens in Offenbarung, Heldentum oder Vorbildlichkeit im Umkreis der Geltung des Glaubens an dieses sein Charisma gehorcht.“197 Die Anhänger lassen sich durch den Glauben an die Gaben des charismatischen Führers beherrschen. In ihren Augen ist die Offenbarung, das Heldenhafte oder alles, was mit diesem Führer verbunden ist, heilig und unantastbar, kurz, außeralltäglich. Der Gehorsam wird demzufolge nicht durch eine Form des irdischen Drucks hervorgerufen, da die Legitimation nicht innerhalb des menschlichen Geltungsbereiches liegt. Diese Legitimation birgt den Rückhalt transzendenter Mächte in sich und umgeht demzufolge rationale Muster198 innerhalb dieser charismatischen Struktur. Max Weber verallgemeinert das Heilige innerhalb dieses Kontextes zum Magischen, löst hierdurch die religiöse Konnotation heraus und definiert Charisma wie folgt: >>Charisma<< soll eine als außeralltäglich (ursprünglich, sowohl bei Propheten wie bei therapeutischen wie bei Rechts-Weisen wie bei Jagdführern, wie bei Kriegshelden: als magisch bedingt) geltende Qualtität einer Persönlichkeit hei- ßen, um derentwillen sie als mit übernatürlichen oder übermenschlichen oder mindestens spezifischen außeralltäglichen, nicht jedem anderen zugänglichen Kraft oder Eigenschaften (begabt) oder als gottgesandt oder als vorbildlich und deshalb als Führer gewertet wird.199 Charisma findet seinen Ausdruck in einer persönlich gebundenen, magisch bedingten und außeralltäglichen Qualität. Die Macht, die von eben dieser Qualität ausgeht, 195 Weber: Wirtschaft und Gesellschaft, S. 159. 196 Charisma (griech. „Geschenk“) ist die Gnadengabe, eine als Gottesgeschenk empfundene Begabung oder Begnadung. Vgl. Schmidt; Schischkoff (Hg.): Philosophisches Wörterbuch, S. 106. 197 Weber: Wirtschaft und Gesellschaft, S. 159. 198 Nicht Zweckrationale, wie sie von Weber beschrieben werden. Vgl. Weber: Wirtschaft und Gesellschaft, S. 5. 199 Ebd, 179. 70 generiert ihre Legitimation außerhalb des terrestrisch Deduktiven und zeigt sich angesichts dessen als vorerst stabil, da rationale Strukturen oder Argumentationen ihr anfänglich nichts anhaben können; gerade dies wäre demgegenüber alltäglich, (zweck-) rationale Erklärungsmuster und Kausalitäten also sämtliche Architekturen, die den heutigen Alltag westlicher Gesellschaften bestimmen200. Die charismatische Herrschaft ist diesen alltäglichen Charakteristika fundamental entgegengesetzt, dies bedeutet jedoch nicht, dass sie keiner Anerkennung bedarf, denn die Geltung hängt von dieser ab. Über die Geltung des Charisma entscheidet die durch Bewährung – ursprünglich stets: durch Wunder – gesicherte freie, aus Hingabe in Offenbarung, Heldenverehrung, Vertrauen zum Führer geborene, Anerkennung durch die Beherrschten. Aber diese ist (bei genuinem Charisma) nicht der Legitimitätsgrund, sondern sie ist Pflicht der kraft Berufung und Bewährung zur Anerkennung dieser Qualität Aufgerufenen. Diese Anerkennung ist psychologisch eine aus Begeisterung oder Not und Hoffnung geborene ganz persönliche Hingabe.201 Das Charisma erlangt demnach seine Geltung durch die charismatisch Beherrschten, die durch ihren Glauben es selbst und seine Wirkungsmuster zum Leben erwecken und den Einfluss, der sich hieraus ergibt, erst ermöglichen. Sie vertrauen in die Übernatürlichkeit, die Prophetie, das Orakelhafte, die Eingebung, eben das Außeralltägliche202 und empfinden dies in der Tiefe ihres Inneren; Weber nennt dies „persönliche Hingabe“. Hieraus ergibt sich eine spezifische Irrationalität und Regelfremdheit, die das Charisma im akuten Falle so mächtig werden lässt. Es ruft eine Negation gültiger 200 Für Weber ist der Alltag sehr stark durch die Sitte bestimmt. Vgl. Weber: Wirtschaft und Gesellschaft, S. 240f. Und: vgl. Winfried Gebhardt: Das Alltägliche ist das Gewohnte, eingelebte, das traditionale Handeln, das Reagieren auf gewohnte Reize. Es ist die typische Form des Alltagshandelns, es ist unbewusst und unhinterfragt. Gebhardt, Winfried: Fest, Feier und Alltag. Über die gesellschaftliche Wirklichkeit des Menschen und ihre Deutung. In: Europäische Hochschulschriften, Reihe 22, Soziologie, Bd. 143. Frankfurt a.M. u.a. 1987, S. 24. 201 Weber: Wirtschaft und Gesellschaft, S. 179. 202 Vgl. das Heilige und das Profane bei Roger Caillois. Das Heilige (woraus Weber das Charismatische entwickelt) ist der Gegenbegriff zum Profanen. Das H. hat eine außerordentliche Wirkungskraft und ist Quell des Erfolgs, aller Macht und allen Glücks. Das Profane hingegen ist (im Vergleich) das Dürftige und das Nichtige. Vgl. Caillois, Roger: Der Mensch und das Heilige. Durch drei Anhänge über den Sexus, das Spiel und den Krieg in ihren Beziehungen zum Heiligen. München, Wien 1988, S. 19, 22f, 26. Vom Erlebten zum Erlebnis Theoretische Fundierung 71 Regelhaftigkeiten hervor und ist spezifisch revolutionär. Hinzu kommt, dass „die Anerkennung des charismatisch Qualifizierten (...) die Pflicht derer [ist], an welche sich die Sendung wendet.“203 Wäre dies nicht der Fall, so bräche das komplette Konstrukt in sich zusammen; folglich wird die Anerkennung zur Pflicht, wobei Pflicht einer semantischen Umdeutung innerhalb dieses Kontextes unterliegt, da die Betrachtung von der Perspektive des charismatisch Qualifizierten ausgeht, die Anerkennung der Beherrschten für den Charismaträger Pflicht ist. Das Charisma differenziert sich als revolutionierende Macht von einer anderen, ebenfalls revolutionierenden Macht, der ratio, da es eine „Umformung von innen her sein [kann], die, aus Not oder Begeisterung geboren, eine Wandlung der zentralen Gesinnungs- und Tatenrichtung unter völliger Neuorientierung aller Einstellungen“204 bedeutet. Die Definition des Charismas und der Außeralltäglichkeit zeigt sich auf dieser Ebene am deutlichsten, denn dessen innere Struktur tritt hier zutage. In gleichem Zuge jedoch, wird die kurzlebige und ephemere Charakteristik des Charismas deutlich. Wenn sich das Charismatische nicht festigen kann, so verflüchtigt es sich, es verschwindet, da es an nichts Persistentem anhaften kann.205 Dass die dem Charisma zugewiesene Außeralltäglichkeit eine magische Qualität ist, die primär an Personen gebunden war, wird von Weber mehrfach erwähnt: Helden und Zauberer bewährten sich in dem Glauben ihrer Anhänger als charismatisch Begabte. Kraft dieser Gabe (>>charisma<<) und – wenn die Gottesidee schon deutlich konzipiert war – kraft der darin liegenden göttlichen Sendung übten sie ihre Kunst und Herrschaft. Dies galt für Ärzte und Propheten ganz ebenso wie für Richter, militärische Führer oder Leiter von großen Jagdexpeditionen.206 Die Bewährung, die dem charismatischen Führer von Anhängern oder Beherrschten zugesprochen wird, folgt demnach aus der Suggestion einer transzendentalen Gunstbezeugung. Diese taucht nach Weber u.a. erstmals als Heldenekstase in Altägypten auf207. Spezifiziert wird diese Ekstase beim nordischen Berserker; gemeint ist ein dem Rausch verfallener Krieger, der keine Wunden und Schmerzen mehr wahrnimmt und in Rage kämpft, bis sein Blutdurst gestillt ist. Hierbei ist es unbedeutend, ob dieser Rausch rituell oder durch toxische Stoffe erzeugt wurde; allein die Bewährung durch 203 Weber: Wirtschaft und Gesellschaft, S. 833. 204 Ebd., S. 182. 205 Vgl. die Ergebnisse der außergewöhnlichen Qualität und deren flüchtigen Charakter in Kapitel 2.2.1. 206 Weber: Wirtschaft und Gesellschaft, S. 833. 207 Vgl. ebd, S. 195. 72 den Glauben der Anhänger an die charismatische Begabung des Führers ist bedeutsam208. Gleichfalls geht hieraus hervor, dass die charismatische Form genuin kein geordnetes Verfahren erzeugen oder verstehen kann. Aus diesem Grunde ist sie vielen anderen Strukturen entgegengesetzt, beispielsweise der patriarchalischen oder der sich daraus abzuleitenden erwirtschaftenden oder wirtschaftlichen Struktur209. Veralltäglichtes oder traditionales Charisma ist zwar häufig eingebunden in wirtschaftliche oder zweckrationale Verbünde, „immer aber – das ist das Entscheidende – lehnt das Charisma [selbst] den planvollen rationalen Geldgewinn, überhaupt alles rationale Wirtschaften, als würdelos ab.“210 Es ist in seinem Wesen sowohl das Außeralltägliche als auch das Unweltliche und dies äußert sich in einer Form der Irrationalität, der Regelfremdheit und Wirtschaftsfremdheit. Um diese reine, fast ursprüngliche Form des Charismas soll es sich hier handeln. In der veralltäglichten, rationalisierten oder traditionalisierten Erscheinung des Charismas sind Kompetenzen durch Satzungen, Ordnungen, Bräuche oder feudale Treueversprechen bedingt; nicht so beim genuin charismatisch Qualifizierten, dieser ist durch die Bewährung seiner Kräfte zu Wundern fähig und aufgrund dessen gottgewollt211. Durch die Verleumdung von äußerer Ordnung und seinem revolutionären Charakter, ist Charisma souveränbrechend und umwertend. Für Weber ist das eine Form der inneren Unterwerfung, da bei beherrschten Subjekten oder Gruppen Einstellungen, Überzeugungen und Glaubensgrundsätze gelenkt werden. Diese irrationale Konzeption zeigt die Außeralltäglichkeit des Charismas auf. Das Außeralltägliche zeichnet sich auch durch das Flüchtige aus. Das Flüchtige und das Außeralltägliche sind Komponenten, die Erlebnisse derart in sich tragen. Bevor wir jedoch das Erlebnis betrachten sollten einige Aspekte des Außeralltäglichen innerhalb Alltags betrachtet werden. Verdeutlicht wird an diesem Punkt, wie sich das Außeralltägliche in der Lebenswelt der Menschen festsetzt. Zugleich wird an dieser Stelle erkennbar, wie es sich im Erlebnis manifestiert. 208 Weber: Wirtschaft und Gesellschaft, S. 832f. Vgl. ebenfalls die Kriegerekstase in Altägypten: Ebd, S. 195. 209 Vgl. Weber: Wirtschaft und Gesellschaft, S. 834. Und: vgl. die alltagsnegierende Struktur und die irrationale Anziehungskraft beim Bungee-Springen. Kapitel 2.2.1. 210 Weber: Wirtschaft und Gesellschaft, S. 834. 211 Vgl. ebd, S. 835. Vom Erlebten zum Erlebnis Theoretische Fundierung 73 3.3.2 Das Außeralltägliche im Alltag Um das Ephemere oder Flüchtige zu überwinden und eine adäquate materielle oder ideelle Alltagsgrundlage zu schaffen muss das Charisma seinen Charakter elementar abwandeln, es muss sich, um fortbestehen zu können, traditionalisieren oder rationalisieren (legalisieren). Ebenso muss die Bindung an einen neuen Träger gewährleistet sein; dieser wird durch Offenbarung oder orakelartige Bestimmung auserkoren. Hieraus lassen sich nun einige Erscheinungsformen des Charismas ableiten, wie das Amtscharisma oder das Erbcharisma. Doch ebenso beruht der Fortbestand auf der Bewährung, die eine Grundvoraussetzung für die Anerkennung ist: Das seinem primären Sinn nach autoritär gedeutete charismatische Legitimationsprinzip kann antiautoritär umgedeutet werden. Denn die tatsächliche Geltung der charismatischen Autorität ruht (…) gänzlich auf der durch >>Bewährung<< bedingten Anerkennung durch die Beherrschten.212 Eine Person ist, sofern sie charismatisch qualifiziert ist, legitim, doch erst durch die Rationalisierung wird die Anerkennung Grund der Legitimation213 und kann so für eine weitere Existenz im Alltag sorgen. Im gesellschaftlichen Leben zeigen sich charismatische Formen grundverschieden in Form von Ämtern, Strukturen oder Objekten. So ist beispielsweise die Justiz heute als weltliche und formale Rechtsprechung einer charismatischen wie dem Ordal, dem Gottesurteil entgegengesetzt214. Die von innen heraus revolutionierende Macht basiert auf der emotionalen Überzeugung eines Wertekonzepts der Beherrschten. Daher ist das Charisma so machtvoll. Daß die Rationalisierung und die rationale Ordnung von außen her revolutionieren, während das Charisma, wenn es überhaupt seine spezifische Wirkung übt, umgekehrt von innen, (…) der Gesinnung der Beherrschten seine revolutionäre Gewalt manifestiert.215 212 Weber: Wirtschaft und Gesellschaft, S. 198. 213 Zuvor basiert die Anerkennung auf dem Charismatischen (dem Außeralltäglichen oder Göttlichen). 214 Wobei das Ordal schon formalisiert oder versachlicht ist, da strengen Regeln zur Ermittlung des göttlichen Urteils Folge geleistet werden muss. Vgl. Le Breton, David: Lust am Risiko. Von Bungee-jumping, U-Bahn-surfen und anderen Arten das Schicksal herauszufordern. Frankfurt a.M., 1. Aufl. 1995, S. 17. 215 Weber: Wirtschaft und Gesellschaft, S. 837. 74 Zwar zeigt sich Charisma strukturbrechend und zweckrational strukturlos, nichtsdestotrotz, legt es spezifische Wirkungsmuster an den Tag. Ihm sind demnach „ausgeprägte soziale Strukturform[en]“216 immanent. Dies scheint nur auf den ersten Blick ein Widerspruch zu sein, denn die eigene innere Struktur ist so idiosynkratrisch, dass diese von einer anderen Struktur nicht erkannt werden kann217. Hieraus folgt, dass die Beherrschten zwar formell freiwillig, jedoch auf Grund einer Gewissenspflicht dem Charismaträger folgen. Durch den angesprochenen ephemeren Charakter des Charismas, kann die rein charismatische Herrschaft nicht lange im Alltag bestehen, es muss eine Umwandlung stattfinden, die nicht Sinne des Charismas selbst sein kann. So wird zum mindesten die reine Herrschaft des Charisma regelmäßig gebrochen, ins >>Institutionelle<< transportiert und umgebogen und dann entweder geradezu mechanisiert oder unvermerkt durch ganz andere Strukturprinzipien zurückgedrängt.218 Die Amalgamierung des Charismas mit den Strukturen des Alltags ist demzufolge eine notwendige Voraussetzung für das Fortbestehen der charismatischen Herrschaft. Diese Metamorphose zeigt sich durch eine Versachlichung, die das Merkmal der persönlichen Koppelung aufhebt und das Charisma an ein Amt oder eine institutionelles Gebilde bindet. Der Grund, warum noch von Charisma gesprochen werden kann, ergibt sich aus dem Außergewöhnlichen, das durch das Charisma hervorgerufen wird und eben nicht jedermann zugänglich ist. So manifestiert und fixiert sich Charisma im Alltag und transformiert sich in festere und statische soziale Erscheinungen: dies steht in engem Verbund mit einer grundlegenden „Umgestaltung seines Wesens und seiner Wirkungsart.“219 Die Einstellung der charismatisch Beherrschten bleibt erhalten, ihr Glaube ändert sich lediglich in Bezug auf das Ziel oder das charismatische Gebilde. Die Übertragbarkeit durch Blut ist ein Merkmal, das im Erbcharisma zu finden ist, so wird Charisma gewissermaßen zum Erbgut; beim Amtscharisma hingegen ist es „der Glaube an die spezifische Begnadung einer sozialen Institution als solcher“220. 216 Ebd, S. 839. 217 Ähnlich den Codes in der Systemtheorie nach Niklas Luhmann. Systeme funktionieren oder filtern nach Codes. Die Umwelt wird nach diesen speziellen Mustern wahrgenommen, wird der Code nicht bedient, ignoriert das System die Entität, Kommunikation ist ausschließlich über diesen Code möglich. Vgl. Krause: Luhmann-Lexikon, S. 24; 46f; 52ff; 132f. 218 Weber: Wirtschaft und Gesellschaft, S. 841. 219 Ebd., S. 854. 220 Weber: Wirtschaft und Gesellschaft, S. 858. Vom Erlebten zum Erlebnis Theoretische Fundierung 75 Das Charisma selbst manifestiert sich primär in Persönlichkeiten, jedoch zeigen sich spezifische reorganisierte charismatische Formen in Gestalt von Ämtern und sozialen Gebilden oder Objekten: Das Charisma kann entweder – und nur dann verdient es in vollem Sinn diesen Namen – eine schlechthin an dem Objekt oder der Person, die es nun einmal von Natur besitzt, haftende, durch nichts zu gewinnende, Gabe sein221 Hierbei ist die charismatische Ausstrahlung von Bedeutung, die anfänglich an Personen gebunden war, jedoch durch einen Prozess der Reorganisation ihre Wirkungsmuster trotz der Transformation beibehalten kann. Der genuine transzendente Bezug der charismatischen Beziehung sorgt für ebendiesen Wirkmechanismus. Dabei noch von Charisma zu sprechen, rechtfertigt sich nur dadurch, daß stets der Charakter des Außergewöhnlichen, nicht jedermann Zugänglichen, den Qualitäten der charismatisch Beherrschten gegenüber prinzipiell Präeminenten erhalten bleibt222 Das Außergewöhnliche bleibt demzufolge nach jeder Transformation erhalten, lediglich die „magische Gunstbezeugung“ tritt in den Hintergrund.223 Zur Verdeutlichung ist die Betrachtung des Papstes und seines Amtes hilfreich. Das Charisma ist auf die kirchliche oder religiöse Stellung übergetreten und hinzukommt, dass sich die Sendung an eine spezifische und abgegrenzte Gruppe richtet. Die Person, die das Amt übernimmt, ist austauschbar, die Bestimmung derselben erfolgt (nach Außen jedenfalls) durch ein ritualisiertes Verfahren, das den Charakter einer göttlichen Bestimmung an den Tag legt und so das außeralltägliche Charisma des Amtes legitimiert. Die Begriffe Charisma und Außeralltäglichkeit entwickeln sich in ihrer Definition in einer Dialektik, da sie sich gegenseitig bedingen. Ungeachtet dessen ruht die Aufmerksamkeit in dieser Arbeit auf der Außeralltäglichkeit, auch wenn diese innerhalb dieses Kontextes nicht ohne den Begriff des Charismas gedacht werden kann. Au- ßeralltäglichkeit soll im Folgenden als Attribut verstanden werden, das Geltung und 221 Ebd, S. 318. 222 Weber: Wirtschaft und Gesellschaft, S. 854. 223 Vgl. ebenfalls das Heilige bei Caillois: Das Heilige kann Dingen, Lebewesen, Orten und Zeiten zugeordnet sein; das H. Ist eine Eigenschaft, die durch eine „geheimnisvolle Gnade“ zuteil wird (gleich dem Charisma, dem Geschenk oder der Gnadengabe). Vgl. Caillois, Roger: Der Mensch und das Heilige, S. 20. 76 Legitimation durch das Charismatische zugesprochen bekommt, welchem es entstammt. Das Außeralltägliche bewährt sich, gleich dem Charisma, durch die Anerkennung der Beherrschten (Glaube an die Übernatürlichkeit, das Orakelhafte usw.). Es ist dem Alltag nicht allein entgegengesetzt, sondern negiert die Alltagsstruktur aktiv und führt zu einer Art „inneren Unterwerfung“. So kann das Außergewöhnliche bzw. das Außeralltägliche als Analogie für die Eigenschaften verstanden werden, die sich im Erlebnis wiederfinden. Zum einen zeigt sich ein Muster, das dem Wortlaut folgend, mit seiner Struktur aus dem Alltäglichen herausfällt; zum anderen zeigt sich das „Unbeschreibbare“ und eine Art der irrationalen Anziehungskraft, die der „inneren Unterwerfung“ der charismatischen Herrschaft gleicht. 3.3.3 Das charismatische Erlebnis Hier und im Folgenden soll nun die Prämisse gelten, dass ein Erlebnis prinzipiell nicht alltäglich ist, sondern aus dem routinierten und gewohnten Alltag hervorsticht oder sogar ausbricht. Diese Grundannahme legitimiert sich aus den geführten Interviews (Kapitel 2.2.1) und ermöglicht eine weitere Spezifikation von Erlebnis. Die Interviewpartner äußerten explizit und implizit, dass das Erlebte aus den alltäglichen Routinen und Kategorien herausfällt. Im vorhergehenden Kapitel wurde erläutert, dass sich Charisma an Personen sowie an fast beliebige Entitäten anheften kann, sofern es einer spezifischen Transformation unterliegt; so kann es sich an Objekte, soziale Konstrukte und Institutionen binden. Die charismatische Struktur kann demzufolge in erster Line als Analogie für jene Charakteristiken betrachtet werden, die im Erlebnis zum Vorschein kommen. Darüber hinaus lassen sich möglicherweise Indizien finden, die das Außeralltägliche im Erlebnis selbst verorten. Es soll demnach davon ausgegangen werden, dass die außergewöhnliche Qualität, die im Erlebnis zu finden ist, eine Form des Außeralltäglichen ist. Die Grundlage hierfür ist ebenfalls in den Analysen der Interviews zu finden. Der Grundgedanke ist die Differenzierung von Alltag und den Dingen, die diesem Gegenüber positioniert sind. Dem Alltag entgegengesetzt ordnet Weber das Charismatische, das Außeralltägliche ein224. Dass ein Erlebnis ebenfalls dem Alltag gegenüber steht, scheint auf den ersten Blick nicht mehr als eine Analogie zu sein, doch ist es, wie sich herausstellen wird, 224 Dieses und folgende Ausführungen beziehen sich auf die Zitation des Kapitels 3.3.1 und 3.3.2. vgl. ebenfalls die Ausführungen von Winfried Gebhardt über Max Weber. Charisma ist der Gegenbegriff zum Alltag und kann sich an Objekte, vorgestellten Dingen, Ideen und Weltbildern anhaften. Vgl. Gebhardt, Winfried: Fest, Feier und Alltag, S. 22ff. Vom Erlebten zum Erlebnis Theoretische Fundierung 77 wesentlich mehr als das. Für Weber ist Charisma nur durch das Außeralltägliche möglich. Das Charismatische ist eine magisch bedingte und außeralltägliche Qualität, die nicht jedem zugänglich ist. Dies bedeutet im Kontext des Erlebnisses in erster Linie, dass ein Wahrnehmungsmuster nur dann ein Erlebnis sein kann, wenn es eine Qualität aufweist, die nicht alltäglich ist und nicht jeder Sinneseindruck diese Qualität besitzen kann. Die transzendente Notation mit der allgemeinen Vorstellung von Erlebnis in Verbindung zu bringen scheint zunächst wesentlich diffiziler, doch bei genauerem Hinsehen lassen sich die Widersprüche aufheben. Die metaphysische Gunstbezeugung, welche hinter dem Außeralltäglichen weilt, steht in der Wahrnehmung eher im Hintergrund. Sie stützt, wie erläutert wurde, die Legitimation und zwar in der Form, dass sie sich abgrenzt von Weltlichem oder Alltäglichem. Gleichfalls jedoch lässt dieser transzendente Bestandteil das Konstrukt, an welchem das Charisma anhaftet, aufregend und anziehend wirken; es ist das Ungewöhnliche und Atemberaubende, das erkundet werden will. Diese Komponenten sind allesamt in den Analysen der interviewten Bungee-Springer/innen zu finden und lassen diese Analogie hierdurch plausibel und ergänzend werden225. Zum einen ist es die außergewöhnliche Qualität, die weder alltäglich, noch überall zu finden ist und zum anderen zeigt sich eine Art irrationale Anziehungskraft, die vom Erlebnis selbst ausgeht. Die Struktur des Charismas ist der des Alltags, des Rationalen und des Weltlichen fundamental entgegengesetzt; ebenso ist das Erlebnis polarisiert zum Alltag zu finden, was nicht bedeutet, dass sich Erlebnisse nicht in den Alltag einfügen, so wie sich das Charismatische in das Weltliche einfügt und dort in Erscheinung tritt. Das Charisma selbst ist nicht ausschließlich in seiner Struktur dem Weltlichen entgegengesetzt; ebenfalls zeigt sich eine Ablehnung dessen, was den Alltag bestimmt. Hinzu kommt eine Art aktive Negation der weltlichen oder alltäglichen Struktur. In selbem Maße lässt ein Erlebnis den Alltag vergessen, ihn nicht mehr in der gewohnten Weise wahrnehmen und führt sogar eine Form der Verdrängung herbei. Wie jedes außeralltägliche Muster hat auch das Erlebnis damit zu kämpfen, wie lange es gegen den hegemonialen Alltag bestehen kann; es gleicht in seiner flüchtigen und ephemeren Weise dem Charismatischen. Die Faktoren, die Erlebnisse in den Alltag integrieren, sind zwar divergent zu jenen, die sich beim Charisma finden lassen, dennoch ist der Prozess strukturell indifferent. Erlebnisse haben, wie gezeigt wurde, ebendiesen flüchtigen Charakter und gehen unmittelbar, nachdem das Außeralltägliche in Erscheinung trat, in der Deutungshoheit des Alltags unter. Das Charismatische kann durch Prozesse der Veralltäglichung226 permanent werden, es integriert sich in den Alltag. Es ist in diesen Fällen rationalisiert, traditionalisiert und versachlicht; das 225 Vgl. Kapitel 2.2.1 226 Vgl. Gebhardt, Winfried: Fest, Feier und Alltag, S. 32. 78 Außeralltägliche geht hierbei scheinbar verloren, die strahlende Anziehungskraft auf die Umwelt scheint zu erlöschen; die Machtdisposition der charismatischen Herrschaft jedoch bleibt erhalten, das Verhältnis von Herrschendem und Beherrschtem ist beständig. In dieser Form kann nicht mehr vom reinen Charisma gesprochen werden, es ist eine Transformation, die notwendig ist um die charismatische Struktur über einen längeren Zeitraum zu erhalten. Diese Transformation ist für das Erlebnis, wie wir es verstehen wollen, nicht notwendig, da keine reproduktiven Komponenten in den spezifischen außeralltäglichen Mustern des Erlebnisses vorhanden sind. Dennoch ändert sich das Wesen des Erlebnisses analog bei Formen der Veralltäglichung, der Wiederholung und der Gewöhnung. Genau wie das Charisma verliert das Erlebnis die strahlende Kraft der Außeralltäglichkeit227. Erlebnisse sind demzufolge und darüber hinaus durch ihre Einmaligkeit gekennzeichnet; Einmaligkeit in dem Sinne, dass bei stetiger Wiederholung, die Intensität (das Außeralltägliche) durch den Alltag und das Gewöhnliche nivelliert wird. Dieser Sachverhalt soll hier iterative Limitation genannt werden. In der empirischen Analyse wurde gezeigt, wie das Erlebnis Bungee-Jumping beim Vielspringer akkommodiert und in ein Skript eingebunden wurde, dieser Prozess, gleicht dem hier beschriebenen Prozess der Veralltäglichung. So lassen sich an diesem Punkt zwei Charakteristika von Erlebnis festmachen: Außeralltäglichkeit: Ein Erlebnis zeigt sowohl in seiner inneren Präsenz (der rezeptiven Perspektive) als auch in seiner äußeren Präsenz (der etischen228 Perspektive) eine strikte Distinktion zum Alltag. Dies kann sogar eine Negation der Alltäglichkeit hervorrufen. Darüber hinaus hat das Erlebnis eine charismatische Anziehungskraft, die auf Grund der inneren Struktur irrational erscheint. Iterative Limitation: Bei steter Wiederholung, kann ein Erlebnis veralltäglichen und verkümmern, da es das herausragende Merkmal der Außeralltäglichkeit verliert und in den gewohnten Alltag akkommodiert wird oder sogar in ihm untergeht. 3.4 Das Erlebnis und das Transzendente 3.4.1 Die Konzeption Michael Balints Das Erlebnis als solches birgt zwar die beschriebenen Komponenten in sich, dennoch gehen mit ihm weitere innere Prozesse einher. Es ist in doppeltem Sinne transzendent – um den Sachverhalt, der aus diesem Abschnitt folgt, vorwegzunehmen. 227 Vgl. Kapitel 2.3.1. 228 Vgl. emisch und etisch als „innere“ und „äußere“ Perspektive in: Lewandowski, Theodor: Linguistisches Wörtebuch 1. Heidelberg, Wiesbaden, 6. Aufl. 1994, S. 255, 283. Vom Erlebten zum Erlebnis Theoretische Fundierung 79 Transzendent auf die charismatische Weise, es geht etwas Aufregendes, nicht Erklärbares von ihm aus und übt Anziehung229. Ferner befindet sich das erlebende Subjekt in einem transzendenten Modus. Die empirischen Hinweise für diese Formen der Transzendenz, lassen sich den Interviews entnehmen230. Im Folgenden wird Transzendenz nach der psychoanalytischen Sichtweise Michael Balints231 erläutert werden. Von dem Sachverhalt ausgehend, dass Rummel und Jahrmärkte seit Jahrhunderten sehr verbreitet sind232 und, wenn nicht in dieser Form, andere Formen von Festen, Spielen und spielerischen Ritualen im gesellschaftlichen Leben des Menschen integriert sind, ist dieser kulturelle Modus (vermutlich eine Form des Spiels) ein intendierter Ausbruch aus dem Alltag und somit für diese Betrachtung von Interesse. Der Jahrmarkt ist jedoch nicht lediglich eine historische Referenz, sondern steht gleichfalls mit Bungee in konkreter Verbindung. Speziell für Jahrmärkte werden Anlagen konzipiert, die Bungee in höchstem Maße nahestehen und derartige Sprünge imitieren. Der „Skyrider“ der Firma „Show Biz“ ist eines davon und leistet ebendieses233. Die Strukturen des Jahrmarktes rufen einen Bruch mit den täglichen Routinen und eine Lockerung der Regeln hervor, ähnlich dem Feiertage oder dem Urlaub234. Diese Umstrukturierung des aktuellen Erlebens verläuft in einem spezifischen und abgeschlossenen Rahmen und ist aus diesem Grunde dem Spiele ähnlich.235 Roger Callois differiert in seiner Definition des Spiels nur geringfügig von Herkömmlichen, allerdings kategorisiert er in „Die Spiele und die Menschen“ das Spiel in vier Bereiche: Agon (Wettkampf), Alea (Zufall, Glück), Mimicry (Maskierung) und Ilinx (Rausch).236 Jedes Spiel fällt nun in eine oder mehrere Kategorien. Der Rummel als solches bedient alle diese Muster und noch mehr. Die bedeutendsten Klassen auf dem Jahrmarkt sind Nahrungsmittel, aggressives Vergnügen (Agon), Schwindel (Ilinx), Darbietungen (Mimicry), Glücksspiele (Alea), 229 Vgl. Kapitel 2.2.1, 3.3.1 und 3.3.2. 230 Vgl. Kapitel 2.2.2. 231 Balint, Michael: Angstlust und Regression. Beitrag zur psychologischen Typenlehre. Reinbek 1972. 232 Szabo, Sacha-Roger: Rausch und Rummel. Attraktionen auf Jahrmärkten und in Vergnügungsparks. Eine soziologische Kulturgeschichte. Bielefeld, Freiburg i.Br., 2006, S. 25ff. 233 Der Skyrider ist eine technische Konstruktion (Federstock-Schussanlage), mit deren Hilfe eine Art Personenkäfig durch die Lüfte „geschossen“ wird. Vgl. Pressemappe, „Skyrider. Das Original“ von „Show Biz“ (Anhang: 9.4) 234 Vgl. Balint: Angstlust und Regression, S. 17ff. 235 Vgl. Huizinga, Johan: Homo Ludens. Vom Ursprung der Kultur im Spiel. Hamburg 1956, S. 18f. 236 Vgl. Caillois, Roger: Die Spiele und die Menschen, S. 19, 21-36. 80 Wahrsagerei (Mimicry und Alea) und der Guckkasten oder Glücksspielautomat.237 Bisweilen scheint es, als läge der Schwerpunkt auf dem Rausch, denn die Hauptattraktionen sind diese, die den Schwindel evozieren; der Verlust des Gleichgewichts, der Standhaftigkeit, der Kontakt mit der sicheren Erde, all diese Muster gehen mit den Fahrgeschäften auf dem Jahrmarkt einher238. Angstlust oder Thrill ergibt sich nun aus einer Mischung von Furcht und Wonne im Angesicht dieser (scheinbaren) Gefahr239. Im individuellen Umgang mit dieser Angstlust klassifiziert Balint das Philobate (das genießen des Thrills) und das Oknophile (das scheuen des Thrills)240. Diese Typen differieren lediglich in ihrer Wahrnehmung, denn dieselbe äußere Welt oder besser, eine spezifische Batterie an Reizen wird divergent verarbeitet241. Der Philobat genießt den Schwindel, er hat demnach mehr Lust als Angst, der Oknophile hingegen fühlt mehr Angst als Lust und klammert sich krampfhaft an sicherheitsverheißende Objekte. Von Belang ist die Form der Regression, denn diese kann in einer Verschränkung der Beziehung zwischen Subjekt und Objekt münden242. Balint spricht von einer ungetrübten und urtümlichen Harmonie, einem Zustand in dem Subjekt und Umwelt verschmolzen sind243. Die Grenzen des Subjekts transzendieren oder sind gar nicht erst vorhanden. Dieser Zustand, der eine pränatale Attribution enthält, ist und bleibt in dieser Form nicht erreichbar, dennoch tragen „wir alle die Phantasievorstellung einer urtümlichen Harmonie in uns“244. Unser Erleben, so Balint, wird in orgasmischen und ekstatischen Zuständen in die Nähe dieser Wunschvorstellung gerückt, die sich durch eine bestimmte Form des Erlebens auszeichnet und zwar durch das transzendente Subjekt: „Vielleicht ist das Wichtigste an all diesen Gemütserfahrungen (…) die fast vollkommene Identität zwischen dem Individuum und seiner Umwelt, d.h. Zwischen Mikro- und Makrokosmos.“245 An dieser Stelle findet sich das Analogon zur identifizierten Subjekttranszendenz; die Einheit von Subjekt und Umwelt. An späterer Stelle beschreibt Balint Bewegung (oder besser das Erlernen von Bewe- 237 Vgl. Balint: Angstlust und Regression, S. 17. 238 Vgl. ebd, S. 20. Und: Szabo: Rausch und Rummel, S. 126ff. 239 Vgl. Balint: Angstlust und Regression, S. 21. 240 Vgl. ebd, S. 22. 241 Vgl. Balint: Angstlust und Regression, S. 42ff. 242 Ebd, S. 49ff. 243 Vgl. ebd, S. 54ff. 244 Ebd, S. 54. 245 Balint: Angstlust und Regression, S. 54. Vom Erlebten zum Erlebnis Theoretische Fundierung 81 gung und anderen Fertigkeiten (Progression)) als Schlüssel um den Zugang zur Identität von Umwelt und Subjekt zu erlangen246. Hier lassen sich weitere Grundsteine finden, die zu einer Theorie von Erlebnis führen. Das bedeutendste innerhalb dieses Kontextes jedoch ist die resultierende Einheit, das Transzendieren der Subjektgrenzen und das Verschwimmen und Verschmelzen des Individuums mit seiner Umwelt. Die (vermutlich unbewusste) Vorstellung dieser Harmonie scheint nun Einfluss auf uns und unser Streben zu haben, so ist sie nach Balint Inhalt vieler religiöser Lehren und Märchen, „erscheint als das letzte Ziel alles menschlichen Strebens“247 und ist aus diesen Gründen im Erlebnis wiederzufinden. 3.4.2 Die Grenzen des Subjekts Das Individuum kann mit der Umwelt verschmelzen oder wenigstens in die Nähe dieses Zustandes gerückt werden; dies ist das Ergebnis des letzten Abschnitts. Wie sich dieses Prinzip mit dem Erlebnis und dem Außeralltäglichen zusammenbringen lässt, ist Thema dieses Teils. Der Bruch des Alltags scheint Teil des Lebens zu sein – und das schon seit Jahrhunderten: das Fest, mit seinen unterschiedlichen Ausprägungen wie Kirmes, Jahrmarkt und Volksfest ist die institutionalisierte Form dieses Ausbruchs248. Diese Festformen differieren zwar in ihrer Genese und ihrem genuinen Sinnzusammenhang, jedoch bringen alle gleichsam das Außeralltägliche hervor, den Ausbruch aus dem profanen Alltag und letztlich eine reine Form des Erlebnisses249. Dies verdeutlicht sich bei der hinzuzunehmenden Betrachtung von Spiel nach Callois; insbesondere bei der Kategorie Ilinx, der Kategorie des Rausches. Ilinx wird aus dem Griechischen (Wasserstrudel) hergeleitet und erlangt auf diese Weise seine Bedeutung250. Es bezeichnet eine Form des körperlichen Schwindels und Taumels. Die Strukturäquivalenz von Spiel und Volksfest ist als Hinweis auf die Außeralltäglichkeit zu verstehen; beide verlaufen in spezifischen und vom Alltag distanzierten und distanzierenden Bahnen und ermöglichen folglich eine Struktur, die für das Erlebnis vorauszusetzen ist. Innerhalb dieser außeralltäglichen Struktur ist die Angstlust, der Thrill, der Taumel oder der Rausch (alles Ausprägungen von Ilinx) erlebbar. Für Balint ist Thrill eine Mischung aus den Gefühlszuständen „Lust und Unlust, beide[s] von großer Intensität“251. Bedeutsam an dieser Stelle ist, dass je nach Umgang mit der Angstlust in einen Zustand der ungetrübten und urtümlichen Harmonie 246 Vgl. ebd, 72. 247 Vgl. ebd., S. 54. 248 Szabo: Rausch und Rummel, S. 25-31. 249 Für dieses und folgende Zitate, siehe Zitation in Kapitel 3.3.1. 250 Caillois: Die Spiele und die Menschen, S. 34. 251 Balint: Angstlust und Regression, S. 73. 82 regrediert wird. Diese pränatale Phantasievorstellung ist mit der Angstlust assoziiert und tritt, dieser Theorie zufolge, beim Thrill hervor. Das Bemerkenswerte an der ungetrübten Harmonie ist die Transzendenz des Subjekts. Subjekt und Umwelt verschmelzen zu einer Identität, das Individuum (oder das „Ich“) wird Eins mit seiner Umgebung, dem Objekt oder dem Tun.252 Diese Erfahrung macht das Erleben so besonders, macht es anziehend, macht es außeralltäglich und macht es (erneut und auf eine neue Weise) transzendent. Hier stellt sich die Frage, was ein Mensch bereit ist zu tun oder was er überhaupt tun muss, um die Berührung oder wenigstens die Illusion dieses Zustandes zu erreichen. Nach Balint ist die Antwort recht simpel: „Um die Illusion der „freundlichen Weiten“ wiederherzustellen und die erregende Spannung (Thrill) zu erfahren, muß er [der Philobat] die Sicherheitszone verlassen und sich Risiken aussetzten.“253 Mit Sicherheitszone wollen wir hier den Alltag verstehen.254 Risiken sind demzufolge sowohl Ausbrüche aus dieser kontinuierlichen Sicherheit des Alltags als auch das sich Aussetzen von Risiken, die die Unversehrtheit des Körpers bedrohen, so wie es beispielsweise in Extremsportarten des Öfteren vorkommt. Dieses Risiko wird allerdings in Kauf genommen, um nach der Erfüllung des Wunsches, die Grenzen der eigenen Identität zu sprengen und Subjekttranszendenz herzustellen, zu streben. So lässt sich an diesem Punkt zu den ersten erarbeiteten Charakteristiken von Erlebnis (Außeralltäglichkeit und iterative Limitation) noch eine weitere hinzufügen: die doppelte Transzendenz. Hiermit ist gemeint, dass zu der charismatischen Transzendenz, die in der Eigenschaft des Außeralltäglichen zu finden ist, eine weitere Form hinzukommt: die Transzendenz des Subjekts. Das charismatisch Transzendente ist die strahlende Anziehungskraft (charismatische Herrschaft), die ausgeübt wird und eine (unbewusst operierende) außerweltliche und von den profanen Fesseln befreiende Referenz herstellt, die ebendiese irrationale Gravitation hervorruft. Dem gegenüber ist die Subjekttranszendenz zu finden; gemeint ist ein mentaler Zustand, in dem die Grenzen des Subjekts in die Umwelt transzendieren. Das Ich spielt in der Wahrnehmung des Erlebenden eine untergeordnete Rolle und das Streben nach diesem Zustand wird von dem Wunsch, die ungetrübte Harmonie zu erleben, getrieben und durch die charismatische Gravitation komplementiert. Die Interviews liefern uns Hinweise darauf, dass diese Subjekttranszendenz beim Erlebnis im Verbund mit dem Außeralltäglichen zu finden ist. Diese Transzendenz wird 252 Vgl. Kapitel 2.2.2 und 2.3.2. 253 Balint: Angstlust und Regression, S. 73. 254 Diese Deutung entspricht dem Konzept, das im empirischen Teil zu finden ist. Der Alltag wird als Sicherheitsgenerator verstanden, wohingegen der Bungee- Sprung ins Ungewisse ein Ausbruch aus ebendiesem Sicheren bedeutet. Vgl. Kapitel 2.2. Vom Erlebten zum Erlebnis Theoretische Fundierung 83 vom Außeralltäglichen gefördert, jedoch gibt es eine weitere Komponente, die erstens im Erlebnis zu finden ist und zweitens die Subjekttranszendenz unterstützt. Diese wird im Folgenden Abschnitt näher beleuchtet. 3.5 Erlebnis und Flow 3.5.1 Flow und Außeralltäglichkeit Aus den Analysen der Interviews gingen weitere Merkmale hervor, die unter dem Schema der Fokussierung subsumiert wurden. Hierbei zeigte sich, dass die Wahrnehmung der Springer/innen während des Sprunges gerichtet, limitiert und modifiziert zu sein scheint. Um diese Aspekte eingehend und theoretisch zu beleuchten soll im Folgenden das flow-Konzept255, das 1975 von Mihaly Csikszentmihalyi vorgestellt wurde, betrachtet werden. Da die Beschreibung von Flow gleichfalls eine Beschreibung einer Erlebnisqualität ist, ist sie für eine Theorie von Erlebnis von essentieller Bedeutung; darüber hinaus wird die psychoanalytische Ergänzung zur außeralltäglichen Charakterisierung von Erlebnis durch das flow-Konzept komplementiert. Die Ausgangsfrage des Autors bezieht sich auf Motivation und welche Unterschiede sich bezüglich extrinsischer und intrinsischer Motivativationsformen bei Handelnden erkennen lassen. Extrinsische Formen der Motivation sind die Regel256, so Csikszentmihalyi. Die Häufigkeit dieser Art von Motivation führt zu einer Standardisierung der (extrinsischen) Belohnung und überdies zu einer Entfremdung der Tätigkeiten von inneren Motivationsmustern, da sich diese allein über eben diese äußere Belohnung legitimieren257. Demzufolge sind Tätigkeiten (wir sprechen hier hauptsächlich von Arbeit im Berufsleben, die mit Lohnzahlung vergütet wird) abgesehen von diesem Lohn entfremdet, abstrakt und sinnlos258. Hieraus folgt eine Art Konditionierung für eine Form der Kompensation, die den Aufwand von Tätigkeiten extern belohnt259. Das Interesse gilt nun Tätigkeiten, die auf den ersten Blick keine, jedenfalls keine externe oder konventionelle Belohnung liefern und für die ein hohes Maß an Energie aufgewendet wird260. Diese autotelischen Aktivitäten (Spiele, Sport, Tanzen usw.) bieten eine Form der intrinsichen Belohnung, die sich in Form von inneren Erlebniszuständen bemerkbar macht. Diese Form der intrinsischen Belohnung geht 255 Vgl. Csikszentmihalyi, Mihaly: Das flow-Erlebnis. Jenseits von Angst und Langeweile. Im Tun aufgehen. Stuttgart, 7. Aufl. 1999. 256 Vgl. Csikszentmihalyi: Das flow-Erlebnis, S. 19ff. 257 Vgl. ebd, S. 22f. 258 Vgl. ebd. 259 Vgl. ebd. 260 Csikszentmihalyi: Das flow-Erlebnis, S. 30. 84 verloren, wenn für dieselbe Tätigkeit eine extrinsische hinzukommt261. Ein Charakteristikum autotelischer Handlungen ist der Selbstzweck262, die Sinnreferenz ist in einem solchen Falle nicht extern bestimmt. Die Definition des Autotelischen ist in Bezug auf andere Kategorien insofern indifferent, als dass sie ein Maß für Autotelik aufweist, folglich graduell ist. Die intrinsische Motivation ist eine Erlebnisqualität des Spaßes oder der Freude und dies tritt genau dann auf, „wenn diese [Aktivität] ein Stimulationsmuster mit sich bringt, das sich für die betreffende Person vom Gewohnten abhebt.“263 Das flow-Konzept basiert demzufolge ebenfalls auf einer Form des Ausbruchs aus dem Alltag und ist hiernach für eine Spezifikation des Erlebnisbegriffes optimal. Autotelische Aktivitäten werden jedoch lediglich am Rande thematisiert; diese sind zwar notwendig, jedoch nicht hinreichend für das flow-Erlebnis; es macht das „besondere Erleben“ und das theoretische Modell der „Freude am Tun“264 zum Thema. Beim autotelsichen Erleben tritt weder Angst noch Langeweile ins Bewusstsein, „in der Schwebe zwischen Langeweile und Angst ist das autotelische Erleben eines des völligen Aufgehens des Handelnden in seiner Aktivität.“265 Dieses völlige Aufgehen ist eine Erfahrung, die (wie gezeigt werden wird) außeralltäglich ist. Der flow- Zustand wird von Csikszentmihalyi wie folgt definiert: Im flow-Zustand folgt Handlung auf Handlung, und zwar nach einer inneren Logik, welche kein bewusstes Eingreifen von Seiten des Handelnden zu erfordern scheint [!]. Er erlebt den Prozeß als ein einheitliches >>Fließen<< von einem Augenblick zum nächsten, wobei er Meister seines Handelns ist und kaum eine Trennung zwischen sich und der Umwelt, zwischen Stimulus und Reaktion, oder zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verspürt.266 Flow zeichnet sich demzufolge durch einen spezifischen Bewusstseinszustand aus, der sich signifikant von einem alltäglichen unterscheidet; da das Erleben selbst in einer Form geschieht, in der sich die Grenzen des Subjekts trüben und es mit der Umwelt zu verschwimmen scheint. Handlung und Bewusstsein amalgamieren zu einer Einheit, dualistische Perspektiven im Allgemeinen sind aufgehoben und das Subjekt transzendiert und verschmilzt mit der Welt267. Dieser außeralltägliche Zustand 261 Vgl. ebd, S. 42f. 262 In wie weit der Begriff Selbstzweck zur Gänze adäquat ist, bliebe noch zu er- örtern, da die Motivationsquelle zwar innerhalb des Subjekts, nicht jedoch innerhalb der Handlung zu finden ist. 263 Csikszentmihalyi: Das flow-Erlebnis, S. 47. 264 Vgl. ebd, S. 58. 265 Ebd. 266 Ebd., S. 59. 267 Vgl. Csikszentmihalyi: Das flow-Erlebnis, S. 61. Vom Erlebten zum Erlebnis Theoretische Fundierung 85 tritt nur unter spezifischen Voraussetzungen ein; elementar ist eine (fast) unbewusste Form der Kontrolle über die Umwelt, stringente und eindeutige Handlungsanforderungen an das Subjekt und unmittelbare Rückmeldungen der Effekte, die aus den Handlungen resultieren268. Diese Situation stellt demnach in ihrem dynamischen Zustand permanente Anforderungen an den Handelnden, diese dürfen jedoch weder zu hoch noch zu niedrig sein. Der Handelnde ist dauerhaft gefordert und wird aufgrund dieses Umstandes zum Weitermachen gezwungen. Eine Unterforderung riefe ein Abschweifen des Bewusstseins hervor (Langeweile)269, durch eine Überforderung hingegen, müsste der Proband kognitiv aktiv werden und verfiele so einem ängstlichen Zustand, der den Flow- Zustand ebenfalls stören würde.270 Hierbei ist es auf der Hand liegend, dass keine festen und objektiven Grenz- und Schwellenwerte definiert werden können, da solche subjektiv sind und sich ebendiese bei jedem Menschen anders positionieren. Um Flow zu erleben ist es also notwendig, die Parameter individuell so anzupassen, dass sich Beanspruchung und Fähigkeit die Waage halten; hierzu muss, bei fehlendem Gleichgewicht entweder die eigene Fertigkeit oder die Umwelt, also der Schwierigkeitsgrad der Tätigkeit, angepasst werden.271 Die Konzentration, die erforderlich ist, um Flow aufrecht zu erhalten, ist - ungleich der Beanspruchungen außerhalb dieses Zustandes - nicht anstrengend, sondern operiert gleichfalls im Hintergrund.272 Dieser Zustand begrenzt die Wahrnehmung des Handelnden auf die Situation als solche, der Verstand wird ausgeschaltet und die kognitive Leistung besteht lediglich darin, eine dynamische Balance zwischen Perzeption und der (unbewussten) Handlungskontrolle persistent zu halten. Dank der Einschränkung des Stimulusfeldes ermöglicht eine flow-Aktivität dem Ausübenden, seine Handlungen zu konzentrieren und Ablenkungen außer Acht zu lassen. Dies führt zum Gefühl der potentiellen Kontrolle über die Umwelt. Weil die flow-Aktivität klare und widerspruchsfreie Regeln aufweist, erlaubt sie ein vorübergehendes Vergessen der eigenen Identität mit allen damit verbundenen Problemen. Das Ergebnis all dieser Faktoren ist, daß man den Prozess Vgl ebenf. Kapitel 2.2.2 268 Vgl Csikszentmihalyi: Das flow-Erlebnis, S. 70f. 269 Diese Unterforderung lässt sich mit der Gewöhnung des Vielspringers vergleichen. Im Flow ist es die Langeweile die das Erlebnis schwächt, im Erlebnis selbst ist es hingegen die Außeralltäglichkeit, die verloren geht. 270 Vgl. Csikszentmihalyi: Das flow-Erlebnis, S. 76. 271 Vgl. ebd, S. 79. 272 Vgl. ebd, S. 94. 86 intrinsisch belohnend findet.273 Diese intrinsische Belohnung - oder der flow-Zustand an sich - ist ein Erleben des Außeralltäglichen, da die gewohnten Grenzen der eigenen Identität in den Hintergrund gerückt werden und auf diese Weise Alltägliches kurzzeitig in Vergessenheit gerät. Diese Muster sind in den Analysen der Interviews erkennbar; der Alltag wird verdrängt und darüber hinaus schwindet die Notwendigkeit, die Subjektgrenze aufrechtzuerhalten274. Ein weiteres nicht zu vernachlässigendes Element von Flow (und demzufolge von Erlebnis) ist das Zeitempfinden, das der Wahrnehmung des Zustandes innewohnt. Die Zeit verläuft in anderer Geschwindigkeit oder scheint nicht zu existieren; die Situation eines erreichten Flow-Zustandes ist in ihrer Wahrnehmung, außerhalb des objektiven Zeitraums275. Erfahrungsberichten zu Folge, vergeht die Zeit im Allgemeinen zwar schneller, doch werden Augenblicke und Momente wesentlich intensiver erlebt, was einen Moment in der Wahrnehmung gedehnter, länger oder ausgeprägter erscheinen lassen kann.276 Nicht ausschließlich die Zeit, das komplette Alltagsleben (das weltliche) wird aus der Wahrnehmung ausgeschlossen277. Die Aufmerksamkeit ist auf ein spezifisches und salientes Stimulusfeld gerichtet, ein Zustand, in dem die Wahrnehmung sowohl auf die eigene Handlung als auch auf die dynamische Reaktion verlagert ist. Andere sonst wahrnehmbare Dinge (Äußeres, wie die Temperatur und Inneres, wie die Erinnerungen) sind weitestgehend exkludiert. Dies führt zu einer Transzendenz der Subjektgrenzen, es – das Subjekt – verschmilzt mit der Handlung und der Umwelt278. „Das flow-Erlebnis erweist sich als das psychologische Korrelat dieses kinästhetisch-kognitiven Prozesses“279 Die physische und geistige Beteiligung ist total, aus diesem Grunde findet hier auch nichts anderes (Extrinsisch-Ablenkendes) seinen Platz. Nehmen die Handlungsmöglichkeiten jedoch ab, wird das Bewusstsein wieder frei für andere Stimuli und der flow-Zustand wird durch Ablenkung gebrochen. Das Subjekt erfährt auf Grund dieser totalen Auslastung eine Kompetenz- und Existenzbestätigung, was die innere Motivation für Tätigkeiten ohne extrinsische Motivation, deutlich anhebt. 273 Csikszentmihalyi: Das flow-Erlebnis, S. 74. 274 Vgl. Kapitel 2.2.2. 275 Vgl. Csikszentmihalyi: Das flow-Erlebnis, S. 94. 276 Vgl. ebd, S. 152; 170. 277 Vgl. ebd, S. 110ff; 169f. 278 Vgl. ebd, S. 116; 175. Vgl. ebenf. Kapitel. 2.2.2 und 3.4. 279 Csikszentmihalyi: Das flow-Erlebnis, S. 117. Vom Erlebten zum Erlebnis Theoretische Fundierung 87 3.5.2 Das Flow-Erlebnis280 Für Csikszentmihalyi steht die intrinsische Belohnung autotelischer Tätigkeiten im Mittelpunkt281. Diese intrinsische Belohnung ist ein mentaler Zustand, der durch den beschriebenen Flow herbeigeführt werden kann. Das Phänomen des Flows tritt in einer Dialektik in Erscheinung, die sich zwischen Angst und Langeweile befindet. Das Bewusstsein verschmilzt mit der Handlung und führt zu einer Transzendenz des Subjektes. Dieser Zustand wurde im vorangegangenen Kapitel aus der Sicht der Psychologie geschildert und ist eines der Hauptcharakteristiken von Flow. Innerhalb des Flows ist Anstrengung, sei sie physisch oder psychisch, sekundär; von Bedeutung ist lediglich der nächste Schritt, der wiederum zum nächsten führt. Die Beschreibung der Dynamik des Aufrechterhaltens von Flow öffnet uns die Türe für ein ausgereifteres Verständnis des Charakteristikums der iterativen Limitation. Bei steter Wiederholung verliert eine Handlung/Erlebnis an Außeralltäglichkeit, da eine Integration in das Alltägliche (Akkomodation) vonstattengeht282; dies ist äquivalent zur Langeweile innerhalb des Flows. Langeweile entsteht, wenn die Fertigkeiten über dem angeforderten Niveau liegen oder die Anforderungen abnehmen (die Handlungsmöglichkeiten sinken). Bei andauernder Wiederholung wächst bis zu einem gewissen Grade die Fertigkeit; dies verhindert Flow und verringert das Außeralltägliche; demzufolge müssten die Anforderungen wieder erhöht werden um Flow zu ermöglichen. Innerhalb des Flows ist die Aufmerksamkeit zur Gänze sowohl auf die Handlung als auch auf die Umwelt (beziehungsweise die Rückmeldungen aus dieser) gerichtet; es bleibt kein Raum für das Subjekt oder seine Grenzen. Im Flow konvergiert demzufolge das Außeralltägliche mit dem Erleben, Flow macht, um in dieser Perspektive zu verharren, das Außeralltägliche erlebbar. Ebenfalls die Wahrnehmung von Zeit fällt aus dem Alltäglichen heraus, sie ist im Flow von der objektiven oder weltlichen Zeit abgekoppelt; in der retrospektiven Betrachtung schien sie schneller zu vergehen, jedoch sind Momente intensiver erlebbar und scheinen sich ausgedehnt zu haben. Während des Erlebens scheint Zeit nicht zu existieren, sie wird aus der Wahrnehmung exkludiert. Ebendies lässt sich in den Interviews der Erstspringer erkennen; Zeit ist zur Gänze abstrakt, das subjektive Erleben und die objektiv verstrichene Zeit divergieren in hohem Maße. Erneut zeigt sich im Erleben ein Gegenpol zum Weltlichen und zum Alltäglichen, denn in diesen wird die subjektive Zeit permanent mit der objektiven synchronisiert. 280 Nach dem gleichnamigen Titel des Buches: Csikszentmihalyi: „Das flow-Erlebnis.“ 281 Quellen: siehe Zitation im vorhergegangenen Kapitel. 282 Vgl. Kapitel 2.3, 3.3.2 und 3.3.3. 88 Der Zugang zu diesem Zustand wird bei Balint durch Progression gewährleistet oder gefördert; hiermit ist sowohl Bewegung als auch Entwicklung und Ausbau der Fertigkeiten gemeint. Bei Csikszentmihalyi ist die Grundlage für Flow ein schmaler Grat, der zwischen Anforderungen und Fertigkeiten gefunden werden muss. Beide formulieren demzufolge eine Form der Subjekttranszendenz und gleichfalls ein Zugangsmuster; der Unterschied liegt lediglich in der Perspektive und dem Anwendungsfeld. Schlussendlich wird von Csikszentmihalyi eine Fokussierung des Stimulusfeldes angesprochen, der Alltag und das „Ich“ werden exkludiert und die Aufmerksamkeit ruht auf der Identität mit der Umwelt und seinen Anforderungen. Umwelt kann in diesem Falle auch ein Tun bedeuten. An dieser Stelle lässt sich ein weiteres Charakeristikum des Erlebnisses präzisieren, die Fokussierung. Unter Fokussierung wird eine gerichtete, limitierte und modifizierte Wahrnehmung verstanden. Gerichtet ist sie auf die Einheit des Subjekts mit seiner Umwelt oder mit der Handlung. Limitiert ist das Stimulusfeld, da es lediglich aus eben dieser Einheit und den Anforderungen, die diese an das Subjekt stellt, besteht. Modifiziert ist (insbesondere retrospektiv) die Wahrnehmung der Zeit, da diese entweder verzerrt ist oder überhaupt nicht mehr existiert. Ebenfalls diese Komponenten, finden sich in den Analysen der Interviews283. 3.6 Übersicht Zusammenfassend sind an diesem Punkt vier Hauptkomponenten des Erlebens identifiziert und expliziert worden. Die datenzentrierten Ergebnisse legten den Grundstein für die theoretischen Erläuterungen. Mit Hilfe dieser beiden Stützpfeiler gelang eine bungee-zentrierte Erlebnisabstraktion. Die aus den Daten gewonnenen Ergebnisse sind selbstredend in erster Linie auf Bungee bezogen, dennoch weisen die Schilderungen der Interviewten auf ein Phänomen hin, das unabhängig von Bungee zu existieren scheint. Diese These wird von der theoretischen Fundierung gestützt, da sich beide Stützpfeiler zu einer Konzeption von Erlebnis abstrahieren lassen. Dieser Umstand kann als Hinweis darauf verstanden werden, dass Erlebnisse spezifische Grundmuster in sich tragen, die beim Subjekt in bestimmter Art und Weise wirken. In der folgenden Tabelle sind die erarbeiteten Komponenten zusammengefasst: 283 Vgl. Kapitel 2.2.3. Vom Erlebten zum Erlebnis Theoretische Fundierung 89 Komponente Deutung Theoretische Begründung Außeralltäglichkeit Negation und Verdrängung des Alltags. Max Weber Charisma/Außeralltäglichkeit Iterative Limitation Wiederholung mindert das Erlebnis / den Flow, bei mangelnder Anpassung. Max Weber Charisma Mihaly Csikszentmihalyi Flow Doppelte Transzendenz Im Erleben ist das Erlebnis selbst und das Subjekt transzendent. Max Weber Charisma Michael Balint Thrill Fokussierung Rezeption ist limitiert auf Subjekttranszendenz. Zeitempfinden ist modifiziert oder ausgeschaltet. Mihaliy Csikszentmihalyi Flow

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Zusammenfassung

Ob in der Gastronomie, in Schwimmbädern oder in der Pädagogik – überall prangt das Versprechen um das „ganz besondere Erlebnis“. Tatsächlich sind Erlebnisse in unserer Gesellschaft essentiell. So lässt sich zeigen, dass erst das wahre und außeralltägliche Erlebnis Entgrenzung, Freiheit und persönliche Zufriedenheit möglich macht. Doch was genau ist ein „Erlebnis“ und worin unterscheidet es sich von einer ganz alltäglichen Erfahrung?

Wissenschaftlich fundiert arbeitet Anselm Geserer jene Konstituenten heraus, die das Erlebte auch tatsächlich zum Erlebnis werden lassen. Zur näheren Bestimmung dient ihm dabei der Bungee-Sprung als prototypische Verkörperung dessen, was wir als Erlebnisphänomen betrachten. In Kombination aus der Empirie qualitativer Erlebnismuster und einschlägiger soziologischer sowie psychoanalytischer Theorien zeigt der Autor, wie Bungee den Körper instrumentalisiert, unterwirft und mit seinem erbarmungslosen Charakter zum Erlebnishöhepunkt führt.

Für seine Arbeit erhielt der Autor den Alumni-Preis der Philosophischen Fakultät der Universität Freiburg.